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cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

15. Juni 1994

23

USA-EUROPA

USA UND EUROPA MÜSSEN GEMEINSAME
FRIEDENSSTRATEGIE VERFOLGEN
Rede Präsident Clintons vor der
französischen Nationalversammlung

PARTNERSCHAFT FÜR FRIEDEN

CHRISTOPHER: PARTNERSCHAFT FÜR DEN
FRIEDEN IST BEMERKENSWERTE LEISTUNG
Rede des Außenministers vor dem
Nordatlantikrat

WIRTSCHAFT

DIE
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN
Ron Brown vor der
American Chamber of Commerce

ARBEITSWELT

REICH FORDERT
INTERNATIONALE
ARBEITSNORMEN
Ansprache von Arbeitsminister Reich
vor der IAO

««

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�USA-EUROPA
15. Juni 1994

USA UND EUROPA MÜSSEN GEMEINSAME
FRIEDENSSTRATEGIE VERFOLGEN
Rede Präsident Clintons
vor der französischen Nationalversammlung
PARIS - (AD) - Präsident Clinton zufolge müssen die Vereinigten Staaten und Europa eine gemeinsame
Strategie für den Frieden verfolgen, die den gesamten europäischen Kontinent durch drei Bande integriert:
"Erstens Zusammenarbeit in der Sicherheitspolitik, zweitens Marktwirtschaft, drittens Demokratie."
Das schwierigste europäische Sicherheitsproblem stelle Bosnien dar, äußerte Präsident Clinton am 7. Juni
1994 vor der französischen Nationalversammlung, und obwohl es nicht gelöst worden sei, "wurden
entschlossene und bislang erfolgreiche Bestrebungen zur Beschränkung des Konflikts auf Bosnien
unternommen, damit er sich nicht zu einem größeren Balkankrieg ausweitet".
"Heute sehen sich die ehemals kommunistischen Staaten einer beängstigenden Übergangszeit gegenüber...
Es muß unser Ziel sein, ihnen zum Erfolg zu verhelfen - durch die Förderung marktwirtschaftlicher Reformen,
gezielte Hilfe bei der Privatisierung, Verstärkung unserer Bande in den Bereichen Handel und Investitionen."
Der Präsident bezeichnete die Demokratie als den "Klebstoff, der Wirtschaftsreformen und sicherheitspolitische
Zusammenarbeit verkitten kann" und äußerte, trotz einiger "Entwicklungen mit Hindernissen" in den ehemals
kommunistischen Staaten habe es auch ermutigende Ergebnisse gegeben, einschließlich neuer Verfassungen
und der Gründung unabhängiger Fernsehstationen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Weißen Haus freigegebene Rede des Präsidenten in Paris.

Es ist mir eine große Ehre, gemeinsam mit meiner
Frau und unserer verehrten Botschafterin Pamela
Harriman hierher eingeladen worden zu sein.
Zwischen unseren beiden Völkern besteht eine
besondere Verwandtschaft, denn schließlich wurden
unsere beiden Republiken im Abstand von nur
wenigen Jahren gegründet. Wir setzten die Regeln
von Königen außer Kraft und ersetzten sie durch
gemeinsame Ideale, Gleichheit, Freiheit, Gemeinschaft und Menschenrechte.
Zwei Jahrhunderte lang haben unsere Nationen
einander großzügig gegeben. Frankreich vermittelte
unseren Gründervätern die Ideale von Montesquieu
und Rousseau. Lafayette und Rochambeau halfen,
diese Ideen in die Realität unserer eigenen Unabhängigkeit umzuwandeln. Denn ebenso wie wir
bei der Befreiung Ihres Landes 1944 halfen, halfen

AMERIKA DIENST 23

Sie bei der Befreiung unseres Landes vor zwei
Jahrhunderten.
Während dieser ganzen Zeit haben Ihre Kunst und
Kultur zahllose Amerikaner inspiriert - von Benjamin
Franklin bis zu John und Jacqueline Kennedy. Wir
wiederum liehen Ihnen das revolutionäre Genie
Thomas Jeffersons, den feurigen Geist Thomas
Paines und das Leben so vieler junger Männer, als
die Freiheit Europas am stärksten in Gefahr war.
Diese Woche haben Sie uns ein weiteres großartiges
Geschenk in Form der wunderbaren Gedenkfeiern
aus Anlaß der Landung der Alliierten in der Normandie gemacht. Ich danke Präsident Mitterand und dem
ganzen französischen Volk für diese großzügige
Gastfreundschaft. Mein Dank gilt insbesondere den
Tausenden französischer Familien, die unseren
Veteranen ihr Heim geöffnet haben.

Seite 1

�Die gestrigen Bilder werden mich den Rest meines
Lebens begleiten - die eindrucksvollen Cliffs von
Pointe du Hoc, die Parade unserer Alliierten Streitkräfte am Utah Beach, die tödlichen Felsufer an der
blutigen Omaha Beach, die endlosen Reihen von
Grabsteinen auf unserem Friedhof bei Colleville.
D-Day war der Wendepunkt des 20. Jahrhunderts.
Er setzte die Befreiung Europas in Gang. Auf
vielerlei Weise bewies der Sieg der Alliierten, wie
der Glaube der Demokratie an den einzelnen die
Demokratie selbst rettete. Von der tapferen französischen Resistance bis zum Erfindungsreichtum der
Soldaten an der Omaha Beach bewies er, was freie
Nationen erreichen können, wenn sie gemeinsam
hinter einer großen und edlen Sache stehen.
Die bemerkenswerte Einigkeit der Alliierten während
des Zweiten Weltkriegs spiegelte die lebensbedrohliche Gefahr für die Freiheit wider. Demokratien freier
und oftmals ungestümer Völker werden angesichts
einersolchen Gefahr eherzusammenhalten. Unsere
Herausforderung besteht jetzt jedoch darin, unser
Volk um die Chancen für den Frieden zu einen, wie
sich unsere Vorfahren angesichts der Gefahren des
Krieges einten.
Wie Ihr Präsident so beredt formulierte, konnten wir
einmal in diesem Jahrhundert - nach dem Ersten
Weltkrieg - nicht diesem Gebot folgen. Nach dem
Waffenstillstand waren viele Amerikaner der Ansicht,
es beständen keine Gefahren mehr für uns. Amerika zog sich zunehmend von der Welt zurück, wodurch hohen Zöllen, Handelskriegen, dem Anstieg
des Faschismus und einem weiteren Weltkrieg
innerhalb von 20 Jahren Tor und Tür geöffnet
wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg machten Amerika,
Frankreich und die anderen Demokratien es besser.
Unter der Führung von weitblickenden Staatsmännern wie Truman, Marshall, De Gaulle, Monnet und
anderen bauten wir unsere Bündnisse und die
Länder unserer ehemaligen Feinde - Deutschland,
Italien und Japan - wieder auf und stellten uns der
Gefahr einer sowjetischen Expansion und Nuklearmacht.
Gemeinsam gründeten wir die NATO,
setzten den Marshallplan, das Allgemeine Zoll- und
Handelsabkommen GATT sowie weitere Motoren
wirtschaftlicher Entwicklung in Gang. In einem
großartigen historischen Akt der Versöhnung reichte
Frankreich die Hand zur Bildung der deutsch-französischen Partnerschaft - der Grundlage von Einheit
und Stabilität im modernen Westeuropa.
Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben
in der Tat einen Akt politischer Alchimie begangen,
ein Zauberkunststück, das Schutt in Erneuerung,

Seite 2

Mißtrauen in Sicherheit und Feinde in Verbündete
verwandelte.
Jetzt sind wir am dritten Scheideweg dieses Jahrhunderts angelangt. Der Kalte Krieg ist vorüber.
Prag, Warschau, Kiew, Riga, Moskau und viele
andere sind Hauptstädte demokratischer Länder mit
vom Volk gewählten Politikern. Wir bauen das
Atomwaffenarsenal ab, und Amerika und Rußland
richten nicht mehr ihre Atomwaffen gegeneinander.
Unsere Arbeit ist jedoch noch lange nicht beendet.
Um diesen Frieden zu sichern, müssen wir unseren
Blick auf einen strategischen Stern richten. Hier, wo
die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten so hart
um die Rettung dieser Welt gekämpft haben, sollte
dieser Leitstern für uns beide - Amerikaner und
Europäer gleichermaßen - die Integration und Stärkung eines umfassenden Europas sein. Dies ist eine
gewaltige Herausforderung, die Ressourcen erfordert.
Sie wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte benötigen.
Sie wird von uns etwas für Demokratien sehr Schwieriges erfordern - unser Volk zu einen, wenn es sich
nicht mit der direkten Gefahr konfrontiert sieht,
entfernteren Bedrohungen begegnen zu müssen und
schwierige und aufregende Chancen zu ergreifen.
Dennoch sprechen die geheiligten Grabsteine, die wir
gestern ehrten, eine deutliche Sprache. Sie definieren den Preis des Scheiterns in Friedenszeiten. Sie
bekräftigen die Notwendigkeit, jetzt zu handeln.
Wir können bereits die grausame Alternative sehen.
Militanter Nationalismus ist im Ansteigen begriffen
und verwandelt den gesunden Stolz von Nationen,
Volksstämmen, religiösen und ethnischen Gruppen in
tödliche Vorurteile, die Staaten unterminieren und ihr
Volk abhängig von den politischen Schmerzstillern
Gewalt und Demagogie machen, die anderen die
Schuld an ihren Problemen geben, wenn sie sich
eigentlich der harten Arbeit widmen sollten, durch
Versöhnung, Gewaltenteilung und umweltverträgliche
Entwicklung wirkliche Antworten auf diese Probleme
zu finden.
Anzeichen dieser Krankheit sind von dem willkürlichen Gemetzel in Bosnien bis zu der wahllosen
Gewalt der Skinheads in allen unseren Ländern zu
beobachten. Wir sehen sie an dem mit der Geschichte getriebenen aufwiegelnden Mißbrauch sowie
an dem Antisemitismus und dem Irredentismus
einiger ehemals kommunistischer Staaten. Und
jenseits von Europa sehen wir die dunkle Zukunft
dieser Trends an massenhaftem Abschlachten,
ungezügeltem Terrorismus, verheerender Armut und
völliger Zerstörung von Umwelt und Gesellschaft.

