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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

3. August 1994

30

WIRTSCHAFT

TALBOTT FORMULIERT ENGAGEMENT DER
USA FÜR APEC, ASEAN UND GATT NEU
Eröffnungsansprache bei der
ASEAN-Konferenz

HAITI

USA BEREIT ZUR FÜHRUNG
MULTINATIONALER TRUPPE IN HAITI
Rede von Botschafterin Albright

KRIEGSVERBRECHEN

ERSTE ANKLAGEN BIS DEZEMBER
ERWARTET
Oberstaatsanwalt nimmt Arbeit auf

ARBEITSMARKT

ARBEITSPLATZE IN DER NEUEN
VOLKSWIRTSCHAFT
von Peter F. Drucker

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�WIRTSCHAFT
3. August 1994

TALBOTT FORMULIERT ENGAGEMENT DER USA
FÜR APEC, ASEAN UND GATT NEU
Eröffnungsansprache bei der ASEAN-Konferenz
BANGKOK - (AD) - "Die Vereinigten Staaten verpflichten sich zum Forum für asiatisch-pazifische wirtschaftliche
Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation - APEC) als Katalysator für wirtschaftliche Zusammenarbeit in der asiatisch-pazifischen Region, und wir betrachten den Verband Südostasiatischer Nationen
(Association of South-East Asian Nations - ASEAN) als das Kernstück des APEC", erklärte der Staatssekretär
im Außenministerium Strobe Talbott am 26. Juli 1994 bei der ASEAN-Ministerkonferenz.
In seiner Eröffnungsansprache stellte Talbott ferner fest: "Ob es uns gefällt oder nicht, die Strömungen von
Wirtschaft, Technologie und Kultur tragen uns unaufhaltsam zu wirtschaftlicher Integration."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Staatssekretär Talbott.

Es ist mir eine große Ehre, die Vereinigten Staaten
bei der ASEAN-Ministerkonferenz vertreten zu
dürfen. Außenminister Christopher bedauert außerordentlich, daß er nicht anwesend sein kann, aber er
sieht einem Zusammentreffen mit vielen von Ihnen
bei der UN-Generalversammlung im September und
bei seiner Reise mit Präsident Clinton nach Jakarta
im November erwartungsvoll entgegen.
Im Namen der gesamten amerikanischen Delegation,
insbesondere Joan Spero, unserem Staatssekretär
im Außenministerium für wirtschaftliche Angelegenheiten, und Botschafter Winston Lord, unserem
Abteilungsleiter im Außenministerium für ostasiatische und pazifische Angelegenheiten, möchte ich
Seiner Majestät König Bhumibol, Ministerpräsident
Chuan, Außenminister Prasong und den Thailändern
für diese Veranstaltung danken. Wir könnten keine
besseren Gastgeber haben.
Anfang dieses Monats forderte Präsident Clinton
eine Erneuerung der großartigen Institutionen der
globalen Zusammenarbeit, die nach dem Zweiten
Weltkrieg entstanden sind. Er bat die Leiter dieser
Institutionen, sich darauf zu konzentrieren, "wie wir
in 20 Jahren aussehen wollen, und was wir unternehmen müssen, um das zu verwirklichen."
Heute möchte ich den Vorschlag des Präsidenten
zur Erweiterung und Stärkung der Architektur der
internationalen Zusammenarbeit näher erläutern und
das Engagement der Vereinigten Staaten für die in
Asien bereits begonnene Arbeit unterstreichen, eine

AMERIKA DIENST 30

neue Grundlage für Frieden, Wohlstand und Demokratie in der Region zu erarbeiten.
Wir betrachten den ASEAN als das Kernstück dieser
vielversprechenden Bestrebungen.
Seit seiner
Gründung im Jahr 1967 hat der ASEAN die Fähigkeit
zur Entwicklung und Erweiterung bewiesen, um sich
wandelnden Erfordernissen und Umständen gerecht
zu werden. Das vom ASEAN abgedeckte ThemenSpektrum umfaßt inzwischen praktisch alle Bereiche
der Politik, von der internationalen Flüchtlingsproblematik über Drogenhandel, Handelsliberalisierung und
Transportwesen bis zu regionaler und internationaler
Sicherheit. Entsprechend hat auch die Zahl der
Teilnehmer an ASEAN-Foren zugenommen. Das
gestrige Treffen des regionalen ASEAN-Forums war
ein historisches Ereignis.
Mit einer erweiterten
Mitgliedschaft, zu der jetzt auch China, Laos, PapuaNeuguinea, Rußland und Vietnam zählen, war das
gestrige Treffen der erste umfassende Sicherheitsdialog der Region.
Meine Kollegen und ich waren von der Tiefe und dem
Umfang der Diskussion außerordentlich beeindruckt beeindruckt, aber nicht überrascht, denn ich hatte
eine ähnliche Reaktion auf den Dialog zwischen dem
ASEAN und den Vereinigten Staaten, der im Mai in
Washington stattfand. Bei diesem Treffen befaßte
man sich mit einer großen Bandbreite von wirtschaftlichen und politischen Themen, einschließlich Gebieten
wie dem Nahen Osten und Bosnien.

Seite 1

�Zum ersten Mal hat sich der Koordinierungsausschuß für Handel und Investitionen in diesem Jahr in
Washington an dem Dialog beteiligt. Infolgedessen
konnten zahlreiche hochrangige Vertreter aus dem
Privatsektor teilnehmen - sowohl vom ASEAN als
auch aus den Vereinigten Staaten.
Die Rolle des ASEAN bei der Förderung von Diskussion und Zusammenarbeit im öffentlichen und privaten Sektor wird angesichts der zunehmenden Interdependenz von Gemeinschaften in Asien - und auf
der ganzen Welt - mehr und mehr erforderlich.
Während wir uns dem 21. Jahrhundert nähern, sind
wir mit einem breiten Spektrum von Problemen
konfrontiert, die nationale Grenzen überschreiten.
Dazu zählen Bevölkerungsfragen, das Potential für
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen,
illegale Herstellung von Drogen und Drogenhandel,
die Ausbreitung von AIDS und anderen Krankheiten
sowie die Zerstörung der Umwelt. Diesen transnationalen Problemen liegt die Notwendigkeit zugrunde, die globale Revolution im Technologiebereich, Kommunikations- und Transportwesen in einer
Weise zu bewältigen, die Wirtschaftswachstum
unterstützt. Obwohl diese neuen Technologien uns
dabei behilflich sein werden, die von mir gerade
erwähnten Probleme zu meistern, werden sie auch
große Veränderungen in unseren Gesellschaften und
unseren Verhaltensmustern bewirken. Ob es uns
gefällt oder nicht, die Strömungen von Wirtschaft,
Technologie und Kultur tragen uns unaufhaltsam zu
wirtschaftlicher Integration. Wenn wir unsere kooperativen Bestrebungen in Asien und darüber hinaus
fortsetzen und verbessern, können wir die Vorteile
von Wohlstand und sozialer Entwicklung für alle
unsere Völker verwirklichen.
Im Juli letzten Jahres versprach Präsident Clinton,
daß die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten
und Freunden zusammenarbeiten würden, um eine
"neue pazifische Gemeinschaft" auf der Grundlage
von drei gemeinsamen Verpflichtungen zu schaffen:
Der Verpflichtung zu Sicherheit, Wirtschaftswachstum und demokratischen Werten. Vor dem Hintergrund des jüngsten Appells meines Präsidenten für
eine Erneuerung unserer bilateralen und multilateralen Partnerschaften möchte ich mit Ihnen die in den
vergangenen zwölf Monaten in jedem dieser Bereiche erzielten Fortschritte bewerten und dann erörtern, wie wir weiter vorgehen könnten.
Sicherheit
Das Ende des Kalten Krieges hat historische Chancen für den Abbau von Spannungen geschaffen.
Rußland, das bis vor kurzem als Hauptbedrohung
der regionalen Sicherheit in Asien angesehen wurde,

