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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462C

12.Januar 1994

AUSSENPOLITIK

CLINTON UNTERSTREICHT ENGAGEMENT
DER VEREINIGTEN STAATEN FÜR EUROPA
Rede des Präsidenten in Brüssel
MILITÄRISCHE SICHERHEIT DER USA
ENG MIT DER EUROPAS VERBUNDEN
Vom Vizepräsidenten anstelle von
Präsident Clinton gehaltene Rede

NATO

PARTNERSCHAFT FÜR FRIEDEN SETZT
VISION DER NATO UM
Ansprache von Präsident Clinton
beim NATO-Gipfel
NATO-ERWEITERUNG
von Außenminister Christopher

MENSCHENVERSUCHE

CLINTON FÜR AUFDECKUNG VON
STRAHLENEXPERIMENTEN
Wiedergutmachungsfrage soll noch
geklärt werden

MARTIN LUTHER KING

MARTIN LUTHER KINGS ANLIEGEN
Gedenktag zu Ehren des Bürgerrechtlers

FILM

HOLLYWOOD 1993 - DER ROMAN
ALS DREHBUCHVORLAGE
Jahresbilanz amerikanischer Filme

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�AUSSENPOLITIK
12. Januar 1994

CLINTON UNTERSTREICHT ENGAGEMENT DER
VEREINIGTEN STAATEN FÜR EUROPA
Rede des Präsidenten in Brüssel
BRÜSSEL - (AD) - In einer am 9. Januar 1994 gehaltenen außenpolitischen Grundsatzrede erklärte Präsident
Clinton, er sei nach Europa gereist, "um zu erklären und zu demonstrieren, daß Europa von zentralem Interesse
für die Vereinigten Staaten bleibt".
Es sei an der Zeit, "unsere Partnerschaft wiederzubeleben und in einer Ära historischen Wandels eine neue
Sicherheit zu definieren", äußerte er vor einer aus Angehörigen vieler Nationalitäten bestehenden Gruppe
zukünftiger Europapolitiker in Brüssel.
"Die neue Sicherheit muß in der europäischen Intergration liegen - einer Integration von Sicherheitskräften,
Marktwirtschaften und nationalen Demokratien", stellte er fest.
Die neue Sicherheit muß ihm zufolge drei Elemente umfassen - militärische Stärke und Kooperation, lebhaftere Wirtschaftstätigkeit und die "Unterstützung der in den ehemals kommunistischen Staaten aufkeimenden
Verbreitung von Demokratie und Freiheit des einzelnen".

Vielen Dank, Herr Ministerpräsident, Herr Bürgermeister, meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist
mir eine große Freude, mit dem Ministerpräsidenten
und vielen zukünftigen führenden Politikern Europas in
diesem großartigen historischen Saal sein zu dürfen.
Ich kam zum ersten Mal als junger Mann nach Brüssel,
zu einer ganz anderen, aber schwierigen Zeit, als
unser aller Zukunft in Unsicherheit lag. Es ist angebracht, daß meine erste Europareise in meiner Eigenschaft als Präsident der Vereinigten Staaten das Ziel
verfolgt, eine bessere Zukunft für die jungen Menschen in Europa und den Vereinigten Staaten aufzubauen und daß meine Reise hier in Belgien beginnt.
Als großartige Hauptstadt und Hauptquartier der NATO
und der Europäischen Union waren Brüssel und Belgien seit langem der Mittelpunkt einer stetigen Entwicklung Europas zu größerer Sicherheit und vermehrtem Wohlstand.
An diejenigen gerichtet, die etwas über meine Person
wissen: Ich stehe seit nahezu 40 Jahren in der Schuld
dieses Landes, denn es war ein Belgier - Adolf Sax der das Saxophon erfand.
Ich bin zu diesem Zeitpunkt hierher gekommen, weil
ich der Ansicht bin, daß es an der Zeit ist, unsere
Partnerschaft wiederzubeleben und in einer Ära historischen Wandels eine neue Sicherheit zu definieren.
AMERIKA DIENST 2

Fürunsere transatlantische Partnerschaft ist ein neuer
Tag angebrochen: Der Kalte Krieg ist vorüber, Deutschland ist vereinigt, die Sowjetunion existiert nicht mehr,
und in Rußland herrscht eine konstitutionelle Demokratie. Das Gespenst, das unsere Bürger jahrzehntelang verfolgte - durch das "Fulda Gap" einrollende
Panzer oder die Vernichtung durch eine Atombombe dieses Gespenst ist Gott sei Dank verschwunden. Ihre
Generation ist der Nutznießer dieses wundervollen
Wandels.
Letztlich ist der Eiserene Vorhang von innen her verrostet und wurde durch die Entschlossenheit mutiger
Männer und Frauen zu Fall gebracht, die in Freiheit
leben wollen - Polen und Tschechen, Russen, Ukrainer und Balten - all jenen, die verstehen, daß weder die
Wirtschaftsordnung noch das Gewissen aufoktroyiert
werden können.
Ihre heroischen Anstrengungen waren jedoch - und
das ist ebenso wichtig - nicht zuletzt deshalb von Erfolg
gekrönt, weil wir nie in unserer Entschlossenheit nachließen, weil die zur Abschreckung dienenden Waffen
nie verschwanden und die Botschaft der Demokratie
immer zu hören war.
Während der Osten eine neue Geburt der Freiheit
erlebt, ist hier in Westeuropa einer der großen Siege
der Freiheit sichtbar-derfriedliche Zusammenhalt von
Seite 1

�Nationen, die jahrhundertelang in Konflikt standen.
Dieser Wandel wurde durch weitblickende Politiker wie
Monnet, Schumann, Spaak und Marshall herbeigeführt, die wußten, daß moderne Nationen ihre Zukunft
eher durch Zusammenarbeit als durch Eroberungen
bereichern können.

Das ist meine Einschätzung der Realität. Wir haben
während des Kalten Krieges der Geschichte gut gedient. Jetzt ruft uns die Geschichte erneut, damit wir
die neuen Errungenschaften der Freiheit in einen
umfassenderen und dauerhafteren Frieden umwandeln und konsolidieren. Wir müssen eine neue Sicherheit für Europa aufbauen. Die alte Sicherheit basierte
Meine Administration unterstützt die Europäische Union auf der Verteidigung unseres Blocks gegen einen
und die Entwicklung gestärkter europäischer Institutio- anderen Block. Die neue Sicherheit muß in der euronen zur Verfolgung eines gemeinsamen Ziels und päischen Integration wurzeln - einer Integration von
gemeinsamer Aktionen. Wir sind uns bewußt, daß ein Sicherheitskräften, Marktwirtschaften und demokratistarker, gleichberechtigter Partner für uns von größe- schen Nationen. Ziel meiner Europareise ist es, beim
rem Vorteil ist als ein schwacher.
Übergang dieser Bewegung zur Integration behilflich
zu sein und Ihnen zu versichern, daß Amerika hierbei
Der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums
ein starker Partner sein wird.
und die westeuropäische Integration sind die beiden
größten Errungenschaften für den Frieden in der letz- Die Völker, die die Fesseln des Kommunismus abten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir alle ernten die schüttelten, befinden sich jetzt in einem Wettlauf zwiFrüchte dieser Entwicklungen. Zudem haben nach schen Verjüngung und Verzweiflung. Das Ergebnis
dem Ende des Kalten Krieges und trotz der weltweiten wird die Sicherheit jeder Nation im transatlantischen
Rezession, die Ihre Zukunft verdunkelt, all unsere Bündnis beeinflussen. Zur Zeit findet dieser Wettlauf
Nationen jetzt die Chance, lange aufgeschobene Schritte vom Balkan bis Zentralasien statt. Auf einer Rennbahn
zurwirtschaftlichen und sozialen Erneuerung zu unter- befinden sich die Nachkommen des Zeitalters der
nehmen. Meine eigene Nation hat einen Anfang Aufklärung, die die Errungenschaften der Freiheit durch
gemacht: Wir haben unsere Wirtschaft in Ordnung den Aufbau freier Volkswirtschaften, offener Demogebracht, unser Haushaltsdefizit abgebaut, in unsere kratien und toleranter Gesellschaften konsolidieren
Menschen investiert, Arbeitsplätze geschaffen und wollen. Ihre Gegner sind die grimmigen Anwärter auf
eine wirtschaftliche Wiederbelebung eingeleitet, die den dunklen Thron der Tyrannei - die militanten Natiohoffentlich nicht nur den Vereinigten Staaten von Nutzen nalisten und Demagogen, die überkommenes Mißsein wird, sondern auch allen anderen Nationen.
trauen schüren und die Härten der Erneuerung zur
Schau stellen, um die Versprechungen der Reformen
Wir stellen uns auch einigen der sozialen Probleme in
zu verschleiern.
unserem Land, die wir viel zu lange ignoriert haben:
Der Herausforderung, eine Gesundheitsfürsorge für Keiner von uns kann es sich leisten, bei diesem
alle bereitzustellen, die Kriminalität auf unseren Stra- Wettlauf lediglich als Zuschauer zu fungieren. Zuviel
ßen zu bekämpfen und die Bedürfnisse unserer armen steht auf dem Spiel. Halten Sie sich folgendes vor
Kinder zu befriedigen. Wir haben eine wirklich multi- Augen: Die kommenden Monate und Jahre entscheikulturelle Gesellschaft. In einem unserer Landkreise den vielleicht darüber, ob das russische Volk die
leben Angehörige von über 150 verschiedenen natio- friedliche Entwicklung von Demokratie und Marktwirtnalen und ethnischen Gruppen. Aber wir arbeiten am schaft fortsetzt oder aus Frustration Politiker währt, die
Aufbau einer amerikanischen Gemeinschaft für das in Autoritarismus und Imperialismus zurückfallen. Diese
21. Jahrhundert.
Zeit entscheidet vielleicht darüber, ob die Nachbarn
Rußlands in Freiheit leben und sich der Gruppe atomGemeinsam mit der Europäischen Union haben wir
waffenfreier Staaten anschließen oder unter den Belakürzlich der Wert zu einem neuen GATT-Abkommen
stungen der Reformen zusammenbrechen und an
verholten, das in allen Ländern Millionen neuer ArWaffen festhalten, die das Risiko eines nuklearen
beitsplätze schaffen wird. Es wäre in vielerlei Hinsicht
Unfalls oder Ablenkungsmanövers erhöhen.
einfach, Ihnen lediglich eine Botschaft der Freude zu
übermitteln, ein Loblied auf unser gemeinsames Erbe Diese Zeit entscheidet vielleicht, ob die Nachfolgezu singen, zu frohlocken, daß unsere Arbeit für den staaten der ehemaligen Sowjetunion in das Gefüge
Frieden belohnt worden ist, und uns über die derzeiti- des transatlantischen Wohlstands und der Sicherheit
gen wirtschaftlichen Fortschritte zu freuen. Dies ist eingegliedert oder aber isoliert und im Stich gelassen
jedoch nicht der geeignete Zeitpunkt, uns selbst zu werden, während sie mit denselben beängstigenden
beglückwünschen. Wir werden zweifellos mit genü- Veränderungen konfrontiert sind, mit denen sich so
gend Herausforderungen konfrontiert, um als wirkliche viele Staaten in Europa auseinandersetzen.
Partner zu handeln, was bedeutet, daß wir unsere
Lasten teilen, anstatt nur über unsere Triumphe zu Diese bahnbrechenden Entscheidungen müssen letztsprechen. Und wir sollten ehrlich unsere Ansichten lich von den Völkern getroffen werden, die das Joch
darüber darlegen, was wir erreicht haben und was wir des Kommunismus abwarfen. Sie müssen die Entnoch erreichen sollten.
scheidungen über ihre Zukunft selbst treffen. Wir im

Seite 2

AMERIKA DIENST 2

�Westen können ihnen jedoch zweifellos dabei helfen,
und wir müssen den politischen Willen hierzu aufbringen.

Warum behatten Sie die Präsenz in Europa bei? Wie
können Sie diese Kosten rechtfertigen, wo wir im
eigenen Land so viele Probleme haben? Wir haben
das nach dem Ersten Weltkrieg ausprobiert. Dieses
Diese Aufgabe erfordert stetige und geduldige An- Jahr hat das amerikanische Volk jedoch seine Widerstrengungen, die von einer auf die gesamteuropäische standsfähigkeit gegen den Sirenengesang eines weltIntegration abzielenden Strategie geleitet werden. Sie weiten Rückzugs unter Beweis gestellt. Wir taten das,
erfordert auch ein gewisses Maß an Bescheidenheit - als der Kongreß dem Nordamerikanischen Freihandie Erkenntnis, daß wir nicht jedes Ereignis in jedem delsabkommen zustimmte, sich dafür aussprach, daß
Land zu jedem Zeitpunkt unter Kontrolle haben kön- Amerika in der Weltwirtschaft konkurriert, anstatt sich
nen. Wenn wir jedoch zur Annahme der zentralen zurückzuziehen. Und wir taten das, als wir Europa und
Herausforderung bereit sind, können wir nicht nur die anderen die Hand reichten, mit der Europäischen
Nationen des Ostens, sondern auch unsere transat- Union zusammenarbeiteten und die Wert zur Annahlantische Partnerschaft neubeleben.
me eines neuen GATT-Abkommens über den Welthandel führten.
In den vergangenen 50 Jahren hat die transatlantische
Gemeinschaft nur die Hälfte der Versprechungen des Ich bin heute hierhergekommen, um zu erklären und
im Zweiten Weltkrieg errungenen Sieges über den zu demonstrieren, daß Europa von zentralem InteresFaschismus umgesetzt. Die andere Hälfte lag hinter se für die Vereinigten Staaten bleibt und wir in Zusamder Europa trennenden Mauer brach. Jetzt haben wir menarbeit mit unseren Partnern die vor uns liegenden
die Chance, die vollen Versprechungen der europä- Chancen ergreifen werden.
ischen Siege ohne ihre großen Enttäuschungen zu
verwirklichen: Die Normandie ohne Jalta, die Befrei- Zweifellos ist unser Engagement nicht einzig und allein
ung Belgiens und der Niederlande ohne die Berlin- auf Europa gerichtet - wir müssen uns auch LateinBlockade.
amerika und Asien zuwenden, die sowohl für die Vereinigten Staaten als auch für Europa von zunehmenWährend des vergangenen halben Jahrhunderts war der Bedeutung sind. Unsere Bande zu Europa werden
die transatlantische Sicherheit vorrangig von der durch anders sein als in der Vergangenheit, aber mißversteunsere Streitkräfte bereitgestellten Abschreckung hen Sie mich nicht: Die Beziehungen zwischen den
abhängig. Jetzt besteht die unmittelbare Bedrohung Vereinigten Staaten und Europa sind einzigartig. Unsere
im Osten nicht in vorrückenden Armeen, sondern in beiden Länder haben den festen Glauben, daß Gott
schleichender Instabilität. Die Abwehr dieser Bedro- uns mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet hat,
hung erfordert nicht nur militärische Sicherheit, son- und wir sind überzeugt, daß der Staat mit unserer
dern auch die Förderung des demokratischen und Zustimmung nur existiert, um Freiheit, Sicherheit und
wirtschaftlichen Erneuerungsprozesses. Zusammen- Wohlstand für jeden einzelnen von uns zu fördern. Das
genommen stellen diese Kräfte das stärkste Bollwerk ist in der heutigen Wert immer noch eine radikale Idee.
gegen die Europa derzeit konfrontierenden Gefahren Sie wurde von Locke und Montesquieu entwickelt, in
dar - ethnische Konflikte, Menschenrechtsverletzun- meinem Land von Jefferson und Madison umgesetzt,
gen, destabilisierende Flüchtlingsströme, das Entste- hat Tyrannen gestürzt und Millionen an die Küsten
hen aggressiver Regime und die Weiterverbreitung unseres Landes geführt.
von Massenvernichtungswaffen.
Über drei Jahrhunderte haben die familiären Bande
Die Integration des ehemals kommunistischen Blocks zwischen den Vereinigten Staaten und Europa den
in Eu ropa wird ein allmählicher und oftmals schwieriger Handel zwischen unseren Ländern gefördert, und Sie
Prozeß sein, wie die von Deutschland unternomme- bleiben unser wertvollster Partner, nicht nur in der
nen mutigen Anstrengungen beweisen. Und wir dür- Sache von Demokratie und Freiheit, sondern auch was
fen nicht vergessen, daß diese Gelegenheit - wie alle Handel und Investitionen betrifft.
großen Chancen - verpaßt werden kann. Wir dürfen
jetzt nicht zulassen, daß der Eiserne Vorhang durch Vor allen Dingen bleibt Europa aber der Kern unserer
einen Schleier der Gleichgültigkeit ersetzt wird. Denn Sicherheit. Aus diesem Grund ist Amerika weiterhin
die Geschichte wird das Urteil über uns sprechen, wie entschlossen der Sicherheit und Stabilität Europas
sie diejenigen mit Verachtung gestraft hat, die zwi- verpflichtet. Aus diesem Grund habe ich auf die
schen den beiden Weltkriegen den Isolationismus Einberufung des dieswöchigen NATO-Gipfels gedrängt.
predigten, und wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg die Aus diesem Grund setze ich mich für die fortdauernde
mutigen Architekten der transatlantischen Gemein- Präsenz von 100.000 amerikanischen Soldaten in
schaft gepriesen hat.
Europa im Einklang mit dem ausdrücklichen Wunsch
unser Verbündeten hier ein. Es ist nicht Gewohnheit,
Nach dem Ende des Kalten Krieges haben einige, mit sondern Sicherheit und Partnerschaft, die dieses forteinem kurzen Gedächtnis ausgestattete Menschen in gesetzte Engagement der Vereinigten Staaten rechtAmerika uns aufgefordert, unsere Sachen zu packen fertigen.
und nach Hause zu gehen. Ich werde oft gefragt:
AMERIKA DIENST 2

