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                  <text>amcrika
dicrv&gt;t

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

42

26. Oktober 1994

USA-NORDKOREA

MASSNAHMEN ZUR LOSUNG DER
NUKLEARFRAGE
Das amerikanisch-nordkoreanische Abkommen

AUSSENPOLITIK

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG DER
FREIHEIT IN DER ZEIT NACH DEM KALTEN
KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers

UMWELT

USA UNTERZEICHNEN WÜSTENKONVENTION
Ansprache von D. James Baker

DEMOKRATIE

WAS KOSTET DIE FREIHEIT?
von Samuel P. Huntington

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-NORDKOREA
26. Oktober 1994

MASSNAHMEN ZUR LÖSUNG DER NUKLEARFRAGE
Das amerikanisch-nordkoreanische Abkommen
GENF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das am 21. Oktober 1994 in Genf von Vertretern der beiden
Staaten unterzeichnete "Rahmenabkommen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der
Demokratischen Volksrepublik Korea" im Wortlaut.

Delegationen der Regierung der Vereinigten Staaten
von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik
Korea führten vom 23. September bis 21. Oktober
1994 in Genf Gespräche zur Aushandlung einer
umfassenden Lösung der Nuklearfrage auf der
koreanischen Halbinsel.
Beide Seiten unterstrichen die Bedeutung der in der
amerikanisch-nordkoreanischen Erklärung vom 12.
August 1994 aufgestellten Ziele sowie der Grundsätze der Gemeinsamen Erklärung vom 11. Juni 1993

zeichnung dieses Dokuments einen Vertrag über
die Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren
abzuschließen.
Gegebenenfalls werden die Vereinigten Staaten
und Nordkorea ein bilaterales Abkommen über
Zusammenarbeit auf dem Gebiet der friedlichen
Nutzung von Kernenergie abschließen.
2. Im Einklang mit der schriftlichen Zusicherung des
amerikanischen Präsidenten vom 20. Oktober

zur Erlangung von Frieden und Sicherheit auf einer

1994 werden die Vereinigten Staaten als Vertreter

atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel.
Die
Vereinigten Staaten und Nordkorea einigten sich auf
folgende Maßnahmen zur Lösung der Nuklearfrage:

des Konsortiums Vorkehrungen treffen, um den
Energieverlust infolge des Einfrierens der nordkoreanischen Graphitreaktoren und damit in Verbindung stehender Einrichtungen bis zur Fertigstellung des ersten Leichtwasserreaktors auszugleichen.

I. Beide Seiten bemühen sich durch Zusammenarbeit um den Austausch der nordkoreanischen
Graphitreaktoren und damit verbundener Einrichtungen durch Kernkraftwerke mit Leichtwasserreaktoren.
1. Im Einklang mit der schriftlichen Zusicherung des
amerikanischen Präsidenten vom 20. Oktober
1994 treffen die Vereinigten Staaten Vorkehrungen, um Nordkorea bis zum Jahr 2003 Leichtwasserreaktoren mit einer Kapazität von insgesamt 2.000 MW zu liefern.
Die Vereinigten Staaten organisieren und leiten
ein internationales Konsortium zur Finanzierung
und Lieferung des Nordkorea angebotenen
Leichtwasserreaktorprojekts.
Die Vereinigten
Staaten werden als Vertreter des internationalen
Konsortiums bei dem Leichtwasserreaktorprojekt
der wichtigste Ansprechpartner Nordkoreas sein.
Die Vereinigten Staaten werden als Vertreter des
Konsortiums große Anstrengungen unternehmen,
um innerhalb von sechs Monaten nach Unter-

AMERIKA DIENST 42

Alternative Energie wird in Form von Schweröl für
Heizzwecke und die Elektrizitätsversorgung
bereitgestellt.
Die Lieferung von Schweröl wird drei Monate nach
der Unterzeichnung dieses Dokuments aufgenommen und sich gemäß einem vereinbarten Lieferplan auf 500.000 Tonnen jährlich belaufen.
3. Nach Erhalt der amerikanischen Zusicherungen
über die Lieferung von Leichtwasserreaktoren
sowie über die vorübergehende Bereitstellung von
alternativen Energiequellen wird Nordkorea seine
Graphitreaktoren und damit in Zusammenhang
stehende Einrichtungen einfrieren und schließlich
abbauen.
Das Einfrieren der nordkoreanischen Graphitreaktoren und damit verbundener Einrichtungen wird
binnen eines Monats nach Unterzeichnung dieses
Dokuments abgeschlossen.
Während dieses

Seite 1

�einmonatigen Zeitraums und während des Einfrierens wird die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) die Einhaltung dieses Einfrierens überwachen, und Nordkorea wird mit der
IAEO zu diesem Zweck umfassend zusammenarbeiten.
Die Zerlegung der Graphitreaktoren und damit
verbundener Einrichtungen Nordkoreas wird mit
Abschluß des Leichtwasserreaktorprojekts beendet.
Die Vereinigten Staaten und Nordkorea werden
beim Sondieren von Methoden zur sicheren
Lagerung der verbrauchten Brennstäbe aus dem
5-MW-Experimentierreaktor während des Baus
des Leichtwasserreaktors zusammenarbeiten und
die verbrauchten Brennstäbe in sicherer Weise
entsorgen, so daß sie nicht in Nordkorea wiederaufbereitet werden müssen.
4. Die Vereinigten Staaten und Nordkorea werden
so bald wie möglich nach Unterzeichnung dieses
Dokuments zwei Gesprächsrunden mit Experten
abhalten.
Bei der einen Gesprächsrunde werden die Experten Themen im Zusammenhang mit alternativen
Energiequellen sowie den Austausch des Graphitreaktors durch den Leichtwasserreaktor
erörtern.

chen auf Expertenebene ein Verbindungsbüro in
der Hauptstadt des anderen Landes eröffnen.
3. Die Vereinigten Staaten und Nordkorea werden
ihre bilateralen Beziehungen auf Botschafterebene
unterhalten, während Fortschritte bei die jeweils
andere Seite betreffenden Problemen erzielt
werden.
III. Beide Seiten werden auf Frieden und Sicherheit
sowie eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel
hinarbeiten.
1. Die Vereinigten Staaten werden Nordkorea offizielle Zusicherungen gegen die Androhung oder
den Einsatz von Nuklearwaffen durch die Vereinigten Staaten geben.
2. Nordkorea wird kontinuierliche Schritte zur Umsetzung der gemeinsamen Nord-Süd-Deklaration
über die Entnuklearisierung der koreanischen
Halbinsel unternehmen.
3. Nordkorea wird sich im Nord-Süd-Dialog engagieren, während dieses vereinbarte Rahmenabkommen zur Schaffung eines diesen Dialog fördernden Klimas beiträgt.
IV. Beide Seiten werden bei der Stärkung des internationalen nuklearen Nichtverbreitungsregimes
zusammenarbeiten.

Bei der anderen Gesprächsrunde werden die
Experten spezifische Arrangements für die
Lagerung verbrauchter Brennstäbe und ihre
endgültige Entsorgung diskutieren.

1. Nordkorea wird Partei des Nichtverbreitungsvertrags (NW) bleiben und die Umsetzung des
Sicherheitsabkommens im Rahmen des Vertrags
gestatten.

II. Beide Seiten streben die vollständige Normalisierung ihrer politischen und wirtschaftlichen Beziehungen an.

2. Nach Abschluß des Liefervertrags für die Bereitstellung der Leichtwasserreaktoren werden gemäß
dem nordkoreanischen Abkommen mit der IAEO
im Hinblick auf die nicht einzufrierenden Einrichtungen Ad-hoc- und Routineinspektionen
wiederaufgenommen. Bis zum Abschluß des
Liefervertrags werden die von der IAEO für die
Aufrechterhaltung der Sicherheitsvorschriften
geforderten Inspektionen bei den nicht einzufrierenden Einrichtungen fortgesetzt.

1. Beide Seiten werden binnen drei Monaten nach
Unterzeichnung dieses Dokuments Handels- und
Investitionshemmnisse abbauen, einschließlich
der Restriktionen bei Telekommunikationsdienstleistungen und Finanztransaktionen.
2. Jede Seite wird nach der Lösung konsularischer
und anderer technischer Fragen bei den Gesprä-

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 42

�AUSSENPOLITIK
26. Oktober 1994

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG DER FREIHEIT
IN DER ZEIT NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers
OXFORD - (AD) - In einer am 20. Oktober 1994 an der Oxford University gehaltenen Rede äußerte der
Stellvertretende US-Außenminister Strobe Talbott: "Universell macht sich zunehmend die - von Völkern auf
jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht breit, daß Demokratie die beste Form politischer Organisation
und der freie Markt die erfolgreichste Form wirtschaftlicher Organisation ist."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers im Wortlaut.

Aus drei Gründen bin ich besonders erfreut, heute
Nachmittag vor Ihnen sprechen zu dürfen. Der erste
ist persönlicher, der zweite politischer und der dritte
historischer Natur.
Ich bin mir sicher, daß Sie an Ihre transatlantischen
Vettern gewöhnt sind, die ihr Herz auf der Zunge
tragen. Ich möchte Sie daher nicht enttäuschen: Ich
liebe diesen Ort - diese Stadt und diese Universität.
Hier habe ich die besten drei Jahre meines Lebens
verbracht. Ich freue mich riesig, wieder hier zu sein.
Dann gibt es die Bande, die Ihr Land und meines
verbinden. Sicher, wir hatten unsere schlechten
Momente, wie im Jahr 1814, als Ihre Landsleute
meine Heimatstadt in Brand setzten. Die amerikanisch-britischen Beziehungen haben jedoch größtenteils Lord Palmerstons berühmtem Diktum getrotzt:
In einigen seltenen Fällen schaffen permanente
Interessen permanente Freundschaften, oder zumindest besondere Beziehungen zwischen Nationen.
Großbritannien war unser Hauptpartner bei der
wichtigsten Veränderung der amerikanischen Außenpolitik: Dem aktiven Engagement der Vereinigten
Staaten für die übrige Welt nach einer Zeit nicht
allzu glorreicher Isolation vor etwas mehr als einem
halben Jahrhundert. Dieses Umdenken wurde durch
das anglo-amerikanische Bündnis im Zweiten
Weltkrieg ausgelöst und dann zum unerläßlichen
Bestandteil der amerikanischen Sicht- und Handlungsweise während der darauffolgenden zwei
Generationen.
Nun zum dritten Grund, aus dem ich mich über Ihre
Einladung freue, heute vor Ihnen sprechen zu
dürfen: Mir wird die Chance geboten zu erörtern,
warum die Clinton-Administration der Auffassung ist,

AMERIKA DIENST 42

sie habe eine historische Chance in der amerikanischen Außenpolitik. Während jeder Zeitraum per
definitionem eine Periode der menschlichen Geschichte ist, markieren einige den Beginn eines
neuen Kapitels, sogar eines neuen Buches. Dies ist
ein neues Buch.
Wir erleben jetzt den dritten großen definierenden
Moment dieses turbulenten Jahrhunderts. An diesen
Punkt bringt uns natürlich das Ende des großen
Kampfes, der über 40 Jahre dauerte - die globale
Rivalität zwischen zwei Lagern, auf zwei Supermächte konzentriert.
Das Ende des Kalten Krieges ähnelt in einer Hinsicht
der Phase des Übergangs, der stattfand, als zu
einem früheren Zeitpunkt heiße Kriege endeten. Aus
der Erschöpfung der Kombattanten entsteht eine
neue Entschlossenheit zur Einführung neuer Verhaltensweisen, Arrangements und Strukturen. Einige
davon werden zu Fixpunkten im internationalen
Umfeld, andere entstehen und verschwinden, noch
andere explodieren vor unseren Augen.
Im 17. Jahrhundert endete der 30jährige Krieg
beispielsweise mit dem Westfälischen Frieden, mit
dem die Ordnung in den Ruinen des Heiligen Römischen Reichs wiederhergestellt werden sollte.
Westfalen wird häufig als erstes Beispiel des modernen Nationalstaats angeführt, in dem die Menschen,
die eine Sprache sprachen oder einer Religion
angehörten, sich unter einer Flagge innerhalb einer
Grenze versammeln konnten. Keine schlechte Idee,
aber auch nicht perfekt. Heute kämpfen wir noch mit
ihren extremeren Unzulänglichkeiten, insbesondere in
der Katastrophenzone, die als Jugoslawien bekannt
war.

