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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

27. April 1994

16

RICHARD NIXON

STAATSTRAUERTAG FÜR NIXON
Proklamation des Präsidenten
RICHARD NIXON - EIN UMSTRITTENER ABER
TATKRÄFTIGER POLITIKER
Zum Tode des ehemaligen Präsidenten

BOSNIEN

CHRISTOPHER: ANGRIFF DER BOSNISCHEN
SERBEN ERFORDERT ENTSCHLOSSENE
REAKTION
Eröffnungsansprache bei Anhörung vor dem
Kongreß

BOSNISCHES VERHALTEN ERFORDERT
ENTSCHLOSSENE, SACHLICHE REAKTION
Rede von Thomas Weston

MENSCHENRECHTE

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE SIND
SCHLÜSSELELEMENTE DER
AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Anhörung Shattucks vor dem Kongreß

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�RICHARD

NIXON
27. April 1994

STAATSTRAUERTAG FÜR NIXON
Proklamation des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Mit den Worten, Richard M. Nixon sei "ein vehementer Verfechter von Freiheit und
Demokratie weltweit" gewesen, ordnete Präsident Clinton einen Staatstrauertag für den 37. Präsidenten der
Vereinigten Staaten an, der am 22. April 1994 verstarb.
Nixon, der sich als einziger Präsident zum Rücktritt gezwungen sah, verbrachte die letzten Jahre seines
Lebens mit dem Verfassen von Schriften über außenpolitische Themen und erstellte, so Clinton, "ein
überzeugendes Bild der sich abzeichnenden Weltpolitik, das auf Jahre hinaus politischen Entscheidungsträgern
als Leitfaden dienen wird".
Nixon wird am 27. April 1994 neben seiner Frau Patricia in seinem Geburtsort Yorba Linda (Kalifornien)
beerdigt, wo sich auch das Nixon-Museum und seine Präsidentenbibliothek befinden.
An das Volk der Vereinigten Staaten:
Mit großer Trauer gebe ich offiziell den Tod von
Richard Milhous Nixon, dem 37. Präsidenten der
Vereinigten Staaten von Amerika, am 22. April 1994
bekannt.

,
•»

Als für herausragende Dienste im Zweiten Weltkrieg
ausgezeichneter Marineoffizier war Richard Nixon
seit langem ein Fixpunkt in unserem nationalen
Leben. In einer sich über ein Vierteljahrhundert
erstreckenden Laufbahn im öffentlichen Dienst trug
er zur Gestaltung der amerikanischen Geschichte
bei. Vor seiner Amtsübernahme als Präsident im
Jahr 1969 leistete er hervorragende Arbeit im
amerikanischen Repräsentantenhaus, im Senat und
als Vizepräsident in der Eisenhower-Administration.
Seit seinen frühen Tagen im Kongreß, während
seiner Amtszeit im Weißen Haus und im gesamten
Verlauf der zwei Jahrzehnte, die seit seinem Ausscheiden aus dem Amt verstrichen sind, war er ein
vehementer Verfechter von Freiheit und Demokratie
weltweit.
Staatsmänner und Studenten internationaler Angelegenheiten werden noch lange auf Präsident Nixons
enorme Leistungen als Richtschnur blicken. Sein
Kampf um die Überbrückung der Kluft zwischen den
Vereinigten Staaten und der ehemaligen Sowjetunion - angefangen von der berühmten "Küchendebatte" mit Nikita Chruschtschow, der in der Entspannungspolitik Anfang der siebziger Jahre seinen
Höhepunkt fand - trug zur Aufrechterhaltung des

AMERIKA DIENST 16

Friedens in einem unsicheren Zeitalter bei. Unsere
inzwischen verbesserten Beziehungen zu den Chinesen sind auf Nixons mutigen Besuch in China vor
über 20 Jahren zurückzuführen. In zahlreichen
später von ihm verfaßten Büchern erstelfte er ein
überzeugendes Bild der sich abzeichnenden Weltpolitik, das auf Jahre hinaus politischen Entscheidungsträgern als Leitfaden dienen wird.
Präsident Nixon hat für unsere Nation auch eine
Vielzahl positiver innenpolitischer Initiativen ergriffen.
Seine Bemühungen um Umweltschutz, Änderung des
Sozialleistungssystems unserer Nation, Verbesserung
des Gesetzesvollzugs und Reform des Gesundheitswesens dienen uns heute als Anregung, während wir
den Amerikanischen Traum in greifbare Nähe all
unserer Bürger rücken.
In seinem Buch In the Arena: A Memolr of Victory,
Defeat and Renewal schrieb Präsident Nixon:
"Meiner Ansicht nach... ist die Fülle des Lebens nicht
an seiner Länge, sondern an seiner Breite, Höhe und
Tiefe zu messen." Das ist in der Tat ein äußerst
passendes Epitaph auf sein bemerkenswertes Leben.
Er erlitt Niederlagen, welche die meisten politischen
Karrieren beendet hätten, errang aber auch phantastische Siege, die vielen der beliebtesten Politiker der
Welt nicht beschieden waren. An diesem denkwürdigen Tag erkennen wir den bedeutenden Wert des
von ihm zu unserer Nation geleisteten Beitrags an
und beten, daß er uns genug von seiner Klugheit
hinterlassen haben möge, um uns sicher ins kommende Jahrhundert zu geleiten.

Seite 1

�Aufgrund dessen verfüge ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der mir von der Verfassung und den Gesetzen der
Vereinigten Staaten übertragenen Vollmachten, daß
im Gedenken an Präsident Nixon und als Ausdruck
der öffentlichen Trauer die Flagge der Vereinigten
Staaten am Weißen Haus und auf allen Gebäuden,
Grundstücken und Kriegsschiffen der Vereinigten
Staaten über einen Zeitraum von 30 Tagen nach
seinem Todestag auf halbmast stehen soll. Femer
ordne ich an, daß während dieser Zeit die Vertreter
der Vereinigten Staaten im Ausland ähnliche Anweisungen für Trauerbeflaggung an ihren Botschaften,
Missionen und anderen öffentlichen Gebäuden im
Ausland geben, einschließlich aller militärischen
Einrichtungen und Stützpunkte.

*

Seite 2

Hiermit verfüge ich, daß am Tag der Beisetzung
Einheiten der Streitkräfte auf Befehl des Verteidigungsministers dem Verstorbenen angemessene
Ehrenbezeugung erweisen.
Weiterhin erkläre ich den Tag der Beisetzung zum
Staatstrauertag im gesamten Land. Ich rufe das
amerikanische Volk dazu auf, sich an diesem Tag in
die Gotteshäuser zu begeben, Präsident Nixons zu
gedenken und Gott um seinen Segen für unser Land
zu bitten. Ich rufe die Menschen auf der ganzen
Welt, die mit uns in Trauer vereint sind, dazu auf,
sich unserem feierlichen Gedenken anzuschließen.
Unterzeichnet am 22. Tag des April, im Jahre des
Herrn 1994 und im 218. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika.

* * *

*

AMERIKA DIENST 16

�RICHARD

NIXON

27. April 1994

Richard Nixon - ein umstrittener aber tatkräftiger Politiker
Zum Tode des ehemaligen Präsidenten
Richard Milhous Nixon, der als einziger Präsident
der Vereinigten Staaten sein Amt niederlegte, war
einer der umstrittensten und bedeutendsten amerikanischen Regierungschefs der vergangenen 40 Jahre.
Nur über wenige Politiker in der amerikanischen
Geschichte wurde kontroverser diskutiert als über
Nixon. Der konservative Politiker war bei vielen
Liberalen, Akademikern und Journalisten unbeliebt.
Er scheute sich aber auch nicht, ihnen mit derselben
Abneigung zu begegnen. Nixon mußte unglaubliche
politische Niederlagen erleiden - Schläge, die andere
vielleicht nicht ertragen hätten. Auf irgendeine
Weise gelang es ihm jedoch immer wieder, sich
davon zu erholen.
Der größte Erfolg von Nixons Präsidentschaft war
seine Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion sowie die politische Öffnung für das kommunistische China Anfang der siebziger Jahre.
Letztere festigte seinen Ruf eines herausragenden
außenpolitischen Strategen.
Sein größter Mißerfolg war sein unehrenhafter
Rücktritt vom Amt des Präsidenten im Jahr 1974, um
einer drohenden Amtsenthebung durch Impeachment als Folge der Watergate-Affäre zuvorzukommen.
Nixon hatte aber auch Bewunderer - viele erinnern
sich an sein Eintreten für die Demokratie in der
berühmten, in Moskau mit dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow geführten "Küchendebatte" und an seinen Mut, als seine Frau Pat und er
1958 in Venezuela von einem Mob antiamerikanischer Demonstranten angegriffen wurden.
Praktisch in der gesamten Nachkriegszeit war Nixon
für jeden Erwachsenen und jedes Kind in Amerika
ein Begriff - nicht nur als Politiker, sondern auch als
Produkt seiner Zeit, möglicherweise, weil er einer
der ersten Politiker war, die im gesamten Verlauf

AMERIKA DIENST 16

ihrer Karriere immer wieder im Fernsehen erschienen.
Nach seinem Rücktritt nahm die Abneigung gegen
Nixon ab, und in späteren Jahren wurde er in den
Augen der Öffentlichkeit ein "eider statesman" - eine
Rolle, an der er offensichtlich Gefallen fand.
Der 1913 auf der Farm seines Vaters in Yorba Linda
(Kalifornien) geborene Nixon wuchs mit vier Brüdern von denen zwei als Kind starben - unter der strengen Erziehung seines Vaters auf. Seine Mutter war
Quäkerin, und zu ihr hatte Nixon eigenen Angaben
zufolge ein engeres Verhältnis. Während seiner
Kindheit zog die Familie in das 20 Kilometer von Los
Angeles entfernte Whittier. Nixon besuchte das
Whittier College, wo er Geschichte studierte und sich
in Debatten besonders hervortat. 1937 legte er an
der Duke University sein juristisches Staatsexamen
ab.
Nachdem Nixon im Zweiten Weltkrieg in der USMarine gedient hatte, gab er 1946 seine Kandidatur
für einen Sitz als Abgeordneter des Bundesstaates
Kalifornien im Kongreß gegen den demokratischen
Amtsinhaber Jerry Voorhis bekannt.
Aufgrund
angeblicher Kontakte Voorhis zu den Linken gewann
Nixon seinen ersten größeren politischen Sieg.
Während seiner frühen Jahre im Kongreß erwies sich
Nixon bei innenpolitischen Fragen als pragmatischer
Konservativer, bei auswärtigen Angelegenheiten als
Weltpolitiker, der sich für den Marshallplan einsetzte.
Als Mitglied des Ausschusses des Repräsentantenhauses für unamerikanische Umtriebe schlug er aus
der starken antikommunistischen Einstellung seiner
Zeit Kapital und formulierte sie als nationale Politik.
Als der Ausschuß 1948/49 den Fall von Alger Hiss,
einem Beamten des US-Außenministeriums, untersuchte, veranlaßte Nixon eine Gegenüberstellung
zwischen Hiss und seinem Ankläger, Whittaker

