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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

4. November 1994

SONDERDIENST

AUSSENPOLITIK

DYNAMIK FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
MUSS BEWAHRT WERDEN
Rede von Außenminister Christopher

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG
DER FREIHEIT IN DER ZEIT NACH DEM
KALTEN KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers

MACHT UND DIPLOMATIE DER VEREINIGTEN
STAATEN
Rede von Anthony Lake

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK

DYNAMIK FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
MUSS BEWAHRT WERDEN
Rede von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor Studenten und Fakultätsmitgliedern der Georgetown University stellte
Außenminister Warren Christopher am 24. Oktober 1994 fest, der arabisch-israelische Konflikte nähere sich
seinem Ende, wobei die amerikanische Führung eine entscheidende Rolle gespielt habe. Gleichzeitig, warnte
der Außenminister, dürfe man den Feinden des Friedens - den Terrororganisationen Hamas und Hisbollah
sowie verbrecherischen Staaten wie Iran und Irak - nicht erlauben, die Aussichten für den Frieden zunichte zu
machen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Christopher.

Vater O'Donovan, meine Damen und Herren.
Herr Dekan, ich danke Ihnen für die einleitenden
Worte. Es ist mir eine große Ehre, mit einem meiner
verehrten Vorgänger hier sein zu dürfen, einem
Mann, unter dem ich die Ehre hatte, Stellvertretender Außenminister zu sein - Ed Muskie.
Wenige Institutionen haben mehr für die Ausbildung
und Bewährung derjenigen getan, die später außenpolitische Verantwortung getragen haben, als
Georgetown. Da wäre natürlich vor allem Präsident
Clinton zu nennen. Nur in Amerika kann man von
dem hohen Amt eines studentischen Vorsitzenden
des Prüfungsausschusses für Nahrungsmittel von
Georgetown zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte
werden. Auch Professor Madeleine Albright, unsere
ausgezeichnete UN-Botschafterin, hat in Georgetown
studiert. Georgetown hat den Intellekt zahlloser
vergangener und gegenwärtiger Botschafter und
anderer Diplomaten geschult und wird dies auch in
Zukunft tun.
Seit die grausamen Spaltungen des Kalten Krieges
verschwunden sind, hat sich viel auf der Welt
verändert. Die amerikanische Außenpolitik muß sich
nicht länger auf die Eindämmung der Sowjetunion
konzentrieren. Die Vereinigten Staaten haben eine
neue Chance zum Aufbau einer sichereren und
integrierteren Welt mit offenen Gesellschaften und
offenen Märkten.
Einiges verändert sich jedoch nicht. Vor vier Jahrzehnten hielt Präsident Truman in seinem letzten

AMERIKA DIENST 44

Bericht zur Lage der Nation den unveränderten
Charakter unserer nationalen Zielsetzung fest:
"Umstände ändern sich, und aktuelle Fragen nehmen
häufig unterschiedliche Formen an und werden Jahr
um Jahr komplizierter. Die großen Themen dahinter
lauten jedoch nach wie vor gleich: Wohlstand,
Sozialwesen, Menschenrechte, effektive Demokratie
und vor allem Frieden."
Die außergewöhnlichen Ereignisse der vergangenen
Wochen erinnern uns erneut daran, daß die dauerhaften Interessen unserer Nation unverändert sind.
Dasselbe trifft auf unsere Verpflichtung zu, diese
Interessen durch kontinuierliche und stetige Diplomatie zu verfolgen, gegebenenfalls unterstützt von der
Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt. Diese Art von
Diplomatie strebt keine unmittelbaren Ergebnisse auf
Kosten langfristiger Ziele an. Wie wir in diesem
bemerkenswerten Herbst beobachten konnten,
kommt der Gewinn mit der Zeit.
In Haiti war die triumphale Rückkehr von Präsident
Aristide der Höhepunkt des dreijährigen Engagements zur Wiederherstellung einer demokratischen
Regierung. Als jedes Mittel für eine friedliche Lösung
erschöpft war, mobilisierten wir das Militär. Dank
unserer Bereitschaft, unser Engagement mit dem
Einsatz von Gewalt zu untermauern, konnten wir
unsere anfänglichen Ziele mit einem Maximum an
Geschwindigkeit und einem Minimum an Blutvergießen erreichen. Die Anführer des Putsches haben
das Land verlassen. Die rechtmäßige Regierung ist
wiedereingesetzt. Die Flüchtlinge kehren zurück. Wir
haben Möchtegern-Putschisten eine eindeutige

Seite 1

�T

Botschaft gesandt: Die Demokratie, der Schlüssel
zu Stabilität auf beiden amerikanischen Kontinenten,
kann nicht ohne Strafe gestürzt und den Menschen
nicht gestohlen werden. Ebenso wie andernorts
dürfen wir auch im Falle Haitis nicht selbstzufrieden
sein. Aber wir haben große Fortschritte erzielt.
Unsere entschlossene Diplomatie bei der nordkoreanischen Nuklearfrage hat zu einem Rahmenabkommen geführt, das die seit langem bestehenden
amerikanischen Zielsetzungen voranbringt. Wenn es
umgesetzt ist, wird es Nordostasien vom Gespenst
des nuklearen Rüstungswettlaufs befreien. Während
der 16monatigen Verhandlungen führten wir häufige
Konsultationen mit Südkorea, Japan und der Internationalen Atomenergie-Organisation. Wir haben mit
China, Rußland und anderen Mitgliedern des UNSicherheitsrats zusammengearbeitet und die Androhung von Wirtschaftssanktionen in die Realität
umgesetzt. Die Folge: Ein breit unterstütztes,
verifizierbares Abkommen, das Frieden und Stabilität
in einen Region bewahrt, die für uns von vitalem
Interesse ist.
Die jüngsten Leistungen in Haiti und bei der nordkoreanischen Nukleartrage waren das direkte Ergebnis
der kontinuierlichen Führungsrolle, Koalitionsbildung
und der vom Einsatz von Gewalt unterstützten
Diplomatie der Vereinigten Staaten.
Dieselbe
Zielsetzung und dasselbe Engagement waren das
Merkmal der Politik dieser Administration gegenüber
dem Nahen Osten. Heute möchte ich mich auf die
dramatischen Veränderungen konzentrieren, die sich
in dieser entscheidenden Region vollziehen. Der
arabisch-israelische Konflikt nähert sich seinem
Ende, wobei die amerikanische Führung eine entscheidende Rolle gespielt hat.
Am morgen nach seiner Wahl vor fast zwei Jahren
bekräftige Präsident Clinton die dauerhaften Interessen der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Er
gelobte, den arabisch-israelischen Friedensprozeß
zu einer seiner obersten Prioritäten zu machen. Und
er setzte eine umfassende Strategie zur Beschleunigung der Fortschritte in die Praxis um.
Diplomatisch haben die Vereinigten Staaten zur
Belebung und Fortsetzung der in Madrid in die Wege
geleiteten Verhandlungen auf der Grundlage der
Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats
beigetragen. Wirtschaftlich haben wir die internationale Unterstützung für die Grundsatzerklärung
zwischen Israel und der PLO gewonnen, die amerikanisch-israelische-jordanische Wirtschaftskommission gegründet und auf eine Beendigung des arabischen Boykotts gedrängt. Strategisch haben wir
unsere sicherheitspolitischen Verbindungen zu Israel
und unseren wichtigsten arabischen Freunden

Seite 2

gestärkt und ein Bollwerk gegen eine Aggression der
verbrecherischen Regime der Region errichtet,
insbesondere gegen Irak und Iran.
Heute zeitigt diese Strategie historische Ergebnisse.
In 24 Stunden wird der Präsident eine Reise antreten,
die jedes Element dieses Ansatzes verstärken wird.
Erstens wird der Präsident zur Förderung des Friedensprozesses der Unterzeichnung eines uneingeschränkten Friedensvertrags zwischen Israel und
Jordanien als zweitem arabischem Staat beiwohnen.
In Damaskus wird Präsident Clinton versuchen, auf
diese Dynamik durch das Drängen auf Fortschritte
bei den Verhandlungen zwischen Israel und Syrien
aufzubauen. Zweitens wird der Präsident im Vorfeld
der Wirtschaftskonferenz von Casablanca Gespräche
mit Israel, Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien
führen. Bei dieser Konferenz werden 900 führende
Unternehmer aus Israel, den arabischen Staaten und
der ganzen Welt die durch die Umgestaltung des
Nahen Ostens und Nordafrikas geschaffenen Möglichkeiten sondieren. In Kuwait wird Präsident Clinton
schließlich den amerikanischen Soldaten einen
Besuch abstatten - einem Teil der vor zwei Wochen
zur Abwehr von Saddam Husseins Bedrohung seiner
Nachbarn entsandten Streitmacht.
Während seiner Reise wird der Präsident eine
unmißverständliche Botschaft übermitteln:
Die
Vereinigten Staaten werden alles in ihrer Macht
Stehende tun, um den Aufbau einer neuen Zukunft im
Nahen Osten zu fördern. Wir können den Terrororganisationen Hamas und Hisbollah sowie verbrecherischen Staaten wie Iran und Irak nicht erlauben, die Aussichten für den Frieden zunichte zu
machen. Seite an Seite mit Israel und ihren arabischen Partnern werden die Vereinigten Staaten den
Kurs steuern um sicherzustellen, daß die Kräfte der
Zukunft über die Kräfte der Vergangenheit triumphieren.
Bei der Unterzeichnungszeremonie werden auch
Jordanien und Israel eine Botschaft übermitteln.
König Hussein und Ministerpräsident Rabin haben
sich zum Aufbau eines "kooperativen" Friedens
verpflichtet. Diese beiden mutigen Politiker sind
entschlossen, ihre Grenze zu einem Tor statt einer
Barriere zu machen. In israelischen Zeitungen sieht
man bereits Anzeigen für Rundfahrten zu den großen
historischen Stätten Jordaniens in Petra und Jerash.
Dank der Arbeit der trilateralen amerikanisch-jordanisch-israelischen Koalition
wurden Pläne zur
Entwicklung gemeinsamer Wirtschaftsprojekte, zur
gemeinsamen Nutzung der Wasservorkommen und
zur Erschließung des Jordantales unterbreitet. Dank
dieser Projekte werden menschliche Kontakte geknüpft und gemeinsame Interessen vereint. Sie
werden einen dauerhaften Frieden konsolidieren.

