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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

17. August 1994

32

USA-EUROPA

HOLBROOKE FORDERT UMDENKEN IN DER
AMERIKANISCHEN EUROPAPOLITIK
Anhörung vor dem Senat

NORDKOREA

USA UND NORDKOREA VEREINBAREN
VORBEREITUNGEN FÜR DIPLOMATISCHE
VERTRETUNGEN
Gemeinsame Erklärung

NORDKOREA
UNTERNIMMT
"ERSTEN
SCHRITT" ZUR LÖSUNG DES ATOMSTREITS
USA bestehen auf lAEO-lnspektionen

RÜSTUNGSKONTROLLE

EIN NEUES MILITÄRISCHES
GLEICHGEWICHT? DIE VERHINDERUNG
REGIONALER KONFLIKTE IN DEN
ENTWICKLUNGSLÄNDERN
von Warwick J. McKibbin

WIRTSCHAFT

DIREKTOR DER AMERIKANISCHEN
ZENTRALBANK SKIZZIERT PROBLEME
VON WIRTSCHAFTSPROGNOSEN
Ansprache von Alan Greenspan

DER ANSTURM AUF DIE MÄRKTE
von Christopher Mclntosh

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�WlRTSCHAFT
17. August 1994

DER ANSTURM AUF DIE MÄRKTE
von Christopher Mcintosh
WASHINGTON - (AD) - Zwischen 1980 und 1991 wurden etwa 7.000 Unternehmen, die meisten in der
ehemals kommunistischen Welt, privatisiert. Dem Verfasser des nachfolgenden Artikels zufolge kamen viele
der früher zentral gelenkten Volkswirtschaften auf den Markt, bevor sie dazu bereit waren.
Christopher Mcintosh ist beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development
Program - UNDP) für Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
Veröffentlichung und Übersetzung aus der Januar/Februar 1994-Ausgabe von The Futurist mit freundlicher
Genehmigung von The World Future Society, 7910 Woodmont Ave., Suite 450, Bethesda, MD 20814.
Copyright (c) 1994 World Future Society.

In den achtziger Jahren, in denen Politiker wie
Margaret Thatcher und Ronald Reagan an der
Macht waren, wurde "Privatisierung" als der Weg in
eine glorreiche Zukunft angesehen. Ökonomen und
Politiker stellten sich vor, wie privates Unternehmertum sich auf der ganzen Welt ausbreitete und die
Volkswirtschaften im Norden und Süden gleichermaßen wieder ankurbelte. Am Horizont zeichnete sich
eine neue Ära ab, in der das Unternehmen der
König ist.
Die 1989 in Osteuropa stattfindenden Ereignisse
schienen dieses hoffnungsvolle Marktszenarium zu
konkretisieren. Überall nahm die staatliche Kontrolle
über die Industrie ab und es schien, daß die Zukunft
dem Privatsektor gehörte. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) war eine der
internationalen Organisationen, die diese Vision
uneingeschränkt unterstützten, und schuf eine
Sonderabteilung für den Privatsektor sowie das
Internationale Privatisierungsnetz, das den Ländern
beim Austausch von Informationen und Erfahrung
auf diesem Gebiet helfen soll.
Zwischen 1980 und 1991 wurden dem jüngsten
Entwicklungsbericht Human Development Report
des UNDP zufolge nahezu 7.000 staatliche Unternehmen privatisiert, ungefähr 4.500 in Teilen der
ehemals kommunistischen Welt und ein Großteil in
der ehemaligen DDR. Nur etwa 1.350 privatisierte
Unternehmen befanden sich in Entwicklungsländern,
obwohl das Tempo der Privatisierung sich dort in
den letzten Jahren beschleunigte. Die Motivation zur

AMERIKA DIENST 32

Privatisierung ist neben der Eindämmung den Haushalt schädigender Verluste ineffizienter öffentlicher
Unternehmen die Überzeugung, daß in der Fertigungsindustrie und anderen produktiven Sektoren
privates Unternehmertum zu besseren Ergebnissen
führen kann als der öffentliche Sektor.
Die Privatisierungsbewegung ist heutzutage immer
noch im Gange, die hohen Erwartungen der achtziger
Jahre werden jedoch durch einen neuen Realitätssinn
gemildert. "Die anfängliche Euphorie ist verflogen",
so Philip Reynolds, hochrangiger Programmbeauftragter des UNDP. "Jetzt sind kreative Antworten
erforderlich, um mögliche Engpässe und negative
Auswirkungen zu begrenzen und den Privatisierungsprogrammen zum Erfolg zu verhelfen."
Ironischerweise haben die Entwicklungen in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion bei diesem
Stimmungsumschwung eine große Rolle gespielt.
Nachdem die Privatisierungsbestrebungen lauten
Beifall geerntet hatten, entdeckten die Staaten des
ehemaligen Ostblocks rasch, daß das Schiff Gefahr
lief, auf Grund zu laufen. John Howell, Ökonom im
internationalen
Wirtschaftsberatungsunternehmen
Ernst and Young mit Sitz in den Vereinigten Staaten
kritisiert westliche Experten, sie hätten den osteuropäischen Politikern den naiv optimistischen Rat
gegeben, aus politischen Erwägungen die Privatisierung überstürzt durchzuführen.
"In der Euphorie dieser ersten politischen Veränderungen", so Howell, "machten sich weder die west-

Seite 1

�liehen Berater und Investoren noch die Regierungen
und Wirtschaftsvertreter Mittel- und Osteuropas
einen Begriff vom Umfang der zu überwindenden
Probleme".

Finanzexperten und politischen Würdenträgern
unterzeichnet. Eines der ersten gerade privatisierten
Unternehmen, die am Börsenhandel teilnahmen, war
der ungarische Reiseveranstalter Ibusz.

Hindernisse für Privatunternehmer

Heute liegen die Ibusz-Aktien jedoch unter ihrem
ursprünglichen Preis, und der Börsenbetrieb findet
nur in kleinem Umfang - mit lediglich 22 Unternehmen - statt.

Der Privatisierung stehen zahlreiche Hindernisse im
Wege. Dazu zählen das Fehlen einer Kultur freier
Marktwirtschaft, Verwirrung darüber, wem die Unternehmen gehören und wieviel sie wert sind, eine
schlechte Infrastruktur, die ausländische Investoren
abschreckt, das Fehlen eines gesetzlichen Rahmens
für wirtschaftliche Tätigkeit sowie Mangel an Investitionskapital.
In vielen Fällen, in denen tatsächlich eine Privatisierung stattfindet, können deren Ergebnisse oft zu
Problemen führen.
Wenn beispielsweise eine
Regierung ein tragfähiges Unternehmen verkauft,
gehen die Gewinne an die Investoren, die normalerweise wohlhabender sind als der durchschnittliche
Steuerzahler. Folglich vergrößert sich das Einkommensgefälle. Weitere mögliche Konsequenzen sind
höhere Preise für elementare Güter und Dienstleistungen, Entlassungen großen Ausmaßes, der
Verlust nationaler Vermögenswerte an ausländische
Käufer sowie die Schließung lebenswichtiger Industrien. In mehreren Ländern haben diese Auswirkungen zu sozialen Unruhen geführt.
Zur gründlichen Untersuchung dieser Probleme hat
die Abteilung des UNDP für globale und interregionale Probleme eine hochrangige Gruppe von Ökonomen, Politikern und Entwicklungsexperten zusammengestellt, die im August 1992 im Genfer Palast
der Nationen ein Seminar unter dem Titel "Privatisierung: Zwänge und Auswirkungen" abhielten. Die
Seminarteilnehmer kamen aus 14 Ländern, darunter
drei im Übergang befindlichen Staaten: Ungarn,
Polen und der ehemaligen Tschechoslowakei.
Die Seminarteilnehmer beschrieben ihre in den
jeweiligen Ländern gemachten Erfahrungen, tauschten Ideen aus, erörterten Möglichkeiten zur Überwindung von Schwierigkeiten und zur Minimierung
der negativeren Auswirkungen eines Privatisierungsprogramms.
Ungarn drängt auf den Markt
Ungarn gehörte zu den Staaten, die mit großer
Begeisterung in diese neue Ära eintraten. Die
Wiedereröffnung der Budapester Börse im Jahr 1990
war ein spannendes Ereignis. Nachdem die Redner
das System der freien Marktwirtschaft gelobt hatten,
wurde die Charta der neuen Börse einen langen
Tisch entlang weitergereicht und von Bankiers,

Seite 2

"Ibusz ist zu früh an die Börse gegangen", erklärt
Gusztav Bager, Ministerialdirektor für Wirtschaftspolitik im ungarischen Finanzministerium. "Zu dem
Zeitpunkt war das Unternehmen noch nicht richtig in
Form, und es hätte noch mehr Umstrukturierungsarbeit geleistet werden müssen. Zudem geht es der
Tourismusindustrie wegen der Rezession im Moment
nicht gerade gut."
Ein weiteres jüngstes Beispiel für die Privatisierung in
Ungarn ist die Tabakindustrie, aber auch hier waren
die Ergebnisse enttäuschend. Ausländische Tabakunternehmen kamen auf den ungarischen Markt,
wollten jedoch nicht in örtliche Unternehmen investieren.
Was die Börse betrifft, mangelt es Bager zufolge an
Investitionskapital vor Ort. Obwohl Ungarn bei der
Entwicklung einer Marktwirtschaft Fortschritte gemacht hat, war das Tempo der Privatisierung langsamer als beabsichtigt.
Desillusionierung in Polen
Auch in Polen ist das Tempo des Wandels langsamer
als erwartet, nachdem im Juli 1990 ein Gesetz zur
Einleitung des Privatisierungsprogramms verabschiedet wurde. Zu den vielversprechendsten Kandidaten
für Privatbesitz gehörte die Traktorenfabrik Ursus, die
ein gutes Produkt herstellte und günstige Aussichten
auf dem Weltmarkt hatte. Heute befindet sich Ursus wie viele andere polnische Unternehmen - immer
noch in einem Umstrukturierungsprozeß und wird als
noch nicht reif für eine Privatisierung erachtet.
In Polen war eine wesentliche Einschränkung das
weitverbreitete Mißverständnis über die Natur einer
freien Marktwirtschaft. "Für viele Arbeitnehmer in
Polen lautet die Definition von Kapitalismus Sozialismus plus mehr Geld. Die Menschen wollen die
Vorteile beider Systeme genießen", so Jerzy Cieslik
von Ernst and Young. Und mit zunehmender Arbeitslosigkeit, die vorher in Polen völlig unbekannt war,
nimmt die Desillusionierung über die Privatisierung
zu.
Cieslik nennt ein für Polen und die anderen Staaten
des ehemaligen Ostblocks heikles Problem: Wieder-

