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Z12462C
*
10. November 1993

45

AUSSENPOLITIK

CHRISTOPHER BEGRUSST NEUE
RUSSISCHE MILITÄRDOKTRIN
Anhörung vor Senatsausschuß

BOSNIEN

FORDERUNG NACH BESTRAFUNG VON
KRIEGSVERBRECHERN IM EHEMALIGEN
JUGOSLAWIEN
Drängen auf kurzzeitige Friedenslösung
stellt Gefahr dar

GATT

VORBEREITUNGEN FÜR ABSCHLUSS
DER URUGUAY-RUNDE
Weiterhin erhebliche Schwierigkeiten

LUFTFAHRT

PENA ERLÄUTERT AMERIKANISCHE
LUFTFAHRTPOLITIK
Rede des Verkehrsministers

GESELLSCHAFT

DIE WELT IN EINEM STADTVIERTEL
von Jeff Lyon

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK
10. November 1993

CHRISTOPHER BEGRÜSST NEUE
RUSSISCHE MILITÄRDOKTRIN
Anhörung vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Nach einer "ersten Prüfung"
begrüßte Außenminister Christopher mehrere Aspekte der diese Woche veröffentlichten neuen Militärdoktrin Rußlands. Christopher machte seine Ausführungen im Rahmen einer umfassenden Erörterung der
amerikanischen Außenpolitik bei einer Anhörung vor
dem Auswärtigen Ausschu ß des Senats am 4. November 1993.
Bei der Auflistung außenpolitischer Prioritäten der
Clinton-Administration setzte Christopher wirtschaftliche Sicherheit an die oberste Stelle. "Sicherheit in der
Welt nach dem Kalten Krieg wird ebenso von starken
Volkswirtschaften wie von starken Waffenarsenalen
abhängen", erläuterte er.

Jahren stattgefunden haben", antwortete Christopher
auf die Frage des Ausschußvorsitzenden, Senator
Claibome Pell, zur neuen russischen Militärdoktrin.
"Die russische Militärdoktrin versucht, mit der neuen
Realität in Rußland Schritt zu halten", stellte der Außenminister fest und fügte hinzu, es habe "eine enorme Reduzierung des russischen Militärs stattgefunden. In praktisch jeder Waffenkategorie, einschließlich der nuklearen, wurden einschneidende Kürzungen
vorgenommen."

Die Russische Föderation habe ferner "die alte Doktrin
verworfen, keinen Erstschlag mit Nuklearwaffen durchzuführen", äußerte Christopher. "Offen gesagt haben
die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten die alte
Eine weitere wichtige Priorität ist seiner Ansicht nach sowjetische Doktrin nie als ernsthaften Indikator desdie Unterstützung politischer und wirtschaftlicher Re- sen gewertet, was die UdSSR tatsächlich mit ihrem
formen in Rußland und den anderen Nachfolgestaaten massiven Arsenal von Nuklearwaffen tun würde."
der ehemaligen Sowjetunion sowie in den neuen
Demokratien Mittel- und Osteuropas. Er ging ferner "In der neuen Doktrin hat Rußland im wesentlichen
auf Europa, die NATO, Asien und den Pazifik, China, festgestellt, daß es Atomwaffen nicht gegen einen
den Nahen Osten, Nichtverbreitung sowie die Verhin- atomwaffenfreien Staat einsetzen wird, der Mitglied
derung oder Bewältigung regionaler Konflikte wie in des Nichtverbreitungsvertrags ist", so der AußenminiHaiti, Somalia und Bosnien als Themen von oberster ster. "In der Tat unterscheidet sich die in dieser
Erklärung angekündigte Nukleardoktrin nicht grundlePriorität ein.
gend von unserer eigenen."
Dem Außenminister zufolge wollen die Vereinigten
Staaten "umfassende Beziehungen zu China" aufbau- Christopher verwies ferner auf das "Hauptziel" der
en, die eine Beilegung von Meinungsverschiedenhei- Doktrin, das die Beendigung des Abzugs der zur Zeit
ten in einem weitgefaßten, strategischen Kontext außerhalb Rußlands stationierten russischen Streitgestatten. "Wir arbeiten mit China auf Fortschritte in kräfte sei, die auf russisches Territorium zurückgeführt
allen Bereichen hin, die weiterhin Anlaß zur Besorgnis werden sollen.
geben, darunter Menschenrechte, Nichtverbreitung
"Wir begrüßen dies", stellte der Außenminister fest.
und Marktzugang", führte er aus. Christopher warnte
Die neue Doktrin sehe darüber hinaus vor, daß die
jedoch, "solange es keine maßgeblichen Fortschritte
russischen Truppen "in bestimmten Situationen, verbei Menschenrechten gibt, wird der Präsident im
mutlich im Rahmen der Friedenssicherung, entlang
kommenden Frühjahr nicht die Verlängerung des
der Peripherie der ehemaligen Sowjetunion operieMeistbegünstigungsstatus empfehlen können".
ren". Die Vereinigten Staaten gingen davon aus, daß
"Rußland beginnt die tiefgreifenden Veränderungen in solche Operationen "nur in Zusammenarbeit mit den
den Griff zu bekommen, die in den vergangenen drei anderen betroffenen Staaten erfolgen werden", fügte
Christopher hinzu.
AMERIKA DIENST 45

Seite 1

�"In unseren diplomatischen Gesprächen mit Rußland
haben wir betont, daß russische Operationen außerhalb Rußlands im Einklang mit allen internationalen
Normen, insbesondere der Charta der Vereinten Nationen und der Schlußakte von Helsinki stehen müssen, und die Russen haben dies bestätigt."
"Sie müssen die territoriale Integrität und Souveränität
der anderen neuen unabhängigen Staaten respektieren", stellte er fest. "Mit anderen Worten, Rußland
muß Teil der Lösung und nicht Teil des Problems im
Hinblick auf regionale Konflikte sein."

nicht alleine ein Ende der Uruguay-Runde des GATT
herbeiführen ... Die Förderung der transatlantischen
Sicherheit erfordert nicht nur eine Erneuerung der
NATO, sondern auch einen erfolgreichen Abschluß
der GATT-Verhandlungen."
Außenminister Christopher sprach im weiteren folgende außenpolitische Themen an:

Ukraine. Diese Nation "hat ihre Verpflichtungen sowie
deren Anwendbarkeit auf alle strategischen Offensivwaffen auf ukrainischem Boden erneut bekräftigt, aber
wir haben noch harte Arbeit vor uns, da in diesem Staat
Die Vereinigten Staaten entnehmen der Erklärung weiterhin Opposition gegen eine atomwaffenfreie Ukraine
femer, daß die neue Doktrin speziell auf den Abzug besteht". Präsident Krawtschuk hat zugesichert, im
aller russischen Truppen aus den Nachbarstaaten ukrainischen Parlament auf eine Ratifizierung des
Lettland und Estland Bezug nimmt, "und das sind gute START-I-Vertrags während der Sitzung im November
Nachrichten", so Christopher, der hinzufügte, er habe zu drängen.
während seines Besuchs in Moskau Ende vergangeDer ukrainische Präsident nannte Christopher keine
nen Monats entsprechende Zusicherungen erhalten.
Frist für den Beitritt seines Landes zum Nichtverbrei"Darüber hinaus hat die russische Regierung wieder- tungsvertrag (NW). "Und genau da liegen die Schwieholt bekräftigt, daß sie kein Junktim zwischem dem rigkeiten, und genau da müssen wir auf Fortschritte
Truppenabzug und der Situation der ethnischen Rus- drängen."
sen in diesen Baltenstaaten herstellt."
"Wir alle müssen ihnen klarmachen, daß sie in der
"Ich bedauere das Ende des Kalten Krieges nicht", Gemeinschaft der Nationen nicht voll akzeptiert wererklärte der Außenminister. "Wir müssen einen neuen den und keinen Anspruch auf umfassende WirtschaftsKonsens im Inland für die anhaltende Unterstützung hilfe haben, bevor sie nicht dem NW beitreten."
unseres aktiven Engagements in einer komplexeren
Haiti. "Haiti ist ein Beispiel dafür, daß zeitweilige
und interdependenten Welt erarbeiten."
Rückschläge uns nicht von der Verfolgung unserer
Während dieser Zeit müßten die Vereinigten Staaten Interessen abhalten dürfen. Wenn auf Haiti nicht die
"eine sachliche Einschätzung ihrer dauerhaften Inter- Demokratie wiederhergestellt wird, werden Unterdrücessen vornehmen, die Sicherheit ihrer Nation, den kung, Gewalt und Leiden weiterhin eine große Zahl von
Wohlstand ihres Volkes und wo immer möglich die Haitianern zur - oftmals für sie äußerst gefährlichen Förderung demokratischer Werte gewährleisten", er- Flucht veranlassen."
läuterte der Außenminister.
Haitis Probleme können einzig und allein durch demoDie NATO "mu ß innovativ sein oder sie geht das Risiko kratische Institutionen und wirtschaftliche Entwicklung
ein, in Belanglosigkeit zu verfallen", führte er aus und gelöst werden... Wir bleiben der Wiederherstellung
fügte hinzu, ihre Erweiterung sollte durch die von den von Demokratie und der Rückkehr von Präsident AriVereinigten Staaten angekündigte Initiative Partnerfür stide verpflichtet."
den Frieden in nichtdiskriminierender Weise erfolgen
und zahlreiche Staaten einbeziehen. Christopher zufolge Die Administration hat "viele Informationen über die
sei der russische Präsident Jelzin äußerst positiv Lage auf Haiti und über Präsident Aristide, und auf
gegenüber dem Konzept Partner für den Frieden ein- dieser Grundlage halten wir ihn für unterstützenswert
gestellt, das eine Erweiterung der NATO nach Osten in ... basierend auf der Tatsache, daß er demokratische
Erwägung zieht. "Sie wollen nicht von der Möglichkeit sowie erwiesenermaßen offene und freie Wahlen auf
eines Beitritts ausgeschlossen werden", so der Au- Haiti gewonnen hat".
ßenminister.
Somalia. Die Vereinigten Staaten verfolgen in Soma"Präsident Jelzin ist der beste Verbündete, den wir lia "ein hehres Ziel", das "im Einklang mit unseren
heute in Rußland haben", betonte der Außenminister. Werten und Traditionen steht... Wir haben buchstäb"Er respektiert meines Erachtens die territoriale Inte- lich Hunderttausende von Menschenleben gerettet.
grität der anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion." Jetzt verfolgen wir eine klare politische Linie und
Diejenigen, die Jelzin letzten Monat zu stürzen ver- werden durch die bereits gemachten Fortschritte
suchten, wollten Christopher zufolge das sowjetische ermutigt."
Imperium wiederherstellen.
Burundi. Das Außenministerium hat der aufgrund
des
Putsches in Burundi entstandenen Flüchtlingslage
Er richtete folgende Warnung an die europäischen
große
Aufmerksamkeit gewidmet. Die Vereinigten
Verbündeten Amerikas: "Die Vereinigten Staaten können
Seite 2

