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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

33

NAFTA

18. August 1993

•

r

CLINTON BEGRÜSSTZUSATZABKOMMEN
ZUM NAFTA
Erklärung des Präsidenten
KANTOR BEZEICHNET NAFTA MIT
ZUSATZABKOMMEN ALS MODELL
Erklärung des US-Handelsbeauftragten

BOSNIEN

WARNUNG DER NATO AN BOSNISCHE
SERBEN WEITERHIN GÜLTIG
Ende der Einkesselung Sarajevos gefordert

NATO

NATO MUSS IM GESCHÄFT BLEIBEN
Rede von Abteilungsleiter Oxman

PRESSEFREIHEIT

PRESSEFREIHEIT IN SERBIEN BEDROHT
Erklärung von USIA-Direktor Duffey

WIRTSCHAFT

GUTE UND SCHLECHTE NACHRICHTEN
ÜBER DIE PRODUKTIVITÄT DER USA
von Stephen D. Cohen
KONKURRENZFÄHIGKEIT AUFGRUND
NATIONALER CHARAKTERISTIKA
von Daniel B. Moskowitz

PORTRÄT

Um Übersendung von
Belegexemplaren
•wird gebeten

CLINTON ERNENNT NEUEN VORSITZENDEN
DER VEREINIGTEN STABSCHEFS
General Shalikashvili soll
Nachfolger Colin Powells werden

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 339 23 72
Fax: 0228 3341 02

�NAFTA
18. August 1993

CLINTON BEGRÜSSTZUSATZABKOMMEN ZUM NAFTA
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat sein "äußerstes Engagement für umfassende Bestrebungen in
diesem Herbst" zugesagt, um die Zustimmung des Kongresses zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (North American Free Trade Agreement - NAFTA) sicherzustellen, nun da das Zusatzabkommen über
Umwelts-, Arbeits- und den Schutz von Importzuwächsen es "auch zu einemfairen Abkommen" gemacht haben.
In einer vom Weißen Haus am 13. August 1993 herausgegebenen Erklärung stellte Clinton fest, das "NAFTA
schafft ...gleiche Chancen, niedrige Zölle und einen durchgreifenden Mechanismus zurLösung von Umwelt-und
Arbeitsfragen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut.

Ich freue mich, daß die Vereinigten Staaten, Mexiko
und Kanada Einigung über eine Zusatzvereinbarung
zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen erzielt
haben.
Im vergangenen Herbst habe ich versichert, daß ich
das NAFTA dem Kongreß erst vorlegen werde, wenn
die Unzulänglichkeiten in den Bereichen Umwert-,
Arbeits- und Schutz von Importzuwächsen behoben
sind. Heute morgen haben wir diese Versprechen
erfüllt. Heute sage ich mein äußerstes Engagement
für umfassende Bestrebungen in diesem Herbst zur
Verabschiedung des NAFTA zu.
Mit dem Abschluß des Zusatzabkommens haben wir
das NAFTA zu einem bahnbrechenden Handelsabkommen gemacht. Das NAFTA liegt zweifelsohne im
Interesse der Vereinigten Staaten. Dieses Abkommen
hilft unseren Arbeitnehmern, unserer Umwelt, unseren
Unternehmen und unseren Verbauchern.
Mit diesen Zusätzen über die Qualität der Umwelt und
Arbeitsnormen ist das Nordamerikanische Frei-

handelsabkommen auch zu einem fairen Abkommen
geworden.
Das NAFTA wird Tausende hochbezahlter Arbeitsplätze schaffen, indem es den Zugang zu Mexiko
freimacht - einen wachsenden Markt mit 90 Millionen
Menschen, die nach amerikanischen Produkten und
Dienstleistungen hungern. Die arten, von Handelshemmnissen und Präferenzen für in Mexiko produzierende Firmen gekennzeichneten Regeln sind abgeschafft worden. Das NAFTA schafft statt dessen
gleiche Chancen, niedrige Zölle und einen durchgreifenden Mechanismus zur Lösung von Umwelt- und
Arbeitsfragen.
Das NAFTA ist Teil meiner umfassenden Wirtschaftsstrategie, um die amerikanische Wirtschaft in einer
sich wandelnden Welt zu leiten und den Wandel zum
Nutzen der arbeitenden Männer und Frauen einzusetzen. Ich sehe der Zusammenarbeit mit dem Kongreß
und dem amerikanischen Volk erwartungsvoll entgegen, um das NAFTA Realität werden zu lassen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 33

Seite 1

�NAFTA
18. August 1993

KANTOR BEZEICHNET NAFTA MIT
ZUSATZABKOMMEN ALS MODELL
Erklärung des US-Handelsbeauftragten
WASHINGTON - (AD) - Die von den Regierungen der Vereinigten Staaten, Kanadas und Mexikos erzielte
Einigung über eine Zusatzvereinbarung zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) wird dem
US-Handelsbeauftragten Mickey Kantor zufolge als Modell für andere regionale Handelsverträge dienen.
"NAFTA und sein Zusatzabkommen sind bahnbrechend: Zum ersten Mal enthält ein Freihandelsabkommen
Bestimmungen über Arbeits- und Umweltschutz", stellte Kantor in einer Erklärung am 13. August 1993 fest.
Ihm zufolge schafft die historische Handelsvereinbarung den größten Markt der Welt mit 370 Millionen
Verbrauchern und einer Jahresproduktion im Wert von geschätzten 6,5 Billionen Dollar. In den ersten beiden
Jahren seines Bestehens soll er 200.000 neue Arbeitsplätze errichten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung Kantors im Wortlaut.
Ich freue mich ankündigen zu können, daß die Regierungen der Vereinigten Staaten, Mexikos und Kanadas Einigung über ein Zusatzabkommen zum NAFTA
in den Bereichen Arbeit und Umwelt erzielt haben.
Mit dieser historischen Vereinbarung können wir eine
Reform unserer Handelsbeziehungen zu Mexiko einleiten, die mehr vom Zufall als von Planung bestimmt
waren.
Aufgrundtarifärerundnichttarifärer Handelshemmnisse war der Zugang zum wachsenden mexikanischen
Markt für amerikanische Waren sehr schwierig.
Amerikanische Unternehmen wurden praktisch gezwungen, ihre Produktion nach Mexiko zu verlagern.
Inzwischen haben es die amerikanischen Meistbegünstigungsgesetze und die Einführung des MaquiladoraProgramms in Mexiko den amerikanischen Unternehmen gestattet, sich im nördlichen Teil Mexikos niederzulassen, amerikanische Einzelteile dort praktisch zollfrei
zu importieren und die montierten Produkte unter
Umgehung amerikanischer Zölle wieder in die Vereinigten Staaten zurückzuführen. Die Errichtung dieser
Grenze führte auch zu Problemen im Bereich des
Umweltschutzes.
Durch das NAFTA werden diese Hemmnisse beseitigt
und die Weichen für neues Wirtschaftswachstum gestellt.
Dies beinhaltet auch die Schaffung von Arbeitsplätzen
- schätzungsweise 200.000 allein in den ersten beiden
Jahren.
AMERIKA DIENST 33

Durch das Zusatzabkommen wird dergrößte Markt der
Welt mit 370 Millionen Verbrauchern und einer Jahresproduktion im Wert von 6,5 Billionen Dollar geschaffen.
Warum ist dies von Bedeutung? Weil das aus der
Schaffung eines Marktes dieser Größenordnung resultierende Wachstum unsere Fähigkeit erhöht, mit
Japan und der Europäischen Gemeinschaft zu konkurrieren.
Das NAFTA bringt uns dem Ziel Präsident Clintons
einen Schritt näher, eine von hohen Löhnen und großem Wachstum gekennzeichnete Wirtschaft zu schaffen, die auf die wirtschaftlichen Herausforderungen
des kommenden Jahrhunderts vorbereitet ist.
Für Präsident Clinton stellen das NAFTA und sein
Zusatzabkommen Teil seiner Strategie zur wirtschaftlichen Erneuerung dar. Er machte sich jedoch immer
Sorgen über größere Mängel. Im Oktober vergangenen Jahres sprach er sich in einer Rede an der North
Carolina State U niversity für das Abkommen aus, legte
jedoch eine Reihe von Prinzipien fest, die seiner Ansicht nach darin aufgenommen werden sollten.
Er gab dem amerikanischen Volk ein Versprechen,
das er jetzt eingelöst hat: Er werde sicherstellen, daß
das aus dem Handel mit Mexiko resultierende Wirtschaftswachstum nicht auf Kosten der Umwelt stattfindet und die Handelsvereinbarung grundlegende arbeitsrechtliche Fragen einschließt - Verbot von Kinderarbeit, Gesundheitsvorschriften und Sicherheit am
Seite 1