Seite 1

�Chambers, was schließlich zur Verurteilung von Hiss
wegen Meineid führte. Nixon schreib später zutreffend in seinen autobiographischen Memoiren "Six
Crises", der Fall Hiss "hinterließ Haß und Feindseligkeit mir gegenüber - nicht nur unter Kommunisten,
sondern auch wichtigen Vertretern der Presse und
Intellektuellen - eine Feindseligkeit, die selbst heute
noch spürbar ist".
Verstärkt wurde diese Feinseligkeit durch Nixons
Kampagne gegen Helen Gahagan Douglas 1950 im
Rennen um einem Sitz im Senat. Wie üblich bediente sich Nixon harter Worte, und seine Gegner
bezichtigten ihn des Kommunistenhasses und des
Antisemitismus. Während seiner gesamten nachfolgenden politischen Karriere blieb Nixon Zielscheibe
der Ablehnung durch die Liberalen.
1952 wurde Nixon auf dem Parteitag der Republikaner zum Vizepräsidentschaftskandidaten von Dwight
D. Eisenhower gewählt. Während des Wahlkampfes
kritisierte Nixon die Demokraten wegen ihrer Schwäche gegenüber dem Kommunismus und Korruption
innerhalb der Regierung. Dies erwies sich als
Bumerang, weil er selbst unangemessener Verwendung von Wahlkampfspenden beschuldigt wurde
und es bei der ersten schweren Krise seiner Karriere
den Anschein hatte, Eisenhower, der eine persönliche Abneigung gegen ihn hegte, werde Nixon von
seiner Wahlliste streichen.
Am 23. September 1952 hielt Nixon im Fernsehen
seine berühmte "Checkers"-Rede. Er stellte seine
Frau Pat und seinen Cockerspaniel "Checkers" der
Öffentlichkeit vor, bestritt den Mißbrauch von Wahlkampfgeldern für persönliche Zwecke (nach amerikanischem Gesetz ein Vergehen) und verwies auf den
"respektablen republikanischen Tuchmantel" seiner
Frau als Zeichen ihrer persönlichen Genügsamkeit.
Die Intellektuellen haßten seine Rede, bei der
amerikanischen Öffentlichkeit kam sie jedoch gut an
und rettete seine Karriere.
Als Eisenhowers Vizepräsident während zwei
Amtsperioden übernahm Nixon eine aktive Rolle in
der Administration, als sich Eisenhowers Gesundheitszustand verschlechterte. Bei Besuchen und im
diplomatischen Auftrag bereiste er 54 Länder. Bei
ihrem Aufenthalt in Caracas wurden die Nixons von
antiamerikanischen Demonstranten angepöbelt, aber
Nixon gelang es, sich von ihnen zu befreien, während die Kameras den Angriff festhielten.
1959 hatte Nixon einen großen Glückstreffer:
Während eines Besuchs in der Sowjetunion besichtigte er mit dem damaligen sowjetischen Staatschef
Chruschtschow in Moskau eine Ausstellung amerikanischer Küchengeräte. Eine angeregte Unterhaltung

Seite 2

zwischen beiden Männern wurde von den Fernsehkameras aufgezeichnet. Sie wurde bekannt als die
"Küchendebatte", und die Öffentlichkeit zollte Nixon
Lob, weil er sich gegen den sowjetischen Staatschef
auf dessen Territorium "gut geschlagen" hatte.
Nixon gewann die Nominierung der Republikaner als
Präsidentschaftskandidat im Jahr 1960. Dieses Mal
zeichnete das Femsehen jedoch seine Demontage
auf als ein müde aussehender Nixon - der sich von
einer Krankheit erholte - bei dem Fernsehduell mit
einem ausgeruhten, jugendlichen John F. Kennedy
um die Präsidentschaft kämpfte. Nixon verlor die
Wahl mit weniger als einem Prozent der Stimmen,
entschloß sich jedoch, keinen Einspruch gegen das
Wahlergebnis einzulegen, wie Kollegen ihm geraten
hatten.
Viele Politiker hätte sich nach so einem frustrierenden
Wahlkampf zurückgezogen. Aber zur allseitigen
Überraschung trat Nixon wieder auf, um 1962 die
Nominierung als Gouverneur von Kalifornien anzustreben. Wiederum mußte er sich durch den Amtsinhaber, Edmund G. Brown, knapp geschlagen
geben.
1963 zog Nixon nach New York und praktizierte
neben seiner Tätigkeit für die republikanische Partei
als Rechtsanwalt. In demselben Jahr wurde Kennedy
erschossen und sein Nachfolger, Lyndon B. Johnson,
wurde bald in den Vietnamkrieg verstrickt. 1968 gab
Johnson, dessen Ruf durch diesen Krieg zerstört
worden war, bekannt, er werde sich nicht zur Wiederwahl stellen. In dem Wissen um die geschwächte
Position der Demokraten strebte Nixon erneut die
Präsidentschaftsnominierung an und besiegte den
Kandidaten der Demokraten, Vizepräsident Hubert
Humphrey. Nixons Kampagne kam die Desillusionierung der Öffentlichkeit über den Vietnamkrieg zu Hilfe
sowie die Kandidatur eines dritten Kandidaten, des
Gouverneurs von Alabama, George C. Wallace, die
den Demokraten Stimmen entzog.
Als 37. Präsident regierte Nixon die Nation als
gemäßigter Konservativer. Nixon und sein Außenminister, Henry Kissinger, ordneten die weitere
massive Bombardierung Indochinas an - weiteten die
Luftangriffe auf Laos und Kambodscha aus und
provozierten riesige Demonstrationen auf den amerikanischen College-Campuses - begannen jedoch
auch den Prozeß des amerikanischen Rückzugs aus
der Region. Im Rückblick erscheint wichtiger, daß sie
die gefeierte diplomatische Öffnung Chinas ausarbeiteten und durchführten. Nixon erzielte femer
Fortschritte bei den Verhandlungen mit der Sowjetunion über strategische Rüstungen und setzte sich
für Gesetze über das Sozialwesen und ökologische
Fragen ein.

AMERIKA DIENST 16

�1972 gewann Nixon erneut die Präsidentschaft dieses Mal in einem erdrutschartigen Sieg über
seinen demokratischen Herausforderer George S.
McGovern. Diese Wahl erwies sich jedoch als seine
Demontage. Von seinen Assistenten bezahlte
Männer waren in das Hauptquartier des nationalen
Ausschusses der Demokraten im Watergate-Apartmentgebäude in Washington in dem offensichtlichen
Versuch eingebrochen, den Demokraten abträgliche
Informationen zu erhalten.
Was immer Nixon über den Einbruch gewußt haben
mag, sein schwerwiegendster Fehler war der Versuch, die Ermittlungen zu vereiteln und Beweismaterial zu vernichten - eine Fehleinschätzung, die zu
einem riesigen Skandal und einem Ermittlungsverfahren des Kongresses führte. Schließlich sah er
sich 1974 angesichts der drohenden Anklage zum
Rücktritt gezwungen. Sein Nachfolger, Gerald R.
Ford, amnestierte ihn wegen aller im Amt begangenen Vergehen - und Nixon zog sich in Kalifornien in
den Ruhestand zurück.

*

AMERIKA DIENST 16

Während seiner Präsidentschaft im Oval Office
gemachte und späterfreigegebene Tonbandaufzeichnungen zeigten Nixon als häufig ungehobelten und
rachsüchtigen Mann. Wie in vergangenen Jahrzehnten überwand Nixon jedoch die Bitterkeit und Schande von Watergate und kehrte allmählich ins öffentliche Leben zurück. Über die Jahre trat er als kluger
Berater und Kommentator außenpolitischer Themen
auf und wurde von der jüngeren Generation von
Amerikanern als angeschlagener, aber dennoch
geachteter "eider statesman" akzeptiert.
Gegen Ende seines Lebens bewerteten die Historiker
seine geschichtliche Rolle in einem günstigeren Licht.
Seine letzte Auslandsreise im Jahr 1994 führte ihn
nach Rußland, wo er die Kommunikation zwischen
den politischen Parteien zu verbessern und ihr
Potential einzuschätzen versuchte.

*

Seite 3

�BOSNIEN
27. April 1994

CHRISTOPHER: ANGRIFF DER BOSNISCHEN SERBEN
ERFORDERT ENTSCHLOSSENE REAKTION
Eröffnungsansprache bei Anhörung vor dem Kongreß
WASHINGTON - (AD) - Der Angriff der bosnischen Serben auf die von der UNO erklärte Schutzzone Gorazde
hat erneut die Mißachtung der Serben für die "internationale Staatengemeinschaft und einen Mangel an
Kooperationsbereitschaft bei der Erlangung des Friedens demonstriert", stellte Au ßenminister Christopher fest.
Bei einer Anhörung vor dem Bewilligungsunterausschuß für Wirtschaft des Senats am 21. April 1994 erklärte
Christopher, das jüngste Verhalten der bosnischen Serben "erfordert eine entschlossene Reaktion", wenn die
Parteien in Bosnien einbezogen werden sollen, um ein Abkommen am Verhandlungstisch zu erzielen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache von Außenminister Christopher im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder, es
ist mir ein Vergnügen, heute vor Ihnen sprechen zu
dürfen. Der Präsident und ich profitieren in höchstem Maße von Ihrer Klugheit und Ihrem Fachwissen. Ich sehe einer produktiven Diskussion erwartungsvoll entgegen.
Ich werde heute den Haushaltsantrag 1995 für
internationale Angelegenheiten erläutern sowie seine
Prioritäten und Ziele darlegen. Zuerst werde ich
Ihnen jedoch über unsere Reaktion auf die Situation
in Bosnien berichten.
Die Serben haben wieder einmal ihre Mißachtung für
die internationale Staatengemeinschaft und einen
Mangel an Kooperationsbereitschaft bei der Erlangung des Friedens demonstriert. Seit Tagen beschießen sie eine von Zivilisten bewohnte Stadt,
selbst nachdem deren Verteidigung zerschlagen
worden ist.
Dies ist ein Rückschlag für die in den vergangenen
Wochen mit dem Ultimatum bezüglich Sarajevo und
dem Friedensabkommen zwischen den Bosniern und
Kroaten erzielten Fortschritte. Wir müssen uns
jedoch über unsere Ziele im klaren sein. Wir müssen die Parteien in Bosnien zur Beilegung ihrer
Differenzen am Verhandlungstisch veranlassen. Und
wie Präsident Clinton gestern eindeutig klargestellt
hat, müssen wir die Serben zu Verhandlungen
ermutigen, indem wir sicherstellen, daß sie einen
hohen Preis für die andauernde Aggression bezahlen.

