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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

19. Oktober 1994

41

USA-IRAK

WARNUNG DER USA AN DEN IRAK
Rede von Botschafterin Albright

KRIEGSVERBRECHEN

INTERNATIONALES TRIBUNAL FORDERT
AUSLIEFERUNG DES KRIEGSVERBRECHERS
Der Fall Dusan Tadic

LANDMINEN

VERBOT VON LANDMINEN GEFORDERT
Bericht der Vereinten Nationen

FULBRIGHT

AUSTAUSCHPROGRAMME ALS BESTANDTEIL
DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Rede von Botschafterin Hunt

LITERATUR

ANNIE PROULX EIN AMERIKANISCHES ORIGINAL
von Alice Steinbach

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-IRAK
19. Oktober 1994

WARNUNG DER USA AN DEN IRAK
Rede von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, warnte den Irak am 15. Oktober 1994, ihr Land werde "alle angemessenen Maßnahmen
ergreifen", wenn der Irak seine Nachbarn bedroht oder sich weigert, seine Truppen von der irakischkuwaitischen Grenze abzuziehen.
Albright erklärte in ihrer Rede nach der einstimmigen Annahme einer Resolution durch den UN-Sicherheitsrat,
die den Abzug der irakischen Truppen fordert, sie wolle "diesem Rat versichern, daß meine Regierung im
Einklang mit den Resolutionen des Rates und mit Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen alle
angemessenen Maßnahmen ergreifen wird, falls sich der Irak nicht an die Bestimmungen dieser Resolution
hält."
(Artikel 51 betrifft das Recht auf Selbstverteidigung im Fall eines bewaffneten Angriffs.)
Der Sicherheitsrat führte aus, der Irak müsse alle Anfang dieses Monats in den Süden des Landes entsandten
militärischen Einheiten wieder zurück an ihre ursprünglichen Positionen bringen. Ferner darf der Irak diese
Einheiten nicht nochmals im Süden stationieren oder andere Schritte unternehmen, um in der Nähe von Kuwait
seine militärischen Fähigkeiten zu verbessern.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Herr Präsident, wir alle kennen die Warnung Santayanas, wer die Vergangenheit vergißt, ist dazu
verdammt, sie nochmals zu durchleben. Im vergangenen August vor vier Jahren war die Welt
Zeuge einer Reihe erschreckender Ereignisse: In
der irakischen Propaganda und öffentlichen Erklärungen wurde der Irak als Opfer einer internationalen Verschwörung dargestellt, Kuwait und insbesondere die führenden Politiker des Landes
wurden Opfer gehässiger Angriffe, Eliteeinheiten der
republikanischen Garde wurden in Sammelgebieten
an der Grenze zu Kuwait zusammengezogen,
logistische Komponenten dieser Einheiten wurden so
aktiviert, daß man keinen Drill vermutete. Am 2.
August 1990 überschritt die irakische Armee die
Grenze und fiel in Kuwait ein.
Anfang vergangener Woche veröffentlichte der
Revolutionäre Kommandorat des Irak eine kriegerische Erklärung, in der mit einem Ende der Zusammenarbeit mit der Sonderkommission der Vereinten
Nationen gedroht wird und Kuwait sowie die Mit-

AMERIKA DIENST 41

glieder des Sicherheitsrats beschuldigt werden, "so
viele Iraker wie möglich umbringen zu wollen".
Gleichzeitig bewegten sich die irakischen Republikanischen Garden, einschließlich vieler der bereits 1990
eingesetzten Einheiten, auf die kuwaitische Grenze
zu. In der vergangenen Woche wurden diese Einheiten an genau denselben Sammlungspunkten wie
1990 zusammengezogen. Ebenso wie 1990 waren
Munition, Kommunikationseinrichtungen und logistische Unterstützung integraler Bestandteil dieser
Mobilisierung.
Die Wachsamkeit des UN-Sicherheitsrats, effektive
Einsatzbereitschaft der Koalition und allzuoft erlebte
Unzuverlässigkeit des Irak stellten sicher, daß die von
Santayana ausgesprochene Warnung nicht auf diese
Kammer zutrifft: Wir sind entschlossen - und haben
auch dementsprechend gehandelt - sicherzustellen,
daß sich dieses Kapitel der Geschichte nicht wiederholt.

Seite 1

�Die Stationierung irakischer Truppen an der Grenze
zu Kuwait ist ein offenkundiger Versuch des Irak,
den UN-Sicherheitsrat so einzuschüchtern, daß er
über seine Bedingungen für eine Aufhebung des
Erdölembargos verhandelt. Der Sicherheitsrat läßt
sich durch diese Taktik nicht einschüchtern. Eine
solch provokative und dumme Handlung war nicht
notwendig. Wenn Saddam Hussein das unseres
Erachtens Erforderliche getan hätte - eine Befolgung
aller Resolutionen des Sicherheitsrats und Demonstration der "friedlichen Absichten" des Irak - wäre
diese Lockerung der Sanktionen mit der Zeit von
selbst erfolgt. Durch diese Aktion führte der Irak
jedoch selbst Rückschritte herbei. Kann irgend
jemand ernsthaft glauben machen, daß diese
Handlung typisch für eine Nation ist, die ihre friedlichen Absichten demonstrieren möchte? Würde
irgend jemand diese vom Irak gestellten Bedingungen gutheißen, wieder in die Gemeinschaft verantwortungsbewußter Nationen aufgenommen zu
werden?
Die größte Ironie an der Sache ist, daß diese Aktion
von manchen auf die Ungeduld des Irak angesichts
des Leidens seiner Bevölkerung zurückgeführt und
als Wunsch interpretiert wird, sich von dem Würgegriff der Sanktionen zu befreien. Die irakischen
Behörden verfügen jedoch über genug Geld, eine
der weltweit größten Armeen zu unterhalten und
über genug Geld, für miliärische Operationen zu
zahlen, sei es zur Unterdrückung der in den südlichen Sumpfgebieten lebenden Araber oder zur
Bedrohung Kuwaits. Es sollte jetzt allen klargeworden sein, daß die irakische Regierung die Verantwortung für das Leiden ihrer Bevölkerung trägt.
Die irakischen Truppen wurden erneut, wenn auch
auf doppeldeutige Weise, zusammengezogen - auf
eine Art, die stark dem doppelzüngigen Ansatz
ähnelt, den der Irak bei seinen diplomatischen
Antworten an die UNO in den vergangenen vier
Jahren wählte. Trotz der Behauptung, die irakischen
Truppen seien vollständig abgezogen worden, wurde
eine Division der Republikanischen Garde zum nur
eine Stunde von der kuwaitischen Grenze entfernten
Nasariyah verlegt. Wieder einmal scheint der Irak
nichts gelernt und alles vergessen zu haben. Und
Saddam Hussein scheint die Entschlossenheit dieser
Kammer im Zusammenhang mit der Bedrohung
Kuwaits testen zu wollen.
Aus diesem Grund ist die heute von uns angenommene Resolution so entscheidend. Die darin enthaltene Botschaft ist klar. Der Irak muß alle im Süden
des Landes stationierten Einheiten zu ihren ursprünglichen Standorten zurückverlegen. Er darf
keinerlei Aktionen zur Verbesserung seiner militärischen Fähigkeiten im südlichen Irak unternehmen.

