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                  <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

28

AUSSENPOLITIK

20. Juli 1994

ISRAELISCH-JORDANISCHE GESPRÄCHE
BIETEN ANREIZ ZU WEITEREN
FORTSCHRITTEN
Interview mit Außenminister Christopher

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim
Nationalen Presseclub

WIRTSCHAFT

DEFIZITPROBLEM MUSS JETZT
ANGEGANGEN WERDEN
Erklärung von Alan Greenspan

RAUMFAHRT

MONDLANDUNG GROSSTE LEISTUNG DES
JAHRHUNDERTS
25. Jahrestag des historischen Ereignisses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-3341 02

�AUSSENPOLITIK
20. Juli 1994

ISRAELISCH-JORDANISCHE GESPRÄCHE BIETEN
ANREIZ ZU WEITEREN FORTSCHRITTEN
Interview mit Außenminister Christopher
JERUSALEM - (AD) - Nach Ansicht von Außenminister Christopher werden die Gespräche zwischen Israel
und Jordanien "einen Anreiz zu Fortschritten auf allen Gebieten" geben, um im Nahen Osten Frieden zu
schaffen, insbesondere zwischen Israel und Syrien.
Im Nachrichtenprogramm "Today" des amerikanischen Fernsehsenders NBC erklärte Christopher am 18. Juli
1994 ferner, die Situation in Ruanda sei "tragischer" als alles seit langer Zeit Erlebte. Die wichtigste Aufgabe
einer Koalitionsregierung besteht ihm zufolge derzeit darin, "endlich etwas Ruhe in diese schreckliche Situation"
einzubringen.
Der Außenminister beantwortete auch Fragen zu Haiti und Nordkorea.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview mit Außenminister Christopher im Wortlaut.

Frage: Wie ist die Lage in Ruanda?
Antwort: Die Situation dort ist tragischer als alles
seit langer Zeit Erlebte. Der Präsident hat den
Direktor unseres Amts für internationale Entwicklung,
Brian Atwood, in das Land entsandt. Wir arbeiten
sehr hart mit der Patriotischen Front an der Umsetzung des Waffenstillstands. Darauf werden wir
energisch drängen. Der Präsident hat zusätzliche
humanitäre Hilfe zugesagt. Unser großes Transportflugzeug ist zum Abflug bereit, sobald der Flughafen
dort geöffnet ist. Meines Erachtens ist jetzt das
Wichtigste, daß die Patriotische Front den ausgehandelten und anschließend gebrochenen Waffenstillstand durchsetzt und eine Koalitionsregierung
einsetzt, die endlich etwas Ruhe in diese schreckliche Situation bringt.
Der einzige Grund zu Optimismus ist die Tatsache,
daß die Patriotische Front in dieser Situation Erfolg
zu haben scheint, und sie stellt eine Koalitionsregierung auf, zu der auch einige Mitglieder des
Hutu-Stammes gehören. Das ist der einzige Anlaß
zu Optimismus. Es ist eine verwirrende Situation, in
der eine Koalitionsregierung gebildet und gleichzeitig
eine riesige humanitäre Anstrengung unternommen
werden muß.

AMERIKA DIENST 28

Frage: Was können die Vereinigten Staaten den
Haitianern sagen?
Antwort: Meines Erachtens sollte ihnen gesagt
werden, daß wir unseren Druck auf die illegale
Regierung mit verschärften Sanktionen auf ein
Maximum erhöhen. Ferner bemühen wir uns zum
jetzigen Zeitpunkt um die Bereitstellung humanitärer
Hilfe. Ich möchte den Haitianern mitteilen, daß die
Zeit gekommen ist, daß ihre illegale Regierung
abdankt. Unsere gesamten Bestrebungen sollten in
diese Richtung gehen. Die Vereinigten Staaten
hoffen, daß dieser Druck Wirkung zeitigt. Gleichzeitig
hat der Präsident die Option von Gewaltanwendung
offengehalten.
Wir müssen abwarten, ob die Sanktionen wirksam
sind. Die neuen, verschärften Sanktionen sind erst
seit einiger Zeit in Kraft. Natürlich ist niemand der
Ansicht, daß Gewaltanwendung die attraktivste
Option darstellt, es könnte jedoch dazu kommen.
Präsident Clinton hat diese Entscheidung noch nicht
getroffen und so viel Druck wie möglich auf die
illegale Regierung ausgeübt.
Frage: Sollten sich die Vereinigten Staaten zur
Invasion Haitis entschließen, wie wichtig wäre die

Seite 1

�Zustimmung des vertriebenen Präsidenten JeanBertrand Aristide?
Antwort: Natürlich würden wir uns über seine Hilfe
und Zusammenarbeit sehr freuen. Die Wiederherstellung der Demokratie ist in diesem Land der
Schlüsselfaktor. Wir arbeiten eng mit Präsident
Aristide zusammen. Wie Sie wissen, gab es gute
Zusammenarbeit bei den Radiosendungen, die er
nach Haiti ausstrahlte, und meines Erachtens hat
sich aufgrund der beträchtlichen und geschickten
Hilfe des Kongreßabgeordneten Bill Gray unsere
Zusammenarbeit mit Präsident Aristide stark verbessert.
Frage: Können Sie dem syrischen Präsidenten
Hafiz al-Asad irgendwelche Friedensinitiativen
anbieten?
Antwort: Ich werde mit beiden Parteien zusammenarbeiten. Das Wichtigste bleibt in diesem Zusammenhang jedoch, daß der langanhaltende arabischisraelische Konflikt sich seinem Ende zu nähern
scheint. Alles deutet darauf hin. Auf dieser Reise
werde ich in Jordanien mit dem israelischen Außenminister und dem jordanischen Ministerpräsidenten
zusammenkommen - das erste Ereignis dieser Art und ich sehe dem historischen Treffen zwischen
Ministerpräsident Rabin, König Hussein und Präsident Clinton in Washington am kommenden Montag
erwartungsvoll entgegen. Hier bricht wirklich das
Eis, und meines Erachtens müssen wir auf einen
umfassenden Frieden hinarbeiten. Meine Pendeldiplomatie zwischen Jerusalem und Damaskus kann
einen Schritt in diese Richtung darstellen. Beide
Parteien haben einen Anreiz zu Fortschritten.

Frage:
Was sagen die israelisch-jordanischen
Gespräche über die israelisch-syrische Beziehung
aus?
Antwort: Meiner Meinung nach werden sie dazu
motivieren, auf allen Gebieten Fortschritte zu erzielen. Wie gesagt: Es muß ein umfassender Frieden
geschaffen werden. Es stimmt, daß sie eine gewisse
Übereinstimmung zeigen. Andererseits haben sie ein
unterschiedliches Tempo angeschlagen. Jetzt hoffen
wir, daß dieses Tempo bei den israelisch-syrischen
Gesprächen übernommen werden kann. Sowohl
Präsident Asad als auch Ministerpräsident Rabin
meinen es ernst, und sie sind jetzt hoffentlich geneigt,
auch auf diesem Weg Fortschritte zu machen. Aus
diesem Grund bin ich hier.
Frage: Bereitet Kim Jong-Il die Konsolidierung seiner
Macht in Nordkorea Schwierigkeiten?
Antwort: Nein, derzeit scheint das nicht der Fall zu
sein. Ich sage das vor allem deshalb, weil wir
weiterhin hoffnungvoll und sogar zuversichtlich sind,
daß unsere dritte Gesprächsrunde in Genf stattfinden
wird. Wir wollen direkt nach dem Begräbnis mit
Nordkorea Kontakt aufnehmen, um die dritte Gesprächsrunde einzuleiten. Auf dieser Grundlage
scheint sich der Übergang ordnungsgemäß zu
vollziehen. Natürlich sind wir in dieser Situation nicht
vollständig informiert. Im Hinblick auf die dritte
Gesprächsrunde wissen wir jedoch aufgrund unserer
Kontakte, daß die Amtsnachfolge Fortschritte macht
und wir der dritten Runde innerhalb einiger Wochen
erwartungsvoll entgegensehen können.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 28

�AUSSENPOLITIK
20. Juli 1994

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim Nationalen Presseclub
WASHINGTON - (AD) - Umweltverträgliche Entwicklung muß ein Eckpfeiler der neuen amerikanischen
Außenpolitik und der neu definierten nationalen Sicherheit für das 21. Jahrhundert sein, stellte der
Staatssekretär im Außenministerium für globale Angelegenheiten, Timothy Wirth, fest.
In seiner am 12. Juli 1994 im Nationalen Presseclub gehaltenen Rede erklärte Wirth, umweltverträgliche
Entwicklung bedeute im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten
Staaten - versuchen sollten, "die Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen
für künftige Generationen zu erfüllen".
Wirth zufolge ist umweltverträgliche Entwicklung "ein in der Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig verstärken".
Das größte Hindernis bei der Verfolgung umweltverträglicher Entwicklung sei die fehlgeleitete Überzeugung,
"daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft". Tatsache sei, so Wirth, daß "die
Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt verbunden ist und vollständig von ihr abhängt".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Timothy Wirth im Wortlaut.