AMERIKA DIENST 16

Das jüngste Verhalten der bosnischen Serben
erfordert eine entschlossene Reaktion. Der Präsident
hat drei unverzüglich zu ergreifende Initiativen
vorgelegt.
Erstens schlagen wir unseren Verbündeten vor, den
von uns erfolgreich angewandten Ansatz zu Sarajevo
auf andere von der UNO zu Schutzzonen erklärte
Gebiete in Bosnien einschließlich Gorazde auszuweiten. Wir wissen, daß Luftangriffe allein die serbische
Aggression nicht aufhalten können. Sie können
jedoch ebenso wie in Sarajevo als Abschreckung für
den mutwilligen Beschuß der von Zivilisten bewohnten Regionen dienen und den Verletzern hohe
Strafen auferlegen.
Zweitens werden wir unsere Bestrebungen verdoppeln um zu gewährleisten, daß harte Sanktionen
gegen Serbien so streng wie möglich durchgesetzt
werden.
Drittens werden wir unsere Unterstützung für humanitäre Hilfslieferungen in Bosnien erweitern.
Die
Vereinigten Staaten werden mit den Vereinten
Nationen zusammenarbeiten, um den Menschen in
Gorazde zu helfen.
Wir unternehmen diese Schritte, weil die Vereinigten
Staaten in Bosnien wichtige strategische und humanitäre Interessen haben. Wir haben ein strategisches
Interesse an der Verhinderung eines größeren
europäischen Konflikts. Wir haben ein Interesse an
der Aufrechterhaltung der NATO als glaubwürdige
Streitmacht für Frieden in Europa nach dem Kalten

Seite 1

�Krieg. Wir haben ein Interesse an der Eindämmung
des Flüchtlingsstroms und der Beendigung dieser
schrecklichen Tragödie.
Letztlich ist eine Verhandlungslösung unter den
Parteien der einzige Weg zur Beendigung des
Konflikts. Das Abkommen zwischen den bosnischen
Muslims und Kroaten, zu dessen Zustandekommen
wir beigetragen haben, hat bereits eine Kampf linie in
Bosnien ausradiert. Es weist darüber hinaus den
Weg zu der von uns angestrebten umfassenderen
Lösung.
Ich möchte hinzufügen, Herr Vorsitzender, daß wir
die Entsendung weiterer UN-Friedenstruppen zur
Sicherstellung der humanitären Hilfslieferungen und
zur Konsolidierung des bosnisch-kroatischen Friedens unterstützen werden. Wie der Präsident
gestern erklärte, "lautet das Gebot jetzt, sich nicht
nur mit dem jüngsten serbischen Vergehen auseinanderzusetzen, sondern die Kraft für Frieden zu
erneuern".
Wir werden unsere Initiativen morgen in Brüssel mit
unseren NATO-Verbündeten und den Russen
erörtern. Wir hoffen, daß wir einen gemeinsamen
Ansatz zur Beendigung des Konflikts und zur Erlangung von Frieden im ehemaligen Jugoslawien
erarbeiten können.
Ich möchte mich jetzt dem Antrag des Präsidenten
für das Haushaltsjahr 1995 zuwenden - dem ersten
wirklichen Etat für internationale Angelegenheiten in
der Zeit nach dem Kalten Krieg.
Dieses Budget entspricht den Herausforderungen
der Ära nach dem Kalten Krieg, indem es die von
mir als zentral für die Außenpolitik dieser Administration ausgemachten sechs strategischen Prioritäten
unterstützt. Erstens gestattet es uns die Verbesserung unserer wirtschaftlichen Sicherheit. Zweitens
stellt es Unterstützung für die Reformen in Rußland
und den anderen neuen unabhängigen Staaten
bereit. Drittens können wir dank dieser Haushaltsvorlage die transatlantische Sicherheit und den
Wohlstand aufrechterhalten. Viertens fördert sie
unser Interesse am asiatisch-pazifischen Raum.
Fünftens bringt sie den Frieden im Nahen Osten
voran. Sechstens trägt sie dazu bei, globale Themen wie Nichtverbreitung, Menschenrechte, Bevölkerungswachstum und die Umwelt zum wesentlichen
Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik zu
machen.
Diplomatie ist ein starkes Instrument, diese Prioritäten zu fördern sowie starke und sichere Vereinigte
Staaten zu gewährleisten. Ich bin der festen Überzeugung, daß präventive Diplomatie und Friedens-

Seite 2

Sicherung kosteneffektiv sind. Sie sparen Geld.
Noch wichtiger ist, sie retten Leben.
Herr Vorsitzender, wie Sie wissen, wird ein Großteil
dieses Haushalts von anderen Bewilligungsunterausschüssen finanziert. Heute konzentriere ich mich auf
die von diesem Unterausschuß finanzierten Budgetkategorien, obwohl ich auch kurz auf die anderen
eingehen werde.
Die erste Haushaltskategorie ist die Förderung von
Wohlstand in den Vereinigten Staaten. Ich habe
unsere Missionen im Ausland angewiesen, der
Unterstützung der Interessen amerikanischer Exporteure, Investoren und Arbeitnehmer höchste Priorität
einzuräumen. Diese Bestrebungen bewirken jeden
Tag etwas für amerikanische Unternehmen. Ohne
die kontinuierliche Unterstützung dieses Unterausschusses wären sie nicht möglich.
In diesem Zusammenhang, Herr Vorsitzender,
möchte ich die von der Handelsabteilung des amerikanischen Wirtschaftsministeriums gespielte unerläßliche Rolle hervorheben. Ich darf Ihnen versichern, daß unsere Beamten im Ausland enger als
je zuvor mit der Handelsabteilung bei der Förderung
unserer gemeinsamen Ziele zusammenarbeiten.
Eine zweite Kategorie - die Förderung von Demokratie - spiegelt unsere Ideale wider und verstärkt unsere
Interessen. Der freie Austausch von Ideen ist eine
notwendige Voraussetzung für die Entwicklung
demokratischer Institutionen auf der ganzen Welt.
Unser Finanzierungsantrag für das US-Informationsamt (USIA) wird die umfassende Modernisierung und
Konsolidierung des internationalen Hörfunks gestatten. Auch die Finanzierung der nationalen Stiftung
für Demokratie ist unerläßlich. Ihre Aktivitäten zielen
auf die Stärkung von Institutionen ab, die Pluralismus,
demokratische Regierungsformen, Staatsbürgerkunde, Menschenrechte und Respektierung der Rechtsstaatlichkeit ermutigen.
In diesem Kontext möchte ich betonen, wie hoffnungsvoll wir über die Aussichten eines demokratischen Übergangs in Südafrika sind, wo die nationale
Stiftung für Demokratie die Aufklärung von Wählern,
Konfliktlösung und die Ausbildung politisch Verantwortlicher unterstützt hat. Wir sind erfreut über die
Vereinbarung vom Dienstag, mit der die Beteiligung
der Inkatha an den Wahlen sichergestellt ist. Wir
müssen jetzt zusammenarbeiten, um Südafrika beim
Aufbau neuer demokratischer Institutionen behilflich
zu sein.
Der größte Teil des Haushaltsantrags entfällt auf die
Förderung des Friedens. Über 80 Prozent der Gelder
sind für die Aufrechterhaltung und die Schaffung von

AMERIKA DIENST 16

�Frieden im Nahen Osten vorgesehen. Obwohl
Extremisten den Friedensprozeß sabotieren wollen,
macht dieser Prozeß Fortschritte. Wenn die bilateralen Gespräche hier Anfang Mai wiederaufgenommen
werden, hoffe ich, daß die Parteien zu den harten
Entscheidungen bereit sind, die für Fortschritte im
Friedensprozeß erforderlich sind.
Der beste Weg zum Schutz des Friedensprozesses
und zur Isolierung der Extremisten besteht in der
Veränderung der Gegebenheiten am Boden, so daß
die Menschen in der Region greifbare Verbesserungen für ihr Leben sehen. Die Aktionen von Extremisten - sei es in Hebron oder Afula - sind darauf
ausgerichtet, nicht nur Einzelpersonen zu töten,
sondern den Frieden selbst zu vereiteln. Wir sind
entschlossen, ihnen den Erfolg zu verwehren.
Darüber hinaus haben wir Mittel für die UN-Friedenssicherung beantragt. Wir werden sorgfältig abwägen, wann wir die Friedenssicherungsoperationen
unterstützen und wann wir uns daran beteiligen.
Wenn wir eine solche Entscheidung treffen, stellen
wir harte Fragen über Umfang, Auftrag, Dauer,
Verfügbarkeit von Ressourcen und Höhe des Risikos
einer solchen Mission. Wir erarbeiten rigorose
Kriterien um festzustellen, ob bereits bestehende
Friedenssicherungsoperationen eine neue Bewilligung verdienen.
Wir sehen UN-Friedenssicherung als Instrument,
Krisen zu entschärfen und zu verhindern, daß
Verletzungen des Friedens unsere Interessen
bedrohen und unsere Ressourcen weiter aufzehren.
Wir werden uns stets das Recht vorbehalten, im
Alleingang oder über ein Bündnis wie die NATO zu
handeln.
Wenn eine UNO-Operation unseren
Interessen jedoch am besten dient, wollen wir
sicherstellen, daß sie funktioniert.
UN-Friedenssicherungsmissionen erfüllen wichtige
Ziele zu weit geringeren Kosten als wenn wir alleine
eingegriffen hätten. Weniger als 1.000 der 70.000
weltweit stationierten UN-Friedenstruppen sind
Amerikaner. Die Vereinigten Staaten tragen 30
Prozent der Gesamtkosten, und wir werden alles in
unserer Macht Stehende tun, um diese Zahl bis
1996 auf 25 Prozent zu verringern.
Herr Vorsitzender, die Kosten der UN-Friedenssicherung sind eine Angelegenheit, die dem Kongreß
und der Administration ständig Anlaß zur Sorge
bereitet. Wir arbeiten an der Verbesserung der
Effizienz und Senkung der Kosten. Meines Erachtens müssen wir jedoch unseren Verpflichtungen
im Rahmen der Charta der Vereinten Nationen
nachkommen und unsere Beiträge entrichten.

