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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

24. August 1994

33

USA-KUBA

CLINTON KUNDIGT ÄNDERUNG DER FLUCHTLINGSPOLITIK GEGENÜBER KUBA AN
Unterbringung auf Guantanamo Bay

MANFRED WORNER

CHRISTOPHER WÜRDIGT DEN
VERSTORBENEN NATO-GENERALSEKRETÄR
Ansprache bei Trauerfeierlichkeiten

BEVÖLKERUNG

MEHR ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des
Weltbevölkerungsberichts 1994

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen
mit dem Vatikan

UMWELT

STRATEGIEN FÜR UMWELTVERTRAGLICHE
ENTWICKLUNG
von Barbara J. Bramble

MILITÄR

NATIONALE SICHERHEIT UND DEMOKRATIE
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
von David R. Segal

- * •

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-KUBA
24. August 1994

CLINTON KÜNDIGT ÄNDERUNG DER
FLÜCHTLINGSPOLITIK GEGENÜBER KUBA AN
Unterbringung auf Guantanamo Bay
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton warf dem
kubanischen Staatschef Fidel Castro vor, die durch
das Scheitern des Kommunismus verursachten
"politischen und wirtschaftlichen Krisen" in die
Vereinigten Staaten zu exportieren und schloß am
19. August 1994 die amerikanischen Häfen für
Bootsflüchtlinge aus Kuba.
Bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus gab der
Präsident bekannt, die auf See aufgegriffenen
Flüchtlinge aus Kuba würden künftig zum amerikanischen Marinestützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba
gebracht und diejenigen, die die Vereinigten Staaten
erreichten, in Untersuchungshaft genommen.

Er

betonte, das Einwanderungsbüro der Vereinigten
Staaten auf Kuba werde weiterhin betrieben und die
Anträge von bona fide-Auswanderern bearbeiten.
Durch diese Maßnahmen will der Präsident eine
Wiederholung der Ereignisse von Mariel im Jahr
1980 in kleinerem Umfang verhindern, als Castro die
kubanischen Gefängnisse und psychiatrischen
Anstalten für diejenigen öffnete, die in die Vereinigten Staaten auswandern wollten. Zwischen April und
September jenes Jahres verließen mehr als 125.000
Kubaner die Insel. Zwischen dem 11. und 18.
August dieses Jahres flohen über 2.000 Kubaner
aus ihrer Heimat.
Clinton erklärte, er habe die amerikanische Küstenwache angewiesen, jedes Boot anzuhalten, das
Kubaner illegal in die Vereinigten Staaten bringen
will und die Passagiere nach Guantanamo Bay zu
transportieren. Die Regierung werde Amerikaner
"festnehmen, gegen sie ermitteln und sie gegebenenfalls strafrechtlich verfolgen", wenn sie auf See
kubanische Flüchtlinge aufnehmen, wie es viele
Amerikaner 1980 taten.
Während die Kubaner auf dem Militärstützpunkt
Guantanamo festgehalten werden, so der Präsident,
würden die Vereinigten Staaten "andere Aufnahme-

AMERIKA DIENST 33

möglichkeiten in der Region prüfen". Der Präsident
verneinte die Frage, ob Flüchtlinge aus Kuba Asyl
erhalten würden. "Diejenigen, die Kuba verlassen,
dürfen nicht in die Vereinigten Staaten einreisen. Sie
werden in Auffanglager geschickt. Die Ankömmlinge
werden festgenommen und wie andere auch behandelt. Ihr Fall wird geprüft. Wer den Anforderungen
entspricht, darf bleiben, den anderen wird das nicht
gestattet. Die Kubaner werden jetzt wie andere
behandelt, die hierherkommen."
Der Präsident werde das Cuban Adjustment Act
durchsetzen, das 30 Jahre lang die Grundlage für
eine Vorzugsbehandlung kubanischer Flüchtlinge war,
und innerhalb dieses Rahmens "werden wir unser
Bestes tun... Wir werden die Kubaner jetzt hier
festnehmen, sie dürfen sich nicht unter die Bevölkerung mischen, und wir werden vor dem Hintergrund
der anzuwendenden Gesetze jeden Fall prüfen."
Clinton schloß jegliche Änderung des amerikanischen
Embargos gegen Kuba sowie der diplomatischen
Beziehungen aus. "Ich befürworte das Embargo und
das Cuban Democracy Act", so der Präsident, "und
bin nicht der Ansicht, daß wir unsere diesbezügliche
Politik ändern sollten."
Das grundlegende Problem sei Castros weiteres
Festhalten am Kommunismus, obwohl die Demokratiebewegung die Region erfasse. Der Präsident
stellte fest, Haiti und Kuba seien die einzigen Nationen in der westlichen Hemisphäre ohne eine demokratische Regierung und äußerte, "das wirkliche
Problem ist die halsstarrige Weigerung des CastroRegimes, eine offene Demokratie und offene Wirtschaft einzuführen, und meines Erachtens wird die
von uns verfolgte Politik dies beschleunigen".
Clinton fügte hinzu, die derzeitige Politik sei am
stärksten auf die Förderung von Demokratie und
letztlich Wohlstand für das kubanische Volk ausgerichtet.

Seite 1

�Der Präsident wies aus den Reihen der Republikaner geäußerte Kritik zurück, die neue Politik sei
unmoralisch. Die mit den Ereignissen von Mariel
einhergehende Unruhe und das Chaos bezeichnete
er als nicht akzeptabel und erklärte, die Amerikaner einschließlich der Amerikaner kubanischer Herkunftwünschten keine Wiederholung dieser Ereignisse.
"Sie wollen nicht, daß Kuba uns unsere Einwanderungspolitik vorschreibt. Sie wollen nicht, daß Castro
seine politischen und wirtschaftlichen Probleme in
die Vereinigten Staaten exportieren kann. Und

genau darauf läuft es ja einfach gesagt hinaus. Wir
haben das schon einmal durchgemacht... Wir haben
es einmal auf diese Weise versucht. Es war falsch
und ist heute falsch, und ich werde nicht zulassen,
daß das noch einmal passiert."
Auf die Frage, ob Castro bei einer demokratisch
gewählten Regierung in Havanna an der Macht
bleiben würde, stellte der Präsident fest, in einer
Demokratie würden die Menschen selbst entscheiden, wen sie wählen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 33

�MANFRED

W O R N ER
24. August 1994

CHRISTOPHER WÜRDIGT DEN VERSTORBENEN
NATO-GENERALSEKRETÄR
Ansprache bei Trauerfeierlichkeiten
BRÜSSEL - (AD) - Am 19. August 1994 würdigte US-Außenminister Warren Christopher die Verdienste des
verstorbenen NATO-Generalsekretärs Manfred Wörner. "Wir werden ihn sehr vermissen und ihn dadurch
ehren, daß wir sein Werk fortsetzen", erklärte der Außenminister.
Nachfolgend veröffentlichen wir die aus Anlaß der Trauerfeierlichkeiten für Manfred Wörner von Außenminister
Christopher gehaltene Ansprache.

Wir sind hierhergekommen, um Manfred Wörner zu
ehren - seinen Beitrag zu unserem Bündnis zu
würdigen und uns von seinem mutigen Beispiel
inspirieren zu lassen.

Ära anpaßte und ihnen gerecht wurde. Diese Aufgabe erforderte eine starke und kreative Führung, die
Manfred in jeder Hinsicht in vollem Umfang bot.

Ich möchte Elfie Wörner aufrichtige Anteilnahme
aussprechen und im Namen des Präsidenten, der
Manfred zu den treuesten Freunden der Vereinigten
Staaten zählte, einige Worte über den Verstorbenen
sagen.

Manfred erkannte, daß unser Bündnis eine lebende
Institution mit dem Willen und der Fähigkeit zur
Wiederbelebung aus eigener Kraft ist. Er wußte, daß
die NATO mehr war und ist als eine vorübergehende
Reaktion auf eine vorübergehende Bedrohung. Sie
ist der Garant europäischer Demokratie und Stabilität.
Ihre Mission ist nicht beendet.

Vor sechs Jahren übernahm Manfred Wörner das
höchste Amt des erfolgreichsten Bündnisses in der
Geschichte. Vier Jahrzehnte lang verteidigte die
NATO die freien Nationen Europas und Nordamerika
gegen die sowjetische Bedrohung. Sie stellte einen
Schutz für unsere demokratischen Institutionen dar.
Sie gestattete unseren Menschen, gemeinsam nie
dagewesenen Wohlstand zu schaffen - für jeden von
uns und für unsere Kinder.

Wir werden Manfred als einen Mann mit Visionen und
Prinzipien in Erinnerung behalten. Er war fest davon
überzeugt, daß das Schicksal Europas von einer
starken transatlantischen Beziehung abhängt. Er war
ein leidenschaftlicher Europäer und ein leidenschaftlicher Atlantiker. Er verstand, daß diese starken
Überzeugungen sich gegenseitig ergänzen.

Als die Berliner Mauer fiel, erkannte Manfred schnell,
daß sich das Bündnis an eine neue Welt anpassen
mußte. Er wußte, daß Stillstand nicht möglich war.
Im vergangenen September äußerte er: "Die NATO
wird nicht nur durch nostalgische Erinnerungen
vergangener geschichtlicher Ereignisse am Leben
bleiben, und auch nicht durch bloße philosophische
Überlegungen zu gemeinsamen Werten und Bestimmungen. Entweder entspricht die NATO den konkreten Erfordernissen ihrer Mitglieder oder sie wird
allmählich zerfallen." Manfred Wörner arbeitete bis
zum Schluß selbstlos daran sicherzustellen, daß die
NATO sich an die Herausforderungen dieser neuen

AMERIKA DIENST 33

Manfred war sich im klaren, daß das Ende des Kalten
Krieges uns die Chance zum Aufbau eines demokratischen und ungeteilten Europas gab. Er war der
Ansicht, daß das Bündnis die neuen osteuropäischen
Demokratien einbeziehen mußte, wenn es von
Bedeutung bleiben wollte.
Als Präsident Clinton im Januar hier den Vorschlag
einer Partnerschaft für den Frieden unterbreitete, fand
er im Generalsekretär einen starken Fürsprecher. In
den letzten Monaten seines Lebens half Manfred
Wörner, die Partnerschaft von einer Idee zu einer
funktionierenden Realität zu führen - einer Reihe
neuer, konkreter Beziehungen zu 22 Nationen. Sein

Seite 1

�Vermächtnis ist bereits sichtbar. Ich wünschte, er
könnte in den kommenden Monaten und Jahren bei
uns sein um zu sehen, wie Truppen, die einst für
den Kampf gegeneinander ausgebildet wurden, jetzt
gemeinsame Übungen beginnen - und um uns beim
Aufbau einer Sicherheitspartnerschaft beizustehen,
die alle Nationen dieses Kontinents umfaßt.
Keiner von uns wird so schnell den von ihm gezeigten Mut und sein Engagement vergessen, als sich
die NATO mit der Tragödie im ehemaligen Jugoslawien auseinandersetzte. Ich sehe ihn noch vor
mir, wie er im vergangenen August an der Dringlichkeitssitzung zu Bosnien teilnahm. Er war bereits
schwer krank; ich fürchtete sogar, er wäre zu krank,
um der schwierigen Aufgabe gewachsen zu sein.
Aber ich täuschte mich. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, aber seine Stimme und seine
Präsenz erfüllten den ganzen Raum.
Im Februar sammelte er alle Kräfte, verließ das
Krankenhaus und leitete das NATO-Treffen, auf dem
die Entscheidung über die Belagerung Sarajevos
gefällt wurde. Dasselbe tat er im April, um einen
Beitrag zur Beendigung des Mordens in Gorazde zu
leisten. Er war entschlossen, daß die NATO alles in

*

Seite 2

ihrer Macht Stehende unternehmen sollte, um eine
Lösung dieses schrecklichen Konflikts zu finden,
indem sie ihre militärische Macht in den Dienst der
Diplomatie stellte.
Manfred blieb bei allem, was er für die NATO tat,
immer zielstrebig. Wenn dringend Entscheidungen
getroffen werden mußten, führte Manfred uns dorthin.
Wenn Kompromisse erforderlich waren, erzielte
Manfred sie. Wenn wir eine klare Vision dessen
suchten, wofür das Bündnis stand, half er uns, sie zu
finden. Er arbeitete daran sicherzustellen, daß das
Bündnis, wie Präsident Clinton es formulierte, "im
Zeitalter nach dem Kalten Krieg eine glaubwürdige
Kraft für den Frieden" bleiben kann.
Manfred war ein Mann von großer Wärme, Energie
und Begeisterungsfähigkeit. Er war bestrebt, alles,
was er unternahm, gut zu machen - als Jurist, Pilot
von Kampfflugzeugen, Gesetzgeber und Staatsmann.
Ich lernte ihn als einen Mann mit außerordentlichem
moralischem Empfinden kennen, mit politischem und besonders gegen Ende - physischem Mut.
Wir werden ihn sehr vermissen und ihn dadurch
ehren, daß wir sein Werk fortsetzen.