AMERIKA DIENST 44

�Im vergangenen Jahr hat der Nahe Osten eine
tiefgreitende Umgestaltung begonnen, die meines
Erachtens grundlegend ist. Die Veränderungen
vollzogen sich so rasch und waren so konstant, daß
wir heute vor zwei Jahren scheinbar undenkbare
Entwicklungen als selbstverständlich hinnehmen.
Die Grundsatzerklärung zwischen Israel und der
PLO gewährt über 800.000 Palästinensern in Gaza
und Jericho die Selbstbestimmung. Es wurde ein
Abkommen erzielt, das dem Westjordanland frühzeitig neue Befugnisse verleiht, und für die palästinensischen Wahlen wurden Verhandlungen aufgenommen. Natürlich gibt es noch große Schwierigkeiten.
Aber Yitzhak Rabin, Schimon Peres und Yasser
Arafat sind entschlossen, den Frieden Realität
werden zu lassen.
Wirtschaftliche Entwicklung ist unabdingbar für den
Erfolg der Palästinenser. Die Palästinenser brauchen Beweise, daß der Frieden ihr Leben verbessern wird. Aus diesem Grund haben die Vereinigten
Staaten die Gemeinschaft der Geberländer zur
Unterstützung der palästinensischen Selbstbestimmung mobilisiert. Aus diesem Grund haben wir eng
mit dem PLO-Vorsitzenden Arafat zusammengearbeitet, damit die Projekte beginnen können. Es muß
jedoch noch mehr getan werden, um die Hilfe zu
erleichtern und ihre Wirkung zu maximieren.
Wenn der größte Bedarf der Palästinenser wirtschaftliche Entwicklung ist, so ist die größte sie
konfrontierende Bedrohung die Terrororganisation
Hamas. So sicher wie das Massaker der letzten
Woche gegen die Israelis gerichtet war, sollte es
auch die Hoffnungen der Palästinenser zerschlagen.
Wenn Frieden nur weitere Terroranschläge hervorbringt, kann der Aussöhnungsprozeß nicht aufrechterhalten werden. Mehr als alle anderen werden die
Palästinenser leiden. Es ist unabdingbar, daß Arafat
seiner Verantwortung gerecht wird, den Terror in den
seiner Kontrolle unterstehenden Gebieten auszumerzen. Denselben Mut, den er beim Friedensschluß
an den Tag legte, muß er nun beim Kampf gegen
die Feinde des Friedens zeigen.
Auch die israelisch-syrische Verhandlungsschiene
hat sich im vergangenen Jahr entscheidend verändert. Zum ersten Mal haben diese einst bitteren
Feinde ernsthafte Verhandlungen zur Beendigung
ihres Konflikts aufgenommen. Ich habe unzählige
Stunden in intensiven Gesprächen mit Präsident
Assad und Ministerpräsident Rabin verbracht. Beide
Männer wollen das zentrale Thema einer Lösung
unbedingt ansprechen. Es ist uns gelungen, die
Meinungsverschiedenheiten zu verringern, aber es
bleiben noch wichtige Probleme bestehen.

AMERIKA DIENST 44

Meines Erachtens kommt die Zeit rasch näher, in der
wir schwierige Entscheidungen treffen müssen.
Wenn diese Gespräche Erfolg haben, wenn sie den
"Frieden der Mutigen" hervorbringen sollen, von dem
Präsident Assad spricht, dann muß das Tempo der
derzeitigen Verhandlungen einem mutigeren Ansatz
Platz machen.
Wir sind uns über die damit einhergehenden Risiken
und Kosten im klaren. Für Syrien bedeutet der
Frieden, Jahrzehnte des Mißtrauens zu überwinden
und die auf Konfrontation ausgerichtete Politik zu
beenden. In dem Umfeld eines echten und umfassenden Friedens, in dem es keinen Platz für
Terroristen an Israels Grenzen gibt, blicken wir auch
auf den Tag, an dem sich die Beziehungen zwischen
Syrien und den Vereinigten Staaten verbessern
werden. Für Israel bedeutet der Frieden mit Syrien
schwierige Entscheidungen. Aber die Realität des
Friedens wird unmißverständlich sein: Das Ende des
arabisch-israelischen Konflikts, das Ende der Bedrohung durch einen Krieg und Israels uneingeschränkte Integration in das politische und wirtschaftliche Leben des Nahen Ostens.
Es gibt harte Proben für den Frieden zwischen Israel
und Syrien. Erstens muß es ein echter Frieden sein,
der eine aktive Verpflichtung zur Versöhnung widerspiegelt. Es ist von Bedeutung, daß Präsident Assad
gesagt hat, Syrien habe eine strategische Entscheidung für den Frieden mit Israel getroffen und sei
bereit, seine objektiven Erfordernisse zu erfüllen. Die
Anforderungen eines echten Friedens sind für alle
klar: Ein vereinbarter Rückzug, volle diplomatische
Beziehungen, Grenzen, die den Transfer von Menschen und Waren erleichtern und die Verpflichtung,
sich gegenseitig nie wieder zu bedrohen.
Zweitens muß der Frieden zwischen Israel und Syrien
Sicherheit für beide Seiten bieten. Nach Jahrzehnten
der Feindschaft muß jede Seite den Sicherheitsbelangen der anderen Seite gegenüber aufgeschlossen sein. Falls erforderlich, sind die Vereinigten
Staaten in geeigneter Form zur Beteiligung an den
zwischen den Parteien ausgehandelten Sicherheitsarrangements bereit.
Ich möchte folgenden Punkt unmißverständlich
klarstellen:
Das strategische Engagement der
Vereinigten Staaten für Israel ist unerschütterlich.
Wir wollen Israels qualitativen militärischen Vorteil
und seine Fähigkeit zur Selbstverteidigung aufrechterhalten. Wie Präsident Clinton versprochen hat,
werden die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht
Stehende tun, um die von Israel für den Frieden
einzugehenden Risiken so gering wie möglich zu
halten.

Seite 3

�Schließlich muß der Frieden zwischen Israel und
Syrien den Weg zu einem umfassenden Frieden
ebnen. Ein israelisch-syrisches Abkommen wird
zwangsläufig den Kreis der arabischen Staaten
erweitem, die Frieden mit Israel schließen. Und es
wird das Vertrauen aller stärken, daß der Frieden
dauerhaft sein wird. Aus diesem Grund erachten wir
ein Abkommen zwischen Israel und Syrien als
Schlüssel zu einem umfassenden Frieden. Unsere
Vision ist einfach: Einerseits ein sicheres Israel, das
in Frieden mit allen arabischen und islamischen
Staaten guten Willens lebt, andererseits eine arabische Welt, die ihre Ressourcen der Wirtschaftsentwicklung und den Bedürfnisse ihres Volkes
zukommen lassen kann.

Die Neudefinierung des Nahen Ostens von einer
Zone kontinuierlicher Konflikte zu einer, die Versöhnung verbreitet, ist die Chance, die wir ergreifen
müssen. Und diese Chance müssen wir vor den
Feinden des Friedens schützen. Die jüngste Welle
des Terrors gegen Israel wurde von verzweifelten
Kräften ausgelöst, die wissen, daß ihr Extremismus
in einer Region auf dem Weg zum Frieden keine
Zukunft hat. Ihre einzige Hoffnung besteht darin, ein
Nachhutgefecht der Gewalt zu kämpfen, das darauf
ausgerichtet ist, den Nahen Osten erneut in eine
tragische Vergangenheit der Angst und des Konflikts
zu stürzen.

Wir machen dramatische Fortschritte zu einem
umfassenden Frieden. Mit amerikanischer Förderung haben Marokko und Tunesien im vergangenen
Monat offiziell Kontakte zu Israel aufgenommen.
Und bei einem Gespräch mit mir bei den Vereinten
Nationen haben Saudi-Arabien und die anderen
Staaten des Golfkooperationsrats ein Ende des
sekundären und tertiären Boykotts von Firmen
bekanntgegeben, die mit Israel handeln. Dies
eröffnet sowohl für Israel als auch für die amerikanischen Unternehmer enorme Handels- und Investitionschancen. Wir hoffen, den ganzen Boykott
schon sehr bald in die Geschichtsbücher verbannt
zu sehen.

Die internationale Staatengemeinschaft muß den
Terror der Hamas, Hisbollah und anderer Extremisten
ablehnen. Die scharfe Verurteilung des Terrors,
insbesondere seitens der arabischen Nachbarn
Israels, ist ein unerläßlicher Ausgangspunkt. Aber
Verurteilung ist nicht genug. Eine echte Strafe muß
verhängt werden. Wir müssen gemeinsam alle
ausländischen Finanzquellen für Terroranschläge sowohl öffentliche als auch private - unterbinden. Im
Ausland angesiedelte Frontorganisationen, die mit
Terrorismus in Verbindung stehen, müssen zerschlagen werden. Und die Organisatoren und
Ausführenden von Terroranschlägen müssen bestraft
werden.

In der nächsten Woche werden in Casablanca die
Fortschritte im Nahen Osten zu einer neuen Zukunft
einen Sprung nach vorne machen, wenn der marokkanische König Hassan die Gipfelkonferenz über
den Nahen Osten und Nordafrika einberuft. Ebenso
wie Madrid das Tabu politischer Kontakte zwischen
Israel und den Arabern gebrochen hat, wird Casablanca das Tabu über die Zusammenarbeit im
Privatsektor brechen.

Das ist der Kurs, von dem wir die Regierungen im
Nahen Osten und weltweit überzeugen wollen. Und
das ist der Kurs, den wir verfolgen werden. Wir
werden alles in unserer Macht Stehende tun - und
gegebenenfalls rechtliche Unterstützung suchen - um
sicherzustellen, daß die Hamas und andere Terroristen keine Unterstützung aus den Vereinigten Staaten erhalten.

Unsere Botschaft wird unmißverständlich sein: Der
Nahe Osten ist für Unternehmen offen. Durch
Investitionen, Handel und Gemeinschaftsunternehmen kann die Privatwirtschaft Bande knüpfen, die
den Frieden zwischen Regierungen in einen Frieden
zwischen Menschen umwandeln. Nur ein pulsierender Privatsektor kann das Wachstum herbeiführen
und die Integration vornehmen, die zur Untermauerung eines dauerhaften Friedens erforderlich sind.
Ich freue mich, daß amerikanische Unternehmen in
Casablanca vertreten und bereit sein werden, die
enormen neuen Möglichkeiten zu nutzen. Auch die
Regierungen müssen ihren Beitrag leisten. Sie
müssen Wirtschaftsbarrieren abbauen und die
Infrastruktur aufbauen, die den Nahen Osten auf den
Land- und Luftweg sowie per Fax und Mikrochip
verbindet.

Seite 4

Wir werden ihren Erfolg nicht zulassen.

Natürlich können radikale Gruppen ihre Greueltaten
nicht fortsetzen ohne die Unterstützung reaktionärer
Staaten. Iran und Irak sind nach wie vor die gefährlichsten Akteure der Region. Mit ihrer Politik der
doppelten

Eindämmung

führen

die

Vereinigten

Staaten die Welt bei der Bekämpfung der Bedrohung
an, die diese beiden Länder darstellen.
Iran ist der bedeutendste staatliche Förderer von
Terrorismus und der vehementeste Gegner des
Friedens im Nahen Osten. Die internationale Staatengemeinschaft war viel zu tolerant gegenüber dem
verachtenswerten Verhalten des Iran. Waffenverkäufe und wirtschaftliche Präferenzbehandlung, die
dem Iran die Umleitung seiner Ressourcen für
terroristische Zwecke erleichtern, sollten verboten
werden. Es gibt erdrückende Beweise: Der Iran hat
die Absicht, Terror und Extremismus im Nahen Osten

AMERIKA DIENST 44

�und darüber hinaus zu verbreiten. Nur konzertierte
internationale Bestrebungen können das Land
aufhalten.
In jüngster Zeit hat der verbrecherische Staat Irak
unsere Entschlossenheit auf die Probe gestellt, und
wir haben den Test bestanden. In einem in erschreckender Weise dem vor der Invasion Kuwaits
im Jahr 1990 gleichenden Szenario bewegte Saddam Hussein Truppen an die kuwaitische Grenze.
Binnen Stunden dislozierte Präsident Clinton amerikanische Streitkräfte nach Kuwait. Saddam hat die
Botschaft erhalten, abrupt haltgemacht und die
Truppen zurückgezogen.
Unter amerikanischer Führung verabschiedete der
UN-Sicherheitsrat einstimmig eine Resolution mit der
Forderung, daß Saddam Hussein seine in den
Süden verlegten Truppen abzieht. Dadurch wurden
zukünftige Aktionen Saddam Husseins zur Verstärkung seiner dort stationierten Streitkräfte verhindert. Und Saddam Hussein wurde gewarnt, nie
wieder seine Nachbarn oder UN-Operation im Irak
zu bedrohen.
Saddam hat sich als Wiederholungstäter erwiesen,
dem weder international noch in der arabischen Welt
getraut wird. Wir haben ihn wissen lassen, daß
jeder Wiederholung seiner jüngsten Bedrohungen
mit allen erforderlichen Mitteln begegnet wird,
einschließlich militärischer Macht.