�Arbeitsplatz, Mindestlöhne sowie die Tarifpartner betreffende Belange.

daß die Durchsetzungsverfahren wirklich greifen und ihre Einhaltung gesichert ist;

Der Präsident hat diese Versprechen gehalten - und ist
sogar noch weiter gegangen. Das Zusatzabkommen
soll insbesondere folgendes sicherstellen:

daß wir unsere Umweltschutzmaßnahmen und
die Entwicklung der Infrastruktur an der amerikanisch-mexikanischen Grenze stärken;

Die verstärkte Durchsetzung amerikanischer
Gesetze zum Umweltschutz sowie zu Arbeitsplatznormen und -anforderungen;
keine Nation darf Arbeits- oder Umweltschutznormen senken, sondern diese nur erhöhen,
und alle Staaten oder Provinzen können noch
strengere Bestimmungen erlassen;
der Prozeß der Konsultation, Prüfung und Schlichtung von Streitigkeiten wird für die Öffentlichkeit
zugänglich sein;
es werden verbesserte Schutzvorrichtungen
gegen einen Anstieg von Importen bereitgestellt;
der Zugang zu Rechtsschutz und Einspruchsrecht wird auf Umwelt- und Arbeitsschutzfragen
ausgedehnt, und administrative Rechtsmittel
sowie Gerichtsverfahren stehen zur Verfügung.
Dies stellt eine weitere Garantie für die Durchsetzung von Arbeits- und Umweltschutznormen
dar;

eine Zusammenarbeit in den Bereichen Umweltschutz und Arbeitsschutz eingeführt wird,
die die fortgesetzte Erhöhung der Normen in
ganz Nordamerika ermöglicht.
NAFTA und sein Zusatzabkommen sind bahnbrechend: Zum ersten Mal enthält ein Freihandelsabkommen Bestimmungen über Arbeits- und Umweltschutz.
Dies wird als Modell dienen.
Wichtiger ist jedoch noch, daß es sich hier um ein
Abkommen von großer Tragweite handelt, da wir mit
seiner Hilfe den Lebensstandard der Menschen in
allen drei Unterzeichnerländem erhöhen können. Der
wirtschaftliche Standard steigt aufgrund von erneutem
Wachstum und der Schaffung von Arbeitsplätzen. Der
Arbeits- und Umweltstandard steigt aufgrund der erneuten Zusicherung, daß nationale Gesetze durchgeführt werden.
Es bleibt noch viel zu tun. Wir freuen uns auf die
Zusammenarbeit mit dem Kongreß bei der Verabschiedung des NAFTA.

die Einrichtung von Ausschüssen zu Arbeitsund Umweltschutzfragen, die Streitigkeiten
beurteilen und schlichten;
* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 33

�BOSNIEN
18. August 1993

WARNUNG DER NATO AN BOSNISCHE SERBEN
WEITERHIN GÜLTIG
Ende der Einkesselung Sarajevos gefordert

WASHINGTON - (AD) - Der Rückzug der bosnischen
Serben von zwei strategisch wichtigen Bergen nahe
Sarajevo ist nicht ausreichend, um die von der NATO
ausgesprochene Androhung von Luftangriffen außer
Kraft zu setzen, falls die Behinderung von Hilfslieferungen in die bosnische Hauptstadt fortgesetzt werde,
verlautete aus dem US-Außenministerium.

parteien, und diese "sind wiederaufgenommen worden".

Außenamtssprecher Michael McCurry erklärte am 16.
August 1993, die Warnung der NATO behalte weiterhin Gültigkeit. Er betonte, die Vereinigten Staaten
beurteilten täglich die Bedingungen am Boden in dem
Gebiet um Sarajevo und andernorts in Bosnien-Herzegowina. "Wir haben die Möglichkeit nicht ausgeschlossen", eine Sitzung des Nordatlantikrates einzuberufen, um die Entscheidung für Luftangriffe zu treffen, so McCurry.

"Solange keine angemessenen Hilfslieferungen in die
Stadt gelangen können,... damit die in Sarajevo lebenden Bürger sich auf den Winter vorbereiten und den
benötigten Nachschub erhalten können, sieht man
sich immer noch einer Situation gegenüber, die wir als
"Einkesselung" bezeichnen würden. Aus diesem Grund
haben wir Wert auf Dinge wie Strom, Nahrungsmittel
und Wasser gelegt", erklärte er.

"Die bosnischen Serben wissen, was von ihnen erwartet wird", und sie "sehen sich einer entschlossenen und
bestimmten NATO gegenüber, die die Bedingungen
am Boden in Sarajevo und andernorts in Bosnien
untersucht", erklärte der Sprecher.
Er teilte Reportern mit, Außenminister Christopher
habe in einem am Wochenende veröffentlichten
Kommunique an die Außenminister der anderen NATOMitgliedStaaten festgestellt, der Rückzug von den
Berggipfeln sei ein notwendiger Schritt gewesen, aber
es sei noch mehr vonnöten.
"Die Einkesselung Sarajevos muß beendet werden",
betonte der Außenamtssprecher. "Die Bürger der
Stadt Sarajevo und die Einwohner anderer Schutzzonen müssen wieder Zugang zu Lebensmitteln, Elektrizität, Wasser, Medikamenten und anderen benötigten
Hilfsleistungen haben. Das sind die Kriterien, die wir
eingehend und sorgfältig untersuchen."
McCurry erklärte, die Vereinigten Staaten verständen
den Rückzug als ausreichend für die Wiederaufnahme
der Genfer Gespräche zwischen den bosnischen KriegsAMERIKA DIENST 33

Obwohl die Bombardierung Sarajevos durch die Streitkräfte der bosnischen Serben anscheinend abgenommen hat, dauert die "Einkesselung" der Stadt McCurry
zufolge weiterhin an.

Der Au ßenamtssprecher stellte fest, daß es "zweifelsohne bescheidene Fortschritte" bezüglich der Lage in
Sarajevo und anderen Schutzzonen gegeben habe,
bis hin zu "Berichten, daß der Strom wieder angeschaltet wurde" und einige der Krankenhäuser, die mit von
Dieselgeneratoren erzeugtem Strom operiert hatten,
jetzt Strom von anderen Kraftwerken erhalten. Ihm
zufolge hat sich die Situation in Tuzla "etwas verbessert", und es gibt Berichte, daß Hilfslieferungen in
Gorazde eingetroffen sind.
"Dies sind sicherlich wichtige Anzeichen", erklärte
McCurry. Wir streben jedoch "kontinuierliche Verbesserungen der Bedingungen auf dem Boden für die
Bürger an, die in Sarajevo eingeschlossen sind".
Der Sprecher betonte, die Gefahr für die Hilfskonvois
hafte an und "die Lage in jeder dieser Schutzzonen ist
weiterhin ziemlich schlimm".
Es müsse - schnell - viel getan werden, so McCurry,
um Nahrungsmittel und andere erforderliche humanitäre Hilfsgüter zu lagern, "um durch einen Winter zu
kommen, der ziemlich hart zu werden verspricht".