* * * *

AMERIKA DIENST 33

�BEVÖLKERUNG
24. August 1994

MEHR ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994
WASHINGTON - (AD) - Einem neuen Bericht der Vereinten Nationen über die Weltbevölkerung zufolge sollten
die Frauen weltweit mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben erhalten, insbesondere die Entscheidungsgewalt
über die Größe der eigenen Familie.
Eine solche "Ausstattung der Frauen und Männer mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht" ist dem
Weltbevölkerungsbericht 1994 zufolge der "Schlüssel für soziale Entwicklung ... am Ende des 20. Jahrhunderts
und in den Jahren danach".
Der am 17. August 1994 von den Vereinten Nationen veröffentlichte Bericht weist auf "die zunehmende
Selbstbestimmung der Frauen über die Regulierung ihrer Fruchtbarkeit" hin.
"Die persönliche Entscheidung über die Größe der eigenen Familie und die Abstände zwischen den Geburten
der Kinder ist ein Menschenrecht", wird in dem Bericht festgestellt. "Die Erweiterung der Entscheidungsfreiheit
ist in allen gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben. Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus dem Weg
geräumt, so werden die Familien kleiner und das Bevölkerungswachstum langsamer sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung zum Weltbevölkerungsbericht 1994 der Vereinten Nationen.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e. V.

Eine Frage der Entscheidungsfreiheit
Der Schlüssel für soziale Entwicklung einschließlich
der Lösung des Bevölkerungsproblems liegt am
Ende des 20. Jahrhunderts und in den Jahren
danach in einer Ausstattung der Frauen und Männer
mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht sowie in
einer Befähigung der Familien und lokalen Gemeinwesen zu eigenem Handeln. In immer stärkerem
Maße zeigt sich heute, daß ein freier und gleichberechtigter Zugang zu Gesundheitsversorgung,
Familienplanung und Bildung nicht allein als solcher
wünschenswert ist. Er ist auch ein praktischer
Beitrag zur Verwirklichung weiterer Ziele, zu denen
auch der Umweltschutz und die wirtschaftliche
Entwicklung gehören.

AMERIKA DIENST 33

In diesem Zusammenhang kommt den Frauen eine
besondere Rolle zu, indem sowohl ihr gegenwärtiger
als auch ihr potentieller zukünftiger Beitrag zur
menschlichen Entwicklung Anerkennung findet. Die
Unsichtbarkeit der Individualität der Frau - im Gegensatz zu ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter - wird
vielleicht schon bald beendet sein.
Von grundlegender Bedeutung für die hier angesprochene veränderte Problemwahrnehmung ist die
zunehmende Selbstbestimmung der Frauen über die
Regulierung ihrer Fruchtbarkeit. Handlungsfreiheit in
diesem Bereich verbessert den Gesundheitszustand
der Frauen und eröffnet ihnen Alternativen in bezug
auf ihre Bildung, ihren Familienstand, ihre Beschäftigung, ihre Wohnverhältnisse und eine mögliche
Entscheidung zur Migration. Diese Handlungsfreiheit
in bezug auf die persönliche Entwicklung birgt Ent-

Seite 1

�Wicklungsmöglichkeiten auch für die Gemeinwesen,
in denen die Frauen leben.
Persönliche Entscheidungsfreiheit und gemeinsame Verantwortung
Die persönliche Entscheidung über die Größe der
eigenen Familie und die Abstände zwischen den
Geburten der Kinder ist ein Menschenrecht. Die
Erweiterung der Entscheidungsfreiheit ist in allen
gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben.
Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus
dem Weg geräumt, so werden die Familien kleiner
und das Bevölkerungswachstum langsamer sein.
Der Verhütung kann, so wird geschätzt, die Hälfte
des Rückgangs der Fertilität zugeschrieben werden.
Die freie Entscheidung des einzelnen in der Frage
der Größe seiner Familie könnte das Bevölkerungswachstum so weit verlangsamen, daß ein anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum wahrscheinlicher würde. Ein solcher Prozeß kann heute
überall in der Dritten Welt - am besten jedoch in den
sich rasch entwickelnden Volkswirtschaften Asiens beobachtet werden.
Für die komplexe Problematik von Armut, Arbeitslosigkeit, Nahrungsmittelknappheit, Wasser und
Energie, übersteigertem Konsum, von Umweltschäden und sozialer Desintegration gibt es keine einfache Lösung. Sowohl die nationalen Regierungen
als auch die internationale Gemeinschaft müssen die
Probleme der Regierungskontrolle und der nationalen Institutionen ebenso angehen wie die externen
Faktoren Verschuldung, Handel, Technologieproblematik und internationale Finanzmittel, die für Entwicklung zur Verfügung stehen.
Ein langsameres Bevölkerungswachstum zu Beginn
des nächsten Jahrhunderts wird jedoch zur Entlastung in all diesen Bereichen führen. Es wird dann
Zeit gewonnen, und es können Lösungen gefunden
werden. In der Übergangsphase zu einer niedrigeren Fertilität kann schon ein Zeitgewinn von zehn
Jahren bemerkenswerte Auswirkungen auf die
Lebensqualität in den betreffenden Ländern haben,
wenn dort zum Beispiel Bildungsangebote gemacht,
qualifizierte Gesundheitsversorgung bereitgestellt
und Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden.
Wachstum und Verteilung der Bevölkerung
Zur Mitte des Jahres 1994 zählt die Weltbevölkerung
5,66 Milliarden Menschen. Im Jahr 1998 werden es

Seite 2

sechs Milliarden sein. Obwohl die Fertilitätsziffern
generell rückläufig sind, wächst die Weltbevölkerung
jährlich weiterhin um 94 Millionen. Dies ist der
höchste Zuwachs, den es jemals gegeben hat. Nach
dem Jahr 1997 werden die jährlichen Zuwächse
zurückgehen, um dann im Jahr 2020 85 Millionen zu
erreichen. Das Wachstum wird nahezu vollständig
auf Asien, Afrika und Lateinamerika und zu mehr als
der Hälfte davon wiederum auf Südasien und Afrika
entfallen, wo sich viele der ärmsten Länder der Welt
befinden.
Die neuesten Prognosen der Vereinten Nationen
sagen für das Jahr 2025 eine Weltbevölkerung von
8,5 Milliarden und für das Jahr 2050 von 10 Milliarden voraus. Diese langfristigen Prognosen gehen
von der Annahme einer weiterhin zurückgehenden
Fertilität aus. Trifft diese Annahme nicht zu, wird sich
das Bevölkerungswachstum in der ersten Hälfte des
kommenden Jahrhunderts vermutlich erheblich
rascher vollziehen. Im Jahr 2025 wird dann eine Zahl
von 12,5 Milliarden erreicht sein. Der Unterschied
zwischen der hohen und der mittleren Prognosevariante beträgt 2,5 Milliarden, was der gesamten
Weltbevölkerung des Jahres 1950 entspricht.
Das Bevölkerungswachstum könnte jedoch auch
langsamer sein. Die niedrige Prognosevariante setzt
einen rascheren Rückgang der Fertilität voraus und
berechnet eine Bevölkerung von 7,8 Milliarden für
das Jahr 2050. Der Unterschied zwischen dem
mittleren und dem niedrigen Prognoseszenario liegt,
bezogen auf das Jahr 2050, bei 2,2 Milliarden.
Mit einer Rate von 2,9 Prozent pro Jahr hat Afrika die
am schnellsten wachsende Bevölkerung der Welt.
Die Bevölkerungen Asiens und Lateinamerikas sind
jeweils um 1,8 Prozent, diejenige Nordamerikas um
rund 1,1 Prozent und die der früheren UdSSR um 0,5
pro Jahr gewachsen. Mit 0,3 Prozent lag die Wachstumsrate in Europa am niedrigsten. Die genannten
Wachstumsraten erklären die Verschiebungen in der
regionalen Verteilung der Weltbevölkerung seit den
fünfziger Jahren, als 55 Prozent in Asien, 16 Prozent
in Europa und 9 Prozent in Afrika lebten. Im Jahr
1993 lag der Anteil Asiens bei 60 Prozent, während
Afrika Europa vom zweiten Platz der Liste verdrängt
hatte. Die genannten Trends werden vermutlich bis
zum Jahr 2015 anhalten, wenn für Afrika 19 Prozent
und für Europa 6 Prozent der Weltbevölkerung
erwartet werden.
Diese Verschiebungen werden in allen Ländern
bedeutsame Auswirkungen auf die Politik nach sich
ziehen. Sie verändern die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse sowie den Bedarf an Wohnungsbau,
Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen Dienstleistungen. Besonders aber werden sie Auswirkun-