AMERIKA DIENST 32

�gutmachung. Was geschieht, wenn der Käufer eines
staatlichen Unternehmens herausfindet, daß derjenige, der das Unternehmen vor der Verstaatlichung
besaß, jetzt einen Anspruch darauf geltend macht?
In vielen Staaten existieren hierzu keine oder nur
sehr unklare Gesetze. Zur Zeit wird im polnischen
Parlament eine hitzige Debatte über die Wiedergutmachung geführt.
"Die Politiker untersuchen Fragen wie das Recht auf
wieder privatisiertes Eigentum, die Anwendung von
Kriterien bei der Entscheidung über Ansprüche und
den Besitzerwechsel von Eigentum", erklärt Cieslik.
Der tschechische und slowakische Erfolg
Im Gegensatz zu Ungarn und Polen ist die Privatisierungsbewegung in der Tschechischen und der
Slowakischen Republik weiterhin voller Schwung.
Dies ist etwas paradox angesichts der Tatsache, daß
vor 1989 massive 97 Prozent der tschechoslowakischen Wirtschaft vom Staat kontrolliert wurden,
während in Ungarn und Polen bereits ein beachtlicher Privatsektor existierte.
"Das Privatisierungsprogramm ist Umfang und
Methoden nach sehr radikal", so Olivier Bouin,
französischer Ökonom, der die tschechische Regierung berät, die von den beiden Republiken seit ihrer
offiziellen Trennung im Dezember 1992 das Programm aggressiver fördert.
In der Tschechischen und der Slowakischen Republik sind insgesamt 4.200 Unternehmen für die
Privatisierung vorgesehen. Um den Mangel an
Kapital vor Ort zu überwinden und möglichst vielen
Menschen die Gelegenheit zu Investitionen zu
geben, begann die Tschechoslowakei (vor der
Trennung) ein gewagtes und findiges Gutscheinprogramm. In der ersten Phase, von Oktober 1991
bis Februar 1992, hatte jeder erwachsene Bürger
das Recht, ein Heft mit 14 Gutscheinen im Wert von
etwa einem Wochenlohn zu kaufen. Jeder Gutschein war zwischen 100 und 1.000 Punkten wert.
Diese Punkte konnten dann für den Erwerb von
Aktien an zu privatisierenden Unternehmen verwendet werden. Als Alternative konnte man sich
damit in einen der entstehenden Privatisierungsfonds
einkaufen.
Das Programm war ein Erfolg. Bis zum Januar 1992
hatten etwa 8,6 Millionen Menschen (drei Viertel der
Berechtigten) daran teilgenommen. Es ist noch
offen, wie sich die unter dem Gutscheinsystem
privatisierten Unternehmen entwickeln, es wurde
jedoch ein guter Anfang gemacht.

AMERIKA DIENST 32

"Ein weiteres, unkonventionelles Merkmal des Systems", erklärt Bouin, "ist die Tatsache, daß jedes
staatliche Unternehmen seine eigene Privatisierungsstrategie entwickeln sollte, die Einzelheiten über
Output, Gewinn, Exporttätigkeit und Vermögenswerte
enthält." Diese Pläne sind jedoch bisweilen unzuverlässig aufgrund mangelnder Informationen über
mögliche Wiedererstattungsansprüche und der
Verwirrung über den derzeitigen rechtlichen Status
einzelner Unternehmen. Antiquierte Buchhaltungsmethoden sind in der Tschechischen Republik
ebenfalls ein Problem, ebenso wie in vielen der
ehemals zentral gelenkten Planwirtschaften.
In
einigen Fällen weist die Buchhaltung derartige
Mängel auf, daß es unmöglich ist, interessierten
Käufern eine Bilanz vorzulegen.
Privatisierungsprobleme im Süden
Auch die Entwicklungsländer des Südens werden mit
vielen der Probleme konfrontiert, denen sich die ostund mitteleuropäischen Staaten gegenübersehen.
Ein Beispiel ist Argentinien, wo 1983 die Privatisierung in kleinem Umfang begann. 1990 beschleunigte
die argentinische Regierung angesichts eines starken
Defizits und massiver Verluste des Privatsektors
diesen Prozeß und verkaufte einige ihrer größten
staatlichen Unternehmen, darunter die nationale
Telefongesellschaft, die nationale Fluggesellschaft
und das staatliche Eisenbahnunternehmen.
Alejandro Rausch, Ökonom und Berater der argentinischen Regierung, der Weltbank und des UNDP,
steht dem Programm bisher äußerst kritisch gegenüber.
"Die argentinische Erfahrung zeigt, daß ein Privatisierungsprogramm ohne starke staatliche Regelung
ein sehr gewagtes Unternehmen ist", so Rausch.
"Ein angemessener juristischer und gesetzlicher
Rahmen muß vor Aufnahme des Programms gegeben sein. Andernfalls könnten Privatmonopole mit
sich verschlechternden Normen und steigenden
Preisen der Fall sein."
Die Regierung als Wachhund
Die Regierungen müssen bereit sein, während des
Privatisierungsprozesses und danach eine bedeutende Rolle zu spielen. Das wird durch die in der
ehemaligen DDR gemachten Erfahrungen bestätigt,
einem der wenigen Staaten des ehemaligen Ostblocks, in denen Privatisierung im großen Stil termingerecht durchgeführt wird. Seit der Vereinigung
Deutschlands im Oktober 1990 wurden von der
Treuhand mehr als 3.000 Unternehmen privatisiert.

Seite 3

�"Kein anderes Land hat in einem solch kurzen
Zeitraum jemals so viele Industriebetriebe privatisiert", behauptet Dieter Bos, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bonn. Bos
weist darauf hin, daß die Treuhand nicht einfach ein
Unternehmen an den Höchstbietenden vergibt und
sich dann nicht mehr darum kümmert. Kaufinteressenten werden um Vorlage eines detaillierten
Wirtschaftsplans gebeten, einschließlich Verpflichtungen zu Investitionen und dem Erhalt möglichst vieler
Arbeitsplätze. Die Einhaltung dieser Pläne wird
anschließend von der Treuhand kontrolliert und
Zuwiderhandlungen werden mit einer Geldbuße
belegt.
Die Käufer werden sorgfältig ausgewählt, wobei den
umfassenderen Interessen der Region Rechnung
getragen wird. Die Treuhand verkaufte Unternehmen für den symbolischen Wert von einer Mark,
damit sie nicht in die Hände westdeutscher Unternehmer fallen, die potentielle Konkurrenten aufkaufen wollen, um deren Produktion einzustellen.
"In der Welt nach Abschluß des Privatisierungsprozesses gibt es immer noch genug zu tun für die
Bürokraten in der Regierung", so George Yarrow von
der Oxford University. Yarrow führte eine besondere
Studie über das Privatisierungsprogramm in Großbritannien durch, das 1979 begann und generell als
Erfolg gewertet wird. "Seit Beginn der Privatisierung
hat sich das Ausmaß staatlicher Regulierung in
Großbritannien eher erhöht als vermindert."
Zu der Rolle der Regierung gehört es sicherzustellen, daß das allgemeine Umfeld einer gesunden
Entwicklung privater Unternehmen zuträglich ist. Zu
oft wird die Saat des Privatsektors in nicht darauf
vorbereiteten Boden gepflanzt.
Die rechtliche
Infrastruktur ist beispielsweise ein Schlüsselfaktor.
Eine Marktwirtschaft erfordert Gesetze zu Verträgen,
Finanzinstitutionen, Devisen, Besteuerung und
Monopolpraktiken.
Die Frage geistigen Eigentums ist ebenfalls von
Bedeutung. Zahir Jamal von der Weltorganisation
für geistiges Eigentum schlägt vor, daß zu jedem
Team, das eine Regierung in Privatisierungsfragen

berät, ein guter Patentanwalt gehören sollte. Der
Schutz von Patenten sei für die Ermutigung der
Forschung und Entwicklung vor Ort von essentieller
Bedeutung.
Ebenso wichtig ist die Infrastruktur einer Nation:
Nahverkehr, Telekommunikation, Elektrizität und
Wasserversorgung. Ist sie unzulänglich, wird die
Investition von ausländischem Kapital in die gerade
privatisierten Unternehmen schwierig. "Ausländische
Kapitalgeber haben die Wahl, und sie entscheiden
sich bevorzugt für Gebiete mit einer gutentwickelten
Infrastruktur", äußert der Ökonom Vemuri V. Ramanadham, Koordinator des internationalen Privatisierungsnetzes des UNDP.
Privatisierung in ärmeren Ländern
Die gesetzliche und physische Infrastruktur ist in den
entwickelten Marktwirtschaften der Privatisierung eher
förderlich als in den Entwicklungsländern oder den im
Übergang befindlichen Volkswirtschaften. Dennoch
hatten einige sehr arme Länder Erfolg bei ihren
Privatisierungsprogrammen.
Trotz einer hohen Inflationsrate und im weltweiten
Vergleich sehr großen Schuldenlast hat Guyana sein
Privatisierungsprogramm relativ reibungslos abgewikkelt, und 56 Prozent der Unternehmen gingen an
guyanische Käufer. Ferner gehört Guyana zu den
wenigen Ländern, in denen die Privatisierung nicht zu
einem starken Verlust an Arbeitsplätzen führte. Der
wichtigste Faktor zu Guyanas Gunsten ist seine
reichhaltige Versorgung mit vorher nicht ausreichend
genutzten Ressourcen.
Jedes Land, das sich auf den vielversprechenden
aber unsicheren Weg der Privatisierung begibt, muß
vieles einkalkulieren und Entscheidungen treffen. Die
Privatisierung ist kein Selbstzweck, und Enteignung
nicht die einzige Option. Es gibt eine breite Palette
von Möglichkeiten - von vollständiger Privatisierung
bis zur Umstrukturierung eines staatlichen Unternehmens. In Zukunft müssen die Länder, die sich für
eine Privatisierung entscheiden, ihre Ziele klar
definieren und aus den empirischen Methoden lernen,
die andere Staaten anwandten.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 32

