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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

2. November 1994

43

IRAK

CUNTON: USA LASSEN BEDROHUNG DURCH
DEN IRAK NICHT ZU
Rede des Präsidenten in Kuwait

AUSSENPOLITIK

MACHT UND DIPLOMATIE DER VEREINIGTEN
STAATEN
Rede von Anthony Lake

NATO

DIE ZWEITEN 50 JAHRE DER NATO
AUFGABEN EINES BÜNDNISSES
Rede von Botschafter Kornblum

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�IRAK
2. November 1994

CLINTON: USA LASSEN BEDROHUNG
DURCH DEN IRAK NICHT ZU
Rede des Präsidenten in Kuwait
KUWAIT - (AD) - "Die Vereinigten Staaten und die internationale Staatengemeinschaft werden weder jetzt noch
in Zukunft zulassen, daß Bagdad seine Nachbarn bedroht", verkündete Präsident Clinton am 29. Oktober 1994
vor den nach Kuwait als Reaktion auf die aggressiven Bewegungen der irakischen Elitetruppe Republikanische
Garde nach Kuwait entsandten amerikanischen Truppen. Der Präsident fügte hinzu, die internationale Koalition
"wird den Irak von der Massierung der Invasionsstreitkräfte und dem Versuch abhalten, die Waffeninspektoren
der Vereinten Nationen einzuschüchtern".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Redetext des Präsidenten.

Ich möchte den Männern und Frauen der Operation
Vigilant Warrior, den Männern und Frauen der 24.
Panzergrenadierdivision - der Siegesdivision, die die
Philippinen befreite und von Korea bis zum Golfkrieg
kämpfte - sagen, daß es mir eine Ehre ist, heute bei
Ihnen in der Tactical Assembly Area Liberty sein zu
dürfen. Ich bin stolz auf die Arbeit, die Sie für Ihr
Land leisten.
Vor allem bin ich nach einigen faszinierenden, sehr
wichtigen Tagen für Ihr Land und Ägypten, Jordanien, Israel und Syrien hierhergekommen, um Ihnen
ein einfaches Dankeschön zu sagen. Ich danke
Ihnen für das, was Sie für Kuwait getan haben. Ich
danke Ihnen für das, was Sie für die Vereinigten
Staaten von Amerika getan haben.
Vor fast vier Jahren rollten unsere Panzer mit voller
Kraft über dieses Sanddünen. Sie waren der
Wüstensturm. Dann vertrieben Sie den Irak aus
Kuwait. Jetzt sind wir entschlossen, den Irak aufzuhalten, bevor er die Grenzen seines Nachbarlandes verletzen und neue Instabilität schaffen kann.
So haben wir Sie wieder einmal um Hilfe gerufen das Heer, die Marine, die Luftwaffe, die Marineinfanteristen.
In die Geschichte dieses Unternehmens wird eingehen, daß Sie unverzüglich nach hier entsandt
wurden. Und aus diesem Grund erhielt der Irak die
Botschaft unverzüglich. Der Irak zog seine Truppen

AMERIKA DIENST 43

ab, die in der Nähe der kuwaitischen Grenze zusammengezogen worden waren.
Wie Sie wissen, gab es einige in unserem Land, die
unsere militärische Bereitschaft in Frage stellten, als
diese Krise begann. An sie gerichtet sage ich, sie
sollten hierhinkommen und einen Blick auf Sie werfen
und wären eines Besseren belehrt.
Unsere Politik am Golf ist klar. Wir werden nicht
zulassen, daß der Irak seinen Einfluß über den 32.
Breitengrad hinaus erweitert.
Wir werden nicht
zulassen, daß Bagdad die Vereinten Nationen
einschüchtert - und sicherstellen, daß der Irak nie
wieder in den Besitz von Massenvernichtungswaffen
gelangt. Die internationale Koalition wird den Irak
von der Massierung der Invasionsstreitkräfte und dem
Versuch abhalten, die Waffeninspektoren der Vereinten Nationen einzuschüchtern. Die Vereinigten
Staaten und die internationale Staatengemeinschaft
werden weder jetzt noch in Zukunft zulassen, daß
Bagdad seine Nachbarn bedroht. Das ist nicht
unsere Drohung - das ist unser Versprechen.
Sie hier halten dieses Versprechen. Die Streitmacht,
die Sie vertreten, ist Stahl und Schwert der amerikanischen Diplomatie. Sie sind die am besten ausgerüstete, am besten ausgebildete und am besten vorbereitete Streitmacht der Welt und in der Geschichte
unseres Landes. Sie haben es hier am Golf erneut
unter Beweis gestellt. Wir alle sind stolz auf Sie.

Seite 1

�Ich weiß, daß Ihr Dienst an unserem Land nicht in
Geld aufgewogen werden kann. Ich weiß, daß Sie
alle aus höheren Motiven dienen. Aber ich freue
mich, Ihnen heute sagen zu können, daß ich gerade
einen Präsidialerlaß unterzeichnet habe, um einen
Fehler bezüglich der Zuschüsse zu Ihrer Vergütung
zu beheben. Ich finde, Sie sollten für diese wichtige
Arbeit belohnt, nicht bestraft werden.

den schwierigen Tagen des Jahres 1990 wiederaufgebaut hat. Das kuwaitische Volk sollte stolz auf
seine Leistungen sein, stolz auf seine harte Reaktion
auf die irakische Provokation. Die internationale
Staatengemeinschaft steht dafür ein, daß der Irak
diese Nation nie wieder bedroht. Der Beweis für
dieses Versprechen sind die tapferen Männer und
Frauen der Operation Vigilant Warrior.

Ihr Land benötigt Sie, damit Amerika stark ist. Wir
sind eine friedliebende Nation, aber Präsident Truman hat einmal gesagt: "Der Wille zu Frieden ohne
die Stärke zu Frieden nützt nichts." Sie sind diese
Stärke. Sie und Ihre Befehlshaber verbreiten
Hoffnung und Stabilität auf der ganzen Welt von
Port-au-Prince bis zum Persischen Golf. Unser
höchstes Ziel ist der Frieden, und der Frieden
erfordert noch mehr als militärische Macht. Er
erfordert den Mut, über Konflikt und Aussöhnung
hinauszugehen.

Ich möchte auch sagen, daß wir nicht im Streit mit
dem irakischen Volk liegen. Wir kennen das Leid,
das es im Krieg mit dem Iran erduldete, einem Krieg,
der eine ganze Generation vernichtete. Nur zwei
Jahre nach diesem schrecklichen Konflikt entsandte
der Irak seine Söhne erneut in den Krieg, und wir
kennen den Preis, den sie für die Dummheit ihrer
Politiker zahlten. Das Leid des irakischen Volkes ist
jedoch auf nur eine Sache zurückzuführen - den
Weg, den seine Führung gewählt hat.

Vor zwei Tagen wurde ich Zeuge eines ausgezeichneten Beispiels hierfür an der Grenze zwischen
Israel und Jordanien. Ich beglückwünsche die
Politiker israels, Jordaniens und anderer Länder im
Nahen Osten, die sich von einer gewalttätigen
Vergangenheit zu einer Zukunft des Friedens wenden. Dies ist eine schwierige und gefährliche
Aufgabe, wie die gemeinen Terroranschläge der
vergangenen Tage gezeigt haben. Die hinter diesen
Anschlägen stehenden Menschen wollen den
Frieden verhindern. Sie wollen den Haß weiter
schüren. Sie wollen Ihre Mission unterminieren. Sie
können keinen Erfolg haben, sie dürfen keinen
Erfolg haben, und sie werden keinen Erfolg haben.
Falls Sie sich irgendwann hier draußen in der Wüste
fragen, ob Sie mit Ihrem Tun wirklich etwas bewirken, dann denken Sie nur daran, was in den letzten
Wochen geschehen ist. Ich fühle mich ebenso
geehrt wie Sie alle, daß die Vereinigten Staaten eine
Rolle bei der Beendigung des 47 Jahre währenden
Konflikts zwischen Israel und Jordanien, bei der
Wiedereinsetzung von Präsident Aristide und der
Wiederherstellung der Demokratie in Haiti, bei
echten Fortschritten zur Beendigung des gewalttätigen Konflikts in Nordirland, beim Erfolg der Demokratie in Südafrika und beim Aufbau einer neuen
Partnerschaft mit Rußland spielen konnten, dank der
wir zum ersten Mal seit dem Anbruch des Atomzeitalters sagen können, es sind keine Nuklearraketen
gegen die Kinder in den Vereinigten Staaten gerichtet. Und ich bin auch stolz auf das, was Sie getan
haben, um sich der Aggression hier am Golf entgegenzustellen.

