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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

26

6. Juli 1994

BEVÖLKERUNG

CLINTON DRÄNGT AUF UMFASSENDE,
GLEICHZEITIGE
INANGRIFFNAHME
GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der
National Academy of Sciences

VERBRECHENSBEKÄMPFUNG

WELTWEITE POLIZEILICHE ZUSAMMENARBEIT IST SCHLÜSSEL FÜR ERFOLGREICHE
VERBRECHENSBEKÄMPFUNG
Rede von FBI-Direktor Freeh

NAFTA

NAFTA - DIE HERAUSFORDERUNG FÜR
EUROPA
Rede von Botschafter Eizenstat

PORTRAT

PANETTA ZUM STABSCHEF DES WEISSEN
HAUSES ERNANNT
Clinton entscheidet Nachfolge von McLarty

GERGEN HAT"AUSGEPRÄGTES GESPÜR"
FÜR VERMITTLUNG VON ZIELSETZUNGEN
Porträt des neuen außenpolitischen
Sonderberaters

NEUE DIREKTORIN DER HAUSHALTSBEHÖRDE SETZT SICH FÜR ABBAU DES
HAUSHALTSDEFIZITS EIN
Porträt von Alice Rivlin

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-334102

�BEVÖLKERUNG
6. Juli 1994

CLINTON DRÄNGT AUF UMFASSENDE, GLEICHZEITIGE
INANGRIFFNAHME GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der National Academy of Sciences
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton drängt die Staats- und Regierungschefs der Welt, ein breites
Spektrum von Problemen gleichzeitig als einzigen Weg zur Förderung eines höheren Lebensstandards weltweit
in Angriff zu nehmen.
"Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen
funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge
je greifen wird", erklärte Präsident Clinton in einer Rede vor der National Academy of Sciences am 29. Juni
1994.
Clintons Rede behandelte vornehmlich Themen, die bei der in einigen Monaten in Kairo stattfindenden
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung angesprochen werden. "Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich
auf die Idee, daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen sein sollte", stellte der Präsident fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton im Wortlaut.

Ich habe versucht, die Vorbereitungen für den G-7Gipfel in Neapel zu treffen. Und ich habe mindestens seit anderthalb Jahren - seitdem ich im Amt
bin - darauf hingearbeitet, daß diese Gruppe sich
zunächst kurzfristig auf globales Wachstum konzentriert - auf das, was wir in unseren Nationen und
gemeinsam tun können - und dann darüber nachdenkt, wie die Welt im nächsten Jahrhundert aussehen wird, und was wir tun müssen. Ich muß
zugeben, ich bin hin- und hergerissen. Ich bin
glücklich und stolz, daß ich an der Konferenz teilnehmen und sagen kann, daß das von uns Vereinbarte funktioniert. Mittelfristig funktioniert es eindeutig.

der Zusammenarbeit und daß unsere Nation das
Glück hat, den Weg zu weisen.

40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der G-7
entfällt auf die Vereinigten Staaten. Aber im vergangenen Jahr hatten wir 75 Prozent des Wachstums und nahezu 100 Prozent der Arbeitsplätze, die
doppelte Investitionsrate, eine doppelt so hohe
Zuwachsrate bei Exporten und die höchste Zuwachsrate bei der Produktivität. Wir hatten das zweitniedrigste Defizit, im nächsten Jahr werden wir das
niedrigste Defizit aller G-7-Länder haben. Dies alles
ist ermutigend für mich. Und die Volkswirtschaften
der Gruppe stehen besser da als je zuvor in den
vergangenen vier Jahren. Es herrscht das Gefühl

Von vielen in diesem Artikel enthaltenen Aspekten
war ich ebenso fasziniert wie von der mehr wissenschaftlichen Abhandlung von Professor Homer Dixon
zum selben Thema. Ich versuche mir vorzustellen,
wie es sein würde, Kinder in diesem oder jenem Land
in diese Welt zu setzen. Das ist das Problem, mit
dem wir uns auseinandersetzen müssen. Und wenn
ich darüber nachdenke, arbeitet mein Gehirn in
Gedankengängen, die einigen Leuten zufolge undiszipliniert, meines Erachtens aber produktiv sind.

AMERIKA DIENST 26

Wenn Sie sich jedoch die langfristigen Tendenzen
betrachten, die sich auf der Welt abzeichnen - wenn
Sie Artikel wie den vor einigen Monaten von Robert
Kaplan in The Atlantic lesen, der einigen zufolge zu
streng ist - wenn Sie sich wirklich betrachten, was
geschieht, könnten Sie sich eine Welt vorstellen, in
der wenige Millionen von uns in solchem Überfluß
leben, daß wir alle Stars in nächtlichen Seifenopem
sein könnten. Und der Rest von uns sieht aus, als
wäre er in einem von Mel Gibsons "Road Warrior"Filmen.

Seite 1

�Wenn Sie sich die Landschaft der Zukunft betrachten
und sagen, wir müssen die Familien auf der ganzen
Welt stärken, wir müssen gerechtes und starkes
Wachstum ermutigen, wir müssen grundlegende
Gesundheitsfürsorge bereitstellen, wir müssen die
weitere Ausbreitung von AIDS verhindern, wir müssen Wasservorräte erschließen und den Ernteertrag
verbessern, wir müssen den Flüchtlingsstrom eindämmen und die Umwelt schützen und so weiter
und so weiter - dann bekommt man Kopfschmerzen.
Und natürlich muß man - werden Sie sagen, wenn
Sie sich die Zahlen betrachten - die Zuwachsrate der
Bevölkerung verringern.
Tim hat das Thema Haiti angeschnitten. Meine
Tochter und ich haben vor einigen Monaten über
Haiti gesprochen, und ich habe ihr erzählt, daß ihre
Mutter und ich vor vielen Jahren kurz nach unserer
Hochzeit dorthin gereist sind, wieviel Trauer und
Hoffnung ich dort gleichzeitig gesehen habe, und
wieviel seitdem geschehen ist. Sie sagte zu mir, das
weiß ich alles, Dad, weil ich Luftaufnahmen aus dem
All gesehen habe. Wenn man auf die Insel blickt,
sieht man, wo die Dominikanische Republik endet
und wo Haiti anfängt. Und es kann nicht soviel
Umweltzerstörung ohne all die anderen Probleme
geben, über die Du gesprochen hast. Es war eine
erstaunliche Aussage aus der Perspektive eines
amerikanischen Schulkindes, die alles zusammenfaßt.
Ich erwähne dies, um folgendes Argument anzubringen: Wir müssen Disziplin walten lassen, wenn wir
sagen, wieviel Zeit, Geld und Energie wir haben, und
wir müssen unsere Prioritäten setzen. Wir können
jedoch nicht so naiv sein zu denken, es sei so leicht,
eines dieser Themen von dem gesamten Komplex
abzutrennen und die Zukunft der Welt werde über
Nacht gelöst.
Wenn Sie sich das Tempo betrachten, mit dem die
Rohstoffe erschöpft werden, und wenn Sie das
Tempo betrachten, mit dem die Kluft zwischen arm
und reich größer wird, wenn Sie sich die Tatsache
verinnerlichen, daß sich die Weltbevölkerung verdoppelt hat, seit nur 74 Nationen vor 40 Jahren in
Rom zusammenkamen, ist es klar, daß wir einen
umfassenden Ansatz für die Zukunft der Welt
benötigen. Wir fassen ihn unter dem Schlagwort
umweltverträgliche Entwicklung zusammen, nehme
ich an, aber es gibt keinen Weg, wie wir das Morgen
angehen können, wenn wir nicht mindestens unsere
gemeinsame Verantwortung in all diesen Bereichen
im Auge behalten.
Während der bevorstehenden neuntägigen Kairoer
Konferenz werden über zwei Millionen Menschen auf
die Welt kommen. Mehr als zwei Millionen Babys

Seite 2

werden in eine Welt geboren, in der ein Drittel
unserer Kinder bereits Hunger hat, 40 Prozent der
Menschen auf der Welt nicht einmal Kanalisation
haben und große Teile der Welt nur einen Arzt pro
35.000 oder 40.000 Einwohner. Eine Umkehrung
dieser Politik wird Innovation, Engagement und
Entschlossenheit verlangen, das zu tun, was wir über
einen langen Zeitraum hinweg tun können, während
wir alle auf der Welt mit unseren eigenen Belangen
innerhalb unserer Grenzen beschäftigt sind.
Es wird erforderlich sein, daß wir neu über die
Beziehungen der menschlichen Entwicklung im
Hinblick auf das nachdenken, was in diesen Nationen
geschieht. Wir müssen viele Ideen der Vergangenheit verwerfen - als es immer eine Versuchung war
zu glauben, es gäbe eine einzige Lösung, die wir
über Nacht anwenden könnten, die alles ins Lot
rücken würde.
Um gemeinsamen Wohlstand herbeizuführen, wie
Professor Homer Dixon geschrieben hat, müssen die
Nationen der Welt schlicht und einfach an vielen
Fronten gleichzeitig Fortschritte erzielen. Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die
Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum
vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge je greifen wird. Wenn man sie ignoriert,
werden diese Herausforderungen weiterhin Menschen
voneinander trennen. Wir müssen einfach diese
Probleme zusammen lösen.
Ich bin wirklich stolz auf die Tatsache, daß die G-7
vereinbart hat, einige dieser Probleme in dieser
Woche in Neapel ernsthaft anzusprechen.
Wir
werden erörtern, was wir innerhalb der G-7 tun
können, um nicht nur Wachstum, sondern auch mehr
Arbeitsplätze zu schaffen - weil ein Großteil der
wohlhabenden Länder feststellt, daß sie keine Arbeitsplätze hervorbringen können, selbst wenn ihre
Volkswirtschaft wächst. Und wenn sie das nicht
können, verlieren sie die Lobby zu Hause, um die
übrige Welt zu engagieren.
Wir werden darüber sprechen, wie wir eine wirtschaftliche Infrastruktur für das 21. Jahrhundert
aufbauen. Wie sieht diese neue Welthandelsorganisation aus, die wir im Rahmen des GATT gründen
werden? Und was sollten die Weltbank und der IWF
tun? Wir werden auch diskutieren, wie wir den im
Übergang befindlichen Volkswirtschaften helfen
können, wie den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, und was wir mit den Volkswirtschaften tun
können, die sich nicht im Umbruch befinden oder in
die falsche Richtung gehen, um unsere gemeinsame
Verantwortung anzusprechen.

AMERIKA DIENST 26

�Dies ist in der Tat ziemlich einzigartig für die modernen Nationen der Welt. Und ich freue mich, daß
trotz der zahlreichen Wirtschaftsprobleme in vielen
Ländern diese bereit sind, ernsthaft darüber nachzudenken, wo wir in 10 oder 20 Jahren stehen sollten weit über die Wiederwahlchancen aller dort anwesenden Staats- und Regierungschefs hinaus. Bei
den Vorbereitungen der in Kairo anberaumten
Bevölkerungskonferenz muß uns derselbe Ansatz
leiten. Die von uns unterstützte Politik muß auf
dauerhaften Werten basieren - Förderung stärkerer
Familien, vermehrte Verantwortung für den einzelnen
Bürger, Achtung der Menschenrechte, Vertiefung
des Gemeinschaftsgefühls. Dort liegt die Zukunft in
unserem Land und auf der ganzen Welt - angefangen bei unseren Familien. Wenn sie intakt sind und
funktionieren, sorgen sie für uns. Sie dienen als
Modell. Sie vermitteln Werte und gestatten den
Menschen, in Frieden zusammenzuleben und sich
zusammen für gemeinsame Ziele einzusetzen. Aus
diesem Grund ist dies das Wichtigste, was wir
unternehmen können.
Seit der Amtsübernahme dieser Administration
haben wir an der Förderung von Maßnahmen
gearbeitet, die den Familien eine Stärkung ihrer
Rolle im In- und Ausland gestatten. Ich habe die
sogenannte Mexiko-Stadt-Politik revidiert, weil
meiner Ansicht nach Ärzte und medizinisches
Personal weltweit in der Lage sein sollten, wirklich
etwas im Bereich der Familienplanung zu unternehmen und auf diesem Gebiet umfassende Informationen zu geben.
Seitdem haben wir trotz haushaltspolitischer Engpässe den Etat für Familienplanung und unterstützende
Dienstleistungen des Amts für internationale Entwicklung um ungefähr 50 Prozent erhöht. Zur Unterstützung der Familien hier im Land haben wir eine
beträchtliche Erhöhung des
Einkommensteuerfreibetrags bewilligt, um 15 Millionen Familien von
der Sozialhilfe unabhängig zu machen, aus der
Armut zu befreien und in die erwerbstätige Bevölkerung einzugliedern. Wir haben die Ernährungs- und
andere Programme von Head Start auf Zehntausende von Kindern ausgeweitet, Unterstützungszahlungen für straffällige Kinder drastisch reduziert und die
Impffonds erhöht, damit die Zahl der geimpften
Kinder um mehr als eine Million erhöht werden kann.
Wir bemühen uns um die Reduzierung außerehelicher Geburten und Schwangerschaften von Teenagern. Durch das Gesetz über Urlaub aus familiären
Gründen ermöglichen wir es den Menschen, erfolgreiche Arbeitnehmer und erfolgreiche Eltern zu sein eine äußerst wichtige Frage in einer Welt, in der
mehr und mehr Eltern berufstätig sind. Jede Gesellschaft, die die Menschen zu einer Entscheidung

AMERIKA DIENST 26

zwischen diesen beiden Möglichkeiten zwingt, ist zum
Scheitern verurteilt. Wenn die Menschen keine
Alternative zur Berufstätigkeit haben - und für uns alle
ist es von Bedeutung, daß die Menschen weiterhin
Kinder bekommen - müssen alle Eltern erfolgreiche
Arbeitnehmer sein, und alle Arbeitnehmer müssen als
Eltern Erfolg haben.
Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich auf die Idee,
daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen
sein sollte. Aus diesem Grund müssen wir das
Konzept der Verantwortung unterstützen - der Eltern
für ihre Kinder, der Männer und Frauen füreinander,
und unserer derzeitigen Generation für künftige
Generationen.
Fortschritt bringt Freiheit, Freiheit erfordert mehr
Disziplin und Verantwortung. Und wir müssen unsere
jungen Menschen lehren, kluge Entscheidungen zu
treffen, und ihnen sagen, daß auch Enthaltsamkeit zu
ihren Auswahlmöglichkeiten gehören muß. Unsere
Politik war immer in den ethischen Prinzipien des
Mitgefühls, der Gerechtigkeit und Achtung der Menschenrechte verwurzelt. Wir haben die Würde und
den Wert jedes einzelnen unterstützt und werden uns
auch weiterhin jeglicher Zwangsausübung bei der
Familienplanung widersetzen und sie verurteilen.
Die Verwirklichung dieser Prinzipien ist die Forderung, mit der Vizepräsident Gore im September nach
Kairo gehen wird.