Seite 3

�Und ebenso wie wir in Partnerschaft mit Europa jede
sicherheitspolitische Herausforderung dieses Jahrhunderts angegangen sind, ist jetzt für uns die Zeit gekommen, gemeinsam eine neue Sicherheit für das 21.
Jahrhundert aufzubauen, für ein Jahrhundert, in dem
die meisten von Ihnen den Großteil Ihres Lebens
verbringen werden. Die neue Sicherheit muß darauf
abzielen, ein größeres Europa durch die starken Bande
militärischer Zusammenarbeit, prosperierender Marktwirtschaften und lebensfähiger Demokratien zu verknüpfen.

Grund habe ich die Partnerschaft für Frieden vorgeschlagen.

Diese Partnerschaft wird einen Evolutionsprozeß für
die offizielle Erweiterung der NATO fördern. Sie ist auf
den Tag ausgerichtet, an dem die NATO neue Mitglieder aufnimmt, die die uneingeschränkte Verantwortung des Bündnisses übernehmen. Sie wird einen
Rahmen schaffen, in dem sich die ehemals kommunistischen Staaten und andere Nichtmitglieder der NATO
gemeinsam mit den NATO-Mitgliedstaaten an militärischer Planung, Ausbildung, Übungen und anderen
Ich möchte kurz jedes dieser Elemente ansprechen. Bestrebungen beteiligen können. Diese Partnerschaft
Der erste und wichtigste Bestandteil unserer Sicher- wird neue Bande der Kooperation unter den Militärs
heit muß militärische Stärke und Zusammenarbeit des Ostens und Westens schmieden. Sie wird die
sein. Der Kalte Krieg ist vorüber, der Krieg an sich Entwicklung von Demokratien und demokratischen
jedoch nicht. Wie wir alle wissen, wütet er zur Zeit nicht Praktiken wie die Achtung der Menschenrechte und
nur in entfernten Ländern, sondern mitten hier in zivile Kontrolle über Streitkräfte verstärken. Sie kann
Europa im ehemaligen Jugoslawien. Dieser mörderi- der NATO neue Instrumente für die Reaktion auf
sche Konflikt erinnert uns daran, daß Streitkräfte selbst ethnische Instabilität und andere Gefahren unseres
nach dem Ende des Kalten Krieges von Bedeutung Zeitalters an die Hand geben.
sind. Er enthüllt auch die Schwierigkeiten, bei Konflikten innerhalb oder zwischen Staaten Streitkräfte ein- Der Einsatz der NATO-Streitkräfte bei solchen Missiozusetzen. Und er lehrt uns, daß es am besten ist, nen wird stets in Erwägung gezogen und muß von Fall
rechtzeitig zu handeln, um Konflikte zu verhindern, die zu Fall entschieden werden. Der morgige Gipfel wird
wir später nicht mehr unter Kontrolle bringen können. uns jedoch in eine bessere Position für solche Entscheidungen versetzen, damit wir sie frühzeitig und
Bei unseren Bestrebungen zur Beendigung dieser klug treffen können.
Tragödie und Milderung des Leidens ihrer Opfer müssen
wir auch unsere Sicherheitsinstitutionen verändern, Die Partnerschaft für Frieden wird die grundlegende
damit sie besser mit solchen Konflikten umgehen und Aufgabe der NATO zur Verteidigung des NATO-Terridie europäische Integration fördern können. Hierbei toriums gegen einen Angriff nicht ändern. Wir können
spielen viele Institutionen eine Rolle, einschließlich der es uns nicht leisten, diese Mission aufzugeben, solanEuropäischen Union, der Westeuropäischen Union, ge der Traum von einem Imperium noch in den Köpfen
des Europarats, der KSZE und der Vereinten Natio- einiger geistert, die sich nach einer grausamen Vernen. Die NATO, das größte Militärbündnis der Ge- gangenheit zurücksehnen. Wir können es uns jedoch
schichte, muß im Mittelpunkt dieses Prozesses ste- auch nicht leisten, eine neue Linie zwischen Ost und
West zu ziehen, die eine künftige Konfrontation herhen.
aufbeschwören könnte.
Nur die NATO verfügt über die Streitkräfte, das integrierte Kommando, die umfassende Legitimierung und Diese Partnerschaft öffnet die Tür zu Kooperation mit
die gewohnheitsmäßige Zusammenarbeit, die zur allen ehemaligen Gegnern der NATO, einschließlich
Aufnahme neuer Mitglieder und Reaktion auf neue Rußlands, der Ukraine und den anderen neuen unabHerausforderungen unabdingbar sind. Eine der tief- hängigen Staaten auf der Grundlage der Überzeugreifendsten Umwälzungen innerhalb des transatlanti- gung, daß die Grenzen der Freiheit jetzt durch ein
schen Bündnisses während der vergangenen 50 Jahre neues Verhalten und nicht die alte Geschichte definiert
fand statt, weil die Streitkräfte unserer respektierten werden müssen.
Nationen immer zusammen ausgebildet wurden, zuAllen in Europa und den Vereinigten Staaten, die nur in
sammen übten und marschierten. Aber nicht nur die
Europa eine neue Linie etwas weiter im Osten ziehen
Kompatibilität unserer Waffen, sondern auch der
wollen, sage ich, daß wir die Möglichkeit der besten
Kameradschaftsgeist unserer Krieger bildeten den
Zukunft für Europa nicht ausschließen sollten, die in
Lebensnerv unserer wechselseitigen SicherheitsgaDemokratie, Marktwirtschaften und Kooperation für
rantie und unsere größte Hoffnung auf Frieden.
wechselseitige Sicherheit in allen Ländern besteht.
Vor zwei Jahren begannen unsere Nationen, die NATO Wir können uns gegen eine weniger gute Zukunft
mit der Gründung des Nordatlantischen Kooperations- wappnen, aber wir sollten die beste Zukunft für Sie und
rats an dieses neue Zeitalter anzupassen. Er bezieht Ihre Generation anstreben.
den gesamten ehemaligen Sowjetblock sowie die 16
Die NATO kann darüber hinaus am besten zur BewälMitgliedstaaten der NATO ein. Jetzt ist es an der Zeit,
tigung der neuen sicherheitspolitischen Herausfordeüber diesen Dialog hinauszugehen und eine funktiorungen Europas beitragen, wenn sie mehrzur Eindämnierende Partnerschaft zu schmieden. Aus diesem
mung der Verbreitung von MassenvernichtungswafSeite 4

AMERIKA DIENST 2

�fen unternimmt. Offen gesagt ist dies eine der schwierigsten uns konfrontierenden Aufgaben. Die Eindämmung der Verbreitung dieser Waffen und ihrer Trägersysteme wird enge Zusammenarbeit, Aufrichtigkeit
und Disziplin sowie die Bereitschaft derjenigen erfordern, die sie jetzt aufgrund des unmittelbaren finanziellen Gewinns nicht aufbringen.

der Öffentlichkeit für eine progressive Außenpolitik
und größere Integration unterminiert. Unsere jeweiligen Bestrebungen zur Wiederbelebung unserer Volkswirtschaften sind aus diesem Grund nicht nur für
unseren Lebensstandard von Bedeutung, sondern auch
für unsere kollektive Stärke. Und beide werden Ihre
Zukunft und die Ihrer Kinder gestalten.

Die Gefahr ist eindeutig und allgegenwärtig. Zunehmende Raketenfähigkeiten bringen einen größeren
Teil Europas in die Reichweite verbrecherischer Staaten wie Iran und Libyen. Wir erhalten beunruhigende
Berichte über Bestrebungen, Nuklearmaterial nach
und aus Osteuropa zu schmuggeln. Und dieser nach
Osten blickende Gipfel wird uns die Chance bieten, die
Gefahr auf unserem eigenen Territorium in Angriff zu
nehmen.

Wir müssen rasch vorgehen, um das GATT-Abkommen umzusetzen. Wir müssen jedoch auch gemeinsam und voneinander lernen, um umfassendere und
mutigere Anpassungen an diese neue globale Wirtschaft vorzunehmen.

Das zweite Element der neuen Sicherheit, die wir
aufbauen, muß größere wirtschaftliche Vitalität sein ein Thema, das meines Erachtens von unmittelbarer
Bedeutung für Sie ist. Wir müssen auf florierende und
offene Marktwirtschaften aufbauen, die Triebfedern,
die uns während der letzten Jahrzehnte in Europa und
den Vereinigten Staaten den größten Wohlstand in der
Geschichte der Menschheit beschert haben.
Unser gemeinsamer Erfolg beim Abschluß eines neuen
GATT-Abkommens krönte sieben Jahre währende
Bestrebungen zur Ausdehnung des Wohlstands auf
alle Handelsnationen. Wir müssen jetzt eine Folgetagesordnung für das GATT definieren, die sich auf die
Erneuerung moderner Volkswirtschaften und die
Ausbreitung des Wohlstands auf die Nationen in unserem Osten konzentriert, die den schwierigen Übergang zur Marktwirtschaft vollziehen.
Erstens ist die Erneuerung unserer eigenen Volkswirtschaften entscheidend. Wenn wir nicht Arbeitsplätze
schaffen und die Einkommen in Europa, den Vereinigten Staaten und Japan - den fortschrittlichen Ländern
der Welt - erhöhen, wird es für diese Völker - all unsere
Nationen - schwierig sein, weiterhin eine Politik des
Engagements für die übrige Welt zu unterstützen.
Die Nationen der Europäischen Union sehen sich mit
besonders ernsthaften wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert, angesichts nahezu 20 Millionen
Arbeitslosen und, im Falle Deutschlands, der außerordentlich hohen Kosten der Vereinigung. All unsere
Nationen mußten gegen die unruhigen Kräfte dieser
neuen globalen Wirtschaft und gegen den Wettbewerb
kämpfen, der durch Niedriglohnländer oder Technologien verursacht wird, dank derer wir mit weniger Arbeitnehmern mehr produzieren können - aber es gibt keine
neue Technologie, die neue Arbeitsplätze für die Entlassenen bereitstellt. Das ist nicht nur für Europa ein
Problem, sondern auch für die Vereinigten Staaten
und jetzt auch für Japan.
Unter den atlantischen Nationen hat die wirtschaftliche
Stagnation zweifelsohne die finanzielle Unterstützung
AMERIKA DIENST 2

Wir Amerikaner haben in Bereichen wie beruflicher
Bildung und Lehre sowie den Wechsel von der Schule
zu gutbezahlten Arbeitsplätzen viel von Europa zu
lernen und dabei gleichzeitig die von der Wirtschaft
geforderten neuen Qualifikationen zu erarbeiten. Wir
haben jedoch vielleicht bei der Flexibilität unserer
Arbeitsplatzstruktur und unserer Fähigkeit zur Schaffung von Arbeit und neuen beruflichen Möglichkeiten
auch etwas zu geben. Dies ist ein Bereich, in dem wir
nützliche Lektionen voneinander lernen können. Und
aus diesem Grund bin ich erfreut, daß unsere führenden Minister im März die von mir im vergangenen Juli
vorgeschlagene Arbertsplatzkonferenz abhalten werden. Wir müssen nur noch herausfinden, wie wir mehr
Arbeitsplätze schaffen und diejenigen belohnen können, die härter und konstruktiver arbeiten. Dies ist die
Grundlage für alle anderen Verhaltensweisen, die wir
fördern wollen, um weiterhin in unseren Ländern und
der übrigen Welt engagiert zu sein.
Während wir auf die Stärkung unserer Volkswirtschaften hinarbeiten, müssen wir uns jedoch vor Augen
halten, daß wir unserem eigenen Wohlstand und unserer
Sicherheit dienen, indem wir zum Prosperieren der
neuen Marktwirtschaften in der Osthälfte Europas
beitragen. Erfolgreiche Marktreformen in diesen Staaten werden den Demagogen der Region den Wind aus
den Segeln nehmen. Sie werden zur Entschärfung
ethnischer Spannungen beitragen. Sie werden den
neuen Demokratien helfen, Fuß zu fassen. Sie liegen
auch in unserem langfristigen Interesse, denn wir
haben gelernt, daß wohlhabende Nationen nicht reicher werden können, solange sie nicht Abnehmer
jenseits ihrer Grenzen für ihre Waren und Dienstleistungen haben.
Die kurzfristigen Schwierigkeiten der Einbeziehung
Osteuropas in unser Wirtschaftsbündnis werden sich
in vielfältigerweise bezahlt machen, wenn diese Staaten morgen zu Abnehmern der Waren und Dienstleistungen Westeuropas werden. Aus diesem Grund
haben wir uns zu Beginn der Amtszeit dieser Administration zu einer beträchtlichen Aufstockung unserer
Unterstützung für Marktreformen in den neuen Staaten der ehemaligen Sowjetunion verpflichtet und unsere Hilfe fürdie wirtschaftliche Umgestaltung Mittel-und
Osteuropas fortgesetzt.

