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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

4. Januar 1995

01

MARSHALL-ZENTRUM

VERRINGERUNG DES GEMEINSAMEN
RISIKOS UND EUROPÄISCHE
SICHERHEIT
Ansprache von Senator Lugar

PORTRAT

NEWT GINGRICH - EIN MANN MIT
VISION, TAGESORDNUNG UND ZEITPLAN
Der neue Speaker des Repräsentantenhauses

CLINTON NOMINIERT NEUEN LANDWIRTSCHAFTSMINISTER
Porträt von Dan Glickman

BILDUNG

NAFTA UND WEITERFUHRENDE BILDUNG
von Philip G. Altbach

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�MARSHALL-ZENTRUM
4. Januar 1995

VERRINGERUNG DES GEMEINSAMEN RISIKOS
UND EUROPÄISCHE SICHERHEIT
Ansprache von Senator Lugar
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Der republikanische Senator Richard G. Lugar aus Indiana hielt am
14. Dezember 1994 aus Anlaß der Verleihung akademischer Grade an die ersten Abgänger des George C.
Marshall-Zentrums in Garmisch-Partenkirchen eine Rede.
Das im Juni 1993 eingeweihte Marshall-Zentrum, das teilweise durch das Nunn-Lugar-Programm finanziert
wird, soll der Stabilisierung und Stärkung Europas nach dem Kalten Krieg dienen. Dem ersten Abschlußjahrgang des Zentrums gehören 75 führende Militärs und Zivilisten aus 23 Ländern, einschließlich der
neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas sowie der Neuen Unabhängigen Staaten (NUS) der ehemaligen
Sowjetunion an.
Aufgabe des Marshall-Zentrums ist die Unterstützung von Außen- und Verteidigungsministerien bei der
Entwicklung nationaler Sicherheitsinstitutionen auf der Grundlage demokratischer Prinzipien. Der Lehrplan
konzentriert sich auf Planung, Organisation und Management der Verteidigungspolitik in demokratischen
Gesellschaften. Ferner fördert das Marshall-Zentrum die verteidigungspolitische Zusammenarbeit einzelner
Länder.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Senator Lugar bei der Abschlußfeier gehaltene Ansprache.

Der heutige Tag ist ein historisches Ereignis für das
Marshall-Zentrum - die Verleihung akademischer
Grade an die ersten Absolventen des Colleges für
strategische Studien und Verteidigungspolitik. 75
Militärs und Zivilisten aus den neuen Demokratien
Mittel- und Osteuropas sowie den Neuen Unabhängigen Staaten Eurasiens sind zusammengekommen,
um gemeinsam etwas über die Stabilisierung und
Stärkung Europas nach dem Kalten Krieg durch die
Entwicklung nationaler Sicherheitsinstitutionen und
-Systeme mit demokratischen Grundsätzen zu
lernen.
Es ist mir eine Ehre, Teil dieser Erfahrung gemeinsamen Lernens zu sein.
"Verteidigung mit anderen Mitteln"
Die Vereinigten Staaten streben traditionsgemäß
nach Sicherheit durch eine Kombination von Abschreckung und Verteidigung - durch Entsendung
der besten Mannschaften, höchste Einsatzbereitschaft und modernste Rüstungstechnologie.

AMERIKA DIENST 01

Dies ist auch in Zukunft das grundlegende Verfahren
beim Schutz der nationalen Sicherheit Amerikas.
Heute haben wir jedoch die Chance, durch zusätzliche Methoden die Vereinigten Staaten zu schützen
und die europäische Sicherheit zu stärken. Diese
Methoden könnten als "Verteidigung mit anderen
Mitteln" unter dem Konzept des "gemeinsamen
Engagements" zusammengefaßt werden.
Veränderungen im internationalen Sicherheitsumfeld
Die Ereignisse seit 1988 haben eine neue Debatte
über die Aussichten und Gefahren kollektiver Sicherheit ausgelöst. Der Begeisterung nach den
Revolutionen von 1989 folgte eine nüchternere
Erkenntnis: Die Staatengemeinschaft bleibt den
Gefahren und Instabilitäten immer noch großenteils
anarchischer Regierungssysteme ausgeliefert.
Das Ende des Kalten Krieges und die Auflösung des
Warschauer Pakts haben die Determinanten internationaler Sicherheit verändert. Die Angst vor einer

Seite 1

�massiven Invasion Europas durch die Fulda-Gap
steht nicht länger im Mittelpunkt des Interesses
westlicher Verteidigungsexperten. Anstatt nach dem
Aufbau militärischer Macht zur Eindämmung massiver konventioneller Aggression zu streben, bemühen
sich die westlichen Verteidigungsexperten um die
Lösung der Probleme von Überrüstung, Demobilmachung stehender Heere, Umstrukturierung von
Verteidigungsapparaten und Rüstungsindustrien
sowie der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und waffenfähigem Material - und das
alles ohne den Vorteil einer klaren Definition von
Organisationskonzept, Mission oder Bedrohung.
In ähnlicher Weise hat die einst vorherrschende
Angst abgenommen, Atomwaffen könnten in einem
Weltkrieg vorsätzlich zur Untermauerung des Strebens nach politischer Einschüchterung oder bei
einem kalkulierten Überraschungsangriff eingesetzt
werden. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde
überall anerkannt, daß Abschreckung auch mit stark
reduzierten Atomwaffenarsenalen gewährleistet
werden kann. Der sicheren Kontrolle und Handhabung von Atomwaffen wird größere Priorität eingeräumt als der ständigen Weiterentwicklung von
Grundsätzen dauerhafter Abschreckung.
Zu unterschiedlichen Zeiten während des Kalten
Krieges wurden regionale Konflikte durch den
Einfluß von Satellitenbeziehungen zwischen regionalen Mächten und um deren Schutz konkurrierenden
Supermächten entschärft oder geographisch eingedämmt. Nachdem das Gleichgewicht des Schrekkens zwischen den Supermächten an Intensität
abgenommen hat, ist es weniger wahrscheinlich, daß
regionale Konflikte zu einem Weltkrieg eskalieren.
Es ist aber auch weniger wahrscheinlich, daß sie
durch den Einfluß und die Aktionen der Großmächte
abgewendet oder eingeschränkt werden. Obwohl
also die unmittelbare Gefahr eines militärischen
Konflikts großen Ausmaßes beträchtlich abgenommen hat, sind neue Probleme beim langfristigen
Umgang mit internationalen Sicherheitskrisen entstanden. Das Drama an der Peripherie Europas, in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, gekoppelt mit einem Anstieg regionaler Feindseligkeiten
aufgrund von konkurrierendem Nationalismus und
ethnischen Rivalitäten, stellt eine ernsthafte Gefahr
für die Stabilität dar und könnte den amerikanischen
und europäischen Interessen schaden.
Als Reaktion auf die Verringerung der traditionellen
strategischen Herausforderungen des Kalten Krieges
wird das amerikanische Verteidigungskonzept
umgestaltet. Den Vereinigten Staaten wird allgemein
die Fähigkeit zur weltweiten Machtausübung zugestanden. Im kommenden Jahrzehnt kann keine
andere Militärmacht eine größere Offensive außer-