Niemand ist für diese Aufgabe

besser geeignet als er. Er hat sich für diese langfristigen Herausforderungen eingesetzt und in breitem
Kontext über sie nachgedacht, lange bevor sie
politisch unpopulär wurden oder auch nur Quelle
zahlreicher gegenwärtiger Diskussionen.
In Kairo schließen wir uns der internationalen Staatengemeinschaft bei der Verfolgung eines neuen
Aktionsplans an, das Bevölkerungsproblem als Teil
des größeren Problems umweltverträglicher Entwicklung anzugehen. An erster Stelle unserer Tagesordnung wird unsere aktive Unterstützung für Investitionen in die Frauen dieser Welt stehen. Vielleicht wird
langfristig gesehen die wichtigste Forderung von
Kairo lauten, daß jede Nation Bestrebungen zur
Erziehung ihrer Kinder auf der Grundlage der Gleichberechtigung unternimmt und der weitverbreiteten
Praxis Einhalt gebietet, die Mädchen vor den Jungen
von der Schule zu nehmen und zur Arbeit zu zwingen.
Um sicherzustellen, daß sich die Nationen schneller
entwickeln können, wird jeder einzelne von uns
aufgerufen, die Arbeit und Entwicklung von Frauen
anzuerkennen und sie voll in die erwerbstätige
Bevölkerung zu integrieren. Dadurch werden den
Frauen umfassende Bürgerrechte garantiert, und die

Seite 3

�Diskriminierung wird beendet, die noch nahezu
überall existiert und den Fortschritt hemmt.
In Kairo werden die Vereinigten Staaten auch gemeinsam mit der internationalen Staatengemeinschaft neue, qualitativ hochwertige und freiwillige
Familienplanungs- und Gesundheitsprogramme für
werdende Mütter ins Leben rufen. Es ist unser Ziel,
bis zum Beginn des kommenden Jahrhunderts diese
Programme allen Bürgern zugänglich zu machen.
Eltern müssen das Recht haben, frei und verantwortlich über die Zahl ihrer Kinder und den zeitlichen
Abstand zwischen ihren Geburten zu entscheiden.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im Gegensatz
zu manchen Behauptungen sind wir keine Befürworter eines Schwangerschaftsabbruchs als Methode
der Familienplanung. Wir respektieren jedoch die
vielfältigen nationalen Gesetze mit Ausnahme
jeglicher Zwangsausübung. Unsere Politik in den
Vereinigten Staaten vertritt die freie Wahl des
einzelnen, nicht das Diktat der Öffentlichkeit. Ich
habe bereits vielfach darauf hingewiesen, daß
Schwangerschaftsabbrüche sicher, legal und selten
sein sollten.
In anderen Ländern, wo es Schwangerschaftsabbrüche gibt, ist Sicherheit unseres Erachtens ein wichtiger Punkt. Wenn man sich die Sterblichkeitsziffern
anschaut, muß man sich dieses Problems annehmen. Ferner sind wir der Ansicht, daß die Versorgung der Frauen mit Verhütungsmitteln mehr als
alles andere zur Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen beitragen wird.
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, daß wir
in Kairo dasselbe grundlegende Engagement zeigen
müssen, jedem Bürger der Welt eine Gesundheitsfürsorge anzubieten, wie wir das in den öffentlichen
Debatten in unserem Land getan haben. Unter den
Vertretern der 174 Teilnehmerstaaten der Kairoer
Konferenz besteht weniger Uneinigkeit als hier unter
den 535 Abgeordneten unseres Kongresses. Vielleicht können wir diesen Geist mit nach Hause
bringen.
Die Erfahrung lehrt, daß Investitionen in Gesundheitsfürsorge für Mütter, pränatale Dienstleistungen
und Vorsorgemaßnahmen bei Kindern nicht nur

*

Seite 4

Leben retten, sondern den Menschen letztlich die
erforderliche Zuversicht geben, daß ihre Kinder
überleben werden. Und dadurch wird die Einstellung
gegenüber der Kindererziehung verändert. Jedes
Land hat sich zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge seiner Frauen und Kinder verpflichtet. Und
wer das wirklich getan hat, konnte ein absinkendes
Bevölkerungswachstum und steigenden Wohlstand
beobachten.
Die Kairoer Konferenz kann daher viel zur Förderung
unserer Vision umweltverträglicher Entwicklung und
stabilen Bevölkerungswachstums unternehmen, um
die Vision einer Welt intakter Familien Realität
werden zu lassen, in der für jedes Mitglied gesorgt
wird - einer Welt, die mit Klugheit und Stärke die
Herausforderungen direkt angeht, anstatt über sie zu
sprechen und mit Worten die Menschen so zu
spalten, daß sie sich nicht wirklich mit ihnen befassen, eine Welt, die zu Chancengleichheit und Wohlstand für alle führt.
Als Präsident Roosevelt im Jahr 1945 starb, fand
man ein getipptes Manuskript seiner letzten Rede, in
dem nur ein Satz von ihm mit der Hand geschrieben
war. Es war der letzte Satz der letzten Rede Franklin
Roosevelts, die er nie gehalten hat. Sein handgeschriebener Satz lautete: "Die einzige Grenze
unserer Realisierung der Zukunft sind unsere heutigen Zweifel. Wir wollen mit Stärke und aktivem
Glauben Fortschritte erzielen." Angesichts so vieler
scheinbar hartnäckiger Probleme ist sicherlich die
Versuchung groß, diese Zweifel überhandnehmen zu
lassen.
Mir scheint jedoch, daß auch Sie heute abend mit mir
die Ansicht teilen, daß wir Lösungen suchen und
finden können, die kommenden Generationen helfen
werden. Präsident Roosevelt regierte zu einer Zeit,
in der Zweifel ein Luxus war, den sich das amerikanische Volk nicht erlauben konnte. Ich sage Ihnen
heute, daß Zweifel einen Luxus darstellt, den sich die
Welt nicht länger erlauben kann.
Ich begrüße ihr Mitgefühl und ihr Engagement und
rufe Sie auf, diesen Glauben in Taten umzuwandeln
und mir bei meiner Arbeit beizustehen, dasselbe zu
tun.

* * *

*

AMERIKA DIENST 26

�VERBRECHENSBEKÄMPFUNG
6. Juli 1994

WELTWEITE POLIZEILICHE ZUSAMMENARBEIT IST
SCHLÜSSEL FÜR ERFOLGREICHE
VERBRECHENSBEKÄMPFUNG

Rede von FBI-Direktor Freeh
BERLIN - (AD) - Der Direktor des FBI (Federal Bureau of Investigation), Louis J. Freeh, betonte die
Notwendigkeit weltweiter polizeilicher Zusammenarbeit zwischen den Strafverfolgungsbehörden, um auf allen
Ebenen erfolgreiche Verbrechensbekämpfung durchführen zu können.
Freeh traf mit einer Delegation amerikanischer Strafverfolgungsbeamter am 28. Juni 1994 mit deutschen
Regierungsvertretern zusammen, um über schwierige Fragen zu beraten, die für beide Länder von Interesse
sind.
Der FBI-Direktor wies darauf hin, daß die Vereinigten Staaten im Bereich der Verbrechensbekämpfung mit
enormen Problemen konfrontiert sind und äußerte: "Ich möchte zu Beginn verdeutlichen, daß ich diese Reise
nicht angetreten habe, um europäische Länder zu kritisieren, weil sie Kriminalitätsprobleme haben, oder um
vorzugeben, die Vereinigten Staaten hätten keine."
Nachfolgend veröffentlichen wir die im Berliner Roten Rathaus gehaltene Rede von FBI-Direktor Freeh.

Lassen Sie mich zu Beginn den Dank der amerikanischen Regierung dafür zum Ausdruck bringen, daß
die Möglichkeit zu einem Treffen mit deutschen Vertretern geschaffen wurde, um Kriminalitätsprobleme
von beiderseitigem Belang zu diskutieren.
Wir wissen die Bemühungen von Herrn Staatssekretär Lintner außerordentlich zu schätzen, der die
vor kurzem beendeten Gespräche am Runden Tisch
arrangiert hat.

die bei gemeinsamen Bemühungen mit einigen
Ländern bereits erarbeitet worden sind, und neue
Programme mit Ländern auszuarbeiten, mit denen wir
bisher im Bereich der Strafverfolgung nur relativ
wenig zusammengearbeitet haben. Darüber hinaus
unterstützen Präsident Clinton, Justizministerin Reno,
Außenminister Christopher und Verteidigungsminister
Perry diese Reise uneingeschränkt, und ich werde
dem Präsidenten Bericht erstatten, der - wie Sie
wissen - dieser Stadt am 12. Juli einen historischen
Besuch abstatten wird.

Ferner möchten wir uns sehr herzlich bei dem
Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard
Diepgen, und dem Berliner Senat für deren Unterstützung bedanken, besonders dafür, daß das Rote
Rathaus als Konferenzort für die Gespräche zur
Verfügung gestellt wurde.

Die Zusammensetzung der amerikanischen Delegation verdeutlicht, wie ernst mein Land diese neuen
Bestrebungen nimmt, Zusammenarbeit gegen ein
breites Spektrum bestehender und möglicher zukünftiger Verbrechen aufzubauen.

