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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

21. September 1994

37

USA-HAITI

CUNTON: MILITARMACHTHABER DANKEN AB
Ansprache des Präsidenten

DAS HAITI-ABKOMMEN
Wortlaut der Vereinbarung

MILITÄRJUNTA NICHT BESSER ALS
DUVALIERS REGIME
Bericht des Außenministeriums

BEVÖLKERUNG

BESCHLÜSSE DER KAIROER KONFERENZ
Rolle der Frauen, Familienplanung vorrangig

MENSCHENRECHTE

FORTSCHRITTE BEI MENSCHENRECHTSSITUATION ZU VERZEICHNEN
Einleitung zum Menschenrechtsbericht

DATENAUTOBAHN

GLOBALES INFORMATIONSSYSTEM
FÖRDERT ENTWICKLUNG
von Vizepräsident AI Gore

TECHNOLOGIE

BROWN GIBT GEWINNER DER NATIONALEN
TECHNOLOGIEMEDAILLE BEKANNT
Erfindungen zugunsten der gesamten Menschheit

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-HAITI
21. September 1994

CLINTON: MILITÄRMACHTHABER DANKEN AB
Ansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 19. September 1994
gehaltene Rede, in der er die Vereinbarung bekanntgab, die eine Invasion in Haiti verhindert hat.

Liebe Mitbürger, ich möchte bekanntgeben, daß die
Militärmachthaber in Haiti der Abdankung zugestimmt haben. Die Diktatoren haben erkannt, daß es
in ihrem besten Interesse und im besten Interesse
des haitianischen Volkes liegt, die Macht friedlich
aufzugeben, statt sich der bevorstehenden Aktion
der von uns angeführten Streitkräfte der multinationalen Koalition zu stellen.
Während der vergangenen drei Jahre lautete unser
Ziel, sicherzustellen, daß die Militärdiktatoren die
Macht aufgeben und die demokratisch gewählte
Regierung zurückkehrt. Diese Vereinbarung garantiert diese beiden Ziele.
Sie reduziert das Risiko für die amerikanischen
Streitkräfte und die Streitkräfte der 24 Nationen
umfassenden internationalen Koalition auf ein
Minimum.
Und die Koalition gewährleistet die
ordentliche Übergabe der Macht an Haitis demokratisch gewählte Regierung.
Es ist ein gutes Abkommen für die Vereinigten
Staaten und für Haiti. Die Militärmachthaber werden
gehen. Die Vereinigten Staaten und die Koalitionsstreitkräfte werden ab morgen unter Bedingungen
auf die Insel kommen, die weniger gefährlich, jedoch
nicht ohne Risiko sind.
Es wird sehr viel einfacher sein, die Menschenrechte
zu achten, und es besteht die echte Chance einer
ordentlichen und weniger gewalttätigen Machtübergabe. An die Anhänger von Präsident Aristide
gerichtet sage ich, daß er zurückkehren wird. Ich
bitte alle Haitianer, sich zu erinnern, was Präsident
Aristide noch vor wenigen Tagen gesagt hat: Keine
Rache, keine Gewalt, keine Vergeltung - dies ist die
Zeit für Frieden. Darauf werden die Vereinigten
Staaten zusammen mit ihren Koalitionspartnern
hinarbeiten.

AMERIKA DIENST 37

Wie Sie wissen, sind Präsident Carter, General Colin
Powell und Senator Sam Nunn erst gestern auf
meine Bitte nach Haiti gereist, um den Rücktritt der
Diktatoren zu bewirken. Ich habe in den vergangenen zwei Tagen ständig mit ihnen in Verbindung
gestanden. Sie haben unermüdlich fast 24 Stunden
am Tag gearbeitet, und ich möchte ihnen meinen
Dank dafür aussprechen, daß sie diese entscheidende Mission im Namen aller Amerikaner unternommen
haben.
Ich möchte auch allen Männern und Frauen der
Streitkräfte der Vereinigten Staaten danken. Ihre
Präsenz und ihre Vorbereitungen haben bei diesem
Abkommen eine bahnbrechende Rolle gespielt.
Im Rahmen dieser Vereinbarung stimmen die Diktatoren der Abdankung zu, sobald das haitianische
Parlament - wie im Abkommen von Governor's Island
gefordert - ein Amnestiegesetz erläßt. Auf jeden Fall
jedoch vor dem 15. Oktober.
Sie haben der unverzüglichen Ankunft von Truppen
der internationalen Koalition bereits ab morgen
zugestimmt.
Sie haben darüber hinaus uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den Koalitionstruppen während der
friedlichen Machtübergabe zugesagt - wofür wir uns
sehr eingesetzt haben. Ich habe die Streitkräfte der
Vereinigten Staaten angewiesen, die Entsendung
nach Haiti als Teil der UN-Koalition vorzunehmen,
und General Sheldon, unser Befehlshaber, wird
morgen dort sein.
Die Präsenz der 15.000 Soldaten umfassenden
multinationalen Streitmacht wird garantieren, daß die
Diktatoren die Bedingungen des Abkommens einhalten. Aus unseren Gesprächen mit der Delegation
wurde klar, daß dieses Abkommen nur wegen der
glaubwürdigen und unmittelbaren Bedrohung durch
die multinationale Streitmacht zustande kam. Es

Seite 1

�wurde in der Tat unterzeichnet, nachdem Haiti
Beweise hatte, daß Fallschirmjäger unserer in Fort
Bragg (North Carolina) stationierten 82. Luftlandedivision die Invasion eingeleitet hatten, die auf meine
Anweisung hin an diesem Abend beginnen sollte.
Zu dem Zeitpunkt, als das Abkommen erzielt wurde,
waren bereits 61 amerikanische Flugzeuge in der
Luft. Aufgrund dieser Vereinbarung werden die
Truppen der Vereinigten Staaten und der Koalitionsstreitmacht unter sehr viel günstigeren Bedingungen
nach Haiti gehen können, als wenn die Generäle
sich nicht für den Machtverzicht entschieden hätten.

Präsident Aristide wird nach Haiti zurückkehren, wenn
die Diktatoren die Insel verlassen. Am Donnerstagabend habe ich Ihnen gesagt, daß die Vereinigten
Staaten hier handeln müssen, um ihre Interessen zu
schützen und die brutalen Greueltaten zu beenden,
die Hunderttausende Haitianer bedrohen, um unsere
Grenzen zu schützen, Stabilität in unserer Hemisphäre zu erhalten und Demokratie zu fördern, um in den
Verpflichtungen, die wir anderen gegenüber eingegangen oder andere uns gegenüber eingegangen
sind, glaubwürdig zu bleiben. Dieses Abkommen
fördert all diese Ziele.

Ich möchte jedoch betonen, daß diese Mission
immer noch Risiken birgt, auf die wir vorbereitet sein
müssen. Haiti ist noch immer ein krisengeschütteltes Land, und die Möglichkeit von Gewaltakten
gegen amerikanische Truppen bleibt bestehen, aber
dieses Abkommen minimiert diese Risiken und
maximiert unsere Chance zum Schutz der Menschenrechte aller Haitianer, sowohl derjenigen, die
Präsident Aristide unterstützen, als auch derjenigen,
die ihn ablehnen. Und um ein Umfeld zu schaffen,
in dem Präsident Aristide zurückkehren kann - ohne
Gewalt, ohne Rache, ohne Vergeltung, wie er sagte.

Von Anfang an habe ich gesagt, daß die haitianischen Diktatoren gehen müssen. Heute kann ich
Ihnen sagen, daß sie gehen werden. Und an die
unter weniger risikoreichen Bedingungen auf den
Weg nach Haiti entsandten Truppen gerichtet sage
ich heute abend, ich bin zuversichtlich, daß Sie Ihre
Mission effektiv und professionell durchführen, wie sie
es bereits getan haben. Wir verlassen uns auf Sie,
daß Sie Ihre Arbeit morgen gut machen, so ausgezeichnet, wie Sie Ihre Arbeit heute und in den Wochen und Tagen davor geleistet haben, als Sie diese
Übung planten, sich auf sie vorbereiteten, und sie
dann auszuführen begannen.

Gemäß der Bestimmungen von Resolution 940 des
UN-Sicherheitsrats wird in Kürze eine 25 Nationen
umfassende internationale Koalition nach Haiti
entsandt, um die Aufgabe der Wiedereinsetzung
einer demokratischen Regierung in Angriff zu nehmen.

Ihnen allen möchte ich meinen Dank aussprechen
und sagen, Ihre Nation ist stolz auf Sie.
Gute Nacht. Gott schütze Amerika.

•

*

*

*

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Seite 2

AMERIKA DIENST 37

�USA-HAITI
21. September 1994

DAS HAITI-ABKOMMEN
Wortlaut der Vereinbarung

WASHINGTON - (AD) - Das am 18. September 1994 in Port-au-Prince erzielte Abkommen zwischen dem
ehemaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und den Militärmachthabern in Haiti hat folgenden
Wortlaut.

1. Der Zweck dieses Abkommens ist, Frieden auf
Haiti zu fördern, Gewalt und Blutvergießen zu
vermeiden, Freiheit und Demokratie zu fördern
und zwischen den Regierungen, der Bevölkerung
und den Institutionen Haitis und der Vereinigten
Staaten von Amerika dauerhafte Beziehungen
von beiderseitigem Vorteil zu schmieden.

1994 - je nachdem, was eher erfolgt. Die Parteien dieses Abkommens verpflichten sich zur
Zusammenarbeit mit dem haitianischen Parlament,
um dieses Vorgehen zu beschleunigen. Ihre
Nachfolger werden gemäß der haitianischen
Verfassung und des bestehenden Militärrechts
benannt.

2. Um diese Vereinbarung umzusetzen, werden das
haitianische Militär und die Polizeikräfte eng mit
der amerikanischen Militärmission zusammenarbeiten.
Diese in gegenseitigem Respekt
durohgeführte Zusammenarbeit dauert für die
Übergangsperide an, die für die Gewährleistung
tragfähiger Institutionen des Landes erforderlich
ist.

4. Die Militäraktionen der amerikanischen Militärmission werden mit dem haitianischen Obersten
Militärkommando koordiniert.