Das irakische Volk sollte verstehen, daß allein
Saddam Husseins brutales Regime für sein Leiden
verantwortlich ist. Saddam hat weiterhin die Ressourcen des Irak für militärische Unternehmen
verschwendet.
Er hat sich geweigert, die UNResolutionen zu nutzen, die eine Erfüllung der
humanitären Bedürfnisse gestattet hätten. Saddam

*

AMERIKA DIENST 44

*

Hussein wird die Vereinten Nationen nicht dahingehend einschüchtern, die Sanktionen aufzuheben. Er
weiß, daß die Sanktionen nur gelockert werden
können, wenn der Irak alle entsprechende Resolutionen des UN-Sicherheitsrats vollständig einhält. Aber
das ist der einzige Ansatz, den er nicht versucht hat.
Saddam Husseins kontinuierliche Aggression und die
jüngste Terrorkampagne der Hamas unterstreichen
die Tatsache, daß die Kräfte des Hasses und Extremismus im Nahen Osten immer noch am Werk
sind. Wir werden jedoch nicht zulassen, daß ihre
Gewalt uns für den sich in der Region abzeichnenden
Lauf der Geschichte blind macht.
Erstaunliche
Veränderungen vollziehen sich. Während sich dieses
Jahrhundert seinem Ende zuneigt, stehen Araber und
Israelis an der Schwelle zu einer neuen Zukunft einer Zukunft der Hoffnung und des Friedens, nicht
der Verzweiflung und des Krieges.
Die Führungsrolle, Macht und Diplomatie der Vereinigten Staaten war über Administrationen beider
Parteien unerläßlich, um uns zu diesem vielversprechenden Augenblick zu bringen. Wenn die
Vereinigten Staaten nichts unternommen hätten,
könnten die irakischen Streitkräfte wieder in Kuwait
sein, Nordkorea würde den Bau von Nuklearwaffen
fortsetzen und die Haitianer würden immer noch unter
den Militärdiktatoren leiden. Unsere jüngsten Leistungen führen uns vor Augen, daß nur die Vereinigten
Staaten die strategische Vision und die globalen
Fähigkeiten zu einer Führungsrolle haben.
Und die amerikanische Führungsrolle ist mehr denn
je entscheidend um sicherzustellen, daß das Versprechen des Friedens Realität wird. Wir können und wollen - nicht zulassen, daß die Kräfte der
Vergangenheit diese historische Chance zerstören.
Die Dynamik für den Frieden muß bewahrt werden.

*

*

Seite 5

�AUSSENPOLITIK

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG DER FREIHEIT
IN DER ZEIT NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers
OXFORD - (AD) - In einer am 20. Oktober 1994 an der Oxford University gehaltenen Rede äußerte der
Stellvertretende US-Außenminister Strobe Talbott: "Universell macht sich zunehmend die - von Völkern auf
jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht breit, daß Demokratie die beste Form politischer Organisation
und der freie Markt die erfolgreichste Form wirtschaftlicher Organisation ist."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers im Wortlaut.

Aus drei Gründen bin ich besonders erfreut, heute
Nachmittag vor Ihnen sprechen zu dürfen. Der erste
ist persönlicher, der zweite politischer und der dritte
historischer Natur.
Ich bin mir sicher, daß Sie an Ihre transatlantischen
Vettern gewöhnt sind, die ihr Herz auf der Zunge
tragen. Ich möchte Sie daher nicht enttäuschen: Ich

sie habe eine historische Chance in der amerikanischen Außenpolitik. Während jeder Zeitraum per
definitionem eine Periode der menschlichen Geschichte ist, markieren einige den Beginn eines
neuen Kapitels, sogar eines neuen Buches. Dies ist
ein neues Buch.
Wir erleben jetzt den dritten großen definierenden

liebe diesen Ort - diese Stadt und diese Universität.

Moment dieses turbulenten Jahrhunderts. An diesen

Hier habe ich die besten drei Jahre meines Lebens
verbracht. Ich freue mich riesig, wieder hier zu sein.

Punkt bringt uns natürlich das Ende des großen
Kampfes, der über 40 Jahre dauerte - die globale
Rivalität zwischen zwei Lagern, auf zwei Supermächte konzentriert.

Dann gibt es die Bande, die Ihr Land und meines
verbinden. Sicher, wir hatten unsere schlechten
Momente, wie im Jahr 1814, als Ihre Landsleute
meine Heimatstadt in Brand setzten. Die amerikanisch-britischen Beziehungen haben jedoch größtenteils Lord Palmerstons berühmtem Diktum getrotzt:
In einigen seltenen Fällen schaffen permanente
Interessen permanente Freundschaften, oder zumindest besondere Beziehungen zwischen Nationen.
Großbritannien war unser Hauptpartner bei der
wichtigsten Veränderung der amerikanischen Außenpolitik: Dem aktiven Engagement der Vereinigten
Staaten für die übrige Welt nach einer Zeit nicht
allzu glorreicher Isolation vor etwas mehr als einem
halben Jahrhundert. Dieses Umdenken wurde durch
das anglo-amerikanische Bündnis im Zweiten
Weltkrieg ausgelöst und dann zum unerläßlichen
Bestandteil der amerikanischen Sicht- und Handlungsweise während der darauffolgenden zwei
Generationen.
Nun zum dritten Grund, aus dem ich mich über Ihre
Einladung freue, heute vor Ihnen sprechen zu
dürfen: Mir wird die Chance geboten zu erörtern,
warum die Clinton-Administration der Auffassung ist,

AMERIKA DIENST 42

Das Ende des Kalten Krieges ähnelt in einer Hinsicht
der Phase des Übergangs, der stattfand, als zu
einem früheren Zeitpunkt heiße Kriege endeten. Aus
der Erschöpfung der Kombattanten entsteht eine
neue Entschlossenheit zur Einführung neuer Verhaltensweisen, Arrangements und Strukturen. Einige
davon werden zu Fixpunkten im internationalen
Umfeld, andere entstehen und verschwinden, noch
andere explodieren vor unseren Augen.
Im 17. Jahrhundert endete der 30jährige Krieg
beispielsweise mit dem Westfälischen Frieden, mit
dem die Ordnung in den Ruinen des Heiligen Römischen Reichs wiederhergestellt werden sollte.
Westfalen wird häufig als erstes Beispiel des modernen Nationalstaats angeführt, in dem die Menschen,
die eine Sprache sprachen oder einer Religion
angehörten, sich unter einer Flagge innerhalb einer
Grenze versammeln konnten. Keine schlechte Idee,
aber auch nicht perfekt. Heute kämpfen wir noch mit
ihren extremeren Unzulänglichkeiten, insbesondere in
der Katastrophenzone, die als Jugoslawien bekannt
war.

Seite 1

�Im 19. Jahrhundert endeten die Napoleonischen
Kriege mit dem Wiener Kongreß, der das Gleichgewicht der Kräfte als Leitprinzip der internationalen
Ordnung verankerte. Das Konzert der europäischen
Mächte war auf die Prämisse gegründet, daß kein
Staat auf dem Kontinent zu stark werden sollte.
Wiederum keine schlechte Idee, aber auch sie hatte
ihre Schwächen. Das Konzept des Gleichgewichts
der Kräfte und die mit ihm einhergehende Diplomatie
tendiert dazu, wertfrei zu sein. Verfechter des
Gleichgewichts der Kräfte argumentieren, das Wesentliche eines Staates oder seiner Regierung sei
vornehmlich seine Größe und Stärke, nicht so sehr
sein Wesen. Dies impliziert, daß der Unterschied
zwischen einer Demokratie und einer Diktatur nicht
so erheblich ist, als wenn zwischen ihnen ein Gleichgewicht des Schreckens besteht.
Diese Sichtweise fördert die Idee, daß die internationale Stadt nur ein Interesse am Erhalt des
Gleichgewichts zwischen Staaten hat, anstatt daran,
was in diesen Staaten geschieht. Wird diese Idee
zu eng ausgelegt, kann sie zur Norm für die Duldung
des Unerträglichen werden.
Das offenkundige
Beispiel aus unserem Jahrhundert ist der Holocaust.
Er hätte die Welt betroffen machen sollen, wenn
Hitlers einzige Opfer deutsche Juden gewesen
wären. Hätte die Welt jedoch je irgend etwas
unternommen um ihn aufzuhalten, wenn Hitler nicht
den Genozid gegen die Deutschen mit Aggression
gegen die Nachbarn Deutschlands verbunden hätte wenn er nur mörderisch im eigenen Land, aber
zurückhaltender im Ausland gewesen wäre? Diese
Fragen quälen die Denkschule des Gleichgewichts
der Kräfte in internationalen Beziehungen, sie
unterstreichen die Notwendigkeit für Staatskunst, um
sowohl von der Ethik als auch der Physik hergeleitete Prinzipien einzubeziehen.
Während der vergangenen 100 Jahre wurden wir
Zeuge zweier Weltkriege und zweier Versuche, den
Weltfrieden herbeizuführen. Der Erste Weltkrieg war
in vieler Hinsicht eine doppelte Katastrophe. Er
führte nicht nur zum Ermordung einer Generation,
sondern verspielte auch die Gelegenheit zu Frieden,
die sich in Versailles geboten hatte.
Mein Land, das zum Erfolg auf den Schlachtfeldern
dieses Krieges beigetragen hat, trug auch zu dem
darauffolgenden Scheitern bei. Der amerikanische
Kongreß lehnte die amerikanische Beteiligung am
Staatenbund ab und verabschiedete dann das
Smoot-Hawley-Gesetz - ein Monument für den
Protektionismus.
Häufig wurde gesagt, dieses
Gesetz trug dazu bei, die Große Depression zu einer
wirklich großen zu machen. Diese und andere
Dummheiten der Zeit zwischen den beiden Welt-

Seite 2

kriegen schufen ein internationales Klima, das einen
Nährboden für den Aufstieg des Faschismus und
damit eines weiteren Flächenbrandes darstellte.
Die Anführer der großen Koalition, die im Zweiten
Weltkrieg triumphierte, lernten mehrere, wenn nicht
alle Lektionen, die sich im Gefolge des Ersten
Weltkriegs ergaben. Statt ihre besiegten Feinde zu
demütigen und verarmen zu lassen, waren die Sieger
dieses Mal beim Wiederaufbau Japans und Deutschlands behilflich. Durch den Marshallplan, das GATT
und die in Bretton Woods ins Leben gerufenen
internationalen Finanzinstitutionen bildeten die bei der
Schaffung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg
anwesenden Staatsmänner die Grundlage für eine
Gemeinschaft westlicher Demokratien sowie für eine
zunehmend interdependente und wohlhabende
globale Gemeinschaft.
Der Zweite Weltkrieg löste auch einen weiteren
Versuch zur Gründung einer Institution aus, die sich
dem Völkerrecht, der kollektiven Sicherheit und der
Durchsetzung des Friedens widmen sollte. Das
Ergebnis - die Vereinten Nationen - war eine entscheidende Verbesserung gegenüber dem Staatenbund, obwohl sie noch einen weiten Weg zurückzulegen haben, bis sie die Vorstellungen ihrer Gründer - und ihrer derzeitigen Mitglieder - erfüllen.
In Wirklichkeit war der Frieden, der dem Sieg der
Alliierten über die Achse folgte, überhaupt kein
Frieden. Clausewitz könnte es folgendermaßen
formuliert haben: Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die internationale Politik nahezu ein
halbes Jahrhundert lang zur Kriegführung mit anderen Mitteln.
Ebenso wie der Kalte Krieg mit anderen Mitteln
geführt wurde - Propagandakampagnen, Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt, dem nuklearen
Rüstungswettlauf - wurde er auch über andere
Themen geführt als diejenigen, die Nationen traditionell zu Gegnern werden ließen. In vorherigen
Zeitaltern waren die Ursache des Krieges und die
Beute des Sieges für gewöhnlich eine Kombination
von Land und Macht. Selbst bei im Namen der
Religion geführten Kriegen lautete die Frage stets:
Wer würde welche Flagge auf welches Stück Land
stellen?
Der "casus belli" des Kalten Krieges war anders nicht vollständig anders, aber doch in beträchtlichem
Maße. Das Kernproblem, wegen dem Großbritannien, die Vereinigten Staaten und der Westen den
Kalten Krieg gegen die Sowjets und ihre Satellitenstaaten führten, beinhaltete zweifelsohne Land und
Macht. Die Landkarte war farblich markiert in blau unsere Seite - und rot - ihre Seite.

