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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

14. Dezember 1994

49

DEMOKRATISCHE PARTEI

CLINTON UMREISST AUSSEN- UND
INNENPOLITISCHE ZIELE
Rede des Präsidenten

AMERIKA-GIPFEL

GIPFEL SOLL ANTEIL ALLER
AM WOHLSTAND SICHERN
Rede von Staatssekretär Summers

MENSCHENRECHTE

TAG DER MENSCHENRECHTE 1994
Proklamation des Präsidenten

KULTUR

PREISVERLEIHUNG AN FÜNF HERAUSRAGENDE AMERIKANISCHE KÜNSTLER
Auszeichnung des Kennedy Centers

PORTRAT

RUBIN WIRD NACHFOLGER VON BENTSEN
Porträt des designierten Finanzministers

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�DEMOKRATISCHE

PARTEI
14. Dezember 1994

CLINTON UMREISST AUSSEN- UND
INNENPOLITISCHE ZIELE
Rede des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - In einer am 6. Dezember 1994 vor der Democratic Leadership Conference (DLC)
gehaltenen Rede stellte Präsident Clinton fest, außenpolitisches Ziel der Vereinigten Staaten in den nächsten
beiden Jahren müsse sein, in der Welt stark engagiert zu bleiben, eine starke und fähige Verteidigung
aufrechtzuerhalten und Handel zu erweitern, nicht zu begrenzen.
Der Präsident zog ferner eine Bilanz der Innenpolitik seiner Partei in den vergangenen beiden Jahren und
schlug einen Aktionskurs der Partei für die Zukunft vor.
"Die grundlegende Aufgabe der Partei ist die Erweiterung von Chancen, nicht eine Aufblähung des
Regierungsapparats", erklärte Präsident Clinton. "Wir müssen unsere Überzeugungen klar bekräftigen. Wir
müssen sagen, was wir geleistet haben und stolz darauf sein. Und wir müssen die Republikaner in einem
Geist echter Partnerschaft einbeziehen und sagen: ...'Wir wollen einen Ideenwettstreit veranstalten.'"
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.

Heute abend möchte ich mit Ihnen darüber sprechen, was wirklich in diesem Land vor sich geht,
nicht darüber, wer bei den Demokraten oder den
Republikanern verliert oder gewinnt, sondern wer in
Amerika verliert oder gewinnt.
Ende 1991 stürzte ich mich vor allem in den Präsidentschaftswahlkampf, weil ich in meinem tiefsten
Inneren davon überzeugt war, daß in diesem Land
etwas nicht stimmt, daß wir Gefahr liefen, den
Amerikanischen Traum zu verlieren, daß mehr
Menschen härter für weniger arbeiten, daß arme
Menschen, die sich zur Mittelschicht hocharbeiten
wollten, dies nicht konnten, daß wir keinen Zusammenhalt zeigten, als wir dies sollten und das politische System den Punkt erreicht hatte, an dem es
praktisch unfähig war, die grundlegenden Probleme
zu bewältigen.
Ich stellte mich zur Wahl in der Überzeugung, daß
ich als Bürger etwas dagegen unternehmen sollte.
Ich stellte mich zur Wahl, weil ich aufgrund meiner
Erfahrungen als Gouverneur glaubte, daß man
wirklich die Ärmel hochkrempeln, parteipolitische und
andere Grenzen überschreiten und echte Probleme
lösen kann, die reale Menschen haben. Ich stellte
mich zur Wahl, weil die DLC mich überzeugte, daß
Ideen in nationaler Politik ebenso wie bei anderen

AMERIKA DIENST 49

öffentlichen
könnten.

Unternehmen

von

Bedeutung

sein

Und als ich diese Kampagne startete, gab mir niemand außer meiner Mutter große Chancen, zu
gewinnen. Ich hatte jedoch Angst davor, daß ich
gewinnen könnte und die Menschen nicht verstehen
würden, wie schwierig es sein würde, wirkliche
Veränderungen vorzunehmen - nicht nur Dinge im
wesentlichen zu verändern, sondern auch die Kultur
Washingtons zu berücksichtigen und den Menschen
auf dem Land zu vermitteln. Außerdem gegenseitige
Kommunikation sicherzustellen, nicht den Kontakt zu
den Menschen zu verlieren, nie dieses mystische
Band zu überdehnen, das zwischen dem Präsidenten, einer Regierung und dem Volk bestehen muß.
Ich wußte, daß viele Gefahren bestanden. Eine war,
nur die schwierigsten Themen in Angriff zu nehmen.
Wenn es leichte Probleme wären, hätte jemand
anderes sich mit ihnen befaßt, weil dies einer Meinungsumfrage zufolge populär gewesen wäre. Die
zweite Gefahr ist, man macht Fehler, wenn man viele
Dinge in kurzer Zeit bewältigen will. Und ich habe
meinen Teil an Fehlern gemacht, das gestehe ich ein.
Die dritte Gefahr besteht darin, daß man in schwierigen Zeiten leicht mißverstanden wird, wenn man weit
von dem Mann auf der Straße entfernt ist. Man wird
dann leicht dämonisiert und eben die, denen man am

Seite 1

�meisten zu helfen versucht, wenden sich von einem
ab.
Das ist es, was ich an dieser Wahl mehr als alles
andere bedauere. All die Menschen, die für niedrigere Löhne und weniger Sicherheit härter als vor 10
Jahren arbeiten, sind diejenigen, denen zu helfen ich
im Wahlkampf versprochen habe. All die Menschen,
die versuchen, die Regeln einzuhalten, die es müde
sind, daß andere Sozialleistungen erhalten, die sie
nicht verdienen, die das System ausbeuten, egal ob
sie reich oder arm oder irgendwo dazwischen sind sie sind diejenigen, für die die Demokratische Partei
eintreten sollte und diejenigen, die letztlich profitieren
werden, wenn wir auf dem richtigen Kurs bleiben.
Wir haben vieles getan, was ihnen nicht besonders
gefiel, vor allem, nachdem es ihnen erklärt wurde.
Meines Erachtens hatte ich recht, Diskriminierung
und Intoleranz abzulehnen, aber viele dachten, ich
kümmere mich mehr um Minderheiten als die
Probleme der Mehrheit.
Meines Erachtens hatten wir recht, als wir uns gegen
den Verband der amerikanischen Waffenbesitzer
stellten und sagten, wir müßten diese Schußwaffen
von der Straße verbannen. Aber weit von den
Schlachtfeldern der Innenstädte entfernt, sagten die
auf dem Land Wohnenden: "Mein Gott, ich zahle so
viele Steuern, ich kann meinen Arbeitsplatz nicht
behalten, und jetzt wollen sie auch noch meine
Waffe. Warum lassen sie mich nicht einfach in
Ruhe?"
Meines Erachtens hatten wir recht, als wir für den
Abbau dieses schrecklichen Haushaltsdefizits
kämpften. Ich möchte Ihnen etwas sagen. Der
Haushalt wäre in diesem Jahr ausgeglichen, wenn
wir nicht die Zinsen für die in den Jahren aufgelaufenen Schulden zahlen müßten, als die Republikaner
die Kontrolle hatten und das Land in den Graben
steuerten.
Und bevor Sie dem Sirenengesang lauschen, den
Sie nächstes Jahr vernehmen werden, sollten Sie
sich folgendes vor Augen halten: 28 Prozent Ihrer
Einkommensteuer sind für die Zinsen der in den 12
Jahren vor unserer Amtsübernahme gemachten
Schulden. Wir haben also recht, dies zu tun.
Und ich denke, wir hatten recht, einen Weg zur
Verhinderung einer dreimal höheren Kostenexplosion
im Gesundheitswesen als die Inflationsrate zu
suchen, zu verhindern, daß die Menschen ihre
Gesundheitsfürsorge verlieren, wenn sie ein krankes
Kind haben oder einen anderen Arbeitsplatz annehmen wollen. Wir hatten recht, mittelständischen
Unternehmen und Freiberuflern eine finanzierbare

Seite 2

private Krankenversicherung zu ermöglichen. Aber
als diese Projekte dem amerikanischen Volk vorgelegt wurden, charakterisierte man in beiden Fällen
die Demokraten als die Partei der Regierung und der
Steuern. Und die Amerikaner haben kein großes
Vertrauen in die Regierung, weil sie für weniger Geld
härter arbeiten.
Die männlichen Arbeitnehmer ohne Collegeabschluß
verdienen in diesem Land 12 Prozent weniger als vor
10 Jahren und arbeiten mehr Stunden. Wir sind das
einzige Land der Welt mit einer modernen Wirtschaft,
in dem der Prozentsatz der Bevölkerung unter 65
Jahren mit einer Krankenversicherung heute niedriger
ist als vor 10 Jahren.
Manchmal sind Sie nicht glücklich, selbst wenn
jemand etwas Gutes tut - weil Ihnen das Resultat
nicht gefällt. Es gibt immer noch Menschen, die das
fast umbringt, die denken: Ich tue alles in meiner
Macht Stehende - ich habe eine längere Arbeitswoche, ich kann mir keinen Urlaub mehr leisten, ich
bezahle mehr für die Gesundheitsfürsorge, ich könnte
morgen meinen Arbeitsplatz verlieren, mein Kind
könnte auf dem Weg zur Schule erschossen werden,
und mein ganzes Geld geht an Leute, die sich nicht
richtig verhalten. Das ist es, was die Menschen
denken.
Und sie sind diejenigen, für die ich mir in den letzten
beiden Jahren fast ein Bein ausgerissen habe, um
ihnen und denjenigen zu helfen, denen sie zu helfen
versuchen. Können wir sie zurückgewinnen? Ganz
sicher. Aber sie müssen wissen, daß wir die Botschaft bei der Wahl vernommen haben. Sie müssen
wissen, daß wir die Botschaft verstanden haben.
Aber wir können ihnen nicht sagen, daß wir immer
zustimmen. Wir können es ihnen nicht sagen, selbst
wenn der Preis dafür sehr hoch ist. Manchmal treffen
Leute Entscheidungen, wenn sie äußerst verärgert
sind. Und manchmal sind diese Entscheidungen gut,
aber bisweilen ist das auch nicht der Fall.
Mit das erste, was ich als Kind gelernt habe, war,
zähle bis 10, Bill, bevor du etwas sagst. Ich tue es
zwar noch nicht immer, aber jedes Mal, wenn ich es
nicht tue, tut es mir leid.
Es gibt kein Patentrezept für eine perfekte Welt in
schwierigen Zeiten des Wandels, in denen jede Wahl
gut ausgeht und alle glücklich sind. Aber das amerikanische Volk muß erfahren, daß wir es gehört
haben, weil es das Volk ist, dem zu helfen ich beim
Präsidentschaftswahlkampf versprochen habe. Mein
ganzes Leben lang, seit ich ein kleiner Junge war,
habe ich Menschen wie diese gesehen, wie sie
mißhandelt und benachteiligt wurden, und ich habe
sie vor Wut schäumen und erbittert und ausgenutzt