Die heutigen Gespräche sind der Beginn einer Reihe
von Erörterungen mit Strafverfolgungsbeamten aus
elf europäischen Ländern. Unsere Delegation hofft,
wesentlich auf den Grundlagen aufbauen zu können,

Ein Mitglied der Delegation ist Ronald K. Noble,
Abteilungsleiter für Strafverfolgung im Finanzministerium, der so wichtige Bundesbehörden leitet wie
das Büro für Alkohol, Tabak und Schußwaffen, das

AMERIKA DIENST 26

Seite 1

�amerikanische Bundeszollamt sowie den Secret
Service. Wir können uns glücklich schätzen, daß er
auch in Zukunft diesen Verantwortungsbereichen
weiter als Staatssekretär im Finanzministerium
vorsteht, zu dem er befördert wird.
Ein weiteres Mitglied ist Botschafter Robert S.
Gelbard, Abteilungsleiter für den Bereich internationale Betäubungsmittel. Er führt die Bestrebungen
des Außenministeriums an, mit diplomatischen
Mitteln internationale Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Drogen und anderen schweren Verbrechensproblemen aufzubauen.
Ein drittes wichtiges Mitglied unserer Gruppe ist
Thomas A. Constantine, der Leiter der Drogenbekämpfungsbehörde, die das wichtigste Amt zur
Bekämpfung des Drogenhandels in den Vereinigten
Staaten ist.
Und ich bin der Direktor des amerikanischen Bundeskriminalamtes, das für die Bekämpfung des
organisierten Verbrechens, der Gewaltverbrechen
und einer großen Anzahl weiterer Verbrechen
verantwortlich ist.
Unser heutiger Besuch wäre nicht möglich gewesen
ohne die Unterstützung und Förderung eines amerikanischen Regierungsvertreters, der in engem
Kontakt zu Vertretern der deutschen Seite steht Botschafter Richard C. Holbrooke. Sein Beitrag zu
unserem Kampf gegen das unsere beiden Länder
betreffende Problem Kriminalität wird noch bedeutsamer werden, da er gerade von Präsident Clinton
zum Abteilungsleiter für europäische Angelegenheiten im Außenministerium nominiert wurde.
Es ist durchaus angebracht, unsere Reihe von
Gesprächen mit europäischen Ländern in Deutschland zu beginnen. Im vorigen Jahr, kurz nachdem
ich Direktor des FBI geworden war, lud mich der
Präsident des Bundeskriminalamtes, Hans Zachert,
nach Deutschland ein. Wir führten sehr konstruktive
Gespräche, und ich traf ebenfalls mit Innenminiser
Kanther und Staatssekretär Lintner zusammen. Die
Diskussionen und Informationsgespräche beim
Bundeskriminalamt haben mir wertvollen Einblick in
die Erfahrungen deutscher Strafverfolgungsbehörden
mit kriminellen Banden aus Italien und Osteuropa
vermittelt.
Ich möchte zu Beginn verdeutlichen, daß ich diese
Reise nicht angetreten habe, um europäische
Länder zu kritisieren, weil sie Kriminalitätsprobleme
haben, oder um vorzugeben, die Vereinigten Staaten

Seite 2

hätten keine. Ganz im Gegenteil, die Vereinigten
Staaten sind mit enormen Kriminalitätsproblemen
konfrontiert. Seit den zwanziger Jahren ist das
organisierte Verbrechen eine nationale Geißel. Der
Konsum von illegalen Drogen hat ein Ausmaß
erreicht, das einen internationalen Skandal darstellt.
Die Zahl der Gewaltverbrechen ist eine Schande für
die zivilisierte Welt.
Wir sind aus gutem Grund hierher gekommen. Wir
möchten von den europäischen Ländern lernen. Und
wir möchten uns mit den Europäern austauschen
über die bitteren Lektionen, die wir in den Vereinigten
Staaten lernen mußten.
Wir möchten den Ländern Europas jede nur mögliche
Unterstützung anbieten, um gemeinsame Programme
gegen Kriminalitätsprobleme zu entwickeln, die uns
alle betreffen und in der Zukunft unermeßliches Leid
hervorrufen können. Unsere Besorgnis konzentriert
sich auf drei große Problembereiche:
Erstens die Möglichkeit, daß Atomwaffen oder
Nuklearmaterial in Regionen der ehemaligen
Sowjetunion gestohlen und in die Hände von
Terroristen oder verbrecherischen Nationen
gelangen könnten.
Zweitens die Zunahme und Verbreitung des
organisierten Verbrechens in Rußland und anderen Teilen Osteuropas - organisiertes Verbrechen,
das großes Leid hervorrufen und sogar die Stabilität von Regierungen untergraben kann.
Drittens das Wiederauftreten von Haßverbrechen,
die eine Bedrohung für alle anständigen Menschen der Welt darstellen.
Die Polizeibehörden in den Vereinigten Staaten, in
Europa und anderen Teilen der Welt sind mit neuen
und schwierigen Herausforderungen konfrontiert - und
die Probleme werden in den kommenden Jahren
bestimmt noch größer werden. Traditionell hat sich
jedes Land allein um seine Probleme gekümmert,
ohne nennenswerte Kooperationsprogramme, die
grenzüberschreitend arbeiteten. Was man als transnationale polizeiliche Überwachung beschreiben
könnte, hat bis vor etwa zehn Jahren nicht existiert.
Dies begann erst lange nach den Erfolgen im Bereich
internationales Verbrechen. In weiten Teilen der Welt
ist die Strafverfolgung immer noch sehr rückständig.
Unter anderem müssen wir klar die Gefahr erkennen,
die das internationale Verbrechen für alle Nationen
darstellt, und Maßnahmen ergreifen, um es zu

AMERIKA DIENST 26

�bekämpfen und letztlich zu besiegen. Dieser Kampf
wird nicht leicht sein.
Vor dreißig Jahren war es ein nennenswerter Vorgang, wenn einige Kilogramm Heroin in ein Land
geschmuggelt wurden. Heute können Verbrechersyndikate ein vollkommen neues Drogenverteilungsnetz in verschiedenen Teilen der Welt aufbauen
bevor die Verbrechensbekämpfungsbehörden dies
überhaupt aufspüren können. Die Polizeikräfte der
zivilisierten Nationen - der Nationen, die nach den
Gesetzen eines Rechtsstaates leben - müssen eine
neue Zielsetzung erarbeiten. Es muß neue Ebenen
der zwischenstaatlichen Kooperation geben, und
Strafverfolgung muß in ihren Dimensionen internationaler werden, wenn wir es mit beispiellosen
Verbrechen in nie dagewesenem Ausmaß aufnehmen wollen.
Wechsel. Das ist das Schlüsselwort, auf das sich
die Polizeikräfte aller Länder konzentrieren müssen.
Polizeiliche Überwachung unterscheidet sich heute
sehr stark von derjenigen der siebziger Jahre. Und
sie wird sich wiederum von der polizeilichen Überwachung des bald beginnenden 21. Jahrhunderts
stark unterscheiden.
Die Polizei in den Vereinigten Staaten unterhält
bereits seit einiger Zeit enge Beziehungen zu England, Italien, Deutschland und Kanada. Es muß
jedoch zu einer Erweiterung der internationalen
polizeilichen Zusammenarbeit kommen - nicht nur
einige Staaten, sondern die ganze Weltgemeinschaft
gesetzestreuer Staaten muß sich zusammenschließen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind
Kriminalität. Länder mögen sich in ihrer Ideologie
oder Politik unterscheiden. Aber es ist inzwischen
sehr klar geworden, daß Kriminelle Grenzen nicht
anerkennen, außer um sie für ihre Zwecke zu
handhaben. Kriminelle beachten keine Gesetzessysteme oder Ideologien, außer um sie auszunutzen.

In den Vereinigten Staaten benutzen wir den Begriff
"cop", wenn wir von einem Polizeibeamten reden.
Was wir brauchen sind weltweite "cop-to-cop"Beziehungen, die Grenzen überschreiten und
Ermittlungen präzisieren, "cop-to-cop"-Beziehungen,
die darauf abzielen, die gesetzestreuen Bürger aller
Nationen zu schützen. Ebenso wichtig sind die
zwischenstaatlichen Beziehungen von Staatsanwälten und anderen Justizbeamten. All dies muß in
Teamarbeit geschehen.

AMERIKA DIENST 26

Hierbei muß das Hauptaugenmerk auf der Aufdekkung, der Untersuchung und der Festnahme liegen kurz, auf solider Ermittlungsarbeit, basierend auf der
Kooperation zwischen Nationen. Die Prioritäten einer
solchen Kooperation müssen Bemühungen zur
Bekämpfung von Drogenhandel, organisierter Kriminalität, Mord, Erpressung und weiterer Gewaltverbrechen sowie die Bekämpfung des Diebstahls von
Massenvernichtungswaffen einschließen, seien dies
gestohlene Atomwaffen, biologische oder chemische
Waffen oder deren hochgefährliche Komponenten.
Unabhängig davon, welche Unterschiede Nationen in
bezug auf Ideologie und Politik aufweisen, gibt es
einen fundamentalen Bedarf zum Aufbau dieser "copto-cop"-Programme. Kriminelle werden alles tun, um
ihre Ziele zu erreichen, und sie werden sich nicht um
die Politik derjenigen kümmern, die sie vernichten.
Professionelle Strafverfolgungsbeamte jeder rechtsstaatlichen Nation benötigen dringend die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Mittel, um ihr
Konzept der internationalen Strafverfolgung von
einem Schlagwort in die Praxis umzusetzen. Niemand muß seine nationale Autonomie aufgeben. Ich
rede hier von Kooperation. Um ein Beispiel zu
geben: Was passiert, wenn ein Polizeibeamter oder
Staatsanwalt im Land A einen Plan zur Entführung
oder zum Mord an einem Kind, das Bürger des
Landes B ist, aufdeckt? Der Beamte des Landes A
wird seinen Kollegen im Land B anrufen, und das
Leben des potentiellen Mordopfers retten. Dies hat
nichts mit Ideologie oder Politik zu tun. Es hat etwas
damit zu tun, was jeder professionelle Polizeibeamte
und Justizbeamte in jedem Land als seine vorrangige
Verantwortung ansieht: Rechtsstaatlichkeit und der
Schutz der Unschuldigen und Gesetzestreuen.
Lassen Sie mich erklären, was ich unter den Begriffen "professioneller Polizeibeamter" und "Justizbeamter" verstehe. Er ist unbestechlich. Er ist fair.
Widmet sich der Beweissuche und der Überführung
von Tätern mehr als irgend etwas anderem. Diese
Polizei- und Justizbeamten widmen sich vollständig
der Verbrechensbekämpfung. Unabhängig davon,
welche anderweitigen Unterschiede existieren mögen,
haben die Polizei- und Justizbeamten aller Länder
einen gemeinsamen Feind - und dieser gemeinsame
Feind ist das Verbrechen. Strafverfolgungsbeamte
haben dies vor langer Zeit erkannt. Es ist Zeit, daß
alle dies erkennen.
Kriminelle Organisationen nehmen zu und breiten
sich aus. Kriminelle Gruppen verzweigen und verbünden sich mit anderen kriminellen Gruppen in
einem noch nicht dagewesenen Ausmaß. Kriminelle
Gruppierungen entwickeln Arbeitsbeziehungen,

Seite 3

�Geschäftsbeziehungen, Kartelle, Joint-ventures,
Zusammenschlüsse - alles, was ihnen hilft, Profit zu
machen, ihre Gegner zu töten, die Polizei zu neutralisieren und de facto Regierungen zu zerstören.
Organisierte kriminelle Banden arbeiten daran,
Regierungen zu verdrängen - und jede Regierung,
die dies ignoriert, tut das auf eigene Gefahr.
Das organisierte Verbrechen ist nicht an der Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen
interessiert. Gruppen des organisierten Verbrechens
scheren sich nicht darum, ob ihre Aktivitäten den
Lebensstandard senken, eine große Anzahl Menschen zu Drogenabhängigen machen, die Menge
der ganzen Bevölkerungen zur Verfügung stehenden
Lebensmittel reduzieren, die Schulerziehung verhindern, oder die Gesundheit der Menschen durch eine
großflächige Vergiftung der Umwelt bedrohen. Um
all diese Bedrohungen bekämpfen zu können,
müssen Strafverfolgungsbeamte in allen Ländern
neue Ebenen der Zusammenarbeit entwickeln.
Ich sehe einen Strafverfolgungsbeamten als jemanden, der effektiv, ehrlich, über jeden Zweifel erhaben, offen und dem Wohlergehen der Bevölkerung
verpflichtet ist. Am anderen Ende dieser Skala ist
der Geheimpolizist, der sich nicht um das Gesetz
kümmert, nicht um die Unantastbarkeit menschlichen
Lebens und die Rechte der Menschen. Strafverfolgungsbeamte können nicht wirkungsvoll arbeiten,
solange sie nicht von den Menschen respektiert
werden, die zu schützen sie geschworen haben. Die
Geschichte lehrt uns, daß ein Polizeiapparat nie
über einen längeren Zeitraum erfolgreich war, wenn
er nicht die Unterstützung der Menschen genoß. In
einem totalitären Staat mag die Geheimpolizei
denken, sie sei erfolgreich, weil die Menschen sie
fürchten, und auf kurze Sicht mag eine solche
Geheimpolizei auch in einigen Dingen erfolgreich
sein. Auf lange Sicht jedoch bringt sich eine solche
Geheimpolizei selbst zu Fall, denn sie wird nicht
respektiert, nicht unterstützt, und sie wird sich selbst
in einer Lage wiederfinden, in der sie größtenteils
nicht fähig ist, die Wahrheit, verläßliche Zeugen oder
stichhaltige Beweise zu ermitteln. Tatsächlich verfälscht eine Geheimpolizei, ähnlich einer Diktatur, die
Realität binnen kurzer Zeit so sehr, daß sie die
Wahrheit noch nicht einmal mehr erkennen würde,
wenn sie über sie stolperte.
Eine Inschrift im Innenhof des FBI-Gebäudes in
Washington beschreibt die jetzt erforderliche Philosophie. Sie lautet: "Die effektivste Waffe gegen das
Verbrechen ist die Zusammenarbeit... die gemeinsamen Bestrebungen aller Strafverfolgungsbehörden