AMERIKA DIENST 45

�Staaten stehen in Kontakt mit der Organisation für
Afrikanische Einheit und den Nachbarländern Burundis. Die "beste Lösung in der gegenwärtigen (Situation) ... (ist) die Zusammenarbeit in dieser regionalen
Organisation."
Bosnien-Herzegowina. "Die amerikanische Politik
angesichts des schrecklichen Konflikts in BosnienHerzegowina trägt unserem strategischen Interesse
an der Verhinderung einer Ausweitung des Konflikts
auf die Nachbarstaaten sowie unserem humanitären
Interesse an einer Milderung des Leidens der Menschen in Bosnien-Herzegowina Rechnung."
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin auf Verhandlungen drängen, aber angesichts der großen Gefahr
für die Bosnier wegen des bevorstehenden Winters
"müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf humanitäre
Hilfsaktionen konzentrieren".
Die Vereinigten Staaten unterstützen die Einrichtung
eines UN-Kriegsverbrechertribunals sowie eine Fortsetzung der Wirtschaftssanktionen gegen Serbien und
Montenegro. "Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten
durch Erklärungen von Präsident Clinton und mir deutlich
gemacht, daß wir nicht mit militärischen Mitteln eine
Lösung erzwingen wollen... Wenn die Bedingungen
für unsere Teilnahme erfüllt sind, wären wir zur Mitwirkung an der Herbeiführung einer Lösung in Bosnien
durch die NATO bereit, sofern alle Parteien zustimmten."
UNO-Friedenssicherung. "Wir müssen eindeutig
neue Mechanismen zur Beilegung und Verhinderung
von Konflikten in Erwägung ziehen sowie die Mechanismen zur Friedenssicherung modifizieren oder neu
gestalten." Die Rolle der Vereinigten Staaten "wird

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AMERIKA DIENST 45

durch eine genaue Einschätzung der Interessen unseres Landes und anderer Staaten bestimmt".
In außenpolitischen Fragen sind Christopher zufolge
eingehende und umfassende Konsultationen mit dem
Kongreß erforderlich, insbesondere wenn die Administration eine UNO-Resolution in Erwägung zieht, die
den Einsatz amerikanischer Streitkräfte beinhalten
könnte. Es bestehe eine reale Gefahr, daß aus der
Sorge über eine Beteiligung der Vereinigten Staaten
an friedenssichernden Operationen ein Trend zu Isolationismus entstehen könnte.
"Wir dürfen nicht die Tatsache aus den Augen verlieren, daß die Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen uns in vielerlei Hinsicht bei der Erfüllung unserer
Aufgaben größere Effektivität verleiht als wenn wir im
Alleingang handeln würden."
Jedoch "müssen wir in Betracht ziehen, daß das
amerikanische Volk immer in Sorge ist, wenn USTruppen ... nicht dem operativen Kommando des
amerikanischen Militärs unterstehen."
Indien, Pakistan. Die Weiterverbreitung von Atomwaffen in Südasien ist für die Vereinigten Staaten
Anlaß zu "großer Sorge".
Die neue Regierung Pakistans sei hoffentlich aufgeschlossen für die internationalen Gespräche über Fragen
der Weiterverbreitung in der Region.
Indien werde im Zusammenhang mit seinen religiösen
Konflikten hoffentlich einen Weg zur Beschwichtigung
der Gemüter finden, die die Situation zu schüren
scheinen. "Es ist ein tragischer Rückschritt, daß
dieses Land seine Minderheitenreligionen nicht auf
positive Weise integriert."

* * *

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Seite 3

�BOSNIEN
10. November 1993

FORDERUNG NACH BESTRAFUNG VON
KRIEGSVERBRECHERN
IM EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN
Drängen auf kurzzeitige Friedenslösung stellt Gefahr dar
WASHINGTON - (AD) - Botschafter Kenneth Blackwell, der ehemalige Vertreter der Vereinigten Staaten
bei der UN-Menschenrechtskommission, erklärte am
3. November 1993, es sei "von lebenswichtiger Bedeutung", daß die Anklage von Kriegsverbrechern im
ehemaligen Jugoslawien so zügig wie möglich vonstatten gehe.
In einer Arbeitsgruppe forderte Botschafter Blackwell,
Kriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen und
erklärte: "Das Drängen auf ein kurzfristiges Friedensabkommen bringt die Kriegsparteien zwar an den
Verhandlungstisch, führt jedoch auch zu einem Abkommen über gegenseitige Amnestie." Er stellte fest:
"Das dient weder der Gerechtigkeit noch dem langfristigen Frieden in der Region." Vielmehr "wird es
fortgesetzte kriegerische Auseinandersetzungen über
Generationen hinweg auslösen; die Strafverfolgung
von Kriegsverbrechern ist bei der Versöhnung auf
lange Sicht der Schlüsselfaktor".
In einer Rede vor den Vereinten Nationen am 2.
November 1993 vertrat Madeleine Albright, die UNOBotschafterin der Vereinigten Staaten, eine ähnliche
Meinung. "Die Clinton-Administration akzeptiert keine
Übereinkunft und kein Angebot, die Kriegsverbrechern
Straffreiheit gewähren - und unserer Ansicht nach wird
das auch die internationale Staatengemeinschaft nicht
tun."
Vergangene Woche gaben die Vereinten Nationen die
Ernennung von Ramon EscovarSalom, dem Justizminister Venezuelas, zum Generalstaatsanwalt beim
internationalen Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien bekannt. Auch wurde angekündigt, daß Cherif Bassiouni, der bereits der Expertenkommission zur Untersuchung von Kriegsverbrechen
angehört, zu deren Vorsitzenden ernannt wird.

Am heutigen Tag forderten mehrere Redner, ein
Übergangsteam aufzustellen, um diese beiden Amtsträger bei ihren Bemühungen zu unterstützen. "Obwohl diese Ankündigungen einen erheblichen Fortschritt im Hinblick auf die Rechenschaftspflicht von
Kriegsverbrechern darstellen, haben wir noch viel Arbeit
vor uns, wenn das Tribunal eine wirksame und glaubwürdige Rolle dabei spielen soll, in dieser Krisenregion
Gerechtigkeit walten zu lassen", äußerte Dr. John
Woodall, Arzt an der Harvard Medical School, der die
Arbeitsgruppe einberufen hatte.
Zu dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien im allgemeinen stellte Woodall fest, es sei offensichtlich, daß seit
dem Ende des Karten Krieges multilaterale Aktionen
das bevorzugte Instrument zur Beilegung internationaler Krisen geworden seien. Obwohl solche Aktionen
seiner Ansicht nach auch funktionieren, wies er auf
zwei Fallstricke hin: "Die internationalen Institutionen
sind zur Zeit nicht stark genug, um wirksame multilaterale Aktionen zu unterstützen" und "ein nachlassender
internationaler Wille" erschwere multilaterale Lösungen.
Blackwell stimmte dem zu und fuhr fort: "Es müssen
konkrete Schritte unternommen werden, um die institutionellen M ittel zur Förderung von globaler Sicherheit
und Rechtsstaatlichkeit zu verbessern". Zu diesem
Zweck forderte er einen internationalen Sicherheitsgipfel führender Politiker.
Die dem Kriegsverbrechertribunal angehörenden Richter sollen vom 17. November an mehrere Wochen in
Den Haag zusammentreffen, um Entwürfe für Verfahrensregeln auszuarbeiten. Mehrere Redner wiesen
darauf hin, daß ein Beginn der Verhandlungen nicht
vor Anfang kommenden Jahres erwartet wird.

* * * * *
AMERIKA DIENST 36

Seite 1

�GATT
10. November 1993

VORBEREITUNGEN FÜR ABSCHLUSS
DER URUGUAY-RUNDE
Weiterhin erhebliche Schwierigkeiten
WASHINGTON - (AD) - Ab dem 15. November 1993
werden Unterhändler aus über 100 Ländern zu einer
praktisch ununterbrochenen Sitzung zusammenkommen, um die sieben Jahre andauernden Handelsgespräche der Uruguay-Runde des GATT bis zum 15.
Dezember zu einem Abschluß zu bringen.
John Schmidt, der amerikanische Koordinator für die
Uruguay-Runde, bezeichnete die Aussichten auf einen erfolgreichen Abschluß der Gespräche in der
gesetzten Frist als "gut", räumte jedoch ein, daß von
Landwirtschaft und Dienstleistungen bis zu Zöllen und
Textilien noch beachtliche Hindernisse bestehen.
Auf einem Treffen von Vertretern der Wirtschaft aus
den Vereinigten Staaten und dem Ausland am 2.
November 1993 in Washington machte Schmidt auch
deutlich, im Gegensatz zu den von französischer Seite
geäu ßerten Behauptungen erwarteten weder die Vereinigten Staaten noch die meisten anderen Teilnehmer der Uruguay-Runde, daß die Gespräche über den
15. Dezember hinausgehen oder zu weniger als einem
umfassenden Abkommen über alle wichtigen Bereiche des Handels führen.
Eine der Hauptschwierigkeiten ist ihm zufolge der
Marktzugang. Die von den führenden Industrieländern
beim Wirtschaftsgipfel in Tokio im vergangenen Juli
eingegangenen Verpflichtungen zur Senkung der Zölle seien nicht erfüllt worden.