3. Um persönlich zum Erfolg dieses Abkommens
beizutragen, sind bestimmte Offiziere der haitianischen Armee bereit, im Einklang mit den UNOResolutionen 917 und 940 einem frühzeitigen
und ehrenhaften Ausscheiden aus dem Amt
zuzustimmen, wenn eine Generalamnestie vom
haitianischen Parlament als Gesetz verabschiedet
wird, oder spätestens bis zum 15. Oktober

5. Das Wirtschaftsembargo und die Wirtschaftssanktionen werden im Einklang mit den relevanten
UNO-Resolutionen unverzüglich aufgehoben und
die Erfordernisse der haitianischen Bevölkerung
so bald wie möglich erfüllt.
6. Die anstehenden Parlamentswahlen werden frei
und demokratisch abgehalten.
7. Es versteht sich, daß die obenstehende Vereinbarung von der Zustimmung der zivilen Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika und
Haitis abhängig ist.

* * * *

AMERIKA DIENST 37

*

Seite 1

�USA-HAITI
21. September 1994

MILITÄRJUNTA NICHT BESSER ALS
DUVALIERS REGIME
Bericht des Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Dem am 13. September 1994 veröffentlichten dritten Zwischenbericht des USAußenministeriums zufolge hat das haitianische Militärregime, das Präsident Jean-Bertrand Aristide vor drei
Jahren stürzte, das Land in einer Herrschaft des Terrors unterjocht, die der 30jährigen Diktatur der Familie
Duvalier vergleichbar ist.
Anläßlich der Vorlage des Berichts stellte John Shattuck, Abteilungsleiter im Außenministerium für
Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten, fest, das Ziel der haitianischen Militärmachthaber sei, "die
Rechtsstaatlichkeit durch eine Herrschaft der Angst zu ersetzen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Bericht in wesentlichen Auszügen.

Dies ist der dritte vom US-Außenministerium für
1994 erstellte Zwischenbericht über die Menschenrechtssituation auf Haiti. Seit der Veröffentlichung
der jährlichen Länderberichte im Februar 1994 über
Menschenrechtspraktiken im Jahr 1993 hat das
Außenministerium im April und Juli 1994 zwei
Berichte über Haiti herausgegeben. Der nun vorliegende dritte Bericht ist detaillierter und umfassender als die beiden vorherigen. Er versucht, das
durch die Ausweisung der gemeinsam von den
Vereinten Nationen und der Organisation Amerikanischer Staaten unterstützten Internationalen Zivilen
Mission entstandene Vakuum zu füllen, die zur
Beobachtung der Menschenrechtssituation auf Haiti
entsandt worden war.
Zusammenfassung
Die Menschenrechtssituation auf Haiti unter dem
unrechtmäßigen Regime von General Cedras ist der
Lage unter dem berüchtigten Regime von Frangois
"Papa Doc" Duvalier vergleichbar. Das Militärregime
und die De-facto-Regierung fördern Unterdrückung
und Terror, sanktionieren Attentate, Morde, Folter,
Schläge, Verstümmelung und Vergewaltigung. Die
Aktionen des Regimes sind eine flagrante Verhöhnung der internationalen Staatengemeinschaft, die
diese gravierenden Menschenrechtsverletzungen
wiederholt verurteilt hat.
Die zunehmende Unterdrückung und die Terrorakte
auf Haiti werden auf verschiedenen Ebenen durch
das Militär, die Polizei und Zivilisten ausgeübt, die

AMERIKA DIENST 37

dem Cedras-Regime Bericht erstatten. Das Militär
kontrolliert die De-facto-Regierung, die Polizei, die
Polizeitattaches, die Chefs de Section und die nur
dem Namen nach unabhängige FRAPH, bekannt als
die Revolutionäre Front für Fortschritt auf Haiti oder
auch als Bewaffnete Revolutionäre Front des Haitianischen Volkes.
Obwohl die demokratisch verabschiedete Verfassung
von 1987 eine getrennt vom Militär operierende
Polizei fordert, haben die Streitkräfte die Kontrolle der
polizeilichen Aufgaben übernommen. Die Polizeiattachös sind quasi offizielle Agenten des Sicherheitsapparats, die die Bevölkerung verdeckt überwachen,
Repression ausüben und Wachmannschaften organisieren. Die Chefs de Section sind ein auf dem Land
operierender Zweig des Militärs, der dem Befehl der
Departementskommandeure der Armee untersteht.
Das Regime veranlaßt, ermutigt oder gestattet, daß
diese Organisationen und Einzelpersonen die Menschenrechte ungestraft verletzen.
Die Zentralbehörden geben den Ton an und erteilen
allgemeine Instruktionen für offizielle Terrorakte,
überwachen jedoch nicht unbedingt die Ausführung.
Die Repression erfolgt in der Tat dezentralisiert mit
der Folge, daß die unteren Ränge des Sicherheitsapparats ihre Positionen im allgemeinen als private
Sinekure betrachten. Sie mißbrauchen ihre Befugnis
regelmäßig, um die örtliche Bevölkerung zu erpressen, ihre eigene gesellschaftliche Position zu verbessern und für sich oder ihre Freunde alte Rechnungen
zu begleichen. Diese zu Zeiten von Francois Duva-

Seite 1

�Her häufig angewandte besondere Art von Terror auf
Haiti führte zur Gründung der berüchtigten Tonton
Macoutes. Wie der Fall von Militärkommandeur
Norelus Mandelus beweist, ist das Militär in der
Lage, der Gewalt Einhalt zu gebieten, ermutigt oder
erlaubt sie jedoch, weil sie ihren Zwecken dient.
Zur Überwachung der Menscherechtssituation der
De-facto-Regierung unterstützten die Vereinten
Nationen und die Organisation Amerikanischer
Staaten gemeinsam die Internationale Zivile Mission
(International Civilian Mission - ICM), die erstmals
1993 und erneut 1994 nach Haiti entsandt wurde.
Die ICM stellte von ihrer Ankunft bis Juli 1994
umfangreiche Beweise für gravierende Menschenrechtsverletzungen auf Haiti zusammen, bis die Defacto-Regierung behauptete, die Präsenz der ICM in
Haiti habe keine Rechtsgrundlage und sie auswies.
Jüngste Berichte über Menschenrechtsverletzungen
Obwohl es der Amerikanischen Botschaft nicht
möglich war, die ausgezeichnete Arbeit der nahezu
90 ICM-Beobachter, die sich vormals im Land
aufgehalten hatten, in gleichem Maße fortzusetzen,
ist die Überwachung der Menschenrechtssituation
seit der Ausweisung der ICM erheblich verstärkt
worden. Zusätzlich zu Ad-hoc-Berichten erstellt das
Botschaftsteam wöchentliche Berichte über die sich
verschlechternde Menschenrechtssituation.
Die Lage seit der Entmachtung von Präsident
Arlstlde
Das Cedras-Regime kam im September 1991 mit
einem Putsch gegen die damals seit acht Monaten
amtierende, demokratisch gewählte Regierung von
Präsident Jean-Bertrand Aristide an die Macht.
Unmittelbar nach dem Staatsstreich ermordete das
neue Regime mindestens 300 bis 500 Menschen,
wobei Aristide-Anhänger die Hauptzielgruppe waren.
Während der letzten drei Jahre hat sich die Menschenrechtssituation verschlechtert.
Um seine
Herrschaft aufrechtzuerhalten, hat das Regime durch
Attentate und Morde, Folterung, Verstümmelung,
Vergewaltigung und ständige Schikanierung ein
Klima der Angst geschaffen. Dem Dokument des
UN-Sonderberichterstatters für Haiti vom 7. Februar
1994 zufolge wurden bis zu 3.000 haitianische
Zivilisten, darunter viele Aristide-Anhänger, unter
dem Cedras-Regime ermordet. Andere Berichte
deuten an, daß noch mindestens einige hundert
mehr seit damals getötet wurden. Die derzeitige
Situation zeigt ein Ausmaß an Terror, das dem des
Duvalier-Regimes vergleichbar ist.

Seite 2

Die prominentesten jüngsten Fälle
Die Ermordung von Präsident Aristides Kollegen,
PaterJean-Marie Vincent, am 28. August 1994 ist der
jüngste Beweis der Entschlossenheit der De-factoRegierung, ihre Gegner zum Schweigen zu bringen.
Der Pater wurde von nicht identifizierten bewaffneten
Männern erschossen, als er zum Tor des Geländes
seines Ordens im Stadtteil Turgeau von Port-auPrince fuhr.
Mehrere andere politische Attentatsversuche scheiterten in den vergangenen Monaten. Der ehemalige
Senator Reynold Charles wurde durch Schüsse nicht
identifizierter Männer verwundet, entging jedoch dem
Tod. Bewaffnete Männer überfielen das Haus von
Senator Clarck Parent und seiner Schwester (der
Bürgermeisterin von Petionville), flüchteten jedoch,
als der blinde Senator in die Luft feuerte. Anstatt
glaubwürdige Ermittlungen in diesen Fällen anzustellen, tat die De-facto-Regierung sie als Versuche von
Leuten ab, das Regime zu diskreditieren.
Diese Attentate und Attentatsversuche sind nur die
jüngsten Vorfälle in einer langen Serie von Morden
an hochrangigen Oppositoinsvertretern. Im September 1993 wurde der prominente Aristide-Anhänger
und Aktivist Antoine Izmery getötet, als eine Gruppe
bewaffneter Männer ihn während eines Gottesdienstes angriff. Am 14. Oktober 1993 wurde der renommierte haitianische Rechtsanwalt und Justizminister
Guy Malary in der Innenstadt von Port-au-Prince
ermordet. Das Cedras-Regime hat nur geringes
Interesse an Ermittlungen in diesen Todesfällen
gezeigt.
Am 9. September 1994 berichtete die New York
Times über konkrete politische Terrorakte gegen
Waisenkinder, deren Eltern selbst häutig Opfer der
De-facto-Regierung geworden waren. Diese Ermordungen waren den Berichten zufolge häufig begleitet
von der Verfolgung der Mitarbeiter der Waisenhäuser,
was dazu führte, daß viele schließen mußten.
Die Herrschaft des Terrors
Die Menschenrechtsbilanz des Regimes demonstriert,
daß es seine Gegner nicht nur eliminieren, sondern
auch die gesamte Bevölkerung unterjochen sowie
eine mögliche Opposition unterdrücken und einschüchtern will. Schätzungen eines jüngsten Berichts
der Human Rights Watch zufolge sahen sich bis zu
300.000 Menschen veranlaßt, sich vor dem Regime
zu verstecken. Folterung, Vergewaltigung, Schläge
und die Beschlagnahme des Geldes von ohne Grund
Inhaftierten sollen die Öffentlichkeit einschüchtern
und demoralisieren.