Der Kalte Krieg, der über 40 Jahre lang die langfristige Sicherheit definierte, wird schnell zu einem
lange zurückliegenden Zeitalter. Statt dessen sehen
wir uns mit einem breiten Spektrum unbekannter
Herausforderungen in einer an sich schon so unbekannten Welt konfrontiert, daß sie fast nicht mehr zu
erkennen ist. Die Veränderungen und Entscheidungen, vor denen die Vereinigten Staaten und die
internationale Staatengemeinschaft jetzt stehen,
stellen ebenso große Anforderungen wie diejenigen,
die wir seit 1945 kannten. Aber die Natur, Vielfalt
und Geschwindigkeit, mit der die neuen Herausforderungen auftreten, gebieten dringende Bestrebungen zum Verständnis der langfristigen Herausforderungen unserer Außenpolitik und eine Neubewertung der Prioritäten für die amerikanische Führungsrolle bei der Bewältigung neuer Tests und
Gestaltung einer besseren Welt.
Wie immer besteht unser Interesse in dauerhaftem
Frieden und Wohlstand. Neu sind die diffusen
Tendenzen, die diese Interessen in der Zukunft
bestimmen werden, wenn wir die Aufgabe der
Regierungsführung an unsere Kinder weitergeben.

AMERIKA DIENST 28

Heute möchte ich den Vorschlag unterbreiten, daß
das Streben nach umweltverträglicher Entwicklung die beim Erdgipfel in Rio formulierte hehre Idee - ein
Eckpfeiler der neuen amerikanischen Außenpolitik
und der neu definierten nationalen Sicherheit für das
21. Jahrhundert sein muß.
Umweltverträgliche Entwicklung bedeutet im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten Staaten - versuchen sollten, die
Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen für künftige Generationen zu erfüllen. Richtig verstanden und umgesetzt
kann die Idee umweltverträglicher Entwicklung die in
der Welt von heute aktiven, außerordentlich mächtigen wirtschaftlichen und umweltpolitischen Kräfte
integrieren und harmonisieren. Es ist ein in der
Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig
verstärken. Ökologische Systeme bilden die Grundlage einer modernen Gesellschaft - in der Wissenschaft, Landwirtschaft sowie bei sozialer und wirtschaftlicher Planung.
Langfristig von unserem
ökologischen Kapital zu leben, ist eine ruinöse

Seite 1

�Wirtschaftsstrategie. Gleichzeitig streben die meisten Völker und Nationen nach Wirtschaftswachstum
sowie wissenschaftlichen und technologischen
Fortschritten, die wiederum die unerläßlichen Bausteine des Umweltschutzes sind.
Bedauerlicherweise wurde die Sorge über die
Umwelt viel zu lange als peripheres, unerhebliches
Thema angesehen, das im Zusammenhang mit
Wohlstand als Luxus betrachtet werden kann. Viel
zu viele werden mit der Aussage zustimmen: "Ja,
ich bin für Umweltschutz - solange er nicht auf
Kosten der Arbeitsplätze geht." Und in eben dieser
Fehlanalyse stoßen wir auf die grundlegende intellektuelle Herausforderung - umweltverträgliche
Entwicklung.
Das größte Hindernis beim Streben nach umweltverträglicher Entwicklung ist die fehlgeleitete Überzeugung, daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft. Tatsache ist,
daß die Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt
verbunden ist und vollständig von ihr abhängt.
Fünf biologische Systeme - Ackerland, Wälder,
Weiden, Ozeane und Süßwasser - unterstützen die
Weltwirtschaft. Mit Ausnahme von fossilen Brennstoffen und Mineralien liefern sie alle Rohmaterialien
für die Industrie und unsere gesamten Nahrungsmittel.
Ackerland liefert Nahrungsmittel, Viehfutter und
eine unendliche Vielfalt von Rohmaterialien für
die Industrie wie etwa Fasern und pflanzliche
Öle.
Wälder sind eine Quelle für Brennstoffe, Holz,
Papier und zahlreiche andere Produkte.
Weiden sind der Ursprung für die Produktion von
Fleisch, Milch, Leder und Wolle.
Ozeane und Süßwasser produzieren Nahrungsmittel für den Menschen und Ressourcen für die
Industrie.
Kurzum, das ist in etwa alles. Das ist der Großteil
der Volkswirtschaft. Das ist die Grundlage für die
gesamte Wirtschaftstätigkeit und alle Arbeitsplätze.
Im Jargon der Wirtschaftswelt ist die Wirtschaft eine
hundertprozentige Tochtergesellschaft der Umwelt.
Alle Wirtschaftsaktivitäten hängen von der Umwelt
und der ihr zugrundeliegenden Ressourcenbasis ab.
Wenn die Umwelt schließlich einen Offenbarungseid
leisten muß, weil ihre Ressourcenbasis verschmutzt,
zerstört, verschwendet, unwiderruflich gefährdet
wurde, dann geht auch die Wirtschaft mit ihr bankrott.

Seite 2

Ist dies nur ein theoretisches Konzept?
nicht.

Natürlich

Es vollzog sich in Mittel- und Osteuropa, den Ländern, deren tiefgreifende Zerstörung der Wirtschaft
wir erst jetzt entdecken und verstehen. Es vollzieht
sich in der Tat auf der ganzen Welt, selbst in vielen
der heutigen Schlagzeilen machenden Krisenherde.
Knappe Ressourcen sind die Ursache gewalttätiger
Konflikte, die die bürgerliche Gesellschaft in Ruanda,
Haiti und Chiapas erschüttern.
Diese Konflikte
könnten sich intensivieren und ausweiten, während
die immer weiter zunehmende Bevölkerung um den
immer geringer werdenden Bestand an Land, Brennstoff und Wasser kämpft. Professor Tad Homer-Dixo
von der University of Toronto warnt, daß in den
kommenden Jahrzehnten die Verknappung der
Ressourcen sich "wahrscheinlich mit einer Geschwindigkeit, Komplexität und in einer Größenordnung
vollzieht, die in der Geschichte ihresgleichen suchen".
Derzeitige Konflikte sind ein bitterer Vorgeschmack
der Anarchie, die immer mehr Nationen erfassen
könnte, wenn wir nicht handeln.
In Ruanda vollzogen sich die unbeschreiblich
brutalen Massaker der jüngsten Monate vor dem
Hintergrund einer Bevölkerungsexplosion, Umweltzerstörung und ungleicher Verteilung der
Ressourcen. Ruandas Geburtenrate ist mit die
höchste der Welt - über acht Kinder pro Frau.
Das einst reiche Agrarland der Nation ist so
gravierend erschöpft und zerstört, daß zwischen
1980 und 1990 - einer Zeit beispiellosen Bevölkerungszuwachses - die Nahrungsmittelproduktion
um 20 Prozent fiel.
Im mexikanischen Bundesstaat Chiapas sind
Konflikte über die Ressourcen die Ursache für die
Aufstände im Süden. Ungleiche Verteilung des
Landes und rasches Bevölkerungswachstum
haben die armen Bauern - vornehmlich die Urbevölkerung - gezwungen, sich mühsam mit der
Bewirtschaftung des ökologisch gefährdeten
Hochlands durchzuschlagen. Dieses Land kann
rasch zerstört werden und die zunehmende
Bevölkerung noch weiter in Armut stürzen. Ein
ähnlicher Teufelskreis konnte an so unterschiedlichen Orten wie den Philippinen, dem Himalaya,
der Sahelzone, Indonesien, Brasilien und El
Salvador beobachtet werden.
In Haiti sind schwindende Ressourcen noch
ausschlaggebender für den Zusammenbruch der
Gesellschaft eines Inselstaats, der einst das
Kronjuwel des französischen Imperiums war.
Nahezu völlig entwaldet, das karge Ackerland mit

