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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

1. Juni 1994

21

AUSSENPOLITIK

USA HABEN DIE CHANCE ZUR VERBREITUNG
VON DEMOKRATIE
Rede von Präsident Clinton vor der Naval
Academy

NATO

ANPASSUNG DER NATO AN NEUE ÄRA
ERFORDERT KONTINUIERLICHE
AUFMERKSAMKEIT
Rede von Verteidigungsminister Perry

RÜSTUNGSKONTROLLE

TRANSPARENZ WICHTIG FÜR GLOBALE
SICHERHEIT
Rede von ACDA-Direktor Holum

SPORT

"LIEBE IST WIE EIN BASEBALLSPIEL":
ZUSCHAUERSPORTARTEN
UND
DIE
AMERIKANISCHE KULTUR (I)
von John R. Eidson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK
1. Juni 1994

USA HABEN DIE CHANCE ZUR
VERBREITUNG VON DEMOKRATIE
Rede von Präsident Clinton vor der Naval Academy
ANNAPOLIS - (AD) - Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Vereinigten Staaten Präsident Clinton
zufolge die Chance "zur Verbreitung von Demokratie und wirtschaftlichem Fortschritt in ganz Europa und bis
in die entlegensten Teile der Welt".
In einer Rede bei der Abschlußfeier an der U.S. Naval Academy in Annapolis stellte der Präsident am 25. Mai
1994 fest: "Der erste Schritt dieser Mission besteht in der Bewahrung der Sicherheit unserer eigenen Nation,
und Sie werden durch Ihren heutigen Abschluß dazu beitragen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.
Es ist mir eine große Ehre, mit Ihnen zusammen
diesen feierlichen Augenblick zu begehen. Ich freue
mich, am Vorabend des 150. Jahrestages der
Akademie wieder hier sein zu können.
Seit 1845 hat die U.S. Naval Academy für unsere
Marine, unsere Marineinfanteristen und unsere
gesamte Nation eine herausragende Führungsrolle
übernommen, und ich kann mir keinen wertvolleren
Beitrag vorstellen.
Nächste Woche werde ich die ehrenvolle Pflicht
haben, unsere Nation in Europa bei den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Invasion in der Normandie zu vertreten. Der Zweite Weltkrieg markierte den
Wendepunkt in unserem Jahrhundert, als wir uns mit
unseren Verbündeten zusammenschlössen, um ein
dunkles Kapitel der Diktatur, der Aggression und des
Terrors abzuschließen und Demokratie und Freiheit
den Weg zu ebnen, die sich bis zum heutigen Tag
in der Welt ausbreiten.
Der Zweite Weltkrieg steht auch für ein Zeitalter der
Opfer, die in unserer gesamten Geschichte ihresgleichen suchen. Nahezu 400.000 unserer Landsleute verloren ihr Leben. Über eine halbe Million
weitere wurden verwundet.
An die Angehörigen des Abschlußjahrgangs 1994
gerichtet, möchte ich sagen: Die Generation meiner
Eltern und Ihrer Großeltern hat ihre Arbeit nicht mit
der Befreiung Europas und dem Sieg im Pazifik

AMERIKA DIENST 21

beendet. Sie kamen zurück, um zu Hause Wunder
zu vollbringen. Sie entwarfen das Gl-Gesetz, damit
die Helden der Freiheit wieder ins bürgerliche Leben
zurückkehren, Erfolg haben und starke Familien und
starke Gemeinden gründen konnten. Sie bauten
unser Autobahnnetz auf. Sie machten unsere
Volkswirtschaft zu einem weltweiten Wunder. Sie
schmiedeten die Instrumente für internationale
Sicherheit und Handel, mit denen die Länder unserer
früheren Verbündeten und unserer ehemaligen
Feinde wiederaufgebaut werden und wir schließlich
den Kalten Krieg gewinnen konnten. Wir erlebten
Jahrzehnte des Friedens und Wohlstands.
Heute sind wir hier zusammengekommen, um Ihren
Abschluß an dieser Akademie und Ihr Offizierspatent
für die US-Marine und das Marineinfanteristenkorps
zu feiern. Dabei stellt sich Ihnen die Frage, ob Ihre
Generation ebenso viel leisten wird wie die Generation des Zweiten Weltkriegs.
In letzter Zeit wurden einige Bücher über Ihre Generation geschrieben, in denen festgestellt wird, so viele
Ihrer Altersgruppe seien fatalistisch und zynisch, es
sei eine Art Generation X, die glaubt, die besten
Tage Amerikas lägen hinter uns und es gäbe keine
großen Taten mehr zu vollbringen. Nun, dieser
Jahrgang ist ein Gegenbeweis für Zyniker jeglichen
Alters.
Ich respektiere Ihre Entscheidung zutiefst, unserer
Nation zu dienen. Ihr Dienst kann in den kommen-

Seite 1

�den Jahren vielfältige Formen annehmen - das
Kommando über Schiffe im Kampf, die Ausbildung
von Kampfpiloten, die Leitung eines Unternehmens,
und vielleicht sitzt einer von Ihnen eines Tages
sogar im Oval Office. Unabhängig von ihrem
bisherigen Verlauf wird Ihre Karriere Opfer verlangen, Zeit, die nicht mit den Angehörigen verbracht
werden kann, und die Möglichkeit bergen, den
Dienst im Angesicht von Gefahr verrichten zu
müssen. Wo immer Ihre Laufbahn Sie hinführen
mag - zweifelsohne verstehen Sie das Gebot der
Bürgerpflicht. Es gibt keinen besseren Weg als den
von Ihnen gewählten und den Eid, den Sie ablegen
werden.
Die Herausforderung für Ihre Generation lautet, sich
der Taten Ihrer Vorgänger zu erinnern und jetzt auf
ihre Arbeit in einer neuen und völlig veränderten
Welt aufzubauen. Die Weltkriege sind vorüber, der
Kalte Krieg wurde gewonnen. Jetzt ist es unsere
Aufgabe, den Frieden zu gewinnen.
Ich bin heute hierhergekommen, weil ich Amerika
wissen lassen möchte, daß es keine bessere Marine
in der Welt als die US-Marine und keine bessere
Ausbildungsstätte für Führungspersonal der Marine
gibt als die United States Naval Academy. Sie
haben mein Vertrauen, und Sie haben das Vertrauen
Amerikas.
Dies ist eine Zeit der Herausforderungen für Angehörige der Marine, weil wir uns in einem neuen
Zeitalter der internationalen Angelegenheiten befinden. Als dieser Jahrgang im Juni 1990 in die
Akademie eintrat, waren Israel und die PLO zutiefst
verfeindet, Südafrika lebte unter dem Apartheidregime, Moskau, Kiew und Riga gehörten noch zur
Sowjetunion, und die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion hatten ihre Nuklearwaffen noch immer
in massiver Anzahl gegeneinander gerichtet. Aber
jetzt ist Nelson Mandela Präsident von Südafrika. Im
Nahen Osten werden zwischen Israel und der PLO
sowie den anderen Parteien echte Fortschritte
erzielt. Wo der Kreml einstmals seinen Willen
aufzwang, ringt eine Reihe neuer freier Staaten jetzt
mit der Last der Freiheit. Und die Vereinigten
Staaten und Rußland haben endlich ihre Nuklearwaffen nicht mehr gegeneinander gerichtet.
Diese erstaunlichen Veränderungen machen unsere
Nation sicherer. Sie gestatten uns auch, mehr
Ressourcen für die tiefgreifenden Herausforderungen
freizusetzen, mit denen wir uns hier im Inland
konfrontiert sehen - von der Bereitstellung von
Arbeitsplätzen für unsere Mitbürger über bessere
Bildung und Ausbildung für alle bis zu größerer
Sicherheit auf unseren Straßen, der Gewährleistung
von medizinischer Versorgung für alle unsere Bürger

Seite 2

und letztlich dem Aufbau einer Volkswirtschaft, die
weit bis ins 21. Jahrhundert wettbewerbsfähig ist und
Erfolg haben kann.
Die Veränderungen der Wert können jedoch auch
Unsicherheit für diejenigen enthalten, die ihre Karriere
dem Militärdienst verschrieben haben. Sie können in
der Tat Unsicherheit für die Vereinigten Staaten
schaffen. Und in diesen Zeiten der Unsicherheit sind
einige versucht, unseren Verteidigungshaushalt zu
stark zu kürzen.
Am Ende des Kalten Krieges war es richtig, unsere
Verteidigungsausgaben zu senken. Wir sollten uns
jedoch vor Augen führen, daß dieses neue Zeitalter
vielfältige Gefahren birgt. Wir haben die Bedrohung
des Kalten Krieges - eine Welt in einer nuklearen
Pattsituation - durch eine neue Welt ersetzt, die von
Instabilität und sogar hoffnungslosem Chaos bedroht
ist, die in den mit dem Übergang vom Kommunismus
zu Marktwirtschaften einhergehenden wirtschaftlichen
Erschütterungen wurzeln; in religiösen und ethnischen Konflikten wurzeln, die lange von jetzt abgesetzten autoritären Regimes unterdrückt wurden; in
Kämpfen zwischen einzelnen Stämmen wurzeln und
durch Umweltkatastrophen, grausame Hungersnöte
sowie Massenmigration über nationale Grenzen
hinweg verschärft werden. Und obwohl drei Nachfolgestaaten der Sowjetunion jetzt atomwaffenfrei
werden und die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland über Nuklearfragen
abnehmen, dürfen wir immer noch nicht vergessen,
daß die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen
in dem andauernden Disput anhält, den wir über
Korea haben und andernorts mit Ländern, die entweder versuchen, solche Waffen zu entwickeln, zu
verkaufen oder zu kaufen.
Wir müssen es also besser machen. Damit diese
Generation die Freiheit vergrößern kann, müssen wir
Amerika stets von Gefahren fernhalten.
Eine Verteidigung richtigen Umfangs kostet weniger,
aber sie kostet immer noch ziemlich viel. Aus diesem
Grund habe ich Versuchen widerstanden, unserem
Verteidigungshaushalt weitere Kürzungen aufzuzwingen.
Ich möchte, daß Sie dies voll und ganz verstehen.
Es ist wichtig für Ihre Generation und Ihre Kinder,
diese schreckliche Verschuldung abzubauen, die wir
in den vergangenen Jahren angehäuft haben. Ich
habe den Kongreß gebeten, über 100 Programme
völlig zu streichen und weitere 200 zu kürzen. Wir
haben einen Haushaltsentwurf vorgelegt, der die
verfügbaren Mittel zum ersten Mal seit 1969 verringert. Damit haben wir zum ersten Mal, seit Harry
Truman direkt nach dem Zweiten Weltkrieg Präsident

AMERIKA DIENST 21

�der Vereinigten Staaten war, drei aufeinanderfolgende Jahre des Defizitabbaus. Aber wir sollten die
Verteidigungsausgaben nicht weiter kürzen. Ich
danke dem Kongreß, daß er in dieser Woche den
Rufen danach widerstanden hat.
Wir arbeiten auf die Gewährleistung der Qualität des
wichtigsten Verteidigungspotentials überhaupt hin Sie und die über eine Million anderen Männer und
Frauen in Uniform, die über unsere Sicherheit wachen. Heute sind unsere Streitkräfte ohne Zweifel
das am besten ausgebildete, am besten ausgerüstete, am besten vorbereitete und am höchsten motivierte Militär auf der ganzen Welt. Solange ich
Präsident bin, wird dies weiterhin der Fall sein.
Die Frage unserer Sicherheit in diesem Zeitalter
hängt letztlich immer noch von unserer Entscheidung
ab, wo wir unsere militärische Macht zum Einsatz
bringen. Dies ermöglicht unserer enormen wirtschaftlichen Stärke, sich im In- und Ausland zu
behaupten. Und es gibt keine Entscheidung, die ein
Präsident ernster nimmt als die Entscheidung,
Amerikaner in Gefahr zu entsenden.
Die Geschichte lehrt uns, es gibt weder ein Patentrezept noch sollte sich ein Präsident je auf eine
solche Gratwanderung begeben, daß wir den Einsatz unseres Militärs unter Umständen völlig ausschließen würden, die sich später als wichtig erweisen könnten. Schließlich ist die bloße Möglichkeit
des Einsatzes von Gewalt durch die Vereinigten
Staaten an sich schon eine mächtige Waffe auf der
ganzen Welt. Eines ist jedoch klar: Wir müssen
zuerst zur Verteidigung unseres Landes und unserer
Menschen zum Kampf bereit sein. Aus diesem
Grund haben wir mit dem Einsatz von Gewalt
reagiert, als wir das irakische Komplott zur Ermordung des ehemaligen Präsidenten Bush aufdeckten.
Und die von uns an jenem Tag abgeschossenen
Tomahawk-Raketen wurden von der Marine abgefeuert.
Wir müssen zum Schutz unserer vitalen Interessen
zu kämpfen bereit sein. Aus diesem Grund habe ich
eine Verteidigungsstrategie verabschiedet, dank der
zwei größere regionale Konflikte nahezu gleichzeitig
gewonnen werden können. Wir müssen zum Schutz
unserer Verbündeten zu kämpfen bereit sein. Aus
diesem Grund haben wir Patriot-Raketen in Südkorea stationiert, und zusammen mit anderen müssen
wir zum Einsatz von Gewalt bereit sein, wenn
andere amerikanische Interessen bedroht sind. Und
aus diesem Grund haben wir uns für eine stärkere
Rolle der NATO in Bosnien eingesetzt.
Die härtesten Fälle sind die zahlreichen ethnischen
und religiösen Konflikte, die in unserem Zeitalter