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halb ihrer Grenzen planen, ohne die Fähigkeit der
Vereinigten Staaten zu entschiedenen Gegenmaßnahmen zu berücksichtigen. Andererseits hat wegen
der Abnahme einer massiven konventionellen Bedrohung die politische Bereitschaft der Vereinigten
Staaten abgenommen, ihre überlegenen militärischen
Ressourcen und Fähigkeiten in Situationen einzusetzen, in denen die vitalen amerikanischen Interessen
nicht direkt bedroht oder eindeutig gefährdet sind.
Gemeinsame Sicherheit und Überprüfung des
nuklearen Einsatzkonzepts
Nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 blieben
3.000 Atomwaffen auf dem Territorium Belarus',
Kasachstans und der Ukraine sowie Tausende von
Nuklearwaffen in Rußland zurück. Das Schreckgespenst von Atomwaffen in den Händen der neuen
Nationen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sowie die regionalen Spannungen und die
Gefahr einer weltweiten Weiterverbreitung von
Atomwaffen hätten zu einer Erhöhung der nuklearen
Vergeltungskapazitäten der Vereinigten Staaten
führen können.
Sie entschieden sich nicht für diese Option!
Im Rahmen der jüngst abgeschlossenen Überprüfung
unseres nuklearen Einsatzkonzepts, das sich mit
Politik, Doktrin, Truppenstruktur, Operationen, Sicherheit und Rüstungskontrolle befaßt, wurden drei
große Problembereiche identifiziert, in denen die
Vereinigten Staaten ihr nukleares Einsatzkonzept
umgestalten müssen:
Erstens müssen die Vereinigten Staaten angesichts der abnehmenden, jedoch realen Gefahr
eines Scheiterns der Reformen in einigen der
neuen Staaten eine atomare Absicherung beibehalten.
Zweitens müssen sich die Vereinigten Staaten
selbst angesichts freundschaftlicherer Beziehungen zu den Nachfolgestaaten der ehemaligen
Sowjetunion darüber Gedanken machen, daß der
Abbau von Nuklearwaffen in diesen Staaten
langsamer vonstatten geht als in unserem Land.
Drittens müssen sich die Vereinigten Staaten
angesichts ier mit den einschneidenden sozialen,
politischen und wirtschaftlichen Reformen in
diesen Staaten einhergehenden Instabilität insbesondere mit der Sicherheit deren nuklearer
Waffenelemente und Materialien befassen.
Der wichtigste Anlaß, sich Gedanken über die Zukunft zu machen, ist jedoch der Fortbestand von
ungefähr 25.000 Atomwaffen - mehr als genug, um

AMERIKA DIENST 01

�das nationale Überleben der Vereinigten Staaten zu
bedrohen.
Angesichts der unsicheren Zukunft und der Fortdauer dieses Vermächtnisses des Kalten Krieges
wird in der Überprüfung unseres nuklearen Einsatzkonzepts die Empfehlung gegeben, daß die Vereinigten Staaten ihre Flexibilität - eine "Absicherung"
- beibehalten, indem sie die Teile der Verteidigungsindustrie unterstützen, die für die strategischen und
andere nuklearen Systeme von einzigartiger Bedeutung sind, indem sie die Beibehaltung des Abschrekkungsarsenals gewährleisten und die Fähigkeit zur
Wiederherstellung der nuklearen Streitkräfte im
Bedarfsfall entwickeln.
Die zweite, in der Überprüfung des nuklearen Einsatzkonzepts aufgeworfene Frage war die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit den Staaten der
ehemaligen Sowjetunion zur Beschleunigung ihres
verzögerten Abbaus von Atomwaffen. In den letzten
sechs Jahren haben die Vereinigten Staaten ihre
atomaren Streitkräfte umgestaltet und abgebaut.
Rußland entschärfte mehr als die Hälfte seiner
ballistischen Raketen, wie in den beiden STARTVerträgen verlangt. START I trat erst letzte Woche
offiziell in Kraft. Das russische Arsenal nuklearer
nichtstrategischer Gefechtsköpfe übersteigt das der
Vereinigten Staaten bei weitem.
Die Geschwindigkeit des Abbaus und der Zerlegung
von Atomwaffen in Rußland ist teilweise auf innere
Unruhen und veraltete Ansichten über die Rolle von
Nuklearwaffen für die militärische Sicherheit zurückzuführen. Noch wichtiger ist die Tatsache, daß
Entnuklearisierung teuer und schwierig ist.
Nunn-Lugarund Verringerung des gemeinsamen
Risikos
Das direkteste Instrument zur Beschleunigung des
Abbaus russischer Atomwaffen ist das Nunn-LugarProgramm zur Verringerung des gemeinsamen
Risikos. Das Nunn-Lugar-Programm stellt Mittel
bereit, um den Abbau des Atomwaffenarsenals der
ehemaligen Sowjetunion zu unterstützen, die sowjetische Rüstungsindustrie auf zivile Produktion umzustellen und allgemein beim Abbau überflüssiger
Elemente der Streitkräftestruktur der früheren
Sowjetunion zu helfen.
Der Kongreß der Vereinigten Staaten handelte
unverzüglich, als er das Programm im Haushaltsjahr
1992 ins Leben rief und sich zunutze machte, was
Senator Nunn und ich als einen ungewöhnlichen
historischen Augenblick ansahen. Der Zerfall der
Sowjetunion rief enorme Unsicherheit über die auf
ihrem Territorium aufgestellten Waffen hervor, über

AMERIKA DIENST 01

die daraus resultierenden Gefahren von Mängeln bei
Sicherheit und Kontrolle und somit die Weiterverbreitung.
Das Nunn-Lugar-Programm bot den
Vereinigten Staaten die einzigartige Chance, ihre
eigene Sicherheit, die Rußlands und anderer Republiken zu gewährleisten, indem sie den Republiken
beim Abbau des Arsenals von Massenvernichtungswaffen der früheren Sowjetunion Beistand leisteten.
Die Notwendigkeit des Nunn-Lugar-Programms
Zum Zeitpunkt der Auflösung der Sowjetunion waren
schätzungsweise 30.000 nukleare Gefechtsköpfe auf
die sowjetischen Republiken verteilt, und außerhalb
Rußlands auf dem Gebiet von Belarus, Kasachstan
und der Ukraine befanden sich ungefähr 1.400
nukleare strategische Gefechtsköpfe. Der Zerfall der
Sowjetunion weckte das Schreckgespenst von drei
möglichen Atomstaaten in Eurasien. Ferner entstand
eine nie zuvor dagewesene Gefahr nuklearer Weiterverbreitung, da die sowjetische Rüstungsindustrie nahezu 40 Prozent der sowjetischen Volkswirtschaft veraltet war und Millionen von Atomwissenschaftlern
und in der Rüstungsindustrie Beschäftigten sich
Arbeitslosigkeit und Entwurzelung gegenübersahen.
Heute trägt die Nunn-Lugar-Hilfe zur Verteidigung
Amerikas bei, jedoch nicht durch den Aufbau weiterer
Abschreckung und defensiver Kräfte der Vereinigten
Staaten.
Das Nunn-Lugar-Programm stellt eine
Verteidigung gegen diese Gefahren dar, indem sie
sie von Grund auf beseitigt. Das Nunn-Lugar-Programm leistet einen Beitrag zu den amerikanischen
Sicherheitsinteressen, indem es dieses riesige
Arsenal abbaut, die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen verhindert und die Umgestaltung
der Rüstungsindustrie und verteidigungspolitischen
Fähigkeiten zu friedlichen Zwecken fördert.
Der START I-Vertrag und das Lissaboner Protokoll,
mit denen ich mich im Rahmen des Ratifizierungsprozesses im Senat befaßte, waren ein entscheidender Beginn dieses Prozesses. Wie Senator Nunn
und ich bei der Schaffung des Nunn-Lugar-Programms erkannten, verhinderten die zur Umsetzung
der Versprechen und Verpflichtungen dieser Abkommen erforderlichen Aktionen jedoch, daß die Staaten
der ehemaligen Sowjetunion, die sich inmitten innenpolitischer und wirtschaftlicher Revolutionen befinden,
mit einer Herausforderung ungeheurer Größenordnung konfrontiert werden. Die unter dem NunnLugar-Programm bereitgestellte technische Hilfe
gestartet den Prozeß des Abbaus von Atomwaffen in
diesen Ländern sicherer und schneller.
Das Nunn-Lugar-Programm macht die Zerlegung von
Atomwaffen nicht nur schneller und in technischer
Hinsicht sicherer, sondern bietet auch andere bedeu-