AMERIKA DIENST 37

�Es gibt zahlreiche und konkrete Beweise für Einschüchterungsversuche. Eine Delegation der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (InterAmerican Commission for Human Rights - IACHR),
die Haiti vom 16. bis 20. Mai 1994 besuchte, stellte
fest, daß sich die Menschenrechtssituation auf Haiti
seit ihrem letzten Besuch im August 1993 "ernsthaft
verschlechtert" hat. Die Delegation konnte 133 Fälle
standrechtlicher Erschießungen zwischen Februar
und Mai 1994 nachweisen, und es besteht Grund zu
der Annahme, daß es außerhalb des Rahmens ihrer
Ermittlungen sehr viel mehr Fälle gab. Die Delegation fand auch heraus, daß das Regime schwer
verstümmelte Körper auf den Straßen liegen ließ,
nur um die Bevölkerung zu terrorisieren.
Die lAHCR-Delegation deckte auf, daß Frauen und
Verwandte von Regimegegnern vergewaltigt oder
anderweitig sexuell mißbraucht wurden. Sie machte
zahlreiche Fälle willkürlicher Verhaftungen, von
Verschleppung und Folterung aus. Die Delegation
wies den De-facto-Behörden die volle Verantwortung
für die sich verschlechternde Situation zu.
In einer Presseerklärung vom 27. Juli 1994 beschrieb die IACHR die Menschenrechtsverletzungen
auf Haiti als "flagrant und systematisch" und führte
sie auf die "andauernde unrechtmäßige Ausübung
der Macht durch das haitianische Militär und seine
Gefolgschaft" zurück.
Die Kommission verwies
ferner auf den Zusammenbruch der zuständigen
Regierungsinstitutionen und die "vollständige Unfähigkeit der Judikative oder anderer Mechanismen,
Menschenrechtsverletzungen zu verhindern oder zu
bestrafen" und stellte fest, daß die Menschenrechtsverletzer "offen ungestraft handeln".
Im Juli 1994 veröffentlichte die Human Rights Watch
einen Bericht, in dem Dutzende Vergewaltigungsfälle
belegt wurden, mit denen nicht nur die Regimegegner, sondern auch die Bevölkerung insgesamt
terrorisiert werden sollte. Die ICM ihrerseits berichtete von 66 Fällen politisch motivierter Vergewaltigungen durch das Militär und die paramilitärischen
Truppen in den ersten fünf Monaten des Jahres
1994 (vor der Ausweisung der ICM aus Haiti durch
das Militär).
Berichte des Menschenrechtsteams der Amerikanischen Botschaft seit Juli 1994
Nach der Ausweisung der Menschenrechtsbeobachter der Vereinten Nationen und der Organisation
Amerikanischer Staaten verstärkte die Amerikanische Botschaft ihre Berichterstattung über die
Menschenrechtssituation. Umfassende Ermittlungen
des Botschaftsteams seit Juli deckten eine dramatische Zunahme der Menschenrechtsverletzungen auf.

AMERIKA DIENST 37

Die Zentralprovinz (in der Nähe von Hinche) war seit
langem die Heimat von Bürgerrechtlern, bis sie durch
die brutale Unterdrückung des Regimevertreters vor
Ort, Oberst Gideon, zum Schweigen gebracht wurden. Nachdem der Oberst in die Südwestprovinz (in
der Gegend von Les Cayes) versetzt worden war,
nahm die Unterdrückung in dieser Region unverzüglich zu. Willkürliche Durchsuchungen und Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Berichten
zufolge wurden Menschen in der Region Les Cayes
verhaftet, nur weil sie die Sendungen von Voice of
America gehört hatten.
Im Sommer tauchte ein Militärbefehlshaber namens
Norelus Mandelus in einer Küstenstadt von Les
Cayes auf, der sich selbst als Saddam Hussein von
Haiti bezeichnete.
Neben anderen Greueltaten
schnitt Norelus einem Opfer während einem grausamen Verhör ein Ohr ab und zwang den Mann, es
zu essen, und ritzte dann seine Initialien in das
Fleisch des Opfers ein. Die Militärbehördern tolerierten dieses Verhalten, bis ein Priester und ein Seminarist, die zu den Opfern von Norelus willkürlichen
Schlägen zählten, sich als Verwandte eines höherrangigen Offiziers erwiesen. Norelus erhielt offensichtlich eine geringfügige Verwarnung, bevor er
versetzt wurde.
Ein flagrantes Beispiel willkürlicher Inhaftierung war
die Verhaftung des Aktivisten Gardy Lablanc aus
Lavalas durch die Behörden von Miragoane, der sich
angeblich über die neue paramilitärische zivile
Schutztruppe während ihres Drills lustig gemacht
hatte. Der diensthabende Beamte der Polizei von
Miragoane verweigerte den Angehörigen der Amerikanischen Botschaft Zutritt zu Leblanc. Der Beamte
erklärte, er habe Anweisung, nicht mit den Vertretern
der Botschaft zu sprechen, und Leblanc werde bis
auf weitere Anordnung seines Kommandeurs festgehalten. Nach wiederholten Anfragen der Botschaft
wurde Leblanc angeblich freigelassen.
Im vergangenen Monat fand das Botschaftsteam
heraus, daß Unterdrückung und Terror in der Küstenregion Aquin östlich von Les Cayes an der Tagesordnung sind. Viele Menschen wurden inhaftiert, und
alle wurden von den Behörden schikaniert. Eine dort
ansässige Nonne beschrieb der Botschaft einige der
Verletzungen, die sie an den von ihren Wächtern
gefolterten Gefangenen behandelt hatte.
In der westlich von Port-au-Prince gelegenen Stadt
Gressiers wurden mehrere Mordopfer in einem
flachen Grab gefunden. Die Körper waren teilweie
sichtbar und leicht zu entdecken.
Am Morgen des 1. August 1994 schlug die Polizei auf
mehrere Personen ein, die auf die Öffnung des

Seite 3

�Internationale Besorgnis

schreckliche Menschenrechtssituation auf Haiti
verantwortlich ist, und es wird zunehmend klarer, daß
die Militärmachthaber nicht die Absicht haben, mit der
internationalen Staatengemeinschaft bei der Beilegung der Krise zusammenzuarbeiten.

Seit dem Putsch hat die internationale Staatengemeinschaft wiederholt das De-facto-Regime von Haiti
verurteilt. Die Reaktion der De-facto-Regierung war
eine zunehmende Isolierung von der internationalen
Staatengemeinschaft. Das Regime hat das Abkommen von Govemor's Island gebrochen und alle
Bestrebungen der internationalen Staatengemeinschaft um eine friedliche Lösung der Krise zurückgewiesen. Noch in diesem Monat weigerte sich das
Regime, den Sondergesandten von UN-Genralsekretär Boutros Boutros-Ghali zu empfangen. Es ist seit
langem offenkundig, daß das Regime für die

Die Organisation Amerikanischer Staaten, die Vereinten Nationen und andere internationale Foren
widmen der eskalierenden Menschenrechtskrise auf
Haiti gezielte Aufmerksamkeit. Vor kurzem hat der
UN-Sicherheitsrat in Erkenntnis der Tatsache, daß
die Krise nicht auf diplomatischem Wege gelöst
werden konnte, Resolution 940 verabschiedet, mit der
die Entmachtung der De-facto-Regierung mit allen
erforderlichen Mitteln genehmigt wird. Seit der
Verabschiedung der Resolution arbeiten die Vereinigten Staaten auf die Bildung einer internationalen
Koalition zur Umsetzung der Resolution 940 hin.

amerikanischen Flüchtlingsauffanglagers in Port-auPrince warteten. Es gab keine Beweise dafür, daß
die Opfer dieses Vorgehen provoziert hatten.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 37

�BEVÖLKERUNG
21. September 1994

BESCHLÜSSE DER KAIROER KONFERENZ
Rolle der Frauen, Familienplanung vorrangig
KAIRO - (AD) - Die internationale Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung 1994 endete mit
Übereinstimmung bezüglich der Notwendigkeit eines
integrierten Programms zur Verlangsamung des
Bevölkerungswachstums in den Entwicklungsländern
durch die Verbesserung des Status der Frau, Erweiterung der Familienplanungsprogramme und Bekämpfung der Armut.
"Zum ersten Mal wurde ein umfassenderer Ansatz
zur Bewältigung der durch die Bevölkerungsexplosion entstandenen Herausforderung befürwortet - in
Erkenntnis der Notwendigkeit, gleichzeitig, vordringlich und freiwillig die grundlegenden Aspekte der
Entwicklung anzusprechen", stellte Timothy Wirth,
Abteilungsleiter im US-Außenministerium für globale
Angelegenheiten, am 13. September 1994 zu dem
"Aktionsprogramm" fest, das bei der Konferenz im
Konsens verabschiedet wurde.
Als einzelne Aspekte nannte er "Bildung, grundlegende Gesundheitsfürsorge, Konsum und Umweltverschmutzung, Gleichheit, Gleichberechtigung und
vermehrte Entscheidungsbefugnis der Frauen".
Bei einer Pressekonferenz bestätigte Wirth, es stehe
außer Frage, daß die Bevölkerungsexplosion eingedämmt werden müsse. "Insgesamt hat die Welt
zugestimmt, daß die Frage der Bevölkerungsstabilisierung und -entwicklung mit großer Dringlichkeit
angegangen werden muß", so Wirth.
Die Notwendigkeit zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums wurde auch bei der von Nafis
Sadik, Generalsekretärin der Konferenz und geschäftsführende Direktorin des Fonds der Vereinten
Nationen für Bevölkerungsaktivitäten, gegebenen
Abschlußpressekonferenz angesprochen.
Wenn die Empfehlungen des mehr als 100 Seiten
umfassenden Aktionsprogramms
angenommen
würden, nähme die Weltbevölkerung bis zum Jahr
2050 immer noch von gegenwärtig 5,66 Milliarden
auf 7,8 Milliarden zu. Hielten die derzeitigen Wachstumstrends jedoch unkontrolliert an, würde sich die