�Die Kategorien sind heute völlig durcheinandergeraten. Die massive militärische Präsenz der Vereinigten Staaten ist nicht länger für die Garantie der
Sicherheit auf dem Kontinent erforderlich, aber
unsere politische und moralische Führungsrolle war
nie unerläßlicher. Unsere westeuropäischen Verbündeten sind rasch von Abhängigen zu gleichwertigen Partnern geworden. Aber die Kriterien, die
diese Partnerschaft leiten sollten, werden noch nicht
ganz verstanden. Das Ordnen dieser Kriterien ist
weiterhin eine wichtige Aufgabe.

Herr Vorsitzender, wie Sie meiner kurzen Erörterung
der uns aus meiner Sicht in Europa konfrontierenden
Herausforderungen entnehmen können, lautet meine
Überzeugung: Dies ist die Zeit für ein Umdenken bei
unserem Ansatz gegenüber dem Kontinent. Die
Tage herkömmlicher Lösungen sind vorüber.

Wir möchten zunehmend mit den großen westeuropäischen Demokratien zusammenarbeiten, um
die Erfordernisse der weniger Begünstigten in
Europa und andernorts zu erfüllen. Und die großen
globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts
können nur mit der uneingeschränkten Unterstützung
von Europa und Japan gemeistert werden.

Unsere Verbindungen zu Europa sind bereits so weit
entwickelt, daß sie schneller mit neuen Inhalten
gefüllt werden können als unsere Beziehungen zu
anderen Teilen der Welt. Um die Bedeutung der
Erweiterung unserer Bande zu Universitäten, Unternehmen, nichtstaatlichen Organisationen und Parlamenten bei unserem neuen Ansatz zu unterstreichen,
beabsichtige ich, im Falle meiner Bestätigung eine
weitere Veränderung im Büro für europäische Angelegenheiten vorzunehmen.

Im Osten kämpfen die Nationen Mittel- und Osteuropas mit dem Vermächtnis des Totalitarismus.
Während der Eisberg des Kalten Krieges schmilzt,
treten durch den Kalten Krieg oder das Scheitern
von Versailles überdeckte Risse zutage. Die amerikanischen Ideale und die amerikanische Führungsrolle werden in der Region geschätzt und müssen
aktiv gefördert werden. Der Wille und die Energie
der Vereinigten Staaten können einen dauerhaften
Effekt haben. Ich beabsichtige, der Hilfestellung für
die Länder Mittel- und Osteuropas höchste Priorität
einzuräumen, damit sie die Früchte der Demokratie
genießen können, die ihnen so lange verwehrt
wurden. Im Falle meiner Bestätigung werde ich
unverzüglich organisatorische Veränderungen im
Büro für europäische Angelegenheiten zur Unterstützung dieses neuen Ansatzes vornehmen.
Abschließend möchte ich einige Worte zu den
Europäern im Osten sagen - den Russen und
denjenigen, die in den neuen unabhängigen Staaten
leben. Es gibt ein vertrautes historisches Muster,
das - in guten wie in schlechten Tagen - die Europäer aus dem Westen, dem Osten und darüber hinaus
zusammengeschmiedet hat. Wie ich bereits wiederholt gesagt habe, ist es nicht unsere Aufgabe,
Trennlinien in Europa zu ziehen - vielmehr müssen
wir Brücken bauen. Dies wird sowohl im Außenministerium der Fall sein als auch im Büro für die
neuen unabhängigen Staaten, wo wir die denkbar
engste Zusammenarbeit mit Jim Collins und seinen
Kollegen haben werden und natürlich mit dem
Stellvertretenden Außenminister Strobe Talbott.

•

Seite 2

Die wirkliche Stärke unserer Beziehungen zu Europa
findet sich in dem zwischen Wissenschaftlern, Unternehmern, Schriftstellern, Künstlern und in den Familien aufgebauten Gefüge der Zusammenarbeit.

Ich werde unser Büro für Öffentlichkeitsarbeit erweitern. Dieses Büro wird auf Außenminister Christophers Ruf nach einer "Amerikaabteilung" im Außenministerium reagieren, indem es systematisch auf das
Herstellen von Kontakten zu den vielen Personen und
Organisationen im Privatsektor hinarbeitet, die bereits
das Rückgrat unserer Verbindungen zu Europa
bilden. Die Beamten in unserer geographischen
Abteilung werden ermutigt, die Fähigkeiten der
Experten bei nichtstaatlichen Organisationen besser
zu nutzen. Ich werde persönlich die Vertiefung der
Kontakte zu Experten im Hinblick auf die zahlreichen
uns konfrontierenden neuen Herausforderungen
überwachen.
Es erübrigt sich hinzuzufügen, daß ich im Falle
meiner Bestätigung die enge Zusammenarbeit mit
den Mitgliedern dieses Ausschusses und dem Kongreß im allgemeinen besonders begrüßen werde.
Dies steht im Einklang mit meinem persönlichen
Engagement bei einer Laufbahn im öffentlichen
Dienst, die vor 32 Jahren begann und während derer
ich 18 Jahre für die US-Regierung tätig war, uneingeschränkt mit dem Kongreß der Vereinigten Staaten
zusammenzuarbeiten und Informationen auszutauschen. Die Definition unserer neuen Rolle in Europa
ist eine Aufgabe, die das umfassende Engagement
aller Bereiche der Regierung erfordert. Sie spielen
die Schlüsselrolle bei Bewilligungen, Ermittlungen und
dem Stellen schwieriger Fragen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 32

�USA-EUROPA
17. August 1994

HOLBROOKE FORDERT UMDENKEN IN DER
AMERIKANISCHEN EUROPAPOLITIK
Anhörung vor dem Senat
WASHINGTON - (AD) - In seiner Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats erklärte der von
Präsident Clinton zum Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten nominierte Botschafter
Richarde. Holbrookeam 10. August 1994: "Dies ist die Zeit für ein Umdenken bei unserem Ansatz gegenüber
dem Kontinent. Die Tage herkömmlicher Lösungen sind vorüber."
Holbrooke stellte bei der Anhörung zu seiner Nominierung fest, "die wirkliche Stärke unserer Beziehungen zu
Europa findet sich in dem zwischen Wissenschaftlern, Unternehmern, Schriftstellern, Künstlern und in den
Familien aufgebauten Gefüge der Zusammenarbeit."
Holbrooke ist Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Rede von Botschafter Holbrooke.
Es ist mir eine Ehre und eine Freude, heute hier vor
Ihnen zu sprechen. Vor weniger als einem Jahr trat
ich als Präsident Clintons Kandidat für den Botschafte rposten in der Bundesrepublik Deutschland
vor diesen Ausschuß. In Deutschland, im Zentrum
Europas zu leben, hat mich direkt mit der Tragweite
der Veränderungen konfrontiert, die sich seit 1989
vollzogen haben. Ich verlasse Bonn mit der Hoffnung, daß wir zu den Anfängen einer neuen Phase
des amerikanischen Engagements in Europa beigetragen haben und mit tiefempfundenem Dank für
die Freundschaft, die die Deutschen den Vereinigten
Staaten entgegenbringen.
Während ich diese tiefgreifenden Veränderungen zu
verstehen versuchte, gelangte ich zunehmend zu der
Überzeugung, daß die Art und Weise, in der wir uns
mit den Nationen und Problemen Europas befassen,
wichtige Auswirkungen auf die Gestaltung der
amerikanischen Diplomatie auf Jahrzehnte hinaus
haben wird. Europa ist zweifelsohne nicht der einzig
wichtige Teil der Welt. Aber es birgt sowohl Konflikte als auch Chancen, die für die vitalsten nationalen Interessen der Vereinigten Staaten von zentraler
Bedeutung sind.
Präsident Clintons Vision einer demokratischen
Erneuerung in Amerika deckt sich in bemerkenswerter Weise mit den in ganz Europa stattfindenden
Anpassungen. Seine Vision eines über frühere
Teilungen hinweg vereinten Europas steht für die

AMERIKA DIENST 32

Effektivität demokratischer Lösungen für weltweite
Herausforderungen. Unser Erfolg oder unser Scheitern, europäische Partner in wirklich kooperative
Ansätze zu lokalen und globalen Problemen einzubeziehen, wird auf viele Jahre hinaus entscheidend
für die Rolle Amerikas als Weltmacht sein.
Als Präsident Clinton mich bat, Abteilungsleiter für
europäische und kanadische Angelegenheiten zu
werden, habe ich das Angebot mit Enthusiasmus
angenommen. Ich erachte die Neudefinition der
amerikanischen Ziele in Europa als unabdingbar für
die Erneuerung unserer Diplomatie im kommenden
Jahrhundert. Wenn wir durch die Nutzung der
Instrumente der Zusammenarbeit und Partnerschaft
gewährleisten können, daß die Träume von 1989
Realität werden, wird die Botschaft der demokratischen Erneuerung als weltweite Norm Fuß fassen.
Herr Vorsitzender, das Gesicht Europas hat sich in
historischen Proportionen gewandelt. Die Kraft dieser
dramatischen Veränderungen hat zahlreiche Widersprüche aufgedeckt. Während ein Teil des Kontinents energisch auf die Einigung hinarbeitet, gibt es
mehr kleine Länder in Europa als zu jeder anderen
Zeit seit dem 18. Jahrhundert. Einige europäische
Länder zählen zu den reichsten der Erde. Andere
sind unter den ärmsten auf unserem Planeten. Und
tragischerweise sind Kriege und Gewalt in Europa in
einem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ungekannten Ausmaß ausgebrochen.

