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dienet

U.S. Information Service
,
#
^gfcassy of the United States of America

8. September 1993

36

BOSNIEtf^P*

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CHRISTOPHER FORDERT VON SERBEN UND
KROATEN FLEXIBILITÄT BEI FRIEDENSGESPRÄCHEN
Neuordnung für gerechtere Lösung

VERTEIDIGUNG

ASPIN BEZEICHNET EINSATZBEREITSCHAFT IN ZWEI KRISENHERDEN
GLEICHZEITIG ALS SCHLÜSSEL FÜR
KÜNFTIGES VERTEIDIGUNGSKONZEPT
Grundlegende Überprüfung der
Verteidigungsstrategie

USA-RUSSLAND

GORE UND TSCHERNOMYRDIN UNTERZEICHNEN ABKOMMEN ZU RAUMFAHRT
UND ENERGIE
Rede von Vizepräsident Gore
STELLUNGNAHME ZUM ABKOMMEN MIT
RUSSLAND ÜBER MTCR, RAUMFAHRT UND
ENERGIE
Äußerungen eines hochrangigen
Regierungsvertreters

PAZIFIK

USA FÜR STÄRKERE PAZIFISCHE
GEMEINSCHAFT
Außenpolitisch vielversprechendes Gebiet

KRIEGSVERBRECHEN

REGIERUNGEN DRÄNGEN AUF
ENTSCHIEDENERES EINTRETEN GEGEN
KRIEGSVERBRECHEN
Erneuter Anstieg von Gewalt und
Grausamkeiten

EINWANDERUNG

AMERIKANISCHE KÜSTENWACHE FOLGT
CLINTONS AUFRUF ZUR BEENDIGUNG
DES MENSCHENSCHMUGGELS
Weltweites Abfangnetz

MUSIK

BLUEGRASS-MUSIC
von Bruce Watson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 4102

�BOSNIEN
8. September 1993

CHRISTOPHER FORDERT VON SERBEN UND
KROATEN FLEXIBILITÄT BEI FRIEDENSGESPRÄCHEN
Neuordnung für gerechtere Lösung

WASHINGTON - (AD) - In offiziellen diplomatischen
Botschaften hat Außenminister Christopher die Präsidenten Serbiens und Kroatiens aufgefordert, bei der
Prüfung der von der bosnischen Regierung zur Beilegung des erbitterten ethnischen Konflikts vorgeschlagenen Neuordnung mehr Flexibilität zu zeigen.
"Wenn die Verhandlungen aufgrund der Halsstarrigkeit und Unnachgiebigkeit der Serben und Kroaten
zusammenbrechen, dann sollte die Völkergemeinschaft
sie unserer Meinung nach dafür zur Verantwortung
ziehen", erklärte Christopher am 2. September 1993
vor Journalisten im US-Außenministerium.

Die Vereinigten Staaten sind weiterhin der Ansicht,
daß eine Aufhebung des UN-Embargos, die der bosnischen Regierung ihre Bewaffnung und Verteidigung
ermöglichen würde, "eine Option ist, die für zukünftige
Überlegungen zurückgestellt werden sollte", so Christopher, "aber zur Zeit wäre es am besten, wenn die
Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zurückkehren würden".

Ein hochrangiger amerikanischer Regierungsvertreter
erklärte, die von Botschafter Redman übergebenen
Demarchen brächten die Unterstützung für eine spezifische, von der bosnischen Regierung angestrebte
Neuordnung zum Ausdruck, einschließlich eines ga"Die Vereinigten Staaten bedauern zutiefst die Einstel- rantierten Korridors durch Kroatien, der Zugang zum
lung der Genfer Friedensgespräche", erklärte er und Meer gewähren soll, sowie die Vergrößerung des unter
forderte die Konfliktparteien eindringlich zur Wieder- der Kontrolle der bosnischen Regierung liegenden Geaufnahme ihrer Verhandlungen auf.
bietes um die belagerte Stadt Bihac.
"Insbesondere sind wir der Ansicht, daß die Serben
und Kroaten größere Flexibilität zeigen sollten, wenn
sie die von der bosnischen Regierung vorgeschlagene
Neuordnung prüfen, die eine gerechtere Lösung erzielen soll", so der Minister. "Ich habe Anweisung gegeben, Botschaften in diesem Tenor an die Serben und
Kroaten zu senden", fügte er hinzu.
Die offiziellen diplomatischen Demarchen sollen dem
serbischen Präsidenten Milosevic und dem kroatischen Präsidenten Tudjman in Genf von Botschafter
Charles Redman, dem Sondergesandten für das
ehemalige Jugoslawien, übergeben werden.
Der amerikanische Außenminister teilte vor Journalisten mit, nach Ansicht der Vereinigten Staaten seien
die Konfliktparteien bei ihren jetzt vertagten Genfer
Friedensverhandlungen über Bosnien-Herzegowina
einer Lösung nahegekommen. I n Anbetracht des
bevorstehenden Winters wäre es besonders tragisch,
wenn sie nicht die Gelegenheit nutzen, um eine in
greifbare Nähe gerückte Beilegung der Streitigkeiten
zu erzielen."
AMERIKA DIENST 36

In einem Interview mit dem Radiosender National
Public Radio hatte Christopher bereits zuvor erklärt, es
habe "einige Verbesserungen in Sarajevo" gegeben,
und festgestellt, daß die Bombardierung der Stadt
durch die bosnischen Serben zumindest zeitweise
ausgesetzt wurde und auch geringe Mengen Lebensmittel in die Stadt gelangten. "Wir sind keinesfalls von
der Verpflichtung der NATO abgerückt", militärische
Maßnahmen zu ergreifen, wenn die Serben ihre Belagerung von Sarajevo nicht beenden. "Wenn die Serben Sarajevo weiterhin einkesseln, ist die NATO zum
Handeln bereif, erklärte Christopher im National Public
Radio. "Es hat einige Verbesserungen gegeben, aber
diese sind bei weitem nicht ausreichend."
Die NATO hat Christopher zufolge "im Hinblick auf die
mögliche Einkesselung Sarajevos" und anderer Schutzzonen in Bosnien eine unverrückbare Haltung eingenommen. Die Vereinigten Staaten wollen weiterhin im
Rahmen der NATO handeln, so der Minister.
Auf einer Pressekonferenz teilte Außenamtssprecher
McCurry später mit, am 1. September seien 21 HilfsSeite 1

�tlüge der Verbündeten nach Sarajevo gelangt. Die
Situation in der bosnischen Hauptstadt habe sich
leicht verbessert", jedoch müßten noch die Elektrizitätsversorgung und andere lebenswichtige Dienstleistungen wieder in Gang gebracht werden.

Die Vereinigten Staaten "zeichnen keine Landkarten
oder schauen sich die Größe der durch die östlichen
Schutzzonen laufenden Korridore oder Landrouten
an", so McCurry. "Uns scheint lediglich insgesamt
gesehen und auf der Grundlage der Kontakte, die
Botschafter Redman in Genf hatte, daß diese von der
Es seien zwar Schritte zur Lockerung der Einkessemuslimischen Regierung vorgeschlagene Neuordnung
lung Sarajevos unternommen worden, McCurry beton- nicht eine Einigung verhindern sollte", erklärte er. "Wir
te aber: "Wir wünschen angesichts des nahenden ermutigen die Parteien, in diesem Geiste an den
Winters eine beständige Verbesserung der Situation in Verhandlungstisch zurückzukehren und diese AngleiBosnien, und aus diesem Grund beobachten wir die chungen genau zu prüfen."
Lage sehr genau."
Auf den Kommentar Präsident Tudjmans angesproDer Außenamtssprecher wies Andeutungen zurück, chen, der Krieg werde weitergehen, erwiderte McCurim Laufe des Tages von Christopher und Präsident ry kurz: "Das ist eine Behauptung mit verhängnisvollen
Clinton abgegebene Kommentare kämen "unbeholfe- Auswirkungen."
ner Diplomatie" gleich. Statt dessen bezeichnete
McCurry diese Kommentare als "Erinnerung daran, McCurry deutete an, die Demarchen Christophers an
daß es zweifellos Konsequenzen haben wird, wenn die Führer der Serben und Kroaten wiederhotten die
erstens die Einkesselung Sarajevos fortgesetzt und Androhung einer militärischen Intervention der NATO,
zweitens der Versuch zur Wiederaufnahme der Kämp- falls "die Einkesselung Sarajevos" fortgesetzt werde
fe und insbesondere zur Bombardierung Sarajevos oder die humanitären Hilflieferungen andernorts in
unternommen wird."
Bosnien blockiert würden.
"Die Vereinigten Staaten machen sich wirklich große
Sorgen über die Lage in Bosnien", erklärte der Außenamtssprecher. "Wir haben keine bevorzugte Lösung
für die Gespräche oder die Verhandlungen selbst",
aber "man könnte eine gerechtere Lösung finden,
wenn die Konfliktparteien größere Bereitschaft zeigen
würden, die von der bosnischen Regierung vorgelegten spezifischen Angleichungen zu prüfen".
"Wir nehmen nicht die Haftung ein, daß das Paket neu
geöffnet oder neu verhandelt werden sollte", so McCurry. "Unserer Ansicht hat Präsident Izetbegovic einige
Vorschläge gemacht, die von den Kroaten und den
Serben in Betracht gezogen werden sollten."

*

Seite 2

Der Außenamtssprecher beschrieb die Situation als
"ziemlich im Fluß" - die Konfliktparteien gäben jeweils
ihre nächsten Schritte bekannt - , wies jedoch darauf
hin, das NATO-Kommunique lege klar fest, "unter
welchen Bedingungen das Bündnis einen Luftangriff
beginnen wird".
In den Vereinigten Staaten glaubt man dem Außenamtssprecher zufolge, daß Serbien und Kroatien "einen
gewissen Einfluß auf von ihnen unterstützte Gruppen
in Bosnien" haben. "Aber wir hatten auch Kontakt zu
den bosnischen Serben und den bosnischen Kroaten",
stellte er fest.

* * *

*

AMERIKA DIENST 36

�VERTEIDIGUNG
8. September 1993

ASPIN BEZEICHNET EINSATZBEREITSCHAFT IN ZWEI
KRISENHERDEN GLEICHZEITIG ALS SCHLÜSSEL FÜR
KÜNFTIGES VERTEIDIGUNGSKONZEPT
Grundlegende Überprüfung der Verteidigungsstrategie

WASHINGTON - (AD) - Die Bereitschaft, gegebenenfalls auf zwei nahezu gleichzeitig auftretende regionale
Konfliktegrößeren Ausmaßes reagieren zu können, ist
US-Verteidigungsminister Les Aspin zufolge die dem
amerikanischen Militär zugrundeliegende langfristige
Strategie im Zeitalter nach dem Kalten Krieg.
Gemeinsam mit General Colin Powell, dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, gabMinister Aspin die
Schlußfolgerungen der Clinton-Administration aus der
am 1. September 1993 von Vizepräsident Gore vorgelegten grundlegenden Überprüfung des Verteidigungsministeriums bekannt.
Eine der wichtigsten Folgerungen der Überprüfung
besteht in einem Abbau der Streitkräfte der Vereinigten Staaten in einer Zeit haushaltspolitischer Engpässe. Diese Reduzierung soll jedoch nicht unter den
Stand fallen, der notwendig ist, um in zwei nahezu
gleichzeitig auftretende regionale Konflikte eingreifen
zu können und dabei eine kleine Reserve zum Schutz
vor einer militärischen Konfrontation kleineren Ausmaßes in einer dritten Region zu behalten.