AMERIKA DIENST 42

�Der Kalte Krieg drehte sich jedoch nicht nur um
Land und Macht. Er war auch ein in die Länge
gezogener, grausamer und in der Tat häufig eher
heißer Konflikt zwischen konkurrierenden Konzepten
der Organisation des politischen und wirtschaftlichen
Lebens von Einzelpersonen, einzelnen Staaten und
dem Planeten als Ganzes.
Natürlich spielte Macht eine Rolle. Wie häufig
festgestellt wird, erwies sich die NATO als das
erfolgreichste Militärbündnis der Geschichte. Die
verankerte, vom Westen verfolgte Politik der Abschreckung und Eindämmung hatte spektakulären
Erfolg.
Hierbei handelte es sich jedoch nicht nur um eine
Gruppe von Staaten, die sich zur Verteidigung eines
anderen zusammenschlössen. Es war vielmehr eine
Reihe von Ideen, die den Sieg über andere davontrugen. Es gab Befürworter und Gegner dieser
erfolgreichen Ideen auf beiden Seiten der Kampflinien - oder, um genauer zu sein, auf beiden Seiten
des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Die liberalen
Werte, die die NATO-Mitgliedstaaten verbinden,
haben in unterschiedlichem Maße von Estland im
Baltikum über Albanien an der Adria, Kirgisistan und
der Mongolei an der Grenze zu China bis zu Wladiwostok am Pazifik Fuß gefaßt.

auf jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht
breit, daß Demokratie die beste Form politischer
Organisation und der freie Markt die erfolgreichste
Form wirtschaftlicher Organisation ist.
Zweifelsohne sind Wahlen weder ein Allheilmittel für
soziale Miseren noch eine Garantie für eine aufgeklärte Regierung. Häufig wird darauf verwiesen, daß
Hitlers Nationalsozialistische Partei bei den Wahlen
1932 gewann. Wladimir Schirinowskis in grotesker
Weise falsch benannte Liberaldemokratische Partei
schnitt bei den russischen Parlamentswahlen im
Dezember letzten Jahres nur allzu gut ab, als daß
irgend jemand außer ihm selbst glücklich darüber
sein könnte. Dennoch führt die Demokratie im
allgemeinen Wohlstand für das Volk und Frieden für
die Nachbarn herbei.
Als Beweis möchte ich die Entwicklungen auf meiner
Seite des Atlantiks anführen. Noch vor 15 Jahren
herrschten in den meisten Nationen Lateinamerikas
Militärdiktaturen. Heute erhebt jede Regierung mit
Ausnahme Kubas einen echten Anspruch auf demokratische Legitimität. Während diese Staaten einen
demokratischen Kurs einschlugen, haben sie auch
eine Abkehr von der Planwirtschaft vollzogen.
Demokratisch gewählte Politiker in Mexiko, Argentinien, Chile und Brasilien konnten umfassende Wirtschaftsreformen durchführen.

Natürlich gibt es immer noch einige wenige Länder,
die weiterhin ihre Flaggen mit roten Sternen schmük-

ken und Lippenbekenntnisse für Marx, Engels und
Lenin ablegen. Dazu gehört das bevölkerungsreichste Land der Welt - China. Aber auch diese Relikte
kommunistischer Herrschaft bieten Grund zu einem
gewissen strategischen Optimismus - wenn auch
gemischt mit taktischer Geduld, Klugheit und Entschlossenheit.
Ein Grund für Optimismus ist die Durchlässigkeit
selbst schwerbewachter Grenzen für Radio- und
Fernsehsendungen sowie subversiv tätige Einflüsse
wie Telefax und elektronischer Post. Zu den Kräften, die Löcher in den Eisernen Vorhang rissen,
zählten die ständigen verbalen Bombardierungen
durch die Voice of America, Radio Free Europe und
Radio Liberty sowie die BBC. Die Revolution im
Kommunikationswesen hat nicht nur die Übertragung
von Nachrichten ermöglicht - sie hat auch zur
wichtigsten und überzeugendsten guten Nachricht
unserer Zeit beigetragen: Dem Niedergang der
Diktatur und dem Aufstieg der Demokratie.
Während die Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert steht, gelangen wir zu einem beispiellosen
Konsens, wie wir uns innerhalb des jeweiligen
Staates und untereinander organisieren sollten.
Universell macht sich zunehmend die - von Völkern

AMERIKA DIENST 42

Auch Südasien hat sich entschieden Demokratie und
freien Märkten verschrieben.
Im vergangenen
Jahrzehnt haben 260 Millionen Menschen in Pakistan, Bangladesch und Nepal das Recht zur Stimmabgabe bei freien und fairen Wahlen zurückerhalten.
In Indien, wo demokratische Institutionen fest verankert sind, führen Ministerpräsident Rao und Finanzminister Manmohan Singh beeindruckende Reformen
durch, mit denen die Volkswirtschaft des Landes
umgestaltet werden soll: Sie haben die Rupie zu
einer konvertierbaren Währung gemacht und sind mit
einer Überarbeitung des Banksektors sowie der
Privatisierung von Staatsbetrieben befaßt. Ähnliche
Erfolgsgeschichten vernimmt man aus Asien und
Afrika, aus so unterschiedlichen Nationen wie Südkorea, Südafrika und Malawi.
Bei all diesen Fällen besteht eine enge Verbindung
zwischen demokratischer Politik und freien Marktwirtschaften. Auf der ganzen Welt haben demokratisch
gewählte Politiker sich eher als ihre autoritären oder
totalitären Vorgänger geneigt gezeigt, sich für die
wirtschaftlichen oder sozialen Maßnahmen zu entscheiden, von denen ihr Volk am meisten profitieren
wird.
Dies trifft sogar auf die ärmsten Regionen der Welt
zu. Der Harvard-Wirtschaftswissenschaftler Amartya

Seite 3

�Sen - ein ehemaliger Dozent von Oxford - hat
festgestellt, daß "in einem Land mit einer demokratischen Regierungsform und einer relativ freien
Presse nie eine größere Hungersnot vorgekommen
ist". Indien hatte beispielsweise bis zum Zeitpunkt
der Unabhängigkeit im Jahr 1947 Hungersnöte zu
verzeichnen. Die letzte und eine der größten
Hungersnöte fand 1943 statt, als schätzungsweise 2
bis 3 Millionen Menschen starben. Seit der Unabhängigkeit und der Einführung eines demokratischen Mehrparteiensystems gab es keine größere
Hungersnot mehr, obwohl gravierende Mißernten
und Lebensmittelknappheit nur allzu häufig vorkamen.
Dank der von den demokratisch gewählten Regierungen in Botswana und Simbabwe durchgeführten
Programme zur Verhinderung von Hungersnöten
gelang es auch diesen Ländern, ernsthafte Mißernten Anfang der achtziger Jahre zu überstehen.
Während des gleichen Zeitraums erlebten der Sudan
und Äthiopien mit einer vergleichsweise geringeren
Abnahme der Lebensmittelproduktion, aber dem
großen Nachteil antidemokratischer Regime gravierende Hungersnöte.
Der Aufstieg der Demokratie hat ebenfalls eine
dramatische Verringerung von Akten der Aggression
eines Staates gegen einen anderen bewirkt. Lateinamerikanische Staaten beispielsweise führten während eines Großteils dieses Jahrhunderts Scharmützel gegeneinander. Es gab richtige Kriege zwischen
Costa Rica und Panama, Bolivien und Paraguay,
Peru und Ecuador, Honduras und El Salvador. Der
entscheidende Punkt ist jedoch: Zum Zeitpunkt
dieser Konflikte waren alle betroffenen Nationen
einer Diktatur unterworfen. Seit sich Anfang der
achtziger Jahre die Demokratie in der westlichen
Hemisphäre rasch zu verbreiten begann, hat keine
lateinamerikanische Nation Krieg gegen eine andere
geführt. Der eine Fall, bei dem ein lateinamerikanisches Land einen Krieg gegen eine europäische
Macht begonnen hat, ist in mehr als einer Weise
aufschlußreich. Ich beziehe mich natürlich auf das
Schicksal der argentinischen Militärjunta nach ihrem
Fehlschlag auf den Falklandinseln. Die Mitglieder
der Junta wurden daraufhin wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt und von demokratisch gewählten Zivilisten abgelöst.
Mit jedem weiteren Jahr wird es zunehmend offenkundig, daß die Maxime "Demokratien führen keinen
Krieg gegeneinander" nicht nur ein Allgemeinplatz ist
- sie trifft so sehr den Kern der Wahrheit, daß sie
wahrscheinlich als empirische Wahrheit in die Politikwissenschaft eingeht.

Seite 4

Wie Außenminister Christopher erklärt hat, leben wir
heute zum Teil aus diesem Grund "in einem einzigartigen historischen Augenblick, in dem keine Großmacht eine andere als unmittelbare militärische
Bedrohung ansieht".
Die Vereinigten Staaten haben immer noch Kontroversen mit Rußland und China - und bei einigen
Fragen mit Ihrer Regierung - sowie mit Frankreich,
Deutschland und Japan. Aber erstmals gibt es keine
charakteristische Polarisierung der Weltpolitik, keine
Kraftprobe zwischen zwei Giganten, deren Nullsummenspiel für die übrige Welt - Teilnehmer und
Zuschauer gleichermaßen - die Regeln festsetzt. Es
gibt beispielsweise kein Äquivalent zu Sparta gegen
Athen, Rom gegen Karthago oder Großbritannien
gegen Spanien im 16. Jahrhundert - oder für irgendeine andere der gigantischen Rivalitäten, die einen
großen Teil der Geschichte bestimmt haben.
Dieser Zustand ist vornehmlich das Ergebnis des
weitverbreiteten, zunehmend unbestrittenen Engagements für Demokratie, freien Handel und freie Märkte.
Erstmals in der Geschichte der Menschheit sind
praktisch alle führenden Wirtschafts- und Militärmächte der Welt pluralistische, marktwirtschaftliche Demokratien. Dasselbe gilt auch für die meisten Verbündeten der Großmächte.
Aus diesem Grund ist Präsident Clinton der Meinung,
daß unsere Generation eine historische Chance zur
Gestaltung unserer Welt hat. Und er vertritt die
Ansicht, da uns vor allem der Triumph von Demokratie und Märkten zum Sieg im Kalten Krieg verhalf, wir
uns jetzt vor allem von der Verteidigung von Demokratie und Märkten leiten lassen sollten.
Es liegt eindeutig in unserem Interesse, die Tendenz
zur Demokratisierung zu unterstützen. Sollte dieser
Trend ins Gegenteil verkehrt werden, würde das
unser Wohlergehen beeinträchtigen.
Die Wahrscheinlichkeit militärischer Rivalität unter den Großmächten wächst, wenn auch nur eine dieser Mächte
ihr Engagement für freien Handel, offene Märkte und
eine offene Gesellschaft aufgibt und wieder in eine
totalitäre Politik und Kommandowirtschaft zurückfällt.
In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, daß
wir uns heute der Bedrohung unserer gemeinsamen
Sicherheit durch den Irak und Nordkorea stellen zwei Staaten, die der weltweiten Demokratiewelle
widerstanden haben.
Obwohl Demokratie und Marktwirtschaft im Aufstieg
begriffen sind, haben sie nicht überall Fuß gefaßt.
Weit gefehlt. In vielen im Übergang befindlichen
Nationen stecken die erforderlichen Institutionen - die
politische und ökonomische Kultur - noch in den
Kinderschuhen. Wie Außenminister Christopher bei

