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cimerikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

7. Dezember 1994

48

KSZE

CLINTON: "SCHLEIER DER INDIFFERENZ"
KANN EISERNEN VORHANG NICHT ERSETZEN
Rede des Präsidenten beim KSZE-Gipfel

NATO

NATO SOLL OSTERWEITERUNG
VORBEREITEN
Außenminister Christopher vor dem Nordatlantikrat

BOSNIEN

NATO WARE ZUM EINSATZ VON
LUFSTREITKRÄFTEN BEREIT
Eröffnungsansprache des Außenministers

AUSSENPOLITIK

LAKE WARNT VOR EINSEITIGER AUFHEBUNG
DES BOSNISCHEN WAFFENEMBARGOS
Rede vor der Princeton University

MILITÄR

CLINTON KÜNDIGT NEUE VERTEIDIGUNGSINITIATIVE AN
Erklärung des Präsidenten

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�KSZE
7. Dezember 1994

CLINTON: "SCHLEIER DER INDIFFERENZ" DARF
EISERNEN VORHANG NICHT ERSETZEN
Rede des Präsidenten beim KSZE-Gipfel
BUDAPEST - (AD) - Beim Gipfeltreffen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE)
am 5. Dezember 1994 in Budapest appellierte Präsident Clinton an die Nationen Europas, aus den Ereignissen
in Bosnien Lehren zu ziehen und nicht zuzulassen, daß der Eiserne Vorhang durch einen "Schleier der
Indifferenz" ersetzt wird.
Mit der Feststellung, daß keine Seite den Sieg in Bosnien davontragen könne, erklärte der Präsident, die KSZE
müsse die durch den Zerfall der Sowjetunion entstandenen Chancen ergreifen, "um ein neues sicherheitspolitisches Gefüge für das vor uns liegende Zeitalter zu schaffen".
"Unsere Frustration über diesen Krieg darf uns nicht dazu verleiten, unsere Bemühungen, ihn zu beendigen,
einzustellen", so Clinton. "Und die Vereinigten Staaten werden dies nicht tun."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten vor der Plenarsitzung des KSZE-Gipfeltreffens.

Ich danke Ihnen. Ich freue mich, hier in dieser
großartigen Stadt in Mitteleuropa bei dieser historischen Zusammenkunft anwesend zu sein.
Die Vereinigten Staaten engagieren sich für den
Aufbau eines vereinten, freien und sicheren Europas.
Unseres Erachtens erfordert dieses Ziel
entschlossene Anstrengungen zur weiteren Verringerung der nuklearen Bedrohung; eine an neue
Herausforderungen angepaßte starke NATO; eine
starke KSZE, die unter anderem darauf hinarbeitet,
eine Führungsrolle bei Bestrebungen zur Vermeidung eines erneuten Bosnien zu übernehmen; große
Bemühungen zurZusammenarbeit mit den Vereinten
Nationen und Bestrebungen aller Nationen Europas,
bei gemeinsamen Problemen und Chancen in
Harmonie zusammenzuarbeiten.
Im 20. Jahrhundert haben Konflikte und Mißtrauen
Europa beherrscht. Die von uns heute unternommenen Schritte werden zu der Gewährleistung beitragen, daß im 21. Jahrhundert Frieden und Wohlstand
herrschen.
Die Kräfte, die Europa zerrissen haben, wurden
besiegt. Aber weder der Triumph des Friedens noch
der Demokratie ist gesichert. Das Ende des Kalten
Krieges bietet uns die Chance, das Versprechen von
Demokratie und Freiheit zu erfüllen. Und wir müssen diese Chance zu ergreifen, um ein neues sicher-

AMERIKA DIENST 48

heitspolitisches Gefüge für das vor uns liegende
Zeitalter zu schaffen. Wir dürfen nicht zulassen, daß
der Eiserne Vorhang durch einen Schleier der Indifferenz ersetzt wird. Wir dürfen die neuen Demokratien
nicht in eine Grauzone verweisen.
Statt dessen wollen wir die Sicherheit aller verbessern, die alten Trennlinien auslöschen, ohne willkürlich neue zu ziehen, die aufstrebenden Demokratien stärken und die Nationen Europas in einen
Kontinent integrieren, auf dem Demokratie und freie
Märkte keine Grenzen kennen, aber die Grenzen aller
Nationen sicher sind.
Wir erzielen Fortschritte bei den für die Zukunft
relevanten Fragen. Heute werden fünf Mitgliedstaaten dieser Organisation - Belarus, Kasachstan,
Rußland, die Ukraine und die Vereinigten Staaten den START I-Vertrag in Kraft setzen und die nukleare
Bedrohung verringern, die seit nahezu einem halben
Jahrhundert wie ein Damoklesschwert über unseren
Köpfen schwebte.
START I wird strategische Bomber und Trägersysteme für Raketen beseitigen, die über 9.000 Gefechtsköpfe tragen. Und er öffnet die Tür zur unverzüglichen Ratifizierung von START II, mit dem weitere
5.000 Gefechtsköpfe abgebaut werden.
Diese
Aktionen werden das Arsenal der Vereinigten Staaten
und der ehemaligen Sowjetunion um mehr als 60

Seite 1

�Prozent der Höchstzahl aus den Zeiten des Kalten
Krieges verringern. Infolgedessen wird die Welt zu
einem sichereren Ort.
Aber selbst während wir diese bahnbrechende
Errungenschaft für den Frieden feiern, wütet der
schreckliche Konflikt in Bosnien keine 480 Kilometer
von dieser Stadt entfernt. Nach drei Jahren des
Konflikts sind die Kombattanten in einen schrecklichen Krieg verstrickt, den niemand gewinnen kann.
Alle sehen sich jetzt mit derselben Entscheidung
konfrontiert: Sie können die militärische Pattsituation
verlängern oder das Blutvergießen beenden und
anfangen, Frieden zu schließen.
Die Regierung von Bosnien-Herzegowina hat mit der
Annahme des internationalen Friedensplans und der
Zustimmung zu den jüngsten Forderungen nach
einem Waffenstillstand die richtige Entscheidung
getroffen. Daher sage ich den bosnischen Serben
nochmals: Beenden Sie die Aggression, stimmen
Sie dem Waffenstillstand und neuen Verhandlungen
auf der Grundlage des Plans der Kontaktgruppe zu.
Legen Sie ihre Differenzen am Verhandlungstisch
bei - nicht auf dem Schlachtfeld.
Unsere Frustration über diesen Krieg darf uns nicht
dazu verleiten, unsere Bemühungen, ihn zu beendigen, einzustellen. Und die Vereinigten Staaten
werden dies nicht tun. Wenn wir irgend etwas aus
der Agonie Bosniens gelernt haben, dann zweifelsohne, daß wir daraus Lehren ziehen müssen. In
anderen Teilen Europas drohen ethnische Auseinandersetzungen und Kräfte des Hasses und der
Verzweiflung sowie Demagogen, die Vorteil daraus
ziehen wollen, die neue Welle der Freiheit umzukehren, die den Kontinent erfaßt hat.
Während wir das Ende des Krieges in Bosnien
anstreben, müssen wir darauf hinarbeiten, ein erneutes Bosnien zu verhindern. Und wir müssen die
Strukturen aufbauen, die seit kurzem freien Nationen
behilflich sind, ihre Umgestaltung zu marktwirtschaftlichen Demokratien erfolgreich zu vollziehen und ihre
Freiheit zu bewahren.
Wir wissen, daß dies nicht über Nacht geschehen
wird, aber mit der Zeit. Die NATO, die KSZE und
andere europäische und transatlantische Institutionen können in enger Zusammenarbeit mit den
Vereinten Nationen die Demokratie, Stabilität und
den Wohlstand unterstützen und erweitern, deren
sich Westeuropa und Nordamerika seit 50 Jahren
erfreuen. Das ist die Zukunft, die wir aufbauen
wollen.
Die NATO bleibt das Fundament der Sicherheit in
Europa. Da auf dem Kontinent Veränderungen

Seite 2

stattfinden, ändert sich ihre Rolle jedoch. Im Januar
öffnete die NATO ihre Tür für neue Mitglieder und rief
die Partnerschaft für den Frieden ins Leben. Seitdem
sind 23 Nationen der Partnerschaft beigetreten, um
gemeinsame Ausbildungsprogramme und militärische
Übungen durchzuführen und engere politische
Kontakte zu knüpfen.
Vergangene Woche haben wir weitere Schritte zur
Vorbereitung einer Erweiterung unternommen, indem
wir die Ausarbeitung der Voraussetzungen für die
Mitgliedschaft begannen.
Die neuen Mitglieder
werden dem Bündnis allmählich und offen Land für
Land beitreten. Jedes neue Mitglied muß der Demokratie und freien Marktwirtschaft verpflichtet und in
der Lage sein, einen Beitrag zur europäischen
Sicherheit zu leisten. Die NATO schließt keine
Nation automatisch von einem Beitritt aus. Gleichzeitig hat kein Nichtmitgliedsland ein Vetorecht gegen
eine Erweiterung.
Durch die Erweiterung der NATO wird die Sicherheit
für alle europäischen Staaten erhöht, denn das
Bündnis ist keine aggressive, sondern eine offensive
Organisation. Die neuen und alten Mitglieder der
NATO sowie die Nichtmitgliedstaaten werden sicherer.
Während die NATO ihre Mission fortsetzt, können
und sollten andere Institutionen einen Teil der Last
zur Erhöhung der Sicherheit und besondere Pflichten
übernehmen. Eine starke und aktive Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa ist von
essentieller Bedeutung.
Über ein Jahrzehnt lang richteten mutige Männer und
Frauen, die unter großen persönlichen Risiken die
Tyrannei bekämpften, um die in der Schlußakte von
Helsinki niedergelegten Menschenrechte zu erringen,
ihren Blick auf die KSZE. Jetzt kann die KSZE
Hilfestellung beim Aufbau eines neuen, integrierten
Kontinents leisten. Sie verfügt zur Erfüllung dieser
Aufgabe über einzigartige Instrumente.
Die KSZE ist das einzige regionale Forum, dem
nahezu jede Nation Europas und Nordamerikas
angehört. Sie hat bei der friedlichen Beilegung von
Konflikten Pionierarbeit geleistet - von Pendeldiplomatie bis zu Langzeitmissionen in Spannungsgebieten. Jetzt, da Europa die Freiheit gewonnen hat,
kann die KSZE eine bedeutendere Rolle spielen um
zu gewährleisten, daß die Freiheit nie wieder verloren
geht.
Der vorgeschlagene neue Name - Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa - symbolisiert die neue und bedeutende Mission, die sie
unseres Erachtens übernehmen muß. Die KSZE