AMERIKA DIENST 16

Wir erwarten, daß die Auslagen für Friedenssicherung im Haushaltsjahr 1994 1 Milliarde Dollar übersteigen. Wie Sie wissen, beraten Repräsentantenhaus und Senat am 19. April über das Bewilligungsgesetz des Außenministeriums, mit dem der Haushaltsantrag der Administration für 1994 in Höhe von
670 Millionen Dollar für Friedenssicherung unter
bestimmten Bedingungen bewilligt werden soll. Wir
benötigen Ihre Hilfe bei der Lösung dieses Finanzierung sproblems.
Wir sind entschlossen, Friedenssicherung effektiver
und finanziell transparenter zu machen.
Unser
Argument für Reformen ist stärker, wenn unsere
Rechnungen bezahlt sind - und wird unterminiert,
wenn sie es nicht sind. Wir wollen mit Ihnen und
Ihrem Unterausschuß zusammenarbeiten.
Wir
erbitten Ihren Rat und Ihre Unterstützung bei der
Finanzierung von Friedenssicherung und sonstigen
Maßnahmen.
In dieser Kategorie beantragen wir auch Mittel für
Nichtverbreitung und Abrüstung, einschließlich des
Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung. Dieses
Thema hat größere Relevanz als je zuvor angesichts
der Tatsache, daß Nordkorea seine Verpflichtungen
im Rahmen des Nichtverbreitungsvertrags nicht
einhält.
Schließlich, Herr Vorsitzender, erbitten wir Mittel zur
Unterstützung der Operationen des Außenministeriums sowie für unsere voraussichtlichen Beiträge zu
internationalen Organisationen. Mit diesen Mitteln
werden vor allem unsere Bürger und unsere lebenswichtigen Missionen im Ausland finanziert.
Unsere im auswärtigen Dienst tätigen hochqualifizierten Mitarbeiter üben die harte Arbeit der Diplomatie
an schwierigen und gefährlichen Orten auf dem
ganzen Globus aus. Amerikanische Diplomaten
unterhalten nicht nur Beziehungen zu ausländischen
Regierungen.
Sie schlichten Konflikte, fördern
Exporte, verteidigen Menschenrechte und koordinieren humanitäre Hilfslieferungen.
Wie Sie wissen, Herr Vorsitzender, begann die vorige
Woche mit den heroischen Dienst unserer Menschen
im Kugelhagel von Ruanda. Einige Tages später
kam Barbara Schell, eine mutige und ausgezeichnete
Beamtin im auswärtigen Dienst, bei einem Hubschrauberunglück im Nordirak ums Leben.
Wir können die Arbeit amerikanischer Diplomaten
nicht mit Geld aufwiegen. Aber wir können sagen,
daß ihr Engagement, ihre Urteilskraft und ihr Mut in
hohem Maße zur Stärke Amerikas beitragen.

Seite 3

�Das Außenministerium hat eine dramatische Zunahme seiner globalen Verantwortungsbereiche erlebt
mit über 20 neuen Vertretungen in den neuen
unabhängigen Staaten und andernorts. Wir bewältigen die zunehmende Arbeitsbelastung der Konsulate
und verstärken die Sicherheit an unseren Grenzen.
Das Ministerium muß darüber hinaus den jahrzehntelangen Verschleiß seiner Einrichtungen in Angriff
nehmen und mit der Modernisierung seiner Informations- und Finanzverwaltungssysteme sowie des
Telekommunikationsnetzes beginnen. Wir müssen
unsere veraltete und zunehmend funktionsuntüchtige
Computer-Hardware und Software erneuem. Aus
diesem Grund hat der Präsident eine Aufstockung
unseres Betriebskontos um 30 Millionen Dollar
beantragt. Wenn wir unsere Modernisierungsbestrebungen wieder vertagen, würden wir unsere Fähigkeit zur Verwirklichung der von mir heute erörterten
politischen Ziele aufs Spiel setzen.
Diese Haushaltskategorie enthält auch unseren
Anteil der geschätzten Beiträge an die Vereinten
Nationen und andere internationale Organisationen.
Der Antrag steht im Einklang mit satzungsmäßigen
Einschränkungen und führt unsere Verpflichtung zur
Zahlung der Rückstände fort. Die Vereinten Nationen und andere multilaterale Gremien befassen sich
mit den schwierigsten Problemen unserer Zeit, von
Hungersnöten über Flüchtlinge und ethnische Konflikte bis zum Überleben der Demokratie in Entwicklungsländern.

*

Seite 4

*

Unseres Erachtens müssen die Vereinten Nationen
rigoroser Prioritäten setzen und neue Wege zur
Kosteneinsparung finden. Angesichts der zunehmenden Komplexität der UNO-Operationen sind weitreichende Verbesserungen der Rechenschaftspflicht
erforderlich. Die Vereinten Nationen haben beachtliche Fortschritte erzielt, aber weitere Reformen sind
vonnöten. Eine unserer höchsten Prioritäten bei den
Vereinten Nationen ist die Einrichtung eines völlig
unabhängigen Büros mit den Aufgaben eines Generalinspekteurs.
Herr Vorsitzender, die Haushaltsvoriage für 1995
steht im Einklang mit dem Plan zum Defizitabbau des
Präsidenten. Es ist ein Sparantrag, der in realen
Zahlen gegenüber dem bereits knappen Budget für
1994 nochmals reduziert wurde. Mit diesem Antrag
werden die Bestrebungen zur Kostensenkung der
vergangenen Jahre fortgesetzt. Es ist darüber hinaus
ein Haushalt mit einem einzigen übergeordneten
Auftrag: Investitionen in die Sicherheit und den
Wohlstand der Vereinigten Staaten.
Die kontinuierliche Unterstützung Ihres Unterausschusses ist entscheidend für den Erfolg unserer
Bestrebungen. Sie haben mein Versprechen, daß wir
mit Ihnen allen bei den von mir dargelegten gemeinsam festgesetzten Prioritäten und Zielsetzungen
zusammenarbeiten werden.

*

*

AMERIKA DIENST 16

�BOSNIEN
27. April 1994

BOSNISCHES VERHALTEN ERFORDERT
ENTSCHLOSSENE, SACHLICHE REAKTION
Rede von Thomas Weston
WASHINGTON - (AD) - Der Referatsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten, Thomas G.
Weston, hielt am 21. April 1994 folgende Rede vor dem European Council of American Chambers of
Commerce.
Meine Damen und Herren, es ist mir eine Ehre und
ein Vergnügen, diese bedeutende Konferenz des
European Council of American Chambers of Commerce eröffnen zu dürfen. Außenminister Christopher und Abteilungsleiter Oxman haben mich gebeten, Ihnen ihr Bedauern zu übermitteln, daß sie
heute morgen nicht anwesend sein können. Im
Augenblick bereitet sich der Außenminister auf die
Anhörung zur Krise in Bosnien vor dem Kongreß
vor. Ich glaube, wir können den Worten des Ministers Glauben schenken, daß er sehr viel lieber hier
bei Ihnen gewesen wäre.
Bei der Vorbereitung meiner Rede für dieses Publikum erinnerte ich mich an eine Feststellung von
Dorothy Neviil, der bekannten Schriftstellerin des 19.
Jahrhunderts. "Die Geschäftswelt", so Neviil, "hat
verbaler Brillanz und Witz stets mißtraut, weil sie
solche Qualitäten - vielleicht zu Recht - als frivol und
unrentabel erachtet." Ich habe mein Bestes getan,
diesen Rat zu befolgen.
Ich möchte für Sie zwei Erfolgsgeschichten in
unseren Beziehungen zu Europa seit der Amtsübernahme dieser Administration analysieren. Die eine
betrifft die Wirtschaft: Der erfolgreiche Abschluß der
Uruguay-Runde des GATT zusammen mit unseren
Bestrebungen zur Integration der Länder Mittel- und
Osteuropas in den Westen. Die andere ist strategischer Art: Die Wiederbelebung unserer Sicherheitsinstitutionen, insbesondere der NATO.
Diese Leistungen werden verständlicherweise
gelegentlich von der andauernden Tragödie im
ehemaligen Jugoslawien überschattet. Ich möchte
Sie auch zu diesem schwierigen Problem auf den
neuesten Stand bringen.
Erstens muß ich jedoch ein Gerücht entkräften, das
von Zeit zu Zeit in den Leitartikeln auftaucht:

AMERIKA DIENST 16

Europa sei für den Wohlstand und die Sicherheit der
Vereinigten Staaten nicht länger von Bedeutung.
Nichts ist weniger zutreffend.
Ja, diese Administration ist sich bewußt, daß mit dem
Ende des Kalten Krieges neue außenpolitische
Ansätze erforderlich sind. Wir sind uns jedoch auch
darüber im klaren, daß Europa weiterhin sehr wohl
integraler Bestandteil unseres außenpolitischen
Bildes ist.
In einer Rede vor dem Auswärtigen Ausschuß des
Senats legte Außenminister Christopher im vergangenen Jahr die sechs strategischen Prioritäten
der Vereinigten Staaten dar. Die ersten drei Prioritäten - Förderung weltweiten Wachstums, Erweiterung
von Demokratie und Reformen in der ehemaligen
Sowjetunion sowie die Stärkung unserer sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Verbindungen zu
Europa - konzentrieren sich direkt auf Europa. Zwei
der verbleibenden drei - Frieden im Nahen Osten und
die Inangriffnahme globaler Probleme wie Umwelt,
Überbevölkerung und nukleare Weiterverbreitung können nur durch eine aktive amerikanisch-europäische Partnerschaft erfüllt werden.
Während die Amerikaner das Banner der Wirtschaft
in Europa hochhalten, wissen Sie besser als die
meisten, wie wichtig Europa für unser wirtschaftliches
Wohlergehen ist. Tatsache ist, daß Europa nach wie
vor unser bedeutendster Handelspartner ist, wenn wir
uns das Exportvolumen, Investitionen, Gewinne und
die Handelsbilanz insgesamt ansehen. Diese Administration tut alles in ihrer Macht Stehende, um diese
Wirtschaftsbeziehungen zu pflegen und zu erweitern.
Aus diesem Grund hat Außenminister Christopher die
Einrichtung einer "Amerika-Abteilung" im Außenministerium zu einem seiner ersten Tagesordnungspunkte gemacht. Handel und die Erfordernisse der