AMERIKA DIENST 33

�gen auf die Arbeitsmärkte und die Arbeitskräfte
haben. Schätzungsweise 1,3 Milliarden Menschen
werden zwischen den Jahren 1995 und 2020 zusätzlich auf die Arbeitsmärkte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas drängen. Danach wird der Bedarf an
Arbeitsplätzen zurückgehen. In den heutigen Industrieländern dagegen wird der Anteil der Menschen,
die älter als 65 Jahre sind, stetig von 12,7 Prozent
auf 18,4 Prozent im Jahr 2025 ansteigen.
Migration
Innerhalb der einzelnen Länder erhöht die Abwanderung in die städtischen Zentren dort den Bedarf an
Wohnraum, Wasser, sanitärer Infrastruktur, Energie,
Gesundheitsversorgung, sozialen Dienstleistungen
und Nahrungsmitteln. Die städtische Bevölkerung
wird zum Ende des Jahrhunderts die Hälfte der
Weltbevölkerung stellen. Zu diesem Zeitpunkt wird
die Zahl der Städte in den Entwicklungsländern mit
mehr als einer Million Einwohner von heute 125 auf
300 gestiegen sein.
Im Jahr 1994 leben mehr als 125 Millionen Menschen - zum Teil freiwillig, zum Teil als Flüchtlinge außerhalb ihres Heimatlandes. Der demographische
Druck, der zur grenzüberschreitenden Migration
beiträgt, - so wurde im letzten Jahr an dieser Stelle
berichtet - verstärkt sich weiterhin. Rund eine Million
Menschen verlassen jährlich ihre Heimat, um in ein
anderes Land zu gehen. Die grenzüberschreitende
Migration ist damit statistisch weit weniger gewichtig
als die Migration in die Städte innerhalb der einzelnen Länder. Dennoch zieht die grenzüberschreitende Migration soziale und wirtschaftliche Folgen nach
sich, die in einem deutlichen Mißverhältnis zu der
relativ geringen Zahl der Migranten stehen.
AIDS
Obwohl genaue Angaben nur schwierig zu erhalten
sind, wurde die Zahl aller Fälle von AIDS auf der
Welt für den Beginn des Jahres 1992 auf 2,7 Millionen geschätzt. 90 Prozent der Betroffenen waren
bereits gestorben. Die weltweite Verbreitung von
HIV-Infektionen - die von AIDS-Fällen zu unterscheiden sind - ist noch weitaus dramatischer. Es
wird geschätzt, daß heute zwischen 14 Millionen und
18 Millionen Erwachsene mit HIV infiziert sind. Dies
sind annähernd doppelt so viele wie im Jahr 1990,
als 9 Millionen HIV-Infektionen geschätzt wurden,
und die Verbreitung der HIV- bzw. AIDS-Seuche
verlangsamt sich keineswegs. Trotz erheblicher
Anstrengungen der AIDS-Vorbeugung weltweit gibt
es bislang nur wenige Anzeichen, daß die Politiken
und Programme zur Eindämmung der HIV-Infektionen einen spürbaren Einfluß gehabt hätten. Im Jahr
2000 werden wahrscheinlich 3,3 Prozent der auf der

AMERIKA DIENST 33

Welt verzeichneten Krankheitsfälle auf AIDS entfallen.
Mit 1,8 Millionen werden dann fast genauso viele
Menschen jährlich an AIDS sterben wie während der
ersten zehn Jahre seit Ausbruch der Epidemie
insgesamt.
Fälle von AIDS sind bisher aus 164 Ländern und
HIV-Infektionen aus praktisch allen Staaten und
Regionen der Welt mitgeteilt worden. Die Verbreitung von HIV ist eine alarmierende und sehr komplexe Erscheinung. Die weltweite Epidemie ist als
Summe tausender einzelner Epidemien, die auf der
ganzen Welt vorkommen, beschrieben worden.
Keine Region der Welt ist davon verschont geblieben,
wobei annähernd 15 Prozent aller HlV-Infizierten in
Nordamerika und im westlichen Teil Europas leben.
Zu Beginn des Jahres 1992 lag der Anteil der Lateinamerikaner unter den HlV-Infizierten bei mehr als 8
Prozent und derjenige der Südostasiaten bei 5
Prozent. Mehr als 68 Prozent aller kumulierten Fälle
von HIV bei Erwachsenen und Kindern entfallen - so
wird angenommen - auf Afrika südlich der Sahara.
Die sozio-ökonomischen Folgen von HIV in Afrika
werden sehr deutlich, wenn allein die Fälle der
erwachsenen HlV-Infizierten dort betrachtet werden.
In Afrika südlich der Sahara leben weniger als 9
Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung, jedoch
66 Prozent der weltweit mit HIV infizierten Erwachsenen. Viele von diesen Menschen befinden sich in
ihrer produktivsten Lebensphase.
Vorhersagen über den Einfluß von HIV bzw. AIDS auf
das Bevölkerungswachstum werden durch die Unsicherheiten erschwert, die den Daten über die HIVSeroprävalenz (Zahl der HIV-Positiven in einer Population oder Stichprobe, Red.) anhaften. Die meisten
Untersuchungen der Seroprävalenz basieren auf
kleinen, nicht-repräsentativen Stichproben, die in gut
erreichbaren Gebieten genommen werden. Derzeit
wird angenommen, daß AIDS keinen signifikanten
Einfluß auf die Bevölkerungswachstumsraten der
einzelnen Länder haben wird. Dies gilt selbst für
solche Länder, in denen die HlV-Infektionsraten hoch
sind. Zumindest jedoch in bestimmten Regionen und
in großen Städten einiger Länder - insbesondere
Afrikas - wird sich als Folge der Krankheit vermutlich
ein negatives Bevölkerungswachstum einstellen.
Wenn AIDS auch möglicherweise nur geringe Auswirkungen auf die Größe der Weltbevölkerung hat, so
gibt es doch keine Zweifel, daß die Epidemie in den
am härtesten betroffenen Gemeinwesen, Regionen
und Ländern auf Jahre hinaus ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen wird. Diese werden sich in der
Gesundheitsversorgung, im sozialen Bereich und in
der Wirtschaft manifestieren. AIDS wird in diesen
Gebieten tiefgreifende Veränderungen der Sozialstruktur hervorrufen. Die betroffenen Gesellschaften

Seite 3

�werden Erwachsene im jungen und mittleren Alter
verlieren, und eine wachsende Zahl von Kindern
wird zu Waisen werden. Die erhöhte Mortalität in
den jüngeren Altersgruppen deutet auch auf eine
Senkung der Lebenserwartung hin und gefährdet die
wirtschaftliche Entwicklung.
Wirtschaftswachstum und Armut
In den Entwicklungsländern hat die Rate des Wirtschaftswachstums zu Beginn der neunziger Jahre
über dem Niveau der achtziger Jahre gelegen.
Besondere Fortschritte in dieser Hinsicht machten
jeweils Teile Asiens und Lateinamerikas. Als Folge
der Bemühungen um Entwicklung ist in den Entwicklungsländern der Anteil der in absoluter Armut
lebenden Menschen zurückgegangen. In den 55
ärmsten Ländern sind in den vergangenen 25
Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden.
Die Lebenserwartung erhöhte sich hier von 53 auf
62 Jahre, und die Säuglingssterblichkeit ging von
110 auf 73 je 1000 Geburten zurück. Der Anteil der
an eine gesundheitlich unbedenkliche Wasserversorgung angeschlossenen Bevölkerung konnte von
33 auf 68 Prozent gesteigert werden.
Als Folge des Bevölkerungswachstums steigt die
Zahl der Armen jedoch weiter an. Rund 1,1 Milliarden Menschen - dies sind 30 Prozent der Bevölkerung der Entwicklungsländer - leben von rund einem
US-Dollar pro Tag. Obwohl die größte Zunahme an
Armut in Afrika zu verzeichnen war, leben mit einem
Anteil von 62 Prozent die meisten Armen der Welt in
Südasien. In der Vergangenheit lebten 75 Prozent
der Armen in den ländlichen Gebieten. Dieser Trend
kehrt sich jedoch mit der zunehmenden Slumbildung
und immer neuen wilden Ansiedlungen in den Städten um. Bemerkenswerte 54 Prozent des weltweiten
Bevölkerungswachstums entfallen auf Afrika und
Südasien.
Jene Länder, deren Versuche zur Verminderung der
Zahl der Armen und ihres Anteils an der jeweiligen
Bevölkerung erfolgreich waren, haben nicht nur ein
anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum
mit Investitionen in die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelversorgung sichergestellt. Sie haben
auch Wert auf die menschliche Entwicklung gelegt,
indem sie sich insbesondere in den Bereichen der
Bildung und der reproduktiven Gesundheitsversorgung engagierten und die Stellung der Frau
stärkten.
Bevölkerung und Umwelt
Das Wachstum und die räumliche Konzentration der
Weltbevölkerung stehen in engem Zusammenhang
mit dem lokalen und globalen Zustand der Umwelt.

Seite 4

So interagiert das Bevölkerungswachstum mit dem
Verbrauch und der Bereitstellung der natürlichen einschlie ßlich der erneuerbaren - Ressourcen, mit der
Bevölkerungsverteilung sowie dem Druck, den die
Bevölkerungen auf ihre jeweilige Umwelt ausüben.
Der auf der Konferenz der Vereinten Nationen über
Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992 verabschiedete Aktionsplan, die Agenda 21, sowie vorläufige Einschätzungen, die der Internationalen Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung 1994 vorliegen werden,
reflektieren die Komplexität dieser Zusammenhänge.
Eine direkte Verbindung besteht jeweils zwischen
wachsenden Bevölkerungen und dem Städtewachstum, zwischen der steigenden Nachfrage nach
Wasser und der Abwasserhygiene, zwischen Energie
und Landreserven sowie zwischen der zunehmenden
Luftverschmutzung und der ebenso zunehmenden
Bedrohung der natürlichen Ökosysteme bzw. der
Lebensräume wildlebender Tiere. Dem auf diese
Weise entstehenden Druck sind sowohl die Industrieais auch die Entwicklungsländer ausgesetzt. In den
Entwicklungsländern sind es das rasche Bevölkerungswachstum und die Armut, in den Industrieländern der massive Ressourcenverbrauch und die
Müllberge, die die Lage zusätzlich zuspitzen.
Veränderungen der Umwelt werden von den drei Einflußgrößen Bevölkerung, Konsumniveau und technologischer Entwicklungsstand bestimmt. Im Faktor
Konsumniveau kommt der Ressourcenverbrauch zum
Ausdruck. Der technologische Entwicklungsstand bestimmt die Menge der Ressourcen, die zur Herstellung einer Produkteinheit notwendig ist, sowie die
Abfallmenge, die nach dem Konsum in die Umwelt
gelangt. Bei einem gegebenen technologischen
Entwicklungsstand und einem ebenfalls gegebenen
Konsumniveau ist der Faktor Bevölkerung der Multiplikator, der das Ausmaß der Umweltveränderungen
bestimmt. Sowohl ein rasches Bevölkerungswachstum als auch ein Verbrauch an Ressourcen, der das
Maß der Nachhaltigkeit überschreitet, sowie unangepaßte Technologien haben einen negativen Einfluß
auf die Umwelt.
Umweltprobleme machen nicht an nationalen Grenzen halt.
Gelangt beispielsweise Methan oder
Kohlendioxid in die Luft, so trägt dies zur Erwärmung
der gesamten Erdatmosphäre bei. Obwohl die
Industrieländer nach wie vor den größten Anteil
dieser Emissionen verursachen, wird sich der Anteil
der Entwicklungsländer an dieser Art der Umweltverschmutzung bei steigenden Bevölkerungszahlen und
steigendem Konsum erhöhen. Der Energieverbrauch
in den Entwicklungsländern wird wahrscheinlich
zwischen 5 und 7 Prozent, der in den Industrieländern zwischen 2 und 3 Prozent jährlich ansteigen.

