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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

46

BOSNIEN

23. November 1994

ERFOLGREICHE MILITARAKTION DER NATO
Erklärung von Außenminister Christopher

ANGRIFF DER KRAJINA-SERBEN
RECHTFERTIGT MILITÄRISCHE REAKTION
DER NATO
Erklärung von Botschafterin Albright

ABRÜSTUNG

DAS RAKETENTECHNOLOGIEKONTROLLREGIME
Eine Übersicht des ACDA

MENSCHENRECHTE

USA FORDERN "NEUE ENERGIE" BEI
UN-MENSCHENRECHTSBESTREBUNGEN
Rede von Botschafterin Ferraro

THANKSGIVING

CLINTON: AMERIKANER MÜSSEN
FRIEDENSPROZESS NÄHREN
Proklamation des Präsidenten
zu Thanksgiving

GESELLSCHAFT

FAMILIENWERTE UND DIE ROLLE
DER FRAU
von James Q. Wilson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�BOSNIEN
23. November 1994

ERFOLGREICHE MILITÄRAKTION DER NATO
Erklärung von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher und NATO-Generalsekretär Willy Claes
erklärten am 21. November 1994 bei einer gemeinsamen Pressekonferenz übereinstimmend, der Luftangriff
der NATO auf den Flugplatz Udbina in Kroatien, von dem aus die Angriffe auf die UNO-Schutzzone Bihac
durchgeführt wurden, sei erfolgreich gewesen.
Christopher erklärte: "Die entsprechenden Verantwortungsträger der NATO entschieden sich für eine
militärische Mission. Sie führten sie effektiv und präzise durch."
Nachfolgend veröffentlichen wir die vom amerikanischen Außenminister bei der Pressekonferenz abgegebene
Eingangserklärung im Wortlaut.

Guten Morgen meine Damen und Herren. Ich freue
mich, Willy Claes bei seinem ersten offiziellen
Besuch in Washington in seiner Funktion als NATOGeneralsekretär begrüßen zu dürfen. Wir alle
kennen ihn natürlich durch seine vorherige herausragende Tätigkeit als Außenminister Belgiens. Willy
Claes übernimmt seine neue Rolle in einem für die
Geschichte der NATO und Europas entscheidenden
Augenblick. Sein Besuch hier findet zu einem im
Hinblick auf die langfristigen Herausforderungen in
Europa und die unmittelbaren Herausforderungen in
Bosnien besonders angemessenen Zeitpunkt statt.
Generalsekretär Claes spielte bei den bedeutenden
Ereignissen dieses Wochenendes eine wichtige
Rolle. Wie Sie wissen, gipfelten diese Ereignisse in
der Annahme von Resolution 958 durch den UNSicherheitsrat, die zum Einsatz von Luftstreitkräften
in Kroatien ermächtigt. Sofort nach dieser Aktion
des Sicherheitsrats kam der Nordatlantikrat unter der
Führung von Generalsekretär Claes zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, bei der schnelle Einigung
über die Umsetzung dieser neuen UN-Resolution
erzielt wurde.
Diesen Entscheidungen gemäß bombardierten heute
morgen Kampfflugzeuge der NATO den Flughafen
Udbina in Kroatien, von dem aus die Angriffe auf
Bihac durchgeführt wurden. Diese Angriffe stellten
sowohl eine Verletzung der Flugverbotszone als
auch der UN-Resolutionen über Schutzzonen dar.

AMERIKA DIENST 46

Wir haben von dieser Aktion erst vorläufige Berichte
erhalten, es scheint jedoch, daß es den NATOFlugzeugen gelang, die Landebahn unbrauchbar zu
machen und die den Flugplatz umgebenden BodenLuft-Raketen zu zerstören. Die Serben feuerten
einige tragbare Flugabwehrraketen ab, aber alle
Flugzeuge kehrten sicher zurück.
Ich möchte den serbischen Streitkräften gegenüber
deutlich machen, daß sie keine Maßnahmen ergreifen
sollten, mit denen die Sicherheit der UNPROFORStreitkräfte gefährdet würde. Sie sollten ihre Verletzungen der UN-Resolutionen einstellen. Sie sollten
ihre Angriffe auf Bihac einstellen. Die NATO verfügt
über umfassende Befugnis zur Verteidigung der
UNPROFOR und Gewährleistung der Befolgung der
UN-Resolutionen, und sie wird nicht zögern, diese
Autorität geltend zu machen.
Diese Angriffe bedeuten jedoch kein Ende der Krise
um Bihac. Wir werden die Lage weiterhin genau
beobachten und mit unseren Verbündeten eine Reihe
von Optionen für zusätzliche Aktionen der NATO
erarbeiten, um die Schutzzonen zu sichern und der
serbischen Offensive Einhalt zu gebieten.
Der hiesige Besuch von Generalsekretär Claes findet
zu einem besonders günstigen Zeitpunkt statt, da in
der ersten Dezemberwoche in Europa eine Reihe von
bedeutenden Zusammenkünften geplant ist. Sie
beginnen mit einem Treffen des Nordatlantikrates,

Seite 1

�dem eine Zusammenkunft des Nordatlantischen
Kooperationsrates folgt. Beide Treffen finden in
Brüssel statt. Anschließend kommen in Budapest
Vertreter der KSZE zusammen. An diesem Treffen
wird auch Präsident Clinton teilnehmen. Diese
Zusammenkünfte geben uns die wichtige Gelegenheit, unsere umfassende Strategie für Europa weiterzuentwickeln.
Die NATO ist und bleibt das Kernstück des amerikanischen Engagements für die Sicherheit Europas.
Jetzt besteht unsere Herausforderung jedoch darin,
die vom Bündnis bereitgestellte Sicherheits- und
Stabilitätszone über den ganzen Kontinent nach
Osten hin zu erweitern. Das Bündnis wird dieser
Herausforderung gerecht, indem es seine ehemaligen Gegner einbezieht und angesichts der Gefahren
für die europäische Sicherheit neue Mittel und
Ansätze entwickelt.
Die Partnerschaft für den Frieden ist das Schlüsselelement der NATO-Strategie und seit ihrer Gründung
im Januar sicherlich unser eindrucksvollster Erfolg.
Streitkräfte, die einst zum Kampf gegeneinander
ausgebildet wurden, planen und üben jetzt gemeinsam. Die Vereinigten Staaten halten eine voll

*

Seite 2

*

funktionierende und aktive Partnerschaft für den
Frieden für einen äußerst wichtigen Bestandteil der
modernen europäischen Sicherheitsstruktur. Sie stellt
eine unerläßliche Verbindung zwischen den Mitgliedstaaten und den Nichtmitgliedern der NATO dar und
ist für die eine NATO-Mitgliedschaft anstrebenden
Länder der beste Weg hierzu.
Abschließend möchte ich betonen, daß die Vereinigten Staaten sich entschieden für eine stetige,
transparente und überlegte Erweiterung der NATO
einsetzen. Es ist unser Ziel, die Stabilität in Europa
auszuweiten, anstatt alte Spaltungen zu erhalten oder
neue zu schaffen. Wir sehen einer engen Zusammenarbeit mit Generalsekretär Claes und unseren
Verbündeten erwartungsvoll entgegen, während wir
diesen bedeutenden Prozeß zur Erweiterung der
NATO und Integration Europas durchlaufen.
Herr Generalsekretär - Willy - Sie sind hier herzlich
willkommen. Meines Erachtens ist es äußerst
angebracht und günstig, daß Sie gerade an dem
Wochenende den Vereinigten Staaten einen Besuch
abstatten, an dem diese wichtigen Entscheidungen
getroffen wurden.