Wir fordern den Irak erneut auf, die Resolutionen der
Vereinten Nationen uneingeschränkt einzuhalten und
den Willen und die Gesetze der Internationalen
Staatengemeinschaft zu befolgen. Das ist der
einzige Weg zu einem normalen Leben, es ist der
Weg, den die übrigen von uns eingeschlagen haben.
Und sie sollten ihn ebenfalls versuchen.
Liebe Mitbürger, Sie bringen Opfer, um Ihr Land,
seine Werte und Interessen zu verteidigen. Ich weiß,
daß die Ansprüche an Sie groß sind. Ich weiß, die
Liebe zu Ihrem Land hat sie Ihrer Heimat und der
Familie, die Sie lieben, für lange Zeit entrissen. Ich
weiß, als Sie sich über meine Ankündigung eint.;
Gehaltserhöhung freuten, galt ein Teil der Freude
Ihrer Familie zu Hause - den Kindern und der Hoffnung, die Sie für Ihre Familien und deren Zukunft
hegen.
Sie übernehmen die Bürde Amerikas in einer neuen
Zeit voller Herausforderungen zur Aufrechterhaltung
unserer nationalen Sicherheit, Einhaltung unserer
nationalen Verpflichtungen, zur Erleichterung des
Übergangs zu Frieden und Freiheit auf der Welt. Ich
hoffe, Sie werden immer den Stolz für Ihren Beitrag
empfinden, den ich heute in Ihren Gesichtern gesehen und in Ihren Stimmen vernommen habe.
Unser Land ist das Land der Freien und die Heimat
der Mutigen, wie es in dem Lied heißt. Dank Ihres
Mutes verbreiten wir die Freiheit in anderen Ländern.
Dank Ihres Mutes werden wir für immer frei sein.
Ich danke Ihnen. Ich danke für Ihren Dienst. Ici.
danke Ihren Familien zu Hause. Gott schütze Sie
alle. Gott schütze Amerika.

Wir stehen dem kuwaitischen Volk zur Seite, einem
Volk, das seine Armee und seine Volkswirtschaft seit

Seite 2

AMERIKA DIENST 43

�AUSSENPOLITIK
2. November 1994

MACHT UND DIPLOMATIE DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede von Anthony Lake
HARVARD - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 21. Oktober 1994 vom Nationalen Sicherheitsberater Anthony Lake an der Harvard University gehaltene Rede.

Das Thema meiner heutigen Ausführungen sind die
Beziehungen zwischen Macht und Diplomatie insbesondere Macht und Diplomatie der Vereinigten
Staaten - in einer dramatisch gewandelten Welt.
Auf der internationalen Bühne durchleben wir einen
außergewöhnlichen Moment. Die einzigartige, alles
umfassende Bedrohung des Kalten Krieges ist
verschwunden. Das internationale Umfeld ist völlig
umgestaltet und unterscheidet sich stark von der
alten strategischen Landkarte, auf der jede Bewegung und Veränderung im Zusammenhang mit der
sowjetischen Bedrohung gesehen wurde.

Aber selbst in diesem neuen Zeitalter behalten
einige alte Wahrheiten ihre Gültigkeit.
Die erste lautet, daß Meinungsverschiedenheiten
und Debatten über unsere Rolle in der Welt so alt
sind wie unsere Republik. Auf der einen Seite
stehen stark beschränktes Engagement im Ausland
und Protektionismus, auf der anderen aktives
Engagement der Vereinigten Staaten im Ausland im
Namen von Demokratie und Ausweitung des Handels.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Debatte,
großenteils aufgrund der Bedrohung durch die
Sowjetunion, zugunsten eines aktiven Engagements
beigelegt. Heute werden wir, ebenso wie Ende der
vierziger Jahre, erneut mit dem alten Impuls konfrontiert, uns zurückzuziehen. Und ebenso wie Ende
der vierziger Jahre erfordern unsere Interessen
heute, daß wir diesen Impuls unter Kontrolle halten.
Unsere Aufgabe ist jetzt jedoch weitaus schwieriger,
da wir sie nicht unter Gegebenheiten wie Ende der
vierziger, sondern wie in den zwanziger Jahren
erfüllen müssen: Ein Großteil unserer Gesellschaft
strebt eine Pause von den Härten des internationalen Engagments an, und es gibt keine einzelne

AMERIKA DIENST 43

Gefahr, gegen die man die Öffentlichkeit mobilisieren
könnte.
Die zweite alte Wahrheit lautet folgendermaßen:
Ideen sind von Bedeutung. Sie stehen bei den
meisten der derzeit weltweit ausgetragenen Kämpfe
auf dem Spiel. Wie Präsident Clinton äußerte: "In
dieser neuen Welt sehen wir uns jedoch einem
Wettstreit gegenüber, der so alt ist wie die Geschichte selbst - einem Kampf zwischen Freiheit und
Tyrannei, zwischen Toleranz und Bigotterie... Es ist
ein Kampf zwischen denen, die freie, von Gesetzen
regierte Gesellschaften aufbauen wollen und denjenigen, die ihren Willen mit Gewalt durchsetzen möchten. Der heute von uns geführte Kampf in einer Welt,
die stärker als jemals zuvor von Spitzentechnologie
bestimmt ist, sich schneller verändert, chaotischer
und vielfältiger ist als je zuvor, ist der jahrhundertealte Kampf zwischen Hoffnung und Angst."
Das führt mich zu der dritten, in diesem neuen
Zeitalter gültigen alten Wahrheit: Macht ist immer
noch von Bedeutung. Wir sind nicht der Weltpolizist.
Aber in diesem Kampf zwischen Hoffnung und Angst
wird unsere Macht etwas Entscheidendes bewirken,
ebenso wie es in den beiden Weltkriegen und während des Kalten Krieges der Fall war. Das Kernstück
der amerikanischen Macht ist die Androhung oder der
Einsatz militärischer Gewalt. Ohne sie würde sich in
Haiti heute nicht eine schwierige, aber aufregende
Chance für die Demokratie abzeichnen. Und ohne
sie würde der Irak heute seine Nachbarn durch
gefährliche Truppenbewegungen an der Grenze zu
Kuwait bedrohen.
Mit anderen Worten: Von der Macht losgelöste
Diplomatie führt normalerweise zum Scheitern.
Gleichzeitig läuft Macht ohne Diplomatie Gefahr,
planlos zu sein.

Seite 1

�Das ist kein neuer Gedanke. In der Antike schilderte
Thucydides im Fall der Insel Milos anschaulich die
Schwäche der nicht durch Macht unterstützten
Diplomatie. Die fundierten Argumente der Bewohner
von Milos für die Bewahrung ihrer Unabhängigkeit
stellten keine Verteidigung gegen ein auf Unterwerfung abzielendes Athen dar. Ohne die Macht zur
Untermauerung ihrer Position wurden die Männer
von Milos enthauptet, Frauen und Kinder als Sklaven
verkauft.
Dieselben Meinungsverschiedenheiten wurden in
Europa Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts von Hitler und seiner Politik der Panzer und im
Pazifik durch Pearl Harbor beigelegt. Nach dem
Zweiten Weltkrieg setzte sich der weitblickende
Staatsmann Dean Acheson dafür ein, daß die
Amerikaner diese Lektion nicht vergaßen. Acheson
und andere kluge Politiker wußten, daß die Vereinigten Staaten aller Instrumente der Diplomatie
und Macht bedurften, um ihre vitalen Interessen zu
verteidigen und im Kalten Krieg langfristig den Sieg
davonzutragen. Es war Acheson, der erstmals
davon sprach, "aus einer Position der Stärke heraus
zu verhandeln".
Heute bezieht die amerikanische Diplomatie natürlich
einen großen Teil ihrer Stärke aus unserer Wirtschaftsmacht und der Macht unseres Beispiels.
Es ist nicht nur die Tatsache, daß unser globaler
ökonomischer Geltungsbereich der Stimme Amerikas
bei nahezu jeder internationalen Angelegenheit
Gehör verschafft - die neue Weltwirtschaft könnte
auch eine kleine Revolution in der Diplomatie
auslösen.
Da die Volkswirtschaft jeder Nation
zunehmend von der Teilnahme am Weltmarkt
abhängt, werden immer mehr Länder auch ungeschützter gegenüber den Auswirkungen wirtschaftlicher Isolation.
Das bedeutet, daß sie gleichermaßen empfänglich
für ökonomische Anreize und Strafen werden.
Südafrika bietet hierfür ein anschauliches Beispiel.
Und wir haben gesehen, wie effektiv Anreize und
Sanktionen bei unseren Verhandlungen mit Nordkorea über das Atomwaffenprogramm dieses Landes
waren. Wir begrüßen die Entscheidung Nordkoreas,
die zur heutigen Unterzeichnung eines Abkommens
führte. Das Abkommen liegt sowohl im Interesse
Nordkoreas als auch der Vereinigten Staaten, da es
einen Beitrag zur Beendigung der wirtschaftlichen
und politischen Isolation des Landes leisten kann.
Es war aber wahrscheinlich kein Zufall, daß bei den
Gesprächen im vergangenen Sommer wirkliche
Fortschritte erzielt wurden als deutlich wurde, daß
wir dem UN-Sicherheitsrat eine Resolution über
Sanktionen vorzulegen beabsichtigten.

