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                  <text>&lt;&lt;£OS^

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cimerikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
20. April 1994

15

BOSNIEN

CLINTON: KEINE ERMÄCHTIGUNG DER UNO
FÜR USA UND NATO ZUR UNTERSTÜTZUNG
GORAZDES
Einsatz von Luftstreitkräften nicht möglich

USA PRÜFEN OPTIONEN FÜR REAKTION AUF
TRAGÖDIE VON GORAZDE
Stellungnahme des Außenministers

GATT

WELTHANDELSSYSTEM DARF NICHT DIE
AUSBEUTUNG
DER
ARBEITNEHMER
FÖRDERN
Erklärung Vizepräsident Gores in Marrakesch

GLOBALE INTERDEPENDENZ ERFORDERT
ÜBERPRÜFUNG VON ARBEITSFRAGEN
Erklärung des Handelsbeauftragten

KRIEGSVERBRECHEN

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

ALBRIGHT FORDERT WELTWEITE UNTERSTÜTZUNG FÜR
KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL
Rede im Holocaust Memorial Museum

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 4102

�BOSNIEN
20. April 1994

CLINTON: KEINE ERMÄCHTIGUNG DER UNO FÜR USA
UND NATO ZUR UNTERSTÜTZUNG GORAZDES
Einsatz von Luftstreitkräften nicht möglich
WASHINGTON - (AD) - Die Richtlinien der Vereinten
Nationen hindern die Vereinigten Staaten und ihre
Verbündeten in der NATO, den Einwohnern des
belagerten Gorazde, einer UN-Schutzzone in Bosnien, beizustehen, äußerte Präsident Clinton am 18.
April 1994.
Während Vertreter der Vereinten Nationen und
russische Diplomaten erklärten, die Stadt und ihre
mehr als 70.000 leidgeprüften Bürger seien den
angreifenden serbischen Truppen auf Gedeih und
Verderb ausgeliefert, teilte der Präsident vor Journalisten mit, der Einsatz von Luftstreitkräften zur
Verteidigung der Stadt sei weder praktikabel noch
möglich.
"Wir können nur das unternehmen, wozu wir befugt
sind", so der Präsident, der vorbrachte, die Vereinten
Nationen hätten der NATO keine Ermächtigung
erteilt, die vom UN-Sicherheitsrat errichteten Schutzzonen zu verteidigen.
"Halten Sie sich vor Augen", erläuterte der Präsident
den Reportern, "daß die Rolle der Vereinigten
Staaten und der NATO darin besteht, Luftunterstützung bereitzustellen, wenn die Vereinten Nationen darum bitten. Dies ist kein Sarajevo. Sarajevo
war ein Sonderfall."
Im Februar hatten serbische Truppen unter Androhung von NATO-Luftangriffen ihre schweren
Waffen der UNO übergeben oder sie aus der Sperrzone von zwanzig Kilometern um Sarajevo entfernt,
wodurch die Belagerung der bosnischen Hauptstadt
beendet wurde. Die serbischen Streitkräfte haben
jedoch seitdem den Zugang humanitärer Hilfskonvois
in die Stadt beschränkt, Mitarbeiter von Hilfswerken
entführt und die UNO-Truppen in ihren Stellungen
praktisch unter Hausarrest gestellt.
Der Präsident räumte ein: "Dies war kein großartiges Wochenende für den Friedensprozeß in
Bosnien." Nachrichten zufolge wird Gorazde im
Durchschnitt einmal pro Minute von einer Artillerie-

AMERIKA DIENST 15

granate getroffen, und die Mitarbeiter von Hilfswerken, Vertreter des Roten Kreuzes und ein Teil des
UNO-Personals wurden innerhalb der Stadt - wahrscheinlich von serbischen Streitkräften - unter Hausarrest gestellt.
Der Präsident billigte die Taktik des Kommandeurs
der UN-Bodentruppen, des britischen Generalleutnants Michael Rose, und erklärte, er habe die ihm zur
Verfügung stehenden Mittel nach besten Kräften
eingesetzt. "Meines Erachtens macht man es sich
leicht, die Aktionen von General Rose zu kritisieren,
der sehr aggressiv, sehr stark war und in diesem
Land und weltweit wegen seiner aggressiven Aktionen viel Unterstützung fand. Es ist leicht, jetzt zu
sagen, er hätte in Gorazde aggressiver sein sollen.
Meiner Meinung nach hat er angesichts der ihm zur
Verfügung stehenden Mittel und der Fakten das
Beste getan."
Clinton nannte die Situation "in und um Gorazde
ernst und unsicher" und machte die Serben für die
Verletzung "der Bedingungen eines mit den Vereinten
Nationen und den Russen abgeschlossenen Waffenstillstands verantwortlich". Er habe am Wochenende
den Zusammenbruch des Waffenstillstands und der
diplomatischen Bemühungen beobachtet und erklärte,
als er zu einem Redetermin nach Milwaukee aufbrach, seine wichtigsten sicherheitspolitischen Berater
würden im Laufe des Tages zur Besprechung der
Situation zusammentreffen.
Der Präsident teilte einem Fragesteller mit, er befürworte immer noch eine Aufhebung des Waffenembargos für Bosnien, das vom Sicherheitsrat gegen
alle Staaten des ehemaligen Jugoslawien verhängt
worden war. Die serbischen Streitkräfte verfügen
über Panzer und schwere Artillerie, die einst der
jugoslawischen Armee angehörten, während die
bosnischen Muslime nur wenige schwere Waffen
besitzen. Berichten zufolge haben Einheiten der
serbischen Streitkräfte Seite an Seite mit Truppen der
bosnischen Serben gekämpft.

Seite 1

�Der Präsident äußerte, er sei immer der Meinung
gewesen, das Waffenembargo wirke sich zum
Nachteil der bosnischen Muslime und zum Vorteil
der Serben aus, und das sei immer noch der Fall.
Aus diesem Grund befände man sich derzeit in einer
solch üblen Lage.
Er nannte jedoch eine Reihe von Faktoren, die
gegen eine Aufhebung des Embargos zum derzeitigen Zeitpunkt sprächen, einschließlich der Tatsache,
daß dies lediglich die Kampfhandlungen verlängern
würde, ohne sie zu einem endgültigen Abschluß zu
bringen. Sollte das gegen Bosnien verhängte UNEmbargo aufgehoben werden, so argumentierte er
ferner, würden einige Staaten das UN-Embargo
gegen den Irak verletzen.
Unterdessen deutete die Pressesprecherin des
Weißen Hauses, Dee Dee Myers, an Bord der Air
Force One an, das schlechte Wetter über Gorazde
sei der Hauptverbündete der angreifenden serbischen Truppen gewesen.
Auf die Frage, ob angesichts der mangelnden
Luftunterstützung für die UN-Mitarbeiter in der Stadt
die NATO "mehr bellt als beißt", entgegnete Myers,
das träfe nicht zu. Sie räumte jedoch ein, es habe
"am Wochenende und in der vergangenen Woche
Probleme gegeben, insbesondere das schlechte
Wetter. Somit ist es schwierig... Die NATO-Streitkräfte können die Ziele nicht richtig identifizieren."

*

Seite 2

*

Myers machte ihre Äußerungen vor Journalisten,
während Clinton sich auf dem Flug nach Milwaukee
befand, wo er um Unterstützung für seine Pläne zur
Gesundheitsreform werben wollte.
Sie teilte mit, der Präsident habe während des Flugs
ein zehnminütiges Telefongespräch mit Bundeskanzler Kohl geführt, bei dem die beiden Politiker "die
Situation in Bosnien erörterten und ihr beiderseitiges
Engagement für eine Verhandlungslösung bekräftigten. Sie beschlossen, in Kontakt zu bleiben."
Myers zufolge ist der einzige Weg "zur Beendigung
der Feindseligkeiten eine Verhandlungslösung, und
meiner Ansicht nach wissen die bosnischen Serben
das ebenso wie jeder andere Beteiligte". Sie brachte
vor, es habe auf dem Gebiet "einige Fortschritte"
gegeben und äußerte: "Sie dürfen nicht vergessen,
daß wir die Flugverbotszone über Bosnien durchgesetzt haben, was bedeutet, daß die Serben keine
Luftstreitkräfte eingesetzt haben. Sarajevo wurde
Schutz gewährt, und das war entscheidend."
Die Pressesprecherin des Weißen Hauses stellte fest,
"die Androhung von Gewalt hat gewisse Fortschritte
im diplomatischen Bereich bewirkt, oder zumindest
dabei, der serbischen Aggression Einhalt zu gebieten,
damit die diplomatischen Bemühungen fortgesetzt
werden können. Die Rolle der UNO und die Androhung von Gewart waren an verschiedenen Fronten
erfolgreich. Das heißt jedoch nicht, Gorazde sei kein
ernstes Problem. Das ist es in der Tat."