* *

AMERIKA DIENST 46

�BOSNIEN
23. November 1994

ANGRIFF DER KRAJINA-SERBEN RECHTFERTIGT
MILITÄRISCHE REAKTION DER NATO
Erklärung von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In einer Ansprache vor dem UN-Sicherheitsrat nach der Genehmigung von
Luftangriffen auf Ziele in Kroatien stellte die amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, am 19. November 1994 fest, der Angriff der Krajina-Serben auf die bosnische Schutzzone
Bihac rechtfertige "eine militärische Reaktion der NATO" und fügte hinzu, "alle - heute oder in Zukunft
gestellten - Anträge auf Luftangriffe der NATO auf Ubdina werden eine positive Reaktion hervorrufen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Ich möchte zunächst den Mitgliedern dieses Rats
verdeutlichen, warum wir weiterhin über das Thema
Bosnien beraten müssen. Im Juli wurde der von der
Kontaktgruppe erarbeitete Friedensplan vom Sicherheitsrat verabschiedet. In der Zwischenzeit hat
die bosnische Regierung dem Plan ebenso wie die
bosnischen Kroaten zugestimmt - nur die bosnischen
Serben haben sich geweigert.
Weil die bosnischen Serben den Friedensplan nicht
unterzeichnet haben, dauern die Kämpfe in Bosnien
an und eskalieren. Ich weiß, daß einige Bosnien für
die jüngsten Angriffe auf die Streitkräfte der bosnischen Serben in Mittel- und Westbosnien verurteilen.
Meine Regierung bedauert die andauernden Kampfhandlungen. Wir sollten jedoch Angriffe zur Rückgewinnung von durch Aggression verlorenem Territorium nicht mit Aggression selbst verwechseln. Wir
sollten die Aktionen einer Regierung, die ihren
Wunsch nach Frieden zum Ausdruck gebracht hat,
nicht mit einer kleinen, unnachgiebigen, kriegstreiberischen Gruppe verwechseln. Die bosnische
Regierung hat diesen Krieg nicht begonnen und will
ihn beenden. Die bosnischen Serben haben diesen
Krieg begonnen und weigern sich, ein Abkommen zu
seiner Beendigung zu unterzeichnen.
Wir stehen jetzt an einem Wendepunkt. Zur Unterstützung der Aggression der bosnischen Serben
kollaborieren die sogenannten Krajina-Serben bei
einem Angriff auf das souveräne Territorium von
Bosnien-Herzegowina. Sie stellen die Regierung
Kroatiens vor ein schwieriges Dilemma. Die Vereinigung des von den sogenannten Krajina-Serben
gehaltenen Territoriums mit von den bosnischen

AMERIKA DIENST 46

Serben kontrolliertem Territorium könnte die Regierung Kroatiens zur Intervention veranlassen und so
eine neue Eskalation des Krieges bewirken. Die
kroatische Regierung hat bisher lobenswerte Zurückhaltung geübt.
Kein Mitglied dieses Rats sollte jedoch Zweifel daran
hegen, daß die Kollaboration der Krajina-Serben bei
der Aggression der bosnischen Serben einen größeren Balkankrieg auslösen könnte.
Die Streitkräfte der Krajina-Serben haben eine
internationale Grenze verletzt. Ihre Angriffe aus der
Luft und vom Boden aus gefährden die Zivilisten in
Bihac, ganz zu schweigen von den dort stationierten
UNO-Truppen.
Dieser Rat hat jetzt eindeutig klargestellt, daß der
Einsatz von Luftstreitkräften zum Angriff auf Ziele in
Kroatien genehmigt ist, die Schutzzonen in Bosnien
oder in Bosnien operierende UNO-Truppen bedrohen.
Gestern haben die Krajina-Serben Bosnien angegriffen, und der UNO-Befehlshaber für das ehemalige
Jugoslawien, General De Lapresle, hat das Thema
einer Reaktion der NATO aus der Luft angesprochen.
Meine Regierung vertritt die Auffassung, daß eine
unverzügliche positive Antwort in den Resolutionen
dieses Rats eine juristische Handhabe haben würde.
Heute morgen wurde ein von demselben Flugplatz in
Ubdina aus gestarteter Angriff auf Ziele in der Enklave Bihac gerichtet. Wiederum waren Opfer unter
der Zivilbevölkerung das tragische Resultat. Wir
sollten unmißverständlich klarstellen: Wir werden

Seite 1

�Zeuge von Aktivitäten auf dem Flugplatz Ubdina, die
die Schutzzone Bihac, die Zivilisten in der Enklave
Bihac und die dort stationierten UNPROFOR-Truppen gefährden.
Meine Regierung ist der Ansicht, daß dieses Muster
militärischer Aktivitäten eine militärische Reaktion der
NATO rechtfertigt.
•

Seite 2

*

Aus diesem Grund begrüßen wir diese Resolution.
Sie verdeutlicht die Absicht dieses Rats, die Bombardierung Bosniens zu verhindern.
Wir gehen davon aus, alle - heute oder in Zukunft
gestellten - Anträge auf Luftangriffe der NATO auf
Ubdina werden eine positive Reaktion hervorrufen.

*

*

AMERIKA DIENST 46

�ABRÜSTUNG
23. November 1994

DAS RAKETENTECHNOLOGIE-KONTROLLREGIME
Eine Übersicht des ACDA
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die kürzlich vom US-Amt für Rüstungskontrolle und
Abrüstung (Arms Control and Disarmament Agency - ACDA) herausgegebene Übersicht über das
Raketentechnologie-Kontrollregime 1987.

Der Eckpfeiler der amerikanischen Raketen-Nichtverbreitungspolitik ist das Raketentechnologie-Kontrollregime (Missile Technology Control Regime MTCR). Das MTCR wurde 1987 von den Vereinigten Staaten mit ihren Wirtschaftspartnern in der G-7
(Bundesrepublik
Deutschland, Großbritannien,
Italien, Japan und Kanada) ins Leben gerufen.
Heute sind 25 Nationen Mitglieder des MTCR.
Zusätzlich zu der wachsenden Anzahl von Mitgliedern nimmt auch die Zahl von Ländern zu, die
einseitig die Richtlinien einhalten.
Ziel des MTCR ist die Einschränkung der Verbreitung von Raketen, unbemannten Luftfahrzeugen und
verwandter Technologie für diese Systeme, die eine
Nutzlast von 500 Kilogramm über eine Entfernung
von mindestens 300 Kilometern befördern können
sowie von Trägersystemen für Massenvernichtungswaffen.
Dem MTCR zufolge versteht man unter Raketen
ballistische Raketen, Trägerraketen für Raumfahrzeuge und Sondenraketen. Zu den unbemannten
Luftfahrzeugen zählen Marschflugkörper, Dronen
und ferngesteuerte Fahrzeuge.
Ursprünglich befaßte sich das MTCR nur mit nuklearfähigen Trägersystemen. Seit dem Golfkrieg im
Jahr 1991 wurde das MTCR erweitert und umfaßt
nun Raketen, die als Trägersysteme für alle Massenvernichtungswaffen (nukleare, chemische und
biologische) dienen können.
Das MTCR ist weder ein Vertrag noch ein internationales Abkommen, sondern ein freiwilliges
Arrangement zwischen Ländern mit einem gemeinsamen Interesse an der Einschränkung der Raketenverbreitung. Das Regime besteht aus gemeinsamen
Exportrichtlinien, die auf eine gemeinsame Liste
kontrollierter Güter Anwendung finden.
Jedes

AMERIKA DIENST 46

Mitgliedsland erfüllt seine Verpflichtungen im Kontext
seiner eigenen nationalen Exportgesetze.
Die kontrollierten Güter sind im MTCR-Anhang über
Gerät und Technologie aufgeführt, der Technologie in
zwei Kategorien einteilt. Kategorie I besteht aus
vollständigen Raketen oder in einem System der
Kategorie I verwendbaren vollständigen Untersystemen. Der Transfer von Gütern der Kategorie I
erfordert eine Prüfung von Fall zu Fall, die zur
Verweigerung des Transfers führen kann.
Der
Transfer von speziell entworfenen Produktionseinrichtungen für diese Systeme ist definitiv verboten.
Kategorie II umfaßt ein breites Spektrum von Mehrzwecktechnologien. Der Transfer dieser Güter ist
gestattet, solange sie nicht für die endgültige Verwendung in Systemen der Kategorie I vorgesehen
sind.
Die MTCR-Richtlinien stellen ausdrücklich fest, daß
das Regime "nicht darauf ausgerichtet ist, nationale
Weltraumprogramme oder die internationale Zusammenarbeit bei solchen Programmen zu behindern, solange solche Programme nicht zu Trägersystemen für Massenvernichtungswaffen beitragen
können". Die Vereinigten Staaten halten sich an eine
strikte Interpretation dieser Erklärung. Trotz einiger
Meinungsverschiedenheiten im Hinblick auf die
kommerzielle Anwendung im All stimmen alle Partner
überein, daß die in Trägerraketen für Raumfahrzeuge
verwendete Technologie mit der in einer ballistischen
Rakete verwendeten absolut identisch ist, die ein
echtes Potential für Raketenverbreitung darstellt.
Das Bild der weltweiten Raketenverbreitung ist
gemischt: Die Vereinigten Staaten und ihre MTCRPartner hatten einen gewissen Erfolg bei der Verlangsamung der Verbreitung, aber die Raketenentwicklung und der Technologietransfer dauern an.
Rußland und die Ukraine haben bilaterale Raketen-