Regionale Angelegenheiten wir aggressive Akte
größeren Ausmaßes, ethnische und religiöse
Konflikte oder staatlich unterstützter Terrorismus.
Interne Bedrohungen für junge Demokratien in
den Staaten des ehemaligen Ostblocks oder
den Entwicklungsländern.
Eine am nationalen Wohlstand, der internationalen Wettbewerbsfähigkeit oder dem Umweltschutz gemessen schwache amerikanische
Wirtschaft.
Im Verteidigungsministerium gelangte man zu der
Ansicht, daß die Beschränkung der amerikanischen
Streitkräfte auf die Bereitschaft zur Teilnahme an nur
einem größeren Krieg die Vereinigten Staaten und ihre
Verbündeten Opportunismus von seiten unverantwortlicher Regime gegenüber ungeschützt ließe. Der
Zusammenbruch der Sowjetunion schließe die Möglichkeit aus, daß eine feindliche Supermacht ein solches Szenario inszeniert; die Verwicklung der Vereinigten Staaten in einen Konflikt könnte jedoch Aspin
und Powell zufolge ein totalitäres Regime zu einem
Angriff in einer anderen Region veranlassen.

"Es kann gar nicht anders sein", erklärte Aspin. "Wir
werden auf zukünftige Anforderungen vorbereitete
Truppen haben, eine abgespeckte, bewegliche, hochtechnisierte, einsatzbereite Streitmacht, um die Ame- Folglich sieht das neue Konzept des US-Verteidirikaner gegen die in diesem neuen Zeitalter auftreten- gungsministeriums vor, daß die Vereinigten Staaten in
der Lage sein müssen, sich an zwei Kriegen mit einer
den realen Gefahren zu verteidigen."
leichten zeitlichen Überlappung zu beteiligen. Das
Aspin legte nochmals die aus amerikanischer Sicht würde Luft- und Seetransporteinheiten gestatten, eine
vierfachen möglichen Bedrohungen dar:
umfangreiche Stationierung von Kampftruppen abzuschließen und dann die nächste zu beginnen, während
Die Weiterverbreitung von Massenvernichtungs- der erste Krieg noch im Gange ist.
waffen, insbesondere durch so "unverantwortlich" handelnde Staaten wie Nordkorea, Iran Jeder regionale Krieg wird dem Bericht zufolge wahroder Irak.
scheinlich vier oder fünf Divisionen des Heeres, vier
oder fünf Marinebrigaden, zehn Jagdgeschwader der

AMERIKA DIENST 36

Seite 1

�Luftwaffe, 100 schwere Bomber und vier oder fünf
Trägerverbände erfordern. Die Streitkräfte sollen auf
diese Erfordernisse zugeschnitten werden.

sionen im Falle eines Konfliktes ausreichendes
voreingelagertes Gerät.
Nordostasien: Dort sollen 100.000 Bodentruppen, einschließlich zwei Brigaden und eines
Luftwaffengeschwaders präsent sein, um Südkorea bei der Verteidigung gegen Pjöngjang zu
helfen, sowie zur Unterhaltung von zwei Brigaden ausreichendes voreingelagertes Gerät, falls
eine Brigade wie geplant von der Halbinsel
abgezogen wird.

Nach diesem Plan würden die Bodentruppen kleiner
aber beweglicher werden. Das Heer soll über zehn
aktive Divisionen und 15 Reservebrigaden verfügen,
die der Stärke nach fünf zusätzlichen Divisionen entsprechen. Das Marinekorps soll seine jetzigen drei
aktiven Divisionen sowie eine zusätzliche Reservedivision behalten.
Die Bodentruppen des Heeres und des Marinekorps
würden folglich einem Äquivalent von 13 Kampfdivisionen und sechzehn Reservedivisionen entsprechen.

Südwestasien: Vier bis sechs Schiffe der Marine werden wie schon seit 1945 im Persischen
Golf patrouillieren und die Seewege für den
Transport von Erdöl sowie gegebenenfalls für
die Zuführung von zwei amerikanischen Brigaden offenhalten, deren Gerät in Kuwait und
benachbarten Ländern voreingelagert wird.

Die Marine würde ihre Streitkräfte in elf Kampftruppen
organisieren, die jeweils einem Flugzeugträger zugeordnet sind. Ein zusätzlicher Flugzeugträger würde
hauptsächlich als Schulschiff dienen, jedoch kurzfristig einsatzbereit sein.

Afrika: Hier werden die Vereinigten Staaten mit
befreundeten Regierungen Abkommen über den
Zugang zu amerikanischen Stellungen abschließen, um schnelle Truppenbewegungen zu
ermöglichen, wie die der 4.000 Soldaten, die zur
Zeit in Somalia im Rahmen der UN-Operation
UNOSOM im Einsatz sind.

Für die Luftwaffe sind 13 Jagdgeschwader im aktiven
Dienst und sieben Reservegeschwader vorgesehen.
Ihre B-1 - und B-2-Bombergeschwader sollen von ihren
vornehmlich atomaren Trägersystemen auf konventionelle Fähigkeiten umgerüstet werden.
Der Erfolg dieser neuen Strategie hängt auch von dem
Ausmaß ab, in dem die Verbündeten der Vereinigten
Staaten in jeder Region gemeinsam mit ihnen auf eine
Krise reagieren können. "Wir werden weiterhin unseren Verbündeten in den wichtigsten Regionen bei der
Verbesserung ihrer eigenen Verteidigungsfähigkeit
behilflich sein", so das Dokument des Verteidigungsministeriums.
Das Konzept sieht jedoch vor, daß umfangreiche
amerikanische Streitkräfte in einigen Gebieten der
Welt weiterhin vorne stationiert bleiben sollen. Hierzu
zählen unter anderem:
Europa: Auf diesem Kontinent sollen 100.000
Bodentruppen in zwei Divisionen weiterhin integraler Bestandteil der NATO bleiben, zusammen mit mindestens zwei Luftwaffengeschwadern und zur Unterhaltung von drei Bodendivi-

Lateinamerika: Das amerikanische Militär wird
seine Verteidigungskräfte am Panamakanal
belassen, bis die Kontrolle über den Kanal im
Jahr 1999 an Panama abgetreten wird. Amerikanische Streitkräfte werden die jungen lateinamerikanischen Demokratien sowie den Kampf
gegen den Drogenschmuggel unterstützen.
Die grundlegende Überprüfung des Verteidigungsministeriums hatte zum Ziel, das Militär im Rahmen der
durch Haushaltsengpässe gesetzten Beschränkungen auf neue Aufgaben vorzubereiten, so Minister
Aspin und General Powell. Das neue Konzept kann im
Rahmen der gegenwärtig geplanten Verteidigungsausgaben umgesetzt werden, die einer im Zeitraum
von fünf Jahren erfolgenden schrittweisen Kürzung
unterliegen.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DENST Sf

�USA-RUSSLAND
8. September 1993

GORE UND TSCHERNOMYRDIN UNTERZEICHNEN
ABKOMMEN ZU RAUMFAHRT UND ENERGIE
Rede von Vizepräsident Gore
WASHINGTON - (AD) - Am 2. September 1993 unterzeichneten der russische Ministerpräsident Viktor
Tschernomyrdin und der amerikanische Vizepräsident Gore zum Abschluß des Treffens der gemeinsamen
amerikanisch-russischen Kommission über Zusammenarbeit im Weltraum und Energiebereich eine Serie von
Vereinbarungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die bei der feierlichen Unterzeichnung vom amerikanischen Vizepräsidenten
gehaltene Rede im Wortlaut.

Der Ministerpräsident und ich haben in den letzten
beiden Tagen hart gearbeitet, um die zuerst von den
Präsidenten Clinton und Jelzin bei ihrem Gipfeltreffen
in Vancouver entworfene Vision zu verwirklichen: Es
ist an derzeit, die Oberreste des Karten Krieges hinter
sich zu lassen und eine neue Partnerschaft zwischen
den Vereinigten Staaten und Rußland anzustreben.

und außenpolitische Aspekte, sondern auch eine
zukünftige wirtschaftliche Zusammenarbeit umfaßt.

Ganz besonders erfreut bin ich über die Ergebnisse,
die sich bereits abzeichnen, insbesondere die Abkommen über Zusammenarbeit in der Raumfahrt, die wir
heute unterzeichnet haben. Alle werden sich daran
erinnern, daß jedes unserer Raumfahrtprogramme
Diese Partnerschaft wird nirgends so stark zu spüren etwas zum ersten Mal erreicht hat. Der Start des
sein wie bei unserer Zusammenarbeit im Bereich der ersten Erdsatelliten - Sputnik 1 - am 4. Oktober 1957
Spitzentechnologie. Jedes unserer beiden Länder hat begeisterte die Wert. Und wir fanden den ersten
während des Kalten Krieges seine Ressourcen in den bemannten Raumflug 1961 mit Juri Gagarin ebenso
Konkurrenzkampf gepumpt. Es wurde sehr viel er- aufregend. Dem folgte die großartige Zeit der Mondreicht, aber auch ein hoher Preis dafür gezahlt. Jetzt landungen mit dem amerikanischen Apollo-Programm
können wir zusammenarbeiten, um eine gemeinsame und - auf russischer Seite - den Luna-Raumsonden.
Tagesordnung in den Bereichen Energie und Raumfahrt, Wissenschaft und Technologie aufzustellen. Durch Obwohl die von uns am heutigen Tag unterzeichneten
Kooperation können wir die Kosten niedrig halten, mit Vereinbarungen den Errungenschaften aus der Zeit
unseren begrenzten Ressourcen sparsam umgehen unseres Konkurrenzkampfes viel verdanken, haben
sie ihre Wurzeln hauptsächlich in dem Treffen der
und zum beiderseitigen Vorteil zusammenarbeiten.
Raumsonden Apollo und Sojus und ihrer Koppelung im
Einen vierzig Jahre arten Konkurrenzkampf in Zusam- Juli 1975. Im Rahmen dieses Projektes begannen
menarbeit umzuwandeln ist keine leichte Aufgabe. Die russische und amerikanische Wissenschaftler, IngeniPräsidenten stimmten in Vancouver darin überein, daß eure, Astronauten und Kosmonauten ihre Zusammenunsere Zusammenarbeit auf höchster Ebene in die arbeit. Ich freue mich, daß heute General Tom StafWege geleitet werden muß, und durch ihre Überein- ford und General Alexei Leonow zugegen sind, die
kunft wurde diese Kommission ins Leben gerufen. zusammen an dieser bahnbrechenden Mission teilMinisterpräsident Tschernomyrdin und ich haben uns nahmen, und bitte die Herren, sich zu erheben.
während der beiden Tage hier in Washington völlig
darauf konzentriert, den Prozeß in Gang zu bringen. Die Zukunft hält noch mehr von dem bereit, von dem
Unser Ziel ist die Ausweitung der amerikanisch-russi- das Apollo-Sojus-Projekt einen Vorgeschmack gab:
schen Partnerschaft, damit diese nicht nur sicherheits- Enge Zusammenarbeit zur Minimierung der Kosten