AMERIKA DIENST 21

ausgebrochen sind. Das Ende des Gleichgewichts
des Schreckens hat seit langem schwelenden Haß
zur Eruption gebracht. Nun blutet das gesamte
globale Terrain von solchen Konflikten - von Ruanda
bis Georgien. Wir können nicht jeden dieser Ausbrüche bürgerlichen Hasses oder militanten Nationalismus einfach durch die Entsendung unserer Streitkräfte lösen. Wir können ihnen auch nicht den
Rücken kehren. Aber unsere Interessen stehen bei
vielen dieser Konflikte nicht ausreichend auf dem
Spiel, um eine Verpflichtung unserer Männer und
Frauen zu rechtfertigen.
Als die größte Macht der Welt haben wir jedoch die
Verpflichtung zu einer Führungsrolle und manchmal
zum Handeln, wenn genug von unseren Interessen
und Werten auf dem Spiel steht.
Betrachten Sie sich das Beispiel des ehemaligen
Jugoslawien. Seit Jahrhunderten markierte dieses
Land eine spannungsgeladene und häufig gewalttätige falsche Trennlinie zwischen Imperien und Religionen. Das Ende des Kalten Krieges und der Zerfall
dieses Landes in so viele neue Republiken brachte
all diese alten Spannungen wieder an die Oberfläche
und löste die serbische Aggression, ethnische Säuberungen und den brutalsten Konflikt in Europa seit
dem Zweiten Weltkrieg aus.
Ob wir uns in einem der ethnischen Konflikte der
Welt engagieren, muß letztlich von dem Gesamtgewicht der amerikanischen Interessen abhängen, die
auf dem Spiel stehen. Heute haben wir in Bosnien
eindeutig ein Interesse an der Verhinderung einer
Ausweitung der Kampfhandlungen zu einem größeren
europäischen Krieg, an der Gewährleistung, daß die
NATO im Zeitalter nach dem Kalten Krieg weiterhin
eine glaubwürdige Kraft für Frieden sein kann, an
diesem allerersten Engagement der NATO in bündnisfremdem Gebiet, an der Eindämmung des durch
diesen Konflikt verursachten unglaublich destabilisierenden Flüchtlingsstroms und an der Beendigung des
Abschlachtens Unschuldiger.
Diese Interessen rechtfertigen nicht unser einseitiges
Engagement, sollen jedoch den Weg zu einem
durchführbaren Friedensabkommen ebnen, falls dies
zustandekommt. Und wenn dies der Fall ist, werden
wir zu seiner Umsetzung beitragen. Unsere Administration ist verpflichtet, bei der Herbeiführung einer
solchen Revolution behilflich zu sein, indem sie mit
anderen wie der NATO, den Vereinten Nationen und
Rußland zusammenarbeitet.
Diese Bemühungen waren weder leicht noch unkompliziert, aber wir haben Ergebnisse hervorgebracht.
Durch die Durchsetzung der Flugverbotszone über
Bosnien durch die NATO haben wir eine Eskalation

Seite 3

�den Krieges in der Luft verhindert. Wir haben den
Abwurf humanitärer Hilfsgüter in die Wege geleitet
und uns an der längsten humanitären Luftbrücke der
Geschichte beteiligt. Wir haben die Durchsetzung
der Schutzzonen um Sarajevo und Gorazde durch
die NATO sichergestellt, und infolgedessen haben
die Menschen in Sarajevo mehr als drei Monate
relativer Ruhe erlebt, und Gorazde wird nicht länger
beschossen. Durch die Verstärkung unseres diplomatischen Engagements haben wir mit anderen an
einem Abkommen zwischen den Kroaten und
Bosniern zusammengearbeitet, das einen Durchbruch bewirkt hat, hier in Washington unterzeichnet
wurde und meines Erachtens schließlich zu einer
umfassenderen Lösung führen wird.
Einer der Träume des Zweiten Weltkriegs war, daß
die Vereinigten Staaten nach dem Krieg im Rahmen
der Vereinten Nationen und in anderer Weise mit
anderen zusammenarbeiten könnten, um die schwierigsten Probleme unseres Zeitalters zu lösen ohne
das Leben unserer eigenen Soldaten einzusetzen,
wo sie nicht eingesetzt werden sollten, und immer
noch eine positive Rolle spielen zu können. Aus
diesem Grund versuchen wir, in Bosnien eine
Lösung zu finden. Und wenn dies gelingt, werden
wir einen Teil dieses unglaublichen Chaos meistern
können, das drohte, die Welt zu verschlingen, in der
Sie Ihre Kinder aufziehen wollen.
Zu jeder Zeit haben wir darauf hingearbeitet, die
Parteien dort zu einer durchführbaren Friedenslösung zu bewegen. Dies ist einer der Konflikte, die
nur am Verhandlungstisch, nicht auf dem Schlachtfeld, enden können. Sie können weitere 100 Jahre
kämpfen und werden ihn nicht auf dem Schlachtfeld
lösen. Zu jeder Zeit haben wir die Notlösung zu
stark vereinfachender Ideen verworfen, die gut auf
Autoaufklebern klingen, aber tragische Konsequenzen gehabt hätten. Die neueste lautet, wir sollten
einfach einseitig das Waffenembargo der Vereinten
Nationen gegen Bosnien und die anderen ehemals
jugoslawischen Staaten brechen.
Ich unterstütze das Waffenembargo nicht und habe
das nie getan. Wir haben mit unseren Verbündeten
zusammengearbeitet und versucht, sie alle von der
Beendigung des Embargos zu überzeugen. Einige
argumentieren jetzt, wir sollten das Embargo unsererseits brechen, weil es von Anfang an eine
schlechte Idee gewesen sei. Täten wir dies, würde
der Friedensprozeß im Keim erstickt, würden sich
unsere Beziehungen zu unseren europäischen
Verbündeten in der NATO und den Vereinten
Nationen verschlechtern, würde die Partnerschaft
unterminiert, die wir mit Rußland in einem breiten
Spektrum von Bereichen aufzubauen versuchen,
würden unsere Bemühungen zur Durchsetzung der

Seite 4

von uns befürworteten UN-Embargos wie gegen
Saddam Hussein, Oberst Gadhafi und General
Cedras in Haiti vereitelt.
Wir dürfen uns einfach nicht für Optionen und Aktionen entscheiden, die simpel, schmerzlos und gut
klingen, aber in diesem Zeitalter der Interdependenz
nicht funktionieren, in dem es von Bedeutung ist, daß
wir den amerikanischen Einfluß ausüben und Führungsstärke beweisen, indem wir unsere Fähigkeit zur
Zusammenarbeit mit anderen unter Beweis stellen,
insbesondere wenn für die anderen mehr und unmittelbarer auf dem Spiel steht und sie bereit sind,
ihre Soldaten in die Gefahr zu entsenden.
Unsere Administration wird sich dem bosnischen
Konflikt nicht entziehen. Aber wir werden keine
Lösungen befürworten, die falsch sind. Wir beabsichtigen, den von uns eingeschlagenen Kurs fortzusetzen - den Preis für diejenigen zu erhöhen, die Aggression ausüben, Hilfslieferungen für die Leidenden
bereitzustellen und mit unseren Partnern in Europa
zusammenzuarbeiten, um die Parteien von einem
durchführbaren Abkommen zu überzeugen. Es geht
nicht schnell, es ist nicht einfach, und es ist nicht
bequem. Aber ich bin überzeugt, daß es in einer
Welt der Interdependenz, in der wir durch die Zusammenarbeit mit anderen eine Führungsrolle
übernehmen müssen, der richtige Weg ist. Es ist der
Weg, der unsere Führungsrolle sichert, unser Gut
bewahrt und unsere Streitkräfte in der richtigen Weise
verpflichtet.
Die erschütterndsten Konflikte der Welt in Bosnien
und andernorts entstehen nicht an einem Tag. Und
eine der frustrierendsten Erfahrungen, mit der man
leben muß, ist, daß viele dieser Konflikte selten mit
raschen Lösungen beizulegen sind. Führen Sie sich
jedoch folgendes vor Augen: Es dauerte Jahre nach
der Invasion in der Normandie, bis der Krieg beendet
und ein dauerhafter Frieden aufgebaut wurde. Es
erforderte Jahrzehnte der Geduld, Stärke und Entschlossenheit, um im Kalten Krieg zu überdauern.
Ebenso wie die Generationen vor uns müssen wir
häufig bereit sein, den Preis der Zeit - manchmal den
schmerzlichsten Preis überhaupt - zu bezahlen. Es
gibt keine bessere Quelle des Muts und der Beständigkeit unserer Nation für unsere Führungsrolle in
diesem Zeitalter als diese Akademie und unsere
Streitkräfte. Diese Akademie hat Sie auf die Führung
dieser Streitkräfte vorbereitet. Wenn Sie Ihren Platz
in der Marine und im Marineinfanteristenkorps einnehmen, denken Sie stets an den Heroismus, die
Opfer und die Führungsstärke derjenigen, die vor
Ihnen gedient haben.

AMERIKA DIENST 21

�Ein großartiges Land muß immer der Opfer der
Vorfahren gedenken, die unsere Freiheit ermöglichten. Noch größere Leistungen liegen jedoch vor
uns, wenn Sie diese erbringen. Vergessen Sie nie:
Wenn unsere Erinnerungen unsere Träume übersteigen, haben wir angefangen, alt zu werden. Es
ist das Schicksal Amerikas, für immer jung zu sein.
Als die Wächter der Freiheit Ihrer Generation und
unserer Zukunft wissen Sie vielleicht nie genau,

*

AMERIKA DIENST 21

wessen Leben Sie gerettet, wessen Zukunft Sie
verbessert haben. Sie mögen vielleicht nie ihren
Dank vernehmen oder ihre Hand schütteln. Aber sie
werden dort draußen sein. Wir alle werden dort
draußen sein - im Bewußtsein Ihres Mutes, beeindruckt von Ihrem Pflichtgefühl und dankbar für Ihren
Dienst für Gott und das Vaterland. Sie können
Amerika für immer jung erhalten.
Viel Erfolg. Gott segne Sie.

* * * *

Seite 5

�NATO
I.Juni 1994

ANPASSUNG DER NATO AN NEUE ÄRA
ERFORDERT KONTINUIERLICHE AUFMERKSAMKEIT
Rede von Verteidigungsminister Perry
BRÜSSEL - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von US-Verteidigungsminister Perry am 24. Mai bei der
Frühjahrstagung 1994 des Verteidigungsplanungsausschusses der NATO gehaltene Rede. Verteidigungsminister Perry ging auf die beim jüngsten NATO-Gipfeltreffen in die Wege geleiteten drei wichtigen Initiativen
ein: Partnerschaft für den Frieden, alliierte Streitkräftekommandos sowie die NATO-Nichtverbreitungsinitiative.