AMERIKA DIENST 48

�sollte unsere erste flexible Verteidigungslinie gegen
ethnische und regionale Konflikte darstellen. Ihre
Regeln können vor dem Streben nach Hegemonie
und Einflußsphären schützen. Sie kann den Nationen bei der gemeinsamen Schaffung von Wohlstand
helfen. Und sie kann die Integration Europas Stück
für Stück fördern.
Durch die Konzentration auf Menschenrechte, Konfliktvermeidung und Schlichtung von Streitigkeiten
kann die KSZE ein erneutes Bosnien verhindern
helfen. Wir unternehmen bei diesem Treffen bedeutende Schritte zur Erreichung dieses Ziels - durch
die Stärkung des Hochkommissars für nationale Minderheiten, Festlegung eines Verhaltenskodex zur
Erzielung demokratischer ziviler Kontrolle über das
Militär, Stärkung der Grundsätze zur Nichtverbreitung
von Massenvernichtungswaffen sowie Vorbereitung
der Entsendung von KSZE-Beobachtern und -Friedenstruppen in potentielle Unruhegebiete außerhalb
Bosniens. Diese Aktionen werden nicht zu Triumphen und Schlagzeilen führen, könnten aber vielleicht Tragödien verhindern helfen.
Die in Rom verabschiedeten Grundsätze machen
deutlich, daß jede Friedenssicherungsmission eine
von den Parteien selbst ausgehandelte Regelung
zum Ziel haben muß und keine von außen aufoktroyierte Lösung. Und sie legen fest, daß kein
Land regionale Konflikte, so bedrohlich sie auch sein
mögen, zur Erhöhung seiner Sicherheit auf Kosten
anderer nutzen darf.
Ich finde es äußerst ermutigend, daß wir mit Unterstützung und Beteiligung der Russischen Föderation
kurz vor einer Übereinkunft stehen, daß die KSZE
eine multinationale Friedenssicherungstruppe nach
Nagornyj Karabach entsendet.
Die Vereinigten
Staaten begrüßen die Bereitschaft einer Vielzahl von
Nationen, für diese Mission Truppen und Material
bereitzustellen.
Die andauernde Tragödie in Nagornyj Karabach
erfordert doppelte Anstrengungen zur Förderung
eines dauerhaften Waffenstillstands und einer
gerechten Lösung. Die Vereinigten Staaten sind ein
entschiedener Befürworter dieser Bestrebung und

*

AMERIKA DIENST 48

rufen alle KSZE-Mitgliedstaaten auf, hierzu einen
Betrag zu leisten.
Die KSZE sollte auch bei der Förderung von Wirtschaftswachstum eine wichtige Rolle spielen, während sie gleichzeitig die Ressourcen und Umwelt
Europas schützt. Wir sollten sie bei ihrem Bemühen
um verstärkte regionale und grenzüberschreitende
Zusammenarbeit unterstützen.
Dadurch können
Menschen zusammengeführt werden, um neue
Straßen, Brücken und Kommunikationsnetze zu
bauen - die Infrastruktur der Demokratie.
Seit 1975, als die Länder Europas ihrem Wunsch
nach Bildung einer Wertegemeinschaft Ausdruck
verliehen und die KSZE gründeten, wurden mehr
Fortschritte erzielt als selbst Träumer sich erhofft
hatten. Wir wissen, daß Wandel möglich ist. Wir
wissen, daß ehemalige Gegner sich versöhnen
können. Wir wissen, daß eloquente Absichtserklärungen über Demokratie und Menschenrechte den
Frieden fördern können, wenn den Worten Taten
folgen.
Heute, nahezu 20 Jahre später, besteht unsere
Herausforderung darin, die errungenen Freiheiten zu
verbreiten und zu konsolidieren. Diese Aufgabe
erfordert Energie und Stärke. Alte Regime sind
zusammengebrochen, aber ein neues Erbe und
Mißtrauen bleiben bestehen.
Nationen wurden
befreit, aber ethnischer Haß bedroht Frieden und
Toleranz. Demokratie und Marktwirtschaften sind im
Entstehen begriffen, aber der Wandel verursacht
überall Angst und Unsicherheit.
Bereits dreimal in diesem Jahrhundert haben unsere
Nationen ihre ganze Energie aufgeboten, um die
dunklen Kräfte der Geschichte zu besiegen. Sie
haben uns eine große Verantwortung und eine
außergewöhnliche Chance hinterlassen.
Jetzt
besteht unsere Aufgabe darin, eine neue Welt für
unsere Kinder zu gestalten - eine Welt mit mehr
Demokratie, mehr Wohlstand und mehr Sicherheit.
Die KSZE muß hierbei eine entscheidende Rolle
spielen.
Ich danke Ihnen, Herr Vorsitzender.

* * *

*

Seite 3

�NATO
7. Dezember 1994

NATO SOLL OSTERWEITERUNG VORBEREITEN
Außenminister Christopher vor dem Nordatlantikrat
BRÜSSEL - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher forderte die Mitgliedstaaten der NATO dazu auf,
unverzüglich die praktischen Erfordernisse einer Erweiterung des Bündnisses zu prüfen und bis Dezember
einen ersten Gedankenaustausch mit potentiellen neuen Mitgliedern durchzuführen.
Bei dem Treffen des Nordatlantikrats in Brüssel erklärte der Außenminister am 1. Dezember 1994, der Prozeß
der NATO-Erweiterung solle stetig, besonnen und transparent verlaufen, und die neuen Mitglieder müßten einer
verantwortungsbewußten Sicherheitspolitik verpflichtete marktwirtschaftliche Demokratien sein, die einen Beitrag
zu dem Bündnis leisten können.
Christopher versicherte den westlichen Verbündeten, die Interessen Amerikas in Europa hätten sich nicht
geändert und die NATO sei jetzt und in Zukunft der Anker des Engagements der Vereinigten Staaten in Europa
und der Kern transatlantischer Sicherheit.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Außenministers vor dem Nordatlantikrat.

Herr Generalsekretär, verehrte Kollegen und Freunde. Ich freue mich, gemeinsam mit Ihnen an diesem
wichtigen Treffen des Nordatlantikrats teilzunehmen.
Gestatten Sie mir, erneut unseren neuen Generalsekretär zu begrüßen, der seine neue Aufgabe zu
einem entscheidenden Zeitpunkt in der Geschichte
der NATO und Europas übernimmt.
Dies ist eine Zeit großer Veränderungen in Europa.
Die Interessen der Vereinigten Staaten in Europa
haben sich jedoch nicht verändert - ebensowenig
wie die unser Engagement bestimmenden Grundsätze, die seit langem von beiden Parteien unterstützt
werden.
Der erste Grundsatz lautet, daß die NATO der Anker
des amerikanischen Engagements in Europa und
der Kern transatlantischer Sicherheit ist und bleibt.
Die Vereinigten Staaten pflegen dauerhafte politische, militärische, wirtschaftliche und kulturelle
Beziehungen zu Europa, die bewahrt werden müssen.
Der zweite Grundsatz des amerikanischen Engagements bleibt unsere Unterstützung für die europäische Integration sowie unsere Partnerschaft mit der
Europäischen Union. Die Vereinigten Staaten haben
die europäische Integration von Anfang an gefördert.
Die EU ist bei Handel, Diplomatie und in zunehmen-

AMERIKA DIENST 48

dem Maße im Bereich der Sicherheit, wo wir gemeinsam die Weiterverbreitung von Waffen und den
Terrorismus bekämpfen, ein unerläßlicher Partner.
Eine echte europäische Verteidigungsidentität und
effektive Zusammenarbeit zwischen der NATO und
der Westeuropäischen Union (WEU) sind entscheidende Elemente dieser Beziehungen. Die Stärkung
des europäischen Pfeilers des Bündnisses trägt zu
Stabilität in Europa und transatlantischer Lastenteilung bei. Ferner verbessert sie unsere kollektive
Handlungsfähigkeit. Ich begrüße die am 14. November von den Ministern der WEU-Mitgliedstaaten
geäußerte Aufforderung, die Arbeit an dem Konzept
eines interalliierten gemeinsamen Einsatzverbands zu
beschleunigen. Der Einsatzverband ist ein praktisches Mittel, der WEU unter bestimmten Umständen
die Vorzüge und Fähigkeiten der NATO zur Verfügung zu stellen.
Ich habe gerade gesagt, daß sich die amerikanischen
Interessen in Europa nicht geändert haben. In den
letzten Jahren hat sich jedoch eines geändert: Die
Sphäre politischer und wirtschaftlicher Freiheit in
Europa ist größer als je zuvor. Das bringt mich zum
dritten Grundsatz unseres Engagements: Ein Abbau
der Ost und West trennenden Schranken kommt
unserem kollektiven Interesse an umfassenderer
europäischer Stabilität entgegen. Unser Bündnis von

Seite 1

�Demokratien kann zur Konsolidierung der Demokratie in einem friedlichen, ungeteilten Europa beitragen. Wir können eine umfassende, alle einbeziehende Struktur entwerfen, die Sicherheit und Freiheit
für alle fördert.
Unsere Integrationsstrategie bietet greifbare positive
Ergebnisse. Sie wird Stabilität in Osteuropa fördern
- der Region, in der zwei Weltkriege und der Kalte
Krieg begannen. Sie wird die Kräfte stärken, die
sich für politische, militärische und wirtschaftliche
Reformen einsetzen. Und sie wird sicherstellen, daß
kein Teil Europas wieder zu einem Spielball der
Großmächte oder einem Einflußbereich wird und
keine Nation isoliert bleibt.
Die uns heute konfrontierende Herausforderung ist
derjenigen nicht unähnlich, der sich Westeuropa vor
50 Jahren stellte. Nach dem Zweiten Weltkrieg
waren sich Präsident Truman und die Außenminister
Marshall und Acheson bewußt, daß Sicherheit und
wirtschaftliche Zusammenarbeit für die Verteidigung
der Demokratie von essentieller Bedeutung waren.
Innerhalb von fünf Jahien nach dem Einmarsch der
Alliierten in der Normandie hatten Amerika und seine
Verbündeten den Marshallplan ins Leben gerufen,
die NATO und das GATT geschaffen und die Grundlagen für die spätere EU und OECD gelegt. Diese
Institutionen trugen zur Schaffung bereits ein halbes
Jahrhundert währenden einzigartigen Friedens und
Wohlstands bei - jedoch nur für den halben Kontinent.
Seit dem Fall der Berliner Mauer sind jetzt fünf Jahre
vergangen. Wir müssen eine Sicherheitsgemeinschaft aller demokratischen Nationen in der euroatlantischen Region aufbauen - die auch in den
Bereichen Bestand hat, wo der Wiener Kongreß, das
Konzert der europäischen Mächte und Versailles
letztlich scheiterten, und die auf der Stärke unseres
Erfolgs nach dem Kalten Krieg in Westeuropa
aufbaut.
Die Entwicklung der neuen europäischen Sicherheitsarchitektur beginnt mit der Stärkung ihres
Fundaments - des Bündnisses, das bereits ein
halbes Jahrhundert lang unsere Sicherheit und
unseren Wohlstand bewahrt hat. Die NATO war
schon immer viel mehr als eine vorübergehende
Antwort auf eine temporäre Bedrohung. Sie ist ein
Garant europäischer Demokratie und eine Kraft für
europäische Stabilität. Die von ihr verteidigten
grundlegenden Werte - Demokratie, Freiheit und
Rechtsstaatlichkeit - sind jetzt auf der ganzen Welt
im Vormarsch. Aus diesen Gründen sind die Vorteile der NATO für die neuen Demokratien Europas
offensichtlich.