AMERIKA DIENST 37

Gesamtbevölkerung im Jahr 2050 auf 10 Milliarden
belaufen, warnte Sadik.
Die am 5. September 1994 eröffnete, von den
Vereinten Nationen veranstaltete Konferenz ist die
dritte Bevölkerungskonferenz in 20 Jahren, aber die
erste, bei der Industrienationen und Entwicklungsländer uneingeschränkt über die Notwendigkeit zur
Verlangsamung des Bevölkerungswachstums übereinstimmten.
Bei der ersten Konferenz 1974 in Bukarest (Rumänien) bekämpften die Entwicklungsländer die von der
industrialisierten Welt vorgebrachte Idee, daß Armut
durch eine Verringerung der Fertilitätsrate bekämpft
werden könnte. Die Entwicklungsländer argumentierten, Wirtschaftswachstum sei der Schlüssel zur
Stabilisierung der Bevölkerung und "Entwicklung die
beste Empfängnisverhütung".
Zum Zeitpunkt der zweiten Konferenz 10 Jahre später
in Mexiko waren die meisten Entwicklungsländer zu
der Ansicht gelangt, daß rasches Bevölkerungswachstum ein Problem sei. Sie wurden in dieser
Meinung von der Mehrzahl der Industrienationen
unterstützt, nicht jedoch den Vereinigten Staaten.
Die Administration von Präsident Reagan lehnte
damals den Schwangerschaftsabbruch ab und kürzte
die finanzielle Unterstützung für Familienplanungsprogramme.
Wirth wiederholte bei seiner Abschlußpressekonferenz, daß diese Politik von der Clinton-Administration nicht übernommen wurde und die Ausgaben der
Vereinigten Staaten für Familienplanung drastisch
erhöht worden seien.
Die deutschen und französischen Delegierten sprachen bei ihrer Pressekonferenz auch über das
dramatische Umdenken bei Bevölkerungs- und
Entwicklungsfragen. "Die Länder sind seit damals
(der Konferenz von Mexiko) zu der Erkenntnis
gelangt, daß das Bevölkerungswachstum eine

Seite 1

�Bedrohung der realen Entwicklung darstellt", erklärte
Claude Harrel, ein französischer Diplomat.
Sadik wurde gefragt, was das Aktionsprogramm für
ein armes Mädchen im ländlichen Indien bedeuten
könnte. Wenn das Aktionsprogramm umgesetzt
würde, könnte das Mädchen damit rechnen, besser
ernährt zu werden, nicht jung zu sterben, eine
gewisse Bildung zu erhalten und einige Wahlmöglichkeiten in seinem Leben zu haben, erwiderte die
pakistanische Qynäkologin.
Sadik bezeichnete die Konferenz als Erfolg, weil das
Aktionsprogramm den Menschen - besonders den
Frauen - vermittelt, daß sie Wahlmöglichkeiten in
ihrem Leben haben.
"Meines Erachtens besteht die wichtigste Leistung
dieser Konferenz darin ... Frauen und Männern die
Möglichkeit einzuräumen, Entscheidungen über die
Größe der Familie und die Anzahl der Kinder zu
treffen", so Sadik.
Die Wahlmöglichkeit ist vor allem für Frauen entscheidend, weil sie in den Entwicklungsländern in
einem "Umfeld leben, das ihnen die eigene freie
Entscheidung häufig verwehrt".
Die meisten Frauen leben in einem Umfeld, das sie
"zu unerwünschten Kindern zwingt".
"Ihre Reproduktionsrolle wird so weit betont, daß sie
praktisch jede andere Rolle der Frau ausschließt.
Die Erkenntnis des Aktionsprogramms ist meiner
Ansicht nach, daß eine Frau eine Person mit eigenen Rechten ist, als solche anerkannt werden muß
und ihr alle Optionen geboten werden müssen",
stellte Sadik fest.
Sadik hat praktisch jede sich ihr bei der Konferenz
bietende Gelegenheit ergriffen um zu argumentieren,
daß das Bevölkerungswachstum nur verlangsamt
werden kann, wenn die Frauen in den Entwicklungsländern besseren Zugang zu Bildung, Gesundheitsfürsorge und Beschäftigung erhalten. Diese Idee
wurde in den dreijährigen Verhandlungen vor der
Konferenz entwickelt und in allen Teilen des Aktionsprogramms verankert.
Die Clinton-Administration und eine breite Koalition
amerikanischer nichtstaatlicher Organisationen
unterstützten diese Sichtweise in hohem Maße vor
und während der Konferenz.
Das Aktionsprogramm prognostiziert die Kosten für
die Bereitstellung von Familienplanung und reproduktiver Gesundheitsfürsorge für die Entwicklungsländer und Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjet-

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union, die daran bis zum Jahr 2015 interessiert sind.
Darin enthalten sind Schätzungen der Vereinten
Nationen, daß es im Jahr 2015 21,7 Milliarden Dollar
kosten würde, die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen zu decken. Diese Zahl würde in folgenden
Stadien erreicht: 17 Milliarden Dollar bis zum Jahr
2000, 18,5 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2005 und
20,5 Milliarden Dollar bis 2010.
Das Aktionsprogramm überträgt dann den Entwicklungsländern und Republiken der ehemaligen Sowjetunion die Verantwortung zur Bereitstellung von zwei
Dritteln dieser Summe. Diese Länder bezahlen zur
Zeit ungefähr 80 Prozent der Dienstleistungen, und
die Industrienationen kommen für rund 20 Prozent
über ihre Hilfsprogramme auf. Das Aktionsprogramm
fordert eine Aufstockung des Anteils der Industrienationen auf 33 Prozent oder mehr in den ärmsten
Ländern, vor allem denen Afrikas.
Wirth wiederholte bei seiner Pressekonferenz, daß
die Vereinigten Staaten, Japan, Deutschland und
andere Industrienationen sich zu einer Erhöhung ihrer
Hilfsleistungen verpflichtet haben. Seiner Ansicht
nach werden die Ziele der Industrienationen erfüllt.
Die achttägige Konferenz war von zum Teil lebhaften
Debatten und der beharrlichen Weigerung des
Vatikans gekennzeichnet, den Terminus Schwangerschaftsabbruch in das Aktionsprogramm aufzunehmen. Nachdem mehrere Tage versucht wurde, einen
Kompromiß bei der Sprachregelung zu finden, wollte
die große Mehrheit der Länder nicht weiter gehen als
die Feststellung, die Entscheidung zur Frage des
Schwangerschaftsabbruchs bleibe jedem Land selbst
überlassen, er sei keine Methode zur Familienplanung und Frauen, die eine verpfuschte Abtreibung
erlebt hätten - auch wenn sie illegal war - verdienten
die geeignete medizinische Versorgung.
Die große Mehrheit forderte femer die Erweiterung
der Verwendung von Mitteln zur Familienplanung was ebenfalls von der römisch-katholischen Kirche
abgelehnt wird - um Frauen zu ermutigen, ungewollte
Schwangerschaften und damit eine Abtreibung zu
verhindern.
Bischof James McHugh stellte bei einer Pressekonferenz fest, der Vatikan fühle sich durch das Ergebnis
der Konferenz nicht "ausgegrenzt".
Er verwies darauf, daß eine Reihe muslimischer und
römisch-katholischer Länder ebenso wie der Vatikan
Vorbehalte bezüglich einiger Teile des Aktionsprogramms geäußert hatten.

AMERIKA DIENST 37

�Einer inoffiziellen Zählung zufolge brachten 19 der
183 bei der Konferenz vertretenen Länder Vorbehalte zu einigen Teilen des Programms zum Ausdruck.
Wirth nahm den Widerstand des Vatikans zur Kenntnis, stellte jedoch fest, der Vatikan habe zur Klärung

einiger Fragen und zur Verbesserung des Aktionsprogramms beigetragen.
"Als wir nach Kairo kamen, erwarteten wir keinen so
breiten Konsens. Praktisch alle sagen, sie stimmen
mit nahezu allen Teilen des Dokuments (des Aktionsprogramms) überein", äußerte Wirth.

* * * * *

AMERIKA DIENST 37

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�MENSCHENRECHTE
21. September 1994

FORTSCHRITTE BEI MENSCHENRECHTSSITUATION
ZU VERZEICHNEN
Einleitung zum Menschenrechtsbericht
WASHINGTON - (AD) - Dem Abteilungsleiter im US-Außenministerium für Demokratie, Menschenrechte und
Arbeitsfragen, John Shattuck, zufolge belegt der Regierungsbericht über die Einhaltung der internationalen
Konvention über bürgerliche und politische Rechte, daß "sich der Schutz der Menschenrechte in den
Vereinigten Staaten im Lauf der Jahre maßgeblich verbessert hat", jedoch noch zahlreiche Herausforderungen
und Probleme bestehen.
In der Einleitung zu dem 250 Seiten umfassenden Bericht stellt Shattuck fest, die Struktur der amerikanischen
Menschenrechtsgesetze "ist das Ergebnis eines langen und schmerzlichen Kampfes in den Vereinigten
Staaten, einer ergreifenden Geschichte, die gleichermaßen von Grausamkeit und Ungerechtigkeit wie von
Vision und Mut erzählt".
Shattuck äußerte am 13. September 1994 gegenüber Journalisten, das Außenministerium sei "sehr stolz" auf
den Bericht und der Ansicht, er "spiegele unsere gute Menschenrechtssituation sowie die Tatsache wider, daß
wir Fortschritte erzielen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung zu dem Menschenrechtsbericht.

Ich freue mich, den von der Regierung der Vereinigten Staaten vorbereiteten Bericht über die
Einhaltung der internationalen Konvention über
bürgerliche und politische Rechte vorstellen zu
können. Der Bericht wurde im Juli dem im Rahmen
der Konvention gegründeten UN-Menschenrechtsausschuß vorgelegt. Es ist auch der erste von den
Vereinigten Staaten im Einklang mit ihren Verpflichtungen unter einem internationalen Menschenrechtsvertrag übermittelte Bericht. Der gemäß der Vorgaben der Vereinten Nationen geschriebene und
gemeinsam vom amerikanischen Außen-, Justizsowie anderen Ministerien vorbereitete Bericht, der
Beiträge nichtstaatlicher Organisationen und betroffener Einzelpersonen enthält, steht für das Engagement der Regierung zu kreativer Interaktion mit dem
sich abzeichnenden globalen Rahmen internationaler
Menschenrechtsgesetze. Er soll der internationalen
Staatengemeinschaft ein umfassendes Bild der
Einhaltung von Menschenrechten in den Vereinigten
Staaten sowie des juristischen und politischen
Systems vermitteln, innerhalb dessen sich diese
Rechte entwickelt haben und geschützt werden.