Seite 1

�abkommen mit den Vereinigten Staaten unterzeichnet, und Ungarn war das erste Land in Osteuropa,
das dem MTCR beigetreten ist. In Südamerika
wurde Argentiniens Condor-Raketenprogramm
eingestellt, was zum Beitritt des Landes zum MTCR
im Dezember 1993 führte. Am 4. Oktober 1994
unterzeichneten die Vereinigten Staaten und Südafrika ein bilaterales Export-Import-Abkommen über
Raketen sowie eine gemeinsame Erklärung über
Schritte, die Südafrika zur Beendigung seines
Kategorie I-Raketenprogramms unternehmen wird.
Das bilaterale Abkommen verpflichtet Südafrika zur
Einhaltung der MTCR-Richtlinien.
Andererseits dauert die Raketenverbreitung in
Südasien an, obwohl die MTCR-Kontrollen weitere
Fortschritte vereitelt haben. Staaten im Nahen

* *

Seite 2

Osten setzen ihre Beschaffung von Raketensystemen
fort. Nordkorea ist weiterhin ein verbrecherischer
Lieferant von Raketen und Technologie. Bei ihren
Bemühungen zur Unterbindung dieser Aktivitäten
verhängen die Vereinigten Staaten unilaterale Sanktionen beim Raketenhandel oder üben politischen
Druck gegen Nichtmitgliedsländer des MTCR aus, die
in Verletzung der MTCR-Normen Transfers vornehmen.
(Mitgliedstaaten des MTCR sind zur Zeit: Argentinien, Australien, Belgien, Dänemark, Deutschland,
Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien,
Irland, Island, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg,
Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Österreich,
Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien, Ungarn und
die Vereinigten Staaten.)

*

*

AMERIKA DIENST 46

�MENSCHENRECHTE
23. November 1994

USA FORDERN "NEUE ENERGIE" BEI
UN-MENSCHENRECHTSBESTREBUNGEN
Rede von Botschafterin Ferraro
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinigten Staaten wollen dem UN-Menschenrechtssystem "neue Energie
und Zielsetzungen verleihen", erklärte US-Botschafterin Geraldine Ferraro am 16. November 1994 in einer
Rede vor dem Dritten Ausschuß der UN-Generalversammlung und verwies auf die Ratifizierung von zwei
Menschenrechtsverträgen durch die Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr - die Konvention gegen Folter
und grausame, unmenschliche und entwürdigende Behandlung sowie die Konvention über die Abschaffung
aller Formen von Rassendiskriminierung. Ferner drängen die Vereinigten Staaten auf die Ratifizierung der
Konvention über die Abschaffung aller Formen von Diskriminierung gegen Frauen.

Die Ratifizierung von Verträgen und die Gründung von Institutionen allein werden nicht die rassischen und
ethnischen Spannungen oder andere Menschenrechtsprobleme der Welt lösen, so Ferraro, aber "diese
Konventionen und die sich auf natürliche Weise daraus ergebenden Debatten bilden die Grundlage für den
Aufbau einer internationalen Gemeinschaft mit mehr Fairness, Pluralismus und letztlich mehr Gerechtigkeit".
"Die Vereinigten Staaten wollen in der jetzt stattfindenden Debatte über sich abzeichnende internationale
Normen eine effektivere Rolle spielen. Im Ausschuß über Rassendiskriminierung und andernorts wollen wir
die auf hartem Wege erworbenen Erfahrungen der Vereinigten Staaten bei der Bekämpfung von Rassen- und
anderen Formen der Diskriminierung mit der Weltgemeinschaft teilen", stellte die Vertreterin der Vereinigten
Staaten beim UN-Menschenrechtsausschuß, Ferraro, fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Ferraro im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, als Vertreterin der Vereinigten
Staaten bei der UN-Menschenrechtskommission bin
ich besonders erfreut, vor dem Dritten Ausschuß
über das wichtige Thema der Umsetzung von
Menschenrechtsinstrumenten sprechen zu dürfen.
Inzwischen ist es eine Binsenwahrheit, daß wir nach
dem Ende des Kalten Krieges und der tiefgreifenden
ideologischen Auseinandersetzungen, die unser
Jahrhundert definierten, an der Schwelle einer neuen
und im großen und ganzen ungenau skizzierten Welt
stehen.
Es ist eine Welt großer Versprechungen, gleichzeitig
sind wir jedoch mit schwierigen und in höchstem
Maße beunruhigenden Problemen auf der Weltbühne konfrontiert. Wir sehen, wie ethnische und
rassische Spannungen für politische Zwecke ausgenutzt, zu gewalttätigen Flächenbränden geschürt
werden, oder heimtückisch in Gesellschaften am
Werk sind. Wir beobachten, wie repressive Regierungen sich dem weltweiten Trend zu Menschen-

AMERIKA DIENST 46

rechten, Demokratie und bürgerlichen Gesellschaften
hartnäckig widersetzen. Wir sehen, wie wirtschaftliche, demographische und umweltpolitische Zwänge
die Regierungen in ungekanntem Maße belasten.
Diese Probleme werten wiederum Herausforderungen
für die Kreativität und den Einfallsreichtum der
internationalen Staatengemeinschaft bei der Gestaltung und Umsetzung des Völkerrechts auf.
Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
zählen zu den wichtigsten Prinzipien, die uns bei der
Suche nach Lösungen für die globalen Herausforderungen leiten müssen. Diese Prinzipien sind fest in
das Gefüge der Weltgeschichte eingebettet und
verkörpern das Streben von Männern und Frauen auf
der ganzen Welt. Unter der Führung von Präsident
Clinton sind die Vereinigten Staaten in Zusammenarbeit mit der internationalen Staatengemeinschaft
dem Aufbau einer Welt auf der Grundlage dieser
Prinzipien verpflichtet.

Seite 1

�Eines der von uns zu diesem Zweck eingesetzten
Instrumente ist das Völkerrecht. Seit den ersten
Tagen ihrer Amtszeit war die Clinton-Administration
der Ratifizierung wichtiger Menschenrechtsverträge
und -konventionen verpflichtet.
Im vergangenen Jahr haben die Vereinigten Staaten
in dieser Hinsicht eine Reihe von Schritten unternommen.
Erstens haben wir die Konvention gegen Folter und
grausame, unmenschliche und entwürdigende Behandlung unterzeichnet. Bei der Weltkonferenz über
Menschenrechte in Wien vergangenes Jahr drängte
die US-Regierung alle Nationen zur Verabschiedung
von Gesetzen, um Isolationshaft zu verhindern und
den Menschenrechtsorganen Vor-Ort-Inspektionen
aller Inhaftierungseinrichtungen zu gestatten.
Unserer Auffassung nach sollten Folterer einzeln für
ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden und
es sollte keine Statuten oder Einschränkungen
bezüglich ihrer Verfolgung geben.
Zweifelsohne stimmen alle Menschen guten Willens
überein, daß die Praxis der Folter beendet werden
muß - zu diesem Punkt besteht ein Konsens. Und
indem wir zunächst einen Konsens zu grundlegenden Problemen wie Folter erzielen, können wir die
Grundlage für ein erneuertes Völkerrecht bilden, das
die Achtung der Menschenrechte fördert.
Die Vereinigten Staaten haben auch eine Führungsrolle bei der Hilfe für Folteropfer übernommen. Ich
freue mich bestätigen zu können, daß die Vereinigten Staaten im Jahr 1994 1,5 Millionen Dollar zu
dem freiwilligen Fonds für Folteropfer der Vereinten
Nationen beigetragen haben.
Zweitens haben wir die Konvention über die Abschaffung aller Formen von Rassendiskriminierung
ratifiziert. Diese Konvention wird zu einem wertvollen Werkzeug, wenn die internationale Staatengemeinschaft aus rassischen und ethnischen Animositäten entstehende humanitäre und Menschenrechtskrisen anspricht und auf sie reagiert. In diesem
Zusammenhang sind wir über den von der internationalen Staatengemeinschaft während der letzten
Sitzung der UN-Menschenrechtskommission erzielten Konsens erfreut, daß Antisemitismus in der Tat
eine Form von Rassismus ist.
Die Vereinigten Staaten wollen in der jetzt stattfindenden Debatte über sich abzeichnende internationale Normen eine effektivere Rolle spielen. Im
Ausschuß über Rassendiskriminierung und andern-