"Das Problem war die Fixierung der Europäischen
Gemeinschaft auf die Senkung aller oder praktisch
aller Spitzenzölle, wozu wir niemals bereit waren und
sind", so Schmidt. "Ganz offensichtlich werden weder
wir noch Japan oder Kanada das tun."
Schmidt argumentiert, daß die amerikanischen Textilhersteller von den Vorschlägen der Uruguay-Runde
hart betroffen werden, die einen schrittweisen Abbau
des derzeitigen weltweiten Systems von Textilquoten,
genannt Murtifaserabkommen, fordern. Ihm zufolge
würde das einer 60- bis 70prozentigen Zollsenkung
entsprechen.
Schmidt erklärte auch, das Angebot der EG zur Senkung der Zölle auf Halbleiter von 14 auf 9 Prozent
reiche in den Augen der Welt nicht aus.
Bei Finanzdienstleistungen planten die Vereinigten
Staaten die baldige Vorlage eines kontroversen Ansatzes, der tatsächlich "moderater" als vorgesehen ausgefallen sei.
Die Vereinigten Staaten hatten die Absicht, bei den
Verhandlungen über Finanzdienstleistungen nicht den
Meistbegünstigungsstatus anzubieten, weil ihrer Ansicht nach die anderen Länder die Bereitschaft zur
Öffnung ihrer Märkte vermissen lassen.

Der Meistbegünstigungsstatus hätte den Ländern mit
geschlossenen Märkten bei Finanzdienstleistungen
Das Tokioter Abkommen forderte die Abschaffung den ungehinderten Zugang zum amerikanischen Markt
tarifärerund nichttarifärer Maßnahmen bei einer Reihe gestattet, dereinigen ausländischen Anbietern bereits
von Produkten, die Harmonisierung der Zölle für che- eingeräumt wurde.
mische Produkte auf niedrigem Niveau sowie die "Wir haben vor kurzem die Auffassung geäußert, daß
Verfolgung des umfassenden Ziels einer 33prozenti- wir statt uneingeschränkter Ausnahmen beim Meistgen Zollsenkung.
begünstigungsstatus - die viele als eine Gefährdung
Ferner wird darin die Aushandlung größtmöglicher der Einbeziehung von Finanzdienstleistungen in die
Senkungen der Spitzenzölle von über 15 Prozent Uruguay-Runde oder mögliche Gefährdung des Abgefordert. Schmidt zufolge interpretiere die EG das als kommens über Dienstleistungen insgesamt ansehen 50prozentige Senkung jedes Spitzenzolls, insbeson- gewisse Ausnahmen vornehmen, die der ganzen Wert
eine grundlegende Stillhaltevereinbarung bieten, und
dere auf amerikanische Textilien.
AMERIKA DIENST 45

Seite 1

�wir würden ihnen garantierten Zugang zum amerikanischen Markt auf ihrem derzeitigen Niveau einräumen",
stellte Schmidt fest. "Um jedoch über ihre derzeitigen
Aktivitäten hinauszugehen, ... müßten sie die Verpflichtung eingehen, einen unserem Marktzugang
vergleichbaren Zugang zu ihren Märkten zu gestatten."
Die Vereinigten Staaten haben weiterhin Meinungsverschiedenheiten mit einigen Ländern über die Notwendigkeit einer neuen multilateralen Handelsorganisation (Multilateral Trade Organization - MTO) anstelle
des Allgemeinen Zo^ und Handelsabkommens. Schmidt
zufolge sind die Vereinigten Staaten nicht von der
Notwendigkeit einer MTO überzeugt, obwohl sie zum
Überdenken dieser Frage bereit sind, sollten alle anderen
Probleme der Uruguay-Runde gelöst sein.
"Eine neue multilaterale Handelsorganisation hat eindeutig einige politische Nachteile für uns", erklärte
Schmidt und erläuterte, alles, was die Entscheidungs-

befugnis der Vereinigten Staaten beschränke, könnte
zu politischem Widerstand im Kongreß führen.
Schmidt deutete ferner an, daß ein negatives Ergebnis
der vorläufig für den 17. November 1993 anberaumten
Abstimmung über das Nordamerikanische Freihandelslabkommen (North American Free Trade Agreement - NAFTA) im Kongreß die Uruguay-Runde zu Fall
bringen könnte.
Schmidt zufolge würde ein negatives Abstimmungsergebnis zum NAFTA die Frage aufwerfen, wie die
übrige Weh die Vereinigten Staaten als Verhandlungspartner sieht und ob die Clinton-Administration in der
Lage ist, die Verabschiedung der Gesetzesvorlage zur
Uruguay-Runde im Kongreß durchzubringen. Solche
Zweifel könnten dazu führen, daß andere Unterhändler bei der Uruguay-Runde nicht die liberalisierenden
Maßnahmen anbieten, die zum Erfolg der Runde erforderlich sind.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 45

�LUFTFAHRT
10. November 1993

PENA ERLÄUTERT AMERIKANISCHE
LUFTFAHRTPOLITIK
Rede des Verkehrsministers
WASHINGTON - (AD) - Verkehrsminister Federico Pena zufolge liegen der Politik der Vereinigten Staaten zur
internationalen zivilen Luftfahrt vier Prinzipien zugrunde, die er in einer beim Treffen des Internationalen
Verbandes für Lufttransport in Dallas am 1. November 1993 gehaltenen Rede erläuterte.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Verkehrsministers.

Um Präsident Clinton zu zitieren, durchleben wir sowohl en Zeitpunkt der vollständigen Erholung unseres interin den Vereinigten Staaten als auch weltweit eine Zeit nationalen Luftfahrtmarktes prognostizieren.
"galoppierender Veränderungen" - und Spannungen Und wir Amerikaner sind uns der Belastungen äu ßerst
in der Luftfahrtindustrie.
bewußt, die Wettbewerb den Fluggesellschaften und
Ich möchte Ihnen meine Gedanken zu dieser heraus- Regierungen auf der ganzen Welt auferlegt - weil wir
fordernden Situation erläutern und unseren "Flugplan" sie selbst erlebt haben.
darlegen, der uns dabei leiten soll.
Ich bin jedoch überzeugt, daß Privatisierung, WettbeIch möchte drei Themen ansprechen. Erstens werde werb und Globalisierung durch wirtschaftliche und
ich kurz auf die wettbewerbsfördernde Politik der politische Kräfte genährte Trends sind, die letztlich
Vereinigten Staaten gegenüber den Fluggesellschaf- Bestand haben werden. Regierungen und Fluggesellten eingehen. Dann werde ich den Trend zur Globali- schaften, die sich diese Trends zu eigen machen,
sierung dieser Industrie - und die sie konfrontierenden werden definitiv den Vorsprung haben.
Hemmnisse - analysieren. Logischerweise führt mich
das zu meinem dritten Thema - wie wir in der sich Wettbewerbsfördernde Luftfahrtpolitik
abzeichnenden internationalen Welt der Luftfahrt Während andere Nationen wettbewerbsfördernde
zusammenarbeiten und wachsen können.
Maßnahmen verabschieden, könnte es sich als nützJeder hier weiß, daß sich die internationale Luftfahrtindustrie inmitten eines tiefgreifenden, häufig schwierigen Umbruchs befindet - ausgelöst durch kommerzielle Gebote und die Verbreitung der Politik freier
Marktwirtschaften. Fluggesellschaften und Regierungen auf der ganzen Welt kämpfen, um sich an den
Trend zu Privatisierung, Wettbewerb und Globalisierung anzupassen (und ihm in einigen Fällen zu widerstehen).
Wir haben keine Kristallkugel, um genau vomerzusagen, wie diese Trends die internationale Luftfahrt
beeinflussen werden. Wir können die Kreativität von
Fluggesellschaften nicht antizipieren oder den genau-

AMERIKA DIENST 45

lich erweisen, Ihnen meine Perspektive der amerikanischen Erfahrungen seit 1978 zu erläutern und einige
der Fehleinschätzungen auszuräumen, die heute
bezüglich dieser Perspektive vorherrschen.
Das Engagement für erweiterten Wettbewerb bildet
nach wie vor das Kernstück unserer Luftfahrtpolitik.
Diese Sichtweise gründet sich jedoch nicht auf den
blinden Glauben an die "unsichtbare Hand" eines
allwissenden Marktes - wie einige immer noch behaupten.
Wir müssen nochmals betonen, wer unsere Lobby ist:
Die Reisenden, Transporteure von Waren und Dienstleistungen, die Fluggesellschaften und Flugzeugher-

Seite 1

�steller sowie die Städte, die Dienstleistungen zur
Wiederbelebung ihrer Volkswirtschaften wünschen.

Millionen von Reisenden und Geschäftsleuten, die
jetzt aufgrund überhöhter Preise vom Luftfahrtmarkt
vertrieben werden, könnten beflügelt werden und die
Das Abwägen der Interessen all dieser Parteien könn- Volkswirtschaften auf dem Kontinent wiederbeleben
te eine Herausforderung darstellen. Meines Erach- sowie überall in der Luftfahrtindustrie mehr Arbeitstens müssen wir jedoch versuchen, bei der Förderung plätze schaffen, nicht abschaffen.
des nationalen Interesses nicht genaue mathematische Formeln, sondern gesundes Urteilsvermögen Das war zweifelsohne unsere Erfahrung in den Vereiund Fairness walten zu lassen.
nigten Staaten. Seit 1978 ist die Beschäftigung in der
amerikanischen Luftfahrtindustrie insgesamt von
Niemand ist sich der Traumata und Belastungen des 314.000 auf 432.000 Mitarbeiter angewachsen - trotz
harten Wettbewerbs im Flugverkehr bewußter als die der sattsam bekannten Probleme einiger amerikaniAmerikaner. Die Reisenden, Mitarbeiter der Flugge- scher Fluggesellschaften. Darüber hinaus gibt es
sellschaften, die Regierung und die amerikanischen ständig neue US-Fluggesellschaften, die auf den Markt
Fluggesellschaften selbst haben sie gespürt.
drängen.
Es überrascht daher nicht, daß andere Nationen häufig
die Frage stellen, warum wir diese wettbewerbsfördernden Maßnahmen verfolgen - insbesondere angesichts der drohenden finanziellen Engpässe, mit denen sich die amerikanischen Fluggesellschaften in den
vergangenen drei Jahren konfrontiert sahen.

Es mag Sie schockieren, wenn ich sage, daß wir
diesen neuen Wettbewerb begrüßen. Wir sind sogar
der Auffassung, daß er für unsere traditionellen Fluggesellschaften gut ist.