Seite 1

�Im 19. Jahrhundert endeten die Napoleonischen
Kriege mit dem Wiener Kongreß, der das Gleichgewicht der Kräfte als Leitprinzip der internationalen
Ordnung verankerte. Das Konzert der europäischen
Mächte war auf die Prämisse gegründet, daß kein
Staat auf dem Kontinent zu stark werden sollte.
Wiederum keine schlechte Idee, aber auch sie hatte
ihre Schwächen. Das Konzept des Gleichgewichts
der Kräfte und die mit ihm einhergehende Diplomatie
tendiert dazu, wertfrei zu sein. Verfechter des
Gleichgewichts der Kräfte argumentieren, das Wesentliche eines Staates oder seiner Regierung sei
vornehmlich seine Größe und Stärke, nicht so sehr
sein Wesen. Dies impliziert, daß der Unterschied
zwischen einer Demokratie und einer Diktatur nicht
so erheblich ist, als wenn zwischen ihnen ein Gleichgewicht des Schreckens besteht.
Diese Sichtweise fördert die Idee, daß die internationale Stadt nur ein Interesse am Erhalt des
Gleichgewichts zwischen Staaten hat, anstatt daran,
was in diesen Staaten geschieht. Wird diese Idee
zu eng ausgelegt, kann sie zur Norm für die Duldung
des Unerträglichen werden.
Das offenkundige
Beispiel aus unserem Jahrhundert ist der Holocaust.
Er hätte die Welt betroffen machen sollen, wenn
Hitlers einzige Opfer deutsche Juden gewesen
wären. Hätte die Welt jedoch je irgend etwas
unternommen um ihn aufzuhalten, wenn Hitler nicht
den Genozid gegen die Deutschen mit Aggression
gegen die Nachbarn Deutschlands verbunden hätte wenn er nur mörderisch im eigenen Land, aber
zurückhaltender im Ausland gewesen wäre? Diese
Fragen quälen die Denkschule des Gleichgewichts
der Kräfte in internationalen Beziehungen, sie
unterstreichen die Notwendigkeit für Staatskunst, um
sowohl von der Ethik als auch der Physik hergeleitete Prinzipien einzubeziehen.
Während der vergangenen 100 Jahre wurden wir
Zeuge zweier Weltkriege und zweier Versuche, den
Weltfrieden herbeizuführen. Der Erste Weltkrieg war
in vieler Hinsicht eine doppelte Katastrophe. Er
führte nicht nur zum Ermordung einer Generation,
sondern verspielte auch die Gelegenheit zu Frieden,
die sich in Versailles geboten hatte.
Mein Land, das zum Erfolg auf den Schlachtfeldern
dieses Krieges beigetragen hat, trug auch zu dem
darauffolgenden Scheitern bei. Der amerikanische
Kongreß lehnte die amerikanische Beteiligung am
Staatenbund ab und verabschiedete dann das
Smoot-Hawley-Gesetz - ein Monument für den
Protektionismus.
Häufig wurde gesagt, dieses
Gesetz trug dazu bei, die Große Depression zu einer
wirklich großen zu machen. Diese und andere
Dummheiten der Zeit zwischen den beiden Welt-

Seite 2

kriegen schufen ein internationales Klima, das einen
Nährboden für den Aufstieg des Faschismus und
damit eines weiteren Flächenbrandes darstellte.
Die Anführer der großen Koalition, die im Zweiten
Weltkrieg triumphierte, lernten mehrere, wenn nicht
alle Lektionen, die sich im Gefolge des Ersten
Weltkriegs ergaben. Statt ihre besiegten Feinde zu
demütigen und verarmen zu lassen, waren die Sieger
dieses Mal beim Wiederaufbau Japans und Deutschlands behilflich. Durch den Marshallplan, das GATT
und die in Bretton Woods ins Leben gerufenen
internationalen Finanzinstitutionen bildeten die bei der
Schaffung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg
anwesenden Staatsmänner die Grundlage für eine
Gemeinschaft westlicher Demokratien sowie für eine
zunehmend interdependente und wohlhabende
globale Gemeinschaft.
Der Zweite Weltkrieg löste auch einen weiteren
Versuch zur Gründung einer Institution aus, die sich
dem Völkerrecht, der kollektiven Sicherheit und der
Durchsetzung des Friedens widmen sollte. Das
Ergebnis - die Vereinten Nationen - war eine entscheidende Verbesserung gegenüber dem Staatenbund, obwohl sie noch einen weiten Weg zurückzulegen haben, bis sie die Vorstellungen ihrer Gründer - und ihrer derzeitigen Mitglieder - erfüllen.
In Wirklichkeit war der Frieden, der dem Sieg der
Alliierten über die Achse folgte, überhaupt kein
Frieden. Clausewitz könnte es folgendermaßen
formuliert haben: Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die internationale Politik nahezu ein
halbes Jahrhundert lang zur Kriegführung mit anderen Mitteln.
Ebenso wie der Kalte Krieg mit anderen Mitteln
geführt wurde - Propagandakampagnen, Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt, dem nuklearen
Rüstungswettlauf - wurde er auch über andere
Themen geführt als diejenigen, die Nationen traditionell zu Gegnern werden ließen. In vorherigen
Zeitaltern waren die Ursache des Krieges und die
Beute des Sieges für gewöhnlich eine Kombination
von Land und Macht. Selbst bei im Namen der
Religion geführten Kriegen lautete die Frage stets:
Wer würde welche Flagge auf welches Stück Land
stellen?
Der "casus belli" des Kalten Krieges war anders nicht vollständig anders, aber doch in beträchtlichem
Maße. Das Kernproblem, wegen dem Großbritannien, die Vereinigten Staaten und der Westen den
Kalten Krieg gegen die Sowjets und ihre Satellitenstaaten führten, beinhaltete zweifelsohne Land und
Macht. Die Landkarte war farblich markiert in blau unsere Seite - und rot - ihre Seite.

AMERIKA DIENST 42

�Der Kalte Krieg drehte sich jedoch nicht nur um
Land und Macht. Er war auch ein in die Länge
gezogener, grausamer und in der Tat häufig eher
heißer Konflikt zwischen konkurrierenden Konzepten
der Organisation des politischen und wirtschaftlichen
Lebens von Einzelpersonen, einzelnen Staaten und
dem Planeten als Ganzes.
Natürlich spielte Macht eine Rolle. Wie häufig
festgestellt wird, erwies sich die NATO als das
erfolgreichste Militärbündnis der Geschichte. Die
verankerte, vom Westen verfolgte Politik der Abschreckung und Eindämmung hatte spektakulären
Erfolg.
Hierbei handelte es sich jedoch nicht nur um eine
Gruppe von Staaten, die sich zur Verteidigung eines
anderen zusammenschlössen. Es war vielmehr eine
Reihe von Ideen, die den Sieg über andere davontrugen. Es gab Befürworter und Gegner dieser
erfolgreichen Ideen auf beiden Seiten der Kampflinien - oder, um genauer zu sein, auf beiden Seiten
des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Die liberalen
Werte, die die NATO-Mitgliedstaaten verbinden,
haben in unterschiedlichem Maße von Estland im
Baltikum über Albanien an der Adria, Kirgisistan und
der Mongolei an der Grenze zu China bis zu Wladiwostok am Pazifik Fuß gefaßt.
Natürlich gibt es immer noch einige wenige Länder,
die weiterhin ihre Flaggen mit roten Sternen schmükken und Lippenbekenntnisse für Marx, Engels und
Lenin ablegen. Dazu gehört das bevölkerungsreichste Land der Welt - China. Aber auch diese Relikte
kommunistischer Herrschaft bieten Grund zu einem
gewissen strategischen Optimismus - wenn auch
gemischt mit taktischer Geduld, Klugheit und Entschlossenheit.
Ein Grund für Optimismus ist die Durchlässigkeit
selbst schwerbewachter Grenzen für Radio- und
Fernsehsendungen sowie subversiv tätige Einflüsse
wie Telefax und elektronischer Post. Zu den Kräften, die Löcher in den Eisernen Vorhang rissen,
zählten die ständigen verbalen Bombardierungen
durch die Voice of America, Radio Free Europe und
Radio Liberty sowie die BBC. Die Revolution im
Kommunikationswesen hat nicht nur die Übertragung
von Nachrichten ermöglicht - sie hat auch zur
wichtigsten und überzeugendsten guten Nachricht
unserer Zeit beigetragen: Dem Niedergang der
Diktatur und dem Aufstieg der Demokratie.
Während die Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert steht, gelangen wir zu einem beispiellosen
Konsens, wie wir uns innerhalb des jeweiligen
Staates und untereinander organisieren sollten.
Universell macht sich zunehmend die - von Völkern

AMERIKA DIENST 42

auf jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht
breit, daß Demokratie die beste Form politischer
Organisation und der freie Markt die erfolgreichste
Form wirtschaftlicher Organisation ist.
Zweifelsohne sind Wahlen weder ein Allheilmittel für
soziale Miseren noch eine Garantie für eine aufgeklärte Regierung. Häufig wird darauf verwiesen, daß
Hitlers Nationalsozialistische Partei bei den Wahlen
1932 gewann. Wladimir Schirinowskis in grotesker
Weise falsch benannte Liberaldemokratische Partei
schnitt bei den russischen Parlamentswahlen im
Dezember letzten Jahres nur allzu gut ab, als daß
irgend jemand außer ihm selbst glücklich darüber
sein könnte. Dennoch führt die Demokratie im
allgemeinen Wohlstand für das Volk und Frieden für
die Nachbarn herbei.
Als Beweis möchte ich die Entwicklungen auf meiner
Seite des Atlantiks anführen. Noch vor 15 Jahren
herrschten in den meisten Nationen Lateinamerikas
Militärdiktaturen. Heute erhebt jede Regierung mit
Ausnahme Kubas einen echten Anspruch auf demokratische Legitimität. Während diese Staaten einen
demokratischen Kurs einschlugen, haben sie auch
eine Abkehr von der Planwirtschaft vollzogen.
Demokratisch gewählte Politiker in Mexiko, Argentinien, Chile und Brasilien konnten umfassende Wirtschaftsreformen durchführen.
Auch Südasien hat sich entschieden Demokratie und
freien Märkten verschrieben.
Im vergangenen
Jahrzehnt haben 260 Millionen Menschen in Pakistan, Bangladesch und Nepal das Recht zur Stimmabgabe bei freien und fairen Wahlen zurückerhalten.
In Indien, wo demokratische Institutionen fest verankert sind, führen Ministerpräsident Rao und Finanzminister Manmohan Singh beeindruckende Reformen
durch, mit denen die Volkswirtschaft des Landes
umgestaltet werden soll: Sie haben die Rupie zu
einer konvertierbaren Währung gemacht und sind mit
einer Überarbeitung des Banksektors sowie der
Privatisierung von Staatsbetrieben befaßt. Ähnliche
Erfolgsgeschichten vernimmt man aus Asien und
Afrika, aus so unterschiedlichen Nationen wie Südkorea, Südafrika und Malawi.
Bei all diesen Fällen besteht eine enge Verbindung
zwischen demokratischer Politik und freien Marktwirtschaften. Auf der ganzen Welt haben demokratisch
gewählte Politiker sich eher als ihre autoritären oder
totalitären Vorgänger geneigt gezeigt, sich für die
wirtschaftlichen oder sozialen Maßnahmen zu entscheiden, von denen ihr Volk am meisten profitieren
wird.
Dies trifft sogar auf die ärmsten Regionen der Welt
zu. Der Harvard-Wirtschaftswissenschaftler Amartya

