<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<item xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" itemId="2369" public="1" featured="0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/show/2369?output=omeka-xml" accessDate="2026-11-04T01:56:28+00:00">
  <fileContainer>
    <file fileId="2380">
      <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/cf53894ee15437829d7ed4f936317be4.pdf</src>
      <authentication>83905332350e8f1c0bae43ab69a25242</authentication>
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="4">
          <name>PDF Text</name>
          <description/>
          <elementContainer>
            <element elementId="52">
              <name>Text</name>
              <description/>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="12198">
                  <text>cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

14. September 1994

36

USA-DEUTSCHLAND

GORE BETONT AMERIKANISCHES
ENGAGEMENT FÜR DEUTSCHLAND UND
EUROPA
Rede des Vizepräsidenten

DER ABSCHIED

CHRISTOPHER ERINNERT AN DIE BERLINER
LUFTBRÜCKE VON 1948
Ansprache vor dem Luftbrückendenkmal

CHRISTOPHER WÜRDIGT LEISTUNGEN DER
ALLIIERTEN STREITKRÄFTE IN
DEUTSCHLAND
Rede im Berliner Schauspielhaus

BEVÖLKERUNG

KAIRO ERÖRTERT NORD-SÜD-PROBLEME
UND ETHIK-FRAGEN
Überwindung letzter Hindernisse

AMERIKANER FÜR EINDÄMMUNG DES
BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Die öffentliche Meinung in den USA

NORDKOREA

USA DRINGEN AUF DIALOG ZWISCHEN
NORD- UND SÜDKOREA
Gespräche zwischen Christopher und Han

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�KRIEGSVERBRECHEN

EIN TRIBUNAL FÜR DIE GERECHTIGKEIT
von John Shattuck

AMERIKAS STÄDTE

DER NEW YORKER STADTTEIL HARLEM
von Guy Halverson

�USA-DEUTSCHLAND
14. September 1994

GORE BETONT AMERIKANISCHES ENGAGEMENT
FÜR DEUTSCHLAND UND EUROPA
Rede des Vizepräsidenten
WASHINGTON - (AD) - Aus Anlaß des Abzugs der alliierten Truppen aus Deutschland unterstrich
Vizepräsident AI Gore das dauerhafte Engagement der Vereinigten Staaten für Deutschland und Europa. Gore
verwies auf den Verbleib von 100.000 Soldaten in Europa und erinnerte daran, daß sein Land der Sicherheit
und dem Wohlstand Europas unvermindert verpflichtet ist.
Der Vizepräsident sprach am 9. September 1994 über WorldNet, dem Satellitenfernsehsender des USInformationsamts (United States Information Agency - USIA), bei einer Konferenz hochrangiger Vertreter aus
Politik und Wirtschaft in Berlin.

Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Vizepräsidenten in wesentlichen Auszügen.

Ich möchte den Veranstaltern dieser wichtigen
Konferenz sowie den hochrangigen Vertretern aus
Wirtschaft und Politik meinen Dank aussprechen,
insbesondere Bundeskanzler Kohl, den ich sehr
bewundere und für dessen Freundschaft ich außerordentlich dankbar bin. Seine Rede war äußerst
beeindruckend. Ich weiß sein Verständnis dafür zu
schätzen, daß ich nicht persönlich in Berlin anwesend sein kann und bedauere sehr, daß ich nicht bei
dem großen Zapfenstreich gestern abend dabei sein
konnte. Offen gesagt, ich wünschte, das Basketballspiel, bei dem ich mir diese Verletzung zugezogen
habe, wäre verschoben worden.

p

Die Wunder der Technologie - Wunder, die wir
inzwischen als selbstverständlich hinnehmen erlauben es mir, zu Ihnen über Satellit zu sprechen.
Natürlich ist dies kein Ersatz dafür, persönlich bei
diesem besonderen Anlaß anwesend sein zu können. Heute morgen ging die Sonne über einem
neuen Zeitalter der deutschen Geschichte auf.
Gestern sind die alliierten Truppen nach nahezu 50
Jahren abgezogen. Sie kommen also in einem
Berlin zusammen, das wieder sich selbst und
Deutschland gehört. Die Tragweite dieses Augenblicks gebietet uns, innezuhalten und gemeinsam
über seine Bedeutung für Berlin, für Deutschland, für
Europa und das atlantische Bündnis nachzudenken.
Eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Der
Abzug unserer Truppen aus Berlin bedeutet nicht,
daß die Vereinigten Staaten in irgendeiner Weise
der Sicherheit und dem Wohlstand Europas und der
strategischen Partnerschaft mit unseren europä-

AMERIKA DIENST 36

ischen Verbündeten weniger verpflichtet sind als zu
Zeiten der Berliner Luftbrücke oder als unsere
Soldaten unerschrocken in die Gewehre der Soldaten
des Warschauer Pakts am Checkpoint Charlie
blickten.
Amerikanische, britische und französische Truppen
haben Berlin gestern von Stolz erfüllt über ihre
beendete Mission verlassen. Sie hinterließen bessere Chancen für ein großartiges Zeitalter des
Friedens als zu jeder anderen Zeit in diesem Jahrhundert. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat
uns nicht eine freundliche neue Weltordnung präsentiert, die man nur annehmen mußte. Dieser Zerfall
hat vielmehr eine Periode tiefgreifender Umgestaltung
bewirkt, aus der entweder die Welt hervorgeht, für
deren Sicherstellung wir so hart gekämpft haben,
oder eine Welt neuer Alpträume. Wir befinden uns
inmitten eines Kampfes zu gewährleisten, daß die
Zukunft gut wird. Unsere Aufgabe besteht jetzt darin
sicherzustellen, daß der von uns aufzubauende neue
Rahmen eine dauerhafte internationale Ordnung auf
der Grundlage von Demokratie, freien Märkten und
gegenseitiger Sicherheit aufrechterhalten kann.
Das Ausmaß der uns konfrontierenden Probleme ist
proportional zu dem enormen Ausmaß unserer
Chancen. Heute haben wir die Möglichkeit, nicht nur
unsere Streitkräfte abzuspecken, sondern auch unser
Bündnis neu zu definieren und am Ende die Definition der kollektiven militärischen Sicherheit an sich
neu zu formulieren. Gleichzeitig sehen wir uns der
Herausforderung gegenüber, Millionen Menschen in

Seite 1

�die wirtschaftlichen und politischen Strukturen zu
integrieren, die ihnen bisher verwehrt waren. In
dieser Situation ist es unmöglich, unsere Interessen
zu schützen, wenn wir eine Veränderung unserer
grundlegenden Institutionen ablehnen. Jeder ist sich
bewußt, daß ein mit einer tiefgreifenden Veränderung der Bedrohung konfrontiertes Bündnis - der
Ursache seiner Gründung - entweder eine überzeugende neue Logik definieren muß oder überholt
ist. Jeder weiß, daß auf einen geteilten Kontinent
zugeschnittene wirtschaftliche und politische Organisationen sich jetzt an neue Gegebenheiten anpassen müssen, einschließlich der Aufnahme neuer
Mitglieder, oder sich als Bastion der Privilegien
darstellt.
Wir alle wissen, daß eine Generation junger Menschen, die keine Ziele findet, an die zu glauben es
wert ist, von Zynismus oder rassischem und ethnischem Haß geleitet, auf jeden Fall aber verloren
sein wird. Wir können also nicht so bleiben wie wir
waren. Diese Welt war vertraut, aber sie ist vergangen. Wir sollten ihrem Ende jedoch keinen
Augenblick lang nachtrauern. Die Sicherheiten, auf
die sie gegründet war, hingen letztlich von der
Unterdrückung und dem Leid der Menschen in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion ab. Ihre
Befreiung schafft das Potential für etwas Beispielloses. Für die Amerikaner ist es eben die Welt, für die
wir in Europa gekämpft haben - eine demokratische
Welt, die Platz für Vielfalt schafft, in der die Staaten
ihre Beziehungen zueinander durch Verhandlungen
und Arrangements regeln, in denen die Menschen
sicher innerhalb der durch gewohnheitsmäßige
Toleranz geschaffenen und durch das Gesetz
untermauerten Regeln leben. Wir haben uns an
zwei Weltkriegen beteiligt, weil wir an die Möglichkeit
dieser Dinge glaubten. Wir wurden während des
Kalten Krieges ein Pfeiler der europäischen Verteidigung, um diese Möglichkeit zu schützen.
Glauben Sie mir, wir werden unsere Partnerschaft zu
Europa mit unvermindertem Engagement pflegen
und unterstützen, nun, da unsere beste Chance zur
Verwirklichung unserer Hoffnungen gekommen ist.
Der Abzug unserer Streitkräfte aus Berlin ist natürlich nicht das Ende der amerikanischen Präsenz in
Europa oder Deutschland. Präsident Clinton hat
eindeutig klargestellt, daß er 100.000 Soldaten in
Europa stationiert lassen will - den Großteil davon in
Deutschland. Sie besiegeln unser Engagement für
die NATO, sie sind das Symbol für unsere Entschlossenheit zur Unterstützung von Frieden und
Freiheit auf diesem Kontinent, eine Entschlossenheit,
die sich nie verringert hat, seit unsere Soldaten zur
Bekämpfung der Tyrannei im Zweiten Weltkrieg
entsandt wurden.

