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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

7. September 1994

35

BEVÖLKERUNG

GORE: BREITGEFÄCHERTER ANSATZ KANN
BEVÖLKERUNGSWACHSTUM EINDÄMMEN
Rede des Vizepräsidenten

ARBEITSWELT

REICH FORDERT BESTREBUNGEN ZUM
WIEDERAUFBAU DER AMERIKANISCHEN
MITTELSCHICHT
Ausbildung als Schlüssel zum Fortschritt

BILDUNG

RICHARD RILEY - REFORMER DES
AMERIKANISCHEN BILDUNGSWESENS
von Steve Piacente

VERFASSUNG

AMERIKANISCHE VERFASSUNG IST
GEFRAGTER NEUER EXPORTARTIKEL
Juraprofessor als "Handlungsreisender"

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 339 23 72
Fax: 0228 33 41 02

�BEVÖLKERUNG
7. September 1994

GORE: BREITGEFÄCHERTER ANSATZ KANN
BEVÖLKERUNGSWACHSTUM EINDÄMMEN
Rede des Vizepräsidenten
KAIRO - (AD) - Die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums kann durch einen breitgetächerten Ansatz
erzielt werden, der wirtschaftliche Erfordernisse, Bildung, Gesundheitsfürsorge und Familienplanung anspricht,
erklärte Vizepräsident AI Gore den Teilnehmern der internationalen Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung am Eröffnungstag.
Die von den Vereinten Nationen veranstaltete Konferenz wurde am 5. September 1994 in Kairo eröffnet und
soll bis zum 13. September dauern. Vizepräsident Gore, der die amerikanische Delegation anführt, stellte fest,
die Geschichte habe die Unzulänglichkeit isolierter Lösungen für das Bevölkerungsproblem gelehrt. Er drängte
auf Unterstützung eines ausgewogenen, vielseitigen Ansatzes, der die Betonung auf gerechte und
umweltverträgliche Entwicklung, Bildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen, Bekämpfung des
Analphabetentums, die Verfügbarkeit von Kontrazeptiva sowie eine gute Gesundheitsfürsorge legt. Konsequent
verfolgt würden diese Elemente zu niedrigen Geburten- und Sterberaten sowie einem stabilisierten
Bevölkerungswachstum führen, argumentierte der Vizepräsident.
Entsprechend sei die Lösung für das Problem der Armut "in einem umfassenden Ansatz (zu finden), einer
Kombination aus Demokratie, Wirtschaftsreformen, niedrigen Inflationsraten, wenig Korruption, einer soliden
Umweltpolitik, freien und offenen Märkten im Inland sowie Zugang zu Märkten in den Industrienationen",
äußerte Gore.
Im Hinblick auf die kontroversen Empfehlungen der Konferenz zum Schwangerschaftsabbruch stellte der
Vizepräsident fest: "Die Vereinigten Staaten streben nicht die Einführung eines neuen internationalen Rechts
auf Schwangerschaftsabbruch an, und unseres Erachtens sollte dieser nicht als Methode der Familienplanung
ermutigt werden. Ferner vertreten wir die Ansicht, daß politische Entscheidungen zu diesen Fragen im
Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Regierung im Rahmen ihrer Gesetze und nationalen Gegebenheiten sowie
im Einklang mit bereits vereinbarten Menschenrechtsnormen getroffen werden sollten."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Vizepräsident Gore.
Es ist mir eine Ehre, gemeinsam mit Ihnen eine der
wichtigsten Konferenzen zu eröffnen, die je veranstaltet wurden.
Im Namen von Präsident Clinton und allen Amerikanern möchte ich zunächst dem Gastgeber, Präsident
Mubarak, danken. Seine Präsidentschaft ist gekennzeichnet von dem kontinuierlichen Engagement, eine
bessere Zukunft für sein Volk, diese Region und die
Welt aufzubauen. Diese Konferenz soll dazu beitragen, dieses Ziel zu verwirklichen. Ich kann mir
keinen besseren oder geeigneteren Ort als Kairo für
die heute von uns begonnene Arbeit vorstellen.

AMERIKA DIENST 35

Ich möchte auch Generalsekretär Boutros Boutros
Ghali und Dr. Nafis Sadik für ihre engagierte Führungsrolle bei der Umsetzung dieser Konferenz von
einer Idee zur Realität meinen Dank aussprechen.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Beiträge von
Ministerpräsidentin Brundtland und Ministerpräsidentin Bhutto zu den Bestrebungen der Welt, dieses
lebenswichtige Thema anzusprechen.
Vor allem möchte ich jedoch den enormen Beitrag
von Regierungsvertretern, Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen und Privatleuten zur Bewältigung
der größten Herausforderung - und größten Chance des kommenden Jahrhunderts würdigen. Wir alle
schulden den an diesem Prozeß Beteiligten großen
Dank.

Seite 1

�Wir wären heute nicht hier versammelt, wenn wir
nicht überzeugt wären, daß das rasche und umweltschädliche Wachstum der Weltbevölkerung ein
Problem von höchster Dringlichkeit ist. Es dauerte
10.000 Generationen, bis die Weltbevölkerung zwei
Milliarden Menschen zählte. Aber in den vergangenen 50 Jahren hatten wir ein Bevölkerungswachstum
von 2 Milliarden auf über fünfeinhalb Milliarden zu
verzeichnen. Und wir sind auf dem Weg zu einem
Zuwachs auf 9 oder 10 Milliarden in den nächsten
50 Jahren. 10.000 Generationen, um eine Bevölkerung von 2 Milliarden zu erreichen und dann explodiert die Bevölkerung in einem menschlichen
Leben - dem unseren - von 2 Milliarden auf 10
Milliarden.

zur präzisen Lokalisierung der Fische haben den
gesamten Fischbestand unseres Planeten in hohem
Maße ausgebeutet oder ernsthaft gefährdet. Aus
diesem Grund haben wir die Verwendung von Treibnetzen eingeschränkt.

Diese Zahlen sind kein Problem an sich. Aber das
erstaunliche neue Muster, das sie zeichnen, ist ein
Symptom einer sehr viel größeren und tief ergehenden, die Menschheit konfrontierenden Herausforderung. Werden wir unseren Beziehungen zueinander
Rechnung tragen oder nicht? Werden wir die
Verantwortung für die Konsequenzen der von uns
getroffenen Entscheidungen übernehmen oder nicht?
Können wir Wege der Zusammenarbeit finden, oder
werden wir darauf bestehen, selbstsüchtig die
Grenzen des menschlichen Stolzes zu erforschen?
Wie können wir es erreichen, in den Gesichtern der
anderen unsere eigenen Hoffnungen und Träume für
die Zukunft zu sehen? Warum ist es so schwer zu
erkennen, daß wir alle Teil eines größeren Ganzen
sind?

Wirtschaftlich gesehen trägt das rasche Bevölkerungswachstum häufig zu der Herausforderung bei,
niedrige Löhne, Armut und wirtschaftliche Ungerechtigkeit in Angriff zu nehmen.