Der Hauptgrund, warum sich amerikanische Fluggesellschaften heute eines so großen Anteils am internaWir sind durch diesen Tumult in der Tat so beunruhigt, tionalen Markt erfreuen, ist, daß sie durch den Wettbedaß ich die Gründung einer 15köpfigen nationalen werb im Inland äußerst effizient geworden sind.
Kommission zur Gewährleistung einer starken, wettbewerbsfähigen Luftfahrtindustrie uneingeschränkt Wir wissen um die Besorgnis einiger Regierungen über
diesen großen Marktanteil amerikanischer Fluggesellbefürwortet habe.
schaften.
Nach all diesen Analysen, Anhörungen und Debatten
bekräftigte die Luftfahrtkommission ein Dogma - unse- Aber statt erfolgreiche Konkurrenten einzuschränken,
re Überzeugung, daß Wettbewerb zwischen inländi- sollten Regierungen, die den Erfolg ihrer eigenen
schen Fluggesellschaften der amerikanischen Wirt- Fluggesellschaften wünschen, sie zu einer "Neuorgaschaft insgesamt enorme Vorteile verschafft.
nisation" zur Bewältigung der Herausforderungen des
Wettbewerbs auf globaler Ebene drängen.
Die Vorteile liegen auf der Hand - in Form eines
immens angestiegenen Passagieraufkommens, nied- Wettbewerb unter den Fluggesellschaften ist auch
rigeren Preisen, mehr Arbeitsplätzen bei Fluggesell- langfristig für die Flugzeug- und Düsentriebwerksherschaften sowie großen Anreizen für die amerikani- steller vielversprechend. Nichts kann mehr in ihrem
schen Städte und unsere Volkswirtschaft. Kurzum, Interesse liegen als der rasche Anstieg der Nachfrage
Wettbewerb unter Fluggesellschaften hat sich als gut nach Flugreisen und Frachttransport, den Wettbewerb
für die ihre Dienstleistungen in Anspruch nehmenden mit sich bringt.
Kunden erwiesen.
Diese Marktkräfte sind zur Aufrechterhaltung einer
Millionen amerikanischer Touristen, Geschäftsleute stabilen Auftragslage durch die Fluggesellschaften in
und Spediteure, die vor der Deregulierung durch über- der Zukunft unabdingbar. Die steigende Nachfrage
höhte Preise vom Luftfahrtmarkt vertrieben wurden, kann die Triebkraft zur Ankurbelung von Flugzeugverhaben jetzt Zugang zu einem erschwinglichen und käufen insgesamt sein - und bietet nicht nur den
wettbewerbsfähigen Angebot der Fluggesellschaften. Arbeitnehmern bei Boeing und McDonnell-Douglas,
sondern auch in der Airbus-Industrie sowie anderen
Wir sind stolz auf unsere Fluggesellschaften und wol- Flugzeug- und Düsentriebwerksherstellem auf der
len, daß sie rentabel sind. Wir vertreten ferner die ganzen Welt Arbeitsplätze.
Auffassung, daß unsere Fluggesellschaften die strategisch wichtigsten, unerläßlichsten und wertvollsten Welche andere Ursache als durch Wettbewerb und
Akteure unter unseren Dienstleistungsindustrien sind niedrigere Preise herbeigeführte steigende Verbrauund nicht nur Symbole unseres nationalen Prestiges. chernachfrage können wir uns zunutze machen, um
Handelsspannungen abzubauen und den GesamtumOffen gesagt glauben wir, daß Wettbewerb - sowohl satz der Fluggesellschaften zu erhöhen? Offenkundig
bei Preisen als auch bei Dienstleistungen - unter allen können es nicht fortgesetzte staatliche Subventionen
Fluggesellschaften im Interesse der Reisenden und auf Kosten der Steuerzahler weltweit sein.
Geschäftsleute auf der ganzen Welt - nicht nur der
Amerikaner - liegt.

Seite 2

AMERIKA DIENST 45

�Nachdem er unseren Glauben an die Vorteile von Hemmnisse bei wettbewerbsorientierter PreisfestsetWettbewerb bekräftigt hat, wird der neue Verkehrsmi- zung sowie Vermarktung neuer Unternehmen und der
nister sein Augenmerk vermehrt auf die Dynamik des bloße Einsatz von Marktmacht zur Schädigung des
Wettbewerbs richten und einen sorgfältigeren Ansatz Wettbewerbs werden überprüft, damit neue Firmen
als unsere Vorgänger bei dessen Verwirklichung ver- nicht vom Eintritt in den Markt abgehalten oder bestefolgen.
hende Unternehmen nicht durch wettbewerbsorientierte Praktiken geschädigt werden.
Wo es uns geeignet erscheint, sind wir sehr viel eher
- selbst in Zeiten der Deregulierung - zur Ausübung der In Zukunft werden wir darauf bestehen, daß Fusionen,
seit jeher der Regierung übertragenen gesetzlichen Beschaffungen und Verkäufe von Lizenzen für FlugBefugnis bereit, um Wettbewerb zu fördern und zu strecken gut begründet, wettbewerbsorientiert und
erhalten.
finanziell solide sind. Darüber hinaus werden wir die
Auswirkungen solcher Transaktionen auf die MitarbeiIm Rahmen des gesetzlichen Mandats zur Öffnung ter der Fluggesellschaften prüfen.
des Luftfahrtmarkts werden wir neue Bewerber und
Unternehmer zur Gründung neuer Firmen und zur Die nachhaltige Erfahrung der Konkurse von FluggeZulassung als Fluggesellschaft ermutigen.
sellschaften, Entlassungen, Arbeitskämpfe und Streiks
sind uns noch zu frisch im Gedächtnis, als daß wir die
Dies ist ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe, da in finanziellen Exzesse der achtziger Jahre wiederholen
den Vereinigten Staaten seit dem 1. Januar 1992 nicht wollten.
weniger als 24 Passagier-, Charter und Frachtfluggesellschaften den Betrieb aufgenommen haben. Und Präsident Clinton hat Entlassungen eine neue Perbeim Verkehrsministerium sind weitere 23 Anträge für spektive gegeben, die selbst durch die besten - und
die Zulassung als Passagierfluggesellschaft anhän- notwendigsten - Maßnahmen verursacht werden können.
gigIm Hinblick auf unsere gesetzliche Verpflichtung zur
Sicherstellung der Solvenz von Fluggesellschaften
werden wir große Transaktionen etablierter Unternehmen prüfen um zu gewährleisten, daß ihre Finanzlage
nicht durch Fehlplanungen ausgehöhlt wird.
Aus unserer Sicht ist der Grund für die derzeitigen
finanziellen Schwierigkeiten der amerikanischen Luftfahrtindustrie zum Teil auf die von den bisherigen
Administrationen nicht ergriffenen klugen Schritte zur
Sanierung der Fluggesellschaften zurückzuführen,
indem mit einem zu hohen Verschuldungsgrad belastete Geschäfte nicht in Frage gestellt wurden.
Ich möchte jedoch unterstreichen, daß wir die Luftfahrtindustrie nicht wieder regulieren - oder unentgeldlich intervenieren - werden. Wir werden vielmehr mit
der Präzision eines Chirurgen sowie nur in bestimmten
Fällen und mit äußerster Sorgfalt vorgehen. Wir
streben zur Zeit keine neuen gesetzmäßigen Befugnisse an. Wir werden die Befugnisse ausüben, die
bereits während der vergangenen 10 Jahre bestanden, aber größtenteils ungenutzt blieben.
Bei Verstößen gegen das Kartellgesetz hat die neue
Administration bereits unsere Bereitschaft zu handeln
unter Beweis gestellt. Das Verkehrs- und Justizministerium prüfen das Vorgehen der Fluggesellschaften
äußerst genau.

Während wir unsere Verteidigungsindustrie abbauen
und unsere Volkswirtschaft durch das Nordamerikanische Freihandelsabkommen und andere Vereinbarungen für Wettbewerb beim Handel öffnen, unternehmen
wir auch Schritte, um den Gemeinden und Beschäftigten bei Anpassungen - und beim Ergreifen neuer
Chancen - behilflich zu sein, indem wir das umfassendste Programm für Umschulung und lebenslanges Lernen
in der Geschichte unseres Landes anbieten.
Wir wissen, daß die Wiederherstellung der Liquidität
einiger amerikanischer Fluggesellschaften noch einige Jahre dauern wird. Und wir sind über erste Anzeichen erwirtschafteter Gewinne bei unseren Fluggesellschaften erfreut.
Das Ziel der Gewährleistung einer soliden Finanzlage
amerikanischer Fluggesellschaften ist jedoch eine
Ergänzung - nicht ein Widerspruch - wettbewerbsorientierter Maßnahmen oder ein Grund zur Tolerierung wettbewerbsorientierter Praktiken.
Kurzum: Während andere Nationen die Macht der
Regierungen zur Verhinderung von Wettbewerb einsetzen könnten, werden wir die Macht der Regierung
zum Schutz von Wettbewerb nutzen.

Warum? Weil unsere eigene Erfahrung uns von den
folgenden Binsenwahrheiten überzeugt: Wettbewerb
führt zu niedrigeren Preisen und mehr Flugreisen.
In den vergangenen 10 Monaten haben wir zweimal Mehr Flugreisen sind besser als weniger, und mehr
öffentlich die Art und Weise in Frage gestellt, in der Flugreisen schaffen nicht nur Arbeitsplätze im Fluggroße Fluggesellschaften mit kleineren Unternehmen zeugbau, sondern haben auch einen dynamischen
konkurrieren. Und wir haben eine private Überprüfung Zuwachs der Wirtschaftsaktivitäten in Städten, Regioanderer Situationen durchgeführt und vornehmlich auf nen, Nationen und der gesamten Weltwirtschaft zur
freiwillige Einhaltung gedrängt.
Folge.
AMERIKA DIENST 45

Seite 3

�Ich sage das nicht nur als Verkehrsminister - sondern
als ehemaliger Bürgermeister von Denver, der lange
und hart um den neuen internationalen Flughafen von
Denver gekämpft hat, der in diesem Monat eröffnet
wird und nächsten März den vollen Betrieb aufnimmt.
Ich hoffe, Sie alle werden der feierlichen Eröffnung
beiwohnen.

in Form von nichtangetretenen Flügen, nicht abgeschlossenen Kontakten und Geschäften sowie Touristen, die nicht ins Land kommen, um Geld auszugeben.
Diese vergeudeten Wirtschaftschancen und Arbeitsplätze, die entstehen könnten, sind vielleicht für einige
"unsichtbar", jedoch sehr real.