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�tende Vorteile. Es trägt dazu bei, das Engagement
der Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion
beim Abbau von Massenvernichtungswaffen zu
erhalten und sie dabei praktisch zu unterstützen.
Das Nunn-Lugar-Programm macht die Vereinigten
Staaten zu einem kooperierenden Partner und gibt
uns eine Stimme am Tisch dieser Nationen bei
Entscheidungen über die Aufstellung ihrer Waffen,
Streitkräfte und Rüstungsproduktion.
Vor allem hat das Nunn-Lugar-Programm die Aufmerksamkeit der führenden Politiker dieser Staaten
auf die Nuklearfrage als dringende Priorität gelenkt,
wo diese sonst vielleicht ausschließlich mit ihren
eigenen politischen und ökonomischen Problemen
beschäftigt gewesen wären. Die Aussicht auf NunnLugar-Hilfe hat die politischen und wirtschaftlichen
Kosten bei schwierigen Entscheidungen über den
Abbau von auf ihrem Territorium befindlichen Waffen
in gewisser Weise verringert. Gleichzeitig spornt
unsere Hilfe diese Staaten an, zu den Bestrebungen
um einen Abbau von Atomwaffen ihre eigenen
beträchtlichen Ressourcen beizusteuern.
Die Leistungen des Nunn-Lugar-Programms
Das Nunn-Lugar-Programm hat zur Beseitigung
von über 1.600 nuklearen strategischen Gefechtsköpfen - ungefähr der Hälfte - aus den
Beständen in Rußland, der Ukraine, Belarus und
Kasachstan beigetragen.
Es unterstützt den Abzug strategischer Systeme
aus diesen vier Nationen: Aus Kasachstan
werden SS-18 abgezogen, aus Belarus SS-25,
die Ukraine hat 40 SS-19 sowie ihre gesamten
SS-24 entschärft und transportiert die Gefechtsköpfe zu ihrer Zerlegung nach Rußland. Das im
Januar geschlossene trilaterale Abkommen
zwischen Rußland, der Ukraine und den Vereinigten Staaten wäre ohne das Nunn-LugarProgramm nicht möglich gewesen.
Ungefähr 3.000 ehemalige russische Waffenforscher finden bei zivilen Projekten wieder Beschäftigung.
Die Verringerung der nuklearen Bedrohung kann
nicht unmittelbarer und direkter gestaltet werden.
Am Ende des Jahres 2003 könnte das Nunn-LugarProgramm zum Abbau strategischer Systeme mit
ungefähr 8.000 nuklearen Gefechtsköpfen beigetragen haben. Dadurch würde das russische Atomwaffenarsenal auf das in den START I- und START IIVerträgen vorgegebene Ausmaß reduziert.
Kontrolle und Nachweis von Nuklearmaterial

Seite 4

Dies führt mich zu einem dritten Anliegen der Vereinigten Staaten: Dem möglichen Verlust einer
Kontrolle über die Atomwaffen der ehemaligen
Sowjetunion, ihre Komponenten und Materialien.
Dieses Anliegen beinhaltet nicht nur die Gefahr, daß
spaltbares Material in die falschen Hände gerät,
sondern auch die Gefahr unkontrollierter taktischer
Atomwaffen wie nuklearer Artilleriegeschosse, von
denen einige so klein sind, daß sie im Kofferraum
eines Autos untergebracht werden können.
Das Nunn-Lugar-Programm wurde ins Leben gerufen,
als verantwortungsbewußte Vertreter von Militär und
Regierung Rußlands in Washington mit Senator Nunn
und mir zusammentrafen und darauf drängten, die
Vereinigten Staaten sollten sich gemeinsam mit den
Russen Gedanken über den Nachweis und die
Sicherheit dieser Atomwaffen machen.
Die außergewöhnliche Zusammenarbeit zwischen
den Vereinigten Staaten und Rußland basierte von
Anfang an auf den wichtigsten nationalen Interessen
beider Länder, Unfälle und eine Weiterverbreitung
von Atomwaffen zu verhindern.
Das Atomwaffenarsenal Rußlands übertrifft das der
Vereinigten Staaten an Anzahl und Vielfalt. Die
strategischen und nichtstrategischen Streitkräfte
Rußlands sind auf über 100 Stellen verteilt. Außerdem haben viele dieser Waffen veraltete Sicherheitsund Verschlußvorrichtungen.
Wichtig ist, daß die überschüssigen Waffen schnell
zerlegt werden und die verbleibenden Waffenbestände an möglichst wenigen Orten und unter strengsten
Bestandskontrollen gelagert werden.
Im Rahmen des Nunn-Lugar-Programms riefen die
Vereinigten Staaten mehrere Projekte ins Leben, um
die Kontrolle spaltbaren Materials und kooperative
strafrechtliche Bestrebungen zu verbessern. Diese
Programme erstrecken sich auf vier grundlegende
Gebiete:
Erstens, die Einstellung der Produktion spaltbaren
Materials. Die Vereinigten Staaten und Rußland
unterzeichneten im Juni ein Abkommen über die
Stillegung der verbleibenden Reaktoren zur
Herstellung von Plutonium bis zum Jahr 2000
sowie das Verbot der Verwendung von Plutonium
für waffenfähige Zwecke.
Zweitens, mehr Sicherheit bei der Lagerung. Die
Vereinigten Staaten sind bereit zur Zusammenarbeit mit Rußland beim Bau einer neuen Lagereinrichtung für aus zerlegten Waffen stammendes
spaltbares Material.

AMERIKA DIENST 01

�Drittens, verstärkte Zusammenarbeit. Die Vereinigten Staaten streben insbesondere die Durchführung von Programmen zur Gewährleistung der
Kontrolle und des Nachweises von Nuklearmaterial an, beispielsweise zwischen unseren Waffenlabors.
Viertens, verbesserte Bestandsaufnahmen. Die
Vereinigten Staaten favorisieren die Entwicklung
eines Regimes zur Überprüfung der Bestandsverzeichnisse über überschüssige nukleare Gefechtsköpfe und aus zerlegten Sprengköpfen
stammendes Nuklearmaterial.
Verringerung des gemeinsamen Risikos und
nationale Sicherheitsinteressen Amerikas
Im Rahmen unseres Programms zur Verringerung
des gemeinsamen Risikos wurde im vergangenen
Jahr viel erreicht. Wenn die Ukraine, Belarus und
Kasachstan sich im letzten Jahr entschlossen hätten,
unter die Atommächte zu gehen, wäre die Gefahr für
die Vereinigten Staaten und Rußland sowie die
Notwendigkeit von Verteidigungsausgaben zur
Begegnung der Bedrohung, insbesondere bei der
nuklearen Modernisierung, unvorstellbar größer
gewesen als die Gefahren, denen sich die Welt
heute gegenüber sieht. Der Prozeß der Entschärfung und des Abbaus von Atomwaffen in der Ukraine, Belarus und Kasachstan befindet sich jedoch
erst im Anfangsstadium. Zehntausende von Nuklearwaffen und große Mengen spaltbaren Materials
bleiben unter Bedingungen in Rußland, die nicht
unseren Anforderungen an Sicherheit oder Transparenz entsprechen.
Aus der Sicht der Vereinigten Staaten ist das NunnLugar-Programm einzigartig, da es uns die Chance
gibt, bescheidene Finanzmittel zum beträchtlichen
Abbau von Gefahren einzusetzen, mit denen wir
während des gesamten Kalten Krieges konfrontiert
waren, und der Entwicklung neuer Gefahren für
unsere Sicherheit zu begegnen. Das ist für die
Finanzierung der nationalen Sicherheit Amerikas
äußerst wertvoll. Fortgesetzte Unterstützung des
Nunn-Lugar-Programms ist von entscheidender
Bedeutung, um den Vereinigten Staaten dieses
starke Instrument zur Verfolgung amerikanischer
Sicherheitsziele mit den Staaten der ehemaligen
Sowjetunion zu geben. Wir müssen diesen Ländern
weiterhin zeigen, daß wir ihre langfristige Entwicklung zu friedlichen, demokratischen Staaten unterstützen und uns nicht nur für einen Abbau der
Gefahr für unsere eigene Sicherheit engagieren,
sondern auch für die Unterstützung von Programmen, die das Sicherheitsempfinden dieser Länder
verbessern.