Seite 1

�stimmen überein, daß Diskussionen auf Expertenebene erforderlich sind, um den Ersatz der Graphitreaktoren Nordkoreas durch Leichtwasserreaktortechnologie, die sichere Lagerung und Entsorgung
der gebrauchten Brennstäbe, die Bereitstellung
alternativer Energien und die Einrichtung von Verbindungsbüros voranzubringen.
Entsprechend
werden Gespräche auf Expertenebene in den
Vereinigten Staaten, der Demokratischen Volksrepublik Korea oder an einem anderen vereinbarten
Ort abgehalten. Die Demokratische Volksrepublik
Korea und die Vereinigten Staaten von Amerika
vereinbarten die Unterbrechung ihrer Gespräche und
deren Wiederaufnahme in Genf am 23. September
1994.

In der Zwischenzeit werden die Vereinigten Staaten
die erforderlichen Arrangements bezüglich der
Zusicherungen für das Leichtwasserreaktorprojekt für
die Demokratische Volksrepublik Korea als Teil der
endgültigen Beilegung des Atomstreits treffen; die
Demokratische Volksrepublik Korea wird das Einfrieren der Nuklearaktivitäten einhalten und die in
dem Austausch von Noten zwischen dem Abteilungsleiter im Außenministerium, Robert L. Gallucci,
und dem Ersten Stellvertretenden Minister für auswärtige Angelegenheiten, Kang Sok Ju, vereinbarte
Kontinuität der Sicherheitsvorschriften bewahren.

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 32

�NORDKOREA
17. August 1994

USA UND NORDKOREA VEREINBAREN
VORBEREITUNGEN FÜR
DIPLOMATISCHE VERTRETUNGEN
Gemeinsame Erklärung
GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Demokratische Volksrepublik Korea haben
vereinbart, daß die endgültige Beilegung des Atomstreits zwischen den beiden Staaten den Ersatz von
Nuklearreaktoren in Nordkorea und Vorbereitungen auf die "Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes sowie den Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen als Schritt
zur vollständigen Normalisierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen" enthalten sollte.
Nachfolgend veröffentlichen wir den am 12. August 1994 in Genf freigegebenen Wortlaut der "Gemeinsamen
Erklärung zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik Korea".

Die Delegationen der Vereinigten Staaten von
Amerika und der Demokratischen Volksrepublik
Korea kamen vom 5. bis 12. August 1994 zur
Wiederaufnahme der dritten Gesprächsrunde in Genf
zusammen.
Beide Seiten bekräftigen die Prinzipien der Gemeinsamen Erklärung zwischen den Vereinigten Staaten
von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik
Korea vom 11. Juni 1993 und einigten sich, daß die
folgenden Elemente Bestandteil der endgültigen
Beilegung des Atomstreits sein sollten:
1. Die Demokratische Volksrepublik Korea ist bereit,
ihre Graphitreaktoren und damit in Zusammenhang stehenden Einrichtungen durch Leichtwasserreaktoren zu ersetzen, und die Vereinigten
Staaten sind bereit, Arrangements für die Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren mit rund
2.000 Megawatt für Nordkorea zum frühestmöglichen Zeitpunkt sowie Arrangements für zwischenzeitliche alternative Energien anstelle der Graphitreaktoren Nordkoreas zu treffen. Nach Erhalt
der amerikanischen Zusicherungen für die Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren und Arrangements für zwischenzeitliche alternative Energien wird die Demokratische Volksrepublik Korea
den Bau der 50- und 200 Megawattreaktoren
einstellen, auf die Wiederaufbereitung verzichten
und unter Überwachung der Internationalen

AMERIKA DIENST 32

Atomenergie-Organisation (IAEO) ihr radiochemisches Labor schließen.
2. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die
Demokratische Volksrepublik Korea sind zur
Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes sowie
zum Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen als Schritt zur vollständigen Normalisierung
der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen
bereit.
3. Um zur Erlangung von Frieden und Sicherheit auf
einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel
beizutragen, sind die Vereinigten Staaten bereit,
der Demokratischen Volksrepublik Korea Zusicherungen gegen die Androhung oder den Einsatz
von Nuklearwaffen durch die Vereinigten Staaten
zu geben, und die Demokratische Volksrepublik
Korea ist weiterhin zur Umsetzung der gemeinsamen Nord-Süd-Erklärung über die Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel bereit.
4. Die Demokratische Volksrepublik Korea ist bereit,
Partei des Vertrags über die Nichtverbreitung von
Nuklearwaffen zu bleiben und die Umsetzung
seiner Vereinbarungen über Sicherheitsvorschriften zu gestatten.
Während der Gespräche angeschnittene wichtige
Fragen müssen noch geklärt werden. Beide Seiten

Seite 1

�Obwohl das Abkommen einen Rahmen für die
Verhinderung der zukünftigen Produktion von waffenfähigem Material bietet, löst es nicht das von den
Unterhändlern als "die Vergangenheit" bezeichnete
Problem - die Frage, wieviel Plutonium Nordkorea
bereits wiederaufbereitet hat. Einem namentlich
nicht genannten amerikanischen Regierungsvertreter
zufolge sind die Vereinigten Staaten überzeugt, daß
Nordkorea bereits genug Plutonium produziert hat,
um vier Atomwaffen zu bauen.
Die Sonderinspektionen der IAEO sind wichtig, weil
sie der internationalen Staatengemeinschaft gestatten festzustellen, wieviele verbrauchte Brennstäbe
für die Wiederaufbereitung von zwei Deponien für
radioaktive Abfälle entfernt wurden und ob Nordkoreas bisherige Erklärungen zutreffend sind.
Das "zweite Stadium" des Atomstreits, erläuterte der
Regierungsvertreter, sind die vor kurzem von dem
Graphitreaktor in Yongbyon entfernten Brennstäbe,
mit denen man sich aus Sicherheitsgründen bald
befassen muß. Wenn diese Brennstäbe wiederaufbereitet würden, könnten sie Nordkorea potentiell
genug Plutonium für vier zusätzliche Bomben liefern.

Optionen für die Brennstäbe sind die feuchte oder
trockene Lagerung in Fässern oder anderen Containern, so Gallucci. Die Vereinigten Staaten wollen,
daß die Brennstäbe von Nordkorea zur Lagerung
oder Wiederaufbereitung in ein anderes Land verschifft werden, während Nordkorea die Lagerung im
Land bevorzugt.
Gallucci erklärte, die Vereinigten Staaten würden
"detaillierte Konsultationen" mit Freunden und Verbündeten führen um festzustellen, welche Zusicherungen bei der Finanzierung und dem Bau des
Leichtwasserreaktorprojekts vor den nächsten Gesprächen gegeben werden können. Die Vereinigten
Staaten härten bereits substantielle Konsultationen
mit Seoul, Tokio, Moskau und Beijing aufgenommen,
stellte er fest.
Auf die Frage, wieviele Reaktoren erforderlich seien,
antwortete Gallucci, es sei "höchstwahrscheinlich",
daß Nordkorea zwei 1.000 Megawattreaktoren zur
Verfügung gestellt würden. Ihm zufolge muß mehr
Arbeit geleistet werden, um die genauen Kosten des
Projekts herauszufinden, in Beantwortung einer Frage
räumte er jedoch ein, der Betrag liege in der Nähe
von 4 Milliarden Dollar.