Seite 4

mit Unterstützung und Verständnis des amerikanischen Volkes." In der Vergangenheit hat das FBI
nicht immer gemäß dieser wichtigen Regel gehandelt.
Aber wir sind jetzt dazu entschlossen, mit anderen
Strafverfolgungsbehörden und anderen Nationen
zusammenzuarbeiten und permanent für die Erhöhung der Sicherheit und das verbesserte Wohlergehen der Menschen zu arbeiten.
Nationen, die Freiheit als ein wichtiges Gut erachten,
sind mit einer sehr schwierigen Verbrechensproblematik konfrontiert. Einige Beobachter gehen sogar
davon aus, daß die Mächte des Guten nicht gewinnen werden. Aber ich glaube an das Gegenteil - daß
sich die Rechtsstaatlichkeit durchsetzen wird. Die
Geschichte zeigt, daß die Freiheit jetzt die Oberhand
gewinnt.
Vor fünfzig Jahren lag Westeuropa nach dem Ende
des Zweiten Weltkrieges in Trümmern. Die Menschen jedoch waren fest entschlossen: Durch eigene
harte Arbeit und Unterstützung von anderen leisteten
die Länder Europas ihren Wiederaufbau. Und als
integralen Bestandteil dieses Wiederaufbaus behielten sie demokratische Systeme bei. Durch die
Demonstration dessen, was freie Menschen auch
unter schwierigsten Umständen zu leisten in der Lage
sind, wurde uns allen ein Beispiel gegeben. Und dies
war ein kleiner, jedoch wichtiger Faktor im letztlichen
Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa.
Wo einst Kommunismus herrschte, sind wir jetzt
Zeuge der Gründung demokratischer Nationen und
weitreichender Freiheitsregungen. Demokratie kann
jedoch nicht ohne harte Arbeit existieren. Demokratie
muß genährt und geschützt werden. Im komplexen
Prozeß der Demokratie muß Strafvollzug eine zentrale Rolle spielen. Ich glaube fest daran, daß wir
heute einen neuen Ansatz brauchen, eine neue
Dimension der Zusammenarbeit von Nationen gegen
die schlimmsten Arten von Gesetzlosigkeit.
Ich habe eine internationale Allianz gegen das
Verbrechen vor Augen. Es wäre ein noch nicht
dagewesenes Programm: Die Nationen Europas und
die Vereinigten Staaten würden 24 Stunden am Tag
alles in ihrer Macht Stehende gegen die schlimmsten
Verbrechen unternehmen. Wo jetzt umfangreiche
Kriminalitätsprobleme existieren, würden wir all
unsere Erfahrung, unsere Informationen und Kooperationsmöglichkeiten zusammenfassen, um diese
Probleme gemeinsam zu lösen. Wo neue Kriminalitätsprobleme auftreten, würden wir umgehend gemeinsam dagegen angehen, bevor sie große Ausmaße erreichen.

AMERIKA DIENST 26

�Ein wichtiger Punkt, auf den wir uns bei unseren
Bemühungen um eine internationale Allianz gegen
das Verbrechen konzentrieren müssen, sind die
Länder, die durch den Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion entstanden sind, sowie die vormals
hinter dem Eisernen Vorhang existierenden Staaten.
Diese neue internationale Allianz muß engere Beziehungen zwischen den Strafverfolgungsbehörden aller
Staaten Westeuropas entwickeln - Staaten, die mit
wachsenden Kriminalitätsproblemen konfrontiert sind,
vor allem mit Drogenmißbrauch.
Vor einigen Jahrzehnten sagten Kritiker in den
Vereinigten Staaten, wir würden die Strafverfolgung
mühelos bewältigen. Der entsetzliche Preis, den wir
in der Folge in Form von Gewaltverbrechen und
Drogenmißbrauch zahlen mußten, verdeutlicht den
Fehler, den wir begingen, indem wir viel zu spät viel
zu wenig taten.
Wir unternehmen heute umfangreiche Anstrengungen, um das Verbrechen zu bekämpfen, aber die
Probleme sind sehr ernst. Zum Beispiel wurden in
den Vereinigten Staaten im Jahr 1992, dem letzten
Jahr, für das uns Daten zur Verfügung stehen, der
Polizei insgesamt fast zwei Millionen Gewaltverbrechen gemeldet. In dieser Zahl sind 23.700
Morde, 109.000 Vergewaltigungen, 672.000 Raubüberfälle und 1,1 Millionen Fälle schwerer Körperverletzung enthalten.
Sie werden jetzt sicherlich genau verstehen, warum
ich betone, daß ich die Staaten Europas nicht wegen
ihrer Kriminalitätsprobleme kritisiere. Die Vereinigten
Staaten haben Kriminalitätsprobleme, die manchmal
jenseits des Begreifbaren liegen. Letzten Endes
muß jedes Land seine Heilmittel und seine Methode
zu seiner Rettung selbst entwickeln. Aber alle
freiheitsliebenden Nationen können einiges tun, um
sich gegenseitig zu helfen. Die Vereinigten Staaten
müssen dabei helfen, durch harte Strafverfolgung ein
Beispiel zu setzen: Der hohe Drogenkonsum in den
Vereinigten Staaten erhöht beispielsweise die Macht
des organisierten Verbrechens in großen Teilen der
Welt. Das darf nicht so weitergehen. Wir müssen
den Drogenhandel und -konsum einschneidend und
permanent verringern. Ein möglicher Schritt wäre
die Weitergabe des den Vereinigten Staaten verfügbaren Wissens an andere Nationen, um deren
Fähigkeiten zur Verbrechensbekämpfung und
-reduzierung zu verbessern. Dies ist der Weg, um
einer neuen internationalen Allianz gegen das
Verbrechen sofort Wirkung zu verschaffen. Wir
werden anderen Nationen unsere fortschrittlichste
Technik zur Verfügung stellen und umgekehrt.

AMERIKA DIENST 26

Dadurch können wir unschätzbar zum Aufbau demokratischer Institutionen beitragen, die auch in den
stärksten Stürmen bestehen können. Trotz ihrer
gravierenden eigenen Kriminalitätsprobleme haben
die Vereinigten Staaten Polizeitechniken entwickelt,
die für viele Nationen von großem Nutzen sein
könnten. Nachfolgend einige Beispiele:
Neue Ermittlungstechniken zur Bekämpfung von
Gewaltverbrechen,
neue Techniken zur Bekämpfung komplizierter
Geldwäsche- und Finanzverbrechen,
Entwicklung nachrichtendienstlicher Mittel zur
erfolgreichen Bekämpfung des organisierten
Verbrechens,
Mittel zur Verhinderung und Aufdeckung von
Korruption in Polizei- und Regierungsapparaten,
neue Techniken im Bereich der Gerichtsmedizin,
die großartigen Möglichkeiten der Verbrechensaufklärung durch DNA-Tests,
das Wissen zur Installierung eines umfassenden,
automatisierten Fingerabdrucksystems.
Zukünftig können die Vereinigten Staaten einen noch
größeren Beitrag zu bereits bestehenden Programmen leisten, Polizeibeamte und weiteres Justizpersonal anderer Länder an den Ausbildungsakademien
unserer Strafverfolgungsbehörden auszubilden.
Dadurch können wir bei dem Kampf gegen einen
gemeinsamen Feind helfen - das organisierte Verbrechen, das sich in einigen Teilen Osteuropas
ausbreitet und sich nach Westeuropa und in die
Vereinigten Staaten ausweitet.
Warum messen wir der Zusammenarbeit bei der
Verbrechensbekämpfung eine so große Bedeutung
bei?
Die Gefahren sind groß. Wir wollen nicht, daß das
organsierte Verbrechen aus Rußland und Eurasien
eine Machtposition in den Vereinigten Staaten
erlangt. Ebenso wollen wir nicht, daß das organisierte Verbrechen die Länder Europas ruiniert. Wir
haben tragische Erfahrungen mit dem organisierten
Verbrechen in unserem Land gemacht - wir sahen,
wie es ein beinahe unauslöschlicher Teil unserer
Gesellschaft wurde. Wir brauchen keine weiteren

Seite 5

�derartigen Probleme - und die Staaten Europas
ebenfalls nicht.
Die Länder Osteuropas müssen sich jedoch auch
selbst helfen. Sie müssen einen festen Entschluß
zum Kampf gegen das Verbrechen fassen, der durch
nichts umgeworfen werden kann. Darüber hinaus
müssen sie entsprechende Ressourcen für ihre
Polizeibehörden zur Verfügung stellen. Wir müssen
soviel wie möglich unternehmen um sicherzustellen,
daß die Staaten über entsprechendes Training,
Ausrüstung, Gesetze und demokratische Systeme
verfügen, in denen Polizeibehörden aus den Ruinen
ehemaliger Regierungen entstanden sind, deren
Herrschaft auf Terror basierte.
Es gibt klare Unterschiede zwischen diesen beiden
Systemen. Die alten Systeme basierten auf Unterdrückung, auf der Verletzung der Menschenrechte.
Die neuen Systeme basieren auf Freiheit, der
Achtung der Rechte aller und dem Schutz der Allgemeinheit. Die alten Geheimpolizeisysteme schienen
einem Kafka-Roman entnommen, und wir hoffen,
daß sie für immer der Vergangenheit angehören.
Der Wunsch allein genügt nicht. Aber die harte
Arbeit aller freiheitsliebenden Menschen wird Demokratie und Recht gedeihen lassen.
Trotz der Beendigung des Kalten Krieges wissen wir,
daß die Notwendigkeit weiterbesteht, unsere nationale Sicherheit auch künftig aufrechtzuerhalten.
Gleichzeitig wird es für alle ehemaligen Gegner aus
der Zeit des Kalten Krieges möglich sein, einen Teil
ihres Budgets, das vormals für den Kalten Krieg
eingesetzt wurde, auf Projekte zur Strafverfolgung
und Verbrechensreduzierung umzuverteilen. So
weiß ich, daß für die Vereinigten Staaten eine
nationale Notwendigkeit besteht, die ebenso bedeutsam ist wie die der nationalen Sicherheit: Die
dringende und wachsende Notwendigkeit, unsere
innere Sicherheit effektiver zu gewährleisten und
unsere Bürger vor den verheerenden Auswirkungen
von Verbrechen zu schützen. Ein Teil der Haushaltsmittel aus der Zeit des Kalten Krieges wäre
auch von anderen Ländern gut angelegt, wenn er
zum Schutz der Bevölkerung vor Verbrechen und
zur erfolgreichen Entwicklung neuer demokratischer
Institutionen verwendet würde. Es wäre ebenso
möglich, daß für Verbrechensbekämpfungsprogramme Personal und einige der Technologien zur
Verfügung gestellt würden, die zuvor für den Kalten
Krieg eingesetzt wurden. Es gibt sehr gute Gründe
dafür, daß wir uns alle bei diesen Bemühungen
zusammenschließen. Der gemeinsame Feind Verbrechen hat erschreckende Dimensionen angenom-

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men. Gelingt es nicht, ihn unter Kontrolle zu bekommen, wird er eines Tages unter Umständen als Rivale
der Grausamkeiten alter Ideologien auftreten, die nun
verworfen worden sind.
Falls wir ein Beispiel dafür benötigen, welche Ausmaße ein Verbrechen erreichen kann, so müssen wir
nur den Fall annehmen, daß eine Atomwaffe in die
Hände eines Terroristen oder eines terroristischen
Staates gelangt. Sollte dies geschehen, dann könnte
nahezu jeder Staat auf diesem Planeten Ziel dieser
Waffe werden, oder ein Ziel der nächsten Waffe, die
gestohlen wird. Auch könnte eine terroristische
Nation zu dem Schluß gelangen, sie ihrerseits könne
Ziel einer anderen terroristischen Gruppe werden.
Wir müssen uns fragen, wer diese Atom-Terroristen
sein könnten. Es mag ein terroristischer Staat sein.
Oder es könnten Revolutionäre sein. Es könnten
Menschen sein, die von rassistischem, religiösem
oder politischem Haß getrieben werden. Wir müssen
uns fragen, was die potentiellen Ziele dieser Terroristen sein könnten. Es existieren eine Menge möglicher Ziele. Jede Regierung hat Feinde. Wo könnte
die erste terroristische Atomwaffe explodieren? Wir
brauchen uns nur die Weltkarte anzusehen. Die
befürchtete nukleare Explosion kann sich überall
ereignen: In Ihrer Heimatstadt ebenso wie in meiner.
Der Schlüsselfaktor bei der Bekämpfung von Verbrechen und Terrorismus ist die Zusammenarbeit
aller Nationen dieser Welt. Wir wissen, daß Anständigkeit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sich auch
nach den größten Katastrophen durchsetzen können.
Und um ein Beispiel zu nennen, brauchen wir unseren Blick nur auf diese großartige Stadt zu richten, in
der wir heute zusammengekommmen sind.
Berlin und Deutschland sind nach dem Zweiten
Weltkrieg aus den Trümmern der Nazi-Herrschaft
entstanden. Ostdeutschland und Ost-Berlin überlebten das lange Zwielicht des Kommunismus. Heute
ist Deutschland vereint, frei und demokratisch. Es ist
mir eine große Ehre, in dieser historischen Stadt
begrüßt zu werden, die wieder Ihre Hauptstadt
geworden ist.
Während der Zeit des Kalten Krieges wurden in
Berlin enorme Ressourcen verbraucht. Tausende
von Polizeibeamten bewachten die Mauer - auf
beiden Seiten. Polizist stand gegen Polizist. Lassen
sich mich eine Möglichkeit nennen für die Art von
Aktionen, die wir alle anstreben sollten.