AMERIKA DIENST 01

Schlußfolgerung: Gemeinsames Engagement und
das Marshall-Zentrum
Den weltweit entstehenden neuen Bedrohungen kann
nicht ausschließlich durch militärische Einsatzbereitschaft und Abschreckung begegnet werden. Sie
erfordern konstruktivere und ausgefeiltere Maßnahmen, die sich auch darauf konzentrieren, Druck und
Einfluß auf die anfänglichen Kriegsvorbereitungen
von Streitkräften auszuüben und Entscheidungen
über ihren Einsatz ständig zu melden und zu kontrollieren. In gewisser Weise sind militärische Einsatzbereitschaft und Investitionen anderer Nationen
für die Sicherheit und militärische Planung der
Vereinigten Staaten ebenso wichtig wie jede direkte
militärische Bedrohung. Eine der besten Möglichkeiten, mit dieser neuen Art von Sicherheitsproblem
umzugehen, ist das "gemeinsame Engagement" - die
Verpflichtung zur Regulierung des Umfangs, der
technischen Mittel, Investitionsmuster und Operationspraktiken aller Streitkräfte mit beiderseitiger Einwilligung zum beiderseitigen Nutzen.
Ebenso wie Eindämmung und Abschreckung liegt der
Nutzen gemeinsamer Sicherheit darin, Grenzen
abzustecken. Der Schwerpunkt ist, die Anhäufung
von Mitteln zur Eroberung von Gebieten oder Zerstörung lebenswichtiger Aktivposten durch weitreichende Vorrichtungen zu verhindern. Mit anderen
Worten: Gemeinsame Sicherheit richtet sich auf die
Verhinderung von Kriegsvorbereitungen, nicht nur auf
direkte Teilnahme an der Bekämpfung zwischenstaatlicher Gewaltanwendung.
Grundlage dieser Art gemeinsamer Sicherheit ist
Übereinstimmung. Vorbedingung für ihren Erfolg ist
die weitverbreitete Zustimmung zu ihren organisatorischen Vorbedingungen.
Trotz der allgemeinen
Erkenntnis, daß sich die Dinge geändert haben, ist
die Konfrontationspolitik tief in den wesentlichen
Verpflichtungen, organisatorischen Abläufen sowie
vorherrschenden Überlegungen und Gewohnheiten
der wichtigsten Regierungen sowie ihrer Außen- und
Verteidigungsministerien verwurzelt.
Dies bringt mich wieder zu der Anerkennung der
Arbeit des George C. Marshall-Zentrums und der
heutigen Anwesenheit von Militärs und Zivilisten aus
23 Ländern, die sich gemeinsam mit der Theorie und
Praxis der Demokratisierung nationaler Sicherheitsstrukturen und -politik befassen. Es ist die Aufgabe
des Zentrums, hochrangigen Politikern eine verteidigungspolitische Weiterbildung anzubieten, die
sich auf Planung, Organisation und Management der
Verteidigungspolitik in demokratischen Gesellschaften
konzentriert. Sie richtet sich auf die Stabilisierung
und Stärkung Europas nach dem Kalten Krieg, indem
sie den für Außen- und Verteidigungspolitik Ver-

Seite 5

�antwortlichen in aufstrebenden Demokratien bei der
Entwicklung nationaler Sicherheitsinstitutionen und
-Systeme auf der Basis demokratischer Grundsätze
behilflich ist.
Heute ist ein Tag von Leistungen mit Signalwirkung.
Wir sind zusammengetroffen, um Ihre Leistungen als
erste Absolventen des Colleges für strategische
Studien und Verteidigungspolitik zu feiern. Sie
kehren in Ihr jeweiliges Land zurück, um im Verteidigungs- oder Außenministerium oder in anderen
führenden Schlüsselpositionen tätig zu werden.
Sie werden Botschafter des gemeinsamen Engagements und der Verringerung des gemeinsamen
Risikos in Europa sein. Die Herausforderungen des

*

Seite 6

Übergangs zur Demokratie sind offensichtlich und
enorm, aber das Sehnen der Völker nach Freiheit
und Frieden, nach einem normalen und konstruktiven
Leben sowie nach verantwortungsbewußten und
weitblickenden Politikern ist noch viel stärker.
Wir zählen Sie zu den neuen Verfechtern der Demokratie und zu den Initiatoren jener praktischen Aktivitäten, die zu einer tiefen Verwurzelung der Demokratie führen.
Wir gratulieren Ihnen zu Ihren Leistungen und Ihrem
Erfolg. Sie werden zu einem Erfolg für uns alle, die
wir Ihren Idealismus teilen.
Ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 01

�4. Januar 1995

NEWT GINGRICH - EIN MANN MIT VISION,
TAGESORDNUNG UND ZEITPLAN
Der neue Speaker des Repräsentantenhauses
WASHINGTON - (AD) - Newt Gingrich, der neue
Speaker des Repräsentantenhauses im 104. Kongreß und Verfasser des Parteiprogramms der
Republikaner, "Vertrag mit Amerika", das derzeit in
den Buchläden der gesamten Vereinigten Staaten
verkauft wird, gelangte nicht durch Zufall zu seiner
heutigen Position.
Seit seiner ersten Wahl zum Kongreßabgeordneten
vor 16 Jahren führte Gingrich einen Kreuzzug, um
den Demokraten die Kontrolle über das Repräsentantenhaus zu entreißen und die amerikanischen
Werte neu zu definieren. Bei diesen Bestrebungen
bediente er sich moderner Kommunikationstechnologie und neuester Managementtheorie. Jetzt zahlt
sich seine Mühe aus.
Am 4. Januar wird der 51jährige Abgeordnete aus
Georgia und ehemalige Geschichtslehrer der erste
republikanische Speaker des Repräsentantenhauses
seit 40 Jahren.
Und er wird diese Rolle mit "einer Vision, einer
Tagesordnung und einem Zeitplan" übernehmen,
schreibt der Politikwissenschaftler Norman Ornstein
in Roll Call, einer auf dem Capitol Hill veröffentlichten Zeitung.
Gingrichs "risikofreudiger, kämpferischer und radikaler Ansatz hat funktioniert", so Ornstein, "und im
Repräsentantenhaus eine große Gruppe von Anhängern gefunden - kämpferische, konfrontationsfreudige, von ihrer Ideologie überzeugte, unter Zeitdruck
stehende Konservative".
Gingrichs derzeitige Berühmtheit ist das Ergebnis
des bemerkenswerten Sieges der Republikaner bei
den Kongreßwahlen Mitte November 1994, bei
denen sie die Mehrheit in beiden Kammern gewannen. In vielerlei Hinsicht hat die Vision Gingrichs
seine Partei zu ihrem kollektiven Erfolg geführt.
Gingrich kandidierte erstmals 1974 für ein Abgeordnetenmandat - im Südstaat Georgia gegen einen
Demokraten aus den Südstaaten - und verlor. 1976