Seite 3

�Sen - ein ehemaliger Dozent von Oxford - hat
festgestellt, daß "in einem Land mit einer demokratischen Regierungsform und einer relativ freien
Presse nie eine größere Hungersnot vorgekommen
ist". Indien hatte beispielsweise bis zum Zeitpunkt
der Unabhängigkeit im Jahr 1947 Hungersnöte zu
verzeichnen. Die letzte und eine der größten
Hungersnöte fand 1943 statt, als schätzungsweise 2
bis 3 Millionen Menschen starben. Seit der Unabhängigkeit und der Einführung eines demokratischen Mehrparteiensystems gab es keine größere
Hungersnot mehr, obwohl gravierende Mißernten
und Lebensmittelknappheit nur allzu häufig vorkamen.
Dank der von den demokratisch gewählten Regierungen in Botswana und Simbabwe durchgeführten
Programme zur Verhinderung von Hungersnöten
gelang es auch diesen Ländern, ernsthafte Mißernten Anfang der achtziger Jahre zu überstehen.
Während des gleichen Zeitraums erlebten der Sudan
und Äthiopien mit einer vergleichsweise geringeren
Abnahme der Lebensmittelproduktion, aber dem
großen Nachteil antidemokratischer Regime gravierende Hungersnöte.
Der Aufstieg der Demokratie hat ebenfalls eine
dramatische Verringerung von Akten der Aggression
eines Staates gegen einen anderen bewirkt. Lateinamerikanische Staaten beispielsweise führten während eines Großteils dieses Jahrhunderts Scharmützel gegeneinander. Es gab richtige Kriege zwischen
Costa Rica und Panama, Bolivien und Paraguay,
Peru und Ecuador, Honduras und El Salvador. Der
entscheidende Punkt ist jedoch: Zum Zeitpunkt
dieser Konflikte waren alle betroffenen Nationen
einer Diktatur unterworfen. Seit sich Anfang der
achtziger Jahre die Demokratie in der westlichen
Hemisphäre rasch zu verbreiten begann, hat keine
lateinamerikanische Nation Krieg gegen eine andere
geführt. Der eine Fall, bei dem ein lateinamerikanisches Land einen Krieg gegen eine europäische
Macht begonnen hat, ist in mehr als einer Weise
aufschlußreich. Ich beziehe mich natürlich auf das
Schicksal der argentinischen Militärjunta nach ihrem
Fehlschlag auf den Falklandinseln. Die Mitglieder
der Junta wurden daraufhin wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt und von demokratisch gewählten Zivilisten abgelöst.
Mit jedem weiteren Jahr wird es zunehmend offenkundig, daß die Maxime "Demokratien führen keinen
Krieg gegeneinander" nicht nur ein Allgemeinplatz ist
- sie trifft so sehr den Kern der Wahrheit, daß sie
wahrscheinlich als empirische Wahrheit in die Politikwissenschaft eingeht.

Seite 4

Wie Außenminister Christopher erklärt hat, leben wir
heute zum Teil aus diesem Grund "in einem einzigartigen historischen Augenblick, in dem keine Großmacht eine andere als unmittelbare militärische
Bedrohung ansieht".
Die Vereinigten Staaten haben immer noch Kontroversen mit Rußland und China - und bei einigen
Fragen mit Ihrer Regierung - sowie mit Frankreich,
Deutschland und Japan. Aber erstmals gibt es keine
charakteristische Polarisierung der Weitpolitik, keine
Kraftprobe zwischen zwei Giganten, deren Nullsummenspiel für die übrige Welt - Teilnehmer und
Zuschauer gleichermaßen - die Regeln festsetzt. Es
gibt beispielsweise kein Äquivalent zu Sparta gegen
Athen, Rom gegen Karthago oder Großbritannien
gegen Spanien im 16. Jahrhundert - oder für irgendeine andere der gigantischen Rivalitäten, die einen
großen Teil der Geschichte bestimmt haben.
Dieser Zustand ist vornehmlich das Ergebnis des
weitverbreiteten, zunehmend unbestrittenen Engagements für Demokratie, freien Handel und freie Märkte.
Erstmals in der Geschichte der Menschheit sind
praktisch alle führenden Wirtschafts- und Militärmächte der Welt pluralistische, marktwirtschaftliche Demokratien. Dasselbe gilt auch für die meisten Verbündeten der Großmächte.
Aus diesem Grund ist Präsident Clinton der Meinung,
daß unsere Generation eine historische Chance zur
Gestaltung unserer Welt hat. Und er vertritt die
Ansicht, da uns vor allem der Triumph von Demokratie und Märkten zum Sieg im Kalten Krieg verhalf, wir
uns jetzt vor allem von der Verteidigung von Demokratie und Märkten leiten lassen sollten.
Es liegt eindeutig in unserem Interesse, die Tendenz
zur Demokratisierung zu unterstützen. Sollte dieser
Trend ins Gegenteil verkehrt werden, würde das
unser Wohlergehen beeinträchtigen. Die Wahrscheinlichkeit militärischer Rivalität unter den Großmächten wächst, wenn auch nur eine dieser Mächte
ihr Engagement für freien Handel, offene Märkte und
eine offene Gesellschaft aufgibt und wieder in eine
totalitäre Politik und Kommandowirtschaft zurückfällt.
In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, daß
wir uns heute der Bedrohung unserer gemeinsamen
Sicherheit durch den Irak und Nordkorea stellen zwei Staaten, die der weltweiten Demokratiewelle
widerstanden haben.
Obwohl Demokratie und Marktwirtschaft im Aufstieg
begriffen sind, haben sie nicht überall Fuß gefaßt.
Weit gefehlt. In vielen im Übergang befindlichen
Nationen stecken die erforderlichen Institutionen - die
politische und ökonomische Kultur - noch in den
Kinderschuhen. Wie Außenminister Christopher bei

AMERIKA DIENST 42

�mehreren Gelegenheiten äußerte, bedürfen gerade
die jungen Demokratien am stärksten der internationalen Unterstützung.
Aus diesem Grund haben Ihre und unsere Regierung sich in Haiti mit 28 anderen Nationen zusammengeschlossen und damit die außergewöhnlichen
Feierlichkeiten am Samstag letzter Woche in Portau-Prince aus Anlaß der Wiederherstellung der
demokratischen Regierung dieses Landes ermöglicht. Resolution 940 des UN-Sicherheitsrats zur
Genehmigung der Entsendung einer multinationalen
Koalition war ein Wendepunkt: Erstmals bezeichneten die Vereinten Nationen die Verteidigung der
Demokratie als Berechtigung zum Einsatz "aller
erforderlichen Mittel" - mit anderen Worten, militärischer Gewalt.
Die Mission der Vereinten Nationen in Haiti legt fest,
daß die internationale Staatengemeinschaft nicht nur
eingreifen darf, wenn ein Regime seine Nachbarn
angreift, sondern auch, wenn es seine eigene Bevölkerung brutal behandelt. Es bestehen Meinungsverschiedenheiten darüber - und das wird stets der Fall
sein - wie weit die Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft reicht und in welchem Fall
sie Anwendung findet. Es besteht jedoch kein
Zweifel daran, daß wir die Geopolitik neu definieren.
Gleichzeitig haben wir keinesfalls die traditionellen
Konzepte von Souveränität und Sicherheit aufgegeben oder dem traditionellen Mittel abgeschworen,
diejenigen, die den Frieden gefährden oder verletzen, abzuschrecken und notfalls in ihre Schranken
zu verweisen.
Halten Sie sich die Reaktion der Vereinten Nationen
auf die jüngste aggressive Mobilisierung Saddam
Husseins vor Augen. Bei diesem Vorfall haben wir
aufgrund sehr viel konventionellerer geopolitischer
Überlegungen als in Haiti gehandelt. Im Irak ist die
internationale Staatengemeinschaft gegen einen
Tyrannen vorgegangen, der seinen Nachbarn bedrohte und die weltweite Energieversorgung gefährdete. Aber auch diese Konfrontation enthält einen
dramatischen Beweis dafür, wie die Welt sich nach
dem Ende des Kalten Krieges zum Besseren gewandelt hat: Nach anfänglichem Widerstreben hat
Rußland gemeinsam mit den Vereinigten Staaten
und Großbritannien sowie den übrigen Mitgliedern
des UN-Sicherheitsrats Resolution 949 unterstützt,
die die Fähigkeit Saddams zur bedrohlichen Stationierung seiner Armee weiter beschränkt.
Ich möchte jetzt kurz darauf zu sprechen kommen,
welche Auswirkungen die neue Geopolitik - unser
Versuch einer Neudefinition der nationalen und
internationalen Sicherheit - auf diese Region der

AMERIKA DIENST 42

Welt hat: auf Europa. Schließlich war der europäische Kontinent das Hauptschlachtfeld des Kalten
Krieges. Hier wurde dieser Kampf gewonnen, hier
müssen wir die Errungenschaften des Sieges konsolidieren.
Hier in Europa müssen wir wie überall auf der Welt
den Grundsatz der Verteidigung der Demokratie
anwenden, wo diese am schwächsten und verwundbarsten ist.
Wir in der Gemeinschaft etablierter marktwirtschaftlicher Demokratien müssen den postkommunistischen
Reformern Hilfestellung leisten. Wir müssen ebenso
ausdauernd wie sie sein. Es wäre ein schrecklicher
Fehler, selbstgefällig davon auszugehen, auch ohne
unsere Hilfe würden Demokratie und Marktwirtschaft
überall dort erfolgreich sein, wo sie jetzt Fuß gefaßt
haben. Und es wäre ein noch viel schlimmerer
Fehler, fatalistisch der Angst zu erliegen, trotz unserer Hilfe wären die Reformen in diesen Ländern zum
Scheitern verurteilt.
Während des Kalten Krieges hatte die Entschlossenheit des Westens unentbehrliche Verbündete in den
östlichen Reformern und den Menschen selbst - eine
Tatsache, die oftmals in der selbstgefälligen und
triumphierenden Rhetorik einiger Vertreter des
Westens unterging. Die Opfer des Kommunismus
wurden zu Siegern über den Kommunismus, und wir
müssen sie in unsere Planung für die Welt nach dem
Kalten Krieg einbeziehen.
Das ist das erste Prinzip der amerikanischen Europapolitik. Es ist der Hauptgrund dafür, daß Präsident
Clinton bei seinen drei Europareisen Anfang dieses
Jahres sein Engagement für Integration unterstrich:
Zusammenarbeit innerhalb der transatlantischen
Partnerschaft beim Aufbau eines ungeteilten Europa,
eines Europa, das durch das gemeinsame Engagement für Demokratie, freie Marktwirtschaft und
gegenseitige Respektierung der Grenzen geeint ist.
Was bedeutet das in praktischer Hinsicht?
Es
bedeutet die Einbeziehung der östlichen Staaten in
die Wirtschaftsinstitutionen des Westens - in das
GATT, die Europäische Union und die OECD. Wenn
die Länder Mitteleuropas und der ehemaligen Sowjetunion den Mut besitzen, die schmerzlichen aber
erforderlichen Maßnahmen für Wirtschaftsreformen zu
ergreifen, müssen wir bereit sein, unseren Beitrag zu
leisten. Wie Präsident Clinton bereits sagte: "Es
ergibt wenig Sinn, wenn wir einerseits ihren marktwirtschaftlichen Reformen applaudieren und ihnen
andererseits nur selektiven Zugang zu unseren
Märkten anbieten."

