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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

10. August 1994

31

AUSSENPOLITIK

CHRISTOPHER SIEHT "ÄUSSERST ERNSTE
VERHANDLUNGEN" IM NAHEN OSTEN
VORAUS
Radiointerview des Außenministers

MENSCHENRECHTE

HELSINKI-MENSCHENRECHTSTAG 1994
Proklamation des Präsidenten

NICHTVERBREITUNG

USA STREBEN UNIVERSELLE BEFOLGUNG
DES VERTRAGS ÜBER DAS VERBOT VON
ATOMVERSUCHEN AN
Ansprache von ACDA-Direktor Holum

NÄCHSTER SCHRITT FÜR UKRAINE IST
BEITRITT ZUM NICHTVERBREITUNGSVERTRAG
Erklärung von Staatssekretärin Davis

OSTEUROPA

KONZENTRATION AUF OFFENE
GESELLSCHAFTEN IN OSTEUROPA
ERFORDERLICH
Anhörung von George Soros

LANDESKUNDE

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

IM TAL DER SONNE
von Maggie Wilson

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK
10. August 1994

CHRISTOPHER SIEHT "ÄUSSERST ERNSTE
VERHANDLUNGEN" IM NAHEN OSTEN VORAUS
Radiointerview des Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Christopher zufolge ist es sein Eindruck, daß zwischen Israel und Syrien
"äußerst ernste Verhandlungen" für Frieden im Nahen Osten geführt und "Fortschritte erzielt werden können":
In einem Radiointerview am 4. August 1994 vor seiner erneuten Nahostreise stellte der Außenminister fest:
"Ich würde nicht fahren, wenn ich nicht vom Zweck der Reise überzeugt wäre... Wir erleichtern den
Verhandlungsprozeß jetzt vornehmlich, indem wir Nachrichten zwischen den Parteien übermitteln."
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview des Außenministers.

Christopher:
Ich wollte am Vorabend meiner
nächsten Nahostreise kurz mit Ihnen sprechen. Ich
werde morgen abreisen. Bei dem ersten Aufenthalt
in Kairo werde ich mit Präsident Mubarak zusammentreffen. Er hat seit meinem letzten Aufenthalt in
der Region sowohl mit Ministerpräsident Rabin als
auch mit Präsident Assad Gespräche geführt.
Ägypten hat im Zusammenhang mit dem Friedensprozeß eine herausragende und äußerst wichtige
Rolle gespielt, insofern werde ich mich mit ihm
austauschen um herauszufinden, ob er neue Einblicke gewonnen hat, wie auf der syrischen Gesprächsschiene Fortschritte erzielt werden können.
Meines Erachtens ist ein Hauptzweck der Reise, die
Washingtoner Erklärung zwischen Jordanien und
Israel voranzubringen. Wie Sie sich erinnern werden, forderte die Erklärung Grenzübergänge, Telefon- und Telegraphendienste sowie andere Gemeinschaftsunternehmen, und ich hoffe, wir werden
einige davon während meines Aufenthaltes einweihen.

gehend interpretieren, daß Sie keine ernsten Verhandlungen oder Konzessionen zwischen Israel und
Syrien - oder zumindest in dieser Phase - erwarten?
Antwort: Es wird äußerst ernste Verhandlungen
geben. Die Parteien befassen sich mit einigen sehr
schwierigen Fragen, und ich mache einen Unterschied zwischen ernsten Verhandlungen und öffentlichen Erklärungen. Sie ringen mit den hartnäckigsten
Problemen. Mein Eindruck ist, daß Fortschritte erzielt
werden können. Ich würde nicht fahren, wenn ich
nicht vom Zweck der Reise überzeugt wäre.
Im Hinblick auf die israelisch-syrische Gesprächsschiene ist dies eine äußerst wichtige Zeit. Ich
möchte andeuten, daß wir wahrscheinlich keinen
substantiellen Durchbruch erzielen werden, der
bekanntgegeben werden kann, aber wir machen auch
hier Zug um Zug Fortschritte.

Es wird eine relativ kurze Reise sein. Ich hoffe, in
fünf oder sechs Tagen wieder in den Vereinigten
Staaten zu sein.

In den vergangenen Tagen wurde in der Öffentlichkeit
ausführlich über den Nahen Osten berichtet, und ich
möchte drei Aspekte in bezug auf Syrien hervorheben. Erstens die Tatsache, daß das syrische Fernsehen die Feierstunde aus Anlaß der Washingtoner
Erklärung übertragen hat. Das war ziemlich ungewöhnlich und setzte eine Zeichen für die syrische
Öffentlichkeit und nicht zuletzt die anderen Länder in
der Region, daß Syrien die Washingtoner Erklärung
nicht ablehnt und sie in keiner Weise verhindern
wollte.

Frage: Herr Außenminister, Ihr Sprecher scheint
diese Reise etwas herunterzuspielen. Er erklärte, er
erwarte keinen Durchbruch. Können wir das dahin-

Zweitens zeigten die Zeitungen in Syrien auf der
Titelseite Bilder von Ministerpräsident Rabin und
König Hussein, wie sie Seite an Seite standen und

Dann werde ich in Jerusalem Gespräche über Syrien
führen und vielleicht ein-, zweimal zwischen Jerusalem und Damaskus hin- und herreisen.

AMERIKA DIENST 31

Seite 1

�zusammen arbeiteten, und meines Erachtens ist dies
eine ziemlich bedeutende Tatsache.
Und schließlich hielt Präsident Assad eine Rede am
Tag des Heeres, in der er mit Würde über den
Frieden sprach, und ich glaube, er war in höchst
optimistischer Stimmung über die Aussicht von
Verhandlungen im Nahen Osten.
Diese Ereignisse belegen, wie weit wir gehen
müssen. Gleichzeitig deuten sie an, daß sich
wirklich etwas bewegt, denn all dies hätte zu einem
früheren Zeitpunkt nicht in Syrien geschehen können, und für mich ist es ein Zeichen von Assad, daß
er die Aussicht auf Frieden ernsthaft verfolgt.
Frage: Herr Außenminister, können Sie uns eine
Idee vermitteln, was die Vereinigten Staaten im
einzelnen tun können, um diese Verhandlungen
voranzutreiben?
Was können die Vereinigten
Staaten anbieten?
Antwort: Wir erleichtern den Verhandlungsprozeß
jetzt vornehmlich, indem wir Nachrichten zwischen
den Parteien übermitteln und ihnen dabei behilflich
sind, das Terrain für ein Abkommen zu sondieren.
Die Probleme sind schwierig und miteinander
verknüpft. Es geht um die Frage, was eine Normalisierung und was Frieden konstituiert, wie der Abzug
erfolgen soll und welche Sicherheitsmaßnahmen
erforderlich sind. Meiner Ansicht nach können die
Vereinigten Staaten eine Rolle spielen, indem sie
den Parteien beim Eruieren der Möglichkeiten und
Kombinationen für die einzelnen Elemente des
Friedens helfen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die Parteien nicht
zu direkten Gesprächen auf der Ebene der Staatsund Regierungschefs bereit und haben mich gebeten, diese Rolle zu übernehmen. Es ist eine unterstützende Rolle, aber die Vereinigten Staaten
bringen dabei auch die Erfahrungen mit früheren
Friedensverhandlungen ein, Pattsituationen zwischen
den Parteien zu durchbrechen, einen Stillstand zu
beenden und den Prozeß voranzubringen.
Frage: Herr Minister, als Sie vor einigen Tagen hier
auf dem Capitol Hill waren, brachten Sie große
Besorgnis über internationalen Terrorismus, die
jüngsten Bombenanschläge und so weiter zum
Ausdruck. Wirft die Präsenz der Hisbollah einen
Schatten auf Ihren Besuch in Damaskus? Ich weiß,
daß Sie diese Fragen trennen wollen. Wird das
Thema in irgendeiner Weise angesprochen? Wird
es die Gespräche präjudizieren?
Antwort: Ich glaube nicht, daß es die Gespräche
präjudizieren wird, aber ich werde dieselbe Besorg-

Seite 2

nis äußern wie auf dem Capitol Hill über das Verhalten der Hisbollah und die Notwendigkeit, die Hisbollah von Terroranschlägen abzuhalten, nicht nur in der
Region, sondern auf der ganzen Welt. Und ich
werde versuchen, die Zusammenarbeit der Syrer zu
gewinnen um sicherzustellen, daß dieses Phänomen
sich nicht wiederholt.
Zweifelsohne gibt es eine Möglichkeit, ihre Zusammenarbeit und ihren Einfluß zu gewinnen, obwohl ich
in keiner Weise die Taten der Hisbollah den Syrern
direkt zuschreiben möchte.
Frage: Die New York Times legte heute morgen den
Schluß nahe, innerhalb der Administration gebe es
Differenzen bezüglich Haiti und einer eventuellen
Frist für eine Invasion, wie es den Berichten der
Times zufolge Strobe Talbott wünscht oder wozu
Verteidigungsminister Perry nicht geneigt ist. Können
Sie die Berichte der Times bestätigen...
Antwort: Diese Geschichte ist ziemlich weit hergeholt. Ich werde nicht auf Einzelheiten des Berichts
eingehen, weil damit niemandem gedient wäre - vor
allem nicht uns - und ihnen telegraphieren oder faxen
oder andeuten, wie unser Zeitrahmen aussieht.
Ich möchte feststellen, daß es ein hohes Maß an
Übereinstimmung zwischen den Mitgliedern der
Administration zu den grundlegenden Fakten gibt.
Erstens, die unrechtmäßige Regierung - die Militärregierung - sollte gehen und zweitens sollten wir uns
die Option zum Einsatz militärischer Gewalt erhalten,
sie auszuschließen oder zum Verlassen des Landes
zu zwingen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt verfolgen wir die
Strategie, durch Sanktionen und auf andere Weise
zusätzlichen Druck auf sie auszuüben, damit sie das
Land verlassen. Ich möchte jedoch das hohe Maß
an Übereinstimmung bei Themen betonen, die der
Präsident gestern abend bei seiner Pressekonferenz
angesprochen hat.
Frage: Ist es überhaupt eine Option für die Vereinigten Staaten, ihren Abzug vielleicht durch die
Einrichtung sicherer Korridore, die Garantie von
Schutzzonen und vielleicht sogar materielle Anreize
zu erleichtern?
Antwort: Wie ich bereits erwähnt habe, möchte ich
nicht im einzelnen darauf eingehen, was getan
werden könnte.
Unseres Erachtens sollten sie
unverzüglich das Land verlassen, und sie sollten dies
tun, weil es das Richtige für sie ist. Sie haben dem
in dem auf Governors Island erzielten Abkommen
zugestimmt, insofern haben sie im Augenblick ihr
Versprechen gebrochen, und wir ermutigen sie zur

AMERIKA DIENST 31

�Einhaltung der im Abkommen von Governors Island
gemachten Zusagen. Sie wissen, was sie tun
müssen, und wir denken, sie müßten dies tun.
Zur Lage auf Haiti möchte ich die Bedeutung der
Insel vom Standpunkt der Hemisphäre aus hervorheben. Hierbei handelt es sich um ein hemisphärisches Problem, nicht nur ein Problem der Vereinigten Staaten. Die Länder in der Region sind von dem
Vorgehen der illegalen Regierung betroffen, und es
schafft einen äußerst schlechten Präzedenzfall in der
Hemisphäre, wenn eine Militärmaschinerie eine
gewachsene Demokratie stürzen kann.
Wir haben das Glück, zur Zeit nur zwei diktatorische
Regime in der Hemisphäre zu haben: das eine auf
Haiti und das andere auf Kuba. Aber gleichzeitig
gibt es eine Reihe ziemlich instabiler Demokratien in
der Hemisphäre, und wenn wir nichts gegen den
Präzedenzfall unternehmen, daß das Militär eine
Demokratie stürzen kann, so ist dies aus meiner
Sicht ein äußerst destabilisierender Faktor.
Ich möchte hier also die hemisphärische Bedeutung
des Problems unterstreichen. Ich bin sicher, andere
Nationen in der Region sind sich dessen bewußt,
denn sie haben mit uns bei der Bewältigung der
Migration zusammengearbeitet und Zusammenarbeit
bei der Zusammenstellung der UN-Truppen angeboten, die zur Sicherstellung von Recht und Ordnung
nach dem Abzug der unrechtmäßigen Regierung
nach Haiti entsandt werden sollen.
Frage: Herr Außenminister, Verteidigungsminister
Perry war heute auf dem Capitol Hill und sagte unter
anderem, die von uns kürzlich verhängten wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen hätten sehr
geringe Auswirkungen auf das Militärregime und die
Elite, wobei wir gehofft hatten, der gewünschte Effekt
würde gerade diese Gruppe treffen.
Wie lange wollen die Vereinigten Staaten warten,
bevor sie weitere Maßnahmen ergreifen?
Antwort: Ich denke, wir setzen keinen bestimmten
Zeitrahmen fest. Wir werden weiterhin diesen Druck
ausüben, solange er unseres Erachtens effektiv ist.
Ich möchte betonen, daß die Sanktionen zunehmende Auswirkungen haben. Wir unternehmen Schritte,
um die Schließung der Grenze zwischen der Dominikanischen Republik und Haiti sicherzustellen. Wie
Sie wissen, wurde die Grenze aus der Luft mit
Hubschraubern überwacht und Grenzbeobachter
werden in das Gebiet entsandt.
Aus meiner Sicht beginnen die Sanktionen Auswirkungen auf die Oberschicht zu zeigen, die das
Militärregime unterstützt.

