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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

8. Februar 1995

05

USA-EUROPA

DIE NEUE EUROPAISCHE
SICHERHEITSARCHITEKTUR
Rede von Botschafter Kornblum

USA-DEUTSCHLAND

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
BEZIEHUNGEN - ZU EINER NEUEN
TAGESORDNUNG
von Dr. Jackson Janes

MENSCHENRECHTE

DIE WELTWEITE
MENSCHENRECHTSSITUATION
Übersicht über die Berichte des
US-Außenministeriums

RÜSTUNGSKONTROLLE

DAS WICHTIGSTE JAHR IN DER GESCHICHTE
DER RÜSTUNGSKONTROLLE
Von ACDA-Direktor Holum

LANDMINEN

USA ENGAGIEREN SICH FÜR LÖSUNG DES
WELTWEITEN PROBLEMS DER LANDMINEN
Erklärung von Außenminister Christopher

SOZIALGIPFEL

UNO BEENDET PLANUNG FÜR DEN
WELTGIPFEL ÜBER SOZIALE ENTWICKLUNG
Konzentration auf Ursachen sozialer Probleme

Wir bitten unsere Leser um Verständnis,
daß der Amerika Dienst wegen des
Hochwassers letzte Woche nicht erscheinen konnte

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-EUROPA
8. Februar 1995

DIE NEUE EUROPÄISCHE SICHERHEITSARCHITEKTUR
Ausführungen von Botschafter Kornblum
WASHINGTON - (AD) - Der Stellvertretende Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten
im US-Außenministerium, John Kornblum, machte am 24. Januar 1995 im ausländischen Pressezentrum des
US-Informationsamts (USIA) die nachfolgenden Ausführungen über die neue europäische Sicherheitsarchitektur.

Ich möchte mit dem Wort "Architektur" beginnen warum wir über etwas so Geheimnisvolles wie
Sicherheitsarchitektur sprechen, das zweifelsohne für
die meisten keine große Bedeutung hat, bis sie
darüber nachzudenken beginnen. Die Geschichte
Europas, die Beziehungen zwischen den Ländern
Europas - und in der Tat die Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa - wurden
zumindest in diesem Jahrhundert um Strukturen der
einen oder anderen Art herum organisiert. Wenn
man heute über die Welt nachdenkt, ist dies in
vielen Teilen dieser Welt anders geworden. Beispielsweise gibt es in Asien keine Sicherheitsarchitektur. In Lateinamerika gibt es keine Sicherheitsarchitektur. Noch wichtiger ist, daß sich das Gefühl
der Sicherheit in Ländern wie Asien oder Lateinamerika nicht so eindeutig wie in Europa dadurch
definiert, ob es eine Architektur gibt oder nicht.
Unter Architektur verstehen wir Beziehungen zwischen Menschen, Ländern und Organisationen, die
sowohl das Gefühl als auch das Wesen von Kooperation, der Bewahrung von Stabilität und Berechenbarkeit vermitteln. Jahrhundertelang gab es so
etwas wie das Heilige Römische Reich, das nach
Meinung der meisten nichts dergleichen war. Aber
es vermittelte ein sehr klares Gefühl der Organisation, Beziehungen und der Architektur in Europa, die
das Gleichgewicht in dem äußerst komplexen
Gefüge von Kulturen, Ländern und Geschichte
aufrechterhielt, das auf diesem Kontinent besteht. In
einer anderen Periode waren es vornehmlich viele
miteinander verwandte Dynastien, die das Gefühl
der Beziehungen untereinander bewahrten.
Seit 1945 gründete sich die Sicherheitsarchitektur in
Europa viele Jahre auf zwei klar entgegengesetzte
Machtblöcke, die in politischer, ideologischer, geographischer und nicht zuletzt militärischer Hinsicht
Gegner waren. Und es gab eine sehr klare Teilung

AMERIKA DIENST 05

mitten durch das Zentrum Europas, die für die beiden
Teile dieser Architektur stand.
Seit 1991/92, seit dem Ende der kommunistischen
Regime in Mitteleuropa und dem Zusammenbruch
der Sowjetunion, hat Europa keine klar definierte
Sicherheitsarchitektur mehr. Es war eine Periode
tiefgreifender Veränderungen, die sowohl zu Konflikten - von denen viele von der alten Sicherheitsarchitektur nur überdeckt worden waren - als auch zu
einem beträchtlichen Maß an Unsicherheit unter den
Völkern in Ost und West bezüglich der zukünftigen
Sicherheitsbeziehungen in Europa führte.

Heute ist dies nicht nur eine Aufgabe für Diplomaten,
Journalisten oder Professoren, sondern reales
business. Länder wie Polen oder Bulgarien, oder
vielleicht noch eher Georgien oder Armenien - mit
einem sehr großen, schlechten Erbe - müssen ein
Gefühl der Stabilität und Berechenbarkeit haben,
damit sie mit dem Aufbau des Landes fortfahren
können. In der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten
Weltkrieg war es eben die um den Marshallplan und
die ersten europäischen Gemeinschaften - die
Montanunion und die NATO - gebaute Sicherheitsarchitektur, die den Ländern Westeuropas die erforderliche Stabilität für den Wiederaufbau ihrer Gesellschaften und Volkswirtschaften sowie ein Gefühl der
Zusammenarbeit und letztlichen Integration untereinander vermittelte, das zu den friedlichen und wohlhabenden westeuropäischen Gemeinschaften von
heute führte.
Der Aufbau einer Sicherheitsarchitektur in Europa ist
also die essentielle Frage des Aufbaus von Demokratie, stabiler Gesellschaften sowie eines stabilen und
gerechten Friedens auf dem gesamten Kontinent, und
dies ist eine der wichtigsten uns heute konfrontierenden Aufgaben. Die Frage lautet dann natürlich: Was
ist diese neue Architektur?
Unseres Erachtens

Seite 1

�sollten sich Europa und die transatlantische Welt
vornehmlich auf den Erfolg konzentrieren.
Es gibt zwei äußerst erfolgreiche Sicherheitsinstitutionen, die in Europa funktionieren. Eine ist die
NATO, die andere die Europäische Union (EU), die
beide auf eine eindeutige Bilanz der Zusammenarbeit bei Sicherheit und Integration unter den
Ländern Westeuropas und der atlantischen Region
zurückblicken. Zweitens haben sie jedoch die
Ressourcen, Fähigkeiten und den Vorsprung, ihre
Kooperation und ihren Geltungsbereich auf andere
Teile Europas auszuweiten und die Grundlage für
einen noch umfassenderen Frieden in Europa zu
schaffen.
Beide Institutionen haben seit ungefähr 1990 Erweiterungsprogramme eingeführt. Hier ist jedoch die
Feststellung wichtig, daß Erweiterung nicht zwangsläufig neue Mitglieder bedeutet. Die NATO begann
1990 beim Londoner Gipfel mit einem äußerst
umfassenden Programm der Erweiterung ihrer Rolle
in Europa. Als erstes erklärte sie, sie sei niemandes
Feind, und insbesondere nicht der Sowjetunion zu
jener Zeit. Zweitens schuf sie neue Beziehungen zu
den Ländern des ehemaligen Warschauer Pakts.
Diese wurden mit der Gründung des Nortdatlantischen Kooperationsrats 1991 ausgeweitet und mit
der Gründung der Partnerschaft für den Frieden im
Jahr 1994 wiederum erweitert. Es gibt viele Aspekte
- das Wissenschaftsprogramm der NATO, das
Umweltprogramm der NATO - die alle in Richtung
Osten neu orientiert wurden. Dies ist eine Erweiterung der Rolle und der Struktur der NATO für
Frieden in Europa. Dasselbe kann über die Europäische Union gesagt werden. Sie hat in den vergangenen 25 Jahren kontinuierlich neue Mitglieder
aufgenommen und erst im Herbst drei weitere
hinzugefügt.
Es hat jedoch auch die Unterzeichnung von Assoziierungsabkommen und sogenannten Europa-Abkommen mit Ländern außerhalb ihres derzeitigen Territoriums gegeben. Die NATO hat bereits erklärt, daß
sechs Länder Mitteleuropas sich als Anwärter für die

Mitgliedschaft betrachten können und einen Erweiterungsprozeß in diese Richtung eingeleitet.
Noch wichtiger ist aber vielleicht die Tatsache, daß
sowohl die NATO als auch die Europäische Union
als westliche Institutionen, die jetzt einen umfassenderen europäischen Auftrag anzunehmen versuchen,
sich eindeutig als diejenigen dargestellt haben, die
von den neuen Demokratien gewünschte Einrichtungen und Lösungen bieten. Um Fuß zu fassen,
wollen die neuen Demokratien Teil der westlichen
Welt werden. Die Aufgabe wird darin bestehen, der
westlichen Welt die Erweiterung ihrer Werte, Ver-

Seite 2

fahren und ihres Geltungsbereichs zu gestatten, ohne
neue Linien durch Europa zu ziehen, was wiederum
bedeuten würde: Hier ist der Westen, hier ist der
Osten.
Aus amerikanischer Sicht müssen zwei wichtige
Schritte folgen. Erstens waren weder die NATO noch
die Europäische Union je als umfassende Organisationen konzipiert, um alle Länder in Europa einzubeziehen. Es gibt jedoch eine jetzt als Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
bezeichnete Organisation - die bisherige KSZE - mit
53 Mitgliedstaaten, die in der Tat den gesamten
nördlichen Quadranten der Erde abdeckt. Alle 24
Zeitzonen der Welt werden von der OSZE erfaßt, von
Alaska bis zur Halbinsel Kamchatka. Und diese
Organisation erfaßt in der Tat alle Länder, die für die
europäische Sicherheitssituation relevant sind.
Die OSZE basiert auch nicht auf den umfassenden
Integrationsbestrebungen und dem Konsens, die
Grundlage der NATO und der Europäischen Union
sind, sondern vielmehr auf der Idee der Vielfalt solcher Vielfalt, daß man nicht von einer unverzüglichen klaren Einigung ausgehen kann. Vielmehr
versucht man, Einigung durch Konsens bei den
Grundprinzipien zu erzielen. Und die KSZE, jetzt
OSZE, hat eine Reihe von Grundprinzipien festgelegt,
die praktisch die Richtlinien für den Aufbau der neuen
Sicherheitsarchitektur in Europa sind. Die jetzt durch
das Budapester Gipfeltreffen im Dezember erweiterte
OSZE sollte eine äußerst wichtige Rolle in dieser
Architektur übernehmen.
Schließlich sollten wir meines Erachtens direkt die
Rolle Rußlands ansprechen. Wie wir wissen, ist
Rußland ein riesiges Land, eine Großmacht, das
größte und potentiell mächtigste Land auf der europäisch-eurasischen Landmasse. Man kann sich keine
Art von Sicherheitsstruktur in Europa vorstellen, die
nicht eine sehr direkte und hoffentlich positive Rolle
Rußlands beinhaltet.
Das bedeutet nicht, daß
Rußland sofort Mitglied der Europäischen Union oder
der NATO werden sollte. Obwohl die NATO in keiner
Weise ihre Mitgliedschaft zu begrenzen versucht, ist
die Annahme realistischer, daß Rußland nicht zu den
ersten in die NATO aufgenommenen neuen Mitgliedern zählen wird.
Gleichzeitig ist es wichtig, daß wir kooperative
Beziehungen zu Rußland aufbauen, und wie Sie
wissen, traf sich Außenminister Christopher vergangene Woche mit seinem russischen Amtskollegen
Kosyrew in Genf. Sie haben ein äußerst fruchtbares
Gespräch über die Modalitäten des Aufbaus von
Sicherheitsbeziehungen geführt, darunter eine neue
Rolle und eine neue Aufgabe für die NATO sowie
enge Beziehungen zu Rußland. Es gibt darauf noch

AMERIKA DIENST 05

�keine Antwort. Die Antwort - wenn sie gefunden
oder entworfen ist - wird praktisch das neue Design
der neuen Sicherheitsarchitektur sein. Ich kann
Ihnen jedoch versichern, daß sowohl die Vereinigten
Staaten als auch die NATO einen engen und kontinuierlichen Dialog mit Rußland beabsichtigen um
sicherzustellen, daß Rußland sich mit uns als kooperativer Partner entwickelt, während sich die westlichen Sicherheitsinstitutionen entwickeln. Am Ende
des Prozesses, oder sogar während sich der Prozeß
in den kommenden Jahren vollzieht, sollte ein gemeinsamer Übergang stehen, eine Entwicklung
sowohl der westlichen Institutionen als auch eine
Entwicklung der umfassenderen Strukturen, die
gewährleisten, daß alle sich bis zur pazifischen
Küste erstreckenden Länder ein Gefühl der Beteiligung an einer kooperativen Organisation haben.

*

AMERIKA DIENST 05

Die NATO wird ihrerseits das Jahr 1995 mit der
Erörterung dieser Themen verbringen und ihr Konzept vorlegen, wie und warum sie eine Erweiterung
vornehmen sollte. Wie lauten also die Ziele und
Parameter der Erweiterung? Es wird keine Entscheidung bezüglich einzelner neuer Mitglieder
geben, es wird keine Entscheidung bezüglich des
Zeitpunkts geben. Wir hoffen, in der zweiten Hälfte
des Jahres 1995 Gespräche mit allen Mitgliedern der
Partnerschaft für den Frieden - die dies wünschen
und zu denen Rußland zählt - aufnehmen zu können,
um ihnen das Wie und Warum der NATO-Erweiterung zu erläutern. Nach dem Ministertreffen im
Dezember 1995 werden wir dann entscheiden, wie
der Prozeß fortgesetzt werden sollte. Bisher wurden
noch keine Entscheidungen getroffen, aber Sie
können sich vorstellen, daß man zum nächsten
Stadium der Erwägung neuer Mitglieder übergeht.

* * *

*

Seite 3

�USA-DEUTSCHLAND
8. Februar 1995

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN ZU EINER NEUEN TAGESORDNUNG
von Dr. Jackson Janes
BONN - (AD) - Dr. Jackson Janes befindet sich auf einer vom US-Informationsamt (USIA) geförderten
Europareise. Nachfolgend veröffentlichen wir seine Gedanken zur Außenpolitik der Clinton-Administration, die
er in einem Vortrag am 16. Februar 1995 vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Bonn darlegen wird.