Seite 2

Die Macht von Sanktionen zeigt sich auch am Verhalten Serbiens. Man sieht in der Tat eine direkte
Verbindung zwischen den dramatischen Auswirkungen der Isolierung der serbischen Wirtschaft und der
sich abzeichnenden Politik von Slobodan Milosevic.
Das Kernstück der amerikanischen Macht ist jedoch
militärische Macht. Aus diesem Grund hat Präsident
Clinton zugesagt, daß unsere Streitkräfte die am
besten ausgebildeten, am besten ausgerüsteten und
einsatzbereitesten der Welt bleiben sollen, ich sage
"bleiben sollen", da die effiziente und schnelle Art und
Weise, auf die unser Militär kürzlich die Operationen
am Golf und in Haiti durchführte, keinen Zweifel an
seiner derzeitigen Einsatzbereitschaft und Stärke
lassen.
Die Kassandrarufe der Kritik an unserer Einsatzbereitschaft treffen nicht zu: Wir haben Waffen in
Krisenherden wie dem Persischen Golf voreingelagert, unsere See- und Lufttransportfähigkeiten erweitert und die Finanzmittel für Operationen und Instandhaltung im Haushaltsjahr 1995 um 5,7 Prozent
erhöht. Es gibt Fragen zu unserer zukünftigen
Einsatzbereitschaft und Mobilität, die wir ansprechen
müssen und wollen, aber der schnelle und höchst
effiziente Aufmarsch unserer Truppen in Haiti und
Irak hat unsere Zuversicht bestärkt, daß wir weiterhin
praktisch gleichzeitig in zwei regionalen Konflikten
größeren Ausmaßes kämpfen und gewinnen können.

Die sich uns stellende Herausforderung ist nicht nur
der Erhalt unserer Militärmacht. Wir müssen heute
auch eine neue nationale Debatte über die entscheidenden Fragen führen, wann, wo und wie wir unsere
militärische Macht einsetzen. Ende der vierziger und
Anfang der fünfziger Jahre wurden solch umfassende
Diskussionen nur über Fragen der Nukleardoktrin und
des begrenzten Krieges geführt. Wir benötigen heute
einen ähnlichen Gedankenaustausch, und Sie müssen bei der Gestaltung der Debatte und somit unserer gemeinsamen Zukunft eine zentrale Rolle spielen.
Wann werden wir Gewalt einsetzen? Die kurze
Antwort lautet stets gleich: Wenn unsere Interessen
das von uns verlangen.
Während des Kalten Krieges wurden unsere Interessen vorwiegend vor dem Hintergrund der Bedrohung der Vereinigten Staaten durch die sowjetischen Nuklearwaffen definiert. Dies führte zur Politik
der nuklearen Abschreckung. Wir verdanken es zum
Teil dieser Politik, daß wir am Leben sind und uns
heute hier frei versammeln können.
Die Politik der Eindämmung war auch das Resultat
der Definition amerikanischer Interessen angesichts

AMERIKA DIENST 43

�der sowjetischen Bedrohung. Der nationale Konsens über die Eindämmung trug zum Sieg im Kalten
Krieg bei. Aber wie der Vietnamkrieg zeigte, wurden
die Beziehungen zwischen Mitteln und Zielen beim
Führen begrenzter Kriege nie zufriedenstellend
definiert.
Heute benötigen wir angesichts der immer größeren
Auswahl zwischen möglichen Missionen in einer sich
schnell wandelnden Welt genauere Definitionen.
Ebenso wie bei der Förderung von Demokratie und
Marktwirtschaft konzentrieren wir uns auf die Gebiete, in denen unsere Interessen auf dem Spiel stehen, und wir müssen so klar wie möglich definieren,
wann und wo wir unsere Militärmacht einzusetzen
gedenken. Denn es gibt keine wichtigere Entscheidung, die ein Präsident trifft.

Dasselbe gilt auf dem Gebiet humanitärer Angelegenheiten, beispielsweise beim Kampf gegen
Hunger und Naturkatastrophen sowie bei ernsthaften Menschenrechtsverletzungen.
Eine Reihe von Interessen zu haben bedeutet nicht,
daß wir keine Prioritäten setzten könnten. Unsere
hier dargelegten Interessen - mit der sicheren
Ausnahme von Angriffen auf unsere Nation und
unsere Verbündeten und der möglichen Ausnahme
von Aggression andernorts - sollten nicht automatisch
zu Gewaltanwendung führen. Je mehr dieser Interessen in Gefahr sind, desto wahrscheinlicher werden
wir wieder unser Militär zu Hilfe rufen. Aus diesem
Grund sahen wir uns in Haiti zur Intervention gezwungen angesichts der Verweigerung von Demokratie, Bedrohung unserer Grenzen, Gefährdung unserer
Verläßlichkeit und Errichtung eines brutalen Regimes
direkt vor unseren Küsten.

Ungeachtet dessen, wie klar unsere Militärdoktrin
formuliert ist, muß und sollte diese Entscheidung auf

einem Urteil basieren, das die Bedeutung einer
Mission im Hinblick auf unsere Interessen und ihre
mutmaßlichen Kosten gegeneinander abwägt.
Ich möchte kurz, wenn auch nicht streng nach
Prioritäten geordnet, die sieben nationalen Interessen aufführen, die nach Ansicht dieser Administration allein oder in Kombination den Einsatz unseres
Militärs rechtfertigen, insbesondere in Gebieten von
größter strategischer Bedeutung:
Verteidigung der Vereinigten Staaten, ihrer
Bürger im In- und Ausland sowie ihrer Verbündeten gegen direkte Angriffe.
Abwehr von Aggression, was für den Erhalt einer
friedlichen Welt von zentraler Bedeutung ist.
Verteidigung unserer wichtigsten Wirtschaftsinteressen, denn auf diesem Gebiet steht für die
Amerikaner bei unserem internationalen Engagement persönlich am meisten auf dem Spiel.
Bewahrung, Förderung und Verteidigung der
Demokratie, die wiederum unsere Sicherheit
erhöht und unsere Werte verbreitet.
Verhinderung der gefährlichen Weiterverbreitung
von Atomwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen sowie terroristischer Gewalttaten.
Bewahrung unserer Verläßlichkeit. Wenn die
Vereinigten Staaten anderen Nationen gegenüber
Verpflichtungen eingehen, müssen sie ihre
Versprechen harten.

AMERIKA DIENST 43

Es sind nicht allein unsere Interessen, die entscheiden, wann und wo wir Gewalt anwenden. Wir
müssen Kosten und Nutzen jeder einzelnen Operation gegen die auf dem Spiel stehenden Interessen
abwägen und uns die folgenden Fragen stellen: Gibt
es eine klar definierte, durchführbare Mission?
Welche Risiken gehen wir ein? Wie groß sind die
Aussichten auf Erfolg? Was benötigen wir zur
Erreichung unserer Ziele? Wie hoch sind die möglichen - humanitären und finanziellen - Kosten des
Engagements? Haben wir eine realistische Erfolgsstrategie?
Es gibt hier keinen Algorithmus, keine einfache
Formel, bei der wir nur Zahlen einzusetzen brauchen,
um die Risiken und Erfordernisse zu kalkulieren. Wir
wissen jedoch, welche Faktoren wir bei unserer
Entscheidung darüber in Erwägung ziehen müssen,
wann und wo wir unsere Männer und Frauen in die
Gefahr entsenden.
Es gibt auch eine Reihe von Richtlinien, die uns beim
Einsatz von Gewalt behilflich sind, und sie befassen
sich mit dem Nutzen der Operation. Wenn wir
amerikanische Truppen ins Ausland schicken, haben
sie eine klare Aufgabe und verfügen über die erforderlichen Mittel. Wenn wir Gewalt einsetzen, müssen
wir sie unerschrocken anwenden. Sonst würden wir
die Interessen gefährden, die wir eigentlich verteidigen wollen sowie die Truppen, die wir entsenden.
Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben: Die
Entsendung unseres Militärs wird oftmals nicht zur
Lösung der zugrundeliegenden Probleme führen, und
wir müssen die von uns beschlossenen Missionen
sorgfältig begrenzen. Gewalt kann einen Aggressor
besiegen, wird jedoch keine Demokratie ins Leben