AMERIKA DIENST 31

Wir alle haben das Gefühl, die Sanktionen waren
nicht so effektiv wie wir gehofft hatten, aber sie sind
es trotzdem wert, weil sie erst vor kurzem eingeführt
wurden und weiterhin Druck ausüben.
Der letzte Linienflug ging vor wenigen Tagen, und die
Elite auf Haiti beginnt erst jetzt zu spüren, was es
heißt, das Land nicht verlassen zu können.
Frage: Herr Außenminister, zwei Fragen zu Haiti.
Sie beschreiben es als hemisphärisches Problem,
aber dennoch haben viele andere Länder in der
Hemisphäre eindeutig ihre Ablehnung des Einsatzes
von Gewalt signalisiert.
Steht die Administration in Verbindung zu Ländern
wie Mexiko, um sie zu einem Sinneswandel zu
bewegen, oder akzeptieren Sie diese Position und
versuchen, mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten?
Antwort: Wir arbeiten mit allen Ländern in der
Hemisphäre zusammen.
Meiner Ansicht nach
besteht das einhellige Gefühl, daß die Militärregierung abziehen muß. Über die technischen Aspekte
zur Verwirklichung dieses Ziels mag man sich nicht
vollständig einig sein, Tatsache ist jedoch, daß der
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit überwältigender Mehrheit, keiner Neinstimme und nur zwei
Enthaltungen der Resolution zugestimmt hat, die
besagte, zum Sturz des Militärregimes sollten alle
erforderlichen Mittel eingesetzt werden. Dies ist der
beste Indikator für internationale Unterstützung.
Darüber hinaus haben wir von anderen Nationen in
der Hemisphäre Unterstützung bei der Einrichtung
von Schutzzonen für die Migranten erhalten - dieses
Ergebnis ist ein weiteres Anzeichen für Solidarität in
der Hemisphäre bei dieser Frage.
Wir werden die anderen Länder in der Hemisphäre
weiterhin unterrichten. Ich werde nach wie vor
versuchen, sie vom Einsatz der besten Techniken zu
unterrichten, und ich möchte nochmals betonen, daß
der beste Indikator für internationales Zusammenstehen hier die überwältigende Mehrheit bei der
Abstimmung im Sicherheitsrat über eine Resolution
für alle erforderlichen Mittel zum Sturz des Militärregimes ist.
Frage: Herr Außenminister, wie lauten die Pläne der
Administration bezüglich des Waffenembargos in
Bosnien, und wie stehen die Chancen, daß Sie Ihren
Besuch ausdehnen und sich mit Bosnien befassen,
während Sie sozusagen in diesem Teil der Welt sind?
Antwort: Ich war vor weniger als einer Woche in
Europa, um mit den Ministern der Kontaktgruppe

Seite 3

�zusammenzutreffen, und wir haben damals eine
Reihe von Schritten unternommen, die - so hoffen
wir - die bosnischen Serben von der Annahme des
Plans der Kontaktgruppe überzeugen werden. Wir
vereinbarten die Einführung einer Resolution über
schärfere Sanktionen im Sicherheitsrat der Vereinten
Nationen, und dies wird binnen einer Woche nach
dem Treffen der Fall sein.
Wir stimmten überein, daß Maßnahmen ergriffen
würden, mit denen wir eine striktere Durchsetzung
der Schutzzone vornehmen könnten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt versuchen wir, zusätzlichen Druck
auf die bosnischen Serben auszuüben.
Die serbische Regierung selbst scheint sich diesem
Druck anzuschließen. Wir müssen auf ihre Taten
achten, nicht ihre Worte, aber Milosevic hat seinen
Wunsch angedeutet, Druck auf die bosnischen
Serben auszuüben, und wenn dieser Druck effektiv
wirksam wird, könnte dies meines Erachtens ein
wichtiger Aspekt sein.
Wenn die bosnischen Serben nach Verstreichen
eines angemessenen Zeitraums den Friedensplan
nicht akzeptieren und wir das Gefühl bekommen,
diese Möglichkeit ausgeschöpft zu haben, scheint es
meines Erachtens ganz natürlich, andere Mittel zu
ergreifen. Wie Sie von dem Genfer Abkommen der
Minister der Kontaktgruppe wissen, wird eine multilaterale Aufhebung des Waffenembargos durch den
Sicherheitsrat die nächste, in Betracht zu ziehende
Option darstellen. Meiner Ansicht sind einige der
Vorbereitungen zur strengeren Durchsetzung der
Schutzzonen gleichzeitig Vorbereitungen für eine
multilaterale Aufhebung des Waffenembargos.

Diese Verhandlungen können so lange fortgeführt
werden, wie das Nuklearprogramm Nordkoreas
eingefroren bleibt. Daher besteht meiner Meinung
nach die Aussicht auf eine Lösung der Frage auf
diesem Weg.
Während der ersten Verhandlungstage, vor dem Tod
Kim Il-Sungs und der daraus resultierenden Aussetzung der Verhandlungen, gab es eindeutige
Hinweise von Seiten der Nordkoreaner darauf, daß ihr
größtes Interesse einem Leichtwasserreaktor als
Ersatz für den Graphitreaktor gilt. Vom Nichtverbreitungsstandpunkt aus gesehen ist es von Bedeutung, daß ein Leichtwasserreaktor viel weniger
gefährlich und die Produktion von Plutonium viel
unwahrscheinlicher ist.
Wir möchten bei diesem Vorhaben also gerne weiter
zusammenarbeiten. Botschafter Gallucci hat diese
Interimszeit - während der Bestattungsfeierlichkeiten
- dazu genutzt, unsere Hauptverbündeten und
wichtigsten Freunde - Südkorea, Japan, China und
Rußland - über dieses Thema zu informieren und mit
ihnen die Bereitstellung eines Leichtwasserreaktors
zu erörtern. Somit sind wir im Hinblick auf die uns zu
diesem Thema zur Verfügung stehenden Informationen wesentlich besser vorbereitet. Wir können
dieses Vorhaben meiner Meinung nach verfolgen,
wenn wir alle Ziele mit Nordkorea erreichen wollen,
und die Nordkoreaner haben dies in Aussicht gestellt.
Frage: Ein verwandtes Thema: Hatten die Vereinigten Staaten Erfolg bei ihrer Suche nach einer
Nation, die Abnehmer der dort lagernden Brennstäbe
sein könnte?

Dies liegt also definitiv im Bereich der Möglichkeiten,
wir wollen jedoch sehen, ob wir nicht eine Annahme
des Plans der Kontaktgrupe durch die bosnischen
Serben erzielen können, bevor wir uns den anderen
Optionen zuwenden.

Antwort: Meiner Ansicht nach ist das nicht das
Problem. Wir werden einen solchen Staat finden.
Das Wichtigste ist, die Zustimmung der Nordkoreaner
dazu zu erhalten, die Brennstäbe in ein anderes Land
zu verlagern. Das ist ein essentieller Bestandteil der
Verhandlungen.

Frage:
Herr Außenminister, die Nordkoreaner
verleihen derzeit ihrem Wunsch nach einem Leichtwasserreaktor Ausdruck.
Sind die Vereinigten
Staaten jetzt eher bereit, diese Abkehr von einem
Graphitreaktor zu unterstützen?

Ich halte die Lagerstätte nicht für die Hauptfrage.
Das Schwierigste ist, die Nordkoreaner davon zu
überzeugen, daß es in ihrem Interesse liegt, ihre
Nichtverbreitungsverpflichtungen zu befolgen, diese
Brennstäbe in ein anderes Land zu bringen.

Antwort: Um dies in den richtigen Zusammenhang
zu rücken: Wie Sie wissen, werden morgen in Genf
die Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea über die Nukleartrage wiederaufgenommmen. Ich halte es für eine gute Nachricht, daß der neue nordkoreanische Staatschef, Kim
Jong-Il, seinen Wunsch nach Fortsetzung dieser
Verhandlungen zu Erkennen gegeben hat.

Frage: Haben Sie jetzt ein besseres Gefühl für das,
was in Nordkorea geschieht? Nach dem Tod des
Präsidenten war es ja eine Art "Terra incognita". Ist
das jetzt weniger der Fall? Oder werden wir das in
Genf herausfinden?

Seite 4

Antwort: Die dortigen Anzeichen für Stabilität sind
zur Zeit relativ gut. Die Tatsache, daß sie die Genfer
Gespräche fortsetzen wollen und sich hierbei genau

AMERIKA DIENST 31

�an den vorgegebenen Zeitplan halten, ist ein gutes
Zeichen. Daher sehe ich zur Zeit in Nordkorea
relative Stabilität, was uns eine Fortsetzung dieser
Verhandlungen gestattet.
Nicht so ermutigend ist die Einstellung Nordkoreas
gegenüber einem Gipfeltreffen mit Südkorea. Ich
hoffe, daß sich im Lauf der Zeit und im Zuge der
weiteren Stabilisierung in Nordkorea das Interesse
dieses Landes an solchen hochrangigen Verhandlungen wiedereinstellt, da dies ein wichtiger Teil des
allgemeinen Pakets ist.
Frage: Herr Außenminister, um noch einmal auf
Ihre Reise in den Nahen Osten zurückzukommen:
Die Israelis haben heute vermeintliche Guerilla-Ziele
im Südlibanon bombardiert. Wird das Ihre Mission
erschweren? Handelte es sich hier um eine Botschaft oder nur um einen Zufall am Vorabend Ihres
Besuchs?
Frage: Wie Sie wissen, wird im südlichen Teil des
Libanon ein langanhaltender Kampf zwischen der
israelischen Verteidigungstruppe und der Hisbollah
geführt. Es ist seit langem ein Gebiet beständiger
Spannungen.
Mir ist klar, daß bei den Aktionen der israelischen
Verteidigungstruppe etwas schief lief, da in einem
der Dörfer mehrere Zivilisten getötet wurden. Bevor
ich hier eintraf, wurde mir mitgeteilt, daß die israelische Verteidigungstruppe sich für den dabei verursachten Tod von Zivilisten entschuldigt hat.
Obwohl im Nahen Osten große Fortschritte erzielt
wurden, finden immer noch Zwischenfälle statt. Es
gibt immer noch viele Feinde des Friedens, und die
Situation ist noch sehr gefährlich. Ich bin nicht der
Ansicht, daß gerade dieser Vorfall meine Reise
anders gestaltet. Es scheint immer Vorfälle zu
geben - positive und negative. Ich hoffe, daß wir auf
diesem Rad zwischen Israel und dem Libanon
Fortschritte erzielen können, damit es in Zukunft
keine derartigen Vorfälle mehr gibt.
Frage: Was China betrifft, wird von Menschenrechtsgruppen geäußert, daß sich die Menschenrechtsverletzungen in China seit der Verlängerung
der Meistbegünstigungsklausel faktisch erhöht
haben. Teilen Sie diese Einschätzung? Und was
unternehmen Sie jetzt, wo Sie nicht länger die
Meistbegünstigungsklausel als Druckmittel haben?
Antwort: Wie Sie wissen, haben wir die Menschenrechtssituation in China nie für sehr gut gehalten.
Wir können nicht die Art von Fortschritten beobachten, die in der vom Präsidenten vor einem Jahr
gemachten Erklärung gefordert wurden. Es ist für

AMERIKA DIENST 31

uns nicht überraschend, daß sich die Menschenrechtsverletzungen fortsetzen. Wir benutzen verschiedene andere Techniken, um die Aufmerksamkeit
auf diese Verletzungen zu lenken, und werden das
auch in Zukunft tun.
Diese Argumente haben wir schon vorher angebracht: China wird erst wieder in der internationalen
Staatengemeinschaft wirklich willkommen geheißen,
wenn es die internationalen Menschenrechtsnormen
befolgt. Wir werden diese Argumente weiterhin
anbringen und verschiedene bilaterale Werkzeuge
einsetzen, um bei den Chinesen darauf zu dringen.
Frage: Herr Außenminister, das Büro von Senator
Kennedy gab bekannt, Kanada habe die Kapitäne
von zwei Fischerbooten freigelassen, die Boote
würden jedoch noch von den Kanadiern einbehalten.
Wie sieht die Lage dort aus?
Antwort: Ich habe gelernt, keinen Kommentar zu
Angelegenheiten abzugeben, über die ich nicht voll
informiert bin. Und in dieser Frage bin ich nicht auf
dem neuesten Stand.
Frage: Zurück zum Nahen Osten. Jassir Arafat hat
sich seit Ihrem letzten Besuch über Verschiedenes
beklagt, beispielsweise über die Notwendigkeit,
bestimmte Dinge wie Fragen der Rechnungsprüfung
zu regeln - Buch zu führen, Quittungen auszugeben
und Ähnliches.
Was haben Sie seit Ihrem Besuch über von der PLO
auf diesem Gebiet unternommene Schritte gehört?
Der andere Kritikpunkt bezieht sich offensichtlich auf
die Erklärung, auf die in bezug auf die Heiligen
Stätten in Jerusalem für König Hussein vorgesehene
Sonderrolle. Ging man das Risiko ein, Arafat und
Hussein in der Mitte dieses laufenden Prozesses
gegeneinander auszuspielen?
Antwort: Zur ersten Frage: Wir haben bei der PLO
darauf gedrängt, das für den Erhalt verfügbarer
internationaler Mittel Erforderliche zu tun. Sie benötigt gewisse Dokumente und Quittungen, um Zugang
zu den bereitliegenden Geldern zu bekommen.
Ich hoffe, die PLO und die Palästinenser haben
erkannt, daß dies notwendig ist. Das ist einer der
Punkte, die ich dort angeführt habe - das internationale System erfordert einfach Ordnung und Dokumentation. Ich habe den PLO-Vorsitzenden Arafat
dazu aufgefordert, das System nicht zu bekämpfen,
sondern ihm zu entsprechen.
Mir scheint, daß dafür jetzt größeres Verständnis da
ist und das im Laufe eines Prozesses geschehen