AMERIKA DIENST 28

�jeder Generation in kleinere und weniger produktive Parzellen unterteilt, werden diese Probleme
durch eine räuberische Regierung verschärft, die
die spärlichen Ressourcen des Landes erschöpft
und Investitionen in ihr Volk versäumt hat. Hinter
diesem umweltpolitischen, wirtschaftlichen und
politischen Zusammenbruch wirft die Tatsache
bedrohliche Schatten, daß die bereits jetzt in
jeder Hinsicht zu hohe Bevölkerungsrate Haitis
von sieben Millionen sich in den nächsten 18
Jahren voraussichtlich verdoppeln wird.
Und in China - der Heimat von einem Fünftel der
Weltbevölkerung - bedrohen ernsthafter Wassermangel und Bodenerosion die Fähigkeit dieses
Landes zur Versorgung seiner Bevölkerung.
Zwischen 1957 und 1990 verlor China rund 35
Millionen Hektar Ackerland - ein Gebiet in der
Größe aller Bauernhöfe in Frankreich, Deutschland, Dänemark und den Niederlanden zusammengenommen. Dieser Raubbau bewirkt einen
Exodus aus dem verarmten Inland in die prosperierenden Küstenstädte, der sich mit den Erfordernissen der raschen Industrialisierung zu einem
Wall entwickelt, auf den die chinesische Volkswirtschaft bald mit aller Macht trifft.
Dies kann auch uns dort passieren, wo unsere
biologischen Systeme unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind. Mit ihrer fortgesetzten
Zerstörung verbrauchen wir unser Kapital. Dabei
unterhöhlen wir unseren Lebensstandard - ein
gefährlicher Drahtseilakt:
Die Wälder unseres pazifischen Nordwestens
wurden geplündert und die Flüsse, Fischgründe
und billige Energiequellen sind nicht weit davon
entfernt.
Wir aus dem amerikanischen Westen sollten auf
die Alarmglocken achten und hören, während wir
die Wasservorräte auf unseren Hochebenen
erschöpfen und - häufig mit Blindheit geschlagen
- auf den unvermeidlichen wirtschaftlichen Niedergang dieser bäuerlichen Gemeinden warten.
Vor unserer Türschwelle ist ein offensichtlich so
einfaches System wie die Austernbänke vor der
Chesapeake Bay, die das Wasser der gesamten
Bucht alle drei Tage filterten, jetzt so ausgebeutet, daß diese Filterung nur einmal pro Jahr
stattfindet und damit die Gesundheit und Produktivität dieses bemerkenswerten Lebenssystems
drastisch verringert. Ist der totale Zusammenbruch noch weit entfernt?

Kornähren gemessen werden kann. Es umfaßt auch
komplexe ökologische Systeme, die Müll reinigen,
Boden regenerieren und die Trinkwasservorräte
auffüllen. Diese Systeme, die wir verspätet zu
verstehen begonnen haben, bilden die Grundlage des
Lebens auf Erden. Der Abbau der Ozonschicht,
Verlust der Arten und der zunehmende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre stehen für die Tatsache, daß die ökologischen Systeme des Planeten
einer großen Belastung ausgesetzt sind.
Unsere Defizitfinanzierung des Umweltkapitals hat
direkte, meßbare Auswirkungen auf die menschliche
Sicherheit. Mit einfachen Worten, die lebenserhaltenden Systeme auf dem gesamten Globus werden
in schnellem Tempo vernichtet - verdeutlichen unsere
Interdependenz mit der Natur und verändern unsere
Beziehungen zu dem Planeten. Unsere Sicherheit
als Amerikaner ist untrennbar mit diesen Trends
verbunden.
Die Sicherheit unserer Nation und
unserer Welt hängt davon ab, ob wir ein dauerhaftes
Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Menschen
und der Fähigkeit des Planeten zur Versorgung der
Menschen herstellen können.
Warum wurde dieser neue Sicherheitsaspekt erst vor
kurzem erkannt? Zwei Tendenzen sprechen für sich.
Erstens das exponentielle Wachstum der menschlichen Bevölkerung. Die Weltbevölkerung hat sich
seit 1950 verdoppelt und beläuft sich jetzt auf 5,6
Milliarden. Jedes Jahr nimmt die Welt um 91 Millionen Einwohner zu - dem Äquivalent eines weiteren
New York jeden Monat, eines weiteren Mexiko jedes
Jahr und eines weiteren China in jedem Jahrzehnt.
95 Prozent dieses Wachstums finden in den verarmten Staaten der Entwicklungsländer statt, die
bereits um die Bereitstellung von Arbeitsplätzen und
Versorgung ihrer Völker kämpfen.
Gleichzeitig hat die industrialisierte Welt die Fähigkeit
und Konsumkapazitiät zur Nutzung der Ressourcen
und der Produktion von Müll in einem Tempo entwikkelt, das in der menschlichen Geschichte seinesgleichen sucht. Obwohl wir nur ein Fünftel der
Weltbevölkerung ausmachen, verbrauchen die
Industrieländer zwei Drittel aller Ressourcen und
verursachen vier Fünftel aller Schadstoffe und
Abfälle.
Wir manövrieren uns also in eine schreckliche
Zwickmühle - die Weltbevölkerung wächst in einem
Tempo, mit dem nur unsere zunehmende Fähigkeit
zum Verbrauch von Ressourcen und der Produktion
von Müll Schritt halten oder es übertreffen kann.
Dies ist ein absolut umweltschädlicher Kurs.

Wir lernen, daß Umweltkapital nicht einfach mit dem
Zählen von Bäumen, des Fischbestands oder der

AMERIKA DIENST 28

Seite 3

�Ihre Frage wäre jetzt angebracht: "Nun, Sie wurden
alle gewählt, um den Laden zu schmeißen. Was tun
Sie dagegen?" Und die Antwort lautet: "Sehr viel."
Die Clinton-Administration hat die Herausforderung
von Wirtschaft und Umwelt angenommen - also die
Herausforderung umweltverträglicher Entwicklung.
Wir haben den ersten Teil richtig gemacht, in vieler
Hinsicht weit über das hinaus, was alle gehofft
hatten. Und die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte ist
gut erklärt und erzählt worden. Wir arbeiten auch an
dem zweiten, die Umwelt betreffenden Teil der
Gleichung von umweltverträglicher Entwicklung, die
weniger gut verstanden, in vieler Hinsicht schwieriger, aber absolut unabdingbar ist, wenn wir unseren
Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen
wollen, die so produktiv ist oder nur annähernd so
aussieht wie die uns hinterlassene.
Die Wirtschaft ist eindeutig eine essentielle Grundlage dieser neuen Definition nationaler Sicherheit und
der vor uns liegenden Aufgaben. Aus diesem Grund
hat Präsident Clinton den Kurs für wirtschaftliche
Erneuerung in unserem Land sowie Partnerschaft
mit dem Ausland entworfen. Wie er vergangene
Woche erklärte, will er sich "kurzfristig auf globales
Wachstum konzentrieren und dann darüber nachdenken, wie die Welt im nächsten Jahrhundert
aussieht und was wir in dieser Hinsicht unternehmen
müssen".
Nach dem Ende des G-7-Gipfels in der vergangenen
Woche stellt sich die Frage, wie unsere Beziehungen
zu unseren Partnerländern in der industrialisierten
Welt (Großbritannien, Frankreich, Deutschland,
Italien, Japan und Kanada) aussehen. Die Zahlen
weisen auf eine aufsehenerregende Erfolgsgeschichte hin:
40 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts
der G-7-Länder wurden in den Vereinigten Staaten produziert - im vergangenen Jahr entfielen
auf unser Land 75 Prozent des Wachstums,
nahezu 100 Prozent der neugeschaffenen Arbeitsplätze, das Doppelte der Investitionen, eine
zweifache Steigerung der Exporte sowie der
höchste Produktivitätszuwachs.
Wir haben unser Haushaltsdefizit auf den zweitniedrigsten Stand gebracht und werden im
kommenden Jahr das niedrigste Defizit aller G-7Staaten verzeichnen.
Das NAFTA wird umgesetzt, die Uruguay-Runde
wurde abgeschlossen und unsere Handelspolitik
befürwortet eindeutig einen offenen, stabilen
Weltmarkt als entscheidenden Faktor unseres