Seite 3

�rufen oder zu Wohlstand führen. Sie bewirkt vielleicht erst im Nachhinein eine Lösung.
Wenn wir handeln, tun wir das wenn möglich gemeinsam mit anderen, wenn nötig aber auch im
Alleingang. In einigen Fällen, in denen wir nicht
unilateral vorgehen sollten, könnten wir uns zur
Teilnahme an einer multilateralen Aktion entscheiden, bei der Lasten und Risiken aufgeteilt werden.
Die Vereinigten Staaten haben konsequent die
Bestrebungen angeführt, Koalitionen zu bilden, um
den Bedürfnissen der internationalen Staatengemeinschaft gerecht zu werden. Wenn wir uns
zusammen für eine gemeinsame Sache einsetzen,
werden wir alle stärker und haben mehr moralische
Autorität.
Je mehr unsere Interessen bedroht sind, desto eher
sind wir geneigt, im Alleingang zu handeln. Aus
diesem Grund haben wir gesagt, wir werden am
Persischen Golf wenn nötig unilateral handeln - und
haben dies auch getan, als die Iraker einen Anschlag auf das Leben des ehemaligen Präsidenten
der Vereinigten Staaten und damit gegen unser
ganzes Volk planten.
Schließlich möchte ich noch eine Warnung bezüglich
einer anderen möglichen Leitlinie anbringen. Einige
haben sich zugunsten einer vereinfachten Politik
ausgesprochen: Wir sollten uns in unserer eigenen
Hemisphäre und in begrenzten Gebieten im Ausland
einen Einflußbereich sichern und den anderen die
Aufgabe überlassen, die Stabilität und Ordnung in
ihrer jeweiligen Sphäre aufrechtzuerhalten.
Diese Sichtweise ist in gefährlicher Weise falsch.

Zweifelsohne zählt Nähe. Läge Haiti nicht so nahe
vor unseren Küsten, hätten wir wahrscheinlich nicht
gehandelt. Der dramatische Vormarsch der Demokratie in dieser Hemisphäre ist eine der wirklich
beeindruckenden Entwicklungen unserer Zeit, und
wir haben ein offenkundiges Interesse, eine Beeinträchtigung dieser Entwicklung zu verhindern.
Wir sind uns bewußt, daß alle Nationen stärker um
ihre unmittelbare Umgebung besorgt sind als um
entfernte Regionen. Aber als große Nation, deren
Interessen und Ideale globale Ausmaße haben,
können - und wollen - wir nicht anderen das Recht
überlassen, sich je nach ihrem Gutdünken ohne
Rücksicht auf internationale Normen in die Angelegenheiten ihrer Nachbarn einzumischen. Wir müssen von anderen insbesondere erwarten, daß sie die
Souveränität und territoriale Integrität ihrer Nachbarn
respektieren.

Seite 4

Dies sind also die Kosten-Nutzen-Rechnungen, die in
der Vergangenheit hinter unseren Einsätzen militärischer Macht standen und uns in der Zukunft leiten
werden.
Bei jedem Einsatz von Gewart haben wir die Interessen und Kosten gegeneinander abgewogen. Und
in jedem Fall hat der Einsatz unseres Militärs unsere
Diplomatie untermauert und uns Fortschritte erlaubt,
die wir ansonsten nicht erzielt hätten.
Beim Irak handelt es sich um einen Fall drohender
Aggression, bei der ein breites Spektrum amerikanischer Interessen in Gefahr ist. Aus diesem Grund
führen wir die Koalition unter der Schirmherrschaft
der Vereinten Nationen an - sind jedoch bereit, im
Alleingang zu handeln, wenn wir müssen. Das
Ergebnis des entschlossenen Handelns des Präsidenten war nicht nur die in greifbare Nähe gerückte
Lösung der derzeitigen Krise, sondern eine neue
Verfügung des Sicherheitsrats bezüglich einer weiteren irakischen Aggression.
In Haiti, wo geringere, aber dennoch wichtige Interessen auf dem Spiel stehen, haben wir ebenfalls
gehandelt - aber zu erheblich niedrigeren Kosten. Im
Verlauf von drei Jahren hatten wir alle Verhandlungsmöglichkeiten und die Verhängung von Wirtschaftssanktionen bei unseren Bestrebungen erschöpft, das
Versprechen zweier Administrationen zur Wiederherstellung der demokratisch gewährten Regierung auf
Haiti zu erfüllen. Nur der Einsatz von Gewalt konnte
schließlich den Erfolg herbeiführen. Als die haitianischen Generale die Nachricht erhielten, daß die 82.
Luftlandedivision gestartet und auf dem Weg nach
Haiti war, gaben sie nach. Infolgedessen erreichten
wir auf friedlichem Wege, was wir mit Feuerkraft zu
erzielen bereit waren. Wenn man zum Einsatz von
Gewalt bereit ist, kann man Sun Tzus Worten zufolge
"den Feind ohne Kampf unterwerfen". Der alte
Stratege bezeichnete dies als "das Höchstmaß an
Geschicklichkeit".
In Bosnien konnten wir nicht alle von uns gewünschten Fortschritte machen, aber als die Diplomatie
Hand in Hand mit militärischer Macht ging, konnten
wir eine positive Bewegung beobachten. Das Ultimatum von Sarajevo hatte beispielsweise vor allem
Erfolg, weil die Androhung von Luftangriffen der
NATO konkret war. Die Entscheidung der NATO zum
Einsatz der Luftstreitkräfte hat den Druck auf Sarajevo maßgeblich verringert, den Fall von Gorazde
verhindert und die Grundlage für das Abkommen vom
Frühjahr zwischen den Bosniern und den bosnischen
Kroaten bereitet, ihren Konflikt zu beenden und eine
Föderation zu bilden. Die jüngste NATO-Entscheidung, größere Klarheit und Flexibilität der Vereinten

AMERIKA DIENST 43

�Nationen in Bosnien anzustreben, war ein Schritt in
die richtige Richtung.
In Ruanda und Somalia waren unsere Missionen
vornehmlich humanitär und unsere Interessen begrenzt. Nur das amerikanische Militär konnte das
Geleistete vollbringen und Hunderttausende Menschenleben retten.
Längerfristig rechtfertigten
unsere Interessen jedoch nicht mehr als die Unterstützung der multilateralen Friedenssicherungsbestrebungen nach Abschluß unserer Mission. Wie
überall können die internationalen Friedenssicherungsbestrebungen auch dort einer zersplitterten
Gesellschaft nur eine Chance bieten - eine Zeit
relativer Sicherheit - in der sie ihre Wunden heilen
kann. Keine Kraft von außen kann einer Gesellschaft das auferlegen, was letztlich ihre eigene
Verantwortung ist.
Ein letzter Punkt: Natürlich hat Politik in einem
Vakuum weder Erfolg noch Mißerfolg. Zu Recht
spielen die öffentliche Meinung und der Kongreß
eine zentrale Rolle dabei, wie die Vereinigten
Staaten ihre Macht im Ausland ausüben. Die
wichtigste von uns in Vietnam gelernte Lektion war
vielleicht, was Les Gelb einmal als "den unerläßlichen Dominostein" bezeichnet hat: Die öffentliche
Meinung. Dieser Konflikt lehrte uns, sorgfältiger
über Kosten, Willens- und Feuerkraft sowie die
Länge des Einsatzes nachzudenken. Vor allem aber
lehrte er uns, daß die Vereinigten Staaten ohne die
Unterstützung durch die öffentliche Meinung keinen
Kampf lange durchhalten können.
In unserem Zeitalter bildet sich die öffentliche Meinung in noch verwirrenderer Weise als während des
Vietnamkrieges. Dies trifft insbesondere auf humanitäre und andere nicht herkömmliche Interventionen
zu. Der von CNN und anderen Sendern bei der
Berichterstattung vollführte Quantensprung bedeutet,
daß praktisch jeder Amerikaner jeden Tag mit einer
schmerzlichen Ambivalenz konfrontiert werden muß.
Bilder von Gewalt, Leid und Brutalität rufen natürlich
den Impuls zu intervenieren hervor. Der Fernsehschirm setzt einen bestimmten Vorfall in eine anscheinend universelle Gegebenheit um. Die Kamera
hat bedauerlicherweise keinen periphären Blickwinkel. Mein Land, und wahrscheinlich nur mein Land denkt der Zuschauer - kann etwas gegen dieses
Blutbad unternehmen.
Aber wenn Bilder von Opfern - unseren Opfern erscheinen, ändert sich alles sofort. Die Kosten
werden schmerzlich offenbar und es erhebt sich die
Frage: Kann dies auch nur ein amerikanisches
Menschenleben wert sein?