*

*

AMERIKA DIENST 15

�BOSNIEN
20. April 1994

USA PRÜFEN OPTIONEN FÜR REAKTION
AUF TRAGÖDIE VON GORAZDE
Stellungnahme des Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Indem er den Krieg in
Bosnien als "die größte menschliche Tragödie in
Europa seit dem Eisernen Vorhang" bezeichnete,
stellte Außenminister Christopher fest, die Vereinigten Staaten unterzögen ihre Optionen für eine
geeignete Reaktion auf die Belagerung Gorazdes
durch die bosnischen Serben einer eingehenden
Prüfung.
In seiner Rede bei einer nationalen außenpolitischen
Konferenz für Lehrkräfte an weiterführenden Bildungseinrichtungen am 18. April 1994 im US-Außenministerium erklärte der Außenminister, die von den
Vereinigten Staaten in Bosnien ergriffenen positiven
Maßnahmen seien "von den schrecklichen Ereignissen der vergangenen Woche in Gorazde überschattet worden", einer isolierten Muslimenklave, die vom
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zur Schutzzone erklärt worden ist.
"Durch ihre flagrante Aggression und ihr unmenschliches Vorgehen haben die bosnischen Serben
erneut ihre Verachtung für die internationale Staatengemeinschaft und alle humanitären Belange unter
Beweis gestellt", so der Außenminister. Mit der
Feststellung, die Belagerung Gorazdes sei am
Wochenende in Washington die Hauptsorge gewesen, äußerte er, der Krieg in Bosnien sei die größte
menschliche Tragödie in Europa seit dem Eisernen
Vorhang.
"In diesem Augenblick unterziehen wir unsere
Optionen für eine geeignete Reaktion auf die Belagerung Gorazdes durch die bosnischen Serben und
die Situation in Bosnien insgesamt einer eingehenden Prüfung", stellte Außenminister Christopher fest.
Bei einem Phototermin mit dem zu Besuch weilenden slowakischen Außenminister Eduard Kukan
beschrieb Christopher später die Lage als "äußerst
ernst".
"In den vergangenen Tagen haben die Serben die
Vereinten Nationen angelogen, haben die sie seit
jeher unterstützenden Russen angelogen sowie sich
in ein Netz von Lügen und irreführenden Erklärun-

AMERIKA DIENST 15

gen verstrickt, das seinesgleichen sucht", äußerte der
Außenminister vor Journalisten.
"Wir werden uns mit der Situation dort befassen, und
meines Erachtens ist es weder klug noch angeraten
für mich, die uns zur Verfügung stehenden Optionen
zu diskutieren", antwortete Christopher auf die Frage,
ob militärische Aktionen in Erwägung gezogen
würden. "Zweifelsohne gibt es ein ziemlich breites
Spektrum an Optionen. Offensichtlich werden wir im
Zusammenhang mit der Situation nichts ausschließen."
Im Hinblick auf die von den Vereinigten Staaten zur
Bewältigung der Krise in Bosnien ergriffenen Maßnahmen erläuterte Christopher: "Wir haben die am
längsten andauernde Luftbrücke mit humanitären
Hilfslieferungen in der Geschichte eingerichtet und für
die Menschen in Bosnien über 10 Millionen Tonnen
Mahlzeiten abgeworfen. Wir haben die internationalen Bestrebungen zur Verhängung von Sanktionen
gegen Serbien angeführt - eines der wenigen Druckmittel, die uns noch zur Verfügung stehen. Wir
haben zur Verhinderung einer Ausweitung des
Konflikts nach Makedonien und in den Kosovo
beigetragen, und dies sind sehr feste amerikanische
Verpflichtungen."
Darüber hinaus haben die Vereinigten Staaten hart
an der Einrichtung eines Kriegsverbrechertribunals
gearbeitet, "um einige der Menschen zur Rechenschaft zu ziehen, die für Aktionen wie die am Wochenende verantwortlich sind", stellte Außenminister
Christopher fest.
Die Vereinigten Staaten leiteten eine neue Runde der
Diplomatie ein, die im Februar begonnen und dazu
beigetragen hat, "ein Abkommen zwischen den
bosnischen Muslimen und den Kroaten in Bosnien zu
erlangen, das ihren Krieg beendet, die Bürde ihres
Volkes mildert und hoffentlich den Weg zu einer
umfassenden Lösung ebnet", so der Außenminister.
"NATO-Flugzeuge haben das Ultimatum durchgesetzt, das den Beschuß Sarajevos stoppte, und
glücklicherweise dauert diese Situation an. Wir

Seite 1

�haben zur Durchsetzung der Flugverbotszone beigetragen und vier serbische Flugzeuge abgeschossen, die dieses Verbot verletzten."
Bei seiner regulären Pressekonferenz erklärte der
Sprecher des Außenministeriums, Michael McCurry,
die Optionen für Aktionen der Vereinigten Staaten zu
Bosnien würden auf "höchster Ebene" im Nationalen
Sicherheitsrat geprüft. Normalerweise versteht man
darunter den Außen- und Verteidigungsminister, den
CIA-Direktor und den Nationalen Sicherheitsberater.
"Aus diesem Grund kann ich Ihnen wirklich nichts ...
darüber sagen, welche Schritte wir im Hinblick auf
Gorazde, andere Schutzzonen oder Kämpfe in
Bosnien generell unternehmen werden", stellte
McCurry fest. Es habe Berichte über den weiteren
Beschuß von Gorazde gegeben und möglicherweise
sei ein Krankenhaus getroffen worden. "Die Angriffe
der bosnischen Serben am Wochenende hatten 35
Tote und über 200 Verletzte zur Folge", äußerte
McCurry und fügte hinzu, Berichten zufolge hielten
sich noch immer Panzer der bosnischen Serben in
unmittelbarer Umgebung der Stadt auf.
Auf die Frage nach dem möglichen Schicksal der
65.000 in Gorazde eingeschlossenen Menschen
antwortete der Sprecher: "Sie befinden sich in einer
Lage, die mit den Worten eines UNO-Beamten als
menschliches Desaster beschrieben werden könnte,
wenn die bosnischen Serben die Stadt zu überrollen
versuchen sollten."
Seines Erachtens sei Gorazde keine Schutzzone,
erwiderte McCurry einem Fragesteller und fügte
hinzu: "Es ist eine umkämpfte, von der UNO geschützte Enklave, in der sich im Augenblick Zehntausende von Flüchtlingen befinden, die sich einer
Offensive der bosnischen Serben ausgesetzt sehen."
Er erläuterte, er wolle nichts über den Status von
Gorazde im Rahmen der Resolutionen des UNSicherheitsrats implizieren. "In der Tat glaube ich
nicht, daß sich heute irgend jemand in Gorazde
sicher fühlen kann. Das ist alles, was ich sagen
wollte."
Die Vereinigten Staaten befürworten andauernde
Bestrebungen zur Entsendung ukrainischer Truppen
nach Gorazde, um die kleine dort stationierte UNOSchutztruppe UNPROFOR zu unterstützen - ein
Schritt, der seines Erachtens "sehr hilfreich wäre".
In jeder der im Rahmen der UNO-Resolutionen
erklärten sogenannten "Schutzzonen" gebe es eine
"beträchtliche" Anzahl von UNO-Mitarbeitern, im
Gegensatz zur Situation in Gorazde, wo sich nie
mehr als rund ein Dutzend UNO-Beobachter aufhielten, führte McCurry aus.

Seite 2

Er unterstrich, die UNPROFOR in Bosnien "versucht,
einen auf äußerst tönernen Füßen stehenden Frieden
aufrechtzuerhalten und die erforderlichen humanitären Hilfslieferungen für Hunderttausende Opfer dieses
Krieges bereitzustellen. Sie sind nicht dort, um einen
Krieg zu führen."
McCurry erklärte den Journalisten, sie sollten die
Hoffnung auf ein Ende der Offensive gegen Gorazde
nicht aufgeben, und die bosnischen Serben würden
vielleicht den wiederholten Aufforderungen des UNSicherheitsrats nachkommen, sich zurückzuziehen
und UNPROFOR-Truppen zuzulassen. "Vielleicht
erkennen sie, daß das in ihrem Interesse läge", fügte
der Sprecher hinzu.
Weil Außenminister Christopher die Serben als
Lügner und unglaubwürdig bezeichnet hatte, wurde
McCurry gefragt, wie irgend jemand überhaupt mit
ihnen verhandeln könnte. "Es ist schwierig", antwortete er. "Wie der Außenminister erläuterte, hatten wir
allerdings dank der Kraft eines von der NATO verhängten Ultimatums ein gewisses Maß an Erfolg bei
den Verhandlungen über eine Sperrzone um Sarajevo."
Bei der Beantwortung von Fragen bezüglich der Rolle
Rußlands zur der Bewältigung der Krise von Gorazde
stellte McCurry fest, der Außenminister sei zufrieden,
daß die russische Regierung "sehr sorgfältige und
geeignete diplomatische Schritte hierzu unternommen
und direkt mit den bosnischen Serben verhandelt
hat." Er fügte hinzu, einige damit befaßte russische
Diplomaten hätten erklärt, "sie könnten sich des
Gefühls nicht erwehren, von den Serben nicht aufrichtig behandelt worden zu sein."
"Ich glaube nicht, daß wir uns je Illusionen über die
von den bosnischen Serben gemachten Äußerungen
hingegeben haben", so der Sprecher des Außenministeriums. "Wir suchen nach Wegen um zu
verifizieren, welche von ihnen versprochenen Schritte
ergriffen und welche Veränderungen am Boden
stattfinden werden. Es war ziemlich klar, daß diese
Veränderungen am Boden nicht vorgenommen
würden, und meiner Ansicht nach war es für den
Westen und die russische Regierung ebenso enttäuschend."
McCurry zufolge war es "gerechtfertigt, weiterhin in
enger Verbindung zur russischen Regierung zu
stehen, während diese die diplomatischen Gespräche
mit den Serben führte. Zweifelsohne wird sie diese
Gespräche fortzusetzen versuchen. Er fügte jedoch
hinzu, "aufgrund des serbischen Verhaltens am
Boden wird es äußerst schwierig zu verstehen,
welcher diplomatische Weg der gangbare bleiben
wird".

AMERIKA DIENST 15

�Der Sprecher bekräftigte die Position der Vereinigten
Staaten, daß es keine Lockerung der Sanktionen
gegen die Serben geben kann, solange nicht eine
bosnische Lösung erzielt worden ist und die internationale Staatengemeinschaft Vertrauen haben
kann, daß sie in gutem Glauben umgesetzt wird.

Gespräche nicht angebracht sind, die eine Lockerung
der Sanktionen zum Ziel hätten. Die Serben haben
nicht einmal die grundlegendsten Verpflichtungen
über einen Waffenstillstand im Zusammenhang mit
Gorazde eingehalten, und daher gibt es meiner
Ansicht nach überhaupt keine Rechtfertigung, über
eine Lockerung der Sanktionen zu sprechen."