AMERIKA DIENST 26

�Alle Länder Europas könnten einige dieser Ressourcen aus Zeiten des Kalten Krieges zur Verbrechensbekämpfung nutzen. Sie könnnten sich zusammenschließen zum Kampf gegen katastrophale
Verbrechen - Drogen, Gewalt, Korruption, Terrorismus. Und die Vereinigten Staaten werden sich
ihnen bei diesen Bestrebungen anschließen.
Sollten wir uns nicht in dieser internationalen Allianz
zusammenfinden, um diese Probleme direkt anzugehen, dann werden internationale Verbrecherbanden Fuß fassen. Haben sie sich erst einmal
etabliert, sind diese Gruppen sehr schwer zu besiegen.
Auf dieser historischen Reise von Strafverfolgungsbeamten in elf Länder, denen wir unsere Freundschaft und Hilfe anbieten, wollen wir unseren neuen
Partnern praktische Hilfe und Unterstützung "cop-tocop" anbieten. Einzige Voraussetzung hierfür ist
unser fortgesetztes Engagement für Rechtsstaatlichkeit sowie die Ablehnung von Geheimpolizei und
repressiven polizeilichen Praktiken.

Gruppen begingen schwere Verbrechen und bedrohten gesetzestreue Bürger, oft ohne von der
Polizei daran gehindert zu werden. Dies alles hat
sich natürlich geändert, als der Kongreß damit
begann, Bürgerrechtsgesetze zu erlassen, und das
FBI schließlich zu einer harten strafrechtlichen
Verfolgung derjenigen überging, die Schwarze,
Juden, Katholiken und andere im Süden terrorisierten. Doch selbst heute noch sind Haßverbrechen ein
ernstes Problem in den Vereinigten Staaten. Das FBI
hat ein Programm zur statistischen Auswertung
solcher Verbrechen gestartet. Die neuesten Zahlen,
die soeben veröffentlicht wurden, zeigen, daß im Jahr
1993 in den Vereinigten Staaten mehr als 7.600
Haßverbrechen begangen wurden. Wir alle müssen
aus der Vergangenheit lernen, um das bestmögliche
Strafverfolgungssystem zu entwickeln.

Ich möchte nicht unterstellen, die Nationen Europas
seien die einzigen, die sich in der Vergangenheit
oder der Zukunft Kriminalitätsproblemen gegenübersehen, oder daß einige europäische Nationen die
einzigen seien, die Menschenrechte verleugnen.
Beispielsweise hat es im Nuklearbereich seit Jahren

Die Polizei muß sich dem Schutz der Bürger widmen.
Sie muß ehrlich sein. Sie muß frei sein von Korruption und jeglicher Vorbelastung. Sie muß an die
Rechtsstaatlichkeit glauben. Und sie muß sich dem
gleißenden Licht der öffentlichen Überprüfung stellen.
Menschen, die erst seit kurzem in Freiheit leben,
empfinden genau wie solche, die eine lange Zeit in
Freiheit lebten: Sie möchten Freiheit und Demokratie
nicht aufgeben. Sie möchten nicht zurück in die
schlechte Vergangenheit.
Freie Menschen sind
jedoch auch fordernd. Sie möchten in Sicherheit
leben, um die Vorzüge der Demokratie genießen zu

Berichte gegeben, daß in den Vereinigten Staaten

können. Sie sind nicht bereit, die Versklavung durch

Nuklearmaterial gestohlen wurde. Die Vereinigten
Staaten werden schlicht und einfach in größerem
Maße gewährleisten müssen, daß sich solche
Diebstähle in Zukunft nicht mehr ereignen. Ein
anderer besorgniserregender Bereich ist eine Reihe
von "-ismen", die Europa erlebt hat, und die zu
fürchterlichen Ungerechtigkeiten führten.
Heute
bieten Neo-Nazis, Skinheads und andere Gruppen
Anlaß zu ernster Besorgnis.

die Politik einzutauschen gegen eine Versklavung
durch Drogen oder eine Diktatur der Angst, die ihnen
von organisierten Kriminellen aufgezwungen wird.
Wo es keine Rechtsstaatlichkeit gibt, regiert nur das
Chaos. Und aus Chaos kann nur eine Diktatur
entstehen. Eine Diktatur führt nur zu Terror, Angst,
Leiden und Tod.

Dieses Problem besteht jedoch nicht nur in Deutschland. In den Vereinigten Staaten gibt es ebenfalls
große Ungerechtigkeiten. So hat es unsere Polizei
im Süden der Vereinigten Staaten jahrzehntelang
nicht geschafft, Schwarze und andere Bevölkerungsgruppen zu schützen. Der Ku-Klux-Klan und andere

*

AMERIKA DIENST 26

*

Die Entscheidung ist eindeutig. Wir können den
dunklen Kräften durch Nachlässigkeit zum Sieg
verhelfen. Oder wir können eine Polizei und ein
Strafverfolgungssystem aufbauen, das die Menschen
schützt, Verbrecherbanden besiegt und die Vorzüge
der Freiheit sichert. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Der Feind hat die Tore bereits eingerissen.
Wir sind mit Problemen konfrontiert, die über Leben
und Tod entscheiden.

*

*

Seite 7

�NAFTA
6. Juli 1994

NAFTA - DIE HERAUSFORDERUNG FÜR EUROPA
Rede von Botschafter Eizenstat
BRÜSSEL - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Botschafter Stuart E. Eizenstat, dem Vertreter der
Vereinigten Staaten bei der Europäischen Union, am 23. Juni 1994 in Frankfurt bei einer Konferenz des
International Bankers Forum gehaltene Rede.

Ich gratuliere den Organisatoren zu dem bei der
Vorbereitung dieser Konferenz gezeigten Engagement. Meines Erachtens wird die Bedeutung des
Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (North
American Free Trade Agreement - NAFTA) auf
dieser Seite des Atlantiks unterschätzt, und diese
Konferenz sollte entscheidend zu einer Beseitigung
der Mißverständnisse und Mythen beitragen.
Ich ziehe es vor, das NAFTA nicht als "Herausforderung" für Europa, sondern als Chance für die
europäische Wirtschaft und potentielle Inspiration für
die Handelspolitik Europas anzusehen. Zudem
können die Vereinigten Staaten und Europa gemeinsam auf der Grundlage des NAFTA und Europas
eigenen Freihandelsvereinbarungen mit Mittel- und
Osteuropa stabilere transatlantische Wirtschaftsbeziehungen aufbauen.
Aus meiner eigenen Perspektive stellt die erfolgreiche Annahme des NAFTA durch den Kongreß nach
dem langen und erbitterten, von Präsident Clinton
mutig angeführten Kampf einen bedeutenden Impuls
für den Abschluß der Uruguay-Runde des GATT dar.
Sie überzeugte die EU von unserer Bereitschaft, für
den freien Handel politische Opfer zu bringen.
Das NAFTA - eine bahnbrechende Handelsvereinbarung
Das 1.100 Seiten umfassende Nordamerikanische
Freihandelsabkommen zwischen den Vereinigten
Staaten, Kanada und Mexiko trat am 1. Januar 1994
in Kraft. Das NAFTA setzt neue Maßstäbe für
Handelsvereinbarungen und ist das erste Abkommen
seiner Art, das auf dem Text des ehemaligen GATTGeneraldirektors Dunkel aufbaut, obwohl die Runde
noch nicht abgeschlossen war, als die NAFTAUnterhändler ihre Arbeit beendeten.

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Das NAFTA erreicht das allen Freihandelsabkommen
gemeinsame Ziel: Die Abschaffung von Zöllen und
Quoten unter seinen Unterzeichnerstaaten. Das
NAFTA tut jedoch noch viel mehr und eröffnet damit
bedeutende neue Chancen für europäische Investoren, Exporteure von Waren und Dienstleistungen
sowie Finanzinstitutionen.
Meines Erachtens sind für die Europäer die folgenden
Merkmale des NAFTA von größter Bedeutung:
Das NAFTA schafft ausnahmslos alle Zölle und
Quoten ab, wobei den wenigen besonders sensitiven Produkten längere Auslaufphasen gewährt
werden. Ein beträchtlicher Teil des Handels
wurde mit Wirkung vom 1. Januar 1994 zollfrei:
50 Prozent der amerikanischen Exporte nach
Mexiko und 70 Prozent der mexikanischen Exporte in die Vereinigten Staaten. Für den größten
Teil des verbleibenden Handels werden die Zölle
über einen Zeitraum von 10 Jahren abgebaut, bei
wenigen Produkte über einen Zeitraum von 15
Jahren. Das entscheidende Konzept ist jedoch
eine Politik, die keine Ausnahmen zuläßt.
Vereinfachte Herkunftsregeln und Unterlagenführung sollen es den Unternehmen erleichtern, den
nordamerikanischen Inlandsanteil der Produkte
nachzuweisen. Das NAFTA ist in dieser Hinsicht
das erste Handelsabkommen, das mit Blick auf
das konkrete Rechnungswesen von Firmen
entwickelt wurde und das insbesondere die Last
der Befolgung von Vorschriften für kleine und
mittelständische Betriebe beschränken soll.
Das Abkommen baut in einer Übergangszeit die
weitreichenden Erfordernisse der mexikanischen
Autoindustrie an ausgeglichene Handelsbilanzen
und Inlandsanteile ab. Ferner soll nicht länger
gefordert werden, daß der Export von Autos und
Autoteilen doppelt so hoch sein muß wie die

Seite 1

�entsprechenden Importe. Auch die Beschränkungen im Hinblick auf Inlandsanteil und Eigentumsrechte werden abgeschafft, die Kosten erhöhten
und die Flexibilität ausländischer Autohersteller in
Mexiko beschränkten.
Das NAFTA ist das erste Freihandelsabkommen,
das die Vertragsparteien verpflichtet, die meisten
Dienstleistungssektoren für in anderen NAFTAMitgliedstaaten errichtete Unternehmen zu öffnen.
Von besonderem Interesse für Sie sind die bahnbrechenden Vorschriften des NAFTA im Bereich
der Finanzdienstleistungen. Bei den Finanzdienstleistungen
a) werden erstmals seit über 50 Jahren Finanzunternehmen mit Sitz in den Vereinigten Staaten
und Kanada - einschließlich der in europäischem
Besitz befindlichen - in der Lage sein, unter
denselben Anlagebedingungen wie mexikanische
Firmen vollkommen in ihrem Besitz befindliche
Unternehmen in Mexiko zu errichten,
b) werden Finanzunternehmen mit Sitz in einem
der NAFTA-Länder in der Lage sein, in ganz
Mexiko tätig zu werden und dieselbe Dienstleistungspalette anzubieten wie in mexikanischem
Besitz befindliche Firmen,
c) werden verbleibende Beschränkungen hinsichtlich Größe und Marktanteil von Finanzinstitutionen in den NAFTA-Staaten nach einer kurzen
Übergangszeit aufgehoben.
Das Kapitel im NAFTA über Investitionen umfaßt
Firmen, die ihren Sitz in einem NAFTA-Land
haben und ungeachtet der Eigentumsverhältnisse
in einem anderen investieren. Amerikanische
Tochtergesellschaften europäischer Unternehmen
haben folglich Vorteile aus dem im Kapitel über
Investitionen vorgesehenen freien Transfer und
den nationalen Behandlungsgarantien, und die
Investoren haben im Falle von Streitigkeiten über
die Anwendung dieser Bestimmungen direkten
Zugang zu Schlichtungsverfahren.
Das Abkommen zeigt Normen und Vorschriften
auf, die in den drei nordamerikanischen Ländern
umgesetzt werden. Regelungen über Kündigungsfristen und weitere Verfahrensvorschriften
werden sicherstellen, daß alle Unternehmen,
einschließlich der europäischen, ein wirkliches
Mitspracherecht bei der Formulierung von Normen und technischen Vorschriften erhalten.
Jedes Land behält seine eigenen Gesetze und
Vorschriften über unfairen Handel - Antidumpingund Ausgleichszölle - bei, aber die betroffenen