Seite 2

Der Irak darf nie erneut sein Militär einsetzen, um
seine Nachbarn oder die UNO-Operationen im Irak zu
bedrohen. Ferner muß er mit der Sonderkommission
der Vereinten Nationen (UNSCOM) zusammenarbeiten. Da die irakische Regierung nicht glaubwürdig ist, muß sie an ihren Taten, nicht an ihren
Worten gemessen werden. Wir können nicht zulassen, daß die Androhung nicht provozierter Aggression
erneute Aggression hervorbringt.
Die Geschichte des Irak unter der Führung Saddam
Husseins ist eine lange Liste gebrochener Verpflichtungen. Hätten wir Saddam irgendwann beim Wort
genommen, er würde die ihm auferlegten Bedingungen einhalten, und in unserer Wachsamkeit nachgelassen, würden wir heute hier vielleicht eine andere
Art von Diskussionen führen, womöglich darüber, wie
eine zweite irakische Invasion in Kuwait verhindert
werden kann. Welches Motiv, Ziel und welchen
Anspruch Saddam auch gehabt haben mag - nur die
internationale politische und militärische Reaktion hat
diese feindliche Aktion im Keim erstickt.
Warum sollte es mehr als vier Jahre nach der irakischen Invasion in Kuwait so schwierig für den Irak
sein, Resolution 833 des Sicherheitsrats zu befolgen
und die kuwaitisch-irakische Grenze anzuerkennen?
Ich möchte Sie daran erinnern, daß der Irak 1991
zusagte, er akzeptiere Resolution 687 des Sicherheitsrats und erkenne die kuwaitischen Grenzen an.
Dennoch weigerte er sich in den vergangenen drei
Jahren konsequent, den Namen "Kuwait" auszusprechen, und bezeichnete das Land immer als "19.
Provinz" des Irak. Die Ereignisse der letzten Woche
lassen wohl keinen Zweifel daran, daß die irakischen
Versprechungen wertlos sind.
Aus diesem Grund überzeugt uns die jüngste Erklärung des Irak nicht, er sei bereit zur Anerkennung
der Souveränität und Grenzen Kuwaits. Wenn diese
Behauptung irgendeinen Wert haben soll, müssen ihr
eindeutige Taten folgen. Der Irak muß die Souveränität, territoriale Integrität und Grenzen Kuwaits auf
dieselbe Art und Weise anerkennen, auf die er der
Annexion Kuwaits Ausdruck verlieh: Mit einer vom
Revolutionären Kommandorat und dem irakischen
Parlament ratifizierten Erklärung, die im nationalen
Amtsblatt veröffentlicht und diesem Sicherheitsrat
offiziell übermittelt wird.
Wir möchten die Tatsachen klarstellen. Sprecher der
irakischen Regierung bemühen sich übereinstimmend, Wahrheit als Lüge und Lüge als Wahrheit zu
definieren. Sie werden keinen Erfolg haben. Wenn
der Irak eine Aufhebung der Sanktionen anstrebt,
kann er das durch die Befolgung der Resolutionen
des Sicherheitsrats erreichen. Wenn die führenden
irakischen Politiker sich Sorgen über das Elend des

AMERIKA DIENST 41

�irakischen Volkes machen, sollten sie sich der
existierenden humanitären Ausnahmeregelungen
bedienen und die Einschüchterungskampagne gegen
die Bevölkerung im Norden und Süden des Landes
einstellen. Sollte die Regierung in Bagdad der
Ansicht sein, unsere Wachsamkeit im Süden bedeute, wir würden militärische Bewegungen im Norden
des Landes nicht beachten, hat sie sich geirrt.
Diese einstimmige Abstimmung sollte eine deutliche
Botschaft sein.
Herr Präsident, der Irak sollte gewarnt sein und
wirklich verstehen, daß er die Unerschütteriichkeit,
Einigkeit und Entschlossenheit dieses Rates und der

internationalen Staatengemeinschaft nicht unterschätzen darf, weiteren Herausforderungen für
Frieden und Sicherheit in Kuwait, in der Region und
der Welt zu begegnen.
Abschließend möchte ich diesem Rat versichern, daß
meine Regierung alle angemessenen Maßnahmen
ergreifen wird, falls der Irak die Bestimmungen dieser
Resolution und die mit allen anderen relevanten
Resolutionen einhergehenden Verpflichtungen nicht
einhält.
Vielen Dank, Herr Präsident.

* * * * *

AMERIKA DIENST 41

Seite 3

�KRIEGSVERBRECHEN
19. Oktober 1994

INTERNATIONALES TRIBUNAL FORDERT
AUSLIEFERUNG DES KRIEGSVERBRECHERS
Der Fall Dusan Tadic
GENF - (AD) - Das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien gab am 14.
Oktober bekannt, daß es bei der Bundesregierung
wahrscheinlich die Auslieferung eines derzeit in der
Bundesrepublik inhaftierten bosnischen Serben
beantragen wird, der Kriegsverbrechen begangen
haben soll.
Bei seiner ersten öffentlichen Anhörung am 4.
November 1994 wird das Tribunal entscheiden, ob
es die Bundesregierung um die Übertragung der
Zuständigkeit an das Tribunal im Falle von Dusan
Tadic ersucht.
Der diesbezügliche Antrag wird einer Pressemitteilung des Internationalen Kriegsverbrechertribunals
vom 14. Oktober 1994 zufolge vom Oberstaatsanwalt des Tribunals, Richter Richard Goldstone,
einer Kammer von drei Richtern vorgelegt.
Der Sprecher des Tribunals Christian Chartier
beschrieb Tadic als den möglicherweise "schlimmsten Fall" des Tribunals. Vorliegende Beweismittel
deuten darauf hin, daß Tadic "tief verstrickt" in die
brutale Kampagne der ethnischen Säuberung von
NichtSerben in der Region Prijedor nach der Besetzung des Gebiets durch die Serben ist, äußerte
Chartier in einem Telefoninterview aus Den Haag,
dem Sitz des Tribunals.
Tadic wurde jeden Tag in den berüchtigten, von den
Serben geführten Lagern in der Nähe von Prijedor
gesehen, und Augenzeugen berichten, sie hätten ihn
bei der Ermordung von mindestens 10 Gefangenen
beobachtet.
Manchmal in militärischer, manchmal in ziviler
Kleidung wurde Tadic dabei beobachtet, wie er
Nichtserben aus ihren Häusern in der Nähe von
Prijedor vertrieb, dem Gebiet, "in dem die ganze
Geschichte der ethnischen Säuberungen erstmals
der Welt vor Augen geführt wurde", so Chartier.
Nach seiner Festnahme im Februar 1994 in München befindet sich Tadic zur Zeit in Deutschland in

AMERIKA DIENST 41

Haft und ist Gegenstand andauernder Ermittlungen
durch die Bundesregierung und das Tribunal.
In seinem Antrag auf Übertragung der Zuständigkeit
an das Tribunal argumentiert der Staatsanwalt, die
Ermittlungen des Tribunals beinhalteten "zusätzliche,
angeblich von Tadic begangene Vergehen, die nicht
Bestandteil der Ermittlungen durch die Bundesregierung sind".
Der Staatsanwalt stellt ferner fest, daß seine eigenen
Ermittlungen "auch Aussagen zahlreicher zusätzlicher
Augenzeugen außerhalb Deutschlands" enthalten und
auf "potentielle Mittäter" verweisen könnten, die nicht
unter die deutsche Gerichtsbarkeit fallen.
Die von Dusan Tadic angeblich begangenen Taten
"wären eine klare Verdeutlichung des Plans für die
weitverbreitete und systematische Verfolgung der
Zivilbevölkerung in der Region (im allgemeinen als
'ethnische Säuberung' bezeichnet)", heißt es in dem
Antrag.
Der Staatsanwalt wird den Vorschlag unterbreiten,
jeder offizielle Antrag auf Übertragung der Zuständigkeit solle beinhalten, daß Deutschland Tadic weiterhin
in vorläufigem Gewahrsam hält", bis das Tribunal
einen Haftbefehl ausgestellt hat.
Wenn das Tribunal einen Haftbefehl für Tadic ausstellt, würde er in einen besonderen Zellentrakt des
Tribunals überstellt, der zur Zeit in einem holländischen Gefängnis eingerichtet wird. Chartier zufolge
können in dem Zellentrakt bis zu 25 Personen
gleichzeitig untergebracht werden.
Auf die Frage, wann der Prozeßtermin anberaumt sei,
erklärte Chartier, eine solche Vorhersage sei unmöglich. Er erläuterte, die andauernden Ermittlungen
gegen Tadic seien voraussichtlich langwierig und
gründlich, weil sie eine der brutalsten Episoden der
ethnischen Säuberungen zum Inhalt hätten und weil
andere Kriegsverbrecher von den Ergebnissen
betroffen sein könnten.