"Meines Erachtens belegen die Ereignisse der
vergangenen Tage jn Gorazde mehr als genug, daß
* * * *

AMERIKA DIENST 15

*

Seite 3

�GATT
20. April 1994

WELTHANDELSSYSTEM DARF NICHT
DIE AUSBEUTUNG DER ARBEITNEHMER FÖRDERN
Erklärung Vizepräsident Gores in Marrakesch
WASHINGTON - (AD) - "Ein nicht auf das Ende der Ausbeutung abzielendes Welthandelssystem wird
schließlich scheitern", erklärte Vizepräsident Gore.
In einer Rede aus Anlaß der Unterzeichnung des aus der Uruguay-Runde der weltweiten Handelsgespräche
hervorgegangenen Abkommens am 14. April 1994 vor Ministern aus mehr als 120 Ländern im marrokanischen
Marrakesch äußerte der amerikanische Vizepräsident, das Ende der Runde stelle nicht das Ende schwieriger
Fragen dar, die jetzt in einer Vielzahl internationaler Foren angegangen werden müßten, einschließlich der
neuen Welthandelsorganisation (World Trade Organization - WTO).
"Wirtschaftswachstum, das ohne Vision und ohne Berücksichtigung seiner Auswirkungen auf das Leben der
Arbeitnehmer und die - örtliche, regionale und globale - Umwelt angestrebt wird, ist Wachstum, das die Saat
für seine eigene Zerstörung birgt", teilte der Vizepräsident mit und fuhr fort: "Wirtschaftswachstum kann nicht
aufrechterhalten werden, wenn es letztlich zu sozialen Unruhen führt. Und es kann auch nicht aufrechterhalten
werden, wenn es letztlich Ressourcen erschöpft und vernichtet und vor allem, wenn es das weltweite natürliche
Gleichgewicht zerstört."
Die Vereinigten Staaten werden sich dem Vizepräsidenten zufolge jedem Versuch eines Landes
entgegenstellen, Arbeitsnormen als eine Art versteckter Handelsrestriktionen einzusetzen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext AI Gores.

Bevor ich meine geplante Rede beginne, möchte ich
einen Moment innehalten und meiner Bestürzung
über die heute morgen im Norden Iraks geschehene
Tragödie Ausdruck verleihen. Ich spreche den
Familien derjenigen mein Mitgefühl aus, die im
Dienste der Vereinten Nationen gestorben sind.
Somit bin ich schweren Herzens in dieser schönen
und erinnerungsträchtigen Stadt, um mit Ihnen den
Abschluß eines Abkommens zu feiern, das viel zur
Verbesserung des Lebens der Menschen beitragen
wird. Das war natürlich auch das Ziel derjenigen,
die heute morgen umgekommen sind.
Marokko ist ein Land von bezaubernder Schönheit
mit einem großen Geschichtssinn. Es ist ein Land
mit weitblickenden Politikern, einer langen Vergangenheit und einer vielversprechenden Zukunft.
Vor nahezu 1.000 Jahren war Marokko die Hauptstadt eines arabischen Reiches, das den Maghreb
einte.

AMERIKA DIENST 15

König Hassan ist seit über einer Generation ein
weltweit anerkannter Politiker. Sein Interesse an
globalen Fragen, das seine Bestrebungen zur Förderung des Friedens im Nahen Osten demonstrieren,
machen Marokko zu einem geeigneten Ort für den
Abschluß einer internationalen Übereinkunft vom
Rang eines GATT-Abkommens.
Ich möchte vorschlagen, daß wir alle unseren marokkanischen Gastgebern danken - nicht nur für die bei
der Organisation dieser Veranstaltung geleistete
großartige und schwierige Arbeit, sondern für ihre
dauerhafte Rolle als positive Kraft in dieser häufig so
unruhigen Welt.
Dem Generaldirektor des GATT, Peter Sutherland,
seinen Vorgängern und allen Delegationen spreche
ich aufrichtigen Dank für ihre in siebeneinhalb Jahren
gezeigte Ausdauer aus, die uns so weit gebracht hat.
Vor fünfzig Jahren wirkte Außenminister Cordeil Hüll
bei der Konferenz von Bretton Woods an der Ausarbeitung des Welthandelssystems mit. Minister Hüll

Seite 1

�stammte aus meiner Heimat - Carthage (Tennessee)
- wo etwa 2.000 Menschen leben.

dent und ich gemeinsam mit dem Kongreß an einer
Annahme des Abkommens arbeiten.

Dieser Gründervater des GATT veranlaßte meinen
Vater, in den öffentlichen Dienst zu gehen, und ist
damit auf gewisse Weise verantwortlich für die
Inspiration, die mein Vater an mich weitergab.

Präsident Clinton ist ein überzeugter Befürworter des
Welthandelssystems, weil erweiterter Handel für die
wirtschaftliche, soziale und umweltpolitische Gesundheit aller Nationen von Vorteil ist. Die Clinton-Administration hat sich einer Fortsetzung des weltweiten
Dialogs und der Einrichtung eines offeneren und
faireren Handelssystems verschrieben.

Botschafter Mickey Kantor, der ebenfalls aus Tennessee stammt und nur etwa 80 Kilometer von
Carthage entfernt aufwuchs, hat mein Land auf
herausragende Weise vertreten.
Er empfindet ebenso wie ich ein persönliches
Vergnügen dabei, in die Fußstapfen Cordell Hulls zu
treten.
In gewisser Weise sind Fußstapfen der Grund dafür,
warum ich heute hierher gereist bin. Der Abschluß
der Uruguay-Runde stellt einen Sieg dar - nicht nur
für uns, sondern auch für unsere Kinder, Enkel und
alle nachfolgenden Generationen. Ich bin heute
hier, weil ich der Überzeugung bin, daß das zu
unterzeichnende Abkommen es unseren Nachkommen gestatten wird, sich auf der Grundlage der von
uns erzielten Fortschritte auf eine glücklichere
Zukunft zuzubewegen.
Wir alle sind hier zusammengekommen, um eine
großartige Leistung zu feiern. Dieses Abkommen
wird die wirtschaftlichen Bedingungen weltweit
verbessern. Dieses Abkommen wird mehr Ressourcen in den Dienst des Umweltschutzes stellen.
Dieses Abkommen wird den weltweiten Dialog
fördern. Die Auswirkungen der Uruguay-Runde sind
wahrhaft von großer Tragweite.
Allein in den Industriestaaten könnte das Wachstum
des Bruttosozialprodukts im kommenden Jahrzehnt
die bisherige Rate um bis zu 3,5 Prozent erhöhen,
was dem Ertrag eines ganzen Jahres entspricht. In
den Entwicklungsländern wird das Wachstum die
wirtschaftliche Entwicklung ankurbeln und Ressourcen freisetzen, die für die Bekämpfung von Armut,
Hunger, einem Verfall der Infrastruktur, Epidemien
und Umweltzerstörung von entscheidender Bedeutung sind. Am wichtigsten ist, daß dieses Abkommen Familien auf der ganzen Welt eine Erhöhung
ihres Realeinkommens und eine echte Chance zur
Verbesserung ihres Lebens und ihrer Länder gibt.
Präsident Clinton hat sich persönlich für den erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde eingesetzt und
unterstützt entschieden die erzielten Ergebnisse.
Die Vereinigten Staaten engagieren sich entschlossen für eine Annahme des Abkommens der Uruguay-Runde noch in diesem Jahr. Wenn ich in die
Vereinigten Staaten zurückkehre, werden der Präsi-

Seite 2

Seit der Gründung des GATT vor 47 Jahren haben
die Vertragsparteien ein nie dagewesenes Maß an
dauerhaftem Wohlstand genossen. Die Lektion des
GATT ist offensichtlich: Der Weg zu Wohlstand,
Wachstum und Partnerschaft für alle liegt darin, sich
der Welt zu öffnen anstatt sich abzuschotten.
Die Uruguay-Runde hat einen bedeutenden Beitrag
zur Erreichung dieses Ziels geleistet.
Die Uruguay-Runde wird die Zölle um mehr als ein
Drittel senken. Sie wird den Agrarhandel reformieren
und den Landwirten in jedem Staat neue Exportmöglichkeiten aufzeigen, während gleichzeitig den
Verbrauchern niedrigere Preise und bessere Qualität
geboten werden.
Die Runde legt neue Handelsregeln für zwei Sektoren
der Weltwirtschaft schriftlich nieder, die von zunehmender Bedeutung sind: Geistiges Eigentum und
Dienstleistungen. Kurzum, sie führt das Welthandelssystem ins 21. Jahrhundert.
Die Runde stärkt auch das Verfahren zur Beilegung
von Streitigkeiten. Wir haben eine Reihe wirksamer
Regeln für die unverzügliche Schlichtung von Disputen geschaffen und Mängel im derzeitigen System
beseitigt. Die Länder werden in Zukunft nicht mehr
das Verfahren in die Länge ziehen und ihnen unangenehme Urteile blockieren können. Die UruguayRunde ist jetzt abgeschlossen.
Das Welthandelssystem macht jedoch Fortschritte.
Ich möchte gerne über die vor uns liegenden Herausforderungen sprechen. Die Beziehungen zwischen
Handel und der Schaffung von Wohlstand sind
offenkundig - ebenso wie die Notwendigkeit weiteren
wirtschaftlichen Fortschritts weltweit.
Wirtschaftswachstum, das ohne Vision und ohne
Berücksichtigung seiner Auswirkungen auf das Leben
der Arbeitnehmer und die - örtliche, regionale und
globale - Umwelt angestrebt wird, ist Wachstum, das
die Saat für seine eigene Zerstörung birgt. Wirtschaftswachstum kann nicht aufrechterhalten werden,
wenn es letztlich zu sozialen Unruhen führt. Und es
kann auch nicht aufrechterhalten werden, wenn es