Seite 1

�Indem er die Unterstützung der Vereinigten Staaten für
die Evakuierung der medizinischer Hilfe bedürftigen
Bewohner aus Sarajevo zum Ausdruck brachte, stellte
der Außenamtssprecher fest, über 100 Personen seien zur Behandlung in die Vereinigten Staaten ausgeflogen worden, und die Planung für die Aufnahme
weiterer 100 sei begonnen worden. Das Verteidigungsministerium wird diese Patienten auch in Zukunft transportieren, und niedergelassene amerikanische Ärzte sowie medizinische Einrichtungen haben
ihre Behandlung angeboten.

ein mehrmonatiges Training in die Vereinigten Staaten
zu bringen. Presseberichten zufolge beabsichtigt das
Olympische Komitee, 28 Sportler und zwei Trainer in
die Vereinigten Staaten zu fliegen.
Der amerikanische Botschafter in Bosnien, Victor
Jackovitch, kehrte am 15. August im Rahmen der
amerikanischen Bestrebungen, "möglichst genaue
Informationen über die Bedingungen am Boden in
Sarajevo zu erhalten", von den Genfer Verhandlungen
nach Sarajevo zurück, stellte der Sprecher fest.

McCurry begrüßte die Bestrebungen des amerikanischen Olympischen Komitees, bosnische Sportler für

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 33

�NATO
18. August 1993

NATO MUSS IM GESCHÄFT BLEIBEN
Rede von Abteilungsleiter Oxman
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Abteilungleiter für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stephen A. Oxman, am 12. August 1993 vor dem Atlantic Council
of the United States gehaltene Rede.
Mr. Acheson, General Goodpaster, meine Damen und der Schritte darlegen, die die NATO bereits zur BewälHerren,
tigung dieser neuen Herausforderungen unternommen hat sowie die Tagesordnung, die von der Adminies ist mir eine große Ehre, daß Sie mich gebeten stration für die Zukunft der NATO vorgeschlagen wurde.
haben, heute die Sichtweise der Administration zur Und abschließend möchte ich zwei Themen erörtern,
Rolle der NATO bei der europäischen Sicherheit zu denen in jüngster Zeit besondere Aufmerksamkeit
erörtern.
gewidmet wurde: Eine mögliche NATO-Mitgliedschaft
der
Länder im Osten und die Rolle der NATO im
Dies ist eine ziemlich unruhige Zeit für diejenigen von
jugoslawischen
Konflikt.
uns, die über die europäische Sicherheit besorgt sind.
Die transatlantische Gemeinschaft setzt sich mit zwei
tiefgreifenden Entwicklungen auseinander: Dem Ende
des Kalten Krieges und weitverbreiteten wirtschaftlichen Zwängen in den Nationen, die diesen Krieg
geführt haben.
Zusätzlich zu diesen strukturellen Veränderungen hat
das Blutbad im ehemaligen Jugoslawien Ängste geweckt, daß die NATO und andere während der Ära des
Kalten Krieges entstandene Sicherheitsinstitutionen
heute unzulänglich sein könnten. Senator Lugar und
andere haben öffentlich geäußert, daß die NATO
grundlegende Veränderungen vornehmen oder "ihre
Arbeit einstellen" muß.

I. Die aktuelle europäische Sicherheitsszene
Die Leistungen der NATO sind bemerkenswert. 45
Jahre lang hat sie erfolgreich die sowjetische Aggression abgeschreckt, bis der Warschauer Pakt zusammenbrach und mit ihm das kommunistische System.
Der Triumph der NATO hat jedoch auch die Notwendigkeit für ihre Umgestaltung bewirkt.

1949, als der Nordatlantikvertrag u nterze ichnet wurde,
kämpften die Nationen Westeuropas noch damit, die
Zerstörungen des Krieges zu beheben, der sie sechs
Jahre lang heimgesucht hatte - der letzte der Konflikte,
die Europa seit Jahrhunderten erschüttert hatten.
Gleichzeitig sahen sich diese Nationen mit einer neuen
Diese Administration vertritt die Auffassung, daß die und erschreckenden Bedrohung in ihrem Osten konNATO nach wie vor von zentraler Bedeutung für die frontiert. Das NATO-Bündnis vereinigte die amerikaamerikanische und europäische Sicherheit ist. Die nischen und europäischen politischen und militäriNATO hat bereits den Charakter der neuen Sicher- schen Bestrebungen zur Verhinderung eines weiteren
heitsherausforderungen erkannt und begonnen, die europäischen Krieges in sich gegenseitig verstärkenerforderlichen Umstrukturierungen vorzunehmen. Diese der Weise: Durch die Eindämmung der sowjetischen
Umstrukturierungen werden dazu beitragen, den Frie- Bedrohung und durch Aussöhnung zwischen den hiden und Wohlstand in Europa - und damit unseren storischen Feinden Westeuropas.
eigenen - weit bis ins 21. Jahrhundert zu bewahren.
Eine Fortsetzung dieser Umstrukturierungen wird die In beispiellosem Maße hat die NATO diese Ziele
entscheidende Aufgabe des NATO-Gipfels in diesem verwirklicht. Mit dem Ende des Kalten Krieges sieht
Winter sein.
sich Europa nicht länger einer monolithischen militärischen Bedrohung gegenüber. Wir sollten jedoch nicht
Ich möchte heute nachmittag zunächst kurz die her- so eingebildet sein und denken, wir hätten das Ende
ausfordernden Umstände umreißen, mit denen wiruns der Geschichte erreicht oder das Bündnis sehe sich
zur Zeit konfrontiert sehen. Danach möchte ich einige
AMERIKA DIENST 33

Seite 1

�nie wieder mit einer solchen Gefahr konfrontiert. Aus
diesem Grund muß die NATO die kollektive Verteidigungsfähigkeit bewahren, die ihr Kernstück bildet. Die
Hauptbedrohungen der europäischen Sicherheit heute sind jedoch vielschichtig und gehen in unterschiedliche Richtungen. Eine angesichts einer Bedrohung
zur Erhaltung des europäischen Friedens angelegte
Struktur wird nicht zwangsläufig gegen andere Bedrohungen funktionieren - diese Lektion haben die Franzosen mit der Maginotlinie gelernt. Die vor uns liegende Aufgabe lautet, die NATO zur Bewältigung dieser
neuen Bedrohungen anzupassen, ohne die echten
Errungenschaften des Bündnisses aufs Spiel zu setzen.
Die offenkundigste Bedrohung für Europa sind heute
ethnische und territoriale Konflikte. Der Zusammenbruch des Kommunismus führte zum Wiederaufflakkern von Antagonismen und Rivalitäten, die ein halbes
Jahrhundert lang unterdrückt worden waren. Wir
beobachten dies in erschreckendster Weise bei den
brutalen Kämpfen unter Serben, Kroaten und Muslimen im ehemaligen Jugoslawien. Das ethnische
Schachbrett Mittel- und Osteuropa sowie die ehemalige Sowjetunion hat jedoch andere potentielle Brennpunkte ethnischer Spannungen - von den Russen im
Baltikum bis zu den Ungarn in Rumänien. Diese zahlreichen Zonen der Instabilität schaffen vielfältige Herausforderungen für das Ziel der NATO, zum Erhalt der
europäischen Sicherheit beizutragen.
Das wirtschaftliche Umfeld Europas hat sich jedoch
zusammen mit dem Sicherheitsgefüge verändert. Die
Regierungen der NATO-Staaten sind heute nicht so
zuversichtlich im Hinblick auf Wachstum und wirtschaftlichen Wohlstand. Statt dessen sehen sie stagnierende Volkswirtschaften, die von Arbeitslosigkeit
und langsamem Wachstum - oder beidem - sowie von
großen Haushaltsdefiziten belastet sind, die ihr künftiges Wachstum zu behindern drohen. Selbst die starke
deutsche Wirtschaft schwankt unter den Kosten der
Vereinigung - 300 Milliarden Dollar bis heute, und die
Kosten steigen weiter.
Die Regierungen im Westen suchen daher nach Wegen
zur Kürzung ihrer Ausgaben. Mit dem Ende des Kalten
Krieges sind die NATO-Streitkräfte ein offensichtliches Ziel. Den aktuellen Plänen zufolge werden die
gesamten NATO-Streitkräfte in Europa von 3 Millionen
im Jahr 1990 auf 2 Millionen bis 1997 reduziert. Während
des Kalten Krieges unterhielten die NATO-Bündnispartner umfangreiche ständig dislozierte Verbände,
die wir glücklicherweise nie einsetzen mußten. Heute,
wo sich die Umstände mehren, unter denen der Einsatz von NATO-Streitkräften erforderlich werden könnte, werden eben diese Streitkräfte abgebaut. Die
Vereinigten Staaten werden ihrerseits jedoch eine
signifikante Präsenz in Europa aufrechterhalten. Wie
Sie wissen, werden wir bis 1997 immer noch 100.000
Soldaten in Europa stationiert haben.