Ich weiß aus erster Hand, welche Vorteile dieser neue
Flughafen für die Wirtschaft der gesamten Region Im Gegensatz dazu verschaffen Nationen, die wettbeRocky Mountains und der Nation mit sich bringen wird. werbsorientiertere Maßnahmen und liberalere Luftfahrtabkommen verabschieden, ihren Bürgern und
Die Nebeneffekte, die er bewirkt, gehen weit über mehr Geschäftsleuten konkrete Vorteile. Eine Studie der
Arbeitsplätze für Mitarbeiter von Fluggesellschaften, Luftfahrtabkommen von 1975 bis 1989 gelangt zu der
Angestellte der Touristikbranche und andere hinaus, Schlußfolgerung: "Ein liberales Abkommen hat 46
Prozent mehr Reisen zwischen den Vereinigten Staadie direkt für die Bedienung der Reisenden und Abwicklung der Fracht zuständig sind. Es werden neue, ten und dem Ausland zur Folge sowie eine jährliche
bis dahin unvorstellbare Geschäftsabschlüsse getätigt Zuwachsrate beim Passagieraufkommen von 11 Pro- neuer Handel, neue Wirtschaftsentwicklung, die nie- zent mehr als ohne eine liberale Vereinbarung - nach
mals ohne das erweiterte Flugangebot stattgefunden Prüfung anderer landesspezifischer Faktoren..."
hätten, die dieser neue und effiziente Flughafen mit
Allein die Tourismusbranche, die jetzt zu einer weltumsich bringen wird.
spannenden Industrie mit einem Umsatz von 3,5 BillioDenver ist nur ein Beispiel dafür, warum die Liberalisie- nen Dollar geworden ist, beläuft sich auf 6 Prozent des
rung des Luftverkehrs und besserer Zugang zu Flug- gesamten Bruttosozialprodukts der Weh und beschäfhäfen die beste Art und Weise zur Verwirklichung des tigt 127 Millionen Arbeitnehmer - das ist jeder 15.
Hauptziels sein kann, nach dem alle Nationen heute Arbeitsplatz. Die Touristikindustrie erhöht jedes Jahr
streben - Wiederbelebung ihrer Volkswirtschaften und ihre neuen Kapitalanlagen um 422 Milliarden Dollar
und bezahlt 303 Milliarden Dollar an Steuern.
Schaffung von mehr Arbeitsplätzen für ihre Bürger.
Unsere Statistiken belegen, daß die Flughäfen in den
30 größten Städten der Vereinigten Staaten Wirtschaftsaktivitäten in Höhe von 250 Milliarden Dollar, 80
Milliarden Dollar an Löhnen und Gehältern sowie 4
Millionen Arbeitsplätze zur Folge haben.
Und was für Denver, Chicago oder Boston gilt, trifft
auch auf Paris, Montreal und Osaka zu - in der Tat auf
alle Städte dieses Planeten. Aus diesem Grund erhalte ich von amerikanischen Städten praktisch jeden Tag
Anträge für internationale Flugverbindungen.
Das könnte auch der Grund sein, warum das heute zu
beobachtende Wiederaufflammen von Protektionismus im Luftverkehr meines Erachtens zutiefst selbstzerstörerisch für die Nationen ist, die einen solchen
Kurs verfolgen.
Protektionismus im Luftverkehr erlegt den Reisenden
und Unternehmen in eben den Ländern enorme Kosten auf, die dies versuchen. Indem sie ineffiziente
Fluggesellschaften "schützen" statt sie zur Anpassung
anzuspornen, schaden die Regierungen jedem anderen Sektor ihrer Volkswirtschaften und lähmen die
gesamte Weltwirtschaft.
Nationen, die ineffiziente inländische Fluggesellschaften "schützen" wollen, tun dies nur auf Kosten der
Verweigerung zunehmenden Wirtschaftswachstums
für ihr Volk. Aus Angst vor kurzfristigen Entlassungen
bei Fluggesellschaften verursachen sie noch sehr viel
höhere Verluste für ihre gesamten Volkswirtschaften

Seite 4

Der heute größte Industriezweig auf diesem Planeten,
die Reise- und Touristikbranche, soll Schätzungen
zufolge in den kommenden Jahren schneller wachsen
als die Weltwirtschaft als Ganzes. Das Ausmaß dieser
Industrie stellt bereits das der Luftfahrtindustrie in den
Schatten.
In einer Untersuchung des französischen Tourismusministeriums wurde beispielsweise herausgefunden,
daß auf den Luftverkehr nur 10 Prozent der gesamten
Fremdenverkehrsindustrie entfallen. Die Staaten, die
ineffiziente Fluggesellschaften schützen, schaden daher
unweigerlich einer Branche, die neunmal so groß ist
wie die Luftfahrtindustrie - und behindern dadurch
auch das Wirtschaftswachstum als Ganzes.
Ich bezweifle, daß diese wunderbare Stadt, in der wir
uns heute befinden - Dallas - so viele internationale
Unternehmen und Industrien angezogen hätte, wenn
sie nicht die konkurrenzfähigen Luftfahrtdienste anbieten könnte, über die sie seit dem Bau des Dallas-Fort
Worth Flughafens vor nahezu 20 Jahren verfügt. Ich
lade unsere internationalen Besucher dazu ein, das
Erschließungsprojekt Las Colinas zu besichtigen und
die Vorteile des erhöhten Flugaufkommens aus erster
Hand zu sehen.
Ironischerweise schaden die Staaten, die ihre Fluggesellschaften vor Wettbewerb "schützen", sogar diesen
selbst. Denn die Fluggesellschaften, die sich um
Schutz bemühen und diesen unglücklicherweise er-

AMERIKA DIENST 45

�hatten, entdecken bald, daß ein solch kurzlebiger
Schutz ihre langfristige Konkurrenzfähigkeit unterminiert.

Die Reaktionen der Fluggesellschaften und Regierungen auf diese Anforderungen unterscheiden sich stark,
aber niemand kann es sich leisten, sie zu ignorieren.

Selbstverständlich erwarten die Vereinigten Staaten
nicht von anderen Nationen, ihre nationalen Fluggesellschaften - über Nacht - zu einem Wettbewerb zu
zwingen, der ihnen das Genick brechen könnte. Wir
streben jedoch ein Ende der Subventionierung, besseren Zugang zu Flughäfen und so rasch wie möglich
eine stärkere Liberalisierung des Luftverkehrs an.

Die Globalisierung ist natürlich nicht auf die Luftfahrt
beschränkt. Sie ist ein gemeinsames Thema all jener
Branchen, in denen der Erfolg im Wettbewerb vom
Aufbau wettumspannender Netzwerke abhängt.

Es wird erwartet, daß das zukünftige Wachstum im
internationalen Passagier- und Frachtverkehr die
Nachfrage im Inland bei weitem übersteigen wird und
sich das schnellste Wachstum auf den ostasiatischen
und pazifischen Märkten ereignet.

Aufgrund der Chicagoer Konvention von 1944 basiert
der Bilateralismus auf dem Wunsch der meisten nationalen Regierungen, ihre Fluggesellschaften vor dem
Wettbewerb abzuschirmen. Er lebt als ein weltumspannendes Netz von mehr als 1.000 zwischenstaatlichen Abkommen fort, die den internationalen Luftverkehr regeln - und zunehmend behindern.

Im Bank-, Versichernngs- und Kommunikationswesen, bei den Medien und in anderen Dienstleistungsindustrien hat man bereits auf das Entstehen eines
Unserer Ansicht nach werden schnelle und bedeuten- Weltmarktes reagiert. Dasselbe gilt für die Automobilde Fortschritte in dieser Richtung nicht nur den Steu- industrie und die Flugzeughersteller, die bereits noch
erzahlern die Kosten von Subventionen ersparen, vor wenigen Jahren als ketzerisch anmutende globale
sondern weitere Fluggesellschaften dazu ermutigen, Allianzen bilden.
die Herausforderungen des Weltmarktes, denen sie
sich nicht auf immer entziehen können, anzunehmen Die gleiche Dynamik treibt immer mehr Fluggesellschaften zur Erweiterung ihrer globalen Dienstleistunund zu bewältigen.
gen an, wodurch die derzeitige Welle von grenzüberschreitenden Investitionen, strategischen Allianzen und
Globalisierung contra Protektionismus
gemeinsamer Datenübermittlung neuen Auftrieb erNun möchte ich auf mein zweites Thema zu sprechen hält.
kommen - die Globalisierung der Luftfahrtindustrie den Prozeß, durch den die Fluggesellschaften zuneh- Der Schlüssel zur Zukunft der internationalen Fluggemend gezwungen werden, über ihre nationale Umge- sellschaften ist eindeutig ihre Fähigkeit zu größerer
bung hinauszuwachsen und multinationale Unterneh- Effizienz, vermehrtem Dienstleistungsangebot und
men zu werden.
Marktzugang auf der ganzen Welt. Die Fluggesellschaften, denen keine Anpassung ihrer Operationen
Heutzutage hängt der Wohlstand - und sogar das an diese wachsende Nachfrage nach globalen DienstÜberleben - der internationalen Fluggesellschaften leistungen gelingt, werden bald weit abgeschlagen
von ihrer Fähigkeit zur Anpassung an die Globalisie- hinter den anderen zurückliegen.
rung ab. Dieser Prozeß wird von der starken Expansion des internationalen Reise- und Frachtverkehrs Das ist insbesondere der Fall, weil weder einzelne
angetrieben, der sich selbst die Regierungen kaum Fluggesellschaften noch ihre Regierungen andere
entziehen können.
Fluglinien an der Entwicklung ihrer eigenen Strategien
und Verbindungen hindern können.
In den 10 Jahren von 1982 bis 1992 haben sich die
Flugkilometer im internationalen Personenverkehr So mächtig dieser Trend zur Globalisierung auch ist praktisch verdoppelt - von 750 Milliarden Kilometer auf es wird klar, daß die Luftfahrt weit hinterherhinkt, weil
nahezu 1.5 Billionen Kilometer. Das internationale die Fluggesellschaften im Gegensatz zu anderen
Luftfrachtaufkommen ist sogar noch schneller ge- Branchen zwei großen Zwängen ausgesetzt sind.
wachsen - von etwas über 30 Milliarden auf fast 75
Der erste, den ich bereits angesprochen habe, ist das
Milliarden Flugkilometer im Frachtverkehr.
Aufflammen von Protektionismus bei einigen RegieIm gleichen Zeitraum hat sich das Passagieraufkom- rungen. Der zweite ist das veraltete System bilateraler
men zwischen den Vereinigten Staaten und Europa Luftfahrtabkommen, das in vielen Fällen zu Protektiovon 15 Millionen auf über 29 Millionen Personen beina- nismus führt.
he verdoppelt. Noch beeindruckender war der Anstieg
des Passagieraufkommens bei den Flugverbindungen Das System zur Aushandlung von Luftraumrechten ist
zwischen den Vereinigten Staaten und dem Fernen aufgrund der Zwänge der globalen - nicht der "bilateraOsten von gerade 5,4 Millionen im Jahr 1982 auf 15,4 len" - Wirtschaft derart abgenutzt, daß es einen Nährboden für Auseinandersetzungen darstellt.
Millionen im letzten Jahr.

