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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

11. Januar 1995

02

WIRTSCHAFT

REICH ZUR WIRTSCHAFTLICHEN LAGE DER
AMERIKANER
Rede des Arbeitsministers

AMERIKA-GIPFEL

DEMOKRATISCHE WERTE UND WIRTSCHAFT
von Richard E. Feinberg

REPUBLIKANER

STEUERSENKUNGEN UND REFORMEN IM
KONGRESS
Der Vertrag mit Amerika

MARTIN LUTHER KING

DIE MARTIN LUTHER KING LIBRARY
Umfassende Sammlung über King und die
Bürgerrechtsbewegung

PORTRAT

BOB DOLE - ÜBER DREI JAHRZEHNTE IM
STAATSDIENST
Porträt des Mehrheitsführers im Senat

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0223-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�Wl R T S C H A F T
11. Januar 1995

REICH ZUR WIRTSCHAFTLICHEN LAGE
DER AMERIKANER
Rede des Arbeitsministers
WASHINGTON - (AD) - In einer am 5. Januar 1995 vor dem nationalen Presseclub gehaltenen Rede stellte
Arbeitsminister Robert Reich fest, die Administration und die Republikanische Partei befürworteten äußerst
unterschiedliche Lösungen für das sinkende Einkommen der Mittelschicht.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Arbeitsministers.

In dieser neuen Zeit der republikanischen Mehrheit
im Kongreß steht nicht weniger auf dem Spiel als die
Zukunft der amerikanischen Arbeitnehmer. Seit
anderthalb Jahrzehnten haben Durchschnittsfamilien
härter für weniger Geld gearbeitet und waren verunsichert, ob ihnen irgendwie der Amerikanische
Traum abbhanden gekommen ist. Wie ich am Labor
Day ausgeführt habe, ist unsere Mittelschicht zu
einer besorgten Klasse geworden.
Es war die Frustration über die Gegenwart kombiniert mit Angst vor der Zukunft, die Bill Clinton
1992 zum Präsidenten und Newt Gingrich im November letzten Jahres zum Speaker des Repräsentantenhauses machte. Wenn die Wahlen von 1994
die Revolte der besorgten Klasse waren, werden die
nächsten beiden Jahre eine Schlacht um die Seele
der besorgten Klasse. Die meisten Wechselwähler
unter den Demokraten bei den Wahlen im November
vergangenen Jahres waren die Arbeitnehmer, die
am meisten verloren hatten - Arbeitnehmer ohne
Collegeabschluß. Der gängige Konsens, etwas zu
unternehmen, um den Zusammenbruch der amerikanischen Mittelschicht aufzuhalten, wurde zu einer
unaufhaltsamen politischen Kraft.
Aber was tun? Ich möchte heute über die vor uns
liegende Entscheidung sprechen. Während Washington über Reformen der Arbeitsweise des Kongresses spekuliert, müssen wir uns vor Augen
führen, daß Verfahrensänderungen - so willkommen
sie auch sein mögen - um die Mittel, nicht den
Zweck gehen. Das Ziel, um das wir kämpfen, muß
die Wiederherstellung des amerikanischen Vermächtnisses vom Wohlstand der Mittelschicht sein.
Wenn sich der Rummel dieser Woche legt und die
harte Arbeit der kommenden Monate beginnt,
werden die Amerikaner zu Recht die Tagesordnung

AMERIKA DIENST 02

der Republikaner und die der Demokraten auf folgende Probe stellen: Wird dies dazu beitragen, daß es
meiner Familie und mir besser geht? In den kommenden Monaten wird immer klarer werden, daß die
Tagesordnung der Republikaner die Durchschnittsfamilie nicht an die erste Stelle setzt. Unsere tut es.
Ironischerweise steht diese Entscheidung im Kontext
eines außergewöhnlichen Aufschwungs der Wirtschaft
insgesamt. Obwohl die Arbeitslosenstatistiken für
Dezember noch nicht erstellt sind, wissen wir, daß die
Vereinigten Staaten eine lebhafte Zunahme von
Arbeitsplätzen verzeichnen konnten - in den vergangenen zwei Jahren über fünf Millionen, die
meisten davon in hochbezahlten Berufszweigen. Die
Arbeitslosenquote ist niedriger als in den vergangenen vier Jahren und trotzdem gibt es keine Anzeichen einer erhöhten Inflation. Noch wichtiger ist der
erneute Produktivitätszuwachs - die unerläßliche
Voraussetzung für steigenden Lebensstandard.
Aber obwohl die Produktivität und Unternehmensprofite hoch sind, gilt dies nicht für die Gehälter der
meisten Amerikaner. Wir sehen folgendes Muster:
Seit 1979 sind die Familieneinkommen im Wert des
Dollars von 1993 berechnet um 826 Milliarden Dollar
gestiegen. Aber rund 98 Prozent der Zunahme
entfällt auf das obere Fünftel der Haushalte. Alle
anderen - 80 Prozent der amerikanischen Haushalte konnten nur einen 2prozentigen Einkommenszuwachs
verzeichnen. Die typische amerikanische Familie lebt
inflationsbereinigt von einem geringeren Einkommen
als vor 15 Jahren.
Ich möchte mich klar ausdrücken. Das Problem ist
nicht, daß einige von uns reich werden. Das sind
gute Nachrichten. Das Problem besteht darin, daß
die meisten von uns nicht weiterkommen. Wir rasen

Seite 1

�auf eine Zweiklassengesellschaft zu, die aus einer
Minderheit besteht, die vom Wirtschaftswachstum
profitiert und einer Mehrheit, die nicht davon profitiert.
Die Konsequenzen dieser Erosion gehen über
Wirtschaftswissenschaften hinaus. Sie erklären zum
Teil, warum finanziell unter Druck stehende Eltern
nicht die Zeit finden, ihre Kinder so zu erziehen wie
wir erzogen wurden und die Werte weiterzugeben,
mit denen sie aufwuchsen; warum Wähler, deren
Familieneinkommen so knapp bemessen ist, empört
über die Ineffizienz und Verschwendung der Regierung sind; warum selbst instinktiv großzügige Amerikaner feststellen, wie ihr Mitgefühl für die weniger
Glücklichen schwindet; warum unsere Politik so
ärgerlich, manchmal häßlich geworden ist.
Am wichtigsten sind vielleicht die moralischen
Konsequenzen. Klar ausgedrückt: Es ist einfach
nicht richtig. Das schreiende, groteske Unrecht, das
hart arbeitenden amerikanischen Familien widerfährt,
bringt Verzweiflung und Zynismus hervor. Es ist ein
Affront gegen unsere Werte und spottet unserem
Glauben an die Leistungsgesellschaft Hohn. Es
macht Verantwortungsbewußte zu Trotteln und nagt
an der kostbaren Ethik der Verantwortung. Es
schließt die Tür zu den Ärmsten. Und schließlich
stellt die Aushöhlung der Mittelschicht und die
Schaffung einer zweigeteilten, klassenbewußten
Gesellschaft eine tödliche Bedrohung dessen dar,
was stets besonders an unserem Land war.
Es war nicht immer so. In den drei Jahrzehnten
nach dem Zweiten Weltkrieg stieg mit dem Wachstum der Volkswirtschaft das Einkommen praktisch
aller. Millionen Amerikaner - inklusive mir - wurden
in einem einfachen Glauben erzogen: Jeder, der
hart arbeitet und die Regeln befolgt, kann es für sich
und seine Familie zu einem besseren Leben bringen. Das galt für alle - nicht nur die von Geburt aus
Reichen oder die mit den besten Verbindungen.
Jeder mit Energie und Disziplin, das meiste aus
seinen Möglichkeiten zu machen, hatte eine gute
Chance, es zu scharfen. Auch die amerikanischen
Unternehmen unterstützten diesen Glauben. Beschäftigte, die hart arbeiteten und ihr Bestes gaben,
konnten am Erfolg ihrer Firma teilhaben. Wenn es
dem Unternehmen gut ging, waren ihre Arbeitsplätze
ziemlich sicher, und ihre Gehälter und Sozialleistungen stiegen.
In den fünfziger Jahren arbeiteten meine Mutter und
mein Vater sechs Tage die Woche in einem kleinen
Bekleidungsgeschäft und verkauften Röcke und
Kleider an die Frauen der Fabrikarbeiter. Ich erinnere mich, Preisschilder geschrieben zu haben,
wenn sie Sonderangebote hatten: Baumwollkleider

Seite 2

$2.99, Blusen $1.00. Als die Fabriklöhne stiegen,
konnten die Familien im Ort jedes Jahr ein bißchen
mehr Geld ausgeben, und der kleine Laden meiner
Eltern florierte. Uns allen ging es besser. Gemeinsam voranzukommen - so funktionierte es in Amerika.
Aber heute kommen wir nicht länger gemeinsam
voran. Wir driften auseinander - in zunehmender
Geschwindigkeit.
Meine Eltern setzten sich zur Ruhe, bevor die Alten
in der neuen Volkswirtschaft verdrängt wurden. Die
meisten Arbeitsplätze in dieser Fabrik gibt es nicht
mehr. Arbeitsplätze wie diese machten in den
fünfziger Jahren über ein Drittel aller amerikanischen
Arbeitsplätze aus - heute sind es nicht mehr als 16
Prozent. Viele der alten Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich sind ebenfalls verschwunden.
Telefonistinnen wurden durch automatische Telefonzentralen, Kassierer durch Geldautomaten, Tankstellenwärter durch Selbstbedienungspumpen ersetzt,
die jetzt sogar Kreditkarten annehmen, und Sekretärinnen durch Computer und Anrufbeantworter. Jeder
Arbeitsplatz, der billiger von einem Computer übernommen werden kann, ist inzwischen verschwunden
oder wird sehr viel schlechter bezahlt als früher. Der
weltweite Wettbewerb hat diese Revolution beschleunigt.
Dieselben Kräfe schaffen jedoch auch Millionen neuer
Arbeitsplätze, von denen einige entschieden besser
bezahlt werden. Richtige Ausbildung und Qualifikationen allein gewährleisten nicht einen guten Arbeitsplatz in der neuen Volkswirtschaft und sind sicherlich
keine Arbeitsplatzgarantie. Aber beides ist schwieriger ohne Ausbildung und Qualifikationen. Die drei
Viertel der amerikanischen Arbeitnehmer ohne
Collegeabschluß erlebten den drastischsten Rückgang bei Löhnen und Sozialleistungen. Vor 15
Jahren verdiente ein männlicher Collegeabsolvent
gewöhnlich 49 Prozent mehr als ein Mann, dessen
formale Ausbildung mit einem High School-Diplom
endete - kein allzugroßer Unterschied zwischen den
beiden Gruppen, um gemeinsam als "Mittelschicht"
bezeichnet zu werden. Aber 1993 verdiente der
männliche Collegeabsolvent durchschnittlich 83
Prozent mehr als sein Kollege mit High SchoolAbschluß - ein so großer Unterschied, daß sie sich
nicht länger auf gemeinsamem Terrain befinden. Die
Frauen sind nach ähnlichem, wenn auch weniger
stark ausgeprägtem Muster getrennt.
Die Herausforderung an die Nation lautet also, den
Wohlstand der Mittelschicht wiederherzustellen. Die
von der Nation zu treffende Entscheidung ist daher:
Welcher Weg führt uns dorthin?
Die neue Tagesordnung der Republikaner definiert
einen Weg. Erstens, Senkung der Kapitalertrags-