Für das Atlantische Bündnis war der NATO-Gipfel
vom Januar 1994 ein Wendepunkt. Unsere Staatsund Regierungschefs unternahmen eine Reihe
dramatischer Schritte zur Umgestaltung unseres
Bündnisses. Vier Monate nach diesem historischen
Ereignis ist es angebracht, Bilanz zu ziehen. Ich
möchte kurz auf die bei dem Gipfeltreffen eingeleiteten drei wichtigen Initiativen eingehen: Partnerschaft
für den Frieden (Partnership for Peace - PFP),
alliierte Streitkräftekommandos (Combined Joint
Task Forces - CJTF) sowie die NATO-Nichtverbreitungsinitiative.
Partnerschaft für den Frieden
Ich möchte mich zunächst der Partnerschaft für den
Frieden zuwenden. Diese Initiative wird die Grundlage für ein neues europäisches Sicherheitssystem
legen, dessen Kernstück die NATO bildet.
Wir können mit den in nur wenigen Monaten erzielten Fortschritten zufrieden sein. Wir müssen jedoch
weiter nach vorne drängen, um Fortschritte zur
Vertiefung der Beziehungen zwischen der NATO und
ihren neuen Partnern zu machen.
Manöver
Ein Bereich kontinuierlicher Aufmerksamkeit sind
Manöver. Wir beglückwünschen die Niederlande,
die als erstes Land eine gemeinsame PFP-Gefechtsübung veranstalten und sind erfreut über den Vorschlag des Obersten Alliierten Befehlshabers Atlantik
zu einem PFP-Seemanöver. Die Vereinigten Staaten werden diese beiden Aktivitäten unterstützen und
an ihnen teilnehmen.
Darüber hinaus vertreten die Vereinigten Staaten die
Auffassung, daß die Veranstaltung von PFP-Manö-

AMERIKA DIENST 21

vern in Partnerländern wichtig ist. Polens Angebot
zur Abhaltung einer solchen Übung ist genau das,
was wir zur Vervollständigung des Programms für
1994 benötigen. Die NATO sollte rasch handeln, um
dieses Angebot anzunehmen und die erforderliche
Planung beschleunigen. Ich kann Ihnen versichern,
daß dieses Unternehmen die uneingeschränkte
Unterstützung der Vereinigten Staaten genießen wird.
Gleichzeitig müssen wir über das PFP-Manöverprogramm für 1995 und darüber hinaus nachdenken.
Die NATO und ihre Partner sollten die Vervollständigung eines ehrgeizigeren Manöverprogramms für
1995 bis Ende dieses Jahres anstreben. Ich schlage
vor, mindestens zwei Gefechtsübungen in PFPMitgliedstaaten abzuhalten.
Verteidigungsplanung
Wir sollten ebenfalls mit der Erarbeitung eines
Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozesses
beginnen wie im Rahmendokument der Partnerschaft
für den Frieden gefordert. Verteidigungsplanung
sollte eine Schlüsselaktivität der Partnerschaft für den
Frieden sein. Sie kann die Grundlage zur Erfüllung
des langfristigen PFP-Ziels der Entwicklung von
Streitkräften sein, die zu gemeinsamen Operationen
mit denen der NATO besser geeignet sind.
Dieser Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozeß sollte folgendes umfassen:
Möglichst parallele erprobte NATO-Verteidigungsplanungsverfahren,
Berücksichtigung der besonderen Erfordernisse
und Fähigkeiten von Partnern und Verbündeten,
die derzeit nicht an der NATO-Verteidigungsplanung beteiligt sind,

Seite 1

�besondere Konzentration auf die Erfordernisse
der im Rahmen des PFP-Programms vorgesehenen Missionen und Operationen sowie
Förderung von Transparenz und Wechselseitigkeit maximalen Ausmaßes.
Wir sind uns bewußt, daß die vollständige Entwicklung und Umsetzung dieses Prozesses Zeit erfordert.
Wir sollten jedoch frühzeitige Einigung auf die Verfahren anstreben und uns dem Ziel verpflichten, eine
erste, vereinfachte Überprüfung der Verteidigungspläne interessierter Partner vor dem Ministertreffen
im Herbst 1994 vorzunehmen.
Beziehungen zwischen den Verteidigungsministerien

Die Vereinigten Staaten engagieren sich weiterhin für
die Stärkung einer europäischen Sicherheits- und
Verteidigungsidentität durch die Einrichtung von
CJTF-Kommandos.
In diesem Zusammenhang unterstütze ich die Bestrebungen der Koordinierungsgruppe für vorläufige
Maßnahmen bei der Erarbeitung der politischen
Richtlinien für die Zusammensetzung und Entwicklung
der alliierten Streitkräftekommandos, einschließlich
der Verfeinerung der Strukturen und Verfahren zur
Handhabung der politischen Richtlinien, Planung
sowie Vorbereitung auf Krisenmanagementmissionen
des Bündnisses.

Wir müssen im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden auch eine stabilere Kooperation zwischen
den Verteidigungsministerien aufbauen. Ein solcher
Austausch wäre eine nützliche Ergänzung unserer
Kooperation zwischen den Militärs.

Im Hinblick auf diese Strukturen und Verfahren
müssen wir die Fähigkeiten der integrierten MilitärStruktur nutzen und uns weiterhin einem einzigen
Bündnis verpflichten - nicht einem für Artikel 5 und
einem für andere Zwecke. Jede Strukturanpassung
muß von dem uneingeschränkten Engagement aller
16 Nationen in allen geeigneten Gremien für das
Krisenmanagement begleitet sein.

Ich schlage vor, daß unsere Ständigen Vertreter
prüfen, wie die NATO eine zunehmend kooperative
Rolle der Verteidigungsministerien unterstützen
kann. Zu den Optionen sollten regelmäßige Treffen
der NATO-Verteidigungsminister mit ihren Kollegen
aus den PFP-Mitgliedstaaten, eventuell auf jährlicher
Basis, zählen.

Wir sollten darüber hinaus Schritte unternehmen, um
enge Beziehungen zwischen den alliierten Streitkräftekommandos und der Partnerschaft für den
Frieden sicherzustellen und unsere PFP-Partner
durch Ausbildung, Übungen und andere Aktivitäten in
die Einrichtung von CJTF-Kommandozentralen
einzubeziehen.

Finanzierung der Partnerschaft für den Frieden

Das Tempo der Fortschritte bei der CJTF-Initiative
ruht mehr auf den Schultern der Europäer als der
Amerikaner. Die Europäer werden sehr viel mehr
von der Entwicklung eines Mechanismus profitieren,
der uns die Nutzung des NATO-Potentials für ausschließlich europäische Eventualfälle gestattet.

Wir müssen ferner prüfen, wie wir die angemessene
Finanzierung der Partnerschaft für den Frieden
sicherstellen können.
Wir sollten uns an das generelle Prinzip halten, daß
jede Partnernation ihre eigene Beteiligung an den
PFP-Aktivitäten finanziert. Es ist jedoch bereits klar,
daß einige Partner, die sich aktiv beteiligen wollen,
dies nicht ohne eine gewisse Unterstützung tun
können. Es wäre eine Tragödie, wenn die PFP
aufgrund mangelnder Unterstützung nicht ihr volles
Potential entfalten könnte.
Wir sollten unsere bilaterale Sicherheitsunterstützung
der Partner unter dem Aspekt der Erleichterung ihrer
Beteiligung an der Partnerschaft für den Frieden
besser koordinieren, und das Bündnis sollte beraten,
wie es einen Teil seines gemeinsamen Budgets zur
Unterstützung der PFP umdirigieren kann.
Alliierte Streitkräftekommandos
Die zweite Initiative des Gipfeltreffens ist das Konzept der alliierten Streitkräftekommandos (CJTF).

Seite 2

Nichtverbreitung
Beim Gipfeltreffen im Januar haben wir auch eine der
Hauptbedrohungen der Sicherheit des Bündnisses in
der Zeit nach dem Kalten Krieg angesprochen: Die
andauernde Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme.
Das Bündnis muß gewährleisten, daß es die Mittel
zum Schutz vor durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen entstandenen militärischen
Bedrohungen zur Verfügung hat, sollten unsere
anfänglichen Präventionsversuche scheitern. Aus
diesem Grund bin ich sehr erfreut über die Fortschritte, die von den beiden beim Gipfeltreffen
eingesetzten Gremien bei der Bewältigung der
Herausforderung der Weiterverbreitung erzielt wurden.

AMERIKA DIENST 21

�Der von der Hochrangigen Politisch-Militärischen
Gruppe erarbeitete Gesamtrahmen wird die Natur
des Weiterverbreitungsproblems veranschaulichen
und die entscheidende Rolle der NATO widerspiegeln.
Die Verantwortung für die Entscheidung, welche
Fähigkeiten zur Abwehr der Bedrohung durch die
Weiterverbreitung erforderlich sind, obliegt der
Hochrangigen Verteidigungsgruppe für Weiterverbreitung (Senior Defense Group on Proliferation DGP). Die Verantwortung sicherzustellen, daß die
NATO entsprechend dieser Empfehlungen handelt
und tatsächlich die benötigten Fähigkeiten disloziert,
wird uns - den NATO-Verteidigungsministern übertragen.
Der von der DGP entworfene Arbeitsplan verfolgt
einen ehrgeizigen Kurs. Ich bin zuversichtlich, daß
die DGP die richtigen Leute zur richtigen Zeit mit
dem richtigen Auftrag zusammenbringt, um einen
Aktionsplan hervorzubringen, der die künftige Si*

AMERIKA DIENST 21

cherheit des Bündnisses und seiner Mitglieder
maßgeblich verbessert.
Schlußbemerkung
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß wir große
Anstrengungen unternehmen, um die NATO an eine
neue Ära anzupassen und den Herausforderungen
der Zukunft zu begegnen. Wir haben die Grundlage
für dieses Unternehmen beim Gipfeltreffen im Januar
gelegt und seitdem viel geleistet. Aber es ist ein
langwieriges Unternehmen, das unsere kontinuierliche Aufmerksamkeit erfordert.
Vor uns liegt die historische Chance zum Aufbau
eines neuen transatlantischen Sicherheitssystems,
das bis weit ins nächste Jahrhundert Frieden und
Stabilität in ganz Europa gewährleisten wird. Wenn
wir unsere Bemühungen zur Umgestaltung des
Atlantischen Bündnisses fortsetzen können, bin ich
zuversichtlich, daß wir Erfolg haben werden.

* * * *

Seite 3

�RÜSTUNGSKONTROLLE
1. Juni 1994

TRANSPARENZ WICHTIG FÜR GLOBALE SICHERHEIT
Rede von ACDA-Direktor Holum
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede beim National Press Symposium über Offenheit (Transparenz) und
Geheimhaltung erklärte der Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and
Disarmament Agency - ACDA), John Holum, am 19. Mai 1994, je mehr die Staatsoberhäupter von Nationen
wüßten, desto weniger wahrscheinlich würden sie in einen Krieg stolpern. Aus diesem Grund müßten die
Nationen "die feste Einbeziehung von Transparenz und anderen vertrauensbildenden Maßnahmen in das
Gefüge der globalen Sicherheit" anstreben, um den Frieden in der Zukunft zu sichern.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Holums im Wortlaut.
Wenn wir über jemanden sagen: "Er ist leicht zu
durchschauen", meinen wir, er ist wie ein offenes
Buch für uns und wir verstehen seine Motive." Der
tägliche Gebrauch des Begriffs veranschaulicht,
warum man unter anderem folgende drei Definitionen für "Transparenz" im Wörterbuch findet: "Klar
und lichtdurchlässig", "leicht verständlich oder
festzustellen" und "arglos, offen und freimütig".
Im Bereich der Rüstungskontrolle versteht man unter
Transparenz Schritte, die Länder unternehmen, um
ihre Karten auf den Tisch zu legen - wenn auch
häufig in sehr kontrollierter und in der Tat kalkulierter
Weise - um sich gegenseitig zu versichern, daß ihre
Absichten nicht feindlich gesinnt sind, wenn sie
bestimmte miilitärische Maßnahmen ergreifen oder
Vorbereitungen treffen.
Sorgfältig abgestimmt
können solche Maßnahmen außerordentlich präventiv wirken. In Zeiten der Unsicherheit können sie die
Eskalation von Spannungen zu einem bewaffneten
Konflikt verhindern.
Transparenz kann unsere Vorstellungen des
schlimmstmöglichen Falls beruhigen.
Was
aussah wie der bedrohliche Griff nach einer Pistole
in der Westentasche, entpuppt sich statt dessen als
harmloses Herausnehmen der Autoschlüssel. Wie
Nietzsche es (in einem seiner lichteren Momente)
formulierte: "Eine Sache, die uns klarwird, hört auf,
uns zu beunruhigen."
Der beste Weg zum Verständnis des Werts von
Transparenz ist zu prüfen, was in ihrer Abwesenheit
geschieht. Viele Historiker haben argumentiert, daß
es 1914 der Nebel der Mißverständnisse - und die
Ermangelung von Kommunikationswegen - gewesen

AMERIKA DIENST 21

seien, die eine automatische Eskalation auf beiden
Seiten hervorriefen, nachdem die deutschen Streitkräfte nach der Ermordung von Erzherzog Ferdinand
mit der Mobilisierung begonnen hatten.
In der Welt von heute haben wir unsere internen und
internationalen Kommunikationsfähigkeiten drastisch
verbessert. Die technischen Mittel zur Erlangung von
Transparenz (bildlich gesprochen, unsere Ferngläser
und unsere Telefone) sind besser als je zuvor - wenn
wir klug genug sind, sie zu nutzen. Aber wir haben
auch das destruktive Potential unserer Waffenarsenale drastisch erhöht. Dabei haben wir die Vorwarnzeit
manchmal auf weniger als die Reaktionszeit verkürzt.
Mit den moderneren Waffen von heute und dem
komprimierteren Zeitrahmen müssen wir alle uns zur
Verfügung stehenden Mittel nutzen - einschließlich
der Transparenz - um die automatische Ausweitung
zu einem Konflikt zu verhindern.
Dies wurde durch die Eskalation der Spannungen, die
im Frühjahr 1990 beinahe zu einem Krieg zwischen
Indien und Pakistan geführt hätten, nur zu lebhaft
veranschaulicht. Der Vorläufer der Krise war ein
großes indisches Manöver in der Nähe der pakistanischen Grenze.
Auf dem Höhepunkt der Krise entsandte Präsident
Bush den Stellvertretenden CIA-Direktor Robert
Gates in die Region zur Beruhigung der Spannungen.
Gates meisterte diese Aufgabe, indem er in seine
Rolle die Glaubwürdigkeit einbrachte, die er bei
beiden Seiten als erfahrener Experte im Nachrichtendienst erworben hatte. Er konnte direkt verifizieren,
daß die indischen Einheiten, einschließlich Indiens
berühmtem Angriffskorps, mit der Beendigung des