Seite 1

�Geschäftswelt im Ausland sind für diese Administration oberste Prioritäten. Dem Beispiel des Außenministers folgend haben die amerikanischen Botschaften begonnen, bei der Förderung unserer
Wirtschaftsinteressen weltweit eine aggressivere
Rolle zu spielen. Unsere Diplomaten werden ausgebildet, nicht nur unsere Werte, sondern auch unsere
Produkte zu fördern und nicht nur zum Schutz
unserer Sicherheit, sondern auch unseres geistigen
Eigentums beizutragen. Angesichts des Umfangs
unserer bestehenden Beziehungen ist eine AmerikaAbteilung nirgends wichtiger als in Europa.
Dem Beispiel des Außenministers folgend haben wir
jeden Botschafter in der Europa- und KanadaAbteilung angewiesen, die Unterstützung amerikanischer Unternehmen zur obersten Priorität zu erklären. Ich freue mich berichten zu können, daß
unsere Bestrebungen Früchte zu tragen beginnen.
Ich bin heute hier, um mir alle Vorschläge anzuhören, die Sie zu unterbreiten haben. Ich weiß, daß es
in der US-Regierung viel Papierkrieg gibt und
Europa mit seinen eigenen bürokratischen Problemen zu kämpfen hat. Ich will nicht versprechen, daß
wir alle unsere Probleme lösen können. Aber ich
kann die gesamte Abteilung dazu verpflichten, Ihnen
behilflich zu sein. Mit anderen Worten, wir sind Ihre
Vertreter in den Hauptstädten Europas.
Dies gilt auch für die Handelsabteilung im Wirtschaftsministerium unter Ron Brown und für das USInformationsamt (USIA), die wir auffordern, eine
beispiellose Rolle zu übernehmen - etwas, das sie
während des Kalten Krieges nie getan haben - um
den Unternehmen zur Seite zu stehen. Projekte
zum Abbau der bürokratischen Schranken zwischen
dem Außenministerium, dem Wirtschaftsministerium
und USIA wurden in unseren Vertretungen in
Deutschland und Frankreich in die Wege geleitet,
und dies wird in Kürze in der Schweiz, Österreich
und andernorts der Fall sein. Einige unserer Botschafter, darunter die in Ungarn, Belgien, Deutschland, Polen, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark und anderen Missionen kommen aus der
Wirtschaft. Ich weiß, daß sie Ihren Sorgen gegenüber besonders aufgeschlossen sind.

Mit anderen Worten, ich möchte Ihnen versichern,
daß Sie - auf ausdrückliche Anweisung des Präsidenten und des Außenministers - auf lange Sicht
unsere oberste Priorität sind. Wir wissen, daß unsere
nationale Sicherheit sich auf unsere wirtschaftliche
Stärke gründet. Ihr Erfolg ist unser Erfolg.
Partnerschaften für Wohlstand
Während wir unsere Geschäftsbeziehungen vertiefen,
müssen wir uns natürlich offen dem Wettbewerbscharakter dieser Beziehungen stellen, insbesondere
im Bereich des Handels. Unsere lang andauernden
Verhandlungen mit der Europäischen Union im
Rahmen der Uruguay-Runde des GATT zeigen, wie
leicht die besten Freunde sich in Handelsbeziehungen schwierigen Zeiten ausgesetzt sehen. Ich weiß,
daß viele der hier Anwesenden diese Achterbahnfahrt
ebenso wie ich durchgemacht haben.
Letztlich wurden die Vereinigten Staaten und die EU
jedoch ihrer Verantwortung gerecht. Das GATTAbkommen wird die Globalisierung der Weltwirtschaft
beschleunigen sowie mehr Länder und Regionen in
ein offenes Handelssystem einbeziehen. Dies wird
zu größerem Wirtschaftswachstum und mehr Arbeitsplätzen auf beiden Seiten des Atlantiks führen. Die
zur Erlangung eines Abkommens erforderliche
Aufhebung von Handelsschranken wurde von den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
vorgenommen. Dies war ein anschaulicher Beweis
für unseren gemeinsamen Glauben an die Vorteile
freieren Handels.
Wir müssen jetzt einige Bereiche ansprechen, in
denen die Vereinigten Staaten und Europa Meinungsverschiedenheiten haben könnten, wie etwa den
audiovisuellen Sektor, Stahl und Subventionen für
den Flugzeugbau. Und wir müssen die sogenannten
Probleme der nächsten Generation in Angriff nehmen, wie beispielsweise Handel und die Umwelt
sowie Handel und Arbeitsnormen. Wir müssen
weiterhin auf das GATT aufbauen, um ein offenes
Handelssystem zu gewährleisten und unseren
eigenen Wohlstand zu mehren.
Integration Mittel- und Osteuropas

Darüber hinaus haben wir begonnen, unsere Konsularbeamten in ausgewählten Botschaften wie
beispielsweise Frankreich, Deutschland und der
Schweiz, denen weitere folgen werden, in Wirtschaftsangelegenheiten auszubilden. Ich hoffe, daß
wir bis Ende dieses Jahres wirklich in der Lage sein
werden zu sagen, alle unsere Konsularbeamten sind
auch Wirtschaftsfachleute - die Visa beschleunigt
bearbeiten, Geschäftsanfragen an die zuständigen
Stellen in der US-Regierung weiterleiten und Unternehmenschancen ausmachen können.

Seite 2

Die Clinton-Administration ist sich ferner der einzigartigen historischen Chance bewußt, die sich aus
dem Fall der Berliner Mauer ergeben hat. In Mittelund Osteuropa gibt es 135 Millionen Verbraucher und
weitere 285 Millionen in der ehemaligen Sowjetunion.
Die aktive Förderung ihrer Volkswirtschaften wird
letztlich auch ihnen helfen und unseren eigenen
Wohlstand durch die Öffnung riesiger Märkte für
unsere Waren und Dienstleistungen sicherstellen.

AMERIKA DIENST 16

�Wie meine Freunde und Kollegen aus der Region
eloquent - und zu Recht - argumentieren, besteht
eine grundlegende Aufgabe für den Westen im
weiter verbesserten Zugang zu unseren Märkten.
Schließlich können wir kaum mit der einen Hand
diese Nationen zum Beitritt zur demokratischen
Staatengemeinschaft auffordern, während wir sie
gleichzeitig mit der anderen von einigen unserer
Märkte ausschließen. Abgesehen von Fairness ist
dies ein praktisches Gebot. Um Außenminister
Christopher zu zitieren: "Die mittel- und osteuropäischen Nationen, die den schwierigen Übergang zu
freier Marktwirtschaft und Demokratie vollziehen,
müssen ihren Völkern greifbare Vorteile bieten
können. Ihre Bürger müssen wissen, daß Opfer
durch die Handelspolitik der führenden Industrienationen belohnt werden. Unser Engagement für die
neuen Demokratien des Ostens wird an dem Marktzugang gemessen, den wir im Westen gewähren."
Gleichzeitig kann nur der uneingeschränkte Übergang zu prosperierenden freien Marktwirtschaften für
Ost- und Mitteleuropa eine vielversprechende
Zukunft als Handelspartner sicherstellen. Dies wird
Hunderte Milliarden von Dollar erfordern. Ich verrate
kaum ein Staatsgeheimnis, wenn ich Ihnen sage,
daß der Großteil dieser Gelder angesichts der
Haushaltsengpässe für offizielle Gläubiger und
Geber im Westen aus dem Privatsektor kommen
muß. Es ist, wie es sein sollte: Schließlich besteht
das Ziel in der Konsolidierung wirtschaftlich unabhängiger freier Marktwirtschaften, nicht Abhängigkeiten. Letztlich muß Handel Hilfe ersetzen. Dies ist
der erfolgreiche Weg, um nicht nur amerikanische
Unternehmen in Europa zu stärken, sondern auch
um Demokratie in den ehemals kommunistischen
Staaten zu verankern.
Mit diesem Argument möchte ich jedoch nicht die
Bedeutung unserer offiziellen Hilfe herunterspielen.
Seit 1989 haben wir den Ländern Mittel- und Osteuropas mehr als 8 Milliarden Dollar an finanzieller
und technischer Hilfe sowie Schuldenerlaß gewährt.
Diese Gelder sind gut angelegt: Eine heute getätigte, relativ geringe Investition wird für die Vereinigten
Staaten und Europa große Dividenden in Form von
Sicherheit und Wohlstand bringen.
Letztlich muß jedoch das Wirtschaftswachstum im
Osten mit Privatkapital angekurbelt werden. Seit
dem Zusammenbruch des Kommunismus wurden
nicht unwesentliche Privatinvestitionen - in Höhe von
ungefähr 11 Milliarden Dollar - getätigt, die jedoch
längst nicht der gesamten Leistungsfähigkeit entsprechen und nur einen Bruchteil der benötigten
Menge darstellen. Wie viele von Ihnen aus eigener
Erfahrung wissen, sind Privatinvestitionen mit einem
Bach, nicht mit einer Flut zu vergleichen - teilweise

AMERIKA DIENST 16

aufgrund von Investitionshemmnissen. Während wir
uns um die Bereitstellung eines größeren Zugangs
zum westlichen Markt bemühen, müssen wir folglich
auch die Verbesserung des Investitionsklimas im
Osten anstreben.
Aus diesem Grund hat der Präsident Anfang dieses
Jahres in Prag mehrere substantielle Maßnahmen
angekündigt, um unsere fortgesetzte Unterstützung
marktwirtschaftlicher Reformen zu demonstrieren.
Am wichtigsten ist wohl, daß wir für diesen Herbst in
Washington eine größere Konferenz über Handel und
Investitionen in Mittel- und Osteuropa anberaumt
haben. Diese Konferenz sowie eine Reihe daraus
resultierender Aktivitäten werden darauf abzielen, die
in Mittel- und Osteuropa lebenden Menschen an
konstruktiven Bestrebungen zum Abbau der Hindernisse für Privatinvestitionen zu beteiligen.
Diejenigen von Ihnen, die in Mittel- und Osteuropa
Geschäfte tätigen, stehen an erster Stelle bei den
Bemühungen um eine Integration der mittel- und
osteuropäischen Staaten in den Westen. Dies ist
eine bedeutende Arbeit. Sie ist wichtig, weil die
Vereinigten Staaten aus Wohlstand in Mittel- und
Osteuropa wirtschaftliche Vorteile ziehen. Sie ist von
Bedeutung, weil die Konsolidierung der Demokratie
im Osten unsere Sicherheit erhöht. Schließlich
haben die Ereignisse des 20. Jahrhunderts gezeigt,
daß Buschfeuer in Europa, insbesondere in Osteuropa, sich in verheerende Feuersbrünste verwandeln können, die uns in materieller und menschlicher Hinsicht verbrennen. Und schließlich ist diese
Arbeit wichtig, weil die Förderung der Entwicklung
Osteuropas der richtige Weg ist. Die Vereinigten
Staaten haben diese Länder aufgefordert, sich der
Fesseln des Kommunismus zu entledigen. Nachdem
das geschehen ist, haben wir jetzt die Verpflichtung,
gemeinsam mit ihnen sicherzustellen, daß sie den
Lohn der Freiheit genießen können.
Eine Partnerschaft für Sicherheit
Handel und Investitionen stellen die eine Säule
unserer besonderen Beziehungen zu Europa dar,
Sicherheit die andere. Den Vereinigten Staaten ist in
Europa durch eine aktive Präventionspolitik eher
gedient als durch eine reaktive Politik der Unaufmerksamkeit. Mit anderen Worten - es ist letztlich
einfacher und kostengünstiger, Frieden zu sichern als
wiederherzustellen.
Unser Erfolg im Kalten Krieg ist auf diese Präventionspolitik zurückzuführen. Nachdem sich jetzt der
durch den Fall der Berliner Mauer aufgewirbelte
Staub gelegt hat, befinden wir uns nicht - wie mache
hofften - am Ende der Geschichte, sondern vielmehr
am Beginn eines neuen Zeitalters, das von uns ein