Seite 1

�Zusätzlich zu Deutschland sind in weiteren drei
Ländern - der Schweiz, Österreich und Dänemark vermeintliche Kriegsverbrecher in Haft, fügte Chartier
hinzu. Das Tribunal hat die Entscheidung getroffen,
einen derzeit vor einem dänischen Gericht verhandelten Fall nicht zu übernehmen, weil der Verdäch-

tigte nicht Gegenstand andauernder oder voraussichtlicher Ermittlungen des Tribunals ist.
Der Staatsanwalt hat noch keine Stellungnahme im
Hinblick auf die Fälle in Österreich und der Schweiz
vorgenommen.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 41

�LANDMINEN
19. Oktober 1994

VERBOT VON LANDMINEN GEFORDERT
Bericht der Vereinten Nationen
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Der einzige Weg,
der zerstörerischen Kraft von über 110 Millionen, in
mehr als 64 Ländern verteilten, nicht explodierten
Landminen Einhalt zu gebieten, ist den Vereinten
Nationen zufolge ein Verbot dieser tödlichen Waffen.
In einem Anfang Oktober der UN-Generalversammlung vorgelegten Bericht wird festgestellt, "Landminen sind womöglich eine der am stärksten verbreiteten, tödlichsten, dauerhaftesten Arten von
Zerstörung, mit denen wir je konfrontiert wurden, und
wir kämpfen derzeit vergeblich um einen Schutz
unschuldiger Zivilisten vor ihren Auswirkungen".
"Selbst bei einer bedeutenden Verstärkung der
Bestrebungen zu ihrer Entschärfung und vorhersagbarer technologischer Fortschritte wird es unmöglich sein, das globale Problem der Landminen
zu lösen, wenn ihre Weiterverbreitung nicht gestoppt
wird", so der Bericht. "Die beste und effektivste
Methode hierzu ist das vollständige Verbot von
Herstellung, Einsatz und Verlegung aller Landminen.
Die Mitgliedstaaten werden gebeten, die Verhängung
eines solchen Verbots als dringliche Angelegenheit
zu erörtern."
Im vergangenen Jahr forderte die UN-Generalversammlung ein Moratorium für den Export von gegen
lebende Ziele gerichteten Landminen. Ferner bat sie
UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali, einen
Bericht über diese Initiative vorzulegen und andere
Maßnahmen zu empfehlen, die zur Exportbeschränkung dieser Waffen ergriffen werden könnten.
Die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den
Vereinten Nationen, Madeleine Albright, legte bei der
49. Generalversammlung die amerikanischen Prioritäten dar und erklärte: "Wir werden ein multilaterales Regime zur Kontrolle der Weiterverbreitung von
gegen lebende Ziele gerichteten Landminen fordern
sowie ein Moratorium über den Export dieser kostengünstigen aber tödlichen Waffen."

AMERIKA DIENST 41

Die Generalversammlung soll sich ab dem 25.
Oktober 1994 mit diesem Thema befassen.
Von allen Folgen eines Konflikts stellen Landminen
den Vereinten Nationen zufolge die am stärksten
verbreitete und bösartigste Gefahr dar. Zusätzlich zu
den schätzungsweise 110 Millionen bereits existierenden Minen werden jedes Jahr zwischen zwei und fünf
Millionen weiterer Landminen verlegt.
Die Minen haben noch lange Zeit nach Beendigung
des Konflikts tödliche Wirkung. Sie zielen darauf ab,
zu töten, zu verletzen, bewegungsunfähig zu machen,
in Kriegszeiten die Saat der Unsicherheit und des
Chaos zu säen und erfüllen ihre tödliche Mission so
lange, bis sie gefunden und entschärft werden. Sie

machen keinen Unterschied zwischen Soldaten und
Zivilisten, zwischen Panzern oder Traktoren, so der
Bericht der Vereinten Nationen.
Dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes
zufolge werden jeden Monat mehr als 800 Menschen
von Landminen getötet und Tausende weiterer
verstümmelt.
Landminen fordern nicht nur von den betroffenen
Staaten, sondern von der gesamten internationalen
Staatengemeinschaft einen enormen Tribut. Eine
Landmine, die ihrem Verkäufer drei Dollar einbringt,
verursacht der internationalen Staatengemeinschaft
Kosten zwischen 300 und 1.000 Dollar jährlich. Allein
die Entschärfung der derzeit 110 Millionen weltweit
vergrabenen Landminen würde ungefähr 33 Milliarden Dollar kosten.
1993 stellte die internationale Staatengemeinschaft
ungefähr 70 Millionen Dollar zur Entschärfung von
ungefähr 100.000 Landminen zur Verfügung. Während desselben Zeitraums wurden jedoch ungefähr
zwei Millionen neuer Minen verlegt, wodurch die
internationale Staatengemeinschaft jährlich ein
"Entschärfungsdefizit" sowie 1,4 Milliarden Dollar
weiterer Kosten hat.

Seite 1

�Schätzungen von Experten zufolge werden ungefähr
40 bis 50 Jahre benötigt, um die Minen zu beseitigen.
Dem Bericht der Vereinten Nationen zufolge enthalten diese Kosten nicht die Programme zur Behandlung von Minenopfern.
Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge verursacht jedes überlebende Opfer von Landminen
während seines Lebens Kosten von nahezu 3.000
Dollar für chirurgische Eingriffe und Prothesen unter
Einsatz von örtlich ausgebildetem Personal. Zur Zeit
beläuft sich die Zahl amputierter Minenopfer auf
ungefähr 250.000. Medizinische Versorgung und
weitere Unterstützung der Opfer könnten die internationale Staatengemeinschaft derzeit weitere 750
Millionen Dollar kosten, und es wird erwartet, daß
sich die Zahl der Opfer monatlich um ungefähr 800
erhöht.
"Dieses riesige humanitäre Problem", so der Bericht,
"kann nur durch die Einrichtung eines wirksamen
Kontrollregimes gelöst werden, das Produktion,
Einsatz und Verlegung aller Landminen strenge Beschränkungen auferlegt."
Der Bericht empfiehlt femer die Ausweitung des
Entschärfungsprogramms der Vereinten Nationen,
großzügige Finanzierung eines freiwilligen Treuhandfonds für Maßnahmen zur Beseitigung von Landminen und Hilfe für einzelne Länder bei der Entwicklung ihrer eigenen Minenräumprogramme.
1992 stellten die Vereinigten Staaten ein unilaterales
Moratorium für den Export von Minen auf. Die
Produktion in den Vereinigten Staaten ist jedoch
geringfügig. Trotz des internationalen Vertrags von
1980 über die Beschränkung des Einsatzes von
Landminen werden diese von 35 Ländern hergestellt