AMERIKA DIENST 33

�Die Zerstörung der tropischen Wälder - beim kommerziellen Holzeinschlag, bei Rodungen für die
landwirtschaftliche Nutzung der Flächen oder zur
Gewinnung von Brennholz - schreitet unvermindert
rasch voran. In neun tropischen Ländern, u.a. in
Brasilien, Myanmar (früher: Birma, Red.) und Indien,
nahm die Abholzung während der achtziger Jahre
um 50 Prozent zu und erreichte einen Jahresdurchschnitt von annähernd 17 Millionen Hektar.
Die Ausbreitung der Wüsten und die Bodenzerstörung werden in allen Gebieten beobachtet. Es ist
ein Teufelskreis entstanden, in dem Bevölkerungswachstum, Armut und die Beibehaltung herkömmlicher Technologien zur Verkleinerung der Wirtschaftsflächen und zu weiterem Bevölkerungswachstum führen. Das primäre Agens der Zerstörung ist
in der Nutzung von Grenzertragsflächen und im
Kahlschlag der Wälder zur Urbarmachung der
gerodeten Flächen zu sehen. Diese Nutzungen
resultierten in einer Zurückdrängung des tropischen
Waldes von 16 Millionen qkm zu Beginn dieses
Jahrhunderts auf rund 8 Millionen qkm im Jahr 1990.
In der Folge der Waldzerstörung kommt es zur
Bodendegradation sowie zu einer Verschlechterung
der Wasserversorgung und der Ernten. Dies wiederum stellt eine unheilvolle Entwicklung für die auf dem
Lande lebenden Familien dar.
Die Grundbedürfnisse: Wasser, Nahrung und
Wohnen
Wasser
Die Versorgung mit hygienisch unbedenklichem
Trinkwasser steht in direktem Zusammenhang mit
einer geringeren Wahrscheinlichkeit des Auftretens
von Epidemien wie der Cholera sowie mit der
Kindersterblichkeit. Bis zum Jahr 1990 ist es gelungen, 75 Prozent der Weltbevölkerung mit hygienisch
unbedenklichem Trinkwasser zu versorgen und 71
Prozent an die Abwasserbehandlung anzuschließen.
Unterschiede bestehen jedoch weiterhin zwischen
den städtischen Zentren und den ländlichen Gebieten.
Während des letzten Jahrzehnts lag der
Schwerpunkt bei Neuanschlüssen an eine Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser eher auf
den ländlichen Gebieten denn auf den Städten.
Auch wurde mehr Augenmerk auf die Verbesserung
der Wasserversorgung als auf den Neubau von
Anlagen der Abwasserbehandlung gelegt. Dies gilt
sowohl für die Städte als auch für die ländlichen
Gebiete. Die Entwicklung der städtischen Infrastruktur hinkt in den meisten Entwicklungsländern weit
hinter dem Städtewachstum her. Zwischen 1990
und dem Jahr 2000 - so die Prognosen - wird die
Zahl der Menschen, die kein gesundheitlich unbedenkliches Wasser bekommen, erneut ansteigen.

AMERIKA DIENST 33

69 Prozent des Weltverbrauchs an Wasser geht auf
das Konto der Landwirtschaft. In einigen Ländern,
wie beispielsweise Afghanistan oder Sudan mit ihren
überwiegend ländlichen Bevölkerungen, kann dieser
Anteil jedoch bis zu 99 Prozent ausmachen. Im Jahr
1990 wurden 250 Millionen Hektar (620 Millionen
Morgen) Land im Bewässerungsfeldbau bewirtschaftet. Sie lieferten ein Drittel des Ernteertrags der Welt.
Zwischen 1950 und 1990 wuchs die bewässerte
landwirtschaftliche Nutzfläche auf der Welt bei
wachsenden Bevölkerungszahlen und steigendem
Konsum pro Kopf um mehr als 100 Prozent. Die
Industrieländer benutzen den Großteil ihres Wassers
für industrielle und kommerzielle Zwecke. In einigen
Ländern, die sich auf der Schwelle zum Industrieland
befinden, steigt die Nachfrage nach Wasser mit
dieser Zweckbestimmung, obwohl ihre im ländlichen
Raum lebenden sowie ihre im landwirtschaftlichen
Sektor tätigen Bevölkerungen zur gleichen Zeit
wachsen.
Eine zunehmende Zahl von sowohl Industrie- als
auch Entwicklungsländern haben die Grenzen einer
nachhaltigen Nutzung ihrer eigenen erneuerbaren
Wasserreserven erreicht oder nähern sich diesen an.
Konkurrenz um die Wasservorräte wird zunehmend
als Ursache interner und internationaler Spannungen
wahrgenommen.
Nahrungsmittelversorgung
Während der vergangenen zehn Jahre ist die Lebensmittelproduktion weltweit um 24 Prozent, und
damit schneller als das Bevölkerungswachstum,
gestiegen. Diese Steigerung war jedoch räumlich
nicht gleichmäßig über die Welt verteilt: In Afrika
sank die Lebensmittelproduktion sogar um 5 Prozent,
während dort die Bevölkerung um 34 Prozent wuchs.
Die Weltproduktion an Getreide sank - nach Angaben
der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen, (FAO) - im Jahr 1993 um 4
Prozent. Für das Jahr 1994 hat die FAO für 20
Länder die Möglichkeit ernster Lebensmittelknappheit
vorhergesagt. Bis zu 780 Millionen Menschen sind in
den Entwicklungsländern unterernährt.
Die meisten Experten sind sich darin einig, daß es
keine allgemeine und weltweite Lebensmittelknappheit gibt und daß es bei einer gerechten Verteilung
möglich sein müßte, auf absehbare Zeit die gesamte
Nachfrage zu decken. Nicht so sehr ein Mangel an
Lebensmitteln als vielmehr einer an Kaufkraft wird
denn auch allgemein als Grund für Unter- bzw.
Fehlernährung angesehen. Es ist also die Armut, die
trotz einer Sättigung des globalen Bedarfs national
und lokal zu Mangel führt. Innerhalb des häuslichen
Bereichs haben Männer und ältere Söhne ein Erstrecht auf jegliche Art von Lebensmitteln. Frauen und

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�Kinder, insbesondere kleine Mädchen, sind als erste
von Unter- bzw. Fehlernährung betroffen.
Als Gegenmaßnahme schlägt die FAO hier eine umfassende Stärkung des landwirtschaftlichen Sektors
vor. Nach wie vor sind in vielen Entwicklungsländern die meisten Arbeitskräfte in diesem Sektor
beschäftigt.
Weiterhin fordert die Organisation eine Vermehrung
der Ressourcen, die den Frauen zur Verfügung
stehen. Oft ist nämlich in der Vergangenheit vernachlässigt worden, daß die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Verantwortung der Frauen liegt.
Auch die Entwicklung des Humankapitals, unter
Einschluß von Bildung und Gesundheitsversorgung,
stellt einen wichtigen Schritt dar.
Wohnen
Die Notwendigkeit zur Bereitstellung ausreichenden
Wohnraums wächst mit steigenden Bevölkerungszahlen. Dies gilt insbesondere angesichts der
zunehmenden Urbanisierung sowie abnehmender
Landreserven, knapperer Baugelder und einer
geringeren Zahl neu fertiggestellter Wohnungen.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung derEntwick-

*

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lungsländer wird zum Ende des Jahrhunderts in den
Städten leben. Ein derartiges Wachstum überfordert
deren Möglichkeiten, Wohnraum und Dienstleistungen für alle Neuankömmlinge bereitzustellen. Besonders schwierig ist die Wohnungssuche in einigen
Ländern für weibliche Haushaltsvorstände. Dort
verbieten mitunter Gesetze den Frauen den Besitz
von Grundeigentum oder auch nur die Anmietung
einer Wohnung. Frauen dürfen in manchen Ländern
die notwendigen Kredite nicht aufnehmen, oder sie
werden nicht auf Wartelisten für Wohnungen aufgenommen. Diese Frauen und ihre Kinder sind gezwungen zu leben, wo immer es ihnen möglich ist.
Sie belegen den armseligsten Wohnraum und werden
leicht Opfer von Ausbeutung und Mißhandlung.
Die Mittel, die zur Linderung der Armut beitragen können, die die Lebensmittelversorgung verbessern, die
Unter- bzw. Fehlernährung beenden und zu einer
ausreichenden Wohnraumversorgung führen können,
sind die gleichen, die ein ausgeglicheneres Bevölkerungswachstum ermöglichen können. Mehr Beachtung ist in diesem Zusammenhang der Bevölkerungsproblematik zu schenken. Die Entscheidungsfreiheit des einzelnen - insbesondere der Frau - muß
erweitert und die Chancengleichheit der Geschlechter
von Geburt an gewährleistet werden.

* * * *

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�BEVÖLKERUNG
24. August 1994

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen mit dem Vatikan
WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge gibt es zum ersten Mal seit 20
Jahren umfassende Einigung über eine Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion.
"Ich sehe kein Nord-Süd-Gefälle in den neunziger
Jahren", erklärte Sally Shelton, Stellvertretende
Leiterin für globale Programme beim Amt für internationale Entwicklung (Agency for International
Development - AID), bei einer Pressekonferenz am
19. August 1994.
Shelton räumte jedoch ein, bei der im September in
Kairo anberaumten Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung werde es sicherlich einige Meinungsverschiedenheiten geben. Sie verwies insbesondere
auf Differenzen mit der römisch-katholischen Kirche
und vielleicht einigen muslimischen Kirchenvertretem
über Fragen wie die Rechte und Pflichten von
Familien und Einzelpersonen bei Geburtenkontrolle
und Schwangerschaftsabbruch.
Selbst katholische Länder wie Mexiko, Brasilien und
Kolumbien hätten effektive Programme zur Bevölkerungskontrolle verabschiedet, so Shelton. Auch
muslimische Länder wie Indonesien, Bangladesch
und Tunesien hätten Schritte unternommen.
Vor einer Generation hätten nur eine Handvoll
Länder Familienplanungsprogramme eingeführt und
jetzt seien es über 100, erläuterte Shelton. Studien
belegten, daß ungefähr 120 Millionen Männer und
Frauen auf der ganzen Welt lieber die Größe ihrer
Familie planen würden, aber keine Beratung erhalten.
In etwa 170 Ländern sei Schwangerschaftsabbruch
gestattet, manchmal nur in bestimmten Fällen,
manchmal großzügig gehandhabt, äußerte Shelton.
"Die Nachfrage nach Zugang zu Familienplanung
durch Männer und Frauen auf der ganzen Welt und

AMERIKA DIENST 33

die Nachfrage nach einer besseren Lebensqualität...
ist überwältigend. Sie reicht von der Basis bis zu
allen Schichten der Gesellschaft."
Shelton stellte fest, sie sei daher optimistisch, daß die
Kairoer Konferenz einen Konsens über konkrete
Programme erzielen wird, die jedes Land zur Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion einführen
könnte.
Nils Daulaire, politischer Berater für Bevölkerung und
Gesundheit beim AID, erklärte, die Vereinigten Staaten unterstützten den von der 12 Nationen umfassenden Europäischen Union - zu deren Mitgliedern die
katholische, eher traditionelle Gesellschaft Irlands und
auch die liberalen Niederlande zählen - unterbreiteten
Kompromißvorschlag zur Sprachregelung, um die
Schwierigkeiten zwischen dem Vatikan und dem
Großteil der Industrie- und Entwicklungsländer zu
überwinden.
Die Sprachregelung stellt in dem Kapitel über reproduktive Gesundheit eindeutig klar, daß jede bei
der Kairoer Konferenz veröffentlichte Erklärung keine
neuen Rechte für Familien oder Einzelpersonen
festsetzen wird, äußerte Daulaire in einem Interview
nach der Pressekonferenz.
Darüber hinaus würden alle in einer Erklärung
empfohlenen Programme den Gesetzen und Bestimmungen des Landes unterstehen, das die Vereinbarung unterzeichnet.
"Wir finden diese Sprachregelung sehr gut", bekräftigte Daulaire.
Während der Pressekonferenz verwies er darauf, daß
die Entwicklungsländer nicht die Haltung der Industrieländer geteilt hatten, die bei der ersten internationalen Bevölkerungskonferenz im Jahr 1974 die
Betonung auf eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums gelegt hatten.

Seite 1

�Zum Zeitpunkt der zweiten Konferenz 10 Jahre
später hatten die Entwicklungsländer das Gefühl,
nicht genug Fortschritte bei der Erweiterung ihrer
Volkswirtschaften zur Ernährung ihrer zunehmenden
Bevölkerung zu erzielen. Sie wollten die Familienplanungsprogramme verstärken, aber die 1984 in
den Vereinigten Staaten amtierende konservative
Administration lehnte diese Position ab.