Seite 2

Obwohl unser Engagement für Europa ebenso wie
das unserer Bündnispartner ungeschmälert ist,
mußten wir die Bedeutung der europäischen Sicherheit an sich im Kontext völlig veränderter Gegebenheiten überdenken. Wo einmal ein mächtiges
gegnerisches Bündnis war, ist heute nichts mehr. Im
Gegenteil, die Staaten Mittel- und Osteuropas sahen
die NATO großenteils als die beste Hoffnung für
militärische Stabilität und Sicherheit in Europa an,
und einige von ihnen haben die Mitgliedschaft in der
NATO buchstäblich an oberste Stelle ihrer Prioritätenliste gesetzt.
Inzwischen erachtet die Russische Föderation,
obwohl ihre Haltung gegenüber der NATO sehr viel
komplexer ist, die NATO nicht länger als Organisation
von Gegnern. Rußland ist der Partnerschaft für den
Frieden beigetreten, und in dieser Woche fanden die
ersten amerikanisch-russischen Militärübungen auf
russischem Boden statt. Wir wollen, daß Rußland die
NATO zunehmend als Partner, nicht als Feind
ansieht. Wir wollen, daß alle Länder die NATO als
Instrument für kontinuierliche Stabilität und Sicherheit
auf dem Kontinent und vielleicht auch als Ressource
zur Bewältigung der Probleme außerhalb des herkömmlichen Rahmens der europäischen Sicherheit
sehen, wie der Friedenssicherung.
Beim NATO-Gipfeltreffen im Januar in Brüssel
entschieden sich die Staats- und Regierungschefs
des Bündnisses zur Erweiterung der Beiträge der
NATO zu diesen neuen Kooperationsmustern in
Europa. Diese erweiterte Kooperation wird viele
Formen annehmen. Die Partnerschaft für den
Frieden und der Nordatlantische Kooperationsrat
(NAKR) sind ein Forum für Konsultationen und
praktische Zusammenarbeit mit 22 Ländern, die zur
Zeit nicht Mitglied des Bündnisses sind. In diesem
Monat werden in Polen die ersten multilateralen
Übungen im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden abgehalten. Mehrere Länder haben neben
dem Beitritt zur Partnerschaft für den Frieden und
zum NAKR bereits ihren Wunsch auf Vollmitgliedschaft im Bündnis zum Ausdruck gebracht. Wir
werden unsere Gespräche über diese wichtige Frage
im Herbst aufnehmen.
Obwohl ich keinen Zeitplan für die Erweiterung der
NATO anbieten kann - diese Angelegenheit muß erst
in der NATO entschieden werden - möchte ich Sie an
Präsident Clintons Worte in Warschau vor wenigen
Monaten erinnern. Die Aufnahme neuer Mitglieder in
die NATO ist nicht länger eine Frage des Ob, sondern des Wann und Wie. Die Erweiterung der NATO,
wenn sie vorgenommen wird, ist sogar für die Länder
von Nutzen, die nicht als erste beitreten werden. Ich
möchte betonen, daß die erweiterte NATO-Mitgliedschaft insbesondere die Sicherheit aller europäischen

AMERIKA DIENST 36

�Nationen verbessern wird - der neuen NATO-Mitglieder, der alten und der Nichtmitglieder gleichermaßen.
Instabilität in Zentraleuropa, der Ursprungsregion
europäischer Kriege, hat zweimal in diesem Jahrhundert Tragödien über den Kontinent gebracht.
Aus diesem Grund sollte Stabilität in Zentraleuropa ein entscheidendes Ziel der erweiterten NATO nicht als eine gegen irgend jemanden gerichtete
Aktion, sondern als wichtige Komponente der
regionalen Sicherheit angesehen werden. Daher
wird die Erweiterung der NATO ein transparenter
Prozeß sein, begleitet von umfassenden Konsultationen mit allen interessierten Parteien und ohne
Überraschungen.
Seit Beginn des westlichen
Bündnisses haben die Vereinigten Staaten die
Bedeutung des Aufbaus von Friedensstrukturen auf
der Grundlage der europäischen Einheit unterstrichen. Wir waren stets der Auffassung, daß Europa
am besten durch Integration und Einheit prosperieren könnte und würde. Die Europäische Union ist
unabdingbar für die Außenpolitik eines demokratischen Europa, ebenso wie für die wirtschaftliche
Kooperation. Wir begrüßen den Wunsch der europäischen Union, im kommenden Jahr vier neue
Mitglieder aufzunehmen. Wir hoffen, daß sich alle
vier für den Beitritt entscheiden und auch andere
folgen werden.
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa hat mehr als zwei Jahrzehnte lang bei
dem Bemühen um europäische Sicherheit eine
Sonderrolle gespielt. Anstatt Verträge abzuschließen
und Organisationspläne aufzustellen, begann die
KSZE ihre Arbeit mit einer ausführlichen Erklärung
zu den Werten der westlichen Zivilisation, den
Grundsätzen zwischenstaatlicher Beziehungen sowie
der Behandlung des einzelnen durch die Regierung.
Wie in der Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr
1975 formuliert, umfassen diese Grundsätze den
Verzicht auf die Androhung oder den Einsatz von
Gewalt, die Unverletzlichkeit der Grenzen, die
territoriale Integrität der Staaten, die friedliche
Beilegung von Streitigkeiten, Nichteinmischung in
innere Angelegenheiten, Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, einschließlich der
Meinungs-, Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit. Die KSZE muß weiterhin Betonung auf die
Werte legen - sie definieren, kritisieren, testen,
lehren - wenn sie ihre Sonderrolle beibehalten will.
Als ich meine heutige Rede vorbereitete, war ich
beeindruckt von den Bildern zweier Städte, von
denen jede ein Symbol für das vergangene europäische Zeitalter der Konfrontation ist - Berlin und
Sarajevo. In Berlin herrscht, nachdem die dort
gekreuzten Schwerter jahrelang Schlagzeilen mach-

AMERIKA DIENST 36

ten, endlich Frieden. Sarajevo ist, nachdem es
jahrelang unbekannt und friedlich war, jetzt in Aufruhr. Eine 80 Jahre währende Konfrontation in
Europa hat gezeigt, daß die Menschheit technologische Fertigkeiten, einschließlich der Mittel zur Herstellung von immer zerstörerischeren Waffen, von
Generation zu Generation weitergeben kann. Jetzt
müssen wir von der Fremdenfeindlichkeit, den
Konflikten und Leiden in Europa während dieser 80
Jahre lernen, dauerhafte Gewohnheiten der Zusammenarbeit und des Friedens weiterzugeben.
Bosnien zeigt uns, wieviel Macht die Ideologien von
Haß und Angst noch haben, und wie gefährlich diese
Macht für den Frieden ist - nicht nur für einen bestimmten Teil Europas, sondern für Europa als
Ganzes. Es ist ein Warnsignal für jedes Land in
Osteuropa, da in jedem dieser Länder ethnische
Minderheiten leben. Wenn der Konflikt nicht gelöst
wird, stellt er eine fortgesetzte Bedrohung für Frieden
und Stabilität in der Region dar. Wenn er jedoch
nicht auf eine Art und Weise beigelegt wird, die im
Einklang mit den unseres Erachtens in Europa
anzuwendenden allgemeinen Grundsätzen steht, ist
der Frieden vielleicht nicht mehr als eine Pause vor
einem erneuten und erweiterten Konflikt.
Während Sarajevo die Macht der Ideologien von Haß
und Angst zeigt, demonstrieren die Wiedervereinigung Berlins und Deutschlands sowie die Ausbreitung
der Demokratie in Osteuropa und der ehemaligen
Sowjetunion, daß keine Regierung auf Dauer ihre
Bürger unterdrücken, einschüchtern und zu Schweigen und Unterwürfigkeit zwingen kann. Heute ist
Deutschland frei von der Bedrohung von außen, die
die Haltung und Aktionen des Landes gegenüber
seinen Nachbarn stark beeinflußte. Der Erfolg des
Engagements der Alliierten für Berlin und für die
demokratische Entwicklung in ganz Europa bedeutet,
daß Deutschland erstmals in der neueren Geschichte
von Freunden umgeben ist anstatt von Ländern, die
für Gegner gehalten werden. Deutschland und seine
Nachbarn sind geeint in ihrer Unterstützung von
Freiheit, Gerechtigkeit, freien Märkten und Demokratie.

All dies unterstreicht eindeutig eine zentrale Tatsache: Europa prüft die Behauptung, die Nationen
müßten nicht auf immer an ihre Vergangenheit
gebunden und im Bann der Anziehungskraft alter
Feindseligkeiten und Denkweisen sein. Vielmehr
können sich die Nationen von den alten Konfliktmustern befreien, um in neuen Formen der Zusammenarbeit sowie einer neuen, klaren Vision ihrer wahren
Aufgaben ein höheres Geschick zu finden. Wie Sie
wissen, bin ich fest davon überzeugt, daß ein Teil
dieses übergeordneten Geschicks darin liegt, die
Pflichten zu akzeptieren und zu erfüllen, die diese

Seite 3

�Generation ihren Nachfahren im Hinblick auf die
weltweite Umweltkrise schuldet - eine Frage, bei der
Bundeskanzler Kohl weltweit eine wertvolle Führungsrolle übernommen hat. Der Zufall will es, daß
gerade diese Woche in Kairo bei der Konferenz der
Vereinten Nationen über Bevölkerung und Entwicklung Fragen erörtert werden, die für die Zukunft der
Welt von fundamentaler Bedeutung sind.
Die
einzelnen europäischen Nationen sowie die Europäische Union leisteten einen entscheidenden Beitrag
zur intellektuellen Tragfähigkeit und politischen
Effektivität dieser Konferenz. Europa muß eine
bedeutende Rolle bei unseren gemeinsamen Bestrebungen spielen, die möglicherweise katastrophalen
Konsequenzen eines radikalen Wandels in den
Beziehungen zwischen der Menschheit und dem
Ökosystem der Erde zu beheben, einem Wandel,
der durch das schnelle Bevölkerungswachstum, die
Entwicklung extrem wirkungsvoller neuer Technologien sowie - am wichtigsten - dem Unwillen vieler
verursacht wurde, die Auswirkungen der von uns
getroffenen Entscheidungen zu akzeptieren.
Um diese neue Art von Problemen zu lösen, müssen
wir eine Entscheidung für den Frieden und gegen
den Krieg treffen, für umweltverträgliche Entwicklung
und gegen Armut und Verzweiflung. Es gibt guten
Grund zur Zuversicht, daß wir Erfolg haben können.
Heute strebt ganz Europa nach demokratischen
Regierungen und freier Marktwirtschaft - ein auf
diesem Kontinent einmaliger Vorgang. Berlin und
das demokratische und vereinigte Deutschland,
dessen Hauptstadt es wieder ist, liegen im Mittelpunkt dieser neuen, hoffnungsvollen Ära. Deutschlands stabile Grundlage in Europa und dem atlantischen Bündnis ist ein wichtiger Ausgangspunkt für
eine noch produktivere internationale Rolle dieses
Landes. Deutschland ist zum Motor des europäischen Integrationsprozesses geworden.
Die
deutsch-französische Freundschaft, die enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Großbritannien und die Beziehungen Deutschlands zu
ganz Europa werden jetzt fest verankert. Dieses
Engagement hat starke Einheit und Zusammenarbeit
hervorgebracht, die strategische Stabilität in Westeuropa sicherstellt und hoffentlich das übrige Europa
- insbesondere Zentraleuropa - inspiriert.
Aus
diesem Grund sind die deutsch-amerikanischen
Beziehungen von so überragender Bedeutung, und
aus diesem Grund sind die heutigen Gespräche
zwischen Amerikanern und Deutschen so wichtig.
Sicherheit, politische und wirtschaftliche Freiheit sind
von entscheidender Bedeutung für die Zukunft'
Europas in Selbstbestimmung. Wir müssen uns
jedoch bewußt sein, daß ihr Schutz von unserer
Fähigkeit abhängt, die sich bietenden Chancen für
die Verbesserung des Lebens der Bürger zu nutzen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Die neuen