Seite 5

�Integration bedeutet auch, daß wir weiterhin die
erste Sicherheitsstruktur nach dem Kalten Krieg
entwickeln müssen - die Partnerschaft für den
Frieden. Vor zwei Wochen trat Armenien ihr als 23.
Nation bei. Seit die Partnerschaft im Januar auf
dem NATO-Gipfel ins Leben gerufen wurde, hat sie
praktischen Inhalt, eine konsistente Form und einen
vielversprechenden Kurs erhalten. Sie hat bereits zu
dem sensationellen Ereignis gemeinsamer Übungen
ehemaliger Gegner aus der NATO und dem Warschauer Pakt in Polen geführt. Ende dieses Monats
soll ein zweites Manöver dieser Art in den Niederlanden stattfinden.

Der Fall Bosnien veranschaulicht darüber hinaus in
dramatischer Weise ein globales Problem: nationalistisch inspirierten Separatismus und Bürgerkrieg,
Fehden unter Volksgruppen, die das Banner der
Selbstbestimmung gehißt haben, die neue Weltunordnung - ein Phänomen, das als Amoklauf des Westfälischen Friedens oder des Versailler Vertrags
bezeichnet werden könnte. Wir sind Zeuge des
Scheiterns von Staaten wie Ruanda und Somalia.
Wir sehen, wie ethnische Konflikte im Kaukasus
regionale Instabilität verursachen. Der innere Zerfall
von Staaten stellt auf dem Weg zum Ziel der Integration ein bedeutendes Hindernis dar.

Auch die NATO ist in einem Entwicklungsprozeß
begriffen. Präsident Clinton, Vizepräsident Gore,
Außenminister Christopher und Verteidigungsminister
Perry haben versprochen, daß die NATO neue
Mitglieder aufnimmt. Sie wird das von Fall zu Fall,
im Einklang mit den Interessen und Wünschen der
Mitgliedstaaten entscheiden, und keine andere
Macht besitzt in diesem Prozeß ein Vetorecht.

Das ist ein zusätzlicher Grund dafür, daß wir den
Konflikt in Bosnien nicht ignorieren können, in den
kommenden Tagen und Wochen werden wir eng mit
unseren Kollegen in der Kontaktgruppe zusammenarbeiten - Großbritannien, Frankreich, Rußland und
Deutschland als Vertreter der Europäischen Union.
Wir werden uns für die Stärkung der immer noch
instabilen Föderation in Bosnien einsetzen. Wir
werden nach Wegen suchen, die Grenze zwischen
Serbien und Bosnien noch dichter zu schließen. Wir
werden auf eine strengere Durchsetzung der UNSchutzzonen drängen.

Die Erweiterung der NATO kann, wenn sie richtig
gehandhabt wird - und das ist der Fall - der größeren Sache der europäischen Integration, Sicherheit
und politischen Stabilität dienen. Mit anderen
Worten: Die Evolution der NATO kann dazu beitragen, die Evolution Europas zu leiten. Die Aufnahme
neuer Mitglieder in die NATO muß und darf nicht zu
neuen Spaltungen zwischen Ost und West führen.
In diesem Zusammenhang müssen wir auch andere
Wege der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit
sondieren, die - wie die Partnerschaft für den Frieden - alle Nationen der euro-atlantischen Welt
einbeziehen. Derzeit prüfen die 52 Teilnehmerstaaten der KSZE in Budapest, wie diese Organisation
zu einem effektiveren Instrument für den Umgang
mit regionalen Konflikten und die Errichtung eines
gemeinsamen Sicherheitsraums auf der Grundlage
gemeinsamer Werte und Verhaltensnormen umgestaltet werden kann. Die Vereinigten Staaten
werden sich entschlossen für den Erfolg dieser
Bestrebungen einsetzen.
Dieser Versuch gestaltet sich jedoch äußerst schwierig, wenn wir nicht die Herausforderung im ehemaligen Jugoslawien angehen. Die Situation in dieser
überschatteten Region Europas ist weiterhin
schrecklich. Die bosnischen Serben verüben Greueltaten und widersetzen sich dem Willen der internationalen Staatengemeinschaft. Bosnische Muslime und Kroaten sehen einem schrecklichen Winter
unter Belagerung entgegen. Wenn sich die Kämpfe
ausweiten, könnten wir mit grausiger Symmetrie
dieses Jahrhundert mit einer Wiederholung der
Balkankriege von 1912 und 1913 abschließen.

Seite 6

Inmitten des Schreckens im ehemaligen Jugoslawien
gibt es, wenn auch schwache, Anzeichen guter
Nachrichten. In dem Bestreben zur Beendigung des
Konflikts hat der UN-Sicherheitsrat erstmals die
NATO als Instrument zur Durchsetzung des Willens
der Vereinten Nationen eingesetzt. Die UN-Schutztruppe für das ehemalige Jugoslawien, UNPROFOR,
hat zahlreiche Mitglieder der Partnerschaft für den
Frieden, darunter nicht nur Großbritannien, Kanada
und Frankreich, sondern auch Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts wie Polen, die Ukraine und
Rußland zusammengebracht.
Die Bereitschaft
Rußlands, gemeinsam mit dem Westen diplomatische
und militärische Mittel zur Beendigung des Konflikts
einzusetzen, ist eher der bemerkenswerteste Beweis
dafür, daß wir tatsächlich in einer neuen Welt leben.
Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich noch
auf Rußland eingehen, das Land, dessen Sprache,
Literatur, Kultur und Geschichte ich in meiner Zeit
hier in Oxford studiert habe.
In Moskau machen sich viele Menschen Sorgen
darüber, ihr Land werde am Ende aus einer erweiterten und integrierten europäischen Sicherheitsstruktur ausgeschlossen. Genauer gesagt haben sie
Angst, die Partnerschaft für den Frieden und die
beabsichtigte Erweiterung der NATO seien gegen
Rußland gerichtet. Im vergangenen Monat bemühte
sich Vizepräsident Gore, diese Besorgnis zu beschwichtigen. In Berlin legte er dar, warum die

AMERIKA DIENST 42

�Erweiterung der NATO mit den Sicherheitsinteressen
Rußlands vereinbar ist. Er stellte fest: "Instabilität in
Zentraleuropa, der Ursprungsregion europäischer
Kriege, hat zweimal in diesem Jahrhundert Tragödien über den Kontinent gebracht." Das russische
Volk litt stark unter diesen Tragödien und hat daher
wie jeder andere allen Grund, weitere Instabilität in
Zentraleuropa zu fürchten. Somit hat Rußland ein
ebenso großes Interesse wie jedes andere Land an
Stabilität in Zentraleuropa - und genau das ist das
Ziel einer erweiterten NATO. Die Erweiterung sollte
nicht als eine gegen irgend jemanden gerichtete
Aktion betrachtet werden, sondern als wichtiger
Bestandteil regionaler Sicherheit und Stabilität.
Man könnte sich jedoch fragen - und viele Menschen
tun das auch - wie es um die Stabilität innerhalb
Rußlands bestellt ist. Wir wissen einfach nicht, wie
das Rußland des 21. Jahrhunderts aussieht. Dieses
riesige, stolze, reiche, kultivierte und krisengeschüttelte Land befindet sich inmitten eines Prozesses der
Neudefinition, und das wird auch in Zukunft noch
längere Zeit der Fall sein. Wir wissen jedoch schon
genau, was für eine Art von Rußland wir anstreben:
eine starke, wohlhabende Demokratie, die in das
wirtschaftliche und politische Leben der übrigen Welt
integriert ist, sicher in ihren derzeitigen Grenzen lebt
und die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale
Integrität ihrer Nachbarn respektiert, insbesondere
jener Nachbarn, die - wie Rußland selbst - Republiken der ehemaligen Sowjetunion sind.
Das erhoffen nicht nur wir uns für Rußland - zahlreiche Russen wünschen das für ihre Heimat. Dazu
gehören viele der heutigen russischen Politiker und
ihre aufstrebenden jüngeren Kollegen. Das sind
jedoch nicht die einzigen Bestrebungen im Getümmel der Duma und des Föderationsrats sowie bei
den Wahlen, nachdem jetzt endlich die Realpolitik
Einzug im Land gehalten hat. Es gibt Kräfte, die
offen vorgehen und jene, die hinter den Kulissen, im
Untergrund und in dunklen Gassen operieren, die
häßlich, bedrohlich, rückständig und Schlimmeres
sind.
Rußland führt also derzeit einen Kampf um seine
Zukunft, Identität, Seele und seinen Platz in Europa.

*

AMERIKA DIENST 42

*

Wie Präsident Clinton darlegte, muß sich das russische Volk fragen, was es bedeutet, im 21. Jahrhundert eine Großmacht zu sein, ob es das in den
Kategorien der Vergangenheit oder der Zukunft
definiert. Offener gesagt: Werden sich die Menschen in diesem Land für Imperialismus und Unterdrückung oder Integration und Freiheit entscheiden?
Wir müssen alles in unserer Macht Stehende zur
Unterstützung der Kräfte unternehmen, deren Sieg in
diesem Kampf wir wünschen. Wenn sie Oberhand
gewinnen, werden diese Kräfte Rußland gestatten,
wirkliche Sicherheit und Wohlstand zu erlangen.
Wir dürfen jedoch das Ergebnis dieses Kampfes nicht
vorwegnehmen und insbesondere unser erstes Urteil
nicht auf Vorurteile oder historische Stereotypen
gründen, auf aufgewärmte Ideologie aus der Zeit des
Kalten Krieges, wenn wir nicht den Fehler begehen
wollen, dieses Ergebnis herbeizureden. Wir müssen
Voltaire erinnern, der davor warnte, unsere Alpträume
für eine Vorahnung der Zukunft zu halten.
Um es ganz offen zu sagen: Sollten wir unsere
Politik auf die pessimistische Annahme gründen,
Rußland werde Rückschritte machen anstatt sich
weiterzuentwickeln, würden wir in den letzten Jahren
dieses Jahrhunderts einen groben strategischen
Fehler begehen, der dem in den ersten Jahren dieses
Jahrhunderts - in Versailles und danach - begangenen gleichkommt.
Ich möchte diesen Punkt auch etwas positiver formulieren, mehr im Geiste des strategischen Optimismus,
der nach Ansicht Präsident Clintons die amerikanische Außenpolitik im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
leiten sollte. Wir können die Chancen dieser Übergangszeit ergreifen. Wir werden dazu wahrscheinlich
eher in der Lage sein, wenn wir verstehen, warum
alle früheren Versuche zur Schaffung eines dauerhaften Friedens - Westfalen, Wien, Versailles, München
und Jalta - scheiterten oder Unzulänglichkeiten
aufwiesen. Wir können aus der Geschichte lernen
und auf dem Vermächtnis unserer Vergangenheit
aufbauen, während wir eine Strategie für unsere
Zukunft entwickeln. Und diesmal können wir es
richtig machen.