"Die Differenzen sind ausgeräumt", so Daulaire. "Es
gibt keine grundlegenden Meinungsverschiedenheiten" zwischen den Entwicklungsländern und den
Vereinigten Staaten zum Thema Bevölkerung.

* * * *

Seite 2

*

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�UMWELT
24. August 1994

STRATEGIEN FÜR UMWELTVERTRÄGLICHE
ENTWICKLUNG
von Barbara J. Bramble
Die Verfasserin beschreibt einige der beim Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro gelernten Lektionen und wie
umweltverträgliche Entwicklung auf lokaler Ebene angewandt werden kann. Sie betont die Bedeutung des
Engagements der Gemeinde.
Barbara J. Bramble ist Direktorin des internationalen Programms der National Wildlife Federation.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vital Speeches of the Day.

Ich möchte Ihnen einen historischen Kontext für
unsere Aufgabe in dieser Woche geben und die
abstrakten Ideen des Erdgipfels für unsere Arbeit in
unseren jeweiligen Bundesstaaten umsetzen. Ich
möchte über das sprechen, was ich als die Evolution
des Erdgipfels bezeichne - ein wirklich erstaunliches
Phänomen, bei dem jeder, der in irgendeiner Weise
mit den Vorbereitungen befaßt war und unabhängig
davon, ob er an einer der Vorkonferenzen des
Gipfels in Rio de Janeiro teilnahm oder nicht, durch
diese Erfahrung in gewisser Weise verändert wurde.

Das gleiche geschah in Brasilien, Mexiko, Europa,
Japan, auf den Philippinen und andernorts. In
Brasilien traten dem NGO-Forum für die UNCED mit
der Zeit 1.300 große und kleine Gruppen bei.

Als im Jahr 1989 zum ersten Mal der Vorschlag
eines Erdgipfels unterbreitet wurde, fingen alle an zu
gähnen. Dann erkannten einige kluge Leute, daß er
zum größten und vielleicht wichtigsten Treffen
überhaupt werden könnte (und am Ende nahm die
höchste Zahl von Staatsoberhäuptern teil, die je
einer solchen Veranstaltung beigewohnt hatte).
Viele von uns in der Regierung und bei nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) begannen sich zu
fragen, "Was können wir machen um sicherzustellen,
daß bei dem Gipfeltreffen das Richtige getan wird?"

Wir brachten Mittel auf, damit die Vertreter der Basis
aus diesem und vielen anderen Ländern zu den vier
vorbereitenden Ausschußsitzungen kommen konnten,
die im Verlauf von zwei Jahren abgehalten wurden.
Diese sogenannten "PREP-COMMS" setzten die
Tagesordnung fest und handelten die Zustimmung
zum offiziellen Erdgipfel im Juni 1992 in Rio de
Janeiro aus.

In den nichtstaatlichen Gruppen lautete die Antwort:
Organisieren.
Hunderte Gruppen und Einzelpersonen aus den
gesamten Vereinigten Staaten bildeten das amerikanische Bürgernetz für die Konferenz der Vereinten
Nationen über Umwelt und Entwicklung (United
Nations Conference on Environment and Development - UNCED). Dieses Bürgernetz besteht ebenso
wie das Bürgernetz für umweltverträgliche Entwicklung noch immer.

AMERIKA DIENST 33

Einige von uns begannen, sich mit dem UN-System
vertraut zu machen um herauszufinden, wie die
Konferenz zusammengesetzt sein wird, wer über die
Tagesordnung entscheiden sollte und wie wir die
Regierungen dazu bringen könnten, den Bürgern
zuzuhören.

Wir bildeten Lobbying-Koalitionen jeglicher Art unter
den NGOs, darunter nicht nur (erwartungsgemäß) an
der Umwelt interessierte, sondern auch an der Basis
arbeitende Gruppen wie Bauerngenossenschaften,
Verbraucherschutzgruppen, Frauengruppen, die
Suppenküchen in ärmlichen Gegenden in Peru
betreiben, oder Verantwortliche für Baumschulen und
Aufforstungsprogramme in Kenia, Befürworter von
Landreform, Rassengleichheit und für die Straßenkinder in Brasilien Zuständige, Wohltätigkeits- und
Hilfsorganisationen mit Sitz in Kanada, England und
den Niederlanden, Berater aus Pakistan zur Energieeinsparung und Gruppen, die repressive Regime der
extremen Linken in Ungarn, Polen und Rußland

Seite 1

�sowie der extremen Rechten in Chile, Argentinien
und Brasilien gestürzt hatten.

keiten und Einkommen berücksichtigten nicht das
Humankapital, Rohstoffe oder die Umweltzerstörung).

Wie Sie sich vorstellen können, kamen die NGOs zu
diesem zweijährigen Prozeß mit diametral entgegengesetzten Ansichten über die Bedeutung von Umwelt
und Entwicklung. Wir diskutierten die Rolle des
Welthandels und der Weltbank, wessen Fehler die
enorme Verschuldung der Dritten Welt ist, wer für
die Übernahme der Kosten für den Erhalt der
tropischen Regenwälder verantwortlich ist, wieviel
Schuld für die derzeitige Zerstörung vieler Ökosysteme dem Bevölkerungswachstum und wieviel dem
industriellen Wachstum sowie dem verschwenderischen Verbraucherverhalten zugeschrieben werden
sollte.

Forstwirtschaftler mußten lernen, daß die Hauptursachen für die Brandrodung in den Tropen überhaupt nicht in Zusammenhang mit ihrem Beruf
stehen, sondern auf Armut, Landkonzentration in den
Händen einiger weniger Reicher, gedankenlose
Agrarentwicklung für vornehmlich exportiertes Getreide, unkluge Subventionen für Viehzucht, illegales
Abholzen und Korruption zurückzuführen sind.

Nach einer langen und manchmal emotionalen
Debatte - ähnlich dem, was die Regierungen durchmachen mußten - erzielten wir Einigung zu praktisch
allen diesen Themen. Wir bildeten das "Internationale NGO-Forum", um ein besonderes NGO-Treffen
unter den Hunderten anderer in Rio organisierter
Veranstaltungen anzuberaumen. Ich war in dem
Ausschuß, der die Hauptveranstaltung der NGOs
organisierte und vertrat das Bürgernetz der Vereinigten Staaten. Wir stellten eine 10tägige Konferenz für 3.200 Teilnehmer auf die Beine.
Unser Ausschuß hatte die Idee, seine eigenen
Verhandlungen in Rio zu führen und seine eigenen
NGO-Vereinbarungen vorzubereiten, die wir als die
alternativen NGO-"Verträge" bezeichneten - natürlich
sind es keine richtigen Verträge, sie haben keine
rechtliche Wirkung. Aber sie waren ein wunderbares
Instrument für die NGOs, um Konsens zu unserem
Vorgehen zu erzielen, unabhängig von den Entscheidungen der Regierungen. Sie setzten gemeinsame Ziele fest und legten die Grundlage für Maßnahmen der NGO-Koalition auf Jahre hinaus.
Mehrere dieser "Verträge" haben ein aktives NGONetz, das an ihrer Umsetzung arbeitet.
Ebenso erstaunlich wie die NGO-Verhandlungen war
der Prozeß des Lernens und Verhandeins der
Regierungen für diese Konferenz. Ich war beeindruckt, wie hart die meisten Delegierten der UNCED
arbeiteten, insbesondere die aus den Entwicklungsländern, wo nur einige wenige Delegierte alle Themen abdecken mußten. Sowohl Diplomaten als
auch Spezialisten mußten einen sehr harten CrashKurs zu mehr als 40 schwierigen Fragen über sich
ergehen lassen - und das alles gleichzeitig.
Wirtschaftswissenschaftler mußten lernen, daß sie
nur die Hälfte der Spielkarten zur Verfügung hatten
(ihre Maßeinheiten für Vermögenswerte, Verbindlich-

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Wasserwirtschaftler mußten sich anhören, daß ein
Bewässerungssystem - so gut es auch gebaut sein
mag - nicht funktionieren kann, solange es keinen
Verband der Wassernutzer gibt, der die gerechte
Verteilung des Wassers an die flußabwärts Wohnenden und kontinuierliche Wartung gewährleistet. Der
Aufbau eines solchen Verbandes erfordert Jahre
geduldiger Organisationsarbeit unter der lokalen
Bevölkerung - er kann nicht aufoktroyiert werden.
Agrarexperten mußten lernen, daß die grüne Revolution die Kluft zwischen Reichen und Armen in vielen
Ländern verbreitert und das Proteinvorkommen für
zahlreiche Menschen verringert hat (als die in den
Reisfeldern schwimmenden Katzenfische durch
Pestizide vergiftet wurden).
Die Klimaveränderung hat Auswirkungen auf den
Wasservorrat, die Landwirtschaft hat Auswirkungen
auf die Wasserqualität, die Verringerung der Wasservorräte kann Kriege verursachen.
Wir alle mußten lernen, daß es nicht möglich ist,
auch nur passable Wirtschaft oder Technik zu haben,
ohne die Ökologie, Soziologie und Anthropologie zu
verstehen.
Meines Erachtens wurden alle UNCED-Teilnehmer offizielle Delegierte und NGOs- durch diese Erfahrung
tiefgreifend verändert und unser beruflicher Horizont
hat sich enorm erweitert.
Der in Agenda 21 (einer Reihe von 1992 in Rio
unterzeichneten Empfehlungen zur Bewältigung der
Umweltprobleme weltweit) festgelegte Arbeitsplan ist
auf Jahre hinaus Herausforderung genug. Die etwas
mehr als 40 Kapitel der Agenda 21 legen die meisten
gravierenden Probleme dar, die gelöst werden
müssen, um zu einer umweltfreundlichen Gesellschaft
zu gelangen, und sie skizzieren die den Hauptakteuren zukommenden Rollen, von nationalen Regierungen bis zu kommunalen Behörden und Bürgergruppen. Obwohl kein visionäres Dokument für das 21.
Jahrhundert, ist es ein ernsthafter Arbeitsplan für
zumindest das nächste Jahrhundert.