AMERIKA DIENST 37

Die internationale Konvention über bürgerliche und
politische Rechte wurde 1966 abgeschlossen, trat 10
Jahre später in Kraft und wurde von den Vereinigten
Staaten 1992 ratifiziert. Die Arbeit an diesem Bericht
begann kurz nach der Ratifizierung. Bis heute sind
dem Vertrag insgesamt 127 Länder beigetreten.
Zusammen mit der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte und der internationalen Konvention
über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
stellt dieser Vertrag die vollständigste und ausdrücklichste Formulierung der internationalen Menschenrechtsgesetze dar, die in den Jahren nach dem
Zweiten Weltkrieg entstand.

Die Vorläufer der heutigen Menschenrechtsgesetze
gehen weit in die Geschichte zurück - auf natürliche
Rechtstraditionen, die ethischen Lehren der großen
Weltreligionen im Osten wie im Westen, das griechisch-römische Recht sowie das bahnbrechende
philosophische Werk von Hugo Grotius und John
Locke. Das von politischen Theoretikern des 18.
Jahrhunderts entwickelte Konzept universeller Rechte
beeinflußte das Völkerrecht und ebnete den Weg

Seite 1

�zum amerikanischen Konstitutionalismus. Internationale Menschenrechtsgesetze und das konstitutionelle Recht der Vereinigten Staaten sind in
der Tat eng verwandt: Beide versuchen, die Befugnis der Staaten zur Einmischung in die unveräußerlichen Rechte jedes einzelnen ohne Diskriminierung
zu beschränken.
Die erste umfassendere Formulierung völkerrechtlicher Menschenrechtsbestimmungen erfolgte nach
dem Ersten Weltkrieg im Zusammenhang mit dem
gescheiterten Völkerbund, seinem System für den
Schutz von Minderheiten und der erfolgreicheren
Internationalen Arbeitsorganisation.
Es waren jedoch die schrecklichen Erfahrungen des
Totalitarismus in der Mitte des Jahrhunderts und der
Zweite Weltkrieg, die die siegreichen alliierten
Mächte veranlaßten, im Völkerrecht die umfassenderen Ziele zu verankern, die sich während des Krieges abgezeichnet hatten, wie Präsident Roosevelts
Vier Freiheiten. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß, bei dem die besiegten Naziführer öffentlich
angeklagt und gemäß der Prinzipien des Völkerrechts verurteilt wurden, stellte einen Versuch zum
Entwurf einer neuen internationalen Ordnung dar,
die den Schutz der menschlichen Würde gewährleisten und in gewissem Maße das schreckliche Leid
der Opfer des Totalitarismus mildern würde.
Die Krönung dieser Bestrebungen war die Gründung
der Vereinten Nationen und die Verabschiedung
ihrer Charta, die Formulierung der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte und das Einleiten von
Bestrebungen, die zu den beiden wichtigsten Konventionen über internationale Menschenrechte
führten.
Während sich der Völkerbund praktisch ausschließlich auf die Rechte von Minderheiten und Selbstbestimmung konzentrierte, war die UN-Charta
umfassender und erlegte allen Mitgliedstaaten die
rechtliche und politische Verantwortung zum Schutz
und zur Förderung der Menschenrechte und Grundfreiheiten ihrer Völker auf.
Die 1948 einstimmig von der UN-Generalversammlung verabschiedete Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte stellte eine ausdrückliche Formulierung der Rechte dar, zu deren Schutz und Förderung die Mitgliedstaaten im allgemeinen gemäß der
UN-Charta verpflichtet sind. Die Erklärung verbindet
die beiden Kategorien von Menschenrechten, die
aus dem internationalen juristischen Dialog hervorgingen - bürgerliche und politische Rechte einerseits
sowie wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
andererseits. Es blieb der internationalen Staatengemeinschaft überlassen, diese einzelnen, jedoch

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in Verbindung zueinander stehenden Elemente zu
sondieren, um funktionierende Instrumente des
Völkerrechts zu scharfen.
Menschenrechte werden inzwischen als das universelle Geburtsrecht aller Menschen auf dieser Erde
angesehen. Dieser Glaube an die unveräußerliche
menschliche Würde bildet das Kernstück völkerrechtlicher Menschenrechtsbestimmungen. Sie haben
vielfältigen Ursprung und sind im Verlauf der Zeit in
unterschiedlicher Weise artikuliert worden. Ihre
Macht ist in nicht unerheblichem Maße auf ihren
breitgefächerten Ursprung zurückzuführen, sie sind
auch nicht in einem bestimmten philosophischen,
religiösen oder ideologischen Fundament verankert.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
erlangte die Inklusivität eben weil sie diese zeitlosen
Prinzipien nicht in ein bestimmtes und damit unweigerlich umstrittenes und parteiisches Programm
einbettete.
Die Konvention über bürgerliche und politische
Rechte leistet einen Beitrag zur Förderung der
internationalen Menschenrechte, indem sie die von
uns in den Vereinigten Staaten gewürdigten hehren
Prinzipien kodifiziert - politische Freiheit, Selbstbestimmung, Rede-, Meinungs-, Koalitions- und
Religionsfreiheit sowie der Schutz der Familie vor
Eingriffen der Regierung. Die bedauerliche Tatsache,
daß diese Prinzipien in vielen Ländern mißachtet
werden, schmälert in keiner Weise ihre zwingende
Autorität.
Als Nation wurden die Vereinigten Staaten auf dem
Prinzip unveräußerlicher Rechte des einzelnen
gegründet. Die Geschichte dieses Landes ist in
vieler Hinsicht die Geschichte eines andauernden
Kampfes um die Erfüllung dieser Konzeption von
Rechten, ein Kampf zur Überwindung alter und neuer
Ungerechtigkeiten in unserer eigenen Demokratie.
Als Teil dieses Kampfes engagieren sich die Vereinigten Staaten auch stark für eine verstärkte
Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten auf
der ganzen Welt.
Wie dieser Bericht belegt, sieht das Recht der
Vereinigten Staaten umfassenden Schutz vor Menschenrechtsverletzungen durch Regierungsbehörden
vor. Gemäß der amerikanischen Verfassung wird die
staatliche Gewalt durch die Gewaltenteilung auf die
drei Zweige der Regierung verteilt und entschärft.
Seit Anbeginn der Geschichte dieses Landes hat das
Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten von
dem Recht der richterlichen Nachprüfung Gebrauch
gemacht, um verfassungswidrige Maßnahmen der
Exekutive und Legislative zu prüfen.

AMERIKA DIENST 37

�Die Rede- und Religionsfreiheit sind gesetzlich
geschützt, die polizeiliche Gewalt unterliegt beträchtlichen verfassungsmäßigen Beschränkungen, und
die politische Führung der Vereinigten Staaten wird
auf allen Ebenen von den Bürgern zur Rechenschaft
gezogen.
Unsere Verfassung enthält einen Plan für die Auslegung und Umsetzung der Idee bürgerlicher und
politischer Rechte und Freiheiten, es erforderte
jedoch die Arbeit mehrerer Generationen aus allen
Sparten unserer Gesellschaft, um die Institutionen
aufzubauen, die das Versprechen dieser Rechte und
Freiheiten verkörpern. Dieser Prozeß erstreckte sich
über mehr als zwei Jahrhunderte und umfaßte viele
Kapitel unserer Geschichte - einige ruhmreich,
andere dunkel - und die Aufgabe dauert bis zum
heutigen Tag an.
Im Verlauf ihrer Menschenrechtsgeschichte haben
die Vereinigten Staaten Einbrüche bei diesem
andauernden amerikanischen Kampf um Gerechtigkeit erlebt, beispielsweise die Versklavung von
Afroamerikanern und den Entzug ihrer Bürgerrechte
sowie die faktische Zerstörung vieler indianischer
Zivilisationen in Amerika.

anderer Minderheiten in den Vereinigten Staaten
leiden unter Ungerechtigkeit. Die Vereinigten Staaten
sind vorwiegend eine Nation von Einwanderern. Wir
sind weiterhin Anziehungspunkt für Einwanderungswellen von Männern und Frauen aus der ganzen Welt
auf der Suche nach einem besseren Leben. Jedes
Jahr wandern mehr als 900.000 Menschen in die
Vereinigten Staaten ein.
Wie überall waren jedoch auch unsere Einwanderer
oftmals mit Diskriminierung und Widerstand konfrontiert, die mit der Migration einhergehende persönliche Belastungen noch erschweren. Die Offenheit unserer Gesellschaft hat mit der Zeit Mobilität
und Befreiung von Armut und Ausgrenzung gestattet.
In diesem Prozeß haben Gruppen von Einwanderern
unsere nationale Identität stark bereichert, während
der aus dem 19. Jahrhundert stammende Gedanke
des "Schmelztiegels" allmählich einer umfassenderen
Vision des Pluralismus Platz gemacht hat.

Die tiefgreifenden Ungerechtigkeiten gegenüber
Afroamerikanern wurden nach dem Bürgerkrieg
(1861-65) und dann ein Jahrhundert später durch die

Der andauernde Kampf um die volle Durchsetzung
der Rechte von Frauen ist das zentrale Charakteristikum des Menschenrechtsprozesses in Amerika:
Die Frauen in den Vereinigten Staaten bekamen erst
1920 das Wahlrecht, anderthalb Jahrhunderte nach
der Gründung der Republik. Mit zunehmender Stärke
haben die Frauen eine gleichberechtigte Position im
politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Leben des Landes gefordert. In allen Bereichen des

Bürgerrechtsbewegung der fünfziger und sechziger

amerikanischen

Jahre dieses Jahrhunderts nur zum Teil behoben eine Bewegung, die heroische Führung mit der
Organisation der Basis und einem unterschütterlichen juristischen Marsch durch Gerichte und Parlamente kombinierte, eine Bewegung, die an der
Auslegung und Umsetzung des Verfassungsrechts
mitwirkte um sicherzustellen, daß die Menschenrechte in der Praxis respektiert werden können.

unternommen, die Chancen der Frau zu vergrößern
und die noch bestehende Diskriminierung abzustellen.