*

*

Seite 7

�UMWELT
26. Oktober 1994

USA UNTERZEICHNEN WÜSTENKONVENTION
Ansprache von D. James Baker
PARIS - (AD) - Zusammen mit 80 weiteren Ländern unterzeichneten die Vereinigten Staaten einen Vertrag
über die Koordinierung der weltweiten Bestrebungen, eine fortschreitende Ausbreitung der Wüste, insbesondere
in Afrika, zu verhindern.
Die Konvention soll während der derzeitigen Sitzung der Generalversammlung in New York noch von weiteren
Ländern unterzeichnet werden können.
D. James Baker, Staatssekretär für Ozeane und Atmosphäre im US-Wirtschaftsministerium, leitete eine
amerikanische Delegation, die der Unterzeichnungszeremonie am 14. und 15. Oktober beiwohnte. Aus diesem
Anlaß hielt der Staatssekretär eine Ansprache über die Bedeutung der Wüstenkonvention, deren vorbereiteten
Text wir nachfolgend veröffentlichen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine große Ehre, die Vereinigten Staaten
von Amerika bei dieser historischen Begebenheit
vertreten zu dürfen. Mein Land hat die Konvention
unterstützt, seit sie erstmals 1992 auf dem Erdgipfel
in Rio vorgeschlagen wurde. Wir sehen sie als
bedeutendes neues Mitglied in der "Rio-Familie" der
Umweltschutzverträge. Ich sollte zu Beginn meiner
Ausführungen darauf hinweisen, daß es etwas
irreführend ist, von einer "fortschreitenden Ausbreitung der Wüste" zu sprechen, weil dadurch das
Bild von Sanddünen und unbewohntem, unwiderruflich verlorenem Ödland hervorgerufen wird.
Das wirkliche Ziel dieses Vertrags ist die vorteilhafte,
langfristige Nutzung bewohnter Trockengebiete. Die
Abtragung von Trockengebieten ist ein Problem, das
Millionen Menschen auf einem Viertel der Erdoberfläche, jedoch insbesondere Afrika betrifft. Der
Vertrag gründet auf dem Bewußtsein, daß umweit und entwicklungspolitische Ziele in den Trockengebieten der Welt gemeinsam angestrebt werden
müssen. Wir wissen, daß ein klügerer Umgang mit
dieser bisher problembeladenen Ressource zur
Verminderung und letztlich Beseitigung des Hungers
und der Unterernährung in Afrika führen wird.
Unseres Erachtens ist das wichtigste Merkmal dieser
Konvention - für das sich die Vereinigten Staaten
entschieden eingesetzt haben - die Konzentration
auf die Basis: Beteiligung der Bevölkerung, eine

AMERIKA DIENST 42

wichtige Rolle nichtstaatlicher Organisationen, praktische und organisatorische Planung sowie - in den
Staaten, die Auslandshilfe benötigen - bessere
Koordination und Teamarbeit zwischen Geberländern
und Gastregierung.
Die Konvention und ihr wichtiger regionaler Anhang
Afrika tragen der Tatsache Rechnung, daß dieser
Ansatz bei der Verwaltung von Trockengebieten, der
in neuen Partnerschaftsabkommen zwischen Regierungen und Geldgebern (einschließlich UN-Organisationen, multilateralen Entwicklungsbanken und
nichtstaatlichen Organisationen) seinen Ausdruck
findet, flexibel und örtlichen Gegebenheiten angepaßt
sein muß. Er sollte von den Kommunalbehörden an
ihrem jeweiligen Sitz initiiert, anstatt durch eine in
Genf oder New York entworfene Formel vorgeschrieben werden. Unsere Erwartung ist, daß in jedem Fall
die wichtigste Institution ein nationaler Ausschuß sein
sollte, der mit einem parallelen Koordinierungsmechanismus des Gebers verbunden ist.
Es bestehen starke Verbindungen zwischen dieser
Konvention und anderen wichtigen internationalen
Umweltinitiativen. Um nur ein Beispiel zu nennen:
Die Bekämpfung der Geißel der Versteppung wird zu
einer verbesserten Verwaltung und langfristigen
Nutzung der Wälder und somit zur Erreichung der
Ziele der Konventionen über Klimawandel und
Artenvielfalt führen. Die Umsetzung dieser drei
Verträge unter voller Berücksichtigung nationaler
Gesetze und Prioritäten kann uns helfen, ein be-

Seite 1

�trächtliches Maß der weltweiten Umweltprobleme zu
lösen.
Ich möchte vier weitere Beobachtungen anstellen:
Erstens wird diese Konvention der Entwicklung und
vor allem Verbreitung einer neuen Frühwarntechnologie für Klimawandel Auftrieb verleihen. Während
wir die Dynamik der Klimaveränderung besser
verstehen lernen, können und müssen wir unter
anderem unsere Landwirte - insbesondere in den
ärmeren Ländern - in die Lage versetzen, im voraus
zu wissen, wann eine Dürre droht, damit sie im
Hinblick auf Getreide und Vieh angemessene
Entscheidungen zur Verhinderung oder Milderung
einer Katastrophe treffen können.
Zweitens ist die Rolle der Bevölkerung - wie bei
jedem anderen Aspekt tragfähiger Entwicklung - von
entscheidender Bedeutung. Wir wissen, daß die
Abtragung von Trockengebieten mit ihrer unsicheren
Ressourcenbasis in enger Verbindung zu menschlichen Aktivitäten steht, einschließlich schnellem
Bevölkerungswachstum. Wenn die Bestrebungen
zur Bekämpfung der Versteppung erfolgreich sein
sollen, müssen sie Hand in Hand mit wirksamen
Programmen gehen, die ein möglichst umfassendes
Angebot zur Familienplanung und reproduktiven
Gesundheit sowie Gesundheitsfürsorge für Mutter
und Kind enthalten. Nur wenn dieser Vertrag im
Zusammenhang mit dem kürzlich in Kairo beschlossenen Aktionsprogramm steht, kann er sein Potential
zur Bekämpfung von Hunger und Förderung von
Entwicklung, insbesondere in Afrika, verwirklichen.
Drittens sind wir dankbar, daß die Vertragsunterhändler während der Dauer der Verhandlungen

einen fruchtbaren Dialog mit den nichtstaatlichen
Organisationen führten. Unseres Erachtens ist es
von Bedeutung, daß die Umsetzung in diesem Geist
erfolgt, und ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf die
Tatsache lenken, daß die Bestimmungen von Artikel
21, in denen eine innovative Finanzierung gefordert
wird, und der Anhang zu Afrika sowie andere Bestimmungen zu Partnerschaftsabkommen teilweise
darauf abzielen, den nichtstaatlichen Organisationen
eine starke und flexible Rolle einzuräumen.
Letztlich wissen wir alle, daß der Verhandlungsausschuß eine der Generalversammlung zur Annahme
vorzulegende Resolution entwarf, die freiwillige
"dringliche Aktionen" in Afrika fordert, damit die
Konvention möglichst schon ein Jahr vor ihrem
offiziellen Inkrafttreten in die Realität umgesetzt wird.
Unser Amt für internationale Entwicklung (AID) hat
ungefähr 500 Millionen Dollar an laufenden oder
geplanten Projekten ausgemacht, mit deren Hilfe die
Konvention auf vielfältige Weise unterstützt wird. Wir
haben die Absicht, diese Ressourcen nach Absprache mit afrikanischen Regierungen und anderen
Gebern zu nutzen, um dringliche Aktionen für Afrika
zu unterstützen. Und wir rufen alle anderen dazu
auf, sich an diesen wichtigen Bestrebungen zu
beteiligen.
Abschließend möchte ich der französischen Regierung für ihre Bemühungen zur Unterstützung dieser
Konvention sowie ihre Gastfreundschaft aus Anlaß
dieses historischen Ereignisses danken und die
Arbeit von Botschafter Kjellen, Sekretär Diallo und
zahlreichen anderen würdigen, die durch lange und
harte Arbeit dieses erfolgreiche Ergebnis ermöglicht
haben.

* * * *

Seite 2

*

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�DEMOKRATIE
26. Oktober 1994

WAS KOSTET DIE FREIHEIT?
von Samuel P. Huntington
Die Ereignisse der vergangenen Jahre kann man sehr wohl als Wendepunkt in der Weltgeschichte ansehen,
während eine Nation nach der anderen sich Demokratie und Marktsystemen zuwendet.
In dem nachfolgenden Artikel erörtert der Experte für Außenpolitik Samuel P. Huntington die Verbindungen
zwischen politischer und wirtschaftlicher Liberalisierung. Beide gründen sich auf Freiheit: Das Recht auf
Meinungs- und Koalitionsfreiheit, zu wählen und zu arbeiten, zu investieren und Eigentum zu besitzen ohne
Eingriffe des Staates. Obwohl Wirtschaftsreformen in den Anfangsstadien schmerzliche Opfer mit sich bringen
können, werden die langfristigen Vorteile und zunehmender Wohlstand dem Autor zufolge die politische Freiheit
untermauern.
Huntington ist Direktor des Olin Institute for Strategie Studies an der Harvard University. Copyright (c) 1993
Harvard International Relations Council, Inc.