Während meines fünfjährigen Aufenthaltes hier in
Bonn war ich Direktor des Europabüros des German
Marshall Fund der Vereinigten Staaten. Wie Sie
wahrscheinlich wissen, befaßt sich diese Organisation mit der Förderung von Austauschprogrammen
zwischen Europäern und Amerikanern. Schwerpunkt
dieser Austauschprogramme sind in der Regel nicht
außenpolitische Themen, sondern vielmehr die
zahlreichen innenpolitischen Fragen und Herausforderungen, die Europäer und Amerikaner gleichermaßen betreffen. In meiner derzeitigen Funktion als
geschäftsführender Direktor des amerikanischen
Instituts für zeitgenössische Deutschstudien widme
ich mich weiterhin vornehmlich diesen Themen von
gemeinsamem Interesse für Deutsche und Amerikaner.
Meines Erachtens wird diese Interaktion
zwischen außen- und innenpolitischen Themen, die
für unsere Politik und damit unsere Beziehungen
relevant ist, sehr viel komplexer, sehr viel unberechenbarer und deshalb sehr viel wichtiger für alle,
die sich mit der Vertiefung des deutsch-amerikanischen Dialogs in der Zeit nach dem Kalten Krieg
befassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die transatlantischen Beziehungen durch die zentrale Bedeutung
einer einzigen militärischen Bedrohung des Atlantischen Bündnisses, der Teilung Europas entlang der
Linien dieser Bedrohung, der Vorherrschaft amerikanischer Wirtschaftsmacht zur Finanzierung der
Sicherheit Westeuropas sowie der Ermutigung der
Gesundung westeuropäischer Volkswirtschaften und
der Akzeptanz der amerikanischen Führungsrolle und
des Verlassens darauf definiert. Die den transatlantischen Beziehungen dienenden Institutionen spiegelten diese Machtkonstellation wider. Die europäischen
Institutionen entwickelten sich in einem Umfeld, in
dem die wirtschaftliche und politische Gleichung für
die westeuropäische Integration günstig war. Die
NATO war ein Instrument der Selbstverteidigung für
Europäer und Amerikaner gleichermaßen. Das GATT
entstand zu einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten
prosperieren und gleichzeitig ihre Verbündeten zum
Wettbewerb ermutigen konnten.

Heute sind wir sicherlich in einer Position, die Worte
des ehemaligen Außenministers Dean Acheson zu
wiederholen, der seine Beteiligung an der Gestaltung
der Machtkonstellation der unmittelbaren Nachkriegszeit folgendermaßen beschrieb: "Ich war dabei."
Auch wir haben das Privileg, bei der Gestaltung
einer neuen Epoche dabei zu sein. Ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden Situationen ist
vielleicht, daß wir nicht in einem gespannten bilateralen ideologischen Kampf verhaftet sind, sondern
vielmehr quasi ohne Leitfaden mit multilateralen
Problemen kämpfen. Aus diesem Grund sollten wir
unsere Interessen und Ziele sorgfältig so eindeutig
wie möglich definieren, während wir uns der endlo-

Die derzeitigen Gegebenheiten in Europa und den
Vereinigten Staaten spiegeln eine sehr viel komplexere Verteilung von Macht, Einfluß und Verantwortung wider. Die Definition von Sicherheit hat sich
über Militärpolitik hinaus verlagert und bezieht neue
Risiken und Bedrohungen der europäischen und
amerikanischen Interessen ein: Die Regelung des
Welthandels, technologische und umweltpolitische
Zusammenarbeit und Kontrolle, die Stabilisierung
neuer Gesellschaften in Mittel- und Osteuropa und
der GUS, internationale Migration, nukleare Weiterverbreitung und die ethnisch-nationalistischen Spannungen, die sich heute so schmerzlich in Bosnien,
Tschetschenien und ganz Afrika manifestieren. Die

AMERIKA DIENST 05

sen Aufgabe der Festlegung widmen, wie wir einander bei ihrer Erlangung behilflich sein können.

Seite 1

�Bewältigung dieser Probleme erfordert das Engagement und die Zuständigkeit zahlreicher Organisationen. Neue Gleichungen von Macht, Partnerschaft
und Frieden in den transatlantischen Beziehungen
werden benötigt. Aber es wird kein leichter Übergang sein, da wir nicht sicher sein können, welche
Institutionen und Organisationen für die uns konfrontierenden Bedrohungen gewappnet sind.
Die transatlantischen Beziehungen werden zunehmend von einer Kombination von Lasten- und
Machtteilung gekennzeichnet sein. Die Vereinigten
Staaten werden weiterhin als Macht mit globalen
Interessen, aber in einem polyzentrischen Umfeld
handeln, in dem die Europäische Union bereits eine
wichtige Rolle spielt. Außenminister Christopher hat
das Leitprinzip der amerikanischen Außenpolitik
definiert: Gemeinsam wenn möglich, im Alleingang
wenn nötig. Es gibt jedoch noch immer zu viele
Fragen bezüglich der Definition der Unterschiede.
Und angesichts der Tatsache, daß der Erfolg der
amerikanischen Außenpolitik sich auf das Ausmaß
an Unterstützung gründen wird, die von den Partnern kommt, werden die Vereinigten Staaten sehr
viel mehr als bisher gefordert sein, ihre Interessen
an die Zielsetzung und Interessen anderer zu
koppeln, die ebenfalls sagen könnten: Gemeinsam
wenn möglich, im Alleingang wenn nötig.
Vor diesem Hintergrund müssen wir uns bewußt
machen, daß es ein zunehmend wichtiges und
kompliziertes Junktim zwischen der innenpolitischen
Debatte über die Konsensbildung in der Außenpolitik
und der Schaffung eines gemeinsamen Bezugsrahmens für politische Entscheidungen gibt. Im
Gegensatz zu der Schwarzweißmalerei der Landkarte des Kalten Krieges ist die Welt nach 1989 ein
Kaleidoskop von Farben und sich verändernden
Konstellationen.
Ich habe einen Paß mit Stempeln von drei Staaten,
die nicht mehr existieren. Jetzt gibt es eine Machtverteilung auf vielen Ebenen der Entscheidungsfindung, einschließlich subnationaler und supranationaler Einheiten mit sich erweiterndem Einfluß. Eine
neue Weltordnung - ein Gesamtkonzept - haben wir
nicht. Und vielleicht ist es am besten, wenn wir uns
mit der Definition nicht beeilen, bevor wir unsere
Vision an die veränderte, vor uns liegende Landschaft angepaßt haben.
Unter diesen Umständen gibt es keine wichtigeren
Beziehungen als die zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten. Deutschland ist die führende
Nation Europas und wird - wörtlich und im übertragenen Sinne - im Zentrum der konzentrischen
Kreise europäischer Beziehungen und Institutionen
stehen. Die Vereinigten Staaten sind die einzige

Seite 2

Supermacht mit ehrgeizigen Zielen, aber begrenzteren Mitteln. Die Senior-Junior-Beziehung funktioniert
nicht, steht auch nicht für die reale Gleichung zwischen den beiden Ländern, und wir müssen eine
neue Logik der Zusammenarbeit artikulieren. Die
Vereinigten Staaten und Deutschland müssen aufeinander blicken, um eine Reihe gemeinsamer Ziele zu
erlangen, während sie Lasten, Macht und Einfluß
teilen.
Wie lauten diese Ziele? Allgemein formuliert sind
diese Ziele, was sie immer gewesen sind: Die
Bestrebungen zur Gewährleistung einer friedlichen
Weltordnung auf der Grundlage von globalem Wirtschaftswachstum und Handel. Während der vergangenen 40 Jahre waren Deutschland und die
Vereinigten Staaten vehemente Verfechter dieser
Ziele und die Gewinner. Die Bewahrung der Sicherheit der Bundesrepublik war der Grundstein des
Tauschhandels zwischen den Vereinigten Staaten
und Deutschland. Dies ist noch immer so. Aber die
Bedeutung von Sicherheit ist heute sehr viel komplexer, und das Umfeld, in das wir diese Sicherheit
betten müssen, ist weiter und unberechenbarer
geworden.
Obwohl die Bestrebungen zur Stabilisierung des
Mächtegleichgewichts mit militärischer Macht während des Kalten Krieges entscheidend waren, rücken
die derzeitigen Herausforderungen die wirtschaftlichen Aspekte der Gewährleistung des Friedens sehr
viel mehr in den Mittelpunkt.
Dies ist auf innenpolitischer sowie auf globaler Ebene
der Fall. Die Gesundheit der Binnenwirtschaften
Deutschlands, der Europäischen Union und der
Vereinigten Staaten ist ein Netzwerk mit strategischer
Bedeutung für die Aufrechterhaltung von Wachstum,
Beschäftigung und Handel auf der ganzen Welt.
Es ist klar, daß wir uns auf die wachsende Notwendigkeit der Koordinierung unserer Maßnahmen nicht
nur auf der Ebene der Makroökonomie, sondern auch
im Hinblick auf unsere Innenpolitik konzentrieren
müssen. Dies gilt für die Bewältigung der Herausforderungen bei der Kontrolle der Waffenverbreitung,
der globalen Zerstörung der Umwelt, bei der Drogenbekämpfung, der weltweiten Immigration und vor
allem unserer Geld- und Steuerpolitik. Wir müssen
uns auch der uns konfrontierenden Probleme bei der
Erlangung eines Konsenses zu diesen Maßnahmen
bewußt sein, insbesondere jetzt, da der innenpolitische und internationale Zusammenhalt am Zerbrechen ist.
Ich möchte kurz auf die innenpolitische Dimension
dieser Herausforderung eingehen, weil sie meines
Erachtens wichtig für jede Diskussion über die

AMERIKA DIENST 05

�spezifischen außenpolitischen Themen ist. Ebenso
wie die deutschen Wörter Schnaps, Angst, Waldsterben und Gesundheit während der vergangenen
100 Jahre Teil des amerikanischen Sprachgebrauchs geworden sind, wird vielleicht auch das
Wort Verdrossenheit eines Tages vertraut werden.
In den Vereinigten Staaten herrscht die weitverbreitete Ansicht, daß die Regierung zu groß geworden ist und man ihr nicht vertrauen kann. Die
Herausforderung für jeden Interessenten an der
Kandidatur für ein prominentes öffentliches Amt
besteht darin, den zunehmend indiskreten Medien
standzuhalten, die an der Beleuchtung jedes Details
des öffentlichen und Privatlebens interessiert sind.
Nach Jahren des Aufbaus von Bürokratien und des
Lobbyismus in Washington ist der Entscheidungsprozeß immer beschwerlicher geworden mit der
Folge, daß die Konsensbildung leidet und die Angst
der Wähler mit dem Ärger wächst. Wir müssen uns
vor Augen führen, daß im Weißen Haus ein Präsident residiert, der mit 43 Prozent der Stimmen
gewählt wurde, und ein Fünftel der Wähler nur aus
Protest zu den Wahlurnen ging und für Ross Perot
stimmte. Im November 1994 gaben die Wähler
beide Häuser des Kongresses an die Republikaner
zurück - eine schreckliche Niederlage für Präsident
Clinton und ein enormer Sieg für Newt Gingrich und
seinen Kreis republikanischer Politiker. Die Analyse
der Wahlergebnisse dauert noch an, aber die
gängigsten Erklärungen hatten weniger mit Clintons
aktueller Bilanz im Weißen Haus zu tun, sondern
mehr mit der weitverbreiteten Frustration über die
Institutionen, die traditionell Wähler an den politischen Prozeß gebunden haben. Es herrscht ein
Gefühl vor, daß der politische Prozeß grundlegend
von den Belangen der Bürger abgekoppelt wurde.
Dieses Phänomen enthält einige Widersprüche.
Diejenigen, die sich einerseits für weniger Regierung
aussprechen, erwarten immer noch die Vorteile der
Regierung, die so umfassend Teil der amerikanischen Gesellschaft und ihres nationalen Budgets
geworden ist.
Dieses Phänomen ist auch nicht auf die Vereinigten
Staaten beschränkt, wie Ihnen jeder versichern kann,
der vor kurzem in Italien, Frankreich oder Großbritannien war. Aber in den Vereinigten Staaten
findet zur Zeit eine ernsthafte Debatte statt, die sich
darauf konzentriert, was wir vom Staat und vom
Bürger erwarten können und sollten, was die Vereinigten Staaten von sich selbst auf der Weltbühne
erwarten können und sollten, und was sie von ihren
Verbündeten erwarten können.
Es gibt keine Debatte zwischen Demokraten und
Republikanern, sondern vielmehr eine Debatte über

AMERIKA DIENST 05

die vielen unterschiedlichen Sichtweisen innerhalb
der beiden Parteien über die Rolle der Regierung wie sie den Menschen bei tiefgreifenden Veränderungen der Volkswirtschaft behilflich sein kann, und
wie sie die Unsicherheiten einer veränderten internationalen Arena bewältigen sollte. Meiner Ansicht
nach werden die in dem sogenannten "Vertrag mit
Amerika" dem amerikanischen Volk von den Republikanern unterbreiteten zahlreichen Vorschläge
bestenfalls zu einer angeregten Diskussion führen,
wobei wahrscheinlich sehr viel weniger dieser Vorschläge Gesetzeskraft erhalten als erwartet, aber
mehr Kompromisse kreative Innovationen bergen.
Schlimmstenfalls
Fortsetzung der
dem Mangel an
zunächst einmal
war.

könnte die Diskussion zu einer
sogenannten "Pattsituation" oder
Veränderungen degenerieren, der
der Grund für die Unzufriedenheit