Seite 4

langfristigen Wohlstands und unserer nationalen
Sicherheit.
Die Tagesordnung dieser Administration ist jedoch
viel umfassender und ehrgeiziger - wir verwandeln
unsere Wirtschaftspläne und Hoffnungen in ein
umweltverträgliches Konzept, das eine würdige
Hinterlassenschaft für die Nachwelt darstellt. Im
Herbst vergangenen Jahres beschrieb der Präsident
in einer weitreichenden außenpolitischen Rede vor
der UN-Generalversammlung, wie sich die Vereinigten Staaten durch die Förderung umweltverträglichen
Wachstums für eine sichere Zukunft einsetzen. Und
vor zehn Tagen wiederholte er in einer Rede vor der
nationalen Akademie der Wissenschaften, die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums stehe auf seiner
Tagesordnung an oberster Stelle.
Wenn sie nicht unter Kontrolle gebracht wird, trübt die
Bevölkerungsspirale jede Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt in den Industriestaaten und verurteilt
jegliche umweltpolitische Anstrengung zum Scheitern.
Bevölkerung (und die 1994 in Kairo anberaumte
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung) muß
an oberster Stelle unserer Tagesordnung für umweltverträgliche Entwicklung stehen, und das ist auch der
Fall. Die Führungsrolle der Vereinigten Staaten bei
der internationalen Bevölkerungspolitik wurde wiederhergestellt, und wir haben an der Ausarbeitung
eines Plans für Kairo mitgewirkt, der einen Konsens
sowie einen umfassenden Ansatz für den Umgang
mit schnellen demographischen Veränderungen ins
Leben ruft. Dieser Plan sieht universellen Zugang zu
Familienplanung und Gesundheitsfürsorge für
Schwangere vor, fördert entscheidend die Ausbildung
von Mädchen und konzentriert sich auf die Reduzierung der Kindersterblichkeit, die Verantwortung des
Mannes, starke Familien sowie das Engagement von
Basisgruppen und nichtstaatlichen Organisationen
(NGOs).
Elementarer Bestandteil unserer Strategie ist die
Förderung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rechte der Frau - außerordentlich wichtige
Ressourcen für Wachstum und Mittler des Wandels.
Das Ergebnis dieser Initiativen - im Hinblick auf
Stabilität, Qualität der Umwelt und Produktivität wiegt für jede Generation die Kosten auf. Im kommenden Jahr, auf der Kairoer Konferenz, dem
Sozialgipfel in Kopenhagen und der Frauenkonferenz
in Beijing wird dies ein vorherrschendes Thema der
amerikanischen Außenpolitik darstellen und unseres
Erachtens ein Ziel, das Anfang des 21. Jahrhunderts
erreicht werden kann.
In ähnlicher Weise ist die Bereitstellung grundlegender Gesundheitsfürsorge für die internationale Staatengemeinschaft eine kluge Investition, die zu relativ

AMERIKA DIENST 28

�niedrigen globalen Kosten getätigt werden kann. Die
Ausrottung von vier weit verbreiteten, leicht zu
verhütenden Krankheiten - Masern, Tetanus, Keuchhusten und Polio - die Beseitigung von Jod- und
Vitamin A-Mangel sowie die weltweite Verfügbarkeit
oraler Rehydrierungstherapie können Anfang des
kommenden Jahrhunderts erreicht werden. Eine
erfolgreiche Durchführung dieser Maßnahmen würde
jährlich drei bis vier Millionen Menschenleben retten
und vielleicht die 20 Millionen Todesfälle unter
Kleinkindern - mit steigender Tendenz - verhindern,
unermeßliches, unnötiges Leiden lindern und einen
bedeutenden Beitrag zur Verminderung der Belastung größerer Familien leisten.
Teil unserer globalen Gesundheitsstrategie ist auch
eine größere Konzentration auf AIDS, da wir wissen,
daß eine Heilung zwar vielleicht erst in Jahrzehnten
gefunden wird, wir jedoch mit aggressiven Verhütungsstrategien in jenen Teilen der Welt Hilfe leisten
können, in denen sich die Infektionskrankheit seuchenartig ausbreitet.
Eine dritte Priorität unserer Politik ist die Artenvielfalt
- ein breites Spektrum an Aufgaben zur Erhaltung
von Gottes Schöpfung, des biologischen Erbes, das
alles Leben enthält. Der große Reichtum genetischer Informationen ist langfristig für unsere Wirtschaft und Umwelt von entscheidender Bedeutung,
und wir müssen alles in unserer Macht Stehende zu
seinem Erhalt unternehmen. Die Clinton-Administration hat den Vertrag über die Artenvielfalt unterzeichnet, der nahezu einstimmig vom Senatsausschuß für auswärtige Beziehungen angenommen
wurde und diesen Sommer vom Plenum des Senats
ratifiziert werden sollte. Anschließend können wir
mit dem erforderlichen Elan an der ersten Konferenz
der Unterzeichnerstaaten teilnehmen, weltweite
Bestrebungen zur Erfassung, Erforschung und
dauerhaften Nutzung diesergroßartigen und großenteils unbekannten Informationsbibliothek ins Leben
zu rufen. Das kommende Jahrhundert wird mit
Sicherheit das Jahrhundert der Biologie, und wir
müssen uns für die umfassende Nutzung dieser
bemerkenswerten Chancen einsetzen, neue Nahrungsmittel, Brennstoffe, Fasern und Arzneimittel zu
entwickeln.
Die Integration umweltpolitischer und wirtschaftlicher
Imperative auf nationaler Ebene ist eine vierte vor
uns liegende Aufgabe. Die Nationen der Welt,
einschließlich der Vereinigten Staaten, können nicht
länger davon ausgehen, daß wir die Luft verschmutzen und die Ressourcen erschöpfen können, ohne
dafür einen Preis zu zahlen. Vielmehr müssen wir
uns der Kosten bewußt sein und es dem Genie des
Marktes überlassen, die effektivsten Mittel für die
Erreichung unserer umweltpolitischen Ziele festzu-

AMERIKA DIENST 28

setzen. Unter der Führung von Wirtschaftsminister
Ron Brown haben wir die ernste und schwierige
Aufgabe in Angriff genommen, "die Preise richtig
festzusetzen", ein System für Rechenschaftspflicht zu
entwickeln, das uns eine angemessene, objektive
Einschätzung davon vermittelt, was in unserer Wirtschaft tatsächlich geschieht.
An fünfter Stelle ist die Herausforderung einer Reform
unserer internationalen Institutionen zu nennen, um
umweltverträgliche Entwicklung besser fördern zu
können. Die Weltbank, der wichtigste öffentliche
Motor der Entwicklung, wird bei der Unterstützung
des Übergangs zu umweltverträglicher Entwicklung
eine zentrale Rolle spielen. Wir müssen härter daran
arbeiten, eine Veränderung der Praktiken bei der
Kreditvergabe zu ermutigen, um somit dem Versprechen nachzukommen, mehr Wert auf kleinere,
dezentralisierte Projekte zur Förderung einer alternativen Entwicklung zu legen, die Umwelt zu schützen,
die Rechte der Bevölkerung von Ort zu bewahren
und die Rolle entscheidender Bevölkerungsgruppen insbesondere der Frauen - im Entwicklungsprozeß
anzuerkennen.
Dieses Ziel institutioneller Reform ist Teil der sechsten und letzten Herausforderung - die ich als
Regierungsführung im 21. Jahrhundert bezeichnen
möchte. Wir sind traditionsgemäß davon ausgegangen, daß unsere Beziehungen zu anderen Ländern
wie Nabe und Speichen eines Rades sind:

Wir in

Washington sind die Nabe, und die einzelnen Speichen reichen in alle Hauptstädte der Welt - nach
London, Delhi, Tokio oder Bogota. Diese traditionelle
Art des Umgangs mit unseren Angelegenheiten und
den Problemen der Welt verändert sich jetzt, während
wir uns auf umfassendere, kooperative internationale
Bündnisse und Organisationen zubewegen, bis zum
schnell wachsenden Netz privater, nichtstaatlicher,
freiwilliger Organisationen. Ich möchte das gerne
näher erläutern.
In dieser Zeit nach dem Kalten Krieg machen unsere
Probleme nicht vor traditionellen Grenzen halt. Die
weltweite Klimaveränderung, die Zerstörung der
Ozonschicht, die Artenvielfalt, Flüchtlinge, Drogen all diese Fragen sind zu Anliegen geworden, die eine
Herausforderung für uns alle darstellen und im
Rahmen stärkerer, multilateraler, kooperativer Organisationen behandelt werden müssen.
Präsident
Clinton hat in der vergangenen Woche mit unseren
Partnern in der G-7 die Frage aufgeworfen, ob es
nicht an der Zeit sei, unsere internationalen Institutionen erneut zu prüfen, damit sie den Aufgaben des
21. Jahrhunderts gewachsen sind. Das wird nicht
einfach sein. Mauern können innerhalb eines Tages
niedergerissen werden. Das Bewußtsein des einzelnen zu verändern und unter Institutionen den Sinn für

Seite 5

�eine gemeinsame Sache zu wecken, ist viel schwieriger. Wir haben jedoch einen reichen, wenn auch
komplizierten Rahmen, auf dem wir aufbauen. Das
Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen
UNDP, der Bevölkerungsfonds UNFPA, das WeltKinderhilfswerk UNICEF, die Menschenrechtskommission - alle kreativ und fähig - müssen sich
gemeinsam hinter allgemeine Themen stellen und
ein gemeinsames Zielbewußtsein entwickeln.
Meines Erachtens wird dieses Ziel im 21. Jahrhundert in umweltverträglicher Entwicklung bestehen.
Diese Ideen werden von dem von der Administration
eingesetzten Team zur Verbesserung der Effizienz
von Entwicklungsprioritäten für die Vereinigten
Staaten und die Welt nicht nur unterstützt, sondern
verfochten. Dies ist die Herausforderung für die
Abteilung für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium und entsprechende Teams im Nationalen Sicherheitsrat und den Nachrichtendiensten. Es
ist die von Brian Atwood übernommene, wenig beneidenswerte und oftmals undankbare Aufgabe, das
Konzept umweltverträglicher Entwicklung zu realisieren - den umfassenden Zugang der Menschen zu
den wirtschaftlichen, umweltpolitischen und politischen EntScheidungsprozessen in ihrem Land zu
fördern. Das ist die Aufgabe von Gus Speth beim
UNDP, der sich um die Verbesserung der Koordinierung der UNO im Bereich umweltverträglicher
Entwicklung und ihre Konzentration darauf bemüht,
wodurch die abstrakten Ziele umweltverträglicher
Entwicklung in Beziehung zu den Menschen und
ihrem Leben gebracht werden.
Die Herausforderung der Regierungsführung geht
weiter in Richtung Basis, zu der großen Masse der
Menschen, die sich wertweit organisieren, um ihr
Leben mitbestimmen zu können, und die schon
lange vor ihrer Regierung die Herausforderung
umweltverträglicher Entwicklung erkannten. Der
phänomenale Anstieg nichtstaatlicher Organisationen
weltweit ist eine der herausragenden Charakteristika
unserer Zeit. Die OECD zählte 1990 in ihren 24
Mitgliedstaaten mehr als 2.500 nichtstaatliche
Organisationen, im Vergleich zu 1.600 vor einem
Jahrzehnt. Das ist jedoch gar nichts verglichen mit
den NGOs in den Entwicklungsländern. Roger
Ridden vom Institut für Entwicklung in Übersee
behauptet, in einem Staat Indiens, Tamil Nadu,
existierten mehr als 25.000 Basisorganisationen.
Die Helden des Erdgipfels von Rio waren nicht die
Staatschefs, sondern die Agenda 21 definierenden
und vorantreibenden NGOs. Frauengruppen aus der
ganzen Welt spielten eine führende Rolle bei der
Organisation und Festsetzung der Tagesordnung der
jüngsten UN-Menschenrechtskonferenz in Wien; sie
retteten die Verpflichtung der UNO zur Allgemeinen

Seite 6

Erklärung der Menschenrechte. Die Vorbereitungen
für Kairo haben diese vorherigen Normen nicht nur
verstärkt, sondern übertroffen. Unsere Herausforderung besteht darin, das Feingefühl, die Begeisterungsfähigkeit und Kreativität dieser Basisgruppen zur
Mitarbeit zu gewinnen und einzusetzen - eine neue
und äußerst vielversprechende Herausforderung für
die vermeintlich Regierenden.
Die Dynamik der Clinton-Administration und unter den
Bürgern reflektiert insgesamt die Einsicht, daß die
Sicherheit unserer Nation von mehr abhängt als nur
militärischer Macht und unsere Sicherheit eng mit
dem Wohlergehen unserer Nachbarn verknüpft ist.
Politische Grenzen sind durchlässig, Umwertzerstörung und Krankheiten machen nicht vor nationalen
Grenzen halt. Und durch die zunehmend globale
Wirtschaft sind die uns verknüpfenden Bande noch
enger geworden.
In der neugestalteten Welt ist nationale Sicherheit
eng mit der Sicherheit des einzelnen verbunden.
Sicherheit des einzelnen fußt auf der Grundlage von
Frieden, politischer Stabilität, physischer Gesundheit
und wirtschaftlichem Wohlergehen. Die Hauptgefahr
für die Sicherheit des einzelnen ist vielleicht nicht so
einfach zu erkennen wie beispielsweise das Atomwaffenarsenal eines Feindes, ist jedoch nicht weniger
tödlich.
Diese Gefahren sind Resultat äußerster Armut, unter
der eine Milliarde der Wertbevölkerung leidet, des
Hungers, der 800 Millionen Männer, Frauen und
Kinder quält, der Verbreitung von HIV/AIDS, mit dem
sich bis zum Jahr 2000 30-40 Millionen Menschen
infiziert haben werden, der Kombination von Gewalt,
Armut und Umweltzerstörung, die 20 Millionen
Menschen aus ihrer Heimat vertrieben hat.
Hier in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen
Wert verstehen wir in zunehmendem Maße die enge
Verbindung zwischen Armut, Umwelt, Wirtschaft und
Sicherheit. Diese historische Umwandlung erfordert,
daß wir uns selbst befreien - von überkommener
Politik, veralteten Annahmen, starren Überzeugungen, die gestern noch trennende und charakteristische Linien unserer Politik zu sein schienen.
Krisenverhütung und umweltverträgliche Entwicklung
gehören in den letzten Jahres dieses und im kommenden Jahrhundert zu den größten Herausforderungen. Die Zeit ist gekommen, unseren Ansatz im
Bereich der nationalen Sicherheit umzugestalten - in
der Erkenntnis, daß unsere wirtschaftliche und
umweltpolitische Zukunft ein und dasselbe sind.
Genau diese Herausforderungen werden die Zukunft
bestimmen, die wir unseren Kindern und Enkeln
hinterlassen.

AMERIKA DIENST 28

�Uns bleibt keine Wahl. Zum Abschluß bitte ich Sie,
sich folgendes Szenarium vorzustellen: Ein Mann
steht auf dem Fenstersims eines Hochhauses, und
Sie werden gebeten, ihn dazu zu überreden, nicht
hinunterzuspringen.
Genau dort stehen wir heute. Die Vereinigten
Staaten müssen die Führungsrolle dabei übernehmen, die Welt davon zu überzeugen, sich selbst
*

AMERIKA DIENST 28

nicht schwer zu verletzen. Einige werden die Bedrohung bagatellisieren oder sagen, wir verfügten
derzeit nicht über genug Wissen, um zu handeln.
Andere, einschließlich vieler hier Anwesender, haben
bemerkt, daß der Mann auf dem Fensterbrett ein Seil
um sein Fußgelenk gebunden hat. Das andere Ende
des Seils ist an uns gebunden, und wenn er fällt,
fallen wir alle zusammen.

