<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<item xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" itemId="2343" public="1" featured="0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/show/2343?output=omeka-xml" accessDate="2026-11-04T00:50:21+00:00">
  <fileContainer>
    <file fileId="2354">
      <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/ab1f375303f9aa8c0faa091f83445ee1.pdf</src>
      <authentication>92a1f132e76425e258065feb5158d073</authentication>
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="4">
          <name>PDF Text</name>
          <description/>
          <elementContainer>
            <element elementId="52">
              <name>Text</name>
              <description/>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="12042">
                  <text>^e2&gt;fV

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462C

16. März 1994

11

USA-DEUTSCHLAND

WIRTSCHAFT, KULTUR UND
KONTINUIERLICHES ENGAGEMENT
Rede von Botschafter Holbrooke

ARBEITSWELT

JAPAN MUSS NACHFRAGE STEIGERN,
EUROPA ZINSSÄTZE SENKEN
Eröffnungsansprache Präsident
Clintons bei Arbeitsplatzkonferenz

DAS WIEDERBESCHÄFTIGUNGSGESETZ
Erklärung Präsident Clintons

BOSNIEN

WEITERE NATO-MASSNAHMEN IN BOSNIEN
SOLLTEN FRIEDENSGESPRÄCHE FÖRDERN
Rede von Verteidigungsminister Perry - Auszüge

EINDÄMMUNG

KONFRONTATION MIT REAKTIONÄREN
STAATEN
von Anthony Lake

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�USA-DEUTSCHLAND
16. März 1994

WIRTSCHAFT, KULTUR UND
KONTINUIERLICHES ENGAGEMENT
Rede von Botschafter Holbrooke
MÜNCHEN - (AD) - Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland,
Richard C. Holbrooke, hielt am 8. März 1994 vor der Gesellschaft für Auslandskunde im Amerika Haus München
nachfolgende Rede.
Das neue Zeitalter
Es ist mir eine große Ehre und Freude, heute zu Ihnen
über Deutschland und die Vereinigten Staaten zu
sprechen. Ebenso wie der Council on Foreign Relations in den Vereinigten Staaten, dem ich eng verbunden bin, leistet Ihre Organisation einen wertvollen
Beitrag zur Belebung der Diskussion über auswärtige
Angelegenheiten.

problemen zu begegnen. Der jüngste NATO-Gipfel
war ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Die militärische Komponente der strategischen Beziehung darf jedoch nicht länger andere wichtige Dimensionen unserer Partnerschaft in solchem Maße überschatten. Das Ende des Kalten Krieges hat die deutschamerikanischen Beziehungen von der Notwendigkeit
übermäßiger Konzentration auf eine gemeinsame
Bedrohung von außen befreit. Wir sind jetzt frei, nach
Vor einigen Monaten habe ich in Potsdam erörtert, wie dem Gleichgewicht des Schreckens des Kalten Krieges
sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen in die zum Aufbau eines dauerhafteren Friedens in Europa
umfassendere globale Situation fügen. Heute möchte überzugehen. Wir sind jetzt frei, vehementer auf
ich mich auf die bilateralen Beziehungen selbst kon- andere gemeinsame Ziele zu drängen: Förderung von
zentrieren.
Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit im Inland,
Unser vierzigjähriger Kampf zur Überwindung der Teilung Menschenrechten, Freiheit und Marktreformen im
Deutschlands und Europas war erfolgreich. Der Kalte Ausland.
Krieg ist vorüber. Deutschland ist in Frieden und "Unsere Freiheit ist in Gefahr, wenn wir uns auf unseFreiheit vereinigt.
ren Leistungen ausruhen", erinnerte uns Präsident
Kennedy in seiner 1963 in der Paulskirche gehaltenen
Ein Grund fürunseren Erfolg war die Entschlossenheit
Rede, "denn die Zeit und die Welt stehen nicht still.
unserer beiden Länder zur Bewältigung einer gemeinWandel ist das Gesetz des Lebens. Und diejenigen,
samen Bedrohung von außen. Diese Bedrohung ist
die nur auf die Vergangenheit blicken, werden zweiabgeebbt. Nach Jahrzehnten kontinuierlicher Anfelsohne die Zukunft verpassen."
strengungen können wir uns endlich einen beträchtlichen Abbau unseres Streitkräfteniveaus in ganz Euro- Mit dem Ende des Kalten Krieges müssen wir die
pa leisten, einschließlich der amerikanischen Truppen deutsch-amerikanischen Beziehungen an neue Zeiten
in Deutschland.
anpassen. Wir können zu Recht stolz auf unsere
Jüngste Ereignisse verdeutlichen natürlich, daß wir
noch immer in einer gewalttätigen und unsicheren Welt
leben. 65.000 amerikanische Soldaten bleiben in
Deutschland stationiert - der Großteil der 100.000
Mann, die insgesamt in Europa verbleiben. Die deutschamerikanische Sicherheitspartnerschaft im NATOBündnis ist nach wie vor unerläßlich, und sie wird neu
definiert, um Europas drängenden neuen Sicherheits-

AMERIKA DIENST 11

Leistungen sein, aber wenn wir uns nur auf bisherigen
Errungenschaften ausruhen, vergeuden wir die Chance, unsere Partnerschaft zur Bewältigung neuer Herausforderungen zu nutzen.
Das bedeutet, unsere Beziehungen nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Aus der heutigen Perspektive einer erprobten Partnerschaft gesehen, kann
man die schwierigen Anfangszeiten leicht vergessen.

Seite 1

�1

Nach einem erbitterten Krieg bauten wir neue Beziehungen auf. Jeder von uns investierte in hohem Maße
in unsere Partnerschaft, jeder erhielt Stärke und Orientierung vom anderen. Abgelenkt durch neue Herausforderungen müssen wir aufpassen, daß wir unsere
Leistungen nicht verspielen.

Kultur und Wirtschaft
Während wir unsere Streitkräfte - lange das Bindeglied, das unsere Präsenz in Deutschland definierte abbauen, räumen wir anderen Aspekten unserer
Beziehungen zunehmende Bedeutung ein. Ich möchte heute über zwei wichtige Bereiche sprechen, in
denen dies geschieht: Kultur und Wirtschaft. Beide
waren im Lauf der Jahrhunderte bedeutende Pfeiler
der Beziehungen zwischen unseren Gesellschaften.
Heute sind sie sogar noch entscheidender wegen einer
in ihren Auswirkungen so radikalen Entwicklung wie
dem Ende des Kalten Krieges selbst: Der Revolution
im Informationswesen.

Unsere Partnerschaft steht heute wie vor vierzig Jahren erneut vor einem dramatischen Wendepunkt.
Damals wie heute sehen wir uns mit radikalen Veränderungen in der europäischen Landschaft konfrontiert.
Damals wie heute können diese Veränderungen die
Tatsache nicht leugnen, daß grundlegende amerikanische Interessen in Europa Bestand haben. Damals
wie heute erfordern diese Interessen ein aktives Engagement der Vereinigten Staaten für Deutschland und Information ist heute unsere wichtigste und vorherrschende Ressource. Wir leben in informationsreichen
unsere anderen europäischen Partner.
Gesellschaften und arbeiten in auf Informationen
Es gibt jedoch einen Unterschied. Während der Kalte gestützten Volkswirtschaften.
Krieg uns zur Bündelung unserer Kräfte bei der Bewältigung einer gemeinsamen Bedrohung von außen zwang, Immer schnellere technologisch-wissenschaftliche
bietet uns die Wert nach dem Kalten Krieg die Chance, Innovation revolutioniert unsere Arbeit und unsere
unsere Partnerschaft weniger auf Bedrohungen von Arbeitsweise. Beschäftigte im Informationswesen
außen zu gründen, sondern vielmehr auf die unsere machen über die Hälfte der amerikanischen ErwerbsGesellschaften konfrontierenden gemeinsamen Her- bevölkerung und einen zunehmenden Prozentsatz der
deutschen Arbeitnehmer aus. Die Fähigkeit, aus
ausforderungen.
Informationen Nutzen zu ziehen, ist entscheidend für
Obwohl die militärische Dimension unserer Partner- die Wettbewerbsfähigkeit. Im Informationszeitalter
schaft nach wie vor entscheidend ist, bietet ihr abneh- könnte sich kommerzieller Erfolg weniger auf die
mendes Gewicht beiden Nationen die Chance, Zeit Fähigkeit zur Herstellung materieller Güter als auf die
und Energie in die Erarbeitung der nichtpolitischen/ Fähigkeit zur Produktion immaterieller Güter - Ideen militärischen Komponente unserer strategischen Part- stützen und diese Ideen dann in nützliche Produkte
und Verfahren umsetzen.
nerschaft zu investieren.
Ich möchte in der Tat argumentieren, daß unsere
Fähigkeit zur Aufrechterhaltung der militärischen
Dimension unserer Partnerschaft mehr als je zuvor
von unserer Fähigkeit zur Stärkung ihrer nichtmilitärischen Dimensionen abhängt.
Unsere Gesellschaften bieten einen Bezugspunkt für
den anderen. Eine solche Betrachtungsweise unserer
Beziehungen eröffnet eine Vielfalt von Bereichen, in
denen vertiefte deutsch-amerikanische Zusammenarbeit von gegenseitigem Vorteil sein kann. Unsere
beiden Länder sehen sich jedes auf seine Weise einer
Reihe ähnlicher Herausforderungen gegenüber:
Schaffung von Arbeitsplätzen, Ausbildung von Arbeitnehmern, Reform unseres Gesundheitswesens, Bekämpfung von Drogenmißbrauch und organisiertem
Verbrechen, der Flüchtlingsströme sowie der Möglichkeiten und Probleme ethnischerund kultureller Vielfalt.
Zusammenarbeit bei einer Vielzahl gemeinsamer innenpolitischer Herausforderungen trägt dazu bei, daß
wir nicht gegeneinander arbeiten oder identische Arbeit leisten. Sie gestattet uns die effektivere Nutzung
knapper politischer und wirtschaftlicher Ressourcen.
Sie stellt das Material für neue transatlantische Netzwerke zur Verfügung.

Seite 2

Letztlich hängen Tempo und Wesen des wissenschaftlich-technologischen-wirtschaftlichen Wandels von der
Fähigkeit und Bereitschaft der Menschen zur Anpassung ab, die bequemen Gewohnheiten oder Gedankengänge abzulegen und mit dem Wandel einhergehende neue Risiken zu akzeptieren.
Die Naturdes Wandels in diesem Informationszeitalter
ist in wesentlicher Hinsicht eine Frage der Kultur. Es
bedeutet, daß die Wettbewerbsfähigkeit moderner,
auf Informationen basierender Volkswirtschaften wie
Deutschland und die Vereinigten Staaten ebensosehr
auf ihrer kulturellen Lebensfähigkeit wie ihren Fähigkeiten in der Hochtechnologie gründen kann.
Als sich sein Leben dem Ende zuneigte, erklärte Jean
Monnet, der große Mann hinter dem inzwischen zum
Teil wahrgewordenen großartigen Traum der Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa: "Wenn ich
die Chance hätte, nochmals zu beginnen, würde ich
mit der Kultur anfangen." Nach einem erfüllten Leben
erkannte Monnet, der Pragmatiker par excellence, der
so meisterhaft unterschiedliche nationale Interessen
mit einer umfassenderen gemeinsamen Vision in Einklang zu bringen verstand, daß ein funktional-rationaler Ansatz zu gemeinsamen Herausforderungen nicht

AMERIKA DIENST 11

�ausreichte, um die europäische Idee in den Herzen
und Köpfen der Europäer zu verankern. Mehr war
vonnöten.

wortlich zu sein", erklärte er. "Die Voraussetzungen für
Demokratie und Kunst sind gleich."

Jedes unserer Länder leitet seine Stärke aus einer
Verfassung ab, die künstlerische Freiheit und Meinungsfreiheit sowie Freiheit der Lehre und Forschung
garantiert. Sei es in der Literatur, den bildenden
Künsten, Museen und Ausstellungen, Theater, Musik,
in Handwerk, Architektur, Design, Film und Femsehen, bei Sitten und Gebräuchen, Festspielen oder
Austauschprogrammen - jede Gesellschaft stellt eine
Vielfalt von Ausdrucksformen dar. Es ist das pluralistische Wesen unserer demokratischen politischen Kultur an sich, die Vielfalt der Stimmen in unseren kulturellen Demokratien, das diese kreative transatlantiWir können jedoch nur voneinander lernen und uns so sche kulturelle Gemeinschaft schafft.
gegenseitig ergänzen, wenn wir uns und die VerändeDie Sondierung der durch Kultur gebotenen Möglichrungen unserer Gesellschaften verstehen.
keiten gestattet uns auch das Erschließen der reichen
Dies eröffnet der Kultur Chancen. Der große Geiger Tradition des kulturellen Dialogs, der die Beziehungen
Isaac Stern wurde einmal gefragt, warum alle Berufs- zwischen unseren Gesellschaften seit Jahrhunderten
musiker anscheinend dieselben Noten in derselben kennzeichnet. Es gibt vielfältige Beispiele.
Reihenfolge spielen können, es bei machen jedoch
wundervoll und bei vielen schrecklich klingt. Stern In der Medizin und in der Lehre hat Deutschland uns als
kratzte sich am Kopf. "Nicht die Noten sind entschei- Modell gedient. Die Entstehung und Entwicklung der
dend", wandte er ein. "Es sind die Intervalle zwischen modernen Architektur wird gleichermaßen von den
den Noten." Eine kluge Bemerkung, nicht nur über Vereinigten Staaten und Europa getragen. Hier und
Musik, sondern auch darüber, wie man der Revolution andernorts boten der unterschiedliche kulturelle Hinim Informationswesen begegnen sollte. Die uns heute tergrund und unterschiedliche Einstellungen nützliche
täglich vereinnahmenden Fakten sind weniger wichtig Gegenpole für Interaktion: Europa mit seiner reichen
als unsere Fähigkeit, sie in bedeutungsvollen Mustern Tradition rigorosen intellektuellen Denkens, Amerika
zu arrangieren. Kulturverleiht uns diese Fähigkeit. Sie mit seinem intuitiven, etwas romantischen aber pragbietet die Orientierung, die erforderliche Perspektive, matischen Sinn und jugendlichem Optimismus.
um der Flut von Informationen Sinn zu verleihen.
In der Kunst zog die Düsseldorfer Schule zwischen
Kultur ist ein Begriff, den niemand je zufriedenstellend 1848 und 1869 viele amerikanische Künstler an, und
definiert. Wenn ich von Kultur spreche, meine ich München wurde zum Zentrum des Interesses der in
Kultur im weitesten Sinne, über die Kultivierung des den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts GeboreSelbst hinausgehend, um den Gedanken der Zivilisa- nen, die zurückkehrten, um den "Münchner Stil" in den
tion einzubeziehen. Wenn ich von Kultur spreche, Vereinigten Staaten einzuführen.
meine ich die gesamte Bandbreite der schönen und
angewandten Künste, populäre Kultur und Kultur der Wellen deutscher Einwanderer bereicherten das
Jugend. Ich meine Sport, von der Olympiade über die amerikanische Leben, oftmals auf Kosten DeutschNational Basketball Association bis zur Fußballwelt- lands. Als das Frankfurter Parlament 1848 gewaltsam
meisterschaft, die in diesem Sommer in den Vereinig- aufgelöst wurde, flohen Tausende der "Achtundvierziten Staaten stattfindet. Und ich meine die politische ger" in die Vereinigten Staaten. Die Amerikaner fühlKultur. Die Erforschung dieser Aspekte eröffnet neue ten sich dieser demokratischen Bewegung besonders
Möglichkeiten für die auf eine gemeinsame transatlan- nahe. Die Ideale von 1776 in den Vereinigten Staaten
waren die Ideale der deutschen Achtundvierziger, von
tische kulturelle Identität gegründeten Beziehungen.
denen die meisten jung und idealistisch waren. Als sie
Diese gemeinsame transatlantische kulturelle Identi- in Amerika ankamen, wurden sie enthusiastisch willtät beruht auf der Freiheit der Kultur, das zu sein und kommen geheißen. Und umgekehrt geschah das
zu werden, was sie will. Sie trägt der Tatsache seltsamerweise mit den "Achtundsechzigern", womit
Rechnung, daß die politische Kultur einer Gesellschaft ich 1968 meine.
für ihre künstlerische Kreativität unabdingbar ist. Als
Präsident Franklin Delano Roosevelt im Mai 1939 das Als beispielsweise der Münchner Juraprofessor FreMuseum of Modern Art in New York einweihte, stellte derick Hecker im Jahr 1848 in New York ankam, wurde
er diese grundlegende Verbindung zwischen Freiheit er von über 20.000 Menschen empfangen, die alle
und kultureller Vitalität her. "Die Künste können nur schwarz-rot-goldene Fähnchen schwenkten. Sollte
gedeihen, wenn die Menschen frei sind, sie selbst und einer der heute hier Anwesenden ein Münchner Jurafür ihre eigenen Energien und Leidenschaften verant- professor sein, kann ich leider nicht garantieren, daß
Was für Europa gilt, gilt auch für die transatlantische
Partnerschaft. Unsere gemeinsamen strategischen
Interessen machen Zusammenarbeit erforderlich.
Unseren gemeinsamen politischen Werte machen
Zusammenarbeit möglich. Am Ende sind beide jedoch
unzureichend. Es ist das sich gegenseitig Ergänzende, die Tatsache, daß jeder von uns etwas Besonderes
in unsere Beziehungen einbringt, von dem der andere
lernen und profitieren kann, was die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit potentiell so lohnend macht.

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�ihm bei seiner Ankunft in New York ein ebensolcher
Empfang bereitet wird. Ich kann jedoch einiges empfehlen, das kulturell vielleicht erhebender ist als der
Anblick von 20.000 Fahnen.