*

Seite 2

*

orts wollen wir die auf hartem Wege erworbenen
Erfahrungen der Vereinigten Staaten bei der Bekämpfung von Rassen- und anderen Formen der
Diskriminierung mit der Weltgemeinschaft teilen.
Drittens haben wir dem UN-Menschenrechtsausschuß
den ersten Bericht der Vereinigten Staaten über die
Befolgung eines internationalen Menschenrechtsinstruments, speziell der internationalen Konvention
über bürgerliche und politische Rechte, durch unser
Land vorgelegt.
Unseres Erachtens bieten die
Rechts- und politischen Systeme der Vereinigten
Staaten unserem Volk einen Menschenrechtsschutz
von Weltklasse. Wir sind stolz auf unsere Bilanz im
Inland, arbeiten hart an der Behebung unserer
eigenen Unzulänglichkeiten und sind erfreut, unsere
Verpflichtung zu der Konvention durch die uneingeschränkte Berichterstattung über ihre Einhaltung
durch unser Land zu stärken.
Und schließlich verfolgt die Administration aktiv die
Ratifizierung der Konvention über die Abschaffung
aller Formen von Diskriminierung gegen Frauen,
worüber wir im vergangenen Monat positive Berichte
vom amerikanischen Senatsausschuß für auswärtige
Beziehungen erhielten. Wir hoffen, daß wir mit der
Wiederaufnahme der Sitzungen durch den Kongreß
auch für dieses Instrument die endgültige Zustimmung erhalten.
All diese Bestrebungen sind Teil unserer umfassenderen Bemühungen, dem UN-Menschenrechtssystem
neue Energie und Zielsetzungen zu verleihen. Eine
der bei der Weltkonferenz über Menschenrechte in
Wien im vergangenen Jahr gelernten Lektionen
lautete, daß multilaterale Gremien und nichtstaatliche
Organisationen eine zunehmend weitreichende Rolle
bei der Gestaltung der Welt nach dem Kalten Krieg
spielen. Durch Zusammenarbeit können Regierungen, multilaterale und nichtstaatliche Organisationen
einen entscheidenden und nachhaltigen Effekt auf die
Entwicklung und Stärkung von Menschenrechtsmechanismen bewirken.
Wir glauben nicht, daß die Ratifizierung von Verträgen und die Gründung von Institutionen allein die
rassischen und ethnischen Spannungen oder andere
Menschenrechtsprobleme der Welt lösen, repressive
Regierungen stürzen oder politische Systeme reformieren wird. Aber diese Konventionen und die sich
auf natürliche Weise daraus ergebenden Debatten
bilden die Grundlage für den Aufbau einer internationalen Gemeinschaft mit mehr Fairness, Pluralismus und letztlich mehr Gerechtigkeit.

*

*

AMERIKA DIENST 46

�THANKSGIVING
23. November 1994

CLINTON: AMERIKANER MÜSSEN
FRIEDENSPROZESS NÄHREN
Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving
WASHINGTON - (AD) - In einer Proklamation zu dem in diesem Jahr am 24. November gefeierten
Thanksgiving appellierte Präsident Clinton an die Amerikaner, die Verantwortung zu übernehmen, "auf der
ganzen Welt den Friedensprozeß und die Menschenrechte mit Anteilnahme zu nähren".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Proklamation des Präsidenten.

Während sich das Jahr dem Ende zuneigt, sind wir
erneut mit Dank für die Gaben des fruchtbaren
Bodens erfüllt. Seit 206 Jahren haben die Amerikaner die Ernte im Herbst mit Dankbarkeit und Freude
begrüßt. Am Thanksgiving Day legen wir unsere
tägliche Routine ab, um der Vielfalt und Gnade der
göttlichen Vorsehung zu danken. Wir begeben uns
in den Schoß der Familie und der Gemeinde und
besinnen uns auf die Herausforderung, Verantwortung und die Privilegien, die wir als Bürger der
Vereinigten Staaten haben.
Es ist unser großes Glück, in einem Land des
Überflusses und der Versprechungen zu leben einem Land der Freiheit für alle. Nur wenige Generationen von den Gründern unserer Nation entfernt,
setzen wir den Weg zu Stabilität und Gerechtigkeit
fort. Beim Streben, uns näher zu Gottes Gnaden zu
erheben, sind wir weiterhin entschlossen, das Leid
der vielen Menschen zu mildern, die nur Armut und
Verzweiflung kennen. Unsere Reise ist noch lange
nicht beendet.
Unser Ziel muß die Bereitstellung der Mittel für jeden
von uns sein, Wohlstand zu mehren sowie eine gute
Ausbildung, ein erfülltes Arbeitsleben, Gesundheitsfürsorge und persönliche Sicherheit zu genießen.
Unsere Verantwortung ist die Schärfung des nationalen Bewußtseins, damit wir uns durch die Förderung
von Tugenden, Klugheit und moralischen Werten an
unserem Wachsen als ein Volk erfreuen können.
Unsere Herausforderung besteht darin, gerechte und
faire Hilfe und Ermutigung zu bieten, die das

menschliche Leiden mildern. Es ist unsere Verantwortung, auf der ganzen Welt den Friedensprozeß
und die Menschenrechte mit Anteilnahme zu nähren.
Und wie bei anderen Pionieren vor uns, ist es unser
Privileg, nach hehren Zielen zu streben.
Während sich im ganzen Land die Menschen mit
ihren Lieben versammeln, um sich der Fülle der
Gaben von Thanksgiving zu erfreuen, lade ich jede
Familie, jede Kirchengemeinde, jede Gemeinde und

jede Stadt ein, unser amerikanisches Erbe zu feiern.
Reicht den Menschen in Eurer Heimatstadt die Hand
der Freundschaft und Zusammenarbeit. Übernehmt
die Verantwortung, allen Bewohnern der Erde Eintracht und Hoffnung, Frieden und Wohlstand zu
bringen. Teilt das Privileg der Freiheit und die
Herausforderung, auf eine bessere Welt hinzuarbeiten.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der mir durch die Verfassung und die Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, Donnerstag, den 24. November 1994 zum nationalen Feiertag
Thanksgiving. Ich fordere die Bürger dieser großartigen Nation auf, diese geliebte Tradition fortzusetzen und zu stärken, indem sie sich zu Hause und in
Gotteshäusern versammeln, um ihren tiefempfundenen Dank für die zahlreichen Segnungen unseres
Lebens zum Ausdruck zu bringen.
Unterzeichnet am 27. Tag des Oktober, im Jahre des
Herrn 1994 und im 219. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika.

* * * * *

AMERIKA DIENST 46

Seite 1

�GESELLSCHAFT
23. November 1994

FAMILIENWERTE UND DIE ROLLE DER FRAU
von James Q. Wilson
WASHINGTON - (AD) - Wir beobachten tiefgreifende, weltweite, langfristige Veränderungen der Familie, die
wahrscheinlich von Dauer sind. Der Verfasser des nachfolgend veröffentlichten Artikels erörtert den
Niedergang der Familie - die Abnahme dauerhafter Ehen und ehelicher Geburten - und vertritt die Ansicht, da
dieses Phänomen in vielen Ländern zu beobachten sei, könne es nicht ausschließlich als Ergebnis der Politik
oder Eigenheiten einer Gesellschaft betrachtet werden.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Commentary, April 1993. Copyright (c)
1993 James Q. Wilson.