Seite 2

ist jetzt auf einem reformistischen Kurs auch im
Hinblick auf seine Beziehungen zu anderen Staaten.
In diesem Frühjahr hat meine Regierung ein historisches Abkommen mit Vietnam geschlossen, um
Verbindungsbüros in Hanoi und Washington einzurichten, möglichst genaue Angaben über die
amerikanischen Vermißten sicherzustellen und den
Prozeß der Erweiterung der Beziehungen zwischen
unseren beiden Ländern zu beginnen.
Wie Präsident Clinton im Juli vergangenen Jahres in
Seoul betonte, "müssen wir uns stets vor Augen
führen, daß Sicherheit an erster Stelle steht". Die
Vereinigten Staaten werden zu ihrer Sicherheitsverpflichtung im Pazifik stehen - in Friedenszeiten
ebenso wie in den drei Kriegen in Asien, in denen
Amerikaner in diesem Jahrhundert gekämpft und ihr
Leben gelassen haben. Heute bilden unsere fünf
Bündnispartner - Japan, Korea, Australien, Thailand
und die Philippinen - das Kernstück dieser Verpflichtung. Unsere vorne stationierte militärische Präsenz
bietet einen starken Rahmen, um die vordringlichsten
Sicherheitsbelange der Region anzusprechen.
Keiner dieser Sicherheitsbelange ist dringender als
das nordkoreanische Nuklearprogramm. Nordkoreas
Weigerung, Begrenzungen seines Nuklearprogramms
zu akzeptieren, gefährden Südkorea, Japan und
andere Nationen in Nordostasien und beschwören
das Gespenst eines destabilisierenden atomaren
Rüstungswettlaufs in der Region herauf. Und es
droht, Nuklearmaterial an geächtete Regime wie im
Iran und Irak weiterzugeben. Nordkoreas Austritt aus
dem Nichtverbreitungsvertrag (NW) würde die zur
Bekämpfung der Weiterverbreitung am dringendsten
erforderliche globale Struktur schwächen.
Zusammen mit unseren Vertragspartnern und der
internationalen Staatengemeinschaft haben wir auf
die Einhaltung der Nichtverbreitungsverpflichtungen
Nordkoreas hingearbeitet. Wir haben in Genf eine
dritte Diskussionsrunde mit Nordkorea in die Wege
geleitet, um das Land vom Verbleib im Nichtverbreitungsvertrag zu überzeugen, umfassende Sicherheitsvorschriften zu akzeptieren und die NordSüd-Entnuklearisierungserklärung umzusetzen. Wir
haben mit Nordkorea die Wiederaufnahme der dritten
Runde am 5. August vereinbart.
Wir werden diese geduldigen diplomatischen Bestrebungen fortsetzen. Aber wenn Nordkorea den Dialog
als Umweg benutzen will, sind wir bereit, das Thema
dem Sicherheitsrat vorzulegen, Sanktionen zu verhängen und alle zur Lösung des Problems geeigneten Schritte zu unternehmen.

AMERIKA DIENST 30

�Nordkoreas Nuklearprogramm unterstreicht die durch
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen
verursachte umfassendere Bedrohung. Die Vereinigten Staaten haben eine Führungsrolle bei den
Bestrebungen zum Abschluß der Chemiewaffenkonvention, der Verhängung eines Moratoriums für
Atomtests, der Aushandlung des Vertrags über ein
umfassendes Atomtestverbot, der Verwirklichung der
unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung
des N W und den Verhandlungen über die Beendigung der Produktion von spaltbarem Material für
Waffen übernommen.
Aber die Bekämpfung der Weiterverbreitung ist nicht
länger die ausschließliche Verantwortung einiger
weniger Mächte. Zahlreiche Länder in Asien und
andernorts können die Chemikalien, Elektronik und
anderen Materialien produzieren, die MöchtegernAtomwaffenstaaten beschaffen wollen. Wir fordern
die asiatischen Nationen auf, die ihnen zukommende
Rolle beim Beitritt zu Nichtverbreitungsregimen und
deren Umsetzung zu spielen.
Konventionelle Waffen können ebenfalls einen
äußerst destabilisierenden Effekt haben.
Aus
diesem Grund sehen die Vereinigten Staaten der
engen Zusammenarbeit mit Ihren Ländern erwartungsvoll entgegen, um starke Exportkontrollregime
und -maßnahmen zu verabschieden, damit der
gefährliche Transfer in zur Besorgnis Anlaß gebende
Länder und Regionen verhindert werden kann.
Eine weitere uns konfrontierende Sicherheitsherausforderung ist die Notwendigkeit stärkerer Instrumente
für präventive Diplomatie und Friedensschaffung.
Die an diesem Tisch versammelten Nationen,
insbesondere die Mitgliedstaaten des ASEAN, haben
ihr Engagement unter Beweis gestellt, dem kambodschanischen Volk zu helfen, Jahrzehnte der Gewalt
zu beenden und die Zukunft selbst in die Hand zu
nehmen. Trotz andauernder Probleme hat Kambodscha im vergangenen Jahr große Fortschritte erzielt.
Die letztes Jahr abgehaltenen freien Wahlen und die
Gründung einer Koalitionsregierung geben uns
Hoffnung, daß ein dauerhafter Frieden möglich ist.
Die Kambodschaner werden jedoch die Tragödien
ihrer Vergangenheit nicht ohne kontinuierliche Hilfe
überwinden können. Alle unsere Nationen müssen
sich weiterhin in Kambodscha engagieren, im
Rahmen der internationalen Konferenz über den
Wiederaufbau Kambodschas, durch Unterstützung
der demokratisch gewählten Regierung und die
Unterbrechung aller Verbindungen zu den Roten
Khmer.
Eine Sicherheitsbedrohung in dieser Region bildet
möglicherweise das Südchinesische Meer. Die
Vereinigten Staaten beziehen keine Stellung zu

AMERIKA DIENST 30

territorialen Ansprüchen, aber wir lehnen den Einsatz
von Gewalt zu ihrer Durchsetzung vehement ab. Wir
unterstützen die von Indonesien ausgehenden
Bestrebungen zu einer friedlichen Lösung und der
Erschließung von Ressourcen.
Im Hinblick auf die potentiellen Sicherheitsprobleme
der Zukunft ist die Schaffung des regionalen ASEANForums eine vielversprechende Entwicklung. Das
regionale Forum kann unseres Erachtens in den
kommenden Jahren eine historische Rolle dabei
spielen, Absichten zu vermitteln, Mißtrauen auszuräumen, Vertrauen aufzubauen und letztlich Konflikte
abzuwenden.
Wirtschaftlicher Fortschritt
Die Staats- und Regierungschefs der asiatischpazifischen Gemeinschaft - die nahezu die Hälfte des
Bruttoinlandsprodukts der Welt ausmacht - haben im
November vergangenen Jahres in Seattle Geschichte
gemacht, als sie sich einer gemeinsamen Herausforderung stellten: Wie kann die Dynamik erhalten
und gefördert werden, die das Wachstum ihrer
Volkswirtschaften und den Wohlstand ihrer Völker
ermöglicht hat?
Die Vereinigten Staaten verpflichten sich zum Forum
für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit als Katalysator für wirtschaftliche Zusammenarbeit in der asiatisch-pazifischen Region, und wir
betrachten den Verband Südostasiatischer Nationen
als das Kernstück des APEC.
Die Treffen der Finanz-, Wirtschafts- und Umweltminister des APEC in diesem Jahr sind ermutigende
Beispiele der umfangreichen Konsultationen, die sich
zwischen den APEC-Nationen entwickeln.
Wir
begrüßen die unter der Führung von Indonesien
erzielten Fortschritte und sehen dem diesjährigen
Zusammentreffen der Minister und Staatsoberhäupter
in Indonesien erwartungsvoll entgegen.
Unter Präsident Suhartos Führung werden wir das
Mandat des APEC zur Liberalisierung von Handel
und Investitionen stärken, neue Verbindungen zu
entscheidenden Sektoren wie Telekommunikation
knüpfen und Aktivitäten des Privatsektors in der
gesamten Region ankurbeln.
Das APEC ist ein Modell für die in unserer Weltwirtschaft erforderliche Art von regionalen Organisationen. Obwohl APEC und NAFTA sich in ihrer Zusammensetzung und Struktur stark unterscheiden,
dienen sie beide zur Öffnung der Volkswirtschaften
einer riesigen Region für die übrige Welt. Für uns ist
dies der Schlüssel: Regionale Gruppierungen sind
eine positive Entwicklung, wenn sie sich nach außen