Seite 4

Demokratien müssen unter Beweis stellen, daß sie
ihren Bürgern ein besseres Leben bieten können.
Obwohl Regierungen bei diesem Prozeß von Bedeutung sind, stellen Privatinvestitionen die wichtigste
Voraussetzung umweltverträglicher Wirtschaftsentwicklung dar, denn durch sie wird das für Wohlstand
erforderliche inländische und ausländische Kapital
bereitgestellt. Als Wirtschaftsvertreter sind Sie in
diesem Prozeß die Akteure. Innen- und Außenpolitik
sind eine Ergänzung privater Interessen bei Wirtschaft, Handel und Investitionen. Unsere Bestrebungen zur Integration der neugeschaffenen nationalen
Märkte Europas in das Weltwirtschaftssystem sowie
die Notwendigkeit, unsere eigene Wirtschaftsentwicklung voranzutreiben, werden nur solange von Erfolg
gekrönt sein, wie Kapital produktiv eingesetzt wird.
Aus dieser Perspektive sind die hochrangigen deutschen und amerikanischen Wirtschaftsvertreter nur
aus einem zwingenden Grund in Berlin: In diesem
vielversprechenden und kühnen neuen Zeitalter ist
die Wirtschaft für die Sicherheit aller in gewisser
Hinsicht ebenso wichtig wie die Regierung.
Bei dem Streben nach Frieden und Freiheit sind
Handel und Investitionen die neuen Grenzen und die
deutsch-amerikanischen Wirtschaftspartner die
Pioniere, die diese neuen Grenzen erforschen und
erweitem. Die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen gedeihen. Amerikanische Unternehmen
in Deutschland beschäftigen 600.000 Arbeitnehmer.
In den Vereinigten Staaten arbeiten bereits 500.000
Menschen bei deutschen Unternehmen. Deutsche
Guthaben in Amerika und amerikanische Guthaben in
Deutschland werden jeweils auf über 25 Milliarden
Dollar geschätzt.
So bemerkenswert diese Zahlen sind - unsere
Partnerschaft geht darüber hinaus. Ich bin stolz
darauf sagen zu können, daß wir die Amerikanische
Akademie zu Berlin gründen, was morgen offiziell
bekanntgegeben wird.
Dieses privat finanzierte
Unternehmen wird die Tradition der über 300jährigen
deutsch-amerikanischen Freundschaft fortsetzen. Die
Vereinigten Staaten stehen für eine Zukunft, die auf
der Unabhängigkeit der Nationen und der Würde des
Menschen basiert. Das war der Hauptgrund für die
Anwesenheit der alliierten Streitkräfte in Berlin. Als
sie 1945 kamen, erwartete niemand, daß sie nahezu
ein halbes Jahrhundert bleiben würdem. Da Berlin
jedoch so oft das ideologische Schlachtfeld des
Kalten Krieges war, blieben die Amerikaner und ihre
Verbündeten dort. Wir waren 1948 zur Stelle und
versorgten durch die großangelegte Luftbrücke die
Berliner Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, als Stalin
die Westalliierten durch die Blockade aus der Stadt
zu verdrängen suchte. Wir waren 1961 zur Stelle,
um zu zeigen, daß Demokratie und der Wille des

AMERIKA DIENST 36

�Volkes jede Mauer, ungeachtet ihrer Größe, umgehen können. Wir waren 1987 zur Stelle, als Präsident Reagan forderte, die Mauer niederzureißen.
Und wir waren zur Stelle, als die Mauer endlich fiel.
Gestern verließen unsere Soldaten Berlin. Aber um
mit den vor drei Jahrzehnten geäußerten Worten
eines jungen Präsidenten zu sprechen, sind wir alle

immer noch Berliner. Unser Engagement bleibt so
stark wie zuvor. Und ich wiederhole heute die Worte
eines anderen jungen Präsidenten, der dieses Jahr in
Berlin erklärte: "Amerika steht an Ihrer Seite -jetzt
und für immer!"
Ich danke Ihnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 36

Seite 5

�DER

ABSCHIED
14. September 1994

CHRISTOPHER ERINNERT AN DIE
BERLINER LUFTBRÜCKE VON 1948
Ansprache vor dem Luftbrückendenkmal
WASHINGTON - (AD) - Am 8. September 1994 würdigte US-Außenminister Christopher in einer Ansprache
vor dem Luftbrückendenkmal am Flughafen Tempelhof die Berliner Luftbrücke und die dadurch geschmiedeten
Bande zwischen Amerikanern und Deutschen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Außenministers im Wortlaut.

Es ist mir eine große Ehre, heute hier sein zu
dürfen. Wir sind zusammengekommen, um die
Berliner Luftbrücke zu würdigen, unsere Erinnerungen an dieses großartige Ereignis auszutauschen
und uns erneut seinem Geist zu verschreiben.
Wir alle kennen die Geschichte der Berliner Luftbrücke. Im Frühjahr 1948 begann Stalin seine
Kampagne, die Alliierten aus Berlin zu verdrängen.
Er wollte die Stadt unter kommunistische Kontrolle
bringen, indem er den Willen ihrer Bewohner zu
brechen versuchte. Am 24. Juni 1948 verhängte er
eine Blockade gegen Berlin.
Stalin hatte jedoch den Willen der Berliner, sich der
Einschüchterung zu widersetzen, sowie die Entschlossenheit der Alliierten, ihnen beizustehen,
unterschätzt. Am 25. Juni bat der amerikanische
General Lucius Clay den Bürgermeister von Berlin,
Ernst Reuter, in sein Büro. Zum Erstaunen aller
Anwesenden unterbreitete er den Vorschlag, die
Stadt durch die Luft mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Die Antwort des Bürgermeisters war eindeutig: Berlin war bereit, um der Freiheit willen
Opfer zu bringen.
Diese beiden mutigen führenden Persönlichkeiten
waren sich bewußt, was auf dem Spiel stand.
Andernorts waren die Meinungen jedoch geteilt. In
Washington empfahlen hochrangige Regierungsberater Vorsicht und Zurückhaltung. Die einzigen,
der amerikanischen Luftwaffe in Europa zur Verfügung stehenden Transportflugzeuge waren zweimotorige C-47, als "Gooney Birds" bekannte Maschinen, von denen wenige glaubten, sie könnten diese
Leistung erbringen. Präsident Truman verstand
jedoch ebenso wie Reuter und Clay die Bedeutung
dieser Aktion. Seiner Meinung nach würde die

AMERIKA DIENST 36

Luftbrücke funktionieren, weil sie erforderlich war. Er
gab die Anweisung zu ihrer großangelegten Durchführung.
Innerhalb weniger Tage kamen neue Flugzeuge aus
Alaska, Hawaii und der Karibik an, um sich an
diesem heroischen Unterfangen zu beteiligen. Mit
Hilfe der britischen Luftwaffe waren Hunderte von
Flugzeugen rund um die Uhr im Einsatz. Ihr allgegenwärtiges Dröhnen wurde Teil des täglichen
Lebens, eine Erinnerung daran, daß Berlin nicht allein
gelassen wurde. Tausende von Arbeitern - Alliierte
und Deutsche - unterstützten die Luftbrücke am
Boden. Als sich die beiden Flughäfen als unzureichend erwiesen, sprangen Berliner aus allen Lebensbereichen ein, um den Bau eines dritten Flughafens
zu beschleunigen. Arbeiter, Wissenschaftler, Lehrer
und Hausfrauen stellten den Flughafen Tegel zwei
Monate früher als geplant fertig.
Die technische Leistung der Luftbrücke war gewaltig.
Am 16. April 1949 wurde durch die "Osterparade", die
einen Rekord darstellte, genug Kohle bereitgestellt,
um 600 Eisenbahnwaggons zu füllen. Während der
gesamten Dauer der Luftbrücke wurden über zwei
Millionen Tonnen an Versorgungsgütern nach Berlin
transportiert.
Ebenso beeindruckend waren in den Augen der Welt
jedoch auch der Mut und die Widerstandskraft der
Berliner, die Hunger, Kälte und Dunkelheit trotzten,
um der Freiheit zum Sieg zu verhelfen.
Durch diese gemeinsam ertragenen Zeiten der Not
und des Triumphs regte die Berliner Luftbrücke den
Versöhnungsprozeß zwischen dem deutschen und
dem amerikanischen Volk an. Die Partnerschaft
zwischen den Alliierten und den Berlinern war nicht

Seite 1

�nur auf den Flugplätzen sichtbar, sondern auch bei
zahllosen Gesten der Solidarität. Trotz der Entbehrungen gaben die Berliner den Piloten das Beste,
was sie hatten: Bücher, Feuerzeuge, Blumen und
Gebete. Und dieses ehrwürdige Denkmal zeugt
davon, daß die Piloten den Berlinern ihr Bestes
gaben.
Anfang 1952 fragte eine Berliner Zeitung ihre Leser:
"Woran erinnern Sie sich im Zusammenhang mit der
Luftbrücke?" Hunderte eingegangener Antworten
erzählen eine inhaltsreiche und ergreifende Geschichte. Viele erinnerten sich an die Großartigkeit
der Luftbrücke, das Donnergetöse der Maschinen,
die "Symphonie der Freiheit" am Himmel. Anderen
zufolge "sprachen" die Flugzeuge zu den Menschen
am Boden, die dröhnenden Maschinen "sprachen"
von Hoffnung und Beistand. Kinder hatten nicht die
winzigen Fallschirme vergessen, die mit Süßigkeiten
auf die Erde niedergingen - das Geschenk eines
Leutnants der Luftwaffe. Und viele Berliner erwähnten das neuentstandene Gefühl der Verbundenheit
mit den Alliierten.
Eine Fünfzehnjährige schrieb über die bei der
Luftbrücke Umgekommenen: "Ihr Opfer erinnert uns
daran, daß es auf dieser Welt Dinge gibt, die größer
sind als nationaler Egoismus, nämlich Menschlichkeit
und das Leben aller Menschen in Würde."