AMERIKA DIENST 43

Keines dieser Gefühle sollte uns überraschen oder
bestürzen. Beide Reaktionen sind Ausdruck des
hohen Werts, den Amerikaner dem menschlichen
Leben beimessen. Und aus diesem Grund sind wir
bessere Menschen.
Aber während wir als einzelne diese schmerzliche
Ambivalenz teilen können, obliegt der Regierung die
Verantwortung, reale Entscheidungen zu treffen und
zu handeln - zwischen dem Wesentlichen und den
Marginalien zu entscheiden, auf der Grundlage
dessen zu handeln, was richtig ist, und dann, wenn
Maßnahmen ergriffen worden sind, sie ohne Zögern
und Wankelmut durchzuführen.
Um dies zu tun, benötigen wir ein besseres Verständnis der Zusammenarbeit zwischen der Exekutive
und dem Kongreß. Beide müssen natürlich der
Öffentlichkeit für ihre Entscheidungen Rechenschaft
ablegen. Und dies bedeutet eine notwendige und
angemessene Vorsicht bezüglich der Kosten einer
Militäraktion. Es ist schließlich das amerikanische
Volk, das die Last und die Kosten trägt.
Aus unserer jüngsten Erfahrung am Persischen Golf
wissen wir jedoch auch, daß das amerikanische Volk
dem Einsatz von Gewalt nicht so ablehnend gegenübersteht wie manche denken, insbesondere, wenn
klassische Interessen wie die Sicherheit in Europa
oder im Nahen Osten bedroht sind. Und wie eine
neue Rand-Studie belegt, wollen die Amerikaner, daß
wir erfolgreich sind, wenn wir uns einmal engagiert
haben.
Wie wir gesehen haben, unterstützt auch der Kongreß den Einsatz von Gewalt, wenn die klassischen
Interessen der Nation auf dem Spiel stehen. Das ist
ein großer Vorteil, denn es ist unabdingbar, daß die
Exekutive und der Kongreß in der Außenpolitik
zusammenarbeiten.
In der Welt nach dem Kalten Krieg müssen wir
jedoch auch die Kapazität für den begrenzten Einsatz
von Gewalt unter neuen Gegebenheiten haben. Zu
häufig in solchen Fällen reagieren einige im Kongreß,
indem sie nur Warnungen äußern, nur die Kosten
und die Opfer sehen, statt den Nutzen und die
Chancen.
Ich wiederhole: Wenn wir Gewalt einsetzen, müssen
wir dies unerschrocken tun. Sonst setzten wir unsere
Ziele aufs Spiel und gefährden unsere Truppen,
sowohl bei der spezifischen Mission als auch weltweit. Wenn der Kongreß fast automatisch Resolutionen in Erwägung zieht, die einen frühzeitigen Abzug
unserer Truppen fordern, wenn sie in ungewohnter
Umgebung stationiert sind, unterminiert er unsere
Ziele und vergrößert das Risiko für unsere Truppen.

Seite 5

�Es ist praktisch eine Einladung für den "Verbrecher
des Monats", herauszufinden, ob er unseren Rückzug aus einem schwierigen Teil der Welt erzwingen
kann, indem er unsere Soldaten angreift.
Nicht zuletzt aus diesem Grund hat Präsident Clinton
im Herbst den übereilten Rückzug aus Somalia
abgelehnt. Das wäre der falsche Ausweg gewesen
und hätte die falsche Botschaft übermittelt. Statt
dessen erhöhte er das Truppenniveau bevor er es
langsam, rechtzeitig und ohne weitere Opfer wieder
abbaute.

wissen auch, daß vor uns eine Chance zum Aufbau
einer Welt mit mehr Demokratie, Toleranz und
Pluralismus liegt. Eine solche Chance bietet sich
höchstens einmal in einem Zeitalter. Um die Gefahren zu bekämpfen und die Chance zu ergreifen,
müssen wir unsere Kreativität und unser gesamtes
diplomatisches Geschick aufbieten. Und diese
Geschicklichkeit müssen wir stets mit unserer Macht
untermauern. Wir sollten also die Lehre von Friedrich
dem Großen, einem der großen Realisten der Aufklärung, im Gedächtnis behalten, der sagte: "Diplomatie ohne Waffen ist Musik ohne Instrumente".

Dieses Thema geht über die tägliche Zusammenarbeit mit dem Kongreß hinaus. In Anerkennung der
Rolle des Kongresses hat diese Administration in
beispielloser Weise Konsultationen mit ihm geführt 75mal allein im Falle Haitis.

Wir sollten gegen die Gefahr des Schleudems und
Rückzugs gewappnet sein. Wir müssen die Rufe von
links und rechts ebenso wie die Rhetorik der Neonichtwisser ohne eigene Meinung zurückweisen, zu
Hause zu bleiben, statt uns zu engagieren.

Erforderlich sind jedoch ein Kriegsmächtemechanismus und Konsultationssystem, die funktionieren. Im
kommenden Jahr werden wir mit dem Kongreß
ernsthafte Gespräche über eine Neuformulierung der
Kriegsmächteresolution führen in dem Versuch, den
zwei Jahrhunderte währenden Kampf zwischen
diesen Regierungszweigen zu beenden. Er wird und
sollte vielleicht niemals beigelegt werden. Aber die
Bedingungen und der Ton bei der Formulierung
unserer nationalen Sicherheitspolitik müssen verbessert werden und etwas von ihrem derzeitigen parteipolitischen Gepräge verlieren, oder unsere Nation
und unsere Truppen könnten einen unnötig hohen
Preis bezahlen.

Die in diesem Raum Anwesenden sind vielleicht nicht
der Auffassung, daß wir eine neue Runde des alten
Kampfes zwischen Engagement und Verschanzung
kämpfen. Die Debatte ist nicht so klar definiert wie in
der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Aber
jedes Mal, wenn eine Gesetzesvorlage drastisch
gekürzt, die Stationierung von Truppen aus ideologischen statt praktischen Gründen abgelehnt oder ein
gutes Handelsabkommen attackiert wird, ist es Teil
der herkömmlichen Argumentation. Der Impuls, sich
von der Welt zurückzuziehen wie sich Nebelschwaden auflösen, kommt unbemerkt. Daher bitte ich Sie,
gemeinsam mit uns zu verhindern, daß unsere Nation
angesichts einer neuen Welt mit andauernden
Gefahren die Orientierung verliert. Denn dies ist
auch eine Zeit enormer Chancen. Ich glaube, wir
werden sie mutzen.

Amerikaner wissen, daß das Ende des Kalten Krieges - so ermutigend es auch ist - nicht bedeutet,
daß wir in einer Welt wirklicher Sicherheit leben. Wir
*

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*

* *

AMERIKA DIENST 43

�NATO
2. November 1994

DIE ZWEITEN 50 JAHRE DER NATO AUFGABEN EINES BÜNDNISSES
Rede von Botschafter Kornblum
DEN HAAG - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Botschafter John Kornblum am 26. Oktober 1994 vor
der 40. Versammlung der NATO in Den Haag gehaltene Rede.

Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, vor der
Organisation des Nordatlantikvertrags (NATO) eine
Rede halten zu dürfen. Es ist die aktive Rolle von
Bürgern wie Ihnen, die unsere Partnerschaft gesund
erhalten. Die Zusammenarbeit mit der atlantischen
Kommission der Niederlande ist stets eine besondere Freude. Ihre Konferenzen haben nicht nur ein
äußerst hohes Niveau - die Rolle der Niederlande in
Europa, der atlantischen Partnerschaft und in der
Welt ist ein ausgezeichnetes Beispiel der engagierten, aufgeklärten Politik, die in den kommenden
Jahren unabdingbar sein wird.

Wie der Name schon besagt, bildet der Atlantik das
Kernstück dieser Partnerschaft. Das zentrale Kriterium der europäischen Sicherheit in diesem Jahrhundert war die zunächst allmähliche und dann rasche
Verlagerung der Macht von der europäischen Landmasse zu den Demokratien Nordamerikas - insbesondere den Vereinigten Staaten.