Seite 3

�•#

wenden und Türen öffnen, statt sich nach innen zu
wenden und Mauern zu errichten.
Natürlich steht das GATT bei der Öffnung von
Märkten an erster Stelle, weil es wirklich global ist.
Das APEC-Treffen in Seattle gab den letzten Anstoß
zum Abschluß der Uruguay-Runde, ein Schritt, der
in unser aller Interesse lag. Wir teilen ein Interesse
an der Öffnung von Märkten, der Ankurbelung von
Wachstum und der Schaffung von Arbeitsplätzen.
Jetzt müssen wir unserer Verantwortung als große
Handelsnation gerecht werden, und das Abkommen
in diesem Jahr genehmigen.
Ich möchte offen sagen, daß es nicht leicht sein
wird, die für das GATT erforderlichen Gesetze durch
den Kongreß zu bringen. Aber die Clinton-Administration ist dazu in diesem Jahr entschlossen.
Unseres Wissen haben einige von Ihnen ähnliche
Schwierigkeiten. Es ist wichtig, daß jeder von uns
seinen Wahlkreis von der Bedeutung der Gründung
der Welthandelsorganisation überzeugen kann. Am
Beginn der Nachkriegszeit scheiterten unsere Vorgänger an der Ratifizierung eines Abkommens zur
Schaffung einer internationalen Handelsorganisation.
Wir sollten denselben Fehler nicht noch einmal
machen. Die Vorteile der Uruguay-Runde für die
asiatisch-pazifische Region, die Vereinigten Staaten
und die Weltwirtschaft müssen jetzt zum Tragen
kommen und dürfen nicht bestritten werden.
Die neue Welthandelsorganisation sollte mit anderen
internationalen Organisationen wie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zusammenarbeiten, um
offene Märkte und freien Handel anzustreben. Sie
müssen sowohl traditionelle Handelshemmnisse als
auch neue Handelsfragen wie Handel und Umwelt,
Arbeitsnormen, Wettbewerbspolitik und Investitionen
ansprechen. In Zusammenarbeit müssen wir gemeinsame kooperative und mulitlaterale Ansätze zu
diesen Themen entwickeln. Vor allem müssen wir
sicherstellen, daß unsere gemeinsamen Bestrebungen offenen Handel, Wachstum und soziale Entwicklung, nicht Protektionismus, fördern.
Demoktratie
Wenn offene Märkte und offene Seewege Wohlstand
und Sicherheit im Pazifik fördern, gilt dies ebenso für
offene Gesellschaften. Der Mikrochip und das
Modem, die FAX-Maschine und der Fotokopierer,
internationale Telefon- und Computernetze sind der
Lebensnerv des modernen Unternehmens. Volkswirtschaften werden gelähmt, wenn die Bürger
gegen den Staat kämpfen müssen, um diese Ma*

Seite 4

*

schinen zu besitzen und zu benutzen. Gesellschaften und politische Systeme müssen offen sein, wenn
sie prosperieren sollen. Unternehmer aus Singapur
und San Francisco mögen unterschiedliche Sprachen
sprechen, sind sich jedoch einig, daß Unternehmen
florieren und Wohlstand gedeiht, wenn Ideen und
Informationen frei ausgetauscht werden. Sie wissen,
daß die Rechtsstaatlichkeit Investitionen schützt,
ebenso wie eine freie Presse dazu beiträgt, Korruption zu kontrollieren.
Demokratie ist bei unserem gemeinsamen Streben
nach Stabilität eine entscheidende Ressource. Die
historische Bilanz ist klar: Demokratien setzen nicht
so leicht das Leben ihrer Bürger in Aggressionskriegen aufs Spiel, sie praktizieren nicht so leicht
Terrorismus, sie handeln nicht so leicht mit Drogen
oder führen Flüchtlingsströme herbei.
In den vergangenen Monaten wurde viel über die
Meinungsverschiedenheiten zwischen Ost und West
bei Menschenrechtsfragen geschrieben. Obwohl ich
nicht bestreiten möchte, daß Differenzen bestehen,
müssen wir uns meines Erachtens vor Augen führen,
wo wir übereinstimmen. Wir alle wollen von unseren
Regierungen mit Würde behandelt werden. Es gibt
keine kulturelle Rechtfertigung für Folter oder Tyrannei.
Vor dem Hintergrund dieser grundlegenden Wahrheit
bekräftigte das thailändische Volk vor zwei Jahren
seinen Wunsch nach einer demokratischen Regierung, und im vergangenen Jahr überquerten kambodschanische Bauern, Mönche und ehemalige
Soldaten Minenfelder und trotzten der Todesdrohung
am Wahltag - aus einem einfachen Grund: um zu
wählen. Das burmesische Volk hofft, daß seine
Regierung die Demokratie wiederherstellt und Aung
San Suu Kyi freiläßt. Wir teilen und unterstützen
diese Hoffnung.
Die Vereinigten Staaten werden politische Offenheit
ohne Arroganz oder Rechtfertigung fördern. Wir
werden dies unter Respektierung der Souveränität
und Einzigartigkeit jeder Nation bei gleichzeitiger
Verpflichtung zu universellen Werten und Bestrebungen tun.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und begrüße die Gelegenheit, Ihre Ansichten zu den vorliegenden Themen zu hören. Die Institutionen, die uns ins
nächste Jahrhundert geleiten werden, müssen von
Konsultation und Konsens bei Treffen wie diesem
getragen sein.

*

*

AMERIKA DIENST 30

�HAITI
3. August 1994

USA BEREIT ZUR FÜHRUNG MULTINATIONALER
TRUPPE IN HAITI
Rede von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinigten Staaten seien dazu bereit, eine multinationale Streitmacht
aufzustellen und zu führen, um auf Haiti die rechtmäßige Regierung von Präsident Jean-Bertrand Aristide
wiederherzustellen, erklärte die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, Madeleine
Albright, am 31. Juli 1994 vordem UN-Sicherheitsrat.
Albright zufolge erstreben und erwarten die Vereinigten Staaten eine Beteiligung anderer Nationen an der vom
UN-Sicherheitsrat autorisierten Truppe. Der Rat hatte mit überwältigender Mehrheit dafür gestimmt, den
Mitgliedstaaten im Einklang mit Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen den Einsatz aller erforderlichen
Mittel zur Absetzung der Militärregierung und beschleunigten Rückkehr Präsident Aristides zu gestatten. Ferner
stellte der Sicherheitsrat ein Team aus 60 Militärbeobachtern zur Überwachung der Operationen der
multinationalen Truppe auf.
"Wir werden damit beginnen, Polizei und Militär professionell zu gestalten", so die Botschafterin. "Wir werden
ein stabiles und sicheres Umfeld schaffen, in dem demokratische Regierungsvertreter und Institutionen tätig
sein können. Wir hoffen, daß die derzeitigen Militärmachthaber Haitis freiwillig abziehen und der
multinationalen Truppe keinen Widerstand entgegensetzen."
Albright, die den Entwurf des Resolutionstextes und die Bestrebungen um Zustimmung der Ratsmitglieder
hierzu leitete, erklärte, die internationale Staatengemeinschaft habe "Verurteilung, Überzeugungskraft,
Isolierung und Verhandlungen ... eingesetzt. Wir haben Sanktionen verhängt, sie ausgesetzt, erneut verhängt
und verstärkt.
Wir haben den tatsächlichen Machthabern Haitis jede Gelegenheit gegeben, ihren
Verpflichtungen nachzukommen."
"Irgendwann ist jedoch jede Geduld erschöpft", äußerte sie.
Nachfolgend veröffentlichen wir die der Abstimmung im Sicherheitsrat über den Resolutionsentwurf
vorausgegangene Rede von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Herr Präsident, diese historische Resolution ermächtigt die Mitgliedstaaten, unter Einsatz aller erforderlichen Mittel die legitime, verfassungsmäßige Regierung Haitis wiedereinzusetzen.
Dies stellt den Höhepunkt der Bestrebungen dieses
Rates dar, die Demokratie wiederherstellen, der das
haitianische Volk vor 34 Monaten beraubt wurde.
Die Resolution baut auf frühere Aktionen auf, die auf
eine Milderung des Leidens in Haiti und die Förderung der Rechtsstaatlichkeit abzielen.
Dieser Rat hat geduldig ein friedliches und gerechtes
Ende der haitianischen Krise angestebt. Die Organi-