AMERIKA DIENST 23

�Unser transatlantisches Bündnis ist eindeutig an
einem kritischen Punkt angelangt. Wir müssen die
für diese Zeit erforderlichen Bande zwischen Nationen schmieden, wie wir das nach dem Zweiten
Weltkrieg taten. Wir müssen das jedoch zu einer
Zeit tun, in der unsere Sicherheit nicht direkt bedroht
ist - wie nach dem Ersten Weltkrieg.
Für diese Generation führender Politiker lautet die
Frage, ob wir den Willen, die Vision und die Geduld
hierzu aufbringen. Ich möchte die Position der
Vereinigten Staaten deutlich darlegen. Amerika wird
sich weiterhin in Europa engagieren. Das gesamte
transatlantische Bündnis zieht Nutzen, wenn wir Europa und Amerika - stark und engagiert sind.
Amerika wünscht sich ein starkes Europa, und
Europa sollte sich die Zusammenarbeit mit einem
starken Amerika wünschen.
Um sicherzustellen, daß unser Land ein starker
Partner bleibt, leisten wir zu Hause harte Arbeit, um
einen neuen Geist der amerikanischen Erneuerung
zu schaffen, unser Haushaltsdefizit abzubauen,
unsere Wirtschaft neu zu beleben, den Handel zu
erweitern, unsere Straßen sicherer vor Verbrechern
zu machen und die Grundpfeiler unserer Stärke
wiederherzustellen - Arbeit, Familie, Gemeinschaft
sowie die Aufrechterhaltung unserer defensiven
Präsenz in Europa.
Wir wünschen uns auch ein starkes Europa. Aus
diesem Grund unterstützt Amerika die von Europa
unternommenen Schritte für stärkere Einigung - die
Europäische Union, die Westeuropäische Union
sowie die Entwicklung einer europäischen Verteidigungsidentität. Wir müssen jetzt eine gemeinsame Strategie verfolgen - den Frieden und Wohlstand
eines umfassenderen Europas zu sichern. Diese
Strategie hängt von der Integration des gesamten
Kontinents durch drei Bande ab: Erstens Zusammenarbeit in der Sicherheitspolitik, zweitens Marktwirtschaft und drittens Demokratie.
Zunächst einmal müssen wir in einem Zeitalter stark
und sicher bleiben, das noch viele Gefahren birgt.
Zu diesem Zweck sind unsere Sicherheitsinstitutionen an neue Gebote anzupassen. Die Vereinigten
Staaten haben den Umfang ihrer Militärpräsenz in
Europa reduziert, wir werden hier jedoch weiterhin
eine starke Streitmacht aufrechterhalten.
Die Europäische Union, die Westeuropäische Union,
die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa sowie andere Organisationen müssen alle
eine größere Rolle spielen. Ich war erfreut darüber,
daß die NATO kürzlich einen amerikanischen Vorschlag annahm, ihre Aktivposten der WEU zugänglich zu machen. Zur Förderung größerer sicherheits-

AMERIKA DIENST 23

politischer Zusammenarbeit in ganz Europa müssen
wir auch die NATO an dieses neue Zeitalter anpassen.
Beim NATO-Gipfel im Januar einigten wir uns auf die
Schaffung einer Partnerschaft für den Frieden, um die
Zusammenarbeit in der Sicherheitspolitik zwischen
den Mitgliedstaaten der NATO und den anderen
europäischen Staaten zu fördern - den ehemaligen
Warschauer Pakt-Staaten, den Staaten der früheren
Sowjetunion und den aus anderen Gründen nicht der
NATO angehörenden Staaten. Nur sechs Monate
später ist diese Partnerschaft für den Frieden Realität. 19 Nationen sind ihr bereits beigetreten, und
weitere befinden sich auf dem Weg dazu. Auch
Rußland hat Interesse an einem Beitritt bekundet.
Die Partnerschaft wird ihre ersten Militärübungen im
kommenden Herbst durchführen. Stellen Sie sich
diese Veränderung vor: Truppen, die sich einst durch
den Eisernen Vorhang getrennt gegenüberstanden,
arbeiten jetzt auf europäischem Gelände zusammen.
Wir haben Verständnis für die historisch begründeten
Ängste Mittel- und Osteuropas. Die Sicherheit dieser
Staaten ist für unsere eigene Sicherheit von Bedeutung. Und wir sind der Erweiterung der NATO
verpflichtet. Solange wir die Chance haben, überall
in Europa zur sicherheitspolitischen Zusammenarbeit
beizutragen, sollten wir diese Möglichkeit nirgendwo
verspielen.
Es gibt Anzeichen dafür, daß ein solches Ergebnis
möglich ist. Die Ukraine, Kasachstan und Belarus
haben sich jetzt zur Beseitigung aller auf ihrem
Territorium stationierten Atomwaffen verpflichtet. Bis
August haben sich möglicherweise erstmals seit dem
Ende des Zweiten Weltkriegs alle russischen Truppen
aus Osteuropa und dem Baltikum zurückgezogen.
Sind diese Entwicklungen eine Garantie dafür, daß
wir alle ehemals kommunistischen Staaten in die
friedliche Zusammenarbeit einbinden können? Das
ist nicht der Fall. Wir würden jedoch unserer Generation und unseren Nachfahren gegenüber versagen,
wenn wir nicht den Versuch unternähmen.
Bedeuten diese Absprachen, daß wir alle Probleme
lösen können? Nein, zumindest nicht direkt. Das
schwierigste europäische Sicherheitsproblem und das
herzzerreißendste humanitäre Problem stellt natürlich
Bosnien dar. Wir haben dieses Problem nicht gelöst,
es ist jedoch wichtig anzuerkennen, was bereits
getan wurde, denn Frankreich, die Vereinigten
Staaten, Großbritannien und andere haben im
Rahmen der Vereinten Nationen und der NATO
zusammengearbeitet. Schauen Sie auf das, was
getan wurde. Erstens wurden entschlossene und

Seite 3

�bislang erfolgreiche Bestrebungen zur Beschränkung
des Konflikts auf Bosnien unternommen, damit er
sich nicht zu einem größeren Balkankrieg ausweitet.
Zweitens hat die massivste Luftbrücke mit humanitären Gütern in der Geschichte Tausende von Menschenleben gerettet - ebenso wie die UNPROFORMission, bei der Frankreich einen großen Truppenbeitrag leistete.
Wir haben eine Ausweitung des Krieges auf den
Luftraum verhindert.
Es wurde ein Abkommen
zwischen den bosnischen Muslimen und den Kroaten geschlossen. Es wurden Fortschritte gemacht.
Was bleibt noch zu tun? Heute haben die Vereinten
Nationen durch ihren Beauftragten Akaschi einen
Vorschlag über die Einstellung der Kampfhandlungen für mehrere Monate vorgelegt. Die Vereinigten
Staaten unterstützen dieses Programm. Frankreich
unterstützt diesen Vorschlag. Wir müssen alles in
unserer Macht Stehende tun, um beide Seiten zu
seiner Annahme zu veranlassen.
Die Kontaktgruppe arbeitet an einer Landkarte, die
die Grundlage einer vollständigen und endgültigen
Einstellung der Kampfhandlungen dort darstellen
kann. Wir müssen alles uns Mögliche tun, um
dieses Abkommen zu sichern.
Letztlich dürfen wir auch nicht vergessen, was diese
Wahrscheinlichkeit erhöht hat: Rußland wurde in
den Prozeß zur Lösung dieser schrecklichen Krise
eingeschaltet, was bisher sehr positiv verlief und den
Weg zu einer Zukunft weist, in der wir vielleicht alle
zusammen eine Zeitlang an der Lösung von Problemen wie diesem arbeiten.
Wir brauchen Geduld. Wir müssen verstehen, daß
wir keine vollständige Kontrolle über die Ereignisse
in jeder Nation haben. Wir haben jedoch in Bosnien
Fortschritte erzielt und müssen das weiterhin tun:
Mit Geduld und Festigkeit weiterarbeiten, bis die
Arbeit getan ist. Das wird gelingen, wenn wir
zusammenbleiben und zusammenarbeiten können.
Die beste Möglichkeit zur Beibehaltung dieser Art
von Kooperation stellt die Unterstützung der allgemeinen europäischen Entwicklung dar. Diese
muß auch eine wirtschaftliche Dimension haben.
Wir müssen den Ländern Osteuropas bei ihrer Arbeit
beistehen, sich in den Kreis der prosperierenden
marktwirtschaftlichen Demokratien zu integrieren.
Das führt mich zum zweiten Element unserer Integrationsstrategie. Integration erfordert den erfolgreichen Übergang zu starken Volkswirtschaften in ganz
Europa.
Heute sehen sich die ehemals kommunistischen
Staaten einer beängstigenden Übergangszeit gegen-