Gallucci stellte fest, Nordkorea habe zugestimmt, die
Möglichkeit der Wiederaufbereitung der Brennstäbe
durch das Land selbst auszuschließen, fügte jedoch
hinzu, die beiden Seiten hätten keine Einigung
erzielt, wie das Problem letztlich gelöst werden wird.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 32

�NORDKOREA
17. August 1994

NORDKOREA UNTERNIMMT "ERSTEN SCHRITT"
ZUR LÖSUNG DES ATOMSTREITS
USA bestehen auf lAEO-lnspektionen
GENF - (AD) - In einem "ersten Schritt" zur Lösung
des Atomstreits mit den Vereinigten Staaten hat
Nordkorea zugestimmt, sein Plutonium erzeugendes
Nuklearprogramm für Hilfe bei der Beschaffung
eines moderneren und weniger gefährlichen Kernkraftsystems einzufrieren.
Das am 12. August 1994 erzielte vorläufige Abkommen stellt fest, die Vereinigten Staaten und Nordkorea seien als Teil der endgültigen Lösung "zur
Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes bereit".
Robert Gallucci, Abteilungsleiter im US-Außenministerium für politisch-militärische Angelegenheiten, erklärte am 13. August, die Vereinigten Staaten
seien "zufrieden mit dem Ergebnis" der dritten
Gesprächsrunde, die mit dem Abkommen abgeschlossen wurde, warnte jedoch, der "Löwenanteil"
der Arbeit stehe noch bevor.
Die beiden Seiten vereinbarten die Wiederaufnahme
offizieller Gespräche am 23. September 1994 in
Genf. Gallucci zufolge werden ihnen wahrscheinlich
Besuche nordkoreanischer Experten in den Vereinigten Staaten und amerikanischer Experten in
Nordkorea vorausgehen.
"Wir hoffen, daß diesem ersten Schritt alle weiteren
folgen", um das Problem zu lösen, äußerte er
gegenüber Journalisten.
Gallucci stellte fest, die Vereinigten Staaten würden
weiterhin darauf bestehen, daß eine umfassende
Lösung nur erreicht werden kann, wenn Nordkorea
einschneidende Sicherheitsvorschriften der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) einschließlich besonderer Inspektionen von zwei
Deponien für radioaktive Abfälle akzeptiert.
Obwohl Gallucci einräumte, die Vereinbarung
enthalte die "prinzipielle Zustimmung" Nordkoreas
zum Konzept von Sonderinspektionen der IAEO,

AMERIKA DIENST 32

erklärte er, das Land "schweige" zu der Frage, wann
diese Inspektionen vorgenommen werden könnten.
"Ich möchte keinen Zweifel an der Tatsache lassen,
daß es keine generelle Lösung und keine Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren geben wird, bis
die Meinungsverschiedenheiten über spezielle
Inspektionen beigelegt sind", erklärte Gallucci.
Andere anhängige Fragen betreffen die Lagerung der
verbrauchten Brennstäbe Nordkoreas, die Bereitstellung alternativer Energie für Nordkorea, während
die neuen Leichtwasserreaktoren gebaut werden,
sowie den Zeitpunkt für die Einrichtung von Verbindungsbüros.
Im Rahmen des Abkommens verspricht Nordkorea
das Einfrieren seines Nuklearprogramms mit Graphitreaktoren, sobald das Land Zusicherungen der
Vereinigten Staaten über die Bereitstellung der
Leichtwasserreaktortechnologie und Arrangements für
alternative Energiequellen erhält. Nordkorea wird
darüber hinaus auf die Wiederaufbereitung der
gesamten verbrauchten Brennstäbe verzichten, sein
Wiederaufbereitungslabor schließen und der IAEO die
Überwachung gestatten sowie die Bautätigkeit an
zwei neuen Graphitreaktoren einstellen.
Die Leichtwasserreaktoren werden als weniger
verbreitungsgefährdet angesehen als Nordkoreas
altes System, weil die verbrauchten Brennstäbe
weniger zur Produktion von Waffen geeignet sind und
Nordkorea von anderen Ländern für die Lieferung des
für den Betrieb erforderlichen hochangereicherten
Urans abhängen würde.
Amerikanische Regierungsvertreter sind der Auffassung, ein von der Außenwelt für angereichertes
Uran abhängiges Nordkorea würde die internationalen Normen und Sicherheitsvorschriften eher einhalten.

Seite 1

�Entwicklungsländer im Nahen Osten, Lateinamerika
und Afrika - alles Regionen mit wirtschaftlichen
Schwierigkeiten - kürzten zwischen 1985-88 und
1989-92 ihre Waffenkäufe drastisch. Aber in Asien,
der einzigen Region, die in den vergangenen Jahren
starkes Wachstum zu verzeichnen hatte, nahmen die
Waffenimporte tatsächlich rasch zu. Wenn sich die
Welt von dem Konjunkturrückgang erholt, könnten
die Waffenverkäufe wieder steigen.
Mit anderen Worten, obwohl die Abnahme der
Waffenlieferungen in den vergangenen Jahren einer
der sich abzeichnenden Weltordnung nach dem
Kalten Krieg erwartungsvoll entgegenblickenden Welt
ein gewisses Maß an Beruhigung vermitteln könnte,
besteht kein Grund zu der Erwartung, Waffenexporte
in die Entwicklungsländer seien nicht länger Anlaß
zu ernsthafter Besorgnis und entsprechendem
Handeln.
In den vergangenen Jahren scheinen die sicherheitspolitischen Entscheidungsträger im Westen zu der
Schlußfolgerung gelangt zu sein, daß der beste Weg
zur Begrenzung der Anhäufung von Waffen in
Entwicklungsländern sowie zur Minimierung der
regionalen Aufrüstung darin besteht, den Entwicklungsländern nur dann Wirtschaftshilfe zu leisten,
wenn sie ihre Verteidigungsausgaben auf einem
vernünftigen Niveau halten. Dieser offiziell als
"military conditionality" bekannte Ansatz bricht mit
der herkömmlichen Entwicklungspolitik, die von der

Prämisse ausging, Entwicklungshilfe strikt von
innenpolitischen Verteidigungsfragen zu trennen.
Mehrere europäische Länder, vor allem Deutschland
und Italien, haben im Jahr 1991 offiziell diesem
Ansatz zugestimmt und knüpfen Entwicklungshilfe
jetzt an die militärische Ausgabenpolitik des Empfängerlandes.
Dieser Ansatz gewann im Juni 1992 an Dynamik, als
Japan die offizielle japanische Charta für Entwicklungshilfe veröffentlichte, in der ausdrücklich festgestellt wird, daß Japan "zur Aufrechterhaltung und
Stärkung des internationalen Friedens und der
Stabilität" nur Entwicklungshilfe unter Berücksichtigung der "Trends bei den Verteidigungsausgaben
der Empfängerländer, deren Entwicklung und Produktion von Massenvernichtungswaffen, Waffen und
Raketen sowie deren Export und Import von Warfen"
leisten wird.
Zunehmendes Interesse an diesem Ansatz hat auch
die Bestrebungen geleitet, ihn auf multilaterale
Hilfsinstitutionen wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) auszuweiten.
Unter Verweis auf die enormen sozialen Kosten der
Beibehaltung umfangreicher Streitkräfte für die
Entwicklungsländer empfiehlt Robert McNamara

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beispielsweise, daß diese internationalen Institutionen
die Verteidigungsausgaben als wichtiges Kriterium bei
Kreditvergabeentscheidungen nutzen.
In der Tat birgt dieser Ansatz jedoch eine Reihe von
Problemen. Die unmittelbare praktische Frage lautet,
wie ein solches System verwirklicht werden sollte.
Die erste Schwierigkeit besteht darin, eine zufriedenstellende Meßlatte für das Ausmaß der Militarisierung
eines Entwicklungslandes zu erarbeiten. Wann ist
ein Verteidigungsapparat "exzessiv"? Wie berücksichtigt man zum Beispiel die Frage einer spürbaren
Bedrohung, die sich natürlich von Land zu Land
erheblich unterscheidet?
Die Wirtschaftswissenschaftler haben begonnen, Daten über Entwicklungshilfe und Verteidigungsausgaben zu sammeln und
auszuwerten in dem Versuch, einen "Militarisierungsindex" zu konstruieren, derfürdie Analyse exzessiver
Verteidigungsausgaben genutzt werden könnte. Aber
die technischen und politischen Hürden sind immens.
Und selbst wenn sie überwunden werden könnten,
würde die Umsetzung und Verwaltung dieses Ansatzes der Weltbank, dem IWF und anderen derartigen Behörden enorme Kosten aufbürden und sie
zwangsläufig von ihrer Hauptaufgabe der Bereitstellung von Entwicklungshilfe ablenken.
Aber selbst abgesehen davon bleibt das Grundproblem bestehen, daß dieser Ansatz sich mit den
Symptomen der militärischen Aufrüstung befaßt, nicht
der Ursache. Das letztliche Ziel ist, den Entwicklungsländern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln,
damit sie eine Erweiterung ihrer militärischen Fähigkeiten nicht für notwendig erachten.
Die Länder werden aus mehreren Gründen einen
großen Verteidigungshaushalt aufstellen und beibehalten. Manchmal verfolgen sie das Ziel, einer
spürbaren Bedrohung zu begegnen, sei es von
internen oder externen Kräften; manchmal geht es
um einen vermeintlichen Vorteil aus der Aggression
gegen ein anderes Land. Bisweilen dient dieses
Bestreben einfach der Konzentration von Ressourcen
auf politisch starke, militärische Interessengruppen.
Im letzteren Fall ist das Problem ein Mangel an
Rechenschaftspflicht gegenüber dem Steuerzahler,
der den Verteidigungsapparat finanziert. Im ersten
Fall ist das Problem ein Mangel an Sicherheit. In
einem Teufelskreis bringt unzureichende regionale
Sicherheit einzelne Länder dazu, ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen, was zu einer weiteren Verschlechterung der Sicherheit führt. Eine Kontrolle
des weltweiten Waffenhandels hängt von einem
zweigleisigen Ansatz ab, der beide Probleme berücksichtigt.
Dieser Ansatz befaßt sich wie dargelegt nicht mit der
grundlegenden Notwendigkeit eines glaubwürdigen

AMERIKA DIENST 32

�RÜSTUNGSKONTROLLE
17. August 1994

EIN NEUES MILITÄRISCHES GLEICHGEWICHT?
DIE VERHINDERUNG REGIONALER KONFLIKTE
IN DEN ENTWICKLUNGSLÄNDERN
von Warwick J. McKibbin
WASHINGTON - (AD) - Während die Welt auf die sich abzeichnende Weltordnung in derzeit nach dem Kalten
Krieg blickt, ist der Rückgang von Waffenlieferungen in die meisten Regionen der Welt ermutigend. Aber,
argumentiert der Verfasser, der Kampf der Supermächte führt zu einer Reihe schwelender regionaler Konflikte,
und die Waffenexporte in Entwicklungsländer geben immer noch "Anlaß zu ernsthafter Besorgnis".
Warwick J. McKibbin ist Fellow des Brookings Ecomomic Studies program und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Australian National University. Zusammen mit Lawrence Klein und Fu-chen Lo arbeitet er an
Arms Reduction and Economic Development in the Post-Cold War Era (United Nations University,
erscheint in Kürze).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Brookings Review, Herbst 1993.
Copyright (c) 1993, The Brookings Institution, Washington, D.C.