Seite 2

Eine starke NATO ist entscheidend für die amerikanischen Sicherheitsinteressen. Präsident Clinton hat
erklärt, daß sich die amerikanischen Sicherheitsinteressen in der Zeit nach dem Karten Krieg auf drei
Säulen gründen - globales Wirtschaftswachstum,
modernisierte militärische Arrangements und die Verbreitung der Prinzipien von Demokratie und freien
Märkten. Die NATO ist für jeden dieser Bereiche von
Bedeutung:
Wirtschaftlich zählen zum NATO-Bündnis viele
unserer größten Handels- und Investitionspartner. Unsere wirtschaftliche Sicherheit hängt
von ihrer politischen Sicherheit ab.
Militärisch unterhält die NATO die besten Streitkräfte der Weh. Ihre integrierte Kommandostruktur und ihr internationaler Mitarbeiterstab
sind gut für die komplizierte multilaterale Friedenssicherung und Durchsetzung dieser Bestrebungen geeignet und flexibel genug, um auf
unterschiedliche Eventualfälle zu reagieren sowie
die Beteiligung nichtintegrierter Nationen wie
Frankreich und Spanien einzubeziehen.
Politisch stehen die Mitgliedstaaten des NATOBündnisses exemplarisch für die Vorteile von
Demokratie und freien Märkten. Die Mitgliedstaaten dienen als Vorbild für die übrige Welt,
während die NATO ihre Sicherheit gewährleistet.
Aus diesem Grund werden die Vereinigten Staaten ihr
Engagement für die europäische Sicherheit über die
NATO aufrechterhalten. Aus dem gleichen Grund
suchen und begrüßen die Nationen Europas unser
Engagement für ihre Sicherheit. Sie wissen, daß wir
als einzige Supermacht der Welt mit einem Ozean
Distanz zwischen uns und ihren Rivalen in einzigartiger Weise geeignet sind, den Europäern bei der
Bewahrung des Friedens unter ihnen behilflich zu sein.
Diese historische Aufgabe bezieht heute auch die
aufstrebenden Demokratien des Ostens mit ein. Ebenso
wie die alten Bedrohungen der NATO aus dem Osten
kamen, sind die neuen, aus ethnischen Spannungen
und Grenzkonflikten entstehenden Bedrohungen vornehmlich im Osten angesiedelt. Die NATO muß sich
mit diesen Sicherheitsbedrohungen auseinandersetzen, ohne Zugeständnisse an ihre einzigartigen Leistungen und Stärken zu machen.
II. Die Umstrukturierung der NATO
Meines Erachtens würdigen die Kommentatoren, die
eine Analyse der derzeitigen Situation der NATO vornehmen, weder die Anerkennung der veränderten
Gegebenheiten durch die NATO selbst noch die bereits von ihr als Reaktion darauf unternommenen Schritte.
Beim Londoner Gipfeltreffen von 1990 und dem Gipfel
in Rom 1991 entwarfen die Staats- und Regierungs-

AMERIKA DIENST 33

�chefs der NATO einen neuen Kurs für das Bündnis. In
den drei Jahren seit dem Londoner Gipfel haben wir
und unsere Verbündeten diesen Kurs bei der Umgestaltung der NATO verfolgt.

in eine den gesamten Kontinent umfassende Sicherheitsstruktur anstreben. Nach dem Zweiten Weltkrieg
wurde es dank der NATO undenkbar, daß die westeuropäischen Nationen ihre Streitkräfte gegeneinander
einsetzen würden. Die Kooperation durch den NAKR,
Erstens hat die NATO eine neue Militärstrategie verab- insbesondere bei der Friedenssicherung, ist ein wichschiedet sowie ihre Streitkräfte und Kommandostruk- tiger Bestandteil der Ausweitung dieses Prinzips auf
tur neu organisiert, um den Risiken der Zeit nach dem ganz Europa. Aus diesem Grund streben wir die
Kalten Krieg zu begegnen. Sie hat eine Verlagerung Stärkung des NAKR und de Erweiterung seines Mandats
von vorne stationierten, schwerbewaffneten Einheiten an.
zur Abwehr einer Invasion vorgenommen und ihre
Nuklearwaffenarsenale in Europa drastisch reduziert. Gleichzeitig wird die NATO Wege zur effektiveren
Sie verleiht ihren konventionellen Streitkräften größe- Zusammenarbeit mit anderen Organisationen sondiere Flexibilität und Mobilität. Diese Umstrukturierung ren, die ähnliche Ziele verfolgen. Die Herausforderungestattet der NATO, rasch und durchgreifend auf ein gen von heute werden nicht von der NATO allein
breites Spektrum von Krisen zu reagieren bei gleich- bewältigt werden können: Die UNO, die KSZE, die
zeitiger Aufrechterhaltung der Fähigkeit, die NATO- Europäische Gemeinschaft, die Westeuropäische Union
Mitgliedstaaten gegen alle Angriffe zu verteidigen.
und der Europarat haben alle ergänzende Rollen zu
spielen, insbesondere bei der Krisenbewältigung und
Zweitens hat die NATO den Ländern im Osten durch -Verhinderung. Der Beitrag der NATO zu dieser ineindie Gründung des Nordatlantischen Kooperationsrats ander übergreifenden Struktur ist einzigartig und unerals Forum für Konsultation, Kooperation und Vertrau- setzlich. Nur die NATO unterhält die Streitkräfte, den
ensbildung mit dem Osten in Sicherheitsfragen die multilateralen Mitarbeiterstab sowie die gewohnheitsHand der Freundschaft gereicht. Die NATO hat be- mäßige politische und militärische Kooperation, um
gonnen, dem NAKR eine aktivere und operative Rolle eine flexible und durchgreifende Reaktion auf sicherzu verleihen, einschließlich gemeinsamer Übungen heitspolitische Herausforderungen zu gestatten. Um
zur Friedenssicherung und friedenssichernder Missio- die einzigartigen Qualitäten der NATO am effektivsten
nen mit den Ländern Mittel- und Osteuropas oder der
zu nutzen, streben wir eine Konsolidierung ihrer Bezieehemaligen Sowjetunion. In der Tat wurden bereits
hungen zu den anderen Institutionen an, die sich mit
einige praktische Schritte in die Wege geleitet: Sowohl
der europäischen Sicherheit befassen.
Ungarn als auch Albanien haben bei den NATOAktionen im ehemaligen Jugoslawien wertvolle Mitar- Drittens wird die NATO weiterhin ihre Fähigkeit verbeit geleistet.
bessern, sich für friedenssichernde Missionen und
deren Durchsetzung zu engagieren. Wie ich bereits
Drittens hat die NATO in der Praxis die Debatte über festgestellt habe, hat die NATO ihre Bereitschaft zum
Operationen außerhalb der geographischen Grenzen Ausdruck gebracht, sich für solche Missionen zu
ihrer Mitgliedstaaten beendet und dem umfassende- engagieren. Aufbauend auf den im ehemaligen Jugosren geographischen Rahmen der neuen Sicherheits- lawien gemachten Erfahrungen sollte die NATO regelbedrohungen Rechnung getragen. Wie ich in Kürze im mäßige Verfahren für friedenssichernde und friedensDetail erörtern werde, ist die NATO in der Tat bereits chaffende Maßnahmen erarbeiten, damit sie nicht
ein Hauptakteur bei der Unterstützung der friedenssi- jedes Mal "das Rad neu erfinden" muß, wenn sie um
chernden Bestrebungen der Vereinten Nationen im Mithilfe ersucht wird.
ehemaligen Jugoslawien. Diese Aktionen belegen die
Bereitschaft der NATO zu Out-of-area-Einsätzen, wenn Viertens sollten wir unsere Verbündeten weiterhin
ihre Mitglieder dies aufgrund der Sicherheit für erfor- ermutigen, einen größeren Teil der Lasten der europäiderlich halten.
schen Sicherheit zu übernehmen. Wir begrüßen die in
dem Vertrag von Maastricht enthaltene Aufforderung
Diese Leistungen bieten eine solide Grundlage für die zur Entwicklung einer europäischen Sicherheits- und
Umgestaltung der NATO zur Bewältigung der neuen Verteidigungsidentität, die die Grundlage für die euroSicherheitsbedrohungen. Ich möchte Ihnen einige päische Säule der NATO bilden kann. Die Aufstellung
Aspekte der Tagesordnung vermitteln, die wir zur europäischer Streitkräfte sollte jedoch letztlich nicht
Beschleunigung dieser Umstrukturierung in naher die integrierte Kommandostruktur behindern, die zu
Zukunft festgesetzt haben - eine Tagesordnung, die den Kronjuwelen der NATO gehört. Die europäischen
ihren Höhepunkt im NATO-Gipfeltreffen im kommen- Streitkräfte sollten in der NATO verankert sein und
den Winter findet.
deren Verpflichtungen erfüllen. Sie sollten von der
NATO trennbar, jedoch nicht getrennt sein.
Unsere Hauptaufgabe besteht in der Entwicklung
weiterer sicherheitspolitischer Verbindungen mit dem An dieser Front sind ermutigende Entwicklungen zu
Osten. Der NAKR ist das wichtigste Bindeglied der verzeichnen. Wir sind erfreut darüber, daß im letzten
NATO zu ihren ehemaligen Gegnern des Warschauer Jahr eine Einigung über die Anbindung des deutschPakts sowie das Mittel, mit dem wir ihre Einbeziehung französischen Korps an die NATO erzielt wurde, und
AMERIKA DIENST 33