Diese Bestrebungen, das bittere Vermächtnis der
Sklaverei aufzuheben, setzen sich bis in die heutige
Zeit fort. Die aus dem noch nicht beendeten Kampf
unserer Nation gegen die Rassendiskriminierung
gezogenen Lehren können an andere Mitglieder der
internationalen Staatengemeinschaft weitergegeben
werden. Mit anderen Worten: Unsere nationalen
Erfahrungen demonstrieren, daß rechtliche Garantien der Menschenrechte eine Voraussetzung für
sozialen Fortschritt sind und nicht umgekehrt.
Das Schicksal der Indianer ähnelt dem vieler Urbevölkerungen: Zerstörung und Vertreibung ihrer
Kulturen und Gesellschaften. Die aus dieser Ungerechtigkeit gezogenen Lehren und die daraus
resultierenden Pflichten der amerikanischen Bürger
sind ebenfalls ein zentrales Vermächtnis der amerikanischen Geschichte.
Auch die Angehörigen

AMERIKA DIENST 37

Lebens

werden

Bestrebungen

In der Vergangenheit und Gegenwart unseres Landes
sind zahlreiche andere Menschenrechtsprobleme zu
finden. Während wir uns bemüht haben, neue
Herausforderungen auszumachen, haben wir mit
unterschiedlichem Erfolg an der Stärkung der Fähigkeit unserer Institutionen zu ihrer Bewältigung gearbeitet.
Als offene Demokratie tendieren die Vereinigten
Staaten dazu, ihre schwierigsten und entscheidendsten Menschenrechtsfragen in der Öffentlichkeit und
vor Gericht zu behandeln. Die Folge sind eine
Anzahl herkömmlicher, auf Präzedenzien beruhender
Menschenrechtsfragen sowie zahlreiche neuere
Probleme, bei denen juristisches Neuland betreten
wird. Zu den ersteren gehören Religionsfreiheit,
Einwanderungs- und Flüchtlingsprobleme, Rassendiskriminierung und Meinungsfreiheit, die neueren
umfassen geschlechtsspezifische Diskriminierung,
Todesstrafe, Schwangerschaftsabbruch, Brutalität der
Polizei und die Rechte sprachlicher Minderheiten.

Seite 3

�Unsere Gesetze sehen vor, daß Verträge und Statuten im Einklang mit den Erfordernissen der Verfassung stehen müssen. Keine Vertragsbestimmung
erlangt Gesetzeskraft, wenn sie der Verfassung
zuwiderläuft. Im Fall der internationalen Konvention
über bürgerliche und politische Rechte bietet die
Verfassung der Vereinigten Staaten größeren Schutz
der Redefreiheit als die Konvention. Bei diesen und
anderen Verfügungen der Konvention haben die
Vereinigten Staaten ihr Verständnis einer bestimmten Verfügung dargelegt oder erklärt, wie sie diese
Bestimmung oder dieses Unterfangen anzuwenden
gedenken.
Es hat wenig Zweck, auf internationaler Ebene
Grundsätze für den Schutz der Menschenrechte zu
verkünden, wenn sie im eigenen Land nicht sinnvoll
verwirklicht und durchgesetzt werden können. Um
mit den Worten des renommierten Menschenrechtsund Verfassungsexperten Louis Henkin zu sprechen:
"Völkerrechtliche Bestimmungen zu Menschenrechtsfragen sind Gegenstück und Ergänzung nationaler
Gesetze... ersetzen diese jedoch nicht, sondern sind
vielmehr von nationalen Institutionen abhängig."
Somit obliegt es den verschiedenen Organen auf
nationaler, bundesstaatlicher und kommunaler
Ebene hier in den Vereinigten Staaten, diese internationalen Verpflichtungen zu verwirklichen.
Seit der große französische Denker und Staatsmann
Alexis de Tocqueville in den dreißiger Jahren des
19. Jahrhunderts sein klassisches Werk "Demokratie
in Amerika" niederschrieb, verfügen die Vereinigten
Staaten Beobachtern zufolge über ein erstaunlich
robustes Rechtssystem, das den Rahmen und das
Werkzeug für den rechtlichen Schutz von Menschenrechten bildet. Dieser Bericht der Vereinigten Staaten an den Menschenrechtsausschuß der Vereinten
Nationen konzentriert sich folglich auf die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Menschenrechte, die sich als Mischung aus Statuten und
Gewohnheitsrecht auf Bundesebene entwickelt
haben.
Die im Verlauf der amerikanischen Geschichte
entstandene umfassende Rechtsauffassung dient als

Grundlage für einen Großteil der internationalen
Menschenrechtsgesetze und setzte - ironischerweise,
aber zu Recht - den Maßstab, mit dem die Vereinigten Staaten von anderen Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft gemessen werden.
Obwohl sich der Schutz der Menschenrechte in den
Vereinigten Staaten im Lauf der Jahre maßgeblich
verbessert hat, bestehen noch viele Herausforderungen und Probleme. Die in diesem Bericht enthaltene
ausgefeilte Struktur der Menschenrechtsgesetzgebung ist das Ergebnis eines langen und schmerzlichen Kampfes in den Vereinigten Staaten, einer
ergreifenden Geschichte, die gleichermaßen von
Grausamkeit und Ungerechtigkeit wie von Vision und
Mut erzählt. Es ist ein besonderes Merkmal unseres
politischen und juristischen Systems, die ständige
Möglichkeit zur Anklage in das Muster einer konstitutionellen Demokratie einzuweben.
Indem wir diesen Bericht veröffentlichen und innerhalb des Landes verteilen, hoffen wir das Bewußtsein der Öffentlichkeit für den Schutz der Menschenrechte und die Erziehung hierzu in den Vereinigten Staaten zu schärfen. Wir hoffen, daß der
Bericht in Schulen und Universitäten, unter bürgerlichen und politischen Gruppen sowie interessierten
Bürgern eine breite Leserschaft findet.
Im Rahmen der internationalen Konvention über
bürgerliche und politische Rechte sowie zusätzlichen
Menschenrechtsabkommen, denen die Vereinigten
Staaten angehören, werden wir Folgeberichte erstellen.
Hier wie andernorts ist die Durchsetzung der universellen Menschenrechte eine im Gange befindliche
Arbeit. Obwohl das amerikanische System mit der
Zeit viel zur Förderung und Verteidigung der Menschenrechte unternommen hat - wie dieser Bericht
zeigt - bleibt noch viel zu tun. Die Regierung der
Vereinigten Staaten begrüßt einen lebhaften Dialog
und Debatten über die Förderung der Menschenrechte in den Vereinigten Staaten und der gesamten
internationalen Staatengemeinschaft, die sich am
Horizont des 21. Jahrhunderts abzeichnet.

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AMERIKA DIENST 37

�DATEN AUTOBAHN
21. September 1994

GLOBALES INFORMATIONSSYSTEM
FÖRDERT ENTWICKLUNG
von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Vizepräsident AI Gore über seinen
Aktionsplan für ein weltweites Informationssystem, das die örtlichen Netze der ganzen Welt zu einer globalen
Informationsinfrastruktur verbindet. Die Vereinigten Staaten werden auf bevorstehenden internationalen
Konferenzen die von Gore vorgeschlagenen fünf Prinzipien für weltweite Datenautobahnen fördern.
Die nachstehend erörterten Fragen sollen auf der für den 19. September 1994 in Kioto anberaumten Konferenz
der internationalen Fernmeldeunion sowie auf dem Telekommunikations-Workshop der OECD, dem
Ministertreffen des APEC, dem Gipfel amerikanischer Staaten, dem gemeinsamen Symposium des APEC und
der OECD über das globale Informationsnetz sowie der Ministerkonferenz der G-7 über dieses Thema
angesprochen werden.

Die Idee einer Welt, deren Bürger durch einen
umfassenden Austausch von Informationen und
Ideen verbunden sind, ist nicht neu. Neu ist jedoch,
daß wir jetzt über die Technologie zur Verwirklichung
dieses Traums verfügen.
Vor ungefähr 30 Jahren las ich in der High School
die folgende Passage: "Mit Hilfe elektronischer
Mittel ist die gegenständliche Welt ein großer Lebensnerv geworden, der Impulse über Tausende von
Kilometern in atemberaubender Geschwindigkeit
befördert. Der Globus ist ein riesiges, mit Informationen angefülltes Gehirn!"
Diese visionären Äußerungen wurden 1851 von
Nathaniel Hawthorne, einem der größten Schriftsteller Amerikas, gemacht, der von der Entwicklung des
Telegraphen inspiriert war.
Nahezu 150 Jahre lang haben die Menschen danach
gestrebt, Hawthornes Vision zu verwirklichen - den
gesamten Globus mit Kommunikationsverbindungen
zu umgeben und dadurch ein Netz des gesamten
menschlichen Wissens zu schaffen.
Wir können jetzt zumindest ein den Planeten umspannendes Informationsnetz schaffen, das in Lichtgeschwindigkeit Botschaften und Bilder von der
größten Stadt zum kleinsten Dorf auf jedem Kontinent übermittelt.