Seite 2

Parteien in anderen NAFTA-Mitgliedstaaten
(einschließlich europäischer Firmen) erhalten
Zugang zu unparteiischen binationalen Überprüfungsgremien, um eine faire, gerechte und
rechtzeitige Beilegung von Streitigkeiten sicherzustellen.
Weltweiter Wohlstand und Wachstum basieren in
zunehmendem Maße auf Wissen. Das NAFTAKapitel über geistiges Eigentum beinhaltet internationale Normen für den Schutz von Patenten
(20 Jahre), Warenzeichen, Urheberrechten,
Tonaufzeichnungen, Satellitensignalen, Industriedesign, Design von integrierten Schalteinrichtungen für Halbleiter und Geschäftsgeheimnissen.
Die Inhaber geistigen Eigentums in Europa ziehen
ebenso wie die in Amerika, Kanada und Mexiko
Vorteile aus der Umsetzung dieser Normen.
Die NAFTA-Zusatzabkommen über Arbeit und
Umwelt
Von besonderer Bedeutung sind auch die von den
Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada erzielten
Fortschritte bei der Verknüpfung der Handelsliberalisierung mit parallelen Bestrebungen zum Schutz der
Umwelt und der Beibehaltung von Arbeitsnormen.
Präsident Clinton machte bei seiner Amtsübernahme
deutlich, seiner Ansicht nach sollten die Handelsvereinbarungen mit Abkommen über den Schutz der
Umwelt und Arbeitsnormen untermauert werden.
Die 1993 ausgehandelten Zusatzabkommen legten
Ziele und Verfahren zur Zusammenarbeit beim
Umweltschutz und der Durchsetzung von Arbeitsnormen fest. Die drei Vertragsparteien einigten sich
auf die Einrichtung von Kommissionen für Arbeit und
Umwelt, die mit der Vertiefung der Zusammenarbeit
zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen
auf diesen Gebieten betraut werden und zur Prüfung
von Beschwerden über Sonderfälle ermächtigt
werden, in denen die Arbeits- und Umweltgesetze
eines Landes nicht angemessen umgesetzt werden.
Ein wichtiger Aspekt dieser Zusatzabkommen ist, daß
die Kommissionen Geldstrafen verhängen können,
wenn ein NAFTA-Staat sich auf Dauer der Durchführung der Gesetze widersetzt und, falls diese nicht
umgehend gezahlt werden, die Zurücknahme der
entsprechenden Handelskonzessionen veranlassen
können.
Die Vereinigten Staaten halten aufgrund der relativ
guten Zusammenarbeit und substantiellen Verbesserungen bei der Umsetzung von Gesetzen ein
Zurückgreifen auf diese extremen Maßnahmen für
unwahrscheinlich. Dennoch war ihre Wiederaufnahme in die Abkommen ein Beweis für die Weige-

AMERIKA DIENST 26

�rung der NAFTA-Unterzeichnerstaaten zu tolerieren,
daß Umwelt- und Arbeitsnormen zum Zwecke der
Erzielung eines komparativen Vorteils nicht durchgeführt werden.
Ferner ist es wichtig festzustellen, was in diesen
Abkommen nicht vorgesehen ist: Sie setzen keinen
einheitlichen Mindestlohn für Nordamerika fest. Der
amerikanische Handelsbeauftragte Kantor stellte im
Zusammenhang mit dem GATT fest, wir hätten im
Hinblick auf Arbeitsnormen keine protektionistischen
Motive und strebten keinen Widerstand gegen
komparative Vorteile an. Unserer Ansicht nach kann
umfassende Unterstützung für Maßnahmen zur
Ausweitung des Handels dadurch sichergestellt
werden, daß alle die Vorteile des Handels genießen
und Arbeitnehmer durch international anerkannte
Arbeitnehmerrechte umfassend geschützt werden.
Da Mexiko und Kanada über ausgereifte nationale
Gesetzes- und Durchführungsbestimmungen zum
Schutz von Umwelt und Arbeitsnormen verfügen,
war unsere Aufgabe innerhalb des NAFTA-Gebietes
eindeutig einfacher, als sie in der Weltgemeinschaft
sein wird. Dennoch stellen die NAFTA-Zusatzabkommen einen wichtigen Schritt beim Umgang mit
dieser Wechselbeziehung dar.
Die umfassendere Bedeutung des NAFTA
Über diese spezifischen Merkmale des Abkommens
und seiner Zusatzabkommen

hinaus sollte

das

NAFTA jedoch auch in einem größeren Kontext
gesehen werden. Das NAFTA ist bedeutend als
Modell, als Vorläufer einer umfassenden Bewegung
zu wirtschaftlicher Integration in der ganzen westlichen Hemisphäre sowie als Beispiel dafür, wie
regionale Abkommen in Zukunft die Liberalisierung
auf globaler Ebene stärken können. Nachdem sich
Mexiko mutig von jahrhundertelanger Importsubstitution und staatlich gelenkten Entwicklungsstrategien befreit hatte, dem GATT beigetreten war und
seine Handelsschranken abgebaut hatte, wuchs es
und entwickelte sich in wenigen Jahren mit einer
Geschwindigkeit, die in den achtziger Jahren für
unwahrscheinlich gehalten wurde. Höhepunkt dieser
Entwicklung war die Aufnahme des Landes in die
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD).
Das NAFTA ist integraler Bestandteil dieser historischen Umgestaltung Mexikos und trägt dazu bei
sicherzustellen, daß Mexiko in der westlichen
Hemisphäre weiterhin eine führende Rolle spielt.
Europa und die Vereinigten Staaten haben ein
großes Interesse an einer Fortsetzung dieser Dynamik. Dieses Jahr beispielsweise haben wir Mexiko
als Mitglied der OECD willkommen geheißen.
Ferner ist das Land dem Forum für asiatisch-pazifi-

AMERIKA DIENST 26

sche wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC) beigetreten und nahm damit seinen Platz in der pazifischen Gemeinschaft ein.
Im Laufe dieses Verfahrens wurde Mexiko ein wichtiger - und schnell wachsender - Markt für Waren und
Dienstleistungen der Europäischen Union.
Die
Exporte der EU nach Mexiko sind seit 1966 jährlich
um 18 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr
nahm Mexiko der EU Waren und Dienstleistungen im
Wert von 7 Milliarden Dollar ab, die europäischen
Importe aus Mexiko beliefen sich auf 3 Milliarden
Dollar, was zu einem beträchtlichen Überschuß in der
bilateralen Handelsbilanz zugunsten Europas führte.
Umsetzung des Freihandelsabkommens
Die Umsetzung des NAFTA hat einen guten Anfang
gemacht, insbesondere angesichts der erforderlichen
Änderungen und der zur Verfügung stehenden kurzen
Zeit. Mexiko stand wahrscheinlich vor der größten
Herausforderung, da die Vereinigten Staaten und
Kanada bereits über Erfahrungen mit dem amerikanisch-kanadischen Freihandelsabkommen verfügen.
Auf einigen Gebieten gab es Probleme, beispielsweise bei sanitären und phytosanitären Normen und
dem Zollwesen; die drei Länder bemühten sich
jedoch entschlossen um ihre schnelle Beilegung.
Obwohl es noch viel zu früh ist, die gesamten Auswirkungen des NAFTA einzuschätzen, ist es ermutigend zu sehen, daß die Handelsstatistiken von
Januar bis März einen Anstieg des Handels auf dem
gesamten Kontinent ausweisen. Die amerikanischen
Warenexporte nach Kanada stiegen im Vergleich zum
Vorjahreszeitraum um 9 Prozent an, die Importe
kanadischer Güter um 8,5 Prozent. Unser Handel mit
Mexiko war trotz des langsamen Wachstums der
mexikanischen Wirtschaft sogar noch ausgeprägter.
Die amerikanischen Exporte nach Mexiko stiegen um
15,7 Prozent auf die Rekordzahl von 11,85 Milliarden
Dollar an, die mexikanischen Exporte in die Vereinigten Staaten um 22,5 Prozent auf 11,29 Milliarden
Dollar.
Auch Europa profitiert davon. Der Wirtschaftsteil der
Zeitungen berichtet über die im Zusammenhang mit
dem NAFTA stehenden Handels- und Investitionsaktivitäten europäischer Unternehmen: Angesichts
des fortschreitenden Abbaus der strengen Vorschriften für die mexikanische Automobilindustrie kann
General Motors den Export des Opel Corsa aus
Spanien nach Mexiko planen, bis sein neues OpelWerk den Betrieb aufnimmt.
Die europäischen
Autoteilehersteller Kiekert GmbH und Sommer Allibert
investieren in Mexiko, um den nordamerikanischen
Markt beliefern zu können. Ein Joint-venture von
Continental-Pirelli mit vier Fabriken und 1.000 Ver-

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�kaufssteilen ist der größte Autoreifenhändler in
Mexiko. Spanische und niederländische Banken
sowie schwedische Versicherungsunternehmen
haben vor kurzen beträchtliche Investitionen im
mexikanischen Finanzsektor angekündigt.
Die
europäischen Großhändler Carrefour und Promodes
bauen riesige Supermärkte. Im Energiesektor gehört
das spanische Ingenieurbüro Mecapena einem
Konsortium an, das an der Ausschreibung für den
Bau eines neuen Elektrizitätswerkes im Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Versorgungsunternehmen Southern Electric (ein durch das NAFTA für
ausländische Investitionen geöffneter Sektor) teilnimmt, und Thyssen modernisiert für einen mexikanischen Stahlhersteller mexikanische Koksgruben.
Die Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada haben
sogar eine vorgezogene Verhandlungsrunde zur
weiteren Beschleunigung der Zollsenkungen für
einige NAFTA-Produkte eingeleitet. Dies sollte den
Exporteuren der drei Länder echte Vorteile verschaffen. In drei Runden ähnlicher Verhandlungen im
Rahmen des amerikanisch-kanadischen Freihandelsabkommens vereinbarten die Vereinigten Staaten
und Kanada die vorzeitige Abschaffung von Zöllen
für den bilateralen Handel von Waren im Wert von
rund 9 Milliarden Dollar mit uneingeschränkter
Unterstützung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern
auf beiden Seiten der Grenze.
Darüber hinaus sind die durch das Zusatzabkommen
zum NAFTA ins Leben gerufenen Kommissionen für
Arbeit und Umwelt ebenfalls ein guter Anfang.
Die nationalen Verwaltungsbüros (National Administrative Offices - NAOs) der drei Regierungen sind
seit dem 3. Januar 1994 in den Arbeitsministerien
geöffnet. Arbeitsminister Reich kam am 21. März
mit seinen Amtskollegen in Washington zusammen
und kündigte an, daß das Arbeitssekretariat seinen
Sitz in Dallas haben wird. Die Arbeitsminister haben
auch bei der Definition der Organisationsstruktur
dieses Sekretariats beträchtliche Erfolge erzielt.
Die Leiterin des amerikanischen Umweltschutzamts

Carol Browner traf mit den kanadischen und mexikanischen Umweltministern bei der Eröffnungssitzung
am 23. März in Vancouver zusammen, wo gute
Fortschritte bei institutionellen Fragen gemacht
wurden. Montreal wird der Sitz des Umweltsekretariats. Die erste Ratssitzung der Umweltkommission
wird Ende Juli in Washington abgehalten.
Am 15. April gab das amerikanische Arbeitsministerium die Prüfung von zwei im Februar eingegangenen
Anträgen bezüglich der angeblichen Verletzungen
des mexikanischen Arbeitsrechts bekannt.
Ein
Antrag wurde von der Gewerkschaft der Lastwagen-

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fahrer, der andere von der Gewerkschaft der Elektrizitätsarbeiter gestellt. Beide betreffen mexikanische
Tochtergesellschaften amerikanischer Firmen. Dem
Arbeitsministerium stehen bis zu 180 Tage für die
Durchführung der Ermittlungen zur Verfügung.
Viele Freihandelsbeziehungen
Es ist unbestreitbar, daß angeregt durch das NAFTA
und die Abkommen der Europäischen Union mit
Mittel- und Osteuropa regionale und bilaterale Handelsvereinbarungen in der internationalen Staatengemeinschaft große Mode sind. In der vergangenen
Woche unterzeichneten Mexiko, Venezuela und
Kolumbien ein Freihandelsabkommen, das die
früheren mexikanischen Abkommen zum Abbau von
Handelsschranken mit Chile und Costa Rica ergänzt.
Einige Kommentatoren haben angedeutet, daß dieses
vielleicht durch das NAFTA verkörperte neue Interesse am Abbau der Handelsschranken eine Bedrohung des multilateralen Handelssystems darstellen
könnte. Meines Erachtens ist diese Befürchtung aus
mehreren Gründen unangebracht:
Erstens wurde das NAFTA in vollständigem Einklang
mit den Bedingungen von Artikel XXIV des GATT
über Zollunionen und Freihandelsabkommen formuliert. Insbesondere deckt es den gesamten Handel
ab, nicht nur "praktisch den gesamten", wie es das
GATT fordert.
Zweitens errichten das NAFTA und andere in unserer
Hemisphäre erwogene Freihandelsabkommen keine
Hemmnisse gegen den Handel anderer Nationen.
Die Außenzölle der Vereinigten Staaten, Kanadas
und Mexikos bleiben vom NAFTA unberührt: In der
Tat sollten sie infolge der Umsetzung des Abkommens der Uruguay-Runde bald maßgeblich sinken.
(Im übrigen möchte ich darauf verweisen, daß die
Runde die durchschnittlichen Zölle zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU um die Hälfte senken
wird).
Drittens enthält das NAFTA selbst eine Komponente,
die einen Druck nach unten auf die Außenzölle der
Parteien ausüben sollte, vor allem im Hinblick auf
Einzelteile, Komponenten und im Fertigungsbereich
verwendete Kapitalausrüstung.
Das Abkommen
fordert die Aufhebung von Zollrückvergütungssystemen durch die Parteien, die als Anreiz für Investitionen von zur Endfertigung benötigten Komponententeilen benutzt wurden. Nicht länger in der Lage,
höhere Außenzölle auf Komponenten und Kapitalausrüstung zu vergüten, die für die Produktion von in
andere NAFTA-Mitgliedstaaten exportierte Waren
verwendet werden, würden die Länder mit diesen
höheren Zöllen mit der Zeit ein weniger wünschens-

AMERIKA DIENST 26

�werter Standort für Investitionen, nicht zuletzt aus
Europa. Angesichts dieser Perspektive werden die
Länder versuchen, ihre Außenzölle auf das niedrigste in der NAFTA-Region vorherrschende Niveau zu
senken (für gewöhnlich das amerikanische Niveau).

prüfen, wie die Landwirtschaft dieser Länder für die
eventuelle Integration in die gemeinsame Agrarpolitik
vorbereitet werden könnte.
Wir begrüßen das
Engagement der Bundesregierung, in diesem Prozeß
eine Führungsrolle zu übernehmen.