Mir scheint, daß sich bereits signifikante Anzeichen
für Veränderungen abzeichnen, insbesondere im
Hinblick auf die Wiederbelebung des Föderalismus
und die Reform des Sozialwesens. Wir sehen uns
immer noch mit ernsthaften Fragen konfrontiert - wie
wir die illegale Einwanderung bekämpfen können,
was wir mit den 35 Millionen Amerikanern ohne
Krankenversicherung machen sollen, wie Amerikanern weiterhin Bildung und Ausbildung geboten
werden kann, damit sie auch in der Volkswirtschaft
von morgen Fuß fassen.
Was hat dies alles mit Außenpolitik zu tun? Was hat
dies alles mit den Problemen zu tun, denen wir uns
in Bosnien gegenübersehen? In welchem Zusammenhang steht dies zur Erweiterung der NATO oder
den Erwartungen der Vereinigten Staaten bezüglich
Deutschland in dem sich wandelnden Kontext eines
Europas nach dem Kalten Krieg?
Diejenigen unter Ihnen, die Präsident Clintons Bericht
zur Lage der Nation gehört haben, wissen, daß über
außenpolitische Themen nicht viel gesagt wurde.
Wenn Sie den "Vertrag mit Amerika" lesen, werden
Sie einen Absatz über außenpolitische Fragen
entdecken.
Bedeutet das, daß die Vereinigten
Staaten isolationistisch geworden sind? Ich glaube
nicht. In der Welt von heute ist Isolationismus in
Wirklichkeit eine Einstellung, keine Politik. Angesichts des Ausmaßes von Interdependenz im transatlantischen Bündnis enthalten die sich uns heute
bietenden Chancen nicht Isolationismus, sondern
eine neue Definition der Kosten und Nutzen der
Partnerschaft zur Erlangung unserer Ziele. Der
Präsident hat das NAFTA-Abkommen zweifelsohne
äußerst aggressiv vorangetrieben, da er enorme
Vorteile für die amerikanische Wirtschaft sah.
Andererseits war er nicht bereit, Bodentruppen nach

Seite 3

�Bosnien zu entsenden, weil er der Ansicht ist, daß
die amerikanische Öffentlichkeit dies nicht unterstützen würde. In Haiti hatte er das Gefühl, Truppen
entsenden zu können, ohne eine Verurteilung durch
den Kongreß oder die Öffentlichkeit befürchten zu
müssen.
Tatsache ist, daß nach dem Ende des Kalten
Krieges die Außenpolitik der Vereinigten Staaten
weniger von einer auf alle Situationen anwendbaren
dominanten ideologischen Herausforderung getrieben ist. Sie wird mehr durch die andauernde
Verteilung der Macht gestaltet, die Koalitionen mit
Partnern erforderlich, es jedoch weniger wahrscheinlich macht, daß sich die Vereinigten Staaten in jeder
Situation engagieren.
Henry Kissinger hat diesen Trend folgendermaßen
beschrieben: "An der Schwelle zum 21. Jahrhundert
sind enorme globale Kräfte am Werk, die die Vereinigten Staaten weniger außergewöhnlich machen.
Die amerikanische Militärmacht wird in absehbarer
Zukunft konkurrenzlos sein.
Dennoch ist der
Wunsch der Vereinigten Staaten, diese Macht in die
vielen kleinen Konflikte - Bosnien, Somalia, Haiti - zu
projizieren, eine entscheidende konzeptionelle
Herausforderung für die Au ßenpolitik der Vereinigten
Staaten. Die Vereinigten Staaten werden wahrscheinlich bis weit ins nächste Jahrhundert die
mächtigste Volkswirtschaft der Welt sein. Dennoch
wird sich der Wohlstand weiter ausbreiten, ebenso
wie die Technologie zur Schaffung von Wohlstand.
Die Vereinigten Staaten werden sich mit einer während des Kalten Krieges nie gekannten Art von
wirtschaftlichem Wettbewerb konfrontiert sehen."
Wir werden - wie Kissinger ausführt - doppelt so
starke Auswirkungen der Zersplitterung des internationalen Systems erleben wie während der vergangenen 50 Jahre und gleichzeitig eine Globalisierung der jetzigen Probleme. Vielleicht ist die Feststellung von Interesse, daß die Vereinten Nationen
bei ihrer Gründung vor 50 Jahren 51 Mitglieder
zählten. Heute sind es 167. Vor 50 Jahren zeigte
sich die Dominanz der amerikanischen Wirtschaft an
der Tatsache, daß über ein Drittel der gesamten
wirtschaftlichen Produktion "made in America" war.
In der heutigen Wirtschaft gibt es viele Akteure, die
den haushalts- und währungspolitischen Kurs des
jeweils anderen Staates bestimmen, sei es in Tokio,
Frankfurt, Washington oder Mexiko City.
Als Reaktion auf diese Herausforderungen unterstrich die Clinton-Administration die Notwendigkeit
eines multilateralen Ansatzes, starker Einbeziehung
der Vereinten Nationen sowie der Zusammenarbeit
mit den Verbündeten. Der derzeitige Trend im von
den Republikanern dominierten Repräsentantenhaus

Seite 4

besteht in der Abkehr vom Multilateralismus, größerer
Distanz zu den Vereinten Nationen und der Forderung, daß Engagement im Ausland vorwiegend oder
ausschließlich den amerikanischen Interessen dienen
soll.
Wir waren schon einmal in einer solchen Situation nach dem Vietnam-Krieg. Der Kongreß reagierte auf
diesen Krieg mit dem Versuch, die außenpolitischen
Entscheidungen des Präsidenten durch das War
Powers Act starken Einschränkungen zu unterwerfen.
Dies war nach dem Debakel in Südostasien ein klarer
Trend des Rückzugs in sich selbst. Einige Jahre
später gestaltete Präsident Reagan jedoch den
Dialog über die Außenpolitik und die Rolle der
Vereinigten Staaten in der Welt neu, indem er die
Notwendigkeit betonte, der Sowjetunion die Stirn zu
bieten und die Amerikaner in ihrer traditionellen
Überzeugung bestärkte, die Vereinigten Staaten
hätten die Aufgabe, die Demokratie in der Welt zu
sichern.
Durch das Fehlen der einigenden Bedrohung durch
die Sowjetunion und in Anbetracht einer Vielzahl
innenpolitischer Probleme auf seiner Tagesordnung
ist es für Präsident Clinton heute weitaus schwieriger,
einen Konsens über die Außenpolitik herbeizuführen.
Brent Scowcroft, ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater von Präsident Bush, stellte vor kurzem fest,
wir befänden uns in unserer Außenpolitik nicht auf
einem Weg zu Isolationismus, sondern zu Unilateralismus und interessierten uns weniger für multilaterale
Strategien als dafür, "uns, wenn nötig, mit der Welt
auseinanderzusetzen, jedoch nur auf unsere eigene
Art und Weise, nach unserem eigenen Zeitplan und
gemäß unseren eigenen Bedingungen". Dieser Kurs
geht nicht in Richtung einer Lastenteilung, sondern
einer Befreiung von der Last.
Daher muß man hier in Europa mit einer Zeit rechnen, in der der deutsch-amerikanische, das heißt der
europäisch-amerikanische Dialog von den über die
Einbeziehung nationaler und internationaler Erfordernisse geführten Debatten abhängt.
Das könnte
bisweilen ein steiniger Weg sein.
Natürlich bestanden einige dieser Herausforderungen
bereits lange vordem Fall der Berliner Mauer. Jeder,
der sich an die Diskussion über das multilaterale
Streitkräfteabkommen Anfang der sechziger Jahre
erinnert, kann Ihnen sagen, daß Auseinandersetzungen innerhalb des Atlantischen Bündnisses nichts
Neues sind.
Unser Appell zur Konsensbildung
basierte jedoch stets auf der andauernden Ost-WestKonfrontation, die so sichtbar durch Deutschland
verlief. In Ermangelung dieses dominanten bilateralen Konflikts, der uns orientierungslos zurückließ,
sollte es niemanden überraschen, daß wir jetzt mehr

AMERIKA DIENST 05

�Raum und Grund haben, unterschiedliche Ansichten
und bisweilen unterschiedliche Interessen zu vertreten.
Im Rahmen der deutsch-amerikanischen Beziehungen ist es nicht schwierig, die gemeinsamen Interessen darzustellen: Stabilität in Europa, Unterstützung der demokratischen Entwicklung in Osteuropa, Rußland und der Ukraine, ausgewogene
Prioritäten bei der transatlantischen Haushalts- und
Währungspolitik, Bündelung unserer Kräfte zur
Lösung uns alle bedrohender Probleme wie nukleare
Weiterverbreitung, Umweltzerstörung, Massenmigration oder AIDS.
Angesichts dieser Interessenlage besteht die heutige
Herausforderung darin, diese Interessen möglichst
effektiv zu verfolgen. Sind die während der vergangenen 50 Jahre entstandenen Institutionen und
Einstellungen für die Lösung der heutigen Aufgaben
angemessen? Bei den Institutionen ist es vielleicht
ratsam, Vorsicht bezüglich dessen walten zu lassen,
wozu sie in der Lage sind und wie schnell sie ersetzt
werden können oder sollten. Dies beinhaltet unter
anderem eine realistische Beurteilung der NATO, der
Europäischen Union, der OSZE, der Welthandelsorganisation sowie der Vereinten Nationen. Es setzt
auch ein gewisses Maß an Bescheidenheit dieser
Institutionen voraus.
Die NATO bleibt meines Erachtens in absehbarer
Zukunft ein wichtiges Instrument. Die Sicherheitspartnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und
Europa muß im Hinblick auf politische und militärische Ziele an die neuen Herausforderungen angepaßt werden. Zweifelsohne muß eine europäische
Verteidigungspolitik mehr sein als eine Absichtserklärung. Man kann von den Vereinigten Staaten
nicht erwarten, daß sie langfristig der Manager
europäischer Sicherheit sind. Wenn eine Organisation wie die Westeuropäische Union wirkliche Macht
haben soll, muß Einigkeit über ihre Fähigkeiten und
Ressourcen sowie über die Bereiche bestehen, in
denen die NATO, die WEU oder eine ähnliche
Organisation handeln. Deutschland wird mit der
Aufgabe konfrontiert, einen innenpolitischen Konsens
über die im Zusammenhang mit einem Einsatz
deutscher Streitkräfte stehende Politik zu erzielen,
seien dies Out-of-area-Einsätze oder nicht. Als
Gegenleistung für die Unterstützung Europas beim
Umgang mit den Ländern an der Peripherie des
Kontinents erwarten die Vereinigten Staaten, daß
Europa auf Krisen in der Welt reagiert. Die Agonie
in Bosnien deutet darauf hin, daß wir von diesem
Ziel noch weit entfernt sind.
Die Frage der NATO-Erweiterung ist in den Vereinigten Staaten heiß umstritten, obwohl die Clinton-

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Administration und die republikanische Mehrheit im
Kongreß sich für eine baldige Einbeziehung Polens,
Ungarns sowie der Tschechischen und der Slowakischen Republik ausgeprochen haben. Die Frage
einer Erweiterung der Europäischen Union steht
damit in direktem Zusammenhang.
Die Vereinigten Staaten sind zwar kein Mitglied der
EU, befürworten aber ihre Osterweiterung.
Die
Debatte dreht sich um die Frage, ob die Erweiterung
der NATO und die Erweiterung der EU miteinander
verbunden sein sollten und falls ja, wie das geschehen soll. In beiden Fällen müssen sich Deutschland
und die Vereinigten Staaten der Tatsache bewußt
sein, daß es auf diesem Weg viele unterschiedliche
Ansichten gibt, selbst wenn wir über die Notwendigkeit einig sind, ihn zu gehen.
Die Europäische Union ist für Deutschland und die
Vereinigten Staaten gleichermaßen ein mächtiges
Instrument.
Obwohl wirtschaftlicher Wettbewerb
zwischen Europa und den Vereinigten Staaten ein
Anzeichen für gesunde Volkswirtschaften sein kann,
müssen Deutschland und die Vereinigten Staaten
verstehen, daß sie gleichzeitig Partner und Konkurrenten sind. Mit dieser Erkenntnis geht auch eine
große Verantwortung einher.
Während Europa
seinen Weg zu einer Währungsunion mit der Deutschen Mark als Grundlage fortsetzt, wird es für
Deutschland als wichtigster europäischer Macht und
für die Vereinigten Staaten von zunehmender Bedeutung sein, Mechanismen zur Lösung unvermeidbarer
handeis- oder währungspolitischer Streitigkeiten zu
entwickeln. In Anbetracht der Tatsache, daß der
europäische Integrationsprozeß eine Integration
innenpolitischer Maßnahmen und Interessen beinhaltet, gewinnt es für Europäer und Amerikaner an
Bedeutung, bessere Möglichkeiten für die Bewältigung von Konflikten über Marktzugang, Normen und
Politik zu suchen, wie wir sie beispielsweise auf den
Gebieten Landwirtschaft und Telekommunikation
erleben. Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union sollten eine Partnerschaft als Mitglieder
einer Freihandelszone anstreben, was ein hohes Maß
an politischer Führung und Willensstärke erfordert,
wie die jüngsten Bestrebungen zur Einbeziehung
Mexikos in das Nordamerikanische Freihandelsabkommen demonstrierten.
Die dritte Ebene der Zusammenarbeit zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten - die
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa - stellt für viele Amerikaner weiterhin keine
Organisation, sondern einen Prozeß dar. Sie ist kein
wirklicher Bestandteil der Sicherheitsarchitektur. Mit
ihren 52 Mitgliedern ähnelt sie den Vereinten Nationen ohne einen Sicherheitsrat. Sie kann ein Forum
darstellen, um im Zusammenhang mit Einwanderung,

Seite 5

�Menschenrechten und Rüstungskontrolle stehende
Fragen zu lösen. Sie bietet den Vereinigten Staaten
auch ein weiteres Forum für fortgesetztes Engagement in Europa. Das Problem besteht darin, daß es
in Washington kein System zur Förderung der OSZE
gibt. Der gesamte Beitrag der Vereinigten Staaten
zu dieser Organisation beläuft sich auf 8 Millionen
Dollar. Zu einer Zeit, in der in Amerika eine Debatte
über die Fähigkeit der Vereinigten Staaten geführt
wird, auf der Weltbühne im Alleingang oder multilateral zu handeln, haben manche Amerikaner eine
skeptische Einstellung gegenüber der OSZE. Es ist
jedoch offensichtlich, daß die OSZE für die Europäer
und die Vereinigten Staaten von lebenswichtiger
Bedeutung bleibt, wenn in wichtigen Fragen eine
Konsensfindung erforderlich ist. Zu diesem Zweck
müssen wir alle uns zur Verfügung stehenden
Instrumente einsetzen.

an den Bestrebungen um einen weiterhin gesunden
deutsch-amerikanischen Dialog. Sicher ist jedoch,
daß sich die Bandbreite der durch die amerikanische
Militärpräsenz geknüpften Kontakte in Zukunft verändern wird. Es bleibt abzuwarten, was dies bedeutet.