*

Seite 2

*

und exportiert. Führend sind dem Bericht zufolge
China, Rußland und Italien.
"Natürlich bin ich mir bewußt, daß ein einseitiges
Exportmoratorium einer Nation keine Lösung ist",
äußerte Senator Patrick Leahy 1993 vor der Generalversammlung. "Ziel des amerikanischen Moratoriums ist es, als Katalysator konzertierter internationaler Aktionen zur Beendigung dieses sinnlosen Gemetzels an Unschuldigen zu dienen."
Folgende Länder sind am stärksten von dem Problem
der Landminen betroffen: Afghanistan mit 9 bis 10
Millionen Minen, Angola mit 9 bis 15 Millionen, Irak
mit 5 bis 10 Millionen, Kuwait mit 5 Millionen, Kambodscha mit 8 bis 10 Millionen, westliche Sahara mit
1 bis 2 Millionen, Mosambik mit 1 bis 2 Millionen und
Somalia, Bosnien-Herzegowina und Kroatien mit je
einer Million.
Weitere betroffene Länder sind Armenien, Aserbaidschan, Kolumbien, El Salvador, Äthiopien, Georgien,
Guatemala, Honduras, Iran, Laos, Liberia, Myanmar,
Nicaragua, Peru, Ruanda, Sudan, Uganda, Vietnam
und Jemen. Australien und die Antarktis sind vielleicht die einzigen Länder ohne Minenfelder.
Die Konvention von 1980 über "Verbote oder Beschränkungen beim Einsatz bestimmter konventioneller Waffen mit außergewöhnlich verletzenden oder
wahllosen Auswirkungen" und ein damit in Verbindung stehendes Protokoll über den Einsatz von
Minen, versteckten Sprengladungen und anderer
Vorrichtungen traten im Dezember 1983 in Kraft. Sie
verbieten den Einsatz von Landminen gegen Zivilisten, den Abwurf von Minen durch Flugzeuge, falls
über die Abwurfstellen nicht Buch geführt wird und
fordern, daß über jegliche Verlegung von Minen
Protokoll geführt wird. Die Verträge wurden jedoch
nur von 36 Nationen ratifiziert.

*

*

AMERIKA DIENST 41

�FULBRIGHT
19. Oktober 1994

AUSTAUSCHPROGRAMME ALS BESTANDTEIL
DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Rede von Botschafterin Hunt
WIEN - (AD) - In einer Rede vor der Fulbright Alumni Association erklärte die Botschafterin der Vereinigten
Staaten in Österreich, Swanee Hunt, Austauschprogramme auf den Gebieten Bildung und Kultur seien ein
ernsthaftes Anliegen und wichtiger Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik.
"Vieles hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges verändert. Die Ost und West trennende Mauer ist gefallen.
Anstelle von neuen Mauern zwischen den Nationen bauen wir Brücken, deren Seile und Stahlträger
Austauschprogramme wie das Fulbright-Programm sind."
Hunt zufolge können wir es uns "nicht länger leisten, Innen- und Außenpolitik voneinander zu trennen. Sie sind
die beiden Pfeiler, die diese Brücken tragen." Die Botschafterin ging anschließend auf viele Aspekte der Innenund Außenpolitik Präsident Clintons ein und beschrieb ihre Auswirkungen auf die amerikanisch-europäische
Partnerschaft.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Botschafterin Hunt.

Es ist mir eine Ehre, heute vor solch einer Gruppe
renommierter Intellektueller sprechen zu dürfen.
Das erinnert mich daran, was John F. Kennedy
einmal bei einem Abendessen im Weißen Haus zu
Ehren mehrerer Nobelpreisträger äußerte: "Meines
Erachtens handelt es sich heute um die außergewöhnlichste Vereinigung von Talent und menschlichem Wissen im Weißen Haus, vielleicht mit
Ausnahme der Zeit, als Thomas Jefferson hier allein
sein Abendessen einnahm."
Diese außergewöhnliche Ansammlung von Talent
und menschlichem Wissen heute abend ist durch ein
Band verknüpft - das Fulbright-Programm. Dieses
Austauschprogramm existiert seit nahezu 50 Jahren.
Es bestand während des gesamten Kalten Kriegs.
Seit dem Ende des Kalten Kriegs hat sich viel
verändert.
Fulbright-Stipendiaten kommen aus
vielen neuen Ländern und gehen in viele neue
Länder. In zahlreichen Staaten ist jegliche Art von
Austausch viel freier geworden.
Immer mehr Fulbright-Stipendiaten kommen in die
Vereinigten Staaten, um dort zu lehren und zu
lernen. Ich hoffe, daß Sie das Beste mit zurück
nach Hause nehmen, das Amerika zu bieten hat.

AMERIKA DIENST 41

Einige Dinge sollten sie jedoch besser zurücklassen.
Erinnern Sie sich an Henry Kissingers Beschreibung
der Fakultätsstreitigkeiten auf dem Campus? Die
Kämpfe sind so intensiv - weil so wenig auf dem
Spiel steht.
Ich sollte es wissen. Ich bin seit 10 Monaten Botschafterin und war 20 Jahre lang an der Universität.
Ich muß darauf hinweisen, daß diejenigen, die aufs
College gehen und es nie verlassen, als Professoren
bezeichnet werden. Aber Sie sind mehr als Professoren. Sie sind Fulbright-Wissenschaftler. Und Sie
wissen, wie die Definition von Wissenschaft lautet:
Der Versuch, ein Thema erschöpfend zu behandeln,
indem zuerst der Leser zur Erschöpfung getrieben
wird.
Ich hoffe, Sie heute abend nicht zur Erschöpfung zu
treiben - zumindest nicht mit weiteren Anekdoten.
Austauschprogramme in den Bereichen Bildung und
Kultur - wie das Fulbright-Programm - sind ein
ernsthaftes Anliegen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik. Während neue
Technologien wie Satellitenfernsehen und weltweite
Computernetze die entferntesten Teile der Erde
erreichen, wird Kommunikation ein unerläßliches
Element der nationalen Sicherheit. Das US-Informa-

Seite 1

�tionsamt (United States Information Agency - USIA),
das für die Verwaltung des Fulbright-Programms
verantwortlich ist, bezeichnet das als "Öffentlichkeitsarbeit".
Beim Fulbright-Programm geht es um kulturübergreifende Kommunikation. Selbst die alten Römer
kannten ihren Wert. Der Schriftsteller Quintilian
erklärte: "Es ist wichtig, nicht nur verstanden zu
werden, sondern auch nicht mißverstanden zu
werden." Das war nie wichtiger als heute. Aber es
birgt auch Schwierigkeiten.
Beispielsweise verfügen die Vereinten Nationen
angeblich über Computer, die Übersetzungen von
einer Sprache in eine andere anfertigen können.
Wenn die übersetzten Passagen wieder in die
Originalsprache zurückübersetzt werden, kämen im
Idealfall die ursprünglichen Worte heraus. Sprache
ist jedoch nicht wie Mathematik. Man ließ einen
Computer einen gängigen englischen Satz ins
Russische und wieder zurück ins Englische übersetzen. Eingegeben wurde: "Aus den Augen, aus
dem Sinn." Die Rückübersetzung lautete: "Unsichtbarer Wahnsinn."
Man könnte den Kalten Krieg als unsichtbaren
Wahnsinn bezeichnen, aber wir verloren ihn zweifellos niemals aus den Augen, aus dem Sinn. Vieles
hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges verändert. Die Ost und West trennende Mauer ist
gefallen. Anstelle von neuen Mauern zwischen den
Nationen bauen wir Brücken, deren Seile und
Stahlträger Austauschprogramme wie das FulbrightProgramm sind.
Wir können es uns auch nicht länger leisten, Innenund Außenpolitik voneinander zu trennen. Sie sind
die beiden Pfeiler, die diese Brücken tragen. Am
heutigen Abend möchte ich Ihnen zuerst eine Idee
von den innenpolitischen Herausforderungen der
Clinton-Administration vermitteln und mich danach
der Außenpolitik widmen.
Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen. Nicht
weit von mir entfernt, in Denver, lebt ein kleiner
Junge namens Joey. Er ist sieben Jahre und ein
kluges Kind, mußte aber in der Schule bereits eine
Klasse wiederholen. Er ist hyperaktiv - ein Problem
der Disziplin - und kann sich anscheinend nicht
konzentrieren. Vielleicht liegt es an seinem Leben
zu Hause. Er hat eigentlich gar keins. Er hat zu
Hause keinen Vater und weiß überhaupt nicht, wer
sein Vater ist. Seine Mutter, die gerade erst 20
geworden ist, weiß ebenfalls nicht, wer sein Vater
ist. Sie war 13 Jahre als, als Joey geboren wurde.