AMERIKA DIENST 49

�gesehen. Wir schulden es ihnen, sie wissen zu
lassen, daß wir sie gehört haben, für sie kämpfen
und unsere Leistung erbringen werden.
Ich möchte drei Dinge sagen. Wir müssen unsere
Überzeugungen klar bekräftigen.
Wir müssen
sagen, was wir geleistet haben und stolz darauf sein.
Und wir müssen die Republikaner in einem Geist
echter Partnerschaft einbeziehen und sagen: Sie
haben neue Ideen. Wir auch. Wir wollen einen
Ideenwettstreit veranstalten. Aber hört auf mit dieser
Dämonisierung und nehmt die Arbeit in Angriff,
Amerika bei der Gestaltung dieses Landes behilflich
zu sein.
Wenn Sie in den nächsten zwei oder drei Tagen
wissen wollen, wie Sie unsere Prinzipien klar formulieren sollen, dann lesen Sie die Erklärung von New
Orleans von vor fünf Jahren. Sie ist optimal. Wir
glauben, das Versprechen Amerikas sind gleiche
Chancen, nicht gleiche Ergebnisse. Die grundlegende Aufgabe der Partei ist die Erweiterung von Chancen, nicht eine Aufblähung des Regierungsapparats.
Amerika muß in der Welt stark engagiert bleiben,
nicht sich zurückziehen. Die Vereinigten Staaten
müssen eine starke und fähige Verteidigung aufrechterhalten. Der richtige Weg zum Wiederaufbau der
wirtschaftlichen Sicherheit Amerikas sind Investitionen in unsere Menschen und eine Erweiterung des
Handels, nicht seine Begrenzung.
Wir glauben an die Verhinderung von Verbrechen
und die Bestrafung von Kriminellen, nicht an die
Erklärung ihres Verhaltens. Der Zweck von Sozialleistungen besteht darin, die Armen in den Wirtschaftskreislauf einzubeziehen, nicht sie in Abhängigkeit zu halten. Die Regierung sollte die Freiheit
des einzelnen respektieren und sich aus dem
Privatleben und persönlichen Entscheidungen
heraushalten. Wir glauben an die Moral und die von
den meisten Amerikanern geteilten kulturellen Werte
- Verantwortung des einzelnen, Toleranz, Arbeit,
Glaube und Familie.
Wir glauben, daß die amerikanische Staatsbürgerschaft sowohl Rechte als auch Pflichten enthält.
Und wir werden unsere Bürger bitten, ihren Gemeinden und ihrem Land etwas zurückzugeben. Ich
glaube daran, und wenn Sie daran glauben, werden
wir eine großartige Zukunft haben.
Ich möchte Ihnen folgendes sagen: Sie müssen
über Ihre Aufgabe in dieser neuen Welt entscheiden,
denn es ist wahr, daß wir in der neuen Demokratischen Partei bereits etwas bewirken. In den vergangenen beiden Jahren wurden trotz einer Atmosphäre der Kontroversen und trotz aller Schwierigkeiten mehr Tagesordnungspunkte der DLC als

AMERIKA DIENST 49

Gesetze verabschiedet, die das Leben der Amerikaner beeinflussen, als jede politische Bewegung in
einem vergleichbaren Zeitrahmen in der Geschichte
der Vereinigten Staaten je bewirkt hat. Und Sie
sollten stolz darauf sein.
Sie sollten keine Auszeichnungen fordern, und wir
sollten keine Auszeichnungen fordern, weil die Löhne
und Gehälter immer noch stagnieren, die Zukunft für
Millionen von Amerikanern noch zu viele Unsicherheiten birgt, das Land vielerorts in Form von zerrütteten
Familien und Kriminalität mit großen Schwierigkeiten
konfrontiert ist und die Regierung viele Menschen zu
stark belastet.
Aber Sie sollten zweifelsohne stolz auf den Anfang
sein, der gemacht wurde. Und wenn Sie dem nicht
Ausdruck verleihen, wird das niemand tun. Deshalb
sollten Sie sich erheben und darauf hinweisen, was
wir geleistet haben. Darauf werden wir aufbauen.
Wir werden Fortschritte machen.

Wir haben die

Botschaft bei den Wahlen vernommen, aber wir
sollten nicht herunterspielen, was bereits für die
Menschen getan wurde, die für die Zukunft dieses
Landes entscheidend sind.
Lesen Sie noch einmal, wofür sich die DLC besonders eingesetzt hat. Grundsätze sind etwas Gutes,
aber früher oder später muß auch etwas getan
werden. Das ist wirklich wichtig. Einer der großen
politischen Denker, der sich heute abend unter den
Zuhörern befindet, den ich jedoch nicht durch Nennung seines Namens in Verlegenheit bringen möchte,
sagte zu mir: "Wissen Sie, Herr Präsident, eines der
Probleme besteht darin, daß Sie versuchen, etwas zu
bewirken." Und er führte einen anderen Politiker als
Beispiel an, der in diesem Land äußerst beliebt ist,
weil er sehr viel redet, aber nichts unternimmt und
somit niemanden vor den Kopf stößt.
Wir versuchen, etwas zu bewirken. Darauf sollten
Sie stolz sein. Es war nicht einfach, erstmals seit
Truman in drei aufeinanderfolgenden Jahren das
Haushaltsdefizit abzubauen. Die DLC forderte uns
dazu auf, und es war keine einfache Aufgabe.
Es war nicht leicht, hierfür ein Konzept zu entwickeln
und Steuersenkungen - den ersten Schritt für Steuererleichterungen der Mittelschicht - für 15 Millionen
Arbeitnehmerfamilien mit 40 Millionen Amerikanern zu
veranlassen, für hart arbeitende Menschen mit
Kindern und bescheidenen Löhnen. Wir wollen nicht,
daß sie von der Sozialhilfe abhängig werden - im
Gegenteil. Wir wollen nicht, daß irgend jemand
aufgrund seiner Steuerlast verarmt. Genau darum
ging es beim Einkommensteuerfreibetrag. Das war
eine Idee der DLC, die wir in die Tat umsetzten.
Damit schufen wir mehr Steuergerechtigkeit, als in

Seite 3

�den letzten 20 Jahren gegeben war. Darauf sollten
wir stolz sein, denn es veränderte das Leben der
Menschen.
Es wurde darüber gesprochen, den Regierungsapparat zu verkleinern. Heute arbeiten verglichem
mit dem Tag meines Amtsantritts 70.000 Beamte
weniger in der Bundesregierung. Wir verringern den
Regierungsapparat um mehr als eine Viertel Million
Beamte. Wenn das getan wird, wofür die hier
anwesenden Kongreßabgeordneten bereits stimmten, haben wir am Ende dieses Haushaltsjahres den
kleinsten Regierungsapparat seit John F. Kennedy.
Das sind unsere bisherigen Leistungen. Die Republikaner wollen mehr unternehmen - wir werden es
tun. Bilden wir eine Partnerschaft. Beginnen wir
einen Wettstreit. Wir haben den Abbau des Regierungsapparats noch nicht abgeschlossen, sollten
aber nicht abstreiten, daß wir den Anfang gemacht
haben. Nicht die Republikaner, sondern wir haben
den Anfang gemacht. Jetzt sollten wir diese Aufgabe gemeinsam angehen und Fortschritte machen.
Und es geschah etwas Dramatisches, das Herr
McCurdy eben erwähnte. Die Demokratische Partei
kehrte dem Protektionismus entschieden den Rükken und wandte sich dem GATT, dem NAFTA, den
asiatischen Staaten, dem bevorstehenden gesamtamerikanischen Gipfel zu. Dies stellte einen grundlegenden Bruch mit der Vergangenheit dar und eröffnete neue Zukunftschancen.
Wir taten das aus einem einfachen Grund. Ungeachtet dessen, was wir unternehmen, wird Druck
ausgeübt, die Löhne niedrig zu halten. Da wir
jedoch Zugang zu Märkten und mehr Fairness
gegenüber amerikanischen Arbeitnehmern und
Unternehmen gefordert haben, werden wir neue,
hochbezahlte Arbeitsplätze für Amerika schaffen.
Das war die Position der DLC. Wir haben beim
Handel mehr Fortschritte gemacht, als zu jeder
anderen Zeit in einer Generation. Sie sollten darauf
stolz sein, diese Leistung verteidigen und darüber
sprechen.
Welche Resultate hat das gebracht? Über fünf
Millionen neuer Arbeitsplätze - in diesem Jahr mehr
Arbeitsplätze in der Baubranche als in den letzten
neun Jahren zusammengenommen, zum ersten Mal
innerhalb eines Jahrzehnts bereits elf Monate
andauerndes Wachstum von Arbeitsplätzen im
Fertigungsbereich. Das sind die Resultate.
Und schließlich beobachten wir einen Anstieg
hochbezahlter Arbeitsplätze - in diesem Jahr wurden
mehr hochbezahlte Arbeitsplätze geschaffen als in
den letzten fünf Jahren zusammengenommen. Wie