Seite 1

�Manövers befaßt waren. Diese Information wurde
der pakistanischen Führung unverzüglich übermittelt.
In den nächsten Tagen zogen beide Heere ihre
Truppen von der Grenze ab, und ihre Außenminister
nahmen Gespräche über vertrauensbildende Maßnahmen auf. Ende Juni 1990 war die Krise vorüber.
Obwohl dieser Zwischenfall nicht die schrecklichen
Konsequenzen von 1914 hatte, dient er nicht als
Modell. Einerseits gibt es viele Orte auf der Welt, an
denen die Vereinigten Staaten nicht die Rolle spielen
können, die sie 1990 bei der Entschärfung der Krise
in Südasien übernommen haben. Andererseits war
die von uns in die Situation eingebrachte Transparenz ein Zufall im Nachhinein, nicht ein international in die regionale Sicherheitsarchitektur
eingebauter Aspekt.
Offen gesagt, wir waren gut - aber wir hatten auch
Glück. An einem anderen Ort und zu einer anderen
Zeit könnte dies nicht der Fall sein. Zweifelsohne
sollte unser Ziel darin bestehen, die feste Einbeziehung von Transparenz und anderen vertrauensbildenden Maßnahmen in das Gefüge der globalen
Sicherheit anzustreben.
Ich möchte auf die Anfänge dieser bewußten Bemühungen zur Einbeziehung von Transparenz in die
Rüstungskontrolle zurückgehen und einige der bis
heute erzielten Leistungen darlegen.
Der den Kalten Krieg betreffende Teil dieser Geschichte beginnt zutreffenderweise mit dem Antarktis-Vertrag. Dieses 1961 in Kraft getretene Abkommen verbot die Einrichtung militärischer Stützpunkte
und die Erprobung jeglicher Waffen in der Antarktis.
Das ACDA drängte darauf, den Vertrag ernst zu
nehmen - und ignorierte anfängliche Witze über eine
"Pinguin-Verifizierung". Meines Wissens haben wir
bei unseren Inspektionen der sowjetischen Einrichtungen in der Antarktis nie etwas von militärischer Bedeutung gefunden. Von Bedeutung bei
diesem Vertrag war jedoch der Präzedenzfall, den er
für lnspektionen vor Ort schuf: Dank der eingeleiteten Überprüfungen gewöhnten die Russen und wir
uns an die Inspektion der Einrichtungen des anderen
- und im Gegenzug der eigenen. Der AntarktisVertrag ebnete daher den Weg für spätere internationale Abkommen, die den Rüstungswettlauf
maßgeblich begrenzten.
Während der Kuba-Krise im Jahr 1962 schätzte
Präsident Kennedy die Chancen eines Krieges mit
der Sowjetunion auf "zwischen eins zu drei und 50
zu 50" ein. Angesichts drohender apokalyptischer
Auswirkungen gab es für die Staatsoberhäupter der
beiden Supermächte der Welt kein Mittel zuver-

Seite 2

lässiger und direkter gegenseitiger Kommunikation
miteinander. Diese Krise führte zum Vertrag über
den heißen Draht - offiziell als Abkommen über
direkte Kommunikation bezeichnet - das die Gefahren
eines Krieges aufgrund von Fehlern oder Mißverständnissen mildern, zur Entschärfung von Konflikten
beitragen und die Eskalation einer Krise aufgrund von
Fehleinschätzungen verhindern sollte. Das System
hat seine Arbeit geleistet, und wir haben es mehr als
einmal modernisiert.
Sie haben vielleicht einmal die treffende Formulierung
gehört: "Je mehr die Staatsoberhäupter von Nationen wissen, desto weniger wahrscheinlich tun sie
etwas Dummes". Obwohl direkte Kommunikationsverbindungen an sich keine Informationen auf den
Tisch legen, gestatten sie den Staatsoberhäuptern
von Nationen, sie anderen in entscheidenden Momenten mitzuteilen.
Ähnliche Aspekte - mit dem Tenor "Laßt uns miteinander reden, wenn es Probleme gibt" - sind Bestandteil einer Reihe weiterer Rüstungskontrollverträge. Ein ausgezeichnetes Beispiel ist das Abkommen über Nuklearunfälle von 1971. Diese Vereinbarung sieht unverzügliche Kommunikation vor, wenn
die Gefahr eines Nuklearkriegs aus dem zufälligen
oder unberechtigen Einsatz von Atomwaffen oder der
Aufspürung nicht identifizierter Objekte auf Frühwarnsystemen entstehen sollte. Sie sieht femer die
vorherige Benachrichtigung bestimmter geplanter
Raketenabschüsse vor.
Die Abkommen über Nuklearunfälle, den heißen
Draht und ähnliche Maßnahmen (wie das Abkommen
über Zwischenfälle auf See) verringern zusammen
das Risiko, daß eine Krise zu einer Eskalation führt,
die keine Seite will.
Einige unserer bekannteren Verträge des Kalten
Krieges mit den Sowjets enthielten bereits erste
Anfänge von Transparenz schaffenden Maßnahmen.
Ein solches Abkommen ist der ABM-Vertrag - der
Grundlagenvertrag, der strategische Verteidigungssysteme landesweit verbietet und uns seit über 20
Jahren gute Dienste leistet. Der ABM-Vertrag fordert
die Parteien auf, sich nicht in die technischen Verifikationsmittel der anderen Nation einzumischen und
nicht absichtlich Verschleierungsmaßnahmen zu
ergreifen. Diese Bestimmungen an sich legen
ebenfalls keine Informationen auf den Tisch, enthalten jedoch die Aussage: "Wir versprechen, nichts zu
verstecken, wenn Ihr überprüft."
Die frühen Rüstungskontrollverträge enthielten bereits
einige Aspekte späterer Maßnahmen, die sich sehr
viel eingehender mit Vertrauensbildung im allgemeinen und Transparenz im besonderen befaßten. Ich

AMERIKA DIENST 21

�möchte einige der herausragenden Leistungen des
modernen Zeitalters im Bereich der internationalen
Transparenz hervorheben.
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa (KSZE) hat eine Reihe von Maßnahmen
erarbeitet, die das Risiko eines militärischen Überraschungsangrifs in Europa verringern sollen.
Solche Maßnahmen gehen auf die Schlußakte von
Helsinki aus dem Jahr 1975 zurück, mit der die
KSZE gegründet wurde. Die ersten Maßnahmen
forderten die obligatorische Benachrichtigung 21
Tage vor großen Manövern mit über 25.000 Soldaten, freiwillige Benachrichtigung über andere
Manöver und die freiwillige Einladung von Beobachtern zu diesen Manövern.
Diese Maßnahmen wurden seitdem verbessert zunächst im sogenannten Stockholmer Dokument und dann im Wiener Dokument kodifiziert. Um der
Transparenz willen verhalten sich potentielle Gegner
merkwürdig. Zur Zeit benachrichtigen sie sich
gegenseitig 42 Tage vor militärischen Aktivitäten mit
250 Panzern oder mindestens 3.000 amphibischen
oder luftgestützten Truppen. Für zahlreiche militärische Aktivitäten sind jetzt Beobachter erforderlich.
Einige Manöver sind zahlenmäßig begrenzt und
werden allen Mitgliedstaaten in einem Jahreskalender mitgeteilt. Diese Staaten genehmigen Vor-OrtInspektionen. Sie stellen auch gegenseitig jährliche
Informationen über die Verteidigungsplanung (einschließlich der Verteidigungspolitik, Streitkräfteplanung und Haushaltsvorlagen) zur Verfügung.
Besuche bei Luftwaffenstützpunkten finden in
Friedenszeiten alle fünf Jahre statt. Im Jahr 1993
wurde eine erweiterte Liste vorgeschlagener militärischer Kontakte (einschließlich Austauschprogrammen auf Arbeitsebene und Besuchen) sowie der
vorgeschlagenen militärischen Kooperation (einschließlich Manövern und Ausbildung) verabschiedet.
Zusätzliche Maßnahmen zur Risikoverringerung
wurden eingeführt - wie die Konsultations- und
Kooperationsmechanismen über ungewöhnliche und
ungeplante Aktivitäten der Streitkräfte, und in jedem
Mitgliedstaat wurde ein Kommunikationsnetz eingerichtet, das rund um die Uhr in Betrieb ist.
Im Jahr 1992 wurde das Forum für Sicherheitskooperation unter der Schirmherrschaft der KSZE
gegründet. Das Forum strebt die weitere Verfeinerung und Verbesserung der im Wiener Dokument
verankerten Maßnahmen an. Es arbeitet ferner an
der Einführung eines "Verhaltenskodex" für politischmilitärische Aspekte der Sicherheit und an verbesserter Transparenz durch den jährlichen Austausch
globaler militärischer Informationen durch die KSZEMitgliedstaaten.

AMERIKA DIENST 21

Diese KSZE-Maßnahmen verbessern die europäische
Sicherheit, indem sie durch Offenheit Vertrauen
schaffen. Sie erweitem die Stabilität, indem den
Staaten die Beobachtung gestattet wird, daß ihre
Nachbarstaaten keine bedrohende militärische
Kräfteverteilung vornehmen. Und sie vertiefen auch
das Verständnis, weil kooperative Beziehungen
zwischen militärischen und Regierungsvertretem
unterschiedlicher Länder geknüpft werden.
Geographisch ist der Vertrag über Offene Himmel die
bis heute weitreichendste Bestrebung zur Förderung
von Offenheit über Streitkräfte und militärische
Aktivitäten. Er öffnet das Gebiet von Wladiwostok bis
Vancoucer für Inspektionen aus der Luft. Er räumt
allen Teilnehmerstaaten eine direkte Beteiligung beim
Sammeln von Informationen über Streitkräfte und
Aktivitäten ein, die ihnen Anlaß zur Sorge bereiten.
Und wer weiß - vielleicht könnte er eines Tages von
Valparaiso in Chile bis zum Vaaltal in Südafrika
erweitert werden.
Offene Himmel gestattet jedem Signatarstaat die
Beschaffung von Kopien von während der Überwachungsflüge gemachten Filmen oder Tonbändern,
wobei die Kosten geteilt werden. Jedem Teilnehmerstaat wird eine Quote von Flügen über andere
Staaten zugewiesen, die er einhalten muß.
Offene Himmel und die von mir erwähnten KSZEMaßnahmen verstärken sich gegenseitig. Sie erschweren es den Teilnehmerstaaten, die Vorbereitungen für einen Überraschungsangriff oder eine raumgreifende Offensive zu verheimlichen. Offene Himmel tut dies, indem es den Blick auf Streitkräfte und
militärische Einrichtungen aus der Vogelperspektive
gestattet. Und die KSZE-Maßnahmen tun es durch
die direkte Weitergabe von Militärplänen und Informationen.
Zusammengenommen verringern diese
Maßnahmen das Risiko der Art von reflexiver Eskalation erheblich, die zum Ersten Weltkrieg führte. Im
besten Falle demonstrieren sie, was internationale
Transparenzmaßnahmen im Szenarium nach dem
Kalten Krieg bewirken können. Und sie werden die
Rückkehr zu den alles umfassenden Spannungen
dieser Ära verhindern helfen.
In jüngster Zeit haben die Vereinigten Staaten die
Anwendung des Transparenzansatzes - vor allem bei
unseren Gesprächen mit den Russen - bei dem
traditionell undurchsichtigsten Teil unseres nationalen
Sicherheitsumfeldes angestrebt: den Nuklearwaffenprogrammen. Aufbauend auf dem von den Präsidenten Clinton und Jelzin im Januar erzielten Abkommen haben wir Gespräche mit den Russen darüber
aufgenommen, wie konkrete Schritte zur Verbesserung der Transparenz für beide Seiten bei unseren
Verfahren und Einrichtungen für die Handhabung,