Es ist offensichtlich, daß Deutschland und die Vereinigten Staaten ein gemeinsames Interesse an der
Nutzung dieser Instrumente zum beiderseitigen
Vorteil haben. Wir werden uns jedoch mit dem
Problem konfrontiert sehen, unsere Erwartungen
unseren Leistungen anzupassen, insbesondere zu
einem Zeitpunkt, an dem der innenpolitische Konsens zu diesen und anderen Fragen - milde ausgedrückt - noch nicht erzielt wurde.

Ein Sonderfall bei diesen Entwicklungen ist die
zunehmende Konzentration auf nichttarifäre Handelshemmnisse. Wir sehen die direkten Auswirkungen des Welthandels und wirtschaftlicher Angelegenheiten auf die Innenpolitik. Die letzten Monate der
GATT-Gespräche haben dies schlaglichtartig beleuchtet. Die Europäische Union könnte vielleicht ein
Modell für den Umgang mit dem Welthandel angesichts dieser immer schwieriger werdenden Faktoren
sein. Wie jedoch nach Maastricht deutlich wurde,
muß sie noch das Problem der politischen Legitimität
ihrer Völker lösen.

Ein Anliegen dürfen wir jedoch alle nicht aus den
Augen verlieren. Partnerschaft schließt zwar Rivalität oder Wettbewerb nicht aus, kann jedoch nicht so
leicht eine Entfremdung überleben. Diese könnte
eintreten, wenn wir nicht zu harter Arbeit bereit sind,
um sowohl unsere Gemeinsamkeiten als auch
unsere Unterschiede zu verstehen.
Trotz des
enormen Erfolgs der deutsch-amerikanischen
Partnerschaft während der vergangenen vier Jahrzehnte müssen wir uns der Tatsache bewußt sein,
daß die deutsch-amerikanischen Beziehungen
vielleicht sehr umfassend, auf einigen Gebieten aber
nicht sehr tiefgehend sind.
Ich möchte eine Anmerkung machen, die wir vielleicht in Erinnerung behalten sollten. Während der
vergangenen fünfzig Jahre zeigte ein Teil der
Vereinigten Staaten in Form von Millionen Soldaten
und ihren Familien sowie aller damit in Zusammenhang stehenden Organisationen in Deutschland
enorme Präsenz. Sie nahmen die in Deutschland
gemachten Erfahrungen mit nach Hause, wo sie
während dieser Jahre Teil des amerikanischen
Deutschlandbildes wurden, das im großen und
ganzen positiv ist. Dieser Faktor wird in Zukunft bei
den deutsch-amerikanischen Beziehungen fehlen,
und wir müssen uns ernsthafte Gedanken machen,
wie wir ihn ersetzen könnten. Mein Institut sowie
eine Vielzahl anderer Organisationen beteiligen sich

Seite 6

Wie ich bereits sagte, ist auf beiden Seiten des
Atlantik eine zunehmende Verteilung der Macht zu
beobachten. Wir sehen dies sowohl auf innenpolitischer als auch auf internationaler Ebene. In den
Vereinigten Staaten deutet die sich verändernde
Bevölkerungsstruktur auf eine neue Art, politische
Debatten über Interessen, Bedürfnisse und Erwartungen zu führen. Der Kampf um zum Wideraufbau der
Infrastruktur erforderliche Ressourcen erhält angesichts der wachsenden Zahl betroffener Interessengruppen eine neue Dimension.

Konsequenz dieser Entwicklungen für die deutschamerikanischen Beziehungen ist die wachsende
Notwendigkeit, die Innenpolitischen Wurzeln der
Außenpolitik zu verstehen.
Viele der in Deutschland und den Vereinigten Staaten
geführten Debatten ähneln sich stark, sei es im
Zusammenhang mit der Gesundheitsreform, der
Erneuerung der industriellen Infrastruktur, dem
Umgang mit weltweiten Einwanderungsbewegungen
oder der Erneuerung des Arbeitskräftepotentials.
Deutsche und Amerikaner bemühen sich um die
Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Staat
und der Verantwortung des einzelnen. Sie machen
sich über die Pflege der Alten und Kranken, die
Reform ihres Bildungswesens und den Umgang mit
Einwanderern Gedanken. Wir sehen diese Probleme
vielleicht manchmal aus unterschiedlichem Blickwinkel und kommen zu unterschiedlichen Lösungen.
Angesichts der Bedeutung dieser Fragen für die
allgemeinen Beziehungen zwischen Deutschland und
den Vereinigten Staaten, insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiet, müssen wir uns jedoch stärker
bemühen, die historischen, politischen, kulturellen
Traditionen und staatlichen Besonderheiten zu

AMERIKA DIENST 05

�verstehen, die heute stärker als je zuvor Auswirkungen auf die Außenpolitik haben.
Für die Vereinigten Staaten ist es besonders wichtig,
sich mit den Auswirkungen der deutschen Vereinigung auf die Zusammensetzung der Gesellschaft
Deutschlands und ihren internen Dialog auseinanderzusetzen. Es ist für die Beantwortung der von
mir aufgeworfenen Fragen entscheidend, wie
Deutschland sich selbst in den kommenden Jahren
definiert.
Auf jeden Fall müssen wir unbedingt die Möglichkeiten und Grenzen unserer jeweiligen Politik und
Sichtweise verstehen.
Das erfordert größeres
Verständnis für den Zusammenhang zwischen
innen- und außenpolitischen Entscheidungen zu
einem Zeitpunkt, an dem der Dialog stark im Fluß
ist. Mit anderen Worten: Wir müssen sorgfältig die
Bestrebungen des anderen beobachten, um ein

*

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neues politisches und soziales Vokabular für die uns
konfrontierenden gemeinsamen und unterschiedlichen
Probleme zu finden. In einer Zeit, in der in Amerika
und Deutschland die Diskussionen über unseren
weiteren Kurs sehr kontrovers geführt werden, ist es
für unsere Beziehungen wichtig, unsere gemeinsamen Interessen in den Mittelpunkt unseres Dialogs
zu stellen.
Deutschland und die Vereinigten Staaten haben ihre
gemeinsamen globalen und regionalen Interessen
identifiziert - Stabilität in Osteuropa und den neuen
unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion,
offene Handelsbeziehungen, Hilfe für die Dritte Welt müssen aber auch gemeinsam sicherstellen, daß wir
auf den innen- und außenpolitischen Stärken und
Interessen des jeweils anderen Landes aufbauen, wie
es in einer wirklichen Partnerschaft der Fall sein
sollte. Ob der Atlantik schmäler oder breiter wird,
hängt von diesen Bestrebungen ab.

* * *

*

Seite 7

�MENSCHENRECHTE
8. Februar 1995

DIE WELTWEITE MENSCHENRECHTSSITUATION
Übersicht über die Berichte des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Übersicht über die Länderberichte zu
Menschenrechtspraktiken für 1994, die am 1. Februar 1995 vom Außenministerium herausgegeben wurden.

Die sich wandelnde Menschenrechtssituation
Während des Kalten Krieges gingen Bedrohungen
der Menschenrechte vornehmlich von zentralistischen Staaten aus - starken Regierungen, die mit
eiserner Hand regierten.
Als Reaktion darauf
entwickelte die Menschenrechtsgemeinde die
inzwischen vertrauten Instrumente - Beobachtung,
Berichterstattung, Veröffentlichung der Fälle, Eintreten für einzelne Opfer von Menschenrechtsverletzungen und Befürwortung von Sanktionen gegen
starke Regierungen.
In der heutigen Welt nach dem Kalten Krieg hat sich
sehr viel verändert.
Starke Zentralregierungen
begehen noch immer Menschenrechtsverletzungen.
Von ethnischen, religiösen und separatistischen
Extremisten sowie von den Regierungen selbst
verübte Verletzungen der Menschenrechte in Ländern mit schwachen oder indifferenten Regierungen
sind uns nur allzu vertraut geworden. In extremen
Fällen wurden sie von zynischen Politikern zu
Genozid geschürt und widerstanden sogar enormem
wirtschaftlichem, umweltpolitischem und demographischem Druck. Diese Konflikte konfrontieren uns mit
einem vernichtenden Spektrum neuer Menschenrechtsprobleme.
Gleichzeitig bietet das Umfeld nach dem Kalten
Krieg Chancen für Strukturveränderungen sowohl
innerhalb der Länder als auch in der internationalen
Staatengemeinschaft, die international anerkannten
Menschenrechten größeres Gewicht als je zuvor
verleihen könnten. Dies ist großenteils auf den
Zusammenbruch des Sowjetkommunismus zurückzuführen, aber auch auf eine mächtige globale Bewegung zu Menschenrechten und demokratischer
Beteiligung. Diese Bewegung entstand vor ungefähr
zwei Jahrzehnten. Die vergangenen fünf Jahre
waren besonders dramatisch und veränderten die
politische Lage in vielen Teilen der Welt von der

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ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa bis zu
Südafrika, Sambia, Kambodscha, El Salvador, Chile,
der Mongolei und anderen Ländern.
Die Bewegung zu Menschenrechten und Demokratie
beginnt selbst an unüblichen Orten Stärke zu zeigen.
Wie die UN-Weltkonferenz über Menschenrechte von
1993 in Wien dramatisch unter Beweis stellte, zählt
diese globale Bewegung zu den stärksten Basiskräften in der Welt von heute. Zunehmend selbstbewußte und effektive einheimische Kräfte drängen
weltweit nach Transparenz und Rechenschaftspflicht
der Regierungen, nach grundlegenden demokratischen Freiheiten und international anerkannten
Menschenrechten.
Dies findet zu einer Zeit statt, in der sich die Staaten
untereinander für eine wachsende Bandbreite von
Herausforderungen engagieren, die nationale Grenzen überschreiten - Handel, Umwelt, Sicherheit,
Bevölkerung, Migration - Themen, die in manchen
Fällen mächtige Integrationskräfte und in anderen
zunehmende Konflikte freisetzen.
In dieser neuen multipolaren Welt müssen die traditionellen Menschenrechtsmaßnahmen wie Sanktionen
und andere, gegen Mißbrauch treibende Regime
gerichtete Strafen immer noch eine wichtige Rolle
spielen. Sanktionen müssen jedoch durch umfassendere Mittel zur Förderung der Menschenrechte in
Ländern ergänzt werden, die sich in einem tiefgreifenden Umbruch befinden und infolgedessen häufig in
innenpolitische Konflikte verstrickt sind.
Mit anderen Worten, am Ende des Kalten Krieges
finden wir uns in einem neuen internationalen strategischen Umfeld wieder. Die Menschenrechtsverletzungen von Regierungen gehen einher mit ethnischen Spannungen, dem Zusammenbruch der
Autorität und Umweltzerstörung. Infolgedessen muß
die Förderung von Menschenrechten vertraute

Seite 1

�Formen von Druck und Fürsprache mit langfristigen
Strukturreformen und der Unterstützung der Basisbewegungen für Veränderungen verbinden.
In der Tat beobachten wir wachsende Betonung auf
multilaterale Aktionen zur Unterstützung dieser
Bewegungen: Erstens durch Verhandlungslösungen
für Konflikte, die häufig Bestimmungen für international unterstützte demokratische Wahlen beinhalten; zweitens durch Institutionen der Rechenschaftspflicht für Menschenrechtsverletzungen wie Kriegsverbrechertribunale, Wahrheitsfindungskommissionen
und Rechtsbeistandsprogramme; und drittens durch
erfolgreiche friedenssichernde Operationen und
humanitäre Hilfsprogramme.
Institutionen der Rechenschaftspflicht
Das verabscheuungswürdige Gemetzel in Ruanda
und die "ethnischen Säuberungen" im ehemaligen
Jugoslawien haben die neuen Menschenrechtsprobleme unseres Zeitalters schlaglichtartig beleuchtet. Diese Katastrophen demonstrieren die dringende Notwendigkeit zur Entwicklung eines breiten
Spektrums von Institutionen, die Politiker gegenüber
ihren Wählern und der internationalen Staatengemeinschaft insgesamt zur Rechenschaft ziehen.
Die Massenmorde in Ruanda und im früheren
Jugoslawien erfolgten nicht spontan. Sie wurden
von Personen angestiftet, die mit diesen gewalttätigen und abscheulichen Mitteln politische Ziele
erreichen wollten. Werden diese Personen nicht für
Genozid, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen
die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen, wird
der Gerechtigkeit nicht Genüge getan und Versöhnung und Wiederaufbau werden vereitelt. Aus
diesem Grund unterstützten die Vereinigten Staaten
die Einrichtung eines Kriegsverbrechertribunals für
das ehemalige Jugoslawien und Ruanda durch den
UN-Sicherheitsrat.
Die Tribunale sind auch nötig, um die Last der
kollektiven Schuld aufzuheben, die sich auf jede
Gesellschaft legt, deren politisch Verantwortliche
solch schreckliche Gewalt angeordnet haben. Die
Zuweisung von Verantwortung ermöglicht der
internationalen Staatengemeinschaft die Unterscheidung zwischen Opfern und Aggressoren und
trägt zur Zerstörung der zynischen Illusion bei, daß
Konflikte mit einer ethnischen Dimension hoffnungslos komplex und daher unlösbar sind. Darüber
hinaus sind die Tribunale unabdingbar, wenn künftige Verbrechen abgewendet werden sollen. Wenn
grundlegende Menschenrechte in Ruanda und im
ehemaligen Jugoslawien ungestraft massiv verletzt
werden können, hat jede denkbare Form von Terror
auf der Welt leichtes Spiel.