Natürlich gibt es unendliche Fragen, die stets die
Menschheit bewegt haben. Heute erhalten sie
jedoch eine neue Dringlichkeit, eben weil wir ein
neues Stadium der menschlichen Geschichte erreicht haben - ein nicht nur durch das kometenhafte
Wachstum der Menschheit, sondern auch durch die
beispiellosen faustischen Kräfte der neuen Technologien definiertes Stadium, das wir in eben diesen 50
Jahren erreicht haben - Technologien, die uns nicht
nur neue Vorteile bringen, sondern auch die Konsequenzen jahrhundertealter Verhaltensmuster in
einem Extrem beleuchten, das allzuoft die Klugheit
übersteigt, die wir in unsere Entscheidung über ihren
Einsatz einbringen.
Kriegführung ist beispielsweise eine althergebrachte
menschliche Gewohnheit - aber die Erfindung von
Nuklearwaffen hat die Konsequenzen dieses Verhaltens so radikal verändert, daß wir gezwungen sind,
neue Denkmuster über die Beziehungen zwischen
Nuklearstaaten zu sondieren, um den Einsatz dieser
Waffen zu verhindern. Entsprechend waren die
Ozeane immer eine Quelle von Nahrungsmitteln,
aber neue Technologien wie 60 Kilometer lange
Treibnetze zusammen mit modernstem Sonargerät

Seite 2

Es wird jedoch zunehmend deutlich, daß unser
Bewegungsspielraum kleiner wird, während das
rapide Bevölkerungswachstum einhergeht mit einem
enormen und umweltschädigenden Konsumniveau in
den Industrienationen, mächtigen neuen Instrumenten
zur Ausbeutung der Erde und der Mitmenschen sowie
der entschiedenen Weigerung zur Übernahme der
Verantwortung für die Konsequenzen der von uns
getroffenen Entscheidungen.

Die Bevölkerungstrends stellen ebenfalls eine Herausforderung für die Gesellschaften, Volkswirtschaften und Regierungen dar, die erforderlichen Investitionen in Humankapital und Infrastruktur zu tätigen.
Auf der Ebene der Familie haben die demographischen Trends die Investitionen der Welt in ihre Kinder
- insbesondere Mädchen - auf einem inakzeptabel
niedrigen Niveau gehalten.
Für den einzelnen sind Bevölkerungswachstum und
hohe Geburtenraten eng mit schlechter Gesundheit
und verringerten Chancen für abermillionen Frauen,
Kleinkinder und Kinder verbunden.
Die Bevölkerungsexplosion schränkt häufig die
Hoffnungen für Stabilität auf nationaler und internationaler Ebene ein. Nehmen Sie zum Beispiel die
20 Millionen Flüchtlinge auf unserer Welt, die kein
Zuhause haben.
Die Delegierten dieser Konferenz haben dazu beigetragen, weithin Verständnis dieser neuen Realitäten herbeizuführen. Besonders bemerkenswert für
diese Konferenz ist jedoch nicht nur das beispiellose
Ausmaß an Konsens über das Wesen des Problems,
sondern auch das Ausmaß an Konsens über das
Wesen der Lösung.
In den vergangenen Jahren haben sich die Sichtweise und das Verständnis dieses Problems tiefgreifend gewandelt. Und diese Veränderung ist Teil
einer umfassenderen philosophischen Verlagerung
der Art und Weise, in der die meisten Menschen über
viele große Probleme nachzudenken begonnen
haben.

AMERIKA DIENST 35

�Es gab eine automatische Tendenz - insbesondere
in den Industrienationen - über den Prozeß des
Wandels im Kontext isolierter Ursachen nachzudenken, die isolierte Wirkungen erzeugen. Und daher
schien es bei der Suche nach dem Weg zur Lösung
eines speziellen Problems, wie groß es auch sein
mag, nur natürlich, nach der einzigen, am deutlichsten herausragenden "Ursache" des Problems zu
suchen und es dann entschieden anzugehen.
Zahlreiche kontroverse Argumente zwischen Gruppen waren die Folge, die unterschiedliche Gründe
als die "Hauptursache" ausmachten, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit verlangte.
Als deutlich wurde, daß neue medizinische Technologien einen dramatischen Rückgang der Sterbeziffern, aber nicht der Geburtenrate bewirkten, einigten
sich zahlreiche Pioniere der Bestrebungen zur
Bewältigung des Bevölkerungsproblems auf das
Konzept, der Mangel an Kontrazeptiva sei das
Hauptproblem und argumentierten, ihre weitgehende
Verfügbarkeit würde den von uns gewünschten
Effekt produzieren - die Beendigung des demographischen Übergangs mit niedrigen Geburten- und
Sterberaten.
Als jedoch deutlich wurde, daß Empfängnisverhütung
allein selten den von uns angestrebten Wandel
herbeiführt, widmete man anderen isolierten Ursachen das Hauptaugenmerk.
Bei der historischen Konferenz von Bukarest vor 20
Jahren, als denkende Menschen feststellten, daß die
Mehrzahl der Gesellschaften mit stabilisiertem
Bevölkerungswachstum wohlhabend, industrialisiert
und "entwickelt" waren, schien die Schlußfolgerung
beispielsweise logisch, daß - in der damals gängigen
Formulierung - "Entwicklung die beste Empfängnisverhütung ist".
In der Zwischenzeit wurde Erkenntnissen der Entwicklungsländer
unzureichend
Aufmerksamkeit
gewidmet. Einige afrikanische Politiker argumentierten zum Beispiel vor 30 Jahren, daß "das mächtigste
Mittel zur Empfängnisverhütung der Welt das Vertrauen der Eltern in das Überleben ihrer Kinder ist".
An Orten wie Kerala im Südwesten Indiens ließen
die örtlichen Behörden Frauen und Männer an der
wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben, indem sie
ihnen mehr Zugang zu Bildung gewährten, Alphabetisierungskampagnen in die Wege leiteten und
gleichzeitig gute Gesundheitsfürsorge für Mütter und
Kinder sowie Verhütungsmittel bereitstellten. Infolge
dieser Maßnahmen fiel die Wachstumsrate der
Bevölkerung fast auf Null.

AMERIKA DIENST 35

Die Welt hat von den Entwicklungsländern auch
gelernt, daß die falsche Art schneller wirtschaftlicher
Entwicklung - die ungerecht ist und die traditionelle
Kultur, Umwelt und Menschenwürde schädigt - zu
einer Desorientierung der Gesellschaft sowie einer
Verringerung der Fähigkeit zur Lösung aller Probleme
- einschließlich des Bevölkerungsproblems - führen
kann.
Hier in Kairo besteht jedoch ein neuer und weitverbreiteter Konsens, daß keine dieser Lösungen alleine
ausreicht, um den von uns angestrebten Wandel
herbeizuführen. Wir sind uns jetzt darüber einig, daß
sie zusammengenommen über einen ausreichenden
Zeitraum hinweg eine systematische Veränderung zu
niedrigen Geburten- und Sterberaten sowie einer
Stabilisierung des Bevölkerungswachstums herbeiführen werden. Bei diesem neuen Konsens gehen
gerechte und umweltverträgliche Entwicklung sowie
eine Stabilisierung des Bevölkerungswachstums Hand
in Hand. Aufklärung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen, Alphabetisierungskampagnen,
die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln und hochwertige Gesundheitsfürsorge sind Faktoren von
entscheidender Bedeutung.
Sie können nicht aufgeschoben werden, bis Entwicklung stattfindet, sondern müssen gleichzeitig mit ihr
einhergehen - und sollten als Teil des Prozesses
angesehen werden, durch den Entwicklung beschleunigt und wahrscheinlicher gemacht wird.
Dieses holistische Verständnis ist repräsentativ für
den Ansatz, den wir zur Lösung anderer drängender
Probleme wählen müssen. Beziehungen und wechselseitige Verbindungen anzuerkennen, ist hierzu ein
Schlüssel. Beispielsweise steht die Zukunft der
Industrienationen im Zusammenhang mit den Aussichten der Entwicklungsländer.
Teilweise aus
diesem Grund möchten wir in den Vereinigten Staaten diese Gelegenheit nutzen, um unmißverständlich
alle Menschenrechte, einschließlich des Rechts auf
Entwicklung, zu bekräftigen.
Wir sollten eindeutig klarstellen, daß andauernde
große Armut auf unserer Welt den Hauptgrund für
menschliches Leiden, Umweltzerstörung, Instabilität und hohes Bevölkerungswachstum - darstellt.
Die Lösung ist jedoch - wie die Lösung des Bevölkerungsproblems - nicht in einer isolierten, vereinfachenden Antwort zu finden, sondern in einem
umfassenden Ansatz, einer Kombination aus Demokratie, Wirtschaftsreformen, niedrigen Inflationsraten,
wenig Korruption, einer soliden Umweltpolitik, freien
und offenen Märkten im Inland sowie Zugang zu
Märkten in den Industrienationen.