Zum Beipiel gibt es Pläne zur Gründung einer Amerikanischen Akademie in Berlin, die vom amerikanischen Kongreß und dem Smithonian Institute unterstützt und aus privaten Mitteln finanziert wird. Die
Akademie wird die kreative Arbeit durch GastdozenDeutsche politische Flüchtlinge fanden in den Verei- ten, Künstler, Schriftsteller und andere Geisteswisnigten Staaten nicht nur in den Jahren nach 1848 senschaftler unterstützen. Ein Forschungszentrum
Zuflucht, sondern auch während des "tausendjährigen für osteuropäische Geschichte und Kultur ist ebenfalls
Reichs" von 1933 bis 1945. Über eine Million Flücht- vorgesehen. Die Akademie wird Teil des Zentrums für
linge flohen noch vor Ausbruch des Krieges aus Hitler- moderne Studien in den bildenden Künsten an der
deutschland. Ungefähr 200.000 flüchteten in die Ver- National Gallery of Art und somit ein fruchtbarer Boden
einigten Staaten, darunter so bekannte Persönlichkei- für deutsch-europäisch-amerikanische Interaktion im
ten wie die Maler Josef Albers, Max Ernst und Georg Bereich der Kunst.
Grosz, die Komponisten Hanns Eisler, Kurt Weill, Paul
Hindemith und Arnold Schönberg, die Dirigenten Otto Die Umwelt ist ein weiterer neuer Bereich, in dem die
Klemperer und Bruno Walter, die Filmregisseure Fritz deutsch-amerikanische kulturelle Zusammenarbeit
Lang und Billy Wilder, die Architekten Walter Gropius produktiv sein kann. Die Beziehungen zwischen Mensch
und M ies van der Rohe, die Schriftsteller Stefan Zweig, und Umwelt betreffen die Kultur ebenso wie die WisThomas Mann, Heinrich Mann, Erika und Klaus Mann, senschaften. In unseren beiden Ländern befriedigen
Carl Zuckmayer, Lion Feuchtwanger und Berthold Legenden und Überlieferungen über die Natur das
Brecht sowie Geisteswissenschaftler wie Hannah Arendt, tiefverwurzelte Bedürfnis des Menschen nach dem
Hajo Holborn, Peter Drucker, Theodor Adorno, Her- Verständnis der ihn umgebenden Welt. Zudem sind
bert Marcuse, Leo Strauss, Hans Morgenthau, Karl Deutschland und die Vereinigten Staaten im Hinblick
Deutsch und Ernst Fränkel, die später zurückkehrten, auf die Umwelt zwei der weltweit führenden Staaten,
um den modernen Fachbereich Amerikanistik in Deutsch- sowohl bei der Aufstellung von Umweltnormen als
land einzuführen. Bereits 1938 konnte die Kolumnistin auch dem Beitrag zur Umweltverschmutzung. Die
Dorothy Thompson schreiben: "Praktisch jeder, den Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft auf
die Welt als einen Vertreter der deutschen Kultur vor globale umweltpolitische Herausforderungen hängt von
1933 ansieht, ist jetzt ein Flüchtling."
der Qualität der Zusammenarbeit zwischen Amerika,
Deutschland und Europa ab.
Während solchen gefeierten Persönlichkeiten für
gewöhnlich die meiste Aufmerksamkeit gewidmet wird, Zur Zeit wird bereits interessante Arbeit geleistet. Das
flohen auch Hunderttausende anderer Deutscher vor Amerika Haus München hat beispielsweise gemeinder Verfolgung nach Amerika. Amerika wurde in sam mit Texas Instruments eine innovative deutschungeahntem Maße bereichert, und Deutschland ver- amerikanische Veranstaltung zu Umweltfragen unter
armte in ungeahntem Maße durch ihre Entscheidung dem Titel "Future Works" gefördert, die auf andere
zu fliehen. Dennoch waren diese Deutsch-Amerikaner deutsche Städte ausgeweitet wurde.
die menschliche Grundlage, auf der neue Netzwerke
Auf diesem Gebiet kann noch viel mehr getan werden,
aufgebaut wurden.
und zwar nicht nur von den Regierungen. Im Rahmen
Diese Interaktion dauert noch heute an, beispielsweise des Fachleiterprogramms des German Marshall Fund
durch das Goethe-Institut und die Amerika Häuser, die verbringen deutsche Englisch- und Sozialwissenschaftsbeide Wurzeln in Bayern haben. An den ersten Deutsch- lehrer einen sechswöchigen Studienaufenthalt über
stunden des Goethe-Instituts nach dem Krieg 1953 in amerikanische Landeskunde in den Vereinigten StaaBad Reichenhall nahmen Amerikaner teil. Bis heute ten. Dies ist ein Beispiel für private Innovationen mit
haben Zehntausende Amerikaner am Goethe-Institut Konzentration auf Ostdeutschland.
Deutsch gelernt. Und ein erster Ausdruck dessen, was
die Amerika Häuser sein würden, war die "Amerikani- Obwohl noch viel unternommen werden kann, um die
sche Bibliothek", die im Januar 1948 in München Wertschätzung der jeweils anderen Kultur zu fördern,
gibt es letztlich keinen Ersatz für persönliche Erfahruneröffnet wurde.
gen. Das bedeutet, daß wir unser Engagement für
Solche Begegnungen waren fruchtbar und produktiv. Austauschprogramme verstärken müssen. Diese sind
Die Revolution im Informationswesen hat ihnen jedoch bereits ein fruchtbares Gebiet, auf dem angesichts der
eine neue Qualität, eine neue Bedeutung verliehen. Im Initiativen zahlreicher Privatorganisationen besondere
Informationszeitalter ist ein sehr viel umfassenderer Erfolge erzielt wurden.
kultureller Dialog über den Atlantik hinweg für unsere
eigenen nationalen Interessen unabdingbar gewor- Sie sind großenteils auch zurückzuführen auf die Energie
den. Aufgrund dieser Erkenntnis leiten wir eine Reihe und Initiative der Bundesregierung und den persönlichen Einsatz von Bundeskanzler Helmut Kohl für
neuer Initiativen in die Wege.
deutsch-amerikanische Austauschprogramme. Prä-

Seite 4

AMERIKA DIENST 11

�sident Clinton teilt dieses Engagement und unterstützt
entschieden die Bestrebungen vieler Einzelpersonen,
die einen beträchtlichen Teil ihres Lebens der Verbesserung der persönlichen Beziehungen zwischen Deutschen und Amerikanern gewidmet haben.
Es kann und sollte jedoch noch mehr getan werden.
Besonderer Wert sollte auf Austauschprogramme
zwischen Ostdeutschland u nd Amerika gelegt werden.
Sechzehn Millionen Ostdeutsche haben zwei Generationen lang die Vereinigten Staaten nur durch systematisch verzerrte Darstellung kennengelernt. Relativ
wenige Menschen in Ostdeutschland haben Englisch
gelernt. Ihr Verständnis der amerikanischen Gesellschaft, ihrer Werte und Außenpolitik zu vertiefen, stellt
eine lebenswichtige Herausforderung der Zukunft dar.
Während wir unsere zukünftigen Beziehungen schmieden, sollten wir den Worten Monnets Beachtung schenken. Wir wollen unsere Arbeit erneut im kulturellen
Bereich und insbesondere bei den Millionen jungen
Menschen in unseren Ländern beginnen, für welche
die Idee einer transatlantischen kulturellen Gemeinschaft eine wirkliche Attraktion und eine willkommene
Herausforderung darstellt.
Wirtschaft
Die Revolution im Informationswesen hat unsere Arbeitsweise grundlegend verändert.
Unsere nationale Sicherheit beruht mehr denn je auf
wirtschaftlicher Stärke. Globale Wirtschaftskräfte haben
jetzt direktere und stärkere Auswirkungen auf das
Leben von Amerikanern und Deutschen als militärische und sicherheitspolitische Fragen.
Unsere beiden Nationen sind widerstandsfähige wirtschaftliche Konkurrenten. Die Wirtschaft ist jedoch
kein Nullsummenspiel. Weder Amerikaner noch
Deutsche verlieren etwas, wenn andere wohlhabender
werden. Mehr Wohlstand andernorts bedeutet neue
Märkte für amerikanische und deutsche Unternehmen
sowie neue Arbeitsplätze für die Arbeitnehmer in
Deutschland und den Vereinigten Staaten. Die Verbraucher in beiden Ländern können die Auswahl aus
einem breiteren Spektrum kostengünstigerer und
hochwertigerer Güter treffen. Zwischen unseren Ländern
hat sich ein zusätzliches Austauschmuster entwickelt,
das den Unternehmen die Nutzung verschiedener
Wettbewerbsvorteile gestattet, insbesondere bei hochbezahlten Wirtschaftssektoren mit hohem Mehrwert.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland haben bedeutende gemeinsame Wirtschaftsinteressen. Beide
Länder sind dem freien Handel verpflichtet. Beide
engagieren sich für offene Investitionsregime, Wettbewerb und dafür, dem Privatsektor die Verfolgung seiner Interessen mit einem Minimum staatlicher Intervention zu ermöglichen. Unsere Wirtschaftsbeziehungen sind ausgewogen und für beide Seiten von Vorteil.

AMERIKA DIENST 11

Die Vereinigten Staaten sind die wichtigste Quelle
ausländischer Investitionen in Deutschland und das
Hauptziel weltweit getätigter deutscher Auslandsinvestitionen. Ungefähr 30 Prozent der gesamten deutschen Direktinvestitionen werden in den Vereinigten
Staaten getätigt; amerikanische Direktinvestitionen in
Deutschland betragen 30 Prozent aller ausländischen
Direktinvestitionen in diesem Land.
Wenn amerikanische Unternehmen wie Coca Cola
und General Motors in den neuen Bundesländern oder
deutsche Unternehmen wie BMW und Siemens in den
Vereinigten Staaten investieren, schaffen sie Arbeitsplätze und kurbeln das Wirtschaftswachstum an.
Derartige Investitionen nehmen den örtlichen Arbeitskräften keine Arbeitsplätze weg, sondern schaffen
neue Möglichkeiten zur Entwicklung neuer Produkte
für neue Märkte.
Unsere Volkswirtschaften sind zunehmend miteinander verflochten. Daimler-Benz ist kürzlich als erstes
deutsches Unternehmen an der New Yorker Börse
zugelassen worden, wodurch es Zugang zum weltweit
größten Kapitalmarkt erhält. Wir freuen uns darauf,
auch andere deutsche Unternehmen dort begrü ßen zu
können.
Die amerikanische Regierung engagiert sich für eine
weitere Stärkung der Wirtschaftsbeziehungen zu
Deutschland und hat vor kurzem mehrere Initiativen
ergriffen:
Wir haben in Deutschland ein ehrgeiziges Exportförderungsprogramm - das einzige derartige Programm in der gesamten OECD - mit dem
Titel "Schaufenster Deutschland" ins Leben
gerufen, das Bestandteil der neuen nationalen
Exportstrategie der Clinton-Administration ist.
Die amerikanischen Konsulate in Deutschland
wurden umstrukturiert, damit die amerikanische
Regierung besser auf die Erfordernisse amerikanischer und deutscher Unternehmen reagieren kann.
Die Mittel der Handelsabteilung im US-Wirtschaftsministerium und des US-Informationsamts in ganz Deutschland wurden gebündelt,
um Business Centers in den Amerika Häusern
zu errichten.
Das geschlossene amerikanische Generalkonsulat in Düsseldorf wird im Sommer wiedereröffnet, und wir werden die Japaner an diesem
Hauptsitz japanischer Wirtschaftsaktivitäten in
Europa vor eine Herausforderung stellen.
Die US-Botschaft und unterschiedliche öffentliche und private Partner setzen eine Vielzahl von
Initiativen - sogenannte "neue Traditionen" - in
Gang, durch die das amerikanische Engage-

Seite 5

�ment für Berlin und Deutschland auch nach
Abzug der Berlin Brigade aus der Stadt im
September beibehalten wird.

Zudem läßt die ausschließliche Konzentration der
Aufmerksamkeit auf den Handel den Investitionsfluß
außer acht, der in der neuen Weltwirtschaft größere
Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Produktivität haben
könnte und hauptsächlich eine europäisch-amerikanische Angelegenheit ist. Europa investiert in den
Vereinigten Staaten mehr als in der ganzen übrigen
Welt zusammengenommen; die Vereinigten Staaten
investieren mehr in Europa als in der übrigen Welt
zusammengenommen. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union stellen in den Vereinigten Staaten
mehr Arbeitsplätze zur Verfügung als alle anderen
Nationen zusammengenommen. Selbst in Kalifornien, einem Bundesstaat mit offenkundigen Wirtschaftsbeziehungen zu Asien, stammen mehr Investitionen
aus Europa als aus Japan - 43 Prozent der weltweit in
Kalifornien investierten 77,5 Milliarden Dollarkommen
aus Europa.

In der kommenden Woche veranstalten die
Vereinigten Staaten eine Konferenz über die
Schaffung von Arbeitsplätzen und die sich
wandelnde Arbeitswelt in Detroit, die erste
Konferenz der 0-7, die sich ausschließlich mit
dem wirtschaftlichen Wohlergehen des Durchschnittsbürgers befaßt. Die Konferenz wird die
Aufmerksamkeit der Regierungen auf die Notwendigkeit lenken, sicherzustellen, daß die Arbeitnehmer Nutznießer der durch die Revolution im Informationswesen herbeigeführten
schnellen wirtschaftlichen Veränderungen sind.
Die Konferenz spiegelt die starke Überzeugung
Präsident Clintons wider, daß Wandel begrüßt
und nicht gefürchtet werden sollte. Zu diesem
Zweck müssen wir uns auf den Arbeitsplatz des Die wirkliche Schlagzeile ist jedoch nicht, Europa oder
21. Jahrhunderts vorbereiten.
Asien sind für uns in wirtschaftlicher Hinsicht wichtiger,
sondern daß die wirtschaftliche Gesundheit jeder Region
Zusammengenommen werden durch diese und zu- für die wirtschaftliche Gesundheit der Vereinigten Staaten
künftige Bestrebungen drei bedeutende Behauptun- absolut entscheidend ist.
gen aufgestellt.
Aus diesem Grund können wir uns keine SelbstgefälErstens: Deutschland ist in wirtschaftlicher und wäh- ligkeit darüber leisten, daß wir bei der Öffnung von
rungspolitischer Hinsicht einer unserer weltweit wich- Märkten und der Ausweitung des Handels Fortschritte
tigsten Partner, nicht nur aufgrund unserer direkten machen. Wir werden aufmerksam unsere Bestrebunbilateralen Wirtschaftsbeziehungen, sondern auch gen fortsetzen, Partner wie Japan dringend zur Lösung
wegen der Schlüsselrolle Deutschlands in der Euro- von Handelsstreitigkeiten aufzufordern und größere
päischen Union sowie der Bedeutung der Deutschen Handelshemmnisse abzubauen.
Mark als internationalem Zahlungsmittel.
Glücklicherweise ist dies eine Zeit der Chancen. Die
Zweitens: Wirtschaftswachstum ist eine Vorausset- transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen sind an einem
zung für soziale Gerechtigkeit. In einer Zeit wirtschaft- Wendepunkt angelangt. Die jüngste Serie bahnbrelichen Wachstums ist es leichter als in einer Stagna- chender Ereignisse - einschließlich der Schaffung des
tion, Arbeitsmärkte umzustrukturieren, Arbeitsplätze Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFzu schaffen und Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämp- TA), der Einrichtung des Europäischen Wirtschaftsfen. In Zeiten schleppenden Wachstums könnten raums sowie der Bestrebungen zur Stärkung der asiaBemühungen zur Umstrukturierung lediglich bedeu- tisch-pazifischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit auf
ten, Arbeitsplätze zu verlagern anstatt neue zu schaf- der Grundlage offener Märkte - markieren weltweit ein
fen. Wir sehen der Zusammenarbeit mit führenden neues wirtschaftliches Zeitalter. Der erfolgreiche
deutschen Politikern zur Verbesserung der Aussichten Abschluß der Uruguay-Runde, bei dem in den letzten
für Wirtschaftswachstum durch enge Koordination der Stadien die Zusammenarbeit zwischen den VereinigWirtschafts- und Währungspolitik unserer Länder ten Staaten und Deutschland beispielhaft war, bietet
erwartungsvoll entgegen.
bedeutende Chancen für engere deutsch-amerikaniDrittens: Diese Bestrebungen demonstrieren, wie sche Wirtschaftsbeziehungen. Wir sehen der Zusamunbegründet die von manchen Europäern geäußerte menarbeit mit Deutschland und seinen europäischen
Sorge ist, die Vereinigten Staaten könnten ihre starken Partnern zur Erweiterung unseres wirtschaftlichen
transatlantischen Bande den Beziehungen zu den Horizonts erwartungsvoll entgegen.
Pazifikstaaten opfern. Nichts könnte weniger zutreffend sein.

Im NAFTA-Markt mit einer Produktionskapazität von
6,5 Billionen Dollar leben 370 Millionen Menschen.
Deutschland und seine Partner in der Europäischen Obwohl das N AFTA kein so ehrgeiziges Projekt wie die
Union gehören in jeder Hinsicht zu unseren wichtigsten Europäische Union ist und nicht zur Schaffung eines
Wirtschaftspartnern. Amerikanische Exporte über den Binnenmarktes mit einem einheitlichen Außenzoll führen
Pazifik und Atlantik hinweg halten sich ziemlich die wird, richtet es eine Freihandelszone mit für deutsche
Unternehmen bedeutendem Potential ein.
Waage.

Seite 6

AMERIKA DIENST 11

�Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen sieht
die Abschaffu ng von ungefähr 20.000 Einzelzöllen vor.
Die Hälfte sollen jetzt, die verbleibenden innerhalb der
nächsten 15 Jahre aufgehoben werden. Auf nahezu
alle in Nordamerika hergestellten Waren werden keine
Zölle erhoben. Wichtige nichttarifäre Handelshemmnisse werden ebenfalls abgebaut. Die Unternehmen
werden den riesigen nordamerikanischen Markt von
nur einem Produktionsstandort aus bedienen können.
Die geplanten Zollsenkungen werden wahrscheinlich
auch für Drittstaaten von Vorteil sein, insbesondere für
starke Exportländer wie Deutschland. Der aus dem
NAFTA resultierende erwartete wirtschaftliche Aufschwung wird zu höheren Einkommen und steigenden
Importen führen, insbesondere von hochwertigen
Konsumgütern und Hochtechnologieprodukten Gebieten, auf denen Deutschland konkurrenzfähig ist.

Zudem haben sowohl die Vereinigten Staaten als auch
Deutschland eine föderative Struktur. Ein reiches,
noch zu erforschendes Gebiet ist das Verhältnis zwischen den einzelnen amerikanischen Bundesstaaten
und den Bundesländern, da es nicht nur einen neuen
Weg zur Ausweitung der menschlichen Bindungen
bietet, sondern sich auch ein Großteil unserer künftigen Tagesordnung damit befaßt, wie Regionen und
Kommunen mit den Auswirkungen des globalen Wandels
umgehen.