AMERIKA DIENST 01

verlor er erneut, hielt jedoch durch und gewann 1978.
Seitdem wurde er alle zwei Jahre wiedergewählt.
Kurz nach seiner ersten Wahl ernannte ihn der
Vorsitzende des nationalen Kongreßausschusses der
Republikaner, der Abgeordnete des Repräsentantenhauses Guy Vander Jagt aus Michigan, der den
Wahlkampf Gingrichs aufmerksam verfolgt hatte, zum
Vorsitzenden einer Arbeitsgruppe zur Erarbeitung
eines Plans für eine republikanische Mehrheit im
Kongreß.
"Ich wählte ihn unter ungefähr 155 republikanischen
Abgeordneten für diese Aufgabe aus, und seitdem
hat er Pläne für eine republikanische Mehrheit
entwickelt", teilte Vander Jagt der Washington Post
mit.
Gingrich wurde zunächst von vielen seiner Kollegen
im Kongreß als sich selbst fördernder Politiker
betrachtet, der sich im Repräsentantenhaus unverfroren ins Bild der Fernsehkameras drängte und die
Demokraten als Verschwender bezeichnete, deren
Sozialpolitik die Zukunft des Landes gefährde. Seine
Äußerungen erreichten Millionen von Haushalten per
Kabelfernsehen, obwohl Gingrich oft der einzige
Abgeordnete im Sitzungssaal war.
Mit derZeit sah eine wachsende Gruppe von Anhängern in dem unverfrorenen jungen Kongreßabgeordneten eine potentielle Führungspersönlichkeit und
scharte sich um ihn. Zu seinen Anhängern gehörten
Republikaner außerhalb und innerhalb des Kongresses sowie eine große Anzahl wohlhabender
Konservativer im ganzen Land.
1989 wählten ihn die republikanischen Abgeordneten
des Repräsentantenhauses mit 87 zu 85 Stimmen
zum "Einpeitscher" oder stellvertretenden Vorsitzenden der Minderheitsfraktion im Repräsentantenhaus.
Gingrichs Anhänger waren der Ansicht, er würde den
Republikanern neue Energie verleihen, die ihrer
Meinung nach die demokratische Mehrheitsfraktion in
der Kammer nicht aggressiv genug angriffen.

Seite 1

�Heute, fünf Jahre später, haben die gemäßigten
republikanischen Parteiführer großenteils das Repräsentantenhaus verlassen, und ihre neugewählten
Nachfolger teilen Gingrichs konservative Ideologie
und kampfbereiten Ansatz.
Neben seinen Pflichten in der Legislative unterrichtet
Gingrich an einem College in Georgia einen Kurs
"Erneuerung der amerikanischen Zivilisation", den er
im Januar fortsetzt. Der Kurs wird wöchentlich im
Kabelfernsehen übertragen. Ferner schrieb Gingrich
mehrere Bücher und unterzeichnete vor kurzem
einen Vertrag in Höhe von 4 Millionen Dollar mit
einem großen Verlagshaus über zwei Sachbücher.
Gingrich liest viel und wurde von den Zukunftsforschern Alvin und Heidi Toffler sowie dem Managementexperten Peter Drucker beeinflußt. Seit seiner
Wahl zum Speaker des Repräsentantenhauses
drängte er die Republikaner in seiner Kammer, die
Werke dieser Autoren sowie die amerikanische
Unabhängigkeitserklärung und die Federalist Papers
zu lesen.
"Wir benötigen etwas, das die Ideen der Revolution
des Informationszeitalters, des Weltmarkts und die
klassischen Prinzipien der amerikanischen Zivilisation vereinigt", erklärte Gingrich kürzlich in einer
Rede. "Die zentrale Herausforderung der nächsten
sechs Monate besteht in der Beschleunigung unserer Kampagne, um den intellektuellen Kampf darüber
zu gewinnen, wie man ein erfolgreiches Land
definiert."
Gingrich wurde am 17. Juni 1943 in Harrisburg
(Pennsylvania) als Sohn eines Ehepaares im Teenageralter geboren. Die Eltern ließen sich scheiden,
als er noch ein Kind war. Seine Mutter heiratete
später einen Heeresinfanteristen - Robert Gingrich der den Jungen adoptierte. Die Familie, zu der drei
Halbschwestern zählen, wechselte häufig den
Wohnsitz - Kansas, Frankreich, Deutschland,
Georgia. Newt hatte eine besonders enge Beziehung zu seiner Mutter.
Mit 19 heiratete Gingrich seine sieben Jahre ältere
Geometrielehrerin Jacky Battley gegen den Willen
seines Stiefvaters und seiner Mutter.
1965 erwarb Gingrich einen Bachelor of Arts an der
Emory University in Atlanta, 1968 einen Master of
Arts in Geschichte an der Tulane University in New
Orleans und promovierte dort im Jahr 1971. Er
wurde dann Dozent an dem wenig bekannten West
Georgia College in Carrollton.

Seite 2

Gingrich und seine Frau haben zwei Töchter, und
wegen seiner familiären Verpflichtungen wurde er im
Vietnamkrieg vom Wehrdienst entbunden.
1980 reichte Gingrich die Scheidung ein, woraufhin
einige Wähler in Georgia im ihre weitere Unterstützung verweigerten. Kurz nach seiner Scheidung
heiratete er die acht Jahre jüngere Marianne Ginther,
mit der er noch verheiratet ist.
Aus einem Treffen mit dem ehemaligen republikanischen Präsidenten Richard Nixon, um das Gingrich
1982 gebeten hatte, ging die Conservative Opportunity Society (COS) hervor, eine Parteiversammlung
junger republikanischer Aktivisten, die zum Instrument
für Gingrichs nationale Berühmtheit und zur Verbreitung seiner Ideen wurde, die heute das Denken
der Republikaner im Repräsentantenhaus maßgeblich
beeinflußen.
Gingrich suchte die meisten der ersten COS-Mitglieder persönlich aus, und mit der Zeit umfaßte die
Gruppe mehrere Dutzend Kongreßabgeordnete.
Einige Mitglieder der COS fühlten sich angesichts der
Taktiken der Gruppe unbehaglich. "Newts Überzeugung, daß man, um letztlich Erfolg zu haben, das
System fast zerstören muß, damit man es wiederaufbauen kann, war für einige neue Mitglieder ziemlich
erschreckend", erinnerte sich der Kongreßabgeordnete Dan Coats aus Indiana kürzlich in einem Interview. "Ich möchte jedoch hinzufügen", so Coats,
"daß wir heute nicht wären wo wir sind, wenn Newt
nicht so vorwärts gedrängt hätte."
Und Gingrich verficht weiterhin seine Tagesordnung.
Nach seiner einstimmigen Nominierung zum Speaker
durch die Republikaner im Repräsentantenhaus
prognostizierte er, daß der erste Tag des 104.
Kongresses - der 4. Januar - der "längste Tag in der
Geschichte" wird, an dem die Republikaner eine
Reihe tiefgreifender innenpolitischer Reformen zu
verabschieden beabsichtigen.
Danach, so Gingrich, werde das Repräsentantenhaus
jeden Tag mit dem Verlesen einer Passage aus dem
"Vertrag mit Amerika" eröffnet, bis wie versprochen
über alle Verfügungen des Vertrags abgestimmt
worden sei. Gingrichs Erwartungen zufolge wird dies
die ersten 100 Tage der neuen Sitzungsperiode
beanspruchen.
Gingrich hat seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit
mit den Demokraten im Kongreß erklärt, ist jedoch
nicht geneigt, von seinen Prinzipien abzuweichen.
"Wir müssen enorm viel Arbeit leisten", stellte er im
Dezember fest. "Da wir jetzt in der Mehrheit sind,
haben wir eine sehr viel größere Verantwortung als

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�alles, mit dem wir uns bisher konfrontiert sahen. Es
ist eine sehr viel größere Herausforderung, als die
Kontrolle auszuüben."

scher Macht und Perioden ehelicher Untreue aufgewachsen. Beide haben nicht im Vietnamkrieg gekämpft."