Seite 2

Seit dem NATO-Gipfel im letzten Januar haben wir
bemerkenswerte Schritte unternommen, um das
Bündnis zu erneuern und zu stärken. Wir haben
unser historisches Ziel einer Vertiefung der Bindungen zu den neuen Demokratien im Osten erreicht. In
weniger als einem Jahr hat sich die Partnerschaft für
den Frieden von einer bloßen Idee zu einer gewagten
Realität entwickelt.
Die Vereinigten Staaten erachten die Partnerschaft
als integralen und dauerhaften Bestandteil der neuen
europäischen Sicherheftsarchitektur. Aus diesem
Grund hat Präsident Clinton im Juli darauf hingewiesen, daß er den Kongreß im nächsten Haushaltsjahr
um die Bewilligung von 100 Millionen Dollar zur
Förderung von Zielen der Partnerschaft ersuchen
wird. Ich freue mich bekanntgeben zu können, daß
der Kongreß bereits zusätzliche 30 Millionen Dollar
zur Stärkung des Programms der Partnerschaft für
gemeinsame Manöver im kommenden Jahr zugesagt
hat. Es bleibt zu hoffen, daß andere NATO-Mitglieder bald ähnliche Beiträge ankündigen und wir zur
Erzielung eines optimalen Ergebnisses unsere
Bestrebungen koordinieren können. Natürlich ist es
vor allem die Aufgabe der Partner sicherzustellen,
daß die Partnerschaft ihr volles Potential entfaltet.
Die Vereinigten Staaten streben eine Einigung über
zusätzliche Maßnahmen im kommenden Jahr an.
Erstens drängen wir auf die Eingliederung von
Übungsprogrammen für 1995 und danach in einen
Fünfjahresplan sowie auf das progressive Streben
nach komplexeren und vielfältigeren Ausbildungsszenarien. Zweitens muß die NATO eine angemessene Finanzierung der im Zusammenhang mit der
Partnerschaft stehenden Kosten gewährleisten. Und
schließlich sollten wir bis Anfang 1995 die Einrichtung
einer funktionierenden partnerschaftlichen Verteidigungsplanung anstreben.
Die Partnerschaft an sich ist ein entscheidendes
Instrument. Sie ist auch der beste Weg zur Mitgliedschaft für Länder, die dem Bündnis beitreten wollen.
Wie sowohl Präsident Clinton als auch Vizepräsident
Gore betont haben, muß die NATO offen für eine
Erweiterung sein. Eine Politik der Ausgrenzung
würde die Aufrechterhaltung der alten Trennlinien
durch Europa riskieren - oder willkürlich neue ziehen.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß die
institutionellen Arrangements Europas von den
objektiven Anforderungen der Gegenwart, nicht von
den Tragödien der Vergangenheit Europas bestimmt
werden sollten.
Aus der Sicht der Vereinigten Staaten ist es an der
Zeit, den Prozeß zu beginnen und die Erörterung der
praktischen Anforderungen für die Aufnahme neuer
Mitglieder in das Bündnis aufzunehmen. Es ist

AMERIKA DIENST 48

�unabdingbar, daß wir als Bündnis bei Ziel und
Zweck dieser historischen Evolution übereinstimmen.
Der Washingtoner Vertrag ist keine schriftliche
Garantie. Neue Mitglieder werden feierliche Verpflichtungen und Verantwortung übernehmen,
ebenso wie wir unsere feierlichen Verpflichtungen
auf sie ausdehnen. Dies erfordert sorgfältige Erwägung und Vorbereitung.
Wir entscheiden heute, daß das Bündnis seine
internen Beratungen über die Erweiterung aufnimmt.
Ein Prozeß hat begonnen. Es ist auch unerläßlich,
daß wir im Verlauf des Jahres 1995 beginnen,
interessierten Partnern unsere Sichtweise darzulegen. Ich gehe davon aus, daß die nächsten Monate
besonders arbeitsintensiv werden, während wir eine
gemeinsame Präsentation des Bündnisses formulieren. Wir haben Ihren Regierungen bereits unsere
ersten Gedanken unterbreitet und schlagen vor, bei
der Erarbeitung eines Konsenses im Bündnis darauf
aufzubauen. Ich verpflichte mich persönlich, diese
Angelegenheit voranzubringen.
Unsere Präsentation für die Partner sollte die praktischen Implikationen und Verpflichtungen der NATOMitgliedschaft erläutern. Wir sollten eindeutig klarstellen: Dieser erste Austausch soll nicht den
Anfang der Beitrittsverhandlungen darstellen. Er ist
auch kein Anzeichen dafür, daß ein Partner zwangsläufig ein Kandidat für die Aufnahme ist. Dieser
Gedankenaustausch spiegelt jedoch unsere Entschlossenheit wider, daß der Erweiterungsprozeß
von Anfang an offen und einbeziehend sein soll.
Der Prozeß der Erweiterung sollte stetig, besonnen
und transparent sein. Jede Nation sollte individuell
betrachtet werden.
Kein Nichtmitgliedstaat der
NATO wird ein Vetorecht gegenüber einem anderen
haben. Aus unserer Sicht gibt es jedoch im Washingtoner Vertrag niedergelegte bestimmte grundlegende Anforderungen für die Mitgliedschaft. Neue
Mitglieder müssen marktwirtschaftliche Demokratien
und einer verantwortlichen Sicherheitspolitik verpflichtet sein sowie einen Beitrag zum Bündnis
leisten.
Wie ich heute morgen bereits festgestellt habe,
können wir die NATO-Erweiterung nicht in Isolation
vornehmen. Die neue Sicherheitsarchitektur für
Europas Zukunft muß durch andere starke Pfeiler
unterstützt werden. Keine Institution allein hat das
Mandat oder die Fähigkeit, jeder Herausforderung in
Europa zu begegnen.
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa - die KSZE - hat als Organisation erprobte
Erfahrungen und unerschlossenes Potential, die zur
Lockerung von Spannungen und Verhinderung

AMERIKA DIENST 48

zukünftiger Konflikte beitragen können. Mit ihrer
umfangreichen Mitgliedschaft und einzigartigen
Erfahrung bei präventiver Diplomatie, Schutz von
Menschenrechten und Schlichtung von Streitigkeiten
kann die KSZE die essentielle Rolle der NATO
ergänzen. Um sie effektiver zu gestalten, müssen wir
ihre Mission jedoch neu definieren.
Beim KSZE-Gipfel in Budapest werden die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten und Partnern
auf die Erweiterung der KSZE-Fähigkeiten hinarbeiten. Präsident Clinton wird auf seine Kollegen
einwirken, seinem Vorschlag zur Stärkung der Rolle
und Struktur der Organisation zuzustimmen. Wir
hoffen, die Rolle der KSZE in der europäischen
Sicherheitsarchitektur zu klären und ihre Fähigkeit zu
verbessern, ein erneutes Jugoslawien zu verhindern.
Unsere wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen
Institutionen schaffen allmählich die veralteten
Grenzen des Kalten Krieges ab. Die Sicherheit und
der Wohlstand ganz Europas sind untrennbar mit der
stabilen Entwicklung der aufstrebenden Demokratien
im Osten Europas verbunden.
Unser Ziel ist die erfolgreiche Umgestaltung des
postkommunistischen Europas in eine Gemeinschaft
souveräner demokratischer Staaten. Eine Schlüsselkomponente ist die Entwicklung eines demokratischen, marktorientierten Rußlands. Ebenso wichtig
ist eine stabile, demokratische, atomwaffenfreie
Ukraine und die Verwirklichung des in den START Iund START Il-Abkommen enthaltenen Versprechens
größerer Sicherheit. In Budapest werden wir einen
entscheidenden Schritt nach vom unternehmen, wenn
Präsident Clinton zusammen mit Präsident Jelzin und
Premierminister Major die Beitrittserklärung der
Ukraine zum Nichtverbreitungsvertrag entgegennimmt
und Sicherheitszusagen für die Ukraine, Belarus und
Kasachstan unterzeichnet. Diese Maßnahme wird
den Weg zum Inkrafttreten von START I ebnen.
Wir begrüßen es, daß ein demokratisches Rußland
bei den gemeinsamen Bestrebungen zum Aufbau
neuer Strukturen eine uneingeschränkte Rolle übernehmen wird. Wir begrüßen das Abkommen über
das individuelle Partnerschaftsprogramm zwischen
der NATO und Rußland, das wir heute abend unterzeichnen werden. Es sendet ein unmißverständliches
Signal des Wunsches unseres Bündnisses, Rußland
in einen kooperativen Ansatz zur Sicherheit in Europa
einzubeziehen.
Gleichzeitig werden wir weiterhin außerhalb der
Partnerschaft für den Frieden Wege der Kooperation
zwischen der NATO und Rußland sondieren. Die
Vereinigten Staaten waren erfreut über das erste
Treffen zwischen einer Arbeitsgruppe des Bündnisses

Seite 3

�und Rußland über die Frage der Zerlegung von
Nuklearwaffen. Wir unterstützen auch die Intensivierung der Kooperation zwischen Rußland und der
G-7. Und wir fördern die Mitgliedschaft Rußlands im
GATT und seiner Nachfolgeorganisation, der Welthandelsorganisation (WTO).

diese zentralen Prinzipien einhalten, wird unseren
und Europas vitalen Interessen dienen - insbesondere der Nationen, die sich erst kürzlich von der kommunistischen Herrschaft befreit haben. Ebenso wird
die Erweiterung westlicher Institutionen nach Zentraleuropa Rußland dienen.

Integration wird die Sicherheit Rußlands in einem
größeren Europa verbessern und Rußlands Zugang
zu Märkten und Kapital erweitern. Die Integration
bringt jedoch auch Verpflichtungen für alle westlichen Nationen mit sich. Die GATT-Mitgliedschaft
wird Rußlands Handelspraktiken in Einklang mit den
Weltnormen bringen. Erweiterte Beziehungen zur
NATO und der EU werden zusammen mit gestärkten
KSZE-Prinzipien in Rußland die Demokratie und
Achtung der Souveränität seiner Nachbarstaaten
fördern.