AMERIKA DIENST 15

�letztlich Ressourcen erschöpft und vernichtet und vor
allem, wenn es das weltweite natürliche Gleichgewicht zerstört.
Die Uruguay-Runde hat beim Abbau der Hindernisse
auf dem Weg zu einem Anwachsen des Handels
große Fortschritte gemacht. Sie schafft auch - dank
der Verdienste jedes heute Anwesenden sowie
unserer Regierungen - ein lebensfähiges Forum zur
Erörterung aktueller und zukünftiger Fragen im
Zusammenhang mit dem Welthandel - die Welthandelsorganisation.
Jetzt verfügen wir erstmals über ein Mittel, um über
das Verhältnis erweiterter Handelsmöglichkeiten zu
den Voraussetzungen für das Wohlergehen unserer
Arbeitnehmer zu sprechen sowie über die Notwendigkeit, die Gesundheit unseres Planeten zu schützen - Fragen, die großen Einfluß auf unser Lebensgefüge haben.
Ich bin mir bewußt, daß dies heikle und kontroverse
Themen sind, möchte sie jedoch der Reihe nach
ansprechen und beginne mit der Arbeit.
Die Menschen von Armut zu befreien, setzt Wirtschaftswachstum voraus, aber auch verbesserte
Arbeitsnormen. Eine Erhöhung der Produktivität
sollte auch eine Erhöhung von Löhnen und Gehältern sowie des Lebensstandards mit sich bringen.
Ein nicht auf das Ende der Ausbeutung abzielendes
Werthandelssystem wird letztlich scheitern, weil die
Menschen auf der ganzen Welt es nicht unterstützen
können.
Heute genießen einige Staaten nicht nur dynamisches Wirtschaftswachstum, sondern binden es auch
an sozialen Fortschritt. Diese Länder verstehen, daß
verbesserte Arbeitsnormen den Weg zu einer
Erhöhung des Lebensstandards sowie zu langfristigem Wohlstand und Stabilität darstellen. Die
Vereinigten Staaten sind sich der Angst vieler
Länder bewußt, eine Einbindung von Arbeitsnormen
in den Kontext des Welthandels setze ihre Exporte
potentiellen versteckten Handelsrestriktionen aus.
Ich möchte folgendes sagen:
Die Vereinigten
Staaten stellen sich jedem Versuch eines Landes
entgegen, die Frage verbesserter Arbeitsnormen in
eine Art von Protektionismus umzuwandeln. Wir
waren führend bei den Bestrebungen zum Abbau
von Handelshemmnissen und Ablehnung des
Protektionismus und werden das auch in Zukunft
sein. Andererseits sind wir von der Bedeutung und
Notwendigkeit eines ernsthaften weltweiten Dialogs
über dieses Thema überzeugt.

AMERIKA DIENST 15

Jetzt möchte ich auf die Umwelt zu sprechen kommen.
Wir befinden uns inmitten einer langen Zeit wirtschaftlichen, technologischen und geopolitischen
Wandels. Während die uns konfrontierenden Probleme größer und komplexer werden, wird unsere Welt
kleiner und interdependenter.
Wir können jedoch die Gesundheit unserer Bürger
oder unser natürliches Erbe nicht im Alleingang
schützen. Aber mit Hilfe von Handel und weltweiter
Zusammenarbeit können wir ein besseres Leben für
uns selbst schaffen - und unseren Kindern einen
besseren Planeten hinterlassen.
Während die Welt kleiner wird und unsere Probleme
immer komplexer werden, müssen wir uns vor Augen
führen, daß selbst eine auf einen Ort begrenzte
Veränderung überall Konsequenzen haben kann.
Eine Veränderung des weltweiten Klimas kann zu
erhöhten Schäden durch Flutkatastrophen, Wirbelstürme und Dürreperioden führen - und die menschlichen und ökologischen Auswirkungen können
verheerend sein. Die Abnahme der Ozonschicht
erhöht die Fälle von Hautkrebs und wirkt sich auf die
Ernteerträge sowie die Nahrungsmittelproduktion aus.
Schlechte landwirtschaftliche Praktiken tragen den
Boden ab, führen zur Ablagerung von Salzen und
Giftstoffen, erhöhen die Armut und rufen Hungersnöte
hervor. Die Verschlechterung der Wasserqualität und
des Ackerlandes sowie das rasche Bevölkerungswachstum können nicht nur Hunger und Krankheiten
verursachen, sondern auch Wanderbewegungen
großen Ausmaßes mit daraus resultierenden Konflikten und sogar Kriegen. Wir erkennen sehr schnell,
daß Umweltschutz keine Option, sondern eine
Notwendigkeit darstellt. Durch energische Arbeit im
Umweltschutzbereich in Verbindung mit dem Welthandel werden wir Erfolg haben.
Jede große Herausforderung beinhaltet aber auch
eine große Chance. Die Verhinderung, Kontrolle und
Beseitigung von Verschmutzung ist derzeit eine
florierende Industrie. Mit erweitertem Handel und
einem höheren Lebensstandard könnte die Umwelttechnologieindustrie im Laufe des Jahrzehnts um
50 Prozent anwachsen. Die heute in Energieeinsparung, saubere Produktion und Umweltdienstleistungen investierenden Unternehmen schaffen die
hochwertigen und hochbezahlten Arbeitsplätze der
Zukunft.
Wir haben nicht die Wahl zwischen Handel oder
Umweltschutz. Wir können - und müssen - beides
haben.

Seite 3

�Langfristig können wir keine wachsende Wirtschaft
ohne eine sichere und gesunde Umwelt haben. Und
ohne eine starke Wirtschaft können wir keine sichere
und gesunde Umwelt aufrechterhalten. Die Armut ist
vielleicht der Hauptgrund für die Umweltverschmutzung auf der Welt. Freierer Handel wiederum ist der
Motor des Fortschritts.
Kurzfristig müssen wir uns bemühen, die Besorgnis
derjenigen zu zertreuen, die einen sogenannten
"grünen Protektionismus" fürchten - bei dem unter
dem Deckmantel des Umweltschutzes die Länder
auf der ganzen Erde der aus dem Handel resultierenden Vorteile beraubt werden. Andererseits ist die
mangelnde Beachtung von Umweltnormen kein
akzeptables Mittel zur Förderung von Wachstum.
Wir dürfen nicht die Regenerationsfähigkeit unseres
Ökosystems einer Erweiterung des Handels opfern
oder die wertvolle biologische Vielfalt einem kurzfristigen Wirtschaftswachstum. Der Preis dafür ist zu
hoch.
Auch hier sind die gegenseitigen Vorteile offensichtlich. Freierer Handel beschleunigt den wirtschaftlichen Fortschritt und setzt mehr Ressourcen für den
Umweltschutz frei. Andererseits kann eine unverantwortliche Entwicklung zur dauerhaften Erschöpfung von Ressourcen führen, unsere natürliche
Umwelt schädigen und dadurch Wirtschaftswachstum unmöglich machen.
Ein Beispiel für das von mir Ausgeführte ist der
besorgniserregende Zustand unserer Fischbestände.
Einer Schätzung aus dem Jahr 1965 über den
umweltverträglichen Fischfangertrag aus den Weltmeeren zufolge beläuft sich dieser auf 100 Millionen
Tonnen jährlich. Dieses Niveau wurde 1989 erreicht, und der weltweite Verbrauch betrug 90
Millionen Tonnen. Seitdem ist überfischt worden.
Der durchschnittliche Fang bei vielen Arten ist trotz
verbesserter Methoden und Techniken gesunken.
1992 sank der Fischfang weltweit um 5 Prozent. Es
gibt einfach nicht mehr so viele Fische. Wir haben
in zu kurzer Zeit zu viel gefischt und keine natürliche
Auffüllung der Vorräte zugelassen.
In ähnlicher Weise hat die schnelle Verstädterung
die Nationen der Fähigkeit beraubt, ihren neuen
Bürgern Arbeitsplätze, Ausbildung und andere
Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Das kann
nicht hingenommen werden. Wir schulden es uns
und zukünftigen Generationen, eine Welt zu hinter-

*

Seite 4

lassen, die prosperierender und lebenswerter ist als
die von uns vorgefundene, in der die Luft und das
Wasser sauberer sind sowie unsere Bevölkerung und
großen Ökosysteme gesund.
Während die Welt sich der Lösung von Umweltproblemen und der Stärkung des Umweltschutzes
widmet, müssen die entsprechenden Auswirkungen
im Bereich des Handels in der Welthandelsorganisation und in anderen Foren offen besprochen werden.
Die Entscheidung, innerhalb der Welthandelsorganisation einen Ausschuß für Handel und Umwelt zu
schaffen, stellt hierzu ein offizielles Mittel bereit.
Dieser Ausschuß hat klare Richtlinien und ein umfassendes Arbeitsprogramm. Und er besitzt ein
Mandat zur Entwicklung von Empfehlungen für
notwendige Veränderungen.
Wir können uns jetzt gemeinsam an einen Tisch
setzen und zukunftsorientierte Lösungen für diese
äußerst komplizierten Fragen finden. Wir haben viel
harte Arbeit vor uns. Dieser Ausschuß wird uns bei
ihrer Bewältigung helfen. Ich freue mich besonders
über die heutige Annahme der Ministerentscheidung
zur Einrichtung dieses Ausschusses für Handel und
Umwelt.
Wie ich bereits zu Beginn meiner Ausführungen
anmerkte, hinterläßt die Uruguay-Runde ein Vermächtnis enormer Leistungen und schafft einen
Rahmen für die Zukunft. Wir schulden unseren
Kindern, die gemeinsame Arbeit an der Entwicklung
und Aushandlung der richtigen Maßnahmen aufzunehmen. Wir müssen Menschen unterschiedlicher
Fachrichtungen zusammenbringen, die nicht dieselbe
Sprache sprechen und die Probleme nicht auf die
gleiche Weise angehen. Es ist schwierig, das in
jedem einzelnen Land zu tun.
Es ist noch schwieriger, das in allen Ländern gemeinsam zu tun. Aber die jetzt vor uns liegenden
Aufgaben werden für den künftigen Wohlstand in der
Welt nicht weniger wichtig sein als die von Cordeil
Hüll und unseren anderen politischen Vorfahren in
Bretton Woods angegangenen.
Unser Ziel muß eine Welt mit einem offenen Handelssystem sein, in der die Arbeitnehmer Hoffnung
haben und die Umwelt durch eine umweltverträgliches Wachstum fördernde Politik geschützt ist. Wir
wollen zusammen auf dieses Ziel hinarbeiten.

