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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

18.Januar 1995

03

..

WIRTSCHAFT

"WIRTSCHAFTLICHES ENGAGEMENT"
IN MITTEL- UND OSTEUROPA
Rede von Wirtschaftsminister Brown

AUSSENPOLITIK

AUSSENPOLITISCHE JAHRESBILANZ UND
ZUKÜNFTIGE ZIELE
Rede von Staatssekretär Peter Tamoff

SOZIALGIPFEL

USA KONZENTRIEREN SICH AUF
ARBEITSPLÄTZE, ARMUT UND FRAUEN
Rede von Staatssekretär Wirth

USA-DEUTSCHLAND

DEUTSCH-AMERIKANISCHE BEZIEHUNGEN
UNTER VERÄNDERTEN VORZEICHEN
Rede des Gesandten J. D. Bindenagel

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�WlRTSCHAFT
18. Januar 1995

"WIRTSCHAFTLICHES ENGAGEMENT"
IN MITTEL- UND OSTEUROPA
Rede von Wirtschaftsminister Brown
WASHINGTON - (AD) - US-Wirtschaftsminister Ron Brown zufolge können die Vereinigten Staaten die
Bestrebungen mittel- und osteuropäischer Nationen zum Wiederaufbau ihrer Volkswirtschaften am besten durch
eine Strategie des "wirtschaftlichen Engagements" unterstützen.
Diese Strategie würde Brown zufolge den Vereinigten Staaten den Abbau von Handelshemmnissen sowie eine
Erhöhung ihrer Exporte gestatten und gleichzeitig anderen Ländern die für schnelles Wachstum erforderlichen
Instrumente geben.
In seiner in Cleveland (Ohio) am 12. Januar 1995 gehaltenen Rede bei einer vom Weißen Haus veranstalteten
Konferenz über Handel und Investitionen in Mittel- und Osteuropa erklärte der Wirtschaftsminister femer, kleine
und mittelständische amerikanische Unternehmen eigneten sich aufgrund ihrer Größe eher als riesige
multinationale Unternehmen zu wirtschaftlicher Tätigkeit in Mittel- und Osteuropa.
Aus diesem Grund werde das dem Wirtschaftsministerium unterstehende Business Information Center für
Osteuropa in Zusammenarbeit mit der Verwaltung für mittelständische Unternehmen sowie anderen Behörden
eine zentrale Einrichtung ins Leben rufen, um kleineren Firmen den Zugang zu Finanzdienstleistungen und
Informationen der amerikanischen Regierung zu erleichtem.
Die Clinton Administration wird sich - durch Aktivitäten wie die vom Weißen Haus veranstaltete Konferenz auf die Förderung von Handel mit mittel- und osteuropäischen Staaten und Investitionen in diesen Ländern
konzentrieren. Dies erfordere, so Brown, daß amerikanische Unternehmen die Chancen erkennen und das
Wirtschaftsklima in der Region weiter verbessert wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Wirtschaftsministers.

Verehrte Minister, Exzellenzen, meine Damen und
Herren, es ist mir eine große Freude, Sie im Namen
des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu dieser
Konferenz des Weißen Hauses - der ersten ihrer Art
- über Handel und Investitionen in Mittel- und Osteuropa willkommen zu heißen.
Ich möchte meinem guten Freund, Bürgermeister
Michael White, für seine harte Arbeit danken, dieser
Konferenz zum Erfolg zu verhelfen.
Michaels
Fähigkeiten als Bürgermeister sind bereits in den
gesamten Vereinigten Staaten bekannt, und sein Ruf
wird sich nach dieser Konferenz auch im Ausland
verbreiten.

Ferner möchte ich Sie im Namen des Business
Council for International Understanding begrüßen,
einer herausragenden Organisation, die gemeinsam
mit uns diese Konferenz veranstaltet. Hinweisen
möchte ich auch auf die wertvolle Rolle zahlreicher
anderer Sponsoren aus der Geschäftswelt.
Ich
danke Ihnen allen.
Ganz besonders möchte ich unsere Gäste aus Mittelund Osteuropa begrüßen. Es ist uns eine Ehre, daß
über 230 Teilnehmer die weite Reise aus ihrer
Heimat gemacht haben, um heute mit uns in Amerika
zusammenzukommen.
Bei Ihrer Reise hierher folgen Sie der jahrhundertealten Fährte Ihrer Mitbürger, die auf der Suche nach

AMERIKA DIENST 03

Seite 1

�Frieden, politischer Freiheit und wirtschaftlichen
Chancen nach Amerika kamen. Sie fanden diese
Dinge hier jedoch nicht vor. Sie schufen sie selbst mit ihren eigenen Fähigkeiten, Energien und Träumen. Amerika bot den Söhnen und Töchtern Mittelund Osteuropas die Chance, durch harte Arbeit ihre
Träume zu verwirklichen. Und durch ihre harte
Arbeit wurde Amerika zu einer großartigeren und
vielfältigeren Nation.
Die Nachfahren dieser Einwanderer haben jetzt eine
neue Chance für Freiheit und Wohlstand. Die Polen
und Tschechen können ihre Fähigkeiten einsetzen.
Die Ungarn und Bulgaren können ihre Energien zum
Tragen bringen. Die Einwohner Sloveniens und
Rumäniens verwirklichen ihren Traum von der
Umgestaltung ihrer Nationen zu einem Symbol der
Chancen, wie Amerika dies schon immer war.
Ich begrüße auch die anwesenden hochrangigen
Vertreter der amerikanischen Wirtschaft. Ich freue
mich, daß so viele von Ihnen besonderes Engagement für unsere Aufgabe zeigen, die ihre Wurzeln in
Europa hat - oder in einem Stammbaum, der nach
dem ungarischen Aufstand von 1956 abrupt verpflanzt wurde, im Prager Frühling oder der Solidaritätsbewegung von 1980. Ich weiß, daß Sie alle
ungeduldig darauf warten, die Herausforderungen
neuer Märkte und wachsender junger Volkswirtschaften anzugehen.
Last but not least begrüße ich meine Kollegen aus
der US-Regierung, die das Engagement amerikanischer Unternehmen im Ausland mit außergewöhnlicher Energie unterstützen. Besonders möchte ich in
diesem Zusammenhang die Arbeit unserer Botschafter in Mittel- und Osteuropa hervorheben. Sie
und ihre Mitarbeiter sind die Stütze unserer Bestrebungen in der Region.
Das Ende des Kalten Krieges hat unseren Nationen
erneut die Chance gegeben, zusammen auf gemeinsame Ziele hinzuarbeiten. Und es hat unseren
wirtschaftlichen Zielen neue Bedeutung verliehen.
Die Sicherheit unserer Nationen hängt zunehmend
von unserer wirtschaftlichen Stärke ab.
Heute kommen wir bei der Gestaltung eines neuen
Zeitalters der Sicherheit, des Wohlstands und der
Freiheit als Partner zusammen. Die Vereinigten
Staaten, die in so hohem Maße von Ihren Beiträgen
profitierten, wollen Sie beim Wiederaufbau Ihrer
Volkswirtschaften unterstützen.
In den letzten fünf Jahren sind in den Ländern Mittelund Osteuropas freie Gesellschaften entstanden, die
sich auf den schwierigen, aber interessanten Weg
der Umgestaltung ihrer Nationen und ihrer Volkswirt-

Seite 2

schaften machten. Meines Erachtens können die
Vereinigten Staaten diese Bestrebungen am besten
durch den Aufbau starker Wirtschaftsbeziehungen
zwischen und innerhalb von Nationen fördern. Wir
bezeichnen unsere Strategie als "wirtschaftliches
Engagement".
Wirtschaftliches Engagement macht Handel und
Investitionen zum Ausgangspunkt für umfassenderen
Dialog - der uns eine Erweiterung unserer Beziehungen in viele Richtungen gestattet.
Diese langfristige Strategie erlaubt den Vereinigten
Staaten, eine Erhöhung ihrer Exporte und einen
Abbau von Handelshemmnissen anzustreben, während sie gleichzeitig anderen Ländern die für schnelles Wachstum erforderlichen Instrumente anbieten.
Wirtschaftliches Engagement kann Millionen europäischer und amerikanischer Familien kurzfristig wirtschaftlichen Nutzen bringen, selbst während Regierungsvertreter sich um einen methodischeren Ansatz
zur Lösung politischer und strategischer Fragen
bemühen.
Der die wirtschaftliche Umstrukturierung begleitende
anfängliche Produktionsrückgang ist zum Stillstand
gekommen. Der wirtschaftliche Ertrag in der Region
fiel zwischen 1989 und 1993 um 25 Prozent - ein
Rückgang, der mit der amerikanischen Erfahrung
während der Weltwirtschaftskrise vergleichbar ist.
1994 waren wir Zeuge des Beginns von Stabilität und
Wachstum. Das Bruttoinlandsprodukt stieg um 3
Prozent. Die polnische Wirtschaft, auf die ein Drittel
des gesamten Ertrags der Region entfällt, erlebt
bereits das dritte Jahr ihres Wachstums - im letzten
Jahr beeindruckende 6 Prozent. Die Wachstumsrate
Albaniens von 1993 war mit 8 Prozent europaweit die
höchste.
Mittel- und Osteuropa sind über den Berg. Der
Fortschritt hat noch nicht überall dasselbe Niveau
erreicht, und es bleiben Hindernisse bestehen. Die
erste und schwierigste Umstrukturierungsphase ist
jedoch abgeschlossen.
Jetzt können wir unsere Bestrebungen darauf konzentrieren, durch unser internationales Engagement
für Handel und Investitionen das Wachstum zu
beschleunigen. Die Liberalisierung des Handels und
wirtschaftliche Umstrukturierung haben zu einer
bemerkenswerten Umlenkung ihres Handels auf
westliche Länder geführt. Die Importe mittel- und
osteuropäischer Länder aus den Industriestaaten
steigen seit drei Jahren um jährlich etwa 15 Prozent
an und belaufen sich auf 50 Milliarden Dollar.
Der Handel der Vereinigten Staaten mit der Region
ist ebenfalls schnell expandiert. Die Exporte nach

AMERIKA DIENST 03

�Mittel- und Osteuropa haben sich innerhalb von fünf
Jahren verdreifacht. Auch unsere Importe aus der
Region sind schnell gestiegen - auf ungefähr 2
Milliarden. 1994 sanken jedoch angesichts einiger
Probleme, mit denen wir uns befassen müssen, die
amerikanischen Exporte in die Region beträchtlich.
Die Investitionen haben ebenfalls zugenommen. Sie
sind ein wichtiger Input nicht nur von Kapital, sondern auch von Know-how und Technologie. Die
westlichen Investitionen in Mittel- und Osteuropa
liefern jedoch nicht die erforderliche Kapitalmenge.
Wir sind heute hier zusammengekommen, um die
Handels- und Investitionstätigkeit zwischen den
Vereinigten Staaten und Mittel- und Osteuropa
anzukurbeln.
Die Erhöhung der Handels- und Investitionstätigkeit
erfordert zweierlei: Erstens ein gesteigertes Bewußtsein amerikanischer Unternehmen für die Chancen
in der Region und zweitens eine weitere Verbesserung des Unternehmensklimas in Mittel- und
Osteuropa.
Aus diesem Grund wollten Präsident Clinton und ich
ein Forum wie dieses schaffen, in dem führende
Politiker, mögliche Partner und erfahrene Helfer
gemeinsam auf die Erreichung dieser Ziele hinarbeiten können.
Ralph Gerson, Walter Catlow, Bill Butler und andere
weitblickende amerikanische Wirtschaftsvertreter
werden über die blühenden Unternehmen berichten,
die sie in Mittel- und Osteuropa aufgebaut haben und über die ernsten Probleme, mit denen sie noch
konfrontiert werden.
Es werden Vertreter von
Wirtschaft und Regierung der mittel- und osteuropäischen Länder zu Wort kommen.
Und Sie werden am heutigen Abend an einer
einzigartigen Veranstaltung teilnehmen - einer
Kombination von Empfang und Messe, bei der 14
Länder Stände mit Informationsmaterial über Geschäftsmöglichkeiten sowie Gespräche über sofortige
Unternehmensgründungen anbieten werden.
Die Bandbreite der Möglichkeiten zeigt sich an den
für die Publikation des Amts zur Förderung des
Handels (U.S. Trade Development Agency), "Handels- und Investitionsmöglichkeiten in Mitteleuropa",
ausgewählten 100 Chancen:
Zusätzliche 600
Ratschläge zur Unternehmensgründung sind auf der
in ihren Konferenzunterlagen enthaltenen Diskette zu
finden. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Bei dieser Konferenz möchte ich Sie daran erinnern,
daß wir alle wegen eines gemeinsamen Ziels hier
sind, das nur erreicht werden kann, wenn amerikani-