AMERIKA DIENST 37

Präsident Clinton und ich sind der Ansicht, daß die
Schaffung dieses Netzes der Netze eine essentielle
Vorbedingung für umweltverträgliche Entwicklung für
alle Mitglieder der menschlichen Familie darstellt. Zu
diesem Zweck müssen Gesetzgeber und Wirtschaftsvertreter eine globale Informationsinfrastruktur aufbauen und betreiben.
Diese Datenautobahnen - oder, genauer gesagt,
Netze verteilter Informationen - gestatten uns einen
Austausch von Daten sowie Kontakt und Kommunikation innerhalb der Weltgemeinschaft. Aus diesen
Verbindungen können wir stabilen und umweltverträglichen wirtschaftlichen Fortschritt herleiten, starke
Demokratien, bessere Lösungen für globale und
örtliche umweltpolitische Herausforderungen, verbesserte Gesundheitsfürsorge und - letztlich - ein besseres Bewußtsein unserer gemeinsamen Verantwortung für die Erhaltung unseres kleinen Planeten.
Wir rufen alle Regierungen dazu auf, diese globale
Informationsinfrastruktur auf ihrem nationalen Hoheitsgebiet und in internationaler Zusammenarbeit
aufzubauen. Die Vereinigten Staaten werden hierzu
ihren Teil leisten.
Die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur
muß durch Kooperation zwischen Regierungen und
Völkern erfolgen. Sie kann nicht von einem einzigen

Seite 1

�Land diktiert oder aufgebaut werden, sondern muß
eine demokratische Bestrebung darstellen.
Die globale Informationsinfrastruktur kann das Funktionieren der Demokratie fördern, indem sie die
Beteiligung der Bürger an Entscheidungsfindungsprozessen beträchtlich erhöht. Und sie wird die
Fähigkeit von Nationen zur Zusammenarbeit untereinander stark vergrößern.

Sie soll aus Hunderten verschiedener Netze bestehen, von mehreren Unternehmen unter Einsatz
unterschiedlicher Technologien betrieben werden, die
alle zu einem "Netz der Netze" verbunden sind und
nahezu jedem Amerikaner Telefon und interaktives
Digitalvideo bereitstellen.
Unser Plan basiert auf fünf Prinzipien:
Förderung von Privatinvestitionen,

Die globale Informationsinfrastruktur wird auf nationaler und internationaler Ebene zum Schlüssel für
Wirtschaftswachstum werden. Bei uns in den Vereinigten Staaten bedeutet die Informationsinfrastruktur für die Wirtschaft in den neunziger Jahren bereits
soviel wie die Verkehrsinfrastruktur für die Wirtschaft
in den zwanziger Jahren. Die Integration von Computer- und Informationsnetzen in die Wirtschaft
erhöht die Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und
Anpassungsfähigkeit amerikanischer Fertigungsunternehmen an sich verändernde Gegebenheiten
und wird dasselbe auch für die Volkswirtschaften
anderer Nationen leisten.
Dieselben Technologien ermöglichen auch das
Wachstum der amerikanischen Dienstleistungssektoren, ihre Vergrößerung und Produktivitätssteigerung sowie eine Erweiterung ihrer Produktpalette und der Fähigkeit, auf Verbraucherwünsche zu
reagieren. Ungefähr 60 Prozent aller amerikanischen Arbeitnehmer sind von "Wissen" abhängig.
Die digitale Telekommunikationstechnologie, die
Glasfaseroptik sowie neue Hochleistungssatellitensysteme verändern das Telekommunikationswesen.
Ein einziges Glasfaserkabel kann pro Sekunde
Tausende von Telefongesprächen übermitteln.
Diese Entwicklungen senken entscheidend die
Kosten für den Aufbau der globalen Informationsinfrastruktur. In der Vergangenheit wären dazu
Jahre benötigt worden. Heute können ein Satellit
und ein Dutzend Bodenstationen innerhalb weniger
Monate installiert werden - zu viel geringeren Kosten.
Die Wirtschaftlichkeit von Informationsnetzen hat
sich so radikal verbessert, daß ein konkurrenzfähiger, privater Markt einen Großteil der globalen
Informationsinfrastruktur bauen kann. Das hängt
natürlich von einer vernünftigen Steuerung ab.
Innerhalb der Vereinigten Staaten streben wir den
Aufbau und die Aufrechterhaltung unserer Datenautobahnen durch den Privatsektor an - die nationale Informationsinfrastruktur.

Ermutigung von Wettbewerb,
Schaffung eines flexiblen Steuerungsrahmens, der
mit schnellen Veränderungen von Technologie
und Märkten Schritt halten kann,
offener Zugang zum Netz für alle Informationslieferanten sowie
Sicherstellung universeller Dienstleistungen.
Sind diese Prinzipien einzigartig in den Vereinigten
Staaten? Kaum. Viele sind anerkannte internationale Grundsätze. Meines Erachtens können diese
Prinzipien die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur fördern und dafür erforderliche Informationen liefern.
Erstens schlagen wir vor, daß Privatinvestitionen und
Wettbewerb die Grundlage für die Entwicklung der
globalen Informationsinfrastruktur darstellen.
In den letzten Jahren entschieden sich viele Länder,
insbesondere in Lateinamerika, für die Privatisierung
ihrer staatlichen Telefongesellschaften, um Vorteile
und Anreize für Privatunternehmen zu schaffen einschließlich Innovation, erhöhten Investitionen,
Effizienz und Verantwortungsgefühl - damit sie auf
die Erfordernisse des Marktes reagieren.
Privatisierung reicht jedoch nicht aus. Auch Wettbewerb ist erforderlich.
In der Vergangenheit waren Telekommunikationsmonopole sinnvoll, weil in vielen Fällen die Technologie sowie Kostenersparnisse durch optimale Betriebsvergrößerung bedeuteten, daß der Bau von mehr als
einem Netz ineffizient war. Heute macht es die
Vielfalt der technologischen Optionen nicht nur
möglich, sondern wünschenswert, daß verschiedene
Unternehmen konkurrierende - aber miteinander
verbundene - Netze betreiben, weil Wettbewerb den
besten Weg darstellt, den Telekommunikationssektor
effizienter, innovativer und profitabler zu gestalten.
Zur Förderung von Wettbewerb und Investitionen im
weltweiten Telekommunikationswesen benötigen wir

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AMERIKA DIENST 37

�eine kostenorientierte Beschaffung und Buchhaltung,
die die Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur beschleunigen würden.
Ferner sind internationale Normen erforderlich, um
Verbindungen untereinander und Durchführbarkeit
sicherzustellen. Nationale Netze müssen wirksam
mit anderen verknüpft werden, um die einfache
Vision umzusetzen, Schulen, Krankenhäuser,
Unternehmen und Privatleute in der globalen Informationsinfrastruktur miteinander zu verbinden. Hand
in Hand mit der Notwendigkeit von Privatinvestitionen und Wettbewerb geht die Erfordernis von einem
autorisierten Steuerungsgremium
entwickelter,
angemessener und flexibler Steuerungsmechanismen.
Damit der Privatsektor investieren kann und Marktöffnungsinitiativen erfolgreich sind, muß eine Steuerung erfolgen, die Wettbewerb und Privatinvestitionen einerseits, und die Verbraucherinteressen
andererseits fördert und schützt.
In den Vereinigten Staaten haben wir der unabhängigen Bundesbehörde für das Fernmeldewesen beträchtliche Steuerungsbefugnis übertragen. Dieses
Expertengremium ist gut dafür ausgerüstet, schwierige technische Entscheidungen zu fällen und sich
verändernde Marktbedingungen zu überwachen.
Wir benötigen auch ein flexibles, effektives System
zur Lösung internationaler Fragen - das mit dem
immer schneller werdenden Tempo des technologischen Wandels Schritt halten kann.
Unser viertes Prinzip ist offener Zugang. Die Betreiber von Telefon- und Videonetzen sollten einen
angemessenen Preis für den Zugang zu ihrem Netz
verlangen.
Staaten und Unternehmen sind nicht in der Weltwirtschaft konkurrenzfähig, wenn sie keinen Zugang zu
neuesten Informationen haben und nicht sofort mit
Kunden auf dem gesamten Globus kommunizieren
können. Leichter Zugang zu Informationen ist auch
für die Ausbildung von in Spitzentechnologieindustrien benötigten qualifizierten Arbeitnehmern erforderlich.
Im 21. Jahrhundert werden die Staaten prosperieren,
die eine Telekommunikationspolitik und Urheberrechtsgesetze haben, welche ihren Bürgern Zugang
zu einer Vielzahl von Informationsdienstleistungen
verschaffen. Der Schutz geistigen Eigentums ist
hierzu von essentieller Bedeutung.
Das letzte und wichtigste Prinzip besteht darin, eine
universelle Dienstleistung zu garantieren, damit die

AMERIKA DIENST 37

globale Informationsinfrastruktur allen Mitgliedern
unserer Gesellschaften zur Verfügung steht.
Hunderte in der Erdumlaufbahn stationierte Satelliten
könnten schon bald jedem Punkt der Erde Telefonund Datendienstleistungen anbieten. Solche Systeme könnten universelle Dienstleistungen sowohl
praktisch als auch erschwinglich gestalten.
Eine andere Dimension der universellen Dienstleistungen ist die Erkenntnis, daß die Ökonomie der
Märkte nicht die einzige Determinante für die Reichweite der Informationsinfrastruktur sein sollte.
Präsident Clinton und ich haben in den Vereinigten
Staaten effektive Maßnahmen gefordert, damit die
globale Informationsinfrastruktur bis zum Ende des
Jahrhunderts jedes Klassenzimmer, jede Bibliothek,
jedes Krankenhaus und jede Klinik in unserem Land
erfaßt.
Schulen und Bibliotheken jedes Landes sollten an
Internet, das weltweit größte Computernetz angeschlossen werden, damit eine globale digitale Bibliothek eingerichtet werden kann.
Sie würde es Millionen von Schülern, Studenten,
Lehrkräften und Unternehmern gestatten, die benötigten Informationen zu finden, sei es in Albanien
oder Ecuador.
Die Macht der globalen Informationsinfrastruktur wird
beeinträchtigt, wenn wir nicht große Teile der Weltbevölkerung erreichen können.
Von manchen wird behauptet, der Mangel wirtschaftlicher Entwicklung beeinträchtige das Telekommunikationswesen. Meines Erachtens ist es genau umgekehrt.
Ein primitives Telekommunikationssystem
behindert die Wirtschaftsentwicklung.
Wir dürfen folglich nicht gleichgültig gegenüber den
Einkommensungleichgewichten zwischen einzelnen
Nationen sein, sei es gemessen daran, wieviele
Telefone den Menschen zur Verfügung stehen und
ob sie solch neue Technologien wie Hochgeschwindigkeitscomputernetze oder Videokonferenzen haben.
Die Vereinigten Staaten bemühen sich engagiert um
eine Zusammenarbeit mit anderen Ländern in dieser
Angelegenheit.
Wie können wir zusammenarbeiten, um der Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur im Wege
stehende Hindernisse zu beseitigen - einschließlich
der Finanzierung und Ausbildung? Die Industrieländer können hierzu folgendes unternehmen:

Seite 3

�Wir können die globale Informationsinfrastruktur
für die technische Zusammenarbeit zwischen
Industriestaaten und Entwicklungsländern einsetzen.
Die globale Informationsinfrastruktur kann die für
Entwicklung zuständigen Behörden unterstützen,
Fachleute aus jeder Nation in Kontakt miteinander zu bringen und sie zur Lösung gemeinsamer Probleme zu befähigen.
Multilaterale Institutionen wie die Weltbank
können den Nationen bei der Finanzierung der
Telekommunikationsinfrastruktur helfen.
Die Vereinigten Staaten haben einen Beitrag zur
Bereitstellung von technischem Know-how geleistet, das zur Aufstellung und Nutzung dieser
neuen Technologien benötigt wird. Das Amt für
internationale Entwicklung sowie amerikanische
Unternehmen haben dem Institut für Ausbildung
im Telekommunikationswesen Beistand bei der
Ausbildung von über 3.500 Telekommunikationsexperten aus den Entwicklungsländern geleistet.
Andere Nationen und internationale Organisationen können ebenfalls solche Programme einrichten.