Seite 4

lautet die Herausforderung? Die Einkommen zu
erhöhen und den Menschen, die ihren Arbeitsplatz
wechseln, zu helfen, damit sie nicht von Unsicherheit
gequält werden. Das ist die Herausforderung.
Wie können wir das erreichen? Zunächst einmal
müssen wir ein System für lebenslanges Lernen und
Weiterbildung bereitstellen. Wollen Sie das Einkommensgefälle in diesem Land abschaffen? Wir sollten
jedem Amerikaner, der dies wünscht, Ausbildungsförderung zukommen lassen. Das ist die einzige
Möglichkeit.
Schauen Sie sich die bildungspolitische Tagesordnung an. Es war das beste Jahr für Bildung und
Ausbildung seit 30 Jahren. Wir haben Head Start
erweitert, durch Reformen an der Basis den landesweiten Bildungsstandard erhöht, beispielsweise bei
staatlichen Schulen und Bildungsprogrammen, die
von der DLC befürwortet werden, sowie durch
Berufsausbildungsprogramme für junge Leute, die
nicht aufs College gehen. Heute waren 13 Manager
der größten Unternehmen dieses Landes im Weißen
Haus. Wir sprachen darüber, wie wir alle Unternehmen in diesem Land dazu veranlassen können,
an unserem Programm zur Erleichterung des Übergangs ins Berufsleben teilzunehmen, und wie zwei
Millionen junger Menschen, die nach der High School
nicht aufs College gehen, einen guten Arbeitsplatz
erhalten können.
Und betrachten Sie sich das Darlehensprogramm,
das Kindern aus der Mittelschicht den Collegebesuch
erleichtern soll. Wir haben es gegen maßgebliche
Interessengruppen durchgesetzt und damit Millionen
jungen Menschen Zugang zu zinsgünstigen Collegedarlehen geboten, die sie später ihrem Einkommen
entsprechend zurückzahlen können, damit niemand
das Studium aus finanziellen Gründen aufgeben muß.
Hierfür hat sich die DLC eingesetzt. Das amerikanische Volk sollte das erfahren, und Sie sollten stolz
darauf sein.
Weiterhin zu nennen sind das Gesetz über Urlaub
aus familiären Gründen, die Impfung aller Kinder

unter zwei Jahren, strengere Überwachung der
Unterhaltszahlungen für Kinder. Seit März liegt dem
Kongreß die Gesetzesvorlage über eine Reform des
Sozialwesens vor. All dies ist für Amerika von Vorteil.
Diese Administration hat auch versucht, den Bundesstaaten wieder mehr Befugnisse zu geben, was die
DLC immer befürwortet hat. Bereits 20 Bundesstaaten dürfen unter Umgehung von Regeln und Vorschriften der Bundesregierung ihre eigenen Vorschläge zur Sozialreform unterbreiten, neun Bundesstaaten zur Gesundheitsreform. Diese Dinge, die sie
befürwortet haben, wurden von uns bereits in die Tat
umgesetzt.

AMERIKA DIENST 49

�Die Republikaner wollen den Bundesstaaten und
den Städten wieder mehr Macht geben. Sie sollten
ihre Ideen vorbringen. Wir wollen darüber sprechen.
Wir sollten gemeinsam etwas unternehmen. Aber
Sie können nicht abstreiten, daß wir den Anfang
gemacht haben und unsere Projekte gemeinsam mit
den Republikanern zum Abschluß bringen wollen.
Wir müssen noch das Gesetz zur Verbrechensbekämpfung in Kraft setzen. 100.000 weitere Polizisten - das bedeutet, daß kleine Städte und ländliche
Gemeinden im Durchschnitt 20 Prozent mehr Polizisten bekommen. Wenn sie vernünftig eingesetzt
werden, wird die Verbrechensrate gesenkt. Seit
Jahren haben wir uns für eine Stärkung der Polizei
in den Gemeinden eingesetzt. Das ist eine der
Ideen der DLC. Und wir halten Präventionsprogramme für sinnvoll. Studieren Sie unsere Akten. Wir
haben recht. Die Polizei stimmt uns ebenfalls zu.
Wir wollen uns für den Erhalt dieser Präventionsprogramme verwenden. Wir werden diese Polizisten
einsetzen. Wir werden härtere Strafen einführen.
Wenn die Republikaner weitere Ideen zur Verbrechensbekämpfung haben, werden wir sie gerne
hören. Wir sollten jedoch nicht mit der Umsetzung
des Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung aufhören, bis wir die Verbrechensrate gesenkt und die
Straßen für die amerikanischen Familien und ihre
Kinder wieder sicherer gemacht haben. Und vergessen Sie nicht, daß wir es waren, die dieses
Gesetz verabschiedeten.
Abschließend möchte ich noch betonen, daß Sie den
nationalen Sozialdienst als Verkörperung dessen
ansehen sollten, was wir unternehmen wollen. Er
wurde von einigen kritisiert, die neu im Kongreß
sind. Es handelt sich hier nicht um ein Regierungsprogramm, sondern um eine Gesellschaft mit Republikanern und Demokraten im Vorstand. Dies ist
keine Angelegenheit der Bürokratie, sondern auf die
Basis ausgerichtet. Es soll das Konzept des Dienstes an Amerika fördern und mit bildungspolitischen
Erleichterungen belohnen. Im nationalen Sozialdienst bemühen sich bereits mehr Menschen an der
Basis um die Lösung der amerikanischen Probleme
als im Peace Corps in seinem besten Jahr. Dieses
Jahr sind es 20.000. Im übernächsten Jahr werden
es 100.000 sein, wenn wir die erforderlichen Geldmittel aufbringen können. So ist der derzeitige
Stand der Dinge. Dies ist die Ansicht der neuen
Demokratischen Partei. Dies ist die Ansicht der
DLC. Wir wollen die Republikaner zur Unterstützung
des nationalen Sozialdienstes aufrufen, um dieses
Land zu dem zu machen, was es sein sollte.
Die beste Möglichkeit hierzu haben Sie bereits
genutzt: Als Gegenstück zu dem Vertrag der Republikaner zehn neue Ideen vorzubringen. Das ist das

AMERIKA DIENST 49

Beste, was getan werden kann. Wir sollten uns
daran halten und für diese Ideen kämpfen.
In der nächsten und übernächsten Woche werde ich
weitere neue Ideen bekanntgeben. Wir wollen das
mit Vision tun. Mit Überzeugung. Wir werden die
erforderlichen Bestrebungen unternehmen. Lassen
Sie uns das Land über die Partei stellen und die
Republikaner auffordern, ebenso zu handeln. Wir
wollen nicht die Errungenschaften aufgeben, für die
die DLC so hart gekämpft hat. Diese Errungenschaften sind nicht liberal oder konservativ. Sie
haben unsere Partei zusammengehalten. Sie werden
unser Land zusammenhalten. Und je mehr das
amerikanische Volk darüber weiß, desto stärker wird
es sie befürworten. Die Antwort besteht darin, das
bereits Geleistete nicht umzukehren, sondern darauf
aufzubauen. Die Antwort besteht darin, sich der
Mittelschicht zuzuwenden und zu sagen:
"Wir
wissen, warum Ihr ärgerlich und frustriert seid. Wir
haben Eure Botschaft bei den Wahlen verstanden.

Wir werden uns nicht auf unsere Grundsätze zurückziehen, sondern uns direkt an Euch wenden, denn wir
sind dazu da, Euch beim Aufbau einer besseren
Zukunft für alle zu helfen. Das ist unser einziges
Ziel."
Wenn wir das tun, wird sich die von den Republikanern geäußerte Prophezeiung unseres Niedergangs
als vollkommen verfrüht erweisen. Ich möchte Sie
jedoch darum bitten, nochmals über Ihre Verantwortung nachzudenken. Wir sprechen immer über die
Pflichten der Menschen. Was ist Ihre Pflicht? Sich
zu mir in die Arena zu begeben, zu kämpfen, die
Ärmel hochzukrempeln, und bereit zu sein, ab und zu
einen Fehler zu machen und sich tüchtig ins Zeug zu
legen, Engagement zu zeigen, zu diskutieren und all
das zu genießen.
Das amerikanische Volk befindet sich inmitten eines
großen Wandels. Aber ich möchte Ihnen eines
mitteilen: Dies ist ein großartiges Land. Wir können
mit diesem Konflikt umgehen. Dies kann sich für uns
als positiv erweisen. Als positiv für unsere Partei,
und, noch wichtiger, als positiv für das amerikanische
Volk. Vergessen Sie nie, daß es kein Zufall war, daß
die Vereinigten Staaten gebeten wurden, sich an der
Beendigung des Nordirlandkonfliks zu beteiligen. Die
Vereinigten Staaten wurden gebeten, sich der Aggression im Golf zu widersetzen, am Friedensprozeß
im Nahen Osten mitzuarbeiten und die Demokratie in
Haiti wiederherzustellen.
Wir engagieren uns für andere Länder, sollten uns
aber manchmal vielleicht etwas mehr mit deren
Augen sehen. Amerika ist ein wunderbares Land.
Wir tragen nicht die Verantwortung dafür, Wahlen zu
gewinnen, sondern für die Menschen zu kämpfen,

Seite 5

�wegen denen Wahlen abgehalten werden. Wenn wir
für sie und ihre Kinder kämpfen, erledigt sich das
Problem der Wahlen von selbst. Und selbst wenn
das nicht der Fall sein sollte, werden wir immer noch

tun, was richtig ist. Dafür setze ich mich ein, und Sie
sollten das auch tun.
Ich danke Ihnen und Gott schütze Sie.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 49

�AM E R I K A - G I P F E L
14. Dezember 1994

GIPFEL SOLL ANTEIL ALLER
AM WOHLSTAND SICHERN
Rede von Staatssekretär Summers
MIAMI - (AD) - Der Staatssekretär für internationale Angelegenheiten im Finanzministerium, Lawrence
Summers, forderte die Staatschefs von 34 Ländern des amerikanischen Kontinents auf zu gewährleisten, daß
der wachsende Wohlstand in ihren Ländern alle Teile der Gesellschaft erreicht und stellte fest, "Demokratie
hat keinen Bestand, wenn sie nicht mit Wohlstand einhergeht".
In einer Rede, die Summers am 6. Dezember 1994, dem letzten Tag eines vom US-Zolldienst für Vertreter der
internationalen Handels- und Finanzwelt abgehaltenen Symposiums über Zoll, Handel und Finanzen hielt,
erklärte er, die Teilnehmerstaaten des vom 9. bis 11. Dezember in Miami anberaumten gesamtamerikanischen
Gipfels müßten eine Gemeinschaft bilden, die durch ein gemeinsames Ziel geeint ist - die Konsolidierung der
Demokratie, marktwirtschaftliches Wachstum und Zusammenarbeit zur Verbesserung staatlicher Institutionen,
von denen sozialer Fortschritt und Wohlstand abhängen.
Diese Punkte werden laut Summers die wichtigsten Gesprächsthemen des Gipfels bilden, der von Präsident
Clinton zur Förderung gemeinsamer wirtschaftlicher, politischer und sozialer Ziele in der Hemisphäre einberufen
wurde. Dem Staatssekretär zufolge ist es von entscheidender Bedeutung, daß der Gipfel und die von ihm
eingeleiteten Initiativen Erfolg haben.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem vorbereiteten Redetext des Staatssekretärs.