AMERIKA DIENST 36

Seite 1

�und der für die Durchführung der Projekte benötigten
Zeit bei gleichzeitiger Verbesserung der Leistungen.
Ich möchte kurz die Vereinbarungen im Bereich der
Raumfahrt ansprechen, die wir unterzeichnet haben:
Erstens, das Abkommen über den Start kommerzieller
Satelliten, das Rußland Zugang zum Markt internationaler Satellitenflüge gibt, und zweitens eine gemeinsame Erklärung über Zusammenarbeit im Weltraum, die
einen schrittweisen Ansatz für Kooperation bei der
bemannten Raumfahrt festlegt. Diese Erklärung enthält das Potential für Zusammenarbeit in einer wirklich
internationalen Raumstation, falls die Voraussetzungen auf den Gebieten Technik und Partnerschaft
gegeben sind. Schließlich zwei gemeinsame Erklärungen, eine über die Überwachung der Umwelt aus
dem Weltraum sowie Raumfahrtwissenschaft und die
andere über Luftfahrt, die uns den Entwurf einer breit
angelegten Strategie zur Zusammenarbeit im Bereich
der Umwelt sowie beim Flugzeugbau der Zukunft
ermöglichen wird.

amerikanischen Unternehmer profitiert haben. Wir
begrü ßen den Beitrag der Geschäftswelt au ßerordentlich und möchten im Rahmen des gemeinsamen
amerikanisch-russischen Komitees zur wirtschaftlichen
Entwicklung (U.S.-Russian Business Development
Committee), dem auf amerikanischer Seite Wirtschaftsminister Brown und auf russischer Seite der Stellvertretende Ministerpräsident Shokhin vorstehen wird,
direkt mit den Unternehmen zusammenarbeiten.
Schließlich ist es die amerikanische Wirtschaft, und
nicht nur die amerikanische Regierung, die das Kapital
und die Technologie bereitstellt, die Rußland zur Fortführung seiner langfristig angelegten Reformen benötigt.

Ich möchte einige unserer Errungenschaften im Energiebereich ansprechen: Wir werden eng mit Rußland
und unseren Unternehmern zusammenarbeiten, um
die vielen Gas-und Erdölgeschäfte im amerikanischen
Privatsektor abzuschließen, die startbereit sind. Ich
freue mich bekanntgeben zu können, daß wir Einigung
NASA-Direktor Dan Goldin und Juri Koptjew, der Di- über zwei Projekte mit dem Privatsektor erzielt haben.
rektor der russischen Raumfahrtagentur, werden in Bei einem leistet die staatliche Entwicklungsgesellden kommenden Monaten viel zu tun haben, um die schaft (Overseas Private Investment Corporation Tagesordnung für unsere gemeinsame Arbeit festzu- OPIC) Kreditbürgschaften und Versicherungsbeihilfen
setzen. Ich weiß jedoch, daß sie diese Aufgabe mit in Höhe von 28 Millionen Dollar für das 80 Millionen
Begeisterung in Angriff nehmen, und wir stehen zu Dollar teure Ölbohrungsprojekt der Texaco in Westsibirien. Bei dem anderen richten die OPIC und die
ihrer Unterstützung bereit.
russische staatliche Investitionsgesellschaft gemeinIn vielerlei Hinsicht stellen die von uns unterzeichneten sam einen neuen Investitionfonds unter der VerwalVereinbarungen im Bereich der Raumfahrt den Beginn tung von PaineWebber ein. Diese Investitionen - 50
dessen dar, was wir - Rußland und die Vereinigten Millionen Dollar von der OPIC und 25 Millionen Dollar
Staaten - gemeinsam erreichen wollen: Einen umfas- von russischer Seite - sind für einen privaten Investisenden Zugang der Russen zum Markt für Produkte tionsfonds bestimmt, der ein Modell für die von uns
der Spitzentechnologie sowie enge und produktive angestrebte Zusammenarbeit ist.
Zusammenarbeit bei Langzeitprojekten.
Wir werden sehr hart an der Ausweitung von Handel
Gleichzeitig möchte ich besonders auf eine heute von und Investitionen im Energiebereich arbeiten. Jede
uns unterzeichnete Übereinkunft hinweisen, mit der unserer Regierungen wird einen Ombudsmann bewir ein wichtiges Problem gelöst haben: Die Regie- nennen - einen Amerikaner und einen Russen - der
rungsvereinbarung über das Raketentechnologiesich der Identifizierung und Überwindung von HinderKontrollregime (Missile Technology Control Regime nissen für bestimmte Investitions- und HandelsprojekMTCR). Durch seine Verpflichtung, sich an die Richt- te widmen wird. Gleichzeitig wird Energieministerin
linien des MTCR zu halten, demonstriert Rußland O'Leary mit ihrem Amtskollegen, Minister Shafrannik,
seine Bereitschaft, beim Verkauf von Waren und Dienst- bei der Neudefinition politischer Maßnahmen zusamleistungen im Spitzentechnologiebereich ein verläßli- menarbeiten, die die Kooperation im Energiesektor
cher Partner zu sein. Dies ist ein begrüßenswerter und fördern.
wichtiger Schritt, und ich möchte in diesem Zusammenhang insbesondere die von Staatssekretärin Davis Schließlich einigten wir uns auf den Beginn einer
und dem Stellvertretenden russischen Ministerpräsi- bedeutenden gemeinsamen Untersuchung über die
denten Shokhin geleistete harte Arbeit hervorheben.
Sicherheit von Kernkraftwerken. Sie wird das im Laufe
der letzten Jahre erworbene Wissen bereichem und
Wir haben uns auf unserem Treffen jedoch nicht nur uns helfen, die produktivsten Gebiete für eine Zusammit der Raumfahrt befaßt, sondern führten außeror- menarbeit bei der Reaktorsicherheit auszuwählen. Ich
dentlich fruchtbare Gespräche über Energiefragen - möchte ganz besonders das persönliche Engagement
Gas, Erdöl und Atomenergie - sowie über unsere des Ministerpräsidenten zur Erhöhung der Sicherheit
beiderseitigen Bemühungen zum Abbau von Handels- der Kernkraftwerke seiner Nation hervorheben.
und Investitionshindernissen. Der Ministerpräsident
wird in diesem Zusammenhang wohl mit mir überein- Der Ministerpräsident und ich haben bei unseren Trefstimmen, wenn ich sage, daß wir während unserer fen vereinbart, daß die Kommission ihre Arbeit insbeSitzungen von der Erfahrung und den Vorschlägen der sondere auf zwei andere wichtige Bereiche konzenSeite2

AMERIKA DIENST 36

�frieren sollte: Umwelt und Wissenschaft. Wir werden
zwei Gruppen organisieren, um diese Tagesordnung
umzusetzen, und erwarten erste Beiträge beim nächsten Treffen der Kommission, das im Laufe der nächsten Monate stattfinden wird. Der Ministerpräsident
hat mich zu einem Besuch in Ru Bland im Herbst dieses
Jahres eingeladen, worauf ich mich freue.
Abschließend mochte ich denjenigen auf amerikanischer und russischer Seite meinen Dank ausspre-

chen, die dieses Treffen ermöglicht haben. Herr
Ministerpräsident, wenn die Anfänge dieser Kommission etwas über ihre Zukunft aussagen, dann wird sie
eine der produktivsten Triebkräfte werden, die uns auf
neue Gebiete von Zusammenarbeit und Partnerschaft
befördern. Ebenso wie Sie begrüße ich diese Herausforderung und sehe einer Zusammenarbeit mit Ihnen
erwartungsvoll entgegen.

* * * *

AMERIKA DIENST 36

*

Seite 3

�USA-RUSSLAND
8. September 1993

STELLUNGNAHME ZUM ABKOMMEN MIT RUSSLAND
ÜBER MTCR, RAUMFAHRT UND ENERGIE
Äußerungen eines hochrangigen Regierungsvertreters

WASHINGTON - (AD) - Die Zustimmung Rußlands,
die Bestimmungen des Raketentechnologie-Kontrollregimes (Missile Technology Control Regime - MTCR)
einzuhalten, "ist in der Tat ein gutes Signal für die
Absicht Rußlands, im Hinblick auf die Nichtverbreitung
ein verläßlicher Partner zu werden", erklärte ein hochrangiger Regierungsvertreter am 2. September 1993.
In seinen im Anschluß an die Unterzeichnung der
Regierungsvereinbarung zwischen den Vereinigten
Staaten und Rußland zum MTCR sowie einer Reihe
von Abkommen zu Raumfahrt, Energie und technischer Zusammenarbeit gemachten Äußerungen stellte der Regierungsvertreter fest, er messe der Regierungsvereinbarung zum MTCR "höchste Bedeutung"
bei.

Bereichen Erdöl und Gas, Sicherheit von Kernkraftwerken sowie generell beim Abbau von Handels- und
Investitionshemmnissen tätig", fügte er hinzu.
Im Hinblick auf die Kooperation bei der Raumfähre
stellte der Regierungsvertreter fest: "Zweifelsohne
wollen wir bis M itte der neunziger Jahre eine Raumfähre ins All schicken." Die Vorteile der Zusammenarbeit
bestünden in "niedrigeren Kosten, kürzerer Vorlaufzeit
bei den Weltraumprojekten, kurzer Konstruktionszeit
und weniger Zeitverlust, bis die mit Experimenten
befaßten Wissenschaftler ins All entsandt werden
können".