Um die globale Informationsinfrastruktur in den Dienst
des Schutzes und Erhalts der globalen Umwelt zu
stellen, könnten Satelliten und persönliche Kommunikationstechnologien zur Schaffung eines globalen Netzes von Umweltinformationen eingesetzt
werden.
Die globale Informationsinfrastruktur kann uns die für
eine dramatische Verbesserung der Lebensqualität
auf der Erde erforderlichen Informationen liefern.
Durch die Vernetzung von Kliniken und Krankenhäusern soll sie sicherstellen, daß die behandelnden
Ärzte optimalen Zugang zu Informationen über
Krankheiten und Behandlungsmethoden erhalten.
Durch Frühwarnsysteme bei Naturkatastrophen wie
Vulkanausbrüchen oder Taifunen kann das Leben
Tausender von Menschen gerettet werden.
Und durch die Vernetzung von Städten und Dörfern
wird den Menschen die Organisation und Zusammenarbeit bei der Lösung örtlicher und regionaler Probleme erleichtert - von der Verbesserung der Wasserqualität bis zur Verhinderung der Abholzung.
Um Freiheit und Demokratie zu fördern, zu schützen
und zu bewahren, müssen wir die Entwicklung des
Telekommunikationswesens zu einem integralen
Bestandteil der Entwicklung jeder Nation machen.

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AMERIKA DIENST 37

�TECHNOLOGIE
21. September 1994

BROWN GIBT GEWINNER DER NATIONALEN
TECHNOLOGIEMEDAILLE BEKANNT
Erfindungen zugunsten der gesamten Menschheit
WASHINGTON - (AD) - Als Gewinner der höchsten
Auszeichnung des Landes im Technologiebereich
wurden vier Einzelpersonen und zwei Firmen für
Erfindungen benannt, die von Fenstern für die
Raumfähre bis zu einer Maschine reichen, die große
Stoffmengen maßgerecht zuschneidet.
Die Empfänger der nationalen Technologiemedaille
1994 wurden am 14. September von Wirtschaftsminister Ronald Brown in Anerkennung herausragender Leistungen auf dem Gebiet technologischer
Innovation und Vermarktung bekanntgegeben.
Präsident Clinton, der die endgültige Zustimmung zu
allen Auszeichnungen gab, wird die Medaillen im
Oktober während einer Feierstunde im Weißen Haus
überreichen. Anfang des Monats wurden acht
Empfänger der nationalen Wissenschaftsmedaille
benannt.
Brown äußerte bei einer Pressekonferenz, daß
Millionen Menschen von den Erfindungen der
Medaillengewinner profitieren werden, und jeder
Gewinner besondere Anerkennung "als Vorbild für
die neue amerikanische Wirtschaft" verdiene.
"Neue Technologien haben unsere Arbeit im Fertigungs- und Dienstleistungssektor, im Labor und
Büro sowie in der Fabrik revolutioniert", erklärte
Brown.

Wissenschaftler des biotechnologischen Unternehmens Amgen werden beispielsweise für die Entdekkung von zwei Medikamenten ausgezeichnet, die
schwerkranken Patienten mit Krebs- oder Nierenleiden entscheidend geholfen haben, und Corning Inc.
wird für Erfindungen geehrt, die völlig neuen internationalen Industriezweigen für Beleuchtung, Fernseh- und optische Kommunikation den Weg geebnet
haben.
Die in Thousand Oaks (Kalifornien) ansässige Firma
Amgen wird als erstes biotechnologisches Unternehmen mit der Technologiemedaille ausgezeichnet.
Amgen brachte ein durch Genmanipulation erzeugtes
menschliches Protein auf den Markt, das die Produktion der roten Blutkörperchen anregt und bei Dialysepatienten angewandt wird, die unter schwerer Anämie
leiden. Dank des neuen Präparats mußten sich diese
Patienten nicht länger wiederholten Bluttransfusionen
unterziehen.
Amgen-Wissenschaftler entdeckten ferner ein Protein,
das die Produktion der Infektionen bekämpfenden
weißen Blutkörperchen anregt.
Dies führte zur
Herstellung des Medikaments Neupogen, das vorwiegend zur Verhinderung von Infektionen im Rahmen von Chemotherapie bei verschiedenen Krebsarten und Knochenmarkstransplantationen verwendet
wird. Heute wird Neupogen über 200.000 Krebspatienten in den Vereinigten Staaten und mehr als
400.000 weltweit verabreicht.

"Ob wir auf dem globalen Markt oder andernorts
konkurrieren - Technologie ist der entscheidende
Faktor", fügte er hinzu. "Die Nationen, die am
besten von der Macht der Technologie profitieren,
sind führende Länder, die sich neuen Wohlstands,
Wirtschaftswachstums und der Vollbeschäftigung
erfreuen."

Corning, eine Glaswaren-Firma in Corning (New
York), blickt auf eine lange Reihe technologischer
Errungenschaften zurück, die basierend auf der
Erfindung des elektrischen Lichts durch Thomas
Edison 1879 mit der Herstellung der Glühbirne
begann.

Regierungsvertretern zufolge führen die technologischen Errungenschaften der als Gewinner vorgeschlagenen Einzelpersonen und Firmen zu Fortschritten in der Medizin, wirtschaftlichem Wohlstand
und einem höheren Lebensstandard für die Menschen auf der ganzen Welt.

Inzwischen hat Corning die erste kommerziell nutzbare optische Faser zur Verwendung im Telekommunikationsbereich entwickelt und einen Großteil der
rund 50 Millionen Kilometer Glasfasern geliefert, die
heute den Globus umspannen. Das Unternehmen
hat darüber hinaus ein chemisch stabiles Flachglas

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�für LCDs eingeführt und wurde zum weltweit führenden Flachglas-Lieferanten für Produkte wie LaptopComputer, Video-Camcorder und tragbare Fernsehgeräte sowie der Fenster für alle amerikanischen
Weltraummissionen seit Gemini in den sechziger
Jahren.
Joel Engel, Abteilungsleiter für Technologie bei der
Ameritech Corporation, und Richard Frenkie, pensionierter Ingenieur bei AT&amp;T Consumer Products,
werden für ihre gemeinsame Arbeit an der Entwicklung des zellularen Mobilfunksystems geehrt, das
einen Durchbruch gegenüber den Einschränkungen
des Mobiltelefons darstellt.
Vor dem Zellularfunk gestatteten die begrenzt zur
Verfügung stehenden Kanäle nur wenigen hundert
Menschen die Benutzung von Autotelefonen in einer
Stadt normaler Größe. Indem die Stadt in viele
kleine "Zellen" genannte Bereiche unterteilt wird und
die Anrufe während der Weiterfahrt von Zelle zu
Zelle weitergeleitet werden, wird dank des neuen
Systems die Kapazität der Kanäle multipliziert und
der weltweite Mobilfunk revolutioniert.
Irwin Jacobs, Geschäftsführer von Qualcomm Inc.,
wird ebenfalls für seine Pionierarbeit im Bereich der
drahtlosen Kommunikation gewürdigt.
Jacobs
entwickelte die Codemu Itiplexzugriff-Technologie
(Code Division Multiple Access Technology CDMA), die eine Kapazitätserweiterung um 1.000 bis
2.000 Prozent verglichen mit bestehenden Zellularsystemen bedeutet und einen leichten Übergang
von analogen zu digitalen Systemen gestattet.

Die CDMA-Technologie wird im Rahmen des sogenannten drahtlosen Anschlußleitungssystems (Wireless Local Loop System) in Ländern auf der ganzen
Welt eingeführt, mit dem Hunderte Millionen Menschen an das Telefonnetz angeschlossen werden, die
bisher keinen Teilnehmeranschluß haben. Mit dem
neuen System kann ein Land praktisch sofort ein
riesiges Gebiet mit Telefonanschlüssen abdecken,
indem ein einziger Turm und eine Bodenstation
errichtet werden, ohne teure Kabel verlegen oder
eine komplizierte Telefon-Infrastruktur entwickeln zu
müssen.
Der letzte Gewinner ist H. Joseph Gerber, Gründer
und Präsident von Gerber Scientific Inc., der eine
Maschine entwickelte, die große Stoffmengen schnell
und maßgerecht zuschneidet. Gerbers Erfindung
veränderte die Textilindustrie. Heute kann Gerbers
automatisierte Textilverarbeitungseinheit 3.500 Stücke
für 50 Herrenanzüge maßgerecht in weniger als drei
Minuten zuschneiden und wird in 38 Länder verkauft.
Gerber, der Inhaber von 600 Patenten ist, entwickelte
ferner eine Reihe integrierter Systeme, mit denen die
Produktion in der Möbel-, Koffer-, Schuh-, Luftfahrtund Automobilindustrie automatisiert wird.
Die Gewinner der Technologiemedaille, die erstmals
1985 verliehen wurde, werden von einem Sonderausschuß ausgewählt, der vorwiegend aus Vertretern
der Privatindustrie besteht. Das Programm wird von
einer gemeinnützigen Stiftung unterstützt, die aus
Führungskräften der High-tech-lndustrie besteht.

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