Seite 5

�Letztlich wird der Erfolg der Marktreformen für den
Osten mehr von Handel als Hilfsleistungen abhängen.
Keiner von uns hat genug Geld, um die Zukunft dieser
Länder auf ihrem Weg zu freien Marktwirtschaften
maßgeblich zu beeinflussen. Wir können ihnen nicht
genug Hilfe geben, um sie zu gleichberechtigten Partnern zu machen. Sie müssen wachsen und ihren Weg
zu einer vollwertigen Partnerschaft mit uns erarbeiten.
Aus diesem Grund sollte eine unserer Prioritäten im
Abbau von Handelsschranken in den ehemals kommunistischen Ländern bestehen. Es wäre wenig sinnvoll, einerseits ihren Marktreformen zu applaudieren
und ihnen andererseits nur begrenzten Zugang zu
unseren Märkten anzubieten. Das hieße, jemanden
auf ein Schloß einzuladen und sich zu weigern, die
Zugbrücke herunterzulassen. Die Vereinigten Staaten
haben bereits viele Hemmnisse des Kalten Krieges für
Produkte aus diesen Ländern beseitigt. All unsere
Nationen müssen weitere Wege finden, um unserem
Beispiel zu folgen. Der wirtschaftliche Erfolg dieser
Staaten kann einfach nicht von unserer eigenen Erneuerung und Sicherheit getrennt werden.
Im Jahr 1931 stellte ein bemerkenswerter britischer
politischer Karikaturist die Vereinigten Staaten und
Europa in einem Ruderboot dar. Am hinteren Ende
des Bootes, an dem die östlicheren Mächte Europas
saßen, war ein großes Leck, und das Boot sank rasch.
Am vorderen Ende, wo die Vereinigten Staaten und
Westeuropa saßen, war es noch an der Wasseroberfläche - das Boot sank mit dem Heck zuerst. Und eine
der Personen an unserem Ende des Bootes sagte:
"Gott sei Dank - das Leck ist nicht an unserem Ende
des Bootes." Schließlich sank das ganze Boot. Das
wird wieder geschehen, wenn wir nicht zusammenarbeiten. Die westliche Hälfte Europas kann zweifelsohne - wie die Geschichte belegt - nicht lange sicher sein,
wenn die östliche Hälfte weiterhin in Aufruhr ist.
Das dritte und letzte Gebot dieser neuen Sicherheit
besteht in der Unterstützung der in den ehemals
kommunistischen Staaten aufkeimenden Verbreitung
von Demokratie und Freiheit des einzelnen. Der Erfolg
dieser demokratischen Reformen kann uns allen mehr
Sicherheit geben, weil Demokratien normalerweise
keinen Krieg gegeneinander führen und nicht ihr Wort
brechen. Demokratische Regierungen nähren eine
bürgerliche Gesellschaft, Respektierung der Menschenrechte und schlichte Toleranz. Die demokratischen
Werte im Herzen unserer westlichen Gemeinschaft
sind auch unsere beste Antwort auf durch das Ende
des Kalten Krieges freigesetzten aggressiven Nationalismus und ethnischen Haß.
Wir in der transatlantischen Gemeinschaft müssen
uns dem Erfolg der Demokratie in allen ehemals
kommunistischen Staaten verschreiben, die unmittelbare Nachbarn Westeuropas sind, weil ihre Sicherheit
unsere Sicherheit betrifft. Nirgendwo ist der Erfolg der
Demokratie wichtiger für uns alle als dort und dann in
Seite 6

Rußland. Ich möchte wiederholen, in Rußland - wenn
die Nation sich weiterhin zu einer marktwirtschaftlich
orientierten Demokratie entwickelt, die zufrieden in
ihren Grenzen und in Frieden mit ihren Nachbarn lebt
und ihre Größe anhand der Fähigkeit definiert, alle
Kinder Rußlands ihr volles Potential ausschöpfen zu
lassen - dann wird unsere Rolle im Hinblick auf die
vollständige Integration Europas umfassender, leichter und sicherer. Wie ein ukrainischer Gesetzgeber es
kürzlich formulierte: Wenn Rußland demokratisch ist,
wird Europa ruhig sein.
Die Ergebnisse der jüngsten Wahlen in Rußland und
die Aussagen einiger russischer Politiker haben uns
allen echten Anlaß zur Sorge bereitet. Wir müssen
konsequent ÄuGerungen der Intoleranz und drohende
Aggression verurteilen. Wir sollten diese Sorgen jedoch auch in ihrem historischen Kontext sehen. Es
sind schließlich erst zwei Jahre seit der Auflösung der
Sowjetunion vergangen. Vornurzwei Monaten schien
Rußland am Rande eines Bürgerkriegs. Aber seitdem
hat Rußland freie und faire nationale Wahlen abgehalten, das russische Volk hat eine wirklich demokratische Verfassung ratifiziert und die erste postsowjetische Legislative in der Geschichte des Landes gewählt. Und die Regierung verfolgt weiterhin demokratische und wirtschaftliche Reformen.
Die von Rußland begonnene Umgestaltung ist absolut
beeindruckend. Denken Sie nur daran, was das Land
seit 1917 war. Wenn Sie ins 18. Jahrhundert zurückblicken und sich die Geschichte der Nation von damals
bis heute vor Augen führen, ist derGedanke.daßdiese
Nation ernsthaft demokratische Wahlen abhalten und
die Umgestaltung vornehmen konnte, wirklich beeindruckend. Wir können nicht erwarten, daß sie über
Nacht 75 Jahre der repressiven Führung korrigiert, 75
Jahre der totalitären Politik oderdie gesamte nationale
Geschichte, in der es keine Demokratie gab.
Wie in anderen kommunistischen Nationen wird dies
die Arbeit von Generationen sein. Wir in den Vereinigten Staaten befassen uns jetzt seit 200 Jahren damit
und arbeiten immer noch daran, es richtig zu machen.
Wir alle müssen uns bewußt sein, daß es falsche
Entscheidungen und selbst Rückschläge geben wird,
wie es in all unseren Ländern im gesamten Verlauf der
Geschichte der Fall war. Aber solange diese Staaten
ihre Fortschritte zu Demokratie und Respektierung der
Rechte ihres Volkes und anderer Völker fortsetzen, die
Rechte ihrer Minderheiten und ihrer Nachbarn verstehen, sollten wir ihre Fortschritte mit beständiger Geduld unterstützen.
Um diese neuen Demokratien zu unterstützen, wenden wir uns an die Basis, damit sie die Institutionen
einer bürgerlichen Gesellschaft aufbaut, von Gemeindearbeitern in der Tschechischen Republik zu freiwilligen Wahlhelfern in Bulgarien. Wir werden femer
Schritte zur Ermutigung der Kooperation zwischen den
neuen Demokratien unternehmen. Ebenso wie in
AMERIKA DIENST 2

�Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg müssen wir Heute können wir das Opfer der hier auf Ihrem Boden
regionale Nachbarn zur Zusammenarbeit gewinnen, beerdigten Amerikaner ehren, indem wir die Freiheit
statt uns gegenseitig mißtrauisch zu beobachten.
erweitem, für die sie kämpften undförderenErhalt sie
ihr Leben ließen. Der Kampf Ihrer Generation für ein
Die friedliche umfassendere Integration, die wirvollzie- größeres Europa wird nicht gemeinsam an den Stränhen, ist nicht nur ein europäisches Anliegen - ich den oder auf den Ebenen dieses Kontinents gewonwiederhole, sie liegt eindeutig im Interesse der Verei- nen, sondern vielmehr in seinen neuen Parlamenten
nigten Staaten. Meine Nation war begeistert über die und Stadträten, in den Büros und Fabriken seiner
in den vergangenen fünf Jahren erzielten Fortschritte neuen Marktwirtschaften, in den Herzen und Köpfen
der Freiheit auf diesem Kontinent. Und wir sind uns junger Menschen wie vielen der heute hier Anwesendes Tributs wohl bewußt, den Zwistigkeiten in Europa den. Sie haben am meisten von einem im Hinblick auf
letztlich von unserem eigenen Volk fordern.
Sicherheit, Wirtschaft und Demokratie integrierten
Europa zu gewinnen.
Nur wenige Stunden von diesem Ort entfernt liegen die
Gräber von Tausenden Amerikanern, die in zwei gro- Letztlich werden Sie entscheiden müssen, welche Art
ßen Kriegen in Europa ihr Leben ließen. Die Geschich- von Europa Sie wollen und wie hart Sie dafür zu
te hat festgehalten, wo sie gefallen sind - auf den arbeiten bereit sind. Sie sollten jedoch auch wissen,
Schlachtfeldern von Flandern, an den Küsten der daß die Vereinigten Staaten Ihnen in diesem Kampf
Normandie,beiderArdennenschlacht. Wirsolltenuns zur Seite stehen werden, wie wir es in den anderen
jedoch auch daran erinnern, warum sie hierherkamen, Schlachten des 20. Jahrhunderts getan haben.
warum sie die Sicherheit ihres Zuhauses verließen, um
in einem fernen Land zu kämpfen. Sie kamen, weil die Ich glaube, daß unsere Freiheit untrennbar ist. Ich
Sicherheit stärker von Dingen abhängt, die weit über glaube, daß wir ein gemeinsames Schicksal haben.
geographische Trennlinien hinausgehen. Unsere Ich glaube, daß das 21. Jahrhundert die aufregendste
Sicherheit hängt von mehr ab als dem Ozean, der uns Zeit sein kann, die Europa und die Vereinigten Staaten
trennt. Sie hängt von der Existenz eines starken, freien je erlebt haben, und unsere Zukunft die reichste und
und demokratischen Europa ab.
vielversprechendste einer Generation überhaupt sein
kann. Wir müssen jedoch daran arbeiten. Ich danke
Ihnen.
* * * * *

AMERIKA DIENST 2

Seite 7

�AUSSENPOLITIK
12. Januar 1994

MILITÄRISCHE SICHERHEIT DER USA ENG
MIT DER EUROPAS VERBUNDEN
Vom Vizepräsidenten anstelle von Präsident Clinton gehaltene Rede
MILWAUKEE - (AD) - "Die militärische Sicherheit der Vereinigten Staaten ist weiterhin so eng wie je zuvor in
unserer Geschichte mit der Europas verbunden", stellte Vizepräsident AI Gore fest.
In einer am 6. Januar 1994 in Milwaukee anstelle von Präsident Clinton gehaltenen Rede erklärte Gore seinen
Zuhörern, die Vorfahren in Rußland, Mittel- und Osteuropa haben, nach dem Ende des Kalten Krieges sei die
Zukunft Amerikas auch weiterhin eng mit der Europas verknüpft. "Wenn Europa kämpft, leiden wir", erklärte er.
"Wenn Europa sicher und frei ist, prosperieren auch wir in den Vereinigten Staaten."
Gore zufolge wird Präsident Clinton auf seiner Europareise vom 8. bis 16. Januar den Staaten Mittel- und
Osteuropas eine Anbindung an die NATO anbieten, die eine zunehmende Integration in die politischen und
wirtschaftlichen Institutionen der atlantischen Gemeinschaft zusichert.
Der Vizepräsident mußte in letzter Minute als Ersatzredner für den Präsidenten einspringen, der bedingt durch
den Tod seiner Mutter in seinen Heimatstaat Arkansas reiste.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Text der Rede des Vizepräsidenten im
Wortlaut.

Als der Präsident vor 15 Monaten hier war, sprach er
an jenem Tag im Oktober überdie Notwendigkeit einer
durchgreifenden demokratischen nationalen Sicherheitspolitik der Vereinigten Staaten. In zwei Tagen
wird der Präsident zu einer Reihe von Treffen nach
Europa reisen, die dieses Ziel verfolgen. In Brüssel
wird er die Bedeutung unserer wirtschaftlichen und
sicherheitspolitischen Bande mit der NATO und Europa hervorheben. In Prag will er unser entschiedenes
Engagement für die jungen Demokratien in Polen,
Ungarn, der Tschechischen Republik und der Slowakei unterstreichen. Bei seinem Besuch in Moskau wird
er unserer Unterstützung für die demokratischen Reformen in Rußland und andernorts Ausdruck verleihen. Bei seinem Aufenthalt im belarussischen Minsk
will er auf die Bedeutung der von diesem und anderen
Staaten beim Abbau von Atomwaffen erzielten Fortschritte hinweisen.
Vor seiner Abreise ins Ausland zu Gesprächen mit
anderen Staats- und Regierungschefs wollte der Präsident hierherkommen und mit Ihnen erörtern, warum
diese Reise für das amerikanische Volk so wichtig ist.
Der Präsident hat mich gebeten, Ihnen am heutigen
Tag seine Ansichten zu vermitteln, denn zu diesem
AMERIKA DIENST 2

Zeitpunkt der Geschichte steht ganz Europa an einem
Wendepunkt, der große Auswirkungen auf unsere eigene Sicherheit und unseren Wohlstand hat.
Aus diesem Grund legen der Präsident und ich so
großen Wert darauf, daß sich unsere Administration
stark auf Europa, insbesondere Mittel- und Osteuropa
sowie Rußland konzentriert. Dem Wunsch des Präsidenten entsprechend führte mich meine erste Auslandsreise in meiner Eigenschaft als Vizepräsident
nach Polen. Heute sind mindestens zwei derjenigen
anwesend, die mich bei dieser Gelegenheit begleiteten. Während meines Aufenthalts in Polen führte ich
intensive Gespräche mit Präsident Walesa und besuchte zusammen mit ihm eine Morgenandacht in
seiner Privatkapelle.
Letzten Monat reiste ich nach Ungarn, wo ich in Budapest mit der neuen Regierung zusammentraf. Auf
dieser Europareise führte ich auch auf Wunsch des
Präsidenten ein langes Gespräch unter vier Augen mit
dem ukrainischen Präsidenten Krawtschuk. Seit unserem Amtsantritt sind der Präsident und ich mit
nahezu allen führenden Politikern der Staaten Mittelund Osteuropas zusammengetroffen sowie mit vielen

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�Staats- und Regierungsoberhäuptern der Republiken
der ehemaligen Sowjetunion, da Präsident Clinton
großen Wert auf den Bertrag unserer Nation zu dem
positiven Wandel legt, der zur Zeit stattfindet und
fortgeführt werden muß.
Wir leben in einer Zeit erstaunlicher Veränderungen.
Nachdem wir während des Kalten Krieges ein halbes
Jahrhundert lang gegenüber der sowjetischen Aggression hart geblieben sind, ist der Kalte Krieg plötzlich
vorüber und die Sowjetunion existiert nicht mehr.
Nachdem wir jahrzehntelang für die Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen in Südafrika sowie
zwischen Arabern und Juden im Nahen Osten gebetet
haben, sind wir plötzlich Zeugen eines hoffnungsvollen
Händedrucks, auf den sich die Augen der ganzen Welt
richten. Nachdem wir jahrzehntelang von der Freiheit
versklavter Nationen geträumt und darauf hingearbeitet haben - viele von Ihnen aus ganzem Herzen - sind
diese Staaten plötzlich frei, und in ganz Europa entstehen neue Demokratien. Der Präsident hat mir mitgeteilt, er freue sich außerordentlich, wieder mit einigen
dieser Helden der Demokratie zusammenzutreffen,
beispielsweise Vaclav Havel und Lech Walesa.

davonzulaufen. Was hat uns das gebracht? Eine
Depression und einen weiteren schrecklichen Krieg.
Und was hat es uns gebracht, daß wir uns nach dem
Zweiten Weltkrieg an der Weltpolrtik beteiligten?
Jahrzehnte von Sicherheit und Wohlstand. Und wir
müssen wieder so handeln.