Seite 3

�Lagerung und Berechnung des spaltbaren Materials
ergriffen werden können, das aus den zerlegten
Waffen gewonnen wurde.
Kurzfristig hoffen wir ein Abkommen über gemeinsame Besuche der Einrichtungen jeder Seite erlangen
zu können, in denen aus zerlegten Nuklearwaffen
entnommenes spaltbares Material gelagert wird. Auf
längere Sicht hoffen wir, ein Abkommen über ein
Regime aushandeln zu können, mit dem die Bestände von spaltbarem Material aus zerlegten Waffen
jeder Seite bestätigt werden.
Wie ich bereits bei der Erörterung der Situation
zwischen Indien und Pakistan im Jahr 1990 andeutete, sind es die spannungsgeladensten Regionen der
Welt, die Transparenz am dringendsten benötigen und sie allzu häufig am wenigsten herbeiführen.
Dies ist ein Grund, warum ich von den Gesprächen
im Rahmen der Arbeitsgruppe für Rüstungskontrolle
und regionale Sicherheit im Nahen Osten ermutigt
bin, die unter der Schirmherrschaft der Vereinigten
Staaten und Rußlands geführt werden. 14 Parteien
aus der Region erörtern vertrauensbildende Schritte
wie Deklarierungsmaßnahmen, ein Krisenverhütungszentrum, Informationsaustausch und das erste
regionale Kommunikationsnetz.
Die Fortschritte dieser Arbeitsgruppe werden offensichtlich vom Tempo der Ereignisse im Gesamtfriedensprozeß beeinflußt. Eine dramatische Errungenschaft steht nicht unmittelbar bevor. Aber durch
die Förderung konstruktiver Gespräche zwischen
historischen Gegnern hat diese Arbeitsgruppe
bereits die positive Rolle unter Beweis gestellt, die
Transparenz bei der Unterstützung von regionaler
Sicherheit leisten kann.
Ich möchte damit nicht implizieren, daß Transparenzmaßnahmen formalisiert werden müssen, um wertvoll zu sein. Wir haben auch die Weitergabe von
Informationen mit den Russen außerhalb des Kontextes von offiziellen Abkommen angestrebt. Ich
möchte zwei Beispiele anführen.
Während des Kalten Krieges boten wir der Sowjetunion Informationen über PAL-Vorrichtungen - wie
elektromagnetische Schlösser - an, die unsere
Nuklearwaffen vor zufälligem oder unbefugtem
Einsatz schützen. Die Sowjets lehnten unser Angebot offiziell ab. Bemerkenswert finde ich jedoch, daß
wir es unterbreitet haben - und so unsere Sicherheit
zu erhöhen versuchten, indem wir die Fähigkeit der
Sowjets zur Kontrolle ihrer Waffen verbesserten.
An ein zweites Beispiel haben wir uns alle gewöhnt
und vergessen dabei, was für eine wichtige Innovation dies war, als Verteidigungsminister McNamara

Seite 4

es unter der Kennedy-Administration einführte. Die
Erklärung zum Einsatzkonzept beinhaltet eine umfassende Beschreibung der Entwicklung unserer
Militärdoktrin und einer Reihe von Streitkräfteerfordemissen sowie detaillierte Beschreibungen unserer
Militärprogramme. Diese Erklärung wurde in dem
Bestreben verfaßt, das Verständnis dessen in der
amerikanischen Öffentlichkeit - und der Welt einschließlich der Sowjetunion - zu vertiefen, was die
Vereinigten Staaten mit ihren Militärprogrammen
beabsichtigten und was nicht.
Meines Erachtens haben diese Berichte - und der
durch die relativ detaillierten und genauen Beschreibungen unserer militärischen Absichten gesetzte
Standard - einen maßgeblichen Beitrag zu dem
sicheren Kurs durch den Kalten Krieg geleistet.
Die Grenzen der Offenheit
Da unser Bedürfnis nach Geheimhaltung zum großen
Teil auf diesem mit der Sowjetunion geführten Kalten
Krieg beruhte, hat das Ende dieser Ära und dieser
Union natürlich bei vielen zu der Frage geführt,
warum wir überhaupt Geheimhaltung benötigen. Die
kurze Antwort lautet, daß die Welt nicht über Nacht
sicher geworden ist und nicht jedes hierzu erforderliche Abkommen bereits verwirklicht wurde.
Trotz all der positiven Dinge, die ich über Transparenz und Offenheit sagen mußte, möchte ich nicht
implizieren, sie seien ohne jede Einschränkung gut.
Ich möchte kurz auf die Grenzen von Offenheit und
Transparenz bei der Rüstungskontrolle eingehen.
Zunächst eine Tatsache: Selbst bei einem System,
das bei vertrauensbildenden Maßnahmen so weit
fortgeschritten ist wie die KSZE, sind die Länder eher
geneigt, den Austausch militärischer Informationen
auf Regierungsebene zu halten, anstatt ihn an die
Öffentlichkeit zu tragen. Das zwischen Regierungen
und Militärs aufgebaute Vertrauensverhältnis erstreckt
sich nicht auf die Öffentlichkeit oder die Presse.
Wenn wir also die Regeln nicht befolgten und beispielsweise unsere Videokassetten von Überflügen im
Rahmen des Offenen Himmels der Öffentlichkeit
zugänglich machten, würden wir ein Abkommen
unterminieren, das einen beträchtlichen Beitrag zur
weltweiten Sicherheit leistet.
Einfach ausgedrückt: Wenn wir von anderen Regierungen erhaltene vertrauliche Informationen nicht
vertraulich behandeln könnten, würden wir sie auch
nicht erhalten.
Verhandlungen sind ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld, auf dem Offenheit eingegrenzt werden muß.
Woodrow Wilson sprach sich für "durch Offenheit

AMERIKA DIENST 21

�erlangte offene Verträge" aus, und diese Formulierung klingt noch immer großartig. In Wahrheit
bestehen jedoch grundlegende Beschränkungen
dieser offenen Verhandlungen.
Wenn ein Verhandlungspartner mir einen vertraulichen Vorschlag unterbreitet, kann er ihn wieder
zurücknehmen, wenn ich ihn überzeugen kann, daß
es sich um keine gute Idee handelt oder er nicht die
notwendige Unterstützung erhält. Wenn er ihn
jedoch in der Öffentlichkeit vorlegt, schafft er dadurch eine Verpflichtung, der sich seine Regierung
vielleicht nicht ohne Gesichtsverlust wieder entziehen kann. Das ist ein Grund dafür, warum Verhandlungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit oft funktionieren, wohingegen das bei öffentlichen Verhandlungen nicht der Fall war.
Eine in Verhandlungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit eingesetzte Technik ist das nicht zu Papier
Gebrachte, nicht in einen Vorschlag Gekleidete, nicht
bei einem Treffen Unterbreitete. Hierbei handelt es
sich um Entwürfe, Vorschläge oder Treffen, die auf
der Übereinkunft basieren, daß sie nie an die Öffentlichkeit getragen werden und offiziell nicht existieren.
Somit können sie jederzeit in Abrede gestellt werden.
Nicht Existierendes kann ein äußerst nützliches
Werkzeug für die Verbreitung versuchsweiser Ideen

mit dem Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot vertrauliche Konsultationen ab. Unsere Bestrebungen zum Abschluß eines Vertrags über ein
umfassendes Atomtestverbot - "so bald wie möglich",
wie der Präsident anordnete - würden einen schweren Schlag erleiden, wenn selbst diese Verhandlungen unter den fünf Atommächten öffentlich stattfinden
müßten.
Der dritte und offensichtlichste Grund dafür, unsere
Verhandlungsposition geheimzuhalten, ist der, der
anderen Seite nicht unsere Grenzen aufzuzeigen.
Ich brauche nicht auf diese Regel eingehen. Sie zu
mißachten, wäre gleichbedeutend damit, ein gebrauchtes Auto zu kaufen und dabei seinen Kontostand offenzulegen.
Diese Einschränkungen beziehe ich nicht nur auf den
internationalen Kontext. Ich weiß aus eigener Erfahrung, welchen Schaden das Durchsickern von Informationen und andere unangemessene Bekanntmachungen in der Öffentlichkeit einer guten Regierungsführung und der Formulierung einer soliden
Politik zufügen können. Der Formulierung einer
endgültigen Haltung der Administration vorausgehende politische Differenzen sind meines Erachtens nicht
für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt, bis die
Angelegenheit abgeschlossen ist und die Historiker
ihre Forschungen aufnehmen. Wenn die Politiker
damit rechnen müssen, daß solche Differenzen

sein, um zu sondieren, ob ihre Entwicklung zu

ständig

offiziellen Vorschlägen lohnend ist. Wenn sie durch
die Erfordernis ihrer vollständigen Enthüllung eingeschränkt werden, wird die Flexibilität bei den Verhandlungen verringert - und Abkommen über heikle
Rüstungskontrollfragen wären noch schwieriger zu
erlangen als ohnehin schon der Fall.

werden sie nicht mehr aufrichtig sein.

Die Notwendigkeit derartiger Flexibilität und Geheimhaltung ist vielleicht sogar noch größer in den
multilateralen Verhandlungen, die unsere Rüstungskontroll- und Nichtverbreitungstagesordnung beherrschen werden. Ich habe in Genf aus erster Hand
erlebt, welche Geschicklichkeit multilaterale Diplomatie erfordert und war beeindruckt davon, in welchem
Ausmaß dieses Verfahren neben direkten Verhandlungen auch aus Inszenierung besteht.
Die diese Woche in Genf wiederaufgenommenen
Verhandlungen über einen Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot sind öffentlich. Die Abrüstungsverhandlungen finden öffentlich statt. Angesichts der in vielen öffentlichen Foren vertretenen
Haltung werden Sie auch nicht überrascht sein zu
hören, daß ein Großteil dieser bedeutenden Arbeit
außerhalb der öffentlichen Bühne geleistet wird.
Beispielsweise halten die fünf Staaten, die den
Besitz von Atomwaffen angeben, im Zusammenhang

AMERIKA DIENST 21

der

Öffentlichkeit

preisgegeben

werden,

Ich habe keine Probleme mit dem umfassenden
Grundsatz der Regierungsführung 'im Sonnenlicht'.
Als Beteiligter an den heiklen Rüstungskontrollverträgen spreche ich mich jedoch für eine kontrollierte
Lichtzufuhr aus. Wenn man eine Pflanze, die nur mit
wenig Licht gedeiht, auf das Fensterbrett stellt, wird
sie von der Mittagssonne verbrannt. Ihr Absterben
bedeutet nicht, daß sie keine gesunde Pflanze war
oder das Sonnenlicht schlecht ist. Es bedeutet, daß
sie einen schlechten Gärtner hatte.
An die Experten des Gesetzes über das Recht auf
Information gerichtet kann ich meine Vorbehalte kurz
zusammenfassen. Meines Erachtens besteht die
Ausnahme im Bereich nationale Sicherheit und
Verhandlungen aus gutem Grund - und sollte nicht
abgeschafft werden.
Schlußbemerkung
Es gibt wichtige Einschränkungen. Es sind jedoch
keine Ausnahmen, die die Regel außer Kraft setzen.
Offenheit und Transparenz sind nicht nur von Vorteil
für den ersten Zusatzartikel zur Verfassung, für
Körper oder Seele des Staates. Meine gesamte

Seite 5

�heutige Rede zielte darauf ab, daß sie - weltweit
angewandt - Spannungen abbauen und unser aller
Leben sicherer machen können.
Diese ermutigende Moral ist meines Erachtens von
zunehmender Bedeutung, denn viele der heutigen
Schlagzeilen könnten uns entmutigen.
Die Barbarei in Bosnien und Ruanda unterscheidet
sich von dem Blutvergießen früherer Jahre vorwiegend dadurch, daß sie Schlagzeilen machen
kann. Allein 1992 fanden 29 Kriege statt (die als
Feindseligkeiten unter Einbeziehung einer oder
mehrerer Regierungen definiert werden und jährlich
den Tod von mehr als 1.000 Menschen verursachen). Und seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges
kamen in über 150 Kriegen weltweit insgesamt mehr
als 23 Millionen Menschen ums Leben.
Wir scheinen von Beweisen dafür umgeben zu sein,
daß die Technologie der Zerstörung weitere Fortschritte gemacht hat, die menschliche Natur jedoch
nicht. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig,
daß politische Institutionen diese Lücke füllen.
Wenn man sich die Welt sorgfältig anschaut, sieht
man Anlaß zu großer Ermutigung. Denken Sie an
Rabin und Arafat im Nahen Osten - Erzfeinde
wurden entschlossene Partner für den Frieden.
Halten Sie sich Mandela und De Klerk in Südafrika
vor Augen: Der Gefangene wurde zum Präsidenten,
der Gefängniswärter zum Befreier.
In beiden Fällen dieses bemerkenswerten Umschwungs begann sich die Situation zu verbessern,
als die Menschen sich füreinander öffneten. Oftmals
bedurften sie dazu eines Vermittlers. In beiden
Fällen dauerte es Jahrzehnte.
*

Seite 6

*

Das in beiden Fällen für einen Neuanfang erforderliche Vertrauen wäre nicht ohne eine gewisse Öffnung
entstanden, ohne zaghafte Transparenz. Erstmals
wurde gemeinsam eine Wahrheit anerkannt - ein
erster Lichtstrahl - und die hinter dem Glas sichtbare
Figur reagierte auf menschliche Art und Weise - und
der Initiator bekam das Gefühl, er könne seinem
Gegenüber bei einem weiteren Schritt ebenfalls
trauen.
Auf diese mühevolle Weise wird Geschichte gemacht.
Auf diese Weise wird Schatten zu Licht. Auf diese
Weise wird Friede gewonnen.
Transparenz kann uns bei der Anpassung politischer
Institutionen an überkommene Feindschaften und
neue Bedrohungen gleichernmaßen helfen. Sie ist
gleichzeitig eine Technik zur Rüstungskontrolle und
eine lebendige Metapher - verständlich auf individueller, menschlicher Ebene - für das Verhalten, das die
Nationen zunehmend an den Tag legen sollten.
Shakespeare schrieb: "Kein Vermächtnis ist so reich
wie die Ehrlichkeit." Transparenz ist der Ertrag der
Klugheit, der Beginn von Vertrauen und die Hoffnung
auf Frieden.
Ich habe bereits früher meiner Hoffnung Ausdruck
verliehen, daß eines Tages die Länder nicht aufgrund
ihrer Waffen beurteilt werden, sondern aufgrund der
von ihnen eingehaltenen Verpflichtungen und der von
ihnen verteidigten Werte. Der Aufbau einer solchen
Welt liegt in unserem ureigensten Interesse.
Lassen Sie uns alle zur Verfügung stehenden Mittel
dafür einsetzen.
Und lassen sie uns mit der Transparenz beginnen.