Seite 4

über. Es muß unser Ziel sein, ihnen zum Erfolg zu
verhelfen - durch die Förderung marktwirtschaftlicher
Reformen, gezielte Hilfe bei der Privatisierung,
Verstärkung unserer Bande in den Bereichen Handel
und Investitionen. Dieses Verfahren verläuft unweigerlich langsam und natürlich nicht ohne Hindernisse.
Es hängt teilweise davon ab, was in diesen Ländern
geschieht. Wir waren Zeuge, wie Wähler in ehemals
kommunistischen Staaten ihre Stimme gegen Reformen und ihre Härten abgaben. Solange diese
Staaten jedoch demokratische Prozesse respektieren,
sollten wir nicht zu beunruhigt reagieren. Die Reformarbeit wird Jahre und Jahrzehnte erfordern.
Trotz einer Vielzahl von Problemen waren die Wirtschaftsreformen in Osteuropa immer noch beeindruckend. Mittlerweile sind 40 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung Rußlands im Privatsektor beschäftigt, und 50 Millionen Russen haben Aktienanteile an im Privatbesitz befindlichen Unternehmen.
Im vergangenen Januar habe ich in Prag erklärt, der
Westen müsse solche Reformen durch die weitestgehende Öffnung unserer Märkte für solche Reformen
unterstützen. Denn wenn unsere neuen Freunde ihre
Produkte nicht exportieren können, exportieren sie
statt dessen vielleicht Instabilität, selbst gegen ihren
Willen.
Wir können auch andere Reformen unterstützen,
indem wir das Weltwirtschaftswachstum fördern. In
den vergangenen Jahren war einer der wichtigsten
Schritte zu diesem Ziel das neue GATT-Abkommen.
Es schafft Millionen Arbeitsplätze. Frankreich spielte
beim erfolgreichen Abschluß dieser Gespräche eine
absolute Schlüsselrolle. Ich bin mir bewußt, daß
diese Angelegenheit für Ihr Land sehr schwierig war.
Ich weiß, daß sie Staatskunst erforderte. Und ich
versichere Ihnen, daß diese Frage auch für die
Vereinigten Staaten nicht einfach war.
Es bleiben noch Fragen zu regeln. Nachdem wir
jedoch die Tür zu der weitreichendsten Handelsvereinbarung der Geschichte geöffnet haben, müssen
wir die Sache abschließen. Mein Ziel ist die Ratifizierung des GATT-Ankommens durch den amerikanischen Kongreß in diesem Jahr sowie im Rahmen
der G-7 eine Politik zur Belebung unserer Volkswirtschaften.
Wir haben uns in den G-7-Staaten darauf verständigt,
einander die schwierigen Fragen zu stellen: Was
können wir zur Förderung von Wirtschaftswachstum
und der Schaffung von Arbeitsplätzen unternehmen?
Welche Handelspolitik ist der Erwerbsbevölkerung
unserer Länder gegenüber fair? Wie können wir
Wirtschaftswachstum auf eine Weise fördern, die in
den ärmeren Ländern der Welt umweltverträgliches
Wachstum fördert, so daß sie nicht ihre Ressourcen

AMERIKA DIENST 23

�verschwenden und letztlich alle diese Bestrebungen
zum Scheitern verurteilt sind? Dies sind Fragen von
größter Bedeutung. Sie werden erstmals in einem
multilateralen Forum gestellt, was von großer Tragweite ist.
Ungeachtet dessen, wie wir mit Sicherheits- oder
Wirtschaftsfragen umgehen, muß unsere Mission
denselben Kern haben wie die vor einem halben
Jahrhundert an den Küsten der Normandie durchgeführte. Das ist Demokratie. Denn letztlich ist
Demokratie der Klebstoff, der Wirtschaftsreformen
und sicherheitspolitische Zusammenarbeit verkitten
kann. Aus diesem Grund muß unser drittes Ziel die
Konsolidierung der jüngsten demokratischen Errungenschaften Europas sein.
Dieses Ziel steht im Einklang mit den grundlegenden
Idealen unserer beiden Republiken. Schließlich
haben wir so angefangen. Es dient auch unseren
fundamentalen Sicherheitsinteressen, denn Demokratie ist ein machtvolles Abschreckmittel, das die
dunklen Ambitionen der Möchtegern-Tyrannen und
-Aggressoren eindämmt und die vielversprechenden
Hoffnungen freier Bürger respektiert.
Unsere beiden Nationen und andere Länder haben
gemeinsam große Anstrengungen zur Förderung der
Demokratie in den ehemals kommunistischen
Staaten unternommen. Der Fortschritt kommt nicht
über Nacht. Es wird Entwicklungen mit Hindernissen
geben, aber wir können bereits ermutigende und
bisweilen atemberaubende Resultate ausmachen.
Wir waren Zeuge, wie unabhängige Fernsehstationen gegründet wurden, wo früher nur die staatliche
Version der Wahrheit übertragen wurde. Wir sahen,
wie Tausende von Menschen aus der ehemals
kommunistischen Welt - Studenten, Bankiers,
Politiker - in unsere Länder kamen, um etwas über
die Ideen und den Umgang mit der Freiheit zu
lernen.
Wir konnten beobachten, wie neue Verfassungen
geschrieben und neue Staaten auf der Grundlage
der Prinzipien gegründet wurden, die unsere Republiken bei ihrer Geburt inspirierten. Letztlich müssen
wir demokratische Bande fördern - nicht nur innerhalb dieser ehemals kommunistischen Staaten,
sondern auch zwischen ihren und unseren Staaten.

*

AMERIKA DIENST 23

Die Nationen spechen in der Sprache der Demokratie
miteinander. Sie zeigt sich an der Art und Weise, in
der wir unsere Differenzen überbrücken, mit den
Bürgern anderer Länder umgehen und das Erbe der
anderen in Ehren halten. Es ist die Sprache, in der
unsere beiden Republiken seit mehr als 200 Jahren
miteinander sprechen. Es ist die Sprache, in der die
westlichen Alliierten während des Zweiten Weltkriegs
miteinander sprachen.
Jetzt haben wir die Chance, die Sprache der Demokratie auf diesem gesamten Kontinent zu hören.
Wenn wir dieses Ziel erreichen können, werden wir
denen aus unseren beiden Ländern einen großartigen
und dauerhaften Tribut zollen, die vor fünfzig Jahren
für die Freiheit kämpften und starben.
Nahezu 25 Jahre nach dem D-Day kehrte ein amerikanischer Veteran, der bei dieser Invasion als Stabsarzt tätig war, in die Normandie zurück. Er schlenderte die Omaha Beach entlang, an der er im Juni
1944 gelandet war, und ging dann zum nächstgelegenen Dorf. Dort klopfte er an eine ihm vertraut erscheinende Tür.
Eine Französin öffnete ihm, drehte sich dann plötzlich
um und rief ihrem Mann zu: "Er ist zurückgekommen. Der amerikanische Doktor ist wieder da."
Einen Augenblick später kam ihr Mann, in der Hand
eine mit Staub und Spinnweben bedeckte Weinflasche. "Willkommen, Herr Doktor!", rief er. "1944
haben wir diese Flasche für Ihre Rückkehr aufgehoben. Jetzt wollen wir feiern."
Dieses freudige Wiedersehen und feierliche Gedenken fand diese Woche überall statt - bei geplanten
und ungeplanten Begegnungen.
Während unser Volk alte Bande erneuert, wollen wir
die zeitlose Arbeit wiederaufnehmen, die uns hierhergebracht hat und unsere Vorfahren vor 200
Jahren zusammenführte - die Stärkung der Grundlagen der Freiheit und den Aufbau eines dauerhaften
Friedens für kommende Generationen.
Meines
Erachtens können wir das tun. Es ist der einzige und
letzte Tribut, den wir der aus dem Zweiten Weltkrieg
und den Ereignissen in der Normandie gelernten
Lektion zollen können.

* * *

*

Seite 5

�PARTNERSCHAFT

FÜR

FRIEDEN
15. Juni 1994

CHRISTOPHER: PARTNERSCHAFT FÜR DEN FRIEDEN
IST BEMERKENSWERTE LEISTUNG
Rede des Außenministers vor dem Nordatlantikrat
ISTANBUL - (AD) - Außenminister Christopher bezeichnete die Partnerschaft für den Frieden als
"bemerkenswerte Leistung" und fügte hinzu, der Vorschlag Präsident Clintons habe sich in nur fünf Monaten
"von einem bloßen Konzept zu einer funktionierenden Realität" gewandelt.
In einer Rede vor der Ministertagung des Nordatlantikrats am 9. Juni 1994 in Istanbul erklärte Christopher:
"Die Partnerstaaten engagieren sich aktiv im NATO-Hauptquartier in Brüssel und werden in Kürze im
Partnerschaft-Koordinationszentrum in Mons Seite an Seite mit den Militärplanern der NATO zusammenarbeiten."
Mit der Feststellung, die Friedenssicherungsmanöver der Partnerschaft für den Frieden würden in diesem Jahr
aufgenommen, erläuterte der Außenminister: "Stellen Sie sich vor - Truppen, die sich im Kalten Krieg ein
halbes Jahrhundert feindlich gesinnt gegenüberstanden, kommen jetzt bei gemeinsamen Manövern
zusammen."
Christopher verwies ferner darauf, daß der Rat die Beziehungen der NATO zu den Nationen im Osten erörtere
und dabei "Rußland eine prominente Rolle in unseren Überlegungen spielen" wird. Die Zusammenarbeit
zwischen der NATO und Rußland bei der Eindämmung von nuklearen und anderen Massenvernichtungswaffen
würde unsere gemeinsamen Interessen voranbringen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut.

Ich danke Ihnen. Es ist eine Freude, wieder im
Nordatlantikrat zusammenzukommen. Ich möchte
unseren türkischen Gastgebern unseren Dank für
diesen beeindruckenden Tagungsort am Ufer des
Bosporus aussprechen und auch unseren verehrten
Stellvertretenden Generalsekretär Sergio Balanzino
nicht unerwähnt lassen, der die Diskussion leiten
wird.
Unsere Gedanken weilen heute auch bei Generalsekretär Wörner. Präsident Clinton und ich übermitteln
unsere besten Wünsche für Manfreds vollständige
und rasche Genesung. Seine Stärke, Widerstandskraft und sein Mut sind uns allen ein Beispiel. Sein
Beitrag zur Erneuerung dieses Bündnisses war
bemerkenswert.
In der vergangenen Woche hat Präsident Clinton - in
Italien, Großbritannien und Frankreich - erneut das
unerschütterliche Engagement der Vereinigten
Staaten für Europa unterstrichen. Am Dienstag hat
Präsident Clinton vor der französischen Nationalversammlung unsere gemeinsame strategische Heraus-

AMERIKA DIENST 23

forderung beim Aufbau eines stärkeren und besser
integrierten Europa auf der Grundlage von Sicherheitszusammenarbeit, Marktwirtschaften und demokratischen Institutionen dargelegt.
Der Präsident wird seine Vision eines umfassenderen
Europa bei seinen Reisen nach Italien, Deutschland
und Polen im nächsten Monat bekräftigen. Während
das hoffnungsvollste Kapitel der europäischen
Geschichte geschrieben wird, werden die Vereinigten
Staaten weiterhin Seite an Seite mit den Menschen
eines ungeteilten, demokratischen Kontinents stehen.
In der vergangenen Woche erneuerte Präsident
Clinton sein beim Gipfeltreffen in Brüssel abgegebenes Versprechen zur Beibehaltung von rund 100.000
amerikanischen Soldaten in Europa. Er bekräftigte,
daß unser politisches Engagement weiterhin durch
unsere militärische Präsenz verstärkt wird. Unsere
Präsenz ist nach wie vor zum Schutz der vitalen
amerikanischen und europäischen Interessen erforderlich.