Seite 2

Joey lebt mit seiner Mutter, seiner Großmutter,
seinem kleinen Bruder und ständig wechselnden
Besuchern. Sie sind von staatlicher Hilfe abhängig.
Sie haben kaum genug Geld zum Leben, und obwohl
Joey noch so jung ist, mußte er bereits feststellen,
daß die wohlhabendsten Menschen in seiner Nachbarschaft die Drogenhändler sind.
In Joeys Zuhause spielt Bildung keine Rolle. Es gibt
dort keine Bücher, vielleicht weil seine Mutter Analphabetin ist. Joey hätte an einem staatlichen
Programm teilnehmen können, das Kinder auf die
Schule vorbereitet, aber das Geld der Bundesregierung reichte einfach nicht aus, um ihn mit einzubeziehen. Das ist vielleicht die größte Tragödie. Wenn
in Joey nicht bald ein Interesse an Bildung geweckt
wird, wird er nie etwas lernen - und wahrscheinlich
den Rest seines Lebens in Armut verbringen.
Joeys Geschichte ist typisch für die Tragödien, die
einen Teil der amerikanischen Gesellschaft zerstören.
Derzeit leben 25 Prozent der amerikanischen Kinder
in Armut.
Die Clinton-Administration arbeitet Tag und Nacht,
um Menschen wie Joey aus dieser Hoffnungslosigkeit
und Hilflosigkeit herauszuhelfen. Wir tun das auf
unterschiedliche Weise, indem wir die Wirtschaft auf
eine solide Grundlage stellen: Steuererhöhungen für
den reichsten Prozentsatz der Bevölkerung, Umlenkung der staatlichen Ausgaben, Abbau des
Haushaltsdefizits. Dies war ein notwendiger erster
Schritt. Ohne eine gesunde, wachsende Wirtschaft,
die gute Arbeitsplätze bereitstellt, sind andere Reformen nicht möglich.
Die Administration bekämpft auch direkt die Art von
sozialen Problemen, für die der Fall Joey stellvertretend ist. Wir wissen, daß Bildung und Ausbildung
die Schlüssel zu unserer Zukunft sind. Eine der
ersten Handlungen der Administration bestand in der
Verlängerung der Finanzierung des schulischen
Vorbereitungsprogramms, das auch Joey hätte helfen
können. Wir müssen den Teufelskreis der Armut
durchbrechen, die Wurzeln des Übels bekämpfen, die
Gesundheitsfürsorge ausweiten und unsere Menschen auf die Arbeitsplätze der Zukunft vorbereiten.
Wir haben einen dramatischen und erfolgreichen
Anfang gemacht. Ein Dutzend verschiedener Initiativen sind vom Kongreß gebilligt worden und
haben Gesetzeskraft erlangt. Präsident Clinton
steuert die Vereinigten Staaten in die richtige Richtung, um auch für die Zukunft Wohlstand und die
weltweite Führungsrolle unseres Landes sicherzustellen.

AMERIKA DIENST 41

^
t

�Was haben innenpolitische Reformen mit weltweiter
Führungsrolle zu tun? Sehr viel. Die Vereinigten
Staaten können nicht im Ausland stark sein, wenn
sie nicht im Inland stark sind. Es stimmt, daß der
Präsident innenpolitischen Angelegenheiten enorme
Energie und Aufmerksamkeit widmet. Wahr ist aber
auch, daß er die Außenpolitik nicht vernachlässigt.

beträchtlich erhöht. Die Wirtschaftsreformen mit
Schwerpunkt auf der Privatisierung werden schnell
vorangetrieben. Wir unterhalten neue Beziehungen
zu einem demokratischen, nicht feindlich gesinnten
Rußland. Anstatt ärgerlich mit dem Schuh auf den
Tisch zu hauen, klopfen wir uns freundschaftlich auf
den Rücken.

Nun zum zweiten Pfeiler unserer Brücke, der Außenpolitik. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich
unsere Politik gegenüber Europa auf die amerikanisch-russischen Beziehungen, nukleare Sicherheit,
Toleranz zwischen den Rassen, freien Handel und
die Partnerschaft für den Frieden konzentriert. Ich
möchte heute abend kurz auf jeden dieser Punkte
eingehen.

Die Präsidenten Jelzin und Clinton haben auf ihrem
jüngsten Treffen viele Fragen erörtert. In diesem Teil
Europas haben wir ein besonderes Anliegen: Die
Kontrolle über die Atomwaffen der ehemaligen
Sowjetunion, ihre Bestandteile und Materialien. Die
Presseberichte über das Auftauchen kleiner Mengen
atomwaffenfähigen Materials auf dem europäischen
Schwarzmarkt waren äußerst alarmierend. Noch
schlimmer ist, daß einige taktische Nuklearwaffen so
klein sind, daß sie im Kofferraum eines Wagens
untergebracht werden können.

Die Unterstützung der Reformen in Rußland ist
Präsident Clintons oberstes außenpolitisches Ziel.
Er ist gerade zum fünften Mal innerhalb von zwei
Jahren mit Präsident Jelzin zusammengetroffen.
Diese Treffen haben bereits so oft stattgefunden,
daß sie Routine zu sein scheinen.
Was für ein Kontrast zu den amerikanisch-russischen Gipfeltreffen aus der Zeit des Kalten Krieges,
von denen viele hier in unserer Residenz in Hiezing
stattfanden. (Es waren hochdramatische Veranstaltungen). Die Welt hing bei jeder Äußerung an
unseren Lippen. Es schien um Leben und Tod zu
gehen, und das war in der Tat so. All das ist jetzt
anders. Die beiden Präsidenten sprechen jetzt nicht
über die Vermeidung von Krieg, sondern über den
Aufbau einer besseren Zukunft. Man muß sich an
diesen Wandel erst einmal gewöhnen. Schließlich
haben wir den Großteil unseres Lebens mit der
Angst gelebt, die gesamte Menschheit könnte durch
einen Knopfdruck ausgelöscht werden.

r

Während des Kalten Krieges war das Kernstück der
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen die "Risikoverringerung". Wir glaubten den Worten Andrei
Sacharows, der äußerte: "Die Verringerung des
Risikos der Vernichtung der Menschheit durch einen
Atomkrieg hat absolute Priorität."
Die sicherheitspolitische Situation ist jetzt vollkommen verändert. Die Vereinigten Staaten reduzieren
beschleunigt ihr Nuklearwaffenarsenal. Halten Sie
sich das vor Augen. In den letzten Jahren haben wir
die Anzahl nuklearer Gefechtsköpfe um die Hälfte
reduziert, das gesamte Atomwaffenarsenal um
ungefähr 60 Prozent und die Zahl unserer nichtstrategischen Atomwaffen um nahezu 90 Prozent.
Rußland hat ebenfalls enorme Fortschritte gemacht.
Seit der Belagerung des russischen Weißen Hauses
vor einem Jahr hat sich die politische Stabilität