Indem wir die von mir heute dargelegten Schritte
unternehmen, werden wir unser gemeinsames
Interesse am Aufbau eines in Frieden lebenden
demokratischen, wohlhabenden, integrierten Europas
fördern. Diese Schritte reflektieren die zentralen
Prinzipien unseres Engagements in Europa - unsere
unerschütterliche Verpflichtung zur NATO, unsere
kontinuierliche Unterstützung der europäischen
Integration und unsere Entschlossenheit zur Erweiterung von Sicherheit und Stabilität auf den Osten. Die
Vereinigten Staaten verstehen, daß unsere Führungsrolle zur Erlangung dieser Ziele unerläßlich ist. Und
wir sind entschlossen, sie bereitzustellen.

Unsere Unterstützung für russische Maßnahmen, die

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 48

�BOSNIEN
7. Dezember 1994

NATO WÄRE ZUM EINSATZ VON
LUFTSTREITKRÄFTEN BEREIT
Eröffnungsansprache des Außenministers
BRÜSSEL - (AD) - In seiner Eröffnungsansprache beim Treffen des Nordatlantikrats erklärte Außenminister
Warren Christopher am 1. Dezember 1994: "Der schreckliche Konflikt in Bosnien widersetzt sich weiterhin
einer Lösung. Er stellt eine Herausforderung für die NATO und alle Institutionen dar, die sich mit ihm
befassen."
Der Außenminister führte aus, die NATO habe in bezug auf die Situation in Bosnien alles von der UNO
Geforderte getan und zählte von der NATO unternommene Aktionen auf.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache von Außenminister Christopher.

Herr Generalsekretär, verehrte Kollegen und Freunde. Es ist ein Privileg, bei unserem ersten offiziellen
Treffen seit der Wahl von Willy Claes zum Nachfolger des brillianten und engagierten Manfred Wörner
Ehrenpräsident zu sein.
Generalsekretär Claes hat die Leitung zu einer Zeit
historischer Chancen und Herausforderungen für das
Bündnis übernommen. Wir haben großes Glück,
diesen erfahrenen und starken Staatsmann an der
Spitze der NATO zu haben, während wir die europäische Sicherheit für das 21. Jahrhundert aufbauen.
Die beiden größten Schlachten des 20. Jahrhunderts, der Kampf gegen Faschismus und Kommunismus, sind vorüber. Der gefallene Eiserne Vorhang
hat ein Fenster der Chancen für offene Gesellschaften und offene Märkte aufgestoßen, die auf
einem im Frieden lebenden Kontinent überdauern.
Man muß sich vor Augen führen, daß die NATO eine
wesentliche Rolle dabei gespielt hat, uns an diesen
hoffnungsvollen Punkt zu bringen. Seit über vier
Jahrzehnten hat sie den Frieden bewahrt, unsere
Freiheit erhalten, bei unterdrückten Völkern Hoffnung
genährt und schließlich dazu beigetragen, den
Kalten Krieg zu beenden - ein Sieg für alle Freiheitsliebenden.
Seit einem halben Jahrhundert hat die NATO auch
die Grundlage geboten, auf der unsere Nationen die
größte Gemeinschaft der Welt mit Frieden und
Wohlstand aufgebaut hat. Sie hat enge Beziehungen zwischen ehemaligen Gegnern in Westeuropa

AMERIKA DIENST 48

geschmiedet. Sie bildete das Kernstück unserer
transatlantischen Gemeinschaft - und knüpft Bande,
die niemals gelöst werden können. Die im Washingtoner Vertrag verankerten Ideale - Demokratie,
Freiheit und Rechtsstaatlichkeit - haben sich als
ebenso mächtig wie die Arsenale dieses Bündnisses
erwiesen. Dean Acheson hat es am besten formuliert: "Die Bedeutung der NATO geht auf lange Sicht
weit über die Schaffung militärischer Stärke hinaus...
Zukünftige Hoffnung liegt im Entstehen einer Gemeinschaft freier Menschen..."
Die NATO besitzt aber nicht nur für gestern Gültigkeit, sondern auch für heute und morgen - für Dean
Achesons "zukünftige Hoffnung".
Ich möchte mich unmißverständlich zur Überzeugung
meiner eigenen Nation ausdrücken: Europa ist der
Brennpunkt für die Macht und Zielsetzung der Vereinigten Staaten und wird dies auch in Zukunft sein.
Dieses Bündnis wird weiterhin den Anker des amerikanischen Engagements in Europa bilden, den Drehund Angelpunkt der transatlantischen Sicherheit. Seit
über vier Jahrzehnten haben wir unter demokratischen und republikanischen Administrationen die
überparteiliche Verpflichtung zu einem freien, stabilen, sicheren und wohlhabenden Europa aufrechterhalten. Heute haben wir uns als Teil unseres
andauernden Engagements zur weiteren Stationierung von 100.000 amerikanischen Soldaten auf
europäischem Boden verpflichtet.
Während wir heute zusammenkommen, um dieses
großartige Bündnis an die neuen Zeiten anzupassen,

Seite 1

�sind wir uns bewußt, daß das Ende des Kalten
Krieges nicht nur Chancen, sondern auch ernsthafte
Herausforderungen mit sich gebracht hat. Der
schreckliche Konflikt in Bosnien widersetzt sich
weiterhin einer Lösung. Er stellt eine Herausforderung für die NATO und alle Institutionen dar, die sich
mit ihm befassen. Als sich dieser Krieg an der
Asche des Kalten Krieges entzündete, war die
internationale Staatengemeinschaft offen gesagt
unzureichend vorbereitet. Die Welt wandte sich
schließlich zur Übernahme der Hauptverantwortung
an die Vereinten Nationen.
Die NATO ihrerseits hat in bezug auf die Situation in
Bosnien alles von der UNO Geforderte getan. Sie
hat eine Flugverbotszone eingerichtet und die
Ausweitung des Konflikts zu einem Luftkrieg verhindert. Sie hat den Druck der Sanktionen aufrechterhalten und eine zentrale Rolle bei der Verhinderung einer Ausweitung des Konflikts gespielt.
Entgegen einigen Berichten hat die NATO den
Einsatz von Luftstreitkräften nicht ausgeschlossen.
Die NATO ist auf Bitte und im Einklang mit den
Resolutionen der Vereinten Nationen zum Einsatz
von Luftstreitkräften bereit.
Unsere Aufgabe besteht jetzt weiterhin darin, ein
friedlich ausgehandeltes Ende des Konflikts anzustreben, das die territoriale Integrität Bosniens
bewahrt. Wir sollten unsere Bemühungen um einen
unverzüglichen Waffenstillstand und die generelle
Einstellung der Feindseligkeiten verstärken. Wir
sollten aufbauend auf dem Plan der Kontaktgruppe
die Bedingungen für eine Lösung mit den Parteien
erarbeiten.
Ich möchte eine wichtige Tatsache unterstreichen:
Die Krise in Bosnien geht um Bosnien und das
ehemalige Jugoslawien. Sie schmälert die andauernde Bedeutung der NATO nicht. Die Verbündeten
sind der unersetzlichen Rolle der NATO als Schlüssel zur europäischen Sicherheit nach wie vor verpflichtet. Es gibt unter uns keine Meinungsverschiedenheiten zu diesem Punkt.
Die Tragödie des Krieges und Blutvergießens in
Bosnien verringert nicht unsere Verantwortung zum
Aufbau einer umfassenden europäischen Sicherheitsarchitektur, die Stabilität konsolidiert, die heutigen Konflikte anspricht und das Ausbrechen neuer
Konflikte in der Zukunft verhindert. Im Gegenteil, die
Tragödie im ehemaligen Jugoslawien unterstreicht
die Dringlichkeit dieser Aufgabe.
Kernstück des Aufbaus einer umfassenden Sicherheitsarchitektur für Europa ist ein ausgewogener
Prozeß der NATO-Erweiterung zusammen mit der
kontinuierlichen europäischen Integration und der

Seite 2

Entschlossenheit zur Stärkung der Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.
Gestern hat die NATO zur Aussöhnung ehemaliger
Gegner, zur Einbeziehung freier Länder in starke und
solide Institutionen und zur Schaffung eines dauerhaften Gefühls gleicher Zielsetzungen bei der Sicherheit
des jeweils anderen beigetragen. Heute muß die
NATO dasselbe tun - mit neuen Ländern, aber mit
derselben Zielsetzung. Diese Allianz muß ihre
zentrale Rolle als Verteidigungsbündnis bewahren
und ihre Streitkräfte an die Bewältigung der neuen
Forderungen von Krisenmanagement und Friedensschaffung anpassen. Dieses Bündnis muß auch den
neuen Partnern behilflich sein, die westlichen Normen
der Kooperation zu erlernen und sie in die praktische
Arbeit der NATO einbeziehen, Stabilität in Europa zu
gewährleisten.
Beim NATO-Gipfel im Januar verpflichtete sich das
Bündnis mit der Annahme von Präsident Clintons
Vorschlag über die Partnerschaft für den Frieden zur
Vertiefung der Beziehungen zu den aufstrebenden
Demokratien. In weniger als einem Jahr wurde die
Partnerschaft ins Leben gerufen. 23 Nationen
einschließlich Rußlands sind inzwischen beigetreten.
Belarus hat gerade seine Absicht bekanntgegeben,
unser 24. Partner zu werden. Heute abend werden
die NATO und Rußland sich auf umfassende Kooperationsmöglichkeiten einigen, darunter auch das
russische Programm der Partnerschaft für den
Frieden. Truppen, die sich im Kalten Krieg ein
halbes Jahrhundert lang gegenüberstanden, halten
jetzt gemeinsam militärische Übungen ab.
Unsere Staatsoberhäupter haben im Januar auch
erklärt, daß das Bündnis offen für neue Mitglieder ist.
Heute unternehmen wir einen wichtigen Schritt in
dem Prozeß, der zur Erweiterung der NATO führen
wird. Ich finde, wir sollten jetzt mit den internen
Beratungen über die Erweiterung beginnen und 1995
mit den Partnern die Verpflichtungen und Implikationen der Mitgliedschaft erörtern.
Dies wird ein stetiger, freiwilliger und transparenter
Prozeß sein. Ich möchte betonen, daß die Erweiterung die NATO nicht verwässern darf und wird. Die
NATO muß jedoch mit der Zeit zur Aufnahme der
Nationen bereit sein, die zur Übernahme der mit der
Bündnis-Mitgliedschaft einhergehenden Verpflichtungen willens und in der Lage sind, und deren Mitgliedschaft für die Ziele des Bündnisses und der umfassenderen europäischen Sicherheit stehen. Wenn
die Erweiterung kommt, wird sie die Stabilität für alle
in Europa verbessern - für Mitglieder und Nichtmitglieder gleichermaßen.