AMERIKA DIENST 33

�Wichtiger als das durch die Vorbereitungen auf den
Erdgipfel verursachte berufliche Umdenken war
vielleicht die Erkenntnis, daß dem inzwischen
populären und überstrapazierten Begriff "umweltverträgliche Entwicklung" etwas Tiefgreifendes zugrundeliegt - nicht nur Wirtschaftswissenschaften oder
Kontrolle der Umweltverschmutzung, sondern
Gleichheit und Gerechtigkeit.
Diejenigen unter uns, die dachten, Rio sei die Folge
der Stockholmer Konferenz über die humane Umwelt
von 1972, sahen sich mit der Tatsache konfrontiert,
daß es eine Konferenz über Umwelt und Entwicklung war. Die scharfen Debatten lehrten uns, daß
die Umwelt einfach nicht gerettet werden kann,
solange nicht alle Menschen auf der Welt eine
Chance zur Verbesserung ihres Lebens haben.
Meiner Ansicht nach kann man guten Gewissens
sagen, daß jeder, der die langwierigen Verhandlungen des UNCED-Prozesses durchgemacht hat seien es die offiziellen Delegierten oder die NGOs
mit ihren eigenen Vereinbarungen - dies jetzt gründlich versteht.
Es gibt beispielsweise keine Lösung für die Brandrodung in den Tropen, solange nicht die Masse der
armen Menschen, die keinen Zugang zu ordentlichem Ackerland haben, weil einige wenige Grundbesitzer es für die Viehzucht oder automatisierten
Getreideanbau für den Export nutzen, eine Chance
bekommen - entweder durch Landreform oder
alternative Beschäftigung in städtischen Zentren,
oder durch einen kleinen Kredit zur Gründung ihres
eigenen Unternehmens. Millionen von Menschen
ohne jegliche Alternative versuchen überall in den
Entwicklungsländern kleine Landstriche zu bewirtschaften, verursachen einen Verlust an Wäldern und
eine Bodenerosion, verstopfen Flüsse und Wasserwege, verunreinigen Anlagen für die Fischzucht und
so weiter.
Entsprechend wird sich das Bevölkerungswachstum
nicht verlangsamen, bis Frauen ein Mitspracherecht
an ihrem eigenen Leben haben - das heißt nicht nur
die Bereitstellung von Kondomen oder Antibabypillen, sondern auch Bildung, ordentliche Gesundheitsfürsorge und wirtschaftliche Chancen, so daß sie das
Recht zur Verwendung dieser Kondome und der
Pille erwerben können.
Und hier bei uns ist die Lage nicht viel anders.
Umweltverträgliche Entwicklung bedeutet eine
Chance für ein ordentliches Leben für alle Amerikaner in Städten und ländlichen Gebieten, nicht nur
den Vororten.
Meines Erachtens ist "umweltverträgliche Entwicklung" der falsche Begriff. Erstens ist dies ein Kürzel

AMERIKA DIENST 33

für seine wirkliche Bedeutung - "Wirtschaftlich tragfähige, ökologisch verträgliche und sozial gerechte"
Entwicklung. Aber diese Erklärung ist zu lang und
mühselig. Wir benötigen ein neues Schlagwort, das
alle drei Elemente beinhaltet - Wirtschaft, Ökologie
und Gerechtigkeit - dies ist ein untrennbares Dreieck.
Jeder, der den UNCED-Prozeß durchlaufen hat, hörte
Beunruhigendes von den Vertretern anderer Länder Menschen, die die Ideale und Versprechungen der
Vereinigten Staaten verehren, aber nicht verstehen
können, was wir hier eigentlich tun.
Einige sagten: "Wenn Ihr uns sagt, wir müssen
unsere Regenwälder erhalten, wie kommt es
dann, daß Ihr Eure eigenen Regenwälder im
Nordwesten nicht erhaltet?"
Andere ereiferten sich über eines der schwierigsten Probleme - das Bevölkerungswachstum:
"Bevölkerungswachstum im 'Süden' könnte einige
lokale Umweltprobleme zur Folge haben. Nicht
die Armen haben das Ozonloch, die Klimaveränderung, eine Ölpest in den Ozeanen, Toxine im
arktischen Schnee oder sauren Regen verursacht,
sondern der Abfall und der exzessive Konsum in
Euren reichen Industrieländern setzt den gesamten Planeten einem Risiko aus. Ein in den Vereinigten Staaten geborener Mensch wird 30- bis
50mal soviel Energie verbrauchen wie ein in
Indien geborener - also schiebt nicht die Schuld
für die Umweltzerstörung den Armen in die Schuhe."
Und am provokativsten: "Wir im Süden tragen die
Verantwortung für viele unserer Probleme, weil
unsere reichen Eliten in ihrem eigenen Interesse
operieren, während die Armen leiden - es gibt
einen 'Norden' in unserem 'Süden'. Aber es gibt
auch einen 'Süden' in Eurem 'Norden' - was tut
Ihr mit Euren Armen, mit Euren Städten?"
All das hörte man nicht gerne. Und zuerst führte es
zu einer ziemlich scharfen Auseinandersetzung. Aber
allmählich gelangten wir zu einer Einigung, und die
Antwort wurde deutlich: Beide Seiten hatten recht,
aber beiden Seiten tragen auch einen Teil der
Verantwortung für den Zustand des Planeten. Die
Zukunft hängt von Vereinbarungen über gemeinsames Vorgehen zur Verringerung des kollektiven
Drucks auf unsere Rohstoffe ab und damit der
Verbesserung der Lebensqualität für alle.
Die unmittelbaren praktischen Ergebnisse dieser
grundlegenden Einigung auf die geteilte Verantwortung sind bisher mager - nur die verwässerten
Verträge über Klimaveränderungen und Artenvielfalt

Seite 3

�sind in der Tat bindend. Und Agenda 21, das von
den Regierungen vereinbarte Arbeitsprogramm über
Toxine, Wasser- und Luftverschmutzung, Verringerung des Abfalls und all die anderen Themen, wird
nur auf freiwilliger Basis befolgt.
Aber dies ist erst der Anfang. Ich bin jetzt zuversichtlich, daß die internationale Zusammenarbeit
verstärkt wird, wenn die globalen Probleme sich
verschärfen, was wahrscheinlich ist. Die sich mit
dem Abbau der Ozonschicht befassende Wiener
Konvention war in ihrer ersten Fassung enttäuschend unzulänglich. Sie wurde j^ooch in Form des
Montrealer Protokolls dreimal verbessert, als die
Ozongefahr deutlicher wurde.
Ich möchte Ihnen sagen, was sie für mich bewirkt
hat. Erstens arbeite ich an internationalen Themen.
Aber ich gelange jetzt zu der Erkenntnis, daß das
Beste, was wir für den Aufbau der internationalen
Zusammenarbeit zur Verringerung der Zerstörung
des Ökosystems tun können, darin liegt, zu zeigen,
daß diese Prinzipien hier bei uns im Inland funktionieren. Die übrige Welt blickt immer noch auf die
Vereinigten Staaten bei der Festsetzung der beispielgebenden Normen. Da unser Land und Kanada
den höchsten Energieverbrauch pro Kopf haben,
wird niemand die Energieeinsparung ernst nehmen,
wenn wir es nicht tun. Und dasselbe gilt für die
Erhaltung der Wälder und Feuchtgebiete.
Zweitens führt mich das zu der Schlußfolgerung, daß
wir nicht länger außenpolitische Angelegenheiten
von innenpolitischen trennen können. Ich arbeite
also an der Überbrückung der Kluft zwischen den
inländischen und internationalen Abteilungen der
National Wildlife Federation.
Mehrere unserer
Zweigstellen erarbeiten bereits Pläne für umweltverträgliche Entwicklung in ihren jeweiligen Bundesstaaten, und der Dachverband arbeitet auf die Verabschiedung von "umweltverträglicher Entwicklung"
als einheitlichem Ziel all unserer Programme hin.
Drittens habe ich gelernt, daß die zu umweltverträglicher Entwicklung führenden Prinzipien in den
Vereinigten Staaten die gleichen sind, die im Ausland verwendet werden sollten (beispielsweise bei
Auslandshilfeprogrammen): Beteiligung der öffentlichkeit, Zugang zu Informationen, Gewährleistung,
daß die Menschen das Recht zu friedlichen Beschwerden haben, Chancen für die Menschen, wie
die Vergabe von Kleinkrediten und eine ordentliche
Ausbildung. Dies sind grundlegende amerikanische
Prinzipien der Fairness, Gerechtigkeit und Respektierung der Menschenrechte.
Das Kernstück umweltverträglicher Entwicklung ist
vielleicht nicht eine Technologie per se, sondern das

Seite 4

Mitspracherecht der Gemeinde bei dieser Entwicklung. Obwohl die Menschen es in der Tat nicht
immer in Anspruch nehmen, wollen sie das Recht, zu
erörtern, was zu tun ist, von wem, wann und so
weiter - und nicht nur von den Plänen hören, wenn
die Entscheidungen getroffen sind. Die Bedürfnisse
der Bürger auf der ganzen Welt decken sich in
erstaunlichem Maße - Zugang zu Informationen,
Beteiligung der Öffentlichkeit an Plänen, Entwürfen,
Umsetzung und Auswertung sowie das Recht zur
Beschwerde.
Und schließlich gelangte ich aufgrund der angesprochenen Evolution der UNCED von der Konzentration
auf reine Umweltprobleme zu der Erkenntnis, daß
das Ziel ein viel umfassenderes ist - der Aufbau einer
umweltfreundlichen Gesellschaft. Wie ich bereits
ausgeführt habe, beinhaltet dies nicht nur die Umwelt
und Wirtschaft, sondern auch Gerechtigkeit, so daß
wir alle eine Chance für ein ordentliches Leben
haben können.
Dies führt uns zu der derzeitigen Konferenz der
National Wildlife Federation. Was können wir hier
bewirken?
Ich denke, wir sind auf der Suche. Niemand ist sich
ganz sicher, was genau unter "umweltverträglicher
Entwicklung" zu verstehen ist. Zweifelsohne sieht
sie in Alaska anders aus als in Kalifornien, Ohio oder
Kentucky.
Bei dieser Suche werden wir einige leichte Lösungen
finden wie die Tatsache, daß zunehmend verbesserte
Energiewirtschaft nicht nur die Treibhausgasemissionen reduziert, sondern auch durch kurze Rückzahlungsfristen Geld spart. Gemäßigte Landwirtschaft
schont nicht nur den Boden und trägt zur Säuberung
der Flüsse bei, sondern verringert auch Kosten, ganz
abgesehen von den Vorteilen für die Gesundheit.
Einiges ist jedoch schwieriger. Wiederaufbereitungsprogramme sind beispielsweise ein wunderbares
Instrument, um das Engagement der Menschen zu
gewinnen und sie über Energieerhaltung zu informieren. Aber nachdem sie sich mit der Tragweite
des Problems befaßt haben, gelangen viele Gemeinden zu der Schlußfolgerung, daC eis den Abfall an
der Quelle verringern müssen, sowohl bei den
Produktionsmethoden als auch in einigen Fällen mit
der Abschaffung bestimmter Produkte.
Die neue Methode des "grünen Punkts" sowie die
Einbeziehung der gesamten Berechnungs-, Produktions-, Nutzungs- und Entsorgungskoc*en in den Preis
des Verbrauchsgutes ist ein Indikator, welche Produkte für die Gemeinde sehr teuer im Hinblick auf die
realen Kosten sind, die jetzt als "Externa" angesehen

AMERIKA DIENST 33

�werden. Dies bietet dem Verbraucher Anreize zu
einem veränderten Konsumverhalten.
Aber dies impliziert Veränderung.
Bestimmte
Produkte werden nicht mehr hergestellt und andere
werden entwickelt. Veränderungen machen angst.
Und es gibt sehr viel ernsthaftere Probleme, wie
veraltete Industrieanlagen, die gefährlich sind, deren
Modernisierung aber teuer ist und deren Schließung
einen enormen Verlust an Arbeitsplätzen bedeuten
würde.
Aus diesem Grund ist die Entwicklung eines Gemeinsinns so eindeutig Teil umweltverträglicher
Entwicklung. Wandel ist unvermeidbar, er kann nicht
für immer zurückgehalten werden. Aber diejenigen,
die aufgrund der Notwendigkeit einer Gesellschaft
zur Veränderung ihrer Produktionsmethoden und
Beseitigung des Abfalls in der Luft hängen, sollten
nicht leiden müssen. Wir müssen lernen, als Gemeinde an einem Strang zu ziehen und denen zu

helfen, die von den Veränderungen betroffen sind. In
Deutschland und Japan werden die Arbeitnehmer
geschützt, behalten, umgeschult und als echte
Ressource des Landes angesehen und nicht ihrem
Schicksal überlassen.
Wir sollten den Wandel
begrüßen, weil dies der einzige Weg zur Rettung des
Planeten ist.
Meine vorletzte Botschaft soll Ihnen ins Gedächtnis
rufen, daß es kein Patentrezept für umweltverträgliche Entwicklung gibt, das uns jemand an die Hand
gibt. Wir müssen es erfinden, Schritt für Schritt, in
jeder einzelnen Gemeinde.
Mein letzter Punkt ist, daß es bei dieser Suche kein
Ende gibt. Es gibt keinen perfekten Zustand "umweltverträglicher Entwicklung". Wir sollten uns in der
Erkenntnis auf den Weg machen, daß jeder Schritt
nur ein Teil der Reise ist und jeder kleine Erfolg
allmählich in die richtige Richtung führt. Wir werden
uns unserem Ziel nur annähern, aber jedes Jahr
kommen wir ihm ein Stückchen näher.