Während des Präsidentschaftswahlkampfes haben
der Präsident und ich erklärt, unsere Außenpolitik
werde sich auf wirtschaftliche Erneuerung, starke
Verteidigung und die Förderung von Demokratie in
Übersee stützen. Im vergangenen Jahr haben wir bei
der Erreichung dieser Ziele Fortschritte gemacht.
Natürlich haben wir als erstes unser wirtschaftliches
Haus wieder in Ordnung gebracht, denn ohne eine
starke Wirtschaft können wir im Ausland nicht konkurrieren und eine Führungsrolle übernehmen. Wir verabschiedeten ein Paket wirtschaftlicher Maßnahmen,
um unser Haushaltsdefizit um 500 Milliarden Dollar zu
reduzieren und investierten gleichzeitig in Bildung und
Ausbildung, Technologie und Rüstungskonversion.
Nebenbei bemerkt: Sie werden sich vielleicht erinnern, daß bei unserer Amtsübernahme das für das
neue Jahr veranschlagte Defizit 300 Milliarden Dollar
betrug. Diese Schätzung beläuft sich jetzt nur noch auf
Gleichzeitig bergen einige der sich auf der Welt vollzie- 190 Milliarden Dollar. Die von uns unternommenen
henden Veränderungen für uns große Gefahren, dar- Anstrengungen tragen bereits Früchte - nicht nur in
unter die Weiterverbreitung von Massenvernichtungs- Form des so wichtigen Defizitabbaus, sondern auch
waffen und die weltweite Zerstörung der Umwelt. Und einer niedrigen Inflationsrate und beispiellos niedrigen
wir werden mit einer veränderten, neuen Weltwirt- Zinssätzen.
schaft konfrontiert, die uns viele neue Chancen bieten,
aber auch beunruhigend für unsere Arbeitsplätze und Das Vertrauen der Verbraucher ist wieder gestärkt.
Gemeinden sein könnte. Angesichts dieses Wandels Der Hausbau erlebt einen Boom - im letzten Monat den
würden es manche Amerikaner bevorzugen, wenn wir größten in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
uns aus den Streitigkeiten der Welt heraushalten und Unsere Nation hat in den letzten zwölf Monaten mehr
nur auf unsere innenpolitischen Herausforderungen Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft geschaffen als in
konzentrieren würden. Europa sieht sich noch härte- den vergangenen vier Jahren zusammengenommen.
ren wirtschaftlichen Herausforderungen gegenüber: Wir haben noch einen weiten Weg vor uns und sind uns
Zweistelligen Arbeitslosenquoten und äußerst schlep- dessen auch bewußt. Um nur ein Beispiel zu nennen:
pendem Wachstum. Viele Europäer würden es viel- Voruns liegt noch die Aufgabe, jedem Amerikaner eine
leicht auch vorziehen, nicht mit den Problemen außer- sichere Gesundheitsfürsorge anzubieten. Und mit
halb ihrer Grenzen belastet zu werden. Und die in Ihrer Hilfe werden wir das tun. Wir haben einen guten
Rußland und den anderen ehemals kommunistischen Anfang gemacht, und es war ein gutes erstes Jahr.
Staaten stattfindende wirtschaftliche Umgestaltung ist
Nachdem unsere eigene Wirtschaft in Ordnung genoch viel beängstigender.
bracht war, haben wir als nächstes Schritte zur ÖffFolglich sind sämtliche Nationen der großen Versu- nung ausländischer Märkte für amerikanische Waren
chung ausgesetzt, sich nur auf ihre eigenen Probleme und Dienstleistungen unternommen, damit wir unsere
zu konzentrieren. Aber meine heutige Botschaft - und Exporte fördern und wertere Arbeitsplätze schaffen
die Botschaft der Reise des Präsidenten - ist die können. Wir haben das Nordamerikanische Freihanfolgende: Um im Inland stark zu sein, müssen wir uns delsabkommen verabschiedet, das die Zölle auf unseauch im Ausland engagieren. Wir müssen mit anderen re Exporte senken und über 200.000 neue amerikaniNationen zusammenarbeiten, um ein Wachstum der sche Arbeitsplätze schaffen wird. Wir haben unsere
Weltwirtschaft und eine Öffnung ausländischer Märkte Beziehungen zu den aufstrebenden Wirtschaftsmächzu erzielen, wenn wir unsere Exporte erhöhen wollen. ten Asiens ausgebaut. Erst letzten Monat erzielten wir
Wir müssen uns zusammen mit anderen Nationen ein historisches neues Abkommen bei den Welthandafür einsetzen, das Ende des Kalten Krieges zu delsgesprächen im Rahmen des GATT, das wertere
besiegeln, damit wir nicht letztlich mehr Geld für die Hunderttausende amerikanischer Arbeitsplätze schafVerteidigung und weniger für die erforderlichen inlän- fen und die gesamte Weltwirtschaft ankurbeln wird, so
dischen Investitionen aufwenden. Nach dem Ersten daß wir diese wieder in Gang bringen können.
Weltkrieg unternahmen wir den Versuch, vor der Welt
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AMERIKA DIENST 2

�Mit Hilfe dieser und anderer Schritte stellen wir die
wirtschaftlichen Interessen des amerikanischen Volkes wieder in den Mittelpunkt unserer Außenpolitik.
Wir haben auch die Führungsrolle der Vereinigten
Staaten beim Umweltschutz wiederhergestellt. Im
vergangenen Jahr haben wir uns um eine Stärkung
unseres Verteidigungsapparats bemüht.

bleiben. Wir werden dafür sorgen, daß sie die am
besten ausgebildeten, am besten ausgerüsteten, am
besten vorbereiteten Streitkräfte auf dieser Erde bleiben.

Die von uns im vergangenen Jahr unternommenen
Schritte machen Amerika stärker und sicherer. Bei
dieser Gelegenheit möchte ich insbesondere die Dienste aller Männer und Frauen in Uniform würdigen, die
uns auf der ganzen Welt beschützen. Präsident Clinton hat oft darauf hingewiesen, daß die Streitkräfte der
Vereinigten Staaten die besten der Welt sind, und wir
sind entschlossen sicherzustellen, daß sie das auch

Präsident Clintons Ziel bei dieser Reise besteht darin,
zu diesem Schutz beizutragen. Er kann nicht von
neuen, mit Stacheldraht bewehrten Mauern kommen.
Der Schutz, den die neuen Staaten Europas heute
benötigen, ist vielmehr die Art von Schutzmechanismus, den wir alle in unserem tiefsten Inneren haben der Schutz, der die dunkelste Seite unserer Natur
davor bewahrt, an die Oberfläche zu kommen - das
Gefühl der Toleranz und die Gewohnheiten, die durch

Wir haben im vergangenen Jahr große Anstrengungen
zur Erhöhung der Sicherheit Amerikas unternommen.
Nichts ist jedoch von größerer Bedeutung für unsere
Unter der fähigen Leitung von Verteidigungsminister Sicherheit als unsere Beziehungen zu Europa. Nach
Les Aspin schlössen wir die tiefgreifende Umstruktu- dem Ende des Kalten Krieges mögen einige denken,
rierung unseres Militärs ab um sicherzustellen, daß wir Europa sei für unsere Nation nicht mehr so wichtig wie
über die zur Reaktion auf die diversen Bedrohungen zuvor. Präsident Clinton erklärt, daß sie unrecht
dieses neuen Zeitalters erforderlichen Streitkräfte haben. Tatsache ist: Europa bleibt unser wertvollster
verfügen. Und als wir aus dem Ausland bedroht Handelspartner, und die militärische Sicherheit der
wurden, beispielsweise als wir von der irakischen Vereinigten Staaten ist weiterhin so eng wie je zuvor in
Verschwörung zur Ermordung des ehemaligen Präsi- unserer Geschichte mit der Europas verbunden.
denten Bush erfuhren, setzte Präsident Clinton diese
Streitkräfte ein, um entschieden zurückzuschlagen In diesem Jahrhundert haben wir unsere Söhne und
und eine klare, unmißverständliche Botschaft zu sen- Töchter zweimal nach Europa entsandt, um Aggression abzuwehren und das Überleben der Demokratie
den.
zu sichern. In zwei Weltkriegen haben wir eine Lektion
Wir setzten uns auch für die Förderung demokrati- gelernt, die in jeder Veteranenvereinigung und Gescher Bewegungen auf der ganzen Welt ein und erhöh- denkhalle in Wisconsin und im ganzen Land verstanten beträchtlich unsere Unterstützung für die Reform- den wird. Wenn Europa kämpft, leiden wir. Wenn
kräfte in Rußland, der Ukraine, Armenien und den Europa sicher und frei ist, prosperieren auch wir in den
anderen neuen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, Vereinigten Staaten.
die die Tür hinter ihrer kommunistischen Vergangenheit zu schließen versuchen und eine neue demokra- Europa erfreut sich jetzt der Wiedergeburt der Freiheit.
tische Zukunft einleiten wollen. Wir hoben die gegen Nach einem halben Jahrhundert der Unterdrückung
Südafrika verhängten Sanktionen sofort auf, nachdem haben die baltischen Staaten ihre rechtmäßige Unabdort eine Übereinkunft zur Abschaffung der Apartheit hängigkeitwiedererlangt. Wir waren Zeuge, wie große
und der Abhaltung nichtrassischer Wahlen erzielt worden Dissidenten, Helden wie Vaclav Havel und Lech Walewar. Ist das nicht ein Zeichen der Hoffnung in unserer sa, die kommunistische Herrschaft abschütteln halfen
und zu führenden Politikern ihres Volkes wurden.
Welt?
Boris Jelzin und andere mutige demokratische ReforTrotz drängender Haushaltsprobleme erhöhten wirdie mer in Rußland hielten trotz heftigen Widerstands
Gelder für unsere Programme zur Unterstützung der reaktionärer Kräfte Wahlen ab und entwarfen eine
Basisdemokratie von Mittelamerika über Asien bis Verfassung.
Osteuropa erheblich. Der Erfolg junger Demokratien
wie der in Polen, Ungarn, der Tschechischen Republik Diese demokratische Renaissance ist Grund zur Hoffund der Slowakei ist für unsere Nation und unsere nung. Am europäischen Horizont hängt jedoch eine
Sicherheit von Bedeutung. Wir müssen ihnen zum dunkle Wolke - die Gefahr des fanatischen NationalisErfolg verhelfen. Wir haben nicht jahrelang die Solida- mus, der durch alte Ressentiments entzündet, durch
rität unterstützt, um die Demokratie in Polen zu verlie- wirtschaftliche Frustration genährt und durch egoistiren. Wir haben nicht die sanfte Revolution in der sche Demagogen geschürtwird. Im ehemaligen JugoTschechoslowakei gefeiert, um diese neugeborene slawien brennt dieses Feuer bereits. Aber auch in
Freiheit dem Tod durch Vernachlässigung preiszuge- anderen Staaten schwelt es, insbesondere in Osteuroben. Um ihrer- und unseretwillen haben wir uns im pa. Wenn wir nicht mit dem Bau neuer SchutzvorrichKalten Krieg behauptet. Und jetzt müssen wir uns um tungen beginnen, könnte diese Glut sich entfachen
ihrer- und unseretwillen beim Aufbau eines umfassen- und Europa wieder verschlingen, wie es während der
deren demokratischen Friedens in ganz Europa be- beiden schlimmsten Krisen dieses Jahrhunderts der
Fall war.
haupten.

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Seite 3

�1

die Praktiken von freiem Handel, offener Demokratie,
einem soliden bürgerlichen Leben und der Respektierung der Unterschiede zwischen Einzelpersonen und
Nationen aufgebaut werden.

kommunistischen Staaten in die Kooperation mit dem
übrigen Europa. Sie bringt den evolutionären Prozeß
der offiziellen Erweiterung der NATO voran - ein Schritt
zur Aufnahme neuer Mitglieder in das Bündnis.

Denjenigen, die fragen, wo es solche Toleranz auf der
Welt gibt, würde ich sagen, kommt nach Milwaukee.
Betrachtet Eure Stadt. Eure Wurzeln gehen zurück
nach Polen, Rußland, der Ukraine, dem Baltikum,
nach Deutschland, Italien und England, Afrika, Asien
und Lateinamerika. Ihr mögt Christen, Juden oder
Muslime sein, und dennoch seid Ihr alle eine Gemeinde. Warum? Weil Ihr alle die amerikanische Überzeugung teilt, daß unseren Unterschieden Stärke innewohnt, wir einen kollektiven bürgerlichen Raum aufbauen können, der groß genug für unsere verschiedenen Identitäten ist, wir E Pluribus Unum - aus Vielen
Eins - sein können. Dies erachten wir hier in unseren
gesegneten Vereinigten Staaten von Amerika für selbstverständlich. Diese Idee ist jedoch auch Europa nicht
fremd. Diese von Jefferson und Madison in unserer
Unabhängigkeitserklärung und unserer Verfassung
niedergelegten Ideen waren europäische Importe, aus
dem großartigen Zeitalter der Aufklärung in Europa
abgeleitet.

Die Partnerschaft für Frieden lädt die neuen Demokratien Europas ein, sich unverzüglich an der militärischen und politischen Kooperation mit den NATOMitgliedstaaten sowie untereinander zu beteiligen. Die
der Partnerschaft beitretenden Staaten können an der
militärischen Planung, Übungen und Operationen teilnehmen. Die Partnerschaft wird zur Förderung demokratischer Praktiken beitragen, die diese Staaten auf
die volle NATO-Mitgliedschaft vorbereiten. Die neue
NATO muß die Belange der Nationen ansprechen, die
zwischen Rußland und Westeuropa liegen, denn die
Sicherheit dieser Staaten betrifft die Sicherheit Amerikas. Ich möchte dies nochmals wiederholen: Die
Sicherheit der zwischen Rußland und Westeuropa
gelegenen Staaten betrifft die Sicherheit Amerikas.
Insbesondere nach den jüngsten Wahlen in Rußland
sind diese Staaten natürlicherweise besorgt darüber,
ob sie wieder zu einer Pufferzone werden, einem
Preis, über den sich andere streiten.

Im gesamten ehemaligen sowjetischen Block wurden
diese Ideen jedoch durch falsche Ideologien und Jahrzehnte der Diktatur im Keim erstickt. Heute haben wir
die Chance dazu beizutragen, daß unsere hehren
Werte der Freiheit an Orten Fuß fassen, die das
Heimatland so vieler unserer Vorfahren waren. Wir
können die falschen Linien, die Europa zu lange geteilt
haben, ausradieren helfen und die Wunden heilen, die
von dieser Spaltung hinterlassen wurden. Die Förderung der europäischen Integration bringt nicht nur
unsere höchsten Ideale zum Ausdruck, sondern wird
auch die beste Investition sein, die wir für unsere
eigene Sicherheit und unseren Wohlstand tätigen
können.

Die Partnerschaft für Frieden zielt darauf ab, diesen
Staaten das Vertrauen zu bieten, daß sie sich im
Westen integrieren können, statt stets Angst haben zu
müssen, was in ihrem Osten geschieht. Die Partnerschaft für Frieden teilt nicht Ost und West in einer
Weise, die eine künftige Konfrontation heraufbeschwören könnte. Statt dessen versucht sie, ein größeres
Europa zu integrieren. Gleichermaßen bietet sie eine
offene Tür für alle Nationen Mittel- und Osteuropas
sowie die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und lädt sie alle ein, neue Beziehungen zur
NATO in der Überzeugung zu schmieden, daß die
neuen Grenzen der Freiheit jetzt nicht nur der alten
Geschichte, sondern auch neuen Verhaltensweisen
Rechnung tragen müssen.