Es gibt zwei Ansichten über die heutige amerikanische Familie - eine wird von der Öffentlichkeit, die
andere von der politischen Elite vertreten. Die
Meinung der Öffentlichkeit lautet folgendermaßen:
Die Familie ist der Ort, an dem Kindern die meisten
grundlegenden Werte beigebracht werden.
Im
Verlauf der letzten Jahre sind diese Werte jedoch
weniger sicher geworden, teilweise weil die Familie
selbst schwächer geworden ist, teilweise weil ihre
Konkurrenten - vor allem Fernsehen und Kinos stärker wurden. Ein Grund, warum die Familie
schwächer geworden ist, liegt darin, daß immer
mehr Kinder in Familien mit nur einem Elternteil
aufwachsen, wobei dieser oftmals eine Mutter im
Teenageralter ist. Ein weiterer Grund ist, daß die
Eltern - sei es in Familien mit einem alleinerziehenden oder mit zwei Elternteilen - weniger Zeit mit
ihren Kindern verbringen. Da Werte wie die Familie
so wichtig sind, sollten die Kandidaten für politische
Ämter darüber sprechen, obwohl nicht klar ist, ob die
Regierung in dieser Hinsicht viel unternehmen kann.
Die überwiegende Mehrheit der Amerikaner ist der
Ansicht, es sei für die Kinder besser, wenn ein
Elternteil zu Hause bleibt und nicht berufstätig ist,
selbst wenn der Familie dadurch weniger Geld zur
Verfügung steht.
Unter Wissenschaftlern und Politikern ist kein solcher
Konsens zu finden. Das spricht für sich. Von vielen
für selbstverständlich gehaltene Ansichten über die
Familie werden unter denjenigen kontrovers diskutiert, deren Aufgabe in der Erforschung oder Förderung der Familie besteht.

AMERIKA DIENST 46

Ein gutes Beispiel für die Argumentationsweise der
Elite war kürzlich auf der ersten Seite von The
Washington Post zu lesen. Ein Journalist zitierte
die Aussage einiger Sozialwissenschaftler, die
herkömmliche, aus zwei Elternteilen bestehende
Familie sei nicht so wichtig für die gesunde Entwicklung von Kindern wie ursprünglich angenommen.
Dadurch fühlte sich David Popenoe, Soziologieprofessor an der Rutgers University, der ausführlich
über die Familie publizierte, berufen, The New York
Times einen Artikel zu senden, der die in The Post
gemachten Aussagen in Frage stellte. Popenoe
behauptete, "Dutzende" von Studien seien zu der
gegenteiligen Schlußfolgerung gelangt, und die Fülle
der Beweise unterstütze "entschieden" die Ansicht,
eine Familie mit zwei Elternteilen sei besser als eine
Familie mit einem alleinerziehenden Elternteil.
"Entschieden" vielleicht für ihn, aber nicht für andere.
Judith Stacey, Soziologieprofessorin an der University
of California in Davis, antwortete in einem Leserbrief
an The Times, der Wert einer Familie mit zwei
Elternteilen sei lediglich ein nicht durch empirische
Studien belegtes "weitverbreitetes Vorurteil". Popenoe versucht ihr zufolge, "fehlgeleitete Nostalgie ... in
sozialwissenschaftliche Wahrheit" umzuwandeln. Die
Familienforscherin Arlene Skolnick und der Kriminologe Jerome Skolnick, beide an der University of
California in Berkeley tätig, räumten ein, Popenoe
möge zwar recht haben, aber durch eine solche
Aussage in der Öffentlichkeit könnten die Kinder
"unnötig stigmatisiert werden", die nicht in Mustertamilien aufwachsen.

Seite 1

�Die von Stacey und den Skolnicks vertretenen
Überzeugungen sind durchaus repräsentativ für die
Ansichten von Wissenschaftlern zu diesem Thema.
Auch viele Politiker und Journalisten geben diese
Gedanken wider und führen das Argument noch
einen Schritt weiter: Ein Haushalt mit zwei Elternteilen, in dem der Vater berufstätig ist und die Mutter
zu Hause bleibt, ist nicht nur ein nostalgisches
Vorurteil und eine fälschliche Stigmatisierung, sondern auch eine Art von Familie, die kaum mehr
existiert. Die Zeitungen weisen täglich darauf hin,
daß die meisten Kinder nicht in Familien mit zwei
Elternteilen aufwachsen. Die Botschaft ist eindeutig:
Eine aus zwei Elternteilen bestehende Familie ist
nicht nur nicht besonders gut für die Kinder, sondern
glücklicherweise auch im Abnehmen begriffen.
Ob Familien mit zwei Elternteilen für die Kinder gut
sind oder nicht - es ist eindeutig falsch, daß diese
Art von Familie ein historisches Relikt geworden ist.
Obwohl - insbesondere unter Schwarzen - der Anteil
der Kinder, die einen Teil oder sogar Großteil ihrer
Jugend in Familien mit einem Elternteil verbringen,
drastisch angestiegen ist, lebt die überwältigende
Mehrheit der Kinder - landesweit ungefähr 73
Prozent - bei verheirateten Eltern. Heutzutage ist es
wahrscheinlicher als früher, daß in diesen Familien
die Mütter berufstätig sind, wenn auch meistens
nicht ganztags.
Die Sprache, in der die Debatte über Familien mit
zwei Elternteilen geführt wird, deutet darauf hin, daß
es um mehr geht als wissenschaftliche Unsicherheit.
Wenn es den Amerikanern einzig und allein um die
Frage gegangen wäre, ob Familien mit einem oder
zwei Elternteilen besser für die Kinder sind, würde
zwar immer noch eine Debatte geführt, jedoch nicht
im Ton kaum verhüllter Wut in den Leitartikeln der
Zeitungen.
Es geht natürlich um die Rolle der Frau. Kritiker
fürchten, mit der aus zwei Elternteilen bestehenden
Familie werde eine Institution verteidigt, in der
Frauen ih'em Ehemann untergeordnet und auf
Hausarbeit beschränkt sind, keine Karrierechancen
haben und ihre Kinder in dem Glauben erziehen
müssen, daß dieses Arrangement richtig sei. Die
Verteidigung der traditionellen Familie kommt der
Verteidigung des Sexismus gleich. Da die überwiegende Mehrheit alleinerziehender Elternteile
Frauen schwarzer Hautfarbe sind, ist eine Kritik
solcher Familien nicht nur sexistisch, sondern
rassistisch.

Rechte des einzelnen respektieren, wurden viele
Ehen nur respektiert, wenn sie auf der Achtung von
Rechten basierten. Was für die Kinder das Beste sei,
wurde nicht diskutiert. Kinder, so schien es, waren in
einer Ehe nebensächlich, mit Ausnahme der Tatsache, daß sie für ihre Eltern, insbesondere ihre Mütter,
eine Last darstellen.
Die Beweismittel
Eine auf Rechten basierende, individualistische
Einstellung zur Ehe ist an sich schon fraglich. Diese
theoretischen Fragen wurden jedoch zu unüberwindlichen Einwänden, wenn gezeigt werden konnte,
daß Kindern das Leben mit einer alleinerziehenden
Mutter, in einer Wohngemeinschaft oder bei einem
geschiedenen Elternteil schadete.
Eine in den
siebziger Jahren durchgeführte wissenschaftliche
Untersuchung von Familien erbrachte jedoch keine
unumstrittenen Beweismittel die zeigten, daß das der
Fall war. In mehreren Studien wurde der Versuch
unternommen, die Auswirkungen des Lebens mit
einer alleinerziehenden Mutter auf die schulischen
Leistungen, den beruflichen Erfolg und das Verhalten
eines Kindes zu quantifizieren. Viele Studien entdeckten jedoch entweder keine oder verschwommene
beziehungsweise fragwürdige Auswirkungen.
Ich wurde mir dessen erstmals Anfang der achtziger
Jahre bewußt, als der Psychologe Richard J. Herrnstein von der Harvard University und ich zusammen
Crime and Human Nature verfaßten. Eine meiner
Aufgaben bestand darin, den ersten Entwurf des
Kapitels über die Auswirkungen sogenannter zerrütteter Familien auf die Verbrechensrate anzufertigen.
Ich erwartete, eine Unmenge von Studien zu finden
die belegten, durch das Leben mit einer alleinerziehenden Mutter steige die Neigung eines Kindes,
insbesondere eines Jungen, für kriminelles Verhalten.
Das Ergebnis entsprach jedoch nicht meinen Mutmaßungen. Sicherheitshalber befaßte ich mich auch mit
der bekannten Tatsache, daß eine unverhältnismäßig
große Anzahl männlicher Gefangener aus zerrütteten
Familien stammen, aber sie haben oft auch Eltern,
die selbst Verbrechen begingen oder kommen aus
armen, Minderheiten angehörenden Familien. Da
diese Faktoren - Klasse, Rasse, Straffälligkeit der
Eltern und Familienstatus - in Zusammenhang
stehen, wurde nicht klar, daß der familiäre Hintergrund unabhängig von der individuellen Persönlichkeit
oder den Lebensumständen Auswirkungen hat.
Unterschiedliche Elternhäuser