Als Bürgermeister Reuter am Ende der Blockade
General Clay seinen Dank aussprach, bekannte er
sich zu dieser gemeinsamen Sache: "Sie sind nicht
mehr als Feinde, sondern als Freunde zu uns gekommen", erklärte er. "Die Erfahrung dieser Monate hat
uns enger an Ihr Volk gebunden und Ihr Volk stärker
an uns. Das Denkmal, das wir ihm zu Ehren bauen,
wird bescheiden sein, aber es wird ein Denkmal für
den Frieden und nicht zur Verherrlichung der Leistungen im Krieg sein."
Amerikaner erinnern die Luftbrücke als die Brücke,
die uns als gleichgesinnte Nationen verband, die
bereit waren, der Tyrannei die Stirn zu bieten und die
mit der Verteidigung der Freiheit einhergehenden
Härten zu erdulden. Dieses Vermächtnis überdauerte
die Luftbrücke, die Teilung Deutschlands und schließlich den Kalten Krieg.
Freiheitsliebe und Menschenwürde sind keine nationalen Charakteristika, sondern der ganzen Menschheit eigen. Wir müssen den bei der Luftbrücke
gezeigten Geist der Entschlossenheit aufrechterhalten, während wir an der Überwindung alter Trennungen in Europa arbeiten und ehemalige Gegner in die
transatlantische Interessen- und Wertegemeinschaft
einbinden. Wir haben eindeutig Fortschritte erzielt,
aber es bleibt noch viel zu tun. Unsere auf den
Tragflächen der Luftbrücke geborene Partnerschaft
wird uns nicht scheitern lassen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 36

�DER

ABSCHIED
14. September 1994

CHRISTOPHER WÜRDIGT LEISTUNGEN DER
ALLIIERTEN STREITKRÄFTE IN DEUTSCHLAND
Rede im Berliner Schauspielhaus
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher hob am 8. September 1994 den von den
Streitkräften der Alliierten in Deutschland geleisteten Beitrag hervor.
Bei dem offiziellen Festakt im Berliner Schauspielhaus aus Anlaß der Verabschiedung der alliierten Truppen
betonte er jedoch auch die Notwendigkeit, sich den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas zu
öffnen und in den dortigen jungen Demokratien Freiheit und Stabilität zu fördern.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Christopher im Schauspielhaus gehaltene Rede im Wortlaut.
Es ist für mich eine große Ehre, Präsident Clinton
und die Vereinigten Staaten bei diesem historischen
und freudigen Ereignis vertreten zu dürfen.

Bundeskanzler eine Botschaft zu übermitteln. Gestatten Sie mir, aus seinem Brief an den Kanzler zu
zitieren:

Ich bin hier, um gemeinsam mit Ihnen die alliierten

"Nahezu 45 Jahre lang dienten unsere alliierten
Streitkräfte an den Frontlinien der Demokratie mit
der Entschlossenheit, für Europa eine Zukunft in
Sicherheit und Wohlstand innerhalb freier und
offener Gesellschaften sicherzustellen. Obwohl
seit dem wunderbaren Moment, als die Europa
spaltende Mauer fiel, immer mehr Zeit verstreicht,
dürfen wir nicht vergessen, was die alliierten
Streitkräfte für uns und unsere Kinder getan
haben. Sie waren die Garanten der Freiheit in
Europa. Sie verdienen unseren Dank."

Streitkräfte der Berlin Brigade zu ehren, die in dieser
Stadt während ihrer Teilung und Bedrohung Wache
standen. Nahezu ein halbes Jahrhundert lang
bildeten die Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien und Deutschland in Berlin eine besondere
Einheit. Gemeinsam bewahrten wir dort, auf diesem
Testgelände westlicher Entschlossenheit, die Freiheit
- wohl wissend, daß unser Mißerfolg dort die Freiheit
überall gefährden würde.
Vor 45 Jahren ging Amerika die Verpflichtung ein,
gemeinsam mit Ihnen den Widrigkeiten zu trotzen.
Vier Jahrzehnte lang hielten wir unter Administrationen der Demokraten und Republikaner gleichermaßen dieses Versprechen. Auch heute bleibt unser
Engagement für ein stabiles, sicheres und wohlhabendes Europa unvermindert. Selbst nach Abzug
unserer Truppen aus Berlin bleiben 100.000 amerikanische Soldaten in Europa.
Als Präsident Clinton dieser Stadt vor zwei Monaten
einen Besuch abstattete, sprach er von seiner Vision
eines integrierten Europa, in dem unsere Sicherheit
"auf dem Aufbau von Brücken, nicht von Mauern
beruht". Der Präsident bekräftigte das Engagement
Amerikas, das Beispiel Berlin als Grundlage dieser
Vision anzusehen und bat mich, Ihnen und dem

AMERIKA DIENST 36

Im Namen des amerikanischen Volkes möchte ich
auch die Berliner ehren, deren Durchhaltevermögen
und Mut diejenigen inspirierte, die sich für die Freiheit
auf der ganzen Welt einsetzten. Und ich möchte
heute den Millionen von Europäern in Leipzig, Dresden und zahllosen Städten und Dörfern in Ostdeutschland meine Hochachtung bezeigen, deren
beharrlicher Ruf "Wir sind das Volk" zum Fall der
grausamen Berliner Mauer beitrug.
Die Amerikaner wissen: Als Sie Ihre Freiheit erlangten, halfen Sie, unsere zu festigen. Wenn wir nicht
länger einen Dritten Weltkrieg fürchten, wenn wir ein
nicht länger von Unterdrückung oder Konflikten
zerrissenes Europa für möglich halten, dann ver-

Seite 1

�danken wir das Ihrem Kampf sowie dem Ihrer Nachbarn in Gdansk, Vilnius und Prag.
Einst befahlen die kommunistischen Diktatoren
Europas ihren Bürgern, die Vergangenheit zu vergessen. Jetzt sind wir hier zusammengekommen,
um ihrer zu gedenken. Wir erinnern das Heldentum
und die Entschlossenheit zu Zeiten der Berliner Luftbrücke. Wir denken an die Berliner, die auf den
Trümmern des Krieges eine demokratische und
prosperierende Gesellschaft aufbauten.
Wir erinnern uns auch noch gut an die Tragödien.
Wir erinnern uns, wie die Mauer anwuchs - von einer
Reihe bewaffneter Männer und Stacheldraht zu einer
häßlichen Zementsperre, die Familien, eine Nation
und einen Kontinent teilte. Wir erinnern uns an das
erste Opfer, Rudolf Urban, der bei dem Versuch, in
die Freiheit zu gelangen, ums Leben kam - und wir
erinnern uns an das letzte Opfer, einen 20jährigen
Deutschen namens Chris Gueffroy. Diese Erinnerungen werden nicht verblassen.
Zu einem früheren Zeitpunkt war das Unglück
Berlins das Symbol für das Unglück Europas. Heute
ist die Stadt das Symbol für die sich Europa eröffnenden neuen Möglichkeiten. Wir sind hier Zeuge,
wie die aus der Zeit des Kalten Krieges stammende
Spaltung überwunden wurde. Und das geschieht
nicht nur hier: Vergangene Woche hielten amerikanische und russische Soldaten ihre ersten gemeinsamen Manöver auf russischem Boden ab. Und die
russischen Truppen sind aus den baltischen Staaten
abgezogen - ein Ziel, für das sich die Vereinigten
Staaten seit vielen Jahren eingesetzt haben.
Wir sind dankbar, daß wir jetzt in weniger gefährlichen Zeiten leben. Wir haben die wichtigste
Bedrohung unserer Freiheit überwunden. Als
Ergebnis unserer gemeinsamen Bestrebungen
brauchen diese Truppen in dieser Stadt nicht länger
unsere Sicherheit und unseren Wohlstand verteidigen. Wir haben jedoch noch große Pflichten. Was
uns hier beschert wurde, muß jetzt nach Osten
weitergetragen werden - zu den jungen Demokratien, die sich von 50 Jahren Diktatur und wirtschaftlichem Ruin erholen.
Während der vergangenen 50 Jahre haben mein
Land und Ihre Länder am Aufbau zahlreicher
Institutionen mitgewirkt, die unsere Sicherheit und

wirtschaftliche Stärke bewahrten: die NATO, das
GATT, die OECD und schließlich die Europäische
Union. Diese Institutionen trugen in Westeuropa zur
Schaffung der politischen und wirtschaftlichen Bedingungen bei, unter denen freie Institutionen prosperieren können. Sie verliehen dem gemeinsamen
Unternehmen aller westlichen Demokratien - der
Förderung von Frieden und weltweitem Wirtschaftswachstum - Struktur, Legitimität und Stärke.
Unsere Aufgabe ist die Stärkung dieser grundlegenden Institutionen und ihre Öffnung für die neuen
demokratischen Nationen Mittel- und Osteuropas
sowie der ehemaligen Sowjetunion. Diesen Prozeß
haben wir mit der Partnerschaft für den Frieden, der
Uruguay-Runde des GATT und den neuen Partnerschaftsabkommen der Europäischen Union begonnen. Dies ist der beste Weg sicherzustellen, daß die
von uns während dieser Jahre genossene Stabilität
auch in einem erweiterten Europa Bestand hat.
Damit können wir gewährleisten, daß das von unseren Vorgängern - der Generation von Truman,
Churchill, Monnet und Adenauer - begonnene Werk
fortgesetzt wird.
Es erfordert Zeit, Institutionen wie die NATO und die
Europäische Union neuen Erfordernissen anzupassen
und gleichzeitig ihre Effektivität zu bewahren. Wir
müssen sichergehen können, daß unsere neuen
Partner die Fähigkeit zur Erfüllung der mit ihrer
Aufnahme einhergehenden Pflichten haben.
Gleichzeitig dürfen unsere Institutionen und Bestrebungen nicht an den veralteten Grenzen des Kalten
Krieges haltmachen. Es liegt nicht in unserem
Interesse, wenn irgendeine Nation in Europa isoliert
ist, denn Isolation ist die Brutstätte für Instabilität und Instabilität, nicht Invasion, ist die größte verbleibende Bedrohung der europäischen Sicherheit.
Aus diesem Grund müssen wir alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um unseren ehemaligen
Gegnern zu helfen, in sicherheits- und handelspolitischer Hinsicht verläßliche Partner zu werden.
Wir müssen dem Ideal eine neue Bedeutung geben,
das die Architekten der europäischen Integration
inspirierte: In einem ungeteilten Europa darf es
überhaupt keine Mauern geben.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 36