* * *

*

AMERIKA DIENST 15

�GATT
20. April 1994

GLOBALE INTERDEPENDENZ ERFORDERT
ÜBERPRÜFUNG VON ARBEITSFRAGEN
Erklärung des Handelsbeauftragten
WASHINGTON - (AD) - Dem amerikanischen Handelsbeauftragten Mickey Kantor zufolge betreffen die
Maßnahmen einer Nation zu Arbeitsnormen, Umweltschutz und Wettbewerbspolitik ihre Handelspartner.
"Ich bin mir bewußt, daß einige sich unbehaglich fühlen, wenn wir Fragen des Umweltschutzes und
international anerkannte Arbeitsnormen anzusprechen versuchen", erklärte Kantor in einer am 14. April 1994
vor den Handelsministern in Marrakesch gehaltenen Rede. Die Minister aus über 120 Ländern waren zur
Unterzeichnung des globalen Handelsabkommens der Uruguay-Runde am 15. April 1994 zusammengekommen. "In dieser sich rasch wandelnden und zunehmend interdependenten Welt ist es nützlich - und
unvermeidlich - daß wir über das herkömmliche Diktat des Handels hinauszugehen begonnen haben."
Kantor erläuterte, daß die Globalisierung der Volkswirtschaften mit in Lichtgeschwindigkeit die Grenzen
überquerenden Waren, Dienstleistungen und Kapital nicht die Souveränität einzelner Nationen aufhebt. Dieser
Prozeß erfordere jedoch die Erkenntnis seitens der Länder, daß ihr wirtschaftlicher Wohlstand aneinander
gebunden ist und Wohlstand eher durch den Abbau von Handelshemmnissen als durch deren Errichtung
gemehrt wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Handelsbeauftragten.

Es ist mir eine große Ehre, als Vertreter Präsident
Clintons zur offiziellen Unterzeichnung des Abkommens der Uruguay-Runde anwesend sein zu dürfen.
Ich freue mich, daß Vizepräsident Gore im weiteren
Verlauf des Nachmittags zu uns sprechen wird. Der
Vizepräsident ist von Kalifornien hierher geflogen,
um das Engagement unseres Landes für den Erfolg
der Uruguay-Runde zu unterstreichen.
Die Herausforderung, das neue Abkommen umzusetzen und das globale Handelssystem auf den Weg
zu bringen, beginnt erst. Obwohl viele Menschen
zum Erfolg der Runde beigetragen haben, möchte
ich den Generaldirektor des GATT, Peter Sutherland, besonders würdigen. Er hat die Arbeit von
seinem Vorgänger Arthur Dunkel übernommen und
mit seinem Intellekt und seiner Energie eine unerläßliche Rolle für den erfolgreichen Abschluß der
Verhandlungen gespielt. Ich möchte auch König
Hassan meinen Dank für seine großzügige Gastfreundschaft bei dieser Veranstaltung aussprechen.
Lange nach den meisten von Ihnen habe ich die
harte Arbeit dieser Verhandlungen aufgenommen.
Ich werde stets für die mir von Präsident Clinton
gebotene Chance dankbar sein, zusammen mit

AMERIKA DIENST 15

Ihnen zum erfolgreichen Abschluß der Runde beizutragen. Wenn ich über das von uns gemeinsam
Geleistete nachdenke, bin ich erstaunt über die
dünne Linie, die Erfolg und Scheitern trennt.
Es gab viele Momente, in denen die siebenjährigen
Bestrebungen zum Scheitern verurteilt schienen.
Scharfsinnige Kommentatoren nannten uns zahlreiche Gründe für unser voraussichtliches Versagen.
Sie sagten, die Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern könne nicht überwunden werden. Sie
sagten, die Probleme bei Dienstleistungen, Investitionen und geistigem Eigentum seien zu komplex. Sie
sagten, das Ende des Kalten Krieges habe wirtschaftlichen Wettbewerb, nicht Zusammenarbeit
bewirkt. Sie sagten, wir könnten unsere bilateralen
Meinungsverschiedenheiten nicht beilegen.
Sie irrten sich. Ehrliche Diskussionen und harte
Verhandlungen haben zu gegenseitigem Verständnis
geführt. Wir erkannten, daß die Zeit nach dem
Kalten Krieg sowohl durch wirtschaftliche Zusammenarbeit als auch wirtschaftlichen Wettbewerb gekennzeichnet sein würde und muß. Bilaterale Differenzen
würden nicht verschwinden, aber wir weigerten uns,
unsere Fortschritte davon blockieren zu lassen.

Seite 1

�Wir hatten Erfolg, weil die uns verknüpfenden Bande
stärker als die Kräfte sind, die uns zu trennen versuchen. Wir befinden uns in einer globalen Wirtschaft, in der Waren, Dienstleistungen und Kapital
die Grenzen in schwindelerregender Geschwindigkeit
überqueren. Die Kräfte der Globalisierung werden
die Souveränität oder die jeweilige Kultur einzelner
Nationen nicht aufheben, aber sie erfordern von uns,
der Tatsache Rechnung zu tragen, daß der Wohlstand unserer Länder aneinander gebunden ist, daß
wir Wohlstand eher durch den Abbau von Handelshemmnissen als durch deren Errichtung mehren und
wir ein internationales Handelssystem benötigen, um
dieses Wachstum zu ermöglichen.

Wir werden auch in Zukunft auf die Leistungen der
Runde aufbauen. Weitere 21 Länder wollen ebenfalls
der Welthandelsorganisation (World Trade Organization - WTO) beitreten, und wir begrüßen den Beitritt
der Länder, die zur Beibehaltung hoher Normen und
zur Einhaltung der grundlegenden GATT-Prinzipien
bereit sind.
Wir leben in einer veränderten Welt, einer Welt, in
der die einzige Konstante Wandel ist. Mit dem Ende
des Kalten Krieges und dem Aufstieg einer globalisierten Wirtschaft ist die Gestaltung der sich aus
einer interdependenteren Welt ergebenden Veränderungen absolut entscheidend für globalen
Wohlstand.

Der Dichter Yeats schrieb einmal: "Die Dinge lösen
sich vom Mittelpunkt, der sie nicht hält." Dieses Mal
hat er gehalten.

Ich bin mir bewußt, daß einige sich unbehaglich
fühlen, wenn wir Fragen des Umweltschutzes und
international anerkannte Arbeitsnormen anzusprechen
versuchen. In dieser sich rasch wandelnden und
zunehmend interdependenten Welt ist es nützlich und unvermeidlich - daß wir über das herkömmliche
Diktat des Handels hinauszugehen begonnen haben.
Es ist offenkundig, daß offene Märkte und erweiterter
Handel Wachstum und Wohlstand fördern. Unsere
Vision des Handelssystems muß jetzt dynamisch und
in der Lage sein, die sich abzeichnenden Herausforderungen für unser kollektives globales Wirtschaftswachstum zu bewältigen.

Präsident Clinton beschreibt diesen Wendepunkt als
"die dritte große Entscheidung des 20. Jahrhunderts". Nach dem Ersten Weltkrieg zogen sich die
Vereinigten Staaten zurück, nach 1945 entschieden
wir uns für einen anderen Weg, knüpften internationale Verbindungen und öffneten die Tür für eine
Periode beispiellosen globalen Wachstums.
Heute befinden wir uns am dritten entscheidenden
Moment. Das Ende des Kalten Krieges bietet neue
Chancen und neue Gefahren, aber wir sehen uns
mit derselben grundlegenden Entscheidung konfrontiert: Engagement oder Rückzug? Durch die
Uruguay-Runde und die morgen von uns zu unterzeichnenden Abkommen engagieren sich die Vereinigten Staaten weiterhin intensiv und verpflichten
sich zum internationalen System. Wie der Präsident
erklärt hat, vertreten wir die Auffassung, daß offener
und wettbewerbsorientierter Handel uns als Land
und die Welt bereichert. Und wir beabsichtigen, uns
der Konkurrenz zu stellen, nicht uns zurückzuziehen.

* *

Seite 2

Wir werden zunehmend Fragen in Zusammenhang
mit der jeweiligen Innenpolitik eines Landes erörtern,
wie Wettbewerbspolitik und andere innenpolitische
regulative Maßnahmen, sowie Umweltschutz und
Arbeitsnormen. Wie eine Nation in einer globalisierten Wirtschaft diese Fragen angeht, hat direkte
Auswirkungen auf ihre Handelspartner.

*

AMERIKA DIENST 15

�KRIEGSVERBRECHEN
20. April 1994

ALBRIGHT FORDERT WELTWEITE UNTERSTÜTZUNG
FÜR KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL
Rede im Holocaust Memorial Museum

WASHINGTON - (AD) - Die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, Madeleine
Albright, rief zur weltweiten Unterstützung des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien auf
und erklärte, das "Ausmaß" der dort verübten Kriegsverbrechen "erfordert eine internationale juristische
Antwort".
In einer am 12. April 1994 im amerikanischen Holocaust Memorial Museum in Washington gehaltenen Rede
gab die Ständige Vertreterin Amerikas bei der UNO einen Überblick über "die Gründe, warum die USRegierung das Kriegsverbrechertribunal für so wichtig hält".
"Selbst die Androhung von Bestrafung für Kriegsverbrechen kann Leben retten", äußerte sie, und das Tribunal
wird "es den Menschen in Bosnien erleichtem, einen echten Frieden zu erlangen".
Das Tribunal "kann als Abschreckung für andere potentielle Aggressoren dienen" und "das Völkerrecht
stärken", so Madeleine Albright.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede der amerikanischen UNO-Botschafterin im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre und eine Herausforderung,
heute abend hier sein zu dürfen. Es ist nicht einfach, in diesem Gebäude eine Rede zu halten. In
seine Wände sind einige der eloquentesten sprachlichen Äußerungen eingraviert, die je gemacht wurden. In seine Ausstellungen wurden einige der
grausamsten Taten aufgenommen, die je begangen
wurden. In diesem lebendigen Museum, das kompromißlos und besser als Worte eine erzieherische
Wirkung hat, das uns tief im Innersten lehrt und
berührt, müssen wir den Taten Worte gegenüberstellen. Es gibt keinen angemesseneren Ort als
diesen, über das Kriegsvertrechertribunal für das
ehemalige Jugoslawien zu sprechen.
Wir haben großes Interesse an einem Erfolg dieses
Tribunals. Heute werde ich erörtern, warum das so
ist. Ich werde jedoch zunächst die Argumente
derjenigen anführen, die nicht dieser Meinung sind.