Die Washington Post sieht "beeindruckende Ähnlichkeiten" zwischen Gingrich und Bill Clinton am
anderen Ende der Pennsylvania Avenue: "Beide
sind ohne leiblichen Vater, mit einer sie vergötternden Mutter, einer komplexen Beziehung zum Stiefvater, einem frühen und unersättlichen Wissensdrang,
obsessivem, jahrzehntelangem Streben nach politi-

"Beide kamen an die Macht, indem sie leidenschaftlich und brillant die Sache des Wandels verfochten.
Es bleibt abzuwarten, ob Gingrich sich besser als
Clinton den Enthusiasmus der Öffentlichkeit bewahren kann, wenn er nicht mehr nur den Status quo
ablehnt, sondern versucht, einen neuen zu formulieren."

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�PORTRAT
4. Januar 1995

CLINTON NOMINIERT NEUEN
LANDWIRTSCHAFTSMINISTER
Porträt von Dan Glickman
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat den
Abgeordneten des Repräsentantenhauses, Dan
Glickman, einen der Architekten des Landwirtschaftsgesetzes von 1990, für das Amt des Landwirtschaftsministers nominiert.
Glickmans "Wissen und Erfahrung - sein Verständnis
für die Bedürfnisse amerikanischer Landwirte lassen ihn als geeignete Person für des Amt des
Landwirtschaftsministers im Jahr 1995 erscheinen,
wenn wir das nächste Landwirtschaftsgesetz formulieren", erklärte Präsident Clinton am 28. Dezember
1994 im Rosengarten des Weißen Hauses bei der
Bekanntgabe der Nominierung Glickmans.
Der Präsident fügte hinzu: "Er wird ein Sprachrohr
und Fürsprecher der amerikanischen Landwirte sein
und sicherstellen, daß die amerikanische Landwirtschaft beim Übergang ins 21. Jahrhundert auf einer
florierenden und soliden Grundlage steht. Die ganze
Welt beneidet uns um unser Agrarsystem, und das
muß so bleiben."
Glickman erklärte als Reaktion auf die Äußerungen
des Präsidenten, es werde seine "oberste Priorität"
sein, "dem von Ihnen gegenüber den Landwirten,
Viehzüchtern und der gesamten Landwirtschaft
Amerikas eingegangenen Versprechen nachzukommen - dem Versprechen einer stabilen Volkswirtschaft, die jedem die Chance für Wachstum und
Wohlstand bietet".
Glickman wurde 1976 in den Kongreß gewählt, wo
er den vierten Wahlbezirk von Kansas in neun
aufeinanderfolgenden, jeweils zweijährigen Amtsperioden vertrat. Er verlor sein Abgeordnetenmandat bei den Kongreßwahlen im November, bei denen
die Republikaner erstmals seit 40 Jahren die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat erhielten.
Während seiner Zeit als Kongreßabgeordneter
spielte Glickman für die amerikanische Landwirt-

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schaft eine führende Rolle. Er war Mitglied des
Landwirtschaftsausschusses des Repräsentantenhauses sowie von zwei Landwirtschaftsunterausschüssen. Er saß dem Unterausschuß des Repräsentantenhauses für Sammelgüter vor und war
Mitglied des Unterausschusses für Operationen des
Landwirtschaftsministeriums und Nahrungsmittel, der
mit der Beaufsichtigung des Landwirtschaftsministeriums beauftragt ist. Auf den Gebieten der Nahrungsmittelsicherheit und -kennzeichnung gilt Glickman
landesweit als führender Experte.
Im Falle seiner Bestätigung für das Amt des Landwirtschaftsministers wird es Glickmans größte Aufgabe
im kommenden Jahr sein, mit dem Kongreß das
Landwirtschaftsgesetz für die nächsten fünf Jahre
auszuarbeiten. Der Kongreß entwirft alle fünf Jahre
eine umfassende Landwirtschaftsgesetzgebung für
eine Vielzahl von Programmen zur Unterstützung der
Einkommen von Landwirten und der Rohstoffpreise.
Glickman war maßgeblich am Entwurf der letzten vier
Landwirtschaftsgesetze beteiligt. 1995 wird der neue
Kongreß eine neue Landwirtschaftsgesetzesvorlage
formulieren. Die führenden Republikaner im Kongreß
wollen die staatlichen Ausgaben für Agrarsubventionen kürzen, um das Haushaltsdefizit abzubauen.
"Ich werde das von Ihnen gegebene Versprechen
erfüllen, daß den amerikanischen Verbrauchern der
weltweit reichhaltigste Vorrat gesunder Nahrungsmittel zur Verfügung steht", äußerte Glickman gegenüber dem Präsidenten, als er seine Nominierung
annahm. Im Hinblick auf die bevorstehende Debatte
über das Landwirtschaftsgesetz fügte er hinzu: "Die
heutigen Landwirtschaftsprogramme haben zur
Schaffung dieser Möglichkeiten beigetragen - diese
Lektion sollten wir nie vergessen."
"Dennoch werden viele Fragen gestellt, die die
Verantwortlichen in der Landwirtschaft zum Überdenken der grundlegenden Ziele dieser Programme

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�bewegen. Ich begrüße diese Herausforderung. Die
Landwirtschaft ist nicht immun gegen Wandel und
sollte es auch nicht sein."
Der Kongreßabgeordnete Pat Roberts aus Kansas,
der neue Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses des Repräsentantenhauses, erklärte am 28.
Dezember, er sei sicher, daß Glickman mit der
neuen republikanischen Führung im Kongreß zusammenarbeiten könne.
"Ich sehe der Zusammenarbeit mit Minister Glickman
erwartungsvoll entgegen", so Roberts. "Wir waren
während unserer gemeinsamen Zeit im Landwirtschaftsausschuß des Repräsentantenhauses gute
Partner." Roberts und Glickman waren zwischen
1980 und 1994 Mitglieder des Landwirtschaftsausschusses.
Roberts fügte hinzu: "Ich werde mit Minister Glickman am Landwirtschaftsgesetz 1995 arbeiten.
Unsere Priorität wird es sein, ein Gesetz zu formulieren, das für eine gute Agrarpolitik steht."
Senator Richard Lugar, der neue Vorsitzende des
Landwirtschaftsausschusses des Senats, zeigte sich
weniger optimistisch und erklärte, bei den Anhörungen in diesem Ausschuß werde er "den Abgeordneten Glickman ausdrücklich nach seinen Plänen für
die Umsetzung der bereits per Gesetz beschlossenen Reform des Landwirtschaftsministeriums sowie
nach seinen zusätzlichen Ideen fragen".
Der Senator stellte fest, Glickman müsse vom letzten
Kongreß verabschiedete Gesetze in Kraft setzen,
"welche die Verkleinerung des Ministeriums von 43