Seite 2

Neben den Kriegsverbrechertribunalen hat ein breites
Spektrum von Institutionen für Rechenschaftspflicht
zur Aussöhnung zwischen einer Reihe von Ländern
beigetragen. Die Wahrheitsfindungskommissionen in
Nicaragua, El Salvador und Haiti, die UN-Verifikationsmission in Guatemala sowie die in Indien und
Mexiko eingerichteten nationalen Menschenrechtskommissionen stehen für neue und unterschiedliche
Wege, Menschenrechtsverletzer zur Rechenschaft zu
ziehen. Die Rechenschaftspflicht wird in einer Reihe
von Ländern auch durch Hilfsprogramme gefördert,
die auf die Entwicklung der Gerichtsbarkeit und
Rechtsstaatlichkeit ausgerichtet sind. Der vor kurzem
berufene UN-Hochkommissar für Menschenrechte
setzte beispielsweise Menschenrechtsbeobachter in
Ruanda ein und beabsichtigt, beim Wiederaufbau des
ruandischen Rechtssystems mit den Vereinigten
Staaten und anderen Ländern zusammenzuarbeiten.
Bewaffnete Konflikte
Auf der ganzen Welt stehen erbittert gekämpfte
Konflikte vor der seit langem angestrebten Lösung.
In Nordirland wurde trotz mehrerer Zwischenfälle, die
zu erneuter Gewalt hätten führen können, ein andauernder Waffenstillstand ausgehandelt.
Trotz
zunehmender Gewalt und Terror begannen Israel und
die palästinensische Befreiungsorganisation mit der
Umsetzung der Grundsatzerklärung durch ihr Abkommen über den Gazastreifen und Jericho. Wir wurden
auch Zeuge der beginnenden palästinensischen
Selbstverwaltung in diesen Regionen. Zum ersten
Mal werden diese Menschenrechtsberichte die
palästinensischen Menschenrechtspraktiken in
Gebieten unter palästinensischer Gerichtsbarkeit
prüfen. Israel und Jordanien unterzeichneten einen
Vertrag, der formell Frieden schafft. In Mosambik
führte schließlich ein von den Vereinten Nationen
ausgehandeltes Friedensabkommen zu Wahlen und
der Einsetzung einer neuen Regierung. Und in El
Salvador näherte sich das von den Vereinten Nationen unterstützte Friedensabkommen seiner vollständigen Verwirklichung mit der Auflösung der
ehemaligen Polizei und der Gründung einer neuen
zivilen Polizei.
Trotzdem führten bewaffnete Konflikte zu beträchtlichen Menschenrechtsverletzungen, vor allem in
Ruanda und im ehemaligen Jugoslawien, aber auch
an vielen anderen Orten.
Um die Abspaltung Tschetscheniens von Rußland zu
verhindern, marschierten russische Truppen am 11.
Dezember 1994 in Tschetschenien ein. Diese Aktion
wurde von massiven Luft- und Artillerieangriffen auf
zivile Gebiete in der tschetschenischen Hauptstadt
Grozny begleitet und bewirkte eine humanitäre und
Menschenrechtskrise.

AMERIKA DIENST 05

�In Angola wütete der nach dem Scheitern der
Wahlen von 1993 erneut ausgebrochene Bürgerkrieg
im Jahr 1994 weiter und forderte nahezu 100.000
Todesopfer, die meisten von ihnen Zivilisten.
Guerillakriege und militärische Aktionen fordern in
Kolumbien noch immer die höchste Zahl an Menschenleben der Welt.
Die türkische Regierung setzte den bewaffneten
Kampf gegen die terroristische Kurdische Arbeiterpartei (PKK) fort, der zu Gewalt gegen Zivilisten und
Menschenrechtsverletzungen in der Türkei führte,
darunter die Verhaftung und Verurteilung türkischer
Parlamentarier und vieler anderer Bürger aufgrund
ihrer Meinungsäußerung, während die weitverbreitete Anwendung von Folterpraktiken in Gefängnissen
und Gefangenenlagern ungestraft fortgesetzt wurde.
Seit 1992 ist Algerien in Bürgerkriege verstrickt.
Bewaffnete islamistische Gruppen und ihre Sympathisantenwerden gegen die Regierung aufgehetzt,
und auf beiden Seiten sind Tote und Menschenrechtsverletzungen zu beklagen.
Die erschreckende Menschenrechtssituation im
Sudan verschlechterte sich weiter angesichts des
intensivierten Bürgerkrieges, während sowohl die
Regierung als auch die Rebellen Massaker verübten,
standrechtliche Erschießungen vornahmen, Menschen entführten, Zivilisten zwangsweise einberiefen
und humanitäre Hilfslieferungen behinderten.
Ein Großteil von Kabul wurde zerstört, als Anfang
1994 der Bürgerkrieg in Afghanistan erneut ausbrach. Das Rote Kreuz ging anhand seiner Unterlagen davon aus, daß allein 34.000 Zivilisten bei
Straßenkämpfen und Angriffen auf Kabul mit schweren Waffen getötet oder verwundet wurden. Über
eine Million weiterer Afghanen wurden durch die
Kämpfe vertrieben.

Folter, willkürliche Verhaftungen, Straffreiheit der
Menschenrechtsverletzer
Flagrante und systematische Verletzungen grundlegender Menschenrechte wurden weiterhin von den
autoritären und repressiven Regimen der Welt wie
Irak, Iran, Burma, Nordkorea und Kuba verübt. In
diesen und anderen Ländern sind die Verweigerung
des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung,
Köalitions- und Religionsfreiheit, die Verfolgung von
Minderheiten und die Unterdrückung der bürgerlichen Gesellschaft nach wie vor die Norm.

öffentlichung von drei bekannten Publikationen. Die
in Osttimor und andernorts im Einsatz befindlichen
Sicherheitskräfte sind weiterhin für maßgebliche
Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, und die
Regierung bereitete den Entwurf eines Erlasses vor,
der im Falle seiner Umsetzung die Aktivitäten zahlreicher nichtstaatlicher Organisationen in Indonesien
gravierend beschneiden könnte.
Das Militärregime Nigerias, das die Wahlen von 1993
für nichtig erklärte, verfolgt nach wie vor trotz massiver Streiks der Arbeitnehmer die Opposition. Das
Regime ist für die Ermordung und Verletzung von
Demonstranten, willkürliche Inhaftierungen und
Massenverhaftungen, fortgesetzte standrechtliche
Erschießungen und Folter sowie andere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich.
In Saudi-Arabien sind Menschenrechtsverletzungen
wie Folter, Isolationshaft, Beschränkung der Redeund Religionsfreiheit, Unterdrückung ethnischer und
religiöser Minderheiten sowie die überall vorhandene
Diskriminierung von Frauen an der Tagesordnung.
In mehreren weniger repressiven Ländern, darunter
einige mit funktionierenden demokratischen Institutionen, fanden gravierende Menschenrechtsverletzungen statt.
Die Regierung von Singapur schüchtert weiterhin die
Oppositionsparteien und ihre Vorsitzenden ein und
beschränkt regelmäßig die Rede-, Köalitions- und
Versammlungsfreiheit.
In Ägypten sind die Sicherheitsdienste und terroristische Gruppierungen nach wie vor in einem Circulus
vitiosus von Gewalt verhaftet. Auf breiter Basis
wurden Menschenrechtsverletzungen verübt.
Indien hat seit langem eine Demokratie mit einer
freien Presse, unabhängigen Gerichtsbarkeit sowie
einem aktiven politischen und bürgerlichen Leben.
Dennoch werden vom Militär und den Sicherheitskräften in Unruhegebieten, insbesondere in Kaschmir,
schwere Menschenrechtsverletzungen begangen.
Dazu zählen standrechtliche Erschießungen und
andere politische Attentate, Folter, Tod während der
Inhaftierung und Gewalt gegen Frauen.
Trotz der Einsetzung des ehemaligen Menschenrechts-Ombudsmanns zum Präsidenten im Jahr 1993
bereitet die Menschenrechtssituation in Guatemala
noch immer Anlaß zur Sorge, und beide Seiten im
Bürgerkrieg verüben gewalttätige Akte, darunter
standrechtliche Erschießungen, Kidnapping und
Folter.

In Abkehr von einem jüngsten Trend zu Offenheit
untersagte die indonesische Regierung die Ver-

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Seite 3

�Wirtschaft und Menschenrechte

Arbeitnehmerrechte

Ein Punkt von zunehmender Bedeutung, der 1994
der Öffentlichkeit klar vor Augen geführt wurde, ist
die Beziehung zwischen Wirtschaftsentwicklung und
Handel einerseits sowie der Förderung von Menschenrechten und Demokratie andererseits. Dies
galt insbesondere im Hinblick auf die amerikanische
Entscheidung, den Meistbegünstigungsstatus Chinas
von der Menschenrechtssituation in diesem Land
abzukoppeln.

Mit zunehmender Ausweitung des Welthandels
erhalten Arbeitnehmerrechte eine erneute Dringlichkeit. Die neue Welthandelsorganisation muß sich
mit den Auswirkungen von Arbeitnehmerrechten auf
den Handel befassen.

Die Beziehungen zwischen Handel und Menschenrechten sind besonders wichtig, da ein großes
Welthandelsnetz entstanden ist und die Nationen die
Handelshemmnisse abgeschafft haben, die einem
umfassenden Austausch zwischen ihren Völkern im
Weg standen. Die in einigen Kreisen aufgestellte
Behauptung, es gäbe zwangsläufig ein Tauschgeschäft zwischen Wirtschaftsentwicklung und der
Förderung von Menschenrechten ist letztlich falsch.
Gerade weil die Vereinigten Staaten ein Interesse an
wirtschaflicher Entwicklung, politischer Stabilität und
der Lösung von Konflikten auf der Welt haben,
fördern sie Menschenrechte und eine rechenschaftspflichtige Regierung.
Präsident Clinton erklärte
vergangenen November am Vorabend seiner Reise
nach Ostasien: "In Gesellschaften, in denen Rechtsstaatlichkeit vorherseht, die Regierungen dem Volk
gegenüber Rechenschaft ablegen müssen und ein
freier Fluß von Ideen und Informationen möglich ist,
besteht eine größere Wahrscheinlichkeit wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Stabilität." Wie wir
in Nationen beobachten konnten, die sich inmitten
einer wirtschaftlichen Umgestaltung befinden, genießen vom Volk legitimierte Marktreformer eher die
Unterstützung des Volkes für schwierige wirtschaftliche Entscheidungen. Handelsbeziehungen sind an
sich kein Ersatz für eine energische Befürwortung
der Menschenrechte. Mit zunehmender Stabilität
des Welthandelssystems muß ferner dafür Sorge
getragen werden, daß Arbeitnehmerrechte in bilaterale und multilaterale Handelsvereinbarungen
einbezogen werden.
Wirtschaftswachstum, Handel und soziale Mobilität
sind vielleicht keine ausreichenden Bedingungen für
politischen Pluralismus, sie üben jedoch großen
Druck auf politischen Wandel aus. Offener Handel
kann Freiheitsbewegungen fördern, indem unabhängige Institutionen bürgerlicher Gesellschaften gestärkt werden und isolierte Nationen andere Lebensweisen kennenlernen sowie angesichts der Binsenwahrheit, daß freie und offene Märkte langfristig nur
dann von offenen Gesellschaften sinnvoll aufrechterhalten werden können, wenn diese die Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit respektieren.

Seite 4

Das am Arbeitsplatz wichtigste universelle Recht ist
die Koalitionsfreiheit. Sie ist die Grundlage für die
Bildung von Gewerkschaften, Tarifverhandlungen,
Beschwerden in der Presse und den Schutz vor
mangelnder Sicherheit am Arbeitsplatz. In vielen
Ländern müssen die Arbeitnehmer große Anstrengungen zur Wahrung ihrer Rechte unternehmen.
Einschränkungen der Arbeitnehmer reichen von
direkter Kontrolle sämtlicher Arbeitnehmervereinigungen durch den Staat zu einem Gesetzesdschungel,
dessen Komplexität die Arbeitnehmer überwältigen
und entwaffnen soll.
1994 waren vielerorts Zwangs- und Kinderarbeit zu
beobachten. In Burma werden die Bürger auf der
Straße festgenommen und zur Sklavenarbeit gezwungen. In Indien, Pakistan und Dutzenden anderer
Länder arbeiten kleine Kinder an Webstühlen in der
Kleiderproduktion und vielen anderen Berufen. In
mehreren Ländern, darunter auch im Nahen Osten,
werden Gewerkschaften offen verboten, und in vielen
weiteren Staaten besteht wenig Schutz für die
Bestrebungen der Arbeitnehmer, sich zusammenzuschließen und Tarifverhandlungen zu führen.
Einige protestierende Arbeitnehmer haben dafür mit
ihrem Leben bezahlt, andere - vor allem in China und
Indonesien - mußten allein deswegen ins Gefängnis,
weil sie ihre Kollegen über ihre Rechte in Kenntnis
setzten. Ferner sind wir Zeugen einer unzureichenden Durchsetzung von Arbeitnehmergesetzen,
insbesondere im Hinblick auf Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz.
Demokratie
Demokratie bezeichnet per definitionem ein System,
das die Beteiligung des Bürgers an der Regierung
seines Landes vorsieht und deren Erfolg vom Wachstum demokratischer Kultur und demokratischer
Institutionen abhängt. Wahlen sind eine essentielle
Dimension von Beteiligung der Bürger und Rechenschaftspflicht. Die größten Triumphe der Demokratie
im Jahr 1994 waren die Wahl Nelson Mandelas zum
Präsidenten Südafrikas sowie die Wiedereinsetzung
von Präsident Jean-Bertrand Aristide und der demokratisch gewählten Regierung Haitis.
In Südafrika führten die konzertierten Bestrebungen
aller Seiten letztlich zur Einbeziehung aller Parteien
in den politischen Prozeß und damit zu einer tief-