Hauptthema vieler Veröffentlichungen über Ehe und
Familie während der siebziger und achtziger Jahre
waren die Rechte des einzelnen. Ebenso wie
Regierungen nur dann legitim sind, wenn sie die

Seite 2

Seit ich dieses Kapitel schrieb, wurden jedoch immer
mehr Beweise dafür gefunden, daß Familien mit nur
einem Elternteil schlecht für die Kinder sind. Es wird

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�nur dann einen abschließenden Beweis für diese
Behauptung geben, wenn Sozialwissenschafter
Babys bei ihrer Geburt willkürlich an Familien mit
einem oder zwei Elternteilen unterschiedlicher
wirtschaftlicher Situation und ethnischer Herkunft
verteilen und dann beobachten, wie sie heranwachsen. Glücklicherweise wird ein solcher Versuch
durch Gesetze und Traditionen unwahrscheinlich.
Die besten Beweise stammen jedoch aus Langzeitstudien, in denen Kinder in der Familie beobachtet
werden, die die Natur ihnen gab.
Ein Beispiel: Seit mehreren Jahren haben der
Psychiater Sheppard Kellam und seine Kollegen an
der Johns Hopkins University mehrere Hundert
arme, schwarze Kinder - angefangen im Alter von
sechs Jahren - beobachtet, die in einem heruntergekommenen Bezirk von Chicago leben. Jedes Kind
entstammt einer ganz anderen Art von Familie,
abhängig davon, wieviele und welche Erwachsenen
ihr angehören. Bei einem Drittel der Familien war
die Mutter der einzige anwesende Erwachsene, bei
einem weiteren Drittel gehörten ihr beide Elternteile
an. (Nur ein sehr kleiner Teil lebte ohne die Mutter
beim Vater). Der verbleibende Teil bestand aus
verschiedenen Kombinationen von Müttern, Großeltern, Onkeln, Tanten, erwachsenen Schwestern
und Brüdern sowie verschiedenen Verwandten. Im
Alter von acht Jahren befanden sich die Kinder
alleinerziehender Mütter im Hinblick auf ihre Sozialisierung in der schlechtesten Lage. Nach 10 Jahren
begingen die Söhne alleinerziehender Mütter (zu
diesem Zeitpunkt etwa die Hälfte) unabhängig vom
Einkommen der Familie mehr Straftaten als diejenigen, die in Familien mit mehreren Erwachsenen,
insbesondere einem Vater, aufwuchsen.
Eine bedeutende Studie jüngeren Datums über die
Familienstruktur wurde 1988 vom amerikanischen
Gesundheitsministerium durchgeführt. Sie befaßt
sich mit der familiären Situation von über 60.000
Kindern aus dem ganzen Land. Es wurden Befragungen durchgeführt, um Probleme der Kinder in
bezug auf Gesundheit, schulische Leistungen und
Verhalten zu erfassen. Die Resultate wurden nach
Alter, Geschlecht und ethnischer Herkunft des
Kindes sowie Einkommen und Familienstand der
Eltern tabellarisch angeordnet.
Die Ergebnisse waren verblüffend.
Auf jedem
Einkommensniveau mit Ausnahme des höchsten
(über 50.000 Dollar jährlich) ging es den Kindern
beiderlei Geschlechts - Weißen, Schwarzen und
Hispanoamerikanern gleichermaßen - die mit einer
unverheirateten oder geschiedenen Mutter zusammenlebten, wesentlich schlechter als den in Familien
mit beiden Elternteilen lebenden. Im Vergleich zu
Kindern, die bei beiden biologischen Eltern leben,

AMERIKA DIENST 46

war bei Kindern Alleinerziehender die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch, der Schule verwiesen oder
suspendiert zu werden, emotionale oder Verhaltensstörungen zu zeigen und Probleme mit ihrer Peergroup zu haben. Ferner zeigten sie viel eher asoziales Verhalten. Diese Unterschiede manifestierten
sich in Haushalten mit einem Einkommen von mehr
als 35.000 Dollar ebenso wie in denen mit weniger
als 10.000 Dollar.
Charles Murray vom American Enterprise Institute
befaßte sich mit Menschen, deren Leben im Rahmen
der nationalen Langzeitstudie über Jugendliche
untersucht wurde, seit sie die weiterführende Schule
besuchten (sie sind jetzt Ende zwanzig oder Anfang
dreißig). Die Studie führt nicht nur genau Buch über
Schule, Arbeit und Einkommen dieser jungen Menschen, sondern untersucht auch die familiäre Situation, in der sie ihre Kinder erziehen. Die Beobachtungen zu Hause erstrecken sich auch auf das
Gefühlsleben, Beteiligung der Eltern an der Betreuung der Kinder, Art der Erziehung und anderes. Die
beobachteten Elternhäuser reichen von den besten
bis zu den schlimmsten.
Murray verglich die Situation im Elternhaus mit dem
wirtschaftlichen Status der Eltern und dem rechtlichen
Status des Kindes. Das Los der Kinder, die in den
schlimmsten Elternhäusern aufwuchsen, wurde am
stärksten von zwei Fragen bestimmt: Ob die Eltern
bei der Geburt des Kindes verheiratet waren und ob
sie regelmäßig Sozialhilfe bezogen. Für das Kind
einer unverheirateten Frau, die ständig von der
Sozialhilfe lebte, bestand eine Wahrscheinlichkeit von
1 zu 6, in dem - in emotionaler Hinsicht - schlimmsten Umfeld aufzuwachsen. Für das Kind einer
verheirateten Frau, die niemals Sozialhilfe bekam,
bestand nur eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 42.
Kinder leiden unter Armut. Kinder leiden unter einer
heruntergekommenen Umgebung.
Kinder leiden
zweifellos unter Gefühlskälte oder Vernachlässigung
durch ihre Eltern. Gleiches gilt, wenn sie unehelich
sind und von der Sozialhilfe leben. Dies trifft allgemein auf Weiße und Schwarze zu.
Dies gilt auch für die Kinder von Müttern im Teenageralter. Der Soziologe Frank Furstenberg von der
University of Pennsylvania und seine Kollegen
beobachteten viele Jahre lang 300 in Baltimore
lebende Mütter im Teenageralter. Ihre Erkenntnisse
untermauern die von der Öffentlichkeit vertretene
Ansicht. Müttern im Teenageralter geht es viel
schlechter als denjenigen, die erst später Kinder
bekommen - und das trifft sogar auf Mädchen mit
demselben sozioökonomischen Hintergrund und
derselben akademischen Begabung zu. Sie werden
eher von Sozialhilfe abhängig und die Wahrschein-