Präsident Clintons oberstes Ziel bei dieser Reise ist die
Stärkung der NATO und die Gewährleistung, daß sie
zur Bewältigung der gerade von mir beschriebenen
Herausforderungen bereit ist. Die NATO ist das größte
militärische Bündnis in der gesamten Geschichte der
Menschheit. Wir hätten den Karten Krieg nicht ohne
sie gewinnen können. Aber jetzt ist die Sowjetunion
verschwunden, zu deren Abschreckung sie beitrug.
Es ist an der Zeit für die NATO, die neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen Europas in Angriff zu
nehmen, wie die Konsolidierung der demokratischen
Errungenschaften unter den östlichen Nachbarn der
NATO und die Abwendung ethnischer Konflikte.
Beim NATO-Gipfel in Brüssel wird der Präsident den
Vorschlag einer Partnerschaft für Frieden unterbreiten, die von der NATO als ein großer Schritt zur
Erfüllung der neuen sicherheitspolitischen Bedürfnisse Europas geschaffen werden soll. Die Partnerschaft
ist ein neuer Weg zur Einbeziehung der ehemals
Seite 4

Die Partnerschaft für Frieden kann Kooperation zur
Gewohnheit machen, die der Lebensnerv der NATO
und ihrer offiziellen Sicherheitsgarantien ist. Wir sehen dem baldigen Beginn einer solchen Kooperation
mit Polen, der Tschechischen Republik und anderen
ehemals kommunistischen Staaten entgegen, während wir die Grundlage für ein neues und größeres
Europa schaffen.
Präsident Clintons zweites Ziel besteht darin, unsere
Unterstützung für die Völker und politisch Verantwortlichen der ehemals kommunistischen Staaten unter
Beweis zu stellen, Demokratie aufzubauen und den
Grundstein für eine bürgerliche Gesellschaft zu legen:
Politische Parteien, Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände und eine freie Presse. In Prag wird der Präsident mit den Staats- und Regierungschefs der Tschechischen Republik, Ungarns, Polens und der Slowakei
zusammenkommen - den Visegrad-Nationen - die bei
der Reformwelle in Europa eine solch führende Rolle

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�spielen. In Minsk wird der Präsident unsere Unterstützung für den Vorsitzenden des Obersten Sowjets von
Weißrußland, Schuschkewitsch, und andere Politiker
des demokratischen Reformprozesses in Belarus zum
Ausdruck bringen. Und in Moskau wird er mit Präsident Boris Jelzin und anderen russischen Reformern
zusammentreffen, die ihre Nation zu einer demokratischen, marktorientierten und friedlichen Zukunft führen.
Die starke Unterstützung für reaktionäre Kandidaten
bei den jüngsten russischen Wahlen hat uns allen
Anlaß zur Sorge bereitet. Wir wären schlecht beraten,
wenn wir diese Ergebnisse ignorieren würden, und es
ist unsere Pflicht, die Stimmen des Rassismus und intoleranten Nationalismus zu verdammen, wann immer
sie vernommen werden. Täuschen Sie sich jedoch
nicht - bei diesen russischen Wahlen gab es auch eine
andere Botschaft der Hoffnung. Eine Wahl, die noch
Monate, bevor sie infreierund fairer Weise abgehalten
wurde, unwahrscheinlich erschien. Und als das russische Volk wählte, ratifizierte es eine demokratische
Verfassung und stimmte für die erste postsowjetische
russische Legislative.
All dies kann den russischen Reformern zu Fortschritten verhelfen. Wir dürfen das Vertrauen in den Reformprozeß nicht verlieren, nur weil er langsam vorankommt oder Rückschläge erleidet. Die Veränderung
einer ganzen Gesellschaft ist das Werk von Generationen. Auf dem Weg dorthin werden das russische Volk
und die anderen neuen Staaten zweifelsohne einige
schlechte Entscheidungen treffen, ebensowiewirdies
gelegentlich in unserer eigenen Geschichte getan haben.
Demokratie macht uns schließlich nicht alle zu Engeln,
sondern bietet uns nur einen Weg, kollektiv von unseren sehr menschlichen Fehlern zu lernen. Solange
diese Nationen Freiheit mit Schutzmaßnahmen für
ethnische und religiöse Minderheiten sowie politischen
Dissens unterstützen, hegen wir Vertrauen, daß Reformen an die Stelle von Reaktion treten.
Präsident Clintons drittes Ziel besteht in der Reduzierung der durch Massenvernichtungswaffen entstehenden Gefahren. Als sich die Sowjetunion auflöste,
befanden sich vier Staaten im Besitz ihrer Nuklearwaffen - Rußland, die Ukraine, Kasachstan und Belarus.
Ein Schlüssel zu unserer Sicherheit ist die Gewährleistung, daß es nur einen einzigen atomaren Nachfolgestaat der Sowjetunion gibt. Unter der Führung von
Präsident Nasarbajew stimmt Kasachstan zu, seine
Nuklearwaffen aufzugeben. Ich war erfreut, im vergangenen Monat an dem Tag in Alma-Ata zu sein, an
dem das Parlament diese Entscheidung ratifizierte.
Wir arbeiten gemeinsam mit der Ukraine an der Sicherstellung eines ähnlichen Abkommens. Ein Grund für
die Reise des Präsidenten nach Minsk ist, dem Volk
und den politisch Verantwortlichen von Belarus zur
Ratifizierung des START-Vertrags und zur Zustimmung zu einem atomwaffenfreien Staat zu gratulieren.
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Darüber hinaus erwarten wir in Brüssel die Verabschiedung unseres Vorschlags zur Bewältigung der
Bedrohung durch nukleare, biologische und chemische Waffen.
Das letzte Ziel des Präsidenten ist die Unterstützung
der dramatischen Fortschritte zu marktwirtschaftlichen
Reformen in allen ehemals kommunistischen Staaten
sowie ein größeres, wirtschaftlich besser florierendes
Europa. Wie wir alle wissen, erlebt ein Großteil Europas eine tiefe Rezession, und wenn diese Nationen
wieder wachsen können, werden wir von mehr Exporten und mehr Arbeitsplätzen in unserem eigenen Land
profitieren. Ebenso wichtig ist die Gewährleistung,
daß das Wirtschaftswachstum alle früher kommunistischen Staaten erreicht, die den schwierigen Übergang
zu Marktwirtschaften vollziehen.
Einige der größten Helden dieser Flucht vor dem
Kommunismus sind die Menschen, deren Namen wir
niemals wissen werden - der Bauer in der Nähe von
Sofia, der jetzt mit größerem Stolz arbeitet, weil er
wieder das Land seines Großvaters besitzt. Der
Unternehmer in Riga, der von seinem Appartement
aus ein neues Unternehmen betreibt. Der Fabrikarbeiter in St. Petersburg, der sich an die neuen Gewohnheiten und Unsicherheiten des Kapitalismus anzupassen versucht.
Der Erfolg der Freiheit wird in hohem Maße von der
Arbeit dieser Menschen abhängen. Wir müssen alles
in unserer Macht Stehende tun um sicherstellen, daß
ihre Mühen belohnt werden. In Brüssel wird der
Präsident die westeuropäischen Staats- und Regierungschefs auffordern, gemeinsam mit unserem Land
Schritte zu unternehmen, um alle unsere Märkte offener für die Waren aus den neuen Demokratien Europas zu machen. In Prag, Moskau und Minsk wird er mit
den Politikern dieser neuen Marktwirtschaften zusammenarbeiten um zu gewährleisten, daß unsere Wirtschaftshilfe sowie Handels- und Investitionstätigkeit
auf die möglichst große Unterstützung dieser Nationen
ausgerichtet sind, während sie den äußerst schwierigen Übergang zur Marktwirtschaft vollziehen.
Heute vollbringen die Menschen der ehemals kommunistischen Nationen täglich Wunder. Mit wenig Ressourcen und Erfahrung verwandeln sie wirtschaftlichen Ruin in funktionierende Märkte. Sie ersetzen das
graue Orwellsche Leben durch die vielversprechenden und vielfältigen Kulturen, deren sich ihre Völker
einst erfreuten. Sie beleben die religiösen Traditionen
wieder, die der Kommunismus nicht ausmerzen konnte. Und sie pflanzen kräftige Schößlinge der Demokratie auf einem Boden, der einst durch Diktatur brachlag
und durch die verheerenden Feuer des Krieges verwüstet war.
Die harte Arbeit der politischen und wirtschaftlichen
Umgestaltung obliegt den Menschen in der Region,
und sie machen heroische Fortschritte - für unser

Seite 5

�eigenes Land sind die Risiken jedoch enorm hoch. Wir
müssen uns auch hinter die Sache der Reformen
stellen. Es liegt im Eigeninteresse Amerikas, daß
diese Reformen Erfolg und Bestand haben. Wenn dies
der Fall ist, werden wir alle mehr Sicherheit haben. Wir
können einen weiteren, alle einbeziehenden europäischen Krieg verhindern. Wir können weitere Fortschritte beim Abbau der alles vernichtenden Waffen
machen. Wir können unsere Sicherheit weiterhin mit
sehr viel niedrigeren Verteidigungsbudgets aufrechterhalten. Wir können neue Märkte für unsere Exporte
und neue Arbeitsplätze für unsere Menschen schaffen, während diese neuen Volkswirtschaften zu wachsen und prosperieren beginnen. Aus diesem Grund
dürfen wir nicht als Zuschauer agieren. Wir müssen
unsere Arbeit zum Aufbau eines größeren und freieren
Europa fortsetzen.

Ich denke zurück an den polnischen Aufstand von
1863, bei dem die polnischen Kämpfer sich von dem
Motto leiten ließen: "Für Eure Freiheit und unsere". In
ihrem tiefsten Inneren waren sie überzeugt, daß ihre
eigene Befreiung andere befreien würde, weil sie für
das umfassendere Prinzip der Freiheit kämpften. Heute
dauert der Kampf für Freiheit in Europa mit neuen
Hoffnungen und hohen Risiken an.
Wenn der Präsident die Reise in diese Länder antritt,
wissen er und alle, die mit ihm zusammengearbeitet
haben, daß der Kampf um die Heilung der Wunden und
Sicherstellung des demokratischen Erfolgs nicht ihr
Kampf allein ist. Es muß auch unser Kampf sein. Es
ist der Kampf eines Lebens - unseres Lebens. Es ist
die Geschichte eines Jahrhunderts - unseres Jahrhunderts. Präsident Clinton und ich haben uns verpflichtet, dies zur Aufgabe unserer Nation zu machen.

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 2

�NATO
12. Januar 1994

PARTNERSCHAFT FÜR FRIEDEN SETZT
VISION DER NATO UM
Ansprache von Präsident Clinton beim NATO-Gipfel
BRÜSSEL - (AD) - Die vorgeschlagene Partnerschaft für Frieden, die eine militärische Zusammenarbeit
zwischen den ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas und der NATO vorsieht und schließlich zur
Aufnahme dieser Länder in das Bündnis führen soll, "ändert nicht die ursprüngliche Vision der NATO, sondern
setzt sie um", erklärte Präsident Clinton.
"Wir sollten jetzt zu den Menschen im Osten Europas sagen: 'Wir teilen Euer Schicksal und engagieren uns für
Euren Erfolg'", forderte der Präsident die Teilnehmer des NATO-Gipfels in Brüssel am 10. Januar 1994 auf. "Die
Gemeinschaft demokratischer Staaten ist gewachsen, und jetzt ist es an der Zeit, diese neuen Nachbarn
willkommen zu heißen."
Der Präsident begrüßte die erneute Warnung des Bündnisses vor der Einkesselung Sarajevos und der
Schutzzonen in Bosnien-Herzegowina und fügte hinzu, diese Warnung sei keine bloße Rhetorik. Wenn sich die
Situation nicht verbessere, müsse das Bündnis zum Handeln bereit sein.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Vielen Dank, Herr Generalsekretär, meine sehr verehrten Damen und Herren. Es ist mir eine große Ehre,
mein Land heute morgen bei diesem NATO-Gipfel
vertreten zu dürfen, wie das bereits acht meiner Vorgänger getan haben.
Wir alle sind aus dem gleichen zwingenden Grund
hierhergekommen: Die Sicherheit des nordatlantischen Raumes ist für die Sicherheit der Vereinigten
Staaten von lebenswichtiger Bedeutung. Die Gründerväter der NATO schufen das größte Militärbündnis
der Geschichte. Das war ein kühnes Unterfangen. Wir
alle wissen wohl, daß wir diese Woche zusammentreffen, weil die Geschichte uns auffordert, nach dem
Ende des Kalten Krieges gleichermaßen mutig zu
handeln. Wir fürchten nicht länger den Angriff eines
gemeinsamen Gegners. Aber obgleich unser gemeinsamer Feind nicht mehr existiert, sind wir uns bewußt,
daß die uns alle konfrontierenden Gefahren nicht
verschwunden sind.
Im Zeitalter nach dem Kalten Krieg müssen wir uns mit
dem destabilisierenden historischen Umbruch auseinandersetzen, den das Ende des Kalten Krieges bewirkt
hat.

AMERIKA DIENST 2

Die heutige Bedrohung liegt nicht in vorrückenden
Armeen, sondern in schleichender Instabilität. Die
beste Strategie zur Bekämpfung dieser Gefahr besteht in der Integration der ehemals kommunistischen
Staaten in das Gefüge unserer liberalen Demokratie,
wirtschaftlichen Prosperität und militärischen Zusammenarbeit. Denn die Sicherheit dieser Generation wird
davon beeinflußt, ob die in diesen Nationen durchgeführten Reformen angesichts der bedeutenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, ethnischen Spannungen und des intoleranten Nationalismus erfolgreich
sind.
Die Zahl der reaktionären Stimmen bei den jüngsten
Wahlen in Rußland erinnert uns erneut an die Stärke
der Demokratiegegner. Das fortgesetzte Gemetzel in
Bosnien zeigt, welcher Preis zu zahlen ist, wenn sich
diese Opponenten durchsetzen. Wenn wir nicht unsere neue Herausforderung meistern, werden wir mit
Sicherheit irgendwann wieder mit unseren alten Herausforderungen konfrontiert. Wenn die Demokratie im
Osten scheitert, werden von dort kommende Gewalt
und Zerrüttung uns und anderen Demokratien erneut
schaden.

Seite 1

�Deshalb wird die von unserer Generation gespielte
Rolle als treuhänderischer Verwalter dieses großartigen Bündnisses meines Erachtens vor allem danach
beurteilt werden, ob uns die Integration der östlichen
Staaten in das westliche Sicherheits- und Wertesystem gelingt. Wir haben die einzigartige, die echte
Chance, die europäische Sicherheit auf der Grundlage
historisch neuer Prinzipien umzugestalten - dem Streben nach wirtschaftlicher und politischer Freiheit. Und
ich würde behaupten, daß wir jetzt harte Arbeit leisten
müssen, denn eine derartige Chance erhalten wir
vielleicht nie wieder.
Tatsächlich fragt sich die Welt heute, ob wir den
Weitblick und Mut unserer Vorgänger besitzen, im
Einklang mit unseren langfristigen Interessen zu handeln. Ich bin zuversichtlich, daß der Stahl in diesem
Bündnis nicht gerostet ist. Unsere Nationen haben
dies bei ihren gemeinsamen Bestrebungen im Golfkrieg unter Beweis gestellt. Im vergangenen Jahr
bewiesen wir das erneut, als wir in Zusammenarbeit
nach siebenjährigen Anstrengungen durch Kompromiß- und Harmoniedenken ein neues GATT-Abkommen erzielten. Und jetzt müssen wir erneut so handeln.
Um die vor uns liegende große Chance zu ergreifen,
habe ich den Vorschlag unterbreitet, eine sogenannte
Partnerschaft für Frieden zu schmieden, die für alle
ehemals kommunistischen Staaten des früheren
Warschauer Pakts sowie andere Nichtmitglieder der
NATO offen ist. Die Teilnahme an dieser Partnerschaft wird gemeinsame Planung, Ausbildung und
Übungen für uns alle betreffende Missionen beinhalten. Die Teilnehmer sollen eingeladen werden, hier
oder im Koordinationszentrum in Mons direkt mit der
NATO zusammenzuarbeiten.

die zu einer Aufnahme der östlichen Länder führende
Partnerschaft für Frieden nicht die ursprüngliche Vision der NATO, sondern setzt diese um.
Wir sollten jetzt zu den Menschen im Osten Europas
sagen: 'Wir teilen Euer Schicksal und engagieren uns
für Euren Erfolg.' Die Gemeinschaft demokratischer
Staaten ist gewachsen, und jetzt ist es an der Zeit,
diese neuen Nachbarn willkommen zu heißen."
Präsident Mitterand hat so beredt darauf hingewiesen,
daß einige dieser Neuankömmlinge der NATO gerne
sofort beitreten würden, und es wurden Vorbehalte
gegen dieses Konzept einer Partnerschaft für Frieden
laut. In meinem Land wurde ich getagt, ob dies das
Beste sei, was getan werden könne, ob dies bedeute,
einen Mittelweg zwischen Untätigkeit und voller Mitgliedschaft zumindest für die Visegrad-Länder zu finden? Hierauf möchte ich persönlich mit einem entschiedenen Nein antworten - auseiner Vielzahl der von
Präsident Mitterand bereits dargelegten Gründe.
Warum sollten wir jetzt eine neue Trennungslinie durch
Europa ziehen, die lediglich etwas weiter im Osten
liegt? Warum sollten wir jetzt etwas unternehmen, das
Europa seiner bestmöglichen Zukunft berauben könnte? Die bestmögliche Zukunft wäre ein demokratisches, der Sicherheit all seiner europäischen Nachbarn verpflichtetes Rußland. Die beste Zukunft wäre
eine demokratische Ukraine, eine demokratische
Regierung in jedem Nachfolgestaat der ehemaligen
Sowjetunion, die alle marktwirtschaftlicher Zusammenarbeit, der gemeinsamen Sicherheit und demokratischen Idealen verpflichtet sind. Wir sollten diese
Möglichkeit nicht verhindern.