Internationale Ereignisse beeinflussen die Regionen
nicht nur direkter als je zuvor - die Regionen spielen
auch eine unabhängigere Rolle bei internationalen
Angelegenheiten, indem sie in anderen Nationen nach
gleichgesinnten Partnern suchen, um gemeinsame
Herausforderungen anzugehen. Die neue Weltwirtschaft bietet neue Chancen für Regionalpolitiker in
Eine neue Rolle für Privatunternehmer und regio- jeder Nation, neue und gewinnbringende Koalitionen
mit gleichgesinnten Politikern aus anderen Nationen
nale Akteure
zu bilden, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsaKurz gesagt sind Kultur und Wirtschaft zunehmend me Fragen anzusprechen. Frühere Aktivitäten bei der
wichtige Säulen unserer bilateralen Beziehungen. Ich Entwicklung der deutsch-amerikanischen Beziehunhabe auf verschiedene Möglichkeiten hingewiesen, gen auf der Ebene der Bundesstaaten und Bundeslänwie wir uns um die Vertiefung der Beziehungen auf der, darunter Besuche amerikanischer Gouverneure
diesen Gebieten bemühen. In diesem neuen Zeitalter, und deutscher Ministerpräsidenten, waren sehr prodas durch eine verringerte Bedrohung unserer Sicher- duktiv. Bayern war bei diesen Bestrebungen oftmals
heit, härteren wirtschaftlichen Wettbewerb und eine führend. Es bleibt jedoch noch mehr zu tun.
Vielfalt von Informationen gekennzeichnet ist, darf und
kann eine solche Führungsrolle nicht allein von Regie- Wir können viel erreichen, wenn unsere beiden Natiorungen gespielt werden. Andere Akteure - seien es der nen zusammenarbeiten; einzeln genießen wir und die
Privatsektor oder kleinere staatliche Einheiten wie Welt insgesamt weniger Wohlstand und Sicherheit.
Bundesstaaten und Länder - können an Bedeutung
Unsere Bestrebungen zur Stärkung der bilateralen
gewinnen.
Beziehungen sind an und für sich schon bedeutend.
In dieser Hinsicht ist Jean Monnet erneut besonders Sie bereichern das Leben von Millionen Menschen in
interessant. Als er in der Mitte seines Lebens war, unseren beiden Ländern, und schließlich ist genau das
entschied er sich bewußt gegen eine Mitgliedschaft in langfristig die Aufgabe von uns in der Regierung.
der Regierung, damit er die Integration Westeuropas
voranbringen konnte. Er demonstrierte, wie Privatper- Wir tun diese Dinge jedoch nicht nur wegen ihres
sonen eine wichtige Rolle bei den Beziehungen zwi- Wertes für den einzelnen, sondern weil sie die Fähigkeit unserer beiden Länder zur gemeinsamen Arbeit
schen Nationen spielen können.
für übergeordnete internationale Ziele stärken - die
Das aktive Engagement von Privatpersonen, wirt- Ziele, die ich in meiner im Dezember in Potsdam
schaftlichen und humanitären Organisationen in den gehaltenen Rede angesprochen habe. Wir erachten
Vereinigten Staaten und Deutschland gleichermaßen Deutschland als unerläßlichen Grundpfeiler eines
wird von essentieller Bedeutung sein, wenn wir die stabilen, wohlhabenden, demokratischen und friedlikulturelle und die wirtschaftliche Säule unseres bilate- chen Europa. Die Vereinigten Staaten, die - wie
ralen Verhältnisses stärken und seine Vorteile nach Präsident Clinton erklärte - ihr Engagement in Europa
fortsetzen werden, können dies nur in vollwertiger
Osten hin erweitern wollen.
Partnerschaft mit Deutschland, also den Deutschen,
erzielen.

*

AMERIKA DIENST 11

*

*

*

Seite 7

�ARBEITSWELT
16. März 1994

JAPAN MUSS NACHFRAGE STEIGERN,
EUROPA ZINSSÄTZE SENKEN
Eröffnungsansprache Präsident Clintons bei Arbeitsplatzkonferenz
DETROIT - (AD) - Präsident Clinton zufolge sollte Japan seine heimische Nachfrage steigern, Europa eine
Senkung der Zinssätze anstreben, und die Vereinigten Staaten sollten den Abbau ihres Haushaltsdefizits
fortsetzen, wenn die Industriestaaten die Zahl der Arbeitsplätze in ihren Ländern erhöhen wollen.
Diese drei Dinge zusammengenommen könnten einen neuen Schub weltweiten Wachstums auslösen, der zu
vermehrter wirtschaftlicher Aktivität und mehr Arbeitsplätzen in Europa, Kanada, den Vereinigten Staaten und
Japan führen werde, erklärte Clinton bei dem Treffen von Vertretern der Finanz- und Arbeitswelt der G-7-Staaten.
"Kein wohlhabendes Land der Erde kann auf eigene Faust Arbeitsplätze und Einkommen schaffen, wenn es kein
weltweites Wirtschaftswachstum gibt", erklärte Präsident Clinton am 14. März 1994 auf der ersten Konferenz
über die Schaffung von Arbeitsplätzen und die sich wandelnde Arbeitswelt vor Delegierten aus den Vereinigten
Staaten, Kanada, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien.
Jahrelang hätten diese Länder - so der Präsident - sich auf ihren Treffen mit makroökonomischen- und globalen Finanzfragen befaßt. Auf der Arbeitsplatzkonferenz in Detroit werde man sich jedoch mit dem "wirtschaftlichen Wohlergehen der Bürger dieser Länder" beschäftigen.
Clinton zufolge tragen die Regierungen die Verantwortung für die Bildung und Ausbildung ihrer Bürger, damit
diese auf eine Arbeitswelt vorbereitet sind, die "hohe Löhne bietet, aber auch hohe Qualifikation erfordert".
Der Präsident rief die Vertreter der Wirtschaft dazu auf, ihre gegen eine Einstellung älterer Arbeitnehmer gerichtete Politik zu ändern. "Wenn die Menschen im Laufe ihres Lebens ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn wir im Laufe
unseres Lebens im Durchschnitt achtmal unseren Arbeitsplatz wechseln müssen, werden viele Menschen auch
noch mit über 50 oder sogar über 60 Jahren ihren Arbeitsplatz wechseln müssen. Wir können ihnen nicht die
Chance nehmen, einen Beitrag zu leisten."
Nachfolgend veröffentlichen wir die unwesentlich gekürzte Rede Präsident Clintons.

Vielen Dank, Herr Vizepräsident, für Ihre Ansprache,
Ihre ausgezeichnete Arbeit und Ihr Engagement für
dieses Projekt. Der Vizepräsident wird die ganzen
anderthalb Tage an dieser Konferenz teilnehmen und
mit den hochrangigen Ministern anderer Staaten sowie
den Mitgliedern unseres eigenen Kabinetts und anderen führenden Vertretern der Vereinigten Staaten
zusammenarbeiten.
Ich freue mich, daß die Minister aus den G-7-Staaten
und Vertreter der Europäischen Union sich zu dieser
historischen und hoffnungsvollen Zeit hier im industriellen Kernland Amerikas bei dieser bedeutenden
Konferenz versammelt haben.

AMERIKA DIENST 11

In einigen Staaten sind die Menschen pessimistisch, in
allen Staaten sind einige Menschen pessimistisch, und
in allen Staaten gibt es Menschen, die Schwierigkeiten
haben. Aber es besteht wirklich Grund zur Hoffnung.
Technologie, die einst in den Bereich der Science
Fiction fiel, ist jetzt überall in unseren Unternehmen,
Schulen und Häusern zu finden. Länder, die früher
Raketen aufeinander richteten, arbeiten jetzt nicht nur
auf der Erde, sondern auch im Weltraum zusammen.
Arbeitsplätze, die das Gehirn anstelle des Rückens
beanspruchen, sind jetzt praktisch für alle Menschen in
diesen Ländern in greifbare Nähe gerückt.

Seite 1

�Im vergangenen halben Jahrhundert hingen unsere
gesamten gemeinsamen Unternehmungen - von der
Eindämmung des Kommunismus über die Bekämpfung der Aggression im Persischen Golf bis zu der
Erweiterung des Welthandels, der Förderung von
Demokratie in der ehemaligen Sowjetunion und dem
Beitrag zur Lösung des tragischen Konflikts in Bosnien
- von den Banden zwischen den hier vertretenen
Staaten ab. Ich habe diese Konferenz angeregt, um
dieselbe kollektive Energie, Urteilskraft, dieselben Ideen
und Erfahrungen aufzubieten, um eines der größten
Probleme unseres Zeitalters zu lösen - die Schaffung
und den Erhalt von Gesellschaften mit hoher Wertschöpfung und hohem Wachstum in starken Industriestaaten, die sich den Herausforderungen der Weltwirtschaft stellen.

men zu verlassen. Viele von ihnen kamen auf der
Suche nach Arbeitsplätzen in der Fabrik in Städte wie
Detroit. Während meines Wahlkampfes in Michigan
vor zwei Jahren erkannte ich, daß ich wirklich eine
Chance hatte, zum Präsidenten gewählt zu werden, da
jeder dritte Wähler, der sich an der Vorwahl der
Demokratischen Partei in Michigan beteiligt hatte, aus
Arkansas stammte.

Das ist Amerika. Während des Großteils dieses
Jahrhunderts stand der industrialisierte Mittlere Westen für wirtschaftliche Chancen. Die aus den ländlichen Gebieten vertriebenen Menschen konnten hierher kommen und ungeachtet ihrer Rasse, ihres Bildungsstands und vorherigen Einkommens mit einem
Arbeitsplatz rechnen, der ihnen den Unterhalt ihrer
Familie gestattete und Urlaub, Gesundheitsfürsorge,
Jedes Land sieht sich auf die eine oder andere Art mit Collegebesuch der Kinder, ein Eigenheim und eine
einem hartnäckigen, dauerhaften Problem von Ar- gute Rente ermöglichte. Das war die große Hoffnung
beitsplätzen und Einkommen konfrontiert. Bei den und das große Versprechen von Detroit, von Chicago,
einen besteht die Schwierigkeit in der Schaffung neuer von diesem gesamten regionalen Mekka, das an der
Arbeitsplätze, bei den anderen in der Steigerung des Spitze der Industriellen Revolution in Amerika stand.
Einkommens der Menschen. Wir in den Vereinigten
Staaten haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten Das industrialisierte Amerika litt stark unter den wirteine Vielzahl neu er Arbeitsplätze geschaffen, aber seit schaftlichen Veränderungen, die Sie alle vielleicht
nahezu zwei Jahrzehnten haben die Stundenlöhne der noch besser als ich kennen. Ich war jedoch Zeuge, wie
amerikanischen Arbeitnehmer praktisch stagniert. Ein die Menschen dieser Region kämpften. Vor einigen
amerikanischer Arbeitnehmer hat im Durchschnitt bei Jahren waren die Menschen der Ansicht, die amerikagleichem Verdienst eine längere Wochenarbeitszeit nische Automobilindustrie sei zum Untergang verurteilt. Aber die drei großen Automobilunternehmen
als vor 20 Jahren.
arbeiteten gemeinsam mit ihren Partnern in der ArbeitKeiner von uns hat alle Antworten parat. Wir sind hier nehmerschaft hart an der Verbesserung von Qualität,
zusammengetroffen, weil wir etwas voneinander ler- Sicherheit und Kraftstoffverbrauch. Jetzt erobern sie
nen wollen und uns hoffentlich gegenseitig etwas im In- und Ausland ihre Marktanteile zurück. Sie sind
beibringen können. Wir alle können Besseres leisten, wieder stark. In den vergangenen zwölf Jahren befand
und wenn wir zusammenarbeiten, wird es unseren sich Michigan auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft;
kleine und mittelständische Unternehmen haben hier
Völkern zweifellos besser gehen.
nahezu 400.000 Arbeitsplätze im Fertigungs- und
Erstmals bringt diese Konferenz die Finanz-.Arbeits-, industriellen Dienstleistungsbereich geschaffen.
Handels- und Wirtschaftsminister unserer Länder
zusammen. Wir wissen, daß das Problem der Schaf- Die englische Zeitschrift The Economist bezeichnet
fung von Arbeitsplätzen nicht allein durch eine Sen- den Automation Alley, den 60 Kilometer langen Korridor
kung der Zinssätze, bessere Ausbildung oder ver- zwischen Detroit und Ann Arbor als "den am schnellmehrte Investitionen im Technologiebereich gelöst sten wachsenden Technologiekorridor in den gesamwerden kann, aber diese Maßnahmen sind erforder- ten Vereinigten Staaten von Amerika".
lich. Einige Ministeräußerten mirgegenüber, wenn die
Finanz- und Arbeitsminister jedes Landes miteinander Dennoch dürfen wir in unserem Optimismus nicht zu
sprechen würden, hätten wir wirkliche Fortschritte überschwenglich werden - trotz aller guten Nachrichgemacht. Es gibt keinen besseren Ort, sich dieser ten bleiben die Herausforderungen bestehen. AllzuHerausforderung zu stellen, als diese Stadt, diesen viele Menschen sind ins Hintertreffen geraten. Und
Bundesstaat, diese Region. Hier erkennen wir nicht diese Herausforderung brachte meines Erachtensden
nur, daß Wandel nötig ist, sondern auch, daß wir dazu herausragenden jungen Bürgermeister dieser Stadt
ins Amt und führt so viele von Ihnen überdie Grenzen
fähig sind.
von Partei, Rasse, Einkommen oder Hintergrund hinAls ich in Arkansas aufwuchs, waren viele der Men- weg zusammen, um herauszufinden, wie wir das
schen, die ich kannte und mit denen ich lebte, Landwir- Potential aller Menschen in diesem Land erschließen
te. In meinem Bundesstaat kann fast niemand meines können.
Alters seine Familie mehr als eine Generation zurückverfolgen, ohne auf einen Landwirt zu stoßen. Aber mit
zunehmender Mechanisierung der Landwirtschaft
Zunächst einmal sollten wir die grundlegende Realität
wurden immer mehr Menschen gezwungen, die Farerkennen, daß privates Unternehmertum, nicht staatSeite2

AMERIKA DIENST 11

�liehe Maßnahmen der Motor von Wirtschaftswachstum und der Schaffung von Arbeitsplätzen ist. Unsere
Viston einer erstrebenswerten Gesellschaft hängt stark
von einerflorierenden Privatwirtschaft ab. Wir müssen
uns bewußt werden, daß es Dinge gibt, die eine
Regierung tun kann und sollte - dem Privatsektor die
für Wachstum erforderlichen Mittel an die Hand zu
geben und unsere Menschen auf die Arbeitsplätze
einer neuen Wirtschaft vorzubereiten. Eine bedeutende, von uns in den kommenden zwei Tagen zu erörternde Frage ist die, was in den Verantwortungsbereich der Regierung fällt, was der Privatsektor tun
sollte und wie wir diese beiden Bereiche besser als in
der Vergangenheit in Einklang bringen können. Meines Erachtens sind wir hier in den Vereinigten Staaten
auf dem richtigen Weg. Unsere Wirtschaft hat im Lauf
von 13 Monaten 2,1 Millionen Arbeitsplätze hervorgebracht, 90 Prozent davon in der Privatwirtschaft.

Wir wissen alle, daß die Weltwirtschaft Formen annimmt, wenn Informationen und Investitionen mit erstaunlicher Geschwindigkeit nationale Grenzen überwinden und Wettbewerb um Arbeitsplätze und Einkommen stattfindet. Die Volkswirtschaften an den
Schnittstellen haben keine Möglichkeit, sich zu verstecken. In schneller Entwicklung begriffene Nationen
streben eine Verbesserung ihres Lebensstandards an
indem sie unter Beweis stellen, daß sie die von uns
geleistete Arbeit zu geringeren Kosten anbieten können. Beim Übergang von einem alten zu einem neuen
Zeitalter werden wir von Anfang an eindeutig mit einer
schwierigen Entscheidung konfrontiert: Werden wir
klein beigeben, Schutzwälle errichten und unter einem
langsamen und stetigen Absinken unseres Lebensstandards leiden oder werden wir die Herausforderungen dieser neuen Wirtschaft erwartungsvoll begrü Ben,
hochbezahlte Arbeitsplätze schaffen und die Menschen darauf vorbereiten?

In den achtziger Jahren fand in Amerika ein großer Teil
des Nettoanstiegs bei der Beschäftigung im staatli- Jede moderne Wirtschaft sieht sich jetzt auf unterchen Bereich statt, vornehmlich auf bundesstaatlicher schiedliche Weise mit dieser Entscheidung konfronund kommunaler Ebene. Zu viele Angehörige der tiert - einer Entscheidung zwischen Hoffnung und
Mittelschicht arbeiten jedoch härter für weniger Geld, Angst, zwischen Stagnation und Wandel, zwischen
und zu viele Amerikaner sind noch arbeitslos. Zu Abschottung und Öffnung. Wenn wir je einen Beweis
vielen fehlt die Ausbildung, um im Wettbewerb beste- dafür benötigten, daß wir uns für Wandel entscheiden
hen zu können, und es gibt zu viele Bereiche, in denen sollten und können, erhielt ich diesen Beweis bei
einfach keine neuen Privatinvestitionen getätigt wer- meinem gestrigen Besuch von Focus: Hope hier in
den, insbesondere in großen Teilen der Innenstädte Detroit, wo ich sah, wie Menschen aus den Innenstädund in entlegenen ländlichen Gebieten.
ten für Arbeitsplätze von Weltklasse ausgebildet werden, Arbeitsplätze von Weltklasse bekommen und
Die wachsende Einkommenskluft zwischen gelernten konkurrenzfähig sind. Amerika hat sich für den Wanund ungelernten Arbeitnehmern stellt nicht nur eine del entschieden. Wir haben auch auf die anderen GGefahr für die Stärke der Volkswirtschaften dieser 7-Staaten geschaut. Unsere heutigen Gäste trafen
Länder dar, sondern auch für die Struktur unserer sich - das sollten meine amerikanischen Mitbürger
demokratischen Gesellschaften. Vor einem Jahr be- wissen - einmal im Jahr. Und über einen Zeitraum von
trug beispielsweise die Arbeitslosigkeit in den Verei- 10 Jahren verabschiedeten die Mitglieder der G-7
nigten Staaten unter Menschen ohne High School- jährlich eine Resolution, die offen gesagt für die VereiDiplom 12,6 Prozent, unter High School-Abgängern nigten Staaten peinlich war. Sie verfaßten sie in sehr
7,2 Prozent, unter Absolventen einer weiterführenden höflicher Form, sagten aber im Grunde, die WeltwirtAusbildung 5,7 Prozent und unter Collegeabgängern schaft könne nicht wachsen, wenn Amerika weiterhin
3,5 Prozent. Und die Arbeitslosigkeit ist wie gesagt sein Haushaltsdefizit erhöhe und jedes Jahr mehr
auch in den Gegenden besonders hoch, in denen die ausgebe, als es an Steuergeldern einnehme. Sie
Menschen nicht von Investitionen profitieren können, baten uns, unser Haushaltsdefizit abzubauen. Und
insbesondere in unseren großen Innenstädten und das taten wir.
den ärmsten ländlichen Gebieten.
Durch die Reduzierung des Defizits um 500 Milliarden
Wir alle müssen auf unsere Art mit diesen grundlegen- Dollar beläuft sich unser Haushaltsdefizit jetzt auf
den Veränderungen umgehen - neue Wege finden, um einen kleineren Prozentsatz unserer jährlichen Eindie Menschen für den Erfolg zu rüsten, uns die Dyna- nahmen als in allen anderen hier vertretenen G-7mik des Marktes zunutze machen und irgendwie diese Staaten mit einer Ausnahme. Darauf bin ich stolz.
Kräfte in Gebiete übertragen, in denen die Menschen Wenn der Kongreß den neuen Haushalt verabschieins Hintertreffen geraten sind. Wir in den Vereinigten det, und alle Zeichen deuten darauf hin, werden wir
Staaten geben den Menschen anscheinend manch- erstmals seit der Amtszeit Präsident Trumans einen
mal größere Anreize zu Investitionen bei einigen unse- über einen Zeitraum von drei Jahren verlaufenden
rer Handelspartner mit sich entwickelnden Volkswirt- Abbau unseres Haushaltsdefizits verzeichnen könschaften als in unseren Innenstädten und entlegenen nen. Wirhaben alsoden richtigen Weg eingeschlagen.
ländlichen Gegenden, deren Volkswirtschaften sich
ebenfalls im Entwicklungsstadium befinden und Wachs- Die hier vertretenen Nationen verfolgen eine Strategie,
tumsmöglichkeiten bieten.
die erkennt, daß jeder der großen Blöcke hierbei eine