AMERIKA DIENST 03

sche Unternehmer gegenüber ihren Kollegen aus
Mittel- und Osteuropa offen und ehrlich sind. Neue
Chancen beleuchten schlaglichtartig die verbleibenden Probleme. Die Bankensysteme sind nicht für
den Umgang mit marktwirtschaftlichen Gegebenheiten ausgestattet. Das Konkursrecht ist unzureichend.
Die Infrastruktur bedarf einer substantiellen Modernisierung. Die staatlichen Stellen mischen sich oft
noch zu sehr ein, und der Umgang mit ihnen ist
schwierig.
Es muß mehr Wert auf die Privatisierung gelegt
werden, insbesondere was faire und offene Verfahren
für ausländische Investoren betrifft. Ein besonderes
Problem ist die zunehmende Neigung, Zölle auf
amerikanische Exportartikel zu erheben, während
Mittel- und Osteuropa Assoziierungsabkommen mit
der Europäischen Union abschließen. Wir begrüßen
diese engeren Verbindungen, müssen jedoch einen
Weg finden um zu gewährleisten, daß amerikanische
Exporteure und Arbeitnehmer nicht den Preis dafür
zahlen müssen.
Wir sind aber auch nicht perfekt. Daher bitte ich Sie,
anderen amerikanischen Regierungsvertretern und
mir gegenüber offen und ehrlich zu sein. Sagen Sie
uns, was wir richtig machen. Und sagen Sie uns,
was wir falsch machen oder unterlassen haben.
Aufgrund der Vorschläge des Privatsektors hat das
Wirtschaftsministerium bereits das Business Information Center für Osteuropa umstrukturiert, damit mehr
und bessere Wirtschaftsinformationen zur Verfügung
gestellt werden können. Wir wenden uns ferner an
Internet, um amerikanischen Unternehmen On-Iine
sofortigen Zugang zu neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten zu verschaffen. Aber ich weiß, daß wir zur
Erfüllung Ihres Bedarfs mehr tun können.
Ich freue mich, heute eine besondere Initiative
bekanntgeben zu können, mit der die Exporte amerikanischer mittelständischer Unternehmen nach Mittelund Osteuropa gefördert und erweitert werden sollen.
Unseres Erachtens sind amerikanische mittelständische Unternehmen besser für Geschäfte mit dem
aufstrebenden Privatsektor in Mittel- und Osteuropa
geeignet als große multinationale Unternehmen. Eine
Reihe kleiner amerikanischer Firmen erzielt bereits
Gewinne in der Region. In Zusammenarbeit mit der
Verwaltung für mittelständische Unternehmen und
anderen Behörden errichtet das dem Wirtschaftsministerium unterstehende Business Information
Center für Osteuropa eine zentrale Einrichtung, um
kleineren Firmen den Zugang zu Finanzdienstleistungen und Informationen der amerikanischen Regierung
zu erleichtern.
Unsere Handelsabteilungen für
Amerika und das Ausland in Mittel- und Osteuropa

Seite 3

�werden einen wichtigen Bestandteil dieser Bestrebungen bilden.
Ein breites Spektrum amerikanischer Handelsbehörden hat sich hier angesiedelt, darunter das Amt für
Handel und Entwicklung, die Eximbank und die
Entwicklungsgesellschaft OPIC. Sprechen Sie mit
ihnen. Um effektivere Partner zu werden, müssen
wir von Ihnen hören.
Ich möchte betonen, daß die heutige Konferenz kein
einmaliges Ereignis ist, sondern der Beginn eines
neuen Stadiums in den Wirtschaftsbeziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und Mittel- und
Osteuropa. In den kommenden Wochen und Monaten werden amerikanische und europäische Behörden mit erneuter Kraft zusammenarbeiten und
enorme Chancen in echte, greifbare Geschäfte
umsetzen.
Wir bereiten bereits Missionen und Konferenzen vor,
die auf potentielle Wachstumssektoren abzielen. In
Kürze werden wir eine Umwelttechnologie-Handelsmission in die Tschechische Republik, nach Ungarn
und Polen entsenden.

*

Seite 4

Darüber hinaus habe ich die Ehre, in diesem Sommer
den Vorsitz bei der Vierten West-Ost-Konferenz der
Handels- und Wirtschaftsminister zu führen - eine
Konferenz, bei der die führenden Volkswirtschaften
Mittel- und Osteuropas sowie der neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion vertreten
sein werden.
Die von Ihnen heute und morgen geführten Gespräche über den industriellen Sektor werden als Richtschnur für diese und folgende Maßnahmen dienen.
Ich lade Sie alle ein, sich aktiv an den Diskussionen
dieser Konferenz zu beteiligen und fordere Sie auf,
sich vehement am Aufbau der Volkswirtschaften
Mittel- und Osteuropas zu beteiligen und Chancen für
die dort lebenden Menschen zu schaffen. Wie
Präsident Clinton es in seinem Vorschlag für diese
Konferenz formulierte, ist unsere jeweilige Sicherheit
mit unserem jeweiligen Wohlstand eng verknüpft.
Aus diesem Grund nimmt der Präsident der Vereinigten Staaten persönlich an dieser Konferenz teil,
und aus diesem Grund wird die amerikanische
Regierung alles in ihrer Macht Stehende tun, damit
unser Handel mit Mittel- und Osteuropa und unsere
Investitionen in dem Land expandieren.

* * * *

AMERIKA DIENST 03

�AUSSENPOLITIK
18.Januar 1995

AUSSENPOLITISCHE JAHRESBILANZ UND
ZUKÜNFTIGE ZIELE
Rede von Staatssekretär Peter Tarnoff
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die im Washingtoner Zentrum für die ausländische
Presse gehaltene Rede des Staatssekretärs für politische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Peter
Tarnoff, über die Außenpolitik der Vereinigten Staaten im Jahr 1994 und die außenpolitischen Prioritäten für
das kommende Jahr.

Ich möchte über ein oder zwei Themen sprechen,
die für die politisch-militärische Seite erhöhter
Sicherheit der Vereinigten Staaten von essentieller
Bedeutung sind. Und in diesem Zusammenhang
möchte ich - auch wenn es Sie überraschen mag als erstes auf Rußland eingehen.
Es gibt für die Vereinigten Staaten viele Gründe,
weiterhin auf Reformen und eine demokratische

Öffnung in Rußland zu drängen und diese zu ermutigen. An oberster Stelle der Liste dieser Gründe
stehen jedoch unsere nationalen Sicherheitsinteressen. Rußland unterhält natürlich weiterhin ein
enormes Nuklearpotential sowie beträchtliche
Streitkräfte, weshalb bei unserem Dialog mit Rußland das Sicherheitselement - die sicherheitspolitische Dimension unseres Interesses an einem
weiteren Engagement in Rußland - außerordentlich
hohen Stellenwert einnimmt.
Wir haben in den letzten beiden Jahre gute Ergebnisse erzielt. Die Russen haben ihre Truppen aus
den baltischen Staaten abgezogen. Rußland und
die Vereinigten Staaten haben sich darauf geeinigt,
ihre ballistischen Interkontinentalraketen nicht länger
auf Ziele im jeweils anderen Land zu richten. Wir
haben die Umsetzung des START I-Vertrags vereinbart und beginnnen mit der Ratifizierung von START
II. Ferner führen wir mit den Russen äußerst
wichtige Gespräche über eine Einschränkung von
Waffenexporten in sicherheitsempfindliche Gebiete,
den Schmuggel mit Nuklearmaterial sowie ein breites
Spektrum anderer Sicherheitsfragen.
Beim Thema Rußland kann man nicht umhin, die
jetzige Situation in diesem Land anzusprechen,
insbesondere Tschetschenien und die Auswirkungen

AMERIKA DIENST 03

des Konflikts auf die politische Zukunft Rußlands und
unserer Beziehungen. Es ist offensichtlich noch zu
früh, eine Aussage über die politischen Konsequenzen des Vorgehens in Tschetschenien für Rußland zu
treffen. Es ist jedoch nicht zu früh für die Feststellung, daß ein von den Vereinigten Staaten entschieden unterstütztes, weltweites Interesse an einer
weiteren Unterstützung der Reformen und der demokratischen Evolution in Rußland besteht. Die Möglichkeit, daß die demokratischen Reformen in Rußland von den Ereignissen in diesem Land stark
beeinträchtigt werden könnten, ist natürlich für die
internationale Staatengemeinschaft äußerst ernüchternd, und während wir die Ereignisse dieser Tage in
Tschetschenien verfolgen, sind wir uns dessen stets
bewußt.
Die Vereinigten Staaten stellen nicht in Frage, daß
Tschetschenien zu Rußland gehört. Sie stellen
jedoch - wie Sie wissen und aus verschiedenen
Quellen gehört haben - die Art und Weise der dort
durchgeführten Operation und die daraus resultierenden Opfer in Frage und hoffen, daß die Russen und
Tschetschenen einen Dialog über eine Klimaverbesserung und eine Lösung der Krise aufnehmen können. Wir haben während der vergangenen Wochen
in öffentlichen und privaten Gesprächen auf diesen
Punkt hingewiesen - auch in Unterredungen mit den
Russen.
Im Bereich der Sicherheit haben wir eine äußerst
aktive Politik gegenüber verbrecherischen Staaten
verfolgt.
Ich möchte hierzu keine Einzelheiten
nennen, aber ganz oben auf unserer diesbezüglichen
Liste stehen Iran, Irak und Libyen.

Seite 1

�Im Hinblick auf den Irak vertreten die Vereinigten
Staaten nach wie vor die Ansicht, daß entschlossene
Sanktionen für Frieden und Stabilität in der Region
absolut erforderlich sind. Ich habe im November
den Staaten des Golfkooperationsrats einen Besuch
abgestattet und mit vielen Regierungen über die vom
Irak ausgehende, fortgesetzte Bedrohung gesprochen. Sie werden sich erinnern, daß die Vereinigten
Staaten stolz auf ihre im Oktober gespielte Führungsrolle waren, als die Staatengemeinschaft sich
der von den bedrohlichen Truppenbewegungen im
Süden des Irak ausgehenden, sehr realen Gefahr
bewußt wurde. Der Irak überschritt zwar nicht die
Grenze zu Kuwait, wir hatten jedoch keinen Grund
zu der Annahme, er könnte das nicht tun.
Die Vereinigten Staaten riefen die Operation Vigilant
Warrior ins Leben, die von Regierungen auf der
ganzen Welt sowie durch eine Resolution des UNSicherheitsrats unterstützt wurde. Unsere Wachsamkeit in diesem Teil der Welt stellt für uns eine
hohe Priorität dar, und das wird auch in Zukunft der
Fall sein, bis die Regime in diesem Teil der Welt, die
für unsere Freunde und unsere eigenen Interessen
eine Gefahr darstellen, einen Umwandlungsprozeß
durchlaufen haben.
Die dritte Kategorie sind Frieden und Demokratie,
und hier haben wir ebenfalls eine lange Liste. Für
1994 habe ich jedoch nur zwei Beispiele ausgewählt.
Der Friedensprozeß im Nahen Osten, der natürlich
in vielerlei Hinsicht ein historisches Jahr erlebte.
Nach der Grundsatzerklärung zwischen Israel und
der PLO aus dem Jahr 1993 schlössen Israel und
Jordanien im vergangenen Jahr einen Friedensvertrag, und es wurden gute Fortschritte bei den Verhandlungen zwischen Israel und Syrien erzielt, die
von den Vereinigten Staaten gefördert werden.
Wie Sie wissen, fand in Casablanca eine von den
Vereinigten Staaten und anderen Ländern veranstaltete Konferenz statt, bei der Vertreter des öffentlichen und Privatsektors aus dem gesamten Nahen
Osten und Europa sowie anderen Teilen der Welt
einen Prozeß ökonomischer Integration und des

Aufbaus einer der möglicherweise größten Wirtschaftsregionen der Welt begannen. Dieser Prozeß
mag vielleicht Jahrzehnte erfordern, aber die Tatsache, daß er überhaupt begonnen wurde und Ende
dieses Jahres eine Folgekonferenz im jordanischen
Amman stattfindet, deutet darauf hin, daß im Nahen
Osten nach der Wiederherstellung des Friedens
Aussichten auf beträchtliches, tragfähiges Wirtschaftswachstum bestehen. Die Vereinigten Staaten
unterstützen dies.
Die andere Leistung im Bereich des Friedens war
1994 die Wiederherstellung der Demokratie in Haiti.