Seite 3

�unsere französischen Verbündeten sich umfassend
an der Militäraktion des Bündnisses im ehemaligen
Jugoslawien beteiligten. Auch fühlen wir uns ermutigt
durch die jüngsten Entwicklungen, die darauf hindeuten, daß Deutschland auf eine Lösung seines Verfassungsproblems mit Out-of-area-Einsätzen hinarbeitet.
Ein fest in der NATO verankertes Deutschland, das in
der Lage ist, die seiner Größe und Bedeutung im
heutigen Europa entsprechenden Lasten zu tragen,
kann nur eine Bereicherung für die europäische Sicherheit darstellen.
Schließlich müssen die Vereinigten Staaten bereit
sein, ihren Verpflichtungen gegenüber der NATO,
selbst im Angesicht größerer haushaltspolitischer
Engpässe, nachzukommen. Wenn wir unsere Verbündeten um die Übernahme eines größeren Anteils
an den Lasten der NATO bitten, müssen wir unsere
eigene Bereitschaft zur Erfüllung unserer Verpflichtungen unter Beweis stellen. Die amerikanische Führungsrolle in der NATO sollte nicht nur aus Rhetorik
und Überzeugungskraft bestehen, sondern auch greifbar sein.
Ein Aspekt dieser Verpflichtung besteht natürlich in der
Beibehaltung der Präsenz amerikanischer Streitkräfte
in Europa. Die Streitkräfte der NATO sollten ausreichen, um sowohl den kollektiven Verteidigungsaufgaben nachzukommen als auch ihrer neuen Rolle bei der
Sicherung und Durchsetzung des Friedens gerecht zu
werden. Diese Ansicht unterstreicht unsere Verpflichtung, eine ungefähr 100.000 Mann starke Streitmacht
in Europa zu unterhalten.
Gleichzeitig sollten die Vereinigten Staaten in angemessener Weise zur Finanzierung des Infrastrukturprogramms der NATO beKragen. Zusammen mit ihrer
Strategie sowie ihren Streitkräfte- und Kommandostrukturen muß die Infrastruktur der NATO modernisiert werden, um den neuen sicherheitspolitischen
Bedrohungen zu entsprechen. Die Administration hat
die Absicht, im Kongreß auf die uneingeschränkte
Annahme unserer Anträge im Infrastrukturbereich zu
drängen.
III. Eine Erweiterung der NATO?
Sie werden festgestellt haben, daß ich bei der Auflistung der von der NATO angesichts der neuen Gegebenheiten zu ergreifenden Schritte nicht die Erweiterung der NATO angesprochen habe. In seiner nachdenklich stimmenden Rede im Juni dieses Jahres vor
dem Overseas Wrrters Club sprach sich Senator Lugar
überzeugend für die Aufnahme Polens, Ungarns, der
Tschechischen Republik sowie möglicherweise weiterer Länder in die NATO aus. Er argumentiert folgendermaßen:
Die Sicherheit Europas hängt heutzutage von der
Sicherheit und Stabilität seiner Peripherie ab. Von
besonderer Bedeutung sind die beiden potentiellen

Sete4

Krisengebiete an der Ost- und Südflanke Europas. Um
die Sicherheit im Osten - in dem Machtvakuum zwischen Rußland und Deutschland - zu gewährleisten,
müssen wir ein stabiles Sicherheitsurnfeld für die Länder
Ost- und Mitteleuropas schaffen. Das kann nur durch
die Integration dieser Nationen in ein neubelebtes
NATO-Rahmenwerk geschehen.
Vieles spricht für dieses durchdachte Argument. Aus
meinen bisherigen Ausführungen sollte ersichtlich sein,
daß die NATO in der Tat aufgrund vieler der von
Senator Lugar angesprochenen Tatsachen handelt.
Und es kann kein Zweifel an der Notwendigkeit bestehen, die Sicherheitsanliegen der Länder Ost- und
Mitteleuropas sowie der ehemaligen Sowjetunion zu
berücksichtigen, um die Sicherheit Westeuropas aufrechtzuerhalten. Bevor wir uns jedoch mit dem Thema
der Aufnahme der Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts in die NATO, der sie noch vor kurzem feindlich
gesinnt waren, beschäftigen, müssen wir eine Reihe
wichtiger Fragen beantworten. Ertauben Sie mir,
einige dieser Fragen anzusprechen, ohne die Antworten vorwegzunehmen.
Zunächst einmal müssen wir uns vor Augen führen,
daß das Kernstück der NATO-Mitgliedschaft das in
Artikel V des Nordatlantikvertrags niederglegte Abkommen über die kollektive Verteidigund ist. Sind die
Verbündeten bereit, diese Sicherheitsgarantie auszuweiten und ihre Truppen zur Verteidigung der Staaten
Ost- und Mitteleuropas einzusetzen?
Die Umkehrung dieser Frage lautet, ob die Länder Ostund Mitteleuropas ausgerüstet sind oder sein werden,
um die Lasten dieser Mitgliedschaft in der NATO zu
tragen. Können sie die Streitkräfte bereitstellen, um
zur gemeinsamen Verteidigung des Bündnisses beizutragen? Würde ihre Aufnahme in das Bündnis das
von der NATO zu verteidigende Gebiet erweitem,
ohne daß ihre Ressourcen entsprechend erhöht würden?
Im allgemeinen sollten wir die Auswirkungen einer
Erweiterung der NATO auf ihre Effektivität in Betracht
ziehen. Wenn die Erweiterung die NATO zu einem
weniger fähigen Instrument macht, wäre das Nettoergebnis für uns negativ. Wäre die NATO ebenso
effektiv, wenn sie mehrere zusätzliche Mitglieder hätte, deren Zustimmung vor einer NATO-Aktion eingeholt werden muß?
Nicht zuletzt müssen wir auch die Rußland und die
Ukraine betreffenden Fragen sorgfältig prüfen. Einerseits werden wir wohl meines Erachtens alle darin
übereinstimmen, daß eine Aufnahme Rußlands die
Natur des Bündnisses grundlegend verändern würde.
Aber würde die Verweigerung einer Aufnahme Rußlands bei gleichzeitiger Aufnahme anderer osteuropäischer Nationen Rußland aus dem neuen Sicherheitssystem ausschließen, das wir aufzubauen versuchen?
Würden dadurch unsere Bemühungen zum Aufbau

AMERIKA DIENST 33

�einer von Zusammenarbeit und Partnerschaft gekennzeichneten Beziehung zu Moskau unterminiert und
das interne Gleichgewicht zwischen Reformern und
Reaktionären in Rußland gestört? Ähnliche Überlegungen könnten auch auf die Ukraine zutreffen: Möchte
sie als sich bis zur polnischen Grenze erstreckender
Puffer zwischen Rußland und der NATO fungieren?