Dieses Zeitalter ist außerordentlich aufregend.
Halten Sie sich vor Augen, wie anders unsere
Region verglichen mit der Zeit vor nur fünf Jahren
aussieht.
Wer hätte zu träumen gewagt, daß
Volkswirtschaften, die vor nur einem Jahrzehnt mit
Kapitalflucht zu kämpfen hatten, sich heute darüber
Gedanken machen, wie sie den enormen Kapitalstrom bewältigen, der ins Land drängt - 170 Milliarden Dollar an ausländischen Nettoinvestitionen in
den ersten drei Jahren dieses Jahrzehnts.
Wer hätte gedacht, daß jahrhundertelang von
Feudalherren und Juntas regierte Nationen heute
einen Mangel an Finanzexperten, Richtern und
Verfassungsexperten verspüren?

an denen man früher den Anstieg des Wechselkurses
daran verfolgen konnte, wie schnell die kleinen
Schuhputzer ihre Preise erhöhten. Und ich habe es
in Mexiko gesehen, wo nahe der Grenze zu den
Vereinigten Staaten neue Fabriken und Unternehmen
entstanden sind.
So sieht die heutige Situation aus. Das sind die
bemerkenswerten, vielfältigen Möglichkeiten, die sich
für Sie alle eröffnen. Das sind Ihre Chancen, deren
Fortbestand der diese Woche stattfindende AmerikaGipfel und weitere Initiativen der Vereinigten Staaten
in Lateinamerika in den kommenden Monaten gewährleisten werden.
Gemeinschaft unserer Hemisphäre

Und wer hätte sich vorstellen können, daß Nationen,
die sich jahrzehntelang abschotteten und Fortschritte
bei Wirtschaft und Handel zurückwiesen, sich heute
öffnen, Handelshemmnisse abbauen und den Weg
für amerikanischen Investitionen und Handel bahnen?
Ich habe es mit eigenen Augen in Buenos Aires
gesehen, wo die Käufer sich auf Straßen drängen,

AMERIKA DIENST 49

Wenn ich eine Zusammenfassung der großen Veränderungen geben sollte, die innerhalb eines so
kurzen Zeitraums in unserer Hemisphäre stattfanden,
würde ich sagen, daß die einst durch Abhängigkeit
gelähmten Nationen jetzt eine Gemeinschaft bilden,
die durch Interdependenz verbunden ist - mit allen
darin enthaltenen Chancen und Pflichten.

Seite 1

�Wir sind eine Gemeinschaft demokratischer Länder,
die überzeugt sind, daß Freiheit und Menschenrechte die größte Chance bieten, Wohlstand für alle
zu gewährleisten. Vor 20 Jahren lebte weniger als
die Hälfte der Menschen südlich unseres Landes in
Freiheit. Heute sind es 90 Prozent. Mexiko, Brasilien, Uruguay - jede Jahreszeit bringt neue Wahlen,
die uns an den Sieg der Demokratie erinnern.
Auf dem gesamten Kontinent kommt eine neue
Generation von Politikern an die Macht, die im
Geiste von Demokratie und bürgerlicher Gesellschaft
erzogen wurden.
Wir sind eine Gemeinschaft wohlhabender Länder
geworden, die auf den beiden Säulen ruht, die
wirtschaftliche Expansion in unseren Gesellschaften
tragen - solide makroökonomische Maßnahmen
einerseits und marktwirtschaftliches Wachstum
andererseits.
Dies zeigt sich an der neuen Betonung von haushalts- und währungspolitischer Zurückhaltung:
Mexiko und Argentinien halten sich beide an die für
die Europäische Währungsunion im Vertrag von
Maastricht niedergelegte Richtschnur niedriger
Inflationsraten und eines geringen Haushaltsdefizits ein Test, den die meisten europäischen Staaten
nicht bestehen.
Dies zeigt sich am Erfolg, den die Länder bei der
Bekämpfung der Inflation hatten - von einer durchschnittlichen Inflationsrate in der Region von 400
Prozent in den achtziger Jahren zu durchschnittlichen 12 Prozent - sowie an der Wahl von Regierungen in Brasilien und andernorts, die sich niedrigen Preisen verpflichten.
Dies zeigt sich an der Tatsache, daß von Kanada bis
Mexiko, von Peru bis Trinidad und Tobago die
Regierungen in staatlichem Besitz befindliche
Unternehmen verkaufen - bisher 2.000 - um den
Aderlaß des Staatshaushalts zu beenden, ihrer
Wirtschaft das Adrenalin des Wettbewerbs zu
injizieren und sich von den Ketten zu befreien, die
einst Initiative und Dynamik privater Unternehmer
fesselten.
Wir sind eine Gemeinschaft von Handelspartnern
geworden. Länder, die jahrzehntelang alles im
Alleingang versuchten - durch hohe Zölle, Ausschluß
ausländischer Investitionen und Autarkie - gelangen
jetzt zu der Erkenntnis, daß Wohlstand entsteht,
wenn Grenzen geöffnet werden und die Volkswirtschaft dem Wind von Wettbewerb und Handel
ausgesetzt wird.

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Meinen Zählungen zufolge gibt es in unserer Hemisphäre 23 Handelsvereinbarungen. Betrachten Sie
sich MERCOSUR, das vom 1. Januar an 200 Millionen Brasilianer, Argentinier, Paraguayer und Uruguayer durch freien Handel verbindet. Die Außenzölle werden auf durchschnittlich 14 Prozent - im Fall
von Brasilien verglichen mit vorher 35 Prozent gesenkt. Die aus fünf Ländern bestehende Gruppe
der Andenstaaten schuf vor zwei Jahren eine Freihandelszone. Der mittelamerikanische gemeinsame
Markt senkte die Zölle von durchschnittlich 50 Prozent auf eine Marge von 5 bis 20 Prozent.
Aus diesem Grund hat sich der Handel innerhalb
Lateinamerikas in nur zehn Jahren nahezu vervierfacht - auf 26 Milliarden Dollar. Aus diesem Grund
hat die brasilianische Tochtergesellschaft von General Motors in Argentinien ein Werk im Wert von 100
Millionen Dollar gebaut, um Kleinlastwagen für
Brasilien herzustellen. Aus diesem Grund haben
Argentinien und Chile jetzt eine gemeinsame Gaspipeline, und auf kolumbianischen Finanzmärkten
werden venezolanische Wertpapiere emittiert.
Natürlich war das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) für unsere Wirtschaft die seit
Jahren wichtigste Konjunkturspritze. Bisher wurden
dadurch bereits über 100.000 Arbeitsplätze geschaffen. Unsere Exporte nach Mexiko stiegen in der
ersten Jahreshälfte um 17 Prozent an, dreimal so
schnell wie die Exporte in die übrigen Länder - trotz
der schweren Rezession in Mexiko. Tatsache ist,
daß Mexiko vor kurzem Japan als zweitgrößten
Abnehmer unserer Produkte ersetzte und Kanada,
unser wichtigster Exportmarkt, seine Importe um 10
Prozent erhöhte. Von dem 3000prozentigen Anstieg
der Exporte der Ford Werke bis zu dem Unternehmen Toyota, das eilig auf dem neuen nordamerikanischen Markt Fabriken errichten will, spricht das
NAFTA Bände für das, was auf unserem Kontinent
durch Integration erreicht werden kann.
Mit anderen Worten bilden die Nationen unserer
Hemisphäre jetzt eine Gemeinschaft, die durch ein
gemeinsames Ziel geeint ist - die Konsolidierung der
Demokratie, marktwirtschaftliches Wachstum und
Zusammenarbeit zur Verbesserung staatlicher
Institutionen, von denen sozialer Fortschritt und
Wohlstand abhängen.
Gesamtamerikanischer Gipfel
Dieser Gipfel ist aus ökonomischen Gründen von
entscheidender Bedeutung. Es haben die Staaten
Erfolg, die den schwierigen makroökonomischen Weg
gegangen sind: Peru, das in diesem Jahr die am
schnellsten wachsende Volkswirtschaft hat, Argentinien, dessen Wachstumsrate von 35 Prozent in

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�diesem Jahrzehnt die drittgrößte der Welt war, direkt
hinter China und Thailand. Und ich könnte noch
mehr Beispiele nennen - eine Wachstumsrate von
nahezu 23 Prozent in Chile in diesem Jahrzehnt und
von 15 Prozent in Kolumbien.
Die Vereinigten Staaten haben großes Interesse zu
gewährleisten, daß sich die wirtschaftliche Expansion
und unsere Beteiligung daran fortsetzen. Die westliche Hemisphäre wird sich in weniger als zehn
Jahren zu einem Markt von 13 Billionen Dollar
entwickeln. Sie ist bereits unser am schnellsten
wachsender Absatzmarkt mit ganzen 60 Prozent
Exportanstieg im vergangenen Jahr. Wir exportieren
im Wert von nahezu 200 Milliarden Dollar in unsere
Nachbarländer - mehr als unsere Exporte nach
Europa, einschließlich Rußland, und mehr als unsere
Exporte nach Asien. Tatsächlich importiert Venezuela mehr von uns als Rußland, und Ecuador mehr
als Ungarn und Polen zusammengenommen.
Lateinamerika hat für die neunziger Jahre bereits 30
Großprojekte in den Bereichen Energieversorgung
und Infrastruktur im Wert von 140 Milliarden Dollar
geplant. Allein Brasilien wird in den nächsten vier
Jahren 4 Milliarden Dollar für Umweltgüter und
-dienstleistungen ausgeben, auf die wir uns spezialisieren.
Insgesamt wird Lateinamerika am Ende des Jahrhunderts ein besserer Abnehmer unserer Exporte
sein als Westeuropa. Die wirtschaftliche Sicherheit
der Vereinigten Staaten ist immer nur dann gewährleistet, wenn unsere Region dynamisch, im Wachstum begriffen und integriert bleibt.
Erfolg ist auch aus strategischen Gründen entscheidend - zur Verankerung von Stabilität in unserer
Region. Das NAFTA hat uns gelehrt, daß die
Auswirkungen freien Handels weit mehr als nur
wirtschaftlicher Natur sind.
Die mexikanische
Gesellschaft durchlebte Anfang dieses Jahres mit
der Ermordung Colosios eine schwierige Phase. Die
politische und soziale Stabilität wurde aufrechterhalten und der Aufbau der mexikanischen Wirtschaft
fortgesetzt. Meines Erachtens ist es großenteils auf
das NAFTA zurückzuführen, daß Mexiko diese
schwierige Zeit überstand. Und diese Lektion über
Handel als Instrument zur Verankerung wirtschaftlicher und sozialer Reformen enthält für die übrige
Region große Versprechen.
Erfolg ist auch in moralischer Hinsicht entscheidend.
Integration und durch Handel bewirktes Wachstum
sind das einzige Mittel, um allen in der Hemisphäre
lebenden Menschen Wohlstand zu bieten. Dadurch
wird die soziale Stabilität gefestigt und gewährleistet,
daß die Nationen nicht in Bürgerkriege und Unter-