AMERIKA DIENST 15

Von manchen wird das Kriegsverbrechertribunal als
ein schwacher Ersatz für stärkere internationale
Aktionen zurückgewiesen, als Mittel, Schuld zu
sühnen, weil nicht schon eher mehr zur Beendigung
des Mordens in Bosnien unternommen wurde.
Andere machen sich über das Tribunal lustig, weil es
nicht über sichere Mittel verfügt, die Hauptverdächtigen in Gewahrsam zu nehmen, selbst diejenigen, die
wir für die Hauptverantwortlichen der geschehenen
Grausamkeiten halten.
Andere wiederum stellen die Frage, warum der
Konflikt im ehemaligen Jugoslawien besondere
Aufmerksamkeit verlange. Auch andernorts wurden
und werden Kriegsverbrechen begangen, auch
andernorts finden ethnische Säuberungen statt, gibt
es andere Kriege, die mehr Opfer fordern, andere
Kriege aufgrund von internationaler Aggression,

Seite 1

�andere Kriege, bei denen Greueltaten von oben
befohlen werden. Warum soll man Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien bestrafen und Pol
Pot, Saddam Hussein und ihresgleichen unbehelligt
lassen?
Und schließlich wird das Tribunal von einigen als
Hindernis auf dem Weg zum Frieden betrachtet, die
der Ansicht sind, die Unterhändler würden niemals
einem Frieden zustimmen, wenn er keine Amnestie
für Kriegsverbrechen einschließt.
Die Regierung der Vereinigten Staaten ist nicht der
Ansicht, daß alle Kriegsverbrecher ungestraft davonkommen sollten, nur weil das bei einigen der Fall ist.
Wir sind nicht der Ansicht, daß das Tribunal keinen
Versuch wert ist, weil seine Arbeit so schwierig ist.
Wir widersetzen uns einer Amnestie für die Architekten der ethnischen Säuberungen. Wir sind der
Ansicht, daß die Ermittlung der Wahrheit über die
Ereignisse in Bosnien eine Vorbedingung - und kein
Hindernis - für eine nationale Versöhnung darstellt.
Und wir sind uns bewußt, daß das Tribunal kein
Ersatz für andere Aktionen zur Abschreckung von
Aggression und Ermutigung des Friedens darstellt.
Vor zwei Wochen habe ich in Sarajevo das Grundstück für die neue US-Botschaft eingeweiht. Dort
entdeckte ich ein neues Gefühl der Hoffnung,
gemischt mit fester Entschlossenheit.
In Zentralbosnien hat die Versöhnung zwischen der
Regierung und der Faktion der bosnischen Kroaten
die tödliche Belagerung Mostars beendet. Die
Androhung einer Intervention kroatischer Truppen
besteht nicht mehr. Im unkämpften Osten ist jetzt
der Flugplatz von Tuzla geöffnet worden. Es wird
einfacher und sicherer, sich im Land fortzubewegen.
Wir hoffen, daß die Planer sich bald weniger auf
humanitäre Hilfslieferungen und stärker auf die
Arbeit an den Grundlagen einer nationalen Versöhnung konzentrieren können.
Der vor uns liegende Weg ist jedoch sehr steil.
Bereits erzielte Fortschritte müssen konsolidiert
werden. Der Waffenstillstand muß ausgeweitet
werden. Weitere Aggression in Gorazde und andernorts muß eingestellt werden. Wo es möglich ist,
müssen die Vertriebenen die Chance auf eine
Rückkehr nach Hause erhalten. Die bosnischen
Serben müssen zur Annahme des Friedens überredet werden. Und der Grundsatz, für den das
bosnische Volk kämpfte, litt, lebte und starb, muß
bewahrt werden. Bosnien muß ein multiethnischer
Staat bleiben.
Die Arbeit des Kriegsverbrechertribunals hängt nicht
von politischen Ereignissen ab, und das sollte auch

Seite 2

nicht der Fall sein. Sie ist unabhängig. Sein Auftraggeber ist die zivilisierte Welt, sein versteckter
Feind die in unserer Welt herrschende Selbstgefälligkeit. Selbstgefälligkeit ist jedoch nicht etwas
Angeborenes, kein inneres Organ, sondern etwas
selbst Gewähltes. Es gibt keinen angemesseneren
Ort als diesen, um einen Appell gegen Gleichgültigkeit und für die schwerere Wahl einer Verpflichtung
zur Rechtsstaatlichkeit anzubringen.
Das Kriegsverbrechertribunal wurde im Mai vergangenen Jahres offiziell vom UN-Sicherheitsrat
eingerichtet. Seine Rechtsprechung umfaßt mehrere
Kategorien schwerer Verletzungen der internationalen
Menschenrechte, die ich heute abend der Einfachheit
halber unter der Überschrift "Kriegsverbrechen"
zusammenfasse. Dazu zählen gravierende Verletzungen der Genfer Konvention von 1949, Genozid
und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie im
konventionellen gewohnheitsrechtlichen Völkerrecht
sowie in der Charta und den Urteilen des Nürnberger
Kriegsverbrechertribunals anerkannt.
Die elf Richter des Tribunals, unter ihnen Richterin
Gabrielle Kirk McDonald aus Texas, wurden im
Herbst letzten Jahres gewählt und bereiten sich
intensiv auf ihre Arbeit vor. Beweisregeln und
Prozeßordnung sind bereits beschlossen.
Die
Vereinten Nationen haben für 1994 einen Haushalt in
Höhe von 11 Millionen gebilligt. Wir sind der Ansicht,
daß dieser Betrag sowie die erhaltenen Spenden
vollkommen ausreichen, das Tribunal zu verwirklichen.
Die Suche nach einem Oberstaatsanwalt war lang
und frustrierend. Der bevorzugte Kandidat des
Sicherheitsrats wartete drei Monate, bevor er offiziell
das Amt ablehnte. Die Suche nach einem Nachfolger
hat zu lange angedauert, wir erwarten hierzu jedoch
in Kürze eine Ankündigung. Ich kann Ihnen versichern, daß die Vereinigten Staaten alles in ihrer
Macht Stehende unternommen haben, damit dieses
entscheidende Amt besetzt wird. Glücklicherweise
leistet der stellvertretende Staatsanwalt - in den wir
großes Vertrauen setzen - harte Arbeit.
Die Zusammenstellung von Fakten, auf denen die
Ermittlungen und Anklagen basieren, ist schon weit
fortgeschritten. Tausende Seiten von Dokumenten
und Zeugenaussagen sind zu den Akten genommen
worden: Erklärungen und Berichte von Opfern,
Zeugen, Regierungen, UN-Behörden, internationalen
und nichtstaatlichen Organisationen sowie die von
der Europäischen Union durchgeführten Untersuchungen der gegen muslimische Frauen verübten Verbrechen. Ich begrüße insbesondere die Bestrebungen nichtstaatlicher Organisationen, die für die Sache

AMERIKA DIENST 15

*

�der Gerechtigkeit unschätzbare Arbeit geleistet
haben.
Die Vereinigten Staaten zeigen umfassendes Engage nent:
Wir bemühen uns um eine angemessene Finanzierung des Tribunals,
wir leisten einen freiwilligen Beitrag in Höhe von
3 Millionen Dollar,
der Kongreß hat den Präsidenten ermächtigt,
dem Tribunal bis zu 25 Millionen Dollar an
Waren und Dienstleistungen zur Verfügung zu
stellen (im vergangenen Monat bewilligte der
Präsident die erste Zuweisung - ungefähr 6
Millionen Dollar - dieser Bewilligung),
wir haben eine Gruppe von ungefähr 25 Staatjanwälten, Untersuchungsbeamten, Experten
und anderen zusammengestellt, die direkt mit
dem Tribunal zusammenarbeiten und ihre Arbeit
in den nächsten Wochen aufnehmen,
wir sammeln und analysieren ständig Informationen zu Kriegsverbrechen und
wir haben dem Tribunal Hunderte von Flüchtlingsberichten zur Verfügung gestellt und bereiten Hunderte von weiteren vor.
Diese Berichte wurden aufgrund der sorgfältigen
Arbeit amerikanischer Regierungsbediensteter in
mehreren Teilen der Welt gesammelt. Die meisten
waren Augenzeugenberichte von Greueltaten oder
ethnischen Säuberungen. Nebenbei bemerkt, gehört
einer meiner Mitarbeiter dem Team an, das unter
der Schirmherrschaft des Oberstaatsanwalts des
Tribunals arbeitet und die Opfer der schlimmsten in
diesem Krieg begangenen Greueltaten befragt.
Wir haben andere Regierungen wiederholt gebeten,
sich in finanzieller, politischer und juristischer Hinsicht unseren Bestrebungen zur Unterstützung des
Tribunals anzuschließen. Die Regierungen müssen
bereit sein, Informationen weiterzugeben, Zeugen zu
befragen, die Beschlüsse des Tribunals einzuhalten
und unter ihre Zuständigkeit fallende Verdächtige in
Gewahrsam zu nehmen. In diesem Zusammenhang
möchte ich anmerken, daß Deutschland eine entsetzlicher Verbrechen in einem Konzentrationslager
in Bosnien verdächtige Person verhaftet hat. Die
Dänen haben ebenfalls einen Verdächtigen festgenommen.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin eine
Zusammenarbeit in gutem Glauben mit dem Kriegs-