*

Seite 2

*

auf 29 Abteilungen vorsehen sowie das Einfrieren
oder die Schließung von über 1.000 Außenstellen,
einen Abbau von ungefähr 8.000 Arbeitsplätzen und
die Durchführung operativer Kontrollen".
Lugar wird Glickman eigenen Angaben zufolge unter
anderem zu seinen Ansichten über die landwirtschaftlichen Rohstoff Programme, Ernteversicherung,
Katastrophenhilfe, Nahrungsmittelprogramme und
Exportangelegenheiten befragen. "Die Anhörungen
zu seiner Bestätigung bieten dem Kandidaten ein
ausgezeichnetes Forum um zu demonstrieren, daß er
sich Gedanken über Management und Politik seines
Verantwortungsbereichs gemacht hat", so Lugar.
Im Falle seiner Bestätigung durch den Senat tritt
Glickman die Nachfolge von Landwirtschaftsminister
Mike Espy an, der wegen Korruptionsvorwürfen mit
Wirkung vom 31. Dezember 1994 von seinem Amt
zurücktritt.
Neben seinen Ämtern im Bereich der Landwirtschaft
war der Abgeordnete Glickman im Ständigen Sonderausschuß des Repräsentantenhauses für den
Nachrichtendienst tätig und im 103. Kongreß dessen
Vorsitzender.
Er gehörte dem Wissenschafts-,
Weltraum- und Technologieunterausschuß sowie drei
Justizunterausschüssen an.
Glickman wurde am 24. November 1944 in Wichita
(Kansas) geboren. 1966 erwarb er an der University
of Wichita einen Bachelor of Arts und machte 1969
an der George Washington University seinen Abschluß als Jurist. Vor seiner Wahl als Kongreßabgeordneter stand er der Schulbehörde von Wichita vor.
Glickman ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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�BILDUNG
4. Januar 1995

NAFTA UND WEITERFÜHRENDE BILDUNG
von Philip G. Altbach
Obwohl das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (North American Free Trade Agreement - NAFTA)
weder kulturelle noch bildungspolitische Dimensionen besitzt, spielen Bestrebungen zur Erweiterung dieser
Dimension eine wichtige Rolle bei der Stärkung der wirtschaftlichen und politischen Verbindungen des NAFTA.
Unterricht in den Sprachen und Kulturen der Hemisphäre muß in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko
maßgeblich verbessert werden.
Philip G. Altenbach ist Dozent für weiterführende Bildung am Boston College, Chestnut Hill (Massachusetts).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Helen Dwight Reid Educational
Foundation aus Change, Juli/August 1994, Seite 48-49. Herausgegeben von Heldref Publications, 1319 18th
Street, N.W., Washington, D.C. 20036. Copyright (c) 1994.

Das Nordamerikanische
Freihandelsabkommen
verspricht engere Wirtschaftsbeziehungen im größten Handelsblock der Welt. Im Gegensatz zu dem
bahnbrechenden Handelsabkommen, das zur
Europäischen Gemeinschaft (EG) führte, hat das
NAFTA keine kulturellen oder bildungspolitischen
Dimensionen.
Engere Wirtschaftsbeziehungen
werden jedoch unweigerlich kulturelle und bildungspolitische Auswirkungen haben. Es ist jetzt an der
Zeit nachzudenken, was die wirtschaftliche Integration Nordamerikas für andere Aspekte des komplexen Beziehungsgeflechts zwischen Mexiko, den
Vereinigten Staaten und Kanada bedeutet - insbesondere für die weiterführende Bildung. Die
Universitäten in allen drei Ländern können eine
wichtige Rolle bei der Gestaltung einer Zukunft
spielen, in der es nicht nur ein besseres Verständnis
der drei unterschiedlichen Kulturen gibt, sondern
auch die für die wirtschaftliche Integration erforderlichen Qualifikationen zur Verfügung stehen.
Bei der Planung der EG machten die Europäer von
Anfang an Bildung und Kultur zum Bestandteil der
Vision. Die beiden Komponenten waren in den
Römischen Verträgen niedergelegt und wurden
weiter verstärkt. Natürlich ging das Konzept der EG
- die vollständige politische, wirtschaftliche und
kulturelle Vereinigung Westeuropas - weit über den
Handel hinaus, obwohl Wirtschaftsbeziehungen ihr
Kernstück bildeten. Selbst wenn das NAFTA vom
Konzept her entschieden weniger ehrgeizig ist, kann
man viel aus der europäischen Erfahrung lernen.
Eine der Hauptlektionen lautet, daß die Konzentration auf Handelsbeziehungen nicht ausreicht und

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gegenseitiges Verständnis ein wesentlicher Bestandteil jeder konstruktiven Beziehung ist. Die europäische Erfahrung lehrt auch, daß bildungspolitische
Integration und Kooperation nicht leicht ist und dieser
Dimension wirtschaftlicher und politischer Arrangements beträchtliche Aufmerksamkeit gewidmet
werden muß.
In Nordamerika sind die Unterschiede und Ungleichheiten bei Bildung, Kultur und Technologie unter den
drei im NAFTA zusammengeschlossenen Ländern
enorm. Die Vereinigten Staaten beherrschen im
Hinblick auf ihr System der weiterführenden Bildung,
ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie
ihre technologischen Infrastruktur nicht nur ihre
NAFTA-Partner, sondern haben das größte und
einflußreichste akademische System der Welt.
Darüber hinaus ist die dominierende Stellung der
Vereinigten Staaten durch Film, Fernsehen und die
Printmedien ebenfalls offenkundig. Die Vereinigten
Staaten bilden das Zentrum, und die beiden anderen
Länder sind von peripherer Bedeutung.
Kanada ist seit langem besorgt über die kulturelle
Dominanz der Vereinigten Staaten und hat Bestimmungen eingeführt, die eine gewisse Autonomie
bewahren sollen.
Kanada selbst ist gespalten.
Zwischen anglophonen und frankophonen Kulturen
bestehen instabile Beziehungen. Das NAFTA wird
die Aufrechterhaltung der kulturellen Autonomie
Kanadas noch schwieriger machen.
Auch Mexiko war seit jeher über die kulturelle Dominanz der Vereinigten Staaten beunruhigt. Im Hinblick