AMERIKA DIENST 02

�Steuer selbst auf Vermögenswerte, die Investoren
bereits besitzen. Die Theorie ist, daß solche Steuersenkungen einen Wirtschaftsaufschwung auslösen,
der das Einkommen aller erhöht. Das Problem mit
dem republikanischen Ansatz zur Besteuerung von
Kapitalerträgen ist nicht nur, daß praktisch ausschließlich die Wohlhabenden unverzüglich davon
profitieren, wobei 45 Prozent auf die kleine Gruppe
der Familien entfallen, die über 200.000 Dollar pro
Jahr verdienen. Mehr wirtschaftliche Ungerechtigkeit
wäre vielleicht ein tolerierbarer Preis, wenn er definitiv die Kapitalmittel erhöhen und ein höherer Kapitalaufwand definitiv zu höheren Einkommen für alle
führen würde. Aber die Beweise für eine Koppelung
ihrer Idee einer Steuersenkung an eine maßgebliche
und dauerhafte Zunahme von Investitionen sind viel
zu schwach, um die von den Republikanern vorgeschlagene massive Einkommensumverteilung zu
rechtfertigen.
Ein weiterer Vorschlag ist, Unternehmen sehr viel
höhere Steuererleichterungen für den Kauf von
Gerät, Maschinen und Gebäuden zu gewähren. Ein
solcher Vorschlag könnte die Unternehmensinvestitionen steigern, aber zu einem hohen Preis: Ein
Gewinn von 169 Milliarden Dollar, der im wesentlichen die Körperschaftssteuer abschaffen und die
Steuerbegünstigungen wiederbeleben würde, die in
den achtziger Jahren einen so großen Teil der
potentiellen Produktivität der Vereinigten Staaten
vergeudeten. Der Vorschlag der Republikaner zu
Körperschaftssteuersenkungen ist sorgfältig ausgearbeitet, um die Verfahren des Haushaltsprozesses
zu umgehen - er ist eine fiskalische Zeitbombe, die
in fünf Jahren explodiert.
Das grundlegendere
Problem ist jedoch, daß er das Einkommensniveau
der amerikanischen Arbeitnehmer nicht wiederherstellt. Führen Sie sich folgendes vor Augen: Während der letzten 15 Jahre sind die Ausgaben für
dauerhafte Produktionsanlagen als Prozentsatz der
gesamten Volkswirtschaft um ein Drittel gestiegen.
Kapitalinvestitionen haben zugenommen. Aber im
gleichen Zeitraum ist das reale Einkommen der
meisten Familien gesunken. Ausgaben für neue
Maschinen und Gebäude sind notwendig. Aber das
ist nicht genug.
Ein dritter Vorschlag besteht in der Lockerung der
Vorschriften für Unternehmen, um höhere Profite
und die Schaffung weiterer Arbeitsplätze zu bewirken. Die Theorie hier lautet, Unternehmen sind so
in Vorschriften verstrickt, daß sie nur Papierberge
und wenig anderes produzieren. Nach einer Befreiung von diesen Fesseln werden die Unternehmen
die Profite zugunsten des arbeitenden Durchschnittsamerikaners erhöhen.
Auch dieses Argument
verdient Beachtung. Es steht außer Zweifel, daß die
Vorteile von Bestimmungen - selbst derjenigen, die

AMERIKA DIENST 02

die Gesundheit oder Sicherheit von Verbrauchern und
Arbeitnehmern schützen, Betrug bekämpfen und die
Integrität der Finanzmärkte bewahren - gegen ihre
Belastungen aufgewogen werden sollten, und Vorschriften, die dieser Prüfung nicht standhalten,
gehören abgeschafft. Aber Bestimmungen, die die
Schaffung von Arbeitsplätzen verhindern, für den
Niedergang der Mittelschicht verantwortlich zu
machen, stimmt nicht mit den Fakten überein. Heute
werden immer mehr Arbeitsplätze geschaffen. Trotz
der konjunkturellen Höhen und Tiefen der vergangenen 15 Jahre hat die Beschäftigungsquote tatsächlich
zugenommen, obwohl die Mittelschicht an Boden
verloren hat.
Die Worte, in die diese Vorschläge eingebettet sind,
spiegeln einige geschätzte wirtschaftliche Wahrheiten
wider. Privatinvestitionen sind wichtig. Die Regierung muß effizient und rechenschaftspflichtig sein.
Vorschriften, die keinen Sinn ergeben, sollten geändert oder abgeschafft werden. Zu diesem Punkt
bestehen wenig Meinungsverschiedenheiten. Die
Frage - der echte Test - ist, ob die Vorschläge der
Republikaner die Einkommen der Arbeitnehmerfamilien erhöhen und sicherer machen - ob sie die
Amerikaner wieder auf den Pfad zu Wohlstand
geleiten.
Ich bin überzeugt, daß die auf hartem Wege gemachten Erfahrungen unserer jüngsten Wirtschaftsgeschichte lehren werden, daß die Vorschläge der
Republikaner irrelevant für die Gesundung der
amerikanischen Mittelschicht sind.
Im schlimmsten Fall führen sie uns in die entgegengesetzte Richtung. Ihre Steuervorschläge werden
das Finanzministerium so vieler Einnahmen berauben, daß sie einschneidende Reduzierungen im
Bildungswesen, bei der beruflichen Bildung, Head
Start und allen anderen Investitionen in Arbeitnehmerfamilien erzwingen, es sei denn, sie lassen einen
erneuten explosionsartigen Anstieg des Defizits zu,
oder sie unterziehen die nationale Verteidigung, das
Sozialwesen und Medicare einschneidenden Kürzungen.
Die meisten dieser Steuererleichterungen
würden andererseits Familien mit sechsstelligen
Einkommen zugute kommen. Und trotz ihrer Slogans
über freie Märkte sind wenige Republikaner im
Kongreß geneigt, dem jüngsten Appell des Präsidenten Folge zu leisten, unnötige Subventionen für
Sonderinteressen mit guten Verbindungen zu kürzen.
Die Republikaner glauben - oder sie wollen uns
glauben machen - daß die Mittelschicht zusammenbricht, weil die Kapitalaufwendungen unzureichend
und Unternehmensprofite zu gering sind. Dies sind
jedoch schlicht und einfach nicht die Ursachen der
Probleme amerikanischer Arbeitnehmer und sie zu

Seite 3

�beheben, wird nicht den Wohlstand wiederherstellen.
Die wesentliche Herausforderung für Amerikaner
besteht darin, sich an eine neue Volkswirtschaft
anzupassen, die sich grundlegend von der alten
unterscheidet; eine von modernen Technologien und
globalem Wettbewerb getriebene Volkswirtschaft;
eine Volkswirtschaft, in der Qualifikationen im
Produktionsbereich der Schlüssel zum Erfolg des
einzelnen sind.
Der beste Weg zur Erhöhung der Einkommen der
meisten Amerikaner ist, einen anderen Weg einzuschlagen - einen, den die Administration zu propagieren begonnen hat: Alle Amerikaner dafür auszurüsten, daß sie in dieser neuen Volkswirtschaft zu
Wohlstand gelangen können. Es ist offenkundig,
daß das Gehalt höher ist, je besser die Qualifikation
der betreffenden Person ist. Jedes Jahr der Ausbildung oder beruflichen Bildung nach dem High
School-Abschluß, das im Verlauf der Karriere
stattfindet, erhöht die Durchschnittseinkommen um
6 bis 12 Prozent.
Die meisten der in den vergangenen zwei Jahren
geschaffenen gutbezahlten Arbeitsplätze erfordern
ein gewisses technisches Know-how. Das heißt
nicht, daß jeder ein Collegediplom erwerben muß.
In der Tat können viele Männer und Frauen, deren
traditionelle Ausbildung mit der High School endet,
gute Mittelklasse-Einkommen verdienen.
Tankstellenwärter haben Glück, wenn sie 12.000 Dollar
pro Jahr machen, aber ein in Computerdiagnose
ausgebildeter Automechaniker kann bis zu 70.000
Dollar bekommen. Ungelernte Fließbandarbeiter
bringen selten mehr als 20.000 Dollar nach Hause,
aber das Jahresgehalt eines Programmierers oder
Mechanikers für computerisierte Werkzeugmaschinen beginnt bei 50.000 Dollar. Im ganzen Land
besteht steigende Nachfrage nach Arbeitnehmern
mit technischen Qualifikationen - Verkaufsleitern,
Physiotherapeuten, Technikern für Desktop Publishing, Röntgenassistenten, am Computer ausgebildeten Designern. Es gibt keine schnelle Lösung für
die schwierige Lage der amerikanischen Arbeitnehmer.
Aber zahlreiche technische Fertigkeiten
können mit einem High School-Abschluß in einem
oder zwei Jahren gelernt werden.
Unsere Kampagne der Investitionen in Humankapital
wurde bereits in die Wege geleitet, angetrieben von
einem überparteilichen Konsens im letzten Kongreß
über die Bedeutung von Ausbildung und beruflicher
Bildung.
Jedes Jahr können zusätzlich 130.000 Kinder an
Head Start teilnehmen, einem bewährten ersten
Schritt auf dem Weg zu lebenslangem Lernen. Die
Schulen in ganz Amerika erhalten neue Anreize in

Seite 4

Millionenhöhe zur Verbesserung ihrer Leistung im
Einklang mit freiwilligen nationalen Leistungsnormen.
In wenigen Jahren wechselt eine halbe Million junger
Auszubildender pro Jahr vom Klassenzimmer zu
einem hochwertigen Arbeitsplatz mit Zukunft. 3,5
Millionen Menschen, die jährlich einen Kredit für ihre
Ausbildung aufnehmen, erhalten ihn jetzt zu niedrigeren Zinssätzen - und können ihre Kredite entsprechend ihrem künftigen Einkommen zurückzahlen.
Wir gestalten das alte System der Arbeitslosenversicherung in ein neues System der Wiederbeschäftigung um und gewährleisten damit, daß allein
in diesem Jahr zusätzlich 150.000 Amerikaner, die
ihren Arbeitsplatz verloren haben, Qualifikationen
oder Hilfe bei der Arbeitssuche erhalten.
Mit seiner Forderung nach einer Bill of Rights für die
Mittelschicht umriß der Präsident vor einigen Wochen
die nächsten Schritte. Erstens steuerlich absetzbare
Aufwendungen für Ausbildung und berufliche Bildung
von 5.000 Dollar pro Jahr bis zu 10.000 Dollar in den
nächsten vier Jahren. Die Bedeutung dieses Vorschlags ging in der eiligen Berichterstattung über
konkurrierende Steuervorschläge quasi unter. Aber
steuerlich abzugsfähige Ausbildungsgelder sind nicht
nur eine Steuersenkung - sie sind eine bahnbrechende Steuerreform. Sie stellen die Investitionen einer
Familie in Qualifikationen auf gleiche Ebene wie die
Unternehmensaufwendungen für Maschinen, Werbung, Gebäude oder Geschäftsessen.
Im Rahmen der derzeitigen Gesetzgebung kommen
alle irgendwie als Investition bezeichnete Unternehmensausgaben für steuerliche Begünstigung in
Frage. Das Steuerrecht tut jedoch wenig, um Investitionen zu ermutigen, die am direktesten mit einer
Anhebung des Lebensstandards der Mittelschicht
verbunden sind - Investitionen in Bildung und lebenslange berufliche Ausbildung.
Es behandelt sie
genauso wie Ausgaben für Wasserskier oder Kaugummi. Das ergibt keinen Sinn. Unser Plan würde
dies beheben. Wenn Unternehmen Steuererleichterungen für ihre Investitionen erhalten, sollte dies auch
für Familien gelten.
Für eine typische Familie bedeutet das, die Kosten
für die Ausbildung eines Elternteils in einer neuen
beruflichen Fertigkeit oder die Collegegebühren für
das Kind würden nach Abzug der Steuern um 15 auf
28 Prozent gekürzt. Forschungsergebnisse belegen,
daß über eine halbe Million Amerikaner, die sonst
keine weitere Ausbildung oder berufliche Bildung
erhalten würden, pro Jahr davon aufgrund dieser
Steuererleichterungen Gebrauch machen. Und es
gibt kaum Grund zu der Befürchtung, daß die Vorteile
der Steuererleichterungen durch steigende Collegegebühren geschluckt würden.
Die Inflation bei
Ausbildungsgebühren verlangsamt sich bereits, und