AMERIKA DIENST 42

�mehreren Gelegenheiten äußerte, bedürfen gerade
die jungen Demokratien am stärksten der internationalen Unterstützung.
Aus diesem Grund haben Ihre und unsere Regierung sich in Haiti mit 28 anderen Nationen zusammengeschlossen und damit die außergewöhnlichen
Feierlichkeiten am Samstag letzter Woche in Portau-Prince aus Anlaß der Wiederherstellung der
demokratischen Regierung dieses Landes ermöglicht. Resolution 940 des UN-Sicherheitsrats zur
Genehmigung der Entsendung einer multinationalen
Koalition war ein Wendepunkt: Erstmals bezeichneten die Vereinten Nationen die Verteidigung der
Demokratie als Berechtigung zum Einsatz "aller
erforderlichen Mittel" - mit anderen Worten, militärischer Gewalt.
Die Mission der Vereinten Nationen in Haiti legt fest,
daß die internationale Staatengemeinschaft nicht nur
eingreifen darf, wenn ein Regime seine Nachbarn
angreift, sondern auch, wenn es seine eigene Bevölkerung brutal behandelt. Es bestehen Meinungsverschiedenheiten darüber - und das wird stets der Fall
sein - wie weit die Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft reicht und in welchem Fall
sie Anwendung findet. Es besteht jedoch kein
Zweifel daran, daß wir die Geopolitik neu definieren.
Gleichzeitig haben wir keinesfalls die traditionellen
Konzepte von Souveränität und Sicherheit aufgegeben oder dem traditionellen Mittel abgeschworen,
diejenigen, die den Frieden gefährden oder verletzen, abzuschrecken und notfalls in ihre Schranken
zu verweisen.
Halten Sie sich die Reaktion der Vereinten Nationen
auf die jüngste aggressive Mobilisierung Saddam
Husseins vor Augen. Bei diesem Vorfall haben wir
aufgrund sehr viel konventionellerer geopolitischer
Überlegungen als in Haiti gehandelt. Im Irak ist die
internationale Staatengemeinschaft gegen einen
Tyrannen vorgegangen, der seinen Nachbarn bedrohte und die weltweite Energieversorgung gefährdete. Aber auch diese Konfrontation enthält einen
dramatischen Beweis dafür, wie die Welt sich nach
dem Ende des Kalten Krieges zum Besseren gewandelt hat: Nach anfänglichem Widerstreben hat
Rußland gemeinsam mit den Vereinigten Staaten
und Großbritannien sowie den übrigen Mitgliedern
des UN-Sicherheitsrats Resolution 949 unterstützt,
die die Fähigkeit Saddams zur bedrohlichen Stationierung seiner Armee weiter beschränkt.
Ich möchte jetzt kurz darauf zu sprechen kommen,
welche Auswirkungen die neue Geopolitik - unser
Versuch einer Neudefinition der nationalen und
internationalen Sicherheit - auf diese Region der

AMERIKA DIENST 42

Welt hat: auf Europa. Schließlich war der europäische Kontinent das Hauptschlachtfeld des Kalten
Krieges. Hier wurde dieser Kampf gewonnen, hier
müssen wir die Errungenschaften des Sieges konsolidieren.
Hier in Europa müssen wir wie überall auf der Welt
den Grundsatz der Verteidigung der Demokratie
anwenden, wo diese am schwächsten und verwundbarsten ist.
Wir in der Gemeinschaft etablierter marktwirtschaftlicher Demokratien müssen den postkommunistischen
Reformern Hilfestellung leisten. Wir müssen ebenso
ausdauernd wie sie sein. Es wäre ein schrecklicher
Fehler, selbstgefällig davon auszugehen, auch ohne
unsere Hilfe würden Demokratie und Marktwirtschaft
überall dort erfolgreich sein, wo sie jetzt Fuß gefaßt
haben. Und es wäre ein noch viel schlimmerer
Fehler, fatalistisch der Angst zu erliegen, trotz unserer Hilfe wären die Reformen in diesen Ländern zum
Scheitern verurteilt.
Während des Kalten Krieges hatte die Entschlossenheit des Westens unentbehrliche Verbündete in den
östlichen Reformern und den Menschen selbst - eine
Tatsache, die oftmals in der selbstgefälligen und
triumphierenden Rhetorik einiger Vertreter des
Westens unterging. Die Opfer des Kommunismus
wurden zu Siegern über den Kommunismus, und wir
müssen sie in unsere Planung für die Welt nach dem
Kalten Krieg einbeziehen.
Das ist das erste Prinzip der amerikanischen Europapolitik. Es ist der Hauptgrund dafür, daß Präsident
Clinton bei seinen drei Europareisen Anfang dieses
Jahres sein Engagement für Integration unterstrich:
Zusammenarbeit innerhalb der transatlantischen
Partnerschaft beim Aufbau eines ungeteilten Europa,
eines Europa, das durch das gemeinsame Engagement für Demokratie, freie Marktwirtschaft und
gegenseitige Respektierung der Grenzen geeint ist.
Was bedeutet das in praktischer Hinsicht?
Es
bedeutet die Einbeziehung der östlichen Staaten in
die Wirtschaftsinstitutionen des Westens - in das
GATT, die Europäische Union und die OECD. Wenn
die Länder Mitteleuropas und der ehemaligen Sowjetunion den Mut besitzen, die schmerzlichen aber
erforderlichen Maßnahmen für Wirtschaftsreformen zu
ergreifen, müssen wir bereit sein, unseren Beitrag zu
leisten. Wie Präsident Clinton bereits sagte: "Es
ergibt wenig Sinn, wenn wir einerseits ihren marktwirtschaftlichen Reformen applaudieren und ihnen
andererseits nur selektiven Zugang zu unseren
Märkten anbieten."

Seite 5

�Integration bedeutet auch, daß wir weiterhin die
erste Sicherheitsstruktur nach dem Kalten Krieg
entwickeln müssen - die Partnerschaft für den
Frieden. Vor zwei Wochen trat Armenien ihr als 23.
Nation bei. Seit die Partnerschaft im Januar auf
dem NATO-Gipfel ins Leben gerufen wurde, hat sie
praktischen Inhalt, eine konsistente Form und einen
vielversprechenden Kurs erhalten. Sie hat bereits zu
dem sensationellen Ereignis gemeinsamer Übungen
ehemaliger Gegner aus der NATO und dem Warschauer Pakt in Polen geführt. Ende dieses Monats
soll ein zweites Manöver dieser Art in den Niederlanden stattfinden.

Der Fall Bosnien veranschaulicht darüber hinaus in
dramatischer Weise ein globales Problem: nationalistisch inspirierten Separatismus und Bürgerkrieg,
Fehden unter Volksgruppen, die das Banner der
Selbstbestimmung gehißt haben, die neue Weltunordnung - ein Phänomen, das als Amoklauf des Westfälischen Friedens oder des Versailler Vertrags
bezeichnet werden könnte. Wir sind Zeuge des
Scheiterns von Staaten wie Ruanda und Somalia.
Wir sehen, wie ethnische Konflikte im Kaukasus
regionale Instabilität verursachen. Der innere Zerfall
von Staaten stellt auf dem Weg zum Ziel der Integration ein bedeutendes Hindernis dar.

Auch die NATO ist in einem Entwicklungsprozeß
begriffen. Präsident Clinton, Vizepräsident Gore,
Außenminister Christopher und Verteidigungsminister
Perry haben versprochen, daß die NATO neue
Mitglieder aufnimmt. Sie wird das von Fall zu Fall,
im Einklang mit den Interessen und Wünschen der
Mitgliedstaaten entscheiden, und keine andere
Macht besitzt in diesem Prozeß ein Vetorecht.

Das ist ein zusätzlicher Grund dafür, daß wir den
Konflikt in Bosnien nicht ignorieren können. In den
kommenden Tagen und Wochen werden wir eng mit
unseren Kollegen in der Kontaktgruppe zusammenarbeiten - Großbritannien, Frankreich, Rußland und
Deutschland als Vertreter der Europäischen Union.
Wir werden uns für die Stärkung der immer noch
instabilen Föderation in Bosnien einsetzen. Wir
werden nach Wegen suchen, die Grenze zwischen
Serbien und Bosnien noch dichter zu schließen. Wir
werden auf eine strengere Durchsetzung der UNSchutzzonen drängen.

Die Erweiterung der NATO kann, wenn sie richtig
gehandhabt wird - und das ist der Fall - der größeren Sache der europäischen Integration, Sicherheit
und politischen Stabilität dienen.
Mit anderen
Worten: Die Evolution der NATO kann dazu beitragen, die Evolution Europas zu leiten. Die Aufnahme
neuer Mitglieder in die NATO muß und darf nicht zu
neuen Spaltungen zwischen Ost und West führen.
In diesem Zusammenhang müssen wir auch andere
Wege der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit
sondieren, die - wie die Partnerschaft für den Frieden - alle Nationen der euro-atlantischen Welt
einbeziehen. Derzeit prüfen die 52 Teilnehmerstaaten der KSZE in Budapest, wie diese Organisation
zu einem effektiveren Instrument für den Umgang
mit regionalen Konflikten und die Errichtung eines
gemeinsamen Sicherheitsraums auf der Grundlage
gemeinsamer Werte und Verhaltensnormen umgestaltet werden kann.
Die Vereinigten Staaten
werden sich entschlossen für den Erfolg dieser
Bestrebungen einsetzen.
Dieser Versuch gestaltet sich jedoch äußerst schwierig, wenn wir nicht die Herausforderung im ehemaligen Jugoslawien angehen. Die Situation in dieser
überschatteten Region Europas ist weiterhin
schrecklich. Die bosnischen Serben verüben Greueltaten und widersetzen sich dem Willen der internationalen Staatengemeinschaft. Bosnische Muslime und Kroaten sehen einem schrecklichen Winter
unter Belagerung entgegen. Wenn sich die Kämpfe
ausweiten, könnten wir mit grausiger Symmetrie
dieses Jahrhundert mit einer Wiederholung der
Balkankriege von 1912 und 1913 abschließen.