Seite 5

�kann. Wir arbeiten weiter auf diesem Gebiet. Das
Kapitel ist noch keineswegs abgeschlossen. Den
Palästinensern im Gaza-Streifen wurden noch
zusätzliche Fonds zur Verfügung gestellt, es ist
jedoch ein Problem, zu dessen Lösung die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende
unternehmen werden.
Die Ironie all dessen liegt jedoch darin, daß der PLO
beträchtliche Gelder der Weltbank und anderer
internationaler Institutionen sowie einzelner Länder
zur Verfügung gestellt werden können, wenn diese
nur einen entsprechenden Antrag stellt und die für
den Erhalt der Mittel notwendigen Dokumente
vorlegt.
Vor meiner Abreise werde ich den anderen Staaten,
die bilaterale Fonds bereitgestellt haben, eine Nachricht senden und sie dazu ermutigen, weiterhin Mittel
und Wege zu suchen um sicherzustellen, daß wir die
erforderlichen Papiere und Quittungen erhalten und
sie tatsächlich den Palästinensern bei der Suche
nach den erforderlichen Techniken behilflich sind,
damit sie uns die Dokumente geben können.
Wir haben ungefähr zwei Drittel der Fonds, die wir
zur Verfügung stellen wollten, ausgezahlt, weil wir
Wege gefunden haben, um der Bürokratie zu entgehen.
Frage: Herr Außenminister, Sie haben angesprochen, daß sie einige der Grenzübergänge zwischen
Jordanien und Israel eröffnen wollen. Könnten Sie
dazu vielleicht noch mehr Einzelheiten geben?
Schließt das auch Akaba und Eilat ein?
Antwort: Ich werde das bekanntgeben, wenn ich in
der Region bin und die anderen Parteien Erklärungen abgeben. Das war eines der Dinge, die in der
Erklärung gefordert wurden. Ich hoffe, daß wir
während meines Besuchs in der Region etwas
unternehmen können, um die Erklärung mit mehr
Inhalt zu füllen, aber das kann erst geschehen, wenn
ich dort bin.
Frage: Herr Außenminister, ich würde gerne eine
Frage bezüglich unserer Beziehungen zu Rußland
stellen. Es gab Hinweise darauf, es sei eine Art
Quidproquo zwischen der Zustimmung Rußlands zur
UNO-Resolution, die zu einer potentiellen Invasion
Haitis unter Führung der Vereinigten Staaten ermächtigt, und der Resolution, die den Russen eine
Hauptrolle bei der Friedenssicherung in Georgien
einräumt.
Könnten Sie a) bitte hierzu etwas sagen und b) uns
mitteilen, ob es irgendeine Veränderung der ameri-

Seite 6

kanischen Politik gegenüber dem gibt, was die
Russen ihr "nahes Ausland" nennen?
Antwort: Erstens möchte ich darauf hinweisen, daß
die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Rußland auf Arbeitsebene gut sind. Wir setzen
Elemente unserer Partnerschaft auf sehr effektive
Weise um.
Beispielsweise hat das Gespräch zwischen den
Präsidenten Clinton und Jelzin dazu beigetragen, daß
wir den rechtzeitigen Rückzug der Russen aus
Estland vor dem Auslaufen der Frist am 31. August
sicherstellen konnten.
Die Beziehungen zwischen Außenminister Kosyrew
und mir waren sehr nützlich bei dem Gefühl der
Übereinstimmung im Zusammenhang mit der bosnischen Frage, das wir in Genf hatten.
Es besteht kein direkter Zusammenhang zwischen
der Unterstützung Rußlands für die Resolution zu
Haiti und unserer Unterstützung der früheren Resolution im Hinblick auf Georgien. Die Resolution zu
Georgien wurde zwei bis drei Wochen vor der Resolution zu Haiti angenommen und war ganz anderer
Art. Sie forderte eine Erhöhung der Zahl der UNOBeobachter in Georgien, während die Resolution zu
Haiti sich auf die mindestens einjährige Erfahrung
stützte, die der UN-Sicherheitsrat mit dem Problem
Haiti gesammelt hat, angefangen mit dem Abkommen
von Governors Island vom vergangenen Jahr.
Obwohl beide Angelegenheiten den Vereinten Nationen vorliegen und beide in jüngster Zeit erörtert
wurden, gibt es zwischen ihnen keine direkte Beziehung.
Wir stehen mit den Russen wegen einer Vielzahl von
Themen in ständiger Verbindung. Die Tatsache, daß
wir in bestimmten Punkten Einigkeit erzielen, sollte
nicht als eine Form des Tauschhandels betrachtet
werden, sondern als Spiegelbild einer neuen Ära, in
der wir leben, sowie der Partnerschaft, die wir unterhalten. Wir stimmen nicht in jeder Frage überein.
Wir werden bei einigen Fragen natürliche Meinungsverschiedenheiten haben. Die neuen Beziehungen
zu Rußland reflektieren die Tatsache, daß wir die
Reform und die Reformer in Rußland unterstützt
haben und - ebenso wie sie - die Bedeutung einer
stabilen und positiven Beziehung zwischen zwei
Mächten anerkennen, die über ein großes Arsenal
von Atomwaffen verfügen.
Frage: An welchem Punkt befinden sich unsere
Handelsgespräche mit Japan und unsere Beziehungen zu der neuen Regierung?

AMERIKA DIENST 31

�Antwort: Wir befinden uns meines Erachtens in
einem wichtigen Übergangsstadium.
Wie Sie
wissen, hat unser Handelsbeauftragter Mickey
Kantor die Japaner darüber informiert, daß wir Ende
September Sanktionen verhängen werden, wenn sie
nicht auf bestimmten Gebieten unseres Handels mit
ihnen Maßnahmen ergreifen.

net, wir müssen jedoch noch unsere Wirtschaftsbeziehungen verbessern. Es wird ein Test für die
neue Koalitionsregierung unter Ministerpräsident
Murayama sein, ob sie auf wirtschaftlichem Gebiet
Fortschritte machen kann, damit sie den äußerst
stabilen Beziehungen auf anderen Gebieten entsprechen.

Ich spreche hier von einem Übergangsstadium, weil
wir es mit einer Regierung zu tun haben, für die
dieses Problem neu ist - die Koalition zwischen
Sozialisten und der ehemals stärksten Partei. Wir
werden uns erstmals mit dieser Frage befassen.

Keiner von uns befürwortet eine Verhängung von
Sanktionen. Wir würden viel lieber Fortschritte in
diesem Bereich beobachten. Dennoch sahen wir uns
aufgrund unserer Gesetze und angesichts unserer
Beziehungen zu Japan gezwungen, eine entsprechende Mitteilung zu machen. Während dieser
60tägigen Frist werden wir mit den Japanern zusammenarbeiten um zu prüfen, ob wir nicht genug
Fortschritte machen können, damit die Verhängung
von Sanktionen überflüssig wird.

Wir streben positive Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu Japan an. Das Land ist für uns ein
wichtiger Verbündeter. Unsere politischen und
sicherheitspolitischen Beziehungen sind ausgezeich-

* *

AMERIKA DIENST 31

*

*

Seite 7

�MENSCHENRECHTE
10. August 1994

HELSINKI-MENSCHENRECHTSTAG 1994
Proklamation des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Indem er den 1. August 1994 zum Helsinki-Menschenrechtstag erklärte, stellte
Präsident Clinton fest, die Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr 1975 "ist eine grundlegende Erklärung der
Freiheit - ein Symbol und eine Warnung an alle, die sich vom Licht der Demokratie abwenden würden".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Proklamation.

Seit über 20 Jahren war die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) ein
wichtiges Forum beim andauernden Kampf der
Menschheit um die Definition und Verteidigung der
Menschenrechte. Die Schlußakte von Helsinki aus
dem Jahr 1975 verpflichtete die Vereinigten Staaten,
Kanada und 33 europäische Staaten zur Respektierung "der Meinungs-, Religions- und Überzeugungsfreiheit für alle, ohne Unterscheidung nach Rasse,
Geschlecht, Sprache oder Religion". Sie ist eine
grundlegende Erklärung der Freiheit - ein Symbol
und eine Warnung an alle, die sich vom Licht der

Demokratie abwenden würden.
Als der Westen die Staaten des Ostblocks aufforderte, ihre KSZE-Menschenrechtsverpflichtungen
während des Kalten Krieges einzuhalten, spielte die
Unterstützung der KSZE-Mitgliedstaaten für diese
Ideale eine zentrale Rolle. In jüngster Zeit haben
das Ende des Kalten Krieges sowie die sich in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion vollziehenden dramatischen politischen Veränderungen
der KSZE die Erweiterung und Stärkung ihres
Mandats gestattet. Die Charta von Paris aus dem
Jahr 1990 ergänzte die bestehenden KSZE-Prinzipien und bezog neue Verpflichtungen zu politischem
Pluralismus, wirtschaftlicher Freiheit und Rechtsstaatlichkeit ein. Das Helsinki-Gipfeltreffen von 1992
unterstrich, daß "der Schutz und die Förderung von
Menschenrechten und Grundfreiheiten sowie die
Stärkung demokratischer Institutionen weiterhin die
unabdingbare Grundlage" für umfassende Sicherheit
bilden. Heute ist die gemeinsame Entschlossenheit
der KSZE-Mitgliedstaaten zur Aufrechterhaltung
dieser essentiellen Werte weiterhin das Schlüsselelement der europäischen Sicherheit.
Während die KSZE-Mitgliedstaaten die Verwirklichung der Helsinki-Prinzipien anstreben, erinnern

AMERIKA DIENST 31

gewalttätige Konflikte auf der ganzen Welt uns daran,
daß viele aus der totalitären Herrschaft hervorgehende Gesellschaften noch einen weiten Weg zu internationalen Normen der humanitären Demokratie
zurücklegen müssen.
Ethnische Spannungen,
Bürgerkriege und Menschenrechtsverletzungen sind
in einigen der vor kurzem aufgenommenen KSZENationen immer noch an der Tagesordnung. Die
Vereinigten Staaten stehen unerschütterlich zu ihrer
Verpflichtung zur vollständigen Umsetzung der in den
Vereinbarungen von Helsinki verankerten Menschenrechte und humanitären Regelungen, und ich fordere
alle Signatarstaaten auf, zu ihrem Versprechen zu
stehen, die Menschenrechte zu schützen, friedliche
Lösungen für Konflikte zu suchen und ihre im Rahmen der Schlußakte von Helsinki eingegangenen
Verpflichtungen uneingeschränkt einzuhalten.
Die internationale Sicherheit hängt wie nie zuvor von
der Achtung der Rechte des einzelnen und der
demokratischen Prinzipien der Regierung ab. Während wir uns der Größenordnung der Helsinki-Vereinbarungen in der Geschichte der Nationen bewußt
sind, bekräftigen wir unser Engagement zur Förderung ihrer zeitlosen Weisheit. Der wachsame Schutz
dieser Grundfreiheiten ist die beste Hoffnung der Welt
für ein Europa der wachsenden Zusammenarbeit und
des dauerhaften Friedens.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der von mir durch die Verfassung und Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, hiermit den
1. August 1994 zum Helsinki-Menschenrechtstag und
bekräftige die amerikanische Verpflichtung zur
Bewahrung der menschlichen Würde und Freiheit Prinzipien, die in der Schlußakte von Helsinki verankert sind. Während wir Amerikaner diesen Tag mit
angemessenen Programmen, Feiern und Aktivitäten

Seite 1

�begehen, wollen wir unserer mutigen Mitbürger
gedenken, die Opfer zur Sicherung der Freiheiten
gebracht haben, deren wir uns erfreuen. Lassen Sie
uns zusammenarbeiten, um die Respektierung der
Menschenrechte und demokratischen Werte auf der
ganzen Welt zu ermutigen.

Unterzeichnet am 1. Tag des August, im Jahre des
Herrn 1994 und im 219. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika,

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 31

�NICHTVERBREITUNG
10. August 1994

USA STREBEN UNIVERSELLE BEFOLGUNG DES
VERTRAGS ÜBER DAS VERBOT
VON ATOMVERSUCHEN AN
Ansprache von ACDA-Direktor Holum
GENF - (AD) - Dem Direktor des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (U.S. Arms Control and
Disarmament Agency - ACDA), John Holum, zufolge streben die Vereinigten Staaten einen Vertrag über ein
umfassendes Verbot von Atomtests an, "der zur Einstellung sämtlicher Nuklearexplosionen führt. Keine
Schwellen, keine Ausnahmen ... Und wir streben die universelle Befolgung des Vertrags an."
Bei der Genfer Abrüstungskonferenz erklärte Holum am 4. August 1994, die Entscheidung Präsident Clintons
zur Verlängerung des Atomtestmoratoriums "wägt den potentiellen Wert zusätzlicher Tests ab gegen 1. von
anderen geübte Zurückhaltung, 2. die Auswirkungen auf unsere Nichtverbreitungsziele und 3. Fortschritte bei
den hiesigen Verhandlungen über ein Testverbot".
In praktischer Hinsicht bedeute dies, daß im Falle der Vereinigten Staaten die von ihnen angestrebte zentrale
und tiefgreifende politische Entscheidung bereits getroffen wurde. Wenn die Dinge sich hier und andernorts
so entwickeln wie erhofft, wird das von den Vereinigten Staaten 1992 angenomene Atomtestmoratorium ewig
andauern."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache Direktor Holums im Wortlaut.