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drückung zurückfallen, denen sie erst kürzlich entronnen sind.
Ich möchte jetzt noch die spezifischen Fragen ansprechen, die auf der Tagesordnung des AmerikaGipfels stehen. Sie gehören in zwei große Kategorien: Erstens Vorschläge zur Förderung von Handel
und Integration, zweitens Bestrebungen zur Verbesserung der Rolle der Regierungen bei der Erfüllung
von Aufgaben, die Demokratie und sozialen Fortschritt untermauern.
Die Tagesordnung für Handel
Die Integration der gesamten Hemisphäre muß ein
Hauptziel der Vereinigten Staaten und ihrer Nachbarstaaten sein. Schätzungen zufolge könnte der
freie Handel über den Kontinent hinweg die amerikanischen Exporte in die Region um 290 Milliarden
Dollar verdreifachen und bis zum Jahr 2003 zusätzlich 4 bis 6 Millionen Arbeitsplätze für unsere Volkswirtschaft schaffen. Hierbei handelt es sich vorwiegend um hochwertige, hochbezahlte Arbeitsplätze.
Diesen Segen müssen wir nutzen.
Die Zölle in Lateinamerika und der Karibik sind immer
noch ungefähr fünfmal höher als in den Vereinigten
Staaten. Diese Zollschranken müssen abgebaut
werden, um unseren Unternehmen unbegrenzten
Zugang zu diesen Märkten zu gewähren sowie
Unternehmen und Verbrauchern auf beiden amerikanischen Kontinenten zu helfen.
Darüber hinaus müssen wir gewährleisten, daß die
jetzt errichteten - kurzfristig zwar hilfreichen - regionalen Freihandelszonen den Markt auf dem Kontinent
nicht langfristig zersplittern.
Ich bin zuversichtlich, daß sich die beim gesamtamerikanischen Gipfeltreffen versammelten Staatsund Regierungschefs auf spezifische Vorschläge zum
Abbau der Zölle und anderer Handelsschranken
einigen können, um in den kommenden Jahren eine
umfassende Integration unserer Hemisphäre vorzunehmen.
Die Lockerung der Zölle ist nicht die einzige Form der
Integration. Zollpraktiken und -Vorschriften müssen
harmonisiert werden, um die grenzüberschreitende
Geschäftstätigkeit zu erleichtern.
Gesetze und
Verfahren müssen transparent und verständlich sein.
Verbleibende Barrieren gegen den Investitions- und
Kapitalfluß müssen beseitigt werden.
Meines Erachtens werden bei dem Gipfel auch zu
diesen Themen wichtige neue Initiativen bekanntgegeben. Die Staatsoberhäupter werden Wege der

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�Zusammenarbeit bei der Stärkung der lateinamerikanischen Wertpapiermärkte, der Lockerung von
Restriktionen beim Kapitalfluß sowie der Koordinierung von grenzüberschreitender Telekommunikation
und Infrastruktur erörtern.
Zusammen werden diese Initiativen den Prozeß zu
einem integrierten Markt auf der Hemisphäre enorm
beschleunigen. Und sie werden die bereits unternommenen Schritte zu makroökonomischen Reformen und Liberalisierung festschreiben und sicherstellen, daß wir auf dem Weg zu wirtschaftlichem
Fortschritt bleiben.

Programme zur Ausbildung von Beamten und Hilfestellung bei der Erarbeitung regelnder und rechtlicher
Regime auf einen neuen Inhalt zu konzentrieren. Die
versammelten Regierungschefs werden auch Einigung zu Initiativen erzielen, um die Korruption einzudämmen, Geldwäsche und den Drogenhandel zu
bekämpfen - Faktoren, die die im Aufbau befindlichen
marktorientierten, demokratischen Gesellschaften in
unserem Süden unterminieren.
Diese Regierungen müssen auch noch eine zweite
Aufgabe bewältigen. Sie müssen sicherstellen, daß
die Vorteile des Wohlstands durch Investitionen in
den Menschen alle Bevölkerungsschichten erreichen.

Effektive Demokratie
Auf der Tagesordnung des Gipfeltreffens steht eine
zweite Gruppe von Themen, die sich auf die Gewährleistung konzentrieren, daß Regierungen in
Inhalt und Form demokratisch sind. Wir müssen
unsere Regierungen in der Hemisphäre neu erfinden. Eine Regierung des Volkes muß eine Regierung für das Volk sein. Eine effektive, auf die
Bedürfnisse der Bürger eingehende Regierung ist
das Wesen der Demokratie.
Eine bessere Regierung ist nicht gleichbedeutend
mit mehr Regierung. Sie fordert die Regierungen
vielmehr zur Verbesserung ihrer Kapazitäten auf, um
die für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt
benötigten essentiellen Funktionen zu erfüllen.
Es gibt mehrere Komponenten einer besseren
Regierung. Erstens bedeutet eine bessere Regierung die Schaffung und Förderung der rechtlichen
und regelnden Infrastrukturen, ohne die Unternehmen nicht funktionieren und die Bedürfnisse der
Bürger nicht erfüllt werden können. Reagierende
und effiziente Regierungen mit gut ausgebildeten
professionellen Mitarbeitern sind in jedem Bereich
unerläßlich, von der Überwachung der Banken bis
zur Schutzimpfung von Kindern. Der Privatsektor
kann in einem Umfeld ohne logische Gesetze und
Steuerstrukturen und ohne gut ausgebildete Beamte
zu deren Verwaltung nicht prosperieren.
Eine
bürgerliche Gesellschaft kann nicht gedeihen ohne
die uneingeschränkte Durchsetzung legitimer Gesetze.
Die Staats- und Regierungschefs werden beim Gipfel
Programme zur Förderung dieser staatlichen Strukturen entwerfen - durch Kooperation, wo diese
hilfreich sein kann, oder durch die Neudefinition der
innenpolitischen Prioritäten, wo dies angemessen
erscheint. Die Organisation Amerikanischer Staaten
und die internationalen Finanzinstitutionen einschließlich der Interamerikanischen Entwicklungsbank werden gebeten, ihre Unternehmungen durch

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Nicht alle einbeziehender Wohlstand kann nicht von
Dauer sein. Demokratie hat keinen Bestand, wenn
sie nicht mit Wohlstand einhergeht.
Es trifft zu, daß der Anteil der Armen in ganz Lateinamerika in den vergangenen beiden Jahrzehnten von
39 auf nahezu 30 Prozent gefallen ist. Es trifft zu,
daß die Zahl der erwachsenen Analphabeten von fast
30 auf 15 Prozent und die Rate der Kindersterblichkeit von 82 auf 44 Prozent gesunken ist. Aber
das sind immer noch 30 Prozent zu viele Arme, 15
Prozent zu viele Analphabeten und entschieden zu
viele Kinder, die sterben.
Lateinamerika ist nach wie vor die Region mit dem
größten Einkommensgefälle der Welt. Die wohlhabendsten fünf Prozent der Bevölkerung in Mexiko
verfügen über 27mal mehr Reichtum als die ärmsten
Mexikaner. In Argentinien beträgt das Verhältnis 16
zu 1. Verglichen damit beläuft es sich in Asien
durchschnittlich auf 5 bis 10 zu 1.
Dies sind nicht nur Zahlen. Die Hunderttausenden
von Kindern, die auf den Straßen Lateinamerikas
leben, die Truppen, die in den Ghettos von Rio
patrouillieren sind Zeugnis dafür, wie Armut selbst für
dynamische Gesellschaften eine Heimsuchung sein
kann.
Armut bedroht weiteren sozialen und wirtschaftlichen
Fortschritt. Und sie ist ein Anzeichen dafür, daß eine
Nation nicht in ihre größte Ressource investiert hat ihre Menschen.
Investitionen in Vorschul- statt
Universitätsausbildung, in medizinische Grundversorgung und Schwangerenvorsorge statt in teure
Kliniken für die obere Einkommensschicht - das sind
die Investitionen, die den höchsten Ertrag bringen.
Denn wenn der Löwenanteil der Bildungsressourcen
in die Unterstützung einer Minderheit von Universitätsstudenten fließt, oder der Löwenanteil der
Ressourcen im Gesundheitswesen zur Unterstützung
dertertiären medizinischen Versorgung in städtischen
Krankenhäusern verwendet wird, leidet die Effizienz.