�BEVÖLKERUNG
14. September 1994

KAIRO ERÖRTERT NORD-SÜD-PROBLEME
UND ETHIK-FRAGEN
Überwindung letzter Hindernisse
KAIRO - (AD) - Einige der wenigen Fragen, die bei
der Konferenz der Vereinten Nationen über Bevölkerung und Entwicklung die Industriestaaten von den
Entwicklungsländern trennten, wurden in letzter
Minute durch einen geschickten Kompromiß gelöst.

unter Einbeziehung Algeriens als Vertreter der
Entwicklungsländer am 10. September zusammen
und legte einen Kompromiß vor.

Die Übereinkünfte über diese und andere ausstehende Angelegenheiten wurden am 12. September 1994
von einem aus Vertretern von 180 Ländern bestehenden Ausschuß angenommen.

Dieser besagte, daß die Staaten "die lebenswichtige
Bedeutung der Familienzusammenführung" anerkennen sollten, indem sie Gesetze verabschiedeten, die
legalen Wanderarbeitern das Mitbringen ihrer Familien gestatten. Einer Vielzahl von Entwicklungsländern reichte das jedoch nicht aus.

Es wird daher erwartet, daß die von den Vereinten
Nationen innerhalb von 20 Jahren veranstaltete dritte
Bevölkerungskonferenz die Arbeit des Ausschusses
offiziell billigt und sich termingerecht am 13. September, acht Tage nach Aufnahme ihrer Arbeit, vertagt.

Die Delegierten machten am Sonntag, den 11.
September einen Tag Pause. Als sie am Tag darauf
zusammenkamen, unterbreiteten Simbabwe und
Australien einen anderen Kompromißvorschlag, dem
die Vereinigten Staaten sofort zustimmten.

Die wichtigste, Industriestaaten und Entwicklungsländer spaltende Frage, lautete, ob Wanderarbeiter
ein grundlegendes "Recht" darauf haben, ihre
"Familie" in ihre Wahlheimat zu bringen.

Dieser Vorschlag stellt eine Ergänzung des vorigen
Kompromisses dar, da er sich auf einen Absatz der
Konvention über die Rechte des Kindes bezieht, der
jungen Menschen das Recht auf Zusammenführung
mit ihren Eltern einräumt.

Die Türkei war eines der führenden Entwicklungsländer, das die Verwendung des Begriffs "Recht"
forderte. Obwohl das von der Konferenz aufgestellte
"Aktionsprogramm" kein Vertrag und daher juristisch
nicht bindend ist, könnte dieser Terminus einen
Präzedenzfall schaffen, auf den Länder mit einer
großen Zahl von Emigranten bauen könnten.
Die zwölf Mitgliedstaaten der Europäischen Union,
die Vereinigten Staaten, Kanada und andere Industriestaaten vertraten die Ansicht, die Regierungen
des Gastlandes sollten das "Prinzip" der Familienzusammenführung anerkennen.
Als die Frage der Familienzusammenführung zu
Beginn der Konferenz erstmals auftauchte, konnte
hierüber keine Einigung erzielt werden, und die
Diskussion wurde vom 5. auf den 8. September
verschoben. Als eine Einigung immer noch in weiter
Ferne zu liegen schien, traf ein kleiner Ausschuß

AMERIKA DIENST 36

Dieser Kompromißvorschlag wurde schließlich von
der Arbeitsgruppe angenommen und dem Hauptausschuß der Konferenz übermittelt. "Der Unterausschuß gab seine Zustimmung, es bleibt jedoch
abzuwarten, was der Hauptausschuß unternehmen
wird", so ein Vertreter Australiens über den Ausschuß, in dem jede Delegation vertreten ist.
Der Hauptausschuß nahm tatsächlich vor Annahme
der Sprachregelung einige Ergänzungen vor, die
keine substantiellen Auswirkungen hatten.
Von Anfang an vermied die Konferenz jedoch eine
Definition des Begriffs "Familie", um einen noch
größeren Kampf darüber zu verhindern, welchen
Verwandten welche "Rechte" zustehen.
Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge schließt
das amerikanische Einwanderungsgesetz eine

Seite 1

�umfassende Definition der Familienzusammenführungsrechte aus, aber die Regierung hat sich zur
Familienzusammenführung verpflichtet.
Aus diesem Grund befürworteten die amerikanischen
Regierungsvertreter den Begriff "Prinzip" statt des
Begriffs "Recht" und verwiesen darauf, daß Einwanderer in die Vereinigten Staaten ihre Ehefrauen
und Kinder mitbringen können. Darüber hinaus
wurden 1993 über 530.000 Einwanderer aufgrund
familiärer Bande zu amerikanischen Staatsbürgern
und Bürgern mit ständiger Aufenthaltsgenehmigung
aufgenommen.
Die Frage der "Ethik" wurde erneut vom Vatikan und
seiner Handvoll Anhänger unter den streng römischkatholischen Ländern angeschnitten. Das Ergebnis
der diplomatischen Offensive ähnelte dieses Mal
jedoch stark derjenigen in der vergangenen Woche
im Hinblick auf die Sprachregelung zum Schwangerschaftsabbruch: Änderung' der Formulierungen,
inhaltlich jedoch praktisch unverändert.
"Dem Vatikan wurden alle möglichen Konzessionen
gemacht", erklärte Nicolaas Biegman, der Ständige
Vertreter der Niederlande bei den Vereinten Nationen und Stellvertretender Vorsitzender des Hauptausschusses bei einer Pressekonferenz am 12.
September 1994.
"Ich glaube nicht ... daß sie den Geist des Dokuments verändern konnten. Das Dokument legt
Betonung auf die Entscheidungsfreiheit des einzelnen sowie das Recht von Paaren und Einzelpersonen auf die Entscheidung über die Anzahl der
gewünschten Kinder und den Zeitpunkt der Geburt",
so Biegman.
Im weiteren Verlauf der Pressekonferenz stellte er
fest: "Die Frauenbewegung könnte diesem Dokument eine ziemlich gute Note geben."
Biegman räumte bereitwillig ein, daß Doppeldeutigkeiten und unpräzise Formulierungen zu den angewandten Techniken gehörten, damit der Geist des
Dokuments erhalten blieb und gleichzeitig das
vorgeschlagene "Aktionsprogramm" abgeschwächt
wurde, um es dem Vatikan schmackhafter zu machen.

Seite 2

Er führte folgendes Beispiel an: Die Delegierten des
Vatikans fragten wiederholt, was unter der Formulierung "Fruchtbarkeitsregulierung" in Kapitel 7 des
Aktionsprogrammentwurfs zu verstehen sei, der in
den drei Jahren vor der Kairoer Konferenz ausgehandelt worden war. Der Entwurf stellte beispielsweise fest, daß Männer und Frauen das Recht auf
Zugang zu finanzierbaren Fruchtbarkeitsregulierungsmethoden haben. Dieser Satz könnte Schwangerschaftsabbruch beinhalten, so die Argumentation
des Vatikans.
Bei dem Versuch, einen Kompromiß zu erzielen,
entschied sich die Mehrheit der Delegierten, die
Formulierung "Fruchtbarkeitsregulierung" durch "die
Regulierung der Fruchtbarkeit" zu ersetzen, erläuterte
Biegman. Seiner Ansicht nach bestehe kein Unterschied in der Bedeutung der beiden Formulierungen.
Und was ist die Bedeutung?, so die rhetorische
Frage. "Was immer Sie wollen."
Auf die Frage eines Journalisten, ob er damit zum
Ausdruck bringen wolle, die Konferenz "umgeht
dieses Problem, indem sie bewußt einen doppeldeutigen Begriff verwendet", antwortete er mit Ja.
Die Reaktion des Vatikans auf die geänderte Sprachregelung wurde nicht unmittelbar bekannt.
Obwohl der Vatikan zahlenmäßig wenige Anhänger
hatte und bei dieser Frage leicht hätte überstimmt
werden können, haben Vertreter der Vereinigten
Staaten und der Vereinten Nationen erklärt, daß
große internationale Konferenzen traditionell versuchen, einen Konsens zu erzielen. Jeder Konferenzteilnehmer, der mit dem Endergebnis nicht
einverstanden ist, könnte seine Unterschrift unter das
Aktionsprogramm verweigern oder es mit Vorbehalten
unterschreiben.
Der Vatikan verweigerte seine Unterschrift unter das
Bevölkerungsprogramm der Konferenzen von 1974
und 1984.
Nachdem die wichtigsten strittigen Punkte gelöst
waren, arbeiteten die Delegierten am 12. September
bis spät abends, um das Aktionsprogramm fertigzustellen.

AMERIKA DIENST 36

�BEVÖLKERUNG
14. September 1994

AMERIKANER FÜR EINDÄMMUNG DES
BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Die öffentliche Meinung in den USA
WASHINGTON - (AD) - Eine von Time-CNN am Vorabend der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung durchgeführte Meinungsumfrage ermittelte erste Angaben über die Sichtweise der Amerikaner zu
Bevölkerungsfragen.
Obwohl 55 Prozent der Amerikaner zusätzliche Ausgaben der Vereinigten Staaten zur Eindämmung des
Bevölkerungswachstums in anderen Ländern befürworten, ist die Öffentlichkeit nicht geneigt, eine Führungsrolle
bei der Bewältigung des Problems zu übernehmen. Nachfolgend veröffentlichen wir die wichtigsten Ergebnisse
der Umfrage.