Der hochrangige Regierungsbeamte äußerte sich ferner zu den außenpolitischen Gesprächen zwischen
Präsident Clinton und Ministerpräsident TschernomyrIhm zufolge sind andere Vereinbarungen, insbesonde- din.
re das Abkommen über Zusammenarbeit bei der
Raumfahrt und der Entwicklung einer Raumfähre Im Hinblick auf die Beziehungen zwischen Rußland
ebenfalls bedeutend und ein Signal für neue Beziehun- und der Ukraine erklärte er, der Präsident "hat unser
gen zwischen den beiden Nationen im Bereich der Engagement bekräftigt, alles in unserer Macht Stehende zur Verbesserung der Beziehungen zwischen
wirtschaftlichen Zusammenarbeit.
Rußland und der Ukraine zu tun sowie unser Interesse
Die Abkommen waren das Ergebnis zweitägiger - natürlich so schnell wie möglich - eine atomwaffenGespräche der amerikanisch-russischen Kommission freie Ukraine anzustreben".
über Zusammenarbeit im Weltraum und Energiebereich, die beim Gipfertreffen von Vancouver zwischen Zum Baltikum, so der Regierungsvertreter, habe Präden Präsidenten Clinton und Jelzin ins Leben gerufen sident Clinton "unser anhaltendes Interesse an einem
wurde. Das Treffen in Washington fand unter Vorsitz frühzeitigen Abzug der russischen Streitkräfte aus
von Vizepräsident Gore für die Vereinigten Staaten Estland und Lettland unterstrichen". Tschernomyrdin
und Ministerpräsident Victor Tschernomyrdin für Rußland vermittelte "stark den Eindruck, daß die russische
Regierung die Notwendigkeit zum Abzug der Truppen
statt.
versteht. Er zählte die Probleme auf, die derzeit einen
Die Abkommen sehen femer die Gründung von sechs frühzeitigen Abzug verhindern. Er verwies jedoch
Arbeitsgruppen unter der Schirmherrschaft der Kom- darauf, daß die Russen ziemlich sicher einen Plan zum
mission vor. "In vieler Hinsicht ist das Komitee zur Abzug ihrer Truppen haben", fügte er hinzu.
wirtschaftlichen Entwicklung (U.S.-Russian Business
Development Committee) am wichtigsten", so der Im Hinblick auf den Jackson-Vanik-Zusatzartikel äuRegierungsbeamte. "Dieses Komitee wird in den ßerte der Regierungsbeamte: "Wir haben keinen
AMERIKA DIENST 36

Seite 1

�festen Termin, um Jackson-Vanik außer Kraft zu setzen. Wir vertreten die Ansicht, daß es weiterhin ein
Problem mit den Betonköpfen in Rußland gibt. Juden
und Christen wird aus zwei Gründen immer noch das
Recht auf Emigration verweigert - zum einen aus
Sicherheitsgründen und zum anderen wegen der sogenannten 'armen Verwandten'".

"Aus unserer Sicht muß die russische Regierung
unbedingt eine Kommission gründen, die in Zukunft
die Fälle nach der möglichen Außerkraftsetzung des
Jackson-Vanik-Zusatzartikels überprüfen kann. Wir
sprechen jetzt jedoch noch nicht davon, weil es noch
nicht soweit ist. Wir haben nur nochmals unsere
Position für die russische Seite dargelegt", so der
Regierungsvertreter.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 36

�PAZIFIK
8. September 1993

USA FÜR STÄRKERE PAZIFISCHE GEMEINSCHAFT
Außenpolitisch vielversprechendes Gebiet

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten streben mit Hilfe anderer Nationen den Aufbau einer
gestärkten pazifischen Gemeinschaft auf der Grundlage wirtschaftlicher Zusammenarbeit an, wobei gleichzeitig die in dieser Region existierenden Spannungen
abgebaut werden sollen, so der für dieses Gebiet
zuständige Experte des US-Außenministeriums.
Winston Lord, Abteilungsleiter für ostasiatische und
pazifische Angelegenheiten im Außenministerium,
erklärte am 31. August 1993 vor Journalisten, Präsident Clinton und Außenminister Christopher betrachteten die Pazifikrandstaaten als äußerst vielversprechend für die amerikanische Außenpolitik.
Angesichts der Ausbreitung der Demokratie in vielen
dieser Staaten erscheine die Region stabil, obwohl
Winston Lord zufolge viele totalitäre Regime an der
Macht blieben. Er verwies auch auf die "vielversprechenden" Regionalstrukturen dort, einschließlich des
Verbandes Südostasiatischer Nationen (ASEAN) und
des Forums für asiatisch-pazifische wirtschaftliche
Zusammenarbeit (APEC).
Lord, ehemaliger US-Botschafter in China, führte den
ASEAN als ein Beispiel an, da dieser bei seinen dem
Ministertreffen folgenden Gesprächen im Juli die Aufnahme anderer Nationen - einschließlich Rußlands,
Chinas und Vietnams - als Mittel zum Abbau von
Spannungen in der Region und zur Förderung der
Zusammenarbeit in Erwägung gezogen habe.

Ihm zufolge möchten amerikanische Regierungsvertreter, die bisher von den Reaktionen auf das in Seattle
anberaumte Treffen ermutigt wurden, nach der Tagung mit den Staatsoberhäuptern der APEC-Staaten
regionale Fragen auf inoffizielle Weise erörtern.
Lord betonte, die Vereinigten Staaten hätten keinen
Plan für die Zukunft des Pazifischen Beckens. Durch
Konsultationen mit anderen Nationen wollten sie jedoch in "kollektiven Bemühungen" eine bessere Zukunft für die Region erreichen, unterstrich er.
Die Vereinigten Staaten, erklärte er, wünschten weltweite wirtschaftliche Entwicklung durch den erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde der Handelsgespräche, auf regionaler Ebene durch die APEC und
bilateral durch die amerikanisch-japanischen "Rahmen"-Verhandlungen.
In der Zwischenzeit behielten die Vereinigten Staaten
ihre Streitkräfte im Pazifik bei, während die militärische
Präsenz in Europa verringert wird. "Wir werden in
Asien weiterhin präsent sein", so Winston Lord, der
feststellte, daß die ASEAN-Staaten Einrichtungen und
Ausbildungsgelände angeboten hätten, um einen
Ausgleich für den Abzug der amerikanischen Truppen
von Militärstützpunkten auf den Philippinen zu schaffen.
Lord begrüßte die Entwicklung regionaler Sicherheitsarrangements als Mittel zum Abbau künftiger Spannungen und betonte, die Förderung von Demokratie
sei der Schlüssel für Wirtschaftsentwicklung und Sicherheit in der Region.

Der Botschafter verwies auch darauf, welche Bedeutung die Clinton-Administration während ihrer ersten
sechs Monate asiatischen Angelegenheiten eingeräumt habe - einschließlich des Besuchs von Präsident Zu anderen Themen gab Lord die folgenden KommenClinton in Tokio im Juli aus Anlaß des Wirtschaftsgip- tare ab:
fels der G-7, der Besuche von Außenminister ChristoWaffen. Die Aufrüstung in der Region sei fürdie
pher und anderen Vertretern des US-AußenministeVereinigten Staaten ein Grund zur Beunruhiriums sowie des Treffens der aus 15 Nationen bestegung. Viele Nationen, die zur Zeit ihr Arsenal
henden APEC-Gruppe im November in Seattle unter
konventioneller Waffen zur Verteidigung aufVorsitz der Vereinigten Staaten.

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�bauen, taten dies jedoch von einer sehr niedrigen Ausgangsbasis aus.

eigenem Interesse, die international anerkannten Werte im Bereich der Menschenrechte zu
unterstützen. Die Vereinigten Staaten wollten
mit China Rücksprache über seine Einhaltung
des Raketentechnologie-Kontrollregimes (Missile Technology Control Regime - MTCR) halten.

Australien. Der Handel sei der einzige Bereich
in den amerikanisch-australischen Beziehungen, der Anlaß zur Besorgnis gebe. Einige von
den Vereinigten Staaten als Reaktion auf von
der Europäischen Gemeinschaft ergriffene Maßnahmen hätten sich nachteilig auf australische
Exporte ausgewirkt, und diese Fragen sollten
mit einem erfolgreichen Abschluß der UruguayRunde geklärt werden.

Indonesien. Die Rüstungskäufe dieses Landes "beunruhigen" die Vereinigten Staaten in
keinerlei Hinsicht. Die Rolle Indonesiens bei
den friedenserhaltenden Operationen der UNO
und die führende Rolle dieses Landes in der
ASEAN müßten lobend erwähnt werden. Die
amerikanisch-indonesischen Beziehungen hätten "viele positive" Aspekte, und die beiden
Nationen arbeiteten in Problembereichen eng
zusammen.

China. Die Probleme zwischen der Volksrepublik China und Taiwan sollten "friedlich" und
"frei" gelöst werden. Die Vereinigten Staaten
wünschten "stetige" Fortschritte bei Menschenrechtsfragen in China, und es liege in Chinas

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AMERIKA DIENST 36

�KRIEGSVERBRECHEN
8. September 1993

REGIERUNGEN DRÄNGEN AUF ENTSCHIEDENERES
EINTRETEN GEGEN KRIEGSVERBRECHEN
Erneuter Anstieg von Gewalt und Grausamkeiten

GENF - (AD) - Vertreter aus 160 Staaten riefen anläßlich der Genfer Konferenz über den Schutz von Kriegsopfern die internationale Staatengemeinschaft dazu
auf "sicherzustellen, daß Kriegsverbrecher ordnungsgemäß strafrechtlich verfolgt werden und nicht ungestraft davonkommen".
Die Delegierten der Internationalen Konferenz über
den Schutz von Kriegsopfern verabschiedeten am 1.
September 1993 einen Deklarationsentwurf, der die
zunehmende Verbreitung von Menschenrechtsverletzungen, insbesondere Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, verurteilt.
Nach Meinung von Warren Zimmermann, dem Direktor des Büros für Flüchtlingsprogramme im US-Außenministerium, ist es mit der Konferenz gelungen, die
internationale Aufmerksamkeit auf das Leiden der
Kriegsopfer zu lenken.

In der Erklärung werden die Regierungen zu "entschlossenen Maßnahmen"gegen Staaten aufgerufen,
"die für Verletzungen des Völkerrechts verantwortlich
sind".
Die Schweizer Regierung, auf deren Territorium die
Genfer Konventionen verwahrt werden, wurde um die
Bildung einer aus Vertretern mehrerer Staaten bestehenden Expertengruppe gebeten, "die nach praktischen Mitteln zur Förderung der vollen Respektierung"
der Konventionen suchen soll, die von den meisten
Nationen der Welt unterzeichnet wurden.
Viele Delegierte auf der Konferenz brachten ihre Entrüstung über den Anstieg von Gewalt gegen Zivilisten
zum Ausdruck, insbesondere in internen Konflikten,
die im Gefolge des Kalten Krieges auf der ganzen Welt
entstanden.

"Wir haben die Schwelle dessen, was bei einer modernen Kriegführung toleriert werden kann, überschritten
- insbesondere im Hinblick auf die Behandlung der
Zivilbevölkerung", erklärte der UN-Hochkommissar für
Flüchtlinge (UNHCR), Frau Sadako Ogata, auf der
Konferenz. Das Internationale Rote Kreuz und die ihr
unterstehende Behörde werden ihr zufolge mit "erEr führte diesen Gewaltanstieg zum Teil auf die Aus- schreckend häufiger und offenkundiger Mißachtung
breitung des Nationalismus zurück, "der an sich schon der elementarsten Grundsätze des Menschenrechts"
eine Art von Doktrin darstellt, die Feindseligkeit gegen- konfrontiert.
über anderen ethnischen Gruppen schafft".
Man kann nicht vom UNHCR und anderen humanitäZimmermann war der Leiter der amerikanischen Dele- ren Organisationen erwarten, daß sie "unendlich lange
gation auf der dreitägigen Konferenz, die von der in einer Umgebung tätig sind, die nicht nur feindlich
Schweizer Regierung und dem Internationalen Komi- sondern offenkundig barbarisch ist", so Frau Ogata.
tee des Roten Kreuzes organisiert wurde.
Sie machte gehend, humanitäre Institutionen würden
von Konfliktparteien "manipuliert und erpreßt", um
Die Schlu ßerklärung der Konferenz bekräftigt die Prinderen "nicht-humanitäre Ziele zu erreichen". In Boszipien der Menschlichkeit, die bereits in den Genfer
nien-Herzegowina ist die Mißachtung der grundlegenKonventionen von 1949 niedergelegt sind - internatioden Prinzipien in Kriegszeiten "eher die Regel als die
nalen Verträgen zum Schutz von Kombattanten und
Ausnahme", stellte sie fest.
Zivilisten in Konfliktzeiten.