Seite 3

�erneutes Überdenken unserer Sicherheitsbeziehungen erfordert, angefangen mit der NATO.
Heute steht eine Vielzahl von Problemen, die während des Kalten Krieges schwelten, kurz vor dem
Siedepunkt - Probleme, für deren Lösung die NATO
nicht geschaffen ist. Ethnische und regionale Konflikte, die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, die Unterbrechung des Flusses lebenswichtiger Ressourcen, die Zerstörung der Umwelt,
Terrorismus - dies sind die größten Bedrohungen
unserer Sicherheit.
Trotz dieser neuen Herausforderungen sollte die
NATO die Grundlage unserer Partnerschaft sowie
der Sicherheit und Stabilität in Europa bleiben. Die
vor uns liegende elementare Aufgabe besteht darin,
die NATO an die veränderten Zeiten anzupassen,
sie stärker auf Krisenmanagement und Friedenssicherung zu konzentrieren und gleichzeitig ihre
Hauptfuhktion - die Verteidigung des NATO-Territoriums gegen Angriffe - beizubehalten.
Beim NATO-Gipfel im Januar trug die Führung
Präsident Clintons dazu bei, der NATO die für eine
Neudefinition ihrer Aufgaben erforderlichen Instrumente an die Hand zu geben. Wir trafen auch zwei
historische Entscheidungen zur Förderung der
Umgestaltung der NATO. Erstens hat die NATO
deutlich gemacht, daß sie die Erweiterung des
Bündnisses als Teil eines evolutionären Prozesses
begrüßt und erwartet. Zweitens ermutigte sie ihre
ehemaligen Warschauer Pakt-Gegner und andere
Staaten, unverzüglich einer Partnerschaft für den
Frieden beizutreten, um somit den praktischen
Prozeß der Erweiterung von Sicherheit in Europa zu
beginnen.
Die Partnerschaft wird den Unterzeichnerstaaten die
Möglichkeit zur Beteiligung an realer, praktischer
militärischer und verteidigungspolitischer Zusammenarbeit mit der NATO und untereinander geben sowie
die Fähigkeit zur Übernahme der aus einer NATOMitgliedschaft resultierenden Verantwortung. Sie
wird auch zur Schaffung eines wirklich integrierten
Europa beitragen, ohne neue, einige Länder ausschließende Grenzen zu ziehen und ohne die
Fähigkeiten der NATO zu schwächen oder ihre
derzeitige Aufgabe zu beeinträchtigen.
Obwohl die Teilnahme an der Partnerschaft keine
Garantie für eine NATO-Mitgliedschaft darstellt, ist
sie der beste Weg dorthin. Sie trägt dazu bei sicherzustellen, daß im Fall einer Erweiterung der NATO
ihre neuen Mitglieder den die Grundlage der NATO
bildenden politischen Grundsätzen verpflichtet und
zur Übernahme der aus der Mitgliedschaft resultierenden Pflichten bereit sind.

Seite 4

Bosnien
Von allen vor uns liegenden Herausforderungen ist
die Verhinderung oder Entschärfung ethnischer und
regionaler Konflikte vielleicht die greifbarste und
erschreckendste. Dies ist nirgends deutlicher als im
ehenaligen Jugoslawien.
Um die dortige Krise in die richtige Perspektive zu
rücken, müssen wir uns meines Erachtens zwei
Dinge vor Augen halten, die ich nicht als Entschuldigungen, sondern als einfache Tatsachen anführe.
Erstens wurde vor einigen Jahren von manchen die
Ansicht vertreten, daß sich Jugoslawien auf friedliche
Weise auflösen und eine gutes Modell für den Zerfall
der ehemaligen Sowjetunion bieten würde. Hinterher
ist man meistens klüger als vorher. Zweitens hätte
die Krise zu keinem ungüstigeren Zeitpunkt entstehen
können, denn sie ereignete sich zu bald nach dem
Ende des Kalten Krieges, um dem Westen eine
Anpassung seiner Sicherheitsinstitutionen an die
neuen Gegebenheiten zu gestatten.
Allgemein bleibt jedoch die traurige Wahrheit bestehen, daß es angesichts des fehlenden Friedenswillens unter den Kombattanten sehr schwierig, wenn
nicht unmöglich ist, einen derartigen Krieg zu beenden. Selbst die massive Entsendung von Truppen
und Ressourcen würde wohl nicht ausreichen. Im
Fall des ehemaligen Jugoslawien gab es keinen
Konsens über eine Intervention dieser Größenordnung, sei es unter den Verbündeten oder innerhalb
der Vereinigten Staaten.
Ungeachtet dieser Faktoren haben die Vereinigten
Staaten im ehemaligen Jugoslawien etwas bewirkt:
Wir haben durch den Abwurf humanitärer
Güter - der längsten Luftbrücke in der Geschichte - und die Bereitstellung von Lebensmitteln, Brennstoff, Medikamenten und anderen
Versorgungsgütem das Leiden des bosnischen
Volkes gemildert.
Im Rahmen der Vereinten Nationen haben wir
ein strenges und erfolgreiches Sanktionsregime gegen Serbien verhängt.
Wir haben uns durch die Einrichtung eines UNKriegsverbrechertribunals bemüht, diejenigen
vor Gericht zu bringen, die für das Abschlachten Unschuldiger verantwortlich sind.
Wir haben die Ausweitung des Konflikts verhindert, indem wir im Kosovo eine Grenze markierten und Bodentruppen nach Makedonien
entsandten.

AMERIKA DIENST 16

�In Abstimmung mit unseren Verbündeten werden wir
auf einem Waffenstillstand sowie dem Rückzug der
serbischen Streitkräfte aus der Schutzzone bestehen.
Um den Druck auf eine Beendigung ihrer militärischen Aggression und die Rückkehr an den Verhandlungstisch zu verstärken, werden wir die Serben auch
zum Abzug ihrer schweren Waffen aus anderen
Schutzzonen auffordern oder andernfalls mit NATOLuftangriffen drohen.

Im Rahmen der NATO setzten wir eine Flugverbotszone über Bosnien sowie Luftunterstützung für die UN-Friedenstruppen durch.
Durch das NATO-Ultimatum vom 9. Februar
werden die Granatenangriffe auf Sarajevo auch in Zukunft - verhindert.
Wir verstärkten das diplomatische Engagement der Vereinigten Staaten, was zum
Abkommen zwischen Bosnien und Kroatien
über eine Föderation führte, das am 18. März
1994 im Weißen Haus unterzeichnet wurde.
Die neuen Beziehungen zwischen Sarajevo
und Zagreb, an deren Gestaltung wir beteiligt
waren, verändern das strategische Gleichgewicht in der Region auf eine Weise, die eine
Lösung erleichtern und zu größerer Stabilität
führen kann.

Die Vereinigten Staaten haben in Bosnien bedeutende strategische und humanitäre Interessen. Diese
Interessen rechtfertigen eine aktive amerikanische
Führungsrolle bei der Erarbeitung einer politischen
Lösung des Konflikts und einer Erleichterung des
menschlichen Leidens unter der bosnischen Bevölkerung.

Wir alle sind empört über den unmenschlichen
Angriff der bosnischen Serben auf die UN-Schutzzone Gorazde. Die Serben haben erneut ihre völlige
Mißachtung der internationalen Staatengemeinschaft
und ihre mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit an einer Friedenslösung unter Beweis gestellt.
Dieses jüngste Verhalten der Serben erfordert eine
entschlossene, aber sachliche Antwort.
Diese
Reaktion muß die Integrität der von der UNO errichteten Schutzzonen bewahren und sicherstellen, daß
sich die Ereignisse von Gorazde nicht wiederholen.

*

AMERIKA DIENST 16

*

Abschließend möchte ich Ihnen allen für die von
Ihnen geleistete Arbeit bei der Gestaltung einer
harmonischeren Welt danken. Ich weiß, daß Wirtschaft die Menschen einander näher bringt, anstatt
sie auseinanderzureißen. Durch die Förderung der
Wirtschaftsverbindungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa weben Sie ein starkes Netz der
Interdependenz zwischen den Völkern. In einer
zunehmend auseinanderbrechenden Welt ist diese
Arbeit unabdingbar.
Ich danke Ihnen.

*

*

Sefteö

�MENSCHENRECHTE
27. April 1994

DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE SIND
SCHLÜSSELELEMENTE DER AMERIKANISCHEN
AUSSENPOLITIK
Anhörung Shattucks vor dem Kongreß
WASHINGTON - (AD) - Die Clinton-Administration strebt die "Einbeziehung von Menschenrechten und
Demokratie in den außenpolitischen EntScheidungsprozeß" an, stellte der Abteilungsleiter für Menschenrechte
und humanitäre Angelegenheiten im Außenministerium, John Shattuck, fest.
Bei einer Anhörung vor dem Bewilligungsunterausschu ß des Senats erläuterte Shattuck am 19. April 1994 neun
Wege, um dies durchzuführen, darunter die Verbindung von Handel und Wirtschaftsbeziehungen mit
Menschenrechten, die Integration der Rechte von Frauen in alle Aspekte der Menschenrechtspolitik, der Aufbau
neuer juristischer und neuer multilateraler Institutionen, die Verbesserung der Menschenrechtsmaschinerie der
Vereinten Nationen sowie die Vertiefung der Beziehungen zu nichtstaatlichen Organisationen, die in zahlreichen
Ländern auf die Förderung von Demokratie und Menschenrechten hinarbeiten.
Shattuck zufolge kann die Administration amerikanische Hilfsleistungen aussetzen und sieht sich gelegentlich
rechtlich dazu gezwungen, "um unsere Mißbilligung der Menschenrechtsverletzungen oder der Störung von
Demokratie zum Ausdruck zu bringen".
Shattuck fügte hinzu, die Vereinigten Staaten versuchten, Menschenrechte selbst in den Ländern zu fördern,
zu denen sie keine diplomatischen Beziehungen unterhalten.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge der Ausführungen Shattucks.