Seite 1

�Das NATO-Bündnis wird weiterhin das Kernstück
des amerikanischen Engagements in Europa und
der europäischen Sicherheit bilden. Seit dem
Ministertreffen im Juni letzten Jahres in Athen haben
wir unsere Bestrebungen zur Verstärkung der transatlantischen Bande erneuert, die von der NATO
verkörpert werden. Während wir die beim Gipfel
getroffenen bahnbrechenden Entscheidungen umsetzen, gestalten wir das Bündnis um, damit die Sicherheitserfordernisse der Welt nach dem Kalten
Krieg bewältigt werden können.
Die Bedrohung heute ist nicht eine Invasion aus dem
Osten, sondern Instabilität im Osten. In Mitteleuropa
konsolidieren neue demokratische Marktwirtschaften
die Freiheit und zeigen vielversprechende Anzeichen
von Wirtschaftswachstum. Aber in vielen aus dem
sowjetischen Imperium hervorgegangenen Ländern
steht die Demokratie noch auf tönernen Füßen.
Demagogen setzen auf ethnische Spaltung und
Vertreibung ethnischer Minderheiten, um Aggression
zu schüren. Unkontrolliert werden diese Spannungen die Fortschritte der Region zu Reformen vereiteln und letztlich die umfassendere Sicherheit
Europas gefährden.
Wie Präsident Clinton in seiner Rede im Januar in
Brüssel feststellte: "Diese Zeit entscheidet vielleicht,
ob die Nachfolgestaaten der Sowjetunion in das
Gefüge des transatlantischen Wohlstands und der
Sicherheit eingegliedert oder aber isoliert und im
Stich gelassen werden." Wir müssen die sich uns
bietende Chance ergreifen, damit die Demokratien
stabile Partner bei der Sicherheit und im Handel
werden können.
Beim Gipfeltreffen in Brüssel setzte das Bündnis
zwei zentrale, sich gegenseitig verstärkende Ziele
fest. Das erste war der Entwurf flexiblerer Kommandostrukturen und die Inangriffnahme neuer
Sicherheitsbedrohungen wie die Weiterverbreitung
von Waffen. Das zweite historische Ziel war die
Vertiefung unserer Bande mit den aufstrebenden
Demokratien im Osten. Wir haben sie zur Beteiligung an einem breiten Spektrum politischer und
militärischer Aktivitäten mit Mitgliedern des Bündnisses eingeladen, wodurch der Weg zu einer möglichen Erweiterung des Bündnisses geebnet wird.
Wir haben bei diesen beiden Zielen Fortschritte
gemacht. 1994 war in der Tat ein Jahr von enormer
Bedeutung für das Bündnis.
Zur Erlangung des ersten Ziels verbesserter Effektivität hat die NATO wichtige Entscheidungen zur
Unterstützung der Bestrebungen der Verbündeten
getroffen, um eine fähigere europäische Sicherheitsund Verteidigungsidentität zu entwickeln. Diese

Seite 2

Identität sollte die öffentliche Unterstützung in Europa
für die Erfüllung der europäischen Verpflichtungen
und Verantwortungsbereiche aufrechterhalten und
erweitern und unsere kollektive Fähigkeit zur Reaktion auf künftige Sicherheitserfordernisse stärken.
Sie sollte auch die transatlantischen Beziehungen
verstärken. Wir blicken weiterhin auf unsere Verbündeten für eine ausgewogenere Aufteilung der
Verantwortung.
Eine weitere wichtige beim Gipfeltreffen getroffene
Entscheidung zur Verwirklichung des ersten Ziels war
die Gründung alliierter Streitkräftekommandos (Combinded Joint Task Forces - CJTF). Wir haben bei der
Umsetzung dieses innovativen Konzepts einen
vielversprechenden Anfang gemacht. Unser Ziel ist
nach wie vor die Erneuerung des Bündnisses und die
Stärkung der Westeuropäischen Union (WEU). Wir
hoffen, daß die Bestrebungen in der NATO und der
WEU uns zu konkreten Entscheidungen über die
alliierten Streitkräftekommandos beim Ministertreffen
im Dezember in die Lage versetzen.
Als Teil der Förderung des Ziels, die Effektivität des
Bündnisses zu verbessern, unternehmen wir wichtige
Schritte zur Bekämpfung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme. Die
NATO muß diese Bedrohung in Angriff nehmen,
sowohl um andere internationale Bestrebungen zu
ergänzen als auch um unser feierliches Versprechen
einzulösen, die Sicherheit der Bündnispartner zu
schützen.
Ich bin erfreut über die rasche Arbeit der infolge
dieser Initiative gegründeten Hochrangigen PolitischMilitärischen und Verteidigungsgruppen. Wir werden
diese Fortschritte heute durch die Verabschiedung
des politischen Rahmens des Bündnisses für Nichtverbreitung konsolidieren. Dieser Rahmen bildet die
politische Grundlage für die Verbesserung der
Fähigkeiten des Bündnisses zum Schutz vor der
Androhung oder dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen.
Die Verteidigungsgruppe hat der
Prüfung der Bedrohungen, der Verteidigungsplanung,
militärischen Doktrin und Fähigkeiten zugestimmt.

Zur Erlangung des zweiten Ziels war die beim NATOGipfel erzielte bedeutendste Entscheidung die Schaffung der Partnerschaft für den Frieden. Die von
Präsident Clinton vorgeschlagene und vom Bündnis
verabschiedete Partnerschaft für den Frieden bezieht
den Osten mit ein, um die neuen Demokratien zu
kräftigen und die europäische Sicherheit zu stärken.
In nur fünf Monaten konnten wir eine bemerkenswerte Entwicklung beobachten: Die Partnerschaft hat
sich von einem bloßen Konzept zu einer funktionierenden Realität, einer Reihe konkreter Beziehungen
gewandelt. 20 Länder sind beigetreten. Ich möchte

AMERIKA DIENST 23

�zwei der zahlreichen von uns bisher für das Funktionieren der Partnerschaft unternommenen Schritte
besonders hervorheben.
Erstens engagieren sich die Partnerstaaten aktiv im
NATO-Hauptquartier in Brüssel und werden in Kürze
im Partnerschaft-Koordinationszentrum in Mons Seite
an Seite mit den Militärplanern der NATO zusammenarbeiten. Das bisher Unvorstellbare wird allmählich zur Routine.
Zweitens werden wir den beim Gipfeltreffen geäußerten Appell zur Aufnahme von Friedenssicherungsmanövern im Jahr 1994 erfüllen. Diese Manöver stehen für einen bemerkenswerten Umbruch.
Stellen Sie sich vor - Truppen, die sich im Kalten
Krieg ein halbes Jahrhundert feindlich gesinnt
gegenüberstanden, kommen jetzt bei gemeinsamen
Manövern zusammen.
Im kommenden Herbst werden die Niederlande eine
Geländeübung veranstalten und Polen wird auf dem
Boden eines Partnerlandes das erste Manöver
abhalten. Der Oberste Alliierte Befehlshaber Atlantik
(SACLANT) veranstaltet im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden eine maritime Übung, die vor
Ende des Jahres stattfinden wird. Darüber hinaus
werden die Vereinigten Staaten sowie andere Verbündete und Partner bereits geplante Manöver zur
Förderung der Ziele der Partnerschaft für den
Frieden nutzen. Wir erwarten mindestens 14 derartige Aktivitäten vor Ende des Jahres. Wir entwikkeln ferner einen umfangreichen Manöverplan für
1995.
Diese Übungen von NATO-Einheiten mit ihren
ehemaligen Gegnern werden eine deutliche Botschaft aussenden, daß die alte Ost-West-Teilung
Europas tot ist. Dies sind reale, konkrete Schritte zu
dem integrierten und gestärkten Europa, das Präsident Clinton beim Gipfeltreffen und erneut in der
vergangenen Woche forderte.
Wir werden die Partner auch in zahlreiche Ausschuß- und Trainingsaktivitäten der NATO einbeziehen. Die Mitglieder des Bündnisses und die Partner
werden gemeinsam praktische Mittel für die Bewältigung der neuen Bedrohungen der regionalen Sicherheit entwickeln. Nichtmitgliedstaaten der NATO
können sich mit gewohnheitsmäßiger Kooperation
wie Verteidigungsplanung vertraut machen, die der
Lebensnerv des Bündnisses ist.
Wir verpflichten uns zur Erweiterung der NATO.
Effektive Kooperation ist ein entscheidender Schritt
bei der Vorbereitung der Partner für die NATOMitgliedschaft. Ich möchte heute unterstreichen, was
der Präsident den osteuropäischen Staats- und