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�Rolle zu spielen hat: Die Vereinigten Staaten sollten
den Abbau ihres Haushaltsdefizits fortsetzen, Japan
sollte seine Binnennachfrage erhöhen, Europa sollte
sich weiter um niedrigere Zinssätze bemühen, so daß
diese drei Dinge zusammengenommen einen neuen
Schub weltweiten Wachstums auslösen können, der
zu vermehrter wirtschaftlicher Aktivität und mehr Arbeitsplätzen in Europa, Kanada, den Vereinigten Staaten und Japan führt.
Wir arbeiten auch hart an einem Abbau der Handelshemmnisse im Rahmen des NAFTA, des GATT und
eines Treffens mit den asiatisch-pazifischen Staaten.
Im vergangenen Jahr leisteten wir einzigartige Arbeit,
indem wir Wachstum, Arbeitsplätze und Einkommen
weltweit durch eine Stärkung des Handels unterstützten.
Während der Debatte über das NAFTA hörten wir die
Sorgen der Arbeitnehmer - berechtigte Sorgen - die
dem wirtschaftlichen Wandel schutzlos ausgesetzt
waren und nicht glauben konnten, daß diese Veränderungen für sie von Vorteil wären. Wir mußten jedoch
der Wahrheit ins Gesicht sehen: Arbeitsplätze im
amerikanischen Exportsektorbringen im Durchschnitt
um 22 Prozent höhere Löhne hervor als Arbeitsplätze,
die nicht mit der Weltwirtschaft im Zusammenhang
stehen. Und Handel ist kein Nullsummenspiel. Wenn
die Weltwirtschaft schrumpft, sind wir alle die Verlierer;
wenn sie wächst, sind wir alle die Gewinner.
Eines ist klar: Kein wohlhabendes Land der Erde kann
auf eigene Faust Arbeitsplätze und Einkommen schaffen, wenn es kein globales Wirtschaftswachstum gibt.
Ohne dieses Wachstums werden ärmere Länder, die
dasselbe wie unser Volk zu Löhnen produzieren, von
denen unsere Bürger nicht leben könnten, allmählich
unsere Position untergraben. Bei starkem Wirtschaftswachstum können neue Technologien, neue Aktivitäten und neue Märkte entwickelt werden. Das ist
unsere einzige Option.

unsere Arbeitnehmer als auch unsere Umwelt gekümmert. Unser Ziel ist zu beweisen, daß das den besten
Weg zur Schaffung neuer Arbeitsplätze im 21. Jahrhundert darstellt.
Was steht dem Wandel denn im Wege? Hier im
industriellen Kernland Amerikas und in der gesamten
industrialisierten Welt haben zu viele Menschen hart
gearbeitet nur um herausfinden zu müssen, daß ihre
Einkommen stagnieren oder sinken. Wir müssen bei
den Menschen das Vertrauen darin wiederherstellen,
daß sie belohnt und nicht bestraft werden, wenn sie
sich die erforderlichen Kenntnisse aneignen und ihr
Land vorwärtsbringen. Diese tiefverwurzelten politischen, fast psychologischen Hemmnisse des Wandels müssen in jedem Land beseitigt werden.
Ich möchte ganz offen mit Ihnen sein: Eines der Dinge,
die ich mir von diesem G-7-Treffen erhoffe, wäre, daß
durch offene und ehrliche Gespräche über Wachstumsprobleme und durch Erfahrungsaustausch jeder
führende Politiker in unseren Ländern in die Lage
versetzt wird, in seinem eigenen Land mehr zu bewirken, weil er es mit Deutschland oder Frankreich vergleichen kann. Und durch Erfahrungsaustausch werden wir führenden Politiker mehr in unserem eigenen
Land bewirken können, weil wir sehen, daß die Deutschen, Franzosen, Kanadier, Italiener und Japaner
dieselben Probleme haben.
Wir haben heute morgen beim Frühstück ausgiebig
darüber gesprochen und jeder machte dieselbe Beobachtung: Wenn wir diese Probleme ehrlich erörtern,
können wir den Menschen bei der Überwindung ihrer
Angst vor Veränderungen helfen und gleichzeitig
anerkennen, daß es im Zusammenhang mit diesem
Wandel berechtigte Sorgen gibt.

Meines Erachtens muß sich diese Konferenz mit drei
entscheidenden Problemen befassen, welche die
Menschen von einer Unterstützung des Wandels
abschrecken. Solange die Menschen nicht überzeugt
Aus diesem Grund müssen wir auch neue Märkte sind, daß sie auf die Arbeitsplätze der Zukunft vorbeschaffen. Das bedeutet, daß wir in arbeitsplatzschaf- reitet sind, Produktivität für sie von Vorteil ist und sie in
fende Technologien investieren müssen, von Mehr- einer dynamischen Volkswirtschaft sowohl einen gefezwecktechnologien im Zuge des Abbaus unseres stigten Arbeitsplatz als auch gefestigte Familien haben
Haushaltsdefizits zu einem Superinformationsnetz, das können, werden sie sich gegen den Wandel sperren.
jeden Klassenrau m und jede Bibliothek im Land mitein- Wir müssen den Wählern in unseren Ländern in all
diesen Punkten erneut Sicherheit verschaffen. Unseander verbindet.
re erste Herausforderung besteht ganz offensichtlich
Viele dieser Technologien fallen in den Umweltbe- darin, unsere Bürger auf eine Arbeitswelt vorzubereireich. Wir wissen jetzt, daß Umweltschutz und Wirt- ten, die hohe Löhne bietet, aber auch hohe Qualifikaschaftswachstum möglich sind. Gemeinsam mit den tion erfordert.
Großen Drei der Automobilindustrien und der Automobilarbeitergewerkschaft werden wir die Entwicklung Wenn ich zu jungen Menschen spreche, sage ich
eines sauberen Autos fördern, das weniger Umweltbe- ihnen, daß sie wahrscheinlich sieben- oder achtmal im
lastungen verursacht und mehr Märkte schafft.
Leben ihren Arbeitsplatz wechseln müssen. Aus diesem Grund erarbeiten wir im Kongreß eine TagesordVon Theodore Roosevelt über Walter Ruther bis zu nung für lebenslanges Lernen, und aus diesem Grund
unserem eigenen hervorragenden Vizepräsidenten bereitet der Kongreß die Annahme von Gesetzen zur
haben unsere klügsten Politiker sich immer sowohl um Einführung von erstklassigen Bildungsnormen vor,

Seite 4

AMERIKA DIENST 11

�fördert grundlegende Reformen und unterstützt die er die Chance erhielt, neue Fähigkeiten zu erwerben
Bewegung derjenigen, die direkt nach der High School und von einem Arbeitgeber eingestellt zu werden, der
in die Arbeitswelt eintreten und nicht aufs College nicht gegen ältere Arbeitnehmer voreingenommen ist.
gehen wollen.
Wir sind in diesem Land in zweierlei Hinsicht gegen
Der Lernprozeß darf nie aufhören. Unser heutiges bestimmte Altersgruppen voreingenommen. Manche
System zum Umgang mit Arbeitslosen ist auf eine Arbeitnehmer stellen nicht gerne junge Leute ein, weil
Wirtschaft zugeschnitten, die bereits seit 10 Jahren sie keine Erfahrung haben. Wie sollen sie je Erfahrunnicht mehr existiert - ein System, das davon ausgeht, gen sammeln, wenn sie keine Arbeit finden? Manche
wenn den Menschen genug zum Überleben gegeben Arbeitnehmer wollen keine älteren Menschen einstelwürde, könnten sie später an ihren alten Arbeitsplatz len, weil sie zu viel Erfahrung haben. Je älter ich
zurückkehren. Die Wahrheit ist jedoch, daß die mei- werde, desto stärker bin ich von folgendem überzeugt:
sten Menschen nicht an ihren alten Arbeitsplatz zu- Die am schnellsten wachsende Altersgruppe in Amerückkehren können. Der Verlust eines Arbeitsplatzes rika sind die Menschen über achtzig. Diejenigen, die
heutzutage ist nicht auf einen zyklischen normalen auf ihre Gesundheit achten, werden - selbst wenn sie
Konjunkturrückgang zurückzuführen, sondern oftmals über siebzig sind - noch tatkräftig und arbeitsfähig sein,
auf strukturelle Veränderungen in der Weltwirtschaft. einen Beitrag leisten und etwas bewirken können.
Was früher in Amerika von einem Menschen erledigt Wenn die Menschen im Laufe ihres Lebens ihren
wurde, wird jetzt von einer Maschine in Amerika oder Arbeitsplatz verlieren, wenn wir im Laufe unseres
einem Arbeitnehmer im Ausland getan. Somit muß Lebens im Durchschnitt achtmal unseren Arbeitsplatz
wechseln müssen, werden viele Menschen auch noch
dieser Mensch ein neues Betätigungsfeld finden.
mit über 50 oder sogar über 60 Jahren ihren ArbeitsDas bedeutet, daß es falsch ist, die Arbeitgeber einen platz wechseln müssen. Wir können ihnen nicht die
Anteil am Arbeitslosengeld zahlen zu lassen, das Geld Chance nehmen, einen Beitrag zu leisten.
einem Fonds zuzuführen und an die Arbeitslosen
weiterzuleiten, die dann untätig das Auslaufen der Wenn die Menschen den Wandel begrüßen sollen,
Arbeitslosenunterstützung abwarten und danach immer müssen wir alle unsere Einstellung dazu ändern, wer
noch keinen neuen Arbeitsplatz haben. Das ist nicht eingestellt werden kann, und insbesondere innerhalb
das Richtige.
welchen Altersspektrums. Das ist von äußerster
Wichtigkeit. Die Frage sollte lauten: Sind die MenVergangene Woche legten wir einen Plan vor, um schen auf die freiwerdenden Arbeitsplätze vorbereiunser Arbeitslosensystem in ein Wiederbeschäftigungs- tet? Wenn das der Fall ist, sollten sie ihre Chance
system umzuwandeln, um diese Ausbildungsprogram- erhalten.
me zu konsolidieren, zentralisierte Karrierezentren zu
schaffen und die Menschen vom Tag ihrer Entlassung Die zweite uns konfrontierende Herausforderung wurde
an für neue Arbeitsplätze auszubilden und vorzuberei- heute morgen bei unserem Frühstück ebenfalls angeten.
sprochen. DergriechischeVertreterderEuropäischen
Union gab hierzu einen sehr engagierten Kommentar
Das stellt in vielen Industriestaaten ein großes Pro- ab. Unsere Bürger müssen davon überzeugt werden,
blem dar. Die Zeitspanne, in der die Menschen arbeits- daß Produktivität eine Verdienstquelle sein kann und
los sind, wird immer länger, und oftmals ist der Grund kein Anlaß zur Sorge ist.
darin zu finden, daß sie keine Berufsausbildung erhalten und gezwungen sind, einen neuen Arbeitsplatz zu Und genau das ist das Geheimnis. Als ich ein Junge
einem niedrigeren Lohn als früher anzunehmen. Wir war, bedeutete Produktivität auf der Farm, daß die
können das ändern und dabei unseren Bürgern mehr Menschen dort ihren Arbeitsplatz verloren. ProduktiSicherheit geben, um die Veränderungen in der Welt- vität in Detroit bedeutete jedoch, daß in der Automobilwirtschaft anzunehmen. Zudem ist das ein gutes industrie mehr Arbeitsplätze geschaffen wurden als
Geschäft. Wir brauchen unsere Bürger gerade jetzt. auf der Farm verlorengingen. Während des gesamten
Wir sollten nicht für die Untätigkeit der Menschen 20. Jahrhunderts seit der Industriellen Revolution
zahlen, wenn wir sie für ihre Arbeit bezahlen könnten. bedeutete Produktivität in einem Bereich, durch die auf
Das ist kein gutes Geschäft.
diesem Gebiet mehr Arbeit von weniger Menschen
geleistet werden konnte, daß technologischer Wandel
Wie bereits erwähnt, stattete ich gestern Focus: Hope immer Arbeitsplätze in einem anderen Sektor schuf.
einen Besuch ab und sah dort, wie junge Menschen für
moderne Arbeitsplätze im Ingenieurwesen, der Robo- Das ist auch heute noch so. Das Problem besteht
tertechnik und anderen zukunftsorientierten Berufs- jedoch darin, daß die Produktivität im Fertigungsbesparten ausgebildet wurden, was wieder einmal zeigt, reich explosionsartig angestiegen ist und diese Entdaß alle Menschen lernen können. Kürzlich sprach ich wicklung nicht aufhört. Jetzt setzt sie sich im Dienstmit einem Mann aus dem Norden New Yorks, der 29 leistungssektor fort, so daß beispielsweise Banken
Jahre lang in der Rüstungsindustrie arbeitete und jetzt oder Versicherungsgesellschaften aufgrund der Proeine leitende Stellung in einem Krankenhaus hat, weil duktivität im Informationswesen mit weniger Men-

AMERIKA DIENST 11

Seite 5

�sehen mehr Arbeit leisten können. Gleichzeitig sind
alle anderen Länder in der Lage, Dinge zu tun, die
ihnen vorher nicht möglich waren. Folglich besteht in
unseren Staaten diese große Unsicherheit, daß Produktivität erstmals Arbeitsplätze gefährden könnte,
anstatt sie zu schaffen.

gien sollen denjenigen Unternehmen zur Verfügung
gestellt werden, die sie nutzen können, selbst jedoch
nicht die zu ihrer Entwicklung erforderlichen Finanzmittel gehabt hätten. Das sollten alle Länder tun, damit
sich ihre Bürger auf die Seite der Produktivität schlagen und ihre Volkswirtschaften funktionieren.

Wir müssen dagegen ankämpfen. Im vergangenen
Jahr beobachteten wir, wie unsere Unternehmen hier
in Amerika sich wieder erholten - in 13 Monaten
wurden 2,1 Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Und
das wäre nicht möglich gewesen ohne eine Produktivitätserhöhung in der Privatwirtschaft. Wir können uns
nicht der Tatsache verschließen, daß Modernisierung
der Schlüssel zu Beschäftigung ist. Wir in der Regierung und die in der Privatwirtschaft Tätigen müssen
neue Bereiche finden, in denen Produktivität zu Erfolg
führen kann. Obwohl wir dieses Jahr die staatlichen
Ausgaben senken, stellen wir Rüstungsunternehmen
mehr Gelder zur Verfügung, damit die Verantwortlichen Möglichkeiten finden können, die für den Sieg im
Karten Krieg und in der Zeit danach erforderlichen
Technologien, die wir alle finanzierten, in neue Technologien für die neuen Arbeitsplätze der Zukunft
umzuwandeln.

Umstrukturierungen wird es immer geben, und es wird
immer ein gewisses Maß an Arbeitsplatzabbau geben.
Die besten staatlichen Maßnahmen, die besten Unternehmenspraktiken können diese Veränderungen nicht
aufhalten. Was wir jedoch tun können, ist, unserem
Volk bei der Gestaltung dieses Wandels zu helfen. Der
Staat muß die Menschen mit lebenslangem Lernen,
Wiederbeschäftigung und einer sicheren medizinischen
Versorgung ausstatten. Die Unternehmen müssen
weiterhin auf Verbesserungen der Produktivität drängen. Das Führungspersonal in der Privatwirtschaft
muß nach neuen Wegen streben, um den Beschäftigten zu helfen, mit gut durchdachter strategischer Planung und Innovationen sowie durch die Schaffung
leistungsfähiger Arbeitsstätten sowie verstärkter Beteiligung der Arbeitnehmer an der Entscheidungsfindung von diesen Produktivitätszuwächsen zu profitieren.

Das ist das Geheimnis. Wir müssen unserem Volk
beweisen, daß der Wandel für unsere Bürger von
Vorteil ist und Produktivitätssteigerung immer noch
den Schlüssel zu Beschäftigung und Wachstum darstellt. Wenn wir das vergessen und zulassen, daß wir
aus Angst nicht die Notwendigkeit erkennen, immer
auf der Seite der Produktivität zu stehen, geraten wir in
wirkliche Schwierigkeiten. Dadurch entstand die Mittelschicht. Die Fähigkeit des einzelnen Arbeitnehmers, mehr Arbeit zu leisten, ließ die amerikanische
Mittelschicht entstehen. Sie führte nach dem Zweiten
Weltkrieg zum Wirtschaftswunder in Europa und Japan. Sie schafft immer noch Chancen. Sie ist nur
etwas anders, stellt eine größere Herausforderung
dar, ist komplizierter und entwickelt sich schneller als
vorher. Wenn wir uns jedoch nur eine Minute gestatten, uns gegen das Produktivitätswachstum zu wehren, befinden wir uns in großen Schwierigkeiten.

Wir haben beim Frühstück heute morgen darüber
gesprochen, daß es in Japan grundsätzlich immer
noch die Politik der lebenslangen Beschäftigung gibt.
Um dies zu erreichen, muß man bereit sein, die Arbeitnehmer auch in harten Zeiten zu behalten, und die
Unternehmen müssen stets neue unternehmerische
Aufgaben finden. Denn auf diese Weise braucht man
nicht die Firma zu wechseln. Was auch immer wir tun,
es besteht hier eine große Verantwortung, die nur von
der Privatwirtschaft getragen werden kann, nicht vom
Staat.

Von 1947 bis 1973 erhöhte sich die Produktivität in
Amerika jährlich um mehr als 3 Prozent, und die Löhne
stiegen mit gleicher Geschwindigkeit. Seitdem hat
sich der Anstieg von Produktivität und Löhnen verlangsamt. Jetzt steigt die Produktivität in vielen Sektoren
unserer Wirtschaft wieder an, und damit werden sich
Arbeitsplätze und Löhne verbessern. Da wir intelligenter, nicht härter arbeiten müssen, ist diese Angelegenheit wichtiger als je zuvor.
Heute steht im Senat ein Gesetz zur Debatte, das den
Unternehmen bei Forschung und Entwicklung zur
Schaffung von Fertigungszentren helfen soll, in denen
Firmen zusammenarbeiten können, wie das die kleineren Produktionsbetriebe beispielsweise im Norden
Italiens bereits längere Zeit tun. Die neuen TechnoloSeite 6

Von Unternehmen, die Automobile herstellen, bis zu
solchen, die Software entwickeln, wurden einige der
größten Fortschritte von denjenigen erzielt, die ihre
Arbeitnehmer als ihr wichtigstes Gut behandelten, die
ihren Arbeitnehmern den höchsten Respekt zollten
und ihnen die größte Rolle dabei einräumten herauszufinden, was getan werden muß, um konkurrenzfähig
zu sein und in der Weltwirtschaft zu bestehen.
Dies sind die leistungsfähigen Unternehmen, die ihre
Beschäftigten ausbilden und fortbilden, sie dazu befähigen, persönliche Verantwortung für die Qualität der
Produkte und Dienstleistungen zu übernehmen, die
Arbeitnehmerund Gewerkschaften als Freunde, nicht
als Gegner betrachten.
Heute werde ich eine Firma mit dem Namen Detroit
Diesel besuchen, die mit der Automobilarbeitergewerkschaft UAW bei der Herstellung qualitativ hochwertiger Motoren für den in- und ausländischen Markt
zusammenarbeitet. Ihr Vorstandsvorsitzender Robert
Penske ist bei den meisten unter Ihnen dafür bekannt,
daß er siegreiche Teams zu den Rennen von Indiana-

AMERIKA DIENST 11

�polis schickt. Darüber hinaus baut er jedoch auch hier
bei Detroit Diesel ein Siegerteam auf - ein Team, das
trotz aller Veränderungen erfolgreich ist.
Unsere dritte Herausforderung besteht darin, den
Menschen Sicherheit in ihrer Lebensplanung zu geben
und gleichzeitig die Dynamik der Marktwirtschaften zu
bewahren. Dies ist ein großes und schwieriges Unterfangen. Wie können wir den Arbeitnehmern die Sicherheit geben, die sie benötigen? Welche Art von
System zur Bewältigung der Arbeitslosigkeit müssen
wir haben, welche Art von Krankenversicherung benötigen wir, welche Art von Ausbildungssystem müssen
wir haben, welche Art von Maßnahmen benötigen wir
für Urlaub aus familiären Gründen und Kinderbetreuung oder die Betreuung von Eltern, die es den Menschen gestattet, ihre Aufgaben als Arbeitnehmer und
Familienmitglieder zu erfüllen?

nicht wechseln konnten, weil irgend jemand in ihrer
Familie seit längerem krank war.
Ich weiß selbst, daß das im vergangenen Jahr hier
unterzeichnete Gesetz über Urlaub aus familiären
Gründen, das uns lediglich allen anderen Ländern der
G-7 und 170 anderen Ländern der Welt gleichstellte,
die amerikanischen Unternehmen stärken wird, weil
Menschen nicht mehr ihren Arbeitsplatz verlieren
müssen, wenn sie kranke Kinder oder pflegebedürftige
Eltern betreuen. Diessind Dinge, denen wiruns stellen
müssen.