AMERIKA DIENST 02

�der Wettbewerb unter den Tausenden Gemeindecolleges, technischen Hochschulen und anderen Bildungsinstitutionen wird sicherstellen, daß die Familien am meisten von diesen steuerlich absetzbaren
Ausbildungskosten profitieren, die die Investitionen
tätigen.
Es reicht jedoch nicht aus, das Steuerrecht ins 21.
Jahrhundert zu bringen. Wenn Amerika den das
Land charakterisierenden Glauben wiederherstellen
will - daß man, wenn man hart arbeitet und die
Regeln befolgt, vorankommen kann - müssen wir
das Gefüge von staatlicher Beschäftigung und
Ausbildungsprogrammen vollständig umgestalten.
Für arbeitslose Amerikaner oder diejenigen, deren
Löhne zu niedrig sind, um von den steuerlich absetzbaren Ausbildungsgebühren profitieren zu können,
schlägt der Präsident Ausbildungsstipendien von
2.000 bis 3.000 Dollar pro Jahr für ein bis zwei
Jahre vor. Dies ist eine radikale Verlagerung von
Programmen zu Kaufkraft. Statt die Etats - staatlicher oder bundestaatlicher - Bürokratien zu füttern,
werden wir die Ressourcen direkt in die Taschen der
Amerikaner leiten, damit sie die erforderlichen
Qualifikationen erwerben - zu der Zeit, an dem Ort
und in der Weise, die ihnen sinnvoll erscheint.
Arbeitnehmern, die eine neue Laufbahn einschlagen
und Arbeitern mit niedrigen Einkommen, die einen
Neuanfang machen müssen, öffnet sich ein neues
Tor zu besseren Arbeitsplätzen - und Informationen
darüber, welche Qualifikationen gefragt sind, um sie
durch dieses Tor zu geleiten.
Die von der Administration zusammen mit den
gerade vom Präsidenten vorgeschlagenen Schritten
eingeleiteten Initiativen definieren eine Strategie,
dank der die Amerikaner ein besseres Leben für sich
und ihre Familien aufbauen können. Sie hängt
jedoch auch von den Ereignissen am Arbeitsplatz
ab. Die Zukunft der Mittelschicht wird weniger in
Sitzungsräumen hier in Washington bestimmt als in
Fabriken und Büros im ganzen Land. Firmen
müssen ihre Arbeitnehmer nicht als zu senkenden
Kostenfaktor, sondern als zu entwickelnde Vermögenswerte betrachten. Sie können kurzfristige
Profite durch Entlassungen, Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer, Austausch älterer Arbeitnehmer durch jüngere und billigere oder Zeitarbeitskräfte
und unabhängige Vertragsnehmer anstelle von
Vollzeitarbeitskräften erzielen. Aber die am besten
geführten Firmen in den Vereinigten Staaten beweisen, daß die langfristigen Gewinne durch die Ausbildung von Arbeitnehmern erzielt werden, indem
man ihnen mehr Verantwortung und Arbeitsplatzsicherheit verschafft und die Bezahlung an die Gewinne koppelt. Das Schmieden stärkerer und konstruktiverer Bande zwischen Arbeitnehmern und
ihren Firmen muß Bestandteil jedes Plans zur

AMERIKA DIENST 02

Wiederherstellung des Wohlstands der Mittelschicht
sein. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit
dem Kongreß und dem Privatsektor, um hierfür
effektive und faire Wege zu entwickeln.
Die von mir umrissene Tagesordnung wird nicht über
Nacht eine neue Mittelschicht hervorbringen. Das
wird Jahre dauern. Aber sie ist der einzig realistische
Ansatz. Und sie steht im Einklang mit amerikanischen Werten - daß wir unseren Unterhalt verdienen, daß Chancen die Lösung für Ungleichheit
und Arbeit immer besser als Sozialhilfe ist, daß die
Menschen ihre Talente entwickeln und das meiste
aus ihren Fähigkeiten machen sollten und Wirtschaftswachstum für alle Vorteile bringen sollte.
Unsere Lösung hängt von Menschen ab, die Verantwortung übernehmen, bietet ihnen jedoch auch
eine Chance, ihr Verantwortungsbewußtsein in
Ergebnisse umzusetzen. Sie erwartet nicht von der
Regierung oder den Unternehmen, daß sie hart
arbeitende Amerikaner retten. Sie ermöglicht es hart
arbeitenden Männern und Frauen, alleine vorwärtszukommen.
Unsere Strategie ist nicht ganz neu. In Teilen ist sie
auf die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verabschiedete G.l. Bill of Rights zurückzuführen, die
den Übergang von einer Periode des Konflikts und
der Furcht zu einer erstaunlich wohlhabenden Nachkriegszeit auslöste. Die G.l. Bill bot dem Durchschnittsamerikaner die Chance zu Qualifikationen von
Weltklasse. Der Rest ist Geschichte - in der Tat eine
der positivsten Episoden unserer Geschichte. Der
Traum von einem sicheren, produktiven Platz in der
Mittelschicht wurde zur Realität für die Mehrheit der
Menschen unserer Nation.
Auch die Ideen der Republikaner sind nicht grundlegend neu. Hinter der Rhetorik des Wandels verbirgt
sich eine Wiederholung der 12 Jahre währenden
republikanischen Regierung in größerem Umfang -12
Jahre der Stagnation oder des Niedergangs der
meisten amerikanischen Arbeitnehmer. Wir haben
diesen Film schon einmal gesehen, und wir kennen
den Handlungsverlauf.
Wir sehen der Zusammenarbeit mit dem Kongreß in
den kommenden Tagen erwartungsvoll entgegen.
Aber Amerika kann sich nicht einfach auf halbem
Wege zwischen diesen beiden Visionen einigen. Der
Entscheidung kann nicht ausgewichen werden.
Die lange Liste der Republikaner von Steuersenkungsvorschlägen läßt in augenfälliger Weise Investitionen in Qualifikationen vermissen.
Noch
schlimmer ist, der Preis für die Aufblähung der Profite
und der Kapitalmittel werden drastische Kürzungen
im Bildungswesen, bei beruflicher Ausbildung und

Seite 5

�anderen Investitionen in Arbeitnehmer sein. Unsere
Strategie konzentriert sich darauf, Qualifikationen
aufzubauen.
Die Republikaner fordern von Unternehmen nichts
anderes als die Maximierung der Profite und implizieren, wenn sie dies tun, wird sich in Zukunft
alles von selbst regeln. Wir sagen, es gibt keine
automatische Verbindung zwischen Wirtschaftswachstum und dem Lebensstandard des Durchschnittsamerikaners. Diese Verbindung muß geschaffen werden.

*

Seite 6

Die Republikaner fordern die Amerikaner der Mittelschicht auf, ihr Schicksal den Meistern des Humanund Finanzkapitals anzuvertrauen. Wir wollen alle
amerikanischen Arbeitnehmer so ausrüsten, daß sie
zum Meister ihres eigenen wirtschaftlichen Schicksals
werden.
Welches ist der bessere Weg? Wie, glauben Sie,
wird es Arbeitnehmerfamilien besser gehen? Das ist
die vor uns liegende Entscheidung.

*

AMERIKA DIENST 02

�AM E R I K A - G I P F E L
11. Januar 1995

DEMOKRATISCHE WERTE UND WIRTSCHAFT
von Richard E. Feinberg
Die westliche Hemisphäre steht an der Schwelle zu einer Ära "substantieller Symmetrie", in der alle Nationen
der Region sich mit "einer ähnlichen Tagesordnung konfrontiert sehen, die in ihrer gemeinsamen Beteiligung
an der Weltwirtschaft wurzelt". Die Vereinigten Staaten unter Bill Clinton haben sich zur Unterstützung einer
"Gemeinschaft von Demokratien" in der Hemisphäre verpflichtet, die auf die Erlangung gemeinsamer Ziele
ausgerichtet ist, darunter Förderung von Demokratie, Fortschritte beim Wirtschaftswachstum und die
Inangriffnahme der umfassenden Tagesordnung sozialer Erfordernisse.
Richard F. Feinberg ist Sonderberater des Präsidenten der Vereinigten Staaten für interamerikanische
Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vital Speeches of the Day, 15. Juni
1994.

Die hemisphärischen Beziehungen treten in ein
neues Zeitalter ein, in dem alle Länder - im Norden
wie im Süden - sich mit einer ähnlichen Tagesordnung konfrontiert sehen, die in ihrer gemeinsamen
Beteiligung an der Weltwirtschaft wurzelt. Es ist die
Ära substantieller Symmetrie.
Stellen wir einen Vergleich zwischen den Schlüsselthemen der Clinton-Administration und den Ländern
in der Hemisphäre an:
In den Vereinigten Staaten schaffen wir wieder
ein Gefühl der Gemeinschaft und der sozialen
Integration. Viele lateinamerikanische Nationen
streben nach politischer Versöhnung und Vertiefung der Demokratie.
Wir machen unsere Wirtschaft wettbewerbsfähiger und fördern Exporte.
Lateinamerika
schaltet sich immer mehr in die Weltwirtschaft
ein.
Wir reformieren unser Gesundheits-, Sozial- und
Bildungswesen. Lateinamerika konzentriert sich
auf seine eigene soziale Tagesordnung.
Diese substantielle Symmetrie ist vielversprechend
für die hemisphärischen Beziehungen. Ich möchte
jedes der Themen im einzelnen ansprechen:
Förderung von Demokratie, Fortschritte beim Wirtschaftswachstum und die Inangriffnahme der sozialen Tagesordnung.

AMERIKA DIENST 02

Die Förderung von Demokratie und der Schutz der
Menschenrechte zählen zu den wichtigsten strategischen außenpolitischen Zielen von Präsident Clinton.
Diese Einstufung ist eine logische Folge seiner
innenpolitischen Vision der Vereinigten Staaten, in
derdie Demokratie wiederbelebt und Gemeinschaften
wiederaufgebaut werden.
Heute bietet sich den Vereinigten Staaten eine
historische Chance zur Förderung von Demokratie in
der Hemisphäre ohne Angst vor externen Bedrohungen. Wir sind freier, eine Außenpolitik zu verfolgen,
die unsere Ideale und unsere Interessen besser
aneinander angleicht.
Um den Nationalen Sicherheitsberater des Präsidenten, Anthony Lake, zu zitieren:
"Einer Doktrin der Eindämmung muß eine Strategie der Erweiterung folgen - Erweiterung der
Gemeinschaft freier Marktwirtschaften der Welt.
Wir sind weder am Ende der Geschichte noch
beim Zusammenprall der Zivilisationen angelangt,
sondern an einem Augenblick enormer Chancen
für Demokratie und Unternehmertum. Wir dürfen
sie nicht vergeuden."
Der Präsident hat den Aufbau einer durch wachsende
wirtschaftliche Kontakte und sich einander annähernde politische Überzeugungen verbundene Gemeinschaft der Demokratien in dieser Hemisphäre gefordert.