Trotz anfänglicher Hoffnungen auf eine "neue
Weltordnung" nach dem Kalten Krieg ist das sich
Abzeichnende noch wenig greifbar. Eine - aufgrund
der irakischen Invasion in Kuwait und dem darauffolgenden Golfkrieg im Jahr 1991 - angedeutete
Möglichkeit wäre, daß der Kampf der Supermächte
zu einer Reihe schwelender regionaler Konflikte
führt. Und einige dieser Konflikte könnten sich
paradoxerweise direkt aus der Verringerung der
Verteidigungsausgaben nach dem Kalten Krieg
herleiten, während die modernen Waffenarsenale
der Industrienationen in den Entwicklungsländern
wiederverwertet werden. In der Tat erlegt der im
November 1990 von den 34 Mitgliedstaaten der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) unterzeichnete Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa dem Export neuer
oder gebrauchter Waffen in Nichtunterzeichnerstaaten des Abkommens keinerlei Beschränkungen auf.
Im Augenblick nehmen die Rüstungsverkäufe ab.
Der Gesamtverkauf fiel von der Rekordhöhe von 42
Milliarden Dollar im Jahr 1987 auf 12 Milliarden
Dollar 1992. Aber die Implikationen für die Zukunft
sind in keiner Weise beruhigend. Die bei weitem
größte Abnahme erfolgte bei den Lieferungen
russischer Waffen, und die russischen Exporteure
halten begierig nach neuen Geschäften Ausschau.
Seit 1989 haben die Lieferungen amerikanischer

AMERIKA DIENST 32

Waffen in Entwicklungsländer effektiv zugenommen.
Noch beunruhigender ist, daß sich der Wert von
Abkommen über Rüstungsverkäufe lange nicht so
weit verringert hat wie die tatsächlichen Lieferungen.
1992 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die
führenden europäischen Länder Abkommen über
Waffenexporte, die verglichen mit den 1987 von
ihnen unterzeichneten Vereinbarungen eine Zunahme
bedeuten.
Obwohl beträchtlich weniger Waffen jetzt den Besitzer
zwischen den einzelnen Ländern wechseln, machen
darüber hinaus Veränderungen bei der globalen
Sicherheit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Rüstungssituation schwerer erfaßbar.
Während des Kalten Krieges behielten die Vereinigten Staaten und die ehemalige Sowjetunion die
Kontrolle über die Waffen ansammelnden Nationen.
Da die Vereinigten Staaten jetzt die einzige Supermacht und ein widerwilliger Wertpolizist sind, können
die Entwicklungsländer frei von herkömmlichen
Einschränkungen einen Vorrat an Waffen anlegen.
Und schließlich - obwohl die Abnahme der Rüstungsverkäufe großenteils durch das Ende des Kalten
Krieges herbeigeführt wurde, haben auch die globale
wirtschaftliche Flaute und haushaltspolitische Engpässe in zahlreichen Entwicklungsländern eine Rolle bei
der Verringerung von Waffenimporten gespielt.

Seite 1

�Kosten der globalen Unsicherheit. Allein der Golfkrieg kostete die Teilnehmerstaaten über 100 Milliarden Dollar. Die Staaten können entweder in die
Sicherheit investieren oder beim Entstehen regionaler Probleme zahlen. Regionale Konflikte werden
eindeutig in den kommenden Jahrzehnten Bestandteil der neuen Weltordnung sein. Und die Weiterverbreitung von Atomwaffen macht dies besonders
alarmierend.
Während die internationale Staatengemeinschaft sich
um eine Anpassung an die Ordnung der Zeit nach
dem Kalten Krieg bemüht, findet sie sich in einem
militärischen Gleichgewicht gefangen, das von hohen

*

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Verteidigungsausgaben und geringer Sicherheit
gekennzeichnet ist. Derzeit haben selbst die vielversprechendsten politischen Optionen zur Lösung der
Probleme des weltweiten Waffenhandels und der
regionalen Aufrüstung keine Auswirkungen auf dieses
Gleichgewicht. Die Herausforderung besteht darin,
ein neues Gleichgewicht zwischen niedrigen Verteidigungsausgaben und großer Sicherheit zu finden.
Das von mir vorgeschlagene System zielt genau
darauf ab - auf den Erhalt globaler und regionaler
Sicherheit durch direkte finanzielle Anreize, regionale
Überwachungseinrichtungen und einen glaubwürdigen Schutzschild.

* * *

*

AMERIKA DIENST 32

�Sicherheitsarrangements.
Es gibt jedoch eine
Möglichkeit hierzu - im Rahmen einer internationalen
Institution, der Vereinten Nationen, deren Mission
einer solchen Aufgabe entspricht.
Die Vereinten Nationen können insbesondere direkte
wirtschaftliche Anreize zur Einschränkung des Transfers von Waffen und der Verteidigungsausgaben
anbieten, indem sie jedem Mitgliedstaat eine seinen
Verteidigungsausgaben entsprechende Abgabe
auferlegen. Der Erlös kann zum Aufbau eines
glaubwürdigen Sicherheitsarrangements verwendet
werden, das die Notwendigkeit einer Aufrüstung
verringert.
Die Vereinten Nationen könnten den Nutzen erhöhter Verteidigungsausgaben beträchtlich minimieren
und die Kosten maximieren, indem sie eine Steuer
von 2 Prozent auf jeden Dollar der Verteidigungsausgaben eines Landes sowie von 50 Prozent auf
jeden Dollar aus Waffenexporten dieses Landes
erheben. Diese Steuer würde den Ländern direkt
abverlangt, so daß die Verwaltungskosten minimal
wären. In den Ländern, in denen Waffenexporte von
Privatunternehmen durchführt werden, wäre es die
Aufgabe der Regierung, die Steuer zu bezahlen und
dann von den Unternehmen zu kassieren.
Allein durch diese Erhöhung der Kosten von Verteidigungsausgaben könnten die Vereinten Nationen
das Problem der regionalen Sicherheit in Angriff
nehmen und regionale Konflikte günstig beeinflussen. Sie könnten diese Fragen mit Hilfe der so
erzielten Einnahmen umfassender angehen. Ein Teil
dieser Einnahmen könnte für die Verbesserung der
Fähigkeit regionaler Sicherheitszusammenschlüsse
verwendet werden, beispielsweise des Verbands
Südostasiatischer Nationen (Association of SouthEast Asian Nations - ASEAN), den Verteidigungsapparat zu überwachen und letztlich völlig offenzulegen. Das internationale Friedensforschungsinstitut
in Stockholm (Stockholm International Peace Research Institute - SIPRI), der IWF und die Weltbank
könnten ebenfalls eine nützliche Rolle dabei spielen,
das Ausmaß der Verteidigungsausgaben von Entwicklungsländern als Teil ihrer regulären haushaltspolitischen Maßnahmen zur Ausgabenüberprüfung
hervorzuheben. Beide Bestrebungen würden den
fest etablierten Militärinteressen entgegenwirken,
indem den Regierungen größere Rechenschaftspflicht für ihre Haushaltsentscheidungen übertragen
wird.
Die restlichen Einnahmen könnten an einen vom
UN-Sicherheitsrat kontrollierten Fonds gehen und für
Militärinterventionen der internationalen Staatengemeinschaft als Reaktion auf Akte der Aggression
gegen Länder verwendet werden, die zu dem Fonds

AMERIKA DIENST 32

einen Beitrag geleistet haben. Bei einem Steuersatz
von 50 Prozent auf Waffenexporte und 2 Prozent auf
Verteidigungsausgaben würden die gesamten Waffenexporte von ungefähr 12 Milliarden Dollar und die
Verteidigungsausgaben von rund 1 Billion Dollar zu
jährlichen Einnahmen von etwa 26 Milliarden Dollar
führen. Eine solche Finanzspritze würde die Glaubwürdigkeit internationaler Aktionen stark erhöhen,
einzelne Länder vor externen Bedrohungen zu
schützen.
Insgesamt würde mein Vorschlag sowohl die globale
als auch die regionale Sicherheit erhöhen. Stärkere
Länder hätten weniger Anreiz, militärisch gegen
andere Staaten vorzugehen, da sie wegen ihrer
Aggression mit Strafmaßnahmen rechnen müßten.
Und aus demselben Grund würden schwächere
Länder keine so starke externe Bedrohung verspüren.
Die Aussicht auf größere Sicherheit würde den Anreiz
zur Aufrechterhaltung eines großen Verteidigungshaushalts verringern. Die traditionelle Strategie, die
Gefahr von Militäraktionen durch die Aufrechterhaltung eines Gegengewichts zu reduzieren, wäre
überholt. Statt dessen könnten insbesondere die
Entwicklungsländer ihre Ressourcen für entscheidende innenpolitische Erfordernisse einsetzen und somit
die Gefahr politischer Instabilität im eigenen Land
verringern.
Indem den Vereinten Nationen die Verantwortung für
das neue System übertragen würde, könnten die
internationalen Hilfsorganisationen sich auf ihre
Hauptrolle konzentrieren, den Entwicklungsprozeß zu
lenken. Mein Vorschlag enthält einige Schwierigkeiten, von denen jedoch keine so groß ist wie bei dem
Junktim zwischen Wirtschaftshilfe für Entwicklungsländer und deren Verteidigungsausgaben. Die erste
Schwierigkeit ist die Einschätzung des Werts von
Waffenexporten, insbesondere im Fall eines Tauschhandels anstelle einer einfacher zu messenden
Finanztransaktion. Organisationen wie das SIPRI
haben jedoch seit Jahren den Versuch zur Sammlung
von Daten über den Waffenhandel unternommen, und
obwohl die Qualität der Daten nicht perfekt ist, wurde
ein Anfang gemacht. Das neue Register der Vereinten Nationen über den Waffenhandel könnte als
weitere Datenquelle genutzt werden.
Eine wichtigere Frage lautet, wie ein solcher Vorschlag durchgesetzt werden könnte. Warum sollten
die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen gewillt
sein, Beiträge zu einem Fonds zu leisten, wenn viele
mit ihren regelmäßigen Beitragszahlungen an die
UNO bereits in Verzug geraten sind? Halten Sie sich
die Alternativen vor Augen. Kleine Länder, die sich
nicht beteiligen, können von der internationalen
Staatengemeinschaft nicht erwarten, daß sie für
deren Schutz zahlt. Große Staaten tragen bereits die