Ich behaupte, daß wir bei der Partnerschaft für Frieden
weder auf das eine noch auf das andere verzichten
Die Partnerschaft wird das Bündnis auf die Übernah- müssen. Sie ermöglicht uns die Vorbereitung und
me neuer Aufgaben vorbereiten, die uns die heutige Verwirklichung der Erweiterung des Bündnisses zu
Zeit aufzwingt. Die gemeinsame Arbeitsgruppe, die dem Zeitpunkt, an dem andere Länder zur Übernahme
wir einrichten, wird effektives und schnelles Handeln der aus der NATO-Mitgliedschaft resultierenden Verbei der Friedensschaffung und -Sicherung erleichtern antwortung in der Lage sind. Dabei werden wir überdie
und uns bei der Lösung einiger äußerst schwieriger Zeit verfügen, Rußland und die anderen unabhängiProbleme behilflich sein, die wir heute zu bewältigen gen Staaten der früheren Sowjetunion zu erfassen, die
versuchen. Wir müssen dieses Bündnis auch auf neue während dieser ganzen Debatte weltweit unbeachtet
Bedrohungen vorbereiten, insbesondere den durch blieben, wodurch die Möglichkeit einer Zukunft EuroMassenvernichtungswaffen und ihren Trägersystemen pas offenbleibt, die einen vollkommenen Bruch mit der
uns bekannten destruktiven Vergangenheit darstellt.
entstehenden.
Auf der Grundlage des vor zwei Jahren von der NATO
ins Leben gerufenen Nordatlantischen Kooperationsrats setzt das Programm Partnerschaft für Frieden
einen Prozeß in Gang, der zur Erweiterung der NATO
führt. Zu Beginn hatte dieses Bündnis zwölf Mitgliedstaaten, heute sind es 16, und jeder einzelne hat es
gestärkt. Der NATO-Vertrag hat in der Tat stets die
Aufnahme neuer Mitglieder angestrebt, die die Ziele
des Bündnissesteilen und seine Einflußsphäre demokratischer Sicherheit erweitem könnten. Folglich ändert

Seite 2

Folglich harte ich diesen Vorschlag nicht für einen
halbherzigen Kompromiß. Es handelt sich im wesentlichen um eine gute Idee und ist zum gegenwärtigen
Zeitpunkt in der Geschichte das Richtige. Dieser
Vorschlag läßt die bestmögliche Zukunft für Europa
offen und gibt uns die Mittel an die Hand, uns auf eine
Zukunft vorzubereiten, die vielleicht nicht die beste,
aber entschieden besser als die Vergangenheit ist.
Meines Erachtens sollten wir alle diesen Kurs verfolgen.

AMERIKA DIENST 2

�Hierbei müssen wir uns über einige Annahmen und
Auswirkungen im klaren sein. Erstens: Wenn wir auf
diese Weise vorgehen, müssen wir die Bande unseres
Bündnisses erneut stärken. Amerika engagiert sich für
diese gemeinsamen Bestrebungen. Ich verpflichte
mich zur Beibehaltung einer Truppenpräsenz von
ungefähr 100.000 Soldaten in Europa im Einklang mit
dem ausdrücklichen Wunsch unserer Verbündeten.
Die Menschen in Europa können bei der Aufrechterhaltung dieses Engagements auf Amerika zählen.

Ich möchte auch als Reaktion auf die Äußerungen
Präsident Mitterands etwas ansprechen, das uns alle
beschäftigt - das Bosnien-Problem. Wenn wir über
schwierige Entscheidungen sprechen, müssen wir auch
bereit sein, sie zu treffen. Heute hat man mich gebeten, etwas über meine Politik gegenüber Rußland und
darüber zu sagen, was wir alle meines Erachtens zur
Förderung von Demokratie und Wirtschaftsreformen
in diesem Land unternehmen sollten. Ich will jedoch
noch zwei Punkte zu Bosnien ansprechen.

Zweitens: Wir müssen uns bewußt werden, daß diese
neue sicherheitspolitische Herausforderung eine Reihe von Antworten erfordert, die sich von denen der
Vergangenheit unterscheiden. Aus diesem Grund ist
unsere Administration über die von vorigen Administrationen unternommenen Anstrengungen hinausgegangen, den Europäern bei sicherheitspolitischen
Anliegen und der Förderung ihrer Interessen Beistand
zu leisten. Sie alle genießen unsere Unterstützung
auch außerhalb des NATO-Rahmens.

Erstens möchte ich bekräftigen, daß die Vereinigten
Staaten weiterhin bereit sind, der NATO bei der
Umsetzung einertragfähigen, von den Konfliktparteien freiwillig erzielten Lösung der Bosnien-Frage beizustehen. Natürlich wäre hierzu die Unterstützung durch
unseren Kongreß erforderlich, aber meiner Ansicht
nach können wir diese erlangen, wenn eine derartige
Operation eindeutig unter dem Kommando der NATO
steht, die Mittel zur Durchführung der Mission den
Zielen des Bündnisses entsprechen und diese Ziele im
Hinblick auf Zeit und Umfang klar definiert sind.

Wir haben uns für den Vertrag von Maastricht ausgesprochen. Wir befürworten das Engagement der
Europäischen Union für eine gemeinsame Au ßen- und
Sicherheitspolitik. Wir unterstützen Ihre Bestrebungen zur Stärkung der Westeuropäischen Union, damit
diese zur Sicherheit Europas einen größeren Beitrag
leisten kann.
Im Einklang mit diesem Ziel haben wir den Vorschlag
unterbreitet, NATO-Mittel für Operationen der Westeuropäischen Union zur Verfügung zu stellen, an denen
die NATO selbst nicht beteiligt ist. Obwohl die NATO
die Stütze unserer Sicherheit bleiben muß, werden
diese Bestrebungen unserem Volk und unseren Parlamenten gegenüber neue Ziele der europäischen Institutionen sowie eine gerechtere Aufteilung der Verantwortung innerhalb der transatlantischen Gemeinschaft
unter Beweis stellen.
Schließlich muß bei der Entwicklung einer Partnerschaft für Frieden jeder von uns zur Übernahme der zu
ihrem Erfolg erforderlichen Lasten bereit sein. Das
darf keine bloße Geste sein. Es ist nicht nur ein Forum.
Diese Partnerschaft für Frieden ist auch eine militärische und sicherheitspolitische Initiative im Einklang
mit den Zielen der NATO. Es gibt anscheinend die
pessimistische Einschätzung, daß die Erweiterung der
Zahl unserer Mitglieder eine Erweiterung unserer
Verpflichtungen bedeutet, die durch Militärstrategien
und entsprechende Verhaltensweisen unterstützt
werden muß. Die Aufnahme neuer Mitglieder bringt
nicht nur schwierige Entscheidungen mit sich, sondern
erfordert auch mehr Mittel. Zur Zeit verfügen wir nicht
über viele Mittel, sie müssen aber - wie der Generalsekretär mir bei dem Treffen heute morgen mitteilte bereitstehen, damit unsere Verbündeten und Freunde,
die sich dieser Partnerschaft unmittelbar verpflichten,
dieses Unterfangen ernst nehmen können.

AMERIKA DIENST 2

Zweitens begrüße ich die erneute Bekräftigung unserer Warnung vor einer Einkesselung Sarajevos und der
Schutzzonen durch das Bündnis. Wenn wir diese
Warnung erneut bekräftigen, kann sie nicht als bloße
Rhetorik verstanden werden. Die Angreifer Sarajevos
müssen wissen, wie ernst unsere Warnung gemeint
ist. Wenn wir diesen Satz in der Erklärung lassen,
müssen wir auch dahinterstehen.
Die hier Versammelten müssen sich folglich bewußt
sein, daß das Bündnis zum Handeln bereit sein muß,
wenn sich die Situation nicht verbessert. Auf dem
Spiel steht nicht nur die Sicherheit der Einwohner
Sarajevos und jede Möglichkeit, diesen schrecklichen
Konflikt zu beenden, sondern auch die Glaubwürdigkeit des Bündnisses. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Das wird in Zukunft in anderem Zusammenhang noch Auswirkungen haben.
Da ich mich für diese Sprachregelung ausspreche,
erwarte ich auch, daß der Nordatlantikrat gegebenenfalls Maßnahmen ergreift. Wenn einer der hier Anwesenden nicht damit übereinstimmt, sollte er nicht für
diese Sprachregelung stimmen. Meines Erachtens ist
es die angemessene Formulierung, aber wenn wir so
etwas in die AbSchlußerklärung aufnehmen, müssen
wir uns auch klar ausdrücken.
Abschließend möchte ich noch ein Zitat des berühmten, inzwischen verstorbenen amerikanischen Politologen Walter Lippman anführen. Drei Tage nach der
Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags gab er schriftlich folgende Prophezeiung ab: "Der Vertrag wird noch
zu einer Zeit in Erinnerung bleiben, in der die zu seiner
Unterzeichnung führenden Bedingungen nicht länger
das Hauptinteresse der Menschheit darstellen. Denn
durch den Vertrag wird eine Interessengemeinschaft

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�anerkannt und verkündet, die viel älter als der Konflikt
mit der Sowjetunion ist, unddie zukünftigen Ereignisse
werden ihn überleben."

gemeinschaft besteht jedoch weiter. Jetzt ist es an
uns, eine neue Sicherheit für eine neue Zukunft des
atlantischen Raums im 21. Jahrhundert zu schaffen.

Dieser Gipfel wird zeigen, daß er recht hatte. Die
Sowjetunion existiert nicht mehr, unsere Interessen-

* * * * *

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AMERIKA DIENST 2

�NATO
12. Januar 1994

NATO-ERWEITERUNG
von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - Der folgende Artikel von Außenminister Warren Christopher erschien am 9. Januar 1994
in der Washington Post unter der Überschrift "NATO Plus".

In ganz Mittel- und Osteuropa, einschließlich der
Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, sind
Demokratie und Reformen auf dem Vormarsch, jedoch noch nicht gesichert. Sie werden von Extremisten angegriffen, die in wirtschaftlicher Unsicherheit
ihren Nährboden finden und Hypernationalismus schüren. Viele dieser Staaten fürchten das Wiederaufflammen jahrhundertealter Rivalitäten und revanchistischer
Ambitionen. Unkontrolliert könnten diese Spannungen die Fortschritte zu Reformen vereiteln und letztlich
die Stabilität Europas bedrohen.
Die Staaten im Osten der NATO - einige mit einer
stolzen demokratischen Tradition, andere mit wenig
oder keiner - streben engere Beziehungen zu westlichen Institutionen an, insbesondere zur NATO. Das
Schmieden solcher Bande in dieser entscheidenden
Übergangsperiode wird Demokratie und Reformen
eine mehr als reelle Chance für Erfolg bieten.
Aus diesem Grund hat Präsident Clinton den Vorschlag einer Partnerschaft für Frieden unterbreitet, um
das Engagement der NATO für den Osten zu vertiefen
und die neuen Demokratien in den Westen einzubeziehen. Die Partnerschaft wird allen Mitgliedern des
Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR, der die
Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts und der
früheren Sowjetunion umfaßt) sowie allen anderen
europäischen Ländern offenstehen.
Die Partnerschaft wird den Streitkräften der Nichtmitgliedstaaten der NATO die Entwicklung praktischer
Arbeitsbeziehungen zu den Streitkräften der NATO bei
Planung, Ausbildung und gemeinsamen Übungen
gestatten. Die Partnerschaft wird eine Planungsgruppe zur Organisation der gemeinsamen Ausbildung und
Übungen sowie zur Vorbereitung möglichergemeinsamer Operationen ins Leben rufen. Diese Gruppe wird
direkt mit den Militärplanern der NATO zusammenarbeiten. Wir werden Fähigkeiten aufbauen, um die
AMERIKA DIENST 2

Herausforderungen unserer gemeinsamen Sicherheit
in Angriff zu nehmen.
Aktive Partner werden im NATO-Hauptquartier vertreten sein und sich an den politischen und militärischen
Gremien des Bündnisses beteiligen. Immer wenn eine
unmittelbare Bedrohung der territorialen Integrität,
politischen Unabhängigkeit oder Sicherheit eines
Partnerstaats auftritt, hat die Partnerschaft das ausdrückliche Recht zu Konsultationen und zur Aufnahme
eines intensiven politischen Dialogs mit den Mitgliedern des Bündnisses. Die Verankerung eines solchen
Rechts ist ein wichtiger Schritt zur Beschwichtigung
der von einer Reihe mittel- und osteuropäischer Staaten empfundenen Unsicherheit und zur Verstärkung
der politischen Verbindungen mit ihnen.
Die Partnerschaft hat weder Einflu ß auf die Hauptaufgabe der NATO zur Verteidigung des Bündnisses,
noch beeinträchtigt sie die integrierte Kommandostruktur, die Entscheidungsfindungsmechanismen oder
die gegenseitige Verpf lichtu ng zu r kollektiven Verteidigung der NATO. In der Tat wird sie der NATO bei der
Anpassung ihrer Fähigkeiten in entscheidenden Bereichen wie Krisenmanagement, humanitäre Hilfslieferungen und Friedenssicherung behilflich sein.
Die Partnerschaft ist für die Aufgabe der NATOUmgestaltung zur Bewältigung der Herausforderungen der Ära nach dem Kalten Krieg von zentraler
Bedeutung. Sie bietet den Nationen, die den NATOBeitrrtt anstreben, ein Mittel zur Vorbereitung auf die
Verpflichtungen der Mitgliedschaft. Jeder Staat kann
das Ausmaß der Beteiligung an der Partnerschaft
selbst entscheiden. Diejenigen, die sich für ein aktives
Engagement in der Partnerschaft aussprechen, werden sich Kooperation und die routinemäßigen Konsultationen zur Gewohnheit machen, die der Lebensnerv
des Bündnisses sind. Wie General John Shalikashvili
es formulierte, wird die Partnerschaft für Frieden "unseren
Seite 1