Während wir also danach streben, ein ausgewogenes
Gleichgewicht zu finden, den Menschen zu helfen,
diese drei Herausforderungen zu bewältigen, sollten
wir zwei Binsenwahrheiten erkennen: Erstens, trotz all
seinernichtzu kontrollierenden Energie und all der von
ihm ausgelösten Erschütterungen ist der Markt eine
unaufhaltsame
und unerläßliche Macht des Fortschritts.
Mehr als in jedem anderen der hier vertretenen Länder
Wir
brauchen
Märkte,
auf denen Menschen die Wahl
haben wir in den Vereinigten Staaten den schrecklitreffen
können.
chen Preis gesehen, den wir bezahlen, wenn die
Familie als Institution zerfällt. Sie ist eine wesentlich
grundlegendere Institution als das Unternehmen. Sie Zweitens können unsere Gesellschaften menschliche
Werte von der Stärke unserer Familien bis zur Qualiist die grundlegendste Institution überhaupt.
fikation unserer Arbeitnehmer fördern. Wir können
Aber wir wissen, daß die meisten Menschen bei uns dies tun und dabei die Menschen befähigen, die von
heute einen Arbeitsplatz haben. Die meisten Mütter einer pulsierenden Marktwirtschaft bereitgestellten
mit Kindern im Alter von einem Jahr an aufwärts sind Chancen voll und ganz zu nutzen.
heute berufstätig. Wie können wir es ermöglichen, daß
Menschen gleichermaßen ihre Aufgaben als Arbeit- Nun, wenn Sie an diese Dinge glauben, dann werden
nehmer und ihre Aufgaben als Familienmitglieder er- Sie meiner Meinung nach fragen, warum sind wir
füllen? Wie kann der Staat so intervenieren, daß eigentlich alle hier? Warum müssen wir gemeinsam
Arbeitsplätze produktiver werden, anstatt die Unter- handeln? Warum müssen wir in unseren jeweiligen
nehmen so stark zu belasten, daß sie in der Weltwirt- Ländern gemeinsam handeln? Warum sollten diese
schaft nicht konkurrenzfähig sind? Fürdie meisten von Staaten, die soviel gemeinsam haben, versuchen,
uns ist es hart, schwierig und sogar schmerzlich, dies untereinander gemeinsam zu handeln? Ich bitte die
zu erörtern. Wir müssen hier jedoch ehrlich sein, und Minister, diesen Fragen ehrlich und offen nachzugeich freue mich auf einige sehr anregende Diskussionen hen. Ich möchte jedoch erneut betonen, es steht
eindeutig fest, daß es für uns im Inland leichter ist, das
darüber in den nächsten anderthalb Tagen.
Notwendige zu unternehmen, wenn wir wissen, daß
In jedem Land müssen wir die richtige Formel finden. die Menschen in den anderen Ländern mit u ns zusamWir dürfen nicht in Dogmatismus oder Ideologie verfal- menarbeiten und wir langfristig gewinnen werden.
len und vorgeben, das eine oder andere sei bedeutungslos. Aber wir wissen, wenn gesicherte Arbeitneh- Wir sollten deshalb die harten Fragen stellen. Erstens,
mer mit gesicherten Familien, die wissen, daß sie ihre worin besteht das Arbeitsplatzproblem in Wirklichkeit?
Aufgabe als Eltern erfüllen, an die Arbeit gehen, ver- Warum ist die Arbeitslosigkeit selbst bei vorhandenem
setzt sie diese Freiheit in die Lage, die produktivsten Wirtschaftswachstum zu hoch? Können wir wirklich
Arbeitnehmer der Welt zu sein. Wir wissen auch, daß noch von einer nationalen Arbeitslosenquote sprees eine Obergrenze für die Kosten gibt, die ein Betrieb chen?
tragen kann, um seine Produktivität zu bewahren. Wir
müssen deshalb diese schwierigen Fragen gründlich Bedeutet die nationale Arbeitslosenquote überhaupt
etwas für irgend jemand von Ihnen hier in Michigan?
erörtern und behandeln.
Nein, Sie möchten wissen, wie hoch die ArbeitslosenIch weiß, daß die Vereinigten Staaten von der Beweg- quote in Michigan ist, oder wie hoch sie in Detroit oder
lichkeit ihrer Firmen und Arbeitnehmer sowie der Fle- im Landkreis Wayne ist, nicht wahr?
xibilität ihrer Arbeitsmärkte profitiert haben. Ich weiß
Gibt es eine nationale Arbeitslosenquote, die von
femer, daß wir unter der nagenden Ungewißheit unseBedeutung ist? Gibt es Trends in all diesen Ländern,
rer Menschen gelitten haben, wenn sie ihren Krankendie eine Gesamtarbeitslosenquote in jedem von ihnen
versicherungsschutz verloren oder den Arbeitsplatz
weniger bedeutsam machen als die Quoten in ver-

AMERIKA DIENST 11

Seite 7

�schiedenen Sektoren der Gesellschaft, insbesondere
unter Menschen, die aufgrund ihrer Langzeitarbeitslosigkeit, ihres Mangels an Qualifikationen oder ihrer
Isolierung von Investitionsmöglichkeiten den Kontakt
zum Arbeitsmarkt völlig verloren haben?
Zweitens, was ist die beste Strategie für die weltweite
Zusammenarbeit in der Währungs- und Haushaltspolitik, um Wachstum anzukurbeln und Arbeitsplätze zu
schaffen? Wie bringen wir unsere Inflationsängste mit
der Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum in Einklang?
Drittens, wie können wir ein soziales Netz aufbauen,
das unseren Menschen hilft, sich weiterzuentwickeln
und das zum Wachstum unserer Volkswirtschaften
beiträgt? Können wir die Möglichkeit lebenslangen
Lernens bereitstellen, den Menschen helfen, den
Anforderungen von Arbeit und Familie gleichermaßen
gerecht zu werden, den Menschen medizinische Versorgung geben und trotzdem die Dynamik unserer
Volkswirtschaften bewahren? Und wenn ja, welches
ist der beste Weg, um dies zu leisten?

wir einen ernsthaften Dialog über das wirtschaftliche
Wohlergehen dereinfachen Menschen in jedemdieser
Länder auf. Dies ist ein historischer, wichtiger und seit
langem überfälliger Augenblick.
Wir alle müssen Erfolg haben. Wenn es irgend jemand
von uns nicht vermag, unsere Menschen davon zu
überzeugen, den Wandel anzunehmen, dann könnte
sich dieses Land auch gleich aus der Weltwirtschaft
zurückziehen. Dies könnte eine nach unten gerichtete
Spirale des Protektionismus, des sinkenden Wachstums und der Rückschritte auslösen, die uns alle in
Mitleidenschaft ziehen könnte.

Wenn die Gesichter dieser neuen Volkswirtschaft,
wenn diese hervorragenden Menschen, die ich Ihnen
heute hier vorgestellt habe, den Mut zur Veränderung
haben können, dann können wir dies auch - jedes
unserer Länder. Wir können in jenem Geist vorwärts
schreiten, den Präsident Roosevelt einmal als "kühnes, andauerndes Experiment" bezeichnet hat. Wenn
wir nach dieser Konferenz mit der Zuversicht weitermachen können, daß wir den Wandel für den Durchschnittsbürger in diesen Ländern, für alle unsere
Viertens, die Geschichte hat belegt, daß Produktivität Menschen nutzen können, dann werden wir erfolgzu besseren Arbeitsplätzen und höheren Löhnen führt. reich sein. Wirwerden nach dieser Konferenz mit einer
Aber wie machen wir, wenn sich der Wandel so rasch wirklichen Tagesordnung zum Treffen der Staats- und
vollzieht, unseren Menschen klar, daß dies auch heute Regierungschefs der G-7-Länder nach Neapel reisen,
ebenso zutrifft wie stets in der Vergangenheit? Und mit der wir uns alle dazu verpflichten können, hier
wie können staatliche Maßnahmen und Unterneh- Fortschritte zu erzielen.
menspraktiken bei den rapiden technologischen Veränderungen des Informationszertaiters den Beschäf- Zum Schluß möchte ich noch sagen, daß wir früher
tigten vor Augen führen, da ß Wandel und Produktivität bereits zahlreiche schwierige und maßgebliche Entzu ihrem Nutzen eingesetzt werden können?
scheidungen dieser Art zu treffen hatten. Nicht immer
haben wir die richtige Entscheidung getroffen. Am
Niemand von uns kann Antworten auf alle diese Fra- Ende des Ersten Weltkriegs wendeten sich unsere
gen lediglich innerhalb der Grenzen unserer jeweiligen Nationen nach innen, und dies führte uns in die DeLänder finden. Wenn wir bei dieser Konferenz unser pression und einen weiteren Weltkrieg. Nach dem
Wissen, unsere Ansichten und unsere praktischen Zweiten Weltkrieg wendeten sich unsere Nationen
Erfahrungen miteinander teilen, wird jedes einzelne nach außen. Sie stellten sich mutig der Zukunft. Alte
unserer Länder davon profitieren. Wenn wir neue und Feinde gingen um der gemeinsamen Sache der menschwirksame Wege zur Schaffung von Arbeitsplätzen und lichen Entwicklung willen aufeinander zu. Bündnisse
Steigerung der Einkommen finden, werden die arbei- wurden errichtet, Institutionen wurden geschaffen, die
tenden Menschen aller Länder die Gewinner sein. Ich den Frieden erhielten, den Wohlstand förderten, die
hege die Hoffnung, daß diese Konferenz das von uns Demokratie unterstützten und den Kalten Krieg geim vergangenen Jahr begonnene Unterfangen fortset- wannen.
zen wird, bei dem die führenden Industriestaaten
zusammenarbeiten, um das Erforderliche zu leisten.
Heute stehen wir erneut vor einer Entscheidung, und
diese Konferenz ist Teil der Entscheidungsfindung.
Über Jahre hinweg haben die G-7-Staaten miteinan- Werden wir den Mut haben, den Wandel anzunehmen
der über die großen Fragen der Makroökonomie und und unsere Menschen zu unterstützen? Ich denke, ich
des globalen Finanzwesens beraten. Heute nehmen kenne die Antwort. Gemeinsam müssen wir sie finden.

* * i

Seite 8

* *

AMERIKA DIENST 11

�ARBEITSWELT
16. März 1994

DAS WIEDERBESCHÄFTIGUNGSGESETZ
Erklärung Präsident Clintons
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Pressebüro des Weißen Hauses herausgegebene Erklärung Präsident Clintons, in der er das Wiederbeschäftigungsgesetz vorstellt.

Vielen Dank, John, fürdiese Einführung. Herr Vizepräsident, Minister Reich, ich danke Ihnen für die bei
diesem Projekt geleistete hervorragende Arbeit. Lane
Kirkland und Larry Perlman gebürt Dank dafür, daß sie
heute hier anwesend sind und die amerikanischen
Arbeitgeber- und Arbeitnehmervereinigungen bei der
von uns aufzubauenden Partnerschaft vertreten.
Ich möchte auch John Hahn aus dem Landkreis Niagara im Bundesstaat New York danken, mit dem ich
vergangenen Monat zusammentraf. Er verlor nach 28
Jahren seinen Arbeitsplatz bei Bell Aerospace und
erwarb nach 28 Jahren neue Qualifikationen als biomedizinisch-technischer Assistent. Er, Deb Woodbury und Donald Hutchinson gehörten alle unserem
Gremium an. Es war eine ausgezeichnete Runde, in
der ich beim Zuhören sehr viel hinzulernte.
Als wir heute morgen im Weißen Haus den Ablauf
dieses Tages planten, teilte mir Mack McCarty mit:
"Wir werden heute über zwei der Angelegenheiten
sprechen, wegen der Sie Präsident geworden sind,
weil Sie etwas tun wollen, um allen Menschen, mit
denen wir aufwuchsen, helfen zu können." Als ich mich
auf den langen Weg machte, der uns hierher führte,
und mit vielen befreundeten Gouverneuren, Bürgermeistern und anderen sprach, bekam ich den Eindruck, daß dieses Land sich wirklich in Gefahr befand,
in das 21. Jahrhundert geworfen zu werden, ohne den
Amerikanischen Traum bewahren und am Leben erhalten zu können, und daß der Durchschnittsamerikaner mit mindestens drei riesigen Problemen konfrontiert war.
Eines bestand darin, daß immer mehr Amerikaner
immer härter und zu stagnierenden Löhnen arbeiteten
und sich der Armutsgrenze immer weiter annäherten.
Aus diesem Grund gaben wir heute die Initiative über
den Einkommensteuerfreibetrag bekannt sowiedie Art

AMERIKA DIENST 11

und Weise, wie sie Arbeitnehmerfamilien mit Kindern
den Weg aus der Armut bahnen sollte.
Ein weiteres Problem war, daß ungeachtet des Abbaus der Arbeitslosigkeit in einigen Bereichen viele
Amerikaner - normalerweise aufgrund ihrer Ausbildung und ihres Wohnorts - im Hintertreffen bleiben.
Das bedeutet jedoch, daß bei einer Arbeitslosenquote
von 6,5 Prozent - wie heute der Fall - die Arbeitslosenquote bei denjenigen mit einer College-Ausbildung 3,5
Prozent beträgt und bei denjenigen, die nach der High
School noch eine - mindestens zweijährige - Ausbildung durchliefen etwas über 5 Prozent. Unter den
High School-Absolventen liegt sie bei etwas über 7
Prozent, bei denjenigen, die die High School abbrachen bei ungefähr 12 Prozent - und bei den jugendlichen Angehörigen von Minderheiten in vielen Innenstädten bei über 50 Prozent. Die Zahl an sich bedeutet
also gar nichts. Es gibt riesige Gebiete mit hoher
Arbeitslosigkeit, bei denen keine Investitionen in den
Menschen getätigt werden.
Der Vizepräsident, Henry Cisneros (der Minister für
Wohnungsbau und städtische Entwicklung), Bildungsminister Richard Riley, der heute anwesend ist, Arbeitsminister Robert Reich und andere arbeiten an der
Initiative, um diesen Gemeinden zu helfen und versuchen, sich auf dieses Problem zu konzentrieren.
Mit dem dritten großen Problem - für das die drei hier
anwesenden renommierten Persönlichkeiten stellvertretend sind - beschäftigen wir uns am heutigen Tag:
Ein Amerikaner wechselt im Durchschnitt sieben- oder
achtmal im Leben den Arbeitsplatz, ob ihm das gefällt
oder nicht. Unsere Aufgabe besteht darin sicherzustellen, daß ihm das vorteilhaft erscheint, daß diese
Veränderungen die Sicherheit der Menschen, nicht
ihre Unsicherheit erhöhen. Und wir wissen, daß unsere gesamte Politik nur dann einen großen Einfluß auf

Seite 1

�das Leben der Menschen haben kann, die uns überhaupt erst hierher entsandt haben, wenn wir genau das
tun.

sein und unser Land und den Privatsektor zu
würdigen - einen der beweglichsten und flexibelsten Arbeitsmärkte aller Industriestaaten. Oftmals legen diese Umschulungs- und Arbeitslosenprogramme dieser Mobilität Hindernisse in
den Weg, anstatt sie zu vergrößern.