Meinungsspektrums sind nur 17 Prozent der Ansicht,
die Vereinigten Staaten sollten überhaupt keine Rolle
spielen. Diese Umfrageergebnisse stimmen mit der
Umfrage von Times Mirror vom vergangenen Jahr
überein, die eine Präferenz der amerikanischen

Zustimmung zu Hilfe für Familienplanung
Eine beträchtliche Mehrheit der Amerikaner (72
Prozent) stimmt im Prinzip staatlicher Unterstützung
der Vereinigten Staaten zu, "um Geburtenkontrolle
und Familienplanung" im Ausland leichter zugänglich

Öffentlichkeit für eine gemeinsame Führungsrolle der

zu machen. Eine kleinere Mehrheit (54 Prozent)
befürwortet die "maßgebliche Aufstockung" staatlicher Aufwendungen für diese Zwecke, die seit den
achtziger Jahren vorgenommen wurde.

Vereinigten Staaten mit anderen führenden Ländern
bei Fragen der Außenpolitik ermittelte. Im Gegensatz
dazu stand die Meinung der amerikanischen Führungsschicht, die eine ausgesprochen aktive Rolle
der Vereinigten Staaten in dieser Frage befürwortete.

Überbevölkerung als wichtiges Anliegen
Schwangerschaftsabbruch
Eine Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung (55
Prozent) beurteilt "Überbevölkerung" als "sehr
ernsthaftes Problem". Weitere 31 Prozent sehen
das Problem als "ziemlich gravierend". 79 Prozent
vertreten die Auffassung, das Problem werde eines
Tages auch die Vereinigten Staaten betreffen.

Die amerikanische Öffentlichkeit ist in zwei ziemlich
gleichgroße Lager bezüglich "Schwangerschaftsabbruch auf Wunsch" (46 Prozent) gegenüber
"Schwangerschaftsabbruch nur unter bestimmten
Umständen" (39 Prozent) gespalten. 13 Prozent sind
unter allen Umständen gegen Schwangerschaftsabbruch.

Gemäßigte Rolle der Vereinigten Staaten befürwortet

Empfängnisverhütung
68 Prozent der Öffentlichkeit möchte, daß die
Vereinigten Staaten gemeinsam mit anderen Ländern die Bewältigung des Problems der Überbevölkerung angehen, statt eine Führungsrolle zu übernehmen. Nur 12 Prozent sind der Meinung, die
Vereinigten Staaten sollten bei dieser Frage die
Führungsrolle übernehmen. Am anderen Ende des

*

AMERIKA DIENST 36

*

Eine beträchtliche Mehrheit der Öffentlichkeit (74
Prozent, einschließlich 70 Prozent der Katholiken)
stimmt nicht mit der Erklärung überein, "die Anwendung künstlicher Mittel zur Geburtenkontrolle ist
falsch".

*

*

*

Seite 1

�NORD KOREA
14. September 1994

USA DRINGEN AUF DIALOG ZWISCHEN
NORD- UND SÜDKOREA
Gespräche zwischen Christopher und Han
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren
Christopher warnte am 7. September 1994, die
nordkoreanische Nuklearfrage könne erst gelöst
werden, "wenn Nordkorea einen substantiellen
Dialog mit der Republik Korea aufnimmt".
"Wir werden weiter mit der südkoreanischen Regierung an der Beilegung des Nuklearproblems zusammenarbeiten", erklärte Christopher im Beisein
des südkoreanischen Außenministers Han Sung Joo
vor Journalisten. Die beiden Minister führten im USAußenministerium ein über einstündiges Gespräch.
Anschließend ließ ein hochrangiger amerikanischer
Regierungsvertreter verlauten, die Gespräche hätten
das Ziel gehabt, im Hinblick auf diesen Monat
zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea
anberaumte Gespräche "die jeweilige Haltung der
beiden Länder zu sondieren und zu koordinieren".
Christopher bezeichnete das Nuklearprogramm
Nordkoreas als "die dringlichste Sicherheitsfrage in
der asiatisch-pazifischen Region" und stellte fest, sie
bedrohe die Sicherheit der wichtigsten amerikanischen Verbündeten, angefangen mit Südkorea.
"Dieses Nuklearproblem erhöht die Wahrscheinlichkeit eines destabilisierenden Rüstungswettlaufs in
Asien und unterminiert unser starkes Interesse an
der Beibehaltung wirksamer weltweiter Regime
gegen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Folglich ist es eine der obersten
Prioritäten der Clinton-Administration, diese Situation
unter Kontrolle zu bringen", teilte er mit.
Christopher und andere hochrangige Mitglieder der
Administration bemühten sich, den Besuch von
Außenminister Han zu einer Beschwichtigung der in
Seoul bestehenden Ängste vor einer Fortsetzung
des amerikanischen Dialogs mit Pjöngjang zu
nutzen.

AMERIKA DIENST 36

"Die Vereinigten Staaten und Südkorea stehen seit
über 40 Jahren Seite an Seite in einem Bündnis, das
sich im Laufe der Jahre noch vertieft hat", so der
amerikanische Außenminister. "Enge Beziehungen
zu Südkorea sind für die Förderung der großen und
dauerhaften Interessen der Vereinigten Staaten im
asiatisch-pazifischen Raum von essentieller Bedeutung."
Amerikanische und nordkoreanische Regierungsvertreter sollen am 10. September in Pjöngjang und
Berlin Fachgespräche zur Vorbereitung der Wiederaufnahme des hochrangigen Dialogs in Genf am 23.
September führen.
Christopher stellte fest, die Vereinigten Staaten und
Nordkorea hätten bei den Genfer Gesprächen im
vergangenen Monat "gewisse Fortschritte bei der
Lösung der Nuklearfrage" erzielt, jedoch noch einen
weiten Weg vor sich. "Wir müssen unsere Erklärungen in Aktionen umwandeln, die zu einer Lösung des
Problems führen."
Im Mittelpunkt der amerikanisch-nordkoreanischen
Gespräche in Berlin soll der vorgeschlagene Übergang zu Leichtwasserreaktoren stehen, während es
in Pjöngjang um Fragen im Zusammenhang mit der
Einrichtung von Verbindungsbüros in der Hauptstadt
des jeweils anderen Landes geht.
"Als Teil des von uns und unseren südkoreanischen
Verbündeten verfolgten umfassenden und gründlichen Ansatzes zu der Nuklearfrage haben sich die
Vereinigten Staaten und Nordkorea auf das Streben
nach normalisierteren politischen und wirtschaftlichen
Beziehungen geeinigt", erklärte Christopher. "Zu
diesem Zweck sind jedoch Fortschritte bei der
Nuklearfrage sowie Offenheit zur Verbesserung des
Verhältnisses zwischen Nord- und Südkorea erforderlich." Die Vereinigten Staaten werden dem Minister
zufolge weiterhin absolut starkes Engagement für die
Sicherheit Südkoreas zeigen.

Seite 1

�Außenminister Han teilte mit, er sei nach Washington gekommen, um als Vorbereitung der bevorstehenden Treffen zwischen den Vereinigten Staaten
und Nordkorea "unsere Strategie und Pläne zu
entwerfen. Wir haben die Bedeutung von Transparenz beim nordkoreanischen Nuklearprogramm
bekräftigt, nicht nur jetzt und in Zukunft, sondern
auch bei entsprechenden Aktivitäten in der Vergangenheit."
Han bekräftigte die Bereitschaft Südkoreas, nach der
Lösung der Nuklearfrage an dem Projekt zur Bereitstellung von Leichtwasserreaktortechnologie für
Nordkorea teilzunehmen und einen bedeutenden
Beitrag zu leisten.
Dem Außenminister zufolge hält Südkorea alle Türen
für Gespräche zwischen Nord- und Südkorea offen.
Er stellte jedoch fest, die Pläne für einen Gipfel am
25. Juli seien durch den Tod des nordkoreanischen
Präsidenten Kim Il-Sung zerschlagen worden.
"Jetzt besteht das Problem darin, daß die wichtigsten Ämter in der Partei und der Regierung Nordkoreas offiziell nicht besetzt sind", äußerte Han und
fügte hinzu, die hochrangigen Gespräche zwischen
Nord- und Südkorea müßten bis zur offiziellen
Übernahme der Macht durch Kims Sohn ausgesetzt
werden. "Wir wissen nicht, wann das sein wird",
teilte er mit.

Christopher wies auf die Bedeutung von "Sonderinspektionen" durch die Internationale AtomenergieOrganisation (IAEO) als Teil des Sicherheitsabkommens mit Nordkorea hin. Diese würden essentielle
Informationen über Pjöngjangs frühere Nuklearaktivitäten liefern.
Der amerikanische Außenminister wird Ende des
Jahres nach Seoul reisen, "um unsere gemeinsamen
Interessen zu fördern und die Gespräche mit unserem engen Verbündeten, der Republik Korea, fortzusetzen". Der Sprecher im US-Außenministerium,
Michael McCurry, teilte später bei einer Pressekonferenz mit, der Minister würde Korea wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Treffen des Forums
für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation Forum APEC) einen Besuch abstatten. Der APEC-Gipfel ist
für November in Indonesien anberaumt.
Der Sprecher teilte auf Anfrage mit, Han hätte "keine
Bedenken gegen die derzeit laufenden Gespräche"
zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea
geäußert. McCurry zufolge würden die USA "ohne
Zweifel jegliche Bestrebung Nord- und Südkoreas in
der Frage einer dauerhaften Friedensvereinbarung
unterstützen".

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 36

�KRIEGSVERBRECHEN
14. September 1994

EIN TRIBUNAL FÜR DIE GERECHTIGKEIT
von John Shattuck
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel erschien auf Deutsch erstmals im Rheinischer Merkur vom
9. September 1994.
Der Verfasser ist Abteilungsleiter für Demokratie, Menschenrechte und Arbeitsfragen im US-Außenministerium.
Er kehrte vor kurzem von einer Reise nach Ruanda und Burundi zurück.