AMERIKA DIENST 05

�greifenden strukturellen Umgestaltung, welche die
institutionelle Apartheid beendete und die daraus
resultierende Gewalt stark verringert.
In Haiti
erfolgte die friedliche Wiedereinsetzung Präsident
Aristides aufgrund der von den Vereinigten Staaten
übernommenen Führungsrolle sowie des resoluten
Eintretens der internationalen Staatengemeinschaft
gegen die gewaltsamen Usurpatoren, die ihn abgesetzt und massive Menschenrechtsverletzungen
gegen das Volk begangen hatten.
Die Demokratie macht jedoch nicht nur Schlagzeilen,
sondern auch an kleinen, kaum beachteten Orten
Fortschritte:
In Malawi setzten die Wähler im Mai den ehemaligen
Präsidenten auf Lebenszeit, H. Kamuzu Banka, in
freien Wahlen ab.
Die Staaten der ehemaligen Sowjetunion führten
ihren stockenden Übergang von geschlossenen zu
offenen Gesellschaften fort. Die neuen unabhängigen Staaten Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan
und Usbekistan hielten Wahlen mit einem unterschiedlichen Maß an Freiheit und Fairness im
Schatten fortgesetzter beträchtlicher Menschenrechtsverletzungen ab. In den Ländern Mitteleuropas war die Lage besser, obgleich sie an einigen
Orten durch beunruhigende Verletzungen der Redeund Pressefreiheit beeinträchtigt wurde.
Demokratie ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein
Prozeß der Regierungsführung und Geschichte.
Präsident Aristide erklärte bei seiner Rückkehr nach
Haiti: "Der Prüfstand für die Demokratie sind ihre
zweiten freien Wahlen, bei denen die Macht frei und
gemäß der Verfassung übergeben wird." Diese
Meilensteine demokratischer Entwicklung wurden in
einer Vielzahl von Ländern gesetzt.
Verschiedene lateinamerikanische Staaten wie
Uruguay, Chile und Brasilien, die früher eine Militärregierung hatten, hielten 1994 Wahlen ab und
führten neue Präsidenten ins Amt ein, wodurch sie
ihre Demokratie weiter konsolidierten.
Nach den zweiten Parlamentswahlen in Nepal seit
der demokratischen Revolution 1990 bildete eine
Oppositionspartei eine Koalitionsregierung und
übernahm auf friedliche Art und Weise die Macht.
Es fanden für die Demokratie jedoch auch beträchtliche Rückschläge statt. Die lange Zeit hinausgezögerte Rückkehr der Demokratie in Nigeria wurde
erneut durch die Weigerung der Militärdiktatur blokkiert, die Wahlergebnisse zu akzeptieren. Im Gambia wurde die gewählte zivile Regierung vom Militär
gestürzt. In Burma verweigert das Militärregime

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weiterhin die Annahme der Wahlergebnisse von
1990, hält die Friedensnobelpreisträgerin Aung San
Suu Kyi unter Hausarrest und bringt jeglichen Widerstand zum Schweigen.
Zivile Kontrolle des Militärs und Gesetzesvollzug
Beim Übergang von einer autoritären Regierung zu
offenen Gesellschaften sind wenige Fragen entscheidender als die zivile Kontrolle des Militärs und
der Strafverfolgungsbehörden. In vielen Ländern
führten Menschenrechtsverletzungen und Rückschritte für die Demokratie zur Unfähigkeit der zivilen
Behörden, die Streitkräfte und Sicherheitsdienste
unter Kontrolle zu halten. In anderen Ländern gab es
Beispiele für Fortschritte.
In Argentinien lehnte der Senat die Beförderung von
zwei Fregattenkapitänen ab, weil diese sich zu
Folterungen während der Militärherrschaft bekannten.
In Guatemala fanden im Kongreß Anhörungen über
den Mord an einem Studenten durch Sicherheitskräfte während der Unruhen im November statt,
wodurch bei der Kontrolle des Kongresses Fortschritte erzielt wurden.
In Sri Lanka gründete die Regierung regionale
Ausschüsse zur Untersuchung von Fällen angeblichen Verschwindens und leitete Strafverfolgungsmaßnahmen gegen strafrechtliche Erschießungskommandos ein.
Während Mitglieder der kolumbianischen Sicherheitskräfte und Guerillagruppen weiterhin schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen begehen, hat die
neue Administration eine Anzahl von Schritten
unternommen, um Mißhandlungen von offizieller Seite
einzudämmen und zu bestrafen.
In Nigeria wiederum geht das Militärregime, das nach
der Annulierung der freien und fairen Wahlen von
1993 die Macht an sich gerissen hatte, nach wie vor
rücksichtslos gegen die Opposition vor und macht die
Hoffnung auf politischen oder wirtschaflichen Fortschritt zunichte.
Rechte der Frau
In diesem Jahr konzentrierte sich die weltweite
Aufmerksamkeit in zunehmendem Maße auf die
Menschenrechte der Frau und die Förderung der
Lage von Frauen. Die internationale Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung, die im September
1994 in Kairo stattfand, der für März 1995 in Kopenhagen anberaumte Weltgipfel über soziale Entwicklung und die im September 1995 in Peking geplante
Vierte Weltfrauenkonferenz lenken verstärkt die
Aufmerksamkeit auf Verletzungen der Menschen-

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�Frau. Unglücklicherweise setzten sich diese Vergehen auch 1994 fort.
Besondere Sorge bereitet das Problem von Gewalt
gegen Frauen. Anfang 1994 ernannte die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen
einen Sonderberichterstatter für Gewalt gegen
Frauen zur Untersuchung ihrer Gründe und Auswirkungen. Die Menschenrechtsberichte von 1994
dokumentieren, daß physischer Mißbrauch von
Frauen, darunter Folter, systematische Vergewaltigung, Verstümmelung der Genitalorgane, Gewalt in
der Familie, sexueller Mißbrauch, sexuelle Belästigung, Ausbeutung von Frauen und der Handel mit
ihnen sowie Abtreibung weiblicher Föten weiterhin
auf der ganzen Welt stattfinden.
Frauen werden nicht nur physisch mißhandelt, ihnen
werden auch politische, bürgerliche und gesetzmäßige Rechte verweigert 1994 waren Frauen in vielen
Ländern diskriminierenden Einschränkungen ihrer
fundamentalen Freiheiten im Hinblick auf Wahlrecht,
Ehe, Reise, Besitz und Erbe, Sorgerecht für Kinder,
Staatsbürgerschaft und Zeugenaussagen vor Gericht
unterworfen. Ferner sahen sich Frauen mit geschlechtsspezifischer Diskriminierung beim Zugang
zu Bildung und Ausbildung, Beschäftigung, Gesundheitsfürsorge, Finanzdienstleistungen einschließlich
Krediten und sogar Nahrungsmitteln und Wasser
konfrontiert.
Zukunftsaussichten

besondere weil sie inmitten der einzigartigen Charakteristika ihrer jeweiligen Gesellschaft entstehen
und diese reflektieren. Im Wandel der Zeit haben
Basisgruppen neue Rollen übernommen, beispielsweise bei der Überwachung von Wahlen, aktiven
Verhandlungen als Teil des Übergangs zur Demokratie, beim Dienst als Ombudsman und bei der
Gründung von Institutionen zur Förderung von
Rechenschaftspflicht und Versöhnung.
Menschenrechtsverletzungen sind weltumspannend,
und keine Region hat ein Monopol darauf.
Der Drang nach einer Realisierung von Grundrechten
ist ein universaler, laufender Prozeß, und die Geschichte ist nicht immer grauenhaft. Mein Amtskollege in der russischen Regierung, Wyatscheslaw
Bachmin, war in der Sowjetunion ein politischer
Häftling, für den ich mich früher einsetzte. Ebenso
wie andere Menschenrechtsaktivisten in einer Vielzahl von Ländern riskierte er sein Leben, um Zeugnis
abzulegen, und jetzt nutzen sie ihre Freiheit für
Reform und den Wiederaufbau ihrer Gesellschaften.
Einer dieser zu führenden Politikern gewordenen
Aktivisten, Vaclav Havel, hat überzeugend ausgedrückt, was das Engagement für Menschenrechte in
dieser komplexen neuen Welt bedeutet, in der ein
Triumph der Freiheit so schnell vom Grauen des
Völkermords überschattet werden kann und die
Amtseinführung Nelson Mandelas im selben Monat
stattfinden kann wie die Massenmorde an den TutsiRebellen in Ruanda:

Die Gründung von nichtsstaatlichen Menschenrechtsorganisationen auf der ganzen Welt ist eine
der vielversprechendsten und eindrucksvollsten
Entwicklungen in der Zeit nach dem Kalten Krieg.
Diese Organisationen sind der Schlüssel zur Zukunft,
in der die Staaten sich gegenseitig für Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft ziehen. Sie
spielen eine besonders wichtige Rolle für die Zunahme von Menschenrechten und Demokratie, ins-

* * * *

Seite 6

Ich bin kein Optimist, weil ich nicht sicher bin,
daß am Ende alles gut ausgeht. Ich bin auch
kein Pessimist, weil ich nicht sicher bein, daß
am Ende alles schlecht ausgeht. Ich bin ein
Realist, der Hoffnung hat, und Hoffnung ist der
Glaube, daß Freiheit und Gerechtigkeit einen
Sinn haben ... und Freiheit immer den Kampf
um sie wert ist."

*

AMERIKA DIENST 05

�RÜSTUNGSKONTROLLE
8. Februar 1995

DAS WICHTIGSTE JAHR IN DER GESCHICHTE
DER RÜSTUNGSKONTROLLE
von ADCA-Direktor Holum
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von John D. Holum, dem Direktor des
U.S. Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (U.S. Arms Control and Disarmament Agency - ADCA). Der
Artikel basiert auf einer am 18. Januar 1995 gehaltenen Rede Holums vor der Carnegie-Stiftung für
Weltfrieden.

Verstärkte Notwendigkeit für Rüstungskontrolle
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erwarteten viele, Rüstungskontrolle werde überflüssig.
Tatsächlich ist jedoch genau das Gegenteil der Fall:
Rüstungskontrolle ist wichtiger denn je. Sie ist
keinesfalls ein Relikt des Kalten Krieges, sondern
vielmehr ein wesentliches Element unserer nationalen Sicherheitsstrategie.
Obwohl das bipolare atomare Gleichgewicht des
Schreckens fast schon der Vergangenheit angehört,
müssen wir noch viele seiner scharfen Zähne
ziehen. Nur einer der START-Verträge ist in Kraft
getreten. Trotz freiwilligen Abbaus sind noch Tausende von Waffen vorhanden, und das Verifikationsregime von START wurde gerade erst eingeführt.
Zudem wurde das sowjetisch-amerikanische Wettrüsten, wie Präsident Clinton feststellte, von einer Welt
der "überhandnehmenden Weiterverbreitung von
Waffen, erbitterten regionalen Konflikte, ethnischen
und nationalistischen Spannungen ... und der
Fanatiker" ersetzt, "die die Städte der Welt durch
Terroranschläge lahmlegen wollen". Halten Sie sich
folgende Tatsachen vor Augen:
Zuverlässigen Schätzungen zufolge verfügen
derzeit mehr als 40 Länder über die technischen
Fähigkeiten zur Entwicklung von Nuklearwaffen.
Eine der Techniken des Irak zur Anreicherung
von Uran war ein Verfahren, das die Vereinigten
Staaten bereits vor 40 Jahren abgeschafft und
entklassifiziert hatten.
Raketen mit sehr viel längerer Reichweite, größerer Nutzlast und größerer Genauigkeit als die
irakischen SCUD-Raketen sind leichter zu beschaffen. Nordkorea entwickelt die Tai-Po Dong

AMERIKA DIENST 05

mit einer Reichweite von mehreren tausend
Kilometern und betrachtet Raketenexporte ebenso wie China offensichtlich - als Quelle für
harte Devisen.
Wir glauben, daß mehr als zwei Dutzend Länder von denen uns viele feindlich gesinnt sind Chemiewaffenprogramme durchführen.
Die Länder, die bei der Weiterverbreitung atomarer, biologischer und chemischer Waffen führend
sind, befinden sich vorwiegend in instabilen
Regionen - auf der koreanischen Halbinsel, in
Südasien und dem Nahen Osten.
Von manchen wird der Vorschlag gemacht, all diesen
Bedrohungen allein durch Aufrüstung zu begegnen.
Wenn uns der Kalte Krieg jedoch etwas gelehrt hat,
dann die Notwendigkeit von Militärmacht und Rüstungskontrolle gleichermaßen. Rüstungskontrolle ist
Kontrolle der Bedrohung. Jede Waffe, die wir den
Händen unserer potentiellen Gegner entwinden
können, spart uns das Geld, das wir zur - unsicher
gewordenen - Verteidigung dagegen benötigen
würden.
Ungeachtet der jeweiligen Ideologie wäre es also
falsch, Rüstungskontrolle aufzugeben - und 1995
besonders sinnlos, da die Vereinigten Staaten sich
mit Aufgaben der Rüstungskontrolle befassen, die die
Sicherheit unserer Nation in den nächsten Jahren
grundlegend gestalten werden: In diesem Jahr
haben wir die umfassendste und vielfältigste Tagesordnung für Rüstungskontrolle in der Geschichte.
1995 - Ein Jahr der Entscheidung
Nachfolgend einige der wichtigsten Punkte dieser
Tagesordnung:

Seite 1

�In diesem Frühjahr wird auf der Uberprüfungs- und
Verlängerungskonferenz nach 25jährigem Bestehen
des Nichtverbreitungsvertrags (NW) über sein
weiteres Schicksal entschieden. Der N W war
niemals wichtiger als heute, da der Zugang zu
Technologie zunimmt, die Disziplinen des Kalten
Krieges abnehmen und verbrecherische Staaten
nach Atomwaffen hungern. Der N W macht unsere
sämtlichen nuklearen Nichtverbreitungsbestrebungen
- von Nordkorea über Südasien bis zur Ukraine politisch und rechtlich möglich.
Der N W sollte von Dauer sein. Jedes andere
Ergebnis der Konferenz würde Zweifel an seiner
langfristigen Verläßlichkeit aufkommen lassen und
somit sogar seine kurzfristige Wirkung schmälern.
Wir befinden uns aber in einem realen Kampf. Eine
Vielzahl von Ländern hängt der kontraproduktiven
Idee an, der N W sollte als eine Art Geisel angesehen werden, deren Freilassung nur durch ein umfassendes Atomtestverbot, weitere strategische
Abrüstung oder etwas anderes bewirkt werden kann.
Andere, wie der Iran, sind der Ansicht, durch einen
Zusatz sollte der Zugang zu Nukleartechnologie
automatisches Recht der Parteien werden - als wenn
wir uns nicht daran erinnern würden, was im Irak
geschehen ist... und keine Ahnung vom Iran hätten.
Eines ist sicher: 1995 haben wir die größte Chance,
den N W für immer zu sichern.
1995 ist auch ein entscheidendes Jahr für strategische Rüstungskontrolle - insbesondere angesichts
der Inkraftsetzung des START-Vertrags und des
Mandats für eine frühzeitige Ratifizierung von
START II.
Feierstunden im Rosengarten des Weißen Hauses
sind etwas Schönes, aber das Versprechen von
Rüstungskontrolle wird erst erfüllt, wenn vereinbarte
Reduzierungen verifiziert worden sind. Und wenn
diese besonderen Verpflichtungen erfüllt worden
sind, werden wir das "Fenster der Verletzbarkeit"
zuschlagen, das viele als Konsequenz der schweren
ballistischen Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRVed ICBMs) ansahen, die zusammen mit zwei Dritteln aller abschießbaren
strategischen Gefechtsköpfe - nach der Umsetzung
der beiden START-Verträge abgeschafft werden.
Die Ratifizierung von START II hat für die Administration oberste Priorität. Die Präsidenten Clinton
und Jelzin einigten sich, nach erfolgter Ratifizierung
alle atomaren strategischen Trägersysteme, die
unter dem Vertrag abgebaut werden sollen, zu
entschärfen - und wiesen ihre Fachleute an, den