Ich bin stolz darauf, daß die von uns unternommenen
Anstrengungen zur Reduzierung des Defizits und
Senkung der Zinssätze zu großen Investitionssteigerungen und im vergangenen Jahr zur Schaffung von 3.
Wir wollen dem Privatsektor, den Unternehmen
mehr als zwei Millionen neuer Arbeitsplätze geführt
und Arbeitnehmern die Verantwortung dafür
haben. Viele Menschen haben jedoch keinen Zugang
übertragen, daß die Ausbildung die Menschen
zu diesen Arbeitsplätzen. Und wie der Arbeitsminister
tatsächlich auf wirklich existierende Arbeitspläterklärte, gibt es in dieser Volkswirtschaft noch sehr
ze vorbereitet - und das für Ausbildungsproviele Verschiebungen von Wählerstimmen. Deshalb
gramme aufgewendete Geld gut und zweckist dieses Wiederbeschäftigungsgesetz von 1994 so
dienlich ausgegeben wird.
wichtig.
4.
Viertens wünschen wir eine wirkliche RechenJeder von Ihnen, der sich je damit beschäftigt hat, weiß
schaftspflicht bei diesem System, so daß wir Inwohl, daß unser derzeitiges Arbeitslosen- und Ausbilvestitionen in Ausbildungsprogramme tätigen,
dungssystem funktionsuntüchtig ist, weil es für eine
die die Menschen tatsächlich auf einen Arbeitsjetzt nicht mehr existierende Volkswirtschaft geschafplatz vorbereiten.
fen wurde. Es wurde im Grunde genommen zu dem
Zweck eingerichtet, die Menschen mit einem Lohn ZurZeit existieren sechs verschiedene Programme für
über Wasser zu halten, der unter ihrem Verdienst lag, freigesetzte Arbeitnehmer. Und die Arbeitnehmer
jedoch ihren Lebensunterhalt finanzierte, bis ihre alten werden von Büro zu Büro und von Programm zu
Arbeitsplätze wieder zur Verfügung standen, denn die Programm geschoben. Es gibt Beispiele von Arbeitmeisten Arbeitsplätze gingen aufgrund eines norma- nehmern derselben Berufssparte, die beide auf diesellen konjunkturellen Rückgangs verloren. Jetzt wissen be Art ihren Arbeitsplatz verloren und für verschiedene
wir jedoch, daß die große Mehrheit der entlassenen Programme in Frage kommen, bei denen unterschiedArbeitnehmer nicht an ihren alten Arbeitsplatz zurück- liche Leistungen und Deckung gewährt werden. Das
kehren kann - daß ihre Entlassung entweder durch erste Element des Plans ist die Schaffung eines umstrukturelle Änderungen der Wirtschaft erfolgte oder in fassenden, zentralisierten Programms, damit die Arder Natur der besonderen Erfordernisse am Arbeits- beitnehmer an einer Stelle die nötige Beratung und
Hilfe erhalten und sich über neue Arbeitsmöglichkeiplatz liegt.
ten, die erforderlichen Qualifikationen sowie die beIm vergangenen Jahr rechneten drei Viertel aller Ar- sten Ausbildungsprogramme zum Erwerb dieser bebeitnehmer mit einem dauerhaften Verlust ihres Ar- sonderen Fähigkeiten informieren können. Kein arbeitsplatzes - die höchste Zahl seit Erstellung dieser beitsloser Amerikaner sollte sich in einem Dschungel
Statistik durch das Arbeitsministerium. Das derzeitige von Gesetzen bewegen müssen, die der Kongreß aus
Ausbildungssystem ist, wie die Kongreßabgeordneten unterschiedlichen Gründen verabschiedet. Die ameriwissen, ein Wirrwarr unterschiedlicher Programme, kanischen Bürger interessiert nicht, unter welches
die allzuoft der Bürokratie den Vorrang einräumen und Gesetz sie fallen, sie wissen nur folgendes: Hier bin
die Kunden - die Arbeitslosen - bestürzt zurücklassen. ich. Ich brauche einen Job. Ich benötige eine Ausbildung. Wie kann ich sie erhalten?
Dieses Gesetz soll das untüchtige, veraltete, bürokratische System in Ordnung bringen, das in zu vielen Der zweite Teil des Plans besteht darin sicherzustelFällen die Rückkehr der Menschen in die Reihen der len, daß die Arbeitnehmer neben einem umfassenden,
Erwerbstätigen verzögert, anstatt sie zu beschleuni- zentralisierten Programm die größtmögliche Auswahl
gen. Es wird ein neues System schaffen, das den an Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten
Arbeitnehmern zu der Ausbildung und Beratung ver- haben und der Markt die zur Verfügung stehenden
hilft, die ihnen die schnellere Besetzung höherbezahl- Dinge nutzen kann. Wir möchten die Arbeitnehmer
ter Arbeitsplätze gestatten.
möglichst bald erreichen, nachdem sie ihren Arbeitsplatzverloren oder-wie in Sunnyvale (Kalifornien) vom
Der Plan enthält vier Punkte:
Vizepräsident erwähnt - ihre Kündigung erhalten haben. Wir möchten ihnen eine Vielzahl von Möglichkei1.
Die Ersetzung dieser zersplitterten Programme
ten anbieten, die erforderlichen Chancen und Ausbildurch ein umfassendes, zentralisiertes Produngswege durch ein computergestütztes Netz zu
gramm,
finden, das Informationen über freie Arbeitsplätze im
2.
größere Auswahlmöglichkeiten bei Wiederbe- gesamten Land, über Arbeitssuche, Ausbildung am
schäftigungsdienstleistungen, die den Menschen Arbeitsplatz, langfristigen Erwerb neuer Qualifikatiodie Rückkehr an den Arbeitsplatz ermöglichen. nen und Ausbildung für diejenigen gibt, die sich selbWir besitzen - um Amerika gegenüber fair zu ständig machen wollen.
Seite 2

AMERIKA DIENST 11

�Diejenigen, die eine neue Existenz gründen wollen,
können einen Teil ihrer Arbeitslosenunterstützung als
Starthilfe beanspruchen. Und wir bieten jedem Arbeitnehmer die Möglichkeit, eigene Entscheidungen über
Beschäftigung und Ausbildung zu treffen, anstatt nur
Gegenstand der Entscheidungen anderer zu sein.

ten und öffentlichen Ausbildern zu wählen und von den
Anbietern Berichte verlangen, damit die Kunden eine
informierte Entscheidung treffen können und wissen,
wieviele Menschen welche Art von Arbeitsplatz zu
welcher Bezahlung erhielten. Das ist letztlich die
Bewährungsprobe.

Femer möchten wir die Menschen auf reale Arbeitsplätze vorbereiten. Aus diesem Grund besteht der
dritte Teil des Plans darin sicherzustellen, daß diese
Bestrebungen unter der Leitung von Menschen stehen, die praktische Erfahrungen mit diesen Arbeitsplätzen haben - die amerikanischen Arbeitgeber und
Arbeitnehmer. Aus örtlichen Arbeitskräften bestehende und von gewählten Kommunalpolitikern ernannte
Investitionsgremien werden diese Zentren, die ein
umfassendes Programm anbieten, überwachen. Die
Mehrheit soll aus Arbeitgebervertretern bestehen -von
Geschäftsführern bis zu Betriebsleitern. Die Arbeitnehmer und die Schulen werden ebenfalls vertreten
sein. Da Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen
bereits so viel für die Ausbildung der Arbeitnehmertun,
wollen wir Unternehmen und Gewerkschaften ermutigen, ihre eigenen Zentren für umfassende, zentralisierte Umschulungsprogramme für ihre eigenen, von
Entlassungen oder Firmenschließungen betroffenen
Arbeitnehmer zu errichten.

Der Arbeitsminister muß bei diesem Ansatz Beurteilungsmaßstäbe für Ausbildungsprogramme definieren. Diejenigen, die den Normen nicht entsprechen,
sollten ihre finanzielle Unterstützung verlieren. In fünf
Tagen werden führende Vertreter der Industrienationen in Detroit zusammentreffen, um über hochbezahlte Arbeistplätze für unsere Bürger zu beraten. Die
größte Stärke unseres Landes ist unsere Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit. Sie helfen unseren
Unternehmen und Arbeitnehmern, so dynamisch wie
diese Wirtschaft zu sein.

Dieser Ansatz verlangt eine Rechenschaftspflicht. Wir
können uns keine Vergeudung von Zeit oder Geld des
Steuerzahlers leisten, oder - noch wichtiger - die Zeit
und ohnehin knappe Unterstützung der Arbeitnehmer
für zweifelhafte teure Schulen oder staatliche Programme mit aufgeblähter Bürokratie und geringen
Ergebnissen verschwenden. Wir müssen entlassene
Arbeitnehmer in die Lage versetzen, zwischen priva-

*

AMERIKA DIENST 11

*

Wir wissen, daß andere Länder sich immer noch über
die Flexibilität unserer Erwerbsbevölkerung und unserer Wirtschaft wundern sowie über die im letzten
Vierteljahr beobachtete Produktivitätssteigerung - gerade
heute erhielten wir den Bericht, daß wir im letzten
Quartal des vergangenen Jahres die größte Produktivitätssteigerung seit acht Jahren hatten. Wir sind uns
jedoch auch bewußt, daß zu viele Amerikaner hieraus
keine Vorteile haben und weiterhin dem Wandel zum
Opfer fallen.
Das Wiederbeschäftigungsgesetz 1994 baut auf unseren größten Stärken auf und investiert in unsere wichtigste Ressource - unsere Menschen - damit wir das
soziale Netz des 20. Jahrhunderts in ein Sprungbrett
des 21. Jahrhunderts verwandeln und in der Weltwirtschaft siegreich sein können.

*

*

Seite 3

�BOSNIEN
16. März 1994

WEITERE NATO-MASSNAHMEN IN BOSNIEN SOLLTEN
FRIEDENSGESPRÄCHE FÖRDERN
Rede von Verteidigungsminister Perry - Auszüge
WASHINGTON - (AD) - Jede Ausdehnung der Aktionen von NATO-Streitkräften in Bosnien auf weitere zu
Schutzzonen erklärte Städte sollte Verteidigungsminister Perry zufolge "die andauernden Friedensverhandlungen fördern ...zu einer erheblichen Reduzierung der Opferunter der Zivilbevölkerung führen und... durchsetzbar
sein".
In einer Rede vor der National Security Industrial Association erklärte Perry am 10. März 1994: "Die NATOUltimaten zur Einstellung der Bombardierung Sarajevos aus der Luft und mit Artillerie haben alle diese Kriterien
erfüllt, und alle waren erfolgreich."
Er stellte fest, für die Vereinigten Staaten liege der "Hauptschwerpunkt" im ehemaligen Jugoslawien auf
Maßnahmen, die eine Ausbreitung des Krieges verhindern. Zu diesem Zweck hätten die Vereinigten Staaten
"eine kleine Infanterieeinheit in Mazedonien" stationiert, um sich an einer UNO-Friedenstruppe zu beteiligen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem vorbereiteten Redetext von Verteidigungsminister Perry.

Wann und wie amerikanische Militärmacht eingesetzt
werden soll, ist aufgrund der komplexen Sicherheitsprobleme, mit denen die Welt konfrontiert ist, eine der
schwierigsten Fragen, die ein Präsident heute zu
bewältigen hat. Im Zweiten Weltkrieg kämpften wir um
unser Überleben als Nation. Infolgedessen waren wir
verpflichtet, die gesamte militärische Streitmacht einzusetzen, die für den totalen Sieg erforderlich war. In
unseren militärischen Engagements seit dem Zweiten
Weltkrieg haben wir niemals die gesamte uns zur
Verfügung stehende Militärmacht eingesetzt. Im Koreakrieg setzten wir keine Atombomben ein, auch als
unsere Bodentruppen in der Enklave Pusan eingekesselt waren. Ebenso setzten wir auch im Vietnamkrieg
keine Kernwaffen ein. Während der Operation Wüstensturm verzichteten wir nicht nur auf den Einsatz
von Kernwaffen, sondern zeigten darüber hinaus größte Zurückhaltung bei der Verwendung konventioneller
Waffen, indem wir unsere Angriffe auf Bagdad auf den
Einsatz von Marschflugkörpern und präzisionsgelenkter Munition gegen militärische Ziele beschränkten und
den Krieg einstellten, bevor wir die gesamte irakische
Armee vernichtet hatten. Präsident Bush entschied,
daß dieser begrenzte Einsatz militärischer Macht im
Einklang mit dem begrenzten politischen Ziel der Befreiung Kuwaits stand.
In Bosnien haben wir es heute mit noch begrenzteren
Interessen zu tun, und deshalb ist unser Einsatz miliAMERIKA DIENST 11

tärischer Gewalt ebenfalls noch stärker begrenzt. Wir
haben uns zum Beispiel auf bestimmte, sehr eng
definierte Arten des Einsatzes von Luftstreitkräften
verständigt. Aber wir haben nicht beschlossen, Bodentruppen einzusetzen, au ßer in Zusammenhang mit
der Verwirklichung einer von allen Parteien getragenen Friedensregelung. Ich werde heute abend darüber sprechen, wie wir ermittelt haben, welche Art von
militärischem Einsatz in Bosnien angemessen warund
welche Auswirkungen diese Entscheidung in naher
Zukunft für uns haben wird.
Mein Vortrag erhebt keinen Anspruch darauf, eine
allgemeine Analyse dessen zu geben, wie die Vereinigten Staaten im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
militärische Macht einsetzen sollten. Aber die Probleme, die sich uns in Bosnien stellen, sind in einiger
Hinsicht repräsentativ für eine Kategorie von nationalen Sicherheitsproblemen, wie sie in der heutigen Welt
häufig anzutreffen sind. Dazu gehört ein blutiger
Konflikt, in dem die kriegfü hrenden Parteien von tiefsitzendem Haß motiviert sind, angeheizt durch den
aggressiven Ehrgeiz von Führern, die ein "Großserbien" schaffen wollen. Senator Moynihan hat geschrieben, "Volkszugehörigkeit ist jene große verborgene Macht unseres Zeitalters". Volkszugehörigkeit
ist, wie er schreibt, eine große Macht, aber sie ist nicht
länger verborgen.

Seite 1

�Der andauernde Krieg in Bosnien nimmt seit langem
die Aufmerksamkeit unseres Volkes in Anspruch. CNN
hat seine Schrecken in unsere Wohnzimmer getragen,
darunter auch das furchtbare Massaker auf dem Markt
von Sarajevo im vergangenen Monat. Die menschlichen Opfer dieses Krieges - besonders die systematischen Tötungen und die ethnischen Säuberungen sind offenkundig und beklagenswert.

finden unter der Schirmherrschaft der Europäischen
Gemeinschaft und der Vereinten Nationen und unter
bescheidener amerikanischer Beteiligung Friedensgespräche statt. Da europäische Interessen am meisten von einer Regelung profitieren würden, war es
angemessen, daß Europa die Führung übernahm.
Dazu möchte ich feststellen, daß wirdie harte Arbeit zu
würdigen wissen, die unsere Verbündeten in die Lösung dieses komplexen und deprimierenden Zwists
Aber welche nationalen Interessen stehen für die investiert haben. Mehrmals schien ein Friedensschluß
Vereinigten Staaten in diesem Krieg auf dem Spiel? Er in greifbarer Nähe zu sein, aber jedes Mal verhinderte
betrifft nicht unser höchstes nationales Interesse: Im irgendein Hindernis seine Verwirklichung.
Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg und zum Kalten
Krieg hängt von seinem Ausgang nicht unser nationa- Als die Friedensgespräche vor einem Monat in eine
les Überleben ab. Wir könnten ihn ganz einfach Sackgasse geraten waren, legte Warren Christopher,
aussitzen. Deshalb haben einige die Ansicht vertre- ermutigt durch mehrere europäische Regierungschefs,
ten, wir sollten ihn aussitzen.
eine amerikanische Initiative vor, um Einzeltreffen mit
den kriegführenden Parteien zu veranstalten und zu
Wir haben diese Option aus zwei Gründen verworfen. versuchen, einen neuen Friedensansatz zu finden.
Erstens liegt es unbedingt in unserem nationalen Inter- Der amerikanische Emissär, Botschafter Redman,
esse zu verhindern, daß sich dieser Krieg und seine brachte Muslime und Kroaten in einem "RahmenabFolgen ausweiten - über Bosnien oder sogar über den kommen" zusammen, das den ersten Schritt eines
Balkan hinaus. Zweitens haben wir ein humanitäres möglichen umfassenden Friedensabkommens darstelInteresse daran zu versuchen, die Gewalt einzudäm- len könnte. Viel harte Arbeit liegt noch vor uns, aber es
men und das Leid zu lindern, während wir auf eine sind bereits echte Fortschritte erzielt worden.
Friedensregelung hinarbeiten.
Die Hauptgrundlage dieser Initiative bildete die erneuDies sind reale Interessen, und wir nehmen sie ernst, te Demonstration der Entschlossenheit durch die NATO,
aber es sind begrenzte Interessen und nehmen im der Diplomatie mit einer glaubwürdigen Androhung
Hinblick darauf, was für Amerika auf dem Spiel steht, von Gewalt Nachdruck zu verleihen und das Ausmaß
einen unterschiedlichen Stellenwert ein. Unser Han- der Gewalt zu verringern, während die Gespräche
deln muß mit diesen Interessen im Einklang stehen. stattfanden. Am 9. Februar 1994 erklärte sich die
Wie können wir also diese begrenzten Interessen NATO mit führender Beteiligung der Vereinigten Staawirkungsvoll fördern und gleichzeitig die Risiken für ten und als Reaktion auf ein Ersuchen und eine Resounser Volk und die Kosten in einem akzeptablen lution des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen bereit,
Rahmen halten?
ihre Luftstreitmacht einzusetzen, um die Beschießung
Sarajevos mit Artillerie zu unterbinden.
Unser Hauptschwerpunkt liegt auf Maßnahmen, die
eine Ausbreitung des Krieges verhindern können, denn Diese Initiative gründete sich auf die seit langem
unsere wichtigsten nationalen Sicherheitsinteressen bestehenden und von der NATO durchgesetzten
liegen auf diesem Gebiet. Wir haben in dieser Hinsicht Bemühungen, die Bombardiert! ng von Städten aus der
einen bescheidenen aber doch bedeutungsvollen Schritt Luft zu beenden und andere Einsatzmöglichkeiten des
unternommen, nämlich eine kleine Infanterieeinheit in taktischen Luftkrieges zu verhindern. Dies wurde
Mazedonien stationiert, um uns an einer dort einge- durch die Verhängung einer "Flugverbotszone" über
setzten UNO-Friedenstruppe zu beteiligen. Diese Bosnien sowie die Durchsetzung dieser Politik durch
Friedenstruppe soll die Lage dort beobachten und die Stationierung einer schlagkräftigen Luftflotte der
durch ihre Präsenz dazu beitragen, eine Ausbreitung NATO in Italien und der Adria verwirklicht, die rund um
des Krieges zu verhindern, was dort aufgrund der die Uhr über Bosnien patrouilliert. Während der verMöglichkeit von besonderer Bedeutung ist, daß Grie- gangenen zehn Monate hat diese NATO-Flotte die
chenland und die Türkei in einen mazedonischen Krieg Bombardierung bosnischer Städte erfolgreich verhinhineingezogen werden könnten. Es ist diese Besorg- dert, besonders im Vergleich zu den häufigen Bombarnis über eine Ausbreitung des Konflikts, die das größte dierungen, die vor der Verhängung der FlugverbotszoRisiko für amerikanische Interessen darstellt.
ne stattfanden. Die erste militärisch bedeutsame
Verletzung ereignete sich in der vergangenen Woche.
Die Friedenstruppe in Mazedonien bietet eine beJagdflugzeuge der NATO reagierten, indem sie vier
grenzte Abschreckung, aberdiebeste Möglichkeit, um
der sechs Maschinen abschössen, die das Flugverbot
eine Ausbreitung des Krieges zu verhindern, besteht
verletzt hatten.
darin, ihn so rasch wie möglich zu beenden. Deshalb
ist es unser Hauptziel, eine auf dem Verhandlungsweg Die Beschießung Sarajevos mit Artillerie wurde durch
erzielte Friedensregelung zwischen den kriegführen- die Verhängung einer Politik der "Nichtbeschießung"in
den Parteien zu fördern. Seit nahezu zwei Jahren Sarajevo unterbunden. Die NATO erklärte, sie werde
Seite 2

AMERIKA DIENST 11

�jedes Geschütz angreifen, das auf Sarajevo feuere
oder innerhalb einer Zone von 20 Kilometern um
Sarajevo nicht der Kontrolle der Vereinten Nationen
unterstellt werde. Dieses Vorgehen resultierte aus der
erschreckend hohen Zahl von Zivilisten, die dem täglichen Beschuß Sarajevos zum Opfer fielen. In Sarajevo waren bisher 10.000 Tote und 40.000 Verwundete
zu beklagen, viele Opfer von Artilleriebeschuß. Nach
der Verkündung des NATO-Ultimatums hat Sarajevo
seit über 20 Tagen keine Artillerieangriffe erlebt, während
in den Monaten Dezember und Januar häufig über
tausend Granaten täglich auf die Stadt niedergingen.
Aber die Kämpfe dauern an, und sie finden auf eine Art
und Weise statt, die aus der Luft alleine nur schwer zu
beeinflussen ist - insbesondere die Nahkämpfe mit
Handfeuerwaffen um zahlreiche Städte und Dörfer
Bosniens herum. Deshalb haben wir auch Programme
zur Milderung der Folgen der Gewalt eingerichtet, die
sich aus dieser Art von Kriegführung ergeben. Die
Vereinten Nationen haben zu diesem Zweck 14.000
Soldaten in Bosnien stationiert, und eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist der Schutz von Hilfskonvois, die
Nahrung, Medikamente und Kleidung in die belagerten
Städte Bosniens bringen. Hier besteht die Rolle der
NATO-Luftstreitkräfte darin, den UNO-Bodentruppen
auf Anforderung Luftnahunterstützung zu leisten. Femer
haben die Vereinigten Staaten und andere Länder ein
umfangreiches Programm in Gang gesetzt, um Hilfsgüter über Luftbrücken und durch Abwurf per Fallschirm zu liefern. Dieses Programm umfaßte Zehntausende von Soldaten, Millionen Pfund Nahrungsmittel, Medikamente und sonstiges Material sowie Milliarden von Dollar.