Seite 3

�lichkeit ist geringer, daß sie stabile Ehen eingehen.
Die Kinder von Müttern im Teenageralter haben im
Vergleich zu denen älterer Mütter mehr Schwierigkeiten in der Schule, sind aggressiver und verfügen
über weniger Selbstbeherrschung. Das gilt insbesondere für Jungen.
Es gab in allen Ländern schon immer Mütter im
Teenageralter, und in einigen weniger entwickelten
Gesellschaften ist das die Norm. Neu und beunruhigend an der derzeitigen Situation in den Vereinigten Staaten ist die starke Zunahme der Anzahl
von Müttern im Teenageralter und ihre Konzentration
in einigen Wohngegenden. Ein Mädchen mit einem
Baby ist ein Problem, wenn es ein seltenes Phänomen oder in eine Familie eingebettet ist, die ihm
Beistand und Hilfe durch ältere, mit ihm lebende
Frauen zukommen läßt. Das Mädchen stellt ein
ganz anderes und sehr viel ernsthafteres Problem
dar, wenn es eines von Tausenden Jugendlichen in
ähnlicher Situation ist, die in derselben Nachbarschaft oder demselben sozialen Wohnungsbauprojekt leben und versuchen, mit Sozialhilfe einen
eigenen Haushalt zu führen.
Ich glaube, die Amerikaner haben die richtige Sichtweise der Familie. Wenn sie den dramatischen
Anstieg von Scheidungen, Alleinerziehenden und
unehelichen Kindern der vergangenen 30 Jahre
betrachten, sehen sie den Niedergang der Familie.
Sie benötigen keine Studien, die belegen, daß diese
Erfahrung und Situation generell schlecht ist, weil sie
ihnen oder ihren Bekannten widerfahren ist. Scheidung mag manchmal das richtige und notwendige
Mittel bei einer gescheiterten Ehe und die durch den
Mißbrauch oder die Vernachlässigung des Ehepartners entstandene Situation sein, aber im allgemeinen steht man nach einer Scheidung noch schlechter da: Die Frauen werden ärmer und die Kinder
leiden mehr. Die richtige Erziehung eines Kindes ist
eine enorme Verantwortung, die häufig die Anstrengung und Energie beider Elternteile erfordert ein Elternteil allein ist leicht überfordert. Unehelich
geborene Kinder sind in der großen Mehrheit der
Fälle in Armut geborene Kinder. Millionen Menschen sind der lebende Beweis dieser nüchternen
Fakten. Wenn Wissenschaftler erklären, die Beweise seien nicht schlüssig, dann kann man nur sagen:
Soviel zum Thema wissenschaftliche Arbeit. Aber
jetzt beginnen die Wissenschaftler meines Erachtens, harte Fakten zur Untermauerung allgemeiner
Eindrücke heranzuziehen.
Die Debatte über die Auswirkungen der Familienstruktur deutet die Aussicht auf einen Konsens in
naher Zukunft an. Aber im Hinblick auf das andere
heiße Thema bei Familienstudien - Kindertagesstätten - ist nicht einmal der Ansatz einer solchen

Seite 4

Übereinstimmung in Sicht. Der vorherrschenden
Auffassung unter Kinderpsychologen nach sind
Tagesstätten nicht schädlich. Professor Jay Belsky
von der Abteilung für Familienleben und Entwicklung
an der Pennsylvania State University, der ursprünglich diese Sichtweise teilte, ist jetzt der Meinung,
Tagesstätten seien insbesondere im ersten Lebensjahr in mancher Hinsicht schädlich für einige Kinder.
In einem eingehend kommentierten Artikel von 1988
überprüfte Belsky alle Studien, die sich mit den
Auswirkungen von nichtmütterlicher Fürsorge auf das
Gefühlsleben und die soziale Entwicklung von Kindern befaßten, und gelangte vorbehaltlich zahlreicher
Einwände zu der Schlußfolgerung, "die Unterbringung
in einer Kindertagesstätte im ersten Lebensjahr für 20
oder mehr Stunden pro Woche ist ein 'Risikofaktoi"
für die Entwicklung eines stabilen Gefühlslebens in
der Kindheit und kann für erhöhte Aggressivität,
Ungehorsam und Kontaktarmut in der Vorschule und
den ersten Schuljahren verantwortlich sein".
Einige Kritiker argumentierten mit Belsky auf wissenschaftlicher Basis und äußerten, die Beweise seien
weniger eindeutig als er vorgebe, die von ihm verwendete Meßlatte des emotionalen Wohlbefindens
(bei der Beobachtung der Reaktionen eines Kindes
nach der Trennung von der Mutter) sei unzulänglich,
in Kulturen, in denen nichtelterliche Fürsorge an der
Tagesordnung ist, erlitten die Kinder keinen Schaden,
und welche schlechten Auswirkungen es auch geben
möge (falls überhaupt), seien sie nicht von Dauer.
Viele griffen ihn jedoch politisch an, und selbst die
wissenschaftlichen Kritiker nahmen ihn aufs Korn.
Ebenso wie bei der Familienstruktur stehen bei dieser
Kontroverse nicht nur Fakten und Interpretationen auf
dem Spiel, sondern auch Philosophie und Politik:
Wenn die Unterbringung in einer Tagesstätte schlecht
ist, dann sollten sich die Frauen zu Hause um ihre
Kinder kümmern. Dies ist eine politisch unrichtige
Schlußfolgerung.
Viele Wissenschaftler haben
meines Erachtens das Gefühl, die Unterstützung der
Behauptung des Niedergangs der Familie sei Hilfestellung und Beruhigung für konservative Politiker und
Religionsführer, die diesen Niedergang beklagen und
die Bekräftigung "traditioneller Werte" fordern.
Freiheit des einzelnen
Seit den fünfziger Jahren haben sowohl Schwangerschaften unter Teenagern als auch Alleinerziehende
dramatisch zugenommen. Wirtschaftliche Veränderungen und das Angebot an Sozialleistungen erklären
diesen Zuwachs jedoch nur teilweise. Zweifelsohne
hat die amerikanische Gesellschaft einige ihr eigene
Charakteristika, die zum Teil dafür verantwortlich
sind, aber da der Niedergang der Familie - das heißt,

AMERIKA DIENST 46

�die Abnahme dauerhafter Ehen und ehelicher
Geburten - sich in zahlreichen Nationen vollzieht,
kann er nicht ausschließlich das Ergebnis amerikanischer Politik oder Eigenheiten sein.
Wir beobachten tiefgreifende, weltweite, langfristige
Veränderungen der Familie, die wahrscheinlich von
Dauer sind. Die Ursachen dieser Veränderungen
sind nicht ganz eindeutig, jedoch wahrscheinlich auf
zwei Faktoren zurückzuführen: Eine Verlagerung
der wirtschaftlichen Funktion der Familie und eine
Verlagerung der Kultur, in die sie eingebettet ist.
Die Familie ist nicht mehr die Einheit, die wirtschaftliche Produktion verwaltet, wie es der Fall war, als die
Landwirtschaft die vorherrschende Produktionsform
war, und sie ist auch nicht mehr das Kernstück für
die Unterstützung der Älteren oder die Ausbildung
der Jüngeren.
Gleichzeitig übt die Familie nicht länger soviel Kontrolle über ihre Angehörigen aus wie früher und
größere Zusammenschlüsse (Clans, Stämme und
Großfamilien) haben weniger Kontrolle über die
Kernfamilie. Seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist die vorherrschende Tendenz im juristischen
und philosophischen Denken die Emanzipation des
einzelnen von allen Formen der Bevormundung des Staates, der Offenbarungsreligion, alter Sitten
und Gebräuche - einschließlich der Bevormundung
durch die Blutsverwandten. Diese Emanzipation hat
sich episodisch und ungleichmäßig, aber unweigerlich vollzogen. Die liberale politische Theorie feiert
den einzelnen und schränkt den Staat ein, schweigt
jedoch über die Familie.
Bemerkenswert ist, wie gut die Familie diesen
Prozeß überdauert hat. Wäre die Familie der bloße
soziale Zusammenschluß, den sich einige Wissenschaftler vorstellen, wäre sie längst den Weg der
Heimindustrie und des landwirtschaftlichen Betriebs
im Eigenbesitz gegangen und das unvermeidliche
Opferder individualisierenden und rationalisierenden
Tendenzen des modernen Lebens geworden. Aber
natürlich ist die Familie nicht eine zur Erfüllung eines
Ziels erfundene menschliche Einrichtung, die zur
Erlangung anderer Ziele neu erfunden oder neu
formuliert werden kann.
Eine universelle Institution
Familie und Verwandte sind im allgemeinen die
grundlegenden Organisationsfaktoren aller primitiven
oder modernen menschlichen Gesellschaften und
sind dies seit Zehntausenden von Jahren gewesen.
Die Familie ist das Produkt evolutionärer Prozesse,
die eine Auswahl gegen die Menschen getroffen
haben, die ihre Nachkommen wahrscheinlich verlassen werden, und zugunsten derjenigen, die für sie