Darüber hinaus hat die Antwort der NATO auf den
Konflikt im ehemaligen Jugoslawien - wie bereits von
mir ausgeführt - die Frage nach ihrer Bereitschaft zu
Out-of-area-Einsätzen beantwortet. Bei den beiden
jüngsten Treffen des Nordatlantikrates, bei denen
Präsident Clintons Initiative für Luftangriffe angenommen wurde, fiel mir auf, daß keine Nation Einwände
aufgrund der Tatsache erhob, daß die Aktion außerDie von mir aufgeführten Fragen sind nicht leicht zu halb des NATO-Gebietes stattfand. Dieses Problem
beantworten. Sie müssen jedoch beantwortet werden, ist überwunden worden.
bevor wir uns zu einer Erweiterung der NATO entschließen. Wenn zufriedenstellende Antworten gefun- Heute beschwert man sich nicht darüber, daß die
den werden, können wir eine Erweitern ng der NATO in NATO die ihr übertragenen Aufgaben nicht erfüllen
Betracht ziehen. Aber sogar während wir sie in Be- konnte, sondern daß sie nicht um mehr gebeten wurtracht ziehen, können wir Weiteres tun, um uns dem de. Und das führt mich zu dem letzten Punkt, den ich
von Senator Lugar formulierten Ziel zu nähern, den gerne ansprechen möchte: Die amerikanische FühLändern Ost- und Mitteleuropas sowie der ehemaligen rungsrolle in der NATO. Anfangs entschied sich die
Sowjetunion ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln - Bush-Administration, Distanz zu wahren und das
ein Ziel, das wir alle uneingeschränkt verfolgen.
Problem den Europäern zu überlassen. Die NATO
übernahm damit eine Zuschauerrolle, während die EG
Dialog und Zusammenarbeit durch einen verstärkten und schließlich die UNO die Hauptrolle bei der BewälNAKR zusammen mit einer erhöhten Bereitschaft der tigung dieser Krise übernahmen. Beim Amtsantritt
NATO zur Ergreifung friedenssichemderund friedens- Präsident Clintons hatte sich die Situation verschlecherhaltender Maßnahmen wird den Ländern des tert und unsere Optionen waren ernsthaft eingeschränkt.
Ostens Sicherheit geben und sie gleichzeitig der
NATO noch näher bringen. Parallel dazu werden Es ist kein Geheimnis, daß die bevorzugte Bosnienunsere Hilfsprogramme zu ihrer Unterstützung bei Politik der Administration in diesem Frühjahr in der
dem schwierigen Übergang zu Demokratie und freier Aufhebung des Waffenembargos gegen die bosnische
Marktwirtschaft, der Ausweitung von Handel und Inve- Regierung und der Unterstützung dieser Aufhebung
stitionen sowie der Öffnung der Märkte für ihre Waren mit zwischenzeitlichen Luftangriffen bestanden hätte.
Eine solche Politik hätte eine Resolution des UNihnen zu Wohlstand und Stabilität verhelfen.
Sicherheitsrates erfordert, da das Embargo vom SiIV. Der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien
cherheitsrat verhängt worden war. Trotz unserer
angestrengten Bemühungen waren wir nicht in der
Abschließend möchte ich die Behauptung anspre- Lage, eine Einigung über diesen Ansatz zu erzielen.
chen, die NATO habe im Jugoslawienkonflikt irgendwie versagt. Meines Erachtens ist dieses Argument Es ist allgemein bekannt, daß sich die Situation in
nicht stichhaltig.
Bosnien im Juli dramatisch verschlechtert hat. Die
Administration
machte sich große Sorgen über die
Die NATO hat wirklich auf dem Balkan alles getan, was
Einkesselung Sarajevos und anderer Gebiete sowie
von ihr gefordert wurde, und sie hat es gut gemacht:
über das Schicksal der Bevölkerung während der
Wintermonate.
Wir fürchten, daß der Fall der bosniSie stellte Flugzeuge und Personal zunächst
schen
Hauptstadt
jede Chance auf eine Verhandlungszur Überwachung und dann zur Durchsetzung
lösung
zerstören
wird. Aus diesem Grund entschied
der Flugverbotszone über Bosnien zur VerfüPräsident
Clinton,
es sei an der Zeit, die Luftstreitkräfte
gung.
in den Dienst der Diplomatie zu stellen.
In Zusammenarbeit mit der WEU patrouillierte
die NATO zur Durchsetzung der Sanktionen Zu diesem Zeitpunkt sprachen sich unsere Verbündegegen Serbien und Montenegro in der Adria. ten einstimmig für eine solche Handlungsweise aus.
Die NATO steht bereit zur Luftunterstützung der Dieser Konsens wurde nach umfassenden und besondie Schutzzonen verteidigenden UNPROFOR- nenen Gesprächen bei einer Sitzung des NordatlantiTruppen und hat Pläne zur militärischen Unter- krates am 2. und 3. August erzielt. Zahlreiche Verbünstützung der Durchsetzung einer politischen dete, insbesondere diejenigen, die Truppen nach Bosnien
entsandt hatten, verliehen ihrer berechtigten BesorgLösung entwickelt.
nis über die Sicherheit ihrer Truppen im Falle von
Erst diese Woche hat die NATO Pläne für Luftangriffen gegen die bosnischen Serben Ausdruck.
Luftangriffe gegen die bosnischen Serben gebil- Wir konnten jedoch die Besorgnis unserer Verbündeligt, falls diese weiterhin Sarajevo und andere ten im Einklang mit der guten Tradition der KonsensGebiete belagern.
findung im Bündnis zerstreuen, und Anfang dieser

AMERIKA DIENST 33

Seite 5

�Woche nahm der NAKR die militärischen Pläne für
diese Luftangriffe einstimmig an. Jetzt ist die NATO in
der Lage, nach kurzer Vorwarnung militärisch einzugreifen, wenn die Serben nicht ihre Belagerung Sarajevos und anderer Gebiete einstellen.
Dies ist ein historischer Schritt. Die Mitgliedstaaten der
NATO haben konkret anerkannt, daß die Gewährleistung ihrer Sicherheit über die Verteidigung gegen
einen Frontalangriff hinausgeht. Das Bündnis hat
seine Umgestaltung von einem Verteidigungsbündnis,
das sich einer hinter einer festgesetzten Grenze stehenden feindlichen Armee gegenübersieht, zu einem
Bündnis, das seine Macht in den Dienst des Friedens
stellen kann, unter Beweis gestellt. Der Nordatlantische Kooperationsrat entschied am Montag, daß wir
die Situation am Boden täglich neu überwachen und
die Genfer Verhandlungen aufmerksam verfolgen
werden. Die für die Einkesselung Sarajevos Verant-

wortlichen sollten wissen, daß die NATO durchaus
zum Eingreifen bereit ist, falls die Umstände dies
rechtfertigen.
Die entschlossene amerikanische Führung hat die
NATO in diesem Fall zu positiven Ergebnissen geleitet. Und obwohl unsere Verbündeten von Zeit zu Zeit
weiterhin eine andere Meinung vertreten werden als
wir, wird die amerikanische Führung für die Fähigkeit
der NATO, den Sicherheitsbedrohungen in der Zeit
nach dem Kalten Krieg zu begegnen, von lebenswichtiger Bedeutung bleiben. Die Clinton-Administration
hat sich dieser Führungsrolle verpflichtet, damit eine
umstrukturierte NATO auch in Zukunft die Werte von
Demokratie und freier Marktwirtschaft verkörpert und
gleichzeitig die Sicherheit Europas und unsere eigene
angesichts der neuen Bedrohungen einer neuen Zeit
gewährleistet.
Ich danke Ihnen.