Seite 2

Die Clinton-Administration zeigte sich entschlossen
bei der Erreichung dieses Ziels. Wir haben Grund
zur Zufriedenheit über die bei dieser Operation
erzielten Ergebnisse. Die Tatsache, daß die Operation die Unterstützung des UN-Sicherheitsrats fand,
der im vergangenen Herbst den Mitgliedstaaten in
einer Abstimmung die Befugnis erteilte, alle zur
Wiederherstellung der Demokratie in Haiti erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, signalisierte unseres
Erachtens den Regierungen auf der ganzen Welt,
daß es Zeiten gibt, in denen die internationale
Staatengemeinschaft reagiert. Wir können nicht
prognostizieren, unter welchen Umständen das
geschieht. Wir erwarten in absehbarer Zeit keine
weitere Operation dieser Art in irgendeinem Teil der
Welt. Die Fähigkeit der Staatengemeinschaft, so zu
handeln, war jedoch unserer Ansicht nach ein Meilenstein - nicht nur für die westliche Hemisphäre, sondern die ganze übrige Welt.
Was sind unsere Prioräten für dieses Jahr? In vielen
Bereichen werden sie gleichbleiben. Bei vielen der
von mir besonders hervorgehobenen Fragen
- unseren Wirtschaftsinteressen und dem Friedensprozeß im Nahen Osten - werden weiterhin energische Fortschritte erzielt werden.
An oberster Stelle der Liste zeichnet sich jedoch auch
ein breites Spektrum von Nichtverbreitungsbelangen
ab, die ich ebenfalls erwähnen möchte. Als erstes
möchte ich die Umsetzung des zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea Ende vergangenen
Jahres abgeschlossen Abkommens ansprechen. Wir
sind der festen Überzeugung, daß es sich hierbei um
ein gutes Abkommen handelt und werden dies
öffentlich und vehement im Verlauf der in diesem
Land und im Kongreß geführten Debatte äußern. Es
ist ein gutes Abkommen für die Vereinigten Staaten
und es ist ein gutes Abkommen für die Welt, weil es
das Einfrieren der Nuklearaktivitäten Nordkoreas
vorsieht. Es verfügt ferner, daß Nordkorea in Kürze
die Nuklearaktivitäten einstellen wird, die das Risiko
eines Beitrags zur Entwicklung eines Nuklearwaffenprogramms bergen. Das Abkommen verpflichtet
Nordkorea darüber hinaus, Informationen über
bisherige Nuklearaktivitäten des Landes bereitzustellen, deren es - wie Sie wissen - seit einiger Zeit
verdächtigt wird. Wir sind erfreut, daß eine so gute
Zusammenarbeit wie mit der Republik Korea und
Japan möglich war, die - wie ich hinzufügen möchte eine zentrale Rolle bei der Finanzierung des Leichtwasserreaktors spielen werden, der in den nächsten
acht bis zehn Jahren in Nordkorea gebaut wird. Wir
sind der Überzeugung, daß sich mit der Zeit zumindest eine gewisse Evolution in Nordkorea vollziehen wird, bei der sich die neue Führung des
Landes entscheidet, ein verantwortlicheres Mitglied
der internationalen Staatengemeinschaft zu werden.

AMERIKA DIENST 03

�Die Verwirklichung dieses Ziels läßt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwer vorhersagen. Es ist nicht
ein Abkommen, das auf Vertrauen gegründet ist,
sondern eines, das auf den nationalen Interessen
der Vereinigten Staaten und unserer Fähigkeit
basiert, die Einhaltung des Abkommens durch
Nordkorea bei jedem Schritt auf diesem Weg zu
verifizieren.
Auch die europäische Sicherheitsarchtitektur wird im
Jahr 1995 eine sehr wichtige Priorität für uns darstellen. Wie Sie wissen, traf die NATO auf Initiative
von Präsident Clinton vor einem Jahr die Entscheidung, einen Prozeß der NATO-Erweiterung einzuleiten. Die Entscheidung wurde ziemlich genau
vor einem Jahr beim NATO-Gipfeltreffen in Brüssel
im Januar getroffen. Die Partnerschaft für den
Frieden wurde gegründet - eine Organisation, die
jetzt 23 Mitglieder hat, die zwar selbst nicht offiziell
Mitglied der NATO sind, aber individuelle Abkommen
mit der NATO abgeschlossen haben, die zunehmende militärische Kooperation zwischen den Ländern
der ehemaligen Sowjetunion, des früheren Warschauer Pakts und der NATO gestatten, und dies ist
eine Entwicklung, der häufig nicht die Aufmerksamkeit gewidmet wurde, die sie unseres Erachtens
verdient. Sie birgt die Möglichkeit für die NATO, die
Länder im Osten einzubeziehen und eine aktive
Partnerschaft mit dem Bündnis selbst zu beginnen.
1995 wird das Bündnis eine Studie über das "Warum" und "Wie", nicht das "Wer" und "Wann" erstellen. Es geht nicht darum, welches Land zu
welchem Zeitpunkt beitritt, sondern darum, was es
bedeutet, ein Mitglied der NATO zu sein, individuell
mit den Ländern zusammenzuarbeiten, jedem
Mitglied der Partnerschaftsfamilie, das zu diesem
Thema informiert werden möchte, die Erfordernisse
der NATO-Mitgliedschaft zu erklären, damit die
NATO selbst ein besseres Verständnis erhält und die
eine Mitgliedschaft in der NATO anstrebenden
Länder ihre Pflichten besser verstehen können.
Gleichzeitig wird die NATO ihre Beziehungen zu
Rußland überprüfen.
Rußland ist Mitglied der
Partnerschaft für den Frieden. Wir hoffen, daß
Rußland in Kürze das individuelle Partnerschaftsabkommen unterzeichnet. Die NATO-Mitgliedstaaten
haben zu einem frühen Zeitpunkt beschlossen, daß
zu Rußland selbst während der NATO-Erweiterung
besondere Beziehungen unterhalten werden müssen, und das ist eine Entwicklung, deren Beschleunigung wir in diesem Jahr erwarten.
Zwei weitere Themen stehen an oberster Stelle
unserer Tagesordnung für 1995. Offenkundig ist
Bosnien eine noch immer ungelöste Frage und in
mancher Hinsicht eines der schwierigsten Probleme,

AMERIKA DIENST 03

mit denen wir uns in den vergangenen beiden Jahren
befaßt haben. In den letzten Wochen konnten wir
gewisse Fortschritte auf dem Weg zu einer Verhandlungslösung feststellen - bescheidene Fortschritte,
aber ein bißchen mehr, als wir in den letzten zweieinhalb bis drei Jahren beobachten konnten. Wir
hoffen, auf der Tatsache des vor kurzem vereinbarten
Waffenstillstands und der Einstellung der Feindseligkeiten zwischen den Konfliktparteien in Bosnien
aufbauen zu können. In der Region werden jetzt
Gespräche der Kontaktgruppe aufgenommen, zu der
die Amerikaner, die Europäer, die Russen und die
Vereinten Nationen gehören.
Wir hoffen, daß die Experten der Kontaktgruppe in
den kommenden Tagen nach Pale und Sarajevo
reisen werden. Sie sollen herausfinden, ob die
bosnische Regierung und die bosnischen Serben zu
der Schlußfolgerung gelangen können, daß es jetzt
an der Zeit für Gespräche über eine endgültige
Lösung ist. Solange diese sich auf den Plan der
Kontaktgruppe gründet - was unsere von anderen
Mitgliedern der Kontaktgruppe geteilte unerschütterliche Position ist, könnten wir in den nächsten Wochen
zumindest die Aufnahme von Verhandlungen zwischen den Parteien beobachten.
In unserem Land gibt es ein politisches Thema, das
Sie wie ich weiß verfolgt haben, und das ich meines
Erachtens kommentieren sollte. Es ist der auch im
Kongreß unterbreitete Vorschlag über eine einseitige
Aufhebung des Waffenembargos durch die Vereinigten Staaten. Ich möchte eindeutig und klar
betonen, daß die Administration gegen eine einseitige
Aufhebung des Waffenembargos eingestellt und in
dieser Haltung unerschütterlich ist. Wir haben das
Gefühl, daß es zu einem bestimmten Zeitpunkt im
Verlauf dieses Prozesses erforderlich sein wird, eine
multilaterale Aufhebung des Embargos in Erwägung
zu ziehen. Das ist eine ganz andere Position. Wir
werden uns jedoch ganz entschieden jedem Versuch
widersetzen, dem Präsidenten die Verpflichtung zu
einer einseitigen Aufhebung des Waffenembargos in
Bosnien aufzuerlegen.
Auf unserer Liste stehen auch die Beziehungen zu
den Vereinten Nationen - ebenfalls eine in diesem
Land erörterte Angelegenheit - weil es viele Fragen
zur Natur der amerikanischen Beziehungen zu den
Vereinten Nationen, zur Frage der Behörden, des
Führungskommandos, der Effizienz und der Kosten
gibt, zu deren Übernahme die Vereinten Nationen die
Vereinigten Staaten jedes Jahr zwingen. Aus unserer
Sicht sind die Vereinten Nationen eine unerläßliche
Organisation. Sie vollbringt wichtige friedenssichernde Arbeit. Ihre Sonderorganisationen leisten beispiellos gute Arbeit, wenn es zu speziellen Missionen

Seite 3

�größtenteils humanitärer Art auf der ganzen Welt
kommt.
Gleichzeitig vertreten wir jedoch die Auffassung, daß
die Vereinten Nationen verbessert werden müssen.
Organisatorisch müssen ihre friedenssichernden
Operationen effizienter gestaltet und modernisiert
werden. In den kommenden fünf oder zehn Jahren
werden wir mit anderen an der Umgestaltung der
Vereinten Nationen zu der Art von Organisation
zusammenarbeiten, die sehr viel effizienter als jetzt
im Interesse der internationalen Staatengemeinschaft
und der Vereinigten Staaten handelt.
Abschließend möchte ich nur sagen, daß 1995 ein
kritisches Jahr der Herausforderungen wird. Bei
seinem Treffen mit dem neuen Speaker des Repräsentantenhauses und dem neuen Mehrheitsführer
im Senat hat der Präsident ausdrücklich festgestellt,
daß wir zur Zusammenarbeit mit der republikani-

*

Seite 4

*

sehen Mehrheit in diesen beiden Kammern bereit
sind. Wir sind überzeugt, daß es in den kommenden
beiden Jahren die Chance zu ziemlich großem
Konsens zwischen den Demokraten und den Republikanern bei vielen der wichtigen Themen gibt, über
die ich gesprochen habe.
Wie Sie wissen, haben wir im Gegensatz zur Praxis
in vielen Ihrer Länder die Tradition einer Art von
Gewaltenteilung in den Vereinigten Staaten, wobei
die Exekutive in den Händen einer Partei und die
Legislative in den Händen der anderen ist. In diesen
Fällen war zwischen der Exekutive und der Legislative häufig gute Zusammenarbeit bei der Außenpolitik
möglich, und wir sind der Ansicht, daß die Fortsetzung dieser Tradition im nationen Interesse liegt,
und auch das amerikanische Volk diesen Wunsch
teilt.
Ich danke Ihnen.