"Wir beobachten meines Erachtens einen seh langem
nicht dagewesenen erneuten Anstieg von Gewalt und
Grausamkeit", erklärte der ehemalige US-Botschafter
in Jugoslawien in einem Interview nach Abschluß der
Konferenz.

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�Der russische Außenminister Kosirev erklärte, die
internationale Staatengemeinschaft werde mit bewaffneten Konflikten "einer neuen Art" konfrontiert. "Es
handelt sich bei alledem nicht einfach um von Individuen begangene Greueltaten, sondern um das Ergebnis der bewußten Umsetzung von Doktrinen, die mit
dem bösen Geist des aggressiven Nationalismus und
des Fremdenhasses infiziert sind", äußerte er.
Schätzungen des russischen Außenministers zufolge
waren 126.000 der im Krieg in Bosnien getöteten
170.000 Menschen Angehörige der Zivilbevölkerung.
Die Russische Föderation machte den Vorschlag, das
Jahr 1994 zum "Jahr des Schutzes der Opfer bewaffneter Konflikte" zu erklären.
Während seines Aufenthalts in Genf gab Kosirev auch
bekannt, Rußland sei bereit, Truppen zur Umsetzung
des Friedensplans in Bosnien zur Verfügung zu stellen, falls ein solcher Plan vom UN-Sicherheitsrat gebilligt werde. Am 1. September erklärte er jedoch auf
einer Pressekonferenz, die Russische Föderation wolle,
daß ein derartiges Abkommen "Hand in Hand mit einer
Aufhebung der gegen Jugoslawien verhängten Sanktionen geht".
Unabhängig davon teilte Torkel Opsahl, der amtierende Vorsitzende der UN-Kriegsverbrecherkommission
auf einer Pressekonferenz mit, die Kommission habe
viele Aussagen gesammelt, verfüge aber über wenig
konkretes Beweismaterial, das in einem Kriegsverbrechertribunal Verwendung finden könnte.

gemeldete Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen
die Menschlichkeit auf dem Gebiet des ehemaligen
Jugoslawien zu untersuchen.
Auf die Frage, ob der Kommission Beweismaterial
vorliege, das zur Anklage einer der Parteien bei den
andauernden Friedensverhandlungen in Genf dienen
könne, antwortete Opsahl: "Es gibt Aussagen, aber
keine Beweise."
Die Datenbank der Kriegsverbrecherkommission enthält ihm zufolge viele Aussagen, aber diese könnten
nicht durch Datenverarbeitung in das für eine strafrechtliche Verfolgung notwendige Beweismaterial
umgewandelt werden.
Die Untersuchung von Massengräbern in der Nähe
von Vukovar wird ihm zufolge jedoch im nächsten
Monat fortgesetzt. Die Exhumierung der Leichen wird
von Dr. Clyde Snow, einem bekannten Gerichtsmediziner und Anthropologen geleitet, für dessen Mitarbeit
amerikanischen Regierungsvertretern zufolge die
Vereinigten Staaten aufkommen.
Der Kriegsverbrecherkommission gingen Berichte über
Massengräber an 200 Orten auf dem Gebiet des
ehemaligen Jugoslawien zu, sie ist Opsahl zufolge
jedoch nicht in der Lage, allen nachzugehen. Die
Kommission wird nur die Gräber untersuchen lassen,
bei denen der Anschein erweckt wird, daß Menschen
"unter Verletzung der Menschenrechte umgebracht
und begraben wurden".

Die UN-Kriegsverbrecherkommission wurde im letzten August vom Sicherheitsrat ins Leben gerufen, um

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AMERIKA DIENST 36

�EINWANDERUNG
8. September 1993

AMERIKANISCHE KÜSTENWACHE FOLGT CLINTONS
AUFRUF ZUR BEENDIGUNG DES
MENSCHENSCHMUGGELS
Weltweites Abfangnetz

Nation - mehr als 80.200 nicht im Besitz der erforderlichen Einwanderungspapiere befindliche Personen
abgefangen, die Mehrheit - über 65.900 - waren Haitianer. Ein dramatischer Anstieg war bei der Zahl der
Einwanderungswilligen aus den Pazifikrandstaaten zu
verzeichnen. 1990 fing die Küstenwache 20 chinesische Migranten ab; 1992 waren es 613 und in diesem
Konteradmiral Richard Appelbaum, der die Bemühun- Jahr bisher schon 2.500.
gen der Küstenwache zum Abfangen illegaler Einwanderer aus der Volksrepublik China und anderen Natio- Appelbaum, Chef des Büros für Strafverfolgung und
nen leitet, erklärte, die Initiative Präsident Clintons Verteidigungsoperationen der Küstenwache erklärte,
stelle für die Küstenwache eine Aufgabe "von hoher das Mandat seiner Behörde für den Kampf gegen den
Priorität"dar - "im Hinblick auf unseren Etat, im Hinblick Schmuggel mit illegalen Einwanderern gehe weit über
auf unsere Ausbildung, im Hinblick auf unsere Zusam- die amerikanischen Hoheitsgewässer hinaus. "Wir
unterhalten eine signifikante Präsenz in der Karibik, im
menarbeit mit anderen Behörden".
Westpazifik, dem Beringmeer, dem Golf von Alaska
Operationen im Kampf gegen illegalen Menschen- und anderen Orten, an denen unsere Ressourcen in
schmuggel machen "zur Zeit den Löwenanteil unserer einer Vielzahl von Aktivitäten eingesetzt werden", äußerte
Aktivitäten" aus, äußerte er kürzlich in einem Interview er.
mit dem US-Informationsamt.
"Außerdem", fügte er hinzu ."haben wir nicht nur SchifDie im Juni vom Präsidenten angenommene neue fe, Boote, Flugzeuge und Hubschrauber der US-KüInitiative zur Koordinierung der Bemühungen von zwölf stenwache, sondern können bei Bedarf auch über die
Regierungsstellen und -behörden, den Schmuggel mit Mittel anderer staatlicher Behörden verfügen, und wir
illegalen Einwanderern durch organisierte Verbrecher- genießen die Unterstützung des nationalen Nachrichsyndikate zu unterbinden, umfaßt Maßnahmenfürden tendienstes".
verstärkten Einsatz der Strafverfolgungsbehörden sowie
Zum Abfangen illegaler Einwanderer wurde die Küzum Abfangen und Umleiten der Schmuggelschiffe.
stenwache durch eine Erklärung des Präsidenten aus
Im Juli bat der Präsident den Kongreß zusätzlich um dem Jahr 1981 ermächtigt, "die den Zugang von
neue Gesetze für den Kampf gegen Menschenschmug- Personen ohne gültige Einreisepapiere in die Vereiniggel und kündigte einen umfassenden Plan zur Verhin- ten Staaten auf dem Seeweg ausschließt", sowie
derung illegaler Einwanderung in die Vereinigten Staa- durch eine Durchführungsverordnung des Präsidenten an, einschließlich verstärkter Grenzkontrollen, ten von 1992, "diedie Küstenwache anweist, auf hoher
verbesserter Einreisegenehmigungsverfahren, be- See abgefangene Personen, die nicht mit den nötigen
schleunigter Vernehmung von Asylsuchenden sowie Papieren versehen sind, direkt in ihr Herkunftsland
der Bekämpfung der Schleppertätigkeit von Grund auf. oder ein anderes Land zurückzuschicken". Die Durchführungsverordnung, so Appelbaum "beauftragte die
Seit 1981 hat die amerikanische Küstenwache - die Küstenwache auch mit der Inkraftsetzung des Verbots
wichtigste seegestützte Strafverfolgungsbehörde der der Einwanderung auf dem Seeweg von Personen

WASHINGTON - (AD) - Als Reaktion auf Präsident
Clintons Aufruf zur Unterbindung des Schmuggels mit
illegalen Einwanderern hat die amerikanische Küstenwache zusammen mit anderen Regierungsstellen eine
Großoffensive zur Beendigung dieser kriminellen
Machenschaften begonnen.

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�ohne die notwendigen Papiere durch das Abfangen
'bestimmter' Schiffe, die solche Personen befördern".
Diese umfassen Schiffe, die unter keiner Flagge segeln, in den Vereinigten Staaten registrierte Schiffe
und diejenigen Schiffe, die bei Nationen registriert
sind, mit denen die Vereinigten Staaten "besondere
Vereinbarungen über solche Maßnahmen" getroffen
haben.
Verdächtige Schiffe werden von der Küstenwache im
Einklang mit dem Völkerrecht auf ihre Registrierung
und die Natur ihrer Reise hin untersucht. Wenn
festgestellt wird, daß ein Schiff sich am Schmuggel mit
illegalen Einwanderern beteiligt, arbeitet die Küstenwache mit anderen betroffenen Behörden zusammen,
damit die US-Regierung über die weitere Verfahrensweise entscheiden kann. Die Vereinigten Staaten
erhalten von dem Staat, unter dessen Flagge das
Schiff segelt, die rechtliche Zuständigkeit über das
Schiff und konsultieren andere Regierungen, um nähere
Informationen über die Auswanderer und das Schiff zu
erharten.
In einigen Fällen eskortiert die Küstenwache das Schiff
und die an Bord befindlichen Einwanderungswilligen
zurück in das Herkunftsland des Schiffs. In anderen
Fällen kann die Küstenwache das Schiff und seine
Passagiere in ein kooperierendes Drittland befördern,
das dann angemessene Maßnahmen ergreift. Der
Kapitän und die Besatzung von Schmuggelschiffen
können strafrechtlich verfolgt werden.
Appelbaum betonte, daß neuerdings das größte Risiko potentieller illegaler Einwanderung in die Vereinigten Staaten die Pazifikrandstaaten seien.
Schiffe, die nicht im Besitz von Einwanderungspapieren befindliche, aus China kommende Personen befördern, können verschiedene Routen nehmen, erklärte
er. "Viele durchqueren auf direktem Weg den Pazifischen Ozean und kommen entweder in Hawaii oder an
der Westküste der Vereinigten Staaten an; andere
durchqueren den Pazifischen Ozean mit dem Ziel
Mittel- und Südamerika, von wo aus die illegalen
Einwanderer die lange Landreise in die Vereinigten
Staaten antreten; wieder andere durchqueren den
Indischen Ozean, umschiffen Südafrika und kommen
über den Atlantik entweder in karibischen oder amerikanischen Häfen an."
Aber ungeachtet der gewählten Route sind Schmuggeloperationen nicht erfolgreich, warnte Appelbaum.
"Die Schmuggler sollten wissen, daß wir einen großen
Teil unserer Zeit, Energie und Ressourcen einsetzen
um sicherzustellen, daß diese Schmuggelschiffe weit
von der Küste entfernt abgefangen werden und die
Operationen scheitern", erklärte er. "Wir haben auch
zweifelsohne ein Interesse daran, daß die Urheber
dieser Schmuggelaktionen für ihre kriminellen Machenschaften ordnungsgemäß bestraft werden."