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�Und die offenkundige Verstärkung der Ungerechtigkeit durch staatliche Maßnahmen höhlt das Vertrauen der Bürger aus, das eine Voraussetzung für
Demokratie ist.
Bei dem Gipfeltreffen werden sich die Staats- und
Regierungschefs auf eine Reihe von Prioritäten und
Programmen für Investitionen in ihre Menschen
einigen - durch Grundausbildung, medizinische
Grundversorgung und Schwangerenvorsorge sowie
unerläßliche Sozialdienste. Damit wird die Umgestaltung der lateinamerikanischen Gesellschaft konsolidiert. Und es werden die Ressourcen bereitgestellt, die unsere Hemisphäre für kontinuierliches
Wachstum im nächsten Jahrhundert benötigt.
Die Regierungen haben eine dritte Funktion in
Lateinamerika - die Unterstützung der Institutionen
der bürgerlichen Gesellschaft, die durch Jahre der
Armut und Diktatur verwehrt wurden. Die Demokratie der Vereinigten Staaten ist auf Rotary Clubs,
politische Gruppen und Gemeindeorganisationen
aufgebaut - Möglichkeiten der bürgerlichen Beteiligung. Nichtstaatliche Organisationen, Gemeindegruppen und Basisorganisationen in Lateinamerika
müssen gestärkt werden, wenn sie dort ein neues
Fundament für sozialen Zusammenhalt legen sollen.
Ein solcher Zusammenhalt und ihn fördernde Institutionen dienen zur Untermauerung der Demokratie. Ohne diesen Zusammenhalt können die Gesellschaften nicht stabil und produktiv bleiben.
Bei dem Gipfeltreffen werden die Staatsoberhäupter
einige klare Ziele definieren, um zu gewährleisten,
daß Lateinamerika diese Formen von sozialem und
institutionellem Kapital entwickelt, damit die demokratische Gesellschaft prosperieren kann.
Sie
werden Initiativen erörtern, um der Urbevölkerung,
Frauen und anderen Randgruppen die Beteiligung
am staatlichen und bürgerlichen Leben zu ermöglichen. Sie werden Wege sondieren, um die Organisation Amerikanischer Staaten effektiver zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten, zur
Unterstützung des Wahlsystems und der Neugestaltung der rechtlichen und gesetzgebenden Systeme
einzusetzen. Es werden Initiativen zur größeren
Beteiligung von Gemeinde- und Basisorganisationen
angekündigt. Und schließlich werden Programme
zur Bewahrung und Weitergabe der zahlreichen
kulturellen Traditionen unserer Hemisphäre diskutiert.

Schlußbemerkung
Die beim Gipfel vertretenen Nationen bilden eine
durch ein gemeinsames Ziel vereinte Gemeinschaft.
Diese Gemeinschaft wird gestärkt aus dem Gipfel
hervorgehen. Sie wird stärker in dem Maße, in dem
die bei dem Gipfeltreffen in Gang gesetzten Prozesse
greifen.
Wir werden eine wohlhabendere Gemeinschaft,
während die Konsolidierung makoökonomischer
Reformen andauert, die letzten Relikte der Restriktionen im Privatsektor abgebaut werden und die Arbeit
der Öffnung unserer Volkswirtschaften sowie ihre
gegenseitige Integration fortgesetzt wird.
Und wir werden eine Gemeinschaft mit einer besseren - nicht mit mehr - Regierung sein, während die
Stärkung des institutionellen und regulierenden
Rahmenwerkes fortschreitet, während Nationen
weiterhin die Institutionen konsolidieren, die eine
demokratische Gesellschaft untermauern und während die Investitionen in die Menschen unserer
Region verbessert werden.
Ich begann meine Ausführungen mit der Veränderung
der Denkweise, von der die Umgestaltung unserer
Hemisphäre im letzten Jahrzehnt geleitet war. Von
allen Veränderungen der Denkweise war die wichtigste meiner Ansicht nach die Erkenntnis, daß Integration nicht nur von Regierungen vorgenommen wird.
Integration wird von den Menschen bewirkt. Länder
werden nicht länger durch Regierungen definiert. Sie
werden durch Unternehmen, Industrien, Gemeinden
und Einzelpersonen definiert - die alle durch gemeinsame Belange vereint sind.
Die echte Probe für den Erfolg unserer Bestrebungen
zur Integration unserer Hemisphäre werden nicht die
in Miami geäußerten Worte sein. Es werden unser
aller Aktionen - im privaten wie im öffentlichen Sektor
- in den kommenden Jahren sein.
Das 20. Jahrhundert wurde als das amerikanische
Jahrhundert bezeichnet. Ich bin zuversichtlich, daß
mit einer neuen Generation von Führungskräften, die
sich der Demokratie verschrieben haben, einer neuen
Generation von Führungskräften, die sich der Marktwirtschaft verschrieben haben, und einer neuen
Generation von Führungskräften, die sich der Integration verschrieben haben, das 21. Jahrhundert das
gesamtamerikanische Jahrhundert wird. Ich danke
Ihnen.

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�MENSCHENRECHTE
14. Dezember 1994

TAG DER MENSCHENRECHTE 1994
Proklamation des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation Präsident Clintons zum
internationalen Tag der Menschenrechte, Tag der Bill of Rights und der Woche der Menschenrechte 1994.

Jede Generation ist mit ihren eigenen moralischen
Führungspersönlichkeiten und ihren eigenen Visionären gesegnet. Im Verlauf der Jahre kam Amerika in
den Genuß der Klugheit und Führungsqualitäten von
Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Woodrow
Wilson. Viele von uns sind bestrebt, gemäß der
Lehren von Martin Luther King zu leben. Die heutige Jugend schöpft vielleicht Kraft aus dem von
Vaclav Havel oder Nelson Mandela gezeigten Mut.
Ungeachtet des Visionärs, ungeachtet der Generation, hat der Inhalt der Vision Bestand: Die Verpflichtung zu Freiheit, die Hoffnung auf Gerechtigkeit,
der Glaube an den unermeßlichen Wert der Menschlichkeit.
In einer Gefängnisszelle in Birmingham (Alabama)
schrieb Dr. King einige der beredtsten Worte der
amerikanischen Bürgerrechtsbewegung:
"Jedes
Gesetz ist gerecht, das die Persönlichkeit des
Menschen erhebt. Jedes Gesetz ist ungerecht, das
die Persönlichkeit des Menschen herabwürdigt."
Selbst in strenger Haft erkannte King an, daß
Diskriminierung, Ignoranz und Intoleranz den Menschen viel stärker einschränken als jede Konstruktion
aus Stahl und Stacheldraht. Und wirkliche Freiheit
erfordert viel mehr als die Überwindung von Gefängnismauern. Gerechtigkeit wird nur erreicht, wenn
Unrecht mit Vernunft und Gesetzeskraft bekämpft
wird.
Unsere Bill of Rights und die Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte der Vereinten Nationen sind in
der Tat machtvolle Erklärungen. Sie haben die
Menschheit der Verwirklichung einer Gesellschaft mit
"gerechten" Gesetzen nähergebracht - einer Gesellschaft, die das würdigt, was wir für gerecht halten
und bejaht, was unseres Wissens nach richtig ist.

Während wir die Freiheiten feiern, die wir in einer
Demokratie genießen, sind wir denjenigen jedoch
ebenso verpflichtet, die Gefangene von Vorurteilen,
Armut und Gewalt sind. Bedauerlicherweise wurde in
dieser Nation und in Ländern auf der ganzen Welt ein
großer Teil der Arbeit von Dr. King noch nicht in die
Tat umgesetzt. Heute verpflichten wir uns erneut
dem Traum Martin Luther Kings, schließen uns
Präsident Mandela bei seinem Bestreben um eine
Erneuerung Südafrikas an, stehen hinter Präsident
Havel bei der Förderung von Wohlstand in der
Tschechischen Republik - um auf der ganzen Welt für
die Sache der Menschenwürde einzutreten. Freiheit
ist die Fähigkeit, andere einzubeziehen und die
Pflicht, am Aufbau teilzunehmen. Mit dem Wind der
Gerechtigkeit im Rücken gibt uns die Freiheit die
Kraft, die gesamte Menschheit zu erheben.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der mir durch die Verfassung und die Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, den 10.
Dezember 1994 zum "Tag der Menschenrechte", den
15. Dezember 1994 zum "Tag der Bill of Rights" und
die am 10. Dezember 1994 beginnende Woche zur
"Woche der Menschenrechte".
Ich fordere alle
Menschen in den Vereinigten Staaten dazu auf, diese
Tage mit angemessenen Programmen, Feierlichkeiten und Aktivitäten zu begehen.
Unterzeichnet am 8. Tag des Dezember, im Jahre
des Herrn 1994 und im 219. Jahr der Unabhängigkeit
der Vereinigten Staaten von Amerika.

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�KULTUR
14. Dezember 1994

PREISVERLEIHUNG AN FÜNF HERAUSRAGENDE
AMERIKANISCHE KÜNSTLER
Auszeichnung des Kennedy Centers
WASHINGTON - (AD) - Fünf prominenten Vertretern
der amerikanischen Kultur, die allesamt während der
Nachkriegszeit weltweiten Einfluß hatten, wurde eine
der begehrtesten nationalen Auszeichnungen Amerikas verliehen.

Die himmlische Stimme von Franklin, die im Schoß
der New Bethel Baptist Church aufwuchs, wurde
wegen ihrer Vielseitigkeit, Reichweite und Theatralik
bekannt, und die Sängerin wurde als "Königin des
Soul" zur Legende.

Bei den Feierlichkeiten in Washington am Wochenende des 3. und 4. Dezember 1994 wurden der
Filmschauspieler Kirk Douglas, der Komponist
Morton Gould, der Theater- und Operndirektor sowie
Produzent Harald Prince, die Soulsängerin Aretha
Franklin und der Folksongpionier Pete Seeger als
jüngste Gewinner der Auszeichnungen des John F.
Kennedy Center for the Performing Arts mit farbigen
Bändern und Orden dekoriert.

Prince revolutionierte während der letzten 50 Jahre
das amerikanische Musiktheater - er verwischte die
Grenze zwischen Broadway und Oper und förderte
Produktionen wie Cabaret, Sweeney Todd und
Evita.

Am 3. Dezember würdigte Präsident Clinton bei
einem Empfang im Weißen Haus kurz vor der Gala,
die den Höhepunkt der Feierlichkeiten darstellte, die
Leistungen der fünf Künstler und erklärte, sie verdienten "stehende Ovationen der ganzen Nation".
Die Preisträger bilden eine bunt gemischte Gruppe:
ein ehemaliges musikalisches Wunderkind, der Sohn
eines Lumpensammlers aus einer kleinen Gemeinde
im Norden des Bundesstaates New York, die Tochter eines Priesters aus Detroit, ein New Yorker, der
in seiner Jugend sein Taschengeld für Theaterkarten
ausgab und ein Studienabbrecher der Harvard
University, der das College nach zwei Jahren
verließ, um durchs Land zu trampen, Menschen
kennenzulernen und ihre Musik zu verinnerlichen.
Das Wunderkind am Klavier, Gould, komponierte
einige der bekanntesten Musikstücke für Sinfonieorchester und kleinere Ensembles sowie Film- und
Tanzmusik. Der "Sohn des Lumpensammlers", wie
sich Douglas im Titel seiner Memoiren selbst bezeichnet, fand Zuflucht im New Yorker Theater und
später in Hollywood, wo er sich als äußerst charismatischer Filmschauspieler einen Namen machte.