Die Genfer Abrüstungskonferenz (Conference on
Disarmament - CD) hat in den letzten Jahren - und
besonders seit Beginn der Sitzungsperiode im
Januar - viel erreicht.
In gewissem Sinne gehen unsere bei der Abrüstungskonferenz erzielten Fortschritte weit über das
hinaus, was wir erwarten durften und sind Zeugnis
der Leistungsfähigkeit dieser Einrichtung.
Andererseits reichen unsere jüngsten Bestrebungen
nicht aus. Die Vereinigten Staaten sind mehr denn
je dem möglichst schnellen Abschluß eines Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) verpflichtet. Niemand
von uns darf untätig bleiben - niemand darf mit den
bis heute erzielten, bemerkenswerten Fortschritten
zufrieden sein - bis die Staaten der Welt sich ein für
allemal auf die Einstellung sämtlicher Atomtests
geeinigt haben.

AMERIKA DIENST 31

Ich möchte heute die CD weder kritisieren noch über
Gebühr loben, sondern vielmehr eine Ermahnung
aussprechen.
Im Januar genoß ich das Privileg, Ihnen über das
Engagement Präsident Clintons zur Erzielung eines
"möglichst baldigen" umfassenden Atomtestverbots
zu berichten. Ein halbes Jahr später bat er mich,
erneut hierherzukommen und Ihnen mitzuteilen, daß
diese Anweisungen weiterhin umfassend wirksam
sind - und daß "möglichst bald" genau das bedeutet,
was es besagt. Es ist ganz sicher nicht eine diplomatische Floskel für "gemächliches Tempo". Es
bedeutet ganz gewiß nicht, sich die ganze Zeit zu
nehmen, die einem die amerikanischen Gesetze
zugestehen. Es heißt, sich nur die erforderliche Zeit
zu nehmen, eifrig und in gutem Glauben zu verhandeln und einen soliden Vertrag auszuarbeiten.
Das Engagement Präsident Clintons für ein Atomtestverbot erhält durch eine andere Entscheidung Glaubwürdigkeit - die Verlängerung unseres Moratoriums

Seite 1

�für Atomtests. Trotz der von China durchgeführten
Tests hat Präsident Clinton unser Moratorium bis
September 1995 um ein drittes Jahr verlängert.

großer Hilfe sein können. Wir werden daher weiterhin eng mit den anderen Atommächten zusammenarbeiten, damit diese Bestrebungen Früchte tragen.

Ich möchte Sie bitten, genau zu erwägen, was das
bedeutet.

Ich möchte besonders hervorheben, wie Botschafter
Marin Bosch, der Vorsitzende des Ad-hoc-Ausschusses für ein Verbot von Atomtests, die Arbeit des
Ausschusses beschleunigt. Die Vereinigten Staaten
unterstützen seine Bestrebungen zur Ausarbeitung
eines vollständigen Textes aus Beiträgen, die in den
Arbeitsgruppen für Verifizierung sowie rechtliche und
institutionelle Fragen unter seiner Leitung, beziehungsweise der der Botschafter Hoffmann und
Dembinski ausgearbeitet wurden. Dennoch ist viel
Zeit vergangen und es bleibt noch viel zu tun.
Erforderlich ist ein Dokument, das unserer Arbeit
mehr Zielbewußtsein und Energie verleiht. Und wir
erwarten vom Vorsitzenden des Ausschusses, daß er
das durch seine Führungsrolle herbeiführt.

Die Entscheidung des Präsidenten zur Verlängerung
des Atomtestmoratoriums wägt den potentiellen Wert
zusätzlicher Tests ab gegen 1. von anderen geübte
Zurückhaltung, 2. die Auswirkungen auf unsere
Nichtverbreitungsziele und 3. Fortschritte bei den
hiesigen Verhandlungen über ein Testverbot.
In praktischer Hinsicht bedeutet dies, daß im Falle
der Vereinigten Staaten die von vielen angestrebte
zentrale und tiefgreifende politische Entscheidung
bereits getroffen wurde. Wenn die Dinge sich hier
und andernorts so entwickeln wie erhofft, ist das von
den Vereinigten Staaten 1992 angenommene
Moratorium für Atomtests von Dauer.
Diese praktische Realität wird von der vom Präsidenten im vergangenen September vor der UN-Generalversammlung abgegebenen definitiven Erklärung
unterstrichen.
Der Präsident erklärte damals:
"Angesichts der beunruhigenden Anzeichen erneuere ich heute meinen Appell an die Atomwaffenstaaten zur Einhaltung dieses Moratoriums, während wir
ein endgültiges Verbot von Atomtests aushandeln."
Mit anderen Worten, wir sind auf die Schlußfolgerung vorbereitet, daß die Vereinigten Staaten schon
ihren letzten Atomtest durchgeführt haben - und nie
wieder Tests veranstalten.
Während wir über diese Realität nachdenken, sollten
diese Verhandlungen - sowie andere Entwicklungen,
einschließlich der Vorbereitungen für die nächstes
Jahr anberaumte Konferenz über den Nichtverbreitungsvertrag (NW) - mit verstärkter Energie und
Zielstrebigkeit verfolgt werden.
Die Vereinigten Staaten streben einen Vertrag über
ein umfassendes Verbot von Atomtests an, der zur

Einstellung sämtlicher Nuklearexplosionen führt.
Keine Schwellen, keine Ausnahmen. Und damit
meine ich nicht nur alle Explosionen, sondern alle
Staaten. Der Erfolg verlangt insbesondere die volle
Unterstützung und Beteiligung aller fünf Atomwaffenstaaten. Und wir streben die universelle Befolgung
des Vertrags an.
Natürlich tragen die Vereinigten Staaten und die
anderen im Besitz von Atomwaffen befindlichen
Staaten bei diesen Verhandlungen eine besondere
Verantwortung, und natürlich verfügen wir auch über
spezielle Erfahrungen und Wissen, die uns von

Seite 2

Als ich zum letztenmal zu Ihnen sprach, habe ich
erklärt, die Vereinigten Staaten würden diese Verhandlungen vorantreiben, anstatt sie zu verschleppen. Wir planen, auf unseren Bestrebungen zur
Umsetzung der Anweisungen des Präsidenten zu
beharren und sie sogar noch zu intensivieren.
Aus diesem Grund fordere ich die Konferenz auf, die
zur Verfügung stehende Zeit zu nutzen - selbst
außerhalb der normalen Sitzungszeit der CD - um
diese Verhandlungen voranzutreiben. Die amerikanische Delegation ist bereit zur kontinuierlichen
Arbeit im Ausschuß für ein Verbot von Atomtests und
seinen Arbeitsgruppen auch nach Ende der Sitzungsperiode am 7. September bis zur Eröffnung der
Sitzungszeit 1995, um in diesem Jahr noch vor
Beginn der Konferenz über die Ausweitung des
Nichtverbreitungsvertrags im April 1995 möglichst
große Fortschritte zu erzielen.
Bei manchen besteht eine gedankliche Verbindung
zwischen der Konferenz über die Ausweitung des
Nichtverbreitungsvertrags und Fortschritten auf
anderen Gebieten. Alle Teile der internationalen
Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung
stehen natürlich in Beziehung zueinander. Man
würde jedoch den großen Regimen oder Initiativen
einen schlechten Dienst erweisen, wenn man zwischen ihnen irgendeine Art von strengem "Quidproquo" aufstellen würde.
Der N W sollte wegen seiner enormen Verdienste für
den Weltfrieden verlängert werden. Die Zeit für den
Vertrag über ein umfassendes Verbot von Atomtests
ist gekommen. Wir sollten diese Chance ergreifen,
nicht weil sie Hand in Hand mit der Verlängerung des
N W geht, sondern weil sie die Sache wert ist.

AMERIKA DIENST 31

�Eine weitere hier in die Wege geleitete wichtige
Initiative verdient die unmittelbare Aufmerksamkeit
der Genfer Abrüstungskonferenz: Die Einstellung
der Produktion von spaltbarem Material. Eine solche
globale Konvention würde die Herstellung von spaltbarem Material für nukleare Sprengstoffe oder unter
Umgehung internationaler Sicherheitsvorschriften
verbieten. Sie könnte erstmalig die nicht von den
Sicherheitsvorschriften abgedeckten Nuklearprogramme von Nichtmitgliedsstaaten des N W einer
gewissen Zurückhaltung unterwerfen. Und sie würde
gleichermaßen die Produktion von Plutonium und
hochangereichertem Uran für Waffen in den fünf
erklärten Atomwaffenstaaten einstellen.
Präsident Clinton hat die Vereinigten Staaten in
seiner Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen im vergangenen September zu
Verhandlungen über eine solche Einstellung der
Produktion verpflichtet. Die Generalversammlung
verabschiedete daraufhin im Konsens eine Resolution mit der Empfehlung, ein solches Verbot "im
geeignetsten internationalen Forum" auszuhandeln.
Im Januar dieses Jahres reagierte die Genfer Abrüstungskonferenz, indem sie den kanadischen Botschafter Gerald Shannon als Sonderkoordinator für
Konsultationen mit den Mitgliedstaaten der Genfer
Abrüstungskonferenz über Mittel und Wege zur
Aushandlung einer Konventionen über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material ernannte. Er hat diese Aufgabe geschickt gemeistert und
festgestellt, daß bei der Genfer Abrüstungskonferenz
Übereinstimmung zur Aushandlung des Vertrags in
diesem Forum herrscht.
Ich fordere die CD zur Verabschiedung eines einfachen Verhandlungsmandats auf der Grundlage der
in der Resolution der Generalversammlung festgeschriebenen Konsens-Vereinbarung auf. Ein solches
Mandat würde einen Ad-hoc-Ausschuß einrichten
und ihn zur Aushandlung eines nichtdiskriminierenden, multilateralen und verifizierbaren Vertrags über
die Einstellung der Produktion von spaltbarem
Material anweisen.
Die CD muß in dieser entscheidenden Angelegenheit Fortschritte erzielen - nicht nur zur Verringerung
der durch die andauernde Produktion von spaltbarem Material entstehenden Bedrohung, sondern
auch, um die Stimmen zum Schweigen zu bringen,
denen zufolge sie angeblich nicht zwei größere
Aufgaben gleichzeitig bewältigen kann.
Ich weiß, daß all dies Ressourcen, Aufmerksamkeit
und Engagement erfordert. Wir werden Botschafter
Ledogar weiterhin alles Erforderliche zur Verfügung

AMERIKA DIENST 31

stellen, um diese hier von mir angesprochenen
ehrgeizigen Ziele zu verwirklichen.
Sicherheitszusagen sind ein weiterer ziemlich vielversprechender Bereich. Seit vielen Jahren hat die CD
wertvolle Arbeit bei negativen Zusicherungen geleistet. Die Vereinigten Staaten unterstützen einen
zweigleisigen Ansatz zu negativen Sicherheitszusicherungen: Gespräche im Ad-hoc-Ausschuß und
Gespräche unter den Atomwaffenstaaten.
Wir
werden weiterhin energisch in beiden Foren arbeiten,
und ich beglückwünsche Botschafter Guillaume zu
seiner in diesem Jahr im Ausschuß übernommenen
Führungsrolle.
Während wir hart mit den anderen Atomwaffenstaaten arbeiten, hat die Verpflichtung des amerikanischen Präsidenten Bestand. Unsere unilaterale
Verpflichtung unterstreicht Zusicherungen an atomwaffenfreie Staaten, die Mitglieder des N W oder
einer vergleichbaren international bindenden Verpflichtung wie des Tlatelolco-Vertrags sind, keine
nuklearen Sprengstoffe zu beschaffen, es sei denn,
die Vereinigten Staaten werden von diesem atomwaffenfreien Staat im Bündnis mit einem Nuklearstaat
angegriffen.
Ich möchte nicht vor der Genfer Abrüstungskonferenz
sprechen, ohne ein uns alle beschäftigendes Thema
anzuschneiden - die Erweiterung der CD-Mitgliedschaft. Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor für
eine starke Erweiterung der Konferenz. Wir bedauern, daß eine solche Erweiterung aufgrund der von
uns ausgemachten Hindernisse nicht möglich ist - die
nicht angemessene Einbeziehung eines Staates, der
umfassenden Sanktionen des UN-Sicherheitsrats
unterliegt, entsprechend Kapitel VII der UN-Charta.
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin bereit, alle
vernünftigen Initiativen zur Lösung dieser Situation in
Betracht zu ziehen, und wir sind der Auffassung, daß
die CD das geeignete Forum für eine angemessene
Lösung ist.
Präsident Kennedy hat gerne gesagt, denen viel
gegeben werde, von denen werde viel erwartet.
Die beachtlichen Fortschritte der Genfer Abrüstungskonferenz bei der Chemiewaffenkonvention und ihre
nennenswerten Fortschritte beim Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot beweisen, daß dieses
Gremium große Leistungsfähigkeiten besitzt. Und
daher erwartet die Welt viel von ihm - von Ihnen.
Ein ermutigender Trend dieser Zeit ist die Fähigkeit
der internationalen Staatengemeinschaft, einen
Großteil der trennenden ideologischen und politischen
Untertöne auszuräumen, die während des Höhepunktes der Ost-West- und Nord-Süd-Konfrontation so viel