Eine der größten Herausforderungen, die sich der
Welt durch das Leiden in Ruanda stellt, ist die
Unterbrechung des Circulus vitiosus von Tod und
Vergeltung, die Milderung der demoralisierenden
Last kollektiver Schuld, die der ruandischen Gesellschaft auferlegt wurde, und das Aufzeigen von
Wegen zur Bestrafung dieses Genozids, um weitere
Genozide zu verhindern. Aus diesem Grund muß
die internationale Staatengemeinschaft unverzüglich
ein Kriegsverbrechertribunal für Ruanda einrichten,
das die für den Völkermord und andere Greueltaten
Verantwortlichen gegenüber ihren Opfern und der
internationalen Staatengemeinschaft zur Rechenschaft zieht.
Die Vereinigten Staaten arbeiten
zusammen mit anderen Nationen energisch auf die
Gründung eines solchen Tribunals hin.
Die dem Morden in Ruanda und ähnlichen Konflikten
zugrundeliegenden ethnischen Spaltungen haben
einige zu der Fehleinschätzung verleitet, es handele
sich um Stammesfehden, deren tiefe historische
Wurzeln außerhalb der Reichweite von Justiz und
Diplomatie liegen. Der Genozid in Ruanda wurde in
der Tat von politischen Akteuren aus politischen
Gründen ausgelöst und ausgeführt. Ihrem Zynismus
und ihrer Brutalität muß jetzt mit den Prinzipien der
Rechenschaftspflicht und Gesetze begegnet werden.
Ein ermutigender Schritt war das jüngste Schreiben
der ruandischen Regierung an UN-Generalsekretär
Boutros Boutros-Ghali, in dem sie auf die unverzügliche Einrichtung eines internationalen Kriegsverbrechertribunals drängte. Die ruandischen Behörden
haben ihre Absicht bekräftigt, die Verfolgung von
Kriegsverbrechern auf absehbare Zeit dem internationalen Tribunal zu unterstellen.

AMERIKA DIENST 36

Es muß rasch gehandelt werden. Die erfolgreiche
Strafverfolgung wird die Anstifter des Völkermords
vom Schauplatz verbannen, Selbstjustiz und Racheakte abschrecken sowie den Ruandern - und ihren
Nachbarn in Burundi - das Vertrauen zum Wiederaufbau geschundener Gesellschaften geben.
Der UNO-Sicherheitsrat hat bereits ein internationales
Tribunal für das ehemalige Jugoslawien eingerichtet,
das Hunderte von Zeugenaussagen sammelt und den
Prozeß vorbereitet. Das Kriegsverbrechertribunal für
das ehemalige Jugoslawien kann den Lauf der
Gerechtigkeit in Ruanda fördern, indem es administrative Ressourcen und Personal sowie die Fähigkeiten der bereits eingerichteten Ermittlungs- und
Berufungskammern zur Verfügung stellt.
Wenn
solche Strukturen bereits vorhanden sind, könnte das
Tribunal für Ruanda zügig arbeiten. Sowohl das
jugoslawische als auch das ruandische Tribunal
benötigen zur Durchführung ihrer Arbeit eine angemessene Finanzierung.
Im vergangenen Monat
berief der Sicherheitsrat ein Expertengremium ein,
um den Völkermord in Ruanda zu untersuchen.
Während der Ausschuß seine Ermittlungen fortsetzt,
sollte der Rat offiziell ein Tribunal ins Leben rufen.
Obwohl die diplomatischen Schritte in den Hauptstädten von der Realität der Schlachtfelder Ruandas
und der Flüchtlingslager Zaires weit entfernt scheinen, sind sie für die Überlebenden von großem und
direktem Belang. Die Flüchtlinge werden nur nach
Hause zurückkehren und ihr zerrüttetes Leben wieder
aufbauen, wenn sie das ohne Angst vor Vergeltung
tun können. Den Einschüchterungskampagnen und
falschen Informationen in den Flüchtlingslagern über
unrechtmäßige Racheakte kann nur mit verläßlichen
Rechenschaftsberichten über die Situation in Ruanda
begegnet werden sowie einer glaubwürdigen Ver-

Seite 1

�pflichtung zu unparteiischer Gerechtigkeit, die
militärische Extremisten davon abhält, Gewalt zu
säen oder die leidenden Flüchtlingsmassen zu
terrorisieren.
Inzwischen muß die internationale Staatengemeinschaft Maßnahmen ergreifen, um in den ihrer Kontrolle unterstehenden Gebieten Beweismittel zu
sammeln und diejenigen festzunehmen, denen
glaubhaft eine Beteiligung am Völkermord nachgewiesen werden kann. Ferner besteht ein dringender Bedarf an Menschenrechtsbeobachtem. Die
US-Regierung hat bereits ihre Unterstützung zugesichert und fordert andere Nationen auf, ebenso
zu handeln.

Die größte Hoffnung auf eine Durchbrechung des
Teufelskreises von Genozid und Gewalt in Ruanda
liegt darin sicherzustellen, daß die Planer und Anführer dieses Gemetzels identifiziert, vor Gericht
gestellt und im Falle ihrer Verurteilung bestraft
werden. In einem Land so stark gespaltenen Land
wie Ruanda wird jedoch die Gerechtigkeit einer
Gemeinde wahrscheinlich als die Rache einer anderen betrachtet. Aus diesem Grund ist es die Aufgabe
der internationalen Staatengemeinschaft, unparteiische Urteile über Schuld und Unschuld der Hauptverantwortlichen des Völkermords zu sprechen, damit
das ruandische Justizwesen die Versöhnungsarbeit
fortsetzen kann.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 36

�AMERIKAS

STÄDTE
14. September 1994

DER NEW YORKER STADTTEIL HARLEM
von Guy Halverson
Der zum Bezirk Manhattan gehörende New Yorker Stadtteil Harlem war im Verlauf seiner Geschichte eine
Enklave für verschiedene ethnische Gruppen und Rassen. Heute befindet sich Harlem in einem Prozeß der
Erneuerung, und Geschäfte, das kulturelle Leben und die Gesellschaft florieren. Der nachfolgende Artikel blickt
auf drei Jahrhunderte der Geschichte Harlems zurück.
Der Verfasser ist Journalist beim Christian Science Monitor.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Christian Science Monitor.
Copyright (c) 1993 The Christian Science Publishing Society. Alle Rechte vorbehalten.

Harlem verändert sich - schon wieder!
Die Gemeinde Nordmanhattan (Bezirk New York
City) - während eines Großteils dieses Jahrhunderts
das intellektuelle und kulturelle Zentrum des schwarzen Amerika - erlebt einen Zustrom von Hispanoamerikanern und einigen Weißen, die sich in den
Randbezirken niederlassen.
Die Kriminalität ist zurückgegangen. Im vergangenen Jahrzehnt haben sowohl die Schwarzen als
auch die Weißen ihren Wohlstand ausreichend
vermehrt, so daß amerikanische Unternehmen in der
Gegend Geschäfte eröffnet haben oder entsprechende Möglichkeiten sondieren. Neue Kultur- und
Kunstprogramme erleben eine Hochblüte.
Gemeindevertretern zufolge vollzieht sich in Harlem
ein tiefgreifenderer Wandel als je zuvor in der
jüngeren Geschichte, vielleicht seit den zwanziger
Jahren. Anwohner und Demographen stellen fest,
daß sich in den Außenbezirken von Harlem eine
Mehrheit von Hispanoamerikanern angesiedelt hat,
obwohl das Zentrum weiterhin schwarz ist. Auch
wenn sie nicht die Mehrheit bildet, ist die hispanoamerikanische Gemeinde groß genug, um die
politische und kulturelle Identität Harlems zu verändern. Auch einige Weiße ziehen wieder in die
Gegend.
An den Grenzen des Bezirks werden einige Appartmenthäuser in Eigentumswohnungen umgewandelt
oder von Eigentümerzusammenschlüssen aufgekauft.

AMERIKA DIENST 36

Die sich in Harlem vollziehenden dramatischen
Veränderungen "sind vielleicht keine Renaissance wie
in den zwanziger Jahren und Anfang der dreißiger
Jahre, aber es handelt sich zweifelsohne um eine
größere Umstrukturierung", erklärt Walter Stafford,
Professor für Stadtplanung an der Wagner School of
Public Policy der New York University. "Es gibt eine
neue Erkenntnis, was getan werden kann."
Im vergangenen Jahr haben beispielsweise Ben &amp;
Jerry's Ice Cream und die britische Kosmetikkette
The Body Shop Geschäfte auf der 125. Straße,
Harlems von Osten nach Westen verlaufender
Hauptgeschäftsstraße, eröffnet.
"Durch den Verkauf bauen wir etwas auf", erläutert
Robert Triefus, Sprecher von The Body Shop. Im
Rahmen einer speziellen Vereinbarung gehen 50
Prozent des von dem Geschäft in der 125. Straße
erzielten Gewinns an die Gemeinde. Der verbleibende Gewinn wird zur Eröffnung neuer Geschäfte in
Gegenden mit niedrigen Einkommen verwendet.
Zu den amerikanischen Unternehmen, die in Hartem
Geschäfte aufmachen oder Berichten zufolge eine
solche Möglichkeit sondieren, zählen die Supermarktkette Pathmark, die Kaufhäuser Caldor and K-mart
Corporation und das Schiffa.hrtsunternehmen CIrcle
Line Tours.
"Wir konzentrieren uns jetzt auf zunehmende Geschäftsaktivitäten" anhand der strategischen Nähe
Harlems zum Zentrum Manhattans sowie aufgrund
der neuen Betonung der Stadtverwaltung des New