Seite 3

�Ferner müssen wir - in den Entwicklungs- und
Industrieländern gleichermaßen - die Verbindung
zwischen der heutigen und zukünftigen Generationen anerkennen, die die Ergebnisse der heute von
uns getroffenen Entscheidungen erben werden. Ein
Großteil der intellektuellen Krise der modernen Welt
wurzelt in unserer halsstarrigen Weigerung, über
unsere direkten Bedürfnisse und Wünsche hinauszuschauen und in die Art von Zukunft zu investieren,
auf die unsere Enkelkinder ein Recht haben. Und
es sollte offensichtlich sein, daß wir diesen verlorenen Sinn für die Zukunft nicht durch bloße
Appelle an Verstand und Logik wiedergewinnen
können.
Ich persönlich bin davon überzeugt, daß der anzustrebende holistische Ansatz in dem Glauben an die
grundlegenden menschlichen Werte und das Engagement dafür verwurzelt ist, die in allen großen
religiösen Traditionen und Prinzipien zu finden sind,
denen Männer und Frauen auf der Welt in zunehmendem Maße anhängen:

Die Verfassung der Vereinigten Staaten sichert das
Recht jeder innerhalb unserer Grenzen lebenden
Frau, sich mit begrenzten und spezifischen Ausnahmen für einen Schwangerschaftsabbruch zu
entscheiden. Wir sind diesem Prinzip verpflichtet.
Ich möchte jedoch ein Mißverständnis ausräumen:
Die Vereinigten Staaten streben nicht die Einführung
eines neuen internationalen Rechts auf Schwangerschaftsabbruch an, und unseres Erachtens sollte
dieser nicht als Methode der Familienplanung ermutigt werden.
Ferner vertreten wir die Ansicht, daß politische
Entscheidungen zu diesen Fragen im Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Regierung im Rahmen ihrer
Gesetze und nationalen Gegebenheiten sowie im
Einklang mit bereits vereinbarten Menschenrechtsnormen getroffen werden sollten.
In diesem Zusammenhang verurteilen wir jeglichen,
im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbruch
oder anderen reproduktiven Fragen stehenden
Zwang.

Die zentrale Rolle der Familie,
die Bedeutung des Gemeinsinns,
die Freiheit des menschlichen Geistes,
die angeborene Würde jeder Frau, jedes Mannes
und jedes Kindes auf diesem Planeten,
politische, wirtschaftliche und religiöse Freiheit,
universelle und unveräußerliche Menschenrechte.
Entweder stützen wir uns bei unseren heutigen
Bestrebungen auf den Reichtum dieser gemeinsamen Prinzipien und Werte, oder wir lassen zu,
daß unsere Differenzen uns spalten. Und es ist
natürlich äußerst schwierig, einige dieser Differenzen
vollständig beizulegen.
Beispielsweise sind wir uns alle wohl bewußt, daß
die Ansichten zu einem Schwangerschaftsabbruch
zwischen Nationen und Einzelpersonen sehr unterschiedlich sind. Ich möchte die Position der Vereinigten Staaten zum Schwangerschaftsabbruch
deutlich machen, um Mißverständnissen vorzubeugen. Unserer Ansicht nach wird die Bereitstellung
hochwertiger Dienstleistungen bei Familienplanung
und Gesundheitsfürsorge gleichzeitig zu einer
Respektierung des Wunschs der Frau nach einer
Verhütung ungewollter Schwangerschaften, zu einer
Verringerung des Bevölkerungswachstums und der
Abtreibungsquote führen.

Wo ein Schwangerschaftsabbruch erlaubt ist, sollte er
unserer Meinung nach medizinisch sicher sein. Eine
medizinisch gefährliche Abtreibung ist ein Punkt bei
der Gesundheit der Frau, mit dem wir uns befassen
müssen.
Obwohl wir uns bewußt sind, daß auf einigen wenigen Gebieten eine vollständige Einigung schwer zu
erzielen ist, wollen wir uns um eine Respektierung
unserer Unterschiede bemühen und mit ihrer Überwindung das schaffen, was der Welt als der "Geist
von Kairo" im Gedächtnis bleiben wird - eine gemeinsame, unerschütterliche Entschlossenheit, die Weichen für eine Zukunft der Hoffnung und Verprechungen zu stellen.
Dies ist die Eröffnungssitzung. Jeder von uns kann
einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg dieses
historischen Unterfangens leisten. Eine entscheidende Voraussetzung hierfür ist unser Engagement für
sein Funktionieren.
Der schottische Bergsteiger W. H. Murray schrieb
Anfang dieses Jahrhunderts: "Bevor man sich
engagiert, gibt es Zögern, die Möglichkeit des Rückzugs, beständige Ineffektivität. Im Hinblick auf
jegliche Initiative ... gilt eine elementare Wahrheit,
deren Unkenntnis zahllose Ideen und hervorragende
Pläne zunichte macht: In dem Moment, an dem man
sich endgültig zu etwas verpflichtet, handelt auch die
Vorsehung."
Anfang dieses Jahres konnte ich mich im Süden
dieses Kontinents mit eigenen Augen von der Wahr-

Seite 4

AMERIKA DIENST 35

�haftigkeit dieser Behauptung überzeugen, als ich
mein Land bei der Amtseinführung Nelson Mandelas
vertrat.
Als er seine Hand zur Ableistung des Amtseids
erhob, erinnerte ich mich plötzlich an einen Sonntagmorgen vor vier Jahren, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde und mein damals siebenjähriger
jüngster Sohn gemeinsam mit mir die Berichterstattung im Fernsehen sah und fragte, warum die ganze
Welt zusah, wie diesem Menschen die Freiheit
wiedergegeben wurde.
Als ich ihm das nach bestem Vermögen erklärte,
fragte mein Sohn erneut "Warum?". Und nach
vielen "Warum" war ich etwas frustriert - erkannte
aber plötzlich auch, was für ein seltenes Privileg es
ist, einem Kind ein solch außergewöhnliches Ereignis zu erklären, wo ich doch wie so viele Eltern
oftmals mit der Belastung konfrontiert bin, ihm die
Existenz des Bösen sowie schreckliche Tragödien
und Ungerechtigkeit auf unserer Welt erklären zu
müssen.
Als Präsident Mandela seinen Amtseid abgelegt
hatte, beschloß ich, daß ich in den kommenden

*

AMERIKA DIENST 35

Tagen in Südafrika versuchen wollte zu verstehen,
wie diese wunderbare Entwicklung möglich wurde.
Was ich herausfand - neben dem wohlbekannten Mut
und der Vision von Mandela und De Klerk gleichermaßen - war das Schlüsselelement, das in der
Nachrichtenberichterstattung keinen Niederschlag
gefunden hatte: Männer und Frauen jedes ethnischen Hindergrunds aus allen Gesellschaftsschichten
hatten im Stillen beschlossen, die sie trennenden
Barrieren zu überwinden und Hand in Hand eine
Zukunft zu schaffen, die schöner ist als alles, was sie
sich je vorgestellt hatten.
Heute sehen wir uns derselben Wahl und denselben
Chancen gegenüber: Werden wir unseren Enkeln die
Last auferlegen, ihren Kindern zu erklären, warum
sich im Verlauf ihres Lebens unaussprechliche
Tragödien ereignen, die hätten vermieden werden
können?
Oder werden wir ihnen das Privileg und die Freude
verschaffen, ungewöhnlich positive Entwicklungen zu
erklären - deren Grundlagen zu dieser Zeit an diesem
Ort gelegt wurden? Wir haben die Wahl. Wir sollten
eine gute Wahl treffen.