Seite 1

�Ich lehne die pessimistische Einschätzung ab, daß
die derzeitige Welle der Demokratie in Lateinamerika
nur eine vorübergehende Phase ist, nur einen Pendelschlag von der Rückkehr zu autoritärer Herrschaft
entfernt. Es gibt gefährliche Gegenströmungen und
es wird Rückschläge geben, aber der Augenblick ist
günstig, damit die Demokratie endgültig Fuß faßt.
Als Amerikaner - Politiker und Wissenschaftler
gleichermaßen - können wir nicht passiver Beobachter dieses Dramas bleiben. Das Endergebnis wird in
gewissem Maße von unseren Aktionen abhängen.
Das breite Spektrum amerikanischer - unternehmerischer, religiöser, umweltpolitischer, humanitärer,
akademischer - Interessen, die nach Lateinamerika
hineinreichen, erachtet jetzt Demokratie als das
beste Mittel zur Sicherstellung seiner Ziele. Daher
gibt es breitgefächerte Unterstützung im Inland für
die Förderung einer hemisphärischen Gemeinschaft
von Demokratien durch die Administration.
Damit das Pendel nicht zu autoritärer Herrschaft
zurückschwingt, arbeiten wir auf dem gesamten
amerikanischen Kontinent an vier Fronten:
Erstens streben wir die Vertiefung der Demokratie in der Hemisphäre an, indem wir die Qualität
der demokratischen Regierungsführung verbessern helfen und so den Staat effizienter und
zugänglicher machen.
Zweitens fördern wir die nationale Versöhnung
und den innenpolitischen Dialog in Nicaragua, El
Salvador und Haiti sowie die Bildung breitgefächerter nationaler Koalitionen zur Erleichterung
demokratischer Reformen.
Drittens haben wir eindeutig klargestellt, daß die
Vereinigten Staaten bei Wahlen absolut neutral
sein werden, auch wenn sie demokratische
Verfahren uneingeschränkt unterstützen. Die
Lateinamerikaner wissen jetzt, daß wir zu keiner
bestimmten Partei oder Persönlichkeit tendieren.
Wir sind zur konstruktiven Zusammenarbeit mit
denjenigen bereit, die bei den für dieses Jahr
anberaumten Dutzend Wahlen den Sieg davontragen.
Viertens arbeiten wir auf die Stärkung der multinationalen Mechanismen für die kollektive Verteidigung der Demokratie in der Hemisphäre hin.
Wir unterstützen einen sehr starken, dynamischen Kandidaten als Leiter der Organisation
Amerikanischer Staaten in unserer jetzt konvergenten Hemisphäre.
Die Herausforderung der siebziger Jahre war der
Schutz der Menschenrechte. Der Triumph der

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achtziger Jahre war der Übergang zu freien Wahlen.
Die Aufgabe für Lateinamerika und die Karibik
besteht heute darin, den Schutz der Menschenrechte
zu institutionalisieren und das Funktionieren demokratischer Institutionen sicherzustellen, um einen
Staat zu schaffen, der für alle Menschen arbeitet.
Der Staat muß sich überall an die schnell entstehenden Muster der technologischen Innovation und
transnationalen Märkte anpassen. In den Vereinigten
Staaten wollen wir die Regierung umstrukturieren,
damit sie kostengünstiger, zielgerichteter und der
Öffentlichkeit zugänglicher wird sowie besser auf den
Verbraucher reagiert.
Plötzlich sind die Brasilianer, Venezolaner und
Honduraner nicht länger bereit, Unfähigkeit, Korruption und Straflosigkeit des Staates zu tolerieren. Wie
in dem Film Network artikulieren die Lateinamerikaner einstimmig: "Wir nehmen es nicht länger hin."
Dieses kollektive Erwachen signalisiert eine neue
Epoche des gesunden Protests und der Bürgerbeteiligung.
Öffentlicher Protest muß in institutionelle Reform
kanalisiert werden. Es ist unabdingbar, daß die
Demokratie das Banner guter Regierungsführung
hißt. "Demokratische Regierungsführung" darf kein
Oxymoron sein.
Die Clinton-Administration macht gute Regierungsführung zum zentralen Thema unseres hemisphärischen Diskurses. Die Geschichte warnt uns vor den
Fallstricken des Paternalismus, und wir werden eng
mit den Staats- und Regierungschefs der Hemisphäre
zusammenarbeiten, deren Tagesordnung wir teilen.
Wir beglückwünschen so engagierte Demokraten wie
Präsident Sanchez de Lozada von Bolivien, Präsident
De Leon Carpio von Guatemala und Präsident Carlos
Robert Reina von Honduras zu ihren mutigen Bestrebungen, in ihren Ländern eine saubere Regierung
einzuführen. Wir würdigen die Integrität und Qualität
chilenischer Institutionen wie die Controleria und
Zentralbank.
Wir verbessern die Koordinierung zwischen den
zahlreichen amerikanischen Regierungsprogrammen
zur Förderung guter Regierungsführung in der
Hemisphäre, und wir fordern multilaterale Behörden
auf, ihre Bestrebungen auf die Demokratisierung des
lateinamerikanischen Staates auszurichten.
Das häufig mit dem amerikanischen Außen- und
Justizministerium zusammenarbeitende Amt für
internationale Entwicklung (U.S. Agency for
International Development - USAID) verwaltet
zahlreiche Projekte über gute Regierungsführung,
darunter Wahlhilfe, Rechtsreform, Beziehungen

AMERIKA DIENST 02

�zwischen Zivilisten und Militärs sowie Unterstützung der Legislative. USAID selbst wird modernisiert und abgespeckt.

ideologische und geopolitische Auseinandersetzungen das Feuer geschürt und Mütter von Söhnen,
Brüder von Schwestern getrennt.

Das US-Informationsamt (United States Information Agency - USIA) bietet journalistische Ausbildung an und plant Konferenzen über "Demokratie und Korruption".

Mit dem Ende des Kalten Krieges können die Vereinigten Staaten ihren Part dabei spielen, die Lautstärke der Debatte zu verringern und die nicaraguanischen und salvadorianischen Familien wieder zu
vereinigen. Unser Ziel kann darin bestehen, zum
Räumen von Minen und zur Entmilitarisierung, zur
Versöhnung und zum Wiederaufbau beizutragen.

Das amerikanische Finanzministerium arbeit mit
der Weltbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank zusammen, um die Wirtschaftswissenschaftler des Ministeriums für die Bedeutung von Institutionen und die Beteiligung der
Basis an Projekten zu sensibilisieren - das heißt,
politische Wirtschaft zu praktizieren.
Ein effizienter Staat mit Beteiligung der Bürger ist
unabdingbar für demokratische Regierungsführung.
Demokratie erfordert jedoch auch eine aktive bürgerliche Gesellschaft zur Bereitstellung der Mittel, mit
denen der Bürger sich organisieren und mit der
Regierung kommunizieren kann. Wie viele von
Ihnen aufgrund Ihrer Arbeit vor Ort wissen, entstehen überall in der Hemisphäre nichtstaatliche
Organisationen (Nongovernmental Organizations NGOs). Das Entstehen der NGOs ist eine der
aufregendsten und vielversprechendsten neuen
politischen Entwicklungen im heutigen Lateinamerika.
Die Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen Organisationen ist heute Routinebestandteil vieler amerikanischer Programme. USAID hat zahlreiche Mitarbeiter, die früher in NGOs tätig waren. Als Regierungsvertreterwerden sie hart arbeiten, um die Instrumentarien zu unterstützen, die Menschen zur Zusammenarbeit und Selbstverwaltung ermutigen. Sie
werden die Regierungen auch zu Kontakten mit
Personen auffordern, die für diese von Nutzen sind.
In diesem Publikum ist geballtes Wissen über die
entscheidende Rolle des Staates und der bürgerlichen Gesellschaft in der westlichen Hemisphäre
versammelt. Wir begrüßen Ihre Empfehlungen und
Ihren Rat, wie demokratische Regierungsführung in
den die Region charakterisierenden vielschichtigen
spezifischen Gegebenheiten am besten gefördert
werden kann.
Ebenso wie Demokratie gute Regierungsführung
erfordert, bedarf sie auch der Mechanismen für
Konfliktlösung und einer politischen Kultur der Toleranz und Kompromisse. Zu häufig haben in Lateinamerika absolutistische Ideologien die Politik polarisiert. Zu häufig haben autoritäre Institutionen friedlichen Wandel vereitelt und die Reformer in die Berge
vertrieben. Und zu häufig haben internationale

AMERIKA DIENST 02

Während der achtziger Jahre reisten viele Mittelamerikaner nach Washington, um Unterstützung für
ihre parteipolitischen Programme zu gewinnen, statt
sich auf den Aufbau funktionierender Koalitionen in
ihrem Land zu konzentrieren. In Managua wiederholt
Botschafter John Maisto sein Credo: "Die Probleme
Nicaraguas müssen in Nicaragua von Nicaraguanern
gelöst werden." Wir können zu einem dem Dialog
förderlichen Umfeld beitragen, aber nur die Nicaraguaner können das Funktionieren der Demokratie
bewirken.
Alle Nicaraguaner, die unabhängig von der Farbe
ihrer verblichenen Uniformen entsprechend demokratischer Regeln leben wollen, sollten an diesem
innenpolitischen Dialog beteiligt sein. Wir unterstützen den Wunsch von Präsidentin Violeta Chamorro, mit der Tradition des Alles-oder-Nichts der
Sieger und Besiegten zu brechen. Wir haben eindeutig klargestellt, daß wir absolut keine Sympathie
für einen erneuten Rückfall zur Gewalt haben - egal,
von welcher Gruppe.
Wir bevorzugen auch keine bestimmte politische
Gruppe. Aber wir nehmen nicht zu allen Themen
eine neutrale Haltung ein. Ebenso wie andernorts
befürworten wir in Nicaragua die bürgerliche Kontrolle
der Sicherheitskräfte, Respektierung der Menschenrechte, die friedliche Lösung von Eigentumsstreitigkeiten, eine ehrliche und unparteiische Rechtssprechung
und eine funktionierende Legislative. Dies alles ist
schwer zu verwirklichen, aber es sind unerläßliche
Schritte auf dem Weg zu effektiver demokratischer
Regierungsführung und wirtschaftlichem Fortschritt.
Einige Kritiker haben den neuen Stil der amerikanischen Diplomatie in Mittelamerika als Indifferenz oder
Vernachlässigung fehlinterpretiert. Gerade weil wir
wirklich an der langfristigen Sicherheit der Region
interessiert sind, verzichten wir auf die Unterstützung
bestimmter Einzelpersonen und Gruppen. Es ist
unser echtes Interesse am künftigen Wohlstand der
Region, das unser Eintreten für dauerhafte demokratische Praktiken und Institutionen motiviert.