*

*

AMERIKA DIENST 21

�SPORT
1. Juni 1994

LIEBE IST WIE EIN BASEBALLSPIEL":
ZUSCHAUERSPORTARTEN UND DIE
AMERIKANISCHE KULTUR (I)
von John R. Eidson
Der nachfolgende Essay, den wir in leicht gekürzter Fassung in dieser und der nächsten Ausgabe des Amerika
Dienst veröffentlichen, behandelt kulturhistorische Wurzeln und gesellschaftlichen Kontext des Sports in den
Vereinigten Staaten und geht dabei auf "typisch amerikanische" Sportarten wie Baseball, Football und
Basketball ein.
John R. Eidson ist Professor für Kulturanthropologie.
Universität Leipzig.

Er lehrt am Institut für Kulturwissenschaften der

Copyright (c) 1994 John R. Eidson.

Wir können viel über die Vereinigten Staaten erfahren, indem wir die Spiele analysieren, an denen sich
die Amerikaner aktiv - und als Zuschauer - beteiligen. Die Vereinigten Staaten sind eine Weltmacht,
aber in gewisser Hinsicht bilden sie auch eine
kulturelle Provinz. Trotz heldenhafter Versuche
einiger kosmopolitischer Geister, stehen die meisten
Amerikaner dem Fußball gleichgültig gegenüber,
dem Spiel, das weltweit die Leidenschaften in
Wallung bringt. Die Vorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft 1994 werden von einer Werbekampagne begleitet, mit der Fußball in Amerika "verkauft" werden soll. Trotzdem scheinen die Amerikaner weiterhin ihre eigenen Spiele zu bevorzugen,
insbesondere die drei populärsten Sportarten Baseball, Football und Basketball. Natürlich beteiligen
sich die Amerikaner aktiv und als Zuschauer auch
an anderen Disziplinen, darunter, um nur einige zu
nennen, Leichtathletik, Turnen, Tennis, Golf; aber
Baseball, Football und Basketball nehmen - vielleicht
mit Ausnahme von Eishockey - im Pantheon des
amerikanischen Sports einen besonderen Platz ein.
In ihrer heutigen Form sind Baseball, Football und
Basketball ureigene amerikanische Traditionen, die
sich ihren angestammten Platz im Jahreszyklus

AMERIKA DIENST 21

festlicher Ereignisse gesichert haben. Für viele
Amerikaner beginnt der Frühling mit dem ersten
Spieltag der Baseball-Saison, an dem der amerikanische Präsident symbolisch den ersten Ball wirft. Im
amerikanischen Gefühlsleben ist Baseball ebenso
eng mit dem Sommer verknüpft wie Wärme und
Sonnenschein, und das unbescheiden als "World
Series" bezeichnete Baseballfinale markiert ebenso
das Ende der Jahreszeit wie der Saison. Wenn sich
im Herbst die Blätter goldgelb färben, die Luft kühler
wird und die Marschmusikkapellen ihre Instrumente
ertönen lassen, hat die Footballsaison begonnen. Mit
Einbruch des Winters versammeln sich die Fans in
den Sporthallen - oder vor dem Fernsehgerät - um
den Anpfiff der Basketballsaison zu erleben. Für jede
Jahreszeit gibt es eine Sportart, und damit ist im
amerikanischen Kosmos alles okay.
In den Vereinigten Staaten ist der Sport aufs engste
mit einer Reihe von weltlichen und religiösen Feiertagen verbunden. Besondere Ereignisse wie der erste
Spieltag, Ausscheidungsrennen, die World Series, die
Finalspiele im Collegefootball ("Bowls"), die Superbowl, "March Madness" (ein Turnier der NCAA) und
die Ausscheidungsspiele sowie die Meisterschaft der
amerikanischen Basketballiga bilden eigenständige

Seite 1

�Feste. Darüber hinaus werden Feiertage, die an
sich nichts mit dem Sport zu tun haben, durch
besondere Sportveranstaltungen geehrt (oder
heimgesucht), die man, vom Standpunkt der Fans
betrachtet, "nicht verpassen darf". Infolgedessen
feiern viele Amerikaner den Neujahrstag, indem sie
sich vor den Fernsehgeräten versammeln, um die
Footballspiele dieses Feiertages zu verfolgen.

Die gesellschaftlichen Wurzeln des Baseball,
Football und Basketball
So ist es heute, aber als die ersten Wellen von
Einwanderern im 17. Jahrhundert an den Küsten
Amerikas landeten, gab es weder Baseball noch
Football oder Basketball. Die Indianer spielten eine
Vielzahl von Ballspielen, darunter einige, die man als
frühe Vorformen des Lacrosse bezeichnen könnte;
aber die Sportarten, die uns in diesem Zusammenhang interessieren, entwickelten sich aus europäischen Vorbildern, die von den Siedlern mitgebracht
wurden. Dazu gehörten das von Kindern gespielte
Schlagballspiel und verschiedene Arten des Fußball,
die jedoch im Lauf des 19. Jahrhunderts umgestaltet
und verfeinert wurden.
Sporthistoriker sind sich einig, daß Baseball ein
Derivat englischer Ballspiele wie "rounders" ist. Die
entscheidende Metamorphose vollzog sich durch
eine Klasse von jungen Männern, die Charles
Alexander als die ersten "Yuppies" bezeichnet. In
den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen in Boston, New York und Philadelphia Angehörige der gebildeten Mittelschicht, die gerade ihre
Laufbahn in den modernen Berufen des Rechtswesens, der Medizin, in Wirtschaft und Bankwesen
aufgenommen hatten, ihre Freizeitaktivitäten auf eine
Art und Weise zu gestalten, die zu ländlichen Arten
des Zeitvertreibs wie Pferderennen oder Hahnenkämpfen in scharfem Gegensatz stand. Sie gründeten Clubs, entwarfen Regeln und verbrachten ihre
Abende und Wochenenden bei einem neuen Spiel,
das sie in städtischen Parks oder auf Wiesen in den
Vororten betrieben. An die Spiele schloß sich häufig
ein Picknick oder eine Party an, zu denen die
Frauen oder Freundinnen eingeladen wurden.
Einige moderne Autoren möchten im Baseball eine
Art von ländlicher Idylle sehen, die sich von dem
industriellen Charakter des Football und Basketball
abhebt. Baseball hat jedoch seit seinen Anfängen
seinen eigenen urbanen Charakter, der auf die
modernen Bedingungen des Zeitmanagements
zugeschnitten ist. In den amerikanischen Städten
des Nordostens herrschten zwar starke britische
Einflüsse, aber Kricket, das über einen Zeitraum von
mehreren Tagen gespielt wird, wurde zugunsten

Seite 2

eines Spiels verworfen, das an einem einzigen
Nachmittag begonnen und beendet wurde.
Das Footballspiel wurde von den Studenten der
sogenannten "Ivy League"-Colleges und -Universitäten geprägt. Dieser Oberbegriff für die ältesten
und renommiertesten Institutionen akademischer
Bildung in den Vereinigten Staaten - Harvard, Yale,
Princeton, Columbia, Pennsylvania, Cornell, Dartmouth und Brown - leitet sich charakteristischerweise
von der Sportliga ab, an der sich diese Institutionen
beteiligen. Heute bildet die Ivy League eine Sportliga
unter vielen anderen, aber in jenen Tagen spielte sie
gewissermaßen die erste Geige. Infolgedessen hatte
der Football anfänglich einen Hauch von Exklusivität:
Es war das Spiel, das junge Männer von Elitecolleges
unter sich spielten. Eines der ersten überlieferten
Footballspiele fand 1869 zwischen Princeton und
Rutgers statt.
Baseball und Football waren ursprünglich Freizeitaktivitäten junger Angehöriger der städtischen Eliten
des Nordostens. Aufgrund der nachgewiesenen
Tendenz des Menschen, den Lebensstil gesellschaftlicher Eliten nachzuahmen und wegen der Modernisierung der amerikanischen Gesellschaft um die
Jahrhundertwende erfaßten diese Sportarten rasch
auch andere soziale Schichten, Regionen und
ethnische Gruppen.
Basketball hatte seinen Ursprung einige Zeit später,
nachdem Baseball und Football bereits von ihren
elitären Wurzeln in andere gesellschaftliche Gruppen
hineingewachsen waren. Das Spiel wurde von
James Naismith vom Christlichen Verein Junger
Männer (CVJM) 1891 in Springfield (Massachusetts)
erfunden, um die Jungen in der Winterpause zwischen der Football- und der Baseballsaison zu
beschäftigen. Der 1844 in London gegründete CVJM
war ursprünglich eine Institution der Mittelschicht, die
das Ziel verfolgte, junge Angestellte und Arbeiter, von
denen viele Neuankömmlinge in der großen Stadt
waren, zu unterstützen, fortzubilden, zu leiten oder zu
beaufsichtigen. Beim CVJM handelte es sich nicht
um eine exklusive Institution wie die ersten Baseballclubs und die Colleges der Ivy League. Gleichwohl
wurde er von der angelsächsischen Mittelschicht
geleitet und diente als wichtiger Mechanismus zur
Verbreitung der angelsächsischen Kultur.

Der Sport und der Aufstieg der modernen amerikanischen Kultur
In den Jahrzehnten nach der Gründung der ersten
Baseballclubs riefen die Facharbeiter der Städte im
Nordosten der USA ihre eigenen Clubs ins Leben
und begannen, die Oberschicht in ihren angestamm-

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�ten Spielen zu schlagen. Regeländerungen, die mit
der Verbreitung des Baseballspiels einhergingen zum Beispiel die Flugballregel von 1858 - spiegeln
die männlichen Tugenden der Arbeiterklasse und die
Vitalität eines Spieles wider, das schon bald in
Rochester, Buffalo, Baltimore, Washington und sogar
in New Orleans gespielt wurde. Der Sieg des industrialisierten Nordens im Bürgerkrieg beschleunigte
die Ausbreitung des Baseballspiels, das ländliche
Freizeitaktivitäten wie Reiten, Angeln und Jagen
immer rascher in den Hintergrund drängte. Mit der
Gründung der ersten Profiligen in den siebziger
Jahren des 19. Jahrhunderts war Baseball bereits
zum "nationalen Zeitvertreib" geworden.
Zu Beginn des Jahrhunderts strömten mit der
zweiten Welle industrieller Entwicklung Landarbeiter
und Einwanderer aus Süd- und Osteuropa in die
Städte des Nordostens und des Mittleren Westens.
Gleichzeitig wurden Provinzstädte durch die neuen
Massenmedien, neue Massenverkehrsmittel und die
Standardisierung der Lehrinhalte an den öffentlichen
Schulen mit den urbanen Ballungsgebieten verbunden. Im Zuge dieser Entwicklung wurde der
Sport für die Vielzahl der Volksgruppen in den
Vereinigten Staaten ein wichtiges Instrument zur
Beteiligung an der nationalen Kultur, in der sich
gerade die Traditionen festigten, die von den Fans
heute als sakrosankt betrachtet werden. Die World
Series of Baseball, eines der wenigen großen
amerikanischen Spektakel, wurde zwischen 1903
und 1905 etabliert.
Bis zu den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts
hatte sich der College-Football über die Ivy League
hinaus auf Staatsuniversitäten bis hin nach Texas
ausgebreitet.
Die neuen Collegemannschaften
organisierten sich rasch in Ligen und kämpften um
Teilnahmeplätze in den nach der Saison veranstalteten "Bowls", die 1902 mit der Rose Bowl in Pasadena (Kalifornien) begannen. Die ersten professionellen Footballmannschaften waren aus ehemaligen
Collegespielern zusammengewürfelt, die nach dem
Ersten Weltkrieg in den Industriestädten Westpennsylvanias und des Mittleren Westens ihr Publikum
fanden. Zu diesen Mannschaften zählten eine Reihe
spektakulärer Spielerpersönlichkeiten, darunter
insbesondere Jim Thorpe und Red Grange, standen
jedoch bis zu den Boomjahren nach dem Zweiten
Weltkrieg organisatorisch auf unsicheren Füßen.
Kurz nach seiner Erfindung im Jahr 1891 verbreitete
sich Basketball innerhalb des CVJM und in den
Einwandererclubs von New York und anderen
Städten des Nordostens und Mittleren Westens. Die
halbprofessionellen Mannschaften, die aus dem
CVJM entstanden, wiesen durch ihre Namen häufig
offen auf ihren ethnischen Hintergrund hin - die