* * *

*

Seite 5

�ARB E I T S W E L T
7. September 1994

REICH FORDERT BESTREBUNGEN ZUM
WIEDERAUFBAU DER AMERIKANISCHEN
MITTELSCHICHT
Ausbildung als Schlüssel zum Fortschritt
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Arbeitsminister Robert Reich hat Arbeitgeber und Arbeitnehmer dazu aufgerufen, die Regierung beim
Wiederaufbau einer tragfähigen Mittelschicht zu
unterstützen, die in den letzten Jahren durch die
Entwicklungen am Arbeitsplatz zerfiel.
Bei einem Mittagessen des privaten Center for
National Policy erklärte Reich am 31. August 1994,
die Mitte der siebziger Jahre begonnenen Trends
hätten das Einkommens- und Sozialleistungsgefälle
zwischen den qualifizierten Arbeitnehmern und
denen ohne gute Bildung und Ausbildung vergrößert.
Im Laufe dieses Prozesses sei die alte Mittelschicht
in drei neue Gruppen aufgespalten worden: "Eine
vorwiegend in den Innenstädten gefangene Unterschicht, die zunehmend von den Wirtschaftszentren
isoliert ist, eine Oberschicht derjenigen, die den
Wandel in ihren Dienst stellen und dazwischen die
größte Gruppe, eine Gruppe ängstlicher Menschen,
die großenteils einen Arbeitsplatz haben, aber zu
Recht besorgt um ihre Stellung und um die Zukunft
ihrer Kinder sind."
Reich nahm diese Analyse nur fünf Tage vor dem
Feiertag Labor Day vor, der jedes Jahr zu Ehren der
Arbeitnehmer begangen wird.
Er untermauerte seine Behauptung mit Statistiken,
die besagen, daß die Kluft innerhalb der erwerbstätigen Bevölkerung immer größer wird. Im Zusammenhang mit dem Einkommen erklärte er, ein
männlicher Collegeabsolvent hätte 1992 im Durchschnitt 83 Prozent mehr verdient als ein High
School-Absolvent, verglichen mit einem Ungleichgewicht von nur 49 Prozent im Jahr 1979.
Ähnliche Trends zeichnen sich bei der Krankenversicherung, den Renten und bei der Möglichkeit ab,

AMERIKA DIENST 35

"überhaupt einen Arbeitplatz zu behalten", so Reich.
Die Arbeitslosenquote für High School-Abbrecher
stieg von 7 Prozent in den siebziger Jahren auf über
12 Prozent im Jahr 1993, während die Arbeitslosenquote für Arbeitnehmer mit einem Collegeabschluß
oder einem noch höherwertigen Abschluß ziemlich
stetig bei ungefähr 3 Prozent liegt.
Der bemerkenswerteste Wandel am Arbeitsplatz war
Reich zufolge "die ungestüme Ankunft des Computers" - eine Entwicklung, die "die Spaltung innerhalb
der amerikanischen Erwerbsbevölkerung zwischen
den Computerkundigen und ihren weniger geschulten
Kollegen vertieft hat".
Die Arbeitsplatzpolitik der Clinton-Administration
basiert auf "der erwiesenen Tatsache, daß Qualifikationen von Bedeutung sind und erworben werden
können", so Arbeitminister Reich. Er forderte die
Entwicklung eines "neuen Sozialpakts zwischen
amerikanischen Arbeitnehmern, Wirtschaft und
Regierung" zur Förderung von Ausbildung am Arbeitsplatz, die er als zunehmend erforderlich bezeichnete.
"Für amerikanische Unternehmen ist dieser neue
Sozialpakt nicht nur ein Gebot der Unternehmenspolitik gegenüber den Bürgern, sondern auch ihrer
eigenen langfristigen Interessen", erklärte er. Reich
bat die großen, einflußreichen Wirtschaftsverbände,
wie die amerikanische Handelskammer und die
nationale Produzentenvereinigung, diese Tatsache
anzuerkennen und ihre Mitglieder zu entsprechendem
Handeln zu veranlassen.
"Die Aussichten für Amerika sind vielversprechend",
so Reich. "Es gibt keine feste Zahl guter Arbeitsplätze, die aufgeteilt werden müssen, noch irgendwelche natürlichen Grenzen für die Erfindungsgabe des

Seite 1

�menschlichen Geistes oder neue Produkte und
Dienstleistungen", die er hervorbringen kann.
In den letzten Jahren dieses Jahrhunderts, in der
von Hoffnungen und Ängsten gekennzeichneten Verwirrung nach dem Ende des Kalten Krieges, besteht
unsere wichtigste Aufgabe in der Wiederherstellung

der Hoffnung der von Angst erfüllten Schichten und
der Ermutigung der verzweifelten Unterschicht, um
mit Überzeugung zu bekräftigen, daß der Amerikanisehe Traum des weit verbreiteten Wohlstands für die
Mittelschicht Bestand hat", äußerte der Arbeitsminister.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 35

�BILDUNG
7. September 1994

RICHARD RILEY - REFORMER DES
AMERIKANISCHEN BILDUNGSWESENS
von Steve Piacente
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Bildungsminister Richard Riley möchte auf nationaler Ebene das
erreichen, was er während seiner Zeit als Gouverneur von South Carolina im Bereich des staatlichen
Bildungswesens erzielte. Er bemüht sich mit Einfallsreichtum und Hartnäckigkeit um einen Konsens und strebt
eine grundlegende Reform an, die eine Veränderung des staatlichen Bildungswesens in den Vereinigten
Staaten herbeiführen soll.
Steven Piacente ist Korrepondent in Washington für Charleston (S.C.) Post and Courler und freiberuflicher
Schriftsteller.
Nachdruck aus Government Executive, Juni 1993. Copyright (c) 1993 National Journal, Inc. Alle Rechte
vorbehalten. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Government Executive,
1730 M Street, N.W., Washington, D.C. 20036.
Präsident Clinton wünschte, daß sein Kabinett die
Farben Amerikas widerspiegelt. Für die Farbe Grau
wählte der Dick Riley.
Dieser Farbton scheint dem amerikanischen Bildungsminister zu stehen. Der kleine Mann mit der
silberumrandeten Brille und dünnen grauen Haarsträhnen hat aufgrund von Wirbelsäulenproblemen
eine gebeugte Haltung. Er ist zurückhaltend und
bisweilen volkstümlich im Stil der Südstaaten.
Im Laufe der Jahre hat der jetzt 60jährige Riley sich
jedoch als so stark und standhaft erwiesen wie die
gewaltigen grauen Schlachtschiffe, die an den
Küsten des Bundesstaates South Carolina, dessen
Gouverneur er acht Jahre lang war, vor Anker
liegen.
Nachdem er kürzlich mit einigen Besuchern aus
seinem Heimatstaat über die gewaltigen Probleme
gescherzt hatte, denen er sich in seinem neuen Amt
gegenübersieht, machte er lässig eine Äußerung, die
sowohl erstaunlich akkurat als auch für seine Verhältnisse äußerst selbstgefällig ist: "Sie wissen sehr
gut - wenn ich etwas angefangen habe, gebe ich
nicht auf."