�Militärs die gemeinsamen Verfahren, operativen Erfahrungen und die gemeinsame Ausbildung vermitteln, die für das Funktionieren eines Bündnisses wie
der NATO absolut unabdingbar sind".
Als logische Folge der Partnerschaft für Frieden werden die Vereinigten Staaten beim Gipfeltreffen eine
eindeutige Grundsatzerklärung anstreben, daß die Tür
zur Erweiterung des Bündnisses offen ist. Wir stellen
uns einen evolutionären Prozeß der Erweiterung vor,
aus dem weder Mittel- und Osteuropa, noch Rußland,
die Ukraine oder andere Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zwangsläufig ausgeschlossen wären. Unseres Erachtens wird ein schrittweiser Ansatz
zur Erweiterung die beiden Ziele verwirklichen, das
Vertrauen der mittel- und osteuropäischen Staaten zu
vertiefen und gleichzeitig nicht den Fanatismus extremistischer Elemente, insbesondere in Rußland, zu
schüren, die in einer erweiterten NATO eine militärische Bedrohung sehen.
Die NATO-Mitgliedstaaten behalten das Exklusivrecht
zur Entscheidung, wann und wie neue Mitglieder aufgenommen werden. Die Beteiligung an der Partnerschaft wird die erforderlichen Qualifikationen für die
Mitgliedschaft vermitteln, aber die Beteiligung allein ist
keine Garantie für die Mitgliedschaft. Die Entscheidung der NATO über die Mitgliedschaft wird sich auf
eine realistische Beurteilung der Erfordernisse der
transatlantischen Sicherheit und der Fähigkeit jedes
Kandidaten - wie durch die Partnerschaft für Frieden
unter Beweis gestellt - gründen, die gegenseitige
Verantwortung zur Verteidigung der Mitgliedstaaten
zu übernehmen. Am wichtigsten ist, daß ein mögliches
neues Mitglied demonstrieren muß - wie im Nordatlantikvertrag niedergelegt - daß es die Prinzipien der
Demokratie, Freiheit des einzelnen und Achtung der
Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit, friedlichen
Beilegung von Streitigkeiten und der Unverletzbarkeit
nationaler Grenzen einhält-kurzum, dievonderNATO
verkörperten Werte, die den Bestand des Bündnisses
gesichert haben.
Die Partnerschaft und der evolutionäre Ansatz zur
NATO-Erweiterung sind Investitionen in das Projekt,
daß es in einem zukünftigen Europa keine gemeinsamen Feinde geben muß. Wir wollen, daß Rußland
seinen Platz in der neuen europäischen Sicherheitsarchitektur übernimmt. Rußland muß jedoch auch seinen Teil der Verantwortung tragen, sowohl bei der
Definition seiner Souveränität als auch bei seinen
Beziehungen zu den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Rußland muß jeden Versuch zur Neukonstituierung der UdSSR vermeiden. Sein Verhalten gegenüber anderen Staaten muß im Einklang mit internationalen Normen stehen und der Versuchung widerstehen, auf die alten sowjetischen Praktiken der Einschüchterung und Dominierung zurückzugreifen. Sollte
Rußland von diesem neuen Weg abweichen, können
wir unseren Ansatz zur transatlantischen Sicherheit

Seite 2

und den strategischen Prioritäten der NATO überarbeiten.
Der Vorschlag der Administration zur Partnerschaft für
Frieden und das Prinzip der strukturierten, allmählichen NATO-Erweiterung erfreuen sich beträchtlicher
Unterstützung in Europa, sowohl unter den Mitgliedern
des Bündnisses als auch den Regierungen Mittel- und
Osteuropas. Dennoch wurde der Ansatz der Administration von manchen kritisiert. Einige fürchten, unser
Vorschlag gehe zu weit und würde die Effektivität des
Bündnisses potentiell schwächen. Andere fürchten,
die Partnerschaft tue zu wenig und setze Mittel- und
Osteuropa Ru ßlands - wie manche es sehen - imperialen Ambitionen aus.
Diese Ängste sind unbegründet. Die von uns vorgeschlagene Partnerschaft wird in keiner Weise das
Bündnis verdrängen. Die Stärke der NATO wurzelt in
ihrer politischen und militärischen Geschlossenheit
und der soliden Verpflichtung der Vereinigten Staaten
zur europäischen Sicherheit. Das Bündnis wird niemals Mitglieder auf Kosten der militärischen Bereitschaft oder Effektivität aufnehmen. Wie Senator Nunn
kürzlich feststellte, muß die NATO die erforderlichen
Ressourcen und Änderungen der Strategie sorgfältig
gegeneinander abwägen, die mit einer Erweiterung
einhergehen würden. Gleichzeitig sollten wir der
gegenwärtigen Anzahl von NATO-Mitgliedern keine
magische Bedeutung beimessen. Wem es dem Bündnis
nicht gelingt, den Osten zu erfassen und letztlich
einzubeziehen, könnte es sehr wohl den Samen eben
der Instabilität säen, die es zu vermeiden sucht.
Eine NATO, die sich nicht an die neuen, Europa
konfrontierenden sicherheitspolitischen Herausforderungen anpaßt, riskiert, durch die zentrifugalen Kräfte
der Apathie und Sparsamkeit auseinandergerissen zu
werden, wenn haushaltsbewußte Regierungen im
Westen einer zunehmend skeptischen Öffentlichkeit
Rede und Antwort stehen.
Falls die Beibehaltung der NATO in ihrem jetzigen
Zustand längerfristig eine Gefahr darstellt, besteht die
unmittelbare Gefahr in ihrer zu raschen Veränderung.
Eine plötzliche Erweiterung der NATO ostwärts könnte
ein neoimperialistisches Rußland heraufbeschwören.
Sie würde eine erneute Teilung Europas durch das
Ziehen neuer Linien riskieren und unabsichtlich die
Konfrontationslinie etwas weiter im Osten kopieren,
die wir seit Jahrzehnten zu überwinden trachteten.
Darüber hinaus könnte die vorzeitige Erweiterung zur
Einbeziehung von Staaten führen, die - politisch oder
militärisch - für die Verantwortung der Mitgliedschaft
nicht bereit sind.
Bei der Anpassung der NATO zur Konfrontation mit
den sicherheitspolitischen Herausforderungen Europas in der Zeit nach dem Kalten Krieg wollen wir das
Bündnis als Anker der transatlantischen Sicherheit
aufrechterhalten. Die NATO allein wird jedoch nicht

AMERIKA DIENST 2

�ausreichen, um den Reformen im Osten zum Erfolg zu
verhelfen. Die transatlantische Sicherheit hängt nicht
nur von politischer und militärischer Kooperation ab,
sondern auch von der Fortsetzung des steinigen Weges
der Wirtschaftsreformen. Die europäischen Nationen,
die den schwierigen Übergang zu freier Marktwirtschaft und Demokratie vollziehen, müssen ihren Völkern greifbare Vorteile bieten können. Den westlichen
Nationen und Institutionen obliegt die Verantwortung

zur Unterstützung dieser Bestrebungen, insbesondere durch erweiterten Zugang zu westlichen Märkten.
Durch weiterreichende Handelsmuster werden wir die
Reformen beschleunigen und Wohlstand mehren.
Morgen, wenn wir in Brüssel die Kooperation der
NATO mit dem Osten erweitern, werden wir das Fundament der Sicherheit legen, auf dem ein demokratisches und wohlhabendes Europa ruhen kann.

* * * *

AMERIKA DIENST 2

*

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�MENSCHENVERSUCHE
12. Januar 1994

CLINTON FÜR AUFDECKUNG VON
STRAHLENEXPERIMENTEN
Wiedergutmachungsfrage soll noch geklärt werden

WASHINGTON - (AD) - Die Clinton-Administration hat
ein umfassendes Programm ins Leben gerufen, um die
US-Bürger auszumachen, die zwischen 1945 und
1971 Opfer staatlich geförderter nuklearer Menschenversuche wurden.
Energieministerin Hazel O'Leary ist - mit uneingeschränkter Unterstützung des Präsidenten - entschlossen, "die Tür zu den Geheimnissen der Vergangenheit
zu öffnen" und hat einen Biomedizinethiker von der
Johns Hopkins University mit der Leitung der von
ihrem Ministerium durchzuführenden Untersuchung
beauftragt.
Letzten Monat wies O'Leary ihre Mitarbeiter an, die
Aufzeichnungen über von der früheren Atomenergiekommission durchgeführte biomedizinische Experimente zu orten, Testpersonen zu identifizieren, Dokumente zu entklassifizieren und einen gebührenfreien
Telefonanschluß für die Opfer der Versuche oder
Hinterbliebenen einzurichten. Ungefähr 700 Menschen waren von den Versuchen der Atomenergiekommission betroffen, 18 wurde stark radioaktiv angereichertes Plutonium eingespritzt, einigen offensichtlich ohne ihr Wissen.
Als erster Schritt in diesem komplexen Prozeß wird
eine neugegründete interministerielle Arbeitsgruppe
am 3. Januar mit Energieministerin O'Leary, Gesundheitsministerin Donna Shalala, Verteidigungsminister
Les Aspin, Justizministerin Janet Reno, Veteranenminister Jesse Brown, dem Direktor des Haushaltsbüros
Leon Panetta sowie NASA-Direktor Dan Goldin zusammentreffen. Die Teilnahme der NASA impliziert
nicht, daß die von ihr durchgeführte radiologische
Forschung mißbräuchlich oder ethisch fragwürdig
gewesen war.
Im Pentagon ordnete Verteidigungsminister Aspin die
Prüfung aller Akten bis zurück in die vierziger Jahre an.
Sprecherin Kathleen deLaski teilte mit, die Beamten
AMERIKA DIENST 2

nähmen Kontakt zu Forschern auf, untersuchten relevante medizinische Literatur und nähmen die Zehntausenden von Telefonanrufen des eigens eingerichteten
Anschlusses entgegen, um Hinweise auf mögliche
Testpersonen zu erhalten. Sie fügte jedoch auch
hinzu, das Aufspüren dieser Akten sei schwierig, da
viele offenbar nicht mehr existierten.
Das Veteranenministerium arbeitet eng mit dem Energie- und dem Verteidigungsministerium zusammen.
"Wir werden bei unserer Untersuchung dieser Tests
nichts unversucht lassen", erklärte Minister Brown.
Sollten die Veteranen Opfer unzulässiger Experimente geworden sein, würden die Amerikaner darüber
informiert, die Veteranen benachrichtigt und "angemessene Maßnahmen" ergriffen.
Der erste Bericht über nukleare Menschenversuche
wurde 1986 vom Kongreßabgeordneten Ed Markey
aus Massachusetts erstellt. Er bezeichnete darin die
von ihm beschriebenen Experimente als "ein dunkles
Kapitel in der Geschichte der nuklearmedizinischen
Forschung".
Bei der Vorbereitung der Studie, die damals in den
Medien keinen großen Widerhall fand, erfuhr Markey,
daß dem Frückstück von mehr als einem Dutzend
geistig behinderter Jungen im Jahr 1946 radioaktiv
angereichertes Eisen und Kalzium beigemischt worden war. Durch das Experiment sollte festgestellt
werden, wie schnell diese Stoffe vom Körper verarbeitet werden.
Bei einer anderen, in Massachusetts durchgeführten
und von der Atomenergiekommission und dem Büro
für Marineforschung geförderten Versuchsreihe wurde 23 Schwangeren in den fünfziger Jahren radioaktives Eisen eingespritzt.
Steven Aftergood vom amerikanischen Wissenschaftsverband erklärte, die Experimente seien nicht von

Seite 1

�Sadisten durchgeführt worden, sondern von Wissenschaftlern staatlicher Labors und medizinischer Forschungseinrichtungen in der Überzeugung, daß sie
auf der Höhe des Kalten Krieges den nationalen Sicherheitsinteressen dienten.

Experimente an Amerikanern) sowie seine Rückfragen zu den Experimenten ignoriert.

Der Sprecher des Weißen Hauses, Mark Gearan,
erklärte, die schriftliche Antwort, die Markey von
Regierungsvertretern der Reagan- und Bush-AdminiEin mit den Experimenten vertrauter Nuklearphysiker strationen erhalten habe, "erschien uns unzureichend",
erklärte, nur geringfügige Dosen Radioaktivität seien weil nicht weiter nachgeforscht worden war und sie
verwendet worden. Generell scheinen viele Experi- "einige der in dem Bericht des Kongresses enthaltenen
mente gemäß der damaligen medizinischen und ethi- äußerst beunruhigenden Fragen nicht beantwortet
schen Normen durchgeführt worden zu sein - die sich haben". Die Regierungsvertreter der Clinton-Adminijedoch von den heutigen unterscheiden. Beispielswei- stration beabsichtigen ihm zufolge, "alles in ihrer Macht
se wurden die Gefahren der Radioaktivität während Stehende zu tun, um den vorliegenden Fragen auf den
der vierziger und fünfziger Jahre weniger berücksich- Grund zu gehen". Er warnte jedoch, daß es sich um ein
"Labyrinth von Informationen handelt", deren Prüfung
tigt.
Monate dauern könnte.
Die Frage der Information über die Experimente und
die Zustimmung dazu muß jedoch geklärt werden. Die Frage einer möglichen finanziellen Entschädigung
Dem Energieministerium liegen Hinweise vor, daß der Opfer sei noch anhängig. O'Leary spreche sich
einige der Betroffenen nicht über die Versuche in "offen dafür aus, daß das Unrecht behoben wird". Sie
Kenntnis gesetzt wurden, einige nicht die erforderliche stellte fest, der Kongreß und die Öffentlichkeit sollten
schriftliche Zustimmung gegeben und andere zuge- entscheiden, "was eine geeignete Wiedergutmachung"
stimmt hatten, jedoch nicht über die potentiellen Ge- für die Opfer und ihre Hinterbliebenen wäre.
sundheitsrisiken informiert worden waren.
Gearan zufolge ist es "verfrüht zu sagen, welche
Die Experimente wurden auch mit "beunruhigender Maßnahmen" die Administration ergreifen wird oder
Häufigkeit" - so die Formulierung des Energieministe- "welche Ergebnisse erzielt werden".
riums - an älteren Menschen, Kindern, Gefangenen,
Klinikpatienten und geistig Behinderten durchgeführt. Obwohl das Energieministerium heute ForschungsexAndere Experimente scheinen ohne therapeutischen perimente am Menschen durchführt, verfährt es nach
medizinischen Zweck oder ohne die entsprechenden strengen Bundesrichtlinien. Die Experimente aus der
Zeit des Kalten Krieges wurden nicht wiederholt, und
medizinischen Studien stattgefunden zu haben.
die Bestimmungen des Energieministeriums verhinMarkey zufolge haben zwei Administrationen die dern ihre erneute Durchführung ohne Information und
Auswirkungen seines Berichts American Nuclear Zustimmung.
Guinea Pigs: Three Decades of Radiation Experiments on U.S. Citizens (Amerikanische nukleare Bundesvorschriften fordern jetzt institutionelle ÜberVersuchskaninchen: Drei Jahrzehnte radioaktiver prüfungsgremien an allen Forschungseinrichtungen,
um "den Schutz des Menschen sicherzustellen".

* * * * *

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AMERIKA DIENST 2

�MARTIN

LUTHER

KING
12. Januar 1994

MARTIN LUTHER KINGS ANLIEGEN
Gedenktag zu Ehren des Bürgerrechtlers
WASHINGTON - (AD) - Am 15. Januar 1994 wäre Martin Luther King 65 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlaß
veröffentlichen wir den folgenden Artikel von David Pitts.