Seite 6

Inmitten des Schreckens im ehemaligen Jugoslawien
gibt es, wenn auch schwache, Anzeichen guter
Nachrichten. In dem Bestreben zur Beendigung des
Konflikts hat der UN-Sicherheitsrat erstmals die
NATO als Instrument zur Durchsetzung des Willens
der Vereinten Nationen eingesetzt. Die UN-Schutztruppe für das ehemalige Jugoslawien, UNPROFOR,
hat zahlreiche Mitglieder der Partnerschaft für den
Frieden, darunter nicht nur Großbritannien, Kanada
und Frankreich, sondern auch Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts wie Polen, die Ukraine und
Rußland zusammengebracht.
Die Bereitschaft
Rußlands, gemeinsam mit dem Westen diplomatische
und militärische Mittel zur Beendigung des Konflikts
einzusetzen, ist eher der bemerkenswerteste Beweis
dafür, daß wir tatsächlich in einer neuen Welt leben.
Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich noch
auf Rußland eingehen, das Land, dessen Sprache,
Literatur, Kultur und Geschichte ich in meiner Zeit
hier in Oxford studiert habe.
In Moskau machen sich viele Menschen Sorgen
darüber, ihr Land werde am Ende aus einer erweiterten und integrierten europäischen Sicherheitsstruktur ausgeschlossen. Genauer gesagt haben sie
Angst, die Partnerschaft für den Frieden und die
beabsichtigte Erweiterung der NATO seien gegen
Rußland gerichtet. Im vergangenen Monat bemühte
sich Vizepräsident Gore, diese Besorgnis zu beschwichtigen. In Berlin legte er dar, warum die

AMERIKA DIENST 42

�Erweiterung der NATO mit den Sicherheitsinteressen
Rußlands vereinbar ist. Er stellte fest: "Instabilität in
Zentraleuropa, der Ursprungsregion europäischer
Kriege, hat zweimal in diesem Jahrhundert Tragödien über den Kontinent gebracht." Das russische
Volk litt stark unter diesen Tragödien und hat daher
wie jeder andere allen Grund, weitere Instabilität in
Zentraleuropa zu fürchten. Somit hat Rußland ein
ebenso großes Interesse wie jedes andere Land an
Stabilität in Zentraleuropa - und genau das ist das
Ziel einer erweiterten NATO. Die Erweiterung sollte
nicht als eine gegen irgend jemanden gerichtete
Aktion betrachtet werden, sondern als wichtiger
Bestandteil regionaler Sicherheit und Stabilität.
Man könnte sich jedoch fragen - und viele Menschen
tun das auch - wie es um die Stabilität innerhalb
Rußlands bestellt ist. Wir wissen einfach nicht, wie
das Rußland des 21. Jahrhunderts aussieht. Dieses
riesige, stolze, reiche, kultivierte und krisengeschüttelte Land befindet sich inmitten eines Prozesses der
Neudefinition, und das wird auch in Zukunft noch
längere Zeit der Fall sein. Wir wissen jedoch schon
genau, was für eine Art von Rußland wir anstreben:
eine starke, wohlhabende Demokratie, die in das
wirtschaftliche und politische Leben der übrigen Welt
integriert ist, sicher in ihren derzeitigen Grenzen lebt
und die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale
Integrität ihrer Nachbarn respektiert, insbesondere
jener Nachbarn, die - wie Rußland selbst - Republiken der ehemaligen Sowjetunion sind.
Das erhoffen nicht nur wir uns für Rußland - zahlreiche Russen wünschen das für ihre Heimat. Dazu
gehören viele der heutigen russischen Politiker und
ihre aufstrebenden jüngeren Kollegen. Das sind
jedoch nicht die einzigen Bestrebungen im Getümmel der Duma und des Föderationsrats sowie bei
den Wahlen, nachdem jetzt endlich die Realpolitik
Einzug im Land gehalten hat. Es gibt Kräfte, die
offen vorgehen und jene, die hinter den Kulissen, im
Untergrund und in dunklen Gassen operieren, die
häßlich, bedrohlich, rückständig und Schlimmeres
sind.
Rußland führt also derzeit einen Kampf um seine
Zukunft, Identität, Seele und seinen Platz in Europa.

*

AMERIKA DIENST 42

*

Wie Präsident Clinton darlegte, muß sich das russische Volk fragen, was es bedeutet, im 21. Jahrhundert eine Großmacht zu sein, ob es das in den
Kategorien der Vergangenheit oder der Zukunft
definiert. Offener gesagt: Werden sich die Menschen in diesem Land für Imperialismus und Unterdrückung oder Integration und Freiheit entscheiden?
Wir müssen alles in unserer Macht Stehende zur
Unterstützung der Kräfte unternehmen, deren Sieg in
diesem Kampf wir wünschen. Wenn sie Oberhand
gewinnen, werden diese Kräfte Rußland gestatten,
wirkliche Sicherheit und Wohlstand zu erlangen.
Wir dürfen jedoch das Ergebnis dieses Kampfes nicht
vorwegnehmen und insbesondere unser erstes Urteil
nicht auf Vorurteile oder historische Stereotypen
gründen, auf aufgewärmte Ideologie aus der Zeit des
Kalten Krieges, wenn wir nicht den Fehler begehen
wollen, dieses Ergebnis herbeizureden. Wir müssen
Voltaire erinnern, der davor warnte, unsere Alpträume
für eine Vorahnung der Zukunft zu halten.
Um es ganz offen zu sagen: Sollten wir unsere
Politik auf die pessimistische Annahme gründen,
Rußland werde Rückschritte machen anstatt sich
weiterzuentwickeln, würden wir in den letzten Jahren
dieses Jahrhunderts einen groben strategischen
Fehler begehen, der dem in den ersten Jahren dieses
Jahrhunderts - in Versailles und danach - begangenen gleichkommt.
Ich möchte diesen Punkt auch etwas positiver formulieren, mehr im Geiste des strategischen Optimismus,
der nach Ansicht Präsident Clintons die amerikanische Außenpolitik im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
leiten sollte. Wir können die Chancen dieser Übergangszeit ergreifen. Wir werden dazu wahrscheinlich
eher in der Lage sein, wenn wir verstehen, warum
alle früheren Versuche zur Schaffung eines dauerhaften Friedens - Westfalen, Wien, Versailles, München
und Jalta - scheiterten oder Unzulänglichkeiten
aufwiesen. Wir können aus der Geschichte lernen
und auf dem Vermächtnis unserer Vergangenheit
aufbauen, während wir eine Strategie für unsere
Zukunft entwickeln. Und diesmal können wir es
richtig machen.

*

*

Seite 7

�AUSSENPOLITIK

MACHT UND DIPLOMATIE DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede von Anthony Lake
HARVARD - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 21. Oktober 1994 vom Nationalen Sicherheitsberater Anthony Lake an der Harvard University gehaltene Rede.

Das Thema meiner heutigen Ausführungen sind die
Beziehungen zwischen Macht und Diplomatie insbesondere Macht und Diplomatie der Vereinigten
Staaten - in einer dramatisch gewandelten Welt.
Auf der internationalen Bühne durchleben wir einen
außergewöhnlichen Moment. Die einzigartige, alles
umfassende Bedrohung des Kalten Krieges ist
verschwunden. Das internationale Umfeld ist völlig
umgestaltet und unterscheidet sich stark von der
alten strategischen Landkarte, auf der jede Bewegung und Veränderung im Zusammenhang mit der
sowjetischen Bedrohung gesehen wurde.
Aber selbst in diesem neuen Zeitalter behalten
einige alte Wahrheiten ihre Gültigkeit.
Die erste lautet, daß Meinungsverschiedenheiten
und Debatten über unsere Rolle in der Welt so alt
sind wie unsere Republik. Auf der einen Seite
stehen stark beschränktes Engagement im Ausland
und Protektionismus, auf der anderen aktives
Engagement der Vereinigten Staaten im Ausland im
Namen von Demokratie und Ausweitung des Handels.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Debatte,
großenteils aufgrund der Bedrohung durch die
Sowjetunion, zugunsten eines aktiven Engagements
beigelegt. Heute werden wir, ebenso wie Ende der
vierziger Jahre, erneut mit dem alten Impuls konfrontiert, uns zurückzuziehen. Und ebenso wie Ende
der vierziger Jahre erfordern unsere Interessen
heute, daß wir diesen Impuls unter Kontrolle halten.
Unsere Aufgabe ist jetzt jedoch weitaus schwieriger,
da wir sie nicht unter Gegebenheiten wie Ende der
vierziger, sondern wie in den zwanziger Jahren
erfüllen müssen: Ein Großteil unserer Gesellschaft
strebt eine Pause von den Härten des internationalen Engagments an, und es gibt keine einzelne

AMERIKA DIENST 43

Gefahr, gegen die man die Öffentlichkeit mobilisieren
könnte.
Die zweite alte Wahrheit lautet folgendermaßen:
Ideen sind von Bedeutung. Sie stehen bei den
meisten der derzeit weltweit ausgetragenen Kämpfe
auf dem Spiel. Wie Präsident Clinton äußerte: "In
dieser neuen Welt sehen wir uns jedoch einem
Wettstreit gegenüber, der so alt ist wie die Geschichte selbst - einem Kampf zwischen Freiheit und
Tyrannei, zwischen Toleranz und Bigotterie... Es ist
ein Kampf zwischen denen, die freie, von Gesetzen
regierte Gesellschaften aufbauen wollen und denjenigen, die ihren Willen mit Gewalt durchsetzen möchten. Der heute von uns geführte Kampf in einer Welt,
die stärker als jemals zuvor von Spitzentechnologie
bestimmt ist, sich schneller verändert, chaotischer
und vielfältiger ist als je zuvor, ist der jahrhundertealte Kampf zwischen Hoffnung und Angst."
Das führt mich zu der dritten, in diesem neuen
Zeitalter gültigen alten Wahrheit: Macht ist immer
noch von Bedeutung. Wir sind nicht der Weltpolizist.
Aber in diesem Kampf zwischen Hoffnung und Angst
wird unsere Macht etwas Entscheidendes bewirken,
ebenso wie es in den beiden Weltkriegen und während des Kalten Krieges der Fall war. Das Kernstück
der amerikanischen Macht ist die Androhung oder der
Einsatz militärischer Gewalt. Ohne sie würde sich in
Haiti heute nicht eine schwierige, aber aufregende
Chance für die Demokratie abzeichnen. Und ohne
sie würde der Irak heute seine Nachbarn durch
gefährliche Truppenbewegungen an der Grenze zu
Kuwait bedrohen.
Mit anderen Worten: Von der Macht losgelöste
Diplomatie führt normalerweise zum Scheitern.
Gleichzeitig läuft Macht ohne Diplomatie Gefahr,
planlos zu sein.

Seite 1

�Das ist kein neuer Gedanke. In der Antike schilderte
Thucydides im Fall der Insel Milos anschaulich die
Schwäche der nicht durch Macht unterstützten
Diplomatie. Die fundierten Argumente der Bewohner
von Milos für die Bewahrung ihrer Unabhängigkeit
stellten keine Verteidigung gegen ein auf Unterwerfung abzielendes Athen dar. Ohne die Macht zur
Untermauerung ihrer Position wurden die Männer
von Milos enthauptet, Frauen und Kinder als Sklaven
verkauft.
Dieselben Meinungsverschiedenheiten wurden in
Europa Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts von Hitler und seiner Politik der Panzer und im
Pazifik durch Pearl Harbor beigelegt. Nach dem
Zweiten Weltkrieg setzte sich der weitblickende
Staatsmann Dean Acheson dafür ein, daß die
Amerikaner diese Lektion nicht vergaßen. Acheson
und andere kluge Politiker wußten, daß die Vereinigten Staaten aller Instrumente der Diplomatie
und Macht bedurften, um ihre vitalen Interessen zu
verteidigen und im Kalten Krieg langfristig den Sieg
davonzutragen. Es war Acheson, der erstmals
davon sprach, "aus einer Position der Stärke heraus
zu verhandeln".
Heute bezieht die amerikanische Diplomatie natürlich
einen großen Teil ihrer Stärke aus unserer Wirtschaftsmacht und der Macht unseres Beispiels.
Es ist nicht nur die Tatsache, daß unser globaler
ökonomischer Geltungsbereich der Stimme Amerikas
bei nahezu jeder internationalen Angelegenheit
Gehör verschafft - die neue Weltwirtschaft könnte
auch eine

kleine

Revolution

in der

Diplomatie

auslösen.
Da die Volkswirtschaft jeder Nation
zunehmend von der Teilnahme am Weltmarkt
abhängt, werden immer mehr Länder auch ungeschützter gegenüber den Auswirkungen wirtschaftlicher Isolation.
Das bedeutet, daß sie gleichermaßen empfänglich
für ökonomische Anreize und Strafen werden.
Südafrika bietet hierfür ein anschauliches Beispiel.
Und wir haben gesehen, wie effektiv Anreize und
Sanktionen bei unseren Verhandlungen mit Nordkorea über das Atomwaffenprogramm dieses Landes
waren. Wir begrüßen die Entscheidung Nordkoreas,
die zur heutigen Unterzeichnung eines Abkommens
führte. Das Abkommen liegt sowohl im Interesse
Nordkoreas als auch der Vereinigten Staaten, da es
einen Beitrag zur Beendigung der wirtschaftlichen
und politischen Isolation des Landes leisten kann.
Es war aber wahrscheinlich kein Zufall, daß bei den
Gesprächen im vergangenen Sommer wirkliche
Fortschritte erzielt wurden als deutlich wurde, daß
wir dem UN-Sicherheitsrat eine Resolution über
Sanktionen vorzulegen beabsichtigten.