Seite 3

�Diese Politik des überparteilichen Engagements
verfolgen wir auch in El Salvador. Dieses Land
konnte den Höhepunkt eines unglaublichen Friedensprozesses feiern - von UN-Beobachtern überwachte Wahlen, bei denen ehemalige Kombattanten
für den friedlichen Wandel stimmten. Eine Demonstration des amerikanischen Engagements war eine
Delegation von Kongreßabgeordneten, Menschenrechtsverfechtern und anderen Amerikanern, die
nach San Salvador reiste, um Zeuge dieses historischen Übergangs zu werden. Die US-Regierung
wird konstruktiv mit der Entscheidung des Volkes zusammenarbeiten.
In ganz Mittelamerika übernehmen unsere Botschaften eine neue Funktion: Sie werden zum Zufluchtsort, an dem Männer und Frauen unterschiedlicher
politischer Überzeugungen auf sicherem Boden
zusammenkommen können. Unsere Botschaften
sind auch zum Treffpunkt geworden, an dem hochrangige Regierungsvertreter Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen begegnen. Dies sind
kleine, aber konkrete Beiträge zur Konfliktlösung und
zum demokratischen Wiederaufbau.
Eine gravierende Bedrohung der Demokratisierung
in der Hemisphäre war, als der Präsident von
Guatemala 1993 gegen den Wunsch des guatemaltekischen Volkes die Macht an sich reißen wollte.
Am selben Nachmittag noch kam die Organisation
Amerikanischer Staaten zusammen, um den Putsch
unmißverständlich zu verurteilen und die unverzügliche, friedliche Rückkehr zur konstitutionellen
Demokratie zu fordern. Die Reaktion Mexikos
sprach für das Ausmaß der Entrüstung in der
Hemisphäre:
Mexiko änderte seine bisherige
Haltung zur Souveränität und warnte, die Zusammenarbeit mit dem Nachbarstaat Guatemala stehe
auf dem Spiel.
OAS-Generalsekretär Baena Soares reiste unverzüglich mit einer Außenminister-Delegation nach
Guatemala-Stadt und überreichte die Stellungnahme
der internationalen Staatengemeinschaft. Gleichzeitig stellten die Vereinigten Staaten ihre Militär- und
Wirtschaftshilfe ein und setzten die guatemaltekischen Unternehmen davon in Kenntnis, daß ihre
Handelspräferenzen auf dem Spiel stehen. Offizielle
Warnungen der Vereinigten Staaten wurden landesweit per Fax verbreitet und von der Voice of America
ausgestrahlt. Darüber hinaus gewährten die multilateralen Entwicklungsbanken keine weiteren Kredite.
Die entschlossene internationale Reaktion verstärkte
die ebenso entschiedene innenpolitische Opposition
gegen Präsident Serranos illegalen und maßlosen
Akt. Binnen Tagen war Serrano im Exil und der
guatemaltekische Kongreß wählte einen führenden
Menschenrechtsverfechter zum neuen Präsidenten.

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So entstand eine erstaunlich erfolgreiche Übung in
kollektiver Verteidigung der Demokratie.
Viele
Guatemalteken sind weiterhin unzufrieden mit ihrem
politischen System, erkennen jedoch, daß das
Zurückschwingen des Pendels abgewendet wurde.
Man stelle sich vor, wie unterschiedlich die Geschichte Lateinamerikas verlaufen wäre, wenn die internationale Staatengemeinschaft 1972 gehandelt hätte,
um den überwältigenden Wahlsieg von Napoleon
Duarte zu sichern und wieviele Menschenleben
hätten gerettet werden können.
Die heute vor uns liegende Aufgabe lautet, aus den
Fehlern und Erfolgen der Vergangenheit zu lernen
und ein stärkeres Regime in der Hemisphäre aufzubauen, das innenpolitische Bestrebungen zur
Eindämmung von Bedrohungen der Demokratie
verstärken kann. Wir benötigen ein mit effektiver
präventiver Diplomatie gekoppeltes Frühwarnsystem.
Der im Dezember veranstaltete Amerika-Gipfel bot
eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Stärkung der
OAS-Mechanismen, Demokratie zu fördern und
Staatsstreiche zu verhindern. Wie im Falle Haitis
offensichtlich wurde, ist es bei weitem schwieriger,
einen konsolidierten Staatsstreich rückgängig zu
machen als ihn abzuschrecken.
Zur Wiedereinsetzung des demokratisch gewählten
Präsidenten Jean-Bertrand Aristide in sein Amt
forderten die OAS und die Vereinten Nationen ihre
Mitgliedstaaten auf, ein Embargo für Waffen- und
Öllieferungen durchzusetzen. Darüber hinaus verweigerten die Vereinigten Staaten die Ausstellung
von Visa, froren die Vermögenswerte aller haitianischen Offiziere ein und arbeiteten auf eine UNResolution hin, die zum ersten Mal in der Geschichte
solche gezielten Sanktionen universell machen sollte.
Vier befreundete Staaten - Frankreich, Kanada,
Venezuela und wir - wendeten dieses Druckmittel an,
um breitgefächerte Verhandlungen zur Beendigung
der Militärherrschaft in Haiti zu fördern.
In Erwartung einer Rückkehr zur konstitutionellen
Herrschaft kündigte die internationale Staatengemeinschaft ein Hilfspaket in Höhe von 1 Milliarde
Dollar für Haiti an, das beim Aufbau einer demokratischen Regierungsführung, Stärkung nichtstaatlicher
Organisationen und der Schaffung von Arbeitsplätzen
behilflich sein soll. Wir engagieren uns weiterhin für
die Integration Haitis in die Gemeinschaft von Demokratien in der Hemisphäre. (Dieses Ziel wurde im
Sommer maßgeblich gefördert, als die Vereinigten
Staaten mit einem Mandat der Vereinten Nationen
Aristide wieder als Präsident von Haiti einsetzten).
Als Präsident Clinton sein Amt übernahm, gelobte er,
sich wie ein Laserstrahl auf die amerikanische
Binnenwirtschaft zu konzentrieren. Gleichzeitig kann

AMERIKA DIENST 02

�man sich kaum eine geeignetere amerikanische
Wirtschaftspolitik gegenüber Lateinamerika vorstellen
als die aktuelle. Wenn es stimmt, daß Lateinamerika
eine Erkältung bekommt, wenn die Vereinigten
Staaten niesen, dann trifft es ebenso zu, daß Lateinamerika profitiert, wenn sich die amerikanische
Wirtschaft - mit niedriger Inflationsrate, niedrigen
Zinssätzen und offenen Märkten - erholt. Am
dramatischsten ist, daß der drastische Fall der
Marktzinssätze den Schuldendienst Lateinamerikas
in voller Höhe und mehr als alle Abkommen zum
Schuldenabbau im Rahmen des Bradyplans verringerte.
Tragfähige Wirtschaftsentwicklung in den Vereinigten
Staaten ist der beste uns zur Verfügung stehende
Mechanismus zur Förderung von Wirtschaftswachstum in Lateinamerika. Heute besteht kein Widerspruch zwischen der Wiederherstellung von Wohlstand in den Vereinigten Staaten und der Förderung
von Wohlstand in Lateinamerika und der Karibik.
Die Vereinigten Staaten haben großes - politisches
und wirtschaftliches - Interesse am Wohlstand
Lateinamerikas. Zweifelsohne haben Demokratien
eher Bestand, wenn sich der wirtschaftliche Kuchen
vergrößert. Wir haben jedoch auch ein starkes
eigenes wirtschaftliches Interesse am Wohlstand der
Hemisphäre. Exporte sind zur wichtigsten Triebkraft
unseres Wirtschaftswachstums geworden, und
Lateinamerika ist einer unserer dynamischsten
Märkte. Die amerikanischen Exporte nach Lateinamerika haben sich in sieben Jahren auf nahezu 80
Milliarden Dollar im Jahr 1993 mehr als verdoppelt das ist mehr als wir an Japan oder alle Entwicklungsländer in Ostasien verkaufen. Lateinamerika ist
die einzige grö ßere Region der Welt, in der wir einen
beträchtlichen Handelsüberschuß zu verzeichnen
haben.
Aus diesen Gründen hat Präsident Clinton hart um
die Verabschiedung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (North American Free Trade
Agreement - NAFTA) gekämpft. Aber es gab auch
noch einen anderen Grund. Bei der Unterzeichnung
der Zusatzabkommen zum NAFTA bekräftige der
Präsident:
"Dies ist eine Chance, Freiheit und Demokratie in
Lateinamerika Auftrieb zu verleihen und auch für
die Vereinigten Staaten neue Arbeitsplätze zu
schaffen."
Das NAFTA verleiht den demokratischen Tendenzen
in Mexiko in unterschiedlicher Weise Dynamik. Es
trägt dazu bei, wirtschaftliche und letztlich politische
Macht zu dezentralisieren. Durch die Zusatzabkommen ermutigt es grenzüberschreitende Kontakte

AMERIKA DIENST 02

zwischen Umwelt-, Arbeitnehmer- und Menschenrechtsgruppen und eröffnet den mexikanischen NGOs
neue Möglichkeiten. Und es bezieht Mexiko stärker
in das globale Dorf ein.
Vergleichen Sie die Reaktionen der mexikanischen
Behörden auf die Studentenunruhen im Jahr 1968
und die jüngste Rebellion in Chiapas. Im Januar
1994 trug die öffentliche Meinung dazu bei, die
Mexikaner mit repressiven Reflexen ruhig zu stellen
und die Mexikaner zu unterstützen, die Dialog und
soziale Reformen bevorzugen. Das NAFTA ist zu
jung, um den Lebensnerv der Zapatistas zu treffen,
aber wegen des NAFTA sind einige Rebellen vielleicht heute noch am Leben. Nach den NAFTADebatten und der Chiapas-Revolte verbesserten sich
die Aussichten für echte Wahlreformen in Mexiko.
Die Verabschiedung des NAFTA hat in ganz Lateinamerika deutlich spürbare Aufregung hervorgerufen.
Seit der Allianz für den Fortschritt hat es nicht mehr
so großes Interesse und Optimismus für interamerikanische Zusammenarbeit gegeben. Nationen, die
vor nicht allzulanger Zeit die amerikanische politische
Intervention fürchteten, streben jetzt aktiv die Einbeziehung in den freien Handel in der Hemisphäre
an. Ein Politiker nach dem anderen aus Mittel- und
Südamerika sowie der Karibik hat Interesse am
Anschluß an das NAFTA zum Ausdruck gebracht.
Als Reaktion darauf bekräftige Präsident Clinton am
Abend der Abstimmung über das NAFTA seine
Absicht, "die anderen marktorientierten Demokratien
in Lateinamerika einzubeziehen, sie zum Beitritt zu
diesem großartigen amerikanischen Pakt aufzufordern, der meines Erachtens soviel Hoffnung für
unsere Zukunft enthält".
Der Präsident hat seinen Handelsbeauftragten und
andere hochrangige Berater angewiesen, die Modalitäten und Kriterien für die Erweiterung des Handels
auf dem gesamten amerikanischen Kontinent zu
prüfen.
Bis zum Jahr 2000 könnten die amerikanischen
Exporte nach Lateinamerika die Exporte der Vereinigten Staaten nach Westeuropa sehr wohl übersteigen - und eine Million neuer Arbeitsplätze für
amerikanische Arbeitnehmer schaffen. Die amerikanischen Exporte könnten noch schneller zunehmen,
wenn die Handelshemmnisse weiterhin abgebaut
werden. Aus diesem Grund unterstützt die Administration uneingeschränkt regionale Abkommen, die
neuen Handel schaffen statt ihn umzulenken, und
dies sind die Bausteine für die Handelsintegration in
der Hemisphäre. Wir streben offenen Regionalismus
an - eine Hemisphäre, die durch Handel und Kapitalströme eng verbunden, aber dennoch offen für
Wettbewerb mit der übrigen Welt ist.