Seite 3

�Zeit beanspruchten und so geringe Wirkung zeitigten. Natürlich sind diese Gewohnheiten nicht völlig
verschwunden. Mein Appell an Sie lautet, daß
soweit solche Neigungen noch vorherrschen, dies
der letzte Ort ist, an dem ihnen nachgegangen
werden sollte. Denn die Genfer Abrüstungskonferenz ist nicht der Ort, um politische Punkte zu
erzielen, sondern um ernsthafte Arbeit zu leisten und greifbare Ergebnisse hervorzubringen.
In einer Welt, in der sogar bilaterale Rüstungskontrolle multilateral geworden ist, sind diese Institution,
die hier arbeitenden fähigen Staatsmänner und
Experten sowie die von Ihnen hier angewandten
außergewöhnlichen und ausgeklügelten Methoden
der Diplomatie zum Trend der Zukunft geworden und die Verkörperung unserer Hoffnungen auf eine
sicherere Welt.
Mit dem Ende des Kalten Krieges könnte der Druck
der nuklearen Weiterverbreitung wichtiger werden
als je zuvor. Wie Sie wissen, kann ein solcher
Druck vertikal und horizontal spürbar sein. Daher ist
dies gleichzeitig die beste und wichtigste Zeit,
internationale Sicherheit zu stützen. Insbesondere
jetzt, da ein Großteil der Mächte im Besitz von
Nuklearwaffen endlich den Nuklearwaffen in ihrer
Verteidigungsplanung weniger Bedeutung beimessen
kann, ist es nicht an der Zeit, in alte Gewohnheiten
zurückzufallen.
Seit fünf Jahrzehnten machen wir Atomtests - und
vernehmen seit fünf Jahrzehnten Rufe, sie zu beenden. Das Streben der Welt nach einem Vertrag über
ein umfassendes Verbot von Atomtests war im
wahrsten Sinne des Wortes ein Langstreckenlauf.
*

Seite 4

*

Solche Rennen werden jedoch nicht gewonnen,
indem man über die Ziellinie hinkt oder sich mit
bescheidenen Fortschritten begnügt. Sie werden mit
Energie und Engagement gewonnen.
Wir befinden uns im Endstadium unseres Rennens.
Die Ziellinie ist in Sichtweite. Wir müssen das Tempo
beschleunigen. Wir müssen der Beendigung von
Atomtests ohne Ausnahmen, ohne künstliche Junktims, ohne Verzögerung zustimmen - um einen CTBT
abzuschließen, bevor die Chance unseres Lebens
verstrichen ist.
Es ist ein interessanter historischer Zufall, daß der
50. Jahrestag der ersten Atomexplosion und der 25.
Jahrestag des Inkrafttretens des Nichtverbreitungsvertrags auf dasselbe Jahr fallen - 1995. Ich hoffe,
wir können diesen Zufall zu einem wichtigen Wegweiser für den Fortschritt machen.
Von der ersten Atombombenexplosion in Alamogordo
an hat die Menschheit darum gekämpft, sich von dem
dort freigelassenen wilden Tier zu befreien. Seit
damals haben Tausende Frauen und Männer mit
gutem Willen und geistigen Fähigkeiten - leidenschaftlich und sorgfältig - das zwingende Gebot
unseres Zeitalters zu verwirklichen versucht. In
Zusammenarbeit wollen wir uns erneut dieser Aufgabe widmen: Dieses wilde Tier wieder in seinen
Käfig zu sperren, das in einer gleißenden Detonation
in der Wüste New Mexicos Freigesetzte zu dem ihm
gebührenden Ende in der kühlen Atmosphäre der
Vernuft in Genf zu bringen - um sicherzustellen, daß
unser erstes halbes Jahrhundert der Atomexplosionen unser letztes ist.

*

*

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�NICHTVERBREITUNG
10. August 1994

NÄCHSTER SCHRITT FÜR UKRAINE IST BEITRITT
ZUM NICHTVERBREITUNGSVERTRAG
Erklärung von Staatssekretärin Davis
WASHINGTON - (AD) - Dem Versprechen der Ukraine, den Verpflichtungen zum Transfer ihrer gesamten
Atomwaffen nach Rußland nachzukommen, sollte jetzt ihr Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag (NW) folgen,
erklärte die Staatssekretärin im US-Außenministerium, Lynn Davis, am 3. August 1994 vor Journalisten. Sie
teilte mit, die Vereinigten Staaten arbeiteten mit der Ukraine zusammen, um deren Unterstützung für die
umfassende amerikanische Nichtverbreitungstagesordnung zu erhalten. "Der nächste wichtige Schritt besteht
im Beitritt der Ukraine zum Nichtverbreitungsvertrag."
"Anschließend könnten wir den START-I-Vertrag in Kraft setzen. Ferner wird der Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag der Ukraine auch den Weg zur Teilnahme an anderen Nichtverbreitungsregimen ebnen", stellte Davis
fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Staatssekretärin.
Zunächst möchte ich Sie über den neuesten Stand
der Dinge bei unserer Nichtverbreitungspolitik
gegenüber der Ukraine informieren und unsere
Pläne beschreiben.
Präsident Kuchma hat gerade gemeinsam mit einer
neuen Rada das Amt übernommen. Die freien und
unangefochtenen Wahlen stellen einen wichtigen
Schritt bei der Errichtung einer Demokratie in der
Ukraine dar. Vizepräsident Gore war gestern in
Kiew und traf mit der neuen Führung zusammen. Er
wollte damit das fortgesetzte Engagement der
Vereinigten Staaten demonstrieren, die Ukraine beim
Übergang zur Marktwirtschaft und der Entwicklung
zu einem vollwertigen Partner des Westens zu
unterstützen. Präsident Kuchma nahm die Einladung des Vizepräsidenten an, Washington Ende
November dieses Jahres einen Besuch abzustatten.
Präsident Kuchma erklärte, die Ukraine werde ihren
internationalen Verpflichtungen nachkommen,
einschließlich der trilateralen Erklärung, in der die
Ukraine dem Transfer aller auf ihrem Territorium
befindlichen nuklearen Gefechtsköpfe in russisches
Gebiet zur ihrer Zerlegung zustimmt. Bis heute
wurden bereits ungefähr 300 Gefechtsköpfe von der
Ukraine nach Rußland zur Zerlegung transferiert.
Wir haben bereits das in der trilateralen Erklärung
für November angestrebte Ziel von 200 Gefechtsköpfen erreicht, und mehr als die Hälfte der SS-24-

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Interkontinentalraketen auf ukrainischem Territorium
wurden entschärft.
In der trilateralen Erklärung stimmte Rußland zu, der
Ukraine als Ersatz für das hochangereicherte Uran
Kernbrennstoff zur Verfügung zu stellen. Es trafen
bereits zwei Sendungen ein.
Die Vereinigten Staaten stellten 60 Millionen Dollar
als Vorauszahlung für den amerikanisch-russischen
Vertrag über hochangereichertes Uran bereit, um die
ersten Lieferungen von Kernbrennstoffen an die
Ukraine mitzufinanzieren. Diese Vorauszahlung wird
unter dem Vertrag über hochangereichertes Uran
durch Sendungen niedrig angereicherten Urans an
die Vereinigten Staaten zurückgezahlt.
Ferner stellten die Vereinigten Staaten 350 Millionen
Dollar an Nunn-Lugar-Hilfe für den Abbau strategischer Streitkräfte und anderer, im Zusammenhang
mit der Nichtverbreitung stehender Projekte zur
Verfügung. Wir verfolgen auch ein internationales
Projekt mit 13 anderen Staaten. Diese haben allesamt ihre Absicht bekanntgegeben, der Ukraine Hilfe
für den Abbau von Waffen und ähnliche Unterstützung zu gewähren.
Wir hatten Schwierigkeiten, die Nunn-Lugar-Hilfe in
Gang zu bringen. Wir unternehmen entsprechende
Schritte, und in der kommenden Woche will ein Team

Seite 1

�f

nach Kiew reisen und dort mit der ukrainischen
Regierung Maßnahmen ausarbeiten, die beide
Seiten zur beschleunigten Umsetzung des NunnLugar-Programms ergreifen können.
Ein weiterer wichtiger Teil unserer Bestrebungen in
der Ukraine sind Hilfsleistungen zur Erleichterung
der Schließung des Atomkraftwerkes von Tschernobyl. Die G-7 haben der Ukraine 200 Millionen Dollar
zur Verfügung gestellt, um ein Programm für nukleare Sicherheit und Energieversorgung in Gang zu
setzen. Anfang September wird ein Team aus der
G-7 den Ukrainern unseren Plan unterbreiten.
Wir arbeiten mit der Ukraine zusammen, um ihre
Unterstützung für eine umfassende Nichtverbreitungstagesordnung zu gewinnen. Der nächste
wichtige Schritt besteht im Beitritt der Ukraine zum
Nichtverbreitungsvertrag. Anschließend könnten wir
den START-I-Vertrag in Kraft setzen. Ferner wird
der Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag der Ukraine
auch den Weg zur Teilnahme an anderen Nichtverbreitungsregimen ebnen. Im Mai unterzeichneten
der stellvertretende Ministerpräsident Schmarow und
Vizepräsident Gore ein Abkommen, in dem sich die
Ukraine zur Respektierung der Richtlinien des Rake-

tentechnologie-Kontrollregimes (MTCR) verpflichtet.
Es stellt die Weichen für Zusammenarbeit im Weltraum mit der Ukraine, die über eine moderne Weltraumindustrie verfügt. Durch die Demonstration ihres
Engagements für die Nichtverbreitung sowie effektive
Exportkontrollen kann die Ukraine für die Aufnahme
in das MTCR als vollwertiger Partner in Betracht
gezogen werden. Ferner erwarten wir, daß die
Ukraine nach ihrem Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag und der Einführung ihres Exportkontrollsystems
ein Partner im Nachfolgeregime der COCOM-Liste
wird.
Seit Januar dieses Jahres, als sich Rußland, die
Ukraine und die Vereinigten Staaten auf Schritte zum
Abzug von Atomwaffen aus der Ukraine und entsprechende Kompensationsmaßnahmen einigten,
begannen wir einen Prozeß, um bedeutende Fortschritte bei der Nichtverbreitung zu erzielen. Seit
Januar haben wir viel erreicht. Wir begrüßen die
Erklärungen Präsident Kuchmas, seine Regierung
werde weiterhin das trilaterale Abkommen umsetzen,
und zählen darauf, daß seine Regierung den nächsten wichtigen Schritt unternehmen wird: den Beitritt
zum Nichtverbreitungsvertrag.

* * * *

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*

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�OSTEUROPA
10. August 1994

KONZENTRATION AUF OFFENE GESELLSCHAFTEN
IN OSTEUROPA ERFORDERLICH
Anhörung von George Soros
WASHINGTON - (AD) - Dem Finanzmogul und Philanthropen George Soros zufolge muß der Westen seine
außenpolitischen Zielsetzungen im postkommunistischen Osteuropa, wo Nationalismus und ethnischer
Chauvinismus die Fortschritte zur Demokratie bedrohen, konkretisieren und verfeinern.
"Die Schaffung und Erhaltung offener Gesellschaften sollte ein Ziel der Außenpolitik sein, und im Falle der
ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre sollten wir dies zu unserem Hauptziel erklären", stellte Soros bei einer
Anhörung vordem Auswärtigen Unterausschuß für internationale Sicherheit, internationale Organisationen und
Menschenrechte des Repräsentantenhauses am 1. August 1994 fest.
Das Konzept einer offenen Gesellschaft, so Soros, "impliziert nicht nur eine demokratisch gewählte Regierung,
sondern auch eine Gesellschaft, die nicht vom Staat beherrscht ist. Es bedeutet eine starke bürgerliche
Gesellschaft und Rechtstaatlichkeit. Und es reicht nicht aus, daß die Regierung von einer Mehrheit gewählt
ist - sie muß auch Minderheiten und deren Ansichten respektieren."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von George Soros Anhörung.