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Die Küstenwache ist auch besorgt um die Sicherheit
der Schmuggelopfer - "der Ausländer, der nicht im
Besitz gültiger Papiere befindlichen Auswanderer, die
zum Opfer der Schmuggler werden", so Appelbaum.
"Es geht hier nicht nur darum, ihnen die illegale Einwanderung in die Vereinigten Staaten zu verwehren,
sondern auch um ihre Sicherheit auf See."
Die Schiffe mit chinesischen Auswanderern an Bord
befinden sich "in einer solch schlechten Verfassung
und sind für derartige Reisen so schlecht geeignet und
ausgerüstet, daß sie offenkundig nicht sicher sind",
stellte erfest. "Es handelt sich hierum eine ganz große
Dummheit. Das Unternehmen ist so gefährlich, daß
niemand wissentlich ein solches Risiko eingehen sollte."
Seine Warnung bezüglich der Sicherheit auf hoher
See wurde auch von Kapitän James Carmichael, dem
Chef der Strafverfolgungsbehörde der US-Küstenwache wiederholt. Die am Schmuggel mit illegalen Einwanderern Beteiligten "müssen wissen, daß sie auf
außerordentlich unsicheren Schiffen befördert werden, die nicht einmal minimalen Sicherheitsanforderungen genügen, und um so wenigerden in internationalen Konventionen festgelegten und auf der ganzen
Welt als im Interesse der Sicherheit auf See anerkannten Normen", so Carmichael.
"Wir haben in jedem Fall gesehen", stellte Carmichael
fest, "daß Besatzung und Passagiere unter gesundheitsschädlichen Umständen leben und während langer und anstrengender Ozeanüberquerungen in schrecklichen Bedingungen hausen mußten, während sie
gleichzeitig der potentiellen Gefahr von lebensbedrohlichen Stürmen auf dem Ozean entgegensahen."
"Die kriminellen Schmugglerorganisationen scheinen
keinen Gedanken an die Sicherheit dieser Menschen
zu verschwenden. Ihre Ankunft in der Nähe der
amerikanischen Küsten ist unserer Einschätzung nach
eher auf Glück als auf Planung zurückzuführen. Und
wenn sie das Glück haben, in Küstennähe zu gelangen, werden sie abgefangen und in angemessener
Weise wieder nach China zurückgebracht."
Korvettenkapitän Douglas Eames, ebenfalls Mitarbeiter der Abteilung für Strafverfolgung, erklärte, die zur
Beförderung einer großen Zahl von chinesischen Einwanderungswilligen verwendeten Schiffe seien lediglich für die Beförderung kleiner Frachten, beispielsweise gefrorenen Fisch, oder die Unterbringung einer
kleinen Besatzung, im allgemeinen von nicht mehr als
20 Mitgliedern, geeignet.
"Wir fanden heraus, daß die Mehrheit der illegalen
Einwanderer im Frachtraum dieser Schiffe auf provisorischen Lagern untergebracht ist", erklärte Eames.
"Oft ist nicht einmal genug Platz vorhanden, damit sie
sich alle gleichzeitig hinlegen können, weshalb sie in
Schichten schlafen. Die Bedingungen sind wirklich
erbärmlich."
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�Kapitän Carmichael zufolge werden die Chinesen von
Verbrecherorganisationen betrogen, die oft 30.000
Dollar pro Passagier verlangen. "Man verspricht ihnen

eine Menge und sie bekommen sehr wenig", stellte er
abschließend fest.

* * * *

AMERIKA DIENST 36

*

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�MUSIK
8. September 1993

BLUEGRASS-MUSIC
von Bruce Watson
Mit ihren Wurzeln in britischen Balladen und den das harte Leben in den Appalachen wiedergebenden Klängen
der Fiedel ist die Bluegrass-music in den Vereinigten Staaten und weltweit populärer als je zuvor. In dem
nachfolgenden Artikel beschreibt der Autor die Ereignisse rund um das wichtigste Bluegrass-Festival des Jahres
und die herausragenden Künstler dieser Musiksparte.
Der Verfasser ist freiberuflicher Mitarbeiter der Zeitschrift Smithonian. Veröffentlichung und Übersetzung mit
freundlicher Genehmigung des Smithonian. Copyright (c) 1993 Bruce Watson.

Früher wurden Mais, Kartoffeln, Hafer und Gras auf
der Kitchen Farm in Summersville (West Virginia)
angebaut. Heute pflanzen Edgar und Eunice Kitchen
jedoch eine besondere, in Kentucky heimische Sorte
von Gras an.

wagen-Stadt. Dann, spät am Abend, gegen Sonnenuntergang, öffnen die Gäste zerbeulte Kästen, nehmen die Gitarren und Banjos heraus, und das Spiel
beginnt.

In den Heuschobern unter den Ahornbäumen hinter
der Bühne erweckt ein kleiner Kreis von Fremden eine
Melodie zu neuem Leben, die so alt ist wie die Berge.
Ein klapperdürrer Mandolinenspieler mit gestreiftem
Hemd und Cowboyhut stimmt die schwungvolle Melodie an und gibt sie an einen stämmigen Mann mit
Baseballkappe weiter, der ein Banjo umgehängt hat.
Das Banjo erklingt unter seinen wurstigen Fingern, die
auf dem Hals des Instruments ihr Spiel vollführen und
den Ton an den Fiedler weitergeben, dessen fuchtelnder Geigenbogen ein Teil seines Armes zu sein scheint.
In vierstimmiger Harmonie (und kleinen Dissonanzen)
singt die Band Lieder der Berge - "Sunny Side of the
Mountain" und "Mountain Dew". Als sie ihre InstruSie kommen aus allen amerikanischen Bu ndesstaaten mente auspackten, waren sie Fremde. Aber nach ein
und aus Kanada, Japan, Norwegen, Deutschland und paar Liedern wissen sie, wo sie stehen und wofür sie
Australien - und die Fahrzeugkolonne wälzt sich durch stehen. Sie glauben an das Bluegrass-Gospel.
die Berge mit Minibussen, Wohnwagen und Wohnmobilen, die größer als manche Häuser in diesen Bergen Ob in Tanglewood (Massachusetts), Marlboro (Versind. Stoßstange an Stoßstange mit anderen Wohn- mont) oder Monterey (Kalifornien) - die meisten Musikwagen geparkt, werden Zelte errichtet und mit Later- Festivals sind autokratisch. Die Künstler geben ihre
nen in leuchtenden Farben geschmückt. Auf proviso- Darbietung auf der Bühne, das Publikum hört zu,
rischen Vorplätzen werden Klappmöbel aufgestellt, applaudiert und geht nach Hause. Ein BluegrassFußmatten zur Begrüßung ausgelegt und Holzplaket- Festival jedoch ist Demokratie in der Note G. Hier, bei
ten angebracht, in die der Familienname und die Edgar und Eunice Kitchens "Music in the Mountains"
Heimatstadt eingraviert sind.
und bei praktisch jedem der weltweit stattfindenden
500 Bluegrass-Festivals pro Jahr nehmen die Fans
Bis Mittwoch, dem Tag vor dem Beginn dieses verita- selbst die Musik in die Hand und machen die gesamte
blen "Bluegrass-Woodstock", ist das Campinggelände Weh zur Bühne.
der Kitchens eine auf den Wiesen angesiedelte Wohn-

Welche Route man auch nimmt - der Weg zur Kitchen
Farm ist lang und einsam. Im Herzen der Appalachen
gelegen, ist Summersville mit seinen 2.906 Einwohnern eine Tagesreise von der nächsten Großstadt
entfernt. Die tiefen, weitläufigen Täler, die einem
Werbespot West Virginias zufolge "himmelsgleich"
sind, weichen hier sanften Hügeln, Seen und verträumten Städtchen mit überdachten Eingangsportalen und onkelhaften Namen wie Carl und Calvin. Egal,
wohin man fährt - durch Summersville kommt man nie
- aber Ende Juni, einige Tage vor der jährlichen Bluegrass-Ernte der Kitchens meldet sich Besuch an.

AMERIKA DIENST 36

Seite 1

�Einige sagen, Bluegrass sei eine Religion. Andere
bezeichnen es als Krankheit. Wie das Banjo, dessen
durchdringender Klang verstopfte Gehörgänge freimacht und widerspenstige Tapetenreste löst, ist die
Musik der Berge Geschmacksache. Seit seiner Geburtsstunde Ende der dreißiger Jahre wurde Bluegrass als "Hillbilly-music" abgetan und in eine kleine
Ecke der Country-Musikszene verbannt. Aber Bluegrass-Festivals ziehen Herden von Fans an, die tagelang fahren, sich auf Banjo, Fiedel, Mandoline und
Dobro (eine akustische Gitarre, deren Decke aus
Metall besteht) stürzen, sich dann in alle Winde zerstreuen und schwören, beim Treffen am nächsten
Wochenende in einem anderen dunklen Tal einige
Hundert Meilen weiter dabeizusein.
Religion oder Krankheit? Als einer der Getreuen gebe
ich ersteremden Vorzug. Näher an Einkaufspassagen
als Bergen aufgewachsen, bin ich weder Hill- noch
City-Billy. Ich kann nicht behaupten, daß mir Bluegrass im Blut liegt. Aber im Juni 1992 ging ich nach
Summersville, um meine regelmäßige Transfusion zu
bekommen und herauszufinden, ob ein Vorort-Billy
sein Banjo mitten im Herzen des Bluegrass-Landes
virtuos spielen könnte. Wenn der Mut anhielt, würde
ich in das "Foggy Mountain Breakdown" der um den
alten Wohnwagen Versammelten einstimmen und in
die anderen fünf Lieder, die ich kenne. Aber selbst
wenn meine flinken Finger mich im Stich ließen, hätte
ich einen seltenen Musiker gesehen.
Mit 81 ist Bill Monroe noch gesund und munter - und
spielt noch immer. Es war Monroe, der unumstrittene
Vater der Bluegrass-music, der die Kirchen- und Folkmusik seines Heimatstaates Kentucky um die "Schnellfeuer"-Mandoline und hohen Singstimmen bereicherte
und sein Markenzeichen, diesen "hohen, einsamen
Klang" schuf. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte
er den glänzenden Banjo-Spieler Earl Scruggs und
den Meister gedehnter Töne, Lester Flatt, die später
ihre eigene Gruppe gründeten. Bis 1950 war Monroes
zu Ehren von Kentucky "Blue Grass Boys" genannte
Band zum Versuchsgelände aufstrebender Spieler
avanciert. (Mit der Zeit wurde die Musik nach dem
Namen der Band benannt). Am Samstagabend, 60
Jahre nach seinem ersten Bühnenauftritt, würde Monroe
in Summersville spielen.