Seite 5

�Unser wichtigster Unterhändler bei Handelsfragen,
Mickey Kantor, nahm stellvertretend für Präsident
Clinton an der Amtseinführung von Eduardo Frei in
Chile teil. Botschafter Kantor bekräftigte das präsidiale Versprechen, ein Freihandelsabkommen mit
Chile anzustreben - ein Versprechen, das zum Teil
zu Ehren von Chiles sozialbewußter Demokratie
gegeben wurde.
Als direkte Folge von Treffen zwischen Präsident
Clinton und Politikern aus der Karibik und Lateinamerika erwarten wir die Ankündigung von Maßnahmen, die auf die Beschwichtigung ihrer Besorgnis
über die Auswirkungen des NAFTA auf ihre Volkswirtschaften und die Erweiterung von Handel und Investitionen ausgerichtet sind.
Innerhalb dieser hemisphärischen Gemeinschaft
besteht eine wachsende Konvergenz der Sichtweise
im Hinblick auf die angemessene Rolle des Staates
bei der Entwicklung. Ein starker, effizienter Staat
muß in physische Infrastruktur und Humankapital
investieren und gleichzeitig ein günstiges Umfeld für
Privatunternehmen und Regulierung unzulänglicher
Märkte schaffen.
Es gibt jedoch immer noch einige Politiker, die sich
nach einem omnipräsenten Staat zurücksehnen, der
die Firmen im Inland hinter hohen Zollmauern
schützte und städtische Verbraucher der Mittelklasse
subventionierte. Die Suche nach einer Rückkehr zu
einem mythologischen goldenen Zeitalter des Staatskapitalismus hat unheilige Allianzen unter traditionellen Rivalen hervorgebracht - zwischen Monopolkapitalisten und orthodoxen Linken. Was sie gemeinsam
haben, ist das Festhalten an einer veralteten Vision
des patemalistischen Staates.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert werden
Bestrebungen, an solchen überholten Entwicklungsmodellen festzuhalten, nur zu ineffizienten Produktionsmustern, Haushaltsdefiziten und unkontrollierter
Inflation, sinkenden Realeinkommen und zunehmender Armut führen - wobei die Demokratie selbst
letztlich das Opfer ist.
Ein weiterer gefährlicher Mythos ist, daß Strukturreformen autoritäre Techniken erfordern. Zahllose
Beispiele - von Jamaika bis Argentinien, von Costa
Rica bis zur Tschechischen Republik - belegen, daß
Demokratie sich an Veränderungen auf dem globalen Markt anpassen kann.
Die Antwort auf die Probleme von heute wird nicht in
müßigen Bestrebungen einer Rückkehr zu Mustern
der Vergangenheit zu finden sein. Es trifft jedoch
ebenso zu, daß Regierungen die Pflicht haben,
denen zu helfen, die durch den Wandel Schaden

Se'rte 6

erleiden - ihren Arbeitsplatz verlieren oder neue
Qualifikationen benötigen.
Aus diesem Grund
möchte Präsident Clinton das veraltete System der
Vereinigten Staaten zur Unterstützung der Arbeitslosen in ein System zur Wiederbeschäftigung umgestalten, um ein neues Bildungs- und Ausbildungssystem zu schaffen, das den Menschen echte Qualifikationen und die Fähigkeit vermittelt, neue zu erwerben. Das ist auch der Grund, warum viele lateinamerikanische Regierungen Bildungs- und Sozialprogramme an oberste Stelle ihrer Tagesordnung
setzen.
In den achtziger Jahren erzielte Lateinamerika
Fortschritte bei der Stabilisierung der Finanzen und
Strukturanpassungen, vertagte die soziale Tagesordnung jedoch. Heute leben ungefähr 45 Prozent der
Lateinamerikaner in Armut. Gleichzeitig wird enormer
neuer Reichtum angehäuft und verbreitert die bereits
tiefe Kluft zwischen Reichen und Armen in einer
Region, die seit langem für die schlechteste Einkommensverteilung der Welt berüchtigt ist.
Es ist an der Zeit, den Menschen an erste Stelle zu
setzen - in der gesamten Hemisphäre. Ein gerechteres Einkommensmodell wird die politischen und
wirtschaftlichen Errungenschaften der achtziger Jahre
sichern. Demokratie muß einen besseren Lebensstandard liefern - oder das Pendel könnte in der Tat
zu Autoritarismus zurückschwingen.
Führende
Unternehmer in Lateinamerika sind sich zunehmend
bewußt, daß das beste Heilmittel gegen Anpassungsmüdigkeit mehr soziale Gerechtigkeit ist. Klügere
und gesündere Arbeitnehmer sind produktiver - und
wahrscheinlich bessere Bürger und bessere Demokraten. Die Verbesserung des Bildungs- und Gesundheitswesens - insbesondere für Frauen - trägt zu
Chancengleichheit und Stabilisierung der Demokratie
bei.
Die Verlagerung von Ressourcen zu den Armen ruft
jedoch unweigerlich den Widerstand einiger Interessengruppen hervor. Bei diesem Kampf verbünden
sich die internationalen Finanzinstitutionen - mit
Ermutigung der Vereinigten Staaten - mit den Armen
und Entrechteten. Die Weltbank und die Interamerikanische Entwicklungsbank konzentrieren ihre
Programme auf die soziale Tagesordnung, um ihr
eigenes soziales Mandat zu erfüllen und Wirtschaftsreformen zu legitimieren.
Information ist Macht. Die Interamerikanische Entwicklungsbank wird daher das Sammeln von Daten
über soziale Indikatoren fördern, detailliertere Studien
über die Armut erstellen und die Finanzlücke für die
Entwicklung des sozialen Sektors in jedem Land
analysieren. Damit die Interamerikanische Entwicklungsbank besser auf diese offenkundigen Erforder-

AMERIKA DIENST 02

�nisse reagieren kann, streben wir eine Aufstockung
ihres Kapitals um 40 Milliarden Dollar auf insgesamt
100 Milliarden Dollar an.
Entwicklungsstrategien müssen regionale Unterschiede berücksichtigen. Bei einem Treffen mit
mittelamerikanischen Staats- und Regierungschefs
schlug der guatemaltekische Präsident De Leon
Carpio eine Partnerschaft zur Förderung tragfähiger
Entwicklung in seiner Region zur offenkundigen
Begeisterung von Vizepräsident AI Gore und AIDDirektor Brian Atwood vor. Als Reaktion darauf
arbeitet USAID intensiv an der Anpassung seiner
eigenen neuformulierten Tagesordnung für tragfähige Entwicklung an die Erfordernisse in Mittelamerika
mit Konzentration auf die Umsiedlung von Flüchtlingen und Beteiligung der Basis, guter Regierungsführung und Verjüngung des Privatsektors, Bekämpfung der Armut und Umweltschutz.
In der gesamten Hemisphäre können wir die soziale
Tagesordnung durch Anpassung, Beratung, techni-

*

AMERIKA DIENST 02

sehe und finanzielle - bilaterale und multilaterale Hilfe fördern. Die Bekämpfung der Armut war auch
beim Amerika-Gipfel im Dezember 1994 ein zentrales
Thema.
Präsident Clinton war der Gastgeber des ersten seit
1967 anberaumten Gipfeltreffens - des ersten, an
dem nur demokratisch gewählte Politiker teilnahmen
und des ersten, das je in den Vereinigten Staaten
veranstaltet wurde. Der Gipfel bot eine einzigartige
Gelegenheit, Nutzen aus der beispiellosen Konvergenz demokratischer Werte und wirtschaftlicher
Gedanken in der gesamten Hemisphäre zu ziehen.
Zu den wichtigsten Themen des Gipfeltreffens zählten
gute Regierungsführung und bürgerliche Gesellschaften, die kollektive Verteidigung der Demokratie,
regionale Integration und Erweiterung des Handels
sowie tragfähige Entwicklung und Bekämpfung der
Armut. In diesem Zeitalter substantieller Symmetrie
wurde der Gipfel zum Test, ob die Staats- und
Regierungschefs der Hemisphäre gemeinsame Werte
in konkrete Arbeitspläne umsetzen können.

* * *

*

Seite 7

�REPUBLIKANER
11. Januar 1995

STEUERSENKUNGEN UND REFORMEN
IM KONGRESS
Der Vertrag mit Amerika
WASHINGTON - (AD) - Der vor den Kongreßwahlen im vergangenen November unterzeichnete "Vertrag mit
Amerika" der republikanischen Partei sieht Gesetze über Steuersenkungen und eine Reduzierung staatlicher
Ausgaben sowie die Durchführung einer Reihe von Kongreßreformen vor.
Über 300 republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus und Anwärter auf Sitze in dieser Kammer
kamen am 27. September 1994 aus Anlaß einer Feierstunde zur Unterzeichnung des Vertrags mit Amerika
auf den Stufen vor dem Kapitol zusammen.
Am 4. Januar 1995, dem ersten Tag der Legislaturperiode des 104. Kongresses, erklärte der Speaker des
Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, die republikanischen Abgeordneten hätten "das Engagement sowie die
strenge Pflicht, unseren Vertrag mit Amerika zu erfüllen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text des Vertrags mit Amerika.

Als republikanische Abgeordnete des Repräsentantenhauses und als eine Mitgliedschaft in diesem
Gremium anstrebende Bürger schlagen wir nicht nur
eine Änderung der Politik dieser Kammer vor,
sondern - was noch wichtiger ist - die Wiederherstellung des Vertrauensverhältnisses zwischen dem
Volk und seinen gewählten Vertretern.

Ebenso wie Lincoln, unser erster republikanischer
Präsident, wollen wir mit Entschlossenheit das tun,
was Gott uns für Rechtens halten läßt. Wir werden
die Rechenschaftspflicht des Kongresses wiederherstellen. Wir werden den Zyklus von Skandalen und
Schändlichkeiten beenden. Wir werden alle wieder
stolz auf die Selbstverwaltung freier Menschen sein.

Aus diesem Grund bieten wir in diesem Zeitalter, in
dem die Vertreter des Staates Ausreden erfinden
und sich in Positur setzen, eine detaillierte Tagesordnung für die nationale Erneuerung, eine schriftliche Verpflichtung ohne Kleingedrucktes.

Am ersten Tag des 104. Kongresses wird die neue
republikanische Mehrheit umgehend die folgenden
bedeutenden Reformen verabschieden, die darauf
abzielen, den Glauben des amerikanischen Volkes an
seine Regierung und sein Vertrauen in sie wiederherzustellen:

Die in diesem Jahr stattfindenden Wahlen bieten
nach vierzigjähriger Kontrolle des Repräsentantenhauses durch eine Partei die Chance, in dieser
Kammer eine neue Mehrheit zu bilden, die die
Arbeitsweise des Kongresses verändert. Dieser
historische Wandel wäre das Ende einer aufgeblähten Regierung, die sich zu stark in das Leben der
Bürger einmischt und zu leichtfertig mit öffentlichen
Geldern umgeht. Er könnte den Beginn eines
Kongresses darstellen, der die Werte der amerikanischen Familie respektiert und den Glauben daran
teilt.