AMERIKA DIENST 41

Die Herausforderung ist enorm. Rußland besitzt ein
großes und vielfältiges Atomwaffenarsenal, das auf
über 100 Orte in der gesamten Sowjetunion verteilt
ist. Viele dieser Waffen haben veraltete Sicherheitsvorrichtungen. Sie müssen schnell zerlegt werden.
Der Rest muß sicher gelagert werden.
Unter der Führung Präsident Clintons haben wir
bereits mehrere Programme ins Leben gerufen, um
die Kontrolle über diese Materialien zu verbessern.
Unsere beiden Länder werden schon bald Informationen austauschen und die Atomwaffenlager des
jeweils anderen Landes besuchen. Vor wenigen
Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.
Dasselbe gilt auch für die Ereignisse vor einem
Monat in Totskoye, im entlegendsten Teil Rußlands.
Amerikanische Truppen hielten ein gemeinsames
Manöver mit russischen Streitkräften ab. Das Manöver fand auf demselben Übungsplatz statt, auf dem
die Sowjets in den fünfziger Jahren überirdische
Atomtests durchführten. Die Streitkräfte hatten sich
früher am Fulda Gap, der innerdeutschen Grenze
gegenübergestanden. Damals hielten sie Manöver
ab, um im Kriegsfall gegeneinander zu kämpfen.
Jetzt üben sie, um sich gemeinsam für den Frieden
einsetzen zu können.
Das alles ist sehr ermutigend. Wir dürfen jedoch
nicht vergessen, daß das Ende des Kalten Krieges
nicht alles verändert hat. Auf diesem Kontinent
finden noch Kämpfe statt, nicht länger zwischen
Totalitarismus und Demokratie, sondern zwischen
Integration, Toleranz und Einbeziehung einerseits und
Zersplitterung, Intoleranz und Ausgrenzung andererseits.
Europas langfristige sicherheitspolitische
Herausforderungen entstehen jetzt ebenso aus

Seite 3

�internem ethnischem Haß wie aus externer militärischer Aggression.
Ethnischer Haß trägt in vielen Ländern zu innenpolitischer Instabilität bei. Die Angst vor Ausländern ist
im Innersten der Menschen verwurzelt. Sie hat Einwanderung zu einem Wahlkampfthema werden
lassen.
Das ist verständlich. Wenn die Welt wie ein Schiff
ist, drohen Bewegungen von Menschenmassen, es
zum Kentern zu bringen. 125 Millionen Menschen jeder fünfte Mensch auf der Erde - haben ihr Heim
entweder als Flüchtling oder als Migrant verlassen.
Ein plötzlicher Anstieg der Flüchtlingszahlen kann
Nachbarländer überwältigen, wie es bei den nach
Zaire fliehenden Ruandern der Fall war. Ein stetiger
Flüchtlingsstrom kann Ressentiments hervorrufen,
wie gegenüber den Ausländern in Deutschland. Die
neue Weltordnung droht zu einer Weltunordnung zu
werden - einem chaotischen Fluß desorientierter
Migranten.
Nationalismus, ethnischer Haß und Intoleranz sind
mächtige, gefährliche Kräfte. Sie verursachen den
größten Ausbruch von Gewalt und Blutvergießen in
Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wir
können es uns nicht leisten, dem untätig zuzuschauen. Wenn diese Gewalt nicht eingedämmt wird,
könnte sie sich verbreiten. Die Tragödie in Bosnien
könnte der Vorläufer einer neuen, schreckenerregenden Ära sein, die von Massenmigration, Fremdenfeindlichkeit und wirtschaftlicher Erschütterung
gekennzeichnet ist.
Wir sollten die von Nelson Mandela vor einigen
Tagen bei den Vereinten Nationen geäußerten
Worte im Gedächtnis behalten: "Bei allem, was wir
tun ... müssen wir sicherstellen, daß Hautfarbe,
Rasse und Geschlecht nur ein Geschenk Gottes an
jeden einzelnen darstellen und nicht ein unauslöschliches Zeichen oder Merkmal, das einem Menschen
einen besonderen Status verleiht. Wir müssen auf
den Tag hinarbeiten, an dem ... wir einander als
gleichberechtigte menschliche Wesen sehen und
behandeln und als Teil einer Nation, die durch ihre
Vielfalt geeint, statt zerrissen wird.
Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat uns
gelehrt, daß wir frühzeitig handeln müssen, um
Konflikte einzudämmen, die andernfalls außer
Kontrolle geraten könnten. Europa hat in diesem
Jahrhundert zweimal solche Konflikte erlebt - und die
Vereinigten Staaten waren zweimal darin verwickelt.
Wir haben daraus eine Lektion gelernt: Daß wir uns
nicht aus Europa zurückziehen können. Der Preis
war zu hoch. Wir beschlossen vielmehr, beteiligt zu
bleiben und am Wiederaufbau Europas teilzuneh-

Seite 4

men. Zwischen 1948 und 1953 erhielt allein Österreich durch den Marshallplan 962 Millionen Dollar gemessen am heutigen Geldwert nahezu 50 Milliarden Schilling. Das Geld war gut angelegt.
Zu Hause habe ich die Videoserie von Hugo Portisch
über die zweite österreichische Republik. Die Bilder
von Wien im Jahr 1945 haben mich stark bewegt:
Die Stadt lag in Schutt und Asche, die Menschen
zogen in Scharen zum Fluß, um Wasser zu holen
und drängten sich um die Lebensmittelausgaben.
Wieviel hat sich hier in kurzer Zeit verändert! Ein
Freund erzählte mir, wie er in einem Restaurant
seinen Ausweis vorlegen mußte, nur um ein Messer
und eine Gabel zu bekommen. Jetzt zückt man
einfach die Kreditkarte - und leidet nur, wenn man die
monatliche Abrechnung erhält.
Österreich steht für die Art von Wohlstand, Stabilität
und Demokratie, die wir im gesamten ehemaligen
Ostblock anstreben. Zur Erreichung dieses Ziels
müssen wir mehr anbieten als nur Ratschläge und
Hilfe. Wir müssen auch die Hindernisse für aus
diesen Ländern stammende Waren und Dienstleistungen abbauen.
Ich weiß, daß das erschreckend klingt. Farmer und
Landwirte in den Vereinigten Staaten hatten aus
demselben Grund große Vorbehalte gegen das
Nordamerikanische Freihandelsabkommen. Es ist
jedoch sinnvoll. Nur Handel, nicht Hilfe kann die
Einführung von Demokratie und Marktwirtschaft in
diesen Staaten sicherstellen.
Wir müssen jedoch nicht nur unsere Handelsbeziehungen neu überdenken, sondern auch die Bedeutung der europäischen Sicherheit neu definieren. Es
ist an der Zeit, "die neue europäische Sicherheitsarchitektur" auf einer festen Grundlage der Zusammenarbeit und Integration zu bauen. Zu diesem
Zweck gestalten wir die NATO, das erfolgreichste
politische und militärische Bündnis der Geschichte,
um. Unter der Führung Präsident Clintons hat die
NATO die Partnerschaft für den Frieden geschaffen.
Bob Hunter, der Botschafter der Vereinigten Staaten
bei der NATO, erzählt davon, wie die Partnerschaft
für den Frieden erfunden wurde - am Tisch seiner
Residenz in Brüssel während eines Wochenendseminars vorfast 13 Monaten. Viele Menschen mußten
harte Arbeit leisten, um die Partnerschaft für den
Frieden ins Leben zu rufen. Aber halten Sie sich vor
Augen, wie weit sie bereits gediehen ist. Nahezu ein
Jahr nach diesem Wochenendseminar trafen viele
dieser Menschen im polnischen Poznan zu einer
"Cooperative Bridge" genannten Übung zusammen.
900 Soldaten aus 13 Ländern nahmen daran teil. Sie

AMERIKA DIENST 41

�schienen der Routine des Soldatenlebens zu folgen,
aber sie machten in Wirklichkeit Geschichte.
Die Partnerschaft für den Frieden funktioniert.
Mehrere Länder, die bereits Mitglieder der Partnerschaft geworden sind, möchten jetzt vollwertige
Mitglieder der NATO werden. Und das wird auch
wahrscheinlich geschehen. Wie Präsident Clinton im
Sommer in Warschau äußerte, ist es eine Frage des
Wann und Wie, nicht ob die NATO neue Staaten
aufnimmt.