In habe in den vergangenen fünf Jahren einen
Großteil meiner Zeit, Energie und meines Geldes auf
Mittel- und Osteuropa sowie die ehemalige Sowjetunion verwandt, weil ich der Auffassung bin, daß der
Zusammenbruch des sowjetischen Systems ein
historisches, revolutionäres Ereignis war, dessen
Ergebnis den Lauf der Geschichte gestalten wird.
Ich habe ein breitgefächertes Netz von Stiftungen
geschaffen, mit denen Hilfe und Unterstützung beim
Übergang von einer geschlossenen zu einer offenen
Gesellschaft geleistet werden soll. Ich habe die
Stiftung 1979 gegründet und im Jahr 1984 in meinem Heimatland Ungarn die erste Organisation vor
Ort ins Leben gerufen, aber mein Engagement nahm
mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems
zu. Inzwischen gibt es in 23 Ländern Stiftungen,
und meine jährlichen Beiträge sind von 3 Millionen
Dollar im Jahr 1979 auf 300 Millionen Dollar 1993
gestiegen - aber die aufgewendete Geldmenge ist
nicht der beste Indikator für die Effizienz der Organisation, weil einige der besten Projekte am wenigsten
Geld erfordern.
Als ich mich zu engagieren begann, hatte das
kommunistische Dogma zu einer geschlossenen
Gesellschaft geführt, in der der Staat von einer
Partei und die Gesellschaft vom Staat beherrscht

AMERIKA DIENST 31

war. Der einzelne war der Gnade des staatlichen
Parteiapparats ausgeliefert.
Das kommunistische Dogma war falsch, eben weil es
ein Dogma war, das vorgab, die letzte Wahrheit zu
beinhalten. Es konnte nur durch eine grobe Verzerrung der Realität umgesetzt und selbst dann nicht
auf unbegrenzte Zeit aufrechterhalten werden. Die
Kluft zwischen Dogma und Realität wurde immer
deutlicher - die Überzeugungskraft des Dogmas für
das Denken der Menschen immer dürftiger - bis
schließlich das Regime rasch auf eine Weise zerfiel,
die zu einer Revolution führte.
1989 gab es einen Augenblick der Euphorie, als die
Menschen sich von einem repressiven System befreit
fühlten, und dieser Augenblick hätte genutzt werden
können, um den Übergang zu einer offenen Gesellschaft in die Wege zu leiten. Ich sah diese Chance,
die mich dazu verleitete, meine gesamte Energie in
den Prozeß einzubringen. Ich muß heute jedoch
zugeben, daß der Augenblick verstrichen und die
Chance verpaßt ist.
Der Zusammenbruch einer geschlossenen Gesellschaft führt nicht automatisch zu einer offenen
Gesellschaft, weil eine offene Gesellschaft eine
modernere, weiterentwickelte Form der Organisation

Seite 1

�ist als eine geschlossene. Freiheit ist nicht nur das
Fehlen von Repression. Eine Gesellschaft, in der
Menschen frei sind, erfordert die Freiheit schützende
Institutionen und vor allem Menschen, die an diese
Institutionen glauben.
Die Institutionen selbst
müssen sehr viel moderner werden, weil sie den
Ausdruck unterschiedlicher Ansichten und Interessen
gestatten müssen, wohingegen eine geschlossene
Gesellschaft nur eine Sichtweise anerkennt - die
herrschende. Mit anderen Worten, der Übergang
von einer geschlossenen zu einer offenen Gesellschaft ist ein Schritt nach vorne und kann ohne eine
helfende Hand nicht in einem Sprung vollzogen
werden. Das war meine Motivation, mich so sehr zu
engagieren. Aber die offenen Gesellschaften der
freien Welt waren nicht so motiviert. Zu der Zeit gab
es viel guten Willen gegenüber Osteuropa, aber
irgendwie wurde er nicht in effektives Handeln
umgesetzt. Die Regierungspolitik in Europa und den
Vereinigten Staaten war durch einen einzigartigen
Mangel an Verständnis und Vision gekennzeichnet.
Vergleichen Sie die Reaktion auf den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums mit dem Zusammenbruch des Nazireichs. Damals hatten die
Vereinigten Staaten noch die Vision und die Großzügigkeit, den Marshallplan ins Leben zu rufen, und
der Marshallplan bewirkte Wunder. Er leistete nicht
nur Hilfe, sondern bildete auch den Rahmen zur
Zusammenarbeit für die europäischen Länder. Im
Rahmen des Marshallplans wurden nicht nur technische Experten zur Vermittlung ihres Wissens entsandt, er brachte auch eine große Zahl von Europäern in die Vereinigten Staaten und gestattete ihnen,
ihre eigene Tagesordnung zu formulieren. Wir
scheinen all diese positiven Erfahrungen vergessen
zu haben. Als das sowjetische Imperium zerfiel, gab
es keine politische Unterstützung für irgendeine
Form der Hilfe großen Umfangs, und der Marshallplan war zu einem Schimpfwort geworden.
In Ermangelung der westlichen Führungsrolle führte
der Zusammenbruch des sowjetischen Systems nicht
zum Entstehen offener Gesellschaften. Ferner gibt
es keine Gewißheit, daß dies statt in der Hitze des
Gefechts des revolutionären Augenblicks nicht durch
einen langsameren, mühsameren Prozeß erreicht
werden könnte. Im Gegenteil, insofern sich ein
Muster ergibt, zeigt es in die entgegengesetzte
Richtung.
Der Zerfall einer geschlossenen Gesellschaft auf der
Grundlage des universellen Dogmas des Kommunismus hat zu der weitverbreiteten Ablehnung aller
universellen Ideen geführt, und die Länder, aus
denen das sowjetische Imperium zusammengesetzt
war, versuchen, ein Organisationsprinzip in ihrer
eigenen besonderen Geschichte zu finden. Natürlich

Seite2

gibt es Ausnahmen von der Regel, aber das sich
abzeichnende vorherrschende Thema ist nationale
oder ethnische Identität statt eines universellen
Konzepts wie Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit oder eine offene Gesellschaft.
Dies schafft eine äußerst gefährliche Situation, weil
nationale Beschwerden ausgebeutet werden können,
um mehr oder weniger geschlossene Gesellschaften
zu gründen, und dies ist das Rezept für Konflikt. Um
die Gesellschaft hinter dem Staat zu mobilisieren,
benötigt man einen Feind, und wenn man keinen hat,
muß man einen erfinden. Das tat Hitler, als er die
Juden als die Feinde des deutschen Volkes brandmarkte, und er hat viele Nachahmer in der postkommunistischen Welt.
Bedauerlicherweise gibt es
keinen Mangel an Beschwerden, weil kommunistische
Regime für gewöhnlich alle nationalen oder ethnischen Bestrebungen unterdrückten, die ihren Zielen
nicht paßten.
Obwohl einige der nationalistischen Anführer ehemalige Dissidenten sind, gelingt den ehemaligen Kommunisten die Ausbeutung nationaler Gefühle für
gewöhnlich besser, weil sie eher wissen, wie man auf
allen Ebenen der Macht operiert. Sie können einen
größeren nationalen Konsens herbeiführen als
demokratische Anführer, die eine offene Gesellschaft
anstreben. Betrachten Sie sich Milosevic in Jugoslawien, Tudjman in Kroatien, Meciar in der Slowakei
und Krawtschuk in der Ukraine und vergleichen sie
die von ihnen auf dem Höhepunkt ihrer Popularität
erzielten Mehrheiten mit der schmalen politischen
Basis, mit der sich prowestliche demokratische
Regierungen in Ländern wie Rußland, Polen, Bulgarien oder Makedonien begnügen mußten.
In diesem Zusammenhang finde ich die jüngsten
Wahlsiege der ehemals kommunistischen Parteien in
Ländern wie Ungarn, Polen oder Litauen überhaupt
nicht beunruhigend. Hier handelt es sich um Reformkommunisten, die sich so weit wie möglich vom
Kommunismus entfernen möchten. Ihr Wiederauftreten ist eine begrüßenswerte Erweiterung des
demokratischen Spektrums. Ich freue mich besonders über das Ergebnis der jüngsten Wahlen in
Ungarn. Die nationalistische Linie wurde von der
Wählerschaft abgelehnt, und die Tatsache, daß die
Sozialistische Partei eine Koalition mit den Freien
Demokraten auf der Grundlage eines gut durchdachten und gut formulierten Reformprogramms
eingegangen ist, prophezeit eine gute Zukunft. Im
Falle Polens ist der Wechsel weniger glücklich, weil
die 1990 begonnenen radikalen und schmerzhaften
Reformen erste Früchte tragen und die Regierung
gerade zu funktionieren begonnen hatte, als sie eine
Niederlage erlitt. Aber der Reformkurs ist unumkehrbar und Polen heute wahrscheinlich das dynamisch-

AMERIKA DIENST 31

�ste Land in Europa, sowohl im Hinblick auf seine
Wirtschaft als auch auf seine Denkweise. Das
schlimmste, was passieren kann, ist, daß es an
Auftrieb verliert.
Insgesamt gesehen kann ich kaum eine Chance für
eine Rückkehr zum Kommunismus ausmachen.
Kommunismus als Dogma ist wirklich tot. Die reale
Gefahr ist das Auftauchen nationalistischer Möchtegern-Diktatoren. Sie spielen auf einer Ebene, die
sich definitiv zu ihren Gunsten neigt. Es ist sehr viel
leichter, die Gesellschaft wegen einer echten oder
eingebildeten nationalen Verletzung als wegen einer
abstrakten Idee wie Demokratie oder offene Gesellschaften zu mobilisieren. Der Aufbau offener Gesellschaften ist im wesentlichen ein konstruktiver Prozeß, und es ist nur zu leicht, ethnische Konflikte zur
Unterminierung der Grundlagen einer offenen
Gesellschaft zu nutzen.
Nehmen Sie den Fall Jugoslawien. Jugoslawien war
ein relativ wohlhabendes Land, das seit 20 Jahren
für den Westen geöffnet war und das die für eine
offene Gesellschaft erforderlichen intellektuellen
Ressourcen entwickelt hatte. Ich erinnere mich an
1990, als in Jugoslawien und Polen gleichzeitig die
Währungsreform eingeführt wurde. Jugoslawien war
zu ihrer Durchführung viel besser vorbereitet. Das
Land verfügte über eine Gruppe von Leuten, die
vom IWF und der Weltbank ausgebildet worden
waren, und die Reform war in der Tat sehr viel
erfolgreicher als in Polen. Das war im Mai 1990.
Dann plünderte Milosevic im Verlauf seines Wahlkampfes die Staatskasse und zerstörte die Währungsstabilität. Das war das Ende des Versuchs,
Jugoslawien in eine offene Gesellschaft umzuwandeln.
Und jetzt haben wir ein noch beeindruckenderes
Beispiel: Griechenland. Dieses Land ist Mitglied der
Europäischen Union, der NATO und vollständig in
die internationale Staatengemeinschaft integriert.
Dennoch war es möglich, über den Namen "Makedonien" nationale Gefühle zur Raserei aufzupeitschen.
Ein kleiner und schwacher Nachbar im Norden wird
zu einer Bedrohung der territorialen Integrität Griechenlands hochstilisiert. Zugegebenermaßen gibt es
eine Minderheit in Makedonien, die irredentistische
Träume auf der Grundlage der in der Vergangenheit
erlittenen ethnischen Verletzungen nährt. Aber die
Regierung Makedoniens ist der Schaffung eines
multiethnischen, demokratischen Staats aufrichtig
verpflichtet. Sie ist zu jeder Konzession bereit,
abgesehen von der Aufgabe ihrer eigenen Identität.
Aber die öffentliche Meinung in Griechenland sympathisiert mit den makedonischen Extremisten, nicht
der makedonischen Regierung, und das Thema

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wurde in Griechenland für innenpolitische Zwecke
ausgeschlachtet.
In der Zwischenzeit bricht die makedonische Wirtschaft, die bereits von den gegen Serbien verhängten
Sanktionen schwer geschädigt ist, unter der Last des
griechischen Embargos zusammen.
Die Eisenbahnverbindung verläuft im Norden und Süden, und
Makedonien ist auf beiden Seiten abgeschnitten. Als
Folge davon ist die vom Bahntransport abhängende
Schwerindustrie zum Stillstand gekommen.
Die
Wirtschaftskrise gefährdet die politische Stabilität.
Die multiethnische, demokratische Koalition wird
gleichermaßen von Extremisten auf der slawischmakedonischen und der albanischen Seite bedroht.
Sie könnte bei den nächsten Wahlen schnell aufgelöst werden, und im Falle eines Auseinanderbrechens
von Makedonien gäbe es einen dritten Balkankrieg.
Wie Sie sehen, besteht in Osteuropa genug Anlaß
zur Sorge. Als ich mein Projekt begann, plante ich
eine kurzfristige Kampagne, um die augenblickliche
Revolutionsbewegung zu nutzen und ein Beispiel zu
geben, dem die langsameren, schwerfälligen Institutionen unserer offenen Gesellschaften folgen
könnten. Bedauerlicherweise hatte ich mich geirrt.
Jetzt muß ich in biblischen Dimensionen denken - 40
Jahre in der Wüste. Der Kampf um eine offene
Gesellschaft ist nicht verloren, wie Polen und Ungarn
demonstrieren, er wird jedoch viel Zeit und viel Hilfe
von außerhalb erfordern, und darüber mache ich mir
Sorgen.
Ich war mir immer der fatalen Schwäche des Konzepts einer offenen Gesellschaft bewußt. Die Schwäche liegt darin, daß die in einer offenen Gesellschaft
lebenden Menschen sich nicht einmal bewußt sind,
daß sie in einer offenen Gesellschaft leben, und eine
offene Gesellschaft auch nicht für ein erstrebenswertes Ziel halten, für das sich Mühen und Opfer
lohnen. In einer Hinsicht ist Freiheit wie Luft: Die
Menschen kämpfen nur darum, wenn sie ihrer
beraubt werden. Wenn sie vorhanden ist, wird sie
ignoriert. In anderer Hinsicht unterscheidet sich die
Freiheit jedoch stark: Wenn man sie nicht pflegt und
schützt, hat sie die Tendenz, zu verschwinden.
Wenn wir aus den revolutionären Ereignissen in
Osteuropa, deren Zeuge wir seit 1989 waren, eine
Lehre ziehen können, dann ist es die Tatsache, daß
Freiheit nicht lediglich das Fehlen von Unterdrückung
ist und der Zusammenbruch einer geschlossenen
Gesellschaft nicht automatisch zu einer offenen
Gesellschaft führt.
Das Problem besteht darin, daß man diese Lektion
nicht gelernt hat. Nach dem Zusammenbruch des
sowjetischen Imperiums zögerten wir nicht, ihn als