* * *

*

Seite 7

�WIRTSCHAFT
20. Juli 1994

DEFIZITPROBLEM MUSS JETZT ANGEGANGEN WERDEN
Erklärung von Alan Greenspan
WASHINGTON - (AD) - Dem Gouverneur der amerikanischen Bundesnotenbank (Federal Reserve Bank FED), Alan Greenspan, zufolge stellt das Defizit im Bundeshaushalt weiterhin eine langfristige Gefahr für die
Gesundheit der amerikanischen Wirtschaft dar.
Die Zeit zur Ergreifung der erforderlichen Maßnahmen sei jetzt gekommen, da die außergewöhnlich starke
Wirtschaft Gelegenheiten eröffne, erklärte Greenspan den Mitgliedern einer überparteilichen Kommission, die
zur Lösung des Problems ins Leben gerufen wurde.
Greenspan machte diese Aussage bei der dritten öffentlichen Sitzung der aus Mitgliedern beider Parteien
bestehenden Kommission für gesetzlich festgelegte Ausgaben und Steuerreform am 15. Juli 1994.
Die aus 32 Mitgliedern zusammengesetzte Kommission unter dem Vorsitz von Senator Robert Kerrey umfaßt,
gleichmäßig nach Parteien aufgeteilt, 12 Senatoren und 10 Abgeordnete des Repräsentantenhauses sowie 10
vom Präsidenten ausgewählte Angehörige des öffentlichen und privaten Sektors. In einem vorläufigen Bericht
soll im August eine Liste von Optionen für eine Reform des Systems der gestzlich festgelegten Ausgaben
vorgelegt werden, denen im Dezember dann spezifische Empfehlungen folgen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache Gouverneur Greenspans vor der Kommission im
Wortlaut.

Die amerikanische Wirtschaft erlebte kürzlich die
ideale Kombination steigender Aktivität, sinkender
Arbeitslosigkeit und sich verlangsamender Inflation.
Wir dürfen jedoch nicht zulassen, daß diese günstigen Daten uns zur Vernachlässigung der unserer
Wirtschaft zugrundeliegenden Probleme veranlassen,
wodurch sie langfristig nicht ihr volles Potential
erreichen kann. Eines der wichtigsten Probleme ist
die Aussicht auf einen erneuten Anstieg des Haushaltsdefizits vor Beginn des nächsten Jahrhunderts.
Die Konsequenzen dieses Defizits mögen nicht für
jeden Beobachter auf der Hand liegen, sie sind
jedoch vorhanden, sie sind gravierend und verschlechtern sich, je mehr Zeit wir verstreichen
lassen, bevor wir sie angehen.
Da wir uns Anfang der sechziger Jahre von der
angeblich vereinfachenden Vorstellung abwandten,
eine ausgeglichene Haushaltsbilanz sollte Merkmal
einer stabilen Finanzpolitik sein, hatten wir mit in
Friedenszeiten beispiellosen Haushaltsdefiziten zu
kämpfen. Die im Verlauf der letzten Jahrzehnte
entstandenen großen strukturellen Haushaltsdefizite

AMERIKA DIENST 28

scheinen trotz beträchtlicher Anstrengungen zu ihrem
Abbau fortzubestehen.
Einige dieser jüngsten Bestrebungen der Exekutive
und Legislative, insbesondere die Festsetzung von
Ausgabenobergrenzen, waren tatsächlich hilfreich
und haben den Zuwachs des Defizits reduziert. Es
bleibt jedoch noch viel zu tun. Die einschneidende
Kürzung der Verteidigungsausgaben gilt nur bis Ende
dieses Jahrzehnts. Zu diesem Zeitpunkt werden die
nicht für Verteidigungszwecke vorgesehenen Ausgaben, vornehmlich die gesetzlich festgelegten, sich
als vorherrschende Kraft im Etat erweisen. Den
derzeitigen Gesetzen und der politischen Linie
zufolge soll die Zuwachsrate der gesetzlich festgelegten Ausgaben höher sein als die Wachstumsquote
der Steuerbemessungsgrundlage, was die Gefahr
einer destabilisierenden Eskalation des Defizits als
Teil des nominalen Bruttoinlandsprodukts darstellt.
Durch eine Erhöhung der Steuerbemessungsgrundlage oder des Steuersatzes kann dieses Problem nicht
gelöst werden, denn zur Finanzierung der steigenden
Ausgaben wäre ein enormer Zuwachs vonnöten, und

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�selbst dieser würde nur das Unvermeidbare hinausschieben, denn ein Wachstum der Steuereinnahmen
kann nicht auf Dauer den Einkommenszuwachs
übersteigen. Zusätzlich würden die leistungshemmenden Auswirkungen steigender Steuersätze
letztlich das Wirtschaftswachstum stoppen und die
Steuerbemessungsgrundlage verringern.
Aus
diesem Grund gibt es keine Alternative ;zu einer
Senkung der staatlichen Ausgaben, wenn wir kurz
vor Beginn des kommenden Jahrhunderts ein
Anwachsen des Haushaltsdefizits verhindern wollen.
Diese Defizite würden zu einerfinanziellen Belastung
und Instabilität führen, was wiederum große Härten
hervorrufen würde.
Defizite sind von Nachteil, da sie für Privatinvestitionen verwendbare Ressourcen abziehen und die
Wachstumsrate des nationalen Kapitalbestandes
senken. Dies wiederum bedeutet weniger Kapital
pro Arbeitnehmer als ansonsten der Fall wäre und
führt langfristig zu einem langsameren Wachstum
der Arbeitsproduktivität und somit zu einem langsameren Anstieg unseres Lebensstandards.
In gewissem Grade wurden die Auswirkungen des
staatlichen Haushaltsdefizits während des vergangenen Jahrzehnts durch zwei Umstände abgemildert,
die in Zukunft wahrscheinlich nicht fortbestehen
werden. Erstens importierten wir in dem Maß, in
dem diese Haushaltsdefizite nicht von unseren
geringen Spareinlagen finanziert werden konnten,
Gelder aus dem Ausland. Es wird jedoch immer
deutlicher, daß es längerfristig nicht wünschenswert oder möglich - ist, sich auf ausländische Finanzquellen zu verlassen. Wenn diese Quellen reduziert
werden, müssen andere Quellen gefunden oder die
Nachfrage nach einheimischen Sparquellen beschränkt werden.
Zweitens könnten wir eine in unserer Generation
einmalige Verbesserung bei der Nutzung unserer
knappen inländischen Spareinlagen erfahren. Wie
ich bereits bei anderer Gelegenheit dargelegt habe,
scheinen die außerordentlichen Fortschritte in den
Bereichen Computer-Software und -Hardware uns in
die Lage zu versetzen, unsere Ressourcen - Kapital
und Arbeitskräfte gleichermaßen - effizienter einzusetzen. Diese Entwicklung scheint dem Zuwachs
der Arbeitsproduktivität einen entscheidenden
Aufschwung zu vermitteln, wodurch zumindest eine
Zeitlang die Konsequenzen mangelnder Kapitalinvestitionen in den Anstieg unseres Lebensstandards abgeschwächt werden.
Natürlich sollte die Regierung Chancen ergreifen,
den Privatsektor bei der Unterstützung dieser
schnelleren Produktivitätsverbesserung zu ermutigen. Dadurch können Hindernisse bei der Über-

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nähme wohlerwogener Risiken beseitigt, unangemessene, Investitionsanreize unterminierende Regelungen revidiert, internationale Handelshemmnisse
zur Förderung von Wachstum des globalen Einkommens gesenkt sowie das Funktionieren unserer
Arbeitsmärkte verbessert werden. Diese Initiativen
werden auf jeder Ebene des strukturellen Haushaltsdefizits zu einem höheren Lebensstandard führen.
Diese Maßnahmen werden jedoch einen direkten
Ansatz zur Lösung des zugrundeliegenden Defizitproblems nicht ersetzen. Dieses Problem ist zu
gravierend geworden, als daß wir es leicht überwinden könnten. Während unsere Bevölkerung in
den kommenden Jahrzehnten zunehmend älter wird,
werden gesetzlich festgelegte Ausgaben einen
wachsenden Anteil unseres Etats und unseres
Sozialprodukts ausmachen. Einzeln erfreuen sich
diese Programme großer Unterstützung seitens der
Amerikaner. Zusammengenommen sind sie jedoch
sehr viel kostenintensiver als man gemeinhin anerkennt. Wenn wir weiterhin Anleihen für ihre Finanzierung aufnehmen, werden die daraus resultierenden
hohen Zinssätze die Verbesserung des Lebensstandards einschränken.
Der Prozeß, mit dem staatliche Defizite Ressourcen
aus Privatinvestitionen umleiten, ist nur einer der
vielen Wege, die die Aktivitäten der Bundesregierung
unweigerlich unterlaufen oder die Nutzung von
Ressourcen des Privatsektors umdirigieren. Abgesehen von der Defizitfinanzierung - in den regulären
oder Nebenhaushalten - sind das wichtigste Mittel,
mit dem die Regierung Ressourcen neu zuweisen
kann, durch Steuern finanzierte Ausgaben, die private
Aktivitäten regelnde Vorschriften wie Schadstoffkontrollen oder die Installation sicherer Geräte, die von
der Industrie über die Ausgabe von Schuldtiteln
finanziert werden, sowie staatliche Bürgschaften für
private Anleihen.
Wenn die Regierung ihre Tätigkeit über Steuern
finanziert, wird die Ausgabekapazität des einzelnen
und der Unternehmen direkt verringert, wodurch
Ressourcen aus Privatkäufen umgeleitet werden. Die
anderen Finanzierungsmethoden lenken Ressourcen
in einer indirekteren Weise um und operieren vorwiegend über die Auswirkungen auf die Zinssätze.
Wenn die Bundesregierung ihr Haushaltsdefizit
finanziert, erhöht sie beispielsweise die Nachfrage
nach knappen Spareinlagen, wodurch die Zinssätze
in die Höhe schnellen. Entsprechend nimmt die
Nachfrage nach einer Erhöhung der Kredite und
Zinssätze zu, wenn ein Unternehmen zur Finanzierung der von der Regierung zwingend vorgeschriebenen Aktivitäten Anleihen aufnehmen muß, oder wenn
die Regierung die Kosten der Kreditaufnahme für
bestimmte Investoren durch die Bürgschaft für ihre