Seite 1

�Yorker Bürgermeisters David Dinkins (der im Januar
1994 durch Rudolph Giuliani abgelöst wurde), die
Gegenden in den Innenstädten zu entwickeln, erklärt
Wallace Ford, Kommissar für Geschäftsdienstleistungen von New York.
"Im vergangenen Jahr war eine Zunahme kleinerer
Geschäfte und einiger Ketten zu verzeichnen. Wir
sehen das als sehr vielversprechend an", stellt ein
Sprecher der Handelskammer von Großharlem fest.
Für Millionen Amerikaner beschwört das Wort
"Harlem" ein Gefühl der Geschichte herauf sowie die
enormen Herausforderungen der Armut in zahlreichen städtischen Zentren.
Trotz seiner Geschichte hat Harlem immer noch
keine offiziellen Grenzen. Einigen Stadtplanem
zufolge beginnt Großharlem - und die angrenzende
Nachbarschaft - ungefähr bei der 96. Straße.
Andere sagen, an der 110. Straße. Die meisten
Experten stimmen jedoch überein, daß sich Harlem
von der 125. Straße nordwärts zwischen den Flüssen Hudson und Harlem bis in die Nähe der George
Washington-Brücke bei der 178. Straße erstreckt.
Viele der größten Bauprojekte hier werden von der
Stadtentwicklungsgesellschaft Harlem (Harlem Urban
Development Corporation - HUDC) ausgeführt, einer
Behörde des Bundesstaates New York. Mehrere
Komplexe schießen in ganz Harlem in die Höhe,
darunter Harlem-on-the-Hudson und das Gatewayto-Harlem-Projekt im Norden des Central Park. Für
Donald Cogsville von der HUDC steht die Erneuerung Harlems in direkter Verbindung zu der Zunahme neuer, multifunktionaler Erschließungsprojekte,
bei denen Wohnungen, Geschäfte und Büroräume
unter einem Dach untergebracht sind. Und die
Projekte und Arbeitsplätze bedeuten einen Zustrom
neuer Familien, von denen viele entschieden wohlhabender sind als die bisherigen Anwohner. Angesichts dieser Anhebung des Lebensstandards
unterstreicht Stafford die Notwendigkeit sicherzustellen, daß die seit Jahren in Harlem lebenden Menschen Zugang zu ordentlichen Wohnungen haben.
Die Geschäftsmieten entlang der 125. Straße
"steigen und steigen", äußert Chaesoo Kim, Direktor
des koreanisch-amerikanischen Wirtschaftsverbands
von Harlem. (Es befinden sich 40 bis 50 koreanische Geschäfte in der Gegend).
"Für die meisten Afroamerikaner ist es fast unmöglich, ein Haus in Harlem zu kaufen", stellt Horace
Carter fest, Präsident und Gründer der Emanuel
Pieterson Historischen Gesellschaft, einer Vereinigung zur Gebietserhaltung. Trotz all seiner Herausforderungen ist Harlem ein interessanter und aufre-

Seite 2

gender Wohnort, so der seit langem ansässige
Carter.
Ursprünglich war "New Harlem" ein um 1600 von
Peter Stuyvesant, dem Gouverneur von New Amsterdam, gegründetes Dorf, das später New York
wurde. Nachdem die Briten Ende 1600 die Kontrolle
übernommen hatten, wurde Harlem eine Ansiedlung
von Bauernhöfen. Anfang des 20. Jahrhunderts war
Harlem vornehmlich von Deutschen und deutschen
Juden bewohnt, obwohl es einige Iren, Skandinavier
und, weiter im Osten, Italiener gab. In Ostharlem
hatte sich die größte Gemeinde von Italoamerikanem
in Nordamerika niedergelassen, die bis ungefähr
1930 dort ansässig blieb. Tausende Italoamerikaner
leben immer noch in Enklaven in der Nähe der 116.
Straße, Tür an Tür mit puertoricanischen und anderen hispanoamerikanischen Gemeinden.
Nach dem Ersten Weltkrieg zogen viele Afroamerikaner erstmals in nördlich des Central Park gelegene
Gebiete, teilweise "wegen der großen Zahl zur
Verfügung stehender Wohnungen", so Frank Vardy,
Demograph in der Bevölkerungsabteilung der Stadtverwaltung von New York. (In Harlem gibt es immer
noch den meisten freien Wohnraum Manhattans). Zu
Beginn dieses Jahrhunderts war die Gemeinde der
Schwarzen in New York Vardy zufolge vorwiegend
auf der Westseite Manhattans angesiedelt. Die
Bewegung schwarzer Familien nach Norden wurde
zu einem Strom, als die wichtigen Kirchen für
Schwarze sich im Norden niederließen.
Die zwanziger Jahre waren für die in Harlem lebenden Afroamerikaner das Goldene Zeitalter, symbolisiert von Jazzstars wie Duke Ellington, Fletcher
Henderson und Cab Calloway. Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler wie Längsten Hughes, W. E. B.
DuBois und Paul Robeson lebten hier. Zu dieser Zeit
war die 125. Straße in rassischer und ethnischer
Hinsicht integriert.
"Die Straße war von Kinos und Varietötheatern
gesäumt, die vor allem von jüdischen Familien
besucht wurden, von guten Restaurants und zahlreichen Läden; die Nachtclubs wurden von vielen
Weißen aufgesucht", erinnert sich ein in den zwanziger Jahren in der 125. Straße wohnender Mann.
"Fast alle kamen gut miteinander aus. Die 125.
Straße war voller Leben."
Als die Afroamerikaner kamen, verließen die Weißen
die Gegend. "Das jüdische Harlem" verschwand
praktisch. Aber noch 1950 hatte Großharlem, einschließlich des Gebiets um die Columbia University,
eine 52prozentige Mehrheit weißer Einwohner. 1960
hatte sich das Blatt gewendet: In Harlem lebten 53
Prozent Schwarze sowie eine vorwiegend im Osten

AMERIKA DIENST 36

�Harlems angesiedelte hispanoamerikanische Minderheit von 18 Prozent. Die Gesamtbevölkerung
Harlems nahm stetig ab. Aber nicht nur die Weißen
gingen; Tausende von afroamerikanischen Familien
der Mittelschicht und akademischen Berufe zogen
aus Harlem weg, und die größte Gemeinde von
Schwarzen in New York ist jetzt in Brooklyn zu
finden.
"In den letzten 20 Jahren hat die Bevölkerung von
Harlem immer stärker abgenommen", so David
Reimers, Historiker an der New York University.
Inzwischen kommen aber Menschen jedes ethnischen Hintergrunds wieder zurück.
"Die Volkszählung von 1990 weist erstmals seit 1950
wieder einen Bevölkerungsanstieg in Harlem und
Umgebung aus", erklärt Cogsville von der HUDC. In
Teilen der oberen Westseite von Manhattan und in
Ostharlem ist der Anteil der Afroamerikaner auf 42
Prozent gesunken, der der Weißen von 14,5 Prozent
im Jahr 1980 auf 15 Prozent angestiegen, die
Asiaten ziehen fort. Die Wachstumsrate der Hispanoamerikaner schnellt jedoch in die Höhe.
"In einigen Jahren werden die Hispanoamerikaner in
Harlem und Umgebung eindeutig die Mehrheit
ausmachen", so Carter.
Einflußreiche Schwarze sind davon überzeugt, daß
Harlem auch in Zukunft hauptsächlich von Af roameri-

*

AMERIKA DIENST 36

*

kanem bewohnt sein wird. Die demographische
Entwicklung läßt darauf schließen, daß das vielleicht
nur im innersten Kern von Harlem der Fall sein wird.
Selbst im Zentrum Harlems, wo die Schwarzen seit
den dreißiger Jahren die Mehrheit ausmachen, lassen
sich die Hispanoamerikaner in beträchtlicher Zahl
nieder.
Der Anstieg der hispanoamerikanischen Bevölkerung,
der auch viele Einwanderer aus der Karibik angehören, ist ein Faktor für den jüngsten Anstieg der Armut.
Ungefähr 30 Prozent aller in Harlem lebenden
Familien erhalten staatliche Unterstützung, so James
Davis von der HUDC. Dennoch ist das Einkommen
insgesamt angestiegen, was teilweise den allgemeinen Anstieg des Lebensstandards widerspiegelt. Im
Zentrum von Harlem erhöhte sich die Zahl der
Haushalte mit einem Einkommen zwischen 20.000
und 50.000 Dollar von 11,6 Prozent im Jahr 1980 auf
über 32 Prozent 1990; die Zahl der Familien mit
einem Einkommen über 50.000 Dollar nahm einem
Bericht der HUDC zufolge von einem Prozent 1980
auf 10 Prozent 1990 zu.
Die Verbrechensrate sinkt ebenfalls, insbesondere in
den von den Haupteinkaufszentren entfernt gelegenen Gebieten. Im 30. Polizeirevier an der 151.
Straße West fiel die Anzahl der Morde von 46 im
Jahr 1991 auf 26 im Jahr 1992. Raubüberfalle,
tätliche Angriffe und Autodiebstähle nahmen ebenfalls
ab.

*

*

Seite 3

�</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </file>
  </fileContainer>
  <collection collectionId="4">
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="6534">
                <text>Dokumente</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </collection>
  <itemType itemTypeId="19">
    <name>Digitalisat</name>
    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
  </itemType>
  <elementSetContainer>
    <elementSet elementSetId="1">
      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="40">
          <name>Date</name>
          <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12193">
              <text>14.09.1994</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="51">
          <name>Type</name>
          <description>The nature or genre of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12194">
              <text>Digitalisat</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="39">
          <name>Creator</name>
          <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12195">
              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="50">
          <name>Title</name>
          <description>A name given to the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12196">
              <text>Amerikadienst 14.09.1994</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="41">
          <name>Description</name>
          <description>An account of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12197">
              <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gore betont amerikanisches Engagement für Deutschland und Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Vizepräsidenten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;2. Der Abschied&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Christopher erinnert an die Berliner Luftbrücke von 1948&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache vo dem Luftbrückendenkmal&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;Christopher würdigt Leistungen der alliierten Streitkräfte in Deutschland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede im Berliner Schauspielhaus&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;3. Bevölkerung&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Kairo erörtert Nord-Süd-Probleme und Ethik-Fragen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Überwindung letzter Hindernisse&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;Amerikaner für Eindämmung des Bevölkerungswachstums&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die öffentliche Meinung in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;4. Nordkorea&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;USA dringen auf Dialog zwischen Nord- und Südkorea&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gespräche zwischen Christopher und Han&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;5. Kriegsverbrechen&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ein Tribunal für die Gerechtigkeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von John Shattuck&lt;/em&gt;</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </elementSet>
  </elementSetContainer>
</item>