AMERIKA DIENST 30

sation Amerikanischer Staaten (OAS) hat gleichgerichtete Bestrebungen verfolgt. Die UN-Mitgliedstaaten, einschließlich des von mir vertretenen, haben
unabhängig voneinander Schritte unternommen, um
die unrechtmäßigen Machthaber zur Aufgabe der
Macht zu ermutigen. Gemeinsam haben wir - die
internationale Staatengemeinschaft - die Mittel
Verurteilung, Überzeugungskraft, Isolierung und
Verhandlungen eingesetzt. Auf Governors Island
haben wir uns als Vermittler eines Abkommens
betätigt, das von den Militärmachthabern zwar
unterzeichnet, jedoch nicht umgesetzt wurde. Wir
haben Sanktionen verhängt, sie ausgesetzt, erneut
verhängt und verstärkt. Wir haben den tatsächlichen

Seite 1

�Machthabern Haitis jede Gelegenheit gegeben, ihren
Verpflichtungen nachzukommen.
Irgendwann ist jedoch jede Geduld erschöpft. Die
demokratisch gewählte Regierung Haitis wurde vor
nahezu drei Jahren gestürzt. Die große Mehrheit
des haitianischen Volkes hat grausam unter dem
illegalen Regime gelitten.
Die derzeitigen unrechtmäßigen Machthaber haben
politische Gegner schamlos umgebracht, unter den
Armen Angst und Schrecken verbreitet, ihr Wort
nicht gehalten, eine Marionettenregierung aufgestellt,
die von den Vereinten Nationen und der OAS
entsandten Menschenrechtsbeobachter des Landes
verwiesen und den Weg der Versöhnung auf der
Grundlage der Gesetze gemieden.
Der Status quo in Haiti ist weder haltbar noch
akzeptabel. Es muß eine Wahl getroffen werden.
Und obwohl die Situation in Haiti kompliziert ist, ist
diese Wahl so einfach wie die Auswahl zwischen
richtig und falsch. Heute hat der Rat die richtige
Wahl getroffen - für Demokratie, Gesetz, Würde und
Befreiung von langem und unverdientem Leiden.
Die Botschaft des Sicherheitsrates an die Generäle
Cedras und Biamby sowie Oberst Frangois ist
simpel: Auch Sie haben die Wahl. Sie können
freiwillig und bald gehen, oder Sie werden unfreiwillig und bald gehen. Die Sonne über Ihrem skrupellosen Ehrgeiz geht allmählich unter. Und am Horizont
kann eine neue Morgendämmerung für Haiti bereits
ausgemacht werden.
Von manchen wird das Argument angeführt, in Haiti
sei keine Demokratie möglich und die Mehrheit der
dort lebenden Menschen sollte Unterdrückung und
bittere Armut als ihr Schicksal akzeptieren. Diese
düsteren Ratgeber drängen bei uns darauf, nicht zu
handeln, denn sie wissen, daß wir durch die Befolgung ihrer Ratschläge auch ihre Prophezeiungen
erfüllen.
Wenn wir jedoch untätig zuschauen,
können wir sichergehen, daß in Haiti Angst und
Schrecken, Verzweiflung, Flucht, Instabilität, Kriminalität und Ungerechtigkeit kein Ende nehmen.
Meine Regierung hat eine positivere Einstellung.
Wir unterschätzen nicht die wirtschaftlichen und
sozialen Schwierigkeiten Haitis, werden jedoch nicht
eine ganze Gesellschaft abschreiben, insbesondere
nicht so dicht vor unserer Küste. Unsere Generation
war Zeuge, wie die Freiheit von Osteuropa über
Südostasien bis Mittelamerika und Südafrika die
Beschränkungen gesprengt hat. Wir wissen, daß
freie Wahlen in Haiti möglich sind, weil der derzeitige
Präsident aus solchen hervorgegangen ist. Wir
wissen, daß die haitianische Freiheit Helden und

Seite 2

Märtyrer von Toussaint über Malary bis zu den
Hunderten von Menschen hat, die dieses Jahr
verschwanden, gefoltert oder vergewaltigt wurden,
nur weil sie ihre grundlegenden Rechte wahrnahmen.
Wir wissen, daß Haiti eine reiche Kultur hat, großen
Stolz und Menschen voller Energie und Mut. Wenn
die Militärmachthaber gegangen sind und die Last der
Sanktionen aufgehoben wurde, wird ein neuer Anfang
gemacht werden. Das Klima für politische Versöhnung wird sich verbessern. Das Militär wird lernen,
den Menschen zu dienen, anstatt sie zu mißbrauchen. Wir und andere werden umfassende wirtschaftliche und technische Hilfe bereitstellen. Alte
Schulden werden getilgt.
Neue öffentliche und
private Investitionen werden Arbeitsplätze schaffen.
Und mit der Zeit werden die Haitianer wieder in die
Lage versetzt, ihre Kinder und Familien zu ernähren.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Es ist nicht
unsere Absicht, in die Souveränität Haitis einzugreifen, sondern die Souveränität derjenigen wiederherzustellen, die sie von Rechts wegen ausüben sollten.
Es ist unser Ziel, Haiti in die Lage zu versetzen, "den
sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern", wie es in
der Charta der Vereinten Nationen formuliert ist. Wir
wollen Haiti den Aufbau einer Zukunft gestatten, die
freier, sicherer und wohlhabender ist als die Vergangenheit.
Die heutige Resolution ermächtigt uns zu einem aus
zwei Phasen bestehenden Ansatz. In der ersten
Phase wird eine multinationale Truppe im Einklang
mit Kapitel VII der Charta zur Wiederherstellung der
rechtmäßigen Regierung in Haiti autorisiert. Die
Vereinigten Staaten sind zur Aufstellung und Führung
einer solchen Streitmacht bereit. Wir erstreben und
erwarten die Beteiligung anderer Nationen. Wir
werden damit beginnen, Polizei und Militär professionell zu gestalten. Wir werden ein stabiles und
sicheres Umfeld schaffen, in dem demokratische
Regierungsvertreter und Institutionen tätig sein
können. Wir hoffen, daß die derzeitigen Militärmachthaber Haitis freiwillig abziehen und der multinationalen Truppe keinen Widerstand entgegensetzen.
Diese Resolution ermächtigt uns jedoch zum Handeln
ungeachtet dessen, ob unsere Hoffnung sich erfüllt
oder nicht.
In der zweiten Phase wird die UNO-Mission in Haiti
ihre Funktionen umfassend wahrnehmen. Sie wird
weiterhin die Streitkräfte Haitis professioneller gestalten und beim Aufbau eines zivilen Polizeiwesens
mitwirken. Sie wird die Pflicht übernehmen, der
Regierung bei der Wiederherstellung der grundlegenden öffentlichen Ordnung beizustehen. Sie wird zur
Schaffung eines Umfelds beitragen, das freien und

AMERIKA DIENST 30

�fairen Wahlen förderlich ist. Und sie wird eine
Erfüllung ihrer Aufgaben spätestens bis Februar
1996 anstreben.
Der Zeitpunkt des Übergangs von der ersten zur
zweiten Phase wird vom Sicherheitsrat nach entsprechenden Konsultationen bestimmt, nachdem ein
stabiles und sicheres Umfeld geschaffen wurde und
die Mittel für die Erfüllung der UNO-Mission verfügbar sind. Die Vereinigten Staaten sind zur Beteiligung an der UNO-Mission bereit und werden durch
die Bereitschaft anderer Staaten ermutigt, ebenfalls
teilzunehmen.
Die vorliegende Resolution verbindet sich gut mit
unserer Politik - und der des Rates - die vorgeschlagenen neuen Friedensoperationen einer strengen
Überprüfung zu unterziehen. Phase Eins baut auf
den Präzedenzfällen Kuwait und Ruanda auf. Phase
Zwei schafft eine UNO-Mission moderater Größe mit
einem klaren und erreichbaren Mandat, die in relativ
sicherem Umfeld, mit Zustimmung der Regierung
und über einen festgesetzten Zeitraum operiert.