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Bei Seeger wurde seine anfängliche Suche nach
Folk- und anderer Musik zu einer lebenslangen,
immer noch andauernden Reise. Seine zwar gelegentlich umstrittenen Songs brachten ihm weltweite
Bewunderung ein.
Seit die Auszeichnungen 1978 durch die Treuhänder
des John F. Kennedy Center for the Performing Arts
ins Leben gerufen wurden, gehören sie zu den
angesehendsten Kulturpreisen Amerikas. Andere wie beispielsweise die Auszeichnungen der Filmakademie (die Oskars) und die Antoinette Perry
Awards (Tonys) für Leistungen bei Film und Theater
sowie die Pulitzer Preise für Drama und Musik - sind
vielleicht bekannter, aber keiner ist angesehener.
Im Dezember jedes Jahres kommen Künstler aus der
gesamten Kulturwelt anderthalb Tage lang nach
Washington, um ihren Mentoren, Kollegen und - in
manchen Fällen - ihren Proteges Tribut zu zollen. Da
die Auszeichnungen sorgfältig auf die einzelnen
Disziplinen aufgeteilt werden - Film, Theater, Musik,
Oper, Tanz und Fernsehen - ist die Liste der Preisträger und Gäste weitaus umfassender als bei
anderen Ereignissen dieser Art.
Im ersten Jahr zählten beispielsweise die Opernsängerin Marian Anderson, der Filmschauspieler und
Tänzer Fred Astaire, der Choreograph George

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�Balanchme, der Theaterkomponist Richard Rodgers
und der Pianist Arthur Rubinstein zu den Preisträgem.
Weitere Auszeichnungen gingen an die klassischen
Komponisten Aaron Copland und Leonard Bernstein,
die Schauspieler James Stewart und Katharine
Hepburn, die Musiker Benny Goodman und Isaac
Stern, die Bühnenautoren Arthur Miller und Tennessee Williams, die Choreographen und Tänzer Martha
Graham und Alvin Ailey, die Jazzmusiker Dizzy
Gillespie und Lionel Hampton sowie die Popsänger
Lena Hörne und Ray Charles.
Nach dem offiziellen Abendessen im US-Außenministerium am Samstag (bei dem die Auszeichnungen verliehen werden) und dem Empfang im Weißen
Haus am Sonntag nachmittag findet am Sonntag
abend die Gala statt, die zu einem späteren Zeitpunkt landesweit im Fernsehen übertragen wird.
Bei der Gala halten die Preisträger keine Rede und
geben keine Kostprobe ihrer Kunst, ungeachtet
dessen, wie fit, extrovertiert oder begeistert sie sein
mögen. Sie sitzen einfach nur mit dem Präsidenten
und der First Lady (Hillary Rodham Clinton vertrat
ihren Gatten, der sich bereits auf dem Weg nach
Budapest zur KSZE-Konferenz befand) in der
Opernloge, wo sie ein sorgfältig zusammengestelltes
Programm ausgewählter Aufführungen genießen.
Die diesjährige Gala bildete keine Ausnahme. Viele
begabte Künstler gaben sich die Ehre und unterstrichen damit die von dem Ausschuß getroffene
Wahl.
Wie immer diente die Veranstaltung gemeinnützigen
Zwecken. Die Einnahmen der Gala werden zur
Förderung des nationalen Bildungswesens sowie der
Programme des Kennedy Center für die Unterstützung der Bevölkerung verwendet.
Fast ein Vierteljahrhundert nach seiner Gründung
hat das Kennedy Center ein breites Spektrum von
Programmen, Workshops und anderen Aktivitäten

entwickelt, durch die Jugendliche, Pädagogen, Eltern
und Gemeindemitglieder ermutigt werden, Kunst zu
einem Bestandteil ihres Lebens und ihres Alltags zu
machen.
Arthur Mitchell, Leiter des berühmten Harlemer
Tanztheaters, würdigte Franklin, die mit 52 Jahren
jüngste Preisträgerin. Sie sei eine Diva, stellte er
fest, die als "unangefochtene Primaballerina" bezeichnet würde, wenn sie Tänzerin wäre. Mitchell
sah sie als eine Frau, "die zwar verletzlich, aber
niemals hilflos ist, die Schmerz kennt, aber niemals

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ihren Stolz verliert", die in einem Zeitalter der Unterkühltheit "Kälte in Hitze verwandelt".
Die Popsängerin Parti LaBelle bot, begleitet vom
Mädchenchor der New Bethel Baptist Church, dem
Franklin in ihrer Jugend angehörte, eine beeindrukkende Wiedergabe der Musik der Preisträgerin, die
das Publikum bewegte. Franklins Auftritte mit diesem
Chor vor über 40 Jahren und die darauffolgende
Tournee mit der Gospelrevue ihres Vaters, einem
Priester, führte zu ihrem ersten Schallplattenvertrag.
Franklin mischte Gospelmusik, beliebte Popmusik,
Rock und Jazz wie niemand vor ihr - ihre volle
Stimme, ihr Markenzeichen, umfaßt mehrere Oktaven
- und machte Songs wie Respect und A Natural
Woman zu internationalen Hits.
Lauren Bacall bemerkte über Kirk Douglas, den "Held
mit den tausend Gesichtern", er sei auf der Leinwand
ein "gutaussehender Schurke und immer ein Rebell".
Sie fügte hinzu, der Schauspieler mit dem Grübchen
im Kinn "machte nicht als gutaussehender Junge
Karriere". Er stand zu seiner bescheidenen Herkunft,
war jedoch entschlossen, etwas aus sich zu machen.
Douglas, der jetzt 78jährige, als Issur Danielowitsch
geborene Sohn russisch-jüdischer Einwanderer,
begann seinen kometenhaften Aufstieg, indem er sich
mit Hausmeistertätigkeiten sein Studium verdiente.
An der Universität begann seine Begeisterung für das
Schauspiel. Nachdem er bei Theateraufführungen im
College immer die Hauptrolle gespielt hatte, ging er
nach New York und schließlich nach Los Angeles.
Der Durchbruch im Filmgeschäft kam mit Champion,
dem spannenden, provokativen Drama um einen
Boxer. In den darauffolgenden Jahren stellte er in
Filmen wie Paths of Glory, Spartacus, Lust for Life
und Lonely are the Brave Einzelgänger und unbeständige, aus der Gesellschaft ausgestoßene Männer
dar.
Zu Ehren der Wurzeln des Schauspielers sang ein
Washingtoner Chor bei der Gala Raisins and Almonds, was bei Douglas Erinnerungen an die
jiddischen Lieder weckte, die seine Mutter ihm
vorgesungen hatte. Und der Schauspieler Michael
Douglas äußerte - auch im Namen seiner drei Brüder,
die ebenfalls in der Unterhaltungsbranche tätig sind seinen Vater gegenüber bewundernd, "Du hast uns
die Liebe zum Film vererbt".
Der 66jährige Produzent und Direktor Prince leitet
derzeit am Broadway drei Shows, die sein Talent und
seine Vision unter Beweis stellen. Der unermüdliche
Befürworter des Musicals - selbst zu Zeiten, in denen
es sich großenteils durch Revivals und andere

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�nostalgischen Träumereien über Wasser hält - hat
dieser Kunst Dauerhaftigkeit verliehen.
Andrew Lloyd Webbers farbenfrohes, romantisches
Stück Phantom der Oper und Der Kuß der Spinnenfrau, das sich mit den Phantasien und der
Realität von zwei Gefangenen auseinandersetzt der eine ein politischer Gefangener, der andere ein
Homosexueller - sowie die Wiederaufnahme des
Musicals Show Boat von Jerome Kern und Oscar
Hammerstein sind repräsentativ für die Arbeit von
Prince am Broadway. Schauspieler jeder dieser
Produktionen gaben bei der Gala eine Kostprobe
ihrer Kunst.
Durch die jahrelange Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern hat Prince ein Konzept geschaffen,
um seine Show von anderen abzuheben, Musik und
Handlung zu vermischen und die Grenze zu verwischen, bei der das eine Element beginnt und das
andere endet.
Durch sein Werk vermittelte er dem Publikum ein
Gefühl für das Berlin des Jahres 1936 (Cabaret), die
Flatterhaftigkeit und Ungerechtigkeit des England im
späten 19. Jahrhundert (Sweeney Todd), die Auswirkungen der Öffnung Japans durch den Westen
Mitte des letzten Jahrhunderts (Pacific Overtures),
das Aufstreben eines osteuropäischen Städtchens
vor einem Jahrhundert (Fiedler auf dem Dach) und
die politische Realität im Argentinien des 20. Jahrhunderts (Evita).
Seine gesamten anderen Leistungen - sogar sein
Streben nach einer Erweiterung seines Horizonts
durch die Tätigkeit als Operndirektor im In- und
Ausland - wurden jedoch gekrönt von seinem
unermüdlichen Einsatz für das Musical mit Hilfe von
Workshops, Stipendien und anderem. Wie die
Schauspielerin Jane Alexander, Vorsitzende der
Nationalen Stiftung für die Künste, feststellte, sucht
er immer weiter nach "neuen Talenten, neuen
Komponisten, neuen Direktoren, selbst nach dem
neuen Hai Prince".
Über den 81jährigen Komponisten Gould äußerte
der Schauspieler Tony Randall, schon immer ein
Anhänger klassischer Musik, begeistert, "nahezu
alles Amerikanische verleitet ihn zu musikalischen
Höhenflügen".
Im Laufe seiner steilen, abwechslungsreichen
Karriere verarbeitete Gould in seinen Orchesterstücken Jazz, Kampflieder von Studenten, Militärmärsche, Klagegesänge und sogar Rap. (Ihm zu
Ehren führten drei Militärkapellen begleitet von
Feuerwerk seine Adaptation von When Johnny
Comes Marching Home auf).