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Seite 6

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AMERIKA DIENST 33

�PRESSEFREIHEIT
18. August 1993

PRESSEFREIHEIT IN SERBIEN BEDROHT
Erklärung von USIA-Direktor Duffey
WASHINGTON - (AD) - Der Direktor des US-Informationsamts (USIA), Joseph Duffey, hat am 13. August 1993
die nachfolgende Erklärung bezüglich der sich verschlechternden Bedingungen für eine freie Presse in Serbien
herausgegeben.

Jüngste Berichte der Außenstelle des US-Informationsamts in Belgrad sind ein weiterer Beweis für die
anhaltenden Bestrebungen der Regierung Milosevic
zur Abschaffung der unabhängigen Medien im ehemaligen Jugoslawien. Die unabhängige Tageszeitung
Borba gab in einem auf der Titelseite veröffentlichten
Brief ihres geschäftsführenden Chefredakteurs die
Einstellung ihrer Publikation bekannt, weil sie keine
Druckerschwärze von den staatlich kontrollierten Lieferanten bekommt. Borba hat wiederholt Papier von
der Regierung angefordert, der Zeitung wurden jedoch
die Lieferungen zur Fortsetzung der Publikation verweigert. Zuverlässige Beobachter der belgrader Szene sind zu dem Schluß gelangt, daß die Behörden die
Lieferung von Papier so lange verweigern werden, bis
die Herausgeber keine andere Wahl haben, als nachzugeben und die staatliche Kontrolle der Ausgabe zu
gestatten.

Die unabhängige Presse im ehemaligen Jugoslawien
hat Unterstützung von ausländischen Regierungen
und nichtstaatlichen Organisationen erhalten, diese
Unterstützung reicht jedoch nicht aus, viele dieser
Organe am Leben zu erhalten. Ich habe den Chefredakteur von Borba, Dusan Mijic, zu einem Besuch des
US-Informationsamts in Washington eingeladen, wenn
er in diesem Monat in die Vereinigten Staaten kommt,
um mit mir die Erfahrungen zu erörtern, die er und
andere bei ihren Bestrebungen zur Aufrechterhaltung
einer freien und unabhängigen Presse gemacht haben. Senator Richard Lugar hat sich dieser Einladung
angeschlossen.

Die Strangulierung dieser unabhängigen Presseorgane wird den bevorstehenden Sieg bei Milosevics
Bestrebungen zur Informationskontrolle in Serbien
und Montenegro bedeuten. Mit der Begrenzung des
unabhängigen Fernsehens und Rundfunks auf die
In dieser Woche hat die ebenfalls vom Borba-Verlag Region Belgrad sind die einzigen Programme, die die
herausgegebene Illustrierte Vecernje Novosti ihre meisten Serben und Montenegriner empfangen könAuflage von über 100.000 auf 27.000 reduziert. Die in nen, staatlich kontrollierte Sender. Wer außerhalb von
ungarischer Sprache in der Region Vojvodina erschei- Belgrad eine alternative Meinung erfahren will, muß für
nende Tageszeitung Magyar Szo scheint ihre Publika- die Berichterstattung auf den internationalen Rundtion einzustellen. Magyar Szo war davon ausgegan- funk zurückgreifen.
gen, Papier von den Provinzbehörden zu erhalten,
wurde jedoch in der vergangenen Woche in der regie- Aus diesem Grund hat USIA Schritte unternommen
rungstreuen Presse für einen kürzlich erschienenen um sicherzustellen, daß Voice of America im gesamLeitartikel über die Wahrscheinlichkeit einer amerika- ten Gebiet des ehemaligen Jugoslawien empfangen
nischen Intervention in Bosnien rundweg verurteilt. werden kann. In den vergangenen anderthalb Jahren
Darüber hinaus hat der regierungstreue Verlag Politi- hat VOA ihre Sendekapazität auf insgesamt 47,25
ka in der vergangenen Woche bekanntgegebenen, Stunden pro Woche in Serbien, Kroatien, Albanien und
daß er seine führende Wochenzeitung NIN von der Slovenien erweitert. Unsere auf Mittelwelle ausgeVerlagsgruppe trennt. Als unabhängiges Unterneh- strahlten Sendungen aus Kavala (Griechenland) und
men wird die nicht immer "politisch wahrheitsgetreue" über geleaste Sender in den Nachbarländern stellen
NIN jetzt den Restriktionen unterliegen, die zur Schlie- sicher, daß VOA überall in Bosnien, Serbien und
ßung anderer unabhängige Nachrichtenquellen füh- Montenegro empfangen werden kann. VOA hat weitere Journalisten eingestellt und beschäftigt jetzt einen
ren.
ständigen Korrespondenten sowie acht freiberufliche

AMERIKA DIENST 33

Seite 1

�Journalisten in Sarajevo, Zagreb, Belgrad, Pristina,
Podgorica und Skopje. 60 Prozent der Sendungen
bestehen aus Nachrichten über den Konflikt. Die
VOA Nachrichtenprogramme werden auch von den
UKW-Stationen in Belgrad und Zagreb verwendet.
Femer wird VOA-Europe, ein englischsprachiges
Programm, auf Mittelwelle in mehrere Städte übertragen.

sehen Presse mit amerikanischen Regierungsvertretem in unserem interaktiven WorkJNet-Fernsehprogramm veranstaltet. Unsere Außenstelle in Belgrad
druckt und verbreitet ferner täglich 300 Kopien einer
Nachrichtenzusammenstellung in serbischer Sprache,
die politische Stellungnahmen der US-Regierung und
Berichte enthält. Rekordzahlen von Besuchern kommen in unsere Bibliotheken in Belgrad und Podgorica,
um die neuesten amerikanischen Zeitungen und ZeitDarüber hinaus bietet USIA täglich Satellrteneinspei- schriften zu lesen, was ein Beweis für den ungeheuren
sungen von Nachrichtenclips, speziellen Interviews Hunger der Serben und Montenegriner nach einer
und Berichten auf Serbisch an, die regelmä Big von den freien Presse ist.
unabhängigen Fernsehstationen in Belgrad ausgestrahlt werden. Wir haben auch Interviews der serbi-

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AMERIKA DIENST 33

�WIRTSCHAFT
18. August 1993

GUTE UND SCHLECHTE NACHRICHTEN
ÜBER DIE PRODUKTIVITÄT DER USA
von Stephen D. Cohen
Dr. Stephen D. Cohen ist Professor an der School of International Service, The American University, Washington, D.C. Die japanische Ausgabe seines jüngsten Buches Cowboys and Samurai: Why the United States
is Losing the Battle with the Japanese and Why It Matters wurde vor kurzem von Tokuma Shoten, Ltd.,
veröffentlicht. Zur Zeit arbeitet er an dem Buch The Making of U.S. International Economic Policy.

Was in Wirtschaftswissenschaften auf der Hand zu
liegen scheint, mu ß nicht zwangsläufig wahr sein. Vor
kurzem wurde eine umfassende Studie zur amerikanischen Produktivität herausgegeben, deren nützlichster Beitrag in der Veröffentlichung neuer Daten besteht, die den Schluß nahelegen, daß die Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten nicht annähernd so
schwach ist wie angenommen.

sich die Daten jedoch etwas genauer, gelangt man zu
der Schlußfolgerung, daß immer noch Anlaß zur Sorge
über die relative Produktionsleistung der Vereinigten
Staaten besteht.
Die guten Nachrichten über die amerikanische
Produktivität