Diese starke Nachfrage leistet der Globalisierung
Vorschub.

AMERIKA DIENST 45

Seite 5

�Heute ist dieses System die Ursache der ernsthaftesten Behinderungen von Chancen im Luftverkehr und
Wahlfreiheit der Konsumenten wehweit - vor allem,
weil die Regierungen in bilateralen Abkommen so oft
Schutz für ihre nationalen Fluggesellschaften verlangen, wiederum auf Kosten ihrer eigenen Reisenden.

denpaktstaaten und die Staaten an der Südspitze
Lateinamerikas.

Wir begrü ßen die von der Europäischen Gemeinschaft
erzielten Fortschritte beim Abbau der Wettbewerbshemmnisse, die seit langem die Luftfahrtgesellschaften in Europa behinderten. Wir vertrauen darauf, daß
Wir sind besonders besorgt über die Bestrebungen die EG gegenläufigem Druck widerstehen und ihre
einer Gruppe von Luftfahrtgesellschaften auf dem Arbeit fortsetzen wird - und wir sehen der baldigen
ostasiatischen Markt, den Zugang amerikanischer Aushandlung eines multilateralen Abkommens mit der
Fluglinien zu diesem am schnellsten wachsenden Markt Europäischen Gemeinschaft entgegen.
der Welt zu beschränken oder sogar zurückzuschrauben. Wir sind der Ansicht, daßdiese Bemühungen den Die Vision der Vereinigten Staaten ist die einer wirklich
Interessen der asiatischen Reisenden und Geschäfts- offenen Welt der Luftfahrt, in der die Länder den Erfolg
leute, die schwindelerregende Flugpreise zahlen, di- ihrer Luftfahrtpolitik an den Anreizen messen, die
rekt zuwiderlaufen - und deren Regierungen mit dem konkurrenzfähige Luftfahrtdienste allen Bürgern und
Volkswirtschaften anbieten - nicht nur durch das PreFeuer spielen.
stige ihrer staatlichen Luftfahrtgesellschaften.
Die Vereinigten Staaten sind der chronischen Handelsdefizite in Milliardenhöhe mit Nationen müde, deren Die Vereinigten Staaten streben eine Welt an, in der
Regierungen die Amerikaner über die Notwendigkeit die Regierungen den Worten über liberale Luftfahrtpobelehren, effizientere und gefragtere Produkte anzu- litik konkrete Taten folgen lassen, um den Zugang zu
den wichtigsten Flughäfen zu verbessern - wie wir es
bieten.
in der Vergangenheit getan haben.
Ich möchte ganz direkt sein: Die amerikanischen
Fluggesellschaften bieten genau die höchst effizien- Die Vereinigten Staaten möchten das Wachstum dieten, konkurrenzfähigen Dienstleistungen an, die die ser neuen Welt der Luftfahrt durch die Zusammenarasiatischen Konsumenten kaufen würden - wenn ihre beit mit allen Regierungen in anderen Bereichen fördern, beispielsweise bei der Harmonisierung von Normen
Regierungen es zuließen.
und strengen Vorschriften für die Sicherheit der Luftfahrt.
Wir sind jedoch zuversichtlich, daß protektionistische
Bestrebungen mit der Zeit nachlassen werden. Erstens, weil die Luftfahrtgesellschaften weltweit wach- Gerne vermitteln wir allen Nationen die Einsicht, daß
sen und globaler werden müssen. Zweitens, weil ihre die uneingeschränkte Inkraftsetzung des Globalen
Kunden, die Unternehmen und Reiseveranstalter überall Positionierungssystems zu großen Vorteilen bei der
erkennen, daß die restriktiven Praktiken ihrer eigenen Navigation, der Sicherheit und systemübergreifenden
Regierungen sie nicht "schützen", sondern ihnen sehr Effizienz führen wird.
schaden.
Wir prüfen zur Zeit die Neustrukturierung unseres
Mittlerweile könnte das derzeitige bilaterale Verhand- eigenen nationalen Flugsicherungs-Kontrollsystems,
lung ssystem durch die Konzentration nationaler Politik wie von der nationalen Luftfahrtkommission vorgeauf engstirnige, fallweise Verhandlungen zur Entste- schlagen. Wir sondieren Mittel und Wege, um ein
hung, nicht zur Verhinderung solcher kontraprodukti- effizienteres System zu schaffen, wodurch schnelle
ven Vorkommnisse beitragen. In dem jüngsten Bericht technologische Fortschritte unabhängig vom Haushalt
der amerikanischen Luftfahrtkommission wird festge- der Regierung oder bürokratischen Zwängen erzielt
stellt: Bilateralismus ist "ein Anachronismus,... wenig werden können.
mehr als ein Nullsummenspiel. Er ist zu starr, zu zeitDas wird unserer Ansicht nach zu fortgesetzten Veraufwendig und zu einschränkend.... Mit einfachen
besserungen des bereits besten - und sichersten Worten behindert das bilaterale System das WachsFlugsicherungs-Kontrollsystems der Welt führen.
tum des Weltmarktes, anstatt es zu fördern."
Aussichten für die Zukunft
Eine neue Welt der Luftfahrt
Unseres Erachtens werden wir alle - ob es uns gefällt
Die Vereinigten Staaten vertreten folgende Ansicht: oder nicht - von einem kräftigen Rückenwind wirtWenn wir ein besseres Luftfahrtsystem für dieses schaftlicher Logik in eine neue Welt der Luftfahrt
Jahrzehnt und das kommende Jahrhundert schaffen getragen. Ich habe die allgemeinen Grundsätze umwollen, müssen wir entschieden über Bilateralismus rissen, die wir für diese Welt anstreben.
hinaus zu Multilateralismus und regionalen Abkommen übergehen.
Nun möchte ich einen dritten Punkt ansprechen: Wie
die Vereinigten Staaten mit ihren Partnern beim AufViele Nationen bewegen sich zur Zeit in diese Rich- bau dieser Welt der Luftfahrt zusammenarbeiten köntung: Australien und Neuseeland im Pazifik, die An- nen.
Seite 6

AMERIKA DIENST 45

�Die Vereinigten Staaten verfolgen hierzu vier grundle- arbeiten, alle existierenden bilateralen Rechte der
Vereinigten Staaten entschieden verteidigen und uns
gende Strategien.
mit allen verfügbaren Mitteln gegen ausländische
Erstens werden wir aktiv unbeschränkte, multilaterale Wettbewerber stellen, deren Regierungen amerikaniAbkommen mit jenen Gruppen von Nationen anstre- sche Fluggesellschaften diskriminieren oder nicht
ben, die bereit sind, den amerikanischen Fluggesell- respektieren. Wir behalten uns das Recht auf die
schaften und der amerikanischen Wirtschaft relative Entscheidung über Zeitpunkt und Ausmaß unser AkWettbewerbsvorteile zu verschaffen.
tionen vor. Niemand sollte unsere diesbezügliche
Entschlossenheit unterschätzen.
Vor wenigen Wochen traf ich beispielsweise in Brüssel
mit dem Verkehrskommissar der Europäischen Ge- Viertens werden wir die Bildung einer globalen Koalimeinschaft zusammen und machte ihm den Vorschlag, tion gleichgesinnter, freier, marktorientierter Nationen
Gespräche über einen vollkommen unbegrenzten prüfen, die die Vorteile von erweitertem Luftverkehr für
Luftfrachtmarkt im nordatlantischen Bereich einzulei- die Bürger und Volkswirtschaften erkennen.
ten.
Unser Ziel besteht darin festzustellen, ob eine solche
Letzte Woche kam die Reaktion der EG, und wir haben Gruppe von Nationen ausreichend "kritische Masse"
uns jetzt darauf geeinigt, Arbeitsgruppen zur Durch- darstellen könnte, um ihren Fluggesellschaften und
führung dieser Verhandlungen einzurichten. Sie wer- Bürgern eine Vielzahl neuer Luftverkehrsrechte und
den ihre Arbeit wahrscheinlich im Januar aufnehmen. -dienstleistungen anbieten zu können - und unseren
eigenen vergleichbare Vorteile zu bieten.
Das ist ein großer Schritt zu Multilateralismus - und wir
hoffen, darauf aufbauen zu können.
Bei der Verfolgung dieser Strategien suchen die Vereinigten
Staaten nach zur Zusammenarbeit bereiten
Anstelle von Verhandlungen zwischen einzelnen LänPartnern,
die gemeinsam mit uns für alle Parteien
dern, die per se zu Spannungen unter den Mitgliedern
nützliche
Abkommen
ausarbeiten. Wir streben weiterder EG führen könnten, ist unserer Ansicht nach ein
es
Wachstum
der
weltweiten
Luftfahrt an und sind uns
EG-weites Abkommen ratsamer.
der Anreize bewu ßt, die ein solches Wachstum für alle
Ein Abkommen über offenen Luftfrachttransport kann Luftverkehrsgesellschaften und Volkswirtschaften
bei der Arbeit an einem Abkommen über liberal isierten darstellt.
Passagierverkehr mit der EG Vertrauen schaffen.
Schlußfolgerung
Zweitens werden wir bei den Bemühungen um multilaterale Übereinkommen auch eine Liberalisierung be- Meine Damen und Herren, wie die Gründer des Interstehender bilateraler Abkommen anstreben und dabei nationalen Verbands für Lufttransport im Jahr 1944
sicherstellen, daß jede Übereinkunft dieser Art zu einer leben auch wir zu einer Zeit, in der eine Reform der
Erhöhung des Luftverkehrsaufkommens und des Vorschriften im internationalen Flugverkehr vonnöten
Wettbewerbs führt und den bereits existierenden bila- ist. Die alte Ordnung ist wie ein zerbrochenes Thermoteralen Luftfahrtrechten weitere hinzufügt. Wir wollen meter - wir können die Glassplitter nicht zusammenkleben oder die verstreuten Quecksilberkügelchen
Fortschritt, nicht Rückschritt.
zurückbefördern.
Wir sind uns bewußt, daß die Abkommen nicht einseitig sein können und sollen. Jede Seite muß etwas Eine neue Welt der internationalen Luftfahrt ist auf dem
hinzugewinnen. Aber nur Abkommen, die den Zugang Vormarsch. Sie wird von kommerziellen und finanzielerhöhen, Wettbewerb fördern und vor allem den Luft- len Kräften angetrieben, die weder von Luftfahrtunternehmen noch von ihren Regierungen eingedämmt
verkehr ausweiten, sind die Unterschrift wert.
werden können. Die Entwicklung dieser neuen Welt
Zur Zeit streben wir solch ein liberalisiertes Abkommen der Luftfahrt mag für einige schmerzhaft sein, wird
mit Großbritannien an und erwarten, die diesbezügli- jedoch für viele andere enorme Vorteile bringen: Für
chen Gespräche bis März nächsten Jahres abzu- Reisende, Spediteure, Touristen, die Angestellten der
Fluggesellschaften und die Flugzeugbauer. Sie wird
schließen.
zu dauerhaftem Wachstum im Handel und ArbeitsplätÜbrigens sollten die Staaten, die eine Art von Bermuda zen auf der ganzen Welt führen. Sie wird die Städte
Il-Abkommen auszuhandeln hofften, wie das zur Zeit des 21. Jahrhunderts gestalten.
zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten
bestehende, solche Träume aufgeben. Wir halten das Diese neue Luftfahrtordnung gibt dem Konsumenten
Bermuda Il-Konzept für veraltet und angesichts des das Steuer in die Hand. Reisende und Spediteure zukünftigen Anstiegs beim Flugreiseaufkommen für nicht die Bürokraten in der Regierung oder die Manazu unflexibel.
ger der Luftfahrtgesellschaften, die sich hinter den
Bürokraten verstecken - werden über Erfolg oder
Drittens werden wir, während wir auf eine größere und Scheitern der Flugunternehmen entscheiden.
weniger konfrontationsanfällige Welt der Luftfahrt hinAMERIKA DIENST 45