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Hebrew All-Stars, die Detroit Pulaskis, die Brooklyn
Visitations und die Buffalo Germans. Es gibt kaum
ein besseres Beispiel für diese besondere amerikanische Mischung des "Schmelztiegels" und der multikulturellen Gesellschaft als die Konfrontation und der
Zusammenhalt zwischen diesen Mannschaften, die
ein neues Spiel spielten und die Regeln dafür gleichsam nebenher entwickelten.
Nachdem das Spiel seinen Ruf, ein "unmännlicher"
Sport ohne Körperkontakt zu sein, verloren hatte,
breitete sich Basketball ebenfalls über das gesamte
amerikanische Universitätsnetz aus. Eine 1934 im
New Yorker Madison Square Garden veranstaltete
Demonstration mit zwei Spielen, an der Mannschaften der New York University, von Notre Dame, dem
Westminster College und der St. John's University
teilnahmen, trug dazu bei, dieses Collegespiel
populär zu machen. Schon bald darauf wurden die
ersten nationalen College-Basketballwettbewerbe,
das NIT (National Invitational Tournament) und das
NCAA-Turnier (National Collegiate Athletic Association) ins Leben gerufen. Die ersten professionellen
Basketballigen wurden Ende der dreißiger Jahre in
den Industriestädten des Mittleren Westens gegründet.
Die Entwicklung, die wahrscheinlich am nachdrücklichsten auf die Durchdringung der amerikanischen
Gesellschaft mit diesen drei neuen Sportarten einwirkte, war die landesweite Einführung des Schulsports an den weiterführenden Schulen der USA in
den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. Dazu
gehören Programme, in deren Rahmen nachmittags,
abends oder am Wochenende ausgewählte Schulmannschaften gegeneinander antreten. Die meisten
Schulen fördern eine Vielzahl von Schulmannschaften, aber die Sportarten, die unweigerlich den Stellenwert der Schule in einer Gemeinde ausmachen, sind
nahezu ausnahmslos Football, Basketball und Baseball. Um die Mitte dieses Jahrhunderts schlössen
sich die High Schools in Kreis- und Regionalligen
zusammen, die einen regulären Spielplan und Spiele
zum Saisonabschluß organisieren, deren Höhepunkt
das Endspiel um die Meisterschaft des jeweiligen
Bundesstaates ist. Auf diese Weise wurde das
Spektakel des Profi- und Collegesports auf einer
niedrigeren, aber auch greifbareren Ebene nachgeahmt, auf der Spieler, Trainer, Einpeitscher, PomPom Girls und Mitglieder der Marschmusikkapellen
allesamt in der Gemeinde bekannt sind.
Bis zu den dreißiger Jahren war der Sport zu einem
festen Bestandteil im Erfahrungsschatz nahezu jeden
Amerikaners geworden.
Während Mädchen oft
Volleyball oder Feldhockey spielten, wuchsen die
meisten Jungen mit Baseball, Football und Basketball
auf. Einige schlössen sich in außerschulischen Ligen

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�zusammen, aber die meisten spielten in ihrer Freizeit
mit Freunden und Nachbarn in einem Hinterhof, auf
der Straße oder auf dem Schulhof. Durch Reportagen in Radio und Presse konnten Sportfans aller
Altersstufen die Taten ihrer Lieblingsmannschaften
im Collegesport, bei den Halbprofis oder Profis miterleben, und in der Schule beteiligten sich junge
Leute im Sportunterricht an den Spielen, machten in
den Schulmannschaften mit und demonstrierten
ihren Einsatz für die Schule durch den Besuch von
Spielen der Schulmannschaften.
Für eine wachsende Zahl von Studenten hatte sich
der Sport bis zu den dreißiger Jahren zu einem
integralen Teil ihres Collegelebens entwickelt. "Auf
das College gehen", bedeutet in den Vereinigten
Staaten mehr als studieren und ein Examen ablegen. Es ist vielmehr eine "Erfahrung", ein kollektiver
Initiationsritus für eine neue und anspruchsvollere
Welt, der sich in der Periode zwischen den Weltkriegen zu gleichen Teilen aus Hollywoodfilmen,
Swingmusik und Football zusammensetzte. So, wie
die High-School-Mannschaft zum Repräsentanten
der Heimatstadt geworden war, entwickelte sich die
Collegemannschaft zum Instrument, um eine neue
Gemeinschaft unter Klassenkameraden herzustellen
und, nach dem Examen, die Bindungen zwischen
den "Ehemaligen" aufrechtzuerhalten. Die Rolle des
Football in den weiterführenden Bildungseinrichtungen Amerikas wird wirkungsvoll in Buster Keaton's
satirischem Film "College" dargestellt.

gesellschaftlichen Schichten nach neuen Identitäten
und neuen Ausdrucksformen, die denen entsprachen,
die sie in ihren Heimatstädten oder während ihrer
Collegejahre gekannt hatten. Über die Loyalität
gegenüber der "Heimmannschaft" ließen sich Bindungen nicht nur zu neuen Nachbarn und Kollegen
sondern auch zwischen Einwohnern aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und ethnischen Gruppen
herstellen, die ansonsten sehr wenig gemeinsam
hatten. In der Bundeshauptstadt zum Beispiel bietet
die Footballmannschaft der Washington Redskins
Massen von Neuankömmlingen - seien es Mitglieder
einer neuen Administration, Mitarbeiter von Verbänden oder Migranten der Arbeiterschicht aus North
Carolina - eine gemeinsame Leidenschaft und ein
stets willkommenes Gesprächsthema. Mitglieder des
amerikanischen Kongresses stehen vor dem Dilemma, ihre Loyalität gegenüber den Profimannschaften
ihres Wahlbezirks zu bewahren, die Fans in großen
Bundesstaaten, bei denen sie oder ihre politischen
Freunde um Stimmen werben, nicht zu verprellen und
gleichzeitig "Hail to the Redskins" zu brüllen - eine
Aufgabe, der die meisten gewachsen zu sein scheinen.

Sport und die amerikanische Demokratie

Der Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg
brachte Tausende von Menschen aus der Provinz in
die großen Städte und half bei der Finanzierung der
enormen Infrastruktur, die erforderlich war, um ihre
Freizeitbedürfnisse zu befriedigen. Schon bald
wälzten sich Blechlawinen über die neuen Highways,
um Zuschauer in die neugebauten Stadien zu bringen. Die aufstrebende Luftverkehrsindustrie ermöglichte es den Profiligen, zum ersten Mal bis zur
Pazifikküste zu expandieren: Football erreichte
Kalifornien Ende der vierziger Jahre, Baseball Ende
der fünfziger Jahre und Basketball zu Beginn der
sechziger Jahre. Mit dem aufkommenden Fernsehen steigerten sich die Zahl der Zuschauer und die
Summe der für College-Sportprogramme und Profiligen zur Verfügung stehenden Gelder dramatisch,
und Baseball, Football und Basketball wurden zu
den viele Millionen Dollar umsetzenden Industrien,
wie wir sie heute kennen.

Der Sport stellt vorgefertigte Traditionen zur Verfügung, die zur Integration von Neuankömmlingen
besonders gut geeignet sind, und für das bunte
Völkergemisch Amerikas sind die neuen Spiele zu
einem zwar unvollkommenen, aber auch sehr realen
Teil des demokratischen Prozesses geworden. Als in
den vierziger Jahren die Footballmannschaften der
"Fighting Irish" von Notre Dame auf die der Ivy
League trafen, so bedeutete dies, daß nun katholische Jungs gegen die Söhne der Yankee-Elite
spielten, und ein Sieg einer Staatsuniversität aus dem
Mittleren Westen war auch ein Sieg der in dieser
Region vertretenen gesellschaftlichen Gruppen,
darunter insbesondere die Nachkommen von Einwanderern aus Nord-, Mittel- und Osteuropa. Amerikaner in der zweiten Generation und Mitglieder
ethnischer Minderheiten nehmen in den ersten
Jahrzehnten des College- und Profisports einen
bedeutenden Platz unter den Spielern und Trainern
ein, wie ein Querschnitt von Spielernamen verdeutlichen mag - Knute Rockne, Bronko Nagurski, Adolph
Rupp, George Mikan, Casey Stengel, Roy Campanella.

Sport wurde zum "Big Business", aber er war - und
ist - ein Geschäft, das die Wünsche der Kunden
erfüllt. In den wachsenden städtischen Ballungsgebieten im Amerika der Nachkriegszeit erfüllten die
professionellen Baseball-, Football- und Basketballmannschaften das Bedürfnis von Angehörigen aller

Um das Spiel zu gewinnen, muß man sich an die
Regeln halten, und die Aufnahme der neuen amerikanischen Sportarten durch ländliche Bevölkerungsgruppen, Einwanderer und Minderheiten erforderte
ein nicht unbeträchtliches Maß an Konformismus.
Die Anpassung der vielfältigen Bevölkerungsgruppen

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�Amerikas an sportliche Normen hat jedoch auch zur
Modifizierung von Regeln und Vervielfältigung von
Stilen und Werten beigetragen, und zwar nicht nur
auf dem Spielfeld, sondern auch jenseits der Auslinien und in den Kabinen der Reporter. Zugleich mit
den Helden bestimmter ethnischer Gruppen hat der
Sport auch den Aufstieg von Trainern oder Managern von bäuerlichen oder plebejischen Ursprüngen
zu einer Art Prophetenstatus gefördert. Spieler und
Trainer können darüber hinaus zu Übermittlem
origineller Redensarten wie auch zu Verbreitem von
Binsenweisheiten werden.
Die Einstellung des
ehemaligen Werfers der St. Louis Cardinais, Dizzy
Dean, als Radioreporter könnte mehr zur Einführung
umgangssprachlicher Redensarten in die amerikanische Hochsprache beigetragen haben als Mark
Twains Huckleberry Flnn, und der ehemalige
Fänger der New York Yankees, Yogi Berra, - der
uns unter anderem klargemacht hat, daß ein Spiel
"erst zu Ende ist, wenn es zu Ende ist" - gehört zu
den meistzitierten Amerikanern. Deshalb bietet der
Sport nicht nur ein Forum für tollkühne Taten,
sondern auch für die Darbietung andernfalls stigmatisierter kultureller Stile, die in diesem besonderen
Umfeld salonfähig werden.

Basketballspieler Schwarze.
In dieser Zeit der
neuerlichen Rassenspannungen und neuer Diskussionen über die Rassenbeziehungen bedürfen diese
Statistiken einer Erklärung.
Die traditionell populären rassisch begründeten
Erklärungen für den Erfolg schwarzer Athleten sind
von vornherein von der Hand zu weisen. Zusammengenommen bedeutet der relative Charakter rassischer
Grenzen und die kulturelle Mediation unseres genetischen Erbes, daß wir wahrscheinlich nie in der Lage
sein werden, menschliches Verhalten einzig als
Ausdruck biologischer Merkmale zu interpretieren.
Bessere Erklärungen für die Vorherrschaft der
Afroamerikaner im College- und Profisport sind in
einer Mischung aus sozialen, kulturellen und historischen Faktoren zu suchen.
Die Professionalisierung des Sports führte notwendigerweise zum Aufstieg der weißen Arbeiterschichten,
und in einem ethnisch so vielfältigen Land wie den
Vereinigten Staaten hatte dies auch die Einbeziehung
von Minderheitengruppen zur Folge - schwarzen und
weißen.