"Ich habe immer noch einen Traum. Es ist ein Traum,
der tief im amerikanischen Traum verwurzelt ist. Ich
träume davon, daß sich diese Nation eines Tages
erheben und gemäß der wahren Bedeutung ihres
Bekenntnisses leben wird: 'Wir halten diese Grundsätze für selbstverständlich, daß alle Menschen gleich
erschaffen worden sind.'" (Martin Luther King im
August 1963, beim Marsch auf Washington).
Hätte er gelebt, wäre er am 15. Januar erst 65 Jahre alt
geworden - was uns daran erinnert, daß er noch nicht
einmal 40 war, als sein Streben nach rassischer Gleichberechtigung an diesem schrecklichen Tag im Memphis vor nahezu einem Vierteljahrhundert ein jähes
Ende fand.
Am nächsten Montag werden Amerikaner im ganzen
Land erneut das Leben dieses herausragenden Mannes und die von ihm verfochtene Sache mit einem
nationalen Gedenktag feiern. Es ist ein Tribut an die
Universalität seiner Botschaft, daß sein Geburtstag
heute nicht nur ein Feiertag in den Vereinigten Staaten, sondern auch in über 40 Ländern der Welt ist. Sie
reichen von Bangladesh bis zum Senegal, und es wird
besondere Feierlichkeiten wie Andachten, Vorträge,
Lesungen und sogar offizielle Bälle geben.
Inzwischen ist die Geschichte über Kings Reise von
Montgomery (Alabama), wo er den Bus-Boykott von
1955 organisierte, bis nach Memphis (Tennessee), wo
er 1968 den Kampf der schwarzen Angestellten im
Gesundheitswesen für bessere Arbeitsbedingungen
anführte, weithin bekannt.
Nicht so leicht zu verstehen ist heute der außerordentliche Mut, den es erforderte, das in den Südstaaten so
fest verankerte System der Rassentrennung und die
im übrigen Land überall vorherrschende Rassendiskriminierung anzufechten.

AMERIKA DIENST 2

Von Anfang an gründete sich Kings Strategie auf
Gewaltverzicht und war von den Lehren Mahatma
Gandhis geleitet, dessen Politik des bürgerlichen
Ungehorsams zur Unabhängigkeit Indiens und der
Befreiung von britischer Herrschaft beitrug.
Man muß sich jedoch vor Augen haften, daß Kings
heute so weithin bewunderte Politik zu seinen Lebzeiten große Kontroversen hervorrief. Sie wurde nicht nur
von Verfechtern der Rassentrennung abgelehnt. Selbst
innerhalb der Bürgerrechtsbewegung sah sich King
der Kritik von allen Seiten des politischen Spektrums
ausgesetzt. Viele Bürgerrechtler dachten, er ginge zu
schnell vor und zu weit. Andere, insbesondere Radikale wie Malcolm X, Eldridge Cleaver und Stokely
Carmichael (jetzt Kwame Toure), waren wütend über
das langsame Tempo der Veränderungen. Einige
drängten auf eine gewalttätige Revolte zur Erlangung
rassischer Gleichheit.
Wie gewöhnlich hielt King an seinen Ansichten und
Prinzipien fest. "Die mutigen Bestrebungen unserer
aufrührerischen Brüder wie Denmark Vesey und Nat
Turner sollten uns eine eloquente Lehre sein", warnte
er, "daß gewalttätige Rebellion von Anfang an zum
Scheitern verurteilt ist." (Denmark Vesey und Nat
Turner führten den Aufstand gegen die Sklaverei an).
Obwohl Kings Taktik nicht so radikal war, wie manche
befürworteten, war seine Vision es zweifelsohne. Sein
Traum für die schwarzen Amerikaner bestand nicht
nur in rechtlicher und politischer Gleichberechtigung,
sondern in der uneingeschränkten Beteiligung am
wirtschaftlichen Leben der Nation. "Wenn jemand
keine Arbeit oder kein Einkommen hat", so King, "hat
er weder ein Leben, noch Freiheit oder die Möglichkeit
des Strebens nach Glück."
King trug seine Botschaft nicht nur in alle Teile der
Vereinigten Staaten, sondern vermittelte sie allen auf
Seite 1

�der Welt. Bei zahlreichen Anlässen sagte er: "Überall
stellt Ungerechtigkeit eine Bedrohung der Gerechtigkeit dar."
Nach Art der größten Staatsmänner nutzte er die
Stunde und Dynamik der Sache, die nicht warten
konnte. Er appellierte an den angeborenen Idealismus
der weißen und schwarzen Amerikaner gleichermaßen, die wußten, daß ihr Land und die Welt ein
besserer Ort sein könnten.
Die von ihm miterrungenen Siege waren zahlreich:
Nicht nur bahnbrechende Gesetze wie das Bürgerrechtsgesetz von 1964, das Gesetz über das Wahlrecht von 1965 und das Gesetz über die gerechte
Vergabe von Wohnungen von 1968, sondern auch die
ereute Konzentration der politischen Tagesordnung
der Nation auf die Verwirklichung der Versprechungen
der amerikanischen Verfassung für jeden Bürger.
Trotz solcher Fortschritte verhallte sein Ruf nach rassischer Gleichberechtigung zu seinen Lebzeiten teilweise ungehört - vielleicht wird er für die Generation
seiner Kinder verwirklicht, aber nicht für ihn. Daß
dieses Ziel für einen einzelnen Mann, selbst Martin
Luther King, zu groß ist, überrascht nicht angesichts
der rassischen Intoleranz, die einen Großteil der
Geschichte der Menschheit charakterisiert, nicht zuletzt unsere Zeit.

Vielleicht ist dies aber nicht so wichtig. Denn Martin
Luther King hatte einen Traum, nicht nur ein Programm. Erveränderte unsere Herzen, nicht nur unser
Denken. Sein Leben war beredtes Zeugnis der Idee,
daß ein Mensch etwas bewirken kann.
Wenn er heute zu uns sprechen könnte, würde er
zweifellos jedem Bürger dieses Landes und jeden
Weltbürger raten, nicht nur den weiten Weg zu Freiheit
und Gerechtigkeit zu feiern, den wir zurückgelegt
haben, sondern den Kampf fortzusetzen, bis die Reise
vollendet ist.
Um nochmals aus seiner berühmtesten Rede zu zitieren, die er an einem heißen Augusttag vordem Lincoln
Memorial vor nahezu 26 Jahren gehalten hat:
"Wenn dies geschieht und wenn wir den Frieden
wirklich ausrufen, wenn wir ihn in jedem Dorf und
jedem Flecken, in jedem Bundesstaat und jeder Stadt
erschallen lassen, werden wir dem Tag schnell näherkommen, an dem alle Kinder Gottes, Schwarze und
Weiße, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken einander die Hände reichen und das alte Spiritual
anstimmen: 'Free at last. Free at last. Thank God
Almighty, we are free at last.'"

* * * * *

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AMERIKA DIENST 2

�FILM
12. Januar 1994

HOLLYWOOD 1993 - DER ROMAN
ALS DREHBUCHVORLAGE
Jahresbilanz amerikanischer Filme

WASHINGTON - (AD) - Romane dienten Hollywood
als Drehbuchvorlagen für einige der eindringlichsten
und bedeutendsten Filme des Jahres 1993.
Gegen Jahresende packten Hollywoods kreative Drehbuchautoren und Filmregisseure auch eine Reihe heikler,
deprimierender Themen an - den Holocaust, die AI DSPandemie und, wieder einmal, Vietnam - die keine
leichtverdauliche Kost für die Feiertage sind.
Steven Spielberg, Regisseur bisheriger Kassenschlager wie E.T. und Die Farbe Lila, führte 1993 Regie bei
zwei längeren, auf Romanen basierenden Filmen. Der
eine, Jurassic Park, ein sich um die Rückkehr des
Zeitalters der Dinosaurier drehendes Abenteuer, hat in
weniger als sechs Monaten weltweit die höchsten
Bruttoeinnahmen in der Geschichte der Filmindustrie
eingespielt. Der Film gründete sich auf einen Roman
mit dem gleichen Titel von Michael Crichton.
Der zweite, am Jahresende in die Kinos gekommene
Spielberg-Film, Schindlers Liste, war ein Meisterwerk der Kunst und Geschichte, das auf das von dem
Australier Thomas Keneally geschriebene Buch zurückgriff.
Keneallys Roman beschreibt bewegend detailliert die
authentischen Ereignisse im Leben des Nazi-Sympathisanten Oskar Schindler - Geschäftsmann, Frauenheld und schließlich pfiffiger Retter von über 1.000
gefährdeten Juden, die dem sicheren Tod im Konzentrationslager Auschwitz in Polen entkamen. Drehbuchautor Steven Zaillians Vorlage hielt sich eng an
das Original. Spielberg kämpfte über zehn Jahre lang
mit dem schwierigen Projekt, bevor der Film mit Liam
Neeson und Ben Kingsley in den Hauptrollen einer
begeisterten Öffentlichkeit gezeigt wurde.
Regisseur Martin Scorsese schien in seinem Element
bei der beziehungsreichen Verfilmung (zusammen mit
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dem Schriftsteller Jay Cocks) von Edith Whartons
Roman Zeit der Unschuld. Mit den glänzenden
Darstellern Daniel Day-Lewis und Michelle Pfeiffer
spiegeh der Film die glitzernde Welt der New Yorker
High Society in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts wider. Der Film war ein entscheidender Neuanfang für Scorsese, dessen Werk sich häufig mit der
zeitgenössischen italienisch-amerikanischen Gemeinde in New York beschäftigt.
Robert AHman, der Entfremdung und schwarzen Humor
in Filmen wie Nashville und M-A-S-H widergab, griff
für seinen Film Short Cuts auf die Romane von
Raymond Carver zurück. Als Vorlage dienten neun
Kurzgeschichten und ein Prosagedicht von Carver,
aus denen AHman (in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Frank Barhydt) eine Collage beziehungsloser
Situationen schuf, die irgendwie, zufällig, auf Zelluloid
verschmelzen. Sexuell, gesellschaftlich, psychologisch sieht man die rund zwölf Darsteller in dem
verzweifelten Kampf, Ordnung in ihr Leben zu bringen.
Amy Tran verfilmte ihr mitreißendes und häufig
schmerzliches Töchter des Himmels in Zusammenarbeit mit dem Ko-Drehbuchautor Ron Bass und dem
chinesisch-amerikanischen Regisseur Wayne Wang.
Mit einer guten Mischung bekannter und bisher unbekannter asiatisch-amerikanischer Schauspieler beschwört sie eindringlich die Geschichte und Erfahrungen nahezu eines Jahrhunderts.
So düster dieser Film häufig erschien, während sich
die Ereignisse entwickelten, war er doch sehr viel
mitreißender und gefühlvoller als Heaven and Earth
ein anderer in Asien wurzelnder Film. In seiner Verfilmung zweier Memoiren von Le Ly Hayslip zeichnet
Regisseur Oliver Stone die Geschichte Vietnams - und
die Rolle Amerikas darin - über 30 Jahre hinweg auf. Er
tut dies in quälender, wütender Weise, ähnlich wie in

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�seinen packenden Filmen Platoon und Geboren am
4. Juli.

Einer der ungewöhnlichsten Aspekte des Filmjahres
1993 waren die zahlreichen Auftritte vieler bekannter
Schauspieler.

Auch Unterhaltungsliteratur für die breite Masse fand
1993 ihren Weg auf die Leinwand. Neben Crichtons
Jurassic Park wurde sein Ost-West-Spionageroman
Rising Sun verfilmt, in dem Sean Connery und Wesley Snipes mitspielten. Die Firma mit Tom Cruise und
The Pelican Brief mit Julia Roberts und Denzel
Washington - Thriller nach den Werken von John
Grisham - zählten ebenfalls zu den Kassenschlagern
des Jahres 1993.

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Authentische Geschichten als Drehbuchvorlage waren in Hollywood im letzten Jahr zwar nicht vorherrschend, zogen jedoch auch Zuschauer an. Das von
Ron Nyswaner verfaßte Philadelphia unter der Regie
von Jonathan Demme stand an erster Stelle. Tom
Hanks spielt darin einen Rechtsanwalt, der nach der
Ankündigung, daß er AIDS-infiziert ist, von seinem
Unternehmen entlassen wird und dieses daraufhin
verklagt. In dem Film spielen auch Denzel Washington
und Jason Robards mit. Der Kabelsender Home Box
Office zeigte erstmals einen authentischen Film über
AIDS - And the Band Piayed On - der auf Randy
Shirts Krankheitsgeschichte (Aids. Die Geschichte
eines großen Versagens, 1989) basiert.
Hollywood wandte sich auf der Suche nach Vorlagen
auch dem Theater zu. Neben der gelungenen, eigenwilligen Inszenierung des englischen Schauspielers
und Regisseurs Kenneth Branagh von Shakespeares
Viel Lärm um nichts hatten die Kinobesucher die
Wahl zwischen Shadowlands (dem bewegenden
Drama des englischen Autors William Nicholson über
die Romanze zwischen dem Schriftsteller OS. Lewis
und der Amerikanerin Joy Davidman) und Six Degrees of Separation des amerikanischen Bühnenautors John Guare, einer Mischung aus Komödie und
Drama mit sozialem Unterton.
Besonderen Anklang beim amerikanischen Kinopublikum fanden drei ausländische Filme, die auf sinnliche
Weise ehebrecherische Beziehungen schildern - Das
Piano aus Australien, Bittersüße Schokolade aus
Mexiko und Lebe wohl meine Konkubine aus China.

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Clint Eastwood, der letztes Jahr für Erbarmungslos
den Oskar als "bester Schauspieler" gewann, spielte in
In The Line of Fire einen zum Schutz eines amerikanischen Präsidenten eingesetzten Geheimagenten und
führte anschließend in A Perfect World Regie, in dem
er und Kevin Costner die Hauptrollen hatten. Anthony
Hopkins, der gemeinsam mit Debra Winger in Shadowlands zu sehen ist, spielt in The Remains of the
Day überzeugend den Butler eines englischen Herrenhauses; Emma Thompson ist in der Rolle der Haushälterin zu sehen.
Thompson wiederum, Mitglied der munteren Truppe in
dem shakespearischen Ränkespiel von Branagh (ihrem Ehemann), stellte in In the Name of the Father
eine Rechtsanwälte dar. Denzel Washington war
auch in Viel Lärm um nichts zu sehen. Und Tom
Hanks, der an AIDS leidende Rechtsanwalt aus Philadelphia, spielte in einer der unterhaltsamsten Komödien des Jahres, Schlaflos in Seattle, einen Witwer,
der durch eine Talkshow im Radio eine neue Liebe
findet.
Erwähnt werden sollte auch Mrs. Doubtfire, eine
Ende des Jahres in die Kinos gekommene Komödie
mit Robin Williams. Dieser Knüller, in dem sich Williams als Kindermädchen verkleidet, um bei seinen
Kindern sein zu können, war der siebte Spielfilm des
Jahres, der mehr als 100 Millionen Dollar einbrachte.
Zur Zeit bereitet Hollywood die Filmliste für 1994 vor.
Die Zuschauer werden die Wahl haben zwischen der
Verfilmung des Romans von Isabel Allende, Das Geisterhaus, von Tom Robbins' Even Cowgirls Get the
Blues sowie in Anlehnung an Werke beliebter Romanautoren - darunter Grisham und Crichton - gedrehten
Filmen. Und dieses Jahr sollen Stars wie Kevin
Costner, Anthony Hopkins, Paul Newman und Meryl
Streep in mehreren Filmen zu sehen sein.

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