* *

AMERIKA DIENST 30

Herr Präsident, die Ausarbeitung dieser Resolution
refklektiert das Interesse und die Sorge angesichts
der Ereignisse in Haiti, die in der gesamten Hemisphäre und darüber hinaus zu spüren sind. Die
Freunde Haitis - Kanada, Frankreich, Venezuela,
Argentinien und die Vereinigten Staaten - haben eng
mit dem Generalsekretär und seinem Sondergesandten zusammengearbeitet. Alle Mitglieder des Sicherheitsrats haben einen Beitrag geleistet und
können in diesem Sinne alle als "Freunde Haitis"
bezeichnet werden. Gemeinsam haben wir eine
Resolution entworfen, die dieser großartigen Institution Ehre erweist und in völliger Übereinstimmung
mit der Haltung der OAS steht. Meine Regierung ruft
alle Regierungen dazu auf, einen angemessenen
Beitrag zur zügigen und erfolgreichen Umsetzung
dieser Resolution zu leisten.
Wir wollen jetzt mit einer Stimme und gemeinsamer
Entschlossenheit vorgehen. Die Notwendigkeit ist
groß, die Sache gerecht, die Chance, etwas zu
bewirken ist real, der Moment der Entscheidung ist
hart.

*

*

Seite 3

�KRIEGSVERBRECHEN
3. August 1994

ERSTE ANKLAGEN BIS DEZEMBER ERWARTET
Oberstaatsanwalt nimmt Arbeit auf
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Befürworter des
Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien hoffen, daß die Arbeit jetzt beschleunigt
wird, nachdem der südafrikanische Richter Richard
Goldstone zum Oberstaatsanwalt ernannt worden ist.
In einer vor kurzem bei den Vereinten Nationen
veranstalteten Pressekonferenz erklärte Goldstone,
er erwarte, daß die ersten Anklageschriften gegen
mutmaßliche Kriegsverbrecher im ehemaligen
Jugoslawien "in wenigen Monaten, auf jeden Fall bis
Ende des Jahres" dem Gericht übergeben würden.
Goldstone fügte hinzu, er habe als spätesten Termin
den Dezember 1994 angesetzt. "Ich bin mir der
Dringlichkeit der Entscheidungen über die zukünftige
Aufgabe des Tribunals angesichts der bisherigen
Verzögerungen ... insbesondere bei der Ernennung
eines Staatsanwalts in hohem Maße bewußt."

Goldstone zufolge besteht seine erste Aufgabe
darin, sich mit dem bereits von der UN-Kommission
für Kriegsverbrechen gesammelten Material vertraut
zu machen. "Mir wurde gesagt, daß ein beeindruckender Berg von Material auf meinem Schreibtisch auf mich wartet."
In ihrem umfangreichen Abschlußbericht gelangte
die UN-Kommission für Kriegsverbrechen zu der
Schlußfolgerung, daß in großem Umfang "besonders
brutale und grausame" Kriegsverbrechen, einschließlich "ethnischer Säuberungen", Genozid, Vergewaltigung und sexuellem Mißbrauch in den ehemals
jugoslawischen Republiken von den Serben so
systematisch ausgeführt wurden, daß es eine
politische Maßnahme zu sein scheint.
Anhand der von Regierungen, Privatorganisationen
und eigenen Ermittlungen zusammengetragenen
Informationen stellte die Kommission fest, daß
Massenmord, Folterung, Vergewaltigung, schwere
Körperverletzung an Zivilisten, Mißhandlung ziviler
und Kriegsgefangener, die Verwendung von Menschen als menschliche Schutzschilde, Zerstörung
von Eigentum sowie Angriffe auf Krankenhäuser und

AMERIKA DIENST 30

andere medizinische Einrichtungen mit "außerordentlicher Brutalität und Grausamkeit" ausgeführt wurden.
Goldstone traf auch mit UN-Generalsekretär BoutrosGhali zur Erörterung seines Mandats zusammen,
bevor er nach Den Haag, dem ständigen Sitz des
Gerichtshofs, zu Gesprächen mit den Anklagevertretern reiste.
"Wir fangen nicht am Punkt Null an. Es sind bereits
Angestellte dort, und es wird Vorbereitungsarbeit
geleistet." Goldstone wird am 15. August 1994 seine
Tätigkeit in Den Haag aufnehmen.
Der Oberstaatsanwalt erklärte, er könne noch nicht
sagen, wie er den Berg der gesammelten Informationen angehe, deutete aber an, daß seines Erachtens
"der Gruppe der schlimmsten Verbrecher eindeutig
Priorität beigemessen werden müßte", unabhängig
davon, ob sie Vertreter des Militärs oder der Regierung sind.
"Am Ende muß man sich jedoch von den verfügbaren
Beweisen leiten lassen", so Goldstone. Wenn er von
unzureichenden Beweisen ausgehe, käme das einem
Mißbrauch des ihm verliehenen Mandats gleich.
"Meiner Ansicht nach sind die von der internationalen
Staatengemeinschaft bei der Einrichtung dieses
Tribunals unternommenen Schritte ein äußerst
wichtiger Fortschritt bei der Institutionalisierung der
Menschenrechte, die nach dem Ersten Weltkrieg
begann.
Der Erfolg oder das Scheitern dieses
Tribunals wird von den Ereignissen in diesem Bereich
im nächsten Jahrzehnt abhängen. Ich war stets ein
Verfechter der Überzeugung, daß gravierende
Menschenrechtsverletzungen der internationalen
Staatengemeinschaft Anlaß zur Sorge bereiten
müssen und nicht nur die betroffenen Länder angehen."
Kritiker des Tribunals erklären, der Angeklagte könne
nicht in Abwesenheit verurteilt und die Länder nicht
zur Auslieferung der Verdächtigen zum Prozeß nach
Den Haag gezwungen werden. Die Schwierigkeit
bestehe darin, die Verdächtigen in Gewahrsam

Seite 1

�nehmen und ausreichende Beweise sammeln zu
können, um die Angeklagten zu dem Verfahren aus
Ländern zu holen, die nicht zur Zusammenarbeit
bereit sind, wie beispielsweise Serbien.

Goldstone, der politische Gewalttaten in Südafrika
während der heiklen Gespräche zur Beendigung der
Apartheid ermittelte, stellte fest, die südafrikanische
Erfahrung lehre, daß man es bewältigen kann.

Golstone äußerte, er sei nicht so pessimistisch wie
manche, daß das Tribunal von einigen Regierungen
wenig Unterstützung erhalten werde. "Wenn die
Staaten nicht mit dem Tribunal zusammenarbeiten,
ist dies eine Angelegenheit, die dem Sicherheitsrat
zur Entscheidung vorgelegt wird."

"Unsere Nachforschungen, bei denen dem einem und
dem anderen Schuld zugewiesen wurde, liefen in der
Tat in vielen Fällen dem Friedensprozeß zuwider,
aber meines Erachtens wurde das Vorgehen generell
akzeptiert."