Aus diesem Grund ist das NAFTA insgesamt nicht
nur kompatibel mit dem multilateralen System, es
kann auch als Verstärkung der Wachstumstendenz
der moderneren Entwicklungsländer angesehen
werden, den Weg der Zoll-Liberalisierung in Gruppen
von zwei, drei oder sogar mehr Ländern zu Ende zu
gehen. Das "ohne-Ausnahme"-Prinzip des NAFTA
hat darüber hinaus unter Beweis gestellt, daß es
möglich ist, die sensitivsten Industriezweige im
Kontext eines allgemeinen liberalisierenden und
Wachstum fördernden Abkommens in Angriff zu
nehmen. Lange Auslaufphasen, Anpassungshilfen
und Umschulungsprogramme können bei der Bewältigung der Arbeitslosigkeit helfen.

Neben Mittel- und Osteuropa sowie traditionellen
Ländern des Assoziierungsabkommens im Mittelmeer
wurde Europa jetzt von Mexiko und den Ländern der
südamerikanischen Zollunion Mercosur angesprochen. Sowohl Mercosur als auch Mexiko scheinen
interessiert an der Sondierung unterschiedlicher
Wege zur Lockerung des Handels zwischen ihnen
und den Ländern der Europäischen Union. Dies wird
im nächsten Jahr ein wichtiges handelspolitisches
Thema für die Union werden.

Europa hat bisher ein anderes Modell beim Entwurf
seiner freieren Handelsabkommen mit den Ländern
Mittel- und Osteuropas gewählt. Im allgemeinen
hatte die EU eine Tendenz, die Handelsabkommen
mit ihren Nachbarn im Osten als evolutionär, nicht
definitiv, anzusehen. Es wurden Fortschritte erzielt.
In den bisher abgeschlossenen "Europa-Abkommen"
werden beispielsweise alle Zölle und andere Restriktionen auf Industriegüter bis zum 1. Januar 1995
aufgehoben, außer bei Textilien, Stahl und Landwirtschaft. Um jedoch eine große Kraftprobe zu vermeiden, wurde der am stärksten geschützte Sektor die Landwirtschaft - während der ersten Phase im
großen und ganzen ausgenommen, und es wurden
in der Übergangsperiode sehr viel mehr quantitative
Restriktionen verwendet, selbst in industriellen
Sektoren. In einer am 19. Juni in der Schweiz
gehaltenen Rede beschuldigte der tschechische
Ministerpräsident Vaclav Havel die EU des zunehmenden Protektionismus mit der Aussage: "Jeden
Tag gibt es konkrete Fälle, in denen die Europäische
Union unsere Exporte von Textilien, landwirtschaftlichen Maschinen und Zement blockiert." (Wall Street
Journal, S.g, 20. Juni 1994).
Der evolutionäre Ansatz ist zwar bequem für die
Verhandlungsprobleme und die Zustimmung zu
einem Handelsabkommen, hat jedoch den gravierenden Nachteil, daß nur die sensitiven Sektoren zu
einem späteren Zeitpunkt getrennt behandelt werden, ohne die politische Unterstützung eines umfassenderen "Pakets". Die "ohne-Ausnahme"-Politik
des NAFTA würde eine Alternative und für mich ein
bevorzugtes Modell darstellen. Wir waren aber
dennoch beeindruckt von den Bestrebungen der
Union, jetzt Wege zur Verbesserung des Handelszugangs für Mittel- und Osteuropa zu suchen und zu

AMERIKA DIENST 26

Schlußbemerkung: Europa und das NAFTA
Vor vierzig Jahren begannen die europäischen
Nationen mit der Gründung der Montanunion einen
Prozeß des progressiven Abbaus von Handelsschranken. Sie erkannten, daß die Schaffung größerer
Märkte Ihren Firmen Kostenersparnisse durch optimale Betriebsvergrößerungen bringen und zum Anreiz
von Investitionen in die Modernisierung zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit in einem globalen
Markt beitragen könnte. Aus dem Experiment wurde
die Europäische Gemeinschaft, die erfolgreichste
Zollunion der Welt und die Grundlage für die Schaffung der Europäischen Union.
Von Anfang an haben die Vereinigten Staaten die
Gründung der Europäischen Gemeinschaft und jetzt
der Europäischen Union uneingeschränkt unterstützt.
Wir wurden Zeuge der Beseitigung von Handelshemmnissen und später der Schaffung eines europäischen Binnenmarktes, mehr Wirtschaftswachstums
für Europa und eines gesünderen Marktes für unsere
Exporte. Dabei waren mehr als nur kommerzielle
Erwägungen im Spiel. Wir erkannten, daß die
Senkung von Handelsschranken ein sichereres,
kooperativeres Europa untermauern würde, das unser
Partner in internationalen Angelegenheiten sein
könnte. Unsere heutige transatlantische Partnerschaft basiert auf dieser Grundlage.
Im Einklang mit unseren eigenen Traditionen und
institutionellen Erfordernissen haben wir in Nordamerika zwei große Schritte zur Schaffung eines
größeren nordamerikanischen Markts unternommen:
Das amerikanisch-kanadische Freihandelsabkommen
und jetzt das Nordamerikanische Freihandelsabkommen. Angesichts unserer unterschiedlichen Erfahrungen und Bestrebungen ist das NAFTA nicht der
Vorläufer einer solideren Union, wie die Montanunion
es wurde. Aber ebenso wie die Europäische Gemeinschaft für amerikanische Firmen und Exporteure

Seite 5

�offen war, ist das NAFTA für europäische Firmen
offen. Europa ist bereits der größte nichtnordamerikanische Investor in den Vereinigten Staaten,
Kanada und Mexiko, so wie es die Vereinigten
Staaten seit Jahrzehnten in Europa waren. Unser
schnelleres Wachstum wird mehr Exportchancen für
Europa bedeuten, insbesondere beim Prozeß der
Globalisierung der Produktion. Ebenso wie während
der industriellen Revolution weisen unsere Automobilunternehmen erneut den Weg.
Unsere Unterstützung der europäischen Integration
hat die transatlantischen Beziehungen gestärkt. Die
europäische Unterstützung und Begeisterung für das
NAFTA wird die amerikanisch-europäischen Beziehungen entsprechend fördern. Mit dem NAFTA
tätigen die europäischen Unternehmen neue Investitionen in ganz Nordamerika. Aufgrund der vom
NAFTA ausgehenden Impulse widmen europäische
Firmen und Regierungen den Chancen in der
gesamten westlichen Hemisphäre neue Aufmerksamkeit. Sie erkennen das Wachstumspotential von
freiem Handel und die damit einhergehenden sicherheitspolitischen Konsequenzen kompromißloser
Handelsbeziehungen.
Darüber hinaus bietet Europa mit der Anwendung
der Prinzipien eines umfassenden Freihandels den
Ländern Mittel- und Osteuropas, Rußland und den
neuen unabhängigen Staaten das Ziel eines freieren
Marktzugangs und die Herausforderung für die
Integration in den Weltmarkt.
Ebenso wie Europa das NAFTA unterstützt und
begrüßt, unterstützen und begrüßen wir die Erweiterung der Union, in jüngster Zeit um Österreich,
Finnland, Schweden und Norwegen, und in Zukunft
um die Länder Mittel- und Osteuropas. Daß wir
jeder die Abkommen aus der Perspektive unserer
GATT-Rechte prüfen, schmälert in keiner Weise
unsere Bewunderung und Unterstützung für die
Initiativen. Denn Europa und Amerika sind sich
gleichermaßen bewußt, daß solche Abkommen kein
Ersatz für die Fortsetzung der lebenswichtigen
Bestrebungen zur Stärkung des multilateralen
Handelssystems sind, so wichtig freier Handel in
unseren Verhandlungen mit unseren Nachbarn und
Partnern auch sein mag.

*

Seite 6

Obwohl wir historische Schritte zu freiem Handel mit
unseren Nachbarn unternommen haben - wir mit dem
NAFTA und Sie mit der Erweiterung der Union um
Österreich, Finnland, Schweden und Norwegen haben wir eng dabei zusammengearbeitet, die Welt
auf das noch wichtigere Ziel der Uruguay-Runde
hinzuführen. Und so sollte es sein: Regionale
Integration macht uns stärker, zu selbstbewußteren
Konkurrenten und enthusiastischer über den Abbau
von Handelshemmnissen auf globaler Ebene. Und
entsprechend verstärken unsere Erfahrungen bei der
Inangriffnahme des Schutzes von Arbeitsrechten und
der Umwelt im Zusammenhang mit freierem Handel
unsere Überzeugung, daß die multilaterale Handelsgemeinschaft dieses Vorgehen als Priorität in der
Welthandelsorganisation betrachten sollte.
Durch Zusammenarbeit und gegenseitige Ermutigung
werden die Vereinigten Staaten und die Europäische
Union weiterhin Chancen zum Abbau von Handelsschranken ergreifen. Europa vornehmlich mit Mittelund Osteuropa, die Vereinigten Staaten mit den
anderen Ländern der westlichen Hemisphäre. Diese
Abkommen müssen auch in Zukunft umfassend im
Einklang mit den GATT-Regeln stehen und im
Hinblick auf die Investitionsvorteile nichtdiskriminierend sein. Während wir dies tun, werden die Vereinigten Staaten darüber hinaus Wege zum Senkung
ihrer Handelsschranken mit Mittel- und Osteuropa
sondieren und Investitionen in diesen Ländern
ermutigen. Ich gehe davon aus, daß Europa ebenfalls nach Wegen zum Abbau der Handelshemmnisse
in der westlichen Hemisphäre suchen und Investitionen dort ermutigen wird. Wir werden ferner weiterhin
eng bei der unerläßlichen Aufgabe zusammenarbeiten, die Welthandelsorganisation ins Leben zu rufen
und die Herausforderungen des multilateralen Handelssystems zu meistern.
Das NAFTA kann und wird daher eine Quelle der
Stärke für die transatlantischen Beziehungen und
eine Chance für europäische Unternehmen sein.
Ich danke Ihnen.

*

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�PORTRAT
6. Juli 1994

PANETTA ZUM STABSCHEF DES WEISSEN HAUSES
ERNANNT
Clinton entscheidet Nachfolge von McLarty
WASHINGTON - (AD) - Mit der Ernennung von
Leon Panetta zum Nachfolger von Thomas McLarty
als Stabschef des Weißen Hauses hat Präsident
Clinton von einem Jugendfreund aus Arkansas zu
einem Washingtoner Profi gewechselt.
Der Kontrast ist beeindruckend: McLarty und Clinton
haben zusammen im Sandkasten gespielt, Panetta
ist in der Bundeshauptstadt seit den ersten Tagen
von Richard Nixons Präsidentschaft bekannt.
Inzwischen 56, war Panetta 16 Jahre lang in Kongreß tätig, bis Präsident Clinton ihn nach seiner
Wahl im Jahr 1992 für die schwierige Aufgabe des
Direktors der Haushaltsbehörde unter der neuen
Administration gewann.
Fortschritte bei der Bewältigung des Haushaltsdefizits werden weithin als der bisher größte Erfolg
der Clinton-Administration angesehen, und Panetta
wird ein Großteil des Verdienstes zugeschrieben, die
Pläne des Präsidenten in die Praxis umgesetzt zu
haben.
Als Leiter der Haushaltsbehörde brachte Panetta die
geplanten Ausgaben der jeweiligen Behörden in der
Haushaltsvorlage in Einklang und leistete dann
ebenso entscheidende Überzeugungsarbeit bei
seinen Kollegen im Kongreß zur Unterstützung der
Maßnahme - die mit äußerst knapper Mehrheit im
Repräsentantenhaus und Kongreß verabschiedet
wurde.
Panetta gebührt auch das Verdienst für den realistischen Ansatz, innerhalb der Administration selbst auf
Zurückhaltung bei den Ausgaben unter den Kabinettsmitgliedern zu bestehen.
In jüngster Zeit wurde Panetta zum öffentlichen
Fürsprecher der umstrittenen Gesundheitsreform des
Präsidenten - ein Thema, dem er in seinem neuen
Amt voraussichtlich beträchtliche Aufmerksamkeit
widmen wird.