AMERIKA DIENST 23

Regierungschefs gegenüber im Januar in Prag
äußerte: "Die Partnerschaft verändert die gesamte
Diskussion innerhalb der NATO über die Erweiterung
der NATO-Mitgliedschaft. Die Frage lautet jetzt nicht
länger, ob das Bündnis neue Mitglieder aufnehmen
wird, sondern vielmehr wann und wie."
Herr Stellvertretender Generalsekretär, bei unserer
Erörterung der Beziehungen der NATO zu den
Nationen im Osten wird Rußland eine prominente
Rolle in unseren Überlegungen spielen. Rußland
vollzieht einen schwierigen Übergang, der tiefgreifende Auswirkungen für die gesamte Welt haben wird.
Welchen Kurs die innenpolitische Evolution auch
nehmen wird - Rußland ist und bleibt ein lebenswichtiger Akteur bei europäischen Sicherheitsbelangen. Es liegt in unserem - und Rußlands - Interesse,
eine umfassende und konstruktive Interaktion zwischen der NATO und Rußland zu entwickeln. Die
Partnerschaft für den Frieden ist von zentraler
Bedeutung für diesen Prozeß.
Wir begrüßen Verteidigungsminister Gratschows
jüngste Äußerung, daß Rußland sich ohne Einschränkungen an der Partnerschaft für den Frieden beteiligen wird. Wie die NATO erklärt hat, wird jeder
Partner das gleiche Rahmenabkommen unterzeichnen. Aber jeder Partner wird sein eigenes Präsentationsdokument erarbeiten und jeder sein eigenes,
unabhängiges Partnerschaftsprogramm entwickeln.
Zweifelsohne hat Rußland beachtliche Fähigkeiten

und inhärente Stärken, auf die wir bei der Erarbeitung
eines Partnerschafts-Kooperationsprogramms zurückgreifen können, das den Interessen der Partnerschaft
für den Frieden dient und die Sicherheit Europas
erweitert.
Gleichzeitig bieten Rußlands Größe, umfassende
Interessen, Ressourcen und militärische Fähigkeiten
die Grundlage für produktive Beziehungen zur NATO
zusätzlich zu der Partnerschaft für den Frieden.
Entsprechend gestaltet und umgesetzt, können diese
Beziehungen den Interessen aller europäischen
Länder dienen. Vor kurzem haben wir Minister
Gratschow im NATO-Hauptquartier zu einer außerordentlich fruchtbaren Sitzung begrüßt. Wo Rußland
einen konstruktiven Beitrag leisten kann und will,
wären periodische Konsultationen und praktische
Zusammenarbeit außerhalb der Partnerschaft für den
Frieden natürlich und von gegenseitigem Vorteil.
Die nuklearen Fähigkeiten Rußlands bilden beispielsweise eine offensichtliche Grundlage für einen Dialog
über Nukleartragen wie die sichere und geschützte
Zerlegung von Waffen. Die Kooperation zwischen
der NATO und Rußland zur Eindämmung der Verbreitung von nuklearen und anderen Massenver-

Seite 3

�nichtungswaffen würde unsere gemeinsamen Interessen voranbringen.
Die europäischen Staaten könnten natürlich auch
Interessen oder Fähigkeiten besitzen, die "Sechzehn-plus-Eins"-Konsultationen oder die Zusammenarbeit mit ihnen außerhalb der Partnerschaft für den
Frieden gegebenenfalls rechtfertigen. Wir sollten
diese Möglichkeiten befürworten.
Bilaterale Beziehungen zwischen Rußland und den
einzelnen Verbündeten ergänzen Rußlands Beziehungen zur NATO. Die Vereinigten Staaten und die
anderen Verbündeten entwickeln eine bilaterale
politische und militärische Zusammenarbeit, die die
Arbeit des Bündnisses ergänzen wird.
Ich möchte mich jetzt kurz zwei bedeutenden Fragen
zuwenden, die weitreichende Konsequenzen für die
Beziehungen Rußlands zur NATO und den generellen Kurs der europäischen Sicherheit haben.
Erstens hängt die Stabilität Europas von der Respektierung der Souveränität, Unabhängigkeit und
territorialen Integrität aller Staaten ab, die aus dem
sowjetischen Imperium hervorgegangen sind. Wir
sind uns Rußlands berechtigter Sorgen in dieser
Region bewußt, haben jedoch klargestellt, daß kein
Land das Recht zur Übernahme einer Rolle hat, die
nicht mit den internationalen Normen in Einklang
steht.
Ein zweites Schlüsselelement der Stabilität und
Sicherheit Europas ist der Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa. Die Vereinigten Staaten
verpflichten sich zur Aufrechterhaltung der Integrität
des Vertrags auf lange Sicht. Wir begrüßen die
Erörterung aller Fragen bezüglich der Implementierung unter den Signatarstaaten des KSE-Vertrags in
dem von dem Vertrag geschaffenen Forum - der
Gemeinsamen Wiener Konsultativgruppe.
Ein bedeutender Bereich, in dem Rußland und die
Mitglieder des Bündnisses produktiv zusammengearbeitet haben, ist die Herbeiführung von Frieden
im ehemaligen Jugoslawien. Dieses Bündnis - in
der Tat alle mit der Zukunft Europas und den Normen der humanitären Würde befaßten Nationen sind weiterhin zutiefst besorgt über die andauernden
Kämpfe in Bosnien. Dieser brutale und tragische
Konflikt - die grausamsten Kämpfe in Europa seit
1945 - schreit nach einer Lösung.
Wir sind nach wie vor der Überzeugung, daß dieser
Konflikt nur durch Verhandlungen gelöst werden
kann. Wir wissen, daß die NATO keine Lösung
aufzwingen kann. Seit unserem letzten Treffen hat
die NATO die Bestrebungen der Vereinten Nationen
unterstützt, Frieden für das ehemalige Jugoslawien

Seite 4

herbeizuführen. Unsere Bemühungen haben zweifelsohne das Ausmaß an Gewalt und Zerstörung
verringert. Das NATO-Ultimatum vom 9. Februar hat
den Beschuß Sarajevos beendet. Wir haben die
Flugverbotszone über Bosnien durchgesetzt. Die
Entscheidung der NATO vom 22. April beendete die
brutalen Angriffe auf Zivilisten in Gorazde. Wir alle
erkennen die Führungsrolle der italienischen Regierung bei der Bereitstellung von Stützpunkten für
Operationen der Alliierten bei diesem lebenswichtigen
Unternehmen an.
Diese und frühere Aktionen der NATO - einschließlich
der Durchsetzung von Sanktionen - demonstrieren
unsere Fähigkeit, als 16 Verbündete schwierige
Entscheidungen zu treffen.
Die entschlossenen
Aktionen der NATO beweisen, wie Präsident Clinton
es formulierte, daß das Bündnis "in der Zeit nach
dem Kalten Krieg immer noch eine glaubwürdige
Kraft für Frieden sein kann". Diese Aktionen bieten
den Vereinten Nationen weiterhin entscheidende
Unterstützung und retten das Leben Unschuldiger.
Die NATO hat in Bosnien unter Beweis gestellt, daß
sie die einzige internationale Institution mit dieser
Fähigkeit ist.
Wir befinden uns jetzt an einem entscheidenden
Punkt unserer Bemühungen um eine Verhandlungslösung. Gemeinsam haben die Europäische Union,
die Vereinten Nationen, Rußland und die Vereinigten
Staaten gute Fortschritte bei der Zusammenstellung
eines territorialen Vorschlags erzielt, der unseres
Erachtens als vernünftige Basis für eine Lösung
dienen könnte. Unsere Hoffnung ist, daß dieser
Vorschlag von beiden Seiten akzeptiert wird und das
gestrige Waffenstillstandsabkommen ein Schritt zur
landesweiten Einsteilung der Feindseligkeiten ist.
Wenn diese Bestrebungen Erfolg haben, können wir
unsere Aufmerksamkeit und Ressourcen der Aufgabe
zuwenden, ein Friedensabkommen durchzusetzen
und das vom Krieg erschütterte Bosnien wiederaufzubauen. Wir müssen jedoch davon ausgehen, daß
die für den Frieden erforderlichen Kompromisse nicht
leicht erzielt werden. Das Bündnis muß wie bisher
zur Unterstützung des diplomatischen Prozesses
bereit stehen. Und die NATO muß sich weiterhin für
diese Bestrebungen engagieren.
Die internationale Staatengemeinschaft - und insbesondere die NATO - sind mächtige Kräfte, die zur
Lösung dieses Konflikts beitragen. Wir müssen
dabeibleiben, bis die Arbeit vollendet ist. Wir können
den Konflikt eindämmen. Wir können die Gespräche
erleichtern. Wir können bei der Erarbeitung von
Lösungen behilflich sein. Wir können die zur Verwirklichung des endgültigen Abkommens erforderlichen Streitkräfte bereitstellen.
Und ich möchte
ausdrücklich die Verpflichtung der Vereinigten Staa-

AMERIKA DIENST 23

�lebenswichtigen

Ländern zu intensivieren. Die OECD unterzeichnete
auch ein Kooperationsabkommen mit Rußland.

Der Krieg in Bosnien ist weiterhin eine schwerwiegende Bedrohung unseres Ziels eines integrierten
Europa. Er droht andere, noch instabile Demokratien in einen größeren Krieg einzubeziehen. Und
gewalttätiger Nationalismus unterminiert die Sicherheit aller europäischen Nationen.

Wir setzen uns für die Ausweitung der Wirtschaftsinstitutionen nach Osten ein, weil wir uns bewußt
sind, daß das Streben nach Sicherheit in Europa
nicht allein den Sicherheitsinstitutionen überlassen
werden kann. Es muß auch auf dem politischen und
wirtschaftlichen Wiederaufbau der neuen demokratischen Nationen ruhen.
Unsere Erfahrungen in
Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg lehrten uns,
daß wirtschaftliche Integration unabdingbar zur
Verankerung der Stabilität in Nationen ist, die sich im
Wiederaufbau befinden. Aus diesem Grund müssen
wir die verbliebenen Handelsschranken abbauen, die
Exporte des Ostens und sein Potential für dauerhaftes Wachstum behindern.

ten zur Beteiligung an dieser
Aufgabe bekräftigen.

Die Vereinigten Staaten verpflichten sich zu größerer
Integration aller europäischen Demokratien - Ost und
West. Wir sind entschlossen, die Vorteile - und
Pflichten - der gleichen liberalen Handels- und
Sicherheitsordnung auf den Osten auszuweiten, die
Säulen der Stärke für den Westen waren. Dies ist
der beste Weg zur Sicherstellung der Vorteile der
Demokratie im Osten. Dies ist der beste Weg zu
gewährleisten, daß niemals wieder ein größerer
Krieg Europa verschlingt.
Gestern waren viele von uns anwesend, als die
OECD in Paris die Entscheidung zur Aufnahme der
Verhandlungen über die Mitgliedschaft mit den
Visegrad-Ländern traf. Wir beschlossen, die OECDAktivitäten in anderen mittel- und osteuropäischen

*

AMERIKA DIENST 23

Mit dem Ende des Kalten Krieges müssen die Türen
des Westens offen für offene Gesellschaften und
offene Märkte im Osten sein. Mit der größeren
Reichweite der NATO und von Organisationen wie
der OECD, EU und dem GATT werden wir den
Wohlstand eines ungeteilten Europa mehren und die
Sicherheit stärken, die dieses Bündnis weiterhin
erhält.