*

*

AMERIKA DIENST 03

�SOZIALGIPFEL
18.Januar 1995

USA KONZENTRIEREN SICH AUF ARBEITSPLÄTZE,
ARMUT UND FRAUEN
Rede von Staatssekretär Wirth
NEW YORK - (AD) - Der bevorstehende Sozialgipfel der Vereinten Nationen sollte ein globales Forum für
Diskussionen über die Schaffung von mehr und besseren Arbeitsplätzen sein, die Entschlossenheit von
Regierungen zur Bekämpfung der schlimmsten Formen von Armut fördern und die entscheidende
Notwendigkeit unterstreichen, Frauen mehr Entscheidungsbefugnisse zu verleihen, erklärte der Staatssekretär
für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy Wirth, in einer am 10. Januar 1995 vor einer
Gruppe von Religionsvertretern gehaltenen Rede.
Wirth erläuterte, bei der UN-Konferenz sollte ein Informationsaustausch über erfolgreiche Strategien in
Bereichen wie der Schaffung von Arbeitsplätzen vorgenommen und Bilanz gezogen werden, wie gut die
einzelnen Länder bei der Verwirklichung von Zielen abschneiden, die bereits bei anderen internationalen
Zusammenkünften festgesetzt wurden, statt neue Tagesordnungen zu verabschieden, die nicht umgesetzt
werden können, wenn so grundlegende Ziele wie die Bekämpfung der Armut nicht bewältigt werden.
Der offiziell als Weltgipfel über soziale Entwicklung bezeichnete Gipfel findet vom 6 . - 1 2 . März 1995 in
Kopenhagen statt. Ziel des Gipfels ist, die sich verschärfenden Probleme der Armut, Arbeitslosigkeit und
sozialen Unruhen in der Zeit nach dem Kalten Krieg in Angriff zu nehmen.

Es ist mir eine Freude, Ihnen heute morgen im
Vorfeld des Weltgipfels über soziale Entwicklung
meine Gedanken zur sozialen Entwicklung und den
Zielen der Clinton-Administration darlegen zu können.
Dies ist eine Zeit tiefgreifender Veränderungen für
unser Land und die Welt. In der Tat vollzieht sich
der Wandel überall um uns herum - bei den Wahlergebnissen vom November, in der veränderten
Geopolitik der Zeit nach dem Kalten Krieg und in
den Beziehungen zwischen Mensch und Natur.

Staaten und die internationale Staatengemeinschaft
jetzt gegenübersehen, fordern von uns ebenso viel
wie die uns seit 1945 bekannten. Aber die Art,
Vielfalt und Geschwindigkeit, mit der die neuen
Herausforderungen auftreten, diktieren das Verständnis der langfristigen Herausforderungen unserer
Außenpolitik und eine Neubewertung unserer Prioritäten für eine amerikanische Führungsrolle bei der
Bewältigung neuer Tests und der Gestaltung einer
besseren Welt.

Nationen erkennen jetzt allmählich ihre Chancen und
ihre Pflicht, über die Krisen des Augenblicks auf die
zugrundeliegenden Ursachen zu blicken, die die
Welt immer komplexer machen und die Prioritäten
für langfristige nationale Sicherheit und globale
Stabilität neu definieren.

Wie immer besteht unser Interesse in dauerhaftem
Frieden und Wohlstand. Neu sind die diffusen
Trends, die diese Interessen in der Zukunft bestimmen werden, wenn wir die Aufgabe der Regierungsführung an unsere Kinderweitergeben. Diese neuen
Herausforderungen weisen uns den Weg zu tragfähiger Entwicklung - der beim Erdgipfel entstandenen
hehren Idee.

Der Kalte Krieg, der über 40 Jahre die langfristige
Sicherheit definierte, wird schnell zu einer weit
zurückliegenden Ära. An seiner Stelle sehen wir uns
mit einer Reihe unbekannter Herausforderungen in
einer Welt konfrontiert, die sich ebenfalls fast bis zur
Unkenntlichkeit verändert hat. Die Veränderungen
und Entscheidungen, denen sich die Vereinigten

In der Natur ist Wandel nicht neu. Veränderungen
haben sich vollzogen, seit dieser Planet existiert. Für
unsere Atmosphäre und unser Klima waren diese
Veränderungen historisch durch allmähliche, natürliche und tausendjährige Verlagerungen der Chemie,
Biologie und Geologie gekennzeichnet. Wir verstehen nicht alle Aspekte oder Kräfte, die diese

AMERIKA DIENST 03

Seite 1

�langfristigen Veränderungen in der Vergangenheit
herbeigeführt haben. Aber wir verstehen ein Phänomen, das die Natur heute beeinflußt und zu einer
mächtigen Kraft für die Umgestaltung unserer
Umwelt und unseres Planeten geworden ist.
Die Erkenntnis, daß wir kollektiv die Fähigkeit zu
grundlegenden Veränderungen wichtiger ökologischer Systeme haben, erlegt allen Einzelpersonen
eine enorme Last auf, das Konzept und die Konsequenzen tragfähiger Entwicklung zu verstehen.
Bei einer Konferenz in Moskau vor einigen Jahren
erklärte Dean Morton: "Unsere Beziehungen zur
Biosphäre gründen sich nicht dogmatisch auf Eigentum, sondern vielmehr auf das Privileg, in der
Schöpfung Gottes zu leben, und die Verpflichtung,
ihr Hüter zu sein. Die Erde gehört dem Herrn."
Was bedeutet dies für unsere Regierungsstrategie?
Für mich weist diese Erkenntnis zu tragfähiger
Entwicklung, das heißt, die Volkswirtschaften der
Welt - einschließlich unserer eigenen - sollten
versuchen, die Erfordernisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen für
künftige Generationen zu erfüllen. Richtig verstanden und umgesetzt, kann die Idee tragfähiger
Entwicklung die mächtigen wirtschaftlichen und
umweltpolitischen Kräfte integrieren, die in der
heutigen Welt am Werk sind. Es ist ein in der
Erkenntnis der sich gegenseitig verstärkenden Natur
von wirtschaftlichen und umweltpolitischen Fortschritten begründetes Konzept. Ökologische Systeme sind die wirkliche Grundlage der modernen
Gesellschaft - in der Wissenschaft, Landwirtschaft,
bei der sozialen und wirtschaftlichen Planung. Von
unserem ökologischen Kapital zu leben, wird sich
langfristig als ruinöse Wirtschaftsstrategie erweisen.
Gleichzeitig streben die meisten Menschen und
Nationen Wirtschaftswachstum sowie wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt an, die wiederum die unabdingbaren Bausteine umweltpolitischer
Sicherheit sind.
Sicherheit wird jetzt auch im Kontext der menschlichen Sicherheit verstanden. Menschliche Sicherheit betrifft die 1 Milliarde Menschen, die in schlimmster Armut leben. Sie betrifft die 800 Millionen
Menschen, die jeden Tag hungern - und die 240
Millionen Unterernährten. Die 17 Millionen, die jedes
Jahr an Krankheiten sterben, die leicht hätten
verhindert werden können, fallen unter diese Definition von Sicherheit ebenso wie die 1,3 Milliarden
Menschen ohne Zugang zu sauberem Wasser und
die mehr als 2 Milliarden, die keine Kanalisation
haben. Es gibt über 20 Millionen nationale Grenzen
überquerende Flüchtlinge und eine alarmierende

Seite 2

Anzahl innerhalb von Nationen, die voreinander auf
der Flucht sind.
Der Ansatz der Vereinigten Staaten zum bevorstehenden Weltgipfel über soziale Entwicklung und
seine Tagesordnung, Arbeitsplätze zu schaffen, die
Armut zu bekämpfen und soziale Integration herbeizuführen - unter der wir ein Mittel zur Konzentration
auf die Stärkung von Gemeinden verstehen - wurzelt
in unserem Engagement für tragfähige Entwicklung.
Die Aufrechterhaltung der Gesundheit der Menschen,
der Umwelt und der Wirtschaft sollte unseren Rahmen darstellen und bildet die Grundlage unseres
Ansatzes zu dieser Gipfelkonferenz.
In zwei Monaten werden die Vereinten Nationen den
Sozialgipfel in Kopenhagen einberufen. Der erklärte
Zweck des Gipfels besteht in der Förderung der in
der Charta der Vereinten Nationen eingegangenen
Verpflichtung, "die Verbesserung des Lebensstandards, die Vollbeschäftigung und die Voraussetzungen für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt und
Aufstieg" herbeizuführen.
Dies ist ein hehres Ziel, dem sich 170 Nationen mit
der Veranstaltung des Gipfeltreffens verpflichteten.
Die Herausforderung besteht jetzt darin, den Gipfelprozeß und die Dokumente spezifisch genug zu
machen, um ein modernes, umsetzbares Ergebnis
hervorzubringen.
Die Delegation der Vereinigten Staaten arbeitet
darauf hin, den Sozialgipfel auf eine kleine Reihe
wichtiger, praktikabler Ergebnisse zu konzentrieren.
Wir sind der Ansicht, daß der Gipfel ein Erfolg wird,
wenn er im wesentlichen drei Dinge vollbringt:
Erstens, wenn er die globale Diskussion über die
Schaffung von mehr und besseren Arbeitsplätzen
voranbringt.
Zweitens, wenn er die globale Entschlossenheit
bekräftigt und stärkt, die schlimmsten Formen von
Armut in den ärmsten Ländern bis Anfang des
nächsten Jahrhunderts auszumerzen.
Drittens, wenn er die entscheidende Notwendigkeit
unterstreicht, Frauen mehr Entscheidungsbefugnisse zu verleihen.
Ich möchte auf jedes dieser Ergebnisse im einzelnen
eingehen.
Erstens die Schaffung von mehr und besseren
Arbeitsplätzen. Das Ende des Kalten Krieges beendete die globale Diskussion über die relativen Verdienste des kapitalistischen und des kommunistischen

AMERIKA DIENST 03

�Systems. Es beendete jedoch nicht die Diskussion,
warum manche Nationen sehr viel erfolgreicher als
andere bei der Schaffung von Arbeitsplätzen sind.
Im Gegenteil, die dramatischen Veränderungen in
der globalen Wirtschaft erfordern, daß solche Diskussionen fortgesetzt und verlieft werden.
Der Sozialgipfel sollte dem Informationsaustausch
über erfolgreiche Strategien zur Schaffung von mehr
und besseren Arbeitsplätzen dienen und Arbeitslosigkeit abbauen, wie es bei der erfolgreichen
Arbeitsplatzkonferenz von Detroit im vergangenen
Jahr der Fall war. Andere Länder haben viel von
der Fähigkeit zur Schaffung von Arbeitsplätzen der
amerikanischen Volkswirtschaft zu lernen, und wir
wollen aus den Erfolgen anderer Länder lernen. Wir
sind uns bewußt, daß es kein Patentrezept für die
Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit gibt, mit
dem sich viele Länder konfrontiert sehen. Das ist
genau der Grund, warum diese Diskussion fortgesetzt werden muß.
Die Vereinigten Staaten haben mit ihrer Fähigkeit
zur Schaffung von Arbeitsplätzen eine Führungsrolle
in der Welt übernommen. Unsere Volkswirtschaft
hat in den letzten 22 Monaten über fünf Millionen
neue Arbeitsplätze hervorgebracht. Wir haben die
niedrigste Arbeitslosenquote seit vier Jahren. Und
jüngste, vom Arbeitsministerium veröffentlichte
Statistiken belegen, daß 1994 mehr Arbeitsplätze
geschaffen wurden als zu jedem anderen Zeitpunkt
seit 1988. Die amerikanische Volkswirtschaft bringt
mehr Arbeitsplätze hervor und verringert die Arbeitslosigkeit schneller als die Experten für möglich
hielten, und das bei einer anhaltend niedrigen
Inflationsrate. Das sind sehr gute Nachrichten.
Wir hoffen, daß das unmittelbar vor dem Gipfel
stattfindende Treffen als Beispiel für erfolgreiche
Bestrebungen zur Schaffung von Arbeitsplätzen
genutzt wird. Arthur White und seine Organisation Arbeitsplätze für die Zukunft - sind ein erfolgreiches
Beispiel für die tatkräftige Anpassung der Erfordernisse an die Ressourcen.
Die Clinton-Administration ist sich absolut bewußt,
daß die Schaffung von Arbeitsplätzen und der Abbau
der Arbeitslosigkeit allein nicht ausreichen, um
sozialen Wohlstand hervorzubringen.
Ein Großteil der großartigen amerikanischen Mittelschicht hat nicht von den Vorteilen des jüngsten
starken Wirtschaftswachstums profitiert. Arbeitsminister Reich hat vor kurzem das Problem mit
folgenden Worten umrissen: "Die bisherige Mittelschicht ist zu einer besorgten Klasse geworden nicht nur besorgt um die Sicherung ihres Einkommens, sondern auch um den Erhalt ihrer Arbeits-