Seite 2

Die Macht von Sanktionen zeigt sich auch am Verhalten Serbiens. Man sieht in der Tat eine direkte
Verbindung zwischen den dramatischen Auswirkungen der Isolierung der serbischen Wirtschaft und der
sich abzeichnenden Politik von Slobodan Milosevic.
Das Kernstück der amerikanischen Macht ist jedoch
militärische Macht. Aus diesem Grund hat Präsident
Clinton zugesagt, daß unsere Streitkräfte die am
besten ausgebildeten, am besten ausgerüsteten und
einsatzbereitesten der Welt bleiben sollen. Ich sage
"bleiben sollen", da die effiziente und schnelle Art und
Weise, auf die unser Militär kürzlich die Operationen
am Golf und in Haiti durchführte, keinen Zweifel an
seiner derzeitigen Einsatzbereitschaft und Stärke
lassen.
Die Kassandrarufe der Kritik an unserer Einsatzbereitschaft treffen nicht zu: Wir haben Waffen in
Krisenherden wie dem Persischen Golf voreingelagert, unsere See- und Lufttransportfähigkeiten erweitert und die Finanzmittel für Operationen und Instandhaltung im Haushaltsjahr 1995 um 5,7 Prozent
erhöht. Es gibt Fragen zu unserer zukünftigen
Einsatzbereitschaft und Mobilität, die wir ansprechen
müssen und wollen, aber der schnelle und höchst
effiziente Aufmarsch unserer Truppen in Haiti und
Irak hat unsere Zuversicht bestärkt, daß wir weiterhin
praktisch gleichzeitig in zwei regionalen Konflikten
größeren Ausmaßes kämpfen und gewinnen können.

Die sich uns stellende Herausforderung ist nicht nur
der Erhalt unserer Militärmacht. Wir müssen heute
auch eine neue nationale Debatte über die entscheidenden Fragen führen, wann, wo und wie wir unsere
militärische Macht einsetzen. Ende der vierziger und
Anfang der fünfziger Jahre wurden solch umfassende
Diskussionen nur über Fragen der Nukleardoktrin und
des begrenzten Krieges geführt. Wir benötigen heute
einen ähnlichen Gedankenaustausch, und Sie müssen bei der Gestaltung der Debatte und somit unserer gemeinsamen Zukunft eine zentrale Rolle spielen.
Wann werden wir Gewalt einsetzen? Die kurze
Antwort lautet stets gleich: Wenn unsere Interessen
das von uns verlangen.
Während des Kalten Krieges wurden unsere Interessen vorwiegend vor dem Hintergrund der Bedrohung der Vereinigten Staaten durch die sowjetischen Nuklearwaffen definiert. Dies führte zur Politik
der nuklearen Abschreckung. Wir verdanken es zum
Teil dieser Politik, daß wir am Leben sind und uns
heute hier frei versammeln können.
Die Politik der Eindämmung war auch das Resultat
der Definition amerikanischer Interessen angesichts

AMERIKA DIENST 43

�der sowjetischen Bedrohung. Der nationale Konsens über die Eindämmung trug zum Sieg im Kalten
Krieg bei. Aber wie der Vietnamkrieg zeigte, wurden
die Beziehungen zwischen Mitteln und Zielen beim
Führen begrenzter Kriege nie zufriedenstellend
definiert.
Heute benötigen wir angesichts der immer größeren
Auswahl zwischen möglichen Missionen in einer sich
schnell wandelnden Welt genauere Definitionen.
Ebenso wie bei der Förderung von Demokratie und
Marktwirtschaft konzentrieren wir uns auf die Gebiete, in denen unsere Interessen auf dem Spiel stehen, und wir müssen so klar wie möglich definieren,
wann und wo wir unsere Militärmacht einzusetzen
gedenken. Denn es gibt keine wichtigere Entscheidung, die ein Präsident trifft.
Ungeachtet dessen, wie klar unsere Militärdoktrin
formuliert ist, muß und sollte diese Entscheidung auf
einem Urteil basieren, das die Bedeutung einer
Mission im Hinblick auf unsere Interessen und ihre
mutmaßlichen Kosten gegeneinander abwägt.
Ich möchte kurz, wenn auch nicht streng nach
Prioritäten geordnet, die sieben nationalen Interessen aufführen, die nach Ansicht dieser Administration allein oder in Kombination den Einsatz unseres
Militärs rechtfertigen, insbesondere in Gebieten von
größter strategischer Bedeutung:

Verteidigung der Vereinigten Staaten, ihrer
Bürger im In- und Ausland sowie ihrer Verbündeten gegen direkte Angriffe.
Abwehr von Aggression, was für den Erhalt einer
friedlichen Welt von zentraler Bedeutung ist.
Verteidigung unserer wichtigsten Wirtschaftsinteressen, denn auf diesem Gebiet steht für die
Amerikaner bei unserem internationalen Engagement persönlich am meisten auf dem Spiel.
Bewahrung, Förderung und Verteidigung der
Demokratie, die wiederum unsere Sicherheit
erhöht und unsere Werte verbreitet.
Verhinderung der gefährlichen Weiterverbreitung
von Atomwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen sowie terroristischer Gewalttaten.
Bewahrung unserer Verläßlichkeit. Wenn die
Vereinigten Staaten anderen Nationen gegenüber
Verpflichtungen eingehen, müssen sie ihre
Versprechen halten.

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Dasselbe gilt auf dem Gebiet humanitärer Angelegenheiten, beispielsweise beim Kampf gegen
Hunger und Naturkatastrophen sowie bei ernsthaften Menschenrechtsverletzungen.
Eine Reihe von Interessen zu haben bedeutet nicht,
daß wir keine Prioritäten setzten könnten. Unsere
hier dargelegten Interessen - mit der sicheren
Ausnahme von Angriffen auf unsere Nation und
unsere Verbündeten und der möglichen Ausnahme
von Aggression andernorts - sollten nicht automatisch
zu Gewaltanwendung führen. Je mehr dieser Interessen in Gefahr sind, desto wahrscheinlicher werden
wir wieder unser Militär zu Hilfe rufen. Aus diesem
Grund sahen wir uns in Haiti zur Intervention gezwungen angesichts der Verweigerung von Demokratie, Bedrohung unserer Grenzen, Gefährdung unserer
Verläßlichkeit und Errichtung eines brutalen Regimes
direkt vor unseren Küsten.
Es sind nicht allein unsere Interessen, die entscheiden, wann und wo wir Gewalt anwenden. Wir
müssen Kosten und Nutzen jeder einzelnen Operation gegen die auf dem Spiel stehenden Interessen
abwägen und uns die folgenden Fragen stellen: Gibt
es eine klar definierte, durchführbare Mission?
Welche Risiken gehen wir ein? Wie groß sind die
Aussichten auf Erfolg? Was benötigen wir zur
Erreichung unserer Ziele? Wie hoch sind die möglichen - humanitären und finanziellen - Kosten des
Engagements? Haben wir eine realistische Erfolgsstrategie?
Es gibt hier keinen Algorithmus, keine einfache
Formel, bei der wir nur Zahlen einzusetzen brauchen,
um die Risiken und Erfordernisse zu kalkulieren. Wir
wissen jedoch, welche Faktoren wir bei unserer
Entscheidung darüber in Erwägung ziehen müssen,
wann und wo wir unsere Männer und Frauen in die
Gefahr entsenden.
Es gibt auch eine Reihe von Richtlinien, die uns beim
Einsatz von Gewalt behilflich sind, und sie befassen
sich mit dem Nutzen der Operation. Wenn wir
amerikanische Truppen ins Ausland schicken, haben
sie eine klare Aufgabe und verfügen über die erforderlichen Mittel. Wenn wir Gewalt einsetzen, müssen
wir sie unerschrocken anwenden. Sonst würden wir
die Interessen gefährden, die wir eigentlich verteidigen wollen sowie die Truppen, die wir entsenden.
Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben: Die
Entsendung unseres Militärs wird oftmals nicht zur
Lösung der zugrundeliegenden Probleme führen, und
wir müssen die von uns beschlossenen Missionen
sorgfältig begrenzen. Gewalt kann einen Aggressor
besiegen, wird jedoch keine Demokratie ins Leben

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�rufen oder zu Wohlstand führen. Sie bewirkt vielleicht erst im Nachhinein eine Lösung.
Wenn wir handeln, tun wir das wenn möglich gemeinsam mit anderen, wenn nötig aber auch im
Alleingang. In einigen Fällen, in denen wir nicht
unilateral vorgehen sollten, könnten wir uns zur
Teilnahme an einer multilateralen Aktion entscheiden, bei der Lasten und Risiken aufgeteilt werden.
Die Vereinigten Staaten haben konsequent die
Bestrebungen angeführt, Koalitionen zu bilden, um
den Bedürfnissen der internationalen Staatengemeinschaft gerecht zu werden. Wenn wir uns
zusammen für eine gemeinsame Sache einsetzen,
werden wir alle stärker und haben mehr moralische
Autorität.
Je mehr unsere Interessen bedroht sind, desto eher
sind wir geneigt, im Alleingang zu handeln. Aus
diesem Grund haben wir gesagt, wir werden am
Persischen Golf wenn nötig unilateral handeln - und
haben dies auch getan, als die Iraker einen Anschlag auf das Leben des ehemaligen Präsidenten
der Vereinigten Staaten und damit gegen unser
ganzes Volk planten.
Schließlich möchte ich noch eine Warnung bezüglich
einer anderen möglichen Leitlinie anbringen. Einige
haben sich zugunsten einer vereinfachten Politik
ausgesprochen: Wir sollten uns in unserer eigenen
Hemisphäre und in begrenzten Gebieten im Ausland
einen Einflußbereich sichern und den anderen die
Aufgabe überlassen, die Stabilität und Ordnung in
ihrer jeweiligen Sphäre aufrechtzuerhalten.
Diese Sichtweise ist in gefährlicher Weise falsch.
Zweifelsohne zählt Nähe. Läge Haiti nicht so nahe
vor unseren Küsten, hätten wir wahrscheinlich nicht
gehandelt. Der dramatische Vormarsch der Demokratie in dieser Hemisphäre ist eine der wirklich
beeindruckenden Entwicklungen unserer Zeit, und
wir haben ein offenkundiges Interesse, eine Beeinträchtigung dieser Entwicklung zu verhindern.
Wir sind uns bewußt, daß alle Nationen stärker um
ihre unmittelbare Umgebung besorgt sind als um
entfernte Regionen. Aber als große Nation, deren
Interessen und Ideale globale Ausmaße haben,
können - und wollen - wir nicht anderen das Recht
überlassen, sich je nach ihrem Gutdünken ohne
Rücksicht auf internationale Normen in die Angelegenheiten ihrer Nachbarn einzumischen. Wir müssen von anderen insbesondere erwarten, daß sie die
Souveränität und territoriale Integrität ihrer Nachbarn
respektieren.