Jede Erörterung des Verhältnisses zwischen dem
Sport und der amerikanischen Demokratie muß der
Rolle der Afroamerikaner besonderes Augenmerk
schenken.
Ursprünglich durch die berüchtigten
Rassenschranken von den populärsten sportlichen
Wettbewerben ausgeschlossen, dominiert die
Präsenz schwarzer Athleten heute in den organisierten College- und Profisportarten. Die Rassenintegration im Profisport war Teil der Demokratisierungswelle, die nach dem Zweiten Weltkrieg die amerikanische Gesellschaft erfaßte und ihren Höhepunkt mit
der Bürgerrechtsbewegung der späten fünfziger und
frühen sechziger Jahre erreichte. 1947 sorgten die
Brooklyn Dodgers für eine Sensation, als sie Jackie
Robinson in die Mannschaft aufnahmen, und innerhalb weniger Jahre wurden auch in die National
Basketball Association (NBA) und die National
Football League (NFL) die ersten schwarzen Spieler
aufgenommen.

Angehörige von Minderheiten versuchen ihr Glück
aus einer Reihe unterschiedlicher Gründe im Sport.
Da er keine künstlich aufgerichteten Hindernisse wie
Rassenschranken aufweist, bietet der Sport wirkliche
Chancengleichheit, so daß die Leistungen des
talentierten Einzelnen ohne Ansehen seiner sozialen
Herkunft voll anerkannt werden. Der finanzielle und
symbolische Lohn für den erfolgreichen Athleten ist
darüber hinaus sehr hoch. Gleichzeitig sind Angehörige von Minderheiten häufig benachteiligt, wenn sie
in anderen Bereichen Spitzenpositionen anstreben:
Zu den Hindernissen auf dem Weg zum Erfolg zählen
Armut, Rassenvorurteile, die schlechtere Qualität der
Schulen in von Minderheiten bewohnten Stadtvierteln,
mangelnde Unterstützung durch Familie und PeerGruppen sowie die Entfremdung von den stillschweigenden Werten der etablierten Mittelschicht. Außerdem kommen Wettkampfsportarten häufig auch den
männlichen Werten entgegen, die unter einigen
Minderheiten besonders im Vordergrund stehen.

Heute beherrschen schwarze Spieler die professionellen Football- und Basketballmannschaften in
einem Ausmaß, das in keinem Verhältnis zu dem
prozentualen Anteil der Schwarzen an der amerikanischen Gesamtbevölkerung steht. Während 13 %
der US-Bevölkerung Schwarze sind, stellen die
Afroamerikaner 18% aller Baseballprofis, 60% aller
Footballprofis und 75% aller professionellen Basketballspieler. Auch die Collegestatistiken sind in vielen
Fällen ebenso asymmetrisch: An der University of
California in Los Angeles (UCLA) waren 1991 7%
der Studenten, 44% der Footballspieier und 53% der

Das Bild von dem schwarzen Jugendlichen, der aus
bescheidenen Verhältnissen kommt und durch den
Sport erfolgreich wird, könnte irreführend sein, und
jede Erörterung dieses Themas läuft Gefahr, in
Klischees zu verfallen. Nicht alle Schwarzen leben in
Armut (neueren Schätzungen zufolge gehören 26-45
Prozent der Afroamerikaner zur Mittelschicht, je nach
Definition des Begriffs "Mittelschicht") und nicht alle
schwarzen Jugendlichen sind aufstrebende - oder
auch nur gute - Athleten. Athleten sind in allen
Formen, Größen, Hautfarben, Geschlechtern und
gesellschaftlichen Schichten vertreten, aber trotzdem

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�ist offenkundig, daß eine große Zahl männlicher
Schwarzer, von denen einige aus sozial schwachen
oder bescheidenen Verhältnissen stammen, sich auf
den Sport konzentrieren und davon träumen, Stars
in der NFL oder NBA zu werden.
Der jüngste Rückgang des Anteils der Schwarzen im
Profibaseball ist wahrscheinlich auf die Eigenheiten
in der Organisation dieses Sports zurückzuführen.
Seit der Gründung der Little League im Jahr 1939
wurde der Jugendbaseball hauptsächlich durch
außerschulische Organisationen gefördert. Wohlfahrtsprogramme des Bundes unterstützten in den
sechziger Jahren ähnliche Initiativen in ärmeren
Stadtvierteln, aber der Mangel an öffentlichen Mitteln
hat in den letzten beiden Jahrzehnten die Einstellung
solcher Programme zur Folge gehabt. Dagegen
werden Football und Basketball im schulischen
Rahmen organisiert und stehen deshalb unabhängig
von sozialem oder finanziellem Status der Eltern
allen Kindern offen. Als wichtigste Collegesportarten
bieten Football und Basketball darüber hinaus mehr
Stipendien für mittellose Studentensportler, die
entweder einen Collegeabschluß oder ein Sprungbrett in die Profiliga anstreben.
Baseball hat auch unter der zunehmenden Popularität des Basketball bei schwarzen Jugendlichen und
in der amerikanischen Jugendkultur insgesamt
gelitten. Für den derzeitigen Basketballboom gibt es
handfeste Gründe: Der Sport erfordert die geringste
persönliche Ausrüstung, und er läßt sich alleine oder
in Gruppen von zwei bis zehn Personen spielen.
Der wichtigste Grund für die wachsende Popularität
des Basketball liegt wahrscheinlich in der Möglichkeit
begründet, die sie dem einzelnen für die Zurschaustellung seiner Virtuosität bietet. Das Potential des
Basketballspiels als Showbühne für extravagante
Vorstellungen einzelner Spielerpersönlichkeiten
wurde am erfolgreichsten von den großen Stars der
letzten Jahrzehnte ausgeschöpft - Julius Erving ("Dr.
J") in den siebziger Jahren, Earvin "Magic" Johnson
in den achtziger Jahren und Michael Jordan in den
achtziger und neunziger Jahren. Diese drei Spieler allesamt Afroamerikaner - haben größere Berühmtheit erlangt als die meisten Wirtschaftskapitäne,
Politiker oder Wissenschaftler je erhoffen können,
und wie die großen Helden des Sports in der Vergangenheit haben sie dazu beigetragen, viele aufstrebende junge Menschen auf den Weg in die NBA
zu führen.
Profi-Basketball ist zu einem wichtigen Platz für die
ausdrucksstarke Kultur des schwarzen Amerika
geworden, aber von den vielen Sportlern, die eine
Karriere in der NBA anstreben, haben nur wenige
Erfolg. Was geschieht mit denen, die scheitern?
Einige spielen in zweitrangigen ausländischen Ligen,

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andere finden Arbeit in ortsansässigen Unternehmen
in den Städten, in denen sie noch als High School
oder College-Sporthelden bekannt sind, und andere
wiederum geraten völlig in Vergessenheit. Aus
diesem Grund beschuldigen viele Kritiker den Collegesport, er beute die jungen Athleten um des
eigenen Vorteils willen aus. Ein siegreiches Basketballteam hebt das Ansehen einer Universität, macht
sie attraktiver für mögliche (Studiengebühren zahlende) Studenten und veranlaßt ehemalige Studenten,
die nostalgisch an ihre Studentenzeit zurückdenken
und deren Formen der Geselligkeit häufig über
Vereine von Ehemaligen und Sportveranstaltungen
organisiert werden, zu freiwilligen Spenden. Deshalb
möchten viele Colleges und Universitäten ein konkurrenzfähiges Sportprogramm, auch wenn dies
bedeutet, Spieler anzuwerben, die nicht unbedingt
auch gute Studenten sind.
Vom Standpunkt des Spitzenathleten betrachtet,
bedeutet der Besuch einer Universität mit einem
hervorragenden Sportprogramm hauptsächlich die
Chance, an vom Femsehen übertragenen Spielen
teilzunehmen. Ein Spitzenspieler, der "viel Fernsehzeit bekommt", ist in einer wesentlich besseren
Verhandlungsposition, wenn er am Ende seiner
Collegekarriere Profi werden möchte. Stars helfen
ihren Mannschaften nicht nur, indem sie zum Sieg
beitragen, sondern auch dadurch, daß sie zahlende
Fans anziehen. Deshalb kann ein medienwirksamer
Collegestar mehr Geld fordern, wenn er von einer
Profimannschaft angeworben wird.
Nicht alle Collegesportprogramme sind gleich: Einige
sind berüchtigt, weil sie es Spielern erlauben, drei
oder vier Jahre ein College zu besuchen ohne
wirklich zu studieren, während andere das Ideal des
"Studentensportlers" aufrechterhalten. Allzu häufig
schaffen Collegespieler jedoch keinen Abschluß. Mit
einer Examensquote von 56% schneiden die Studentensportler jedoch insgesamt besser ab als der
landesweite Durchschnitt aller Studenten, der bei
48% liegt. Wenn man jedoch Football und Basketball
- die Sportarten, die viel Geld einbringen - von
Leichtathletik, Tennis, Golf und Turnen trennt, verschlechtert sich das Bild: Lediglich 43% aller Collegebasketballspieler schließen mit dem Examen ab.
Das bedeutet, daß viele Studentensportler, insbesondere Angehörige von Minderheiten, am Ende weder
einen Collegeabschluß noch eine NBA-Karriere vorweisen können.
Trotzdem ist der Traum unwiderstehlich. Denn Erfolg
im Profisport bedeutet persönliche Bestätigung,
Berühmtheit und natürlich Reichtum. Das durchschnittliche Jahresgehalt in der NBA stieg von
275.000 Dollar im Jahr 1983 auf 1,2 Millionen Dollar
1992. Vor seinem Rücktritt 1993 verdiente Michael

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�Jordan 3 Millionen Dollar jährlich sowie zusätzlich 25
bis 40 Millionen Dollar pro Jahr aus seinen verschiedenen Werbeverträgen. Als Jordan sich aus der
Liga zurückzog, unterschrieb Larry Johnson, ein
Ersatzspieler bei den Charlotte Hornets, einen
Zwölfjahresvertrag über 84 Millionen Dollar. Tatsächlich deuten alle Anzeichen darauf hin, daß die
Höhe der Spielergehälter in neue und beispiellose
Dimensionen klettert und daß ein Ende dieser
Spirale nicht abzusehen ist.
Die meisten Fans schütteln den Kopf über die neuen
Gehälter im Profisport, aber viele scheinen auch zu
denken, daß Spielerstars, die sich zermürbenden
Terminplänen unterwerten, das Risiko eingehen,
durch Verletzung zum Krüppel zu werden und ihr
Privatleben opfern ebenso das Recht haben, überhöhte Gehälter zu beziehen wie Topmanager oder
Filmschauspieler und -Spielerinnen. Eine Ironie ist
jedoch die Tatsache, daß Erfolg im Sport inzwischen
als die Quintessenz der amerikanischen Demokratie
und der Chancengleichheit betrachtet wird. Viele
Kommentatoren schwärmen immer wieder von dem
Mann aus dem ländlichen Louisiana, der es "so weit
gebracht" hat; in Wirklichkeit jedoch ist sein Erfolg
lediglich eine symbolische Geste - eine Dramatisierung unserer demokratischen Ideale, die andererseits häufig von der Erfahrung widerlegt werden.
Sicherlich weist der Erfolg schwarzer Athleten auf
eine unterschwellige Realität hin, nämlich den sich
wandelnden Status der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft in den vergangenen 150 Jahren.

*

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Ebenso klar ist jedoch, daß der phänomenale Erfolg
einiger Weniger keinen Ersatz für die Verbesserung
des Loses der überwältigenden Mehrheit bieten kann.
In den letzten Jahrzehnten sind viele Schwarze in die
Mittelschicht aufgestiegen, doch jüngeren Schätzungen zufolge bezieht ein Drittel der Schwarzen immer
noch ein Einkommen, das unter dem allgemein
festgelegten Minimum liegt. Darüber hinaus sind
Schwarze nicht nur im Profisport, sondern auch in
den Gefängnissen überproportional vertreten, während sie trotz der Verbesserungen in neuerer Zeit in
den akademischen Berufen unterrepräsentiert sind.
Trotzdem neigen die führenden Vertreter von Minderheiten dazu, erfolgreiche Athleten zu feiern,
während sie auch in anderen Lebensbereichen auf
Veränderungen hinarbeiten. Sporthelden werden
nicht nur als erfolgreiche Persönlichkeiten, sondern
auch als Vorbilder angesehen, die oft zu Programmen beitragen, die junge Menschen ermutigen, ihre
Lebenschancen nicht durch Sport sondern durch
Bildung zu verbessern. Ebenso wichtig sind die
neueren Versuche zahlreicher Stars aus Minderheiten, ihren Erfolg im Sport in geschäftlichen Erfolg
umzumünzen, und zwar nicht nur dadurch, daß sie
ein Restaurant mit berühmtem Namen eröffnen,
sondern insbesondere durch Besitz und Führung von
Sport-Franchiseunternehmen. Nahezu fünfzig Jahre
nachdem Jackie Robinson seinen rechtmäßigen Platz
auf dem Spielfeld einnahm, scheinen Angehörige von
Minderheiten immer häufiger auch in Vorstandsetagen Einzug zu halten.

* * *

*

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