3. sie sollte mit dem Einsatz von NATO-Luftstreitkräften und UNO-Bodentruppen durchsetzbar sein. Wir möchten keine leeren Drohungen
abgeben.
Die NATO-UKimaten zur Einstellung der Bombardierung Sarajevos ausder Luft und mit Artillerie haben alle
diese Kriterien erfüllt, und alle waren erfolgreich. Die
Ausdehnung dieser Ultimaten auf zu Schutzzonen
erklärte Städte, in denen militärische Aktionen hauptsächlich von Infanteristen oder Guerilla-Kämpfern in
bebauten Gebieten durchgeführt werden, könnte mit
Luftstreitkräften der NATO nicht durchgesetzt werden.
Der Einsatz von Luftstreitkräften könnte in solchen
Situationen sogar die Zahl der zivilen Opfer erhöhen
anstatt sie zu senken. Ich erinnere mich an eine
Beobachtung während des Vietnamkrieges, daß "wir
ein Dorf zerstören mußten, um es zu retten". Falls
jedoch der Kommandeur der UNO-Truppen, Generalleutnant Rose, den Umfang und die Aggressivität
seiner Bodentruppen steigern sollte, könnte die NATO
sehr wohl dazu aufgefordert werden, den UNO-Streitkräften Luftnahunterstützung zu gewähren, und die
Luftflotte der NATO ist bereit, genau dies zu tun.
Diese Militäraktionen der NATO haben nicht nur das
Ausmaß der Gewaltanwendung in Bosnien verringert,
sondern sind überdies zweifellos ein Impuls für die
Friedensgespräche gewesen, indem sie die Entschlossenheit der NATO, insbesondere der Vereinigten
Staaten, unter Beweis stellten. Und genau darauf
kommt es an, denn die Zukunft Bosniens hängt hauptsächlich vom Ausgang dieser Friedensgespräche ab.

Infolge der neuen amerikanischen Friedensinitiative
haben die bosnische Regierung, die bosnischen Kroaten und die Republik Kroatien vergangene Woche ein
"Rahmenabkommen" unterzeichnet. Dieses Abkommen sieht eine Föderative Republik in den Teilen von
Bosnien-Herzegowina vor, die von der bosnischen
Regierung und den bosnischen Kroaten kontrolliert
werden. Sie verständigten sich femer auf die Umrisse
einer Konföderation zwischen dieser neuen Föderativen Republik und der Republik Kroatien. Diese Woche
befindet sich Botschafter Redman mit Vertretern dieViele haben vorgeschlagen, die Vereinigten Staaten ser drei Parteien in Wien, um die politischen Einzelheiund die NATO sollten auf ihrem erfolgreichen Einsatz ten dieser Übereinkommen auszuarbeiten, einschließvon Luftstreitkräften zur Eindämmung der Gewalt lich einer Verfassung für die neue Föderation. Gleichaufbau en und den Schutz der NATO auf zusätzliche zu zeitig ist General i.R. John Galvin mit führenden Mili"Schutzzonen" erklärte Städte in Bosnien erweitern. tärs derdrei Parteien in Kroatien, um die erforderlichen
Ich bin der Meinung, daß jede vorgeschlagene Erwei- militärischen Arrangements auszuarbeiten.
terung des militärischen Einsatzes der NATO die folAlle drei Unterzeichner der Washingtoner Vereinbagenden drei Kriterien erfüllen sollte:
rungen würdigten die Führungsrolle der Vereinigten
1. Sie sollte die andauernden Friedensverhand- Staaten beim Zustandekommen dieser Abkommen.
Der Ministerpräsident der Republik Bosnien-Herzegolungen fördern,
wina erklärte sogar, die Übereinkunft "wäre ohne die
2. sie sollte zu einer erheblichen Reduzierung amerikanische Führungsrolle nicht möglich gewesen".
der Opfer unter der Zivilbevölkerung führen,
Er stellte jedoch auch fest, daß noch viel harte Arbeit
zu leisten sei, um die bosnischen Serben konstruktiv in
diese Friedensgespräche einzubeziehen.
Nach fast zwei Jahren der Gewalt und gescheiterten
Friedensbemühungen scheinen wir auf dem Weg zum
Frieden in Bosnien einige Fortschritte zu machen.
Aber wie werden die nächsten Schritte aussehen?
Und wohin werden sie führen? Jeder, der versucht, die
Ereignisse auf dem Balkan vorherzusagen, ist entweder mutig oder töricht. Mit dieser Einschränkung
werde ich mutig, aber hoffentlich nicht töricht fortfahren.

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�Hier kann Rußland eine Rolle spielen. Es hat einige
Besorgnis über das russische Engagement in Bosnien
angesichts der Tatsache gegeben, daß die amerikanischen und russischen Interessen auf dem Balkan nicht
völlig identisch sind. Bisher jedoch hat Rußland eine
konstruktive Rolle gespielt, indem es die Serben aufforderte, sich dem NATO-Ultimatum mit der Androhung von Luftangriffen zu fügen. Das russische Angebot, unter dem Dach der Vereinten Nationen zivile
Beobachter nach Tuzla zu entsenden, war entscheidend für die Bereitschaft der Serben, den Flugplatz
wieder für Hilfslieferungen zu öffnen. Wie Präsident
Clinton und ich gegenüber Präsident Jelzin und Verteidigungsminister Gratschow deutlich gemacht haben,
begrüßen wir die konstruktive Beteiligung Rußlands
am Friedensprozeß.
Es gibt viele Möglichkeiten, um die Fortschritte in
Bosnien zum Scheitern zu bringen. Aber durch die
serbische Annahme des NATO-Urtimatums zur Einstellung der Beschießung Sarajevos und durch das
Rahmenabkommen danach wurde in Bosnien in den
vergangenen Wochen zweimal das Schlimmste verhindert. Dies ist eine Bestätigung der Tatsache, daß
die Diplomatie Erfolg haben kann, wenn sie durch die
glaubwürdige Androhung von Gewalt unterstützt wird.

Bosnien optimistisch zu sein. Wenn man jedoch sieht,
daß nicht immer das schlechtestmögliehe Resultat
eintritt, gibt es Grund zu der Hoffnung, daß die kriegführenden Parteien vielleicht doch ein Abkommen
unterzeichnen werden, das der Gewalt ein Ende bereitet. Wenn dies geschieht - und wir sollten heute
hoffnungsvoller sein als noch vor wenigen Wochen sind die Vereinigten Staaten willens, eine wichtige
Rolle bei der Verwirklichung eines Friedensabkommens zu spielen. Mit der Zustimmung des Kongresses
sind wir bereit, ein unter NATO-Befehl stehendes
größeres Truppenkontingent nach Bosnien zu entsenden, um friedenserhaltende Maßnahmen durchzuführen.
NNNN

Berichtigung:
•

Im vierten Absatz des Artikels "Bosnier und Kroaten
schließen historisches Rahmenabkommen" (AD 9,10.
März 1994) wird Kresimir Zubak irrtümlicherweise als
Vertreter
der bosnischen Serben bezeichnet. Er ist ein
Es ist schwer, nach so vielen Monaten des BlutvergieVertreter
der bosnischen Kroaten.
ßens und der verpaßten Gelegenheiten im Hinblick auf

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 11

�EINDÄMMUNG
16. März 1994

KONFRONTATION MIT REAKTIONÄREN STAATEN
von Anthony Lake
WASHINGTON - (AD) - Der Verfasser ist Referent des Präsidenten für nationale Sicherheitsbelange. Der
folgende Artikel wurde dem Foreign Affairs Magazine entnommen. Veröffentlichung und Übersetzung mit
freundlicher Genehmigung von Foreign Affairs, März/April 1994. Copyright (c) 1994, Council on Foreign
Relations, Inc.

Eine Gruppe Geächteter
Das Ende des Kalten Krieges und das Entstehen
neuer unabhängiger Staaten in Osteuropa haben das
Potential zu einer dramatischen Erweiterung der internationalen Staatengemeinschaft, die sich jetzt dem
Aufbau demokratischer Institutionen, der Erweiterung
freier Märkte, der friedlichen Schlichtung von Konflikten und der Förderung kollektiver Sicherheit verpflichtet hat. Um ihrer Interessen und Ideale willen kommt
den Vereinigten Staaten eine besondere Verantwortung zum Schutz und zur Förderung dieser grundlegenden Werte zu. Wie der Präsident in seiner Rede
zur Lage der Nation dargelegt hat, ist die Außenpolitik
der Clinton-Administration vornehmlich auf diese
Bestrebungen ausgerichtet.

Beteiligung des Volkes, die die bestehenden Regime
unterminieren könnte. Diese Nationen stellen eine
chronische Unfähigkeit zu konstruktivem Engagement
mit der übrigen Welt unter Beweis, und in Bündnissen
funktionieren sie nicht effektiv - selbst mit Gleichgesinnten. Sie sind häufig in der Defensive und werden
in internationalen Foren zunehmend kritisiert sowie mit
Sanktionen belegt.
Und schließlich haben sie eine Belagerungsmentalität
gemeinsam. Entsprechend haben sie ehrgeizige und
kostenintensive Militärprogramme in die Wege geleitet
- insbesondere Massenvernichtungswaffen und Raketenträgersysteme - in dem fehlgeleiteten Streben nach
einem Stabilisator für den Schutz ihrer Regime oder
die Förderung ihrer Ziele im Ausland.

Als einzige Supermacht haben die Vereinigten Staaten
eine besondere Verantwortung zur Erarbeitung einer
Strategie, um die reaktionären Staaten zu neutralisieren, einzudämmen und durch selektiven Druck vielleicht letztlich in konstruktive Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft umzuwandeln. Jeder
reaktionäre Staat ist in seiner Geschichte, Kultur und
mit seinen Gegebenheiten einzigartig, und die Strategie der Vereinigten Staaten wurde darauf zugeschnitten. Es gibt jedoch einen gemeinsamen Nenner. In
jedem Fall unterhalten wir Bündnisse und stationieren
zur Abschreckung oder Reaktion auf jeden aggressiven Akt ausreichende militärische Fähigkeiten. Wir
wollen den Einfluß dieser Staaten eindämmen, manchmal durch Isolation, manchmal durch Druck, manchmal durch diplomatische und wirtschaftliche MaßnahDiese reaktionären Staaten haben einigegemeinsame men. Wir ermutigen die übrige internationale StaatenCharakteristika. Regiert von Cliquen, die Macht durch gemeinschaft, mit uns gemeinsam konzertierte BeZwang kontrollieren, unterdrücken sie grundlegende strebungen durchzuführen. Im Falle von Irak und
Menschenrechte und fördern radikale Ideologien. Libyen haben wir beispielsweise bereits einen starken,
Obwohl ihre politischen Systeme sich unterscheiden, durch UN-Resolutionen untermauerten internationateilen ihre Anführer eine Antipathie gegenüber der len Konsens erzielt.
Gleichzeitig muß sich unsere Politik mit der Realität
aufrührerischer und geächteter Staaten auseinandersetzen, die sich nicht nur gegen den Beitritt zur internationalen Staatengemeinschaft entschieden haben,
sondern auch deren Grundwerte angreifen. Es gibt
wenige "reaktionäre" Staaten: Kuba, Nordkorea, Iran,
Irak und Libyen. Zur Zeit mangelt es ihnen an den
Ressourcen einer Supermacht, die ihnen eine ernsthafte Bedrohung der um sie herum geschaffenen
demokratischen Ordnung gestatten würden. Dennoch
ist ihr Verhalten häufig aggressiv und herausfordernd.
Die Bande zwischen ihnen verstärken sich, während
sie versuchen, einen globalen Trend, an den sie sich
offensichtlich nicht anpassen können, zu vereiteln
oder sich von ihm zu isolieren.

AMERIKA DIENST 11

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten engagieren sich darüber hinaus aktiv für unilaterale und multilaterale Bestrebungen zur Begrenzung der militärischen und technologischen Fähigkeiten dieser Staaten. Nachrichtendienste, Terrorismusbekämpfung und multilaterale Exportkontrollmaßnahmen insbesondere für Massenvernichtungswaffen und ihre Trägersysteme werden angewandt. Im Falle Nordkoreas bereitet uns zum Beispiel
das Nuklearprogramm dieses Landes größte Sorge.
Die Aussicht eines Nordkorea im Besitz von Atomwaffen birgt außerordentliche Risiken für unsere Sicherheitsinteressen in Asien und die Integrität des globalen
Nichtverbreitungsregimes. Das militärische Engagement der Vereinigten Staaten fü r die Sicherheit Südkoreas ist unerschütterlich. Die Vereinigten Staaten
führen internationale Bestrebungen an, Nordkorea von
einer Umkehr dieses Kurses zu überzeugen. Gleichzeitig haben wir Pjöngjang gegenüber eindeutig klargestellt, daß die Türen fürbessere Beziehungen geöffnet sind, wenn dieses Land die internationale Besorgnis über sein Nuklearprogramm ausräumen kann. Ist
dies nicht der Fall, wird sich Nordkorea zunehmender
Isolierung und Härten gegenübersehen.

feindlich gesinnte Politik verfolgen. Der Aufbau eines
Regimes zur Bekämpfung des anderen wird aus diesem Grund zugunsten einer Politik der "doppelten
Eindämmung"verworfen. Bei diesem Ansatz behalten
wir die Notwendigkeit eines Kräftegleichgewichts in
dieser lebenswichtigen Region im Auge. Wir streben
mit unseren regionalen Verbündeten die Aufrechterhaltung eines günstigen Gleichgewichts an, ohne weder
vom Irak noch vom Iran abhängig zu sein. Wir können
dies tun, weil wir im Gegensatz zu vorigen Administrationen eine Reihe von Vorteilen haben.
Erstens hat das Ende des Kalten Krieges eine wichtige
strategische Erwägung aus unseren Kalkulationen
verbannt. Wir müssen nicht länger Bestrebungen der
Sowjetunion fürchten, am Persischen Golf Fuß zu
fassen, indem sie unsere Unterstützung für einen
dieser Staaten nutzt, um Beziehungen zu dem anderen aufzubauen.. Die strategische Bedeutung von Irak
und Iran wurde aus diesem Grund drastisch verringert
und ihre Fähigkeit beseitigt, die Supermächte gegeneinander auszuspielen.

Zweitens wurde im letzten Jahrzehnt ein regionales
Kräftegleichgewicht zwischen Iran und Irak auf einem
sehr viel niedrigeren Niveau militärischer Fähigkeiten
hergestellt. Der Sieg des Irak im iranisch-irakischen
Krieg hat die konventionellen Offensivfähigkeiten des
Iran erheblich verringert. Und die Niederlage des Irak
bei der Operation Wüstensturm hat seine Offensivfähigkeiten beträchtlich reduziert und seine Massenvernichtungswaffen strenger Kontrolle unterstellt. Ohne
die Unterstützung einer alternativen Supermacht sehen sich diese beiden Staaten jetzt ernsthaften SchwieDas strategische Grundprinzip in der Persischen Golf- rigkeiten bei der Herausforderung der amerikanischen
region besteht in der Schaffung eines günstigen Kräf- Macht ausgesetzt.
tegleichgewichts, das entscheidende amerikanische
Interessen an der Sicherheit unserer Freunde und am Drittens zögern die Staaten des Golfkooperationsrats
freien Fluß von öl zu stabilen Preisen schützt. Unter infolge der irakischen Invasion in Kuwait weniger,
früheren Administrationen wurde dies durch das Zu- Sicherheits- und Voreinlagerungsarrangements mit
rückgreifen auf eine Regionalmacht zum Ausgleich der Washington einzugehen. Diese Arrangements verleianderen bewirkt. Die Vereinigten Staaten bauten hen unseren Streitkräften die Fähigkeit zur Stationiezuerst den Iran unter dem Schah als hypothetischen rung am Persischen Golf gegen jede Bedrohung, die
regionalen Pfeiler der Stabilität auf. Dann unterstütz- entweder der Irak oder der Iran für diese Staaten
ten sie Saddam Husseins Irak in seinem Krieg mit dem darstellen könnte.
revolutionären Iran zur Eindämmung des Einflusses
Schließlich sind die allgemeinen Trends in der Region
von Khomenis islamischer Regierung. Beide Ansätze
positiv. Washington unterhält gute Beziehungen zu
erwiesen sich als verheerend. Im Falle des Schah
den anderen wichtigen Mächten der Region: Ägypten,
brach die amerikanische Strategie für regionale StabiIsrael, der Türkei und Saudi-Arabien. Fortschritte bei
lität mit seinem Sturz zusammen. Und im Falle von
der Lösung des arabisch-israelischen Konflikts festiSaddam Hussein war ihm die Unterstützung der Vergen unsere Position in der arabischen Welt u nd vertieeinigten Staaten bei der Beschaffung eines massiven
fen die Bande zwischen unseren regionalen Verbünkonventionellen Rüstungsarsenals behilflich, das er
deten. Sie verstärken die Isolation von Irak und Iran
erst erneut gegen sein eigenes Volk und später gegen
und verringern gleichzeitig deren Fähigkeit zur NutKuwait einsetzte.
zung des arabisch-israelischen Konflikts fürdie Förderung ihrer regionalen Ambitionen. Die von den VereiDie Logik doppelter Eindämmung
nigten Staaten angestrebte umfassende Lösung wird
den
Irak der Möglichkeit zur Manipulation der palästiDie Strategie der Clinton-Administration gegenüber
nensischen
Sache und den Iran seiner Fähigkeit zum
diesen reaktionären Staaten geht von der Prämisse
Schüren
von
Aufruhr im Libanon berauben.
aus, daß heute beide Regime eine unseren Interessen
Ebenso wie Nordkorea stellen Irak und Iran eine ernsthafte Herausforderung für unsere Nichtverbreitungsbestrebungen dar. Weil sie jedoch nebeneinander an
der Küste des lebenswichtigen Persischen Golfs gelegen sind, wo sich 65 Prozent der ölreserven der Welt
befinden, stellen diese beiden reaktionären Staaten
auch ein komplexes strategisches Puzzle dar, mit dem
sich drei vorige amerikanische Administrationen auseinandersetzen mußten.