AMERIKA DIENST 35

Riley demonstrierte diese Zähigkeit schon vor zehn
Jahren, als er das staatliche Bildungswesen von
South Carolina fast ohne fremde Hilfe auf den Stand
des 20. Jahrhunderts brachte und die widerstrebende
Generalversammlung (die Teil der bundesstaatlichen
Legislative ist) zu Steuererhöhungen überredete.
Seine Leistungen wurden von seinem Amtskollegen,
Gouverneur Bill Clinton, sorgfältig verfolgt, der in
Riley einen Mentor sieht.
Nachdem Clinton ihm die Chance gegeben hat, sein
Werk auf nationaler Ebene fortzusetzen, wurde Riley
bei seinen ersten Begegnungen mit Bildungsexperten
in Washington für seine übertrieben gedehnte
Sprechweise bekannt.
Er beginnt folgendem»«ßon: "Man sagt, 'Wissen Sie,
Herr Minister, Sie haben viele Ideen zur Verbesserung des Bildungswesens und so weiter. Als
erstes müssen wir diese Schulden begleichen und
den bedürftigen Jugendlichen staatlich finanzierte
Stipendien (Pell Grants) zur Verfügung stellen.'"
Riley ruft aus: "Zwei Milliarden Dollar! Was soll das
heißen - zwei Milliarden Dollar? Ich habe Schulden
seit dem ersten Tag meiner Amtszeit. Das ist die
Wahrheit!"

Seite 1

�Wahr ist auch, daß Riley die Leitung einer in großen
Schwierigkeiten steckenden Behörde übernommen
hat. Obwohl Präsident Bushs zweiter Bildungsminister, der ehemalige Gouverneur von Tennessee
Lamar Alexander, erste Schritte unternahm, um der
Bundesregierung bei den nationalen bildungspolitischen Debatten eine prominente Stellung einzuräumen, reichte das nicht zur Neubelebung des Ministeriums aus. In einer Ende Februar gehaltenen Rede
erklärte Riley: "... die Moral war auf einem Tiefpunkt".
Der neue Bildungsminister scheint entschlossen,
dieses Problem anzugehen, aber der Haushaltsantrag in Höhe von 30,7 Milliarden Dollar für das
Haushaltsjahr 1994 weist verglichen mit 1993 nur
eine kleine Steigerung auf, und die personellen und
administrativen Beschränkungen werden eng bleiben. Riley wird alle Hände voll zu tun haben, wenn
er ein Ministerium neu beleben will, das einen Monat
vor der Amtsübernahme Bill Clintons Gegenstand
beißender und umfassender Kritik durch den Bundesrechnungshof war.
Riley war sich bei seiner Amtsübernahme in Washington vollkommen der Schwierigkeiten bewußt,
die öffentlichen Schulen wieder in Ordnung zu
bringen, weil er das bereits in South Carolina getan
hatte.
Der vielleicht schwierigste Teil dieser Aufgabe
bestand darin, die bundesstaatliche Legislative zu
einer Erhöhung der Umsatzsteuer um einen Cent zu
überreden, um damit die umfassende Schulreform
zu finanzieren. Dieses Meisterstück Rileys versetzte
politische Beobachter 1984 in Erstaunen. "Was er
in South Carolina erreichte, wurde allgemein für
unmöglich gehalten", so der Rechtsanwalt und
ehemalige Senator des Bundesstaates Heyward
McDonald. "Er überzeugte die Wirtschaftsvertreter.
Er organisierte öffentliche Diskussionsveranstaltungen.
Als die entsprechende Gesetzesvorlage
eingebracht und erörtert wurde, war die Lawine
bereits ins Rollen gekommen."
Die von ihm gezeigte Hartnäckigkeit entstand zur
Zeit des Unglücks. Riley lebte viele Jahre unter
Schmerzen, die 1956 begannen, als der junge
Leutnant an Bord eines Schiffs der US-Marine
niesen mußte und dabei einen Krampf im Rücken
verspürte. Dies war das erste Anzeichen für Spondylitis, eine qualvolle arthritische Wirbelsäulenerkrankung, die Riley während seiner 14jährigen Karriere
in der Legislativen South Carolinas und danach
quälte.
"Ich lernte, mit einem qualvollen Tag und einer
ebensolchen Nacht zu leben und weiterzumachen",

Seite 2

erklärte er. "Ich hatte 15 bis 20 Jahre lang entsetzliche Schmerzen und nahm nie Medikamente. Ich
habe in meiner schlimmsten Zeit nicht einmal Aspirin
genommen. Es ging nur darum, es durchzustehen.
Man sagte mir, das Leiden würde von selbst weggehen, und wenn ich meinen Rücken mehr oder weniger gerade halten könnte, würde es schließlich
nachlassen und der Schmerz aufhören. Man bleibt
verkrüppelt zurück, aber die Schmerzen und das
Fieber hatten schließlich ein Ende."
Als Ergebnis hat Riley einen Gang als würde er sich
ducken, um einem Regenguß auszuweichen. Riley
ist jetzt bereit, über seinen Zustand zu sprechen,
weigerte sich jedoch, als die Krankheit noch akut war.
"Es bestand eine Art von Übereinstimmung in der
Familie, daß ich die Krankheit ausschwitzen mußte,
und das tat ich auch."
Manche mögen sich fragen, warum sich Clinton für
einen ehemaligen Gouverneur als Bildungsminister
entschied, dessen Heimatstaat in den meisten
bildungspolitischen Statistiken ganz unten rangiert.
Auf die Frage, warum South Carolina bei Fragen wie
Gehältern für Lehrer und Eignungstests immer noch
so schlecht dastehe, antwortete Riley schlicht: "Wir
mußten einen längeren Weg gehen als die meisten
Bundesstaaten. Das ist kein Grund, sich zu schämen."
Der an der Furman University und der University of
South Carolina ausgebildete Riley, der als Rechtsberater für den ehemaligen Senator Olin Johnston
(Demokrat aus South Carolina) tätig war, übertreibt
nicht, wenn er von dem langen Weg spricht, den sein
Bundesstaat zurückzulegen hatte.
Obwohl die
Ergebnisse der Eignungsprüfungen in den Schulen
South Carolinas immer noch zu den schlechtesten
der Vereinigten Staaten gehören, erlebte kein Bundesstaat Mitte der achtziger Jahre größere Verbesserungen.
Unter Riley verzeichnete der Bundesstaat ferner
einen 7prozentigen Anstieg von High School-Absolventen, die direkt das College besuchen, eine
Verdoppelung der Zahl von High School-Studenten,
die ihr Examen vorzeitig ablegen, ein verstärktes
Interesse an Begabtenförderungsprogrammen sowie
einen Wettstreit mit einem anderen Bundesstaat um
den prozentual höchsten Anstieg bei den Lehrergehältern im Zeitraum von 1981 bis 1986.
Eckpfeiler dieser Reform - und was Clinton am
meisten beeindruckte - war das Bildungsförderungsgesetz South Carolinas aus dem Jahr 1984. Es
erhöhte die Anforderungen für den High SchoolAbschluß, führte eine Prüfung über Grundkenntnisse
für Zehntklässler und Sonderprogramme für begabte