Meine heutigen Ausführungen tragen den Titel: "Die
zweiten 50 Jahre der NATO - Aufgaben eines
Bündnisses". Es gibt einen speziellen Grund für
diese Themenstellung. Vor fünf Jahren hätten viele
Beobachter nicht geglaubt, daß die NATO ihre
ersten 50 Jahre vollenden, ganz zu schweigen
davon, sich auf weitere 50 vorbereiten würde.

Seit den frühesten Zeiten der Kolonisierung sahen die
amerikanischen Kolonien und das europäische
Mutterland ihre Sicherheit als untrennbar verbunden.
Die Revolution in unserem Land hatte beispielsweise
eine Parallele in den anglo-französichen Konflikten in
Europa. Und im 19. Jahrhundert spielte die britische
Marine eine zentrale Rolle dabei, Nordamerika frei
von Konflikten zu halten, die in Europa ihren Ursprung hatten.

Heute sind die Zweifler von der Bildfläche verschwunden. Die NATO hat nicht nur überlebt, sie ist
für mögliche neue Mitglieder zunehmend begehrenswert sowie für diejenigen, die ein Engagement der
NATO in ihrem Namen wünschen. Dieses Engagement geht inzwischen weit über die ursprünglichen
Kernfunktionen des Bündnisses hinaus. Zu sagen,
die NATO fördert Stabilität in ganz Europa, ist zu
einem Understatement geworden.
Grundlagen des Erfolges
Bevor wir uns jedoch in Euphorie über neue Verwendungen unserer Partnerschaft verlieren, sollten
wir uns vor Augen führen, warum die NATO selbst
in einem Zeitalter raschen Wandels so erfolgreich ist.
Die Gründe für das Stehvermögen der NATO finden
sich sowohl in ihren grundlegenden Kernfunktionen
als auch in ihren neuen Aufgaben.

AMERIKA DIENST 43

Beachten Sie, daß ich nicht gesagt habe, die nordamerikanische und die europäische Sicherheit seien
zum ersten Mal in diesem Jahrhundert miteinander
verbunden. Das wäre nicht richtig.

Was sich im 20. Jahrhundert änderte, war der Ursprung der Macht und ihre Anwendung. Bis 1914
hatten die zunehmend wohlhabenden und geographisch sicheren Vereinigten Staaten das Kräftegleichgewicht in Europa gehalten. Wirtschaftlich stark,
hatten die Vereinigten Staaten den Glauben an die
Macht der eigenen Ideale und Ziele, der bis heute in
Europa noch nicht vollständig wiederentdeckt worden
ist. Es gibt eine Bereitschaft, für diese Überzeugungen einzutreten und für ihre Verteidigung Opfer zu
bringen.
Dieses Gefühl der Zuversicht und Vision wurde
irgendwann im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts
auf die andere Seite des Atlantiks übertragen. Seit
über 70 Jahren ist es das definierende Moment der
europäischen Sicherheit geblieben. Als die amerikanische Energie der europäischen Sicherheitsglei-

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�chung hinzugefügt wurde, war die Freiheit gesichert.
Als die Vereinigten Staaten diese Rolle aufgaben,
machten die historischen Konflikte der Vergangenheit den Frieden schnell zunichte.
Die NATO verleiht dieser Rolle der Vereinigten
Staaten Form und Substanz. Sie setzt das atlantische Ideal von Hoffnung auf gegenseitiges Engagement in eine funktionierende Partnerschaft um. Das
Bündnis bietet das Instrument für die Anwendung
der amerikanischen Macht und Vision auf die Sicherheitsordnung in Europa. Es dient jedoch auch
als wichtiger Vermittler von Hoffnungen, Idealen und
Menschen unter den europäischen Mitgliedstaaten
und über den Atlantik hinweg.
Die Kernfunktion der NATO ist ebenso europäisch
wie transatlantisch. Die überwältigende Mehrheit
ihrer Streitkräfte, ihrer Planer und Infrastruktur wird
von den europäischen Partnern bereitgestellt. Zu
einer Zeit, in der Pläne für eine getrennte europäische Verteidigungs- und Sicherheitsidentität noch
erörtert werden, betreibt die NATO zahlreiche in
Europa angesiedelte Verteidigungs- und Sicherheitsinstitutionen, die eine funktionierende Integration der
politisch und militärisch Verantwortlichen vornehmen.
Diese auf Europa zugeschnittene Aufgabe der NATO
wird häufig von denen mißverstanden, die eine
getrennte europäische Identität wünschen. Die
Vereinigten Staaten zählen sich zu den Gründern
der europäischen Integrationsbewegung. Bereits
1947 forderte Außenminister George Marshall eine
gemeinsame europäische Antwort auf das amerikanische Angebot der Wirtschaftshilfe.
Bei der Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft
innerhalb Europas ist es jedoch unerläßlich, sich vor
Augen zu führen, daß die Grundlagen einer europäischen Sicherheitsidentität bereits existieren - in der
NATO. Die Aufgabe für die Zukunft besteht darin,
dieses europäische Thema im Nordatlantikrat besser
zu artikulieren.

Nachdem diese Aufgabe nun erfüllt ist, dürfen wir
unsere Energien nicht mit der Suche nach neuen
Bedrohungen erschöpfen, damit die NATO beschäftigt ist. Die NATO wurde ursprünglich als politisches
Bündnis konzipiert - eine Partnerschaft unter gleichgesinnten Ländern zur Verteidigung der Demokratie
in einer Zeit der Unsicherheit und des Wandels. Ihrer
Gründung folgte ein langer und ermüdender Krieg,
der die Ressourcen Europas verschlang, neue
Herausforderungen für die Demokratie mit sich
brachte und die Notwendigkeit zu Solidarität angesichts der überwältigenden Aufgabe des Wiederaufbaus unter Beweis stellte.
Gibt es auch für das vor uns liegende Zeitalter eine
genauere Definition der Aufgaben? Nachdem die
NATO zur Beseitigung der Bedrohung durch Totalitarismus und militärische Aggression beigetragen hat,
sehen sie und ihre Mitgliedstaaten sich mit einer
neuen Nachkriegszeit konfrontiert. Der gerade hinter
uns liegenden "kalte" Krieg hat Herausforderungen
hinterlassen, die in jeder Hinsicht ebenso groß sind
wie die, denen sich unsere berühmten Vorgänger vor
nahezu 50 Jahren gegenübersahen.
Die Gesellschaften und der Geist der Hälfte
Europas sind gebrochen und orientierungslos.
Das Versprechen der Demokratie ist von der
Gefahr des wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruchs bedroht.
Ein besiegter Gegner versucht mit aller Macht,
seinen Weg in einem neuen Europa zu finden.
Seine Volkswirtschaft ist zerstört und sein Image
angeschlagen.
Eine sich rasch wandelnde Welt enthält noch vor
wenigen Jahren undenkbare Herausforderungen.
Ebenso wie 1947 kämpfen im Jahr 1994 neue
Nationen und neue Politiker um Einfluß in einer
zunehmend konkurrierenden Welt. Die Integration
dieser neuen Nationen in ein sicheres und demokratisches Weltsystem ist eine Aufgabe historischen Ausmaßes.

Wo ist die Bedrohung?
Sie haben vielleicht festgestellt, daß ich bei der
Definition der Kernfunktionen des Bündnisses weder
spezifische Aufgaben genannt noch eine klare
Bedrohung definiert habe. Als ein militärisches
Bündnis bereitet sich die NATO natürlich auf die
Sicherheitsherausforderungen für ihre Mitglieder vor.
Seit über 40 Jahren sah man diese Bedrohung als
von der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt
ausgehend an. Zur Abschreckung der sowjetischen
Aggression wurde eine kunstvolle Struktur aufgebaut.