Seite 2

AMERIKA DIENST 11

�Kurzum, bis sich die Gegebenheiten ändern, besteht
keine Notwendigkeit, auf den Irak oder Iran bei der
Aufrechterhaltung eines günstigen Gleichgewichts sowie
dem Schutz amerikanischer Freunde und Interessen
am Golf zurückzugreifen. Die Clinton-Administration
ist zuversichtlich, daß wirdiese Situation für einige Zeit
bewahren können, vor allem, weil wir mit unseren
regionalen Freunden über die gemeinsamen Bedrohungen und deren Bewältigung einer Meinung sind.
Während wir auf die Konsolidierung dieser positiven
Trends hinarbeiten, beobachten wir die Möglichkeit
eines Wandels weiterhin wachsam.
"Doppelte Eindämmung" bedeutet nicht duplizierte
Eindämmung. Der Hauptzweck besteht in der Bekämpfung der Feindseligkeit von Bagdad undTeheran
gleichermaßen, die von den beiden Regimen ausgehenden Herausforderungen sind jedoch unterschiedlich und benötigen daher gezielte Ansätze. Obwohl
Nachbarn, sind die beiden Staaten in Kultur und historischer Erfahrung sehr unterschiedlich. In Saddan
Husseins Regime sehen sich die Vereinigten Staaten
mit aggressiver, modernistischer, säkularer Habgier
konfrontiert. Im Iran werden sie durch ein theokratisches Regime mit einem Gefühl der kulturellen und
politischen Schicksalsergebenhert und tiefsitzender
Feindschaft gegenüber den Vereinigten Staaten herausgefordert.
Im Irak ist das Regime sowohl für Kriegsverbrechen als
auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich - ein Regime, dessen Invasion in Kuwait und
Giftgasangriffe auf die eigene Bevölkerung es zu einem internationalen Renegaten gemacht haben. Im
Iran nach Khomeni verhält sich das revolutionäre
Regime noch immer in verabscheuungswürdiger Weise.
Dennoch lehnt die Clinton-Administration weder die
islamische Regierung ab noch strebt sie den Sturz des
Regimes an. Wir sind in der Tat weiterhin zu einem
offiziellen Dialog bereit, in dem wir die Aspekte des
iranischen Verhaltens ansprechen werden, die uns
soviel Anlaß zur Sorge bereiten.
Die Eindämmung des Irak stellt eine andere Herausforderung dar als die Eindämmung des Iran. Nachdem
Golfkrieg setzten die Vereinten Nationen ein weitreichendes Regime ein um sicherzustellen, daß der Irak
nie wieder seine Nachbarn oder den Weltfrieden bedroht, und um Saddam Husseins Aggression gegen
irakische Staatsbürger abzuschrecken. Drei Jahre
nach der Invasion Kuwaits sind die Sanktionen noch
immer in Kraft. Die internationale Staatengemeinschaft ist durch Saddam Husseins Verhalten alarmiert
genug und seinen Absichten gegenüber mißtrauisch
genug, um Washingtons Beharren auf uneingeschränkter Einhaltung aller relevanten Resolutionen des UNSicherheitsrats zu unterstützen.
Noch heute verfolgt Saddams Armee die systematische Zerstörung der versprengten arabischen Bevölkerung im südlichen Irak, während er eine Kampagne
AMERIKA DIENST 11

des Terrors und der Blockaden gegen kurdische, turkmenische und andere Volksgruppen im Nordirak führt.
Obwohl das irakische Regime mit der UN-Sonderkommission für den Irak (UNSCOM) kooperiert, unterhält
es auch verdeckte Bestrebungen zur Beschaffung von
Material zur Herstellung von Raketentreibstoff und
verweigert die vollständige Offenlegung seiner Waffenprogramme. Daher überrascht es kaum, daß die
Sanktionen ohne große Diskussionen alle 60 Tage
verlängert wurden.
In jüngster Zeit hat der Irak Anzeichen einer Änderung
seiner Einstellung gegenüber einigen Forderungen
der UNO gezeigt, wie durch die kürzliche Annahme
von Resolution 715 des UN-Sicherheitsrats unter Beweis
gestellt, die langfristige Überwachung seiner Programme für Massenvernichtungswaffen vorsieht. Diese
Einwilligung geht jedoch einher mit der kontinuierlichen Ablehnung anderer Sicherheitsratsresolutionen,
insbesondere der Weigerung zur Anerkennung der
Souveränität und Grenzen von Kuwait. Der Widerstand erfolgt also unter dem Deckmantel der Einhaltung. Es gibt vielfältige Beweise für die Annahme, daß
der einzige Grund für die beginnende Zusammenarbeit des Irak mit UNSCOM in der Aufhebung der
Sanktionen besteht. Sobald das Öl wieder fließt, muß
Washington davon ausgehen, daß Saddam die Zusage zu langfristiger Überwachung bricht und seine
Programme für Massenvernichtungswaffen wieder
aufbaut. Bevor eine Aufhebung der Sanktionen für
Erdöl in Erwägung gezogen wird, sollte daher ein
hohes Maß an Vertrauen herrschen, daß der Irak nicht
nur die technischen Anforderungen der Bestimmungen für Massenvernichtungswaffen uneingeschränkt
einhält, sondern dies auch auf unbegrenzte Dauer tun
wird. Wie der UNSCOM-Vorsitzende Rolf Ekeus
wiederholt erklärt hat, wird dies eine lange Erprobungszeit der ständigen Überwachungssysteme erforderlich machen. Dieser Vorschlag wurde von
Washington und seinen Partnern im UN-Sicherheitsrat
angenommen. Man ist sich auch der Tatsache bewußt, daß die Überprüfung des Sanktionsregimes
durch den Rat von Saddam Husseins weiteren Absichten beeinflußt wird, fürdie es reichhaltige Beweise gibt.
Die UN-Resolutionen spiegeln auch den internationalen Konsens fürdie Unterstützung zur Beendigung der
Unterdrückung der irakischen Bevölkerung durch
Saddam Hussein wider. In enger Zusammenarbeit mit
den UN-Behörden und internationalen Menschenrechtsorganisationen lenken wir die Aufmerksamkeit auf das
Leiden der Iraker, die von diesem Regime grausam
behandelt werden und Menschenrechtsbeobachter im
Land fordern. Die Clinton-Administration leistet auch
direkte humanitäre Hilfe für die Kurden und andere
Volksgruppen im Nordirak, während sie ihr Leben und
ihre Unterkünfte unter dem Schutz der Koalitionsstreitmacht wieder aufbauen, die Saddams brutale Akte
abschreckt.

Seite 3

�Die humanitären Bestrebungen der internationalen
Staatengemeinschaft im Irak sind ein deutlicher Beweis ihrer Sorge um das Leiden des irakischen Volkes.
Sie ist sich darüber hinaus der Auswirkungen der
Sanktionen auf das tägliche Leben der Iraker bewußt.
Die Resolutionen 706 und 712 des UN-Sicherheitsrats
- deren Umsetzung Saddam Hussein verweigert wurden speziell zur Milderung des Leidens eingeführt.
Sie würden dem Irak den Verkauf begrenzter Mengen
von öl zur Finanzierung des Kaufs von Nahrungsmitteln und anderen humanitären Gütern unter der Voraussetzung gestatten, daß der Verkauf und die Verteilung der Güter von den Vereinten Nationen überwacht
wird. Es sollte daher klar sein, daß Saddam Hussein,
nicht die internationale Staatengemeinschaft, für das
andauernde Leiden verantwortlich ist.
Als ein Signal unseres Interesses an einem demokratischen Irak unterstützt die Clinton-Administration auch
die Ziele des irakischen Nationalkongresses (Iraqi
National Congress - INC), der im Exil tätigen Organisation, die ein breites Sprektrum religiöser, weltlicher und
ethnischer Gruppen vertritt. Der INC hat vor kurzem
seine Basis erweitert, Einrichtungen im Nordirak gegründet und seine Verbindungen zu den benachbarten
arabischen Regierungen vertieft, die ebenfalls die beiden
Ziele anstreben, die territoriale Integrität des Irak zu
bewahren und gleichzeitig eine repräsentative und
freundlich gesinnte Regierung in Bagdad zu fördern.

Die Aussöhnung wird schwierig sein, die Entscheidung
liegt jedoch beim Iran.
Der Streit zwischen den Vereinigten Staaten und dem
Iran sollte nicht als "Kollision von Zivilisationen" oder
Widerstand gegen den Iran als theokratischem Staat
fehlinterpretiert werden. Washington stellt die "islamische" Dimension der Islamischen Republik Iran nicht in
Frage. Wie Präsident Clinton erklärt hat, hegen die
Vereinigten Staaten tiefen Respekt für die Religion und
Kultur des Islam. Es ist der Extremismus - sei er
religiös oder säkular - den wir ablehnen. Die Vereinigten Staaten sind besorgt über die Aktionen und Maßnahmen der Teheraner Regierung. Der Iran unterhält
aktiv verdeckte Bestrebungen zur Beschaffung von
nuklearen und anderen nichtkonventionellen Waffen
sowie von Raketenträgersystemen längerer Reichweite. Er steht bei der Förderung von Terrorismus und
Mordanschlägen an erster Stelle weltweit. Der Iran
lehnt den arabisch-israelischen Friedensprozeß mit
ätzender Gewalt ab. Er versucht, freundlich gesinnte
Regierungen im gesamten Nahen Osten und in Teilen
Afrikas zu unterwandern. Es strebt die Beschaffung
konventioneller Offensivfähigkeiten zur Bedrohung
seiner kleineren Nachbarstaaten am Golf an. Die
Bilanz der Behandlung irakischer Bürger durch den
eigenen Staat - insbesondere von Frauen und religiösen Minderheiten - ist zutiefst beunruhigend.

Bei der Bewältigung dieser vielfältigen Herausforderungen sieht sich die Clinton-Administration einer einfacheren Aufgabe gegenüber als im Falle des Irak, weil
die iranischen Massenvernichtungswaffen sich in einem relativ frühen Entwicklungsstadium befinden. In
diesem Sinne hat die Administration jetzt die Chance,
den Iran davon abzuhalten, in fünf Jahren das zu
werden, was der Irak vor fünf Jahren war. Die Eindämmung wird jedoch auch erschwert, weil die Administration nicht durch einen internationalen Konsens unterstützt wird, der in Resolutionen des UN-SicherheitsDie Herausforderung von Teheran
rats seinen Niederschlag findet, wie im Falle Iraks.
Darüber hinaus wurden nicht so umfassende SanktioDer Iran stellt gleichermaßen eine kleinere wie auch
nen verhängt, um Veränderungen in Irans inakzeptaeine größere Herausforderung dar. Einerseits geht die
blem Verhalten zu bewirken. Vorige Administrationen
Clinton-Administration nicht auf Konfrontationskurs mit
haben sich an der Förderung der "Gemäßigten" im Iran
einem offen aggressiven Staat, der in ein schwächeres
versucht. Aus dieser Erfahrung haben wir gelernt, daß
Nachbarland einmarschiert ist und es besetzt hat.
eben diese "Gemäßigten" für die Maßnahmen verantNormalere Beziehungen zu der Regierung in Teheran
wortlich sind, die wir so verabscheuungswürdig finden.
sind denkbar, sobald das Land seine Bereitschaft zur
Das wirtschaftliche Mißmanangement des Iran hat
Einhaltung der internationalen Normen und den Verjedoch zusammen mit dem Nachgeben der Preise auf
zicht auf Maßnahmen und Aktionen erklärt hat, die
dem Ölmarkt zu einer verzweifelten Wirtschaftslage
dem regionalen Frieden und der Sicherheit zuwiderfür die iranische Regierung geführt. Angesichts einer
laufen. Andererseits sind politische Differenzen mit
30prozentigen Inflation, einer Verschuldung von 30
dem Iran nicht leicht zu lösen. Der Iran ist ein revoluMilliarden Dollar und Rückständen von 5 Milliarden
tionärer Staat, dessen Führer einen tiefverwurzelten
Dollar bei kurzfristigen Rückzahlungen steht der Iran
Groll über die engen Bande zwischen den Vereinigten
nicht länger als vielversprechender Wirtschaftspartner
Staaten und dem Schah hegen. Seine revolutionären
da. Das untermauert das Argument gegenüber den
und militanten Botschaften zeigen offene Feindschaft
amerikanischen Verbündeten gegen eine Verbessegegenüber den Vereinigten Staaten und ihren Hauptrung ihrer Beziehungen aus rein wirtschaftlichen
interessen. Diese grundlegende politische Realität
Gesichtspunkten.
wird die Beziehungen in absehbarer Zukunft gestalten.
Trotz Saddams Bestrebungen, Loyalität zu erkaufen,
fordern die Sanktionen ihren Tribut im entscheidenden
inneren Kreis, von dem das Regime abhängt. Berichte
über Putschversuche und Aufruhr unter der relativ
privilegierten irakischen Elite mehren sich. Diese
Tendenzen könnten zu neuen Gegebenheiten für die
irakische Bevölkerung und neuen Chancen zum Aufbau friedlicherer und normaler Beziehungen zwischen
dem Irak und der übrigen Welt führen.

Seite 4

AMERIKA DIENST 11

�Es besteht ferner die Gefahr, daß wir bei der Verwirklichung unserer Bestrebungen, den Irak zur Einhaltung
aller UN-Resolutionen zu zwingen, dem Iran Chancen
bieten, sich ungefragt die Schwäche des Irak zunutze
zu machen. Wir konnten wieder Versuche des Iran
beobachten, Beziehungen zu den irakischen Schiiten
aufzubauen und sich in die Kurdenpolitik einzumischen. Beweise belegen jedoch, daß diese Angst
übertrieben ist. Im iranisch-irakischen Krieg haben die
irakischen Schiiten wiederholt ihre irakische und arabische Identität bewahrt und sich davor gehütet, unter
den Einfluß des Iran zu fallen. Entsprechend scheinen
sich die Bestrebungen des Iran im Norden eher auf die
Schwächung seiner eigenen separatistischen kurdischen Minderheit zu konzentrieren als die Schwächung des Irak durch die Förderung der Loslösung des
Kein Kreuzzug, sondern Engagement
Nordens anzustreben. Wie die anderen Nachbarstaaten des Irak - Syrien und die Türkei - scheint der Iran
Die Strategie der Vereinigten Staaten hängt in hohem in der Tat mehr um die Verhinderung einer Auflösung
Maße von aktiver Koordination und Konsultationen mit des Irak aus Angst besorgt, daß dies die Auflösung
freundlich gesinnten Ländern ab. Der Iran muß eine seines eigenen Hinterlands ermutigen wird.
kontinuierliche und konsequente Botschaft aus dem
Westen hören, um dessen Zustimmung er ersucht und Die Clinton-Administration hat eine realistische und
mit dem er Handel anstrebt. Wir haben einen gewissen tragfähige Politik erarbeitet, die den amerikanischen
Konsens zwischen der Europäischen Union, Kanada Interessen und Realitäten in der Persischen Golfreund Japan über die Aspekte iranischer Aktionen er- gion Rechnung trägt. Die Regime in Bagdad und
zielt, die wir als nicht hinnehmbar erachten. Einige Teheran sind heute schwächerund zunehmend in der
unserer Verbündeten vertreten jedoch die Auffassung, Defensive. Langsam aber sicher gelangen sie zu der
daß die regionale Politik sich vornehmlich auf positive Erkenntnis, daß für ihre starrsinnige Haltung, auf der
Anreize für den Iran gründen muß. Die Bilanz belegt falschen Seite der Geschichte stehen zu bleiben, ein
allerdings unmißverständlich, daß positive Anreize wie Preis bezahlt werden muß. Dies ist kein Kreuzzug,
Handelskonzessionen und Auslandshilfe oder die sondern es sind echte und verantwortungsvolle BeUmschuldung von Anleihen nicht zu einer echten strebungen, auf lange Sicht amerikanische strategiVeränderung von Irans inakzeptablem Verhalten füh- sche Interessen zu schützen, das internationale Syren. Die wirksamste Botschaft ist eine konsequente: stem zu stabilisieren und die Verpflichtung der internaKeine Normalisierung der Beziehungen, bis diese tionalen Staatengemeinschaft zu Demokratie, freien
Aktionen eingestellt werden. Wir scheuen jedoch Märkten und Frieden zu erweitern.
keinen offiziellen Dialog. Dialog und Druck sind keine
sich gegenseitig ausschließenden politischen Ansät- Vor 47 Jahren brachte George Kennan in einem unter
ze.
Pseudonym in dieser Zeitschrift veröffentlichten Artikel triftige Gründe für die Eindämmung eines geächteDie Koppelung unserer Ansätze gegenüber Irak und ten Imperiums vor. Er argumentierte, die Vereinigten
Iran birgt gewisse Risiken. In dem Maße, in dem Druck Staaten hätten die Mittel zur Verfügung, um "den
auf diese Länder ausgeübt wird, könnten sie sich in Druck enorm zu erhöhen, unter dem die sowjetische
ihrem Widerstand gegen den Westen vereinigen. In Politik operieren muß" und dadurch den "Zusammender Tat scheinen Bagdad und Teheran trotz ihrer bruch oder den allmählichen Abbau der sowjetischen
Differenzen im vergangenen Jahr eine Form von Macht" herbeizuführen. Heute sehen sich die VereiZusammenarbeit begonnen zu haben. Letztlich sind nigten Staaten mit einer nicht so großen Herausfordedie Aussichten für Aussöhnung jedoch aus einem rung bei der Eindämmung der Gruppe von Geächteten
einfachen Grund weiterhin begrenzt: Sie mißtrauen konfrontiert, die wir als die "reaktionären Staaten"
einander mehr als den Vereinigten Staaten. Obwohl bezeichnen. Es steht immer noch in unserer Macht, zu
sie ein gemeinsames Interesse an taktischer Zusam- obsiegen.
menarbeit haben, hat keiner wirkliches Interesse am
Stärkerwerden des anderen. Jeder weiß, daß er das
erste Ziel eines wiederauflebenden Staats auf der
anderen Seite des Shatt al Arab sein wird.
Zur Abwehr des iranischen Strebens nach Vorherrschaft am Persischen Golf arbeitet Washington eng
mit freundlich gesinnten Regierungen zusammen, um
den Iran von der Beschaffung der für seine Nuklearund Chemiewaffenprogramme benötigten Importe
abzuhalten, und überwacht den Transfer von Raketen
und verwandten Systemen der derzeitigen Lieferanten
des Iran, einschließlich Nordkoreas. Das bedeutet
nicht, daß Washington die Absicht hegt, den Iran zu
isolieren oder ihm alle militärischen Güter zu verweigern. Diese Administration versucht, zwischen das
regionale Sicherheitsumfeld nicht betreffenden Verteidigungsgütern und solchen zu unterscheiden, die offensiv eingesetzt werden und die Region destabilisieren könnten.

AMERIKA DIENST 11

Seite 5

�</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </file>
  </fileContainer>
  <collection collectionId="4">
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="6534">
                <text>Dokumente</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </collection>
  <itemType itemTypeId="19">
    <name>Digitalisat</name>
    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
  </itemType>
  <elementSetContainer>
    <elementSet elementSetId="1">
      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="40">
          <name>Date</name>
          <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12037">
              <text>16.03.1994</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="51">
          <name>Type</name>
          <description>The nature or genre of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12038">
              <text>Digitalisat</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="39">
          <name>Creator</name>
          <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12039">
              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="50">
          <name>Title</name>
          <description>A name given to the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12040">
              <text>Amerikadienst 16.03.1994</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="41">
          <name>Description</name>
          <description>An account of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12041">
              <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wirtschaft, Kultur und kontinuierliches Engagement&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Holbrooke&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Arbeitswelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Japan muss Nachfrage steigern, Europa Zinssätze senken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eröffnungsansprache Präsident Clintons bei Arbeitsplatzkonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Wiederbeschäftigungsgesetz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung Präsident Clintons&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weitere NATO-Maßnahmen in Bosnien sollten Friedensgespräche fördern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry - Auszüge&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Eindämmung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Konfrontation mit reaktionären Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Anthony Lake&lt;/em&gt;</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </elementSet>
  </elementSetContainer>
</item>