AMERIKA DIENST 02

Erstens. Alle auf den Rest des Landes anzuwendenden Gesetze gelten in ebensolcher Weise für den
Kongreß.
Zweitens. Auswahl einer großen, unabhängigen
Wirtschaftsprüfungsfirma zur umfassenden Überprüfung des Kongresses im Hinblick auf Verschwendung, Betrug oder Mißbrauch.
Drittens. Reduzierung der Anzahl von Ausschüssen
des Repräsentantenhauses und Kürzung der Ausschußmitglieder um ein Drittel.

Seite 1

�Viertens. Beschränkung der Amtszeit aller Ausschußvorsitzenden.
Fünftens. Verbot der Stimmabgabe durch einen
Bevollmächtigten in den Ausschüssen.
Sechstens. Die Ausschußsitzungen sollen öffentlich
sein.
Siebtens. Steuererhöhungen können nur mit einer
Dreifünftelmehrheit beschlossen werden.
Achtens. Ehrliche Buchführung bei unserem Staatshaushalt durch ausgeglichene Haushaltsbilanzen.
Demgemäß werden wir innerhalb der ersten 100
Tage des 104. Kongresses im Repräsentantenhaus
die folgenden Gesetzentwürfe vorlegen, von denen
jeder einzelne vor einer klaren und fairen Abstimmung eingehend und offen debattiert wird und die
sofortiger öffentlicher Überprüfung und Kontrolle
zugänglich sind.
1. Gesetz über steuerliche Rechenschaftspflicht

und eine strenge Regel erlassen wird, derzufolge
staatliche Leistungen nach zwei Jahren eingestellt
werden und der einzelne zur Förderung seiner
persönlichen Verantwortung einer Beschäftigung
nachgehen muß.
4. Gesetz über die Stärkung der Familie
Stärkere Unterstützung von Kindern, steuerliche
Anreize zur Adoption, Stärkung der Rechte von Eltern
bei der Bildung und Ausbildung ihrer Kinder, strengere Gesetze über Kinderpornographie sowie Steuerfreibeträge für die Pflege älterer Familienangehöriger,
um wieder die zentrale Rolle der Familie in der
amerikanischen Gesellschaft zu stärken.
5. Gesetz zur Wiederherstellung des Amerikanischen
Traums
Ein Steuerfreibetrag von 500 Dollar pro Kind, Aufhebung der steuerlichen Benachteiligung von Ehepaaren sowie die Schaffung eines Sparkontos für den
Amerikanischen Traum, um der Mittelschicht Steuererleichterungen zu gewähren.

Ein Ergänzungsantrag über einen ausgeglichenen
Haushalt und eine Begrenzung von Steuererhöhungen sowie ein Vetorecht der Legislative zur Erzielung einer ausgeglichenen Haushaltsbilanz sollen die
Rechenschaftspflicht eines außer Kontrolle geratenen Kongresses über die Verwendung von Steuergeldern wiederherstellen und von ihm verlangen, mit
denselben Haushaltsengpässen zu leben wie Familien und Unternehmen.

6. Gesetz zur Wiederherstellung der nationalen
Sicherheit

2. Gesetz über die Rückeroberung unserer Straßen

7. Gesetz über Gerechtigkeit gegenüber älteren
Bürgern

Ein Gesetzespaket zur Verbrechensbekämpfung
einschließlich eines realistischeren Strafmaßes,
Ausnahmen aus der Ausschlußregelung bei "in
gutem Glauben", wirksamen Bestimmungen bei der
Todesstrafe und Kürzungen bei den Sozialausgaben
des aus dem Sommer diesen Jahres stammenden
Gesetzes über die Verbrechensbekämpfung zur
Finanzierung des Baus von Gefängnissen und
zusätzliche Strafverfolgungsmaßnahmen, um die
Wohngegenden für die Menschen und die Schulen
für die Kinder sicherer zu machen.
3. Gesetz zur Förderung der persönlichen Verantwortung
Die Geburt unehelicher Kinder und Schwangerschaften unter Teenagern sollen entmutigt werden,
indem minderjährige Mütter von der Sozialhilfe
ausgeschlossen, weitere Finanzhilfen für zusätzliche
Kinder während des Erhalts von Sozialhilfe gesperrt,
die Gelder für Sozialhilfeprogramme gekürzt werden

Seite 2

Keine amerikanischen Truppen unter dem Kommando der Vereinten Nationen und Wiederherstellung
essentieller Bestandteile unserer nationalen Sicherheitsfinanzierung zur Stärkung unserer nationalen
Verteidigung und Beibehaltung unserer weltweiten
Glaubwürdigkeit.

Erhöhung der Einkommensobergrenze für den Erhalt
von Sozialleistungen, die derzeit ältere Bürger aus
der erwerbstätigen Bevölkerung verdrängt, Aufhebung
der 1993 verfügten Steuererhöhungen auf Sozialversorgungsleistungen und steuerliche Anreize für den
Abschluß einer privaten Pflegeversicherung, damit
ältere Amerikaner mehr von dem behalten können,
was sie mit den Jahren verdient haben.
8. Gesetz über die Schaffung von Arbeitsplätzen und
Lohnerhöhungen
Anreize für kleine Unternehmen, Kürzung und Indexierung von Kapitalerträgen, Rückgewinnung neutraler Kosten, Risikoprüfung/Kosten-Nutzen-Analyse,
Stärkung des Gesetzes über Ausführungsflexibilität
und Reform nicht fundierter Mandate zur Schaffung
von Arbeitsplätzen sowie Lohnerhöhungen.
9. Gesetz über eine vernünftige Gesetzesreform

AMERIKA DIENST 02

�Gesetze über die Finanzierung der Prozeßkosten
durch den Verlierer des Prozesses, vernünftige
Begrenzung von über den Schadenersatz hinausgehenden Bußen und Reform von Gesetzen über die
Produkthaftung, um der Welle endloser Rechtsstreitigkeiten Einhalt zu gebieten.

Ferner werden wir dem Haushaltsausschuß des
Repräsentantenhauses Anweisung zur Berichterstattung im Plenum geben und an zusätzlichen Haushaltseinsparungen arbeiten, die über die obengenannten Haushaltskürzungen hinausgehen um
sicherzustellen, daß das Haushaltsdefizit mit Hilfe
dieser Gesetze verringert wird.

10. Gesetz über eine Legislative der Bürger
Die erste Abstimmung ihrer Art über eine Begrenzung der Amtszeit, um Berufspolitiker durch bürgerliche Gesetzgeber zu ersetzen.

*

AMERIKA DIENST 02

Unter Berücksichtigung der Urteilskraft unserer
Mitbürger, deren Mandat für Reformen wir anstreben,
bürgen wir hiermit mit unserem Namen für diesen
Vertrag mit Amerika.

* * * *

Seite 3

�MARTIN

LUTHER

KING
11. Januar 1995

DIE MARTIN LUTHER KING LIBRARY
Umfassende Sammlung über King und die Bürgerrechtsbewegung
WASHINGTON - (AD) - Am kommenden Montag,
dem 16. Januar, werden die Amerikaner erneut den
Geburtstag von Martin Luther King Jr. mit einem
Nationalfeiertag zu seinem Gedenken begehen. In
großen und kleinen Städten werden sich die Menschen versammeln, um sich an den Traum von
Rassengleichheit und an den Träumer zu erinnern,
der soviel dazu beigetragen hat, Amerika und die
Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Für viele ist die Botschaft von Martin Luther King
jedoch zu wichtig, um sich ihrer nur an einem Tag
zu erinnern. In Schulen, Forschungsinstitutionen
und Bibliotheken im ganzen Land werden ständige
Sondersammlungen und Ausstellungen über die
Lehren von Dr. King und die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung gezeigt, die er mitanführte.
Eine der umfassendsten Sammlungen in einer
öffentlichen Einrichtung befindet sich Charles Hicks,
einem Bibliothekar der Abteilung Studien über
Schwarze zufolge in der Martin Luther King Memorial Library im Zentrum der Bundeshauptsstadt Washington.
Hicks erklärte, es gäbe zahlreiche Universitätsbibliotheken und Forschungsinstitutionen, die ebenfalls
über umfangreiche Sammlungen über die Geschichte der Bürgerrechte und der Schwarzen verfügen,
"aber als öffentliche Bibliothek haben wir ein allgemeines Publikum, darunter auch Kinder. Wir
führen zum Beispiel viele Bücher und Broschüren
über Dr. King, die auf ein junges Publikum in einer
Sprache ausgerichtet sind, die es versteht."
Darüber hinaus, so Hicks, befinden sich in der Martin
Luther King Memorial Library auch Romane über die
Geschichte der Schwarzen und die Bürgerrechtsbewegung, die für gewöhnlich nicht in Forschungsbibliotheken erhältlich sind.
Auf die Frage, wer die Bibliothek vornehmlich
besucht, antwortete Hicks: "Es ist wirklich ein sehr
breites Spektrum von Besuchern. Junge Afroamerikaner in Washington sind besonders an Dr. King
interessiert, und sie zeigen auch großes Interesse

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an anderen Bürgerrechtlern wie Malcolm X und
Marcus Garvey."
Laut Hicks kommen jedoch auch viele Besucher aus
dem Ausland in die Bibliothek. "Dr. King übt immer
noch national und international große Anziehungskraft
aus", stellte er fest. "Ich bin immer wieder erstaunt,
daß Besucher aus China und Japan sowie westindischen und afrikanischen Ländern hierherkommen.
Sie alle wollen etwas über das Vermächtnis von
Martin Luther King Jr. lesen", fügte er hinzu.
Die 1972 eröffnete Bibliothek hat nicht nur Bücher
über Dr. King, die Bürgerrechtsbewegung und afroamerikanische Geschichte im allgemeinen in ihrem
Bestand, sondern auch eine umfassende Sammlung
von Schallplatten sowie Audio- und Videokassetten.
Wenn man beispielsweise Dr. Kings 1963 gehaltene
berühmte Rede "Ich habe einen Traum" in ganzer
Länge sehen möchte, so hat die Bibliothek eine
Videoaufzeichnung. Man kann die Videokassette
kostenlos ausleihen oder sie für einen kleinen Betrag
kaufen.
Die moderne Bürgerrechtsbewegung in Amerika
nahm ihren Anfang am 1. Dezember 1955 in Montgomery (Alabama), als eine müde, hart arbeitende
Afroamerikanerin namens Rosa Parks sich weigerte,
ihren Sitzplatz in einem Bus für einen weißen Mann
zu räumen, wie es die Gesetze der Bundesstaaten zu
jener Zeit forderten.
Aber Rosa Parks Akt des Widerstands wäre umsonst
gewesen, wenn nicht ein junger Baptistenprediger,
Martin Luther King Jr., die Stunde genutzt und einen
382tägigen Kampf zur Aufhebung der Rassentrennung im öffentlichen Nahverkehrssystem der Stadt
geführt hätte. Obwohl er den Widerstand nie unterschätzte, hegte King keinen Zweifel am Ausgang des
Kampfes. "Es ist die großartige Ironie des Schicksals, daß wir an jenem Tag Montgomery - die Wiege
der Konföderation - zu Montgomery - der Wiege von
Freiheit und Gerechtigkeit - gemacht haben", erklärte
er. Ein Jahr später verfügte das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten, daß die Rassentrennung in Bussen verfassungswidrig ist.