* * *

*

Seite 5

�WIRTSCHAFT
15. Juni 1994

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN
Ron Brown vor der American Chamber of Commerce
Düsseldorf - (AD) - Am 9. Juni 1994 bezeichnete der amerikanische Wirtschaftsminister Ron Brown in
Düsseldorf vor der American Chamber of Commerce in Germany die Förderung von Wirtschaftswachstum
"in den neunziger Jahren und im 21. Jahrhundert" als Grundlage der Wirtschaftsstrategie der ClintonAdministration. Brown nannte Deutschland den wichtigsten Markt für die Stärkung der amerikanischen
Wirtschaftspräsenz in Europa und die Initiative Showcase Germany die Vorhut eines dramatischen
Wachstums amerikanischer Wirtschaftsaktivitäten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Wirtschaftsminister Brown.

Meine Damen und Herren, es ist mir eine Freude
und eine Ehre, hier sein zu dürfen. Die American
Chamber of Commerce in Germany spielt bei der
Stärkung der engen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten
eine führende Rolle.
Im Rahmen dieser engen Beziehungen besteht
jedoch ein starker und andauernder Wettbewerb, bei
dem es um Millionen von Arbeitsplätzen und Milliarden Dollar geht. Die Gesundheit, die Wettbewerbsfähigkeit und der Wohlstand multinationaler Unternehmen sind für eine gesunde Binnenwirtschaft
unserer beiden Nationen von grundlegender Bedeutung.
Ich werde heute darüber sprechen, wie die USRegierung meiner Ansicht nach - im Gefolge von
vielleicht erfahreneren Handelsnationen wie beispielsweise Deutschland - enger mit der Privatwirtschaft zusammenarbeiten kann um sicherzustellen,
daß amerikanische Unternehmen effizienter arbeiten
und auf der internationalen Bühne mehr Erfolg
haben.
Zunächst einmal möchte ich betonen, daß es für
mich keine Frage ist, daß Sie - als Mitglieder der
amerikanischen und deutschen Wirtschaft - Vertreter
der wettbewerbsfähigsten, fortschrittlichsten und
erfolgreichsten Unternehmen der Welt sind.

AMERIKA DIENST 23

Diese Attribute alleine garantieren noch keinen
Absatz und Wachstum.
Ein günstiges Umfeld und die aktive Unterstützung
des öffentlichen Sektors können selbst den wettbewerbsfähigsten Unternehmen enormen Auftrieb
geben.
Der öffentliche Sektor kann niemals den Privatsektor
verdrängen. Wir können und sollten jedoch Ihr
Partner werden: Eine kräftige Stimme für freien und
fairen Handel, ein Partner bei der strategischen
Planung, der Trends verzeichnet und entstehende
Sektoren und Märkte anvisiert und ein wirklicher
Fürsprecher, wenn Fürsprache hilfreich sein könnte.
Zur Zeit wird die Aufgabe, amerikanische Unternehmen hier und auf der ganzen Welt zu unterstützen, durch eine politische Auseinandersetzung in
unserem Land über die Abkommen der UruguayRunde erschwert. Ich bin zuversichtlich, daß wir die
Zustimmung erhalten. Besorgt bin ich jedoch angesichts einer Parallele zwischen dieser Debatte und
derjenigen, die die Annahme des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) zu einem so
mühsamen Unterfangen machte: Wohin man schaut,
rüsten sich die Gegner zum Kampf.
Man sieht jedoch nicht, daß diejenigen, die um die
Bedeutung einer Annahme des aus der UruguayRunde hervorgegangenen Abkommens wissen,

Seite 1

�ebenfalls Vorbereitungen treffen, um zurückzuschlagen.
Im vergangenen Jahr exportierten amerikanische
Unternehmen Güter und Dienstleistungen im Wert
von 19 Milliarden Dollar nach Deutschland - und im
Wert von 120 Milliarden Dollar nach Europa als
Ganzes. Zwei Millionen amerikanischer Arbeitsplätze hängen vom Handel mit Europa ab - und zwei
Millionen Familien benötigen das GATT, um die
Ausbildung ihrer Kinder zu finanzieren und ihre
Hypotheken abzahlen zu können. Allein der Absatz
von in Deutschland angesiedelten Tochtergesellschaften amerikanischer Unternehmen bewegt sich
jährlich in der Größenordnung von nahezu 200
Milliarden Dollar. Hierher stammen die Milliarden
Dollar an Dividenden aus Aktienbesitz, die Rentenfonds oder die F&amp;E-Ausgaben, die die nächste
Produktgene ratio n und Profite hervorbringen.
Es steht viel auf dem Spiel. Wir brauchen Ihre Hilfe,
um unserer Botschaft Gehör zu verschaffen.
Die Wirtschaftsstrategie der Clinton-Administration
beruht auf einer einzigen, einfachen Annahme: Die
Förderung von Wirtschaftswachstum in den neunziger Jahren und im 21. Jahrhundert bedeutet, uns
den immer schnelleren Wandel in der uns umgebenden Welt zu eigen zu machen, anstatt sich ihm zu
widersetzen.
Dieses Jahr führten mich meine Dienstreisen in ein
kapitalistisches Rußland, zur Amtseinführung eines
Präsidenten schwarzer Hautfarbe nach Südafrika,
und nach den Feierlichkeiten aus Anlaß des 50.
Jahrestages der Landung der Alliierten in der Normandie in ein geeintes Deutschland, das in Kürze
die Präsidentschaft der Europäischen Union übernehmen wird. Das ist atemberaubend. Diese
Ereignisse demonstrieren, daß es nicht nur nutzlos,
sondern sogar schädlich ist, sich gegen Wandel zu
sträuben.
Zum dritten Mal in diesem Jahrhundert finden bei
den deutsch-amerikanischen Beziehungen dramatische Veränderungen statt. Der ehemalige Grundstein eines multinationalen, auf die Eindämmung des
Kommunismus abzielenden Militärbündnisses muß
jetzt Mittelpunkt multinationaler Handelsbeziehungen
werden, welche die Vorteile des Kapitalismus ganz
Europa zugänglich machen.
Das US-Wirtschaftsministerium erfüllt unsere Bestrebungen in den neuentstehenden großen Märkten China, Indien, Polen und Türkei - mit neuem Leben.
Deutschland mit seinen engen Beziehungen zu
Mittel- und Osteuropa sowie Rußland und den
Neuen Unabhängigen Staaten (NUS) kann und muß

Seite 2

bei der Unterstützung des Übergangs dieser Nationen
zu Demokratie und Marktwirtschaft eine Schlüsselrolle
spielen.
Wir in den Vereinigten Staaten bemühen uns um ein
Gleichgewicht zwischen unserem Streben nach
Innovation und erneuter Konzentration auf den
Handel - ebenso wie Europa und Japan, die heute
den Großteil des Welthandels abwickeln.
In Zeiten beschleunigten Wandels und der Unsicherheit ist eine starke und verläßliche Partnerschaft
zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland
gleichermaßen ermutigend und vorteilhaft. Unsere
Regierungen und unsere Unternehmen sind - aufgrund langjähriger Erfahrung und Bündnisse - in der
Lage, über vorübergehende Unstimmigkeiten hinaus
langfristig zu handeln, um eine für beide Seiten
vorteilhafte Freundschaft zu stärken und zu vertiefen.

*

Meines Erachtens wird eine wachsende Superstruktur
von Lizensierungen, Joint Ventures und F&amp;D-Abkommen zwischen amerikanischen und deutschen
Unternehmen beide Nationen stärker in die Lage
versetzen, die Chancen des 21. Jahrhunderts auf
diesen neuentstehenden und im Übergang befindlichen Märkten zu ergreifen.
Trotz einer rezessionsbedingten Wachstumslücke bei
unserer bilateralen Handelsbilanz war Deutschland
der fünftgrößte Handelspartner der Vereinigten
Staaten und unser zweitgrößter Partner in Europa.
Der Handel zwischen unseren beiden Ländern belief
sich 1993 auf 48 Milliarden Dollar. Die Vereinigten
Staaten und Deutschland wetteifern jährlich um den
Titel der größten Exportnation der Welt.
Deutschland wurde tatsächlich als wichtigster Markt
für die Stärkung der amerikanischen Wirtschaftspräsenz in Europa ausgewählt. Ich möchte jetzt kurz
auf das Modell Showcase Germany eingehen.
Showcase Germany wird hier und in ganz Europa
die Vorhut eines dramatischen Wachstums amerikanischer Wirtschaftsaktivitäten bilden.
Eine der Säulen von Showcase Germany ist die
Wiedereröffnung des amerikanischen Generalkonsulats als American Business Center. Das Dusseldorfer American Business Center wird sich auf
Wirtschaftsaktivitäten und die Förderung des Handels
konzentrieren, insbesondere auf den wachsenden
Messen in Köln, Essen und Düsseldorf.
Düsseldorf, die Hauptstadt Nordrhein-Westfalens, ist
der Anker einer Region, in der ein Fünftel des gesamten deutschen Bruttosozialprodukts erwirtschaftet
wird.