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plätze und ihrer Krankenversicherung. ... Ein Fünftel
(der Amerikaner), die seit Anfang 1991 einen Vollzeitarbeitsplatz verloren haben, sind immer noch ohne
Arbeit. Und unter denen, die einen neuen Job
gefunden haben, verdient nahezu die Hälfte - 47
Prozent - jetzt weniger als vorher." Warum ist das
so? Zwei Faktoren haben die Regeln neu definiert:
Erstens hat die Technologie Routinearbeitsplätze
abgeschafft oder umstrukturiert, die jetzt von
einem Computer übernommen werden können
und gleichzeitig hochbezahlte Arbeitsplätze aufgewertet, die Problemlösungsfähigkeiten des
menschlichen Gehirns erfordern.
Zweitens gefährdet der globale Wettbewerb die
Arbeitsplätze ungelernter, niedrig bezahlter Arbeiter und belohnt hochqualifizierte Arbeitnehmer.
Die Lösung besteht in der Umsetzung von Strategien,
die den einzelnen ermutigen, sein gesamtes Leben
lang zu lernen und seine Fähigkeiten zu verbessern.
Das ist die Herausforderung für Amerika.
Der
Privatsektor muß dabei die größte Rolle spielen.
Aber der Regierung kommt auch eine beträchtliche
Unterstützungsfunktion zu.
Die Clinton-Administration hat bereits wichtige Schritte unternommen, um auf diese neuen Herausforderungen zu reagieren: Der Einkommensteuerfreibetrag
trägt dazu bei, 16 Millionen Arbeitnehmerfamilien aus
der Armut zu führen, niedrige Zinssätze für Kredite
ermöglichen Studenten den Collegebesuch, durch die
Arbeitslosenversicherung finanzierte Umschulungszentren fördern die berufliche Bildung und neue
Initiativen für eine "Bill of Rights der Mittelschicht"
werden, vorbehaltlich ihrer Verabschiedung durch den
Kongreß, die Steuern der Mittelschicht senken, den
Collegebesuch leichter finanzierbar machen und die
lebenslangen Lernprogramme erweitern. Wir hoffen,
auch die aktuellen Programme zur beruflichen
Bildung im Rahmen der Konzentration auf die Wiederherstellung des Wohlstands für alle Amerikaner
modernisieren und konsolidieren zu können.
Die Vereinigten Staaten vertreten ferner die Auffassung, daß der Sozialgipfel die Bestrebungen zur
besseren Einhaltung zentraler Arbeitsnormen wie das
Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit, Koalitionsfreiheit und das Recht, sich zu organisieren und
Tarifverhandlungen zu führen, sowie Nichtdiskriminierung bei der Beschäftigung fördern sollte.
Unser zweites Ziel ist die Bekämpfung der Armut.
Wir haben den Vorschlag unterbreitet, daß der
Sozialgipfel das internationale Abkommen des
Weltgipfels über Kinder von 1990 und andere internationale Treffen zur Bekämpfung der schlimmsten

Seite 3

�Formen der Armut in unserer Welt bis Anfang des
nächsten Jahrhunderts weiter festigt.
Unseres Erachtens ist der Sozialgipfel der Ort für
alle Regierungen, internationalen und nichtstaatlichen Organisationen (NGOs), sich erneut zu den
globalen Bestrebungen zur Behebung gravierender
Unterernährung, der Bereitstellung medizinischer
Grundversorgung, der Förderung von universellem
Zugang zu sicherer und freiwilliger Familienplanung
und reproduktiven Gesundheitsdiensten zu verpflichten sowie der Bekämpfung des Analphabetentums, der Versorgung mit sauberem Trinkwasser
und dem Bau von Kanalisation für alle. Dies sind
die Grundvoraussetzungen für die Bekämpfung der
Armut.
Unserer Ansicht nach sollten die Regierungen und
internationalen Organisationen in Kopenhagen
vereinbaren, daß die Bekämpfung der schlimmsten
Formen der Armut eine so entscheidende Priorität
ist, daß sie besondere Anstrengungen zur Förderung und zum Schutz der Fortschritte bei der Erlangung dieser Ziele unternehmen.
Bei früheren UN-Konferenzen haben wir eine Reihe
ehrgeiziger Ziele festgesetzt - wir wollen unsere
Fortschritte überprüfen - statt neue Tagesordnungen
zu formulieren, die gut klingen mögen, aber nicht
verwirklicht werden, solange so grundlegende Ziele
wie die Bekämpfung der Armut unerreichbar bleiben.

Entwicklungsbanken auf die Förderung tragfähiger
Entwicklung. Wir streben konzertierte Aktionen der
multilateralen Entwicklungsbanken an, um die Armen
zu erreichen und in einen offenen Prozeß einzubinden.
Ebenso wie die Dokumente für den Sozialgipfel
konzentriert sich unser Vorschlag zur Bekämpfung
der Armut auf die Notlage der Ärmsten in den ärmsten Ländern und ist daher für Afrika südlich der
Sahara von besonderer Bedeutung. Wir sind bereit,
im Zusammenhang mit dem Sozialgipfel andere
Maßnahmen für Afrika zu erörtern.
Bei dem Sozialgipfel müssen auch Bestrebungen zur
Verminderung der Armut in allen Ländern erörtert
werden. Die beim kürzlich veranstalteten AmerikaGipfel abgegebene Grundsatzerklärung stellt fest:
"Es ist politisch untragbar und moralisch nicht akzeptabel, daß einige Schichten unserer Bevölkerungen
ausgegrenzt werden und keinen vollwertigen Anteil
an den Vorteilen des Wachstums haben." Der
Schlüssel zur Bekämpfung der Armut in allen Ländern ist der allgemeine Zugang zu Bildung und
Ausbildung, bessere Beschäftigungsmöglichkeiten,
gerechter Zugang zu grundlegender Gesundheitsfürsorge, Stärkung der Rolle der Frau in der Gesellschaft und Förderung produktiver, leistungsfähiger
Unternehmen, einschließlich kleinerund mittelständischer Unternehmen.

Wir ermutigen auch die multilateralen Entwicklungsbanken und andere Geber zur Errichtung eines
Sicherheitsnetzes mit einer klaren Zielgruppe, um
die am stärksten Betroffenen vor den negativen
Auswirkungen erforderlicher Anpassungen zu
schützen. Ferner sollten sie Kredite zur Unterstützung der Anpassungsbestrebungen mit effektiven
Investitionen zum Nutzen der Armen ergänzen.

Wir sind uns bewußt, daß wir das, was wir weltweit
propagieren, auch vor unserer eigenen Haustüre
praktizieren müssen. Die Clinton-Administration setzt
sich für die Verminderung der Armut in den Vereinigten Staaten durch kreative Kombinationen von
Wohnungsrenovierungen, Bildung, Ausbildung und
berufliche Bildung sowie Initiativen zur Verbrechensbekämpfung ein. Auf diesen Gebieten sollte die
Bundesregierung in zunehmendem Maße mit den
Regierungen der Bundesstaaten und den Kommunalverwaltungen zusammenarbeiten. Die besten Aktionen dieser Art bauen auf den Gemeinden auf, für
deren Stärkung sie sich einsetzen - ebenso wie die
weltweite Arbeit religiös motivierter nichtstaatlicher
Organisationen. Wir verbessern das Leben von
Kindern durch die Initiative zur Impfung von Kindern.
Wir fördern die Kinderbetreuung und erweitern und
verbessern die Qualität von Head Start. Kleinunternehmen, Schwangerschaften unter Teenagern und
Ökonomie der Innenstädte sind Bereiche, in denen
wir noch viel zu lernen haben. Wir hoffen, daß wir
auch aus den von anderen erzielten Erfolgen Lehren
ziehen können.

Die Clinton-Administration engagiert sich für die
Zusammenarbeit mit anderen Ländern zur Stärkung
des Einflusses von Operationen der multilateralen

Unser drittes Ziel ist es, den Frauen mehr Entscheidungsbefugnisse zu geben. Dieses Thema war von
Anfang an die Grundlage der Politik dieser Admini-

Unser Vorschlag spricht auch die zentrale Rolle an,
die internationale Finanzinstitutionen dabei spielen,
den Ländern bei der Schaffung des für die Bekämpfung der Armut erforderlichen Wirtschaftswachstums
behilflich zu sein.
Wirtschaftliche Anpassung sollte so geplant werden,
daß sie den Menschen an die erste Stelle setzt. Wir
erwarten, daß die Regierungen und internationalen
Finanzinstitutionen vorrangig Maßnahmen ausmachen und abschaffen, die den Armen schaden und
statt dessen Maßnahmen fördern, die die Erwerbsfähigkeit der Armen verbessern.

Seite 4

AMERIKA DIENST 03

�stration - von der Wiener Menschenrechtskonferenz
im Jahr 1993 bis zur internationalen Kairoer Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung 1994.
Vermehrte Entscheidungsbefugnisse für Frauen sind
so entscheidend für den Erfolg sozialer Entwicklung,
daß diese Aufgabe in der beim Gipfel abgegebenen
Erklärung als besondere Verpflichtung hervorgehoben wird. Dieses Thema verbindet die Kairoer
Konferenz mit dem Sozialgipfel und der für diesen
September anberaumten Vierten Weltkonferenz über
Frauen.
Die Gewährleistung einer umfassenden Mitwirkung
von Frauen in Politik und Wirtschaft steht im Einklang mit einer Vielzahl weltweit angestrebter Ziele Frieden, Wohlstand, Umweltschutz und Stabilisierung
des Bevölkerungswachstums.
Frauen sind die
globalen Mittler des in allen diesen Bereichen erforderlichen Wandels. Die Förderung der sozialen,
politischen und wirtschaftlichen Rechte von Frauen

Früher vollzogen sich unsere Beziehungen von
Hauptstadt zu Hauptstadt, was ich als die "Nabe-undSpeichen"-Regierungsmethode bezeichnen würde.
Washington war die Radnabe, die Speichen verbanden es mit anderen Hauptstädten - Delhi, Seoul,
Lagos - und diese Speichen stellten die Wirtschaftsverbindungen der Nationen dar.
Dies hat sich grundlegend gewandelt.
Unsere
heutige Regierungsmethode ist viel komplizierter
geworden und nähert sich einem Muster an, das ich
als auf- bzw. abwärtsgerichtete Beziehungen bezeichnen würde:
Aufwärtsgerichtet zu komplexeren, multinationalen
Institutionen und
abwärts auf eine Reihe von Basis- und nichtstaatlichen Organisationen auf Gemeindeebene
gerichtet.

sowie die Erweiterung unseres Engagements für die

Ausbildung von Frauen, die Reduzierung der Kindersterblichkeit sowie eine sichere Schwangerschaft
tragen zur weltweiten Stabilisierung bei. Der Ertrag
dieser Initiativen im Hinblick auf Stabilität, Umweltschutz und wirtschaftliche Produktivität wird die
Kosten für jede Generation bei weitem aufwiegen.
Die Vereinigten Staaten haben die Erhöhung der
Entscheidungsbefugnisse von Frauen zur einem
Hauptziel ihrer Entwicklungshilfe gemacht. Wir
wissen beispielsweise, daß Bildung und Ausbildung
junger Mädchen von essentieller Bedeutung für
Entwicklung sind, und daß in allzuvielen Ländern
eine tiefe Kluft zwischen den Bildungsmöglichkeiten
von Jungen und Mädchen besteht. Die vom Amt für
internationale Entwicklung (U.S. Agency for International Development - USAID) geförderten Programme zielen in zahlreichen Ländern darauf ab,
diese Lücke zu schließen.
Eine Erhöhung der Entscheidungsbefugnisse von
Frauen stand im Mittelpunkt unserer Teilnahme an
der internationalen Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung vom letzten Jahr. Wir werden uns auch
bei der für den kommenden September anberaumten Weltkonferenz über Frauen bemühen, eine
Führungsrolle zu übernehmen. Und beim Sozialgipfel sollte unsere kollektive Unterstützung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rechte von
Frauen bekräftigt werden.
Ich möchte auch noch kurz auf den institutionellen
Hintergrund dieser bedeutenden Tagesordnung
eingehen. Ebenso wie die wirtschaftlichen und
politischen Institutionen auf der ganzen Welt durchlaufen auch unsere Regierungsinstitutionen einen
grundlegenden Veränderungsprozeß.