AMERIKA DIENST 28

�Anleihen senkt. Staatliche und von der Regierung
vorgeschriebene Ausgaben bleiben von diesen
höheren Zinssätzen unberührt.
Andererseits reagieren rein private Aktivitäten mehr
oder weniger auf die Zinssätze. Die Nachfrage nach
Immobilienbesitz sinkt zum Beispiel, wenn die Hypothekenzinsen steigen. Die Nachfrage nach Warenbeständen ist eine Folge der Zinssätze für Dreimonatsgeld, und die Höhe der Zinssätze, die sich in
den Kapitalkosten niederschlagen, ist ein Schlüsselelement bei der Entscheidung für eine Erweiterung
oder Modernisierung der Produktionskapazität. In
dem Maße, in dem daher die Nachfrage nach mehr
Ressourcen in einer Volkswirtschaft höher ist als die
entsprechende Finanzierungskapazität, werden die
Zinssätze steigen, bis die überschüssige Nachfrage
schließlich verdrängt ist. Die verdrängte Nachfrage
ist natürlich direkt oder indirekt nicht die der Bundesregierung, weil die staatliche Nachfrage nicht auf
steigende Zinssätze reagiert. Die realen Zinssätze
werden vielmehr soweit steigen, daß rein private
Anleihen ausreichend reduziert werden, um die
gesamten Erfordernisse der regulären und Nebenhaushaltsdefizite sowie alle Gesamtbürgschaften und
vorgeschriebenen Aktivitäten zu erfüllen.
Wie weit die Zinssätze steigen müssen, um die
Nachfrage nach Spareinlagen und deren Angebot
ins Gleichgewicht zu bringen, hängt davon ab, wie
die Nachfrage von privaten Kreditnehmern auf diese
Zinssätze reagiert. Abhängig von der Reaktion der
privaten Nachfrage müssen die Zinssätze weit genug
steigen, um eine ausreichende Menge von Investitionen des Privatsektors zu verdrängen. Es gibt keine
Alternative zu einer Umlenkung realer Ressourcen
vom privaten zum öffentlichen Sektor. Kurzfristig
können Zinssätze niedrig gehalten werden, wenn die
Notenbank die überschüssige Nachfrage nach
Mitteln durch eine expansionärere Geldpolitik auffängt. Dies wird jedoch nur höhere Inflation und
wirtschaftliche Instabilität fördern. Letztlich wird es
keine oder nur geringe Auswirkungen auf die Zuweisung realer Ressourcen für den privaten und öffentlichen Sektor haben.

Abschließend möchte ich betonen, daß die Zeit nicht
länger für uns arbeitet. Die Annahme, das Defizit sei
gutartig, ist eindeutig falsch. Dies gilt insbesondere
im Hinblick auf die äußerst niedrige private Sparrate.
Dem derzeitigen Gesetz folgend wird das Defizit bis
zum Ende des Jahrzehnts wieder steigen. Darüber
hinaus implizieren demographische Tendenzen mit
Beginn des nächsten Jahrhunderts einen unerbittlichen Aufwärtstrend staatlicher Ausgaben. Dies
zuzulassen, würde eine gravierende Unterminierung
unserer wirtschaftlichen Lebensfähigkeit bedeuten.
Je länger wir warten, desto drakonischer werden die
Maßnahmen aussehen müssen. Wir müssen insbesondere vermeiden, unsere Programme in die
Nebenhaushalte zu verlagern. Das ist reine Buchhalterei. Es gibt keine Alternative zu der Notwendigkeit, sich mit der Zuweisung realer Ressourcen zu
befassen, und wir müssen dies als erstes in Angriff
nehmen.
Ich bin mir bewußt, daß die Bewältigung eines
Problems schwierig ist, dessen Symptome schwer
auszumachen sind und dessen vollständige Auswirkungen Jahre oder Jahrzehnte entfernt scheinen.
Aber die Finanzmärkte haben es an sich, zukünftige
Probleme in die Gegenwart zu verlagern. Die langfristigen Zinssätze sind jetzt höher, weil die Märkte im
nächsten Jahrhundert steigende Defizite antizipieren.
Diese höheren langfristigen Zinssätze spiegeln
sowohl eine höhere Inflationsprämie als auch die
Erwartung höherer realer kurzfristiger Zinssätze in der
Zukunft wider, während die staatlichen Ausgaben
zunehmend die privaten Ausgaben verdrängen. Wie
ich bereits feststellte, verhindern höhere Zinssätze die
Kapitalbildung und machen nachfolgende Generationen ärmer.
Wir bezahlen bereits für unser Versagen, unser
langfristiges Haushaltsproblem vollständig in den Griff
zu bekommen. Eine weitere Verzögerung wird nur
den Gesamtumfang der Rechnung erhöhen, die eines
Tages fällig wird.

* *

AMERIKA DIENST 28

*

Seite 3

�RAUMFAHRT
20. Juli 1994

MONDLANDUNG GRÖSSTE LEISTUNG DES
JAHRHUNDERTS
25. Jahrestag des historischen Ereignisses
WASHINGTON - (AD) - Vor 25 Jahren landete eine
kleine Mondfähre namens Eagle auf der öden
Oberfläche des Mondes, und die Astronauten Neil
Amstrong und Edwin Aldrin waren die ersten Bewohner der Erde, die den Fuß auf eine andere Welt
setzten - ein Ereignis, das von vielen als die bemerkenswerteste Errungenschaft des Jahrhunderts
angesehen wurde.
Die Landung der Apollo-11 -Astronauten auf dem
Meer der Stille am 20. Juli 1969 - der historische
Augenblick wurde in Schwarzweißbildern festgehalten, die weltweit auf den Fernsehschirmen übertragen wurden - verwirklichte das oberste Ziel des
größten nichtmilitärischen technischen Vorhabens,
das je von den Vereinigten Staaten unternommen
wurde.
Der Flug von Apollo 11 wurde auf der ganzen Welt
enthusiastisch verfolgt. Konfettiparaden, Vorträge,
Pressekonferenzen und eine Weltreise der Astronauten schufen sowohl in den Vereinigten Staaten als
auch im Ausland ein Klima des guten Willens.
Nach der epochemachenden Apollo-11-Landung
flogen amerikanische Astronauten noch fünfmal zum
Mond, wobei Apollo 17 im Dezember 1972 die letzte
Mondlandung vollzog. Jeder folgende Aufenthalt auf
dem Mond dauerte länger als der vorangegangene,
und bei den letzten drei Mondlandungen benutzten
die Astronauten ein Mondfahrzeug um in der Umgebung des Landeplatzes herumzufahren - aber
keine Landung kam der Begeisterung bei Apollo 11
gleich.
Roger Launius, Chefhistoriker bei der NASA, zufolge
war die Landung der ersten Menschen auf dem
Mond und ihre sichere Rückkehr eine "außerordentlich bedeutende" Leistung, die als Wendepunkt in
der Geschichte des Landes angesehen werden
sollte.
"Es war ein Vorhaben, das gleichermaßen das
technologische und wirtschaftliche Können der
Vereinigten Staaten unter Beweis stellte und eine