Die europäisch-amerikanische Partnerschaft besteht
jedoch aus mehr als nur der Partnerschaft für den
Frieden. Wir haben ein reiches gemeinsames Erbe
an Menschen, Ideen und Kultur. Wir haben in den
letzten 50 Jahren zusammen viel erreicht. Es bleibt
jedoch noch viel zu tun, und zahlreiche Herausforderungen liegen vor uns.
Die Welt ist zu klein, Europa und Amerika sind zu
eng verbunden, als daß wir uns jetzt voneinander
abwenden könnten. Unsere Länder sind durch
zahllose Brücken miteinander verbunden. Das
Zeitalter der Mauern gehört der Vergangenheit an.

* * *

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Seite 5

�LITERATUR
19. Oktober 1994

ANNIE PROULX - EIN AMERIKANISCHES ORIGINAL
von Alice Steinbach
BALTIMORE - (AD) - E. Annie Proulx, eine bescheidene Schriftstellerin mittleren Alters, Gewinnerin
verschiedener Literaturpreise, einschließlich des Pulitzerpreises und des PEN/Faulkner Awards, wird als
einzigartige literarische Stimme gewürdigt, die "die Wahrheit über die menschliche Seele" sagt.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Baltimore Sun. Copyright (c) 1994
The Baltimore Sun Company.
Alice Steinbach ist als Journalistin bei The Sun tätig

Die Schriftstellerin E. Annie Proulx, die im vergangenen Jahr fast jeden großen Literaturpreis gewann,
wurde gerade gefragt, wie man sich als literarisches
Gegenstück der Popsängerin Whitney Houston fühle.

Namen haßt sie) Proulx, die allein in der kleinen,
ländlichen Stadt Vermont in Vershire lebt.
"Es hat mein altes, ruhiges Leben völlig durcheinandergebracht", sagt sie über die mit ihrer neuen

"Du liebe Güte!", ruft sie und bricht angesichts der

Berühmtheit einhergehende Publicity.

bloßen Vorstellung einer solch seltsamen Verbindung in Gelächter aus. Aber trotz ihres Amüsements versteht Annie Proulx den Vergleich zwischen
ihrer Person und der Sängerin, die für ihren Song "I
Will Always Love You" zahlreiche Auszeichnungen
erhielt.

Stille gewöhnt, an ununterbrochene und stetige
Versunkenheit in die Arbeit und an sehr konzentriertes Arbeiten." Sie macht eine Pause und stößt
einen kleinen Seufzer aus. "Es ist schrecklich, aber
es hört nicht auf, und daher muß ich lernen, damit zu
leben."

Sie versteht ihn aus folgendem Grund. Während nur
eines Jahres gewann Proulx fünf große Preise,
einschließlich des Pulitzerpreises 1994 für Literatur,
für zwei Romane - im übrigen die einzigen Romane,
die sie geschrieben hat.

Aber die Frau, die auf die Nachricht, ihr werde der
Pulitzerpreis verliehen, mit der Aussage reagierte, sie
müsse ihre Teppiche saugen, es sei eine staubige
Jahreszeit, räumt ein, sie sei nicht allzu traurig über
die Ereignisse, die ihr Leben veränderten. Lächelnd
stellt sie fest: "Es gefällt einem natürlich nicht, daß
man bei der Arbeit unterbrochen wird, aber gleichzeitig ist man sehr froh. Und es macht auch großenteils
viel Spaß. Es macht einfach Spaß."

Das ist keine schlechte Leistung für eine Frau, deren
erster Roman, Postcards, 1991 erschien, als die
Autorin 56 Jahre alt wurde. Für Postcards wurde
ihr der PEN/Faulkner Award verliehen - als erster
Frau, die jemals diesen begehrten Preis erhielt. Ihr
zweiter, 1993 veröffentlichter Roman, The Shipping
News, brachte ihr den Pulitzerpreis für Literatur, den
National Book Award und den Heartland Prize der
Chicago Tribüne ein sowie den internationalen
Literaturpreis der Irish Times.
Was für ein gutes Jahr das war. Und was für ein
einschneidendes Jahr im Leben von Annie (vergessen Sie das E. - es steht für Edna, und diesen

AMERIKA DIENST 41

"Ich bin an

Unerwartete Äußerungen - so ist Annie Proulx. Es
macht also einfach Spaß. Das kommt unerwartet,
weil ihre Romane, besonders Postcards, etwas
Existentialistisches haben. In dem Buch zeigt beispielsweise die Hauptfigur, Loyal Blood, eine Einstellung zum Leben, die Proulx' eigene Ansichten
widerzuspiegeln scheint: "Das Leben verstümmelt
uns auf verschiedene Weise", erklärt Blood, "aber
meiner Ansicht nach holt es jeden ein. Es holt einen
immer wieder ein, und eines Tages gewinnt es."

Seite 1

�Während ihres jüngsten Besuchs in Washington
zeigte Proulx kaum ihre melancholische Seite. Sie
lacht - was sie häufig tut - auf die Frage, ob sie sich
wünsche, die Anerkennung sei früher erfolgt.
"Manchmal wünsche ich mir das schon, besonders
wenn Fotografen dabei sind. Ich denke mir dann:
Warum konnte all das denn nicht geschehen, als ich
jung und hübsch war?"

Bibliotheken, afrikanisches Kunsthandwerk, Cidre und
Salatsorten für Dutzende von Zeitschriften". Erst vor
sechs Jahren fing sie an, ganztags zu schreiben. Sie
hatte schon immer Prosa und Gedichte geschrieben,
aber die Notwendigkeit, "etwas auf den Tisch zu
bringen", hatte sie davon abgehalten, diese Tätigkeit
ausschließlich auszuüben; als sie es schließlich tat,
zweifelte sie wie die meisten Schriftsteller an ihrem
Talent.

Sie kann anfänglich allerdings einschüchternd
wirken. Dies ist teilweise darauf zurückzuführen,
daß ihr der Ruf vorauseilt, sie sei brilliant und
bestimmten - persönlichen - Fragen von Journalisten
gegenüber intolerant. Und teilweise, weil jeder
Leser ihrer Bücher sofort erkennt, daß Annie Proulx
selbstbewußt ist. Das ist eine gefährliche Eigenschaft, die ihr die Freiheit gibt, die Wahrheit zu
sagen - wie Thoreau es tat - zumindest die Wahrheit, wie sie sie sieht.

"Sie war zuerst sehr schüchtern, nicht persönlich
schüchtern - sie hat eine gute, starke Persönlichkeit sondern in literarischer Hinsicht", erklärt der Schriftsteller Edward Hoagland, einer ihrer Freunde. "Sie
zögerte, sich um ein Stipendium zu bemühen, weil
sie Angst hatte, nicht gut genug zu sein. Aber ich
drängte sie dazu. Und sie bekam es." Er macht eine
Pause. "Meines Erachtens hat sie jetzt ein sehr
gesundes Selbstbewußtsein."

Es ist eine der Eigenschaften, die ihr den PEN/Faulkner Award einbrachten, so der Romanschriftsteller Frederick Busch, einer der drei Schiedsrichter
bei diesem Wettstreit. "Wir gaben ihr den Preis, weil
sie ein absolut amerikanisches Original ist", erklärt
er. "Sie hatte eine einzigartige Stimme, die von
niemandem geprägt wurde... Als Leser ist man
davon überzeugt, daß sie die Wahrheit über die
menschliche Seele sagt."

Diese Art von gesundem Selbstbewußtsein gestattet
ihr, Bücher mit detaillierten Beschreibungen wie der
Geschichte der Elektrizitätsversorgung ländlicher
Gebiete, Uranabbau, Schiffsbau, Reparaturarbeiten
am Haus und der Knüpftechnik zu veröffentlichen.
Es käme ihr eigenen Angaben zufolge nie in den
Sinn, sich zu fragen, ob die Elektrizitätsversorgung
ländlicher Gebiete vielleicht ein Thema ist, über das
ihre Leser in einem Roman nichts lesen wollen.