AMERIKA DIENST 48

�Während wir die NATO-Erweiterung vorantreiben,
müssen wir auch andere Strukturen der Sicherheitskooperation stärken. Keine Institution allein hat das
Mandat oder die Fähigkeit, sich jeder Herausforderung in Europa zu stellen. Unser NATO-Bündnis
muß durch andere Institutionen ergänzt werden, die
das gesamte Spektrum von Herausforderungen
ansprechen, mit denen sich die Zukunft Europas
konfrontiert sieht. Wir messen der europäischen
Integration mit Unterstützung der Europäischen
Union eine wichtige Rolle bei. Es gibt noch eine
weitere Institution, deren Potential noch nicht erschlossen ist: Die Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa. Wir müssen auf ihre
einzigartige Stärke als eine Struktur für Konfliktlö-

*

AMERIKA DIENST 48

sung und -Verhinderung sowie als eine Institution aufbauen, die das Ideal eines ungeteilten Europas
verkörpert.
Da ich als ihr Ehrenpräsident spreche, kann ich voller
Vertrauen sagen, daß das Bündnis bereit ist, sowohl
die Herausforderungen von heute als auch die von
morgen anzunehmen. Und als Vertreter Präsident
Clintons und des amerikanischen Volkes sage ich mit
demselben Vertrauen, daß die Verpflichtung der
Vereinigten Staaten zu aktiver Beteiligung an der
Aufrechterhaltung von Sicherheit, Wohlstand und
Freiheit in Europa unerschütterlich ist.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 3

�AUSSENPOLITIK
7. Dezember 1994

LAKE WARNT VOR EINSEITIGER AUFHEBUNG
DES BOSNISCHEN WAFFENEMBARGOS
Rede vor der Princeton University
WASHINGTON - (AD) - Die Clinton-Administration bekräftigte am 30. November 1994, eine einseitige
Aufhebung des Waffenembargos gegen Bosnien durch die Vereinigten Staaten "könnte den tiefsten Riß in der
Geschichte der NATO hervorrufen".
Anthony Lake, Präsident Clintons Nationaler Sicherheitsberater, stellte fest, es wäre ein "gravierender Fehler",
das von der Muslim-Regierung Bosniens verhängte Waffenembargo einseitig aufzuheben - wie von Senator
Dole, dem voraussichtlichen Mehrheitsführer im Senat im kommenden Jahr, vorgeschlagen. Dole war nach
Europa gereist und kritisierte die schwache Reaktion der Vereinten Nationen auf die serbische Aggression
gegen die UN-Schutzzone Bihac und forderte Präsident Clinton zur Aufhebung des Waffenembargos auf, damit
die bosnische Regierung sich selbst verteidigen könne. Dole äußerte, er werde im Kongreß auf die
Beendigung des Embargos hinarbeiten.
In einer Rede vor der Woodrow Wilson School der Princeton University schloß Lake aus, daß die Vereinigten
Staaten ihr "gesamtes militärisches Gewicht" hinter die bosnische Regierung stellen würden und fügte hinzu:
"Uns des Problems durch eine einseitige Aufhebung des Waffenembargos zu entledigen und diesem Problem
den Rücken zu kehren, wäre ein gravierender Fehler."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Nationalen Sicherheitsberaters im Wortlaut.

Ich möchte heute zu Ihnen über die Notwendigkeit
des amerikanischen Engagements im Ausland
sprechen. Es gibt kein geeigneteres Forum für eine
solche Diskussion. Schließlich war Präsident Woodrow Wilson einer der ersten und eloquentesten
Verfechter des amerikanischen Internationalismus.
"Ob wir wollen oder nicht - wir sind am Leben der
Welt beteiligt", stellte er fest. "Die Interessen aller
Nationen sind unsere Interessen... Die Belange der
Menschheit sind unweigerlich unsere Belange."
Ich freue mich über diese Gelegenheit, einer Gruppe
talentierter junger Menschen in der außenpolitischen Domäne zu vermitteln, daß Engagement
wichtiger als je zuvor ist, daß wir den neuen Isolationismus ablehnen und eine Koalition der Mitte bilden
müssen - eine Koalition, die beide Parteien und
beide Enden der Pennsylvania Avenue umfaßt.
Eine Koalition, die willens ist, Märkte zu öffnen und
Handel für die Vereinigten Staaten freier und fairer
zu machen. Eine Koalition, die zur Unterstützung
der Demokratiebewegung bereit ist, von der die Welt
erfaßt wird. Eine Koalition, die zur Übernahme einer
Führungsrolle bei dem historischen Unternehmen

AMERIKA DIENST 48

entschlossen ist, die Bedrohung durch Nuklearwaffen
zu verringern. Eine Koalition, die bereit ist, die
Chancen zu ergreifen und die Verpflichtungen eines
Engagements zu übernehmen.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß nach den
größten Leistungen des Engagements - dem Sieg
des Containment über den Kommunismus - einige
wollen, daß die Vereinigten Staaten sich hinter die
Mauern der Isolation zurückziehen. Ironisch, aber
nicht überraschend. Ohne eine klare, einigende
Bedrohung aus dem Ausland möchten die Amerikaner natürlich ihre Aufmerksamkeit auf die Belange im
Inland lenken. Und wir sehen uns mit einem Problemkomplex konfrontiert, der uns zum Zurückschrekken vor einem Engagement veranlaßt - von der
Bedrohung einer "traditionellen" Aggression durch
räuberische Nationalstaaten über transnationale
Bedrohungen wie Überbevölkerung bis zu schrecklichen ethnischen Konflikten.
Gleichzeitig wurde das Argument vorgebracht, daß
der Sieg im Kalten Krieg uns zum Ende der Geschichte geführt hat und wir uns folglich nicht länger
für die Welt hinter unseren Grenzen engagieren

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�müssen. Nichts ist weniger zutreffend. In der Tat ist
dieselbe vom Kommunismus und davor vom Faschismus angegriffene Idee heute noch immer
Angriffen ausgesetzt. Damals wie heute müssen wir
eine Idee verteidigen, die viele Namen - Demokratie,
Freiheit, Staatsbürgertum, Pluralismus - aber ein
unveränderliches Kriterium hat: Das Kriterium der
toleranten Gesellschaft.
Präsident Clinton stellte fest: "Wir sehen uns mit
einem Wettkampf konfrontiert, der so alt ist wie die
Geschichte - einem Kampf zwischen Freiheit und
Tyrannei, zwischen Toleranz und Isolation. Es ist
ein Kampf zwischen denjenigen, die von Gesetzen
geregelte freie Gesellschaften aufbauen wollen und
denjenigen, die ihren Willen mit Gewalt aufzwingen
wollen. Unser heutiger Kampf ... ist der jahrtausendealte Kampf zwischen Hoffnung und Angst."
Trotz dieser Herausforderung - und trotz der Chancen der Zeit nach dem Kalten Krieg - ist ein gefährlicher Rückfall in den Isolationismus spürbar. Dieser
Reflex ist so alt wie unsere Republik. Als aufstrebende Nation, die ihre Unabhängigkeit stärken wollte
und durch große Ozeane geschützt war, lag es
damals im Interesse Amerikas, George Washingtons
Warnung vor ausländischen Verwicklungen zu
befolgen. Amerika hielt sich völlig aus der großen
Machtpolitik heraus und stellte sich selbst - mit
Thomas Jeffersons Worten - "als anschauliches
Monument und Beispiel" für alle Völker der Welt dar.
Unsere anfängliche Tendenz, auf die entfernten
kriegführenden Kontinente aus einer Position der
moralischen und materiellen Überlegenheit zu
blicken, hielt uns nicht davon ab, eine Politik der
Expansion auf unserem Kontinent und der Monroedoktrin in dieser Hemisphäre zu verfolgen. Aber
abgesehen von diesem "Manifest Destiny" dauerte
die Welle des Isolationismus in Amerika bis zur
Jahrhundertwende an.
Teddy Roosevelt war der erste Präsident, der eine
Umkehrung dieser Welle und die Bekräftigung
globaler Interessen für Amerika anstrebte. Er
erkannte, daß die Konsolidierung eines großen
Territoriums zusammen mit exponentiellem Wachstum unserer Bevölkerung und wirtschaftlicher Produktion die Vereinigten Staaten zur mächtigsten
Nation auf der Welt gemacht hatten. Und er unterstrich, daß Technologie den isolierenden Effekt der
Ozeane schwächte.
Die Erfahrungen und Werte der Vereinigten Staaten
erschwerten es der Nation jedoch, die Außenpolitik
Roosevelts anzunehmen. Woodrow Wilsons Ansatz
hatte größere Resonanz. Er ergänzte Roosevelts
Internationalismus durch Moral und gestattete es so

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den Vereinigten Staaten, im Namen von Prinzipien nicht Macht - eine Führungsrolle in der Welt zu
übernehmen. Seine Vision fand ihren Höhepunkt im
Völkerbund, einer universellen Gruppe vornehmlich
demokratischer Staaten, die als die "Treuhänder des
Friedens" dienen würden.
Aber Wilsons Vertrauen in die Macht der Moral - und
seine Sorge über die Unsterblichkeit der Macht waren fehlgeleitet und unterminierten seine Förderung kollektiver Sicherheit und Selbstbestimmung.
Und Wilsons hochfliegende Rhetorik machte es leicht,
seine Kampagne für eine demokratische und sichere
Welt ins Lächerliche zu ziehen.
Infolgedessen wurde der Völkerbund für Amerika zu
einem aufgeschobenen Versprechen. Skeptische
Internationalisten betrieben Haarspalterei über seine
praktischen Unzulänglichkeiten. Wiederauftretende
Isolationisten verurteilten ihn, weil er Amerika eine zu
globale Rolle zugewiesen hatte. Und in einem
Augenblick großer historischer Tragweite stimmte der
Senat gegen den Völkerbund. Niemand kann sagen,
wie anders die beiden folgenden Jahrzehnte verlaufen wären, wenn die Vereinigten Staaten dem
Völkerbund beigetreten wären. Aber wir wissen, daß
Amerika und die übrige Welt in den nächsten beiden
Jahrzehnten unter Isolation, wirtschaftlicher Stagnation und schließlich einem neuen Krieg litten, der den
Planeten erfaßte.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verlieh eine bemerkenswerte überparteiliche Generation von Amerikanern endlich Wilsons Vision praktischen Ausdruck.
Diese Generation gestaltete die Vereinten Nationen
... und die Welt. Sie trug zur Schaffung von Strukturen bei - der NATO, dem Marshallplan und den
Bretton Woods-Institutionen - die ein halbes Jahrhundert von Sicherheit und Wohlstand in Amerika,
Europa und Japan sicherstellten. Und sie überdauerte den Kommunismus.
Heute müssen wir diesen Geist der Nachkriegsgeneration beim Schmieden der Koalition der Mitte
wiedererlangen. Dabei sollten wir einen Kurs einschlagen, der weder so rigide wie der Wilsonsche
noch klassisch realistisch ist.
Die Realisten mögen recht haben, daß Macht wichtig
ist. Die Vereinigten Staaten müssen mit allen erforderlichen Mitteln zur Verteidigung ihrer Interessen
bereit sein, wann immer und wo immer sie bedroht
sind.
Ebenso dürfen wir in unseren Prinzipien nicht so
absolut sein, daß Lähmung eintritt, während wir mit
einer sich rasch wandelnden Welt konfrontiert sind.
Und unsere Rhetorik darf die Realität nicht verdrän-