Seite 2

Dialog über die Möglichkeit weiterer Begrenzungen
nuklearer Streitkräfte zu intensivieren.
1995 haben die Vereinigten Staaten ferner die
Chance, bei der Inkraftsetzung der Chemiewaffenkonvention (CW-Konvention) eine führende Rolle zu
übernehmen.
Die Vereinigten Staaten drängen entschlossen auf die
vollständige Einhaltung unserer bilateralen Abkommen über Chemiewaffen durch die Russen, einschließlich der Regierungsvereinbarung von Wyoming
aus dem Jahr 1989, die durch Bekanntgabe von
Chemiewaffen und ad-hoc-lnspektionen der Vertrauensbildung dienen soll.
Der beste Weg zur Lösung unserer Probleme ist,
gekoppelt mit diesen Bestrebungen, die Inkraftsetzung der CW-Konvention - ein Punkt, der kürzlich von
russischen Kritikern beim Besuch einer Delegation
von Senatoren vorgebracht wurde. Dann hat Rußland die Wahl, sich entweder an ein verbindliches,
globales Regime zu halten - mit Sanktionen - oder
sich von dem weltweiten Konsens zu isolieren.
Inzwischen wird uns die Chemiewaffenkonvention
eine Möglichkeit geben, mit wenigstens 25 anderen
Problemstaaten umzugehen, die ohne den Vertrag
legal ein Chemiewaffenarsenal anlegen können. Und
sie wird uns weit mehr Informationen als bisher über
verdeckte Chemiewaffenprogramme geben - selbst in
Ländern, die ihr nicht beigetreten sind.
1995 wird für den Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty CTBT) ein entscheidendes Jahr.
Die Zeit für ein Verbot von Atomtests ist gekommen um sicherzustellen, daß kein anderer qualitativer
Rüstungswettlauf stattfindet, und um der Weiterverbreitung Einhalt zu gebieten, indem eine Weiterverbreitung anstrebenden Ländern die Fähigkeit entzogen wird, ihre Waffen zu verbessern und kleiner zu
gestalten, was ihren Abschuß erleichtert.
Zu einer Zeit, in der das atomare Wettrüsten beendet
ist, wir bereits 1.054 Tests gemeldet haben (im
Vergleich zu Rußlands 715 und Chinas 41 gemeldeten), die Russen und wir gleichermaßen Tausende
von Atomwaffen zerlegen und keine neuen entwikkeln, wir ohne Tests eine sichere und zuverlässige
Lagerung gewährleisten können, ist es einfach
sinnlos, weiterhin Nuklearexplosionen durchzuführen,
um äußerst geringe Mengen weiteren Wissens über
die Funktionsweise von Atomwaffen zu erhalten,
wenn der Haupteffekt solcher Aktionen darin besteht,
anderen Nationen Schutz zu gewähren, die das
erworbene Wissen tatsächlich verwenden könnten.

AMERIKA DIENST 05

�Unsere Administration setzt sich entschieden tür
einen Erfolg der Verhandlungen über ein Atomtestverbot ein. Der Präsident hat das Moratorium über
Atomtestverbote zweimal verlängert; über drei Dutzend Staaten haben sich an den multilateralen
Verhandlungen über konventionelle Abrüstung in
Genf beteiligt und einen Vertragstext ausgearbeitet.
Obwohl wir jegliches Junktim ablehnen, werden uns
die irreversiblen Fortschritte bei dem CTB-Vertrag
eine unbegrenzte Verlängerung des N W ermöglichen. Daher muß ein Testverbot 1995 bei den
Verhandlungen eine Priorität darstellen.
Dasselbe gilt für die Einstellung der Produktion von
spaltbarem Material. Wir erwarten, daß die Genfer
Abrüstungskonferenz Anfang 1995 ein entsprechendes Verhandlungsmandat erhält. Das birgt unserer
Ansicht die größte Chance, den potentiellen Atomprogrammen der sogenannten nuklearen Schwellenländer, die nicht dem N W angehören - Indien,
Pakistan und Israel - Einhalt zu gebieten.
1995 müssen die Vereinigten Staaten auch große
Anstrengungen zur Fortsetzung und Intensivierung
des Kampfes gegen Atomschmuggel unternehmen,
um die Sicherheit und den Nachweis spaltbaren
Materials sowie weltweite Kontrollen zu verbessern und insbesondere, um Transparenz und Unumkehrbarkeit der nuklearen Abrüstung in der ehemaligen
Sowjetunion zu fördern.

1995 müssen wir die Frage der Abgrenzung zwischen ABM (Anti-Ballistic Missile - antiballistische
Raketenabwehr) und TMD (Theater Missile Defense
- schauplatzgebundene Raketenabwehr) lösen, der
Abgrenzung zwischen verbotenen strategischen
Verteidigungssystemen und erlaubter gefechtsfeldgebundener Verteidigung. Ich weiß, daß diese
Verhandlungen in einigen Punkten umstritten sind.
Meines Erachtens müssen wir jedoch die enormen
Vorteile des Vertrags für die strategische Stabilität
schützen. Gleichzeitig ist es klug, Verteidigungssysteme gegen bestehende Bedrohungen im Operationsgebiet vorzubereiten, sowie gegen die leistungsfähigeren ballistischen Raketen, die verbrecherische
Staaten und potentielle Gegner wahrscheinlich
erwerben könnten.
Ich bin davon überzeugt, daß wir ein Abkommen
aushandeln können, das die Technologie für kriegsschauplatzgebundene Raketenabwehr schützen
kann, einschließlich der gefechtsfeldgebundenen
Verteidigungssysteme für große Höhen, deren
Testflüge im Februar beginnen.
Den Befürwortern des ABM-Vertrags, die sich unseren Abgrenzungsbestrebungen widersetzen, möchte

AMERIKA DIENST 05

ich sagen, daß der Vertrag nicht geschützt wird,
indem er zum Fossil wird. Ein Vertrag, der aufgegeben wurde - so unverfälscht er auch sein mag - hat
keinen Wert.
Dieses Jahr müssen wir sowohl einsatzfähige gefechtsfeldgebundene Verteidigungssysteme als auch
die strategischen Vorteile des ABM-Vertrags schützen.
1995 ist das letzte Jahr, in dem unter dem Vertrag
über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSEVertrag) Truppen abgezogen werden. Die Vereinigten Staaten müssen den Vertrag entschlossen gegen
jegliche Bestrebungen verteidigen, ihn im Namen der
"Harmonisierung" zu schwächen, indem seine Flankenobergrenzen verwässert werden oder die Befolgung der vorgeschriebenen Kürzungen verweigert
wird.
1995 ist auch das Jahr, in dem wir die Inkraftsetzung
des Vertrags über Offene Himmel erwarten, der das
Überfliegen ausländischen Territoriums von Vancouver bis Wladiwostok gestattet.
Wir werden 1995 energische Verhandlungen über ein
System zur verbesserten Einhaltung und Umsetzung
der Konvention über biologische Waffen führen.
1995 müssen wie die Konvention über konventionelle
Waffen ratifizieren, um auf der diesjährigen Über-

prüfungskonferenz dieser Konvention die Initiative
des Präsidenten zu Landminen fördern zu können.
1995 wird das entscheidende erste Jahr der Umsetzung des Rahmenabkommens über das Einfrieren
und Zurückschrauben des nordkoreanischen Nuklearprogramms sein. Dieses Abkommen, das nicht auf
Vertrauen, sondern auf verifizierbaren Schritten
beider Seiten basiert - liegt eindeutig im amerikanischen Interesse.
Mehrere dieser Bestrebungen veranschaulichen eine
große, weitreichende Herausforderung für die Vereinigten Staaten im Jahr 1995: Die Einleitung des
Zeitalters, in dem Rüstungskontrolle in die Tat
umgesetzt wird. Angesichts neuer Verträge wie
START, START II, CW-Konvention, Offene Himmel,
sowie anderer laufender Verträge wie CTBT und dem
Vertrag über die Einstellung der Produktion von
spaltbarem Material, die zu älteren Abkommen wie
dem N W , ABM-Vertrag, KSE-Vertrag und anderen,
bereits in Kraft getretenen hinzukommen, sehen sich
die Vereinigten Staaten einer wachsenden Aufgabe
gegenüber, die Vorteile von Rüstungskontrolle in die
Realität umzusetzen. Ich bin diesem Thema gegenüber besonders aufgeschlossen, weil das ACDA bei
diesen Bestrebungen der Mittler ist - das Amt ver-

Seite 3

�bindet Sachwissen in Verhandlungen, Gesetze,
nachrichtendienstliche Erkenntnisse und Technologie
um zu gewährleisten, daß unsere vertraglich festgelegten Rechte gewahrt werden.
Rüstungskontrollabkommen - einschließlich der
zahlreichen, von republikanischen Administrationen
ausgehandelten, wie die START-Verträge und die
Chemiewaffenkonvention - sorgen nicht selbst für
ihre Einhaltung. Das zu vermuten käme der Annahme gleich, man könnte einen Hungrigen sättigen,
indem man ihm die Speisekarte reicht. Während die
Aufgabe der Inkraftsetzung wächst, dürfen wir nicht
zulassen, daß haushaltspolitische Zwänge zu einer
Vernachlässigung von Verifizierung, Kontrolle und
Umsetzung führen.
Folglich stehen auf der Tagesordnung für 1995
enorme Rüstungskontrollaufgaben. Mit wachsender
Konzentration auf die Weiterverbreitung leben wir
auch in einer Zeit, in der die Rüstungskontrollperspektive dringend in Betracht gezogen werden muß.
Während des Kalten Krieges, als Rüstungskontrolle
das Hauptelement der sowjetisch-amerikanischen
Beziehungen und der Umgang mit diesem Konflikt
die wichtigste Aufgabe darstellte, war es unwahrscheinlich, die Gebote der Rüstungskontrolle zu
übersehen. Diese Gefahr ist jetzt jedoch viel größer,
da Rüstungskontrolle in den meisten Fällen bedeutet, bei über 150 Nationen auf unsere Nichtverbreitungsziele zu drängen, wobei wir bei unseren
Beziehungen zu einem Großteil dieser Länder neben
der Rüstungskontrolle andere Prioritäten im diplomatischen, handelspolitischen und in anderen Bereichen haben.
*

Seite 4

*

Verteidigung mit anderen Mitteln
Historische und politische Ereignisse haben bei
einigen zu der fälschlichen Annahme geführt, Rüstungskontrolle und Verteidigung ständen in Widerspruch zueinander. Sie verwechseln die Unterschiedlichkeit der Mittel - diplomatische kontra
militärische - mit einer Unterschiedlichkeit der Ziele.
Der grundlegende Zweck von Rüstungskontrolle und
Verteidigung ist genau derselbe - uns mehr Sicherheit
zu geben. Verteidigung schreckt ab oder bekämpft
Bedrohungen; Rüstungskontrolle beseitigt sie schweigend. Verteidigungsminister William Perry hat es gut
formuliert: Rüstungskontrolle ist Verteidigung mit
anderen Mitteln. Sie ist ein nationales Sicherheitsgeschäft.
Und jetzt - da wir die umfassendste Tagesordnung für
Rüstungskontrolle in der Geschichte ansprechen - ist
genau der falsche Zeitpunkt, diese lebenswichtige
nationale Mission zu untergraben.
In der Zeit nach dem Kalten Krieg hat Rüstungskontrolle mehr denn je großes Gewicht als tragender
Pfeiler der nationalen Sicherheit der Vereinigten
Staaten. Ich bin zuversichtlich, daß der neue Kongreß letzten Endes diesen Pfeiler nicht entfernen
oder dieses Fundament schwächen wird. Wir als
Nation müssen uns erneut für Engagement statt
Isolationismus, für eine Führungsrolle in der Welt statt
Abschottung, für wahre Sicherheit statt Rückzug
entscheiden.

*

*

AMERIKA DIENST 05

�LANDMINEN
8. Februar 1995

USA ENGAGIEREN SICH FÜR LÖSUNG DES
WELTWEITEN PROBLEMS DER LANDMINEN
Erklärung von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Warren Christopher unterstrich am 27. Januar 1995 das Engagement
der Vereinigten Staaten zur weiteren Zusammenarbeit mit anderen Regierungen, den Vereinten Nationen und
privaten Hilfsorganisationen bei der Lösung des weltweiten Landminenproblems.
"Wir wissen, daß dies eine enorme Herausforderung ist", äußerte der Außenminister. "Aber wir werden uns
dieser Herausforderung stellen, weil wir auch wissen, daß die Befreiung der Welt von diesen versteckten Killern
in den kommenden Jahren Zehntausende von Menschenleben retten wird."
Christopher erörterte die Strategien der Vereinigten Staaten zur Entschärfung und Kontrolle von Landminen
während einer Veranstaltung des US-Außenministeriums aus Anlaß der Präsentation seines zweiten Berichts
an den Kongreß über die weltweite Landminenkrise.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Erklärung des Außenministers.