Seite 7

�Einige Regierungen und Fluggesellschaften mögen stellt wurden. Ich möchte sie an die Worte eines
der Ansicht sein, sie könnten vor dieser neuen Welt der berühmten amerikanischen Champions, Joe Louis,
Luftfahrt davonlaufen und sich verstecken. Sie seh- erinnern, der seine Gegner beim Boxen warnte: "Ihr
nen sich vielleicht nach einer lange vergangenen Zeit könnt laufen, aber ihr könnt euch nicht vor mir verstekzurück, in der "nationale Champions" groß herausge- ken."

* * * *

Seite 8

*

AMERIKA DIENST 45

�GESELLSCHAFT
10. November 1993

DIE WELT IN EINEM STADTVIERTEL
von Jeff Lyon
Ein Stadtviertel in Chicago bietet dem Autor, Redakteur beim Chicago Tribüne Magazine, zufolge die
Möglichkeit, auf einem Spaziergang die ganze Welt kennenzulernen. Der Verfasser beschreibt die vielfältigen
Kulturen und ethnischen Gruppen, die entlang Chicagos Devon Avenue anzutreffen sind.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Chicago Tribüne Company, Copyright (c)
1992. Alle Rechte vorbehalten.

Möchten Sie einen Spaziergang durch die Welt machen und mit Völkern aus jedem Winkel der Erde in
Berührung kommen? Exotische Speisen essen, auf
Märkten feilschen, Straßenkultur in sich aufsaugen
und so viele fremde Sprachen hören, daß Ihnen der
Kopf brummt?

"Sagen Sie nicht, dies sei eine Nachbarschaft vieler
Kulturen", erklärt, die Nase rümpfend, llya Rudiak Autor, Filmemacher und Kunstenthusiast aus Odessa
- der einen auf Werke in russischer Sprache spezialisierten Buchladen betreibt. "Kultur ist das nicht. Das
sind ethnische Gruppen."

All das kann man in Chicago tun. Man braucht nur
einen Fahrschein bis 6400 North zu lösen, wo man ein
Stadtviertel antrifft, für das all die prosaischen und
einschränkenden Begriffe nicht ausreichen, die so oft
auf Gegenden mit einer großen Konzentration ethnisch fremder Gruppen angewandt werden - Begriffe
wie Linie Italy, Chinatown oder Spanish Hartem. Es
gibt kein Etikett, das umfassend genug wäre, um den
unbeschreiblichen Lebensraum zu benennen, wie er
sich auf der Devon Avenue von der Clark Street nach
Westen zur Kedzie Avenue erstreckt.

Aber auch wenn das pulsierende Sammelsurium von
Lebensstilen entlang der Devon Avenue Rudiaks Normen
für Kultur nicht erfüllt, würden die meisten Menschen
es doch als solche akzeptieren. Vom fensterlosen Bau
der Assyrian-American Association bis zur Synagoge
der orthodoxen Juden, der Congregation Chesed
L'Avrohom, ist die Straße einer ethnischen Prozession
vergleichbar, wie es sie in den Vereinigten Staaten
vielleicht kein zweites Mal gibt.

Nicht jeder bezeichnet die Gegend als kulturellen
Schmelztiegel.

Die Straßenschilder erzählen die Geschichte. Östlich
der Western Avenue hat man die Devon Avenue in

Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen von
Männern, Frauen und Kindern praktisch jeder erdenkDenn hier finden sich, eingezwängt in einen urbanen lichen Herkunft, gekleidet in der neuesten landestypiKorridor von lediglich 3,2 Kilometern Länge, genug schen Tracht, die etwas zu erledigen haben, eine
häufig nicht assimilierte Nationalitäten, um auch den schwindelerregende Vielfalt kleiner Restaurants, Bäckenergiegeladensten Ethnologen für den Rest seines ereien, Lebensmittelläden, Elektromärkte, Geschenkläden, Buchläden, Metzgereien, BekleidungsgeschäfBerufslebens in Atem zu halten.
te, Schönheitssalons und Arztpraxen aufsuchen, bei
Inder. Pakistaner. Juden. Russen. Syrer. Iraker. denen sich die Sprachen (und Alphabete) auf den
Iraner. Kroaten. Griechen. Koreaner. Assyrer. Türschildern, die Nachnamen der Geschäftsinhaber
Chinesen. Mexikaner. All diese Gruppen und mehr und die Art der angebotenen Waren von Häuserblock
betrachten die Umgebung der Devon Avenue, wo die zu Häuserblock verändern. Fast wie in einer TraumseGemeinden West Rogers Park und East Rogers Park quenz verschwinden Motive und tauchen anschliezusammentreffen, als ihr Zuhause.
ßend wieder auf.

AMERIKA DIENST 45

Seite 1

�Mohammed Ali Jinnah Way umbenannt. Westlich
davon wird sie zur Ghandi Marg. Ein Stück weiter wird
die Mozart Street zum North Croatia Drive, und noch
weiter entfernt die Troy Street zum Torah V'Chesed
Drive.

Einige der interessantesten und schmackhaftesten
Speisen der Stadt sind zu äußerst attraktiven Preisen
auf der Devon Avenue erhältlich. Restaurants wie das
Moti Mahal und das Tandoor India bieten mittags
indische und pakistanische Büffets für durchschnittlich
5,95 Dollar an, bei denen der Gast so viel essen kann,
Bisweilen scheint ein Anflug von Einheitlichkeit und ein wie er will. An jedem Tag der Woche kann man sich so
Sinn für Grenzen vorhanden zu sein. Etwa sieben an Gerichten wie Tandoor Chicken, Rogan Josh, ChikHäuserblocks westlich der Western Avenue beispiels- ken Vindaloo und allen möglichen Sorten von Nan satt
weise ist das Viertel hauptsächlich von Indern und essen. Auch die gehobenere Kategorie ist mit dem
Pakistanern bewohnt. In FairfiekJ vollzieht sich dann Viceroy of India oder, wenn man es vegetarisch voreine ziemlich abrupte Metamorphose, und die Bevöl- zieht, mit dem Natraj India vertreten.
kerung ist jüdisch geprägt. Auf der einen Straßenseite
heißt der Arzt Mansour, auf der anderen Shkolnick.
Sollte man Lust auf die Küche des Nahen Ostens
verspüren, versucht man das Garden of Eden, wo man
An anderen Stellen jedoch besteht noch nicht einmal sich an Masguf (Wels) oder Koozie (Lammkeule)
ein Anschein von Organisation, und Kombinationen, delektieren kann. Wer jüdisches Essen vorzieht, findet
die sämtlichen bekannten politischen und nationalisti- ein exzellentes Bagel-Restaurant.
schen Realitäten Hohn sprechen, gedeihen hier mehr
oder weniger in gegenseitigem Einverständnis. Da Das Essen ist jedoch nur ein Teil - ein ziemlich kleiner
befindet sich die Metzgerei Zabiha, die Ziegenfleisch Teil - der Gesamterfahrung Devon Avenue. Man sollte
feilbietet und auf arabische Kunden eingestellt ist, wirklich die Geschäfte durchstreifen, sich mit den
unmittelbar neben Moshes koscheren New Yorker
Inhabern unterhalten und sich einfach die Leute anseDelikatessen, und im gleichen Häuserblock gibt es das hen. Um sich herum sieht man Frauen in Saris,
Babylon Restaurant, Daniels Schönheitssalon (desMänner in Kaftanen und wieder andere in der dunklen,
sen Ladenschild in Koreanisch geschrieben ist) und feierlichen Kleidung orthodoxer Juden. Man entdeckt
den Schönheitssalon Athen. Das koreanische Video- junge Frauen mit Kastenzeichen auf der Stirn und
geschäft stößt an Mahboobs Frisörladen und dieser Sikhs mit Turbanen.
wiederum an Marcells Maßschneiderei.
Man trifft Leute wie Arshad Mahboob, den Inhaber von
In den fünfziger und sechziger Jahren war dieses Mahboobs Schönheitssalon für Damen und Herren. Er
Stadtviertel vorwiegend von Juden und irischen Katho- hat wahrhaft die Aufgabe eines Prometheus zu bewälliken geprägt. Der Wandel setzte in den siebziger tigen, denn er mu ß den unterschiedlichen Geschmack
Jahren ein, als die neue Welle die meisten der früheren der 15 oder mehr ethnischen Gruppen zufriedenstelBewohner und Ladeninhaber vertrieb. Ein paar alte len, die zu ihm kommen, um sich die Haare machen zu
Geschäfte haben sich jedoch gehalten.
lassen.
Auch nach all den Jahren florieren Läden wie Minkys
Fahrräder, Goldensons Apotheke und Crawfords
Warenhäuser immer noch. Verschwunden sind jedoch Institutionen wie das Bekleidungshaus Aidem &amp;
Dess, Kofieids Restaurant und Hillmans Delikatessengeschäft. Hobbymodels, seit langem ein Fixpunkt an
der Kreuzung von Devon und Western, heißt heute
Gandhi Electronics. Hillmans ist jetzt der internationale Obst- und Gemüsemarkt, wo unter einem Dach
Mortadella, Ingwer, Feta und Schmalzhering angeboten werden.
"Nicht nur die Nachbarschaft hat sich verändert, sondern die Stadt als Ganzes", meint der Apotheker Don
Goldenson, der den von seinem verstorbenen Vater
Harold 1948 gegründeten Drugstore betreibt. "Es
macht eigentlich Spaß. Wir mußten uns nur ein
bißchen auf die neuen Kulturen einstellen."
Als Beispiel zeigt er ein Fläschchen Valerian - ein
"Wundermittel"- das von russischen Einwanderern als
Beruhigungsmittel bevorzugt wird. "Heute müssen wir
so etwas im Gegensatz zu früher führen."