Während der vergangenen 20 Jahre haben zwei
große Wogen des Wandels die Welt erfaßt. Eine ist
die Verlagerung von autoritären politischen Systemen - Militärregierungen, Diktaturen und kommunistischen Regimen - zu demokratischen politischen
Systemen.
Diese Welle der Demokratisierung
begann 1974 in südeuropäischen Nationen wie
Portugal, Griechenland und Spanien. Sie erfaßte
dann Ende der siebziger und Anfang der achtziger
Jahre Lateinamerika, und der Umbruch zur Demokratie vollzog sich in Ecuador, Peru, Argentinien,
Brasilien, Uruguay, El Salvador, Guatemala, Chile,
und andere lateinamerikanische Länder wie Mexiko,
Panama und Paraguay begannen, eine demokratische Richtung einzuschlagen. Kuba ist das einzige
lateinamerikanische Land, das nicht davon berührt
wurde. In der Zwischenzeit ist die Demokratisierung
bis nach Asien vorgedrungen, und eine Abkehr von
der autoritären Herrschaft ist auf den Philippinen, in
Südkorea, Pakistan und Bangladesch zu beobachten. 1989 brachen die kommunistischen Regime in
Ostmitteleuropa zusammen und wurden durch
demokratische Systeme ersetzt, und jetzt vollzieht
sich ein Wandel in einigen, wenn auch nicht allen
ehemaligen Sowjetrepubliken. In Südafrika ist die
Apartheid zu Ende gegangen, in vier anderen
afrikanischen Ländern wurden zum ersten Mal seit
Jahren Wahlen abgehalten, und seit Jahren amtierende Diktatoren wurden abgewählt. Im Nahen
Osten hat die Türkei die jüngste Hinwendung zur
Demokratie Anfang der achtziger Jahre vorgenommen und auch in Jordanien und Algerien hat eine

AMERIKA DIENST 42

gewisse Bewegung in eine demokratische Richtung
stattgefunden. Insgesamt haben seit 1974 über 40
Länder den Übergang zur Demokratie vollzogen, und
viele andere haben sich einer offeneren Politik
verschrieben, selbst wenn sie noch keine wirklich
vom Volk gewählten Regierungen haben.
Die
Demokratisierung ist zweifelsohne ein globales
Phänomen.
Die parallele und gleichzeitige Bewegung zu wirtschaftlicher Liberalisierung ist ebenfalls ein globales
Phänomen. Dieser Trend beinhaltet Bestrebungen
zur Einschränkung der Einflußnahme des Staates auf
die Wirtschaft, den Rückgriff auf die Märkte bei der
Verteilung von Waren, die Privatisierung von Staatsbetrieben, Abschaffung staatlicher Bestimmungen,
Lizenzvorschriften und Subventionen, Abbau von
Zöllen und anderen Handelshemmnissen, Kürzung
der staatlichen Ausgaben, Ausgleich der Haushalte
und Eindämmung der Inflation. Die wirtschaftliche
Liberalisierung vollzieht sich in unterschiedlichen
Formen und daher ist es schwierig, wenn nicht gar
unmöglich, eine Liste von Ländern zu erstellen, die
angeblich eine vollständige Liberalisierung durchgeführt haben.
Mit einigen wenigen bemerkenswerten Ausnahmen ist
jedoch praktisch jedes Land der Welt von diesem
Trend erfaßt worden. In der industrialisierten Welt
wurde diese Tendenz durch die Ziele und Maßnahmen der Regierungen Thatcher und Reagan verkörpert - obwohl der Trend zur Deregulierung in den

Seite 1

�'
Vereinigten Staaten unter der Carter-Administration
eingeleitet wurde. Ermutigt durch die Weltbank und
den Internationalen Währungsfonds (IWF) haben die
meisten weniger entwickelten Länder, darunter
Indien, Brasilien, Argentinien und Mexiko, Schritte
zur wirtschaftlichen Liberalisierung unternommen.
Unter den kommunistischen Ländern übernahm
China die Führungsrolle bei der Einführung einer
tiefgreifenden Wirtschaftsreform Ende der siebziger
Jahre.
Heute gehen alle ostmitteleuropäischen
Länder und die meisten ehemaligen Sowjetrepubliken in diese Richtung. Selbst Vietnam hat einige
kleine Schritte zur Öffnung der Wirtschaft des
Landes unternommen. In der kommunistischen Welt
scheinen nur Kuba und Nordkorea relativ unbeteiligt
zu sein, wobei sich in Nordkorea Anzeichen eines
Wandels bemerkbar machen.
Die Frage, die ich ansprechen möchte, betrifft die
Beziehungen zwischen diesen Wellen politischer
Demokratisierung und wirtschaftlicher Liberalisierung.
Sind sie auf dieselben Ursachen zurückzuführen?
Inwieweit ähneln oder unterscheiden sie sich?
Verstärken sie sich gegenseitig oder konkurrieren sie
miteinander?
Wie kann man das gleichzeitige Auftreten dieser
beiden Trends Anfang der siebziger Jahre erklären?
Es scheint mehrere generelle Ursachen der Verlagerung zur Demokratie gegeben zu haben. Zu
diesen gehörten erstens die inhärenten Probleme
der Legitimität, mit denen sich nichtdemokratische
Systeme in der Welt von heute konfrontiert sahen.
Im großen und ganzen müssen diese Systeme auf
eine Leistungsbilanz zurückgreifen: das heißt, ihre
Fähigkeit, die gewünschten Ergebnisse hervorzubringen, die sowohl Recht und Ordnung als auch
wirtschaftliche Entwicklung beinhalten. Die weltweite
Stagnation in den siebziger Jahren führte bei vielen
autoritären Regimen zum Verlust der Legitimität
aufgrund der schlechten Wirtschaftsleistung. Durch
die beiden Ölschocks verlieh die Organisation der
erdölausführenden Länder (OPEC) der Demokratie
unabsichtlich großen Auftrieb.
Zweitens, obwohl die Stagnation der siebziger Jahre
die autoritären Systeme schwächte, hatten die zwei
Jahrzehnte außergewöhnlicher Wirtschaftsentwicklung vor 1974 die wirtschaftliche und soziale Grundlage für die Einführung demokratischer Systeme
gebildet. Mit Ausnahme Afrikas hatten die Gesellschaften weltweit mehr Wohlstand und Bildung
geschaffen, das Analphabetentum bekämpft, die
Urbanisierung vorangetrieben und eine maßgebliche
Mittelschicht hervorgebracht. Die meisten Länder,
die in den siebziger und achtziger Jahren den
Übergang zur Demokratie vollzogen, befanden sich
auf der höheren Ebene der Wirtschaftsentwicklung.

Seite 2

Ab 1974 konnte man in der Tat mit ziemlicher Genauigkeit vorhersagen, in welchen Ländern in den
kommenden Jahren die Demokratisierung stattfinden
würde, indem man die Länder ausmachte, die sich
auf diesem Niveau der Wirtschaftsentwicklung befanden oder kurz davor standen.
Drittens, in den ersten rund 20 Ländern auf dem Weg
zur Demokratie wurde dieser Prozeß durch die
veränderte Rolle der katholischen Kirche stark
unterstützt. Historisch gesehen stand die Kirche
häufig im Bündnis mit autoritären Regimen. Dies
änderte sich Anfang der sechziger Jahre mit dem
Zweiten Vatikanischen Konzil und dem Einfluß des
neuen liberalen Klerus und Laienpriestern in vielen
Ländern. Anfang der siebziger Jahre war die Kirche
in einem Land nach dem anderen zum schärfsten
Gegner sowohl rechter als auch linker Diktaturen
geworden. Portugal und Spanien waren unter den
ersten Ländern auf dem Weg zur Demokratie. Der
einzige katholische Kontinent - Südamerika - wurde
von der Demokratisierungswelle erfaßt. Die Philippinen, Asiens einziges katholisches Land, vollzogen die
Demokratisierung als erstes Land in Ostasien. Polen
und Ungarn, die beiden katholischen Länder Ostmitteleuropas, ebneten den Weg in diesem Teil der
Welt.
Viertens trieben Akteure von außen den Prozeß
voran. Dazu zählte die Europäische Gemeinschaft im
Hinblick auf die Süd- und osteuropäischen Länder.
Die Vereinigten Staaten unterstützten unter der
Carter- und Reagan-Administration den Prozeß in
hohem Maße für die lateinamerikanischen und
ostasiatischen Länder. Und obwohl der damalige
sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow die Demokratisierung der ostmitteleuropäischen Länder wahrscheinlich nicht wollte, widersetzte
er sich ihr nicht.
Schließlich gibt es den sogenannten Demonstrationsoder Schneeballeffekt. Sobald ein Land die Demokratisierung vollzieht, denken die Menschen in
anderen Ländern: "Wenn sie es können, warum nicht
auch wir?" Man kann auch lernen, wie man die
Demokratisierung vornimmt. Nach dem Zusammenbruch der ostmitteleuropäischen Diktaturen im Jahr
1989 wurde die Demokratisierung eine weltweite
Modeerscheinung. Politiker der Regierung und der
Opposition auf der ganzen Welt hatten das Gefühl,
sie müßten in eine demokratische Richtung gehen,
oder zumindest diesen Anschein erwecken.
Waren diese fünf Faktoren auch verantwortlich für die
gleichzeitige Bewegung zu wirtschaftlicher Liberalisierung? Im großen und ganzen muß die Antwort
"Nein" lauten. Wirtschaftliche Liberalisierung scheint
unabhängig davon auf verwandte, aber unterschiedli-

AMERIKA DIENST 42

�che Ursachen zurückzuführen zu sein. Von entscheidender Bedeutung bei der Bewegung zur
Liberalisierung war die veränderte Denkweise unter
den Ökonomen in den fünfziger und sechziger
Jahren. Bis dahin waren Planung, Sozialismus,
staatliche Regulierung, öffentliche Unternehmen, der
Wohlfahrtsstaat und Keynesianismus die beherrschenden Themen der Wirtschaftspolitik. Die Dominanz dieser Sichtweise fand ihren Niederschlag in
der pessimistischen Zukunft, die Joseph A. Schumpeterdem Kapitalismus in seinem 1942 veröffentlichten klassischen Werk Kapitalismus, Sozialismus
und Demokratie vorhersagte. Ab den sechziger
Jahren wurde jedoch Neoliberalismus zum neuen
Dogma unter Wirtschaftswissenschaftlern. Dieser
Trend wurde durch die für den Wohlfahrtsstaat sowie
die offenkundige Ineffizienz staatlicher Planung und
öffentlicher Unternehmen erforderlichen höheren
Steuern genährt. Die neue Doktrin erfaßte rasch
auch internationale Wirtschaftsinstitutionen.
Die
Weltbank, die in den fünfziger Jahren Planung und
den öffentlichen Sektor unterstützt hatte, war in den
siebziger Jahren zu einem großen Verfechter von
Wettbewerb, Privatisierung und Märkten geworden.
Zusammen mit dem IWF wurde sie zu einem mächtigen externen Akteur, der die Länder von der Liberalisierung ihrer Wirtschaft zu überzeugen versuchte.
In den achtziger Jahren war Liberalisierung zum
weithin anerkannten Allheilmittel für wirtschaftliche
Malaisen auf der ganzen Welt geworden.
Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede bestehen
zwischen politischer Demokratisierung und wirtschaftlicher Liberalisierung? Zunächst ähneln sie
sich dahingehend, daß beide staatliche Autorität und
die Macht des Staates beschränken. Zumindest in
der Theorie nimmt die Demokratisierung eine Unterordnung des Staatsapparats vor und macht ihn der
bürgerlichen Gesellschaft gegenüber verantwortlich.
Politiker, die an die Macht kommen oder an der
Macht bleiben wollen, müssen auf den Willen des
Volkes achten. Liberalisierung ihrerseits verringert
die Einflußnahme des Staates auf die Wirtschaft.
Demokratisierung erfordert politische Freiheit vom
Staat - das Recht auf freie Meinungsäußerung,
Koalitionsfreiheit und das Recht auf Protest. Liberalisierung erfordert wirtschaftliche Freiheit vom Staat das Recht auf Besitz von Eigentum, zu arbeiten,
investieren, produzieren und zu konsumieren ohne
einschneidende staatliche Regulierung. Demokratisierung verstärkt die Kontrolle der Gesellschaft über
den Staat. Liberalisierung verringert die Kontrolle
des Staates über die Gesellschaft.
Als nächstes ergibt sich die Frage der Beziehungen
dieser Trends zu den globalen Prozessen der
wirtschaftlichen Entwicklung und sozialen Modernisierung, die seit Anfang der Industriellen Revolution