AMERIKA DIENST 03

Unsere Probleme machen nicht vor Grenzen halt:
Die globale Erderwärmung. In einem Land dient
Kohle als Brennstoff, was zu erhöhten Kohlendioxidemissionen sowie einer Erwärmung der Erde
führt.
Bevölkerung. In Osteuropa findet eine politische
Revolution statt, und im gesamten Westen werden
die Flüchtlingsgesetze geändert.
Drogenhandel. Im Goldenen Dreieck wird Mohn
angepflanzt, und in der ehemaligen Sowjetunion,
in Afrika und der Karibik werden die Regierungen
mit Drogengeldern bestochen.
Wir müssen uns in zunehmendem Maße im Rahmen
internationaler Institutionen auf weltweite Zusammenarbeit und die Fähigkeit zur Lösung dieser Probleme
stützen: Das Drogenkontrollprogramm der Vereinten
Nationen (United Nations Drug Control Program UNDCP), den Bevölkerungsfonds der Vereinten
Nationen (United Nations Population Fund) unter
Nafis Sadik und das von Gus Speth geleitete Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United
Nations Development Programme - UNDP).
Die Vereinten Nationen müssen ihre inneren Reformen fortsetzen und eine Umgestaltung im Einklang
mit der heutigen Zeit vornehmen.
Der Sozialgipfel kann dazu beitragen, den im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (United
Nations Economic and Social Council - ECOSOC)
dringend erforderlichen Reformprozeß voranzutreiben. Es ist von entscheidender Bedeutung, daß in
dem Forum, in dem innerhalb der Vereinten Nationen

Seite 5

�T

die meisten Fragen sozialer Entwicklung erörtert
werden, der Reformprozeß - der in die richtige
Richtung weist, jedoch noch einen langen Weg vor
sich hat - in Kopenhagen gefördert wird.

Intrauterinpessars oder Entwicklung eines Buchführungssystems - ist eher im privaten, nichtstaatlichen Bereich zu finden als in der staatlichen
Bürokratie.

Der UNO-Generalsekretär hat in seiner Agenda für
Entwicklung den Vorschlag der Ausarbeitung eines
allgemeinen Rahmens für die Veranstaltung von
Folgekonferenzen größerer UN-Konferenzen unterbreitet. Er schlug vor, die auf diesen Konferenzen
vereinbarten Zielsetzungen sollten "harmonisiert, mit
einem Kostenvoranschlag versehen, nach Prioritäten
geordnet und mit einem vernünftigen Zeitplan für
ihre Umsetzung versehen werden". Wir stimmen
dem zu.

Es gibt eine Vielzahl von Beispielen für diese Evolution in Richtung der Basis:

Die Folgekonferenzen dieser und anderer Veranstaltungen der Vereinten Nationen sollten sorgfältig
überwacht werden. Dor Wirtschafts- und Sozialrat
sollte die Umsetzung des Aktionsprogramms des
Gipfels prüfen und bewerten, den Prüfungsstellen
zur Seite stehen und gegenüber der UN-Generalversammlung Empfehlungen für eine mögliche Verbesserung der kollektiven Reaktion auf die beim Gipfel
gefaßten Beschlüsse aussprechen.
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß im Kongreß
und in der amerikanischen Öffentlichkeit viele eine
extrem skeptische Einstellung gegenüber den Möglichkeiten der Vereinten Nationen haben, mehr zu
tun als Debatten zu führen und Konferenzen zu veranstalten. Wir müssen hart gegen diese Skepsis
ankämpfen, um diese Bürokratie beschneiden und
sichergehen zu können, daß die Vereinten Nationen
sich der von uns bewilligten Gelder und Unterstützung würdig erweisen, die in einer sich schnell
wandelnden Welt nötig sind.
Ebenso wie Druck von unten das Regieren erschwert, gilt das auch für Druck von oben. Der
Prozeß wurde durch mehrere Kräfte zunehmend
horizontal:
Das Streben nach Demokratie und Selbstverwaltung sowie zunehmend fähigere und deutlichere Strömungen zum Ausdruck ethnischer und
religiöser Überzeugungen.
Moderne Kommunikations- und Verkehrssysteme,
damit die Menschen erfahren, was andernorts
geschieht und die ihnen gestatten, miteinander in
Verbindung zu treten, Informationen auszutauschen und es den Regierungen schwierig, wenn
nicht unmöglich machen, ihre Bürger zu isolieren.
Die Vielschichtigkeit der Fragen und der erforderlichen Institutionen - die Expertise zur Messung
von Kohlendioxidemissionen, Einsetzen eines

Seite 6

Beim Erdgipfel in Rio wurden die Agenda für
Klimawandel, Artenvielfalt und der Großteil der
Agenda 21 von Fachleuten aus dem Privatsektor
entwickelt. Obwohl über 100 Staatsoberhäupter
an dem Gipfel teilnahmen, waren die Helden von
Rio die nichtstaatlichen Organisationen, über die
mehr als 9.000 Journalisten aus der ganzen Welt
berichteten.
Diese Erfahrung wiederholte sich bei der Menschenrechtskonferenz 1993, bei der die nichtstaatlichen Organisationen (die ein Stockwerk
unter den Regierungsvertretern tagten) die wichtigsten Themen identifizierten. Sie waren Auge,
Ohr und Lobbyisten fortschrittlicher Delegationen
wie unserer eigenen und retteten meines Erachtens die Konferenz und das weltweite Engagement für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.
Dasselbe geschah im Vorfeld der Kairoer Bevölkerungskonferenz, bei der Frauen aus der ganzen
Welt die Bedingungen und den Rahmen änderten,
innerhalb deren die Staaten die schwierige Debatte über Bevölkerung und Entwicklung führen.
Ich vermute, daß die chinesische Regierung viel
über Demokratie lernen wird, wenn sie im September in Peking Gastgeber der Vierten Weltkonferenz über Frauen ist, an der Vertreter von
schätzungsweise 20.000 nichtstaatlichen Frauenorganisationen teilnehmen werden.
Die nichtstaatlichen Organisationen leisten ihren
größten Beitrag als Förderer der Entwicklung auf
kommunaler Ebene. Bereits 13 Prozent der Auslandshilfe stammen von NGOs, und es wird erwartet,
daß diese Zahl weiter steigt. Die NGOs sind aber
mehr als nur ein Kanal für kostengünstige Hilfe. Was
wir beispielsweise alle mit der Auslandshilfe des Amts
für internationale Entwicklung erzielen wollen - daß
sie die wirklich Bedürftigen erreicht und ihr Leben
tatsächlich und dauerhaft verändert - erfordert die
Sensibilität, Begeisterungsfähigkeit und nicht zuletzt
Kreativität, die von der Basis ausgehen kann.
Abschließend möchte ich Präsident Clinton zitieren,
der in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung
im September vergangenen Jahres den Optimismus
zeigte, der auf dem Sozialgipfel herrschen sollte. Er

AMERIKA DIENST 03

�erklärte: "Das Ende des Kalten Krieges, die Explosion in den Bereichen Technologie, Handel und
Wirtschaft haben den Menschen auf der ganzen
Welt eine neue Chance gegeben, ihre Träume zu
verwirklichen und ihr von Gott gegebenes Talent zu
entfalten. Dies ist ein Zeitalter der Hoffnung."
In der letzten Dekade dieses Jahrtausends haben
wir die Macht und enorme Verantwortung, den
Wandel zum Nutzen der Vereinigten Staaten und der
gesamten Welt zu gestalten. Tragfähige Entwicklung
- um noch einmal aufzugreifen, was ich eingangs

*

AMERIKA DIENST 03

sagte - stellt ein Organisationsprinzip dar, das unserer gemeinsamen Bestrebungen und gemeinsamen
Sache wert ist. Ich weiß, daß Sie alle diesem Ziel
verpflichtet sind. Wenn wir zusammenarbeiten, sind
unsere Talente, Energie und Macht mehr als angemessen für die Herausforderungen und betroffenen
Institutionen. Wir wollen alle sicherstellen, daß
unsere Aktionen, einschließlich der beim Sozialgipfel,
die Menschen auf der ganzen Welt diese Chancen
erkennen lassen. Wie im Talmud geschrieben steht:
"Der Tag ist kurz und es gibt viel Arbeit."

* * *

*

Seite 7

�USA

-DEUTSCHLAND
18.Januar 1995

Deutsch-amerikanische Beziehungen
unter veränderten Vorzeichen
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der vom Gesandten der Amerikanischen
Botschaft, J.D. Bindenagel, am 18. Januar 1995 vor dem Collegium Humanum in Bonn gehaltenen Rede.

Sehr geehrte Damen und Herren,

gration in die wichtigsten Institutionen des Westens
erreichte.

es ist mir eine große Freude, heute abend mit Ihnen
über die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu
sprechen. Ich danke Ihnen für die Einladung, eine
Rede vor dem Collegium Humanum halten zu dürfen
- einer renommierten Akademie, an der Themen des
öffentlichen Lebens erörtert werden. Ich bin inzwischen zum fünften Mal nach Deutschland versetzt
worden, worüber ich mich allerdings nicht beklage.

Zweifel an der Verläßlichkeit der Deutschen bestanden bei uns nicht. Die parlamentarische Demokratie
in der Bundesrepublik hatte sich als belastbar erwiesen und war von der deutschen Bevölkerung angenommen worden. Die Integration in die westliche
Staatengemeinschaft war geglückt; Deutschland hatte
sich als zuverlässiger Partner im Atlantischen Bündnis erwiesen.

Einleitung

Und was insbesondere für die europäischen Partner,
aber auch für uns von Bedeutung war: Die politische
Elite dieses Landes hat die Risiken von "Sonderwegen" gemieden. In der "Stunde der Wahrheit",
während des Einigungsprozesses, hat die Bundesregierung souverän an den Grundüberzeugungen
festgehalten, die den Aufbau der Bundesrepublik
nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmten und die
erfolgreiche Rückkehr in die zivilisierte Staatengemeinschaft letztlich möglich gemacht haben.

Als ich nach Deutschland zurückkehrte, fiel mir auf,
wie grundlegend die Ereignisse zwischen 1989 und
1991 unsere Welt verändert haben. Es wird nie
wieder wie früher sein. Das ist die Herausforderung
für die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Als
die DDR 1989 zusammenbrach, war ich Gesandter
der amerikanischen Vertretung in Ost-Berlin und
konnte so hautnah mitverfolgen, wie das Regierungs- und Parteisystem von seinen Bürgern hinweggefegt wurde. Die Geschwindigkeit, mit der dies
geschah, war schlichtweg umwerfend. Der damalige
amerikanische Botschafter in Bonn, Vernon Walters,
gehörte zu den wenigen, die die deutsche Vereinigung kommen sahen, was wir in der DDR nur
ahnen konnten. Mein Land hat frühzeitig die Chancen dieser Umwälzung erkannt und die Bundesregierung unter Kanzler Kohl bei der Realisierung
der äußeren Einheit nachhaltig unterstützt.
Die Vereinigten Staaten sahen die deutsche Einheit
als das natürliche Ergebnis einer beständigen Politik,
die den freien Teil Deutschlands in die westliche
Wertegemeinschaft zurückführte und die feste Inte-

AMERIKA DIENST 03

Die Veränderungen in Zentral- und Osteuropa in den
Jahren 1989 bis 1991 haben das internationale
System grundlegend verändert. Nach Glasnost und
Perestroika, nach dem Fall der Mauer, dem friedlichen Umbruch in den Staaten des ehemaligen
Ostblocks und dem Ende der Sowjetunion stehen wir
nun vor neuen Herausforderungen. Herausforderungen, die sich nicht von alleine lösen werden und die
schwierige Fragen aufwerfen.
Die epochalen Veränderungen am Ende dieses
Jahrhunderts lassen schon jetzt darauf schließen,
daß wir uns anstrengen müssen, wenn wir deren
Folgen entsprechend unseren Wertvorstellungen und
Prinzipien gestalten wollen.