Seite 2

"Ich habe hier alle Nationalitäten", erläutert Mahboob
und sieht von seiner in Urdu geschriebenen pakistanischen Zeitung auf. Sein Geschäft besteht seit einem
Jahr. "Es ist ein ziemlicher Unterschied, ob man einer
Schwarzen die Haare schneidet oder einer Pakistanerin. Ich mußte lernen, es den unterschiedlichen Gruppen recht zu machen."
Der Anpassungsdruck hat Mahboob zufolge jedoch
dazu geführt, daß die jüngeren Bewohner des Viertels
mehr Einheitlichkeit bei ihrem Haarschnitt wünschen,
sehr zum Mißfallen ihrer konservativeren Eltern. Woche
für Woche strömen Jugendliche indischer, russischer,
mexikanischer oder syrischer Herkunft in den Laden
und verlangen, was Mahboob als "Bürstenschnitt"
bezeichnet: Kurz an den Seiten, oben lang und
aufrecht stehend.
Von Mahboob aus Richtung Westen kommt man zur
"Videostadt", in der die neuesten Filmhits aus Bombay
und Kalkutta gezeigt werden, wie der von Boney
Kapoor produzierte Horrorfilm "Raat" ("Sag' nicht, du
seist nicht gewarnt worden", mahnt der Poster).

AMERIKA DIENST 45

�Wenn man den Olympic Reggae Club in der Nähe der
Western Avenue hinter sich gelassen hat, kommt man
in die Straße mit den Geschenkläden, in der die
verschiedensten Geschenk- und Haushaltsgeräteläden Videorecorder, Fernseher, Koffer, Mikrowellenherde und Stereoanlagen anbieten. Zwischen den
Ladentischen wimmelt es von Kunden und Verkäufern
aller Nationalitäten. Der florierende Handel trägt der
Gewohnheit vieler Anwohner Rechnung, ungefähr alle
drei Jahre beladen mit Geschenken für die Ehern und
Geschwister einen Besuch in ihrer Heimat zu machen.
Viele der angebotenen Videorecorder werden beispielsweise mit 220 Volt betrieben, sind also für das
außerhalb der Vereinigten Staaten vorherrschende
Stromnetz ausgerüstet. Die meisten Elektroläden
bieten auch eine ziemlich zweifelhafte Dienstleistung
an: Die Umrüstung von Videokassetten vom NTSCFrequenzsystem, das bei Aufzeichnungen in den
Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada benutzt wird,
zu den in Europa und der übrigen Welt gebräuchlichen
Systemen PAL und Secam.
"Als ich den Laden vor 12 Jahren eröffnet habe,
dachten wir, es würden nur indische und pakistanische
Kunden kommen, aber heute kommen alle zu uns",
erklärt Ashok Patel von World Imports. Wie um den
kosmopolitischen Charakter des Ladens zu unterstreichen, liegen im Schaufenster Jesus darstellende Ikonen Seite an Seite mit solchen zu Ehren Wischnus.
In anderen Schaufenstern wird mit Totalausverkauf"
in Russisch und Arabisch geworben. Man schaut
hinein und feilscht ein bißchen. Niemand nimmt das
übel. Es ist total üblich.
Man läuft weiter und kommt bald in die Gegend der
Sari-Paläste und indischen Lebensmittel. Ein paar
Häuserblocks lang könnte man ebensogut in NeuDelhi sein, so aggressiv nichtwestlich ist die Kultur.
Über 1.000 Familien aus Indien und Pakistan haben
hier, der größten Ansammlung von Menschen aus
dem indischen Subkontinent in der Umgebung von
Chicago, ihre Wohnungen.
Die Lebensmittelgeschäfte duften nach dem Aroma
von Kardamon, Gewürznelken, Safran und Fenchel.
Säcke mit Basmati und anderen Reissorten lagern an
den Wänden und in den Regalen stehen Tee, Kichererbsen, Linsen, Fett, loser Curry, Gläser mit Pfefferminzsyrup und eingelegten Mangos. Es gibt Flaschen
mit Dabor-Haaröl ("Macht Ihre Haare lang, stark und
dunkel") sowie Henna und Schnupftabak. Die Kühltruhen sind mit den klassischen gefrorenen Curry-Vorspeisen gefüllt: Chicken Biryani, Lammcurry, Palak
Paneerund Reenas "Exotischem Eis" in Geschmacksrichtungen wie Safran-Pistazie, Pistazie-Honig-Rosenwasser und Rosinen-Cashewkerne.

AMERIKA DIENST 45

Die Pinnwand im Lebensmittelgeschäft ist offensichtlich nicht nur eine amerikanische Sitte. Auf einem
handgeschriebenen Zettel steht: "Suchen Sie einen
Babysitter, der sich liebevoll um Ihr Baby (jeden Alters)
kümmert, dann setzen Sie sich mit Frau Rizvi in
Verbindung".
Man hat die Nachbarschaft nicht wirklich erlebt, bis
man in einen Sari-Palast kommt. Die Mannequins
tragen eine erstaunliche Vielfalt indischer Kostüme,
aus günstig angebotenem französischen Chiffon bis
zu teuerster Seide geschnitten. Ballen bunter Stoffe
liegen in Regalen und harren der Frauen, die ihre
Kleider selbst nähen wollen.
Mafat Patel war einer der ersten Händler in dieser
Nachbarschaft. Er und sein Bruder Talashi errichteten
in der damals fast ausschließlich von Juden bewohnten Gegend den Kolonialwarenladen Patel Brothers.
Heute besitzen sie neben dem Laden ein Reisebüro,
einen Schnellimbiß, einen Videoladen und ein Geschäft für Haushaltsgeräte.
Je weiter man nach Westen kommt, desto mehr schwindet - nahezu unbemerkt - der Einfluß der Inder und
Pakistaner. Plötzlich stellt man fest, daß die SariPaläste und indischen Kolonialwarenläden den Metzgereien mit Schildern in kyrillischer Schrift gewichen
sind, darunter die Metzgerei Kashtan, die während der
vergangenen zehn Jahre von Wladimir Safir und seinem Vater Roman betrieben wurde.
Es ist ein dunkles, europäisches Geschäft, mit russischen Bildern an den Wänden und in Kisten gestapeltem Räucherfisch. Ich verkaufe kein koscheres Fleisch",
erklärt Roman, ein freundlicher älterer Mann, der schlecht
Englisch spricht. "Die Juden russischer Abstammung,
die bei mir kaufen, bleiben nicht koscher".
Ein nichtkoscherer jüdischer Laden ist in der Gegend
jedoch die Ausnahme, nicht die Regel. Typischer für
die Gegend, in der 20.000 Juden russischer Abstammung zu der bereits etablierten Bevölkerung amerikanischer Juden stießen, ist die koschere Bäckerei Kol
Tuv. Die Angestellten dort tragen Yamulkes und die
eingelegten Mangos in den Regalen sind gefilte Fisch,
Eiernudeln, Matze sowie Noahs Hundekuchen gewichen.
An den Sonntagen, nachdem sie am vorigen Tag den
Sabbath begangen haben, strömen Hunderte orthodoxer Juden zu Kol Tuv und in andere Geschäfte. Sie
gehen in Rosenblums hebräischen Buchladen und
kaufen Bücher, Karten, Gedenkkerzen und andere
notwendige Dinge.
Viele russische Juden haben ihren eigenen Lebensstil.
Ihr Weg führt sie in llya Rudiaks Laden mit russischer
Literatur. Sein Schaufenster ist mit Samowars, Pupp
chen, russischen Postern, provokativen Büchern und

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�Videos, wie beispielsweise "Ich war Stalins Leibwächter" dekoriert.
"Die jetzt aus Rußland kommenden Juden sind mehr
russischer als jüdischer Identität", so Rudiak, der seit
zehn Jahren in den Vereinigten Staaten lebt. "Dies ist
vor allem eine russische Kultur."

Für sie verwandelt Rudiak seinen Laden häufig in ein
Theater, in das er reisende Dichter, beispielsweise
Bella Achmadulina, zu Lesungen einlädt. Einmal war
^ weltberühmte Dichter Jewgenij Jewtuschenko bei
i n m « D a s j s t k e i n Geschäft", kommt es ernsthaft durch
seinen | a n g e n &gt; ergrauenden Bart. "Das ist ein KuKurchjb
) c n ver diene nicht viel Geld, aber es macht
Spaß."

* * * *

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*

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�</text>
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              <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Christopher begrüßt neue russische Militärdoktrin&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung vor Senatsauschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Forderung nach Bestrafung von Kriegsverbrechern im ehemaligen Jugoslawien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Drängen auf kurzzeitige Friedenslösung stellt Gefahr dar&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vorbereitungen für Abschluss der Uruguay-Runde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Weiterhin erhebliche Schwierigkeiten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Luftfahrt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Pena erläutert amerikanische Luftfahrtpolitik &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Verkehrsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Welt in einem Stadtviertel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jeff Lyon&lt;/em&gt;</text>
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