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im 18. Jahrhundert am Werk waren. Es wurde
gesagt, Demokratisierung sei der unvermeidliche
Trend in einer modernen Gesellschaft. In der Tat hat
die moderne Welt drei große Wellen der Demokratisierung erlebt: Die erste begann Anfang des 19.
Jahrhunderts in Amerika und erreichte ihren Höhepunkt am Ende des Ersten Weltkriegs. Die zweite
begann mit dem Sieg der Alliierten im Zweiten
Weltkrieg und endete Anfang der sechziger Jahre,
und die dritte begann in den siebziger Jahren.
Zwischen diesen Demokratisierungswellen vollzog
sich in den zwanziger und dreißiger und wiederum in
den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein
Rückfall zum Autoritarismus. Diese Rückfälle waren
jedoch schwächer als die Demokratisierungswellen,
und die generelle Tendenz in der modernen Welt
ging zur Erweiterung der demokratischen Regierung.
Kann dasselbe im Hinblick auf wirtschaftliche Liberalisierung gesagt werden? Das scheint nicht sicher zu
sein. Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des
19. Jahrhunderts ging der generelle Trend zur
Befreiung wirtschaftlicher Aktivitäten, der Schwächung
merkantilistischer staatlicher Kontrollen und dem
Abbau verbleibender Reste feudaler oder vergleichbarer Restriktionen - wie der Sklaverei - beim Fluß
und Einsatz von Arbeitskräften, Kapital, Waren und
Ressourcen. Ende des 19. Jahrhunderts stieg die
Nachfrage nach vermehrten staatlichen Aktivitäten
großenteils infolge der Demokratisierung jedoch an,
damit der Staat ein Minimum an Sozialleistungen in
industrialisierten Gesellschaften einführte, bestimmte
Bereiche der Bevölkerung gegen Ausbeutung schützte, Konjunkturflauten bewältigte und sicherstellte, daß
die Wirtschaft des Industriestaats den Sicherheitsbedürfnissen des Nationalstaats Rechnung trug.
Kriege und die Drohung eines Krieges verbesserten
die Wirtschaftsmacht des Staates. Darüber hinaus
traten in der gesamten industrialisierten Welt sozialistische und dann kommunistische Bewegungen auf,
die größere oder sogar vollständige Kontrolle des
Staates über die Wirtschaft förderten. Ab den
dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden mehr
Wirtschaftsplanung, Sozialprogramme, staatliche
Regulierung und die Nationalisierung der Industrie in
den meisten Gesellschaften als Welle der Zukunft
gesehen.
In den sechziger Jahren begann sich all dies zu
ändern. Zwangsläufig erhebt sich die Frage: Ist
diese jüngste Verlagerung von staatlicher Kontrolle zu
wirtschaftlicher Liberalisierung nur eine temporäre
Unterbrechung, ein wirtschaftlicher "Rückfall" innerhalb eines längerfristigen Trends zur Zunahme
staatlicher Macht? Oder ist es der Anfang einer
langfristigen säkularen Abnahme staatlicher Wirtschaftsaktivität? Bewirkt die globale Bewegung zur
Demokratisierung nicht Druck des Volkes auf den

Seite 3

�Staat, sich sowohl bei Produktions- als auch bei
Verteilungsvorgängen aktiver zu engagieren? Es
scheint plausibel, Demokratisierung historisch als
"progressiv" anzusehen, aber würde man sagen, daß
die Beschränkung oder Erweiterung der staatlichen
Wirtschaftsaktivität historisch "progressiv" ist?
In unserem Wissen über diese beiden Prozesse
besteht ein bemerkenswerter Unterschied. Politikwissenschaftler haben die Demokratisierung ausgiebig studiert und eine riesige und höchst vielfältige
Menge an Literatur über das Thema produziert. Es
gab sehr viele Erfahrungen zu studieren, und in den
vergangenen 20 Jahren nahmen Demokratisierungsstudien explosionsartig zu. Infolgedessen hat die
Politikwissenschaft ein ziemlich umfassendes Verständnis der Bedingungen für Demokratisierung, die
Prozesse, mit denen sie stattfindet und ihre Konsequenzen entwickelt.
Im Hinblick auf wirtschaftliche Liberalisierung existiert
nichts Vergleichbares, vor allem, weil die Erfahrungen mit ihr seit Mitte des 19. Jahrhunderts so
begrenzt waren. Bis zu diesem Jahrzehnt war keine
Kommandowirtschaft zu einer Marktwirtschaft geworden, und in wenigen Planwirtschaften wurde - wenn
überhaupt - weniger geplant. Infolgedessen hatten
die Ökonomen wenig zu sagen, wenige Theorien
anzubieten und weniger Lektionen zu lehren, wie der
Übergang von einer vom Staat beherrschten zu
einer vom Markt beherrschten Volkswirtschaft
vollzogen werden kann. Dies gilt insbesondere im
Hinblick auf die Probleme bei der Umgestaltung
vollständig vom Staat kontrollierter Kommandowirtschaften wie denen in den kommunistischen Gesellschaften. Paul MacCracken formulierte es in seinem
Kommentar über das Problem der Umgestaltung
ostmitteleuropäischer Volkswirtschaften zu Marktwirtschaften folgendermaßen: "Vielleicht kann man von
hier nicht nach dort kommen." Im Gegensatz dazu
haben die Politikwissenschaftler Grund zu der
Annahme, sie wüßten, wie man von einem autoritären zu einem demokratischen politischen System
gelangt.
Ein damit in Zusammenhang stehender Faktor
betrifft den unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad,
diesen Übergang zu vollziehen. Auf institutioneller
Ebene ist Demokratisierung sehr viel leichter als
wirtschaftliche Liberalisierung. Die rudimentären
Elemente der Demokratisierung werden erzielt, wenn
einigermaßen faire, offene und alle einbeziehende
Wahlen abgehalten werden, bei denen Parteien und
Kandidaten relativ gleichberechtigt konkurrieren, die
Stimmen ehrlich gezählt werden und die Gewinner
eine Regierung bilden. Die Konsolidierung eines
neuen demokratischen Systems kann mehr langfristige Veränderungen bei Werten und Verhaltens-

Seite 4

weisen sowie die Institutionalisierung demokratischer
Verhaltensmuster erfordern. Dennoch ist die Wahl
der Herrschenden das Kernstück der Demokratie, das
relativ schnell und leicht eingeführt werden kann.
Im Gegensatz dazu sind Wirtschaftsreformen insbesondere wenn sie den Abbau einer Kommandowirtschaft beinhalten - sehr viel schwieriger und
erfordern kontinuierliche Anstrengungen über einen
langen Zeitraum hinweg. Es ist sehr viel leichter,
Wahlen als Märkte zu organisieren. Während die
Verlagerung von einem autoritären zu einem demokratischen politischen System schnell und sogar
relativ schmerzlos vollzogen werden kann, ist die
Umgestaltung einer stark vom Staat kontrollierten
Volkswirtschaft zu einer Marktwirtschaft sehr viel
schmerzlicher und zeitraubender.
Die Unterschiede bei den institutionellen Problemen
der Einführung von Wahlen und Marktwirtschaft
werden noch von den Unterschieden bei ihren
politischen Kosten und Nutzen verschärft. Demokratisierung könnte denjenigen Kosten verursachen, die
sich ihr widersetzten oder beträchtliche Vorteile von
einem autoritären Regime hatten. Ein maßgeblicher
Teil der dritten Demokratisierungswelle wurde jedoch
von Gruppierungen initiiert, die in autoritären Regimen Machtpositionen innehatten und daher sogar
selbst die Begrenzung der Kosten und Risiken der
Demokratisierung anstrebten. Die Demokratisierung
bringt im allgemeinen direkte und weitverbreitete
Vorteile für große Teile der Bevölkerung - daher auch
das häufig kommentierte Phänomen der "Euphorie",
das Begleiterscheinung nahezu aller Demokratisierungsbewegungen ist.
Andererseits könnte wirtschaftliche Liberalisierung
direkten Nutzen für einige wenige Gruppen mit sich
bringen, die Vorteile aus den neuen Gewinnmöglichkeiten ziehen. Es ist jedoch auch sehr wahrscheinlich, daß gegen viel größere Gruppen häufig strenge
wirtschaftliche Strafen verhängt werden. Subventionen werden eingestellt, Steuern erhöht, Etats ausgeglichen, Arbeitnehmer entlassen, Unternehmen
machen Konkurs, Preise steigen, Löhne fallen und
die Produktion nimmt ab. Es fallen enorme wirtschaftliche Kosten an, um das versprochene langfristige wirtschaftliche Nirvana zu erreichen, das in
eine unendlich weit entfernte Zukunft zu rücken
scheint.
Bei der Demokratisierung könnte die Abfolge der
dominierenden Einstellungen der Öffentlichkeit als
anfängliche Euphorie, nachfolgende Desillusionierung
und schließlich Resignation und Hinnahme bezeichnet werden. Im Fall der wirtschaftlichen Liberalisierung werden Angst und Furcht von Frustration und
Unmut abgelöst. Da die wichtigsten Liberalisierungs-

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�prozesse noch im Gange sind, ist der nächste Schritt
unsicher. Eine mögliche Endphase könnten Ärger,
Protest und Aufruhr sein, eine andere wären Passivität und Hinnahme.

Steuerung und Erleichterung wirtschaftlicher Entwicklung spielt. Wirtschaftsentwicklung findet jedoch eher
in einem Umfeld geringerer staatlicher Wirtschaftskontrolle statt.

Das Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung steht
letztlich in anderem Zusammenhang mit Demokratisierung und Liberalisierung. Demokratisierung findet
am häufigsten und leichtesten in den Ländern statt,
die eine mittlere bis gehobene Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung erreicht haben. In einem solchen
Fall sind die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen für eine Ausweitung des politischen Wettbewerbs und die Beteiligung der Bevölkerung an der
Politik günstig. Wirtschaftliche Liberalisierung ist
einfacher in den Ländern durchzuführen, die sich
noch auf einer niedrigeren Stufe wirtschaftlicher
Entwicklung befinden. Überwiegend landwirtschaftlich orientierte Länder verfügen über weniger Industriezweige in staatlichem Besitz mit zahlreichen
angestellten Managern und Arbeitnehmern, maßgeblichen bürokratischen Interessen und großen
Gruppierungen, die Nutzen aus Subventionen, Zöllen
und Marktzugangsbeschränkungen ziehen oder
davon abhängig sind. Eine Gesellschaft in einem
wirtschaftlichen Umfeld, das eine Demokratisierung
erleichtert, verfügt wahrscheinlich gleichzeitig über
ein politisches Umfeld, das eine Liberalisierung
erschwert, und umgekehrt hat eine Gesellschaft, in
der die politischen Faktoren eine Liberalisierung
erleichtern, wahrscheinlich ein wirtschaftliches
Umfeld, das für eine Demokratisierung ungünstig ist.

Wirtschaftsreformen setzen eine starke, autoritative,
jedoch nicht unbedingt autoritäre Regierung voraus.
Wirtschaftliche Liberalisierung erlegt einigen gesellschaftlichen Gruppierungen besondere Härten, und
nahezu jedem Mitglied der Gesellschaft allgemeine
Härten wie etwa höhere Preise auf. Der politische
Widerstand gegen wirtschaftliche Liberalisierung ist
groß und wächst wahrscheinlich noch mit zunehmendem Entwicklungsstand eines Landes. Wirtschaftliche Liberalisierung erfordert entweder eine
autoritäre Regierung oder eine demokratische Regierung mit dem Willen und der Macht zur Durchsetzung
von Reformen.