AMERIKA DIENST 23

'

�Dieses Gebiet fördert die Aktivitäten von 600 amerikanischen Unternehmen. Ferner ist dort die zweithöchste Konzentration japanischer Firmen außerhalb
Japans zu finden, und somit wurden der Generalkonsul und seine Stellvertreterin teilweise aufgrund
ihrer Asienerfahrungen sowie ihres europäischen
Hintergrunds ausgewählt.
Angesichts des geplanten Umzugs der US-Botschaft
nach Berlin hält die Wiedereröffnung des Konsulats
die amerikanische Präsenz in einer wirtschaftlich
lebenswichtigen Region aufrecht und betont erneut
die Bedeutung, die wir den deutsch-amerikanischen
Beziehungen in der Zeit nach dem Kalten Krieg
beimessen.

nische Präsenz bei den großen deutschen Messen aufbauen und eine größere Zahl europäischer
Käufer anziehen, die auf dem Messegelände
Kontakt zu den amerikanischen Ausstellern
knüpfen.
In Zusammenarbeit mit dem deutschen Wirtschaftsminister errichten wir mehrere Handelsund Investitionsmissionen in den neuen Bundesländern - einer Region, die von amerikanischen
Wirtschaftsvertretern oftmals übersehen wird.

Angesichts der Bedeutung dieser Aufgabe haben wir
den neuen Generalkonsul aus den Reihen der
Handelsabteilung im US-Wirtschaftsministerium
(Foreign Commercial Service - FCS) ausgewählt:
Wir entschieden uns für Thomas "Lee" Boam.

Im September veranstaltet Botschafter Holbrooke
in Berlin eine Konferenz "Neue Traditionen", an
der ich gerne teilnehmen möchte. Vertreter der
deutschen und amerikanischen Wirtschaft werden
die Zukunft der bilateralen Geschäfts- und Wirtschaftsbeziehungen erörtern. Die für den 8. bis
10. September anberaumte Konferenz fällt zeitlich
mit den Feierlichkeiten aus Anlaß des Abzugs der
Berlin Brigade zusammen.

Lee hat viel Zeit in Deutschland verbracht, und viele
von Ihnen haben ihn sicher während seiner zehnjährigen Tätigkeit für den Foreign Commercial Service
in Stuttgart, Frankfurt und Berlin kennengelernt. Wir
haben ihn gebeten, seinen derzeitigen Posten in
Hongkong frühzeitig zu verlassen, um diese Herausforderung anzunehmen.

Wir gestalten die Präsenz der US-Regierung in
Europa effektiver, um Ihnen stärkere Unterstützung
anbieten zu können. Botschafter Holbrooke hat alle
Mitarbeiter der US-Botschaft angewiesen, wie Wirtschaftsbeamte zu handeln und zu denken und Hand
in Hand mit den acht Büros des Foreign Commercial
Service in Deutschland zu arbeiten.

Ein neues American Business Center ist jedoch
nur ein Teil unserer umfassenden Bemühungen um
eine Partnerschaft. Showcase Germany wird auf
zwei Gleisen Fortschritte machen:

Marktchancen als Ergebnis politischer Initiativen: Auf den Gebieten, auf denen durch die
Liberalisierung des deutschen und europäischen
Marktes und die Deregulierung protektionistische
Hemmnisse abgebaut werden, unterstützen wir
amerikanische Unternehmen durch Frühwarnprogramme und Fürsprache für amerikanische
Bewerber bei größeren Projektausschreibungen.
Für Deutschland scheinen Telekommunikation,
Energie und Umwelt die vielversprechendsten
Sektoren zu sein.

Erstens wollen wir das Profil amerikanischer Unternehmen verbessern, die in Deutschland tätig werden
wollen - wir machen amerikanische Verkäufer und
deutsche Abnehmer miteinander bekannt und
überlassen ihnen alles weitere.
Zweitens unterstützen wir amerikanische Unternehmen durch eine Vielzahl von Dienstleistungen,
Daten und Empfehlungen.
Wir haben eine Reihe von Initiativen zur Förderung
von Kontakten zwischen deutschen und amerikanischen Unternehmen eingeleitet:
Die Initiative Hauptkunden wird deutsche Abnehmer mit einer größeren Auswahl amerikanischer Technologie bekannt machen, insbesondere mit dem Angebot kleinerer, in Deutschland
noch nicht so bekannter Unternehmen.
Ferner haben wir großes Interesse an der Initiative Showcase Germany auf Handelsmessen, durch die wir auf die bereits starke amerika-

AMERIKA DIENST 23

Im Januar wurde in Frankfurt das erste gemeinsame Business Information Center des Foreign
Commercial Service und des US-Informationsamts
(United States Information Service - USIS) eröffnet, um an einem Ort erleichterten Zugang zu
Wirtschafts- und Handelsdienstleistungen zu
gewähren. Weitere Business Information Centers existieren in Berlin, Köln, Hannover und
München; für Hamburg, Leipzig und Stuttgart ist
ihre Eröffnung geplant.
Wirtschaftsförderung durch die Konsulate:
Konsularbeamte in Deutschland fördern jetzt
durch ihre Kontakte mit Antragstellern für Wirtschafts- und Investitionsvisa die Wirtschaftsinteressen der Vereinigten Staaten. In den Konsular-

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�abteilungen in Bonn, Berlin, Frankfurt, Hamburg
und München wurden Business InformationStellen eingerichtet.
Im September konsolidiert die US-Regierung ihre
Unterstützung im landwirtschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich in Hamburg. Wir hoffen,
daß die gemeinsame Ansiedlung von Wirtschaftsund Landwirtschaftsbeamten einen synergetischen Effekt bei der Erhöhung von Exporten in
dieser bedeutenden norddeutschen Stadt haben
wird.
Das Programm Showcase Germany ist jedoch in
vielerlei Hinsicht nur die Spitze des Eisbergs - ein
kleiner Teil der politischen Initiativen der ClintonAdministration zur Förderung von Geschäftsabschlüssen und Exporten.
Wir haben das Haushaltsdefizit unter Kontrolle
gebracht, unsere feste Entschlossenheit demonstriert, unsere internationale Position verbessert und
die Zinssätze niedrig gehalten.
Wir haben das Exportkontrollregime gelockert und
die Lizenzverfahren für amerikanische Hochtechnologieunternehmen vereinfacht, was der Regierung
erlaubt, sich stärker auf die wirklich gefährlichen
Nationen und Technologien zu konzentrieren. Unser
neuer Ansatz gestattet beispielsweise die Ausweitung des Verkaufs von Satellitenaufnahmen sowie
den Export von Fernerkundungssystemen.
Diese Politik sollte in Europa tätigen amerikanischen
Luftfahrtunternehmen die Chance zu effektiverem
Wettbewerb auf einem 400 Millionen Dollar-Weltmarkt eröffnen - einem Markt, der bis zum Jahr 2000
auf mehr als 2 Milliarden Dollar anwachsen könnte.
Der Markt für geographische Informationssysteme für Bilder, die demographische oder technische
Daten mit digitalen Karten verbinden - könnte zur
Jahrhundertwende zwischen 5 und 15 Milliarden
Dollar betragen.
*

Seite 4

*

Wir haben das NAFTA angenommen und die Uruguay-Runde nahezu zum Abschluß gebracht.
Wir wurden unermüdliche Fürsprecher der Geschäftswelt, angefangen mit Präsident Clinton. Und
die Ergebnisse sind bereits sichtbar - Düsenflugzeuge
und Telekommunikationsmittel für Saudi Arabien, eine
Verschiebung und möglicherweise Aufhebung massiver Zollerhöhungen in Rußland, Joint Ventures und
neue Initiativen in Südafrika.
Der Zweck ist jedoch in jedem Bereich der gleiche:
Eine effektivere Zusammenarbeit mit der amerikanischen Wirtschaft in einer im Wandel begriffenen Welt.
Bill Clinton wurde zum Präsidenten gewählt, um in
Amerika Arbeitsplätze zu schaffen.
Früher konnte das durch alleinige Konzentration auf
die Binnenwirtschaft getan werden. Aber die von uns
geschaffenen drei Millionen Arbeitsplätze - und die
steigenden Unternehmensgewinne, die diese Einstellungen begleiteten - waren hauptsächlich das
Ergebnis eines weltwirtschaftlichen Ansatzes.
In Deutschland, ganz Europa, in allen Mitgliedstaaten
der Uruguay-Runde wird sich die Geschwindigkeit
des Wandels weiter beschleunigen, der Wettbewerb
zunehmen und die nationale Sicherheit enger an die
wirtschaftliche Leistung gebunden. Nur durch die
Kombination der Ressourcen des öffentlichen und
privaten Sektors können die Vereinigten Staaten den
Wohlstand und die Sicherheit erreichen, die sie
anstreben. Die Clinton-Administration ist Ihr Fürsprecher und Ihr Partner.
Wenn die Regierung und der Privatsektor weiterhin
effektiv zusammenarbeiten und langfristige Ziele im
Auge behalten, können wir sowohl den amerikanischen Familien als auch den Familien in ganz Deutschland und Westeuropa zu einem neuen Maß an
Wohlstand verhelfen.

*

*

AMERIKA DIENST 23

�ARB E I T S W E L T
15. Juni 1994

REICH FORDERT INTERNATIONALE ARBEITSNORMEN
Ansprache von Arbeitsminister Reich vor der IAO
GENF - (AD) - Der amerikanische Arbeitsminister Robert Reich forderte die Annahme "grundlegender
Arbeitsnormen", die jedes Land der Welt einhalten sollte.
In seiner am 9. Juni 1994 bei der 81. Sitzung der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) gehaltenen Rede
äußerte Reich, solch grundlegende Normen sollten das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit bei der
Herstellung kommerzieller Produkte beinhalten sowie ein Ende der Einschränkung der Koalitionsfreiheit der
Arbeitnehmer oder des Rechts von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf Tarifverhandlungen.
Reich erklärte ferner, er werde Präsident Clinton die Ratifizierung einer wichtigen Konvention der IAO durch
den Senat empfehlen und teilte mit, derzeit würde eine zweite Konvention ausgehandelt.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Arbeitsminister Reich.