Seite 1

�Mit der Vereinigung stellt sich für die Deutschen die
Frage nach ihrer nationalen Identität. Wie kann ein
Volk, das unter verschiedenen staatlichen Formen
nebeneinander exisitierte, zusammenkommen?
Welche Rolle wird das vereinte Deutschland auf der
internationalen Bühne in Brüssel, New York und
weltweit spielen?
Die erste Frage über die deutsche Identität muß und
wird natürlich von den Deutschen beantwortet werden. Die vielfach vernommene Feststellung, das
vereinte Deutschland sei mehr als eine geographisch
erweiterte Bundesrepublik, ist zutreffend. Deutschland hat mit der Erlangung der Einheit an Gewicht
und Bedeutung zugenommen. Daran knüpfen sich
einerseits Befürchtungen, anderseits Erwartungen,
wie Deutschland damit umgeht und welche Auswirkungen dies auf die europäischen Nachbarn hat.
Erst wenn die innere Einheit vollendet ist, wird sich
allerdings zeigen, wie sich Deutschland in seiner
neuen Rolle zurecht findet, wie es mit seiner Vergangenheit umgeht und ob es neue außenpolitische
Prioritäten setzt.
Wir Amerikaner erkennen die Schwierigkeiten an, die
mit der Vereinigung entstanden sind und deren
Lösung noch geraume Zeit und erhebliche Kraftanstrengungen nach sich ziehen wird. Hinsichtlich
des Zusammenwachsens der Deutschen sind aber
in den letzten Jahren enorme Erfolge erzielt worden.
Für viele junge Leute ist die vierzigjährige Teilung
nur noch Geschichte. Und die Begriffe "Ost" und
"West" werden wieder das, was sie ursprünglich
waren: geographische Richtungsweiser. Für uns
hat Deutschland eine Schlüsselrolle bei der Bewahrung des Friedens, der Stabilität und Sicherheit in
Europa eingenommen.
Ich sehe noch vor mir, wie Präsident Clinton und
Bundeskanzler Kohl im Sommer letzten Jahres
gemeinsam durch das Brandenburger Tor schritten.
Und zwar von West nach Ost, um dadurch zu
dokumentieren, daß zwar die Herausforderungen
aus dem Osten kommen, aber der Westen den
nötigen Rückhalt bereitstellt.
In seiner Rede hat denn auch Präsident Clinton das
amerikanische Vertrauen in das deutsche Volk
hervorgehoben, indem er sagte: "Wir stehen an
Ihrer Seite, jetzt und für immer."
Damit hat er die Zweifel jener in- und ausländischen
Kommentatoren beseitigt, die angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der Vertiefung
und Erweiterung der Europäischen Union die These
vertraten, die Vereinigten Staaten würden sich
demnächst aus Europa zurückziehen. Dies kann

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weder im amerikanischen, noch im deutschen oder
europäischen Sinne und Interesse sein.
Wir bilden eine Wertegemeinschaft, die nicht leichtfertig zur Disposition gestellt werden sollte, nachdem
sich einige grundlegende Strukturveränderungen im
internationalen System ergeben haben. Wie wichtig
"Europa" für die Vereingten Staaten ist, kann man
auch an der Häufigkeit der Präsidentenbesuche
ablesen. Im vergangenen Jahr war Präsident Clinton
viermal in Europa und hat dabei zehn Ländern einen
Besuch abgestattet. Die Vereinigten Staaten verstehen sich nach wie vor als eine europäische Macht,
die ihren Beitrag zur Bewahrung der Stabilität, der
Sicherheit und des Friedens leistet.
Strategische Beziehungen
Aber lassen Sie mich noch einen weiteren Aspekt zu
Deutschlands Rolle in der Welt hinzufügen. Ich
glaube, daß die Deutschen heute vor einer einmaligen Chance stehen. Sie haben nämlich die Möglichkeit, zum ersten Mal ihre geographische Lage als ein
Element der Integration des bisher geteilten Kontinents zu nutzen. Deutschland ist der Ort, an dem
sich der Osten mit dem Westen trifft. Und wir unterstützen Deutschland bei dieser Aufgabe. Die Vereinigten Staaten teilen mit Ihnen die Besorgnis über
die Entwicklung in Rußland und den GUS-Staaten.
Unser Interesse darf trotz der gegenwärtigen Umstände nicht nachlassen, demokratische Verhältnisse
zu fördern und den gesellschaftlichen wie auch
wirtschaftlichen Umbau zu fördern. Stabilität und
Sicherheit in diesem geographischen Raum ist für
uns alle von überragender Bedeutung. Das immense
Nuklearwaffenpotential der ehemaligen Sowjetunion
darf nicht zu einer erneuten Bedrohung für Europa
oder andere geographische Räume werden. Zusammen mit anderen demokratischen Regierungen
wollen wir sicherstellen, daß dies nicht geschieht.
Dennoch muß man erfreulicherweise konstatieren,
daß sich mit dem Ende des Kalten Krieges die
Rahmenbedingungen unserer bilateralen Beziehungen verändert haben. Mein Land muß nicht länger
die territoriale Integrität der Bundesrepublik vor
sowjetischen Bedrohungen schützen; sie ist nicht
mehr gefährdet.
In diesem Zusammenhang möchte ich einige Worte
zur anhaltenden Diskussion über die Rolle der NATO
sagen. Die transatlantische Wertegemeinschaft hat
sich bewährt. Darüber besteht kein Zweifei! Sie ist
nicht, wie vielfach nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion angenommen worden war, auseinandergefallen. Sie war eben kein Kind des Kalten
Krieges, sondern Teil des jahrhundertealten kulturel-

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�len Beziehungsgeflechts zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa.
Sie ist während der Jahrzehnte der externen Bedrohung gereift, weil die beteiligten Staaten darin
auch eine Chance sahen, friedliche und stabile
Beziehungen zu entwickeln. Sie bilden heute das
Fundament, auf dem der Westen den osteuropäischen Ländern entgegenkommen kann.
Militärische Zusammenarbeit, wie sie in der NATO
abläuft, ist ein wirksames Korrektiv, das vor einer
Renationalisierung unserer Verteidigungsanstrengungen schützt. Wir halten an dieser militärischen
Zusammenarbeit fest, weil sie sich als gewinnbringend für alle Beteiligten erwiesen hat. Wir haben
nach dem Zweiten Weltkrieg unsere Lektion gelernt:
Europas Sicherheit ist auch unsere Sicherheit. Die
Vereinigten Staaten werden deshalb auch künftig
circa 100.000 Mann in Europa stationieren, einen
Großteil davon in Deutschland. Obwohl sich die Art
und Weise, wie wir Sicherheit erzielen, verändert
hat, bleibt doch die Zielsetzung gleich: Sicherheit
bedeutet nach wie vor Frieden in Freiheit.
Mit dem Aufbrechen der Blockstruktur begann nicht
das "Ende der Geschichte", wie der amerikanische
Autor Fukuyama meinte. Wir mußten zu unserer
Überraschung feststellen, daß eine Unzahl von
nationalen und ethnischen Konflikten neu aufbrachen, nachdem der Druck der kommunistischen
Regime beseitigt war.
Vertreibung, ethnische
Säuberungen, Kriege, Stammesauseinandersetzungen und endlose Menschenrechtsverletzungen
waren die Folge. Wie aber auf solche Konflikte
reagieren?
Die Entscheidung, in einem derartigen Konflikt zu
intervenieren, sei es nun aus humanitären Gründen
oder aber, um die Konfliktparteien zu Verhandlungen
zu zwingen, ist nicht leicht zu treffen. Deutschland
hat eine schwierige Geschichte, und die Frage, ob
Deutschland sich an Auslandseinsätzen beteiligen
soll, bestimmt noch immer die politische Diskussion.
Das Bundesverfassungsgericht hat im Juli letzten
Jahres entschieden, daß Auslandseinsätze der
Bundeswehr möglich sind. Die diversen Einsätze in
Kambodscha, Somalia und Ruanda sowie die
Beteiligung an der Überwachung der UNO-Sanktionen gegenüber dem ehemaligen Jugoslawien
erfolgten nicht nur in einem rechtlich einwandfreien
Rahmen, sondern auch in der Erkenntnis, daß
Deutschland als souveräner Staat - wie andere
Staaten auch - Verantwortung zu tragen hat. Verantwortung gegenüber jenen, die zu Opfern einer
gewalttätigen Politik werden.

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Ich will hier keiner Überbewertung der militärischen
Dimension das Wort reden, doch gibt es Situationen,
die einen Einsatz von Streitkräften erforderlich
machen, um den politischen Zielen zum Durchbruch
zu verhelfen. Um Friedrich den Großen zu zitieren:
"Diplomatie ohne Schwert ist wie Musik ohne Instrumente."
Die unvoreingenomme Wahrnehmung von Rechten
und von Pflichten ist natürlich auch die Voraussetzung für Deutschlands Ansinnen, einen festen Sitz im
Sicherheitsrat der UNO zu erhalten. Wir unterstützen
dieses Vorhaben, weil wir Vertrauen in die politische
Stabilität der Bundesrepublik Deutschland haben.
Vertrauensbildung kann auch durch militärische
Zusammenarbeit erfolgen, wie wir vielfach erfahren
haben. Mit dem Programm Partnerschaft für den
Frieden werden wir nun auch mit den Staaten des
ehemaligen Warschauer Pakts die militärische
Zusammenarbeit praktizieren. Seit das Programm im
Januar letzten Jahres von der NATO verabschiedet
worden ist, sind über 23 Staaten dem Kooperationskonzept beigetreten.
Partnerschaft für den Frieden ist das Angebot der
NATO, einen institutionalisierten Rahmen zu schaffen,
in dem sich die ehemals kommunistischen und
andere interessierte Staaten gemeinsam an militärischer Planung, Ausbildung und Übungen beteiligen
können. Damit wird die Rolle von Streitkräften in
demokratischen Regierungssystemen und deren zivile
Kontrolle deutlich gemacht.
Letztlich trägt das
Programm dazu bei, die Aufnahme neuer Mitglieder
in die NATO vorzubereiten.
Auf dem KSZE-Gipfel vor einem Monat in Budapest
hat Präsident Clinton erklärt, die NATO-Erweiterung
werde die Sicherheit aller europäischen Staaten
erhöhen, "denn das Bündnis ist eine defensive
Organisation". Bei der Erweiterung der NATO geht
es eben nicht um die Schaffung eines neuen Gleichgewichts oder die Rivalität zweier Machtblöcke,
sondern die Verwirklichung eines europaweiten
Friedens in Freiheit. Es sollen keine neuen Abgrenzungen durch Europa gezogen werden.
Darüber hinaus muß die Zusammenarbeit im Rahmen
der KSZE bzw. OSZE - wie sie inzwischen heißt intensiviert werden. Wir glauben - und Präsident
Clinton hat das in seiner Budapester Rede hinreichend deutlich gemacht - daß wir die Wirksamkeit der
OSZE in den Bereichen Konfliktverhütung und Schutz
von Minderheiten verbessern können.
Wirtschaftliche Partnerschaft

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�Aber Sicherheit und Freiheit werden nicht allein
durch militärische Vorsorge und diplomatische
Zusammenarbeit garantiert, sondern auch durch
wirtschaftliche Prosperität und demokratische Strukturen. Dementsprechend verfolgen wir die evolutionäre Einbindung der osteuropäischen Staaten in
Institutionen wie die neue Welthandels-Organisation
(WTO), die OECD und auch die Europäische Union.
Das Angebot der Europäischen Union auf ihrem
Gipfeltreffen in Essen, die mittel- und osteuropäischen Staaten aufzunehmen, ist ein wichtiger Schritt
in die richtige Richtung. Das heißt aber auch, daß
wir unsere Märkte für Exporte aus dieser Region
öffnen müssen.
Wirtschaftliche Erwägungen spielen aber nicht nur in
diesem überregionalen Kontext eine große Rolle,
sondern haben auch im bilateralen Verhältnis
Deutschland - Vereinigte Staaten einen prominenten
Platz eingenommen. Zusammen mit dem kulturellen
Austausch haben die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen nach dem Ende des Kalten Krieges
eine Renaissance erlebt.
Die Clinton-Administration hat die Verbesserung der
Außenwirtschaftsbeziehungen zu einer "top priority"
der amerikanischen Außenpolitik erklärt. Dies ist
eine Folge der Erkenntnis, daß die wirtschaftliche
Stärke eines Landes zum Maßstab seiner Machtposition geworden ist.
Während des Kalten Krieges hat sich das freie
Europa zu einem wirtschaftlichen Konkurrenten
entwickelt, der uns neben Japan am stärksten die
Märkte streitig macht. Deutschland und die Vereinigten Staaten sind Handelspartner und konkurrieren auf dem Weltmarkt miteinander. Beide ziehen
aber an einem Strang, wenn es um den freien
Welthandel geht, die Öffnung von neuen Märkten,
fairen Wettbewerb und Deregulierungsmaßnahmen.
Beide Staaten haben intensiv an dem neuen GATTAbkommen gearbeitet. Um so wichtiger ist es,
Streitigkeiten zwischen den Handelspartnern zu
vermeiden, um nicht die schwierigen konjunkturell
und strukturell bedingten Anpassungsprozesse der

jeweiligen Volkswirtschaften zu behindern.
Der amerikanische Handelsminister Brown hat einen
6 Punkte umfassenden Plan vorlegt, wie sich die
europäisch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen
zum beiderseitigen Vorteil entwickeln sollten: Dazu
gehören erstens verstärkte und uneingeschränkte
Handels- und Investitionstätigkeit. Zweitens eine
enge europäisch-amerikanische Zusammenarbeit in
der WTO. Drittens eine beschleunigte Integration
der osteuropäischen Volkswirtschaften in den Weltmarkt. Viertens die Konzentration auf potentielle
Wachstumsmärkte in den Entwicklungsländern.