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�sowie förderungsbedürftige Schüler ein, erhöhte die
Gehälter der Lehrer und forderte von jeder staatlichen Schule Jahresberichte über Verbesserungen.
Als Clinton ihn im Dezember 1992 als designierten
Bildungsminister vorstellte, wies er auch auf Rileys
Leistung hin, die Unterstützung von "Männern und
Frauen aus allen Lebensbereichen" für die einst
unvorstellbare Erhöhung der Umsatzsteuer um einen
Cent zu gewinnen, welche die Finanzgrundlage des
Gesetzes darstellte.
Heute verfügt South Carolina dem Präsidenten
zufolge wohl über "das beste System festzustellen,
ob die Menschen heute größere Leistungen bringen
als gestern". Und ein Großteil des Verdienstes
kommt Riley zu.
Riley gab sein Gouverneursamt 1987 auf. Als er
dem Ruf Clintons nach Washington folgte, hatte er
eine florierende Anwaltskanzlei, einen Sitz in mehreren bedeutenden Ausschüssen und Kommissionen
sowie eine Familie in South Carolina. Er zögerte
jedoch nicht. Bildung und Ausbildung interessieren
ihn persönlich, und zudem konnte er seinem alten
Freund, dem neuen Präsidenten, wohl kaum eine
Absage erteilen.
Im Dezember 1992, gerade als der Präsident Riley
als seine Wahl für das Amt des Bildungsministers
vorstellte, gab der Bundesrechnungshof seinen
38seitigen vernichtenden Bericht heraus, der entscheidende Mängel im staatlichen Bildungswesen im
allgemeinen und den Operationen des Bildungsministeriums im besonderen auflistete.
In dem Bericht des Bundesrechnungshofs heißt es:
Das staatliche Bildungswesen in den Vereinigten
Staaten "hält nicht Schritt mit den Erfordernissen des
wirtschaftlichen Wandels. Wir sind zu dem Schluß
gekommen, daß die Vereinigten Staaten keine
zusammenhängende Strategie verfolgen, unsere
Jugend auf das Arbeitsleben vorzubereiten, während
das in anderen Nationen der Fall ist. Unsere wichtigsten ausländischen Konkurrenten legen Wert
darauf, daß alle Jugendlichen auf die Arbeitswelt
vorbereitet werden und sich an Veränderungen am
Arbeitsplatz anpassen können."
Ferner befand der Bundesrechnungshof, das Bildungsministerium mache keinen effektiven Gebrauch
von seiner Belegschaft und warf ihm Unzulänglichkeiten bei der Einstellung, Ausbildung und
Führung von Mitarbeitern vor. Die "Effektivität des
Bildungsministeriums wird ferner durch zu starke
Zentralisierung des Entscheidungsfindungsprozesses
sowie den Ausschluß von Beamten aus Problemlö-

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sungsprozessen des Managements geschwächt",
fügte der Bundesrechnungshof hinzu.
Zwei Monate später erklärte Riley in einer Rede an
der University of North Carolina, die Neubelebung
des Ministeriums sei seine "erste große Aufgabe"
gewesen. Unter anderem werde er erstklassige
Assistenten einstellen, angefangen mit Madeline
Kunin, der ehemaligen Gouverneurin von Vermont,
als Stellvertretender Ministerin.
Ferner sind heute Marshall (Mike) Smith, Dekan der
pädagogischen Fakultät der Stanford University
(Kalifornien) als Staatssekretär und Sonderberater
Terry Peterson, der In South Carolina Rileys wichtigster Mitarbeiter im Bildungsbereich war, im Bildungsministerium tätig.
Auf Rileys Tagesordnung stehen sechs ehrgeizige
Ziele, deren Ursprünge beim vom damaligen Präsidenten Bush in Charlottesville (Virginia) einberufenen
Bildungsgipfel zu finden sind. An der Tagung nahmen mehrere Gouverneure teil, darunter Bill Clinton,
der eine wichtige Rolle bei der Konsensfindung über
nationale Bildungs- und Ausbildungsziele spielte. Zu
den Zielen gehören eine 90prozentige Quote von
Abgängern weiterführender Schulen, eine Führungsrolle der Vereinigten Staaten in Mathematik und
Naturwissenschaften, Alphabetisierungskampagnen
für alle Erwachsenen, sichere und drogenfreie
Schulen, vermehrte Kompetenz bei schwierigen
Fächern sowie Lernbereitschaft bei jedem Schulanfänger.
Riley zufolge wurde sein Interesse am Bildungsministerium durch die erklärte Besorgnis Clintons
über Bildungsfragen erhöht sowie dessen Wunsch
nach behördenübergreifenden Lösungen für Bildungsund Ausbildungsfragen. Seit dem Tag der Amtseinführung des Präsidenten am 20. Januar 1993 hat
Riley viel Zeit mit Arbeitsminister Robert Reich und
Gesundheitsministerin Donna Shalala verbracht.
Ergebnis ihrer Zusammenarbeit ist das Gesetz Goals
2000 - Bildung für Amerika, ein von Riley vorgelegtes Gesetzespaket in Höhe von 420 Millionen
Dollar, um "im amerikanischen Bildungswesen eine
neue Partnerschaft für Lernen und Lehren von
Weltklasse zu bilden".
Das Gesetz sieht folgendes vor:
Einbeziehung der sechs Erziehungsziele und des
Gremiums für nationale Bildungsziele (National
Education Goals Panel) in nationale Politik und
Gesetzgebung. Das aus 18 Mitgliedern bestehende Gremium, dem im Haushaltsjahr 1994 3
Millionen Dollar zur Verfügung stehen, soll über
Fortschritte bei der Erreichung der Ziele berichten

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�und die Unterstützung der Öffentlichkeit mobilisieren. Dem Gremium sollen acht Gouverneure,
vier Kongreßabgeordnete, vier Mitglieder der
bundesstaatlichen Legislativen sowie zwei vom
Präsidenten ernannte Mitglieder angehören.

Klasse" verwendet werden. Der Newsweek-Kolumnist Robert J. Samuelson hat das Clintonschema als
"teure, bürokratische Praxis" bezeichnet, die nicht auf
höheren Standards und härterer Arbeit der Schüler
besteht.

Gründung eines Rates für nationale Bildungsnormen und Verbesserungen im Bildungswesen
(National Education Standards and Improvement
Council) zur Festsetzung von Normen zum Unterrichtsinhalt, zu den Lernmöglichkeiten (beispielsweise Prüfung der Qualität des Lehrplans) sowie
zu von den Bundesstaaten anzulegenden Kriterien bei der Wahl von Bezugspunkten für ihre
eigenen Normen. Das 20köpfige Gremium soll
vom Präsidenten ernannt werden; für das Haushaltsjahr 1994 sind 9 Millionen Dollar vorgesehen.

Clinton und Riley möchten ferner in den nächsten vier
Jahren ein Kreditprogramm für Studenten in die
Wege leiten, das die aus Rileys Sicht "komplizierten
und kostenintensiven" garantierten Kredite im Rahmen des Bundesbildungssystems für Familien ersetzen soll. Schätzungen des Ministeriums zufolge
könnte die Regierung durch die Abschaffung der
Mittelsmänner und die Vorteile niedrigerer Kosten für
Bundesanleihen bis zum Haushaltsjahr 1998 4,2
Milliarden Dollar sparen.