AMERIKA DIENST 48

�gen - wenn dies geschieht, riskieren wir ein Klima
der Desiilusionierung wie in den zwanziger Jahren.
Wilson hatte jedoch recht, daß Prinzipien wichtig
sind - daß von Prinzipien losgelöste Macht uns
steuerlos herumtreiben läßt. Und seine Vision einer
Welt der Demokratien berührte eine zentrale Wahrheit, die für uns immer noch Gültigkeit besitzt. Diese
Wahrheit lautet: Je größer die Gemeinschaft der
Demokratien, desto wahrscheinlicher werden Frieden
und Wohlstand auf der Welt gedeihen. Demokratien
schaffen freie Märkte, die wirtschaftliche Chancen
bieten und verläßlichere Handelspartner hervorbringen. Sie mißbrauchen für gewöhnlich nicht die
bürgerlichen und politischen Rechte ihrer Bürger.
Und Demokratien werden sehr viel seltener Krieg
gegeneinander führen. Obwohl Wilson es nicht so
formuliert haben würde, liegt die Erweiterung der
Gemeinschaft von Demokratien im Interesse Amerikas.
Wilson erkannte auch, daß die Ereignisse innerhalb
von Nationen grundlegend für ihr Verhalten untereinander sind. Insbesondere in der heutigen hitzigen
globalen und wirtschaftlichen Diskussion - bei der
Ideen, Informationen, Geld und Menschen den
Planeten nahezu in Schallgeschwindigkeit umkreisen
- ist die Realpolitik des 19. Jahrhunderts gefährlich
überholt. Jeden Tag verwenden wir in einem Land
entworfene, in einem anderen aus in einem dritten
Land gefertigten Teilen hergestellte und auf der
ganzen Welt vermarktete Produkte. Jeden Abend
sehen wir im Fernsehen auf allen Kanälen die Bilder
entfernter Konflikte und Katastrophen, die unsere
Emotionen und unseren Intellekt berühren. Wir sind
engagiert, ob wir es wollen oder nicht.
Mit anderen Worten: Wilsons feste Überzeugungen
- die Verbreitung von Demokratie in andere Nationen, die Bedeutung von Prinzipien und vor allem die
Notwendigkeit des Engagements - besitzen mehr
Gültigkeit als je zuvor. Und sie beleben die Arbeit
dieser Administration, wie sie in den vergangenen 50
Jahren die Arbeit unsere Vorgänger belebt haben.
Es ist unsere Überzeugung, daß Amerika nur mit
einer Führungsrolle im Ausland - nur durch die
Erfüllung der Verpflichtung zu Engagement und dem
Ergreifen von Chancen - weiterhin Wohlstand und
Sicherheit im Inland gewährleisten kann. Es ist
unerläßlich für die Zukunft der Vereinigten Staaten,
daß dieser neue Kongreß - Republikaner und
Demokraten gleichermaßen - mit der Administration
bei der Umsetzung dieses grundlegenden Projekts
zusammenarbeitet.

Wohlstand "die Mauer in unserem Denken zwischen
Innen- und Außenpolitik niederreißen und die Chancen im Ausland ergreifen müssen". Er war sich
darüber im klaren, daß das Wachstum unserer
Volkswirtschaft sowie die Quantität und Qualität der
von ihr geschaffenen Arbeitsplätze durch unsere
Fähigkeit verbessert würden, über unsere Grenzen
hinaus Handel zu treiben und zu investieren. Aus
diesem Grund gehen wir so aggressiv bei der Förderung von offenen Märkten und freiem Handel vor.
Wir haben im letzten Jahr mit dem harten Kampf um
das NAFTA begonnen, das unsere Exporte nach
Mexiko bereits um 20 Prozent erhöht und Zehntausende neuer, besserbezahlter Arbeitsplätze hervorgebracht hat. Beim APEC-Gipfeltreffen erhielten wir
die Zusage, bis zum Jahr 2020 freien und fairen
Handel in Asien sicherzustellen - einer Region, die
bereits für ein Drittel unserer Exporte steht und über
2 Millionen amerikanischer Arbeitsplätze unterstützt.
Und nächste Woche werden wir beim Gipfel der
amerikanischen Staaten in Miami wichtige Schritte zur
Gründung einer Partnerschaft zwischen den Demokratien auf unserer Hemisphäre unternehmen.
Keine unserer Unternehmungen in diesem Jahr wird
das Ziel der Öffnung von Märkten und der Schaffung
von Wohlstand mehr voranbringen als die Verabschiedung des GATT - des größten, umfassendsten
Handelsabkommens der Geschichte. Seit 40 Jahren
sind unsere Märkte offener als die anderer Nationen.
Das GATT wird durch gleiche Chancen für unsere
Unternehmen und Arbeitnehmer sicherstellen, daß
der Handel freier und fairer wird. Dank des GATT
können Millionen Amerikaner von den Vorteilen des
globalen Wachstums profitieren.
Meines Erachtens ist die morgige Abstimmung des
Senats über das GATT ein bahnbrechendes Ereignis
- wie die Abstimmung über den Völkerbund am Ende
des Ersten Weltkriegs und die Abstimmungen über
den Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg.
Damals wie heute hat der Senat die Chance zu
beweisen, wofür dieses Land steht und in welche
Richtung wir gehen - und ob eine Koalition der Mitte
möglich ist. Ich hoffe, der Senat läßt sich von
Senator Vandenbergs Appell von vor 50 Jahren
inspirieren, "in diesem entscheidenden Moment mit
einer Stimme zu sprechen". Durch Erneuerung
dieser überparteilichen Geisteshaltung bei der Verabschiedung des GATT - durch die Entscheidung für
Engagement statt Flucht vor der Wirklichkeit, wie der
ehemalige Außenminister James Baker es formulierte
- werden wir die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu freiem Handel, Arbeitsplätzen und Wachstum
sowie unserer Führungsrolle in der Welt ratifizieren.

Präsident Clinton übernahm sein Amt in der Überzeugung, daß wir zur Sicherstellung von wirklichem

AMERIKA DIENST 48

Seite 3

�In der Welt nach dem Kalten Krieg haben wir auch
die Chance, einst unlösbar erscheinende Probleme
in Angriff zu nehmen. Manche vertreten die Ansicht,
wir sollten uns keine Mühe geben, sondern unsere
Ressourcen sparen, unseren eigenen Weg gehen
und andere sich selbst überlassen. Sie haben
unrecht.
Der Preis eines solch blinden und willkürlichen
Ansatzes wären verpaßte Chancen - Chancen, allen
Amerikanern mehr Sicherheit zu geben. Dieser
Preis wäre zu hoch. Betrachten wir uns einige
dieser Chancen:
Im Nahen Osten, in Nordirland und Südafrika erlauben uns der Großmachtstatus Amerikas und unsere
Fähigkeit, als ehrlicher Makler zu agieren, eine
Erleichterung des Wandels. Durch die Inangriffnahme dieser Herausforderungen tragen wir dazu
bei, Konflikt durch Kooperation, Krieg und Kampf
durch Frieden und Stabilität zu ersetzen - und die
Weltgemeinschaft freier und offener Gesellschaften
zu vergrößern. Das ist für alle Amerikaner von
Vorteil.
Ferner müssen wir bei unserer Unterstützung der
Reformen in der ehemaligen Sowjetunion Standhaftigkeit zeigen. Nichts ist für die langfristige Sicherheit der Vereinigten Staaten wichtiger als die erfolgreiche Umgestaltung Rußlands und der anderen
Sowjetrepubliken zu demokratischen, das Völkerrecht und die Rechte ihrer Bürger achtenden Nationen. Insbesondere ein wiederauflebendes, revanchistisches Rußland könnte einen Großteil der
Errungenschaften des Kalten Krieges gefährden.
Ein demokratisches, marktwirtschaftliches Rußland
kann in Fragen und Regionen, an denen wir ein
großes nationales Interesse haben, ein mächtiger
Partner werden. Darauf arbeiten wir hin.
Gleichzeitig sind russische Raketen als Ergebnis
unseres Engagements nicht länger auf amerikanische Städte und Bürger gerichtet. In der Ukraine
hilft unsere starke Unterstützung für Präsident
Kuchma diesem Land bei der Beseitigung seines
aus 1.800 Gefechtsköpfen bestehenden Atomwaffenarsenals. Und wir tragen dazu bei, Kasachstan und
Belarus von Massenvernichtungswaffen zu befreien.
Sie haben wahrscheinlich vergangene Woche über
unsere Geheimoperation gelesen, hochangereichertes Uran - ausreichend für die Produktion von 50
Bomben - aus Kasachstan an einen sicheren Ort zu
bringen. Der Umfang des vorhandenen Materials
und der Mangel an Sicherheitskontrollen machen es
für Schmuggler und Terroristen zu einem besonders
verlockenden Ziel. Dank der ausgezeichneten Arbeit
des Verteidigungs-, Energie- und Außenministeriums