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�auf Bildung und Kultur hat sich das Land traditionell
in mehrere Richtungen orientiert. Zusammen mit
Argentinien und Brasilien dominiert Mexiko in Lateinamerika seit langem bei Veröffentlichungen, Film
und Kultur. Obwohl dies nördlich des Rio Grande
kaum anerkannt wird, verfügt Mexiko über von
Europa und insbesondere Frankreich beeinflußte
beträchtliche bildungspolitische und kulturelle Macht.
Gleichzeitig wurde Mexiko von den Vereinigten
Staaten maßgeblich beeinflußt. Es spricht für sich
selbst, daß Ex-Präsident Carlos Salinas de Gortari
Harvardabsolvent ist und sein Nachfolger ebenfalls
seinen Abschluß an einer amerikanischen Universität
gemacht hat.
Mexikaner und Kanadier waren
traditionell stets besorgt über die amerikanische
Dominanz, und es überrascht daher nicht, daß die
mexikanischen Sozialwissenschaftler in den sechziger Jahren ein Konzept der Dependenz entwickelten,
um die wirtschaftliche Dominanz mächtiger kapitalistischer Nationen über kleinere periphere Staaten
nicht nur im Hinblick auf die Wirtschaft, sondern
auch die Kultur zu erläutern.
Bildungspolitische und kulturelle Beziehungen waren
immer einseitig und komplex.
Beispielsweise
studieren ungefähr 7.000 mexikanische Studenten
an amerikanischen Colleges und Universitäten,
während rund 2.000 Studenten aus den Vereinigten
Staaten in Mexiko studieren. Kanada betreffend
belegen die Zahlen ein noch größeres Ungleichgewicht - ungefähr 19.000 Kanadier studieren in den
Vereinigten Staaten, während nur 3.000 Amerikaner
kanadische Universitäten besuchen. In den Vereinigten Staaten hergestellte Lehrbücher, wissenschaftliche Publikationen, Computer-Software und
Datenbanken sind in ganz Nordamerika zu finden.
Gleichzeitig besteht in den Vereinigten Staaten ein
beträchtliches Maß an Ignoranz gegenüber den
wichtigsten Kulturen auf dem Kontinent außerhalb
der nationalen Grenzen. Der Lehrplan amerikanischer Colleges und Universitäten legt entschieden
mehr Betonung auf Europa und Asien, und lateinamerikanische Studien konzentrieren sich nicht
vornehmlich auf Mexiko. Obwohl Spanisch bei
amerikanischen Collegestudenten die gängigste
Fremdsprache ist, sprechen wenige fließend Spanisch und das Wissen von mexikanischer Kultur und
Geschichte ist äußerst begrenzt. Kanada wird noch
weiter vernachlässigt. Nur eine Handvoll amerikanischer akademischer Institutionen bietet auf Kanada
spezialisierte Kurse an, obwohl Kanada in Dollar
bemessen der größte Handelspartner der Vereinigten Staaten ist.
Interessanterweise ergab eine Studie internationaler
Akademiker, daß amerikanische Professoren weni-

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ger aufgeschlossen gegenüber internationalen
akademischen Einflüssen waren als ihre mexikanischen Kollegen. Nachrichten über Kanada oder
Mexiko sind in den amerikanischen Massenmedien
gewöhnlich nicht zu finden. Jüngste Tendenzen zur
Multikultur in den Lehrplänen amerikanischer Colleges und Universitäten konzentrieren sich im allgemeinen eher auf Amerikaner mexikanischer Abstammung als auf Mexiko selbst. In Mexiko und
Kanada hat man ein entschieden größeres Wissen
über die Vereinigten Staaten. Fairerweise muß man
jedoch auch sagen, daß in den Colleges und Universitäten der beiden Länder wenig systematisch über
die Vereinigten Staaten unterrichtet wird. Es ist eine
Sache, etwas über die Vereinigten Staaten zu lernen,
indem man CNN oder "Dallas" sieht, und eine ganz
andere, Landeskunde zu studieren. Zweifelsohne
besteht ein beträchtliches Wissensdefizit, das behoben werden muß.
Es ist jetzt an der Zeit, die bildungspolitischen Brükken zu schlagen, die das erforderliche Verständnis,
Wissen und die Qualifikationen bieten, um sich mit
engeren Handelsbeziehungen zu befassen und
generell eine gewisse Sensibilität gegenüber den
komplexen Kulturen Nordamerikas zu entwickeln.
Jetzt können eine Reihe wichtiger konkreter Schritte
zur Schaffung der bildungspolitischen und kulturellen
Infrastruktur unternommen werden. Die folgenden
Vorschläge konzentrieren sich vornehmlich auf das,
was die Vereinigten Staaten tun können, um sich auf
die NAFTA-Ära vorzubereiten, aber diese Ideen sind
für alle drei Länder relevant. Ich befasse mich hier
vor allem mit der weiterführenden Bildung, allerdings
muß auch den Grund- und weiterführenden Schulen
Aufmerksamkeit gewidmet werden.
Mexiko und Kanada müssen die Zielgruppe für das
Fulbright- Programm und andere nationale Behörden
werden, die sich akademischen und kulturellen
Austauschprogrammen widmen. Entschieden mehr
Gastdozenturen, Forschungsstipendien und andere
Austauschprogramme müssen angeboten werden.
Amerikanische Colleges und Universitäten müssen
durch Austauschprogramme zwischen den Institutionen, Partnerschaftsprogramme und ähnliches Verbindungen zu entsprechenden Institutionen in Mexiko
und Kanada aufbauen. Studenten aller Fachrichtungen - vielleicht insbesondere der Bereiche Wirtschaft,
Ingenieur- und Bildungswesen - sollten zum Studium
in diesen Ländern ermutigt werden. Das Angebot
von einem "Studienjahr im Ausland" muß für Schüler
drastisch erweitert werden, die vor dem Oberschulabschluß stehen. Geographische Nähe verringert die
Kosten, und die Sprachen Spanisch und Französisch
- die im allgemeinen in den Vereinigten Staaten

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�unterrichtet werden - machen die Herausforderung
weniger erschreckend.
Studenten aus Mexiko und Kanada müssen zum
Studium in den Vereinigten Staaten ermutigt werden.
Zur Zeit stammt mehr als die Hälfte der ausländischen Studenten in den Vereinigten Staaten aus
Asien, und nur eine geringe Zahl kommt aus Kanada
oder Mexiko. Angesichts der Bedeutung unserer
NAFTA-Nachbarn sollten mehr Studenten aus Nordamerika zum Studium an amerikanischen akademischen Institutionen ermutigt werden.
Inoffizielle Kontakte zwischen Wissenschaftlern in
den drei Ländern sollten unterstützt werden. Konferenzen über die unterschiedlichen akademischen
Disziplinen, verstärkter Druck auf landesweit vernetzte Datenbanken und ähnliche Initiativen können
diese Kontakte fördern.
Mexikanischen und kanadischen Studenten muß ein
prominenterer Platz in amerikanischen akademischen Lehrplänen eingeräumt werden. Die Gründung von Zentren und die Bereitstellung von Forschungsmitteln für diese Länder sowie andere
Initiativen können helfen. Vor allem müssen Schüler
der Berufsschulen einbezogen werden.

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Unterricht in den in Nordamerika gesprochenen
Sprachen - vor allem Spanisch, aber in gewissem
Maße auch Französisch - muß mehr Bedeutung
beigemessen werden. In der Tat könnte man argumentieren, daß praktisch alle amerikanischen Studenten fließend Spanisch sprechen sollten angesichts
der Bedeutung der mexikanisch-amerikanischen
Beziehungen sowie der zunehmenden spanischsprechenden Minderheit in den Vereinigten Staaten.
Das NAFTA wird unvermeidbare Auswirkungen nicht
nur auf die Wirtschaftsbeziehungen, sondern auch
auf Bildung und Kultur haben. Deshalb müssen wir
jetzt anfangen darüber nachzudenken, wie Verbindungen geschaffen werden können, die Wissensbasis
verbessert und sichergestellt werden kann, daß allen
Nationen Nordamerikas das erforderliche Personal
zur Verfügung steht, um in einem regionalen wirtschaftlichen Umfeld zu operieren. Dies alles muß
nicht nur mit Verständnis für die Ungleichheiten
zwischen den drei Ländern geleistet werden, sondern
auch mit dem Engagement, diese Ungleichheiten
soweit wie möglich zu beheben. Das NAFTA könnte
schließlich alle Bewohner dieses Kontinents überzeugen, daß es gemeinsame Interessen, Probleme
und Möglichkeiten gibt.
Für die weiterführende
Bildung ist es jetzt an der Zeit, den Prozeß der
Zusammenarbeit zu beginnen.

* * *

*

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