Einführung einer Struktur und eines Verfahrens,
um den Bundesstaaten bei der Entwicklung von
Plänen zur Verbesserung des Bildungswesens
beizustehen. Für Hilfe in den Bereichen Lehrerausbildung, Leistungsmaßstäbe für Schüler und
erhöhte Einbeziehung der Eltern auf kommunaler
Ebene sind insgesamt 393 Millionen Dollar vorgesehen.
Gründung eines Gremiums für die Festsetzung
nationaler Qualifikationsmaßstäbe (National Skills
Standards Board), um wichtige berufliche Fähigkeiten zu identifizieren und ein System von Normen, Bewertungen und Bescheinigungen auf
freiwilliger Basis zu schaffen. Die Idee besteht
darin, den Arbeitgebern bei der Einstellung
besser ausgebildeter Arbeitnehmer zu helfen und
Schülern, die nicht aufs College gehen wollen,
ein» bessere Idee der für hochbezahlte Arbeitsplätze erforderlichen Fähigkeiten zu geben; Dem
Gremium sollen 28 Mitglieder aus Wirtschaft,
Regierung, Gewerkschaften und verschiedenen
anderen Gruppen angehören. Das Ziel ist Reich
zufolge "ein nahtloser Übergang von Bildung zu
Ausbildung".
Einige Beobachter erachten den Clinton/Riley-Plan.
als schwach. Während Bush nationale Standards
und Prüfungen für Absolventen der Grund- und
weiterführenden Schulen vorgeschlagen hatte,
befürwortet Clinton nationale Standards, aber keine
nationalen Prüfungen. Die Bundesstaaten könnten
Standards "von vergleichbarer Strenge und Qualität"
zustimmen und ihre eigenen Prüfungen ausarbeiten,
Vergleiche von Bundesstaat zu Bundesstaat wären
jedoch schwierig. Darüber hinaus würde der Clintonplan verbieten, daß die Prüfungen der Bundesstaaten "für Entscheidungen über den Abschluß der
Schüler, das Überspringen oder Wiederholen einer

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Ebenfalls eingeführt wurde Clintons Plan für einen
nationalen Sozialdienst, dank dem Studenten ihre
Kredite für den Collegebesuch durch Gemeindearbeit
nach dem Collegeabschluß abzahlen können.
Clintons Haushaltsvorlage für 1994 sah 2,9 Millionen
Dollar für einen Bereich des Plans vor - das Programm für innovative Projekte der Gemeindearbeit.
(Clinton und Riley hatten beabsichtigt, das Pell GrantDefizit in Höhe von 2 Milliarden Dollar abzulösen und
ein Programm von 1 Milliarde Dollar für "bildende"
Sommerjobs in die Wege zu leiten, aber diese Pläne
wurden vereitelt, als die Republikaner im Senat das
Paket des Präsidenten zur Ankurbelung der Wirtschaft im April 1993 ablehnten).
in der Zwischenzeit haben Riley und Shalala gemeinsam ein Hauptziel des Bildungswesens angesprochen - die Sicherstellung, daß die Schüler die
Schule beginnen, wenn sie physisch, geistig und
emotional zum Lernen bereit sind - indem sie ein 157
Seiten umfassendes Handbuch herausgaben, das
den Gemeinden bei der besseren Koordinierung der
Bildungs-, Gesundheits- und Sozialdienstprogramme
behilflich sein soll.
Während Riley mit anderen Kabinettsmitgliedern
zusammenarbeitet, versucht er auch, eine beträchtliche Zahl von Herausforderungen im eigenen Hause
zu bewältigen.
Obwohl die US-Regierung nie große Finanzmittel für
Grund- und weiterführende Schulausbildung zur
Verfügung gestellt hat (sie zahlte im Jahr 1990
weniger als 6 Prozent der Kosten für das staatliche
Bildungswesen), ist der Aufgabenbereich des Bildungsministeriums dennoch äußerst umfangreich.
Dazu zählt das Aufzeigen wichtiger Themen und
Probleme, die Durchsetzung von Gesetzen gegen
Diskriminierung sowie die Formulierung von Maßnahmen im Zusammenhang mit den Ausgaben im

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�US-Bildungswesen. Ferner hat das Ministerium den
Auftrag, Daten über amerikanische Schulen in 57
Bundesstaaten und anhängigen Territorien zusammenzustellen und an Lehrkräfte und die Öffentlichkeit zu verteilen.
Die Notwendigkeit zum Abbau des Haushaltsdefizits
wird Riley davon abhalten, seinen Aufgabenbereich
zu erweitern. Als er am 21. Januar 1993 sein Amt
übernahm, hatte das Ministerium 4.910 Vollzeitbeschäftigte. Diese Zahl wird im Haushaltsjahr 1994
im Rahmen des von Clinton vorgelegten Etats auf
4.836 gekürzt. Die Haushaltsvorlage reagiert auf
Kritik des amerikanischen Bundesrechnungshofs
über ein Ungleichgewicht zwischen der Zunahme der
Arbeitsbelastung und einer Abnahme des Personalbestands mit der Aussage, das Ministerium "beabsichtigt, seine Leistung durch neues und besseres
Management und die Neuzuweisung von Ressourcen zu verbessern".
Die Kosten für Umbauten, neue Telefonsysteme und
die Erweiterung der Datenbank sind im Budget für
1994 enthalten.
Seine ungeheure Aktivität - Riley arbeitet häufig von
neun Uhr morgens bis neun Uhr abends und jongliert Initiativen mit der Begeisterung eines Zirkuskünstlers - hat dem Sonderberater Peterson zufolge
das Ministerium bereits mit neuer Energie belebt.

Riley stellt fest: "Ich arbeite weiterhin mit den Beamten. Es heißt nicht 'wir' und 'sie'. Ich bin entschlossen, durch Zusammenarbeit Erfolg zu erzielen."
Das Endprodukt, hofft er, wird ein Bildungsministerium sein, das "die Zersplitterung verringern kann, die
Bundesbildungsprogramme plagt und die Isolierung
zwischen Vorschul-, Grundschul-, Hauptschul- und
weiterführender Bildung abbauen kann".

Riley will sein Büro auch dazu nutzen, die Beziehungen zwischen Washington und den Bundesstaaten
besser zu definieren. Er ist sich der Belastung der
Einmischung durch die US-Regierung bewußt und es
entspricht nicht seiner Art, dies in Streitigkeiten auf
kommunaler Ebene über die Wahl der Schule oder
die Verteilung von Kondomen anzubringen. South
Carolina war schließlich der erste Bundesstaat, der
sich zu Zeiten des Bürgerkriegs (1861 - 1865) von
der Union lossagte.
Gleichzeitig hat Riley das Gefühl, nur mit einer
grundlegenden Reform von oben nach unten sein Ziel
erreichen zu können.
Besucher verlassen das
Ministerium mit dem Gefühl, daß er erst angefangen
hat, seiner Tagesordnung Substanz zu verleihen.
"Man kann den nationalen Durchschnitt oder den
Prozentsatz von Studenten, die ein bestimmtes Ziel

"Es dauert lange, bis sich das bis unten auswirkt",

erreichen, nicht mit einigen wenigen Pilotprojekten

räumt er ein. "Wir müssen sehr viel tun, um der
Organisation zu helfen."

verändern, die durch Bundesvorschriften einigen
wenigen Schulen diktiert werden."

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Seite 5

�V E R F A S S U NG
7. September 1994

AMERIKANISCHE VERFASSUNG IST GEFRAGTER
NEUER EXPORTARTIKEL
Juraprofessor als "Handlungsreisender"
WASHINGTON - (AD) - Während immer mehr
Nationen den Weg der Demokratie und Einbindung
in die Weltwirtschaft beschreiten, wird das erfolgreiche Modell für die Beziehungen zwischen der
Regierung und den Bürgern, das die Verfassung der
Vereinigten Staaten bietet, zu einem gefragten
Exportartikel, so der Juraprofessor und Autor Bernard Siegan.

sowie Gefahren und Übergriffe vor Ort zu schützen.
Sie darf niemals soviel Macht haben, daß sie die
Menschen unterdrücken oder ihre Klugheit und
Produktivität einschränken könnte." Aus diesem
Grund "müssen die Verfassungen der entstehenden
Staaten als herausragendstes juristisches Dokument
deren bestehende Verpflichtung zu einer freien
Gesellschaft widerspiegeln und fördern".