Seite 4

und der Kooperationsbereitschaft der kasachischen
Regierung konnte diese Verlockung nicht zu einer
Tragödie werden.
Die Situation in Bosnien ist seit mehr als drei Jahren
eine Tragödie. 1991 entschied sich die NATO, nicht
direkt zu intervenieren und überließ den Vereinten
Nationen die Führungsrolle. Ob diese Entscheidung
nun richtig oder falsch war - sie hat Konsequenzen,
mit denen wir uns weiterhin auseinandersetzen
müssen.
Die Vereinten Nationen sind der Ansicht, daß ihre
bedeutende humanitäre Mission eine unparteiische
Haltung vorschreibt. Folglich stellt es für die UNOKommandeure eine Notlösung dar, die NATO wegen
Angriffen der bosnischen Serben auf Schutzzonen zu
Vergeltungsmaßnahmen aufzufordern. Zudem sind
die Truppen der UNO, deren Aufgabe der Schutz von
Mitarbeitern humanitärer Hilfsdienste in Bosnien ist,
nur leicht bewaffnet und nicht in der Lage, sich vor
Angriffen zu schützen. Jede Entscheidung der
Vereinten Nationen über Aktionen der NATO muß die
Sicherheit dieser Truppen und der Angehörigen
humanitärer Hilfsdienste berücksichtigen. Obwohl die
NATO in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt ist,
steht sie dennoch bereit, auf Ersuchen die Maßnahmen zu ergreifen, die sie immer zugesagt hat Bereitstellung von Luftunterstützung, Durchführung
von Operationen zugunsten von UNO-Mitarbeitern
sowie Durchsetzung von Schutz- und Sperrzonen.
Wir sind folglich mit schwierigen politischen Entscheidungen ohne einfache Lösungen konfrontiert.
Unser gesamtes militärisches Gewicht hinter die
Truppen der bosnischen Regierung zu stellen würde
bedeuten, mehr als 100.000 amerikanische Bodentruppen in einem Konflikt zu gefährden, der keine
direkte Bedrohung unserer Sicherheit darstellt - so
wichtig die auf dem Spiel stehenden Interessen auch
sein mögen.
Uns des Problems durch eine einseitige Aufhebung
des Waffenembargos zu entledigen und diesem
Problem den Rücken zu kehren, wäre ein gravierender Fehler. Eine einseitige Aufhebung des Waffenembargos würde unsere Fähigkeit aufs Spiel setzen,
Sanktionen gegen den Irak, Libyen und andere zu
verhängen, die amerikanische Interessen gefährden.
Eine solche Aufhebung könnte den tiefsten Riß in der
Geschichte der NATO hervorrufen und zweifelsohne
den tiefsten seit der Sueskrise von 1956. Sie könnte
unsere Verbündeten und andere dazu bringen, sich
vom Problem Bosnien abzuwenden und allein den
Vereinigten Staaten die Verantwortung dafür zu
überlassen. Und das würde die Frage des Einsatzes
amerikanischer Bodentruppen in Bosnien aufwerten.

AMERIKA DIENST 48

�Eine dritte Option wäre, alles in unserer Macht
Stehende zu unternehmen, um den Parteien zu
einer diplomatischen Lösung zu verhelfen. Dieser
Weg ist übersät mit Frustrationen und Rückschlägen
- aber es ist der beste, stetigste Kurs. Ich möchte
nochmals die grundlegenden Bestandteile der
Situation in Bosnien und unserer Politik darlegen:
Erstens kann keine Partei auf dem Schlachtfeld
einen endgültigen, entscheidenden Sieg davontragen. Trotz ihrer Verluste in Bihac behalten die
bosnischen Regierungstruppen zumindest in Zentralbosnien ihre Stärke bei. Beide Seiten stehen vor
derselben Wahl: Entweder eine Fortsetzung der
blutigen militärischen Pattsituation oder ein Ende des
sinnlosen Mordens und eine Lösung.
Zweitens ist der einzige Ausweg aus dem bosnischen Inferno ein mit Verhandlungen über eine
politische Lösung verbundener Waffenstillstand. Das
ist und bleibt die Politik dieser Administration. Wir
werden weiterhin bei den Kriegsparteien auf einen
Waffenstillstand und eine Verhandlungslösung
drängen. Am Freitag wird Außenminister Christopher mit unseren Partnern über den besten Weg
hierzu beraten.
Drittens bleiben die Vereinigten Staaten der territorialen Integrität und Souveränität des bosnischen
Staates verpflichtet. Wir befürworten keine Konföderation zwischen den bosnischen Serben und
Serbien. Wie wir während der vergangenen zwei
Jahre immer wieder betont haben, ist es jedoch die
Aufgabe der Konfliktparteien, sich auf zukünftige
konstitutionelle und geographische Abmachungen zu
einigen.
Und schließlich gehen der Präsident und seine
Berater weiterhin davon aus, daß die NATO zum
Einsatz von Gewalt bereit sein sollte, wenn sie dazu
aufgefordert wird.
Wir haben den Serben keine Konzessionen gemacht. Wir sind entschlossen, alles in unserer
Macht Stehende zu tun, um die Konfliktparteien zum
Frieden zu führen.
Die bosnische Tragödie lehrt uns, wie wichtig die
Ausbreitung von Demokratie, Stabilität und Wohlstand - deren sich Westeuropa schon seit 50 Jahren
erfreut - in ganz Europa ist. Aus diesem Grund
haben die Vereinigten Staaten bei der Gründung der
Partnerschaft für den Frieden sowie der Vorbereitung der Osterweiterung der NATO die Führungsrolle
übernommen. Aus diesem Grund schauen wir auf
die KSZE.

AMERIKA DIENST 48

Diese und andere Strukturen werden dazu beitragen,
die Vision Präsident Clintons von einem integrierten
Europa, einschließlich Rußlands, umzusetzen, indem
sie das Fundament für Stabilität im kommenden
Jahrhundert legen. Sie sollten auch dafür sorgen,
daß ethnische Spannungen in Europa nicht außer
Kontrolle geraten.
Insbesondere eine gestärkte
KSZE mit Schwerpunkt auf Menschenrechten,
Konfliktlösung und Friedenssicherung könnte eine
erste, flexible Verteidigungslinie gegen ein erneutes
Bosnien darstellen.
All diese Bestrebungen, Amerika und unseren Verbündeten zu mehr Wohlstand und Sicherheit zu
verhelfen und die Gemeinschaft demokratischer
Staaten zu erweitern, sind Möglichkeiten für ein
Engagement. Wir haben aber auch die Pflicht, der
Vielzahl von Bedrohungen unseres Wohlstands und
Wohlergehens zu begegnen, die in der chaotischen
Welt nach dem Kalten Krieg entstehen.
Das ist nicht einfach. Dieser Welt mangelt es nicht
an Unrecht, und durch das alles erfassende Auge der
Medien wird Druck ausgeübt, es ohne Unterschied
anzugehen.
Der schwierige Teil und die Pflicht jeder Administration besteht darin, selektiv vorzugehen - eine solches
Unrecht mit unseren Interessen in Einklang zu
bringen. Dieses Kalkül soll entscheiden, ob wir in
Form von militärischer Gewalt, Wirtschaftssanktionen,
anhaltenden diplomatischen Bemühungen - oder gar
nicht - intervenieren. Und es wird - wenn wir Maßnahmen ergreifen - entscheiden, ob wir das im
Alleingang, mit interessierten Verbündeten oder
einem breiten Querschnitt der internationalen Staatengemeinschaft tun.
Letztlich ist das einzige Kriterium für eine Intervention
- in welcher Form sie auch stattfinden mag - eine
Kombination aus Eigeninteresse und Idealismus.
Unsere Politik sollte von Mitgefühl beseelt, jedoch
nicht diktiert werden. In einem Zeitalter begrenzter
Mittel können keine Kreuzzüge für die Demokratie
geführt werden. Wo unsere Interessen es erfordern,
können wir einem Engagement nicht ausweichen,
denn das würde bedeuten, einem neoisolationistischen Impuls nachzugeben und damit die Stabilität
und Sicherheit in unserer Hemisphäre und andernorts
zu unterminieren. Halten Sie sich einige jüngste
Beispiele vor Augen:
Hätten wir am Persischen Golf, vier Jahre nach der
Operation Wüstensturm, nicht schnell auf die jüngsten Provokationen des Irak reagiert, hätte es schnell
zu einem weiteren großangelegten Krieg kommen
können. Statt dessen veranlaßte unsere umgehende,

Seite 5

�entschiedene Dislozierung von Truppen, Schiffen
und Kampfflugzeugen den Irak, seine an der kuwaitischen Grenze zusammengezogenen Streitkräfte
abzuziehen.
Oder betrachten Sie sich unsere jüngsten Aktionen
auf der koreanischen Halbinsel und in Haiti.
In Nordkorea haben sich frühere Administrationen
ebenfalls um eine Beendigung der Gefahr nuklearer
Weiterverbreitung bemüht. Manche argumentieren
jedoch, es sei nicht unsere Aufgabe, mit dem
nordkoreanischen Regime zu verhandeln, und
Drohungen, nicht geduldiges und realistisches
Engagement seien der einzig richtige Weg. Durch
unsere entschlossenen diplomatischen Bestrebungen
erzielten wir jedoch ein Abkommen, das von Pjöngjang zunächst ein Einfrieren und dann den Abbau
seines Nuklearprogramms erfordert. Zum Erstaunen
der Kritiker des Abkommens haben diese Woche
Inspektoren der Internationalen Atomenergie-Organisation verifiziert, daß Nordkorea tatsächlich - wie in
dem Abkommen gefordert - sein Nuklearprogramm
sowie den Bau von zwei Reaktoren gestoppt hat. Im
Laufe der Zeit, wenn das Abkommen seine gesamte
Wirkung zeitigt, werden die koreanische Halbinsel
und die ganze Welt weniger gefährdet und sicherer.
Wenn wir in Haiti nicht gehandelt hätten, wäre das
Militärregime immer noch an der Macht und würde
das haitianische Volk in Angst und Schrecken versetzen. Zehntausende von Flüchtlingen würden
weiterhin eine Gefahr für die Stabilität unserer
Region darstellen. Durch unseren sorgfältig erwogenen Einsatz von Gewalt bewahrten wir statt dessen
die Stabilität und gaben Haiti eine weitere Chance
für Demokratie.
In diesen beiden Fällen erfüllten wir unsere Pflicht zu
geduldigem, beharrlichem und pragmatischem
Engagement. Und wir trugen mit minimalen Opfern
und maximalem Erfolg unseren bedeutenden nationalen Interessen Rechnung.
Die jüngst von uns bei diesen und anderen Fragen
erzielten Fortschritte wären ohne die Männer und
Frauen unserer Streitkräfte unmöglich gewesen. Sie
verliehen der amerikanischen Diplomatie Überzeugungskraft. Sie sind eine unausgesprochene Bedrohung, wenn wir Wirtschaftssanktionen verhängen.
Und sie erledigen die Arbeit in den Fällen, in denen
alle Mittel mit Ausnahme von Gewalt ausprobiert
wurden und scheiterten.
Präsident Clinton ist entschlossen, unser Militär
weiterhin als die am besten ausgebildete, am besten
ausgerüstete und am besten vorbereitete Streitmacht
der Welt zu erhalten. Und das tut er. Amerikas