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Dies sind also die Kosten-Nutzen-Rechnungen, die in
der Vergangenheit hinter unseren Einsätzen militärischer Macht standen und uns in der Zukunft leiten
werden.
Bei jedem Einsatz von Gewart haben wir die Interessen und Kosten gegeneinander abgewogen. Und
in jedem Fall hat der Einsatz unseres Militärs unsere
Diplomatie untermauert und uns Fortschritte erlaubt,
die wir ansonsten nicht erzielt hätten.
Beim Irak handelt es sich um einen Fall drohender
Aggression, bei der ein breites Spektrum amerikanischer Interessen in Gefahr ist. Aus diesem Grund
führen wir die Koalition unter der Schirmherrschaft
der Vereinten Nationen an - sind jedoch bereit, im
Alleingang zu handeln, wenn wir müssen. Das
Ergebnis des entschlossenen Handelns des Präsidenten war nicht nur die in greifbare Nähe gerückte
Lösung der derzeitigen Krise, sondern eine neue
Verfügung des Sicherheitsrats bezüglich einer weiteren irakischen Aggression.
In Haiti, wo geringere, aber dennoch wichtige Interessen auf dem Spiel stehen, haben wir ebenfalls
gehandelt - aber zu erheblich niedrigeren Kosten. Im
Verlauf von drei Jahren hatten wir alle Verhandlungsmöglichkeiten und die Verhängung von Wirtschaftssanktionen bei unseren Bestrebungen erschöpft, das
Versprechen zweier Administrationen zur Wiederherstellung der demokratisch gewählten Regierung auf
Haiti zu erfüllen. Nur der Einsatz von Gewalt konnte
schließlich den Erfolg herbeiführen. Als die haitianischen Generale die Nachricht erhielten, daß die 82.
Luftlandedivision gestartet und auf dem Weg nach
Haiti war, gaben sie nach. Infolgedessen erreichten
wir auf friedlichem Wege, was wir mit Feuerkraft zu
erzielen bereit waren. Wenn man zum Einsatz von
Gewalt bereit ist, kann man Sun Tzus Worten zufolge
"den Feind ohne Kampf unterwerfen". Der alte
Stratege bezeichnete dies als "das Höchstmaß an
Geschicklichkeit".
In Bosnien konnten wir nicht alle von uns gewünschten Fortschritte machen, aber als die Diplomatie
Hand in Hand mit militärischer Macht ging, konnten
wir eine positive Bewegung beobachten. Das Ultimatum von Sarajevo hatte beispielsweise vor allem
Erfolg, weil die Androhung von Luftangriffen der
NATO konkret war. Die Entscheidung der NATO zum
Einsatz der Luftstreitkräfte hat den Druck auf Sarajevo maßgeblich verringert, den Fall von Gorazde
verhindert und die Grundlage für das Abkommen vom
Frühjahr zwischen den Bosniern und den bosnischen
Kroaten bereitet, ihren Konflikt zu beenden und eine
Föderation zu bilden. Die jüngste NATO-Entscheidung, größere Klarheit und Flexibilität der Vereinten

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�Nationen in Bosnien anzustreben, war ein Schritt in
die richtige Richtung.
In Ruanda und Somalia waren unsere Missionen
vornehmlich humanitär und unsere Interessen begrenzt. Nur das amerikanische Militär konnte das
Geleistete vollbringen und Hunderttausende Menschenleben retten.
Längerfristig rechtfertigten
unsere Interessen jedoch nicht mehr als die Unterstützung der multilateralen Friedenssicherungsbestrebungen nach Abschluß unserer Mission. Wie
überall können die internationalen Friedenssicherungsbestrebungen auch dort einer zersplitterten
Gesellschaft nur eine Chance bieten - eine Zeit
relativer Sicherheit - in der sie ihre Wunden heilen
kann. Keine Kraft von außen kann einer Gesellschaft das auferlegen, was letztlich ihre eigene
Verantwortung ist.
Ein letzter Punkt: Natürlich hat Politik in einem
Vakuum weder Erfolg noch Mißerfolg. Zu Recht
spielen die öffentliche Meinung und der Kongreß
eine zentrale Rolle dabei, wie die Vereinigten
Staaten ihre Macht im Ausland ausüben. Die
wichtigste von uns in Vietnam gelernte Lektion war
vielleicht, was Les Gelb einmal als "den unerläßlichen Dominostein" bezeichnet hat: Die öffentliche
Meinung. Dieser Konflikt lehrte uns, sorgfältiger
über Kosten, Willens- und Feuerkraft sowie die
Länge des Einsatzes nachzudenken. Vor allem aber

Keines dieser Gefühle sollte uns überraschen oder
bestürzen. Beide Reaktionen sind Ausdruck des
hohen Werts, den Amerikaner dem menschlichen
Leben beimessen. Und aus diesem Grund sind wir
bessere Menschen.
Aber während wir als einzelne diese schmerzliche
Ambivalenz teilen können, obliegt der Regierung die
Verantwortung, reale Entscheidungen zu treffen und
zu handeln - zwischen dem Wesentlichen und den
Marginalien zu entscheiden, auf der Grundlage
dessen zu handeln, was richtig ist, und dann, wenn
Maßnahmen ergriffen worden sind, sie ohne Zögern
und Wankelmut durchzuführen.
Um dies zu tun, benötigen wir ein besseres Verständnis der Zusammenarbeit zwischen der Exekutive
und dem Kongreß. Beide müssen natürlich der
Öffentlichkeit für ihre Entscheidungen Rechenschaft
ablegen. Und dies bedeutet eine notwendige und
angemessene Vorsicht bezüglich der Kosten einer
Militäraktion. Es ist schließlich das amerikanische
Volk, das die Last und die Kosten trägt.
Aus unserer jüngsten Erfahrung am Persischen Golf
wissen wir jedoch auch, daß das amerikanische Volk
dem Einsatz von Gewalt nicht so ablehnend gegenübersteht wie manche denken, insbesondere, wenn
klassische Interessen wie die Sicherheit in Europa
oder im Nahen Osten bedroht sind. Und wie eine

lehrte er uns, daß die Vereinigten Staaten ohne die

neue Rand-Studie belegt, wollen die Amerikaner, daß

Unterstützung durch die öffentliche Meinung keinen
Kampf lange durchhalten können.

wir erfolgreich sind, wenn wir uns einmal engagiert
haben.

In unserem Zeitalter bildet sich die öffentliche Meinung in noch verwirrenderer Weise als während des
Vietnamkrieges. Dies trifft insbesondere auf humanitäre und andere nicht herkömmliche Interventionen
zu. Der von CNN und anderen Sendern bei der
Berichterstattung vollführte Quantensprung bedeutet,
daß praktisch jeder Amerikaner jeden Tag mit einer
schmerzlichen Ambivalenz konfrontiert werden muß.

Wie wir gesehen haben, unterstützt auch der Kongreß den Einsatz von Gewalt, wenn die klassischen
Interessen der Nation auf dem Spiel stehen. Das ist
ein großer Vorteil, denn es ist unabdingbar, daß die
Exekutive und der Kongreß in der Außenpolitik
zusammenarbeiten.

Bilder von Gewalt, Leid und Brutalität rufen natürlich
den Impuls zu intervenieren hervor. Der Fernsehschirm setzt einen bestimmten Vorfall in eine anscheinend universelle Gegebenheit um. Die Kamera
hat bedauerlicherweise keinen periphären Blickwinkel. Mein Land, und wahrscheinlich nur mein Land denkt der Zuschauer - kann etwas gegen dieses
Blutbad unternehmen.
Aber wenn Bilder von Opfern - unseren Opfern erscheinen, ändert sich alles sofort. Die Kosten
werden schmerzlich offenbar und es erhebt sich die
Frage: Kann dies auch nur ein amerikanisches
Menschenleben wert sein?

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In der Welt nach dem Kalten Krieg müssen wir
jedoch auch die Kapazität für den begrenzten Einsatz
von Gewalt unter neuen Gegebenheiten haben. Zu
häufig in solchen Fällen reagieren einige im Kongreß,
indem sie nur Warnungen äußern, nur die Kosten
und die Opfer sehen, statt den Nutzen und die
Chancen.
Ich wiederhole: Wenn wir Gewalt einsetzen, müssen
wir dies unerschrocken tun. Sonst setzten wir unsere
Ziele aufs Spiel und gefährden unsere Truppen,
sowohl bei der spezifischen Mission als auch weltweit. Wenn der Kongreß fast automatisch Resolutionen in Erwägung zieht, die einen frühzeitigen Abzug
unserer Truppen fordern, wenn sie in ungewohnter
Umgebung stationiert sind, unterminiert er unsere
Ziele und vergrößert das Risiko für unsere Truppen.

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�Es ist praktisch eine Einladung für den "Verbrecher
des Monats", herauszufinden, ob er unseren Rückzug aus einem schwierigen Teil der Welt erzwingen
kann, indem er unsere Soldaten angreift.
Nicht zuletzt aus diesem Grund hat Präsident Clinton
im Herbst den übereilten Rückzug aus Somalia
abgelehnt. Das wäre der falsche Ausweg gewesen
und hätte die falsche Botschaft übermittelt. Statt
dessen erhöhte er das Truppenniveau bevor er es
langsam, rechtzeitig und ohne weitere Opfer wieder
abbaute.

wissen auch, daß vor uns eine Chance zum Aufbau
einer Welt mit mehr Demokratie, Toleranz und
Pluralismus liegt. Eine solche Chance bietet sich
höchstens einmal in einem Zeitalter. Um die Gefahren zu bekämpfen und die Chance zu ergreifen,
müssen wir unsere Kreativität und unser gesamtes
diplomatisches Geschick aufbieten. Und diese
Geschicklichkeit müssen wir stets mit unserer Macht
untermauern. Wir sollten also die Lehre von Friedrich
dem Großen, einem der großen Röalisten der Aufklärung, im Gedächtnis behalten, der sagte: "Diplomatie ohne Waffen ist Musik ohne Instrumente".

Dieses Thema geht über die tägliche Zusammenarbeit mit dem Kongreß hinaus. In Anerkennung der
Rolle des Kongresses hat diese Administration in
beispielloser Weise Konsultationen mit ihm geführt 75mal allein im Falle Haitis.

Wir sollten gegen die Gefahr des Schleuderns und
Rückzugs gewappnet sein. Wir müssen die Rufe von
links und rechts ebenso wie die Rhetorik der Neonichtwisser ohne eigene Meinung zurückweisen, zu
Hause zu bleiben, statt uns zu engagieren.

Erforderlich sind jedoch ein Kriegsmächtemechanismus und Konsultationssystem, die funktionieren. Im
kommenden Jahr werden wir mit dem Kongreß
ernsthafte Gespräche über eine Neuformulierung der
Kriegsmächteresolution führen in dem Versuch, den
zwei Jahrhunderte währenden Kampf zwischen
diesen Regierungszweigen zu beenden. Er wird und
sollte vielleicht niemals beigelegt werden. Aber die
Bedingungen und der Ton bei der Formulierung
unserer nationalen Sicherheitspolitik müssen verbessert werden und etwas von ihrem derzeitigen parteipolitischen Gepräge verlieren, oder unsere Nation
und unsere Truppen könnten einen unnötig hohen
Preis bezahlen.

Die in diesem Raum Anwesenden sind vielleicht nicht
der Auffassung, daß wir eine neue Runde des alten
Kampfes zwischen Engagement und Verschanzung
kämpfen. Die Debatte ist nicht so klar definiert wie in
der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Aber
jedes Mal, wenn eine Gesetzesvorlage drastisch
gekürzt, die Stationierung von Truppen aus ideologischen statt praktischen Gründen abgelehnt oder ein
gutes Handelsabkommen attackiert wird, ist es Teil
der herkömmlichen Argumentation. Der Impuls, sich
von der Welt zurückzuziehen wie sich Nebelschwaden auflösen, kommt unbemerkt. Daher bitte ich Sie,
gemeinsam mit uns zu verhindern, daß unsere Nation
angesichts einer neuen Welt mit andauernden
Gefahren die Orientierung verliert. Denn dies ist
auch eine Zeit enormer Chancen. Ich glaube, wir
werden sie mutzen.

Amerikaner wissen, daß das Ende des Kalten Krieges - so ermutigend es auch ist - nicht bedeutet,
daß wir in einer Welt wirklicher Sicherheit leben. Wir

* * * * *

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