Seite 2

Aus dieser Perspektive erscheint die scheinbar ewige
Frage: "Wo ist der Feind?" immer weniger relevant
Die NATO wurde ursprünglich nicht gegründet, um
etwas zu sein. Ihr ursprünglicher Zweck war vielmehr, sich für etwas zu vereinen:
Für ein demokratisches und friedliches Europa,
das zunehmend eine Führungsrolle in der Welt
übernahm.
Für eine atlantische Partnerschaft, die die Verbindung zur amerikanischen Militärmacht zum
Aufbau politischer, wirtschaftlicher und kultureller

AMERIKA DIENST 43

�Bande über den Atlantik hinweg nutzte, die zur
Überwindung der alten Gewohnheiten von Wettbewerb und Konfrontation beitragen würden.
Und schließlich, um diesen Schutzschild für
Demokratie als Grundlage einer fruchtbaren
europäischen Partnerschaft zu nutzen, die Selbstbewußtsein, Vertrauen und Verantwortungsbewußtsein unter ehemaligen Gegnern und Verbündeten gleichermaßen beinhaltete.
So verändert unsere Zukunft auch erscheinen mag,
sind die Ideale der NATO dennoch in einzigartiger
Weise dafür geeignet, diese vor uns liegenden
Aufgaben zu erfüllen. Sie benötigt keine neuen
Aufgaben, um weiterhin ihren unerläßlichen Beitrag
zu der demokratischen Zukunft Europas zu leisten.
Sie benötigt nur den Einsatz und Willen ihrer Mitgliedstaaten, ebenso hart zu arbeiten, um dasselbe
Engagement und dieselbe Energie auf das übrige
Europa auszuweiten, die vor vier Jahrzehnten zu
Freiheit und Wohlstand in Westeuropa führten.
Eine amerikanische Vision
Es ist diese Vision eines in Ziel und Zweck integrierten Europas, die Präsident Clinton vor zehn Monaten
in Brüssel umriß.
Sein Rezept für die Zukunft gründete auf der NATO
und der Europäischen Union als organischer Verkörperung der westlichen Kooperation.
Seine
Botschaft stellte jedoch eindeutig klar, daß unsere
eigene Sicherheit ohne die Konzentration des
demokratischen Erneuerungsprozesses in eine
östliche Richtung bald in Frage gestellt sein würde.
Wenn sich nicht alle auf diesem Kontinent der
Früchte der demokratischen Revolution erfreuen,
könnten sie bald auch im Westen ihre Anziehungskraft verlieren.
Diese Vision ist nicht auf eine einzelne Institution
oder Gruppe von Ländern begrenzt. Wenn es eine
Lektion der Jahre seit dem Zusammenbruch des
Kommunismus gibt, lautet sie, daß vielfältige Anstrengungen erforderlich sind, um die uns konfrontierenden neuen Probleme zu definieren und zu lösen.
Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß
unsere nationale Sicherheit in dieser Periode raschen Wandels am besten durch das gleichzeitige
Vorgehen auf mehreren politischen Schienen garantiert werden kann.
Die erste Schiene bieten die NATO, die Westeuropäische Union (WEU), die Europäische
Union (EU) und andere als integrierte Organisationen. Sie schützen die Interessen ihrer Mit-

AMERIKA DIENST 43

glieder und beziehen zunehmend neue Aufgaben
und neue Partner ein.
Eine zweite Schiene wird durch umfassendere
Strukturen definiert, die sich der Aufgabe der
Integration neuer demokratischer Staaten in die
demokratischen Strukturen des Westens verschrieben haben. Der Nordatlantische Kooperationsrat (NAKR), die Partnerschaft für den Frieden
(PfP), das Partnerschaftsprogramm der WEU und
die Bestrebungen der EU zur Einbeziehung der
neuen unabhängigen Staaten sind spezifische
Beispiele. Die KSZE spielt eine besondere Rolle
bei der Entwicklung eines Zusammengehörigkeitsgefühls und der Erarbeitung gemeinsamer Ziele
unter der größten Anzahl euroatlantischer Staaten.
Und schließlich schreitet die wirtschaftliche Integration der euroatlantischen Welt schnell voran,
während die westlichen Länder einen Binnenmarkt
bilden, in dem die alten Ängste der wirtschaftlichen Konfrontation rasch durch Einzelmarktstrategien auf beiden Seiten des Atlantiks ersetzt
werden. Wenn der Frieden gesichert werden soll,
muß diese Integration auch ostwärts erweitert
werden.
Präsident Clinton hat eine radikal neue Definition der
Sicherheit mit dem Argument vorgeschlagen, daß
sich die Friedenssicherung in Zukunft um drei wesentliche Elemente drehen wird:
militärische Stärke,
wirtschaftlichen Wohlstand und
Menschenrechte.
Die drei Schienen unserer europäischen Vision
decken sich mit diesen wesentlichen Elementen. Sie
bieten den Kern einer neuen Sicherheitsarchitektur in
Europa, die umfassend, einbeziehend und nichtdiskriminierend ist und sich auf die integralen Beziehungen zwischen der Sicherheit Europas und der Nordamerikas gründen.
Statt vorzuschreiben, wie sich jedes Teil dieser
Struktur entwickeln sollte, konzentriert sich unsere
amerikanische Vision auf die Entwicklung eines weiter
vertieften Zusammengehörigkeitsgefühls unter den
Nationen der euroatlantischen Welt. Während sich
Demokratie und freie Marktwirtschaften entfalten, wird
sich das Gefühl gemeinsamer Ziele und eines gemeinsamen Schicksals in einer neuen Art von Sicherheits- und Kooperationsgemeinschaft vertiefen,
die bestehende Organisationen verstärkt und den
Weg für neue praktische Fortschritte ebnet.
Es wird einigen Beobachtern nicht entgangen sein,
daß diese Vision einer erweiterten euroatlantischen

Seite 3

�Gemeinschaft der Vision eines zunehmenden Gemeinschaftssinns ähnelt, die Präsident Clinton und
andere westliche Politiker in ihren Ländern umreißen.

den Entwicklung einer unabhängigen sicherheitspolitischen Identität unter den 12 Nationen der
Europäischen Union und Partnern in Nordamerika
herzustellen.

Die Ähnlichkeit ist offenkundig. Der Unterschied
zwischen diplomatischen und sicherheitspolitischen
Erwägungen in der Außenpolitik und die Notwendigkeit einer Erneuerung unserer eigenen Gemeinden
wird jeden Tag kleiner. In einer nicht länger von
dem einzigen Prinzip der militärischen und ideologischen Konfrontation regierten Welt werden grundlegendere humanitäre Belange das internationale
Leben in zunehmendem Maße beeinflussen.

Eine zweite europäischen Funktion wird darin
bestehen, die Zusammenarbeit nach Osten zu
erweitern, um zum Aufbau dauerhafter demokratischer Strukturen in den aus dem Warschauer
Pakt hervorgegangenen neuen Demokratien
beizutragen.

Wir werden bald feststellen, daß sich das Vokabular
der internationalen Sicherheitspol'rtik von militärischen Berechnungen zur innenpolitischen Gleichung
verlagert. Die Umwelt, Einwanderungsfragen und
ethnische Spannungen werden sehr viel wichtiger
als Wurfgewicht, Manöverpläne und Raketenlenksysteme.
Wir werden hart arbeiten müssen, um diese neuen
Definitionen in die Praxis umzusetzen. Wir befinden
uns im Übergang von einem Zeitalter zum nächsten.
Die neuen Konzepte unterbrechen unser bequemes
Denkmuster. Es scheint sich noch nicht auf die vor
uns liegenden Probleme eingestellt zu haben.
Beispielsweise wird noch viel über neue Sicherheitsarrangements, die militärische Umsetzung oder
Frühwarnsysteme gesprochen. Diese Ideen stehen
für die Bestrebungen, Konzepte der Vergangenheit
an neue und verwirrende Probleme anzupassen.
Wir werden bald sehen, wie viel wichtiger die neuen
Sicherheitsberechnungen für die uns heute konfrontierenden Aufgaben sind.
Die Rolle der NATO
Wenn man die von mir gerade dargelegte neue
Definition der Sicherheit akzeptiert, werden die
Aufgaben der NATO für die Zukunft klarer.
Das Bündnis wird weiterhin als Grundlage für die
Sicherheit all seiner Mitgliedstaaten dienen.
Durch Zusammenarbeit bei militärischen Aufgaben und Strategien für ein Engagement mit
den neuen Demokratien im Osten konsolidieren
wir eine Interessengemeinschaft unter den
Verbündeten, die den größten Bedrohungen
widerstehen kann.
Neben seiner transatlantischen Rolle wird das
Bündnis zunehmend einer europäischen Funktion
dienen. Die vordringlichste Rolle wird darin
bestehen, ein Bindeglied zwischen der andauern-