Seite 3

�Sieg der freien Welt zu bezeichnen. Wir waren
jedoch andererseits nicht geneigt, für die Schaffung
einer freien und offenen Gesellschaft in diesem Teil
der Welt irgendwelche Opfer zu bringen. Die Folgen
werden jetzt auf schmerzliche Weise offensichtlich,
wir haben jedoch nicht einmal angefangen, sie zu
erkennen.
Was ist falsch gelaufen? Meines Erachtens hat sich
unsere Vorstellung von Freiheit geändert.
Im
Zweiten Weltkrieg wurde sie zu einer Idee emporgehoben, für die wir bereit waren zu kämpfen und
Opfer zu bringen. Die damalige Auffassung der Idee
umfaßte nicht nur die Freiheit in unserem eigenen
Land, sondern auch in den Ländern, die Opfer eines
totalitären Regimes waren. Diese Vorstellung wurde
in der Nachkriegszeit übernommen. Sie war verantwortlich für den Zerfall von Kolonialregimen und
die Bildung eines antikommunistischen Bündnisses.
Diese Idee trat jedoch allmählich in den Hintergrund
und wurde von einer anderen Idee ersetzt, die das
Streben nach Freiheit als gültiges außenpolitisches
Ziel ausdrücklich ablehnte. Diese Idee - "Geopolitik"
- besagte, daß die Staaten ihre eigenen Interessen
so entschlossen verfolgen sollten, wie es ihre
geopolitische Situation gebietet, und moralische oder
ethische Erwägungen nur eine zweitrangige Rolle
spielen. Sie können für Propagandazwecke nützlich
sein - die Mobilisierung der öffentlichen Meinung im
In- oder Ausland - aber man gerät in große Schwierigkeiten, wenn man seiner eigenen Propaganda
Glauben schenkt.
Eine Begleiterscheinung der Geopolitik in den internationalen Beziehungen war das Konzept des wirtschaftlichen Laisser-faire, das in den achtziger
Jahren auf wundersame Weise wiederauflebte. Wie
Sie wissen, besagt es, daß die ungehinderte Verfolgung des Eigeninteresses zur optimalen Ressourcenverteilung führt. Diese beiden Konzepte haben
uns bei unserer Reaktion auf den Zusammenbruch
des sowjetischen Systems geleitet und tun das auch
heute noch. Meines Erachtens sind sie in der
derzeitigen Situation äußerst unzureichend.
Solange wir mit dem Reich des Bösen in tödliche
Kämpfe verstrickt waren, lebten wir in einer stabilen
Weltordnung und hatten ein klares Bild von unserem
Platz in der Welt. Die Weltordnung war stabil, weil
beide Seiten die Fähigkeit zur gegenseitigen Zerstörung besaßen und deshalb keine Seite einen
totalen Krieg riskieren konnte. Und wir konnten uns
durch unser Feindbild definieren: Wir waren die
Führungsmacht der freien Welt. Die Stabilität der
Weltordnung wurde jedoch durch die interne Auflösung des Sowjetreiches zerstört, und wir verloren
unseren Identitätssinn. Wir wollen immer noch eine

Seite 4

Supermacht und Führungsmacht sein, wissen jedoch
nicht, was diese Begriffe bedeuten. Wir wissen nicht,
wofür die freie Welt steht und - noch schlimmer - wir
wissen nicht, ob wir für die freie Welt eintreten sollen,
weil wir zu der Überzeugung gelangt sind, daß unser
Lebensstil auf der Verfolgung unserer eigenen
Interessen gründet, wie in den Doktrinen der Geopolitik und des Laisser-faire zum Ausdruck gebracht.
In gewisser Weise ist die derzeitige Situation einmalig. In der Vergangenheit wurden Frieden und
Stabilität entweder durch die Macht eines Imperiums,
ein Kräftegleichgewicht oder eine Kombination von
beidem aufrechterhalten. Derzeit haben wir keine
dieser Optionen. Die Vereinigten Staaten haben
weder die Fähigkeit noch das Interesse, die Welt auf
die Art und Weise zu beherrschen, wie die Briten es
im 19. Jahrhundert taten. Großbritannien zog genügend Vorteile aus dem freien Handel, um die Existenz einer Flotte zu rechtfertigen. Die Vereinigten
Staaten hingegen sind nicht länger die Hauptnutznießer von freiem Handel und können sich die Rolle
eines Weltpolizisten nicht leisten. Wir müssen von
kollektiven Aktionen abhängen, haben jedoch keine
klare Idee davon, was das kollektive Interesse ist.
Das schafft ein gefährliches Machtvakuum. Es
bestand die Hoffnung, daß es von den Vereinten
Nationen gefüllt würde, diese sind jedoch nicht
besser als ihre Mitgliedstaaten. Vielmehr sind sie
noch schlechter, denn die einzelnen Staaten verfolgen generell ihre nationalen Eigeninteressen auf
Kosten des kollektiven Interesses, und sie werden
von einer Bürokratie verwaltet, die mehr an ihrem
eigenen Überleben als am Überleben unserer Zivilisation interessiert ist. Es gab keinen Zeitpunkt in der
Geschichte, an dem der Friede von einer internationalen Institution aufrechterhalten wurde, und es gibt
keinen Grund zu glauben, daß in der jetzigen Situation etwas anderes der Fall sein wird.
Was sollte getan werden? Ich habe nicht alle Antworten, jedoch einen Vorschlag, der vielleicht hilfreich
sein könnte. Die Schaffung und Erhaltung offener
Gesellschaften sollte ein Ziel der Außenpolitik sein,
und im Falle der ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre sollten wir dies zu unserem Hauptziel
erklären. Ich mache diesen Unterschied zwischen
der ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre und der
übrigen Welt, da das sowjetische System unwiderruflich zusammengebrochen ist. Das nachfolgende
System wird enormen Einfluß auf den Lauf der
Geschichte und damit auf unsere eigene Zukunft
nehmen. In der übrigen Welt stellt die Förderung
offener Gesellschaften eines mehrerer, miteinander
konkurrierender Ziele dar. In der ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre ist es von vorrangiger Bedeutung. Meines Erachtens sollte ihm selbst die Kernwaffenfrage untergeordnet sein.

AMERIKA DIENST 31

�Wenn ich von einer offenen Gesellschaft spreche,
meine ich eine Organisationsform, die lose als
Demokratie bezeichnet werden kann. Das Konzept
einer offenen Gesellschaft ist jedoch umfassender.
Es impliziert nicht nur eine demokratisch gewählte
Regierung, sondern auch eine Gesellschaft, die nicht
vom Staat beherrscht ist. Es bedeutet eine starke
bürgerliche Gesellschaft und Rechtsstaatlichkeit.
Und es reicht nicht aus, daß eine Regierung von
einer Mehrheit gewählt ist - sie muß auch Minderheiten und deren Ansichten respektieren. Mit anderen
Worten: Ich mache den Vorschlag, das alte Konzept
des Kommunismus kontra freie Welt durch das
Konzept offener und geschlossener Gesellschaften
zu ersetzen. Das alte Konzept war selbst als es
relevant war äußerst suspekt, da eine antikommunistische Haltung zur Rechtfertigung von Aktionen
benutzt werden konnte, die mit dem Verhalten einer
offenen Gesellschaft unvereinbar waren. Das neue
Konzept gestattet es, uns über das zu definieren,
wofür wir stehen, anstatt über unser Feindbild. Es
bietet eine Perspektive, die zur Zeit leider fehlt.
Zumindest zeigt es uns, daß nationalistische Diktaturen heute eine ebensolche Gefahr sind wie damals
der Kommunismus.

Eines ist jedoch sicher: Die NATO kann das durch
den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums
geschaffene Machtvakuum nicht füllen. Erforderlich
ist ein Bündnis zwischen der NATO einerseits und
Rußland sowie den anderen Nachfolgestaaten der
Sowjetunion andererseits. Die NATO kann um die
mitteleuropäischen Staaten erweitert werden, die
Anwärter auf eine Mitgliedschaft in der Europäischen
Union sind, wenn sie jedoch auch Rußland umfassen
würde, würde sie bis zur Bedeutungslosigkeit geschwächt. An diesem Punkt wäre eine neue Perspektive von Nutzen.

Wie kann diese Perspektive in politische Empfehlungen umgesetzt werden? Erstens benötigen wir eine
starke Europäische Union, die außenpolitische
Entscheidungen treffen kann. Das fehlt heute, wie
auch die vertrackte Lage in Bosnien auf traurige
Weise demonstriert. Zweitens muß die Europäische
Union offener werden, insbesondere gegenüber dem
Osten, und darf nicht zu einer Festung werden, die
sich vor dem Tumult außerhalb ihrer Mauern schützt.
Die Länder Mittel- und Osteuropas benötigen die
klare Aussicht, der Europäischen Union beitreten zu
können, um den Übergang zu offenen Gesellschaften abzuschließen. Sie benötigen Privatinvestitionen
stärker als staatliche Hilfe, und die Aussicht auf eine
EU-Mitgliedschaft ist das beste Rezept für die Anziehung von Privatinvestitionen. Meines Erachtens
würden die Vereinigten Staaten und Deutschland,
wenn nicht alle übrigen Mitglieder der Europäischen
Union, mir in diesem Punkt zustimmen.

Die Idee ist nicht so absurd, wie wir uns selbst
glauben machen. Sie könnte vom IWF durch Sonderziehungsrechte finanziert und - im Erfolgsfall vollkommen zurückgezahlt werden. Dadurch würde
die brennendste Frage der Region gelöst: Die
Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums
ohne die vollkommene politische Dominierung durch
Rußland. In diesem Zusammenhang bieten die
jüngsten Präsidentenwahlen in der Ukraine, aus
denen ein an Wirtschaftsreformen ehrlich interessierter Präsident hervorging, eine Chance, die wir hoffentlich nicht verstreichen lassen. Eine echte Partnerschaft für den Frieden würde gekoppelt mit einer
Partnerschaft für den Wohlstand eine stabile Grundlage für eine neue Weltordnung bieten. Gibt es sie
nicht, werden wir eine weltweite Unordnung haben.

Drittens sollte die NATO - im wesentlichen ein
Bündnis zwischen Nordamerika und Europa - als
Hauptstütze der neuen Weltordnung dienen. Es ist
eine offene Frage, ob eine direkte Verbindung
zwischen der NATO und unseren asiatischen Verbündeten wie Japan und Korea erforderlich ist.

*

AMERIKA DIENST 31

Ich habe argumentiert, daß Rußland und die anderen
Nachfolgestaaten Hilfe von außen benötigen, um
Fortschritte bei ihrer Umgestaltung machen zu
können. Sie halten Fragen der externen Sicherheit
nicht für eine Bedrohung, sondern vielmehr für eine
Chance, die Aufmerksamkeit von ihrem wirtschaftlichen Scheitern ablenken und politische Unterstützung
mobilisieren zu können. Unter diesen Umständen
muß die Partnerschaft für den Frieden von einer
"Partnerschaft für den Wohlstand" begleitet werden,
einem Marshallplan der Gegenwart, um Substanz zu
erhalten.

Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich
Makedonien ansprechen. Hier handelt es sich um
einen klaren Fall, bei dem uns ein Quentchen Vorbeugung viele Sorgen ersparen kann. Es sollte zu
einer Priorität werden, diesem winzigen Land mit
einer demokratischen, multiethnischen Regierung zu
Hilfe zu kommen, das sich aus Gründen außerhalb
seiner Kontrolle kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch befindet.

* * *

*

Seite 5

�LANDESKUNDE
10. August 1994

IM TAL DER SONNE
von Maggie Wilson
HOUSTON - (AD) - Millionen von Besuchern kommen wegen des Klimas, der spektakulären Landschaft und
des entspannten Lebensstils ins Tal der Sonne von Arizona. Die Verfasserin des nachfolgenden Artikels
beschreibt die Anziehungspunkte der Region, insbesondere Phoenix und Scottsdale.
Maggie Wilson ist freiberufliche Schriftstellerin und lebt in Phoenix.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vista/USA, der Zeitschrift des EXXON
Travel Club. Copyright (c) 1992 EXXON Travel Club, Inc., Houston (Texas). Alle Rechte vorbehalten.