AMERIKA DIENST 15

verbrechertribunal seitens Serbien/Montenegro sowie
der bosnischen und kroatischen Serben in Betracht
ziehen um zu entscheiden, wie im Hinblick auf eine
Lockerung oder Aufhebung der vom UN-Sicherheitsrat gegen die Serben im ehemaligen Jugoslawien
verhängten Wirtschaftssanktionen verfahren werden
soll.
Wir sollten uns bezüglich der das Tribunal konfrontierenden Hindernisse keinen Illusionen hingeben. Dies
ist kein Nürnberg. Die Angeklagten sind nicht die
ausgelieferten Führer einer am Boden liegenden
Macht. Es wird äußerst schwierig werden, Beweismaterial zu beschaffen, einschließlich des Auffindens
von Massengräbern, insbesondere in serbisch
kontrollierten Gebieten. Es wird bei vielen der
Angeklagten schwierig sein, sie in Gewahrsam zu
nehmen.
Realismus im Hinblick auf die Aussichten des Tribunals darf jedoch nicht zu einer zynischen Einstellung
über seine Bedeutung führen. Obwohl es keine
Gerichtsverfahren in Abwesenheit geben wird,
werden Ermittlungen durchgeführt und Fakten gesammelt. Das Tribunal ist ermächtigt, Anklage zu erheben und Haftbefehle auszustellen. Die Regierungen
werden verpflichtet, in ihrem Zuständigkeitsbereich
befindliche Angeklagte auszuliefern. Das Tribunal ist
befugt, den Sicherheitsrat um Vollzugsmaßnahmen
gegen jede Regierung zu ersuchen, die dem nicht
nachkommt. Die Angeklagten haben die Wahl, vor
Gericht zu erscheinen oder internationale Parias zu
werden, die innerhalb der Grenzen ihres eigenen
Landes gefangen sind und mit einer sofortigen
Verhaftung rechnen müssen, falls sie es verlassen
sollten.
Einer unserer Vorteile ist Nürnberg selbst. Viele der
von den Verteidigern in Nürnberg vorgetragenen
rechtlichen Argumente wurden in den dort gefällten
Urteilen wieder entkräftet. Heute sollte es keine
Frage sein, daß die politisch und militärisch Verantwortlichen strafrechtlich verfolgt werden können,
wenn sie nicht den von ihren Anhängern begangenen
Greueltaten ein Ende setzen oder die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Wer den Befehl zu
einem Kriegsverbrechen gibt, ist genauso schuldig
wie derjenige, der das Verbrechen tatsächlich durchführt. Umgekehrt bleibt derjenige verantwortlich, der
solche Befehle durchführt, vorausgesetzt, er hatte
eine moralische Wahl. "Nur Befehle durchzuführen"
oder "nur Befehle zu geben" ist keine haltbare
Rechtfertigung.
Ich möchte jetzt auf die Gründe eingehen, aus denen
die Regierung der Vereinigten Staaten das Kriegsverbrechertribunal für so wichtig hält.

Seite 3

�Erstens erfordert das Ausmaß der im ehemaligen
Jugoslawien begangenen Kriegsverbrechen eine
internationale juristische Antwort.
Der Krieg an sich ist das Ergebnis vorsätzlicher
bewaffneter Aggression. Die Führer der bosnischen
Serben haben eine "Endlösung" - Ausrottung oder
Vertreibung - des Problems der ihrer Kontrolle
unterstehenden nichtserbischen Bevölkerung gesucht. Die gewählten Mittel umfassen Mord, Folter,
wahllose Bombardierung, Brandschatzung, Verstümmelung, Vergewaltigung und Kastration. Die
Hälfte der bosnischen Bevölkerung wurde vertrieben.
Fünf Prozent wurden umgebracht. Die Mißhandlungen waren massiv, wiederholt, absichtlich und
ungeheuerlich. Und keine Seite ist frei von Schuld.
Zu Beginn dieses Jahres besuchte ich ein Massengrab in der Nähe von Vukovar. Dort sah ich eine
Müllhalde, ein Feld verrosteter Kühlschränke und
verschrotteter landwirtschaftlicher Ausrüstung, unter
denen zwei- bis dreihundert Leichen begraben
waren. Es gab keine Blumen, keine Plaketten oder
Grabsteine, keine Vertiefung im Boden.
Hannah Arendt schrieb über die Banalität des
Bösen. Die Banalität dort enthält Übelkeit erregendes Böses.
Während dieses Besuchs fielen mir die Bilder von
Flüchtlingsströmen der aus ihren Häusern in und um
Vukovar Vertriebenen ein. Die Bilder waren mir
unheimlich vertraut. Sie hätten von den Bildern in
diesem Museum stammen können, von Familien auf
der Flucht aus Warschau, Minsk, Bukarest oder
Prag. Die Gesichter waren nicht dieselben, aber ihr
Ausdruck und ihre Bewegungen waren es: Der
langsame, stauchelnde, irregeführte Schritt entwurzelter Familien, gebeugt unter der Last ihrer verbliebenen Habseligkeiten auf einem unbekannten
Weg in eine unsichere Zukunft; die Stärkeren helfen
den Schwächeren, bis sie selbst nicht mehr können.
Ebenso wie die Opfer, deren in diesem Gebäude
gedacht wird, sind die meisten Opfer des Krieges in
Bosnien nicht Soldaten. Es sind Bürger unterschiedlicher Nationalitäten - Kinder, Großeltern, Ärzte,
Krankenschwestern, psychisch Kranke und Kirchenvertreter. Die Mehrheit wurde getötet, nicht weil sie
in die Schußlinie geriet oder einem militärischen Ziel
zu nahe kam. Diese Toten waren -in der Terminologie der Soldaten - keine zwangsläufige Begleiterscheinung eines Krieges. Es waren Männer und
Frauen wie Sie und ich, Jungen und Mädchen wie
die, die wir kennen. Sie wurden zum internationalen
Ziel - nicht aufgrund dessen, was sie getan hatten,
sondern für das, was sie waren.

Seite 4

Der das Kernstück der Nazi-Ideologie bildende
Rassenkult ist im Konflikt in Bosnien nicht vorhanden.
Dies ist nicht der Holocaust. Es hat jedoch Verbrechen des Genozids gegeben. 1939, als Feldmarschall Wilhelm Keitel die Säuberung Polens befahl,
nannte er es "politischen Hausputz". Heute wird es
als ethnische Säuberung bezeichnet. Die Fragen
lauten jedoch ziemlich gleich:
Wie reagieren wir, wenn die Autorität und Ressourcen eines Staates auf die Zerstörung einer
ganzen Kategorie von Menschen ausgerichtet sind?
*
Wie ist es möglich, daß so viele Menschen - die in
anderem Zusammenhang zu Großzügigkeit und
Wärme fähig sind - auf das Niveau von Bestien
sinken?

•

Wie ist es möglich, daß die Zivilisation nicht auf
Verbrechen dieser Größenordnung reagiert und
sich immer noch als "zivilisiert" bezeichnet?
Und wie können wir unsere Reaktion abwägen,
damit sie nicht nach Rache, sondern Gerechtigkeit
dürstet?
Dies bringt mich zu einem zweiten Argument zur
Unterstützung des Kriegsverbrechertribunals. Selbst
die Androhung von Bestrafung für Kriegsverbrechen
kann Leben retten.
Die Aussicht von Kriegsverbrecherprozessen in den
letzten Phasen des Zweiten Weltkriegs veranlaßte
einige Nazigrößen zu einer Änderung ihrer Behandlung der Juden und anderen Gefangenen. Im ehemaligen Jugoslawien hat sich jedesmal die Behandlung der Inhaftierten verbessert und die Zahl der
Greueltaten verringert, wenn die Bestrafung von
Kriegsverbrechern angekündigt wurde. Heute gibt es
Anzeichen, daß einige der schlimmsten Verletzer von
Menchenrechten ihrer Autorität durch ihre früheren
Beschützer beraubt werden, die jetzt Gerechtigkeit
unter dem Gesetz fürchten.
Mit anderen Worten - je ernsthafter wir bezüglich des
Tribunals sind, desto größer wird seine potentielle
Abschreckung sein. Wenn das bedeutet, ein Dorf
bleibt verschont, das sonst angegriffen würde, eine
Frau wird respektiert, die sonst vergewaltigt würde,
einem Gefangenen wird das Leben geschenkt, der
sonst exekutiert würde - dann ist die Existenz des
Tribunals allein aus diesen Gründen gerechtfertigt.
Drittens wird das Tribunal es den Menschen in
Bosnien erleichtern, einen echten Frieden zu erlangen.

AMERIKA DIENST 15

'

�Die auf den Körpern und im Gedächtnis der Überlebenden dieses Krieges hinterlassenen Narben
erfordern Zeit zu heilen. An zu vielen Orten wurden
Nachbarn von Nachbarn betrogen und Freunde von
Freunden durch wilden und feindlich gesinnten
Fanatismus getrennt. Zu viele Familien kommen auf
zu vielen Friedhöfen zusammen, als daß wir sagen
könnten, die ethnischen Differenzen in Bosnien
wären unerheblich. Die Verantwortung für diese
Verbrechen liegt jedoch nicht bei den Serben,
Kroaten oder Muslimen als Menschen - sie liegt bei
denjenigen, die die Verbrechen befohlen und begangen haben. Die durch diesen Krieg geschlagenen
Wunden werden sehr viel schneller heilen, wenn die
kollektive Schuld für Greueltaten getilgt und individuelle Verantwortung zugewiesen wird.
Viertens kann das Tribunal als Abschreckung für
andere potentielle Aggressoren dienen.
Adolf Hitler hat einmal die Argumente gegen die
Ermordung der Juden mit der rhetorischen Frage
verworfen: "Wer erinnert sich schließlich noch an
die Armenier?"
Wenn die Architekten des Krieges und der ethnischen Säuberung in Bosnien ungestraft ausgehen,
würde die für Möchtegern-Milosevics auf der ganzen
Welt daraus zu ziehende Lehre uns alle gefährden,
denn die heutige Welt ist ein Pulverfaß offener und
potentiell nationalistischer Konflikte.
Nationalstolz kann der Treuhänder eines reichen
kulturellen Erbes sein, er kann Menschen bei der
Verteidigung des Gemeinwohls vereinen, er kann ein
Gefühl der Identität und Zugehörigkeit vermitteln,
das Zeit und Raum überbrückt.
Wenn jedoch der Stolz in "uns" zu Haß gegen "sie"
erstarrt, ist das Ergebnis ein verengter Blickwinkel
und der Zwang zu Gewalt. Wie wir in Deutschland
vor einem halben Jahrhundert, in Amerika mit dem
Ku-Klux-Klan beobachten konnten und wie wir heute
in Serbien sehen können, steht am äußersten Ende
von ethnischem Stolz Faschismus.
Es gibt Tausende selbsterklärter ethnischer Gruppen
auf der Welt, allein über 100 in der ehemaligen
Sowjetunion. Nicht jede kann zu Recht erwarten,
ihre eigene Flagge, Währung, Fluggesellschaft und
ihren eigenen Staat zu haben.
Heute gewinnen gewalttätige separatistische Bewegungen an Stärke. Unkontrolliert könnten sie ganze
Teile Europas, Asiens und Afrikas in einem Konflikt
verschlingen. Die Geschichte von Sarajevo bis
Sarajevo warnt uns, daß große Mächte häufig hineingezogen werden, wenn kleine Mächte kämpfen.