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Panetta war Vorsitzender des Haushaltsausschusses
des Repräsentantenhauses, als Clinton seine überraschende Entscheidung für ihn als Direktor der
Haushaltsbehörde traf. Während seiner Amtszeit im
Repräsentantenhaus hatte er sich bereits den Ruf
erworben, der Experte des Landes für Haushaltsfragen zu sein.
Panetta war einer der Unterhändler des Kongresses
bei den langen und häufig kontroversen Haushaltsverhandlungen mit der Bush-Administration im Herbst
1990, die ein bahnbrechendes Fünfjahres-Abkommen
zur Folge hatten. Die Vereinbarung sollte Präsident
Bush in ernsthafte politische Schwierigkeiten bringen
und eine Abkehr von seinem im Wahlkampf 1988
gegebenen Versprechen signalisieren, während
seiner Amtszeit gebe es "keine neuen Steuern".
Davor war Panetta einer der entscheidenden Verhandlungspartner des Repräsentantenhauses mit
dem Senat und dem damaligen Präsidenten Reagan
bei dem dann als Gramm-Rudman bekanntgewordenen Haushaltsausgleichsgesetz.
Panetta gelingt es, seine realistische Inangriffnahme
von Themen mit dem Talent auszugleichen, sich über
sich selbst und die Probleme der Regierungsführung
lustig zu machen. Eine pointierte Bemerkung, gefolgt
von einem kurzen Lachen, war der Standardauftakt
bei seinen häufigen Pressegesprächen in seiner Zeit
als Kongreßabgeordneter, und selbst die von ihm als
Haushaltsdirektor verordneten
einschneidenden
Kürzungen konnten seinen Sinn für Humor nicht
trüben.
Panetta unterhält gute Beziehungen zu vielen seiner
ehemaligen Kollegen auf dem Capitol Hill - ein Plus,
das der Administration weiterhin einen guten Dienst
erweisen sollte.
George Miller, Mitglied des Repräsentantenhauses,
der einmal gemeinsam mit Panetta ein Appartement
in Washington bewohnte, äußerte der Washington

Seite 1

�Post gegenüber: "Meines Erachtens wird er die
Fähigkeit des Weißen Hauses maßgeblich verbessern, die Spieler und das auf dem Capitol Hill gespielte Stück richtig zu verstehen, was erreicht
werden kann und was nicht, wann man fest bleiben
und wann man verhandeln muß."
Inzwischen als gemäßigter bis liberaler Demokrat
eingeschätzt, begann Panetta seine politische Karriere als Republikaner.
Panetta war Rechtsberater von Thomas Küchel,
einem republikanischen Senator aus Kalifornien, und
später unter Präsident Nixon als Leiter des amerikanischen Büros für Bürgerrechte tätig. Von dieser
Aufgabe wurde er 1970 entbunden, nachdem er sich
über die zu langsamen Bestrebungen der Administration zur Aufhebung der Rassentrennung be-

schwert hatte.
Partei.

Im Jahr darauf wechselte er die

Panetta wurde als Sohn italienischer Einwanderer in
Monterey (Kalifornien) geboren, dem Wahlkreis, den
er später vertrat. Er machte 1960 seinen Abschluß
an der University of Santa Clara und legte dort 1963
sein juristisches Examen ab. Von 1964 bis 1966
diente er in der US-Armee.
Nachdem er von der Nixon-Administration entlassen
worden war, wurde er persönlicher Referent des New
Yorker Bürgermeisters John Lindsay und praktizierte
dann bis zu seiner Kandidatur für den Kongreß im
Jahr 1976 in einer Rechtsanwaltskanzlei.
Panetta ist verheiratet und hat drei Söhne.

* * * * *

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�PORTRAT
6. Juli 1994

GERGEN HAT "AUSGEPRÄGTES GESPÜR" FÜR
VERMITTLUNG VON ZIELSETZUNGEN
Porträt des neuen außenpolitischen Sonderberaters

WASHINGTON - (AD) - David Gergen hat "ein
ausgeprägtes Gespür, wie diese Administration ihre
außenpolitischen Zielsetzungen besser vermitteln
kann", erklärte Außenminister Christopher.
Der Außenminister stellte fest, in der neugeschaffenen Position eines Sonderberaters des Präsidenten
und Außenministers werde Gergen auch "ein Sagen
bei der Formulierung der Politik haben, von der die
amerikanische Führungsrolle in der Welt geleitet
wird".
Präsident Clinton, der Gergen im vergangenen Jahr
als Berater zur Imageverbesserung seiner Administration ins Weiße Haus holte, äußerte, der republikanische Journalist und Kommentator, der Gerüchten zufolge in die Privatwirtschaft zurückkehren
wollte, werde jetzt bis zum Ende des Jahres bleiben
und "seine gesamte Energie auf die außenpolitische
Bühne konzentrieren".
In den vergangenen Monaten, so Clinton, habe er
Gergen "bei der Konzeption, Formulierung und
Vermittlung nationaler Sicherheitsbelange immer
mehr schätzen gelernt" und er wolle, daß der altgediente Washingtoner Insider "eine größere Rolle
spielt und meinem Team als Hauptberater in diesem
Bereich beitritt".
In seiner neuen Position wird Gergen vom Außenministerium aus arbeiten und Außenminister Christopher direkt Bericht erstatten, jedoch weiterhin ein
Büro im Weißen Haus behalten. Er wird an Gesprächen des Außenministeriums auf hochrangiger
Ebene sowie denen des Hauptausschusses - dem
höchsten außenpolitischen Beratergremium im
Weißen Haus - teilnehmen.
Gergen wird Präsident Clintons wichtigste Reisen ins
Ausland sowie Veranstaltungen vorbereiten und
könnte auch zu Talkshows im Fernsehen eingeladen
werden.

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Während des Jahres als Berater des Präsidenten
nutzte Gergen seine gemäßigten Ansichten, bisherige
Erfahrung im Weißen Haus und überparteilichen
Kontakte, um eine günstigere Presseberichterstattung
über die Administration zu bewirken. Viele der
älteren Journalisten in Washington erachten ihn als
glaubwürdig, und die Reporter hatten während seiner
Amtszeit das Gefühl, das Weiße Haus gehe besser
auf ihre Fragen ein.
Während der Anfangsmonate wurde die Administration von den Medien relativ kritisch beurteilt, und dies
hatte einen niedrigeren Beliebtheitsgrad bei öffentlichen Meinungsumfragen zur Folge. Nachdem die
Berichterstattung positiver wurde, nahm auch der
Beliebtheitsgrad zu, und Gergen erwarb den Ruf, zur
steigenden Popularität von Präsident Clinton beigetragen zu haben.
Einige Demokraten mißtrauten Gergen jedoch mit
dem Argument, ihm fehle das Engagement für die
liberalere Tagesordnung der Administration. Gergen
bezeichnet sich selbst als "politischen Pragmatiker"
und verweist darauf, daß er seine politische Karriere
als Demokrat begonnen habe, der in der Bürgerrechtsbewegung in seinem Heimatstaat North Carolina aktiv war.
Eigenen Aussagen zufolge hat Gergen vor dem
Beitritt zur Clinton-Administration versucht, "eine
unabhängige Meinung, eine ausgewogene Sichtweise
von Politik und öffentlichen Angelegenheiten zur
entwickeln. Ich stellte jedoch fest, daß viele unserer
nationalen Probleme keine demokratische oder
republikanische Lösung erfordern, sondern einfach
neues Denken."
Gergen hatte Freunden und Kollegen gegenüber
geäußert, er werde das Weiße Haus lieber verlassen
als in die Parteipolitik der Wahlen im November
hineingezogen zu werden.

Seite 1

�Zu Beginn seiner Karriere war Gergen als Redenschreiber für Präsident Nixon und Kommunikationsdirektor für die Präsidenten Ford und Reagan tätig.
Ferner war er Chefredakteur und Kolumnist der
Zeitschrift U.S. News and World Report, Kommentator der Fernsehsendung The MacNeil/Lehrer
Newshour und Dozent sowohl am American Enterprise Institute, einer konservativen Denkfabrik, als
auch der liberalen John F. Kennedy School of Government an der Harvard University.

Seit dem Rüstungskontrollexperten Paul Nitze in den
achtziger Jahren ist Gergen der erste, der den
Doppeltitel eines Sonderberaters des Präsidenten
und des Außenministers innehat.
Gergen ist verheiratet und hat zwei erwachsene
Kinder.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 26

�PORTRAT
6. Juli 1994

NEUE DIREKTORIN DER HAUSHALTSBEHÖRDE SETZT
SICH FÜR ABBAU DES HAUSHALTSDEFIZITS EIN
Porträt von Alice Rivlin
WASHINGTON - (AD) - Als Alice Rivlin von ihrer
Nominierung durch Präsident Clinton am 27. Juni
1994 als Nachfolgerin von Leon Panetta erfuhr, war
sie einem Mitarbeiter zufolge "begeistert". "Das ist
genau die Aufgabe, die sie anstrebte", erklärte er.
Stanley Collender, Direktor für staatliche Haushaltspolitikdes großen Wirtschaftsprüfungsunternehmens
Price Waterhouse, der Rivlin schon lange beobachtet
hatte, bezeichnete sie als "eine Frau, die sich ihr
ganzes Leben mit Haushaltsfragen beschäftigt und
auf dieses Amt vorbereitet hat".
Im Falle ihrer Bestätigung durch den Kongreß wird
Rivlin eines der mächtigsten Mitglieder der ClintonAdministration.
Dem offiziellen Regierungshandbuch zufolge besteht
die Aufgabe der Haushaltsbehörde in der "Auswertung, Formulierung und Koordinierung von
Managementverfahren und Programmzielen innerhalb aller Bundesministerien und -behörden
sowie untereinander. Ferner kontrolliert sie die
Verwaltung des Bundeshaushalts und gibt dem
Präsidenten regelmäßig Empfehlungen im Hinblick
auf Haushaltsvorschläge und entsprechende gesetzliche Verfügungen."
Während ihrer anderthalbjährigen Amtszeit als
stellvertretende Direktorin der Haushaltsbehörde
unter Panetta erwarb sich Rivlin den Ruf, zu den
unerbittlichsten "Falken" der Administration zu
gehören, die sich für einen Abbau des Haushaltsdefizits einsetzen.
Sie führte vehement Argumente für größere Ausgabenkürzungen im Vergleich zu den im Fünfjahresplan vorgesehenen 500 Milliarden Dollar an, die
1993 nur mit knapper Mehrheit vom Kongreß gebilligt wurden.

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Es wird behauptet, sie habe Präsident Clinton bisweilen persönlich gefragt, ob die von ihm für Investitionsprogramme vorgesehenen Milliarden Dollar nicht
besser für die Senkung des Haushaltsdefizits verwendet werden sollten. Ferner setzte sie sich für die
Kürzung landwirtschaftlicher Subventionen ein,
bekämpfte Haushaltstricks und bestand darauf, daß
eine Reform des staatlichen Gesundheitswesens
nicht zu einer Erhöhung des Haushaltsdefizits führen
dürfe.
Rivlin führt schon seit langem einen aggressiven und
vehementen Kreuzzug gegen das Haushaltsdefizit.
Unter anderem sprach sie sich für die Kürzung so
populärer Leistungen wie die Gesundheitsfürsorge für
ältere Menschen (Medicare) aus.
In ihrem Buch "Reviving the American Dream" (Die
Wiederbelebung des Amerikanischen Traums), das
sie vor ihrem Beitritt zur Clinton-Administration
veröffentlichte, unterbreitete Rivlin den Vorschlag,
den Bundesstaaten die Verantwortung für die Verwaltung und Finanzierung von Programmen wie
Berufsausbildung und Personenverkehr zu übertragen, die teilweise über eine nationale Verbrauchssteuer finanziert werden, welche zwischen den
Bundesstaaten und der Bundesregierung aufgesplittet
werden sollte.
Während ihrer Tätigkeit von 1975 bis 1983 als erste
Direktorin des überparteilichen Haushaltsbüros des
Kongresses erwarb Rivlin Anerkennung als eine der
führenden Haushaltsexperten. Unter ihrer Leitung
erhielt das Büro den Ruf, Haushaltsfragen streng
unter Kontrolle zu halten, sie klar und wirksam zu
formulieren und objektiv zu sein - die Grundlage für
die Achtung des Haushaltsbüros innerhalb und
außerhalb des Kongresses.
Nach ihrer Amtszeit im Haushaltsbüro kehrte Rivlin
an die Brookings Institution zurück, eine Forschungsinstitution mit Sitz in Washington, der sie seit 1957

Seite 1

�mehrmals angehört hatte. Kurz vor ihrem Beitritt zur
Clinton-Administration war sie als Gastprofessorin für
Politologie an der George Mason University im
Norden Virginias tätig. Die Abgängerin des Bryn
Mawr College promovierte in Wirtschaftswissen-

schaften an der Harvard University. Von 1966 bis
1969 war sie unter der Johnson-Administration als
Abteilungsleiterin im Ministerium für Gesundheit,
Erziehung und Soziales tätig.

* * * * *

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