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Fünftens die Förderung der Informationstechnologie
zum Nutzen breiter Bevölkerungsschichten und
sechstens die Realisierung einer neuen amerikanischen Exportstrategie für den europäischen Binnenmarkt.
Von einer vertieften ökonomischen Zusammenarbeit
sowie der Öffnung neuer Märkte können sowohl
amerikanische Firmen wie auch deutsche und europäische Unternehmen profitieren. Letztlich profitieren
die Verbraucher von besseren Produkten zu niedrigeren Preisen.
Die deutsch-amerikanischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen sind in den letzten Jahren stetig
gewachsen. Die amerikanischen Direktinvestitionen
in Deutschland sind im internationalen Vergleich die
höchsten; andererseits investieren deutsche Unternehmen am meisten in den Vereinigten Staaten.
Viele amerikanische Firmen haben in Ostdeutschland
investiert und Arbeitsplätze geschaffen. Mittlerweile
sind rund 600.000 Deutsche in amerikanischen
Unternehmen tätig, während deutsche Firmen schätzungsweise eine halbe Million Amerikaner beschäftigen.
Die amerikanischen Investitionen in Ostdeutschland
erfolgten nicht nur aus primär ökonomischem Interesse. Natürlich steht das "Geld verdienen" bei den
Unternehmen im Vordergrund, aber nicht ausschließlich. Wir hatten im letzten Herbst in Leipzig zu einer
Wirtschaftskonferenz geladen, um einmal aus erster
Hand zu erfahren, welche Gründe für die amerikanischen Firmen entscheidend gewesen sind, um sich in
Ostdeutschland wirtschaftlich zu engagieren. Bei
diesem hochkarätigen Erfahrungsaustausch wurde
sehr schnell deutlich, daß auch gesellschaftspolitische
Motive bei diesen unternehmerischen Entscheidungen eine Rolle spielten.
Die Aufbauleistung von John Noble, dessen Vater in
den dreißiger Jahren eine Kamerafirma in Deutschland gegründet hat, ist ein gutes Beispiel für das
persönliche Engagement, ohne das es nun mal nicht
geht. John Noble war als junger Mann sowohl unter
den Nazis als auch unter den Sowjets mehrere Jahre
lang inhaftiert. Dann kehrte er in die Vereinigten
Staaten zurück und wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann. Nach der Maueröffnung machte er sich
dann zur Aufgabe, in Dresden das väterliche Unternehmen zu sanieren.
Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaften ist die Voraussetzung, die es uns ermöglicht,
zusammenzuarbeiten und gemeinsam Probleme von
übernationaler Bedeutung zu lösen. Ohne volkswirtschaftliche Ausdauer und gesellschaftliche Kohärenz

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�können Staaten heute keinen Respekt mehr voreinander entwickeln.
Gemeinsames kulturelles Erbe
Für die These, daß unsere Gesellschaften "Referenzgesellschaften" sind, spricht einiges. Die These
besagt, daß unsere Gesellschaften auf beiden
Seiten der atlantischen Gemeinschaft unter denselben Krankheiten leiden, wenn auch in verschiedenen
Stadien und mit verschiedenen Symptomen. Deshalb ist es von großer Bedeutung, miteinander im
Gespräch zu bleiben und gemeinsam über Diagnose
und Therapie zu beraten.
Die Fortschritte der Kommunikationstechnologie
haben dazu geführt, daß wir immer mehr Informationen voneinander erhalten. Trotz einer - fast möchte
ich sagen unüberschaubaren - Informationsflut muß
man immer wieder feststellen, daß Klischees nach
wie vor das gegenseitige Verständnis prägen. Es ist
und bleibt ein Fehler, die Vereinigten Staaten als ein
irgendwie vergrößertes Europa zu betrachten und
entsprechend zu beurteilen. Es ist unzweifelhaft
richtig, daß die amerikanische Gesellschaft europäischen Ursprung hat, aber im Verlauf unserer Geschichte hat sich daraus eine amerikanische Kultur
entwickelt, die nicht ganz einfach zu definieren ist.
Die seltsame Mischung von Ähnlichkeiten und
Unterschieden führt immer wieder zu Mißverständnissen zwischen Amerikanern und Europäern.
Deshalb ist es wichtig, sich über die kulturellen
Bindungen im klaren zu sein, die unsere Beziehungen tragen und unterschwellig beeinflussen. Es ist
wichtig, die Bedeutung von Informationen, Eindrücke
und Perzeptionen zu erfassen und sie in diesen
kulturellen Kontext einzuordnen.
Amerikanische Unterhaltung, Musik, Kinofilme finden
in Europa große Zustimmung. Architektur - dieseits
und jenseits des Atlantiks - hat sich immer wieder
auf verschiedenste Weise beeinflußt. Ich möchte
nur an den Baustil von Walter Gropius und das
Bauhaus erinnern, die in den USA Widerhall fanden.
So hatte Präsident John F. Kennedy Mies van der
Rohe, einem Bauhausschüler, für sein architektonisches Lebenswerk die amerikanische "Freedom
Medal" verliehen.
Aber die gegenseitige kulturelle Wertschätzung, die
durchaus ambivalente Züge haben kann, reicht nur
zu einem gewissen Grad, um die Beziehungen
zwischen Völkern zu festigen. Ohne persönliche
Erfahrungen bleibt Völkerverständigung eine leblose
Worthülse.

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Es würde zu weit führen, all die unzähligen Beispiele
anzuführen, die für die tiefergehenden kulturellen
Bindungen zwischen Deutschen und Amerikanern
stehen. Wir sind gehalten, diese Kontakte und
Bindungen auszubauen und zu vertiefen, gerade
auch weil nicht mehr so viele amerikanische Soldaten
nach Deutschland kommen können. Ich selbst war
einer der zwölf Millionen Gls, die im Laufe der letzten
vier Jahrzehnte Ihr Land aus der militärischen Warte
kennenlernen konnten. Viele Soldaten sind später
wiedergekommen, um Deutschland nicht nur als
Touristen zu besuchen, sondern auch als Geschäftsleute, Wissenschaftler, Künstler.
Ich habe bislang über die Herausforderungen gesprochen, denen sich Deutschland nach der Erlangung
der Einheit stellen muß, ohne dabei zu erwähnen,
daß es anderen Ländern ähnlich geht. Bei der
Neubestimmung der eigenen Rolle befindet sich
Deutschland in guter Gesellschaft. Deutschland steht
wahrlich nicht allein vor dieser Aufgabe, eine neue
Rolle auf dem internationalen Parkett zu finden.
Das Land, das ich hier repräsentieren darf, befindet
sich derzeit auf der Suche nach einer neuen weltpolitischen Rolle. Auch wir Amerikaner müssen uns mit
Fragen nach unserer Identität und unserer Rolle in
diesen neuen Zeiten auseinandersetzen und uns
fragen, welche Aufgaben wir noch auf uns nehmen
können und von welchen wir Abstand nehmen
müssen.
Wer sich ein wenig mit Amerika beschäftigt hat, weiß,
daß die Auseinandersetzungen über das Rollenverständnis zyklisch verlaufen. Wandel und Veränderungen werden bei uns als Normalität der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet und antizipiert. Folglich
fällt es uns leichter, einen derartigen Transformationsprozeß, wie er derzeit in Deutschland abläuft, als
Herausforderung zu verstehen. Daß die Regierungen
dabei nicht immer nur geradlinig auf das selbstgesteckte Ziel zusteuern, ist verständlich, wenn man
die Komplexität der gegenwärtigen Lage berücksichtigt.
Schlußbemerkung
Die Kongreßwahlen im November letzten Jahres
haben nach der Wahl des demokratischen Kandidaten Bill Clinton zum 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten das politische Machtverhältnis umgedreht. Als Diplomat bin ich gerne bereit, zwei oder
drei Anmerkungen zur innenpolitischen Lage in den
USA zu machen:
Zum ersten Mal seit vierzig Jahren werden die
Republikaner im 104. Kongreß die Mehrheit in beiden
Kammern - dem Repräsentantenhaus und dem Senat

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�- stellen. Dies ist wegen seiner Seltenheit ein
durchaus als historisch zu bezeichnender Wechsel.
Mit diesem Wechsel verbinden die Wähler die
Erwartung, daß den innen-, sozial- und wirtschaftspolitischen Herausforderungen vom politischen
Establishment gebührende Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Präsident Clinton hat sich für eine konstruktive
Zusammenarbeit mit dem neuen Kongreß ausgesprochen. Gleiches schlug der neue Führer der
Mehrheitsfraktion des Repräsentantenhauses vor.
Große Reformvorhaben stehen auf der Tagesordnung: Die neuerliche Debatte über die Reform des
Gesundheits- und Sozialwesens und natürlich die
Fortführung einer restriktiven Fiskal- sowie einer
weitblickenden Wachstumspolitik.
Ich nehme an, daß die Zusammenarbeit zwischen
Kongreß und dem Präsidenten im Hinblick auf die
außenhandels- und außenpolitischen Fragestellungen zwar nicht konfliktfrei, doch von einem überparteilichen Konsens über deren Zielsetzung geprägt
sein wird. Ich darf Sie daran erinnern, daß Vertreter
der Republikanischen Partei für die Ratifizierung des
NAFTA und des GATT-Abkommens gestimmt haben.
In der Nachkriegsgeschichte gibt es einige Beispiele,
die zeigen, daß der Kongreß und das Weiße Haus
zur gedeihlichen Zusammenarbeit fähig waren,
obgleich sie nicht von derselben Partei kontrolliert
wurden. "Divided government" muß nicht zwangs-

läufig in totaler Lähmung des politischen Prozesses
enden, wie Kommentatoren vielfach befürchteten.
"Unified government", in der eine Partei das Weiße
Haus, den Senat und das Repäsentantenhaus
kontrolliert, bietet angesichts der jüngsten Erfahrungen keine Gewähr für legislativen Erfolg und die
Gefolgschaft der eigenen Kongreßmitglieder.
Ob und inwieweit die politischen Machtverhältnisse im
amerikanischen Kongreß Auswirkungen auf die
amerikanische Außenpolitik im allgemeinen und das
deutsch-amerikanische Verhältnis im besonderen
haben, bleibt abzuwarten. Ich gehe davon aus, daß
das Verhältnis auch unter dem neuen Kongreß so
stabil und fest bleiben wird wie bisher.
Lassen Sie mich zum Schluß meiner Ausführungen
kommen. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen
sind gut. Ich habe keine Zweifel, daß sie sich auch
in Zukunft im Sinne unseres beiderseitigen Interesses
fortentwickeln. Unsere Freundschaft, die sich auch
über schwierige Zeiten hinweg im Laufe der letzten
Jahrzehnte immer stärker gefestigt hat, gründet auf
den gemeinsamen Idealen der Freiheit, Demokratie
und Gerechtigkeit. Sie war stets ein wichtiger Beitrag
zu Frieden und Stabilität in Europa. Anders formuliert: Beide Staaten hätten viel zu viel zu verlieren,
wenn wir zulassen würden, daß unsere Beziehungen
durch wohlwollende Indifferenz beeinträchtigt würden.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und stehe
Ihnen nun gerne für Ihre Fragen zur Verfügung.

* * * * *

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