Er fügte hinzu, persönlich zöge er es vor, niemanden
in Abwesenheit zu verurteilen. "Das wäre einseitig.
Es gibt nur die Option, auch die andere Seite zu
hören, unabhängig davon, wie schwerwiegend die
Beweise sein mögen."
Andere sind besorgt, daß die Androhung der Strafverfolgung von Kriegsverbrechen den sensiblen
Friedensprozeß unterbrechen oder zerstören könnte.

*

Seite 2

*

Die amerikanische Botschafterin Madeleine Albright
erklärte, Goldstones Herausforderung bestehe darin,
"die Schuld des einzelnen unabhängig von der
ethnischen Identität festzustellen und damit zur
Verringerung der Beschuldigungen beizutragen, die
die öffentliche Meinung gegenüber bestimmten
ethnischen Gruppen so leichtfertig vorbringt. Wirkliche Versöhnung im ehemaligen Jugoslawien wird
nicht möglich sein, bis der Gedanke der kollektiven
Schuld für die Greueltaten ausgemerzt ist und die
Schuld dem einzelnen zugewiesen wird."

*

*

AMERIKA DIENST 30

�ARBEITSMARKT
3. August 1994

ARBEITSPLÄTZE IN DER NEUEN VOLKSWIRTSCHAFT
von Peter F. Drucker
Eine Regierung kann kurzfristig nichts gegen den Mangel an guten Arbeitsplätzen tun, argumentiert der
Verfasser, der auf die Tatsache verweist, daß das Problem in den Vereinigten Staaten weniger gravierend ist
als in jedem anderen westlichen Industrieland. Drucker zufolge hängt die Schaffung solcher Arbeitsplätze
großenteils von der "Beteiligung eines Landes an der wachsenden und expandierenden Weltwirtschaft" ab.
Peter Drucker ist Lehrer und Berater, der sich auf Strategien und Maßnahmen für Unternehmen und
gemeinnützige Gruppen sowie die Arbeit und Organisation des oberen Managements spezialisiert. Er hat über
25 Bücher zu unterschiedlichen Themen verfaßt, darunter Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Management.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Aspen Institute Quarterly.
Copyright (c) 1994 The Aspen Institute Inc.

Die umfassende Sammlung an Büchern, Reden,
Artikeln und Diskussionspapieren für diese Zusammenkunft, die eine enorme Vielfalt an Sorgen,
Gesichtspunkten, politischen Positionen und Empfehlungen repräsentieren, führt zu einer Schlußfolgerung:
Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was die
Regierung eines entwickelten Landes, wie es die
Vereinigten Staaten sind, tun kann, um kurzfristig
Arbeitsplätze zu schaffen - das heißt, binnen fünf
Jahren oder innerhalb der Amtszeit einer Administration.

t

Der plausibelste Schluß aus diesen Unterlagen ist in
der Tat, daß die derzeitige Administration sehr wohl
die letzte sein kann, die wegen ihres Versprechens,
Arbeitsplätze zu schaffen, an die Macht kam, und die
letzte sein wird, die vornehmlich anhand ihres
Erfolges oder Scheiterns bei der Verwirklichung
dieses Versprechens beurteilt wird (eine Schlußfolgerung, zu der Ross Perot und seine Anhänger
bereits eindeutig gelangt sind).
Der Hauptgrund sind nicht die Finanzen, obwohl alle
Regierungen von Industrieländern (einschließlich der
Japaner) sich am Ende ihrer Ausgabenkapazität
befinden oder sie bereits überschritten haben. Der
Grund ist, daß die Schaffung von Arbeitsplätzen in
allen entwickelten Ländern keine quantitative,
sondern eine qualitative Herausforderung ist. Es ist
nicht das Problem der Rezession oder Depression,

AMERIKA DIENST 30

sondern langfristiger grundlegender struktureller
Verlagerungen. Es ist ein universelles Problem und
nicht ein amerikanisches, deutsches oder japanisches.
In den Vereinigten Staaten ist es in der Tat - bei
weitem - weniger schwerwiegend. Aus der Perspektive des Auslands - ich habe das Arbeitsplatzproblem im Mai und Juni 1993 mit politischen Entscheidungsträgern in Deutschland, Frankreich und
Belgien erörtert - sieht es aus, als hätten die Vereinigten Staaten überhaupt kein Arbeitsplatzproblem
für Nichtschwarze.
Erstens haben die Vereinigten Staaten bei weitem
den größten Anteil von beschäftigten und erwerbstätigen Erwachsenen und bei weitem den größten
Anteil von an gutbezahlten Arbeitsplätzen Beschäftigten. Und entsprechend haben sie den bei weitem
geringsten Anteil von arbeitslosen Erwachsenen (mit
Ausnahme der Schwarzen). Dies gilt sogar im
Vergleich zu Japan. Die offizielle japanische Arbeitslosenquote von 2,4 Prozent ist geschönt - vor allem,
weil Frauen in der Regel nicht als ständig Beschäftigte angesehen werden und aus diesem Grund in den
Arbeitslosenzahlen überhaupt nicht berücksichtigt
werden, und teilweise, weil der Westen diejenigen, für
die es keine Arbeitsplätze gibt, dafür bezahlt, daß sie
nicht zur Arbeit gehen - wir zahlen Arbeitslosenhilfe wohingegen die Japaner sie bezahlen, damit sie zur
Arbeit gehen und unbeschäftigt herumsitzen. In
jedem Fall trägt der Steuerzahler die Kosten. Wie

Seite 1

�hoch die echte japanische Arbeitslosenquote ist,
wissen wir nicht. Die genaueste Schätzung - der
Wirtschaftswissenschaftler bei Keidanren, dem
mächtigen japanischen Arbeitgeberverband - liegt
bei ungefähr 7 Prozent für erwachsene Männer und
nahe an 15 Prozent für erwachsene Frauen.
Die Vereinigten Staaten haben auch die niedrigste
Arbeitslosenquote des Westens für junge Nichtschwarze und den höchsten Prozentsatz, mit dem
sie in der Erwerbsbevölkerung vertreten sind. Die
reale japanische Zahl für Jugendliche ist vielleicht
niedriger als die amerikanische Zahl, aber wahrscheinlich geringfügig. Bis jetzt haben die Japaner
Berufsanfänger eingestellt und ihnen Ausbildung
geboten (obwohl sie keine Arbeitsplätze für sie
hatten). Dies scheint sich jedoch zu ändern - Nissan
hat beispielsweise die Einstellung von Berufsanfängern drastisch gesenkt. Und einige Prognosen in
Japan sehen einen dramatischen Anstieg der
Arbeitslosigkeit bei jungen Absolventen der weiterführenden High-Schools voraus, das heißt, Jugendlichen ohne College-Ausbildung.
Heute wird viel über das deutsche System für
Auszubildende gesprochen. Ich war in einem 1949
erschienenen Buch einer seiner ersten Befürworter.
Trotz des Programms für Auszubildende hat
Deutschland heute mit die höchste Arbeitslosenquote
unter Jugendlichen in der entwickelten Welt - weit
höher als die der Vereinigten Staaten für Nichtschwarze. Nur sehr große deutsche Firmen übernehmen die Mehrzahl ihrer Auszubildenden. Die
anderen bilden sie aus, solange die Regierung für
sie zahlt, aber dann haben sie keine Arbeitsplätze
für sie - zumindest die verfügbaren Arbeitsplätze
sind nicht diejenigen, auf die das Programm für
Auszubildende die jungen Menschen vorbereitet.
In allen Industrienationen sehen wir uns mit einer
Verlagerung der Bedeutung eines "guten Arbeitsplatzes" konfrontiert. Offensichtlich hat sich die
Anzahl, der Prozentsatz oder die Bezahlung des
traditionellen "schlechten Arbeitsplatzes" wenig
verändert - die letzte Verlagerung dieser Art scheint
nach dem Ersten Weltkrieg stattgefunden zu haben,
als Hausangestellte in den entwickelten Ländern
rapide abnahmen und mit dem Zweiten Weltkrieg
völlig verschwanden. Von 1900 an - und ganz
eindeutig seit dem Ersten Weltkrieg - stand der
größte Teil "guter Arbeitsplätze" ungelernten (aber
vornehmlich gewerkschaftlich organisierten), Robotern vergleichbaren Arbeitern in der Massenproduktionsindustrie zur Verfügung - Arbeitsplätze, die ein
wissenschaftliches Management und das Fließband
schufen. Diese Arbeitsplätze werden weder exportiert noch durch Automatisierung ersetzt. Sie werden
abgeschafft, während die Arbeit durch Wissen