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Jeder andere hätte vielleicht den Mut verloren, als
das Familienpiano - wie bei Gould - in den dunkelsten Tagen der großen Wirtschaftskrise gepfändet
wurde. Der junge Musiker sah sich jedoch nach
einer anderen Möglichkeit um, einfach nur Klavier zu
spielen, und fand sie im Variete - einer sehr beliebten
Form der Unterhaltung Ende der zwanziger und
Anfang der dreißiger Jahre. Vom Variete" war es nur
ein kleiner Sprung zum Radio und dann bald zur
Konzertbühne.
Der avantgardistische Zweig der Musik blickte häufig
auf Gould herab, weil er gerne vertraute, eingängige
Lieder schrieb. "Es tut mir furchtbar leid, daß ich
etwas komponiert habe, das den Leuten gefällt, und
ich verpreche, es nie wieder zu tun", sagte er einmal
als leichten Seitenhieb auf seine Kritiker. Aber er tat
es immer wieder - zur Bereicherung der amerikanischen Instrumentalmusik.
Troubadour Seeger, 75, ist die Ausnahme unter den
Preisträgern des Kennedy Center - er ist der erste
Folksänger, der eine Auszeichnung erhält. Der
Verfasser oder Mitverfasser solcher allseits bekannten Refrains wie If I Had A Hammer, Where Have
All The Flowers Gone und We Shall Overcome hat
ein wagemutiges Leben als Wanderer, Poet und
Musikhistoriker gelebt.
Nach seiner Reise mit dem Zug und als Tramper
quer durch Amerika, bei der er allen möglichen
Leuten, darunter den Sängern Woody Guthrie und
Leadbelly, begegnete, kehrte Seeger nach Washington zurück, um in der Library of Congress in einem
Folksong-Archiv zu arbeiten. Bevor er im Zweiten
Weltkrieg eingezogen wurde, hatten er und Guthrie
die Almanac Singers gegründet - einen Vorläufer
von Seegers großem Ensemble der Nachkriegszeit,
The Weavers.
In den fünfziger Jahren bewegten sich The Weavers
- ermutigt und angeführt von Seeger - in die Richtung
politischer Kommentare in ihrer Musik und lösten
dadurch das Folksong-Revival aus, das Amerika
erfaßte. The Weavers und ihre Musik wurden in den
Vereinigten Staaten zum Teil als subversiv angegriffen. Seeger weigerte sich, seine politischen Überzeugungen zu diskutieren und stand infolgedessen
über ein Jahrzehnt lang auf der schwarzen Liste.
In den sechziger Jahren spielte der Künstler - der
nicht bei öffentlichen Konzerten oder im Fernsehen
auftreten durfte - sein fünfsaitiges Banjo und seine
12saitige Gitarre jedoch vor dem Publikum auf dem
College Campus, unter den Anhängern der Bürgerrechtsbewegung und Kriegsgegnern. Wieder einmal
sah sich der Mann, den der Dichter Carl Sandberg
als "Amerikas Stimmgabel" bezeichnete, erwünscht

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�und geliebt. In den darauffolgenden Jahrzehnten
triumphierte er weiterhin als Eider statesman des
Folk.

Als seine Kollegen Arlo Guthrie, Roger McGuinn und
Joan Baez die Gala zu einem dramatischen, emotionalen Abschluß brachten, war diese Liebe für alle
offenkundig.

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AMERIKA DIENST 49

�PORTRAT
14. Dezember 1994

RUBIN WIRD NACHFOLGER VON BENTSEN
Porträt des designierten Finanzministers
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat sich
für die Nominierung von Robert Rubin, dem Leiter
seines Nationalen Wirtschaftsrats und langjährigen
Wall-Street-Experten, als Nachfolger für den in den
Ruhestand tretenden Finanzminister Lloyd Bentsen
entschieden.
Der Staatssekretär für Inlandsfinanzierung im Finanzministerium, Frank Newman, wird mit Bentsens
Ausscheiden am 22. Dezember 1994 amtierender
Finanzminister, bis Bentsens Nachfolger vom Senat
bestätigt ist. Bentsen erklärte, er habe Clinton im
September seine Rücktrittsabsicht mitgeteilt.

stert und sich Clinton-Beratern zufolge dabei aus dem
Scheinwerferlicht gehalten.
In einer Ankündigung des Weißen Hauses vom 6.
Dezember 1994 beschreibt Präsident Clinton Rubin
als "den ausgesprochen ehrlichen Makler, der wirtschaftliches Fachwissen, gesunden Menschenverstand und Redlichkeit in alle uns konfrontierenden
wirtschaftlichen Herausforderungen einbringt... Bob
Rubin ist ein würdiger Nachfolger von Lloyd Bentsen."

Bentsens Ausscheiden wird als Verlust für die
Administration angesehen, besonders wegen seiner
engen Beziehungen zum Senat, wo er jahrelang
Vorsitzender des Finanzausschusses und bei
Demokraten und Republikanern gleichermaßen
beliebt war.

"Es ist sehr viel geleistet worden, um kurzfristig das
Wachstum sowie langfristig die Position dieses
Landes bei Produktivität und wirtschaftlicher Gesundheit aufrechtzuerhalten", stellte Rubin fest. "Aber,
Herr Präsident, wie Sie uns konstant vor Augen
führen, bleibt noch viel zu tun, insbesondere angesichts der allzuvielen Amerikaner, die noch nicht die
Vorteile der sich jetzt abzeichnenden starken Erholung spüren."

Der 56jährige Rubin wurde vom Kongreß jedoch
ebenfalls wohlwollend aufgenommen und wird
voraussichtlich problemlos bestätigt werden. Der als
gemäßigter Demokrat eingeschätzte Rubin unterhält
enge Beziehungen zur Geschäftswelt.

"Wir müssen die Probleme unseres öffentlichen
Bildungswesens, unserer Innenstädte, unseres immer
größer werdenden Einkommensgefälles sowie die
Herausforderung der Stärkung und Ausweitung der
Mittelschicht angehen", erklärte Rubin.

Der künftige Mehrheitsführer im Senat Robert Dole
bezeichnete Rubin "als ehrlichen und integeren
Mann" und versprach, seine Nominierung zu unterstützen.

Bentsen bezeichnete Rubin als "ausgezeichnete
Wahl".

Vor seinem Eintritt in die Administration war Rubin
26 Jahre bei der Investmentbankingfirma Goldman
Sachs and Company und von 1990-1992 in deren
Vorstand. Rubin ist Absolvent der Harvard University, legte sein juristisches Staatsexamen in Yale ab
und besuchte die London School of Economics. Er
war auf praktisch allen Finanzmärkten von Wertpapieren bis zu Warenhandel tätig.
Als Leiter des Nationalen Wirtschaftsrats gehörte es
zu Rubins Aufgaben, Besprechungen mit Kabinettsmitgliedern über Wirtschaftsprobleme anzuberaumen. Er hat diese Tätigkeit in Bereichen von Handel
bis zu Haushaltsfragen mit großem Geschick gemei-

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"Er ist ehrenwert und rechtschaffen", so Bentsen. "Er
weiß sehr viel über unsere Probleme und Programme
und hat die Fähigkeit, sich mit dem Kongreß zusammenzusetzen und die Probleme zu lösen."
In den letzten Wochen sprach sich Rubin dagegen
aus, in Steuer- oder anderen Wirtschaftsfragen
verfrühte Verpflichtungen einzugehen - wie von der
neuen republikanischen Mehrheit im Kongreß gefordert - und ermutigte den Präsidenten, den Kurs der
seiner Meinung nach erfolgreichen Wirtschaftsstrategie beizubehalten.
"Meines Erachtens haben sich die Wähler nicht für
eine Umkehr der Wirtschaftspolitik ausgesprochen",
äußerte Rubin Anfang November, nachdem die

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�Republikaner sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus die Mehrheit gewonnen hatten.

diesem Land zu den herausragendsten Wirtschaftspolitikern seit dem Zweiten Weltkrieg."

Es wird erwartet, daß Rubin das von Bentsen geschaffene unternehmerfreundliche Klima beibehält
und sich ebenfalls für Haushaltsdisziplin und freien
Handel einsetzt.

"Alle können das Resultat sehen", fuhr der Präsident
fort. "Den größten Abbau des Haushaltsdefizits der
Geschichte, die größte Ausweitung freien Handels in
einer Generation, mehr als fünf Millionen neuer
Arbeitsplätze in der Wirtschaft zu Weihnachten dieses
Jahres im Vergleich zum Weihnachtsfest vor zwei
Jahren, und mehr hochbezahlte neue Arbeitsplätze in
dieser Volkswirtschaft als in den letzten fünf Jahren
zusammengenommen."

Obwohl viele Wirtschaftsvertreter Rubin als fähigen
Nachfolger für Bentsen ansehen, haben einige ihrer
Besorgnis Ausdruck verliehen, er verfüge nicht über
ausreichende politische Erfahrung.
Als Präsident Clinton das Rücktrittsgesuch Bentsens
annahm, teilte er mit, Bentsen habe versprochen,
"als Teil eines erfahrenen Küchenkabinetts" nach
Washington zurückzukehren, "um dabei zu helfen,
diese Administration in den kommenden beiden
Jahren durch die Schwierigkeiten zu steuern und die
sich bietenden Chancen zu ergreifen".
Der 73jährige Bentsen war den größten Teil seines
Lebens im Staatsdienst tätig - als Pilot der Heeresflieger im Zweiten Weltkrieg, als Richter am Kreisgericht, als Kongreßabgeordneter, Senator, Bewerber
als Präsidentschaftskandidat, Kandidat der Demokratischen Partei für das Amt des Vizepräsidenten und
Finanzminister.
"Er hat seine Arbeit in jeder Funktion mit Würde und
Auszeichnung geleistet", so Clinton. "Er zählt in

Bentsen äußerte Journalisten gegenüber, dies sei
eine gute Zeit, vom Amt abzutreten, denn "ich könnte
zu keinem anderen Zeitpunkt gehen, an dem das
Wirtschaftsbanner so hoch gehißt ist. Wir haben die
besten Zahlen seit 30 Jahren... Wir haben das
Haushaltsdefizit in nur zwei Jahren um 87 Milliarden
Dollar gesenkt. Wir haben über fünf Millionen neuer
Arbeitsplätze geschaffen.
Die Inflationsrate ist
niedrig. Die Unternehmen investieren Rekordsummen... Und die vielleicht größte Errungenschaft ist
die Tatsache, daß wir neben Wohlstand auch Frieden
genossen haben."
Dem Präsidenten zufolge behandelt Bentsen "seine
Gegner mit Respekt - ein Beispiel, dem wir alle
folgen sollten".
Bentsen kehrt in die Privatwirtschaft nach Texas
zurück.

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