Mitternacht kann man die Musik auf dem gesamten
Campinggelände hören.
Bis Donnerstagnachmittag haben sechs umfunktionierte Greyhound- Busse mit den Namen der Bands
entlang der Bühne in Summersville geparkt. Mehr als
jede andere Musikform ist Bluegrass eine Road-Show.
Country-music-Star Hank Williams Jr. verspottet den
"Hillbilly-Bus" und singt ausgelassen darüber, wie man
von Show zu Show hetzt - aber Bluegrass-Musiker
sind stolz auf ihre vielen Reisen. An aufeinanderfolgenden Wochenenden Mitte 1992 spielten die Bass
Mountain Boys bei Festivals in Indiana, Georgia, Oklahoma, Maryland, North Carolina, Pennsylvania und
Kentucky. Der Bus und die Straße sind ebenso
symbolisch für die Musik wie das Banjo.
Wie ihren Herden folgende Nomaden jagen und sammeln die Bluegrass-Fans die Musik der Berge. Auf
dem Campinggelände von Summersville parkten
Wohnwagen aus 25 Staaten von Florida bis Alaska.
Wenn Festival-Fans alte Freunde zu sein scheinen,
dann weil sie Bluegrass-Kumpel geworden sind. "Wir
kennen zwei- oder dreihundert Leute hier nur von den
Festivals", erklärt Howard Van Meter, ein pensionierter
Postbote aus Kentucky, der auf der Suche nach ein
paar guten Klängen Tausende Meilen pro Jahr zurücklegt. "Hierherzukommen ist wie ein Treffen."
Bei jeder sich zum Bluegrass-Festival versammelnden
Menschenmenge gibt es welche, die aussehen, als
seien sie der Folklore entsprungen. In der ersten
Reihe in Summersville saß mit sportlich-schulterlangem weißem Haar, buschigem Bart und Zylinderhut
der Großvater der Bluegrass-Nomaden, "Hobo Bob".
Der pensionierte Computertechniker Bob Larkin spielt
kein Instrument, singt noch nicht einmal mit. Aber
Summersville ist eines der 40 Festivals, an denen er
jährlich in seinem Wohnwagen hausend teilnimmt.

Festivals finden das ganze Jahr über statt, die große
Welle der Bluegrass-Völkerwanderung ergießt sich
jedoch von Mai bis Oktober. Man kann seine Uhr nach
dem Festival-Terminplan stellen. Anfang Mai muß es
das jährliche Festival in Sigourney (Iowa) sein. Am
Memorial Day Ende Mai spielt die Musik in Beaver
(Pennsylvania), Glen Rose (Texas) und im Yosemite
National Park in Kalifornien. Im Juni spielen sie in
Nicht eine bloße Reihe von Konzerten, ist ein BlueDahbnega (Georgia), landaufwärts in Manitowish Waters
grass-Festival totales Eintauchen in Kultur und Kame- (Wisconsin), im Westen in Grass Valley (Kalifornien)
raderie. Die Menschen kommen wegen der Musik, und im Mekka des Genres, Bill Monroes Geburtsort
aber sie bleiben wegen der Gesellschaft. Wie TouriRosine in Kentucky, auf. Kommt der Juli, blühen die
sten in einem Nationalpark reisen die Fans an und Festivals wie Orangen. Im November, wenn die Musik
beschlagnahmen ein Stück Boden. Sie sondieren die in Säle verlagert wird, haben in 45 Bundesstaaten
Szenerie und eilen dann "nach Hause", um zu kochen, Bluegrass-Festivals stattgefunden. Wer nichts dageein Schläfchen zu machen oder mit den Nachbarn zu gen hat, der Musik der Berge auf den Wellen zu
schwätzen. Sie vergleichen Instrumente, tauschen lauschen, für den gibt es jährlich eine "BluegrassTonbänder aus und ergehen sich daran, mit Leuten Kreuzfahrt", bei der jeden Februar mehrere Bands an
zusammenzutreffen, die ihre Augen nur auf ein Banjo Bord eines Kreuzfahrtschiffes auf die Bahamas fahrichten, wenn sie eines spielen. Von 9 Uhr morgens bis ren.

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AMERIKA DIENST 36

�Wie andere Religionen hat Bluegrass zwei Sekten - die
Orthodoxen und die Reformer. Seit Anfang der siebziger Jahre haben die Innovatoren Bob Dylan, die
Beatles, originalen Jazz, Soul, Motown, sogar Beethovens Fünfte auf Banjos und ähnlichem gespielt. Als
"Newgrass" oder "progressiv" bezeichnet, zieht diese
Mischung die Jüngeren zu Stadt- und College-Festivals. Aber in Summersville bleiben die Fans der Musik
treu, mit der sie aufgewachsen sind. Und die Musiker,
die das Genre in den fünfziger Jahren verbreiteten - die
Osborne Brothers, die Stanley Brothers und die Clinch
Mountain Boys, Jim &amp; Jesse und die Virginia Boys
sowie andere - machen immer noch die FestivalRunde. Dank des guten Geschäftssinnes zweier
pensionierter Lehrer kommen sie jetzt alle Ende Juni
nach Summersville.
Auf dem hügeligen Gelände der Farm, auf der sie
geboren wurde, haben Eunice Kitchen und ihr Mann
Edgar das Summersville-Music-Campinggelände errichtet. Vor ihrem Ruhestand war Eunice Lehrerin, die
mit dem Unterricht in einem einzigen Klassenzimmer
begann, Edgar in der Verwaltung tätig und Gelegenheitsfiedler. Vor zwölf Jahren entschieden sie, daß es
Spaß machen würde, Bluegrass auf ihrer Farm zu
hören.
"Wir dachten, wir verteilen einfach ein paar Flugblätter
und an die 10.000 Leute kommen hierher", erinnert
sich Edgar. "Wir gaben 1.000 Dollar für ein Zelt aus.
Ich baute die Bühne, und wir brachten 1.200 Dollar für
die Tonanlage auf. Das lange Wochenende am Labor
Day kam, und zum Festival erschienen 98 Erwachsene, ein Junge und ein Hund."
Die Kitchens lernten jedoch schnell, Bluegrass zu
kultivieren. Wenn das Telefon an einem FestivalWochenende klingelt, ist es häufig ein um Rat bittender
Veranstalter. Das Ehepaar rät ihm, engagiert die
besten Bands, die Ihr Euch leisten könnt. Macht viel
Reklame. Und haltet es sauber. Aufgrund von Alkohol
und Drogen wurden einige Festivals abgebrochen,
und die Kitchens tolerieren keine Fans, die lieber high
als einsam wären. "Es dauert lange, einen Ruf aufzubauen", stellt Edgar fest, "aber man kann ihn in einer
Sekunde verlieren."
Ohne Drogen und Alkohol ist das Summersville-Festival zu einem der größten Treffen von Anhängern der
Bluegrass-music in den ländlichen Gebieten der Vereinigten Staaten geworden.
Seit den siebziger Jahren ist Bluegrass ein musikalischer Exportartikel der Amerikaner. Da in England,
Estland, der Slowakei, Schweden, Schottland, Kanada, Mexiko, Deutschland und Japan jährliche Festivals
abgehalten werden, müssen die Fans nicht extra nach
Summersville kommen. Manchmal tun sie es dennoch. Hajime Onuma auf Osaka nahm sich extra frei,
um nach Summersville reisen und seine Idole - Monroe
und die Country Gentlemen - sehen zu können. Obwohl

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er nur wenig Englisch spricht, singt Onuma, der in einer
der vielen japanischen Bluegrass-Bands Kontrabaß
spielt, Klassiker wie "Salty Dog Blues". Harald Hougaard kam den langen Weg von Oslo, wo er Bluegrassmusic aufnimmt und in Kaffeehäusern spielt. Der Text
mag im Norwegischen zwar etwas verlieren, aber der
Klang des Banjos in Hougaars "C-Moll-Breakdown" ist
unverkennbar.
Bluegrass verbindet das Bittere und das Süße aus den
verschiedensten Quellen. Ich lauschte, als die Musik
zwischen zwei Wohnwagen erklang. Ein kräftiger,
wortkarger Mann, der einen Geigenkasten aus irgendeinem ominösen Grund bei sich tragen könnte, spielte
mit seinen Pranken auf diesem zierlichen Instrument.
Ein spindeldürrer Zeitgenosse, der einem Bild von
Norman Rockwell entsprungen zu sein schien, zupfte
die Seiten seines Banjo. An der Gitarre war ein
Jugendlicher mit Bürstenschnitt, der gerade auf Heimaturlaub von der Armee zu sein schien. Mit einem
Mandolinenspieler, der wie jedermanns Lieblingsonkel
aussah, benötigte diese Band keine Hilfe meinerseits.
Als sie jedoch die Mörderballade "Long Black Veil"
sangen, schlenderte eine wettergegerbte Frau mittleren Alters mit einem Kontrabaß herbei. Sie setzte das
Instrument ab und fing an, es zu bearbeiten. Der
Fiedler forderte mich mit einer Geste auf, mitzumachen. Ich hätte sie wahrscheinlich nur blamiert. Ich
spielte nicht, sondern beschränkte mich darauf, lächelnd zuzuhören. "She walks these hüls in a long
black veil/Visits my grave while the night winds wail/
Nobody knows, nobody sees, nobody cares but me."
Das Spiel ging noch bis nach Mitternacht weiter.
Am Freitag morgen, als die bekannteren Bands auf die
Bühne kamen, baute die Bluegrass-Demokratie Schranken ab. Rock-Musiker reisen mit ihren Leibwächtern.
Klassische Musiker halten würdevolle Distanz. In
Summersville trennten jedoch nur die Mikrophonkabel
und der Transporter für die Verstärkeranlage das
Publikum von den Kulissen. Um einen legendären
Bluegrass-Musiker zu treffen, ging man nur um den ÜWagen herum und wartete auf die nächste Pause.
Unter den Bäumen tauschten die Musiker Geschichten aus, gaben Autogramme und begrüßten einander
freundschaftlich, nachdem sie sich einige Monate nicht
gesehen hatten.
Die Kameradschaft des Bluegrass geht noch auf die
Zeiten zurück, als die Musiker im dunklen Zeitalter vor
der Erfindung des Femsehens in klapperigen Radios in
die Wohnzimmer kamen.
Heutzutage muß man jedoch im Radio genau zur
richtigen Zeit den richtigen Sender einstellen, um
Bluegrass-music hören zu können. Aus Angst, daß es
einen Beigeschmack von Heuballen und Schweinezucht haben könnte, vermeiden viele lokale Radiosender Bluegrass wie einen Mißton, womit sie einer anhaltenden Fehde neue Nahrung geben. Präsidenten
zitieren Texte der Country-music. Nashville durch-

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�dringt diese Hohlräume mit seinem eigenen Kabelnetz, aber Bluegrass bleibt mit Ausnahme seiner Stars
für alle ein Heimgewerbe. Für Hunderte aufstrebender
Bands ist der beste geschäftliche Ratschlag der Titel
eines Bluegrass-Albums "Don't Quit Your Day Job" Gib' Deine reguläre Arbeit nicht auf!

transport, Bergstraßen und Familien, die miteinander
spielten.