Wie lauten unsere strategischen Ziele für Demokratie
und die Menschenrechtspolitik der Vereinigten
Staaten? Was haben wir geleistet, und was versuchen wir zu tun?
Wir streben die Einbeziehung von Menschenrechten
und Demokratie in den außenpolitischen Entscheidungsprozeß an.
Erstens arbeiten wir mit anderen Ländern beim
Aufbau neuer juristischer Institutionen zusammen,
die Menschenrechtsverletzer zur Verantwortung
ziehen. Wir haben beispielsweise die Bestrebungen
zur Gründung eines Kriegsverbrechertribunals der
Vereinten Nationen für das ehemalige Jugoslawien
angeführt, wir waren an der Einrichtung und Verwirklichung einer Wahrheitsfindungskommission in El
Salvador beteiligt, und wir arbeiten mit anderen bei
der möglichen Gründung einer ähnlichen Institution
in Guatemala zusammen. In zahlreichen Ländern
finanzieren wir Justizverwaltungsprogramme.

AMERIKA DIENST 16

Zweitens verbinden wir Handel und Wirtschaftsbeziehungen mit Menschenrechten, einschließlich der
Bindung von Hilfe und Handel an Menschenrechtsverbesserungen - sozusagen wie Zuckerbrot und
Peitsche. Das Junktim zwischen Menschenrechten
und Handel ist nicht zufällig. Der Schutz von Menschenrechten ist unabdingbar für die Stabilität unserer Handelsbeziehungen und wirtschaftlichen Investitionen. Offene Gesellschaften sind bessere und
stabilere Handelspartner, weil sie im allgemeinen
Abkommen eher einhalten und zuverlässige Rechtssysteme haben. Im Gegensatz dazu fördern repressive Regime langfristig Instabilität und setzen
Investitionen einem hohen Risiko der Enteignung
oder des Verlusts aus.
Drittens gründet sich die Außenpolitik dieser Administration auf die Erkenntnis, daß wirtschaftliche
Entwicklung, politische Entwicklung, der Schutz von
Menschenrechten und der Schutz der Demokratie als
integriertes Ganzes gesehen werden und gesehen
werden müssen. Menschenrechte und Demokratie

Seite 1

�bilden eine der drei außenpolitischen Säulen der
Clinton-Administration, zusammen mit der Aufrechterhaltung unserer nationalen Sicherheit und der
Förderung von wirtschaftlichem Wohlstand. Unsere
Position der Verbindung von Menschenrechten,
Demokratie und Entwicklung behauptete sich bei der
Weltkonferenz über Menschenrechte in Wien im Juni
vergangenen Jahres gegen Einwände derjenigen,
die politische Entwicklung und Menschenrechte der
wirtschaftlichen Entwicklung unterordnen wollten.
Eine neue interministerielle Arbeitsgruppe für Demokratie und Menschenrechtspolitik, deren Vorsitz ich
übernehmen werde, wird unsere Arbeit ebenso wie
die Reorganisation und Erweiterung des Büros als
neues Büro für Demokratie, Menschenrechte und
Arbeitsfragen auf das Wesentliche konzentrieren und
sie besser koordinieren. Durch den interministeriellen Prozeß nehmen wir jetzt eine Bestandsaufnahme
der Demokratieprogramme der US-Regierung vor
und erarbeiten Demokratie- und Menschenrechtsstrategien, um den aufstrebenden oder im Übergang
befindlichen Demokratien behilflich zu sein.
Viertens arbeiten wir am Aufbau neuer multilateraler
Institutionen, um rassische, ethnische und religiöse
Konflikte anzusprechen - Institutionen, die zur
Entschärfung von Konflikten beitragen, bevor sie zu
gravierenden Menschenrechtsverletzungen führen.
Angesichts der zahlreichen Konflikte, von denen die
Welt heute heimgesucht wird, liegt noch ein weiter
Weg vor uns. Neben den Vereinten Nationen bieten
Organisationen wie die Konferenz über Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa ein vielversprechendes Modell für Konfliktlösungen, insbesondere in
Anbetracht der jüngsten, im Stillen erzielten Erfolge
der KSZE im Baltikum.
Fünftens integrieren wir zum ersten Mal die Rechte
von Frauen in alle Aspekte unserer Menschenrechtspolitik. In den vergangenen Monaten haben wir
Kinderhandel und -Prostitution in Thailand in den
Brennpunkt gerückt. Wir haben veranlaßt, daß
systematische Vergewaltigung als Instrument der
sogenannten ethnischen Säuberung im Rahmen der
Genozid-Konvention als Völkermord definiert werden
kann. Wir haben die Ratifizierung der Konvention
über die Abschaffung aller Formen der Diskriminierung von Frauen unterstützt. Wir haben zur Einrichtung eines Sonderberichterstatters der Vereinten
Nationen für Gewalt gegen Frauen beigetragen und
Frauenfragen umfassend in unsere Menschenrechtsberichte der jeweiligen Länder einbezogen.
Sechstens arbeiten wir auf die Einhaltung der
internationalen Verpflichtungen zu Menschenrechten
der Vereinigten Staaten hin, indem wir auf die
Verabschiedung eines Durchführungsgesetzes für
die Konvention über Folter drängen. Wir haben

Seite 2

ferner auf die Ratifizierung von zwei weiteren wichtigen Verträgen gedrängt - die Konvention über
rassische Diskriminierung und die Konvention über
Frauen. Darüber hinaus haben wir eine beschleunigte Überarbeitung der Rechte der Konvention über
Kinder und der amerikanischen Konvention über
Menschenrechte in die Wege geleitet. Wir werden
unsere Aufmerksamkeit in Kürze auf die internationale Konvention über wirtschaftliche, soziale und
kulturelle Rechte lenken. Konkret am wichtigsten ist
vielleicht, daß wir eine führende Rolle bei den Bestrebungen zur Erarbeitung eines internationalen Moratoriums für den Export von Landminen im Einklang mit
einer kürzlich verabschiedeten Resolution der UNGeneralversammlung und zur Einrichtung ständiger
internationaler Kontrollmechanismen übernommen
haben, um dieses verheerende globale Problem in
Angriff zu nehmen.
Siebtens arbeiten wir auf die Verbesserung der
Menschenrechtsmaschinerie der Vereinten Nationen
hin. Wir leiteten die Bestrebungen in der UN-Generalversammlung zur Einrichtung eines Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen
und des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige
Jugoslawien. Wir wollen mehr Ressourcen für
Aktivitäten des Menschenrechtszentrums der Vereinten Nationen einschließlich Beraterdiensten, des
Systems eines Sonderberichterstatters und des
Fonds für die Opfer von Folter freisetzen und arbeiten
mit anderen Ländern an der Modernisierung und
Verbesserung der Funktionsweise der UN-Menschenrechtskommission zusammen.
Achtens vertiefen wir unsere Beziehungen zu nichtstaatlichen Organisationen, die in zahlreichen Ländern auf die Förderung von Demokratie und Menschenrechten hinarbeiten.
Das Entstehen von
nichtstaatlichen Organisationen auf der ganzen Welt
ist eine der eindrucksvollsten und aufregendsten
Entwicklungen der Zeit nach dem Kalten Krieg. Wir
werden es uns gemeinsam mit den nichtstaatlichen
Organisationen zum Anliegen machen, Mißbrauch
aufzudecken, ihnen bei ihrer Arbeit behilflich sein und
- wo wir können - zusammen mit Basisgruppen,
Gewerkschaften, religiösen Organisationen und den
anderen sich abzeichnenden Elementen neuer
pluralistischer bürgerlicher Gesellschaften mit ihnen
zu arbeiten.
Schließlich verbessern wir die Konzentration und
Koordination unserer Programme zur Förderung von
Demokratie und Menschenrechten im Ausland. Die
interministerielle Arbeitsgruppe wird als wichtiger Ort
für den Austausch von Informationen über Programmpläne, die Beantragung amerikanischer staatlicher
Ressourcen für höchste Effizienz und die besten

AMERIKA DIENST 16

�Auswirkungen sowie zur Verhinderung von Überschneidungen dienen.
Dank der spezifischen Instrumente, mit denen wir
unsere Mißbilligung von Menschenrechtsverletzungen oder der Störung von Demokratie signalisieren
können, werden wir in extremen Fällen amerikanische Hilfsleistungen aussetzen - und sehen uns
gelegentlich rechtlich dazu gezwungen - um unsere
Mißbilligung der Menschenrechtsverletzungen oder
der Störung von Demokratie zum Ausdruck zu
bringen.
Die amerikanische Hilfe für Guatemala wurde beispielsweise unverzüglich unterbrochen, als die
demokratische Verfassung des Landes im vergangenen Jahr vom damaligen Präsidenten Serrano
aufgehoben wurde. Die Hilfe für Nigeria wurde im
Sommer letzten Jahres ausgesetzt, als die Militärregierung die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl für
ungültig erklärte.
Gelegentlich erachten wir es als effektiver, Hilfe an
spezifische Schritte zur Verbesserung der Situation
zu binden.
So ist die Hilfe für Peru an Verbesserungen des
Rechtssystems bei der Lösung gravierender Fälle
von Menschenrechtsverletzungen und die Rückkehr
zu einer konstitutionellen Regierung gebunden.
In Nicaragua wurde die amerikanische Hilfe teilweise
an wesentliche und greifbare Fortschritte im Menschenrechtsbereich durch die Umsetzung einer
Empfehlung der von der OAS geförderten trilateralen
Kommission gebunden.
Hilfe für El Salvador ist abhängig von Fortschritten
bei der Befolgung der von den Ad-hoc- und Wahrheitsfindungsausschüssen abgegebenen Empfehlungen, der Einhaltung von Bestimmungen der Friedensvereinbarungen, einem ungestörten Wahlprozeß
sowie anderen Reformen und wurde zur Finanzierung spezifischer, im Zusammenhang mit den
Menschenrechten stehender Schritte eingesetzt, zum
Beispiel der gemeinsamen Untersuchungsgruppe zur
Ermittlung politischer Morde.
In einem ganz anderen Teil der Welt - Tadschikistan
- ist unsere Unterstützung an den Fortschritt demokratischer Reformen und eine stärkere Achtung der
Menschenrechte gebunden.
Wir machen es uns nicht leicht, Hilfe an Bedingungen zu knüpfen. Menschenrechtsverletzungen geschehen nicht in einem Vakuum, und andere treibende Kräfte unserer bilateralen Beziehungen müssen
sorgfältig erwogen werden, bevor wir Strafmaßnah-