Es ist mir eine Ehre, heute zusammen mit den
Persönlichkeiten hier zu sein, die bei der Entwicklung unserer Politik zu Landminen eine äußerst
aktive Rolle spielen. Senator Leahy und der Abgeordnete des Repräsentantenhauses Evans waren die
treibende Kraft bei der Erzielung des amerikanischen
Moratoriums für Exporte von gegen lebende Ziele
gerichteten Landminen. Sie sorgen dafür, daß sich
die weltweite Aufmerksamkeit auch weiterhin auf
dieses globale Problem richtet, und ohne die von
ihnen übernommene Führungsrolle wären wir nicht
hier.
Eine wichtige Rolle bei diesem Treffen spielt der
Bericht "Versteckte Killer: Die weltweite Landminenkrise" des Jahres 1994. In diesem Bericht wird das
enorme Problem erörtert, das nicht explodierte
Landminen heutzutage für die Welt darstellen.
Zwischen 80 und 110 Millionen dieser Waffen sind
in 64 Ländern verstreut. Sie fordern jede Woche
500 Opfer. Sie machen keinen Unterschied zwischen Zivilisten und Kombattanten - wahrscheinlich
führen sie sogar zum Tod von mehr Kindern als
Soldaten. Und sie töten weiter, auch wenn Friedensverträge unterzeichnet werden und im Krieg die
Waffen schweigen.

AMERIKA DIENST 05

In seiner Rede vor der UN-Generalversammlung im
September vergangenen Jahres verpflichtete Präsident Clinton unsere Nation zum weltweiten Kampf
gegen diese tödliche Geißel. Unser oberstes Ziel ist
die vollständige Beseitigung von gegen lebende Ziele
gerichteten Landminen. Als ersten Schritt rief der
Präsident alle Nationen auf, gemeinsam mit uns ein
Abkommen über die Reduzierung der Anzahl und
Verfügbarkeit dieser schrecklichen Waffen auszuhandeln.
Landminen sind vielleicht die ältesten Waffen auf
unserer Tagesordnung für Rüstungskontrolle. Während des amerikanischen Bürgerkriegs wurden sie in
offiziellen Berichten als "Landtorpedos" bezeichnet,
der einfache Soldat nannte sie schlicht und einfach
"teuflische Geräte". Heute, am Ende eines Jahrhunderts, in dem zunehmend Kriege gegen Zivilisten
geführt werden, setzt man Landminen für deprimierend moderne Zwecke ein.
Weltweit werden Minen in Ackerland und Reisfeldern,
auf Schulhöfen und Landstraßen verlegt und machen
damit ganze Gemeinden unbewohnbar. Sie vertreiben die Menschen von ihrem Land. Sie verhindern die Rückkehr von Flüchtlingen in ihre Heimat.

Seite 1

�Diese Geräte können als Waffen zur Massenvernichtung "im Zeitlupentempo" bezeichnet werden.
Sie könnten auch ohne Übertreibung zu Waffen der
Massenmigration werden. Dies ist in den entvölkerten Gebieten von Mosambik offensichtlich, wo jedes
größere Straßennetz wegen nicht entschärfter Minen
unbenutzbar ist. Es zeigt sich an den kahlen Hügeln
Afghanistans, wo Minen wahllos in Ackerböden,
Brunnen und Bewässerungskanälen verlegt wurden.
Landminen erschweren den Ländern auch den
Übergang von Konflikten zu Wiederaufbau, Versöhnung und Wachstum. Sie verhindern die Instandsetzung von Straßen, Eisenbahnen, Elektrizitätsleitungen und Brücken.
Sie verzögern
Hilfslieferungen. Sie zerrütten Binnenmärkte. Dieser
Bericht beschreibt das Resultat drastisch: "Jede für
den Wiederaufbau vom Krieg zerstörter Gesellschaften erforderliche Aufgabe ist bis zur Beseitigung der Landminen ausgesetzt."
Die Clinton-Administration verfolgt eine umfassende
Strategie zur Lösung der weltweiten Landminenkrise.
Wir helfen von Landminen heimgesuchten Ländern
bei der Beseitigung ihres unerwünschten Erbes. Wir
spielen eine führende diplomatische Rolle bei der
Eindämmung der Weiterverbreitung und des unverantwortlichen Einsatzes dieser Waffen.
Das amerikanische Minenentschärfprogramm stellt
Ausbildung, Gerät und Mittel zum Räumen von
Minen und für Unterrichtsprogramme bereit, wie man
Verletzungen durch diese Minen in Ländern wie
Afghanistan, Eritrea, Mosambik und Nicaragua
vermeiden kann. In Kambodscha haben wir 6
Millionen Dollar zur Unterstützung von Minenentschärfbestrebungen zugesagt, die für den Erfolg der
Friedensschaffung in diesem Land absolut unerläßlich waren. Wir hoffen, unsere Hilfsprogramme auf
andere Länder erweitern zu können, darunter
Ruanda und Angola.
Wir arbeiten ferner mit den Vereinten Nationen bei
der Organisation eines internationalen Treffens über
die Räumung von Minen zusammen, das Ende Mai
in Genf stattfinden soll. Wir hoffen, bei dem Treffen

*

Seite 2

*

wird ein hoher Prozentsatz des von den Vereinten
Nationen vorgeschlagenen Budgets zur Minenentschärfung in Höhe von 67 Millionen Dollar aufgebracht.
Im Jahr 1993 haben die Vereinigten Staaten ihr
unilaterales Moratorium für Landminenexporte einseitig um drei Jahre verlängert. Wir fordern andere
Nationen auf, dem Beispiel zu folgen. 1994 haben
wir eine führende Rolle bei der erfolgreichen Verabschiedung einer Resolution der UN-Generalversammlung über ein Verbot von gegen lebende Ziele
gerichteten Landminen übernommen.
Im Einklang mit Präsident Clintons Initiative bei der
Generalversammlung haben wir auch den Vorschlag
für ein multilaterales Kontrollregime zur Beschränkung der Produktion, Lagerung und des Exports von
gegen lebende Ziele gerichteten Landminen unterbreitet. Das Regime wird den Rückgriff auf die Art
von Landminen verringern, die größten Schaden für
Zivilisten verursachen - deren todbringende Wirkung
unbegrenzt ist, statt sich selbst zu zerstören oder zu
entschärfen.
Ich möchte den Senat um die unverzügliche Ratifizierung der Konvention über konventionelle Waffen
bitten, die Restriktionen über den Einsatz von Landminen enthält. Wir wollen auf die Stärkung dieser
Vereinbarung zum Schutz von Zivilisten, zur Verbesserung der Markierung und Verzeichnung von Minenfeldern und vor allem auf die Erweiterung ihrer
Bestimmungen hinarbeiten, damit sie internationale
Konflikte einbezieht.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin mit anderen Regierungen, den Vereinten Nationen und
privaten Hilfsorganisationen bei der Lösung des
Problems der Landminen zusammenarbeiten. Wir
wissen, daß dies eine enorme Herausforderung ist.
Aber wir werden uns dieser Herausforderung stellen,
weil wir auch wissen, daß die Befreiung der Welt von
diesen versteckten Killern in den kommenden Jahren
Zehntausende von Menschenleben retten wird.
Ich danke Ihnen.

*

*

AMERIKA DIENST 05

�8. Februar 1995

UNO BEENDET PLANUNG FÜR DEN
WELTGIPFEL ÜBER SOZIALE ENTWICKLUNG
Konzentration auf Ursachen sozialer Probleme
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Vertreter der Vereinten Nationen haben ihre Arbeit an einem umfassenden Plan über die Bekämpfung von Armut,
Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen beendet von vielen als "die nicht abgeschlossene Tagesordnung des 20. Jahrhunderts" bezeichnet - der beim
bevorstehenden Weltgipfel über soziale Entwicklung
von Präsidenten und Ministerpräsidenten erörtert
wird.
Die auch als Sozialgipfel bezeichnete Konferenz ist
vom 6. bis 12. März 1995 in Kopenhagen anberaumt. Über 100 Staats- und Regierungschefs
haben ihre Teilnahme zugesagt. Ferner werden
Vertreter von 2.000 nichtstaatlichen Organisationen
am Gipfel teilnehmen. Die Clinton-Administration hat
noch keine Entscheidung getroffen, wer die amerikanische Delegation leiten wird.
Der Gipfel gehört zu einer Reihe von den Vereinten
Nationen organisierter Konferenzen, angefangen mit
dem Kindergipfel von 1990 über den Erdgipfel von
Rio de Janeiro, die UN-Menschenrechtskonferenz in
Wien, die internationale Konferenz über Bevölkerung
und Entwicklung im vergangenen Jahr in Kairo bis
zur Ende dieses Jahres in Peking anberaumten
Weltfrauenkonferenz. Die Organisatoren betrachten
den Sozialgipfel als einen der Höhepunkte der
Feiern aus Anlaß des 50. Jahrestages der Gründung
der Vereinten Nationen.
Delegierte aus 185 Mitgliedstaaten der Vereinten
Nationen stellten bei ihrer letzten Vorbereitungssitzung am 28. Januar fast alle Einzelheiten des
Plans und der Gipfelerklärung zur Annahme fertig.
Die Teilnehmer hoffen, daß das Dokument und das
hochrangige Treffen die Aufmerksamkeit der Regierung und des Privatsektors auf die hartnäckigen
sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Dritten
Welt, Osteuropas sowie einiger Städte im Westen
lenken werden und die Konzentration der Medien
von Kriegen und der UNO-Friedenssicherung auf die

AMERIKA DIENST 05

Wurzeln der zunehmenden politischen Unordnung
und wachsenden sozialen Zersplitterung übergeht.
Botschafter Juan Somavia aus Chile, der Vorsitzende
des Vorbereitungsausschusses, erklärte, der Gipfel
werde "den Kurs für ein neues Zeitalter internationaler Zusammenarbeit" festlegen, einschließlich einer
substantiellen Neuorientierung der Vereinten Nationen und anderer internationaler Organisationen im
Zeitalter nach dem Kalten Krieg.
"Die Bedrohung durch die Atombombe wurde durch
die Realität einer sozialen Bombe ersetzt - Not,
Unmut und Unruhen als Konsequenz wachsender
Ungleichheit innerhalb und zwischen einzelnen
Ländern. Es ist unabdingbar, daß der Sicherheit des
einzelnen ebenso große Bedeutung beigemessen
wird wie der Sicherheit von Nationen", äußerte der
Botschafter.
Laut Timothy Wirth, dem Staatssekretär für globale
Angelegenheiten im US-Außenministerium, verfolgen
die Vereinigten Staaten bei dem Gipfel drei zentrale
Ziele "im Zusammenhang mit Armut, Beschäftigung
und Frauen".
Wirth, der die Vorbereitungen der amerikanischen
Regierung für den Sozialgipfel und die Weltfrauenkonferenz koordiniert, teilte mit, der Entwurf für das
Abschlußdokument sei erstmals direkter und klarer
auf die Bekämpfung absoluter Armut ausgerichtet,
was insbesondere bei der Verteilung knapper Ressourcen hilfreich sei.
Zu den kontroverseren Konzepten der Sitzung zählt
die sogenannte "20/20-Lösung", der zufolge die
Regierungen 20 Prozent ihres Etats sowie 20 Prozent
ihrer Auslandshilfe für Sozialprogramme vorsehen
sollten.
"Unseres Erachtens ist dies sinnvoll", erklärte Wirth
bei einer Pressekonferenz am 27. Januar 1995.

Seite 1

�"Es ist eine äußerst nützliche Art, Regierungen von
Verpflichtungen zu entbinden, die vielleicht nicht so
produktiv sind, insbesondere von dieser ständigen
Betonung auf Waffen und Rüstungen, und ihre
Aufmerksamkeit mehr auf die Bedürfnisse der Menschen zu lenken", führte Wirth aus. Wir haben
versucht, die 20/20-Lösung nicht als Zweck, sondern
als Mittel zu nutzen, die Nationen von der Bereitstellung von Ressourcen zur Bekämpfung der absoluten Armut zu überzeugen."
Wirth zufolge belegt der Ansatz des Gipfels zu
Auslandshilfe, wie sich die Debatte über Ressourcen
"in den vergangenen Jahren beträchtlich verändert
hat".
"In der Welt von heute ist es klar, daß es keine
neuen und zusätzlichen Ressourcen gibt, die an
irgendeinem Ort der Welt der Auslandshilfe zugute
kommen. Die Nationen geben kein zusätzliches
Geld dafür aus. Das ist eine Tatsache, die sowohl
auf die Industrienationen als auch die Entwicklungsländer zutrifft."
Angesichts dieser Tatsache müssen wir unsere
Denkweise bezüglich der Ressourcen ändern. Ein
Weg besteht darin, andere Ziele und Prioritäten zu
setzen, wie es das Dokument mit der 20/20-Verpflichtung tut", erläuterte Wirth.
Der Staatssekretär fügte hinzu, der Gipfel sei eine
gute Nachfolgekonferenz des im vergangenen Jahr
in Detroit abgehaltenen Gipfeltreffens der Gruppe
der Sieben, das sich mit Beschäftigungsproblemen
befaßte.

"Wie konzentrieren wir uns auf die Schaffung von
Arbeitsplätzen angesichts sich verändernder Volkswirtschaften und dem Scheitern des kommunistischen
Systems", stellte Wirth die Frage. "Das Dokument
über den Sozialgipfel enthält interessante Passagen,
die uns in die richtige Richtung leiten, damit wir uns
auf die grundlegenden Arbeitnehmerrechte, Erwerbsunfähigkeit, das Verhältnis zwischen bezahlter und
unbezahlter Arbeit sowie Ansätze zum Gesundheitsund Bildungswesen konzentrieren, die uns ein
Verständnis der Vollbeschäftigung vermitteln."
"Regierungen können helfen", so der Staatssekretär,
"indem sie das Umfeld fördern, in dem die richtige
Denkweise über freie Märkte, die richtigen Ansätze
zu Bildung und Ausbildung sowie Investitionen in den
einzelnen zur Schaffung eines Klimas beitragen
können, in dem die Beschäftigungsrate sehr viel
wahrscheinlicher ansteigen wird."
Der dritte wichtige Bereich für die Vereinigten Staaten
seien Frauen.
"Wir nehmen unsere Aussage äußerst ernst, alles in
unserer Macht Stehende für die Gleichberechtigung
von Frauen zu tun, einschließlich der Überbrückung
der Kluft bei der Ausbildung von Jungen und Mädchen", führte Wirth aus. "Wir werden weiterhin der
Gesundheit von Frauen größte Bedeutung einräumen, uns weiterhin auf Chancen konzentrieren,
Frauen mehr wirtschaftliche Befugnisse zu verleihen,
und uns auf die Menschenrechte von Frauen unter
besonderer Betonung der Rechte von Frauen sowie
der Gewalt gegen Frauen konzentrieren, wie in dem
Dokument enthalten."

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 05

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