Wenn also die Bluegrass-Musiker von Tradition sprechen, dann tun sie das als wahre Gläubige. Trotz der
Innovationen bleiben die Grundzüge der Musik bestehen: Ein schnelles Tempo aber keine Ausschmückungen, kräftige Mandolinenklänge anstelle von Schlaginstrumenten, stimmliche Harmonie durch tiefe Baßund nasale Soprantöne sowie Instrumentalsolos in
jeder Tonlage. In den Texten kommen Züge und
Lastwagen, Bergwerke und Mühlen, Zusammenbruch
und Zerfall vor. Ebenso wie die Tröstungen, die das
Evangelium spendet.

Da Bluegrass ein relativ junges Genre ist, hatten die
Kitchens keine Schwierigkeit, nahezu jeden Gründervater des Bluegrass für ihr Festival zu gewinnen. Am
Freitag abend erschienen die Legenden. Der sauertöpfische Fiedler Kenny Baker, der in seinen Jahren
mit Monroe die Inkarnation des Bluegrass-Fiedlers
war, spielte mit "Onkel Josh" Graves, dem Pionier der
Bluegrass-Dobro mit Flatt &amp; Scruggs. Später kam
"Chubby" Wise. Dann war da noch Ralph Stanley, der
ein Gospel a Cappella sang, und dessen kratziger
Tenor wie altes Eichenholz klang, das gegen die
Faserung geschmirgelt wird. Und schließlich kam der
Samstag nachmittag.

Angesichts des Gewichts der Tradition ist auf einigen
Festivals ein anderes Ritual bereits bekannt. Am
Freitag abend beschlich mich - nachdem 20 Bands
aufgetreten waren - das Gefühl, daß ich diesen Song
Bluegrass und Country-music haben gemeinsame und diese Band bereits gehört hatte. Während die
Wurzeln - englische Balladen und vom harten Leben in Kitchens mit den anderen Fans ein Hühnchen zum
den Appalachen erzählende Fiedelklänge. Monroe Abendessen verspeisten, verließ ich den Bühnenbewurde vom Blues und insbesondere dem schwarzen reich und suchte mein Banjo für ein "kleines Duell".
Gitarristen und Fiedler Arnold Schultz beeinflußt. Als
Monroe seine Musik komponierte, wurde sie für der Hinter der Bühne stieß ich auf eine kleine Gruppe und
hängte mein Instrument um. Beim Bluegrass ist
Country-music von Roy Acuff oder Minnie Pearl ähnliche Musik gehalten. Aber die musikalischen Wasser Urning äußerst wichtig. Wenn man nur sechs Songs
wurden von dem "King" höchstpersönlich geteilt. Elvis spielen kann, muß man solange warten, bis jemand
Presleys erste Schallplatte enthielt eine Rock-Version einen davon erwähnt. "Das hört sich ja ganz nach
von Monroes "Blue Moon of Kentucky". Als Elvis und 'Foggy Mountain Breakdown' an." Das war mein
der Rock jedoch die Country-music auf den Charts Stichwort. Ich stürzte mich auf das Lied und spielte wie
ersetzten, mußten sich die Country-Musiker entschei- wild, ohne auch nur einmal aufzuschauen um zu
den, ob sie Elektronik einbauen oder sich eine andere sehen, ob die Anwesenden - wie die meisten BlueArbeit suchen wollten. Einige tauschten ihre Gitarren grass-Fans - genug von der Klassik hatten. Ein Fiedler
stimmte mit ein - mehr aus Mitleid als wegen der
gegen E-GKarren und fügten ihnen dann Blasinstrumente, Klaviere und das Tempo der Rockmusik hinzu, Harmonie. Beim zweiten Song gab jedoch mein Banjo
um den Nashville-Sound zu kreieren. Andere wieder- auf - das hatte etwas mit fehlerhaftem Stimmen zu tun.
um vertieften ihre Country-music-Wurzeln, nannten Stockend gelang es mir noch, den Song zu beenden.
ihre Musik "Bluegrass" und nagten am Hungertuch. In Bluegrass-Musiker sind in der Regel Amateuren geden späten fünfziger Jahren verbrachte sogar Monroe genüber höflich. Der Fiedler bot mir an, einen weiteren
mehr Zeit auf seiner Farm, weil er seinen Terminkalen- Song zu spielen. Aber wie klein die Bühne auch sein
mag, ein Vorort-Billy sollte wissen, wann er sie unaufder nicht füllen konnte.
fällig verlassen sollte. Ich spielte scheu einen Backup
Erst der Boom der Folk-music Anfang der sechziger für ein paar andere Songs und machte mich davon.
Jahre führte zu einer Wiederbelebung des Genre. Flatt
&amp; Scruggs, die auf der Folk-Welle schwammen und im Als ich mein Banjo einpackte, hörte ich eine Woge von
Femsehen auftraten, spielten auf dem Newport Folk Applaus aus dem Publikum. Vielleicht für eine neue
Festival und anschließend in der Carnegie Hall. Das Band. Da man aber weiß, wie schnell sich Nachrichten
erste 1965 abgehaltene Bluegrass-Festival stellte die auf einem Festival verbreiten, hätte die Ovation auch
Weichen für größere und längere Treffen und Konzer- meiner Entscheidung gelten können, mein Banjo tief
te auf dem Campus der Colleges in den siebziger im Kofferraum meines Autos zu lassen. Egal. Jetzt
Jahren. Bluegrass war sowohl Musik als auch Ware kann ich sagen, ich hätte in Summersville Ovationen
bekommen.
geworden.

Wenn sich eine Band zu stark von ihren Wurzeln
entfernt, scheinen die engen Viertel eines Festivals
plötzlich offen für die sich wandelnde Welt von außerhalb. Wenn eine Band sich jedoch an den Grundlagen
orientiert, bleibt der Kreis geschlossen. Ein paar Verse
lang wird oin gefährdetes Leben rekonstruiert - Güter-

Seite 4

Stellen Sie sich vor, Sie nähmen an einem Musikfestival teil, auf dem hauptsächlich Mozart gespielt wird,
und auf dem Mozart dann persönlich auftaucht. Stellen Sie sich vor, Sie wären auf einem Bluesfestival, an
dem W.C. Handy teilnimmt. Am Samstag um ein Uhr

AMERIKA DIENST 36

�Mittags, nachdem eine schick gekleidete Band mit
dem vielversprechenden Namen The Blue Grass
Boys" auf die Bühne gekommen war, gesellte sich der
Vater des Bluegrass zu ihnen.

die 21jährige Alison Krauss, die in Summersville mit
Ausnahme "des Vaters" selbst mehr Beifall als jeder
andere bekam. Und die Innovatoren bringen die Musik
auf einen neuen Kurs.

Seine Stimme war nicht so hoch wie in den dreißiger
Jahren, als er diese Stücke in Kirchen und Schulen
spielte. Aber Monroes Mandoline hüpfte durch den
Instrumentalteil und schwebte über seinem Song über
den Onkel, der ihn inspirierte: "Late in the evenin'
about sundown/High on a hill up above the town/Uncle
Pen played the fiddle, you coukJ hear it ring/You could
hear it talk, you could hear it sing."

Das International Bluegrass Music Museum in Owensboro (Kentucky), in der Nähe von Bill Monroes Geburtsort gelegen, bewahrt das Erbe. Es besteht jedoch
die Sorge, daß der Bluegrass seinen Halt verlieren
wird, wenn seine Gründerväter sterben. "Wenn erst
einmal Typen wie wir, Jim &amp; Jesse, Monroe und
Stanley nicht mehr sind, wird es im Bluegrass große
Veränderungen geben", so Bobby Osborne, Mandolinenspieler bei den Osborne Brothers. "Es wird wahrscheinlich immer noch Bluegrass sein, aber nicht so
traditionell, wie wir es halten wollten."

"Bluegrass-music stirbt nie!", rief Monroe in den Applaus hinein. Hinter der Bühne belehrte er seinen
ehrfürchtigen Vorstadt-Billy über die dauerhafte Qualität der Musik. "Nun, mir scheint, sie wird sich lange
halten", erklärte er zu seiner Kreation. "Sie hat ein
bestimmtes Feeling, das Feeling der methodistischen
und baptistischen Wurzein. Die Menschen wissen,
daß Bluegrass sie erfreuen soll. Es hat mehr Menschen zusammengebracht als jede andere Musik der
Welt. Und an dieser Stelle möchte ich alle meine Fans
grüßen."
Je mehr man sich mit der Bluegrass-music befaßt,
desto mehr scheint sie auf Glauben und guten Taten
zu gründen. Gute Taten waren allgegenwärtig - so
ernstgemeint wie die der Männer, die sich am Samstagabend um die Motorhaube eines bockenden alten
Lieferwagens scharten, um ihn wieder in Gang zu
bringen, so herzlich wie die der Fremden, die mir einen
Teller hausgemachter Suppe anbot, als ich an ihrem
Wohnwagen vorbeikam. Hobo Bob erklärte: "Wenn
Du zu einem Bluegrass-Festival kommst, gibt es niemanden, den Du nicht kennst." Und der Glaube wurde
am Sonntagmorgen beim Spielen der Gospels vermittelt.
Bluegrass-Fans sprechen von einem "goldenen Zeitalter" und meinen damit die frühen fünfziger Jahre, als
Monroe, Flatt &amp; Scruggs und die Stanley Brothers auf
den Hügeln und im Äther spielten. Dies könnte jedoch
ein zweites goldenes Zeitalter sein. Nahezu alle
Pioniere des Bluegrass treten noch auf. Frauen stehen auf der Bühne - nicht länger als Verstärkung der
Baßstimmen im Hintergrund, sondern als Stars - wie

*

AMERIKA DIENST 36

*

Zur Zeit wird der Sound von Religion, Heim und Herd,
in Einklang mit dem Zupfen der Saiten und der Wahrheit, in Hochgeschwindigkeit gespielt an die nächste
Generation weitergegeben, und junge Musiker wie der
14jährige Ralph Stanley jr. spielen Gitarre in der Band
des Vaters.
Am Sonntag ging das Summersville-Festival nach
einem letzten Nachmittag voller Musik dem Ende zu.
"Seid Ihr nächsten Monat auf der Frontier Ranch?"
"Das hoffe ich doch." "Dann werden wir uns da wohl
sehen."
Und dann löste sich die Diaspora auf, als die Wohnwagen in die Welt hinausrumpelten, in der selten ein Wort
über Musik verloren wird. Die Fans streben nach
Hause. Bands gehen zu Festivals nach Carrollton
(Georgia), Martinsville (Indiana), Renfro Valley (Kentucky) ... Und ich machte mich auf, um ein paar
Banjostunden zu nehmen.
Begleitet von den rhythmischen Tönen aus den Kassettendecks raste ein Strom roter Rücklichter die aus
Summersville führenden Straßen entlang. Die Gläubigen wußten, daß sie sich wiedersehen. Sie würden
neben einem nebelverhangenen Berg ein Lager aufschlagen, ihre Instrumente auspacken und sich im
Namen des Bluegrass versammeln - das so hoch ist
wie eh und je, aber vielleicht nicht so einsam.

*

*

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