Seite 6

Truppen waren nie in einem besseren Zustand. Wer
daran zweifelt, sollte mit unseren Befehlshabern
sprechen. Er sollte nach Haiti oder an den Golf
reisen. Er sollte sich aus erster Hand ein Bild davon
machen, was unsere Soldaten leisten.
Zu Beginn meiner Ausführungen habe ich Präsident
Wilsons eindringliche Aufforderung zu Engagement
zitiert. Ich möchte ein wenig über den Hintergrund
dieser Worte sagen.
Der Präsident wollte die konservativen Internationalisten davon überzeugen, einen überparteilichen
Konsens für den Völkerbund zu schmieden. Er
äußerte ihnen gegenüber, der Völkerbund sei die
größte Hoffnung, den schrecklichen Krieg in Europa
zu beenden und die Welt auf einen friedlicheren Weg
zu bringen. Damals verglichen die Experten seine
Rede mit vielen anderen - der berühmten Rede
Lincolns in Gettysburg bis zur Unabhängigkeitserklärung. Aber nur drei Jahre später stimmte der
Senat gegen den Völkerbund, und Amerika zog sich
in die Isolation zurück.
Manche unter uns vertreten heute wieder die Ansicht,
Amerika solle sich zurückziehen. Diese Menschen
stehen für zwei Seiten derselben Medaille - im Lager
der Rechten drängen sie auf Isolation, weil Amerika
zu gut für die Welt sei, im Lager der Linken, weil
Amerika nicht gut genug sei. Und dann gibt es
diejenigen, die zur Entschuldigung nicht einmal eine
Ideologie anführen können - die Neonichtwisser ohne
irgendwelche Überzeugung - die ihre Stimme dem
Chor der Isolationisten hinzufügen.
Ich bin hierhergekommen, um Ihnen zu sagen, daß
sie alle unrecht haben - und Woodrow Wilson recht
hatte als er sagte, das Schicksal Amerikas sei
untrennbar mit dem anderer Nationen verknüpft.
Darüber hinaus bin ich hier, weil renommierte Universitäten ein guter Ort für die Belebung der Debatte
sind, derer wir für die Entscheidung zwischen Isolation und Engagement bedürfen. Diese Debatte dreht
sich nicht um eine Abstimmung wie beim GATT - so
wichtig diese Abstimmung auch sein mag. Sie wird
auch nicht mit Hilfe von Seminaren und Artikeln
gewonnen - so überzeugend die Argumente auch
sein mögen. Vielmehr wird sie im Laufe der Zeit
versiegen - durch den täglichen Kampf um die unsere
Diplomatie unterstützenden erforderlichen Ressourcen, durch die Demonstration der mit einer Führungsrolle einhergehenden Chancen und Verpflichtungen,
durch die Bildung einer Koalition der Mitte, um einen
vernünftigen Kurs für unser Land zu planen.
Dies ist ein entscheidender Moment für Amerika. Wir
stehen, um mit den Worten des Präsidenten zu
sprechen, am dritten großen Wendepunkt dieses

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�Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg beschlossen wir, uns zurückzuziehen, und hinterließen ein
Vakuum, das mit den Kräften des Hasses und der
Tyrannei gefüllt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg
entschieden wir uns für Engagement und riefen die
Institutionen ins Leben, die bereits ein halbes Jahrhundert währenden Wohlstand, Sicherheit und

Triumph über den Kommunismus garantiert haben.
Jetzt, nach unserem Sieg im Kalten Krieg, dürfen wir
den Frieden nicht verlieren. Wir müssen uns den
Feinden offener Gesellschaften stellen und die
Herausforderung des Engagements angehen. Das ist
die Aufgabe meiner - und Ihrer - Generation.

* * * * *

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�MILITÄR
7. Dezember 1994

CLINTON KÜNDIGT NEUE VERTEIDIGUNGSINITIATIVE AN
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton gab am 1. Dezember 1994 eine aus fünf Elementen bestehende
Initiative bekannt, die gewährleisten soll, "daß unsere Streitkräfte die Mittel und Unterstützung bekommen, die
sie zur Aufrechterhaltung ihres hohen Leistungsniveaus benötigen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ankündigung des Präsidenten.

Verteidigungsminister Perry, General Shalikashvili,
Mitglieder der Vereinigten Stabschefs. Ich habe
versprochen, daß unter dieser Administration unser
Militär die am besten ausgebildete, am besten
ausgerüstete und einsatzbereiteste Streitmacht der
Welt bleiben wird. Ich freue mich, heute gemeinsam
mit Minister Perry und den Vereinigten Stabschefs
diese Verpflichtung erneut zu bekräftigen und eine
neue Initiative anzukündigen, durch die unsere
Einsatzbereitschaft gewährleistet und unseren
Soldaten sowie ihren Familien die verdiente Unterstützung geboten wird.
Während unseres ersten Amtsjahrs haben wir eine
grundlegende Überprüfung der Verteidigungsfähigkeit unserer Nation und unserer Strategie vorgenommen. Aufbauend auf den Bestrebungen der vorigen
Administration und mit überparteilicher Unterstützung
im Kongreß setzen wir die Umstrukturierung unserer
Streitkräfte fort, um den Herausforderungen der
amerikanischen Führungsrolle im Zeitalter nach dem
Kalten Krieg zu begegnen. Ich habe angeordnet,
daß unsere Truppen zur Bewältigung von zwei
praktisch gleichzeitig stattfindenden größeren regionalen Konflikten bereit sein sollten. Seitdem habe
ich mich wiederholt Forderungen nach einem weiteren Abbau unserer Streitkräfte und Kürzungen
unseres Verteidigungshaushalts über das in der
umfassenden Überprüfung empfohlene Maß hinaus
widersetzt und weiteren Einsparungen in diesem
Bereich einen Riegel vorgeschoben.
Während der letzten beiden Jahre hat unser Militär
mehrmals seine Einsatzbereitschaft und seine
Fähigkeiten zur Kriegführung und Friedenssicherung
unter Beweis gestellt - von Korea über Makedonien
und Ruanda bis Haiti. Wir haben unseren Männern
und Frauen in Uniform große Lasten aufgebürdet,

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und sie haben wunderbar darauf reagiert. Sie haben
eine wahrhaft herausragende Fähigkeit zur schnellen
Dislozierung, Gewährleistung von Sicherheit und
Stabilität demonstriert. Als unsere Streitkräfte im
Oktober außerordentlich schnell und effizient an den
Persischen Golf entsandt wurden, verstand Saddam
Hussein, was das bedeutet. Wir haben gegen die
irakische Bedrohung der Sicherheit dieser Region
eine wirksame Abschreckung geboten. Und als
unsere Truppen in Haiti in einzigartiger Kooperationsbereitschaft zur Unterstützung unserer diplomatischen
Bestrebungen bereit standen, trugen wir dazu bei, in
dieser Nation die Weichen für eine Wiederherstellung
der Demokratie zu stellen.
Ob unsere Soldaten an Kampfhandlungen beteiligt
sind oder zur Friedenssicherung oder Bereitstellung
humanitärer Hilfsdienste eingesetzt werden - wir
müssen weiterhin ihren Bedürfnissen Rechnung
tragen, ausreichende Finanzmittel bereitstellen und
unseren militärischen Vorsprung bewahren. Minister
Perry und ich haben wiederholt darauf hingewiesen,
daß unser oberstes Ziel die Einsatzbereitschaft und
das Wohlergehen unserer Männer und Frauen in
Uniform sind und wir uns dafür engagieren. Heute
möchte ich eine aus fünf Elementen bestehende
Initiative bekanntgeben, durch die gewährleistet
werden soll, daß unsere Streitkräfte die Mittel und
Unterstützung bekommen, die sie zur Aufrechterhaltung ihres hohen Leistungsniveaus benötigen.
Erstens werde ich den Kongreß um zusätzliche 25
Milliarden Dollar für unsere in den nächsten sechs
Jahren geplanten Verteidigungshaushalte ersuchen.
Zweitens werde ich die höchste gesetzlich mögliche
Gehaltserhöhung für unser Militär bis zur Jahrhundertwende anstreben. Drittens werde ich die anderen
von Verteidigungsminister Perry im vergangenen

Seite 1

�Monat dargelegten Initiativen zur Verbesserung der
Lebensqualität uneingeschränkt unterstützen. Wir
werden das Erforderliche ausgeben um sicherzustellen, daß unsere Streitkräfte in angemessenen Wohnungen leben und die notwendige Kinderbetreuung
sowie die Unterstützung erhalten, die unsere Soldaten und ihre Familien benötigen, um unserer
Nation zu dienen. Viertens werde ich den Kongreß
bitten, in den letzten beiden Jahren unseres nächsten Sechsjahresplans für reales Wachstum des Verteidigungshaushalts zu sorgen, damit gewährleistet
ist, daß das amerikanische Militär im 21. Jahrhundert
mit dem modernsten verfügbaren Gerät ausgerüstet
ist.
Und schließlich werden wir im nächsten Jahr dem
Kongreß zusammen mit unserem Haushalt eine
zusätzliche Notfallfinanzierungshilfe für das laufende
Haushaltsjahr übermitteln, um den Streitkräften
unvorhergesehene Ausgaben für die Operationen
am Golf, der Adria, in Haiti und andernorts zu
erstatten und zu verhindern, daß wir wichtige Mittel
des Bereischaftsfonds anzapfen. Dank dieser Fonds
können wir die zur Erfüllung unserer Missionen im
kommenden Jahr erforderliche Bereitschaft und
Ausbildung aufrechterhalten.

*

Seite 2

*

Ich fordere den Kongreß auf, diesen Nachtragshaushalt rasch anzunehmen, damit wir uns nicht mit
den Problemen wie im Herbst konfrontiert sehen, als
der Kongreß seine Zustimmung zum letzten Nachtragshaushalt verzögerte.
Die heute von mir angekündigten Aktionen unterstreichen die Verpflichtung unserer Administration
und meine persönliche Verpflichtung, für unsere
Streitkräfte den höchsten Ausbildungsstand aufrechtzuerhalten und sie auf die Entsendung zu Missionen
auf der ganzen Welt binnen Stunden vorzubereiten.
Diese Aktionen werden auch gewährleisten, daß
unsere Männer und Frauen in Uniform von der
besten Unterstützung für ihre Familie überzeugt sein
können, die sie benötigen und verdienen. Wir fordern
viel von unseren Streitkräften, und wir schulden ihnen
viel. Unsere Streitkräfte sind das Rückgrat unserer
nationalen Sicherheitsstrategie. Sie stehen hinter
unseren Bestrebungen zur Bewahrung von Frieden
und Sicherheit auf der ganzen Welt. Ich fordere den
neuen Kongreß auf, diese Initiativen uneingeschränkt
zu unterstützen.
Ich danke Ihnen.

*

*

AMERIKA DIENST 48

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