AMERIKA DIENST 15

Wir haben ein Interesse daran, daß die Glut ethnischer Konflikte gekühlt wird und Modelle zur Beschwichtigung der Angst, Harmonisierung der Ambitionen und Klärung der Prinzipien entworfen werden.
Aus diesem Grund werden wir weiterhin unsere
Ansicht vertreten, daß dem einzelnen unabhängig
von der Gruppenidentität grundlegende Menschenrechte zustehen. Aus diesem Grund werden wir
weiterhin die Arbeit der KSZE und anderer Organisationen unterstützen, um die Achtung der Rechte von
Minderheiten zu verbessern. Aus diesem Grund
werden wir weiterhin über die Vereinten Nationen und
regionale Organisationen auf die friedliche Beilegung
von Konflikten hinarbeiten. Aus diesem Grund sollten
wir entschlossen sein, aus dem Konflikt in Bosnien wenn wir können - zwei Lehren zu ziehen: Erstens,
daß Aggressoren und Geächtete zur Rechenschaft
gezogen werden und zweitens, daß das Problem der
Minderheiten nicht durch ethnische Säuberung gelöst
werden kann.
Und aus diesem Grund werden wir weiterhin den
Aufstieg ultranationalistischer Gruppen in strategischen Regionen der Welt mit tödlichem Ernst beobachten.
Wir sollten niemals vergessen, daß die extremen
Ansichten Adolf Hitlers viele dazu veranlaßten, sich
über ihn lustig zu machen, als sie sich gegen ihn
hätten stellen sollen. Heute möchten wir vielleicht
dem russischen Außenminister zustimmen, daß
Wladimir Schirinowskij weniger ein politisches als ein
medizinisches Problem ist. Es ist jedoch beunruhigend, Verbindungen zwischen radikalen Nationalisten
in Rußland und dem ehemaligen Jugoslawien zu
sehen. Und die Geschichte lehrt uns, daß der
einzelne gleichzeitig geistesgestört und gefährlich
sein kann.
Schließlich kann das Kriegsverbrechertribunal das
Völkerrecht stärken.
Was wir im ehemaligen Jugoslawien beobachten,
geht über einen Krieg bis zur Vergewaltigung von
Recht und Zivilisation selbst hinaus. Wir in einer
freien Gesellschaft lebenden Amerikaner haben
großes Interesse an einer Welt, in der akzeptable
"Spielregeln" eingehalten werden. Heute kommt die
Mehrzahl der uns konfrontierenden Bedrohungen von
Regimen, die sich entschlossen haben, außerhalb
des Gesetzes zu operieren. Wir sind entschlossen,
für ein solches Verhalten einen Preis zu fordern, sei
es in Form diplomatischer Isolierung, Wirtschaftssanktionen, militärischer Eindämmung oder Zwang.
Das Kriegsverbrechertribunal begrüßt diesen Ansatz.

Seite 5

�Beispielsweise verleiht das Tribunal dem Prinzip
Inhalt, daß die Gesetze des Krieges unabhängig von
Erfolgen auf dem Schlachtfeld angewandt werden
sollten.
Das Tribunal bekräftigt den Status von Vergewaltigung während eines bewaffneten Konflikts als
Verletzung des internationalen humanitären Rechts.
Das Tribunal erkennt an, daß Störungen humanitärer
Hilfslieferungen ein Kriegsverbrechen sind. Dies hat
tiefgreifende Auswirkungen auf künftige UN-Missionen.
Und das Tribunal klärt, daß es eine logische Konsequenz des Rechts auf Auswanderung gibt - das
von der Hohen Flüchtlingskommissarinder Vereinten
Nationen, Dr. Sadako Ogata, sogenannte "Bleiberecht" - ein Recht, das in diametralem Gegensatz zu
ethnischer Säuberung steht.
Dies sind Schlüsselprinzipien. Mit ihrer Verwirklichung würden sie nicht nur Bürger einer ethnischen
Gruppe im ehemaligen Jugoslawien schützen,
sondern alle. Und sie würden uns allen einen
gesonderten Sicherheitsrahmen bieten.
Zweifelsohne wird das Kriegsverbrechertribunal nicht
das menschliche Verhalten revolutionieren, es wird
nicht jegliche Aggression stoppen, es wird Kriegsverbrechen kein Ende setzen, es wird - selbst im besten
Falle - nicht mehr sicherstellen als ein gewisses Maß
an Gerechtigkeit im ehemaligen Jugoslawien. Aber
es wird zumindest die Kraft und das Prestige des
Völkerrechts direkt an die Seite der Opfer dieses
Konflikts stellen. Es wird die Aussichten auf einen
dauerhaften Frieden verbessern. Es wird in den
Köpfen der Möchtegern-Aggressoren ein Quentchen
Vorsicht hinzufügen. Es wird die Fundamente einer
zivilisierten Gesellschaft in einer gefährlich instabilen
Welt sichtbar stärken. Und es wird das Berichten
der New York Times zufolge jetzt in Belgrad populäre Lied Lügen strafen: "Mein Vater ist ein Kriegsverbrecher, aber niemand wagt, ihn vor Gericht zu
bringen."
Heute abend, mit dem Krieg und dem Kriegsverbrechertribunalvor Augen wollen wir hier in diesem
der Erinnerung gewidmeten Museum feierlich geloben, nicht zuzulassen, daß die Zukunft von der
Vergangenheit definiert wird.
Einige sagen, wir alle seien Gefangene der Geschichte und die Gewalt, die das ehemalige Jugoslawien heimsucht, sei nur das unvermeidliche
Nachbeben der Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte
zuvor erlebten Streitigkeiten.

Seite 6

Einige fühlen sich von den gegen die Menschen in
Bosnien begangenen Verbrechen nicht betroffen, weil
die Opfer so weit weg sind, und aufgrund anderer
Probleme - und anderer Verbrechen - die unsere
Aufmerksamkeit hier zu Hause erfordern.
Einige sehen die menschliche Tragödie und die
rechtmäßige Entrüstung vor einem breiten geopolitischen Hintergrund und sagen, es sei "unrealistisch"
für uns, sich sehr oder sehr lange darum zu kümmern.
Einige sind so entsetzt über die Grausamkeit dieses
und anderer Kriege, daß sie am menschlichen
Fortschritt verzweifeln und sich weigern anzuerkennen, daß ein gewisses Maß an Gerechtigkeit überhaupt keiner Gerechtigkeit vorzuziehen ist.
Aufgrund unserer Erfahrungen können wir jede dieser
Einstellungen unterstützen. In diesem Gebäude gibt
es vieles, das zu Pessimismus und Verzweiflung
verleitet.
Wir können uns den verdammenswerten beiden
Gesichtern der menschlichen Natur nicht entziehen.
Wir können unser Leben oder unsere Politik nicht auf
Illusionen über den menschlichen Charakter gründen.
Aber wir können verstehen, daß es Grenzen in uns
für das von uns zu Leistende gibt, die das von uns
Angestrebte einschränken. Wir können die Realität
der Grausamkeit akzeptieren, ohne die Grausamkeit
zu akzeptieren. Wir können an Auschwitz denken
und verzweifeln, oder wir können über Auschwitz
nachdenken und geloben, Verzweiflung niemals
Untätigkeit entschuldigen zu lassen.
Wir sind dieselbe Spezies wie Adolf Hitler, aber auch
wie Anne Frank, Oskar Schindler, Raoul Wallenberg
und die Rebellen im Warschauer Ghetto.
Wir sind dieselbe Spezies wie die Belagerer Sarajevos und ihre Verteidiger, dieselbe Spezies wie die
Mörder in Bosnien und dieselbe wie die vielen,
einschließlich der bosnischen Serben, die ihr Leben
zur Rettung anderer riskiert haben.
Wir sind die Erben einer Nation, die zu spät zu wenig
zur Beendigung des Holocaust getan und dann
Buchenwald befreit hat.
Wir sind eine Nation, die mit ihrem direkten Engagement in Bosnien gezögert und mehr als jede andere
Nation getan hat, um Hoffnung zu wecken.
Wir kommen nicht in dieses Museum, um das Verständnis zu erleichtem. Wir kommen nicht zur

AMERIKA DIENST 15

�Beruhigung hierher. Wir kommen hierher um zu
lernen - nicht Antworten, sondern Fragen.

Dieses Museum fordert, was das Leben fordert: Eine
Entscheidung zu treffen.

Das Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige
Jugoslawien ist ein Test, ob wir die richtigen Fragen
stellen. Indem wir es unterstützen und dafür kämpfen, können wir unseren Teil dazu beitragen, nicht
von der Geschichte gefangengenommen zu werden,
sondern sie zu gestalten; eine Welt aufzubauen, die
nicht ohne Konflikt ist, in der Konflikt aber effektiv
eingedämmt wird; eine Welt nicht ohne Repression,
in der jedoch der Einflußbereich der Freiheit erweitert wird; eine Welt nicht ohne gesetzloses Verhalten, in der aber die Interessen der Gesetzestreuen
zunehmend gesichert sind.

Solange zuzusehen, wie wir können, oder so viel zu
tun, wie wir können.
Lassen Sie uns im Namen der seit langem und vor
kurzem Verstorbenen, der Lebenden und der nachfolgenden Generationen alles in unserer Macht
Stehende tun, um den Genozid zu beenden und uns
in den Dienst des Lebens zu stellen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 15

Seite 7

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              <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Keine Ermächtigung der UNO für USA und NATO zur Unterstützung Gorazdes&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Einsatz von Luftstreitkräften nicht möglich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA prüfen Optionen für Reaktionen auf Tragödie von Gorazde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Stellungnahme des Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Welthandelssystem darf nicht die Ausbeutung der Arbeitnehmer fördern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung Vizepräsident Gores in Marrakesch&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Globale Interdependenz erfordert Überprüfung von Arbeitsfragen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Handelsbeauftragten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kriegsverbrechen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright fordert weltweite Unterstützung für Kriegsverbrechertribunal&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede im Holocaust Memorial Museum&lt;/em&gt;</text>
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