AMERIKA DIENST 16

men wie die Aussetzung unserer Hilfe ergreifen.
Bisweilen ist Hilfe dringend erforderlich und wir
müssen nach anderen Mitteln suchen, mit denen wir
unser Engagement für Demokratie und Menschenrechte ausdrücken und fördern können.
Das Menschenrechtsbüro prüft beispielsweise Lizenzanträge für Munitionskäufe und erteilt Ratschläge. In
Indonesien entwickelten wir vor kurzem aufgrund
unserer Besorgnis wegen den Aktionen der Regierung in Osttimor und ihrer Untätigkeit bei der Lösung
der aus dem Dili-Massaker von 1991 herrührenden
Fragen Maßnahmen, um den Verkauf von Handfeuerwaffen an Sicherheitskräfte zu verbieten.
Das Büro prüft und berät auch bei Ersuchen um
Exportlizenzen für Instumente und Gerät zur Verbrechenskontrolle und -ermittlung. Als Reaktion auf den
Militärputsch und die Verschlechterung der Menschenrechtslage in Nigeria haben wir uns gegen
einen Export von Gaspistolen und Tränengas in
dieses Land ausgesprochen. Ferner empfehlen wir
keinen Export von Schrotflinten und anderen Gegenständen zur Verbrechenskontrolle nach Südafrika.
Im Hinblick auf Tunesien warnten wir vor dem Verkauf von Maschinengewehrmunition an Mitglieder der
Sicherheitsdienste, die für einen Angriff auf zivile
Demonstranten verantwortlich sind.
Allgemein wurden Ausbildung und Zusammenarbeit
im militärischen Bereich mehrmals ausgesetzt, verringert und/oder eng an den Umgang mit Menschenrechtsproblemen gebunden. Beispielsweise wurden
militärische Ausbildungprogramme für Peru als Folge
von Präsident Fujimoris Staatsstreich ausgesetzt und
für Guatemala als Konsequenz fortgesetzter Übergriffe des guatemaltekischen Militärs.
Die Vereinigten Staaten sprechen sich derzeit gegen
Darlehen internationaler Finanzinstitutionen an den
Iran, Burma, China, Mauritanien, Äquatorialguinea,
den Sudan und andere Staaten aus oder enthalten
sich der Stimme, mit Ausnahme von Darlehen, die
ausschließlich der Deckung menschlicher Grundbedürfnisse dienen.
Im Zusammenhang mit Handelsprivilegien stehende
Sanktionen können ebenfalls Wirkung zeitigen. Beispielsweise trug die unmittelbare Gefahr eines
Verlusts von Privilegien im Rahmen des Allgemeinen
Präferenzsystems in Guatemala zur Zeit des SerranoPutsches dazu bei, daß die führenden Wirtschaftsvertreter des Landes ihre Unterstützung für die
Aktionen Serranos einstellten.
Der Präsident hat in bezug auf China die Erneuerung
des Meistbegünstigungsstatus an Fortschritte bei

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�bestimmten Menschenrechtsfragen gebunden.
Obwohl in verschiedenen Bereichen Fortschritte zu
beobachten waren, muß eindeutig noch mehr getan
werden.
Um eine Politik zu vermeiden, die unschuldige Opfer
fordern würde und um die tatsächlich für Menschenrechtsverletzungen Verantwortlichen zu erreichen,
hat der Präsident die Verweigerung von Visa für
Regierungsmitglieder und andere Vertreter bestimmter Länder angeordnet, die als persönlich verantwortlich für gravierende Menschenrechtsverletzungen
oder die Behinderung einer demokratischen Entwicklung erachtet werden. Beispielsweise haben wir
Visa von Regierungsvertretern Haitis, Nigerias oder
Zaires für ungültig erklärt oder verweigert.
Unsere Mittel gehen jedoch über Kürzungen oder
Erhöhungen amerikanischer Hilfe, handelspolitische
Maßnahmen oder die Abstimmung in internationalen
Finanzinstitutionen hinaus. Aus diesem Grund
binden wir die Menschenrechte in die derzeitige
Struktur unserer Beziehungen zu anderen Ländern
auf der ganzen Welt ein. Wir können jederzeit auf
traditionelle diplomatische Mittel wie Zusammenkünfte, Demarchen, bilateralen Austausch sowie
öffentliche Reden, Artikel und Presseerklärungen
zurückgreifen. Dies sind bedeutende Wege, um den
mit uns in Kontakt stehenden Regierungen die Ziele
amerikanischer Menschenrechtspolitik mitzuteilen.
Im vergangenen Jahr leiteten wir offizielle bilaterale
Menschenrechtskonsultationen auf Abteilungsleiterebene mit Rußland ein, was zu einer gemeinsamen
Erklärung der Präsidenten Clinton und Jelzin mit der
ersten öffentlichen Verurteilung von Antisemitismus
durch eine russische oder sowjetische Regierung
führte.

Wir weisen in öffentlichen Erklärungen auf Problemgebiete hin. Als ich im vergangenen Monat Thailand
einen Besuch abstattete, war ich der erste Vertreter
der amerikanischen Regierung, der bei der thailändischen Regierung die Frage von Kinderhandel
und -prostitution anschnitt und in nach meiner Reise
abgegebenen Erklärungen unserer Besorgnis Ausdruck gab.
Im Dezember vergangenen Jahres verlieh ich dem
ermordeten Justizminister der Regierung Präsident
Aristides, Guy Malary, postum eine Auszeichnung. In
der Öffentlichkeit und bei Pressekonferenzen in Portau-Prince verurteilte ich mehrmals die vom Militär und
der Polizei Haitis begangenen Morde und anderen
schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen.
Bei einer vergangenen Dezember in Kairo abgehaltenen Pressekonferenz brachte ich unsere Sorge über
den Einsatz von Folter durch die ägyptische Regierung öffentlich zum Ausdruck. Ich ermutigte die
ägyptische Regierung, auf Anfragen der ägyptischen
Menschenrechtsorganisation zu reagieren und sich
mit Vertretern dieser Gruppe zu treffen.
Um nachdrücklich die Notwendigkeit eines Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien zu
veranschaulichen, besichtigte ich Massengräber in
der Nähe des kroatischen Vukovar, in denen wahrscheinlich die Leichen mehrerer Hundert kroatischer
Krankenhauspatienten verscharrt sind, die im Rahmen der von den Serben durchgeführten "ethnischen
Säuberungen" umgebracht wurden.
Ich nehme regelmäßig an Fernsehsendungen und
-interviews des US-Informationsamts teil, die sich mit
Ländern der ganzen Welt befassen, in jüngster Zeit
mit Serbien und Montenegro.

Menschenrechte sind ein entscheidender Bestandteil
unseres neuen Ansatzes gegenüber Vietnam. Mein
Hauptstellvertreter leitete kürzlich Menschenrechtsgespräche mit der vietnamesischen Regierung durch
ihren Ständigen Vertreter in New York in die Wege.

Zusätzlich zu unseren Bestrebungen im Bereich der
Öffentlichkeitsarbeit bemühen wir uns in vielen
Staaten um die Entwicklung spezifischer Menschenrechtsmechanismen, beispielsweise Menschenrechtskommissionen.

Bisweilen rufen wir Botschafter oder Angehörige
unserer Botschaften zurück, um unsere Mißbilligung
oder Sorge zu demonstrieren. Wir haben Präsident
Mobutu von Zaire gegenüber deutlich gemacht, daß
die Vereinigten Staaten für sein Land keinen Botschafter ernennen, solange seine Regierung demokratische Reformen verhindert.

In Indien, das zwar die größte Demokratie der Welt
ist, aber mit gravierenden Menschenrechtsproblemen
zu kämpfen hat, haben wir im vergangenen Jahr auf
die Einrichtung einer nationalen Menschenrechtskommission gedrungen. Seit ihrer Gründung Anfang
dieses Jahres hat diese Kommission zur Entwicklung
einer Regierungsstruktur beigetragen, die sich mit
Menschenrechtsverletzungen in Indien befaßt.
Ferner haben wir uns erfolgreich um ungehinderten
Zugang internationaler Menschenrechts- und humanitärer Organisationen zu Kaschmir bemüht - den
Schauplatz des Konflikts, der Ursache für die akuten
Menschenrechtsprobleme Indiens ist.

In Burma dringen wir weiterhin bei der Regierung auf
zusätzliche Maßnahmen, durch die ein Wandel zum
Besseren herbeigeführt werden kann und halten die
offiziellen diplomatischen Beziehungen auf Distanz
und niedriger Ebene.

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AMERIKA DIENST 16

�In einer Vielzahl von Ländern versuchen wir, im
Dienste von Menschenrechten und Demokratie
stehenden nichtstaatlichen Organisationen finanzielle, politische und logistische Unterstützung zu
gewähren. Neben engen Konsultationen mit amerikanischen und ausländischen nichtstaatlichen
Organisationen in Washington und andernorts
unterstützen wir öffentlich nichtstaatliche Organisationen vor Ort bei ihrer mutigen und oftmals gefährlichen Arbeit.

Selbst in Ländern, zu denen wir keine diplomatischen
Beziehungen unterhalten, bemühen wir uns um die
Förderung von Menschenrechten. Beispielsweise
erfuhren wir im Januar, daß ein Bürger des Iran in
seinem Land zum Tode verurteilt wurde, weil er zum
christlichen Glauben konvertierte, gaben daraufhin
eine aussagekräftige öffentliche Erklärung ab und
drängten über verschiedene multilaterale Kanäle auf
seine Freilassung. Nachdem diese erfolgt war,
erklärten christliche Gruppen, die Intervention westlicher Regierungen, einschließlich der Vereinigten
Staaten, sei eine große Hilfe gewesen.

* * *

AMERIKA DIENST 16

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