AMERIKA DIENST 28

Vorherrschaft über rivalisierende Nationen schuf - das
Hauptziel des Programms, wie von der KennedyAdministration geplant", schreibt er in einer NASAVeröffentlichung aus Anlaß des bevorstehenden
Jahrestages.
Die Motivation für die Annahme der Herausforderung
war der Wettlauf mit der Sowjetunion, die als erstes
Land einen Satelliten abgeschossen und einen
Menschen in die Umlaufbahn gebracht hatte. Präsident John F. Kennedy brachte die Vereinigten
Staaten am 25. Mai 1961 auf die Reise zum Mond,
als er seine Herausforderung folgendermaßen
formulierte: "Ich glaube, diese Nation sollte sich zur
Erlangung des Ziels verpflichten, vor dem Ende des
Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen zu
lassen und ihn sicher wieder zur Erde zurückzubringen."
Es war ein kühner Vorschlag in Anbetracht der
Tatsache, daß die Vereinigten Staaten bis dahin nur
den Astronauten Alan Shephard auf einen 15minütigen Flug ins All entsandt hatten.
Das Vorhaben dauerte acht Jahre, benötigte 420.000
Arbeitskräfte, kostete 25 Milliarden Dollar und erforderte 21 bemannte Raumflüge, bis diese ersten
Schritte auf dem Mond getan wurden - sechs Mercury-Programme, 10 Gemini-Flüge und fünf ApolloMissionen vor der Landung. Es forderte auch das
Leben von sieben Astronauten. Drei starben bei
einem Feuer auf der Abschußrampe und vier bei
einem Flugzeugabsturz.
Nur der Bau des Panamakanals konkurrierte in seiner
Größenordnung mit dem Apollo-Programm als
nichtmilitärischem Vorhaben, und nur das ManhattanProjekt zum Bau einer Atombombe im Zweiten
Weltkrieg war in einem Kriegsszenarium vergleichbar.
Die erste Mondlandungsmission begann am 16. Juli
mit dem Feuerstoß einer Saturn-V-Rakete, die die
drei Astronauten ins All beförderte. Nach einer
dreitägigen Reise zum Mond über 380.000 Kilometer
im All landeten die Astronauten Armstrong und Aldrin

Seite 1

�am 20. Juli um 21.18 Uhr MEZ auf der Mondoberfläche, während der Astronaut Michael Collins sie in
einer kegelförmigen Kommandoeinheit namens
Columbia im Mondorbit umkreiste.

Der ehemalige Astronaut William Anders gehörte der
Besatzung von Apollo 8 an, die erstmals zum Mond
flog, dort jedoch nicht landete, und zum ersten Mal
die ganze Erde aus dem Weltall sah.

Ungefähr sechseinhalb Stunden nach der Landung
setzte Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf
den fremden Boden und sagte zu Millionen von
Zuhörern auf der Erde: "Dies ist ein kleiner Schritt
für einen Menschen, aber ein Riesenschritt für die
Menschheit."

"Meines Erachtens entbehrt es nicht einer gewissen
Ironie, daß wir zum Mond flogen, es jedoch wahrscheinlich die Erde und ihre Ansicht war, die abgehärtete Testpiloten wie uns - und wahrscheinlich die
ganze Welt - am meisten beeindruckte", erklärte
Anders. "Die ersten Bilder der im Weltraum schwebenden Erde waren meines Erachtens ein wichtiger
Beitrag dazu, den Menschen ein besseres Gefühl für
den Platz der Erde in unserem Leben und im Universum zu vermitteln."

In den nächsten zweieinhalb Stunden beobachtete
die Welt auf den Fernsehschirmen, wie die Astronauten in Weltraumanzügen das amerikanische
Sternenbanner aus Nylon aufstellten, Fotos machten,
Boden- und Felsproben nahmen und wissenschaftliche Experimente machten. Am nächsten Tag hob
die Mondfähre ab, dockte an die über ihr kreisende
Columbia an und begann den Rückflug zur Erde mit
21,8 Kilogramm sicher in der Columbia verstautem
wertvollen Mondgestein. Die Astronauten wasserten
am 24. Juli auf dem Pazifischen Ozean.
Obwohl gerne über die technischen Begleiterscheinungen des Apollo-Programms gesprochen wird,
vertreten viele die Ansicht, der dauerhafteste Aspekt
von Apollo 11 sei die Tatsache gewesen, daß
erstmals Menschen die Erde verließen und einen
anderen Himmelskörper aufsuchten.
"In der gesamten Geschichte der Menschheit war
Apollo das Programm, das den Menschen vom
Planeten Erde zu einem anderen Körper im Sonnensystem brachte", so der ehemalige Astronaut Stuart
Roosa, Mitglied der Besatzung von Apollo 14, dem
dritten Flug zum Mond. "Das ist eine enorme
Leistung. Und am 25. Jahrestag von Apollo 11
sollte sich das jeder vor Augen halten."
Dem Historiker Launius zufolge besteht ein weiteres
großes Vermächtnis des Apollo-Programms darin,
daß die auf der Erde lebenden Menschen zu einer
neuen Sichtweise ihres Planeten gezwungen wurden.
Als die Besatzungen der Apollo ihre Fernsehkameras während der Reisen zum Mond auf die Erde
richteten, sah die Menschheit die Mutter Erde
erstmals aus weiter Entfernung, als "winzige, wunderschöne und zerbrechliche 'blaue Murmel' in der
Schwärze des Weltalls", so Launius. "Die moderne
Umweltbewegung war von dieser neuen Wahrnehmung des Planeten sowie der Notwendigkeit, ihn
und das Leben auf ihm zu schützen, teilweise zu
neuem Leben erweckt."

Seite 2

Wissenschaftlern zufolge kehrten Armstrong, Aldrin
und die 10 nachfolgenden Astronauten mit Proben
von Mondgestein zurück, die einen Einblick in den
gewaltigen und überraschenden Ursprung des
Mondes, seine Zusammensetzung und sein Alter
gaben. Die Mondgesteinsproben untermauern die
Theorie, daß sich der Mond infolge einer riesigen
Kollision der ursprünglichen Erde und eines Objekts
in Planetengröße bildete, durch die Trümmer in die
Umlaufbahn flogen, die sich schlie ßlich zum Himmelskörper Mond verbanden.
Durch die Reise zum Mond, der während der vergangenen 2 Milliarden Jahre nicht geologisch aktiv
war, erfuhren die Wissenschaftler auch mehr über die
Evolutionsgeschichte der Erde. Die Spuren der alten
Geschichte der Erde wurden durch fortgesetzten
Vulkanismus, das Entstehen von Gebirgen, Verwitterung und Vergletscherung beseitigt oder verändert.
Trotz der enormen Errungenschaften des ApolloProgramms wird vielerorts die Ansicht vertreten, es
habe der NASA und der Raumfahrt insgesamt ein
unsicheres Erbe hinterlassen.
Der ehemalige Astronaut Eugene Cernan, der im
Dezember 1972 an Bord der Apollo 17 an der letzten
Fahrt zum Mond teilnahm, hätte nie gedacht, daß 22
Jahre später noch niemand zum Mond zurückgekehrt
oder zum Mars geflogen sei. "Ich war fest davon
überzeugt, daß wir uns zur Jahrhundertwende - und
zu diesem Zeitpunkt erachtete ich dies als konservative Schätzung - bestimmt auf dem Weg zum Mars
befänden", erklärte er. "Es wird noch eine Generation dauern, bis wir wieder zum Mond oder Mars
fliegen."
Launius zufolge schuf das "goldene Zeitalter" des
Apollo bei der NASA die Erwartung, daß der Kurs
jedes größeren Weltraumzieles des Präsidenten

AMERIKA DIENST 28

�breite Unterstützung und die erforderlichen Ressourcen erhalten würde.
"Die meisten Mitarbeiter der NASA verstanden zum
Zeitpunkt der Landung auf dem Mond im Jahr 1969
jedoch nicht, daß Apollo nicht unter normalen politischen Umständen durchgeführt wurde und diese
Umstände sich nicht wiederholen würden", äußerte
er.

Launius fügte jedoch hinzu, die Erforschung des
Sonnensystems und des Universums bleibe wie eh
und je ein ebenso verlockendes wie bedeutendes Ziel
der Menschheit.

* * * * *

AMERIKA DIENST 28

Seite 3

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