Und es ist klar, daß Proulx, trotz ihrer Abneigung
gegenüber Fragen über ihre Vergangenheit, ein
Leben gelebt hat, das die Konfrontation mit einer
Vielzahl menschlicher Gefühle erforderte. Sie wurde
in Connecticut als Älteste von fünf Töchtern geboren
und zog in ihrer Kindheit infolge der Beschäftigung
ihres Vaters in der Textilbranche von Bundesstaat zu
Bundesstaat. Anfang der fünfziger Jahre brach sie
ihre Ausbildung am Colby College ab, "um zwei
entsetzliche Ehen, New York, den Fernen Osten und
die Armut einer alleinerziehenden Mutter mit zwei
Kindern zu erleben".

Sie lacht. "Deswegen gefällt mir das Thema ... Ich
liebe Unbekanntes und Seltsames und vertiefe mich
gerne darin. Für mich ist es langweilig, über etwas
zu schreiben, das man schon kennt."

1963 ging sie an die University of Vermont, machte
ihren Abschluß mit Auszeichnung und promovierte
1975 an der Montrealer Sir George Williams University in Geschichte mit Schwerpunkt Wirtschaftsgeschichte der Renaissance, Nordkanada und das
traditionelle China. Zu dieser Zeit hatte sie bereits
eine dritte Ehe und eine dritte Scheidung hinter sich
gebracht (und einen dritten Sohn geboren, aber sie
äußert zu diesem Kapitel ihrer Vergangenheit keine
Einzelheiten).
Als alleinerziehende Mutter brachte Proulx ihre drei
Söhne als freiberufliche Schriftstellerin durch. Von
1975 bis 1988 "schrieb sie Artikel über das Wetter,
Äpfel, Kanufahrten, Berglöwen, Mäuse, Kochkunst,

Seite 2

Tatsächlich lautet ihrer Meinung nach der schlechteste Rat, den man einem Schriftsteller geben kann:
'"Schreib über das, was Du kennst.' Und meines
Erachtens sind schlechte Ratschläge verantwortlich
für die entsetzlichen, in sich versponnenen Romane,
mit denen der Markt derzeit überschwemmt wird. Mir
erscheint es langweilig, über das zu schreiben, was
man kennt. Und ich sehe absolut keine Notwendigkeit und habe absolut kein Interesse daran, über mich
selbst oder mein Leben zu schreiben. Das kenne ich
ja. Ich interessiere mich für eine Geschichte. Mir
gefällt das Unbekannte, und ich erschaffe gerne auf
dem Papier eine Figur und lebe eine Zeitlang sehr
intensiv deren Leben."
Ihr Freund Robert F. Jones sieht dennoch die Annie,
die er kennt, in einigen ihrer Charaktere. "Ihre
weiblichen Figuren haben die direkte Vision, innere
Stärke und vernünftige Einstellung, die Annie zu
eigen sind." Und in ihrem ruhelosen männlichen
Protagonisten, Loyal Blood, sieht Jones "Annies
Wunsch, so weit und so oft wie möglich in der Welt
herumzureisen, um zu sehen, wie sie funktioniert."

AMERIKA DIENST 41

&lt;

I

j

l

�Das wirft eine interessante Frage auf: Warum, wird
Proulx gefragt, hat sie bei beiden Romanen eine
männliche Hauptfigur gewählt? "Vielleicht hat es
damit zu tun, daß ich in einer Familie mit fünf Töchtern aufwuchs", mutmaßt sie. "Ich vermißte eigentlich die Männer. Und meines Erachtens sind Männer ein ausgezeichnetes Thema. Für mich ist es
interessanter, über Männer zu schreiben und etwas
über ihren Charakter herauszufinden - über ihre
Gedanken und ihr Inneres."
Und woher bezieht sie ihre Kenntnisse über die
Gefühle und Gedanken der Männer? Proulx' Augen
hinter ihrer schmucklosen Brille nehmen durch ihren
stetigen Blick gefangen. "Ich vermute", äußert sie
und macht nach jedem Wort eine Pause,"- und das
mag meinerseits voreilig erscheinen - daß Männer
menschlich sind." Dann lacht sie. "Ich habe wirklich
das Gefühl, daß Männer im Innersten in vielen,
wenn auch nicht in allen Fällen, wie Frauen funktionieren."
Offensichtlich gelang ihr die Darstellung des männlichen Blickwinkels bei Quoyle, der Hauptfigur in The
Shipping News. "Ich kann Ihnen gar nicht sagen,
wieviele Männer zu mir kamen und sagten: 'Dieser
Quoyle, das bin ich. Quoyle ist wie ich.' Und das
waren sehr erfolgreiche, bedeutende Männer, die
sich im Innersten wie Quoyle fühlen, dieser ungeschickte, stotternde, drittklassige Dummkopf."
Ihre Annahme, Männer und Frauen seien "menschlich" und hätten dasselbe "Gefühl der Unsicherheit"
zeugt von dem, was sie als ihren "Mangel an Geschlechtsbewußtsein" bezeichnet. Die Tatsache,
daß sie als erste Frau den PEN/Faulkner Award
(unter den früheren Kandidatinnen waren Cynthia
Ozick und Anne Tyler) erhielt, hat für sie keine
besondere Bedeutung. "Ich halte das einfach nicht
für wichtig. Ich neige dazu, keine scharfe Trennlinie
zwischen dem Verhalten von Männern und Frauen
zu sehen."
Sie interessiert sich jedoch für den Feminismus.
"Auf jeden Fall. Ich gestatte mir jedoch nicht den

*

AMERIKA DIENST 41

Luxus einer politischen Haltung. Das entspricht nicht
meiner Natur. Ich bin von Berufs wegen eine Beobachterin. Ich bin keine Feministin, und ich bin
keine Gegnerin des Feminismus."
Dennoch ist sie etwas beunruhigt über ein kürzlich
veröffentlichtes Buch, Failing at Falrness, das sich
mit dem Problem der unfairen Behandlung von
Mädchen in der Schule befaßt. "Als ich dieses Buch
letzte Woche las, bekam ich ein sehr ungutes Gefühl.
Immer wieder dachte ich: 'Was stimmt nicht mit
diesen Mädchen ohne Rückgrat, die sich so behandeln lassen?' Hier wird ein Mythos geschaffen. Was
mir daran nicht gefällt, ist wohl die Tatsache, daß
Mädchen als 'Mädchen' abgestempelt werden - daß
ein Mädchen ein Ding, anstatt einer ausgeprägten
Persönlichkeit ist."
Es ist jedoch nicht der Stil von Annie Proulx, darüber
zu urteilen. Sie fällt keine Urteile. "Ich bin ausgebildete Historikerin", erklärt sie. "Und ich habe wohl
eine objektivere Einstellung." Selbst in ihrer Kindheit
mit allen Umzügen zu neuen Schulen und an neue
Orte sei sie immer schon Zuschauerin gewesen, die
Neue, die kommt und beobachtet. Neben dieser Idee
einer beobachtenden Natur werden Proulx' Werke
vom Thema Wandel dominiert. Es dominiert auch
ihre Gedanken. "Wandel ist Teil meines Lebens.
Und natürlich hat mein siebenjähriges Geschichtsstudium das noch verstärkt. Darum geht es beim
Studium der Geschichte - um Übergang. Zumindest
für mich. Das bestärkte erneut die Anziehung, die
Veränderungen auf mich haben."
Mit ihrem plötzlichen Erscheinen als Stern im Literatenhimmel kann Annie Proulx einen anderen Übergang beobachten und absorbieren. Zur Zeit denkt sie
jedoch über einen neuen Roman nach, der Accordion Crimes heißen soll.
"Es geht darin über die zweite und dritte Generation
von Amerikanern und ihren Sinn für ethnische Identität, der in Akkordionmusik eingebettet ist", erzählt
Proulx und kann dabei ihre Begeisterung kaum
kontrollieren. "Es wird sehr viel Spaß machen."

* * *

*

Seite 3

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