Der Jetliner glitt über das ausgetrocknete Flußbett
des Salt River, bevor er auf dem Sky Harbor International Airport landete.
Sämtliche Passagiere
schnappten erstaunt nach Luft, als die Lichter von
Phoenix (Arizona) und der 20 Städte in der Umgebung zu sehen waren, soweit das Auge reichte.
"Oh Mann!", japste der neben mir sitzende Cowboy.
"Das ist aber nicht gerade ein kleines Kuhdorf.
Ganz schön große Stadt in ihrer Hochblüte. Schaut
Euch bloß mal diese Lichter an!"
In der lauen Wüstennacht glitzerten die Lichter
tatsächlich wie eine Vielzahl von Diamanten und
Rubinen auf dem schwarzen Samt eines Juwelierladens. Als in Arizona Gebürtige hatte ich diese
Ansicht schon oft genossen, aber sie erweckte bei
mir immer noch dieselbe Reaktion wie bei den
Besuchern, die zum ersten Mal kommen.
Vielleicht liegt es daran, daß ich die Geschichte
kenne. Phoenix entstand auf leerem, unbewohntem
Land und wurde Dreh- und Angelpunkt des blühenden Tals der Sonne, Hauptstadt des Bundesstaates
Arizona, neuntgrößte Stadt der Vereinigten Staaten
und Wüstenmetropole von Weltklasse - und das
alles in 120 Jahren.
Dem Historiker John Myers zufolge hat sich "zu
keinem Zeitpunkt in der Geschichte in einem vergleichbaren Zeitraum eine Ansiedlung aus dem
Nichts zu einer derartigen Stadt entwickelt".
Was hat das Wachstum stimuliert? Zweifellos das
Wetter (im Durchschnitt 306 Tage im Jahr Sonnenschein, Temperaturen im Winter zwischen 16 und

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27° Celsius), die aufsehenerregende Natur in der
Umgebung (überraschend üppig für eine Wüstenstadt) und der entspannte, aber aktive Lebensstil.
Diese Aktivposten ziehen - insbesondere in den
Wintermonaten - Millionen von Besuchern in das
treffend so bezeichnete Tal der Sonne, wo stark
entwickelte Gebiete wie Phoenix und Scottsdale in
einem von Bergen umgebenen Wüstengebiet gelegen
sind - einschließlich des 820 Meter hohen Camelback
Mountain.
Phoenix ist immer noch eine der am schnellsten
wachsenden Metropolen der Nation. Dennoch ist die
Neuzeit schon das zweite Leben der Stadt. Vor
nahezu 2000 Jahren bändigten prähistorische Hohokam-lndianer den Saft River und lenkten sein Wasser
durch ein verzweigtes Kanalsystem zu Bohnen-,
Mais-, Kürbis und Baumwollfeldern. Um ungefähr
1100 v.Chr. war die Zahl der Hohokam-Indianer auf
20.000 angewachsen (zur Zeit leben im Vergleich
dazu im Tal der Sonne über zwei Millionen Menschen), aber um 1450 verschwanden die Indianer auf
mysteriöse Weise.
Das Tal des Salt River war bis in die sechziger Jahre
des 19. Jahrhunderts nur von Schweigen und Sonnenschein erfüllt, bis ein Soldat und Goldsucher der
Konföderierten 400 Dollar und acht Maulesel investierte, 16 arbeitslose Bergleute einstellte und die
Hohokam-Kanäle freischaufeln ließ. Diese wurden
dann zur Bewässerung von Weiden und Gerstenfeldern genutzt, auf denen wiederum Futter für die Tiere
in den Lagern der US-Armee hergestellt wurde.
Kavallerietrupps, Gold- und Silberminen breiteten sich
im gesamten Gebiet von Arizona aus.

Seite 1

�Obwohl der Salt River jetzt flußaufwärts eingedämmt
ist und eine Reihe von Seen bildet, die in Trockenzeiten die Wasserversorgung regeln, werden die
Kanäle der Hohokam-Indianer immer noch als
Verteilungssysteme genutzt. Die Stadt hat Schritte
unternommen, um das Erbe ihrer Ureinwohner zu
bewahren.
Das Pueblo Grande Museum und der Kulturpark
bieten einen Einblick in die Kultur der HohokamIndianer, die kilometerlange Kanäle gruben, wobei
sie Stöcke als Schaufeln benutzten und die Erde mit
Körben auf ihrem Rücken davontrugen. (Vor der
Ankunft der Spanier waren Lasttiere unbekannt.) In
den Ausstellungen ist zu sehen, daß die HohokamIndianer nicht nur hochentwickelte Hydrologen,
sondern auch Kunsthandwerker mit erlesenem
Geschmack waren. Aus diesem Grund trägt der
Direktor des Pueblo Grande den Titel "Stadtarchäologe". Phoenix war die erste Stadtverwaltung mit
einem Mitarbeiter, der einen solchen Titel trägt.

Der Anziehungspunkt ist das Arizona Center, ein acht
Häuserblöcke, (bisher) 212 Millionen Dollar teurer
Gebäudekomplex mit Fachgeschäften, Restaurants,
fahrbaren Eis- und Würstchenständen, Western
Saloons und zwei Bürotürmen - alles umgeben von
luftigen Gehwegen, Sitznischen, schattenspendenden
Bäumen und Rasenflächen, Springbrunnen und
Blumengärten.
1994 eröffnete die Stadt das Orpheum Theater
wieder für Gastspiele, Shows und Musikais. Die
neue Stadthalle ist um das alte Art-deco-Theater mit
seinen 1.400 Sitzplätzen gebaut, um die Parkeinrichtungen sowie die Kosten für Heizung und Klimaanlage besser zu nutzen.
In der Nähe von Phoenix ist Scottsdale ein Anziehungspunkt für Freizeitgäste. In der Stadt befinden
sich ein Viertel aller Hotelbetten des Tals, 60 Prozent
der Gästezimmer sowie eine Vielzahl von Geschäften
und Kunstgalerien.

Im Desert Botanical Garden mit seinen über 10.000
Wüstenpflanzen und wilden Blumen aus fünf Kontinenten wird besonderer Wert auf Nutzung der
südwestlichen Pflanzen für Nahrungsmittel, Kleidung,
Unterbringung, Arzneien und Kunsthandwerk durch
die ursprünglichen Bewohner der Region gelegt.

Herb Drinkwater, seit vielen Jahren Bürgermeister
von Scottsdal, kam während der vierziger Jahre als
Teenager in das Tal, so asthmatisch, sagt er, daß
seine Lippen und Fingernägel sich blau verfärbten bei
der Anstrengung, einen Raum zu durchqueren.
Heute ist er geheilt und robust.

Das Heard Museum, das in einem Haus im klassischen spanischen Kolonialstil untergebracht ist, zeigt
eine Ausstellung der Kulturen und Kunst der Indianer
aus dem Südwesten. Eine besondere Attraktion ist
die Kachina-Puppengallehe mit Stücken aus den
Kollektionen der ehemaligen Senatoren Barry
Goldwater und Fred Harvey, dem Gründer der
Harvey Houses (einer Restaurantkette) entlang der
Eisenbahnlinie nach Santa Fe. Ebenso beeindrukkend sind die Kollektionen des Museums, die sich
mit den Schönen Künsten der ursprünglichen Bewohner dieser Region befassen, einschließlich
historischer und zeitgenössischer Bilder und Skulpturen.

"Die Menschen kommen in das Tal", so Drinkwater,
"weil sie das Wetter mögen, auf einem der 116
herrlichen Golfplätze Golf spielen, reiten, bergsteigen,
wichtige Baseballspiele bei den Trainingsspielen im
Frühjahr sehen - all die herrlichen Dinge in freier
Natur tun wollen... Darüber hinaus ist das Tal so
zentral gelegen, daß man jetzt morgens (im Norden)
Ski und nachmittags hier unten (auf dem nahegelegenen Saguaro-See) Wasserski laufen kann - alles am
gleichen Tag."

Diese drei Attraktionen waren immer ein Hit. Jetzt
gibt es jedoch noch mehr zu sehen. Die derzeitige
große Neuigkeit aus Phoenix ist die Wiederbelebung
der Innenstadt.
"Vor vier Jahren", so Margaret Müllen, geschäftsführende Direktorin der Downtown Phoenix Partnership, "konnte man nach Einbruch der Dunkelheit auf
der Hauptstraße Schießübungen machen, ohne
irgend etwas zu treffen, außer vielleicht einer Palme.
Nach Büroschluß wurden die Bürgersteige hochgeklappt. Heute ist unsere Innenstadt - Tag und
Nacht, an Wochenenden und Feiertagen - voller
Menschen."

Seite 2

Für Drinkwater erfüllt sich mit der bevorstehenden
Kanalufer-Erschließung entlang der Straßen von
Scottsdale und Camelback ein lange gehegter Traum.
Der Arizonakanal wird in eine Landschaft mit Wegen,
Brücken, Restaurants, Geschäften und Ladenstraßen
eingebettet. Die Erschließung verspricht eine erfreuliche Ergänzung zu Scottsdales Indian Bend
Wash zu werden, einer langgestreckten, parkähnlichen Aue mit Golfkursen, Joggingpfaden und
Radfahrwegen, Angelstellen, Seen und Picknickplätzen.
Danny Medina, Herausgeberin von zwei Magazinen
über Mode und bildende Künste, erklärt, die Leute
kämen auch wegen Fünf-Sterne-Restaurants wie
Christopher's in Phoenix oder dem Chaparral Room
im Camelback Inn in das Tal.

AMERIKA DIENST 31

�Zu den schickeren Hotels gehören das Phoenician,
The Boulders in Carefree, The Scottsdale Princess,
The Pointe an den Tapito Cliffs und die alteingesessenen - das Camelback Inn, Arizona Biltmore Hotel
und The Wigwam in Litchfield Park. Aber wenn man
Rindfleisch mit Bohnen nach Cowboy-Art oder
Square dance mag, kann man das hier ebenfalls
finden. Zum Beispiel im Pinnacle Peak Patio. Hier
ist es de rigueur für die Kellnerinnen, einfach die
Schlipse der Männer abzuschneiden, um sie an den
Dachbalken aufzuhängen - wo sich bereits Hunderte
befinden.
"Dieses Lokal ist eine Legende, ein Muß", stellt der
im Pinnacle Peak angestellte Cowboy Dan fest.
"Jeder kommt hierhin - Reiche, Arme, ehemalige,
Möchtegern- und echte Berühmtheiten - und aus
jedem Teil der Erde. Sie essen auf Holzkohle des
Mesquitbaums gegrillte Steaks, sehen die Lichter
des Tals unter den Sternen und tanzen zur Musik
einer Countryband."
Mit staubigem Cowboyhut und Schnauzbart sieht
Cowboy Dan (sein Nachname ist KnodI, wird aber
nie benutzt) eher wie ein Goldsucher aus den
achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus, der
seinen Esel verloren hat, als ein zweisprachiger
Empfangschef eines Steak-Hauses der neunziger
Jahre. Und wie die große Mehrheit der Einwohner
von Arizona kam er aus einer anderen Region in
den Bundesstaat.
"Ich bin in der Türkei geboren", erklärt Dan, "und bin
wegen der Religionsfreiheit nach Amerika gekommen. Ich danke Gott, daß ich Amerikaner bin, der
im warmen Arizona lebt. Jetzt bin ich ein freigeistiger Cowboy."
Die Einwohner und Besucher werden in der Stille
der Wüste Sonoran gleichermaßen zu "freigeistigen
Cowboys". Der inzwischen verstorbene Architekt
Frank Lloyd Wright formulierte es folgendermaßen,
als er in den vierziger Jahren sein Winterdomizil
Taliesin West in Scottsdale aufschlug: "Das Leben
in der Wüste ist eine geistige Katharsis, die viele
Menschen benötigen. Ich bin einer von ihnen."

AMERIKA DIENST 31

Wenn Besucher sich in die das Tal umgebenden
Wüstengebiete wagen, sind die meisten erstaunt über
das Grün der Bäume, Büsche und Wiesen sowie die
exotischen Kakteen. Im März und April ist die Wüste
ein Meer von Kakteenblüten und wilden Blumen. Die
Paloverde-Bäume sind in herrliche gelbe Blüten
gehüllt. Und die hochaufragenden Saguaro-Kakteen
wachsen nur in der Wüste im südlichen Arizona und
in Nordmexiko.
"Besucher stellen sich die Wüste als unechte Umgebung wie in den Karikaturen und Western vor",
erläutert Richard Tumolo von den Desert Mountain
Jeep Tours. "Plötzlich werden sie von echten Cowboys durch den Saguaro-Wald geführt, die ihnen
anhand von 500 Jahre alten Mühlsteinen, 200 Jahre
alten Saguaros und 100 Jahre alten sechschüssigen
Revolvern Geschichten erzählen. Sie entspannen
sich total hier draußen, in einer neuen Atmosphäre
des Friedens und der Freiheit, die sich so von allen
anderen Orten unterscheidet."
Tumolo ließ in den siebziger Jahren die Hektik der
New Yorker Textilindustrie hinter sich, um ins Tal der
Sonne zu kommen und nahm ihn besuchende
Freunde zu Picknicks in der Wüste mit. Sie erklärten
ihm immer wieder: "Das ist das Schönste, was wir je
unternommen haben. Warum machst Du nicht ein
Geschäft daraus?" So begann er mit einem Fahrzeug und einem Gitarre spielenden Verwandten.
Heute hat er 12 Fahrzeuge und engagiert mehrere
Bands, die Westernmusik spielen.
"Diese wunderschöne Wüste hat etwas nahezu
Mystisches", stellt Tumolo fest.
Das ist im Tal der Sonne nicht überraschend, wo
Phoenix, wie sein mythischer Namensvetter, praktisch
aus dem Nichts entstanden ist, um zum Mittelpunkt
eines Wüsten-Freizeitgebiets ersten Ranges zu
werden.

Seite 3

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              <text>Amerikadienst 10.08.1994</text>
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              <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Christopher sieht "äußerst ernste Verhandlungen" im Nahen Osten voraus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Radiointerview des Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Helsinki-Menschenrechtstag 1994 &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA streben universelle Befolgung des Vertrags über das Verbot von Atomversuchen an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von ACDA-Direktor Hollum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nächster Schritt für Ukraine ist Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Staatssekretärin Davis&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Konzentration auf offene Gesellschaften in Osteuropa erforderlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung von George Soros&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Landeskunde&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Im Tal der Sonne &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Maggie Wilson&lt;/em&gt;</text>
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