Welche Auswirkungen hat die Demokratisierung auf
die Liberalisierung und umgekehrt? Eine Behauptung habe ich bereits aufgestellt: Wirtschaftliche
Entwicklung fördert Demokratisierung. Wohlhabende
Länder sind mit wenigen Ausnahmen, wie den an
Ölvorkommen reichen Staaten, auch demokratische
Länder. Arme Länder sind mit wenigen Ausnahmen,
zum Beispiel Indien, nichtdemokratische Länder.
Der Übergang zur Demokratie spielt sich überwiegend in den Ländern mit einem höheren Entwicklungsstand ab.
Wirtschaftliche Liberalisierung und Reformen fördern
im allgemeinen auch die Wirtschaftsentwicklung.
Das ist jedoch nicht immer der Fall: Die Sowjetunion
der dreißiger Jahre und die mittel- und osteuropäischen Länder der fünfziger Jahre erzielten in Kommandowirtschaften sehr hohe Wachstumsraten ihrer
Volkswirtschaften. In der heutigen Welt behindern in
staatlichem Besitz befindliche Unternehmen, Kontrollen und Vorschriften jedoch im allgemeinen die
wirtschaftliche Entwicklung. Man sollte jedoch auch
anmerken, daß in den Ländern mit der stärksten
Wirtschaftsentwicklung, insbesondere Japan und
Südkorea, der Staat eine bedeutende Rolle bei der

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Die Logik dieses Arguments suggeriert, daß autoritäre Regierungen besser als demokratische Regierungen in der Lage sind, wirtschaftliche Liberalisierung
zu fördern. Sie können eher dem Druck der Bevölkerung und den Interessen von einflußreichen Reformgegnern widerstehen. China führte unter einer
kommunistischen Diktatur und Chile unter einem
militärischen
Diktator
beträchtliche
Wirtschaftsreformen durch, und beide Länder wurden
dafür mit beneidenswerten Wachstumsraten belohnt.
Der Preis dafür war die Unterdrückung der Freiheit.
Wenn ein Land ein autoritäres Regime hat, kann es
sich glücklich schätzen, wenn seine Regierung ihre
Macht zur Förderung wirtschaftlicher Liberalisierung
einsetzt. Die Reihenfolge zuerst Liberalisierung,
dann Demokratisierung ist äußerst sinnvoll für diejenigen, die beide Ziele erreichen wollen.
Erfolgt jedoch zuerst eine Öffnung des politischen
Systems, kann das die Wirtschaftsreformen erschweren.
1989 teilten mir hochrangige sowjetische
Politiker mit, sie hätten einen großen Fehler begangen, als sie Glasnost und die politische Öffnung
vorantrieben, wodurch verschiedene politische Kräfte
freigesetzt wurden, die Fortschritte bei den Wirtschaftsreformen erschwerten. "Wir hätten zuerst die
Macht konzentrieren und die Wirtschaftsreformen
voranbringen und mit der politischen Öffnung warten
sollen", wurde argumentiert. "Wir gingen jedoch in
umgekehrter Reihenfolge vor und haben jetzt nicht
mehr die Autorität, das Erforderliche zu tun."
Eine interessante Debatte über dieses Thema wurde
von den führenden Politikern der kommunistischen
Partei Ungarns Ende der achtziger Jahre geführt. Zu
diesem Zeitpunkt stand Ungarn bereits an vorderster
Front der kommunistischen Länder, die Privatbesitz
und Marktwirtschaft einführten. Die Politiker des
Landes wollten weitere substantielle Fortschritte

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�machen, während sie gleichzeitig die Demokratisierung des Landes einleiteten. Sie räumten ein, daß
diese beiden Prozesse miteinander in Konflikt stehen
könnten. Ein Politiker, Imre Pozsgay, warnte vor
dem Problem der "Anarchie der Arbeiterklasse" und
schlug vor, wichtige demokratische Wahlen bis zum
Jahr 1995 zu verschieben, wenn die erforderlichen
Wirtschaftsreformen umgesetzt worden wären. Ein
anderer Politiker, Bela Kadar, stimmte dem zu: "Im
Idealfall hätten wir zuerst Wirtschaftsreformen und
dann die Demokratie." Er war sich jedoch bewußt,
daß die Wahlen nicht mit dem Argument verschoben
werden können, "der erste notwendige Schritt ist die
Entpolitisierung wirtschaftlicher Entscheidungen". In
einer Nation, die zweifellos mehr erstklassige Ökonomen pro Kopf der Bevölkerung hervorbrachte als
jedes andere Land der Welt empfahl er, die Demokratisierung voranzutreiben, jedoch alle wichtigen
wirtschaftspolitischen Entscheidungen einem Gremium nichtgewählter Technokraten zu überlassen.
Wenn die führenden Politiker eines autoritären
Regimes ihr Land liberalisieren und demokratisieren
wollen, sollten sie zunächst die erforderlichen Wirtschaftsreformen durchführen und dann die Demokratisierung des politischen Systems einleiten. Sollten
die Vertreter eines autoritären Regimes die Wirtschaft und ihre Entwicklung fördern, jedoch das
Land nicht demokratisieren wollen, können sie dies
nur auf Kosten einer Unterminierung ihrer autoritären
Systeme tun.
Im Idealfall würden autoritäre Regierungen somit die
Wirtschaftsreformen vor der Demokratisierung des
Landes durchführen. Im Realfall haben die Politiker
jedoch nicht diese Wahl, wie der Fall Ungarns,
anderer mitteleuropäischer Länder und der Republiken der ehemaligen Sowjetunion zeigte. Da Demokratisierung in institutioneller und politischer Hinsicht
einfacher zu bewerkstelligen ist als eine Liberalisierung, wird sie wahrscheinlich zeitlich nicht hinter
einer Liberalisierung zurückbleiben.
Autoritäre
politische Systeme werden gestürzt, eine demokratische Regierung kommt durch Wahlen an die Macht,
und diese Regierung wird dann mit der Frage
konfrontiert, wie man von einer Kommando- oder
Planwirtschaft zu einer vorwiegend auf marktwirtschaftlichen Grundsätzen basierenden Volkswirtschaft übergehen kann. Das ist jetzt die Herausforderung für die Regierungen Osteuropas und vieler
anderer weniger entwickelter Staaten.
Wie sollten diese neuen demokratischen Regierungen bei der Einführung der erforderlichen Wirtschaftsreformen vorgehen? Sie benötigen unanfechtbare Legitimität durch den Wähler, müssen also
aus eindeutig fairen und freien Wahlen hervorgegangen sein. Vorzugsweise sollten sie in diesen Wah-

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len eine beträchtliche Pluralität oder Mehrheit der
Stimmen erzielt haben. Nach ihrer Amtsübernahme
müssen diese Regierungen umgehend diese Legitimität durch den Wähler nutzen und zügig Wirtschaftsreformen einleiten.
Die Legislative trifft normalerweise nur dann schwierige Entscheidungen, wenn die Exekutive eine starke
Führung übernimmt. Die neuen Demokratien benötigen somit eine starke Exekutive, die diese Führung
bereitstellt, aber nicht so stark ist, daß sie den
demokratischen Prozeß unterminiert. Angesichts der
wirtschaftlichen Härten und des von Reformen
hervorgerufenen Chaos wird sich der Wunsch nach
einem einstweiligen Diktator oder Wirtschaftszar
abzeichnen.
Es erhebt sich generell die Frage, ob Wirtschaftsreformen sofort - als Schockbehandlung - oder über
einen längeren Zeitraum nacheinander eingeführt
werden. Für jede Vorgehensweise gibt es Argumente. Der Hauptbefürworter der Schockbehandlung ist
mein Kollege aus Harvard, Jeffrey Sachs, der die
Regierungen Boliviens, Polens und Rußlands dazu
überredete, diesen Kurs einzuschlagen. Theoretisch
gibt es, wie Adam Przeworski gezeigt hat, Gründe zu
der Annahme, daß diese Strategie eher zu den
gewünschten Ergebnissen führt als der zweite
Ansatz. Er funktionierte in Polen ziemlich gut und
führt in Rußland trotz beträchtlicher Erschütterungen
und Opposition zu Fortschritten. Kurzfristig verursacht die Schocktherapie enorme Kosten, bringt
aber auch die angestrebten Ergebnisse.
Wirtschaftsreformer müssen bereit sein, ein gewisses
Maß an Rückschritt zu akzeptieren und gegenüber
denjenigen bescheidene Zugeständnisse zu machen,
die entweder unter großen wirtschaftlichen Härten
leiden oder über ausreichend politische Macht zur
Behinderung von Reformen verfügen. Ein Vorteil der
umfassenden Schocktherapie ist die Tatsache, daß
sie der Reformregierung eine größere Vielfalt spezifischer Maßnahmen zur Verfügung stellt, bei denen sie
kleine Zugeständnisse machen kann ohne den
wesentlichen Inhalt der Reformen zu beeinträchtigen.
Die führenden Reformer können Opposition verringern, indem sie die Oppositionsführer in den
Reformprozeß einbinden. Es ist vielleicht besser,
Opponenten im eigenen Lager als im gegenüberliegenden zu haben. Hilfe von außen ist für den
Reformprozeß unerläßlich. Externe Ressourcen in
Form von Darlehen, Zuschüssen und Bürgschaften
sind von entscheidender Bedeutung. Noch wichtiger
ist die Tatsache, daß diese Behörden von außerhalb
die erforderliche Disziplin verlangen, indem sie diese
externen Ressourcen an die Bedingung knüpfen, daß
die Regierungen die Wirtschaft stabilisieren, die

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�Ausgaben kürzen, die Preisbindung aufheben und
den Haushalt ausgleichen. Der IWF und die Weltbank sind auf der ganzen Welt genau deswegen
gefürchtet und verhaßt. Ohne die von ihnen verhängte Disziplin wäre jedoch fast keine wirtschaftliche Reformbestrebung von Erfolg gekrönt. Eine
Form der Hilfe von außen ist in manchen Fällen die
Einbindung der zu reformierenden Wirtschaft in eine
größere, marktorientierte Wirtschaft. Das geschieht
bereits in Ostdeutschland, wird sich bald in Mexiko
vollziehen und möglicherweise im kommenden
Jahrzehnt in der Tschechischen Republik, Polen und
Ungarn stattfinden. So schwierig es auch erscheinen mag: Demokratien, selbst neue Demokratien,
können Wirtschaftsreformen herbeiführen.
In den Vereinigten Staaten und andernorts hören wir
viel Kritik an den Politikern. In den Ländern, die
* *

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früher autoritäre Regierungen hatten, haben jedoch
in vielen Fällen die führenden Politiker dieser Regierungen den Demokratisierungsprozeß eingeleitet. In
anderen Fällen, wie Polen und Südafrika, beinhaltete
dieser Prozeß intensive Verhandlungen zwischen
leitenden Regierungs- und Oppositionspolitikern.
Andere politische Führer besaßen den politischen
Mut, ihrem Volk kurzfristig Kosten aufzubürden, um
langfristige Gewinne für ihre Gesellschaften zu
erzielen. Demokratisierung und Wirtschaftsreformen
können nur dann stattfinden, wenn die führenden
Politiker sich dafür entscheiden. Als Folge davon ist
eine Vielzahl von Gesellschaften weltweit von einer
Diktatur zu einer Demokratie übergegangen, von
staatlich kontrollierten zu offenen Volkswirtschaften.
Die Bilanz der letzten Jahrzehnte sollte uns Hoffnung
für die Zukunft geben.

*

*

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