Es ist mir eine Ehre, an dieser 81. Sitzung der
Internationalen Arbeitsorganisation teilnehmen zu
dürfen. Ich gratuliere Charles Gray zu seiner Wahl.
Ferner entbiete ich IAO-Generaldirektor Michel
Hansenne meine Glückwünsche zu seinem anregenden Bericht an diese Konferenz. Es handelt sich um
ein vorausschauendes Dokument, das einen wertvollen Rahmen für die Debatte über die Integration von
Arbeitsnormen und handelspolitischen Tagesordnungen darstellt.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich das
dauerhafte Engagement der Vereinigten Staaten für
die Belange der IAO bekräftigen und die pragmatischen Bestrebungen dieser Organisation zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf der ganzen Welt
begrüßen.
Mit Stolz kann ich berichten, daß sich die ClintonAdministration der Ratifizierung der wichtigsten
Konventionen der IAO verpflichtet hat. Vor meiner
Reise nach Genf habe ich dem Präsidenten empfohlen, die Ratifizierung von Konvention 150 durch den
Senat anzustreben, und wir beteiligen uns an den
trilateralen Gesprächen über Konvention 111.
Wir befinden uns an einem besonders angemessenen Punkt in der Geschichte, um die von der IAO
geleistete Arbeit zu würdigen. Dieses Jahr markiert
nicht nur den 75. Jahrestag der Gründung der IAO,
sondern auch den 50. Jahrestag der Erklärung von

AMERIKA DIENST 23

Philadelphia, dem bislang vielleicht ehrgeizigsten
Versuch, einer internationalen Position zu Arbeitsnormen Ausdruck zu verleihen. Heute hat die Frage
internationaler Arbeitsnormen jedoch zusätzliche
Betonung erhalten, was in Marrakesch durch die
Anerkennung symbolisiert wurde, daß Arbeitsnormen
bei der Formulierung der Aufgaben der neuen
Welthandelsorganisation (World Trade Organization WTO) in Betracht gezogen werden müssen.
Wir sind aus der konzeptuellen Sackgasse herausgekommen, welche die internationale Staatengemeinschaft so lange belastet hat. Nur wenige sind bereit
öffentlich zu behaupten, Arbeitsnormen seien zwar
hervorragend, jedoch rein innenpolitische Belange.
Es gibt auch nur wenige unvoreingenommene Befürworter des anderen Extrems, die Normen müßten in
jedem Land identisch sein. Wir haben die unerläßliche Voraussetzung eines Abkommens erreicht - den
Konsens, einen Mittelweg zu suchen.
Während wir ihn noch ausarbeiten, möchte ich die
Rechtmäßigkeit einer Definition absoluter Normen
geltend machen, deren Einhaltung von jedem Land
erwartet wird. Einige Praktiken am Arbeitsplatz
schließen manche Länder einfach aus der Gemeinschaft zivilisierter Nationen aus. Wie können diese
grundlegenden Arbeitsnormen definiert werden? Hier
müssen wir zunächst auf die Internationale Arbeitsorganisation blicken, deren Arbeit eine solide Grundlage für alle Bestrebungen zur Entwicklung von Listen

Seite 1

�verbotener Praktiken bietet. Jede dieser Listen
umfaßt zweifellos durch Zwangs- oder Sklavenarbeit
hergestellte Waren. Einige Formen der Kinderarbeit
- beispielsweise die Arbeit sehr kleiner Kinder verstoßen ebenfalls gegen die universellen Normen,
selbst in den ärmsten Ländern. Armut ist auch kein
stichhaltiger Vorwand für die Einschränkung der
Versammlungs- und Koalitionsfreiheit oder des
Rechts von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf
Tarifverhandlungen.
Über die kurze Liste grundlegender Arbeitsnormen
hinaus müssen die Urteile stärker von den jeweiligen
Bedingungen abhängig gemacht werden.
Die
internationale Staatengemeinschaft kann keinesfalls
den Versuch unternehmen, Arbeitszeit, Mindestlöhne, Sozialleistungen, Gesundheits- oder Sicherheitsnormen zu diktieren, die jenen in den Vereinigten Staaten oder anderen Industrienationen
entsprechen. Die Überzeugung, daß die Entwicklungsländer reicher werden müssen, um ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern - und
zu diesem Zweck Handel treiben müssen - ist
fundiert. Diese Beobachtung enthält jedoch das
implizite Zugeständnis, daß Normen nicht statisch
sein sollten, daß die Fähigkeit eines Landes, seinen
Bürgern bessere Arbeitsbedingungen anzubieten, mit
dem zunehmendem Grad seiner Entwicklung steigt
und internationale Erwartungen ebenfalls entsprechend steigen könnten.
Obwohl es weder fair noch realistisch ist darauf zu
bestehen, daß Arbeitsnormen in Entwicklungsländern
mit denen in den reicheren Ländern identisch sein
sollten, kann man zu Recht erwarten, daß sich die
Arbeitsnormen mit zunehmendem Entwicklungsgrad
verbessern.
Diese Erwartung spiegelt sowohl
moralische als auch materielle Interessen wider.
Länder mit einem steigenden Lebensstandard für die
Massen bieten auch einen Markt für die Exporte
anderer Staaten. Somit haben alle Länder ein
ökonomisches Interesse an verbreitetem Wohlstand
im Ausland. Freier Handel ist hierzu das Mittel, nicht
der Zweck. Das Ziel ist ein höherer Lebensstandard
weltweit. Wenn ein Land jedoch eine Politik verfolgt,
die auf die Einfrierung des Lebensstandards auf
niedrigem Niveau und die Beschränkung der Vorteile
des Handels auf eine kleine Elite abzielt, wird das
Versprechen offenen Handels verkehrt und seiner
logischen Grundlage beraubt.
Wenn die Welt zu Recht erwarten kann, daß Wachstum in der Dritten Welt mit verbesserten Arbeitsbedingungen einhergeht, welche Kriterien - die über
die Verletzung absoluter Normen hinsichtlich
Zwangs-, Sklaven- und Kinderarbeit sowie offenkundige Beschränkungen der Versammlungs- und
Koalitionsfreiheit hinausgehen - könnten dann einen

Seite 2

Leitfaden dafür bieten, worauf die internationale
Staatengemeinschaft ihre Aufmerksamkeit richten
sollte?
Ich möchte einen aus zwei Teilen bestehenden Test
vorschlagen. Der erste betrifft demokratische Institutionen, der zweite Trends.
Arbeitsbedingungen werden sowohl von wirtschaftlichen als auch von politischen Faktoren bestimmt, und
die Auswirkungen sind schwer auseinanderzuhalten.
Die Existenz demokratischer Institutionen - Pluralismus, Rede- und Pressefreiheit, saubere Wahlen geben Anlaß zu der Überzeugung, daß niedrige
Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen mit ökonomischen Beschränkungen in Verbindung stehen. Je
weniger demokratisch ein Land ist, desto größerer
Anlaß besteht zu Mißtrauen, daß Arbeitsnormen
unterdrückt werden, um engstirnigen kommerziellen
Interessen oder einem irregeleiteten merkantilistischen Impuls der Eliten zu dienen.
Im Falle einigermaßen gefestigter demokratischer
Institutionen können wir demnach vermuten, daß
Arbeitsnormen ein Spiegelbild dessen sind, was sich
ein Land angesichts seines Entwicklungsstandes
leisten kann. Was gilt jedoch für Länder mit schwachen oder nicht vorhandenen demokratischen Institutionen?
Ungleichheit ist eine weitere Meßlatte. Das Leben
schlechtbezahlter Arbeitnehmer sollte sich verbessern, nicht verschlechtern, wenn Handel und Investitionen das Volkseinkommen erhöhen. Die Kluft
zwischen reich und arm sollte mit zunehmendem
Entwicklungsgrad schmaler, nicht breiter werden.
Wenn ein Land nicht über demokratische Institutionen
verfügt und nicht allen die Vorteile des Wachstums
zukommen läßt, könnten andere Länder zu Recht
den Schluß ziehen, daß Arbeitsnormen nicht auf die
Armut an sich zurückzuführen sind, sondern auf
politische Entscheidungen, die Entwicklung und die
Wirtschaftsstruktur verzerren.
Der von mir umrissene vorläufige Rahmen befaßt
sich nur mit der Diagnose, nicht mit dem Rezept.
Welche Antwort sollte die internationale Staatengemeinschaft auf Maßnahmen geben, welche die von
ihr artikulierten Nuimen verletzen?
In diesem Zusammenhang möchte ich mich auf drei
allgemeine Prinzipien beschränken. Erstens sollte
jede Intervention vorzugsweise multilateral genehmigt
und durctigeführt werden, um die Expertise globaler
Organisationen auszunutzen und die Chance zu
erhöhen, daß diese intervention wirksam ist.

AMERIKA DIENST 23

�Zweitens sollte es eine Reihe potentieller Antworten
auf den Mißbrauch von Arbeitsnormen je nach deren
Natur und Schwere geben. Diese könnten technische Hilfe zur Förderung von Verbesserungen
umfassen, Vorschriften zum Aufdecken von Mißbrauch, eine Verweigerung des Anspruchs auf
internationale Kredit- und Darlehensprogramme
sowie gezielte handelspolitische Maßnahmen.
Das dritte Prinzip, das den beiden anderen Auftrieb
verleiht, ist Pragmatismus. Der Zweck jeder Intervention muß in der Herbeiführung von Wandel in
den die Normen verletzenden Nationen liegen.
Eingehende Untersuchung und Analyse auf jeder
Stufe müssen die Bestrebungen der internationalen
Staatengemeinschaft zur Verbesserung von Arbeitsnormen durchsetzen. Und wir dürfen nicht die

* *

AMERIKA DIENST 23

Tatsache aus den Augen verlieren, daß der Handel
an sich - durch die Öffnung der Wirtschaft für externe
Einflüsse und Ermöglichung eines breiteren Spektrums innenpolitischer Interessen - ein Katalysator für
progressiven Wandel sein kann.
Die Entwicklung eines detaillierten Programms für die
Förderung internationaler Arbeitsnormen wird uns bis
zum Ende dieses Jahrhunderts und vielleicht sogar
darüber hinaus beschäftigen. Wir dürfen bei der
Fortsetzung, Ausweitung und praktischen Umsetzung
der Kernaufgaben der IAO keine Zeit verschwenden.
Wir hoffen und erwarten, daß sich die Welthandelsorganisation das herausragende Wissen und die
Expertise der IAO zunutze machen wird, während sie
die Rolle angemessener Arbeitsnormen in einer
zunehmend integrierten Weltwirtschaft erörtert.

*

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Seite 3

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