*

AMERIKA DIENST 33

*

Seite 5

�MILITÄR
24. August 1994

NATIONALE SICHERHEIT UND DEMOKRATIE
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
von David R. Segal
Die Geschichte nationaler Sicherheitsbelange in den Vereinigten Staaten besteht aus dem pragmatischen
Versuch, grundlegende demokratische Werte und Ideale gegen Elemente ihrer Verteidigung auszubalancieren,
die bisweilen die Rechtsstaatlichkeit und die Freiheit des einzelnen beeinträchtigten. Der nachfolgende Artikel
befaßt sich mit der Gegenüberstellung dieser beiden Prinzipien, die das Kernstück der Nation darstellen.
David R. Segal ist Professor für Soziologie und Politologie an der University of Maryland, deren Zentrum für
internationale und Sicherheitsstudien (Center for International and Security Studies at Maryland - CISSM) er
angehört und leitet das akademische Programm für militärische Soziologie.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus einem Artikel, der ursprünglich als Vortrag vor der Konferenz über
nationale Sicherheit und Demokratie konzipiert war, die vom Israel Diaspora Institute, Tel Aviv University, vom
11.-14. März 1990 abgehalten wurde. Der Verfasser dankt für die freundliche Unterstützung der Mitarbeiter
von Armed Forces and Society.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Transaction Publishers in Armed Forces
&amp; Society. Copyright (c) 1994 Transaction Publishers.

Einer der kulturellen Widersprüche des modernen
demokratischen Staates ist die Tatsache, daß seine
Verteidigung fast unweigerlich entweder eine Gefährdung der Werte mit sich bringt, die er verkörpert
(beispielsweise Pressefreiheit) oder seine Mittel zur
Verteidigung dieser Werte einschränkt, die somit
weniger effektiv wird. Eine Demokratie muß sich
entweder mit einer auf den Rücken gebundenen
Hand auf einen Krieg vorbereiten und diesen führen,
oder im Interesse einer wirksamen Verteidigung
dessen, was Demokratie nach einer Kompromißlösung bedeutet, etwas weniger demokratisch
werden.
Obwohl es nicht gerechtfertigt wäre, von einem
dialektischen historischen Prozeß auszugehen, in
dem demokratische Staaten die Saat ihrer eigenen
Zerstörung legen, kann die Geschichte nationaler
Sicherheitsbelange in den Vereinigten Staaten als
fortgesetzter pragmatischer Versuch betrachtet
werden, grundlegende demokratische Werte und
Ideale gegen Elemente ihrer Verteidigung auszubalancieren, die bisweilen in die Rechtsstaatlichkeit,
Freiheit des einzelnen und die Beteiligung der

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Öffentlichkeit an politischen Debatten und Entscheidungsprozessen informierter Bürger eingegriffen
haben.
Einige Facetten der Rechtsstaatlichkeit und der
Freiheiten des einzelnen sind mit der Zeit, durch die
Dynamik einer andauernden bürgerlichen Revolution
stabiler geworden, die durch eine Ausweitung der
Bürgerrechte selbst in Zeiten internationaler Konflikte
charakterisiert war. Gleichzeitig wurden die Informationsverbreitung sowie eine informierte Teilnahme an
der Politik von dem Bedürfnis nach Geheimhaltung
eingeschränkt, das mit der Entwicklung, der Aufstellung und dem möglichen Einsatz von Hochtechnologie, todbringenden Waffensystemen und ihren
Trägersystemen unter den Doktrinen der Kriegsmanöver einhergeht.
Nationale Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit
Die Vereinigten Staaten sind eine konstitutionelle
Demokratie, und die rechtlichen Grundlagen des
Systems der nationalen Sicherheit wurden im grundlegenden Rechtsdokument der Nation gelegt, der

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�Verfassung, welche die Rechte des einzelnen sowie
die Pflichten der Bundesstaaten und Bundesregierung so genau definiert, wie die Gründerväter der
Nation sie vorausahnen konnten. Die ersten beiden
Verfassungsartikel sehen eine zivile Kontrolle des
Militärs durch ein System gegenseitiger Kontrolle
und gemeinsamer Verantwortung vor, das den
höchsten gewählten Zivilbeamten der Nation - den
Präsidenten - zum Oberbefehlshaber des Heeres,
der Marine und der Truppen der Bundesstaaten
macht, wenn sie in den Dienst der Bundesregierung
gerufen werden. (Die Wahl von Bill Clinton im Jahr
1992, dem während des Wahlkampfes vorgeworfen
wurde, er habe sich im Vietnamkrieg dem Wehrdienst entzogen, stellte die Loyalität der Streitkräfte
gegenüber ihrem Oberbefehlshaber stärker in Frage
als jedes andere Ereignis in der jüngsten amerikanischen Geschichte). Die gewählten Volksvertreter im
Kongreß erhielten die Befugnis, ein Heer aufzustellen und zu unterstützen und eine Marine zu unterhalten. Und nur der Kongreß kann einen Krieg erklären.
Es existieren gesetzliche und juristische Systeme,
weil kein Konsens über allgemein akzeptierte soziale
Normen oder deren Einhaltung besteht. Die Rechtsdoktrin wird am ehesten auf vorhersehbare und sich
wiederholende Ereignisse angewandt.
Da die
Militärtechnolgie immer tödlicher wird und sich
infolgedessen die mit dem Krieg einhergehende
soziale Organisation ändert, wurden die Vereinigten
Staaten mit Situationen konfrontiert, die die Verfassungsväter nicht vorhersehen konnten und die
häufig die tatsächliche militärische Notwendigkeit
den verfassungsmäßigen Definitionen der Rechte
des einzelnen oder der Befugnis der Regierung
gegenüberstellen.
In Kriegszeiten hat das die
Präsidenten dazu veranlaßt, ihre verfassungsmäßigen Rechte zu überschreiten oder zumindest den
Versuch dazu zu unternehmen. Ferner beschränkte
sich die Rolle der Legislative und der Judikative in
Fragen nationaler Sicherheit großenteils auf eine
Reaktion.
Es gibt keine doktrinäre Aussöhnung zwischen der
Rechtsstaatlichkeit und den von der Exekutive
geforderten Vollmachten auf Grund eines Notstandsgesetzes. Das Ergebnis ist pragmatisch und äußerst
politisch. Der Präsident, der sich auf diese Vollmacht im Falle eines Notstands beruft, muß damit
rechnen, daß seine Aktionen überprüft und eventuell
von der Legislative oder Judikative in Frage gestellt
werden. Die Vollmacht des Präsidenten zum Erlaß
von Notstandsgesetzen wurde mit der Zeit zunehmend einer Überprüfung durch die Legislative und
Judikative unterstellt. Das Ergebnis dieses Prozesses war gewöhnlich (aber nicht immer), daß die vom
Präsidenten ergriffenen Maßnahmen vom Kongreß

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unterstützt wurden und der Oberste Gerichtshof der
Vereinigten Staaten solche Aktionen rechtfertigte,
insbesondere wenn Übereinstimmung zwischen
Präsident und Kongreß bestand. Der militärischen
Notwendigkeit wird generell eine höhere Priorität
zugebilligt als den Rechten der Bundesstaaten oder
des einzelnen, was sich auch in den 1993 geführten
Debatten über Homosexuelle im Militär zeigte.
Dennoch scheint im Laufe unserer Geschichte die
Wahrscheinlichkeit abzunehmen, daß im Falle eines
nationalen Notstands die Forderung nach Handlungsfreiheit für die Exekutive unterstützt wird. Die vom
Präsidenten in Kriegszeiten ergriffenen Maßnahmen
wurden nach der Wiederherstellung des Friedens
rückgängig gemacht. Nach dem Kalten Krieg könnte
eine noch stärkere Abkehr von der Rechtfertigung der
Einschränkung individueller Rechte und Freiheiten auf
der Grundlage nationaler Sicherheitserfordernisse
erfolgen.
Während des amerikanischen Bürgerkrieges (18611865) verband Präsident Lincoln zum Zweck des
Erhalts der Union seine zivilen Befugnisse mit seiner
Rolle als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, um eine
Position zu schaffen, die "einer konstitutionellen
Diktatur nahekam". Ohne gesetzliche Bevollmächtigung rekrutierte er 40.000 Freiwillige, gab ohne
entsprechende Befugnis über 2 Millionen Dollar aus
der Staatskasse aus und setzte den Habeaskorpusbefehl - den verfassungsmäßigen Schutz vor willkürlicher Verhaftung und Festnahme - für unloyaler
Handlungen verdächtigte Zivilisten aus. Die Verfassung gestattet die Aussetzung des Habeas corpus
aufgrund einer Invasion oder Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, legt jedoch nicht fest, wer zu der
Aussetzung berechtigt ist. Als der Bundesgerichtshof
in Baltimore (Maryland) entschied, Lincolns Aussetzung des Habeas corpus sei verfassungswidrig,
focht Lincoln dieses Urteil in einer Botschaft an den
Kongreß an. Der Oberste Gerichtshof hat immer
noch nicht entschieden, wer das Habeas corpus
aussetzen darf.
Ferner ordnete Lincoln an, daß zivile Unloyalität von
Kriegsgerichten oder Militärkommissionen behandelt
werden sollte anstatt durch Zivilgerichte, in deren
Zuständigkeitsbereich sie der Verfassung nach fällt.
Der Oberste Gerichtshof hob diese Verfügung erst
nach dem Krieg im Fall ex parte Milligan auf. Lambdin P. Milligan wurde 1864 wegen Verschwörung
verhaftet, vor ein Militärtribunal gestellt und verurteilt.
Nach Kriegsende beantragte Milligan ein Habeas
corpus vom Landgericht. Dieses erließ keine entsprechende Verfügung, verwies diese juristische
Frage jedoch an den Obersten Gerichtshof, der
entschied, Milligan solle freigelassen werden, da der
Präsident nicht über die verfassungsmäßige Macht
verfüge, Zivilisten vor ein Militärgericht zu stellen,

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�wenn Zivilgerichte funktionierten, wie im Fall Milligan.
Milligan wurde in nachfolgenden juristischen Erörterungen häufig als Präzedenzfall für Maßnahmen im
Zusammenhang mit Notstandsverordnungen der
Exekutive angeführt.
Im Ersten Weltkrieg übernahm Präsident Wilson, wie
Lincoln, außerordentliche Befugnisse. Im Gegensatz
zu Lincoln verließ sich Wilson jedoch nicht ausschließlich auf seine Amtsgewalt als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, sondern ihm wurde ein Großteil seines gesetzgeberischen Prärogativs vom
Kongreß übertragen. In diesem Krieg wurde das
Rechtssystem mit der Notwendigkeit konfrontiert, die
Rechte des einzelnen gegen militärische Erfordernisse abzuwägen, wie unter dem Gesetz über Spionage von 1917 und dem Gesetz über Volksverhetzung von 1918 entschieden. Diese Gesetzesbestimmungen aus Kriegszeiten schränkten die Rede- und
die Pressefreiheit ein und stuften bestimmte Behauptungen und Handlungen als aufwieglerisch und
rechtswidrig ein. In einer Reihe von Fällen, die der
Oberste Gerichtshof bei Kriegsende behandelte,
entschied er durchweg, daß militärische Erfordernisse den Verlust der Freiheit des einzelnen rechtfertigten.
In ähnlicher Weise wies der Oberste Gerichtshof
Proteste gegen den Wehrdienst im Ersten Weltkrieg
ab, die auf der Annahme basierten, der Kongreß
habe die Macht der Bundesstaaten über deren