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�delnde Wirtschaftsstrukturen reagieren. Für die
Währungspolitik scheint keine andere Möglichkeit zu
bestehen als die Bildung eines konzeptionellen
Rahmens zur Identifikation der verschiedenen wichtigen Kräfte, die den zukünftigen Wirtschaftskurs
beeinflussen und daher für die Prognosen eingesetzt
werden können. In diesem Verfahren spielen Geldund Kreditmengen eine wichtige Rolle und haben
sich über die Jahre als nützlich für den Aufbau eines
relevanten konzeptionellen Verständnisses des
Funktionierens der amerikanischen Wirtschaft
erwiesen.
Bei ihren Bestrebungen zum Verständnis der Wirtschaft haben Analysten versucht, sich neuer Technologien, einschließlich der vielfachen Verstärkung der
Berechnungsmöglichkeiten, zu bedienen. Ökonometriker haben komplizierte mathematische Modelle
zur Beschreibung der Beziehungen innerhalb der
amerikanischen Wirtschaft entwickelt. Obwohl diese
Modelle einer Reihe nützlicher Ziele dienen, sind sie
- ungeachtet dessen, wie hochentwickelt sie sein
mögen - generell zu einfach, um die sich abzeichnende Vielschichtigkeit unserer Volkswirtschaft zu
erfassen. Die Geschichte lehrt uns, daß die der
Wirtschaft zugrundeliegende Struktur sich in ständiger Bewegung befindet. Derzeitige Schätzungen der
wichtigsten Parameter zur Beschreibung der grundlegenden wirtschaftlichen Beziehungen basieren auf
der Erfahrung und müssen bei der Entwicklung
zukünftiger politischer Maßnahmen skeptisch betrachtet werden. Folglich sind alternative Ansätze
erforderlich, um Schlüsse auf die sich wandelnde
Wirtschaftsstruktur ziehen zu können.
Ob unsere Währungspolitik angemessen ist, hängt
davon ab, wie erfolgreich wir die derzeit die Wirtschaft antreibenden komplexen Kräfte verstehen.
Um zu einem solchen Verständnis zu gelangen,
verlassen wir uns nicht auf eine einzige, punktuelle
Konjunkturprognose. Vielmehr sind wir uns der
Unzuverlässigkeit jeder Prognose bewußt und
bestrebt, eine Bandbreite von Prognosen zu studieren und eine Einschätzung ihrer relativen Wahrscheinlichkeit vorzunehmen. Auf der Grundlage
dieser Einschätzung setzen wir politische Maßnahmen zur Erreichung nationaler wirtschaftlicher Ziele
um. Wir wissen aber auch, daß Fehler bei Prognosen unvermeidlich sind. Die Politik erfordert eine
Einschätzung der Konsequenzen verschiedener
politischer Alternativen für den Fall ihres Scheiterns.
Wir müssen uns folgende Frage stellen: Wir schwierig wäre eine Revision politischer Fehler und wie
hoch wäre der Preis?
Messung und Politik

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Wenn wir eine Einschätzung der Wirtschaftsstruktur
vornehmen, müssen wir uns bewußt sein, daß das
ökonomische Ergebnis menschlicher Entscheidungen
- Konsum, Produktion, Kapitalanlage und Preisfestsetzung - unvollständig gemessen wird und wir
Störfaktoren und in einigen Fällen eine systematische
parteiische Einflußnahme auf die Statistiken in
Betracht ziehen müssen. Vom Standpunkt eines
Analysten wie ich, der einen Großteil seiner Karriere
mit der genauen Beobachtung der Konjunktur verbracht hat, ist die Liste der Mängel von Wirtschaftsdaten der Vereinigten Staaten deprimierend lang. Zu
beobachten sind Voreingenommenheit bei der
Angabe des Gesamtpreisindexes, Unvollständigkeit
bei der Berichterstattung über internationale Transaktionen, ein beträchtlicher Anteil bloßer Interpolation
bei der Berechnung der Dienstleistungen in unserem
Volkseinkommen, eine ungleiche Erfassung der
Finanzbuchführung von Haushalten und Unternehmen sowie nicht angegebene Wirtschaftsaktivitäten.
Ein Durchbruch im Bereich der Computer-Hardware
und -Software sowie die Kommunikationstechnologie
könnten eine präzisere Datenerfassung gestatten,
aber diese und andere Innovationen gestalten eine
Messung wirtschaftlicher Daten noch schwieriger.
Das ist großenteils darauf zurückzuführen, daß der
Output an Waren und Dienstleistungen mit der Zeit
immer konzeptioneller statt gegenständlicher wird.
Der Teil des realen Output, der Ideen anstelle von
Waren widerspiegelt, hat sich in diesem Jahrhundert
immens erhöht. Als Folge davon wird es immer
schwieriger, Einheiten des Output zu identifizieren.
Eine Tonne zu 99,7 Prozent reinen Aluminiums kann
im Hinblick auf Quantität und Qualität gut definiert
werden. Bei einem Computerprogramm ist das nicht
der Fall. Wenn also der Output nicht eindeutig
definiert werden kann, ist das Konzept des Preises
ziemlich vage. Zudem ist die begriffliche Erfassung
des Output einer der Faktoren, die mit einer substantiellen Verbesserung der Qualität von Gütern und
Dienstleistungen assoziiert wurden. Eine Messung
des Ausmaßes dieser Verbesserung ist offensichtlich
ziemlich problematisch und hat wiederum entscheidende Auswirkungen auf den Gesamtpreisindex.
Jede Ungenauigkeit bei diesen Preiskalkulationen
bringt direkt Unsicherheit in den Realwert von Output
und Produktivität.
Es gibt viele hoffnungsvolle Anzeichen dafür, daß
technologische Verbesserungen und Fortschritte bei
den Messungspraktiken sich in verbesserten Wirtschaftsstatistiken niederschlagen. Beispielsweise hat
die Entwicklung des Indexes für Beschäftigungskosten durch das Büro für Arbeitsstatistik einen
bedeutenden Beitrag zu unserem Verständnis von
Tendenzen bei den Beschäftigungskosten geleistet.
Das Büro für Arbeitsstatistik konnte die Reaktions-

AMERIKA DIENST 32

�WlRTSCHAFT
17. August 1994

DIREKTOR DER AMERIKANISCHEN ZENTRALBANK
SKIZZIERT PROBLEME VON WIRTSCHAFTSPROGNOSEN
Ansprache von Alan Greenspan
WASHINGTON - (AD) - Die wachsende Komplexität der Wirtschaft macht die Entwicklung verläßlicher
konjunktureller Maßnahmen als Grundlage der Zentralbankpolitik zu einer beständigen Herausforderung,
erklärte der Direktorder amerikanischen Zentralbank (Federal Reserve Board - FED), Alan Greenspan, am 10.
August 1994 in einer Anhörung vor dem Unterausschuß des Repräsentantenhauses für staatliche Operationen.
Der Zentralbankchef äußerte die Beobachtung, daß Computer- und Kommunikationstechnologien eine immer
präzisere Datenerfassung gestatten, gleichzeitig aber diese Technologien die Wirtschaft schwieriger erfaßbar
gestalten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Alan Greenspan.