Seite 2

umstrukturiert wird. Weniger als 15 Prozent des in
den Vereinigten Staaten verbrauchten Stahls wird
importiert - ein kleinerer Prozentsatz als in jedem
anderen Industrieland mit Ausnahme Japans.
Dennoch produziert USX - früher US Steel, der
größte Stahlfabrikant des Landes - jetzt ungefähr die
gleiche Tonnage mit 20.000 Stahlarbeitern wie vor 15
Jahren mit 120.000 und mit einem Minimum an
neuen Kapitalinvestitionen. Und die "Miniwalzwerke",
die auf Informationen aufbauen und bereits ein Drittel
des amerikanischen Stahls produzieren, benötigen
nur ein Drittel soviele Arbeiter für die gleiche Tonnage.
Das ist keine neue Entwicklung. Es ist der Höhepunkt eines nahezu ein Jahrhundert alten Trends.
Seit ungefähr 1900 nahm die für eine zusätzliche
Produktionseinheit in der Fertigungsindustrie erforderliche Zahl an Arbeitskräften um ein Prozent pro
Jahr ab. Der Trend wurde in Kriegszeiten unterbrochen, aber nicht umgekehrt. (Und wie sowohl
Lester Thurow als auch ich unterstrichen haben, ist
auch die für eine zusätzliche Produktionseinheit in
der Fertigungsindustrie benötigte zusätzliche Einheit
an Rohmaterial seit 1900 und zweifelsohne seit 1918
mit ungefähr der gleichen Jahresrate gesunken).
Gleichzeitig - wiederum seit Anfang dieses Jahrhunderts - ist der für jede Einheit des Bruttosozialprodukts erforderliche zusätzliche Anteil an gelernten
Arbeitskräften und Information um ein Prozent pro
Jahr gestiegen. Diese beiden grundlegenden Trends
kreuzten sich ungefähr um 1960 oder 1965. Sie
waren bereits so klar und deutlich, daß ich in meinem
1949 erschienenen Buch The New Society das
Entstehen einer "Volkswirtschaft des Wissens"
vorhersagte.
Diese Trends sind unumkehrbar.
Infolgedessen haben wir die merkwürdige und
ziemlich einzigartige Entwicklung der vergangenen 15
Jahre. Die Armen sind nicht ärmer geworden - sie
blieben, wo sie die ganz Zeit waren. Die Reichen der
fünfziger Jahre - das heißt, gewerkschaftlich organisierte, in der Massenproduktion tätige Arbeiter mit
einem Minimum an Ausbildung und Qualifikation verschwanden schnell. Und die Reichen der achtziger Jahre - Arbeitnehmer aller Art mit Wissen wurden reicher. Die Einkommensverteilung ist also
nicht ungleich, sondern vielmehr unregelmäßig
geworden.
Im Gegensatz zu der weithin verbreiteten Auffassung
ist dies nicht ein den Vereinigten Staaten eigenes
Phänomen und hat nichts mit Jimmy Carter, Ronald
Reagan oder George Bush zu tun. Die gleiche
Entwicklung fand in Großbritannien unter der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher statt,
in Frankreich unter dem sozialistischen Präsidenten
Frangois Mitterrand, in Deutschland unter der "sozia-

AMERIKA DIENST 30

�len Marktwirtschaft", in Schweden, in Holland - und
kommt jetzt schnell nach Japan.
Ich habe nicht von "Weißen" und "Nichtweißen",
sondern von "Nichtschwarzen" und "Schwarzen"
gesprochen. Denn auch im Hinblick auf die nichtschwarzen "Minderheiten" stehen die Vereinigten
Staaten entschieden besser da als jedes andere
entwickelte Land. Den Hispaniern geht es beispielsweise deutlich besser - bei Beschäftigung und
Arbeitslosigkeit, der Ausbildung und den Chancen als den Kariben und Pakistani in Großbritannien, den
Türken in Deutschland und den Algeriern in Frankreich. Und natürlich wird die Mehrzahl dieser neuen
Einwanderer nicht so in den Arbeitslosenstatistiken
der europäischen Länder erfaßt, wie wir Hispanier
und andere Minderheiten erfassen.

Es kann nicht durch das in Angriff genommen
werden, was die Regierung zur "Schaffung von
Arbeitsplätzen" oder zum "Schutz von Arbeitsplätzen" tun kann.

Die Probleme dieser Minderheiten - und natürlich
gibt es ernsthafte Probleme - unterscheiden sich
nicht so sehr von denen, die Neuankömmlinge aus
Ländern mit niedrigeren Ausbildungs- und Qualifikationsnormen stets hatten. Wenn solche Gruppen
entweder über die Ausbildung oder den Willen
verfügen, sie zu erwerben, sind sie wahrscheinlich in
einer besseren Position - im Hinblick auf Chancen
und Arbeitsplätze - als ähnliche Gruppen in der
amerikanischen Geschichte (Sizilianer Anfang dieses
Jahrhunderts oder Iren vor 150 Jahren) und in
Europa (die Tschechen in Wien vor dem Ersten

Die Schaffung von Arbeitsplätzen in der neuen
Volkswirtschaft bedeutet - wie von Professor Thurow
dargelegt - vor allem die erhöhte Beteiligung eines
Landes an der wachsenden und expandierenden
Weltwirtschaft. Einige meiner jüngsten Studien über
die aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu
ziehenden ökonomischen Lehren weisen eindeutig
auf eine nahezu übereinstimmende Entsprechung
zwischen bezahlten Arbeitsplätzen in einem Land/
Industriezweig/Unternehmen und der Beteiligung
dieser Einheit am Welthandel und der Weltwirtschaft
hin. Ferner hängt dies direkt von den Investitionen
dieses Landes/Industriezweigs/Unternehmens auf
ausländischen Märkten ab. Der Großteil der Exporte
von Fertigwaren und Dienstleistungen - die im
Gegensatz zu den sinkenden Exporten von Nahrungsmitteln und Rohmaterialien ansteigen - gehen in
zunehmendem Maße an Zweiggesellschaften, Partner
und Tochtergesellschaften inländischer Produzenten.
Über die Hälfte der Exporte amerikanischer Fertigungsunternehmen - die in den vergangenen 10
Jahren fast so schnell gewachsen sind wie die
japanischen Exporte in dem Jahrzehnt davor - gehen
an Zweig- und Tochtergesellschaften derselben
amerikanischen Produzenten, also an Unternehmen,

Weltkrieg oder die russischen Juden in England um

an die Amerika Arbeitsplätze exportierte, wie es

die Jahrhundertwende).

allgemein formuliert wird.

Arbeitsplätze - gute, gutbezahlte Arbeitsplätze stehen den Menschen mit Ausbildung offen, die für
auf Wissen basierende Arbeit vorbereitet sind. In
den Vereinigten Staaten gibt es eine beispiellose
Erfolgsgeschichte der von Indern ausgebildeten
Computerfachleute, und den schnellen sozialen
Aufstieg der Asiaten (zum Beispiel Koreaner oder
Chinesen), die den kulturellen Hintergrund haben
oder belesen sind. Sie haben wahrscheinlich die
niedrigste Arbeitslosenquote aller Gruppen der
amerikanischen Bevölkerung.