AMERIKA DIENST 46

zu sorgen bereit sind und diese Fürsorge innerhalb
von Verwandtschaftssystemen anbieten, die vornehmlich anhand der Genetik definiert sind.
Wenn die Familie nur eine Bequemlichkeit wäre und
ausschließlich auf wirtschaftliche Umstände reagieren
würde, wäre die derzeitige Debatte über die Familienpolitik sehr viel weniger erbittert als sie ist. Die
Liberalen würden professionelle Kindererziehung in
Tagesstätten unterstützen.
Die Konservativen
würden Kindererziehung zu Hause durch Steuerfreibeträge unterstützen. Die Liberalen würden das
Sozialhilfeproblem ausschließlich als Problem der
Armut definieren und als Lösung großzügigere
Sozialleistungen empfehlen.
Die Konservativen
würden es ausschließlich als Problem der Abhängigkeit definieren und eine Kürzung der Sozialleistungen
empfehlen. Die Liberalen würden davon ausgehen,
daß die Familien zuwenig Geld haben, die Konservativen, daß die Familien das ihnen zur Verfügung
stehende Geld vom Staat erhalten.
Aber sobald man das Familienproblem dahingehend
betrachtet, daß es in beträchtlichem Maße den
Konflikt zwischen einem universellen Kriterium der
menschlichen Gesellschaft und einer tiefgreifenden
kulturellen Herausforderung an die Macht dieser
Institution beinhaltet, nimmt das Problem einen
anderen Charakter an. In dem Maße, in dem man an
die kulturelle Herausforderung glaubt - also an
Emanzipation und Entscheidungsfreiheit des einzelnen - neigt man dazu, die Legitimität und den Einfluß
der Familie in Frage zu stellen. In dem Maße, in
dem man an die Familie glaubt, ist man dazu verleitet, die kulturelle Herausforderung teilweise oder
insgesamt in Frage zu stellen.
Aus diesem Grund wird die Debatte über "Familienwerte" so hitzig geführt. Auf beiden Seiten haben die
Menschen das Gefühl, es sei die zentrale Schlacht im
jetzt die Vereinigten Staaten (oder zumindest die
amerikanische Elite) erfassenden kulturellen Krieg.
Sie haben absolut recht. Für viele Liberale bedeutet
der Begriff Familienwerte eine Bestätigung der
männlichen Autorität, eine Schmälerung der hart
erkämpften Rechte der Frau und einen Freibrief für
die Eltern, ihre Kinder ohne prompte und entschiedene soziale Intervention zu mißhandeln oder zu
vernachlässigen. Für viele Konservative sind Familienwerte das Hauptargument des Widerstands
gegen Ehen zwischen Homosexuellen, bürokratisierte
Kindererziehung und obligatorischen Sexualkundeunterricht in Schulen. Für einige Konservative bedeutet
die Familie eine Verteidigung gegen die bloße Idee
einer geplanten Gesellschaft.
Vernünftige Menschen - beispielsweise die typische
Mutter oder der typische Vater - sehen die Alternati-

Seite 5

�ven weniger eindeutig. Sie werden mit den Konservativen übereinstimmen, daß die Familie die
zentrale Institution der Gesellschaft ist und ohne
verheerende Konsequenzen nicht ersetzt oder
wesentlich verändert werden kann. Sie werden
jedoch auch zahlreichen Liberalen zustimmen, daß
die Gesellschaft Frauen nicht auf eine Rolle im
Haushalt beschränken oder männlicher Macht
unterwerfen sollte und die Institutionen sich der
finanziellen Härten junger Paare heutzutage bewußt
sein sollten, die mit nur einem Gehalt in einer Großstadt zu leben versuchen.
Ein Thema, mit dem sich die meisten Eltern auf
Seiten der Konservativen uneingeschränkt identifizieren, ist meines Erachtens das zentrale Thema. Sie
wollen Politiker, die Medien, Fernsehprogramme und
Filme, um Partei in dem Krieg über das Wesen der
Familie ergreifen zu können. Die Familie ist nicht
eine von mehreren Lebensformen, sie ist keine
Arena, in der Rechte ausgehandelt werden, sie ist
keine altmodische und reaktionäre Barriere zu einem
Sexualleben in Promiskuität, sie ist keine Serie von
Kosten-Nutzen-Rechnungen. Sie ist eine Verpflichtung. Weil die meisten Menschen dies verstehen,
haben der wirtschaftliche und kulturelle Druck auf die
moderne Familie sie nicht zerstört.
Das zentrale Thema der Familienpolitik lautet, ob sie
ausschließlich von einer wirtschaftlichen Sichtweise
dür Familienfunktionen belebt wird oder nicht und
ausschließlich aus wirtschaftlichen Lösungen für
Bedürfnisse der Familie besteht. Die Hauptquelle
sozialpolitischer Ratschläge für Bill Clinton während
seiner Präsidentschaftskampagne waren das Progressive Policy Institute (PPI) sowie vor allem Elaine
Kamarck und William Galston. "Das beste Programm zur Bekämpfung der Armut von Kindern ist
eine stabile, intakte Familie" schreiben sie in dem
PPI-Bericht Mandate for Change. Obwohl das PPI
wirtschaftliche Maßnahmen wie Steuerfreibeträge für
jedes Kind und als Ergänzung zum Lohn berufstätiger Armer nicht unberücksichtigt läßt, fordert das
Institut, daß die Scheidungsgesetze zum besseren

bei der Betonung der Bedeutung intakter und fürsorglicher Familien geltend zu machen.
Die Wahrheit ist jedoch, daß die wichtigsten Kriterien
des Familienlebens außerhalb der Reichweite der
Politik liegen.
Das vor kurzem verabschiedete
amerikanische Gesetz über Urlaub aus familiären
Gründen ratifiziert im wesentlichen nur die Möglichkeiten, die große Firmen ihren Angestellten bereits
seit einiger Zeit gewähren: Den Müttern der Mittelschicht wird es etwas leichter gemacht, aber für arme
Mütter im Teenageralter wird wenig getan. Das sehr
viel umstrittenere Thema der Reform des Sozialwesens wird nicht so leicht zu lösen sein, aber praktikable Veränderungen der bestehenden Regeln, die bei
der Anzahl unehelich geborener Kinder etwas bewirken, sind schwer vorstellbar. Die Erhöhung der
Steuertreibeträge könnte armen berufstätigen Eltern
helfen, aber wollen die Amerikaner wirklich, daß eine
alleinstehende Mutter eines zweijährigen Kindes
arbeitet? Die Verschärfung der Scheidungsgesetze
ist vielleicht eine gute Idee, bewirkt jedoch für die
Eltern keinen Unterschied, die erst gar nicht geheiratet haben. Die Verbesserung des Unterhaltssystems
für Kinder ist eine gute Idee, aber viele Väter, die ihre
Kinder verlassen, haben wenig Geld, und es ihnen
abzuverlangen, wird auf keinen Fall einen guten
Vater aus ihnen machen.
Ich vermute, daß die Familienkultur von Grund auf
reformiert werden muß. Die meisten Amerikaner
verstehen wahrscheinlich sehr gut den Unterschied
zwischen einer traditionellen Familie und einer unter
Druck stehenden. Sie wollen ersteres, nicht letzteres.
Die meisten Frauen, vermute ich, können sehr klar
zwischen den von ihnen erkämpften Rechten und den
ihnen auferlegten Pflichten unterscheiden.
Sie
würdigen beide und sehen keinen grundlegenden
Konflikt zwischen ihnen, außer dem Problem, daß
man nicht genug Zeit hat und so jeder einzelne
Entscheidungen treffen muß.
Es ist bemerkenswert, wie gut die meisten Ehemänner und Ehefrauen es ausgehalten haben, angesichts

Schutz der Kinder geändert, die Bestrebungen zur

einer Kultur, in der das von den meisten gewollte

Förderung der elterlichen Verantwortung für die
Kinderfürsorge intensiviert werden sollten, schwangere, drogenabhängige Frauen sich regelmäßigen
Drogentests unterziehen müßten und das Einkommen unterhaltspflichtiger Eltern zur Unterstützung
ihrer Kinder besteuert werden sollte. Der Bericht
fordert den Präsidenten ferner auf, seinen Einfluß

Familienleben von den Medienzaren und Universitätspäpsten als Karikatur angesehen wird, und nur gut
dafür ist, um sich darüber lustig zu machen und es
abzulehnen. Wenn die Geschichte unserer Zeit
geschrieben wird, verdient dieser wütende Kulturkrieg
besondere Aufmerksamkeit, denn er hat sehr viel
größere Konsequenzen als alles andere uns Trennende.

*

Seite 6

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AMERIKA DIENST 46

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              <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erfolgreiche Militäraktion der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Angriff der Krajina-Serben rechtfertigt militärische Reaktion der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Raketentechnologiekontrollregime&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des ACDA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA fordern "Neue Energie" bei UN-Menschenrechtsbestrebungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafterin Ferraro&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Thanksgiving&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Amerikaner müssen Friedensprozess nähren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Familienwerte und die Rolle der Frau&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von James Q. Wilson&lt;/em&gt;</text>
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