Ich danke diesem Ausschuß für die Gelegenheit,
über einige allgemeinere Aspekte der Währungspolitik zu sprechen. Man hat mich gebeten, die
Rolle von Wirtschaftsprognosen sowie die Verwendung von Wirtschaftsstatistiken bei der Währungspolitik zu untersuchen.
Zu keinem Zeitpunkt waren das Verständnis wirtschaftlicher Abläufe vollständig, konjunkturelle
Messungen von eindeutiger Präzision und Wirtschaftsprognosen fehlerlos. Die derzeitige Generation von Politikern wird mit der folgenden entscheidenden Frage konfrontiert, die auch das Motiv für
diese Anhörung zu sein scheint: Hat die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts, der eine
beträchtliche Integration der Weltwirtschaft bewirkt
und viele neue Produkte auf den Markt gebracht hat,
unser Verständnis maßgeblich beeinflußt, wie die
Wirtschaft funktioniert, in welchem Verhältnis verfügbare Daten zur tatsächlichen Wirtschaftslage stehen
und wie Politik gemacht werden sollte?
Wirtschaftsprognosen und Politik
Die Ökonomen haben sich schon immer um das
Verständnis der Auswirkungen von Innovationen auf
menschliches Verhalten, Instrumente und Institutionen bemüht. Viele Analysten waren in dem verzweifelten Bemühen um ein brauchbares Verständnis bestrebt, die Geldpolitik durch eine "Regel" zu
ersetzen, um die Notwendigkeit einer Analyse oder

AMERIKA DIENST 32

Prognose wirtschaftlicher Entwicklungen abzuschaffen. Es ist jedoch zunehmend deutlich geworden,
daß es keine einfache Regel gibt, die uns eine
automatische Steuerung der Währungspolitik gestattet. Im Prinzip könnte man sich stärker auf eine
solche Regel verlassen, wenn es nur ein einziges
übergeordnetes politisches Ziel gäbe, wie beispielsweise der vorgeschriebenen Preisstabilität. In diesem
Land setzt jedoch das Bundesgesetz zur Begründung
des Zentralbanksystems mehrere Ziele der Währungspolitik fest. Einige Analysten sind trotz dieser
Vielzahl von Zielen dafür eingetreten, daß der Einsatz
einer einzigen Variablen als mittelfristiges Ziel die
Notwendigkeit von Wirtschaftsprognosen abschaffen
und es den Politikern gestatten würde, zum Zweck
der wirtschaftlichen Stabilisierung automatisch nur
eine politische Richtschnur zu befolgen. Ein solches
politisches Ziel impliziert jedoch, daß die frühere
Verbindung der Variablen zur Volkswirtschaft fortbesteht und selbst eine Prognose darstellt.
Die Prognosen zu einigen der vorgeschlagenen
Variablen - einschließlich der Geldmengen M1, M2
und der inländischen, in Sachwerten gemessenen
Schulden - deuten stark darauf hin, daß die Befolgung einer Regel zur Erlangung nur eines Ziels bei
der Steuerung der amerikanischen Wirtschaft nicht
ausreichen würde. Selbst viel komplexere Regeln,
die eine Vielzahl politischer Richtlinien oder ein
automatisches Feedback wirtschaftlicher Ergebnisse
umfassen, würden nicht ausreichend auf sich wan-

Seite 1

�Was die indizierten Schulden betrifft, könnte das
Finanzministerium Obligationen ausgeben, deren
Zinssätze und Anfangszahlungen im Zusammenhang
mit den Verbraucherpreisen stehen.
Schlußfolgerung
Vor dem Hintergrund meiner Überlegungen zu
Wirtschaftsprognosen und -Statistiken in der Währungspolitik traue ich nur einer Prognose: Der

zukünftige Chef der Fed wird Ihren Nachfolgern in
diesem Gremium mitteilen, daß Wirtschaftsprognosen
immer noch unsicher sind und die Konsequenzen der
Währungspolitik sich mit der Zeit verändern. Die
amerikanische Wirtschaft ist komplex und in ständiger
Entwicklung begriffen. Mit diesem Wandel Schritt zu
halten, erfordert andauernde Bestrebungen unsererseits, um das Funktionieren der Wirtschaft zu verstehen und unsere Verfahren zur Datenerfassung
entsprechend anzupassen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 32

�quote auf die erste Einschätzung der monatlichen
Beschäftigungsrate in seiner Haushaltsstudie beträchtlich erhöhen, wodurch die Qualität dieses
Frühindikators wirtschaftlicher Aktivität deutlich
verbessert wurde. In ähnlicher Weise hat sich die
Entwicklung willkürlicher Schätzungen von Preisänderungen bei Computerausrüstungen durch das
Büro für Arbeitsstatistik aufgrund eines besseren
Verständnisses von Trends bei Realinvestitionen und
Inflation bezahlt gemacht. Trotzdem bleibt noch viel
zu tun, wie ich später erläutern werde.
Politische Maßnahmen
Die Einsicht, daß das Verständnis der Wirtschaft
nicht perfekt ist und Messungen unpräzise sind, ist
kein Grund, über die Währungspolitik zu verzweifeln.
Ungenauigkeit bei den veröffentlichen makroökonomischen Daten stellt keine übermäßige Härte dar.
Wenn die Statistiken ein systematisches Gefälle
aufweisen, können wir auch das in Betracht ziehen.
Beispielsweise zeigen die meisten Preisindizes die
Neigung, die Inflation übertrieben darzustellen.
Generell erkennen sie die Tendenz zu kostengünstigeren Einzelhändlern erst mit Verspätung. Ferner
benötigen sie viel Zeit, bis sie neue Waren aufnehmen, und somit tragen sie nicht den typischen
Preissenkungen Rechnung, die sich in der Frühphase des Produktzyklus manifestieren.
Wir wissen, daß Informationen über die Wirtschaftslage aus einer Vielzahl von Quellen stammen und
unterschiedlich akkurat sind. Einige Daten sind
umfassend und ziemlich genau, beispielsweise bei
Bauteilen und Verkäufen von Fahrzeugen. Andere
Daten, wie die im Ausland vorgenommenen Einschätzungen der US-Währung, weisen eine beträchtliche Fehlerquote auf. Bevor Statistiken über systematische Erhebungen zu Verkäufen, Beschäftigung
und Preisen zur Verfügung stehen, können sich
ungenauere, stichprobenartige Informationen als
vorläufiger Indikator sich abzeichnender Trends als
nützlich erweisen. Eine bedeutende Quelle solcher
Informationen sind die Berichte, die unsere Landeszentralbanken durch umfassende Kontakte in
ihrem Gebiet erhalten. Ferner wenden wir uns
häufig an Handelsvereinigungen und Beratungsgremien, um frühzeitig Informationen über Entwicklungen vor Ort zu erhalten. Derartige detaillierte
Berichte über ein bestimmtes Verhalten sind beispielsweise wichtig als Hinweis darauf, wann der
inflationäre Druck anzusteigen beginnt.
Die Geschichte belegt, daß eine Erhöhung der
Inflationsrate sich erst im Verlauf des wirtschaftlichen
Zyklus manifestiert. Folglich haben sich zu dem
Zeitpunkt, an dem der Gesamtpreisindex auf einen
Anstieg der Inflationsrate hinweist, bereits viele,

AMERIKA DIENST 32

schwer zu bereinigende
Unausgewogenheiten
entwickelt. Daher könnten Informationen über ein
bestimmtes Verhalten sowie Signale von den Finanzund Warenmärkten eine Warnung sein oder Engpässe eher beseitigen als lange Berichte über Arbeitslosigkeit, Volkseinkommen, Preise oder traditionelle
Geldmengenangaben.
Insgesamt gesehen erschwert die Messung der
wirtschaftlichen Schlüsseldaten die Arbeit der Politiker. Es ist immer schwieriger, Schlüsse im Hinblick
auf die Zukunft zu ziehen, wenn Wirtschaftsdaten von
Meßfehlern verzerrt sind. Aufgrund unserer Fähigkeit, eine Vielzahl von Informationsquellen anzuzapfen, halten wir die negativen Auswirkungen solcher
Fehlmessungen jedoch möglichst gering. Ich bin mir
nicht bewußt, daß Prognosen über die Wirtschaft der
Vereinigten Staaten zur Zeit schwieriger oder einfacher aufzustellen sind als vor ein paar Jahrzehnten.
Handlungsweise
Bei der Prüfung von Schritten zur Verbesserung von
Bewertung und Interpretation wirtschaftlicher Statistiken müssen wir uns der haushaltspolitischen Zwänge
bewußt sein. Die Mitarbeiter verschiedener, für
Sammlung und Auslegung wirtschaftlicher Statistiken
verantwortlicher Behörden arbeiten hart und machen
im Rahmen dieser Beschränkungen Fortschritte. Ich
kann mir kein geeigneteres Gebiet für zusätzliche
Forschung vorstellen als die Aufstellung von Preisindizes - teilweise aufgrund des hohen Ausmaßes von
Indexierung in den Berechnungen der Bundesregierung. Angesichts des umfassenden Forschungsmaterials, das Hinweise auf ein möglicherweise
systematisches Gefälle bei der Bewertung von Preisveränderungen im Verbraucherpreisindex gibt, wird
es für die Mitarbeiter des Büros für Arbeitsstatistik
eine wichtige Aufgabe darstellen, sich in den kommenden Jahren mit diesem Problem zu befassen.
Ein weiterer Schritt zur beschleunigten Interpretation
der Daten ist die intensive Verarbeitung von Informationen über Termingeschäfte, den Devisenterminmarkt und Optionsgeschäfte. Die Sekundärmärkte
bieten den Zentralbanken potentiell neue Chancen
zur Einschätzung der Stimmung am Markt in bezug
auf zukünftige Bewegungen von Zinssätzen, Aktienkursen, Wechselkursen und Rohstoffpreisen sowie
zur Messung der Stärke dieses Marktverhaltens.
Zudem beinhaltet finanzielle Innovation die Aussicht
auf neue Möglichkeiten wirtschaftlichen Verhaltens,
insbesondere falls sich die Märkte bei preisindizierten
Schulden oder Termingeschäften, einzelnen Inlandspreisen, dem Bruttoinlandsprodukt und den Bestandteilen der Ausgaben entwickeln sollten. Im Hinblick
auf die Termingeschäfte müssen wir auf die Erfindungsgabe von Privatleuten im Finanzsektor warten.

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              <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Holbrooke fordert Umdenken in der amerikanischen Europapolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung vor dem Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Nordkorea&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA und Nordkorea vereinbaren Vorbereitungen für diplomatische Vertretungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Erklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nordkorea unternimmt "ersten Schritt" zur Lösung des Atomstreits&lt;br /&gt;&lt;em&gt;USA bestehen auf IAEO-Inspektionen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ein neues militärisches Gleichgewicht? Die Verhinderung regionaler Konflikte in den Entwicklungsländern &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Warwick J. McKibbin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Direktor der amerikanischen Zentralbank skizziert Probleme von Wirtschaftsprognosen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Alan Greenspan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Ansturm auf die Märkte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Christopher McIntosh&lt;/em&gt;</text>
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