Umgekehrt sind die besten amerikanischen Abnehmer japanischer Exporte im Besitz von Japanern
befindliche Unternehmen. Toyota in Tennessee hat
in Japan mindestens vier- oder fünfmal so viele
Arbeitsplätze im Fertigungsbereich geschaffen wie in
Tennessee. (Ich kann es nicht beweisen, aber es ist
möglich, daß die Subventionierung ausländischer
Hersteller bei der Errichtung von Unternehmen in
diesem Land - wie in vielen unserer Bundesstaaten
geschah und immer noch der Fall ist - in den Vereinigten Staaten faktisch mehr Arbeitsplätze zerstört
als schafft.)

Für die 90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung
und Erwerbsbevölkerung, die Nichtschwarze sind,
stimmen die verfügbaren Daten überein:
Das Problem ist nicht ein rein amerikanisches
Problem, sondern allen entwickelten Ländern
gemeinsam.
In den Vereinigten Staaten ist es weit weniger
gravierend als in jedem anderen entwickelten
Land und zweifelsohne unendlich weniger
schwerwiegend als in jedem anderen entwickelten westlichen Land.

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Die zweite Schlußfolgerung im Hinblick auf Arbeitsplätze und die Schaffung von Arbeitsplätzen für die
90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung und
Erwerbsbevölkerung, die nicht schwarzer Hautfarbe
sind, ist die Notwendigkeit, daß wir Arbeitnehmer
heranbilden, die zur Nutzung der neuen Chancen in
der Lage sind. Dies bedeutet - wie jedem bewußt ist
- neues Denken sowie eine radikale Umstrukturierung
unseres Ausbildungswesens auf allen Ebenen. Es
würde den Rahmen meines Vortrags sprengen, auf
das Was und Wie eines solchen Vorgehens einzugehen - und natürlich hat bisher niemand eine

Seite 3

�Antwort parat. Einiges wird jedoch klar. Als allererstes benötigen wir fortgesetztes - lebenslanges Lernen. Zweitens lehren uns die Japaner eine
Lektion: Wie man zu lernen hat, nämlich die Disziplin des Lernens und der Prozeß des Lernens, sind
vielleicht wichtiger als die Themen und der Lehrplan.
Die Konzentration der amerikanischen Wirtschaft und
Unternehmen auf die Weltwirtschaft und der neue
Kurs für die Schule und das Lernen werden sicherlich ein völlig neues Denken auf seiten der Öffentlichkeit, Politiker und staatlichen Behörden erfordern.
Aber dies sind sicherlich nicht vorwiegend die Dinge,
die eine Regierung tun kann, oder bei denen sie
eine Führungsrolle übernehmen kann. Und sie
schaffen zweifelsohne keine Arbeitsplätze - oder
zumindest nicht so schnell.
Übrig bleibt die eigentümlich amerikanische Herausforderung, die schwarze Herausforderung. Sie ist
nicht ausschließlich in den Vereinigten Staaten zu
finden - Brasilien entwickelt eindeutig etwas dem
amerikanischen Problem schwarzer Arbeitnehmer
sehr Ähnliches, trotz aller Behauptungen des Landes, es habe kein Rassenproblem. Das Problem
schwarzer Arbeitnehmer ist jedoch in den Vereinigten Staaten seit 200 Jahren eine Tatsache. Es
handelt sich in quantitativer Hinsicht um ein "kleines"
Problem - insgesamt 10 oder 12 Prozent - das
wahrscheinlich abnimmt und großenteils irrelevant
ist. Gewissensprobleme verwenden jedoch einen
anderen Maßstab.
In gewissem Ausmaß kann das Problem der
Schwarzen als ein Arbeitsplatzproblem betrachtet
werden. Die in den Vereinigten Staaten lebenden
Schwarzen waren zweifelsohne der größte Nutznießer des Entstehens jener nie dagewesenen Klasse
der "Reichen der fünfziger Jahre" nach dem Zweiten
Weltkrieg - der überwiegend nicht ausgebildeten
Bezieher großer Einkommen in der gewerkschaftlich
organisierten Massenproduktion.
Das schnelle
Schwinden dieser Chancen hat den amerikanischen
Schwarzen mehr als jede andere Gruppe getroffen.
Es gibt jedoch eine Vielzahl von Beweisen dafür,
daß dieselbe Politik, die Einfluß auf das Arbeitsplatzproblem von Nichtschwarzen hat, auch auf Schwarze
zutrifft. Eine der Erfolgsgeschichten mit Signalwirkung der letzten Jahre unter den Schwarzen in den
Vereinigten Staaten ist die Schaffung guter Arbeitsplätze für Schwarze in den Innenstädten durch die
Chicago State University unter der Leitung von Dr.
Dolores Cross. Insbesondere in zwei ihrer Berufsschulen - den Schulen für Krankenpflege und
Unternehmensführung - hatte die Chicago State
University phänomenalen Erfolg unter schwarzen
Jugendlichen, von denen viele aus den schlimmsten

Seite 4

Gegenden der Innenstädte kommen. Sie wurden
umgeschult, zu guten Schülern gemacht und erhielten
Arbeitsplätze, durch die sie in den Mittelstand aufrückten.
Im Gegensatz zu dem, was viele von uns in den
Jahren unter Kennedy und Johnson glaubten, ist das
Problem der Schwarzen in den Vereinigten Staaten
nicht vorwiegend wirtschaftlicher Natur.
Es ist
zweifelsohne ein Problem der Diskriminierung sicherlich weniger als vor 50 Jahren, aber dennoch
von Bedeutung. Insofern ist es ein Problem der
Nichtschwarzen. Es ist zweifellos eng mit einem
sozialen Problem verknüpft - oder wird zumindest
beträchtlich dadurch verschärft - das weder schwarzer oder weißer, und eher globaler als amerikanischer Natur ist: Dem Verfall der stolzesten Schöpfung des 19. Jahrhunderts, der Stadt. Da es zunehmend einfacher wird, Informationen und Ideen zu
bewegen als Menschen, verliert die Stadt zunehmend
ihre Funktion. Dieses Problem steht auch in engem
Zusammenhang mit einem anderen soziopolitischen
Problem, das weder schwarz, noch weiß, noch
speziell amerikanisch ist - dem Scheitern des Sozialversorgungssystems, das vor über 100 Jahren im
Deutschland unter Bismarck ins Leben gerufen und
nach dem Zweiten Weltkrieg perfektioniert wurde.
Dieses System befindet sich allerorts in der Krise.
Und diese Krise steht überall ebenso mit nichtökonomischen Faktoren in Zusammenhang (Werten,
Bestrebungen, Demographie, Lebensstil) wie mit Geld
und der wachsenden Unfähigkeit (und dem Unwillen)
der erwerbstätigen Bevölkerung, nichtbeschäftigte
"Parasiten" zu unterstützen, so sehr sie diese Hilfe
auch verdienen oder benötigen mögen. In den
Vereinigten Staaten wird jedoch die Krise des Sozialversorgungssystems - ob zu Recht oder nicht - eher
als schwarzes denn als ein soziales Problem betrachtet.
Das Problem der Schwarzen und der Arbeitsplätze
für Schwarze ist auch ein Problem der schwarzen
Amerikaner - ihrer Werte, ihres Strebens, ihrer
Erwartungen und ihres Selbstverständnisses. Die
Regierung kann hiergegen nichts unternehmen. Dies
erfordert ein Handeln der Gemeinschaft, was weder
in den öffentlichen Sektor (Regierung) fällt, noch in
den Privatsektor (Unternehmen), sondern in einen
autonomen, sozialen Sektor von Führungspersönlichkeiten vor Ort, Organisationen vor Ort, Freiwilligen
vor Ort, Vorbildern vor Ort. Mir scheint, das hoffnungsvollste Anzeichen in der amerikanischen
Gesellschaft als Ganzes ist heute das Entstehen
eines solchen sozialen Sektors und das Entstehen
eines solchen sozialen Sektors unter den Schwarzen.

AMERIKA DIENST 30

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