Seite 1

�So begann die heroische Reise Martin Luther Kings
von Montgomery (Alabama) nach Memphis (Tennessee). Bei seinem 13 Jahre währenden Streben nach
der Schaffung einer sogenannten liebenden Gemeinschaft bereiste King das Land - von Norden nach
Süden, von Osten nach Westen - und forderte
Gerechtigkeit und Rassengleichheit. Wo immer er
war, forderte er das Gewissen Amerikas heraus und
wurde zur vielleicht dominantesten Stimme seiner
Zeit.

fei war. Es macht mir nichts aus. Wie jeder andere
wünsche ich mir ein langes Leben - ein langes Leben
hat seinen Stellenwert. Aber darüber bin ich jetzt
nicht besorgt. Ich will nur Gottes Willen erfüllen.
Und er hat mir erlaubt, auf den Berg zu gehen. Ich
habe vom Gipfel geschaut und das Gelobte Land
gesehen. Ich werde vielleicht nicht gemeinsam mit
Euch dorthin gelangen. Aber ich möchte Euch heute
abend sagen, daß wir als Volk gemeinsam ins
Gelobte Land gelangen werden."

Als er im Frühjahr 1968 nach Memphis kam, warder
erst 39jährige King bereits von den langen Jahren
des Protestes, der Märsche und des Kampfes um
das Geburtsrecht aller Amerikaner, aller Bürger der
Welt erschöpft. Es war typisch für ihn, daß er nach
Memphis ging, um sich für die im Gesundheitswesen
Beschäftigten einzusetzen, die seiner Ansicht nach
mit ungerechten und unfairen Bedingungen zu
kämpfen hatten.

King überlebte seine letzte Reise nach Memphis
nicht. Seine Stimme wurde von der Kugel eines
Mörders zum Schweigen gebracht - ein Ereignis, das
sich im Gedächtnis jedes zu dieser Zeit lebenden
Menschen einprägte. Seine Botschaft lebt jedoch
weiter und ist ein Stachel im Gewissen einer immer
noch von rassischen und ethnischen Konflikten
gepeinigten Welt. "Es gehört zu den moralischen
Geboten unserer Zeit", erklärte King, "daß wir weltweit mit unerschütterlicher Entschlossenheit an der
Beseitigung der letzten Relikte des Rassismus
arbeiten müssen. Das ist nicht nur ein amerikanisches Phänomen. Sein bösartiger Griff kennt keine
Grenzen."

Obwohl die Atmosphäre in Memphis gespannt war
und sich in der Stadt zahlreiche Vorfälle ereigneten,
war dies nichts Neues für den Mann, der in Amerika
die Sache der Bürgerrechte verkörperte. Martin
Luther King hatte sich bereits an den wütenden Mob,
repressive Polizeiaktionen und lebensbedrohliche
Gefahren gewöhnt.
Es war jedoch offensichtlich, daß das Verhalten Dr.
Kings in Memphis irgendwie verändert war. Er
schien die Vorahnung zu haben, daß sich seine
Rolle im Kampf um die Bürgerrechte dem Ende
näherte. Dies wurde für jeden augenfällig, der seine
am Abend vor seiner Ermordung im Masonic Temple
gehaltene Rede hörte.
"Ich weiß nicht, was jetzt geschehen wird", sagte er.
"Vor uns liegen schwierige Tage. Für mich ist das
nicht mehr wichtig, weil ich bereits auf dem Berggip-

*

Seite 2

*

Am kommenden Montag wird in den gesamten
Vereinigten Staaten des Erbes von Martin Luther
King gedacht. In Washington, wo Dr. King auf den
Stufen des Lincoln Memorial seine berühmte Rede
"Ich habe einen Traum" hielt, werden sich die Bürger
wie in jedem Jahr in der Martin Luther King Memorial
Library versammeln, um des Mannes und seines
Traums von Harmonie zwischen den Rassen aller
Völker zu gedenken. "Es läuft wirklich darauf hinaus,
daß das ganze Leben aus Wechselbeziehungen
besteht. Wir alle sind im unentrinnbaren Netz der
Gegenseitigkeit gefangen, und unsere Schicksale
sind miteinander verwoben. Was den einen direkt
betrifft, betrifft alle anderen indirekt.

*

*

AMERIKA DIENST 02

�PORTRAT
11. Januar 1995

BOB DOLE - ÜBER DREI JAHRZEHNTE
IM STAATSDIENST
Porträt des Mehrheitsführers im Senat
WASHINGTON - (AD) - Bob Dole, der Mehrheitsführer der Republikaner im 104. Kongreß der Vereinigten Staaten, ist einer der bekanntesten amerikanischen Politiker und mit seiner bereits 34jährigen
Tätigkeit im Kongreß zweifellos einer der altgedientesten. 1992 wählte ihn die Bevölkerung von Kansas zum fünften Mal für eine sechsjährige Amtszeit
im Senat. Davor war er Abgeordneter des Repräsentantenhauses.

Es wird gemunkelt, Dole werde 1996 einen dritten
Anlauf als Präsidentschaftskandidat unternehmen.
Eigenen Angaben zufolge hat er aber noch keine
Entscheidung getroffen, ob er das Amt des Präsidenten anstrebt. In einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN teilte Dole jedoch mit: "Wenn
Clinton in seiner Eigenschaft als Präsident für das
Amt des Präsidenten kandidieren kann, gilt dasselbe
zweifelsohne für einen Mehrheitsführer."

Als Führer der Minderheitsfraktion der Republikaner
im Senat des vorigen Kongresses bediente sich Dole
geschickt des Filibuster zur Verhinderung von
Abstimmungen durch Marathonreden, um die Annahme von Vorschlägen der Demokraten zu blockieren, die auf Widerstand der Republikaner stießen.
Als Mehrheitsführer besitzt er jetzt die Macht, mehr
zur Förderung der republikanischen Tagesordnung
zu unternehmen.

Der Almanach amerikanischer Politiker erklärt Doles
lange politische Tätigkeit folgendermaßen:
"Er
arbeitet hart und behält dabei immer einen Sinn für
Humor.
Er hält an bestimmten, grundlegenden
Prinzipien fest, obwohl er keineswegs ein politischer
Theoretiker ist. Er hat sich den Respekt verdient,
den ein Politiker nur bekommt, wenn er harte Zeiten
ebenso übersteht wie gute, wenn er eine Niederlage
erleidet, danach gegen die Widrigkeiten kämpft und
einen Sieg erringt."

"Die Republikaner werden jetzt die Last der Führungsrolle tragen... Wenn wir (im Kongreß) die
Mehrheit haben, müssen wir etwas bewirken",
erklärte Dole kurz nach dem bemerkenswerten Sieg
der Republikaner bei den Kongreßwahlen im November 1994 in einem Fernsehinterview.
Dole beginnt seine zweite Amtszeit als Mehrheitsführer, nachdem er diese Position von 1985 bis 1986
innehatte, als der Senat unter der Reagan-Administration von den Republikanern kontrolliert wurde.
Ferner war er Vorsitzender des Finanzausschusses
des Senats, Vorsitzender der Republikanischen
Partei, Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Kansas und Rechtsanwalt an einem Kreisgericht.
Der Veteran aus dem Zweiten Weltkrieg wurde im
Kampf verwundet und mit militärischen Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet.
Dole kandidierte zweimal für das Amt des Präsidenten - 1988 und 1980. 1976 war er Kandidat seiner
Partei für das Amt des Vizepräsidenten auf der Liste
des amtierenden Präsidenten Gerald Ford, der dem
Kandidaten der Demokraten, Jimmy Carter, unterlag.

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Dole ist ein echter Konservativer und ein geschickter
Politiker. Vor allem ist er aber ein gesetzgeberischer
Pragmatiker, was ihm bei einigen der überzeugtesten
Republikaner im Kongreß Schwierigkeiten einbrachte.
Viele politische Analysten diskutieren, ob Dole und
der neue Speaker des Repräsentantenhauses, Newt
Gingrich, zusammenarbeiten können.
In einem Interview mit dem Nachrichtensender ABC
am 4. Januar prognostizierte Dole, er und Gingrich
würden miteinander auskommen.
"Wir sind uns unserer Verantwortung bewußt. Wir
wollen das Land in die richtige Richtung führen, und
ich hoffe, daß wir dabei von den Demokraten tatkräftig unterstützt werden", so Dole.
Der Publikation Congressional Quarterly (CQ)
zufolge ist es eine "Schlüsselfrage, wie Dole mit den
Spannungen zwischen den jüngeren Konservativen
und der älteren Generation pragmatischerer Republikaner umgeht, mit denen er identifiziert wird".

Seite 1

�Obwohl Dole "den unerschütterlichen steuerlichen
Konservativismus seiner Partei teilt, neigt er zu
Pragmatismus und Kompromissen. Er ist oft bereit,
harte Parteipolitik einer Übereinkunft im Kongreß
unterzuordnen", so CQ.
"Er ist auch der festen Überzeugung, daß die Regierung eine Rolle zu spielen hat, was ihn von den
neuen Republikanern unterscheiden könnte, die im
Wahlkampf die Ansicht vertraten, die Regierung
sollte fast nichts unternehmen."
CQ prognostiziert, Dole werde "wahrscheinlich
erleben, wie sein im wesentlichen gemäßigter
politischer Ansatz von den aggressiven Konservativen um ihn auf eine harte Probe gestellt wird - von
Gingrich im Repräsentantenhaus und dem ehrgeizigen republikanischen Senator Phil Gramm aus
Texas". Es wird erwartet, daß Gramm am 23.
Februar seine Präsidentschaftskandidatur bekanntgibt.
Der 71jährige Dole wurde am 22. Juli 1923 in
Russell (Kansas) geboren, einer in der Prärie
gelegenen Stadt im Westen des fest in republikanischer Hand befindlichen Bundesstaates. Er sah sich
stets als Verkörperung des amerikanischen Ideals
und der Überzeugung, durch harte Arbeit und
Entschlossenheit könne ein Mann seine bescheidene
Herkunft hinter sich lassen und trotz aller Widrigkeiten großen Erfolg haben.

*

Seite 2

Der Sohn einer Hausfrau und eines Milch- und
Eierlieferanten ist eins von vier Kindern - zwei Jungen
und zwei Mädchen. Seine Schwestern leben noch,
seine Eltern und sein Bruder sind verstorben. Dole
besuchte die University of Kansas, verließ sie jedoch
vor dem Examen und trat im Zweiten Weltkrieg in die
Armee ein. Er war Zugführer der legendären 10.
Gebirgsjägerdivision in Italien und wurde 1945 nur
drei Wochen vor Kriegsende schwer verwundet. Dole
verbrachte die folgenden vier Jahre in Krankenhäusern und Rehabilitationszentren und leidet noch
immer unter seinen Kriegsverletzungen, aufgrund
derer seine rechte Hand gelähmt ist.
Dole legte 1952 an der Washburn University in
Kansas sein juristisches Staatsexamen ab und
erwarb gleichzeitig den Titel eines Bachelor of Arts.
Noch vor seinem Juraexamen wurde er zum Abgeordneten des Repräsentantenhauses von Kansas
gewählt. Zwei Jahre später wurde er Staatsanwalt im
Landkreis Russell.
Dole hat aus erster Ehe, die geschieden wurde, eine
erwachsene Tochter. 1975 heiratete er die Rechtsanwältin Elizabeth Hanford, die in der ReaganAdministration Verkehrsministerin und unter Präsident
Bush Arbeitsministerin war. Derzeit leitet sie das
amerikanische Rote Kreuz.

*

AMERIKA DIENST 02

�</text>
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