Siegan, der an der University of San Diego Wirtschaft und Verfassungsrecht lehrt, ist Autor des
Buchs "Drafting a Constitution for a Nation or Republic Emerging into Freedom", das kürzlich von der
George Mason University Press of Fairfax (Virginia)
publiziert wurde.

Sein Hauptziel als Verfassungsexperte sei es, den
früher kommunistischen politischen und wirtschaftlichen Regimen unterworfenen Ländern dabei zu
helfen, nach dem Zusammenbruch ihres wichtigsten
Modells, der Sowjetunion, wieder auf die Beine zu
kommen.

Er wurde eigenen Angaben zufolge zum Verfassen
dieses Handbuchs angeregt, nachdem er die Regierungen Argentiniens, Armeniens, Boliviens, Brasiliens, Kanadas, der ehemaligen Tschechoslowakei,
Perus, Polens und der Ukraine verfassungsrechtlich
beraten hatte. 1990 half er Bulgarien bei der Vorbereitung eines Verfassungsentwurfs.

In einer Weltwirtschaft, zu der sie nicht wirklich
gehörten, waren diese Länder Siegan zufolge wie
umhertreibende Schiffe. "Und der beste Weg für sie,
mit diesem Problem umzugehen", und wieder zurück
auf den Weg zu Freiheit und Wohlstand zu kommen,
ist die amerikanische Verfassung - das Dokument,
das für sie am besten geeignet ist, in die "moderne
Welt" integriert zu werden.

Der Wissenschaftler erklärte kürzlich vor Zuhörern
der Herltage Foundation - einer konservativen
Denkfabrik in Washington - die amerikanische
Verfassung habe eine Antwort auf die heutigen
Probleme der Welt: eine Zurücknahme der Regierung.
"Ich verkaufe die amerikanische Verfassung auf der
ganzen Welt ... weil sie im Hinblick auf den Schutz
der Freiheit einzigartig ist", erklärte Siegan. Dadurch
sei Amerika wohlhabend und sicher geworden anscheinend auch der größte Wunsch der dem
Autoritarismus entfliehenden Nationen.
In seinem Handbuch zur Verfassung schreibt Siegan, "die Regierung sollte genug Macht haben, um
die Bürger gegen ihre in- und ausländischen Feinde

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Siegan gibt folgende Ratschläge für den Erfolg in
einer modernen Gesellschaft:
Privatisierung und Schutz von Eigentumsrechten,
Schaffung eines wirtschaftlichen Umfelds, das
günstige Bedingungen für den Wettbewerb bietet
und in- und ausländische Investitionen ermutigt,
Kontrolle der Regierung über ihre Ausgaben und
Besteuerung sowie die Garantie, daß die Judikative - die Gerichte - "für die Durchsetzung von
Verträgen zur Verfügung stehen".
Die Herausforderung für die Nationen, die früher mit
der Planwirtschaft zu kämpfen hatten, insbesondere

Seite 1

�in Osteuropa, wo sich die meisten Unternehmen in
staatlichem Besitz befanden und vom Staat geführt
wurden, bestand darin, "die Wirtschaft vom öffentlichen zum Privatsektor zu führen".
Er räumte ein, er sei sich zum Zeitpunkt des Umsturzes der alten Systeme - Anfang der neunziger
Jahre - "des Umfangs der Aufgabe" nicht voll bewußt
gewesen.
Im Hinblick auf die Ukraine, wo der Verfassungsexperte als Berater tätig war, erklärte er: "Ich habe
mit vielen Führungskräften von Unternehmen gesprochen, die sich von der Welt des Wettbewerbs
keine Vorstellung machen konnten. Ihnen wurde
gesagt, was sie zu tun hätten und wie sie es mit
sehr wenig Initiative ihrerseits tun könnten."
Entscheidend für den Privatisierungsprozeß ist ein
Rechtssystem, das von einer Verfassung gewährleistet wird und als Grundlage der Rechte des
einzelnen und von Gruppen fungiert. Während
seiner Gespräche in Bulgarien äußerte Siegan
jedoch: "Ich mußte lernen, daß die Menschen dort
nicht so großen Respekt vor Richtern haben wie wir
in unserem Land."
Die Bulgaren fürchten, daß die Richter, die von
manchen lediglich als "Angestellte der Regierung"
betrachtet werden, die von der Nationalversammlung
verabschiedeten Gesetze für null und nichtig erklären könnten. "Die Idee eines aus einer ausgewählten Gruppe von Juristen bestehenden Verfassungsgerichts (wie des Obersten Bundesgerichts
der Vereinigten Staaten), das sich auf die Auslegung
der Verfassung beschränken sollte, baute einen
Großteil dieser Besorgnis ab."
Siegan erläuterte, die amerikanische Verfassung
hätte dem amerikanischen Volk auf dreierlei Weise
zu "Freiheit und Wohlstand" verholten:
Durch die Gewaltenteilung in Exekutive, Legislative und Judikative,
,
durch die Einschränkung der Macht jedes Zweigs
der Regierung aufgrund gegenseitiger Kontrollen,
beispielsweise dem Vetorecht des Präsidenten
und der Überprüfung der Gesetzgebung durch
die Judikative,

durch den Schutz der Rechte des einzelnen vor
dem, was im 18. Jahrhundert als Unterdrückungspotential der Mehrheit bezeichnet wurde.
Die Gründerväter der amerikanischen Verfassung
waren der Überzeugung, daß die Regierung "eingeschränkt und minimal" operieren sollte und am besten
und erfolgreichsten funktionieren würde, wenn sie die
Menschen Gebrauch von der Freiheit machen ließe.
Dies ist Siegan zufolge immer noch der beste Weg,
die politischen und wirtschaftlichen Ziele einer Gesellschaft zu fördern.
Der Beweis dafür sei, "daß in den wohlhabendsten
Ländern die Regierung innerhalb von Beschränkungen arbeitet". Als Beispiel führte er die Slowakische
Republik an, deren Bürger immer noch an den
"wissenschaftlichen Sozialismus" glauben und wo die
Arbeitslosenquote bei 14 Prozent liegt - verglichen
mit 4 Prozent in der Tschechischen Republik. Der
Unterschied liege darin, daß die Tschechen "den
Kräften des Marktes ein Maximum an Freiheit einräumen".
Dem Wissenschaftler zufolge ist Osteuropa nicht die
einzige Region, die Vorteile aus der politischen und
wirtschaftlichen Liberalisierung gezogen hat.
In Argentinien lag vor der Wahl von Präsident Carlos
Menem im Juli 1989 und seiner wirtschaftlichen
Schocktherapie die Inflationsrate bei über 3.000
Prozent jährlich, teilte Siegan seinen Zuhörern mit.
Nach einer ernsthaft betriebenen Privatisierungskampagne und einer weiteren Zurücknahme der
Regierung von der Kontrolle der Wirtschaft beträgt
die Inflationsrate jetzt ungefähr 8 Prozent und die
jährliche Wachstumsrate ebenfalls 8 Prozent.
Siegan zufolge verkaufte Menem zu einem Zeitpunkt
"sogar die Straßen". Nachdem die staatliche Luftfahrtgesellschaft und andere große Industrien verkauft worden waren, wurden von den 211.000 Kilometern staatlicher Straßen 54.000 asphaltiert oder
ausgebessert und 10.000 Kilometer durch Konzessionen privatisiert. Privatunternehmen müssen die
Straßen instand halten und dürfen Straßenbenutzungsgebühren erheben. Die großen Schlaglöcher
sind verschwunden, ohne die Staatskasse zu belasten."
Die daraus für andere abzuleitende Botschaft ist
Siegan zufolge, daß "Menems Medizin - freie Märkte
- wirkt".

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Seite 2

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