Truppen geschmälert oder die Wehrpflichtigen einer
"unfreiwilligen Zwangsarbeit" unterworfen, was eine
Verletzung des 13. Zusatzartikels zur Verfassung
darstellt. Der Bundesgerichtshof sah die Einberufung im verfassungsmäßigen Mandat des Kongresses unterstützt, eine Armee aufzustellen und
Krieg zu erklären.
Im Zweiten Weltkrieg drohte Präsident Roosevelt,
seine verfassungsmäßigen Befugnisse zu erweitern,
als er verkündete, er würde auf eigene Faust vorgehen, wenn der Kongreß nicht so handele, wie er es
für die nationale Sicherheit als erforderlich erachte.
Bei den Gesetzen zur Preiskontrolle befolgte der
Kongreß seine Anweisungen, wodurch das Verfahren innerhalb der verfassungsmäßigen Grenzen
blieb und Maßnahmen des Präsidenten überflüssig
wurden. Dramatischer war jedoch, daß Roosevelt in
seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Streitkräfte am 2. Februar 1942 den Präsidialerlaß 9066
verfügte, der den Kriegsminister und von ihm dazu
ernannte Personen bevollmächtigte, militärische
Sperrzonen zu errichten, aus denen "jede Person"
ausgeschlossen werden durfte, um Sabotage oder
Spionage zu vermeiden. Unter dieser Vollmacht
wurden alle Personen japanischer Herkunft - 70.000
davon amerikanische Staatsbürger - aus den Bun-

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desstaaten an der Pazifikküste und Teilen von
Arizona evakuiert und in "Umsiedlungszentren"
festgehalten.
Der Oberste Gerichtshof vermied, über die Verfassungsmäßigkeit des Festnahmeprogramms als
Ganzes zu entscheiden. 1947 kam die Bürgerrechtskommission zu dem Schluß, die Evakuierung und
Festnahme sei die "bemerkenswerteste massive
Beeinträchtigung des Rechts auf physische Freiheit
seit der Sklaverei" und empfahl, die Evakuierten für
den Verlust von Haus und Besitz zu entschädigen.
Erst im Oktober 1989 stimmte das Repräsentantenhaus der Entschädigung von 62.000 ehemals internierten Amerikanern japanischer Abstammung in
Höhe von 1,25 Milliarden Dollar zu.
Nationale Sicherheit und die Medien
Die Geheimhaltung - ein universeller Bestandteil der
nationalen Sicherheit - steht offensichtlich im Widerspruch zu dem demokratischen Prinzip informierter
Bürger und der verfassungsmäßigen Garantie einer
freien Presse in Amerika. Im Verlauf der letzten
Jahrzehnte wurden wiederholt Anpassungen vorgenommen, als die Presse und das Militär versuchten, miteinander und mit sich wandelnden Technologien in beiden Domänen umzugehen.
Bei der Entscheidung zwischen der Pflicht zur Informierung der Öffentlichkeit und der Pflicht zum Schutz
lebenswichtiger Informationen, einschließlich der
Hinnahme eines gewissen Maßes an Zensur, scheinen sich die Medien - vor allem die Presse - während
des Koreakrieges mehr der letzteren Position zugewandt zu haben, als das heute der Fall ist. Der
Wendepunkt könnte die vom CIA unterstützte Invasion Kubas in der Schweinebucht 1961 gewesen
sein, als die amerikanische Presse über die bevorstehende Invasion unterrichtet war, die Geschichte
aber großenteils zurückhielt. Ein Großteil der nachträglichen Diskussion über diese Katastrophe in den
internationalen Beziehungen konzentrierte sich auf
die Frage, ob die Administration diese Operation
abgesagt oder zumindest überprüft hätte, wenn die
Presse die ihr bekannten Informationen veröffentlicht
hätte, anstatt dem CIA (der den Präsidenten irreführte) zu helfen und ihn zu ermutigen. Eine Enthüllung
hätte - vielleicht oder auch nicht - informierte Bürger
hervorbringen können, die ihrer Meinung Ausdruck
verleihen.
Vielleicht als Reaktion auf die Ereignisse im Zusammenhang mit der Invasion in der Schweinebucht
waren die Medien - die sich zunehmend visuell und
elektronisch orientierten - im Vietnamkrieg weniger
kooperativ, und die Spannungen zwischen Militär und
Medien verschärften sich. Die Kennedy-Administra-

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�tion schränkte den Zugang der Presse zu Informationen zunehmend ein, und das Militärhilfekommando
Vietnam nahm eine strenge Zensur von Fotos und
Nachrichten vor, nachdem Associated Press das
Foto eines buddhistischen Mönchs bei der Selbstverbrennung auf einer Straße in Saigon veröffentlicht
hatte.

große Geheimhaltung erforderte, waren die großen
Medienanstalten mit ihrem Zugang zum Krieg unzufrieden. Interessanterweise befürwortete die Öffentlichkeit während des Krieges die Einschränkungen
des Verteidigungsministeriums hinsichtlich des
Zugangs der Medien - hier standen sich zwei Bestandteile der Demokratie gegenüber.

Dennoch gelangten Neuigkeiten und Bilder an die
Öffentlichkeit und boten eine Sicht der Ereignisse,
die sich stark von den offiziellen Regierungsberichten unterschied. Die Regierung wurde zunehmend
wegen ihrer Kriegsberichterstattung kritisiert, beispielsweise in Senator J. William Fulbrights Buch
The Pentagon Propaganda Machine und der
Dokumentationssendung des Fernsehsenders CBS
im Februar 1971 "The Selling of the Pentagon".
Vietnam war der erste Krieg, der im Fernsehen
übertragen wurde, und die Tatsache, daß die Amerikaner in den Abendnachrichten die Operationen des
Tages sehen konnten, führte ihnen die Schrecken
des Krieges eindrucksvoll vor Augen.

Die Träger nationaler Sicherheit

Die Medien widersetzten sich der Zensur und
Unterdrückung, und die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere, die letztlich vom Obersten Gerichtshof
befürwortet wurde, wies auf eine neue, gegnerische
Rolle der Medien im Bereich der nationalen Sicherheit hin. Den Medien wurde wiederholt das
Verdienst für den Fall von Diem zugeschrieben oder sie wurden deswegen kritisiert - sowie für die
Entscheidung Johnsons gegen eine erneute Kandidatur und letztlich für die Niederlage im Krieg. Diese
Behauptungen waren umstritten, nicht bewiesen.
Die Spannungen zwischen Militär und Medien
führten zum Ausschluß der Presse von der Operation Urgent Fury, der Invasion Grenadas im Jahr
1983. Der durch diese Politik verursachte Ärger
wiederum bewirkte, daß das Verteidigungsministerium eine Gruppe von Journalisten zusammenstellte, die zu zukünftigen Militäroperationen entsandt
würden. Die Erfahrung der Operation Just Cause der Invasion in Panama im Dezember 1989 - legt
den Schluß nahe, es sei einfacher, die Journalisten
aus den Vereinigten Staaten hinaus als in ein
Kampfgebiet hinein zu bringen.
Das Prinzip, eine Gruppe von Journalisten zusammenzustellen, wurde auch während des Golfkriegs
befolgt. Die Kommunikationstechnologie hatte sich
so weit entwickelt, daß Kriege nicht nur im Fernsehen, sondern live übertragen werden konnten. Da
sich der Krieg hauptsächlich in der Luft abspielte,
man auf kein Schlachtfeld und an keine Front gehen
konnte, keine Einheiten zu begleiten waren und der
100stündige Bodenkrieg eine Manöverkampagne
war, die im Hinblick auf Standort und Bewegungen

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Analytische Ansätze gegenüber dem Gleichgewicht
der Werte nationale Sicherheit und Demokratie
spiegeln sich in den soziologischen Debatten über
das Wesen militärischer Professionalität und in den
Beziehungen zwischen Zivilisten und Militärs in den
Vereinigten Staaten wider. Ausgehend von der
Annahme, für die Lösung militärischer und politischer
Probleme seien unterschiedliche Modelle erforderlich
und das Militär müsse politisch neutral und ziviler
Kontrolle durch offizielle Regulierungsmechanismen
unterworfen sein, stellte Samuel Huntington fest, "die
Spannungen zwischen der Forderung nach militärischer Sicherheit und den Werten des amerikanischen
Liberalismus können langfristig nur durch die Minderung der Sicherheitsbedrohung oder des Liberalismus
behoben werden". In den letzten Zeilen von The
Soldier and the State schlug er vor, die Rettung
ziviler Institutionen könnte durch die Anerkennung
konservativer militärischer Normen erreicht werden.
Lange vor der Auflösung des Warschauer Pakts, die
für die Vereinigten Staaten die Bedrohung ihrer
Sicherheit verringerte, schlug Morris Janowitz ein
alternatives Modell vor, das die Verbindung des
Militärs zu anderen sozialen Institutionen anerkannte
sowie die fließende Grenze zwischen Militär und
Politik in der modernen Welt. Nach diesem Modell
müssen der Oberbefehlshaber der Streitkräfte und
das Militär auf Bedrohungen der nationalen Sicherheit
anhand der militärischen Erfordernisse reagieren.
Über den Moment des Einsatzes hinaus kommen
jedoch zunehmend die Verfahren der Demokratie ins
Spiel. Der Präsident muß unter dem Kriegsvollmachtengesetz den Kongreß über seine Maßnahmen
informieren und sie rechtfertigen. In einem Amerika,
in dem immer mehr Rechtsstreitigkeiten stattfinden,
werden die nationale Sicherheit betreffende politische
Entscheidungen weiterhin von den Gerichten überprüft. Und obwohl die Gerichte im allgemeinen
militärischen Erfordernissen eine höhere Priorität
eingeräumt haben als den Rechten des einzelnen,
wurden vor kurzem Schritte zu einer umfassenderen
juristischen Überprüfung unternommen, einschließlich
der Verweisung der Entscheidungen des militärischen
Berufungsgerichts an den Obersten Gerichtshof der
Vereinigten Staaten.

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�Die Medien werden versuchen, die Bürger ungehindert von der Zensur zu informieren und erheben ihre
Stimme, wenn ihnen das nicht gestattet wird - wie in
den letzten Jahren des Vietnamkriegs, in Grenada,
Panama und kürzlich im Golfkrieg demonstriert. Die
öffentliche Meinung könnte zur Aufgabe selbst der
Kampagnen zwingen, die in militärischer Hinsicht

erfolgreich waren, wie sich in Vietnam zeigte, könnte
jedoch auch der Pressefreiheit Beschränkungen
auferlegen, wie im Golfkrieg. Die Schaffung eines
Gleichgewichts zwischen nationaler Sicherheit und
Demokratie ist ein fortdauernder Prozeß, die Waagschale scheint sich zur Zeit jedoch eher dem demokratischen Prozeß zuzuneigen.

* * * * *

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