Seite 4

Mitteleuropa war seit Jahrhunderten der Ausgangsort
von Konflikten in Europa. Niemand kann sich sicher
fühlen, wenn das Konfliktpotential nicht aus dieser
Region entfernt wird. Die Rolle der NATO muß
dynamisch sein. Durch neue Bestrebungen wie den
NAKR und die Partnerschaft für den Frieden können
die Verbündeten mit den Nichtmitgliedern einen
Gemeinschaftssinn aufbauen. Praktische Zusammenarbeit kann eine zunehmende Harmonisierung
der operativen Konzepte und der politischen Verhaltensweisen gewährleisten.
Schließlich können das Geschick und die Ressourcen
der NATO zur Aufrechterhaltung von Frieden in
Konfliktgebieten dienen. Neue Strukturen werden
definiert, um dem Bündnis die Beteiligung im Alleingang oder in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen bei dieser Funktion zu ermöglichen. Für eine
solche Rolle der NATO gibt es vielfältige Möglichkeiten, aber genausoviele Gefahren. Die Evolution der
Friedenssicherungs- und Konfliktverhütungsrolle der
NATO wird gründliche Prüfung erfordern.
Die Frage neuer Mitglieder
Mit der Debatte über die zukünftigen Rollen des
Bündnisses geht die Frage neuer Mitglieder einher.
Mehrere Länder haben Interesse bekundet. Andere
kämen ohne Probleme in Frage, wenn sie einen
Beitritt wünschen. Diese Frage hat ziemliche Kontroversen hervorgerufen. Sie ist verbunden mit den
grundlegendsten Erwägungen über die zukünftige
Sicherheitsstrategie in Europa.
Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß die
Frage einer Erweiterung der NATO im Zusammenhang mit der Evolution der Rolle des Bündnisses als
Teil einer umfassenderen Sicherheitsarchitektur in
Europa gesehen werden sollte. Wenn Sie sich an die
von mir erwähnten drei Schienen erinnern, wird
deutlich, daß jede dieser Schienen für die kontinuierliche Erweiterung von Frieden in der Region unabdingbar ist.
Eine auf ihre ursprüngliche defensive Rolle in ihren
ursprünglichen geographischen Grenzen beschränkte

AMERIKA DIENST 43

�NATO könnte nicht prosperieren. Sie wird schnell zu
einem Anachronismus in einem sich rasch wandelnden Umfeld. Andererseits würde eine die Übernahme aller Sicherheits- und Kooperationsfunktionen
in Europa anstrebende NATO bald unter der Last
der Aufgabe zusammenbrechen. Sie könnte ihr
originäres Verteidigungsmandat nicht erfüllen, wenn
sie zu einer alles einbeziehenden wechselseitigen
Sicherheitsstruktur in Europa werden wollte.

allen interessierten Parteien zusammen, um
dieser Integration zum Erfolg zu verhelfen.
Die nächsten Wochen werden entscheidend für
unsere Bestrebungen beim Aufbau einer neuen
Architektur sein.

Der Aufbau einer Sicherheitsarchitektur

Die Partnerschaft für den Frieden und der Prozeß
der Evolution der NATO werden fortgesetzt.
Nächster Termin ist das Ministertreffen im Dezember.

In den kommenden Monaten und Jahren werden die
Vereinigten Staaten die Entwicklung aller Schienen
dieser integrierten Sicherheitsarchitektur anstreben.

Die Budapester Folgekonferenz und das KSZEGipfeltreffen werden eine Chance bieten, dem
KSZE-Prozeß Auftrieb und Vision zu verleihen.

Wie Präsident Clinton im Juli in Warschau festgestellt hat, ist die Erweiterung der NATO nicht eine
Frage des Ob, sondern des Wann und Wie. Wir
werden im Herbst Konsultationen im Bündnis
über das beste Vorgehen zur Verwirklichung
dieses Ziels aufnehmen.

Die Vereinigten Staaten unterstützen eine weitreichende Anpassung der KSZE an die neue Situation
in Europa. Wir sind der Ansicht, die KSZE sollte als
wichtigstes Instrument für den Aufbau einer Sicherheits- und Kooperationsgemeinschaft in Europa
entworfen werden. Diese Gemeinschaft sollte als Ziel
die Erarbeitung von Gewohnheiten und Zusammenarbeit haben, die mit der Zeit eine dauerhafte Grundlage für Frieden bilden.

Als unerläßliche Grundlage jeder Rollenerweiterung der NATO in Mitteleuropa sollte die Partnerschaft für den Frieden die Substanz der Zusammenarbeit bei den zahlreichen Aspekten des
militärischen und politischen Verhaltens bieten,
die das Wesen der Mitgliedschaft im Bündnis
ausmachen.
Eine wichtige zweite Schiene wird sich damit
befassen, der Entwicklung der Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa als
einer grundlegenden Sicherheitsstruktur zusätzlichen politischen Auftrieb zu verleihen. Die KSZE
bietet die Vision und Werte für eine echte Sicherheits- und Kooperationsgemeinschaft in der
euroatlantischen Region. Sie bietet auch die
umfassenden Strukturen für Konsultationen und
Kooperation unter allen Teilnehmerstaaten - ob
sie Mitglieder des Bündnisses sind oder nicht.
Auf diese Art und Weise kann die KSZE die übergeordnete Institution für ein wachsendes Netz von
Kontakten und Zusammenarbeit sein - die sich alle
aus den Bereichen Menschenrechte, Wirtschaft und
Sicherheit ableiten, die das Kernstück der Schlußakte von Helsinki bilden.
Wirtschaftliche Integration muß auf vielfältige Art
vorangetrieben werden. Internationale Organisationen können helfen. Die grundlegenden Entscheidungen müssen jedoch diejenigen der
nationalen Regierungen sein. Volkswirtschaften,
Rechtsstrukturen und die industrielle Infrastruktur
müssen an die neuen Erfordernisse angepaßt
werden. Die Vereinigten Staaten arbeiten mit

AMERIKA DIENST 43

Als Hauptaufgabe sollte sich die KSZE auf demokratische Entwicklung, die Achtung der Menschenrechte
und wirtschaftliche Kooperation konzentrieren. Sie
sollte darüber hinaus die neuen Disziplinen der
präventiven Diplomatie und Konfliktverhütung weiterentwickeln, zu denen sie bereits so viel beigetragen
hat. Vor allem die Rolle des Hochkommissars für
nationale Minderheiten, Max van der Stoel, verdient
besondere Erwähnung.
Die Teilnehmerstaaten sollten sich darüber hinaus auf
der höchsten politischen Ebene der Erarbeitung
neuer Formen der Konsultation und Kooperation in
der KSZE verpflichten. Sie sollte nicht zu einer Kopie
der NATO oder der Vereinten Nationen werden. Ihre
eigene besondere Form der politischen Konsensbildung sollte vielmehr genutzt werden, um die
gemeinsamen Handlungsbereiche unserer Länder zu
erweitern. Neue Konsultationsgremien können in
Erwägung gezogen werden, um diesen Zielen zusätzliche Substanz zu verleihen.
Zu einem dauerhaften Frieden
Keine Institution kann politischen Willen und die
Bereitschaft zur Zusammenarbeit ersetzen.
Die
Geschichte belegt, daß tragische Entwicklungen
stattfinden können, selbst wenn umfassende Kooperationsstrukturen vereinbart wurden wie in der Zeit
zwischen den Kriegen.

Seite 5

�Wir haben viel aus den Fehlentscheidungen dieses
Jahrhunderts gelernt. Wir können jedoch nicht
davon ausgehen, daß die zu Konflikten führenden
Probleme gelöst wurden. Im Gegenteil, es scheint,
daß der Kalte Krieg eine atypische Periode der
Stabilität war und - mit den Worten des tschechischen Präsidenten Vaclav Havel - der Wind der
Geschichte sich gewendet hat, um uns erneut
frösteln zu lassen.
Wenn wir diesem Wind dieses Mal trotzen wollen,
sollten wir uns von einer Wahrheit leiten lassen. Sie
lautet, daß alle Abkommen und Strukturen der Welt
den Frieden nicht bewahren werden, wenn der
politische Wille zur Aufrechterhaltung der Werte und

Zielsetzungen freier Gesellschaften nicht vorhanden
ist.
Wir haben uns die Instrumente zur Bewahrung und
Erweiterung des Friedens an die Hand gegeben. Wir
müssen sie jetzt nutzen. Das atlantische Bündnis ist
eine wunderbare Partnerschaft demokratischer
Staaten, das zur Erfüllung zahlreicher wichtiger
Funktionen entwickelt wurde. Den einen Bestandteil,
den es von sich aus nicht bieten kann, ist die Entschlossenheit, es zu nutzen. Wir wollen heute dieses
einfache Versprechen eingehen - daß die von uns
während der vergangenen 50 Jahre gebildete Einheit
sowohl den Frieden als auch den Krieg überlebt.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 43

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