Der McKinsey-Bericht beginnt mit der Behauptung,
daß
die Vereinigten Staaten 1990 immer noch pro Kopf
Produktivität - die Menge des nationalen Output geteilt
ein
höheres
Bruttoinlandsprodukt (BIP) hervorbrachdurch den Input von Arbeit und Kapital - ist ein wichtiten
als
jede
andere
große industrialisierte Volkswirtges Thema. Sie ist das Schlüsselelement des Wirtschaft.
Der
Vergleich
wird in US-Dollar angestellt
schaftsbarometers. Die Zuwachsrate der Produktivianhand
eines
Wechselkurses,
der sich auf ein OECDtät ist ein entscheidender Maßstab für die Fähigkeit
Modell
der
Kaufkraftparität
gründet,
nicht auf die
eines Landes, seinen Lebensstandard zu erhöhen
nominalen
Kurse
der
Devisenmärkte.
Obwohl die
sowie für seine Fähigkeit, auf dem internationalen
relative
Kaufkraft
der
einzelnen
Länder
nicht
genau
Markt zu konkurrieren. Allein der Produktivitätszukalkuliert
werden
kann,
berücksichtigt
dieser
Kurs
die
wachs gestattet kontinuierliche Lohn- und GehaltserPreise
nichtgehandelter
Waren
(vor
allem
Dienstleihöhungen, ohne einen entsprechenden oder größeren
Anstieg der Inflation zu verursachen. Aus diesem stungen) und fluktuiert auf Jahresbasis weniger als die
Grund sind die Wachstumsraten der Produktivität - die Wechselkurse des Marktes.
Hauptquelle eines höheren Lebensstandards - mindeDas für 1990 auf 21.450 Dollar geschätzte amerikanistens ebenso wichtig wie das absolute Produktivitätssche BIP pro Kopf war das höchste, Westdeutschland
niveau zu einem gegebenen Zeitpunkt.
folgte an zweiter Stelle mit 18.550 Dollar, während
Die im Oktober 1992 vom McKinsey Global Institute, Japan die dritte Stelle mit 17.490 Dollar des BIP pro
einer Tochtergesellschaft der renommierten Manage- Kopf, oder 82 Prozent der entsprechenden amerikanimentberatungsfirma McKinsey &amp; Company, Inc., ver- schen Zahl, einnahm. Die in dem McKinsey-Bericht
öffentlichte Studie Service Sector Productivity argu- enthaltene Feststellung, daß die Vereinigten Staaten
mentiert, daß die Vereinigten Staaten noch immer ein immer noch die höchste Gesamtproduktivität und das
höheres Produktionsniveau als jedes andere In- höchste BIP pro Kopf der Industrienationen haben, ist
dustrieland haben. Oberflächlich gesehen ist diese Er- wenig originell. Der Bericht untermauert diese Bekenntnis beruhigend für diejenigen, die über den pro- hauptung jedoch mit ungewöhnlich detaillierten Daten
gressiven Niedergang der amerikanischen Wirtschaft über den Fertigungsbereich und bisher nicht erstellten
verglichen mit ihren Konkurrenten - insbesondere der gefächerten Daten über den Dienstleistungssektor.
japanischen Wirtschaft - besorgt sind. Betrachtet man
AMERIKA DIENST 33

Seite 1

�In einer Überprüfung des BIP pro Beschäftigtem für
1990 (wiederum unter Verwendung der OECD-Kaufkraftparität-Wechselkurse) straft der McKinsey-Bericht
das Bild des faulen, ineffizienten amerikanischen
Arbeitnehmers Lügen. Vollbeschäftigte Arbeitnehmer
produzierten 1990 ein BIP pro Kopf von 49.600 Dollar,
das knapp vor Frankreich mit 47.000 Dollar pro Arbeitnehmer und Deutschland mit 44.200 Dollar lag. Überraschenderweise lag Japan an vierter Stelle mit einem
BIPvon 38.200 Dollar pro Arbeitnehmer, nur knapp vor
dem Land mit dem niedrigsten BIP - Großbritannien
mit 37.100 Dollar.
Ein ähnliches Muster ergibt sich bei den Schätzungen
des Berichts zur Afbertsproduktivität, bei der das gesamte
Output durch die gearbeiteten Stunden geteilt wird,
nicht durch die Gesamtbevölkerung (eine Zahl, die
auch die nicht zur Erwerbsbevölkerung gehörenden
Personen einbezieht). Nimmt man die Vereinigten
Staaten als Grundlage - oder 100 Prozent - setzten die
McKinsey-Forscher ihre Studien der Fertigungs- und
Dienstleistungssektoren ein, um eine überraschende
Rangfolge der relativen Arbeitsproduktivität in den
größten nationalen Volkswirtschaften aufzustellen:

Deregulierung dieser Industrie und den resultierenden
erbitterten Kampf der fünf verbliebenen Fluggesellschaften um Marktanteile und Kostensenkungen in
den Vereinigten Staaten. Was das amerikanische
Bankwesen anbetrifft, so schneidet es im Vergleich zur
Produktivität europäischer Banken gut ab, vor allem
aufgrund der extensiveren Nutzung von Datenverarbeitungstechnologien, des (durch fordernde Kunden
ausgelösten) größeren Wettbewerbs und besseren
Einsatzes der Beschäftigten.
Im allgemeinen Wareneinzelhandel in den Vereinigten
Staaten wurde eine geringfügig höhere Arbeitsproduktivität als auf den führenden europäischen Märkten
und eine beträchtlich höhere (56 Prozent) als in Japan
festgestellt. Die für die höhere Produktivität auf diesem Sektor angeführten zwei Hauptgründe waren vor
allem die Entscheidung der amerikanischen Verbraucher für niedrige Preise sowie liberale staatliche Vorschriften, die der Gründung großer Warenhausketten
oder Marktneulingen mit innovativem Einzelhandelszuschnitt wenige Hemmnisse in den Weg legen.

Die Ursachen des Produktivitätsgefälles in der Telekommunikationsindustrie sind komplexer. Da alle in
Vereinigte Staaten 100 %
dem Bericht erfaßten Länder eine von einem oder
Frankreich
84 %
mehreren regionalen Monopolen stark regulierte Industrie haben, ist die Arbeitsproduktivität in den VereinigDeutschland
80 %
ten Staaten, Japan und Frankreich ungefähr gleich. In
Großbritannien
72 %
dieser kapitalintensiven Dienstleistungsindustrie haJapan
61 %
ben die Vereinigten Staaten jedoch aufgrund der verDer Hauptgrund für die günstige Gesamtproduktions- stärkten Nutzung von Telekommunikationseinrichtunleistung der Vereinigten Staaten im Vergleich zu Japan gen eine beträchtlich höhere Kapitalproduktivität zu
liegt für Wirtschaftswissenschaftler seit langem auf der verzeichnen (nahezu doppelt so hoch wie die Japans).
Hand: Der produktivere amerikanische Dienstleistungssektor. Die wichtigste Schlußfolgerung der McKinsey- Neben der Stärke der Vereinigten Staaten im DienstStudie im Hinblick auf den Dienstleistungssektor - "die leistungssektor befaßt sich der McKinsey-Bericht mit
Produktivität des Dienstleistungssektors ist in Japan einem zweiten, weniger bekannten Grund für die
wesentlich geringer als in den Vereinigten Staaten" - amerikanische Führungsrolle bei der Produktivität. Es
steht im Einklang mit der Erkenntnis, daß die japani- werden detaillierte Daten aufgeführt, die eine sehr
sche Gesamtproduktivität verglichen mit anderen ungleichmäßige Produktionsleistung im japanischen
Ländern niedriger ist als ihre relative Produktivität im Fertigungsbereich belegen. Die äußerst effizienten,
Fertigungsbereich. Kostennachteile im Dienstleistungs- renommierten, die Weltmärkte beherrschenden Indusektor haben weiterreichende Implikationen für die strien - Elektronik, Automobile, Werkzeugmaschinen,
internationale Wettbewerbsfähigkeit. Die Kosten der Speicherchips usw. - umfassen nur einen kleinen Teil
Dienstleistungen sind ein maßgeblicher Faktor bei der des japanischen Fertigungsbereichs und noch weniKostenstruktur des Fertigungssektors. Interessanter- ger der gesamten japanischen Volkswirtschaft. Der
weise kann man feststellen, daß die McKinsey-ForMcKinsey-Bericht gelangt zu dem Schluß, daß "die
scher die weitgehende Führungsrolle der Vereinigten japanische Effizienz und Produktivität in zahlreichen
Staaten bei den Dienstleistungen (insgesamt gesehen Fertigungsindustrien und in vielen Nichtfertigungsinschätzungsweise in der 15 bis 25-Prozentmarge im duStrien niedrig ist". Ironischerweise wirkt sich die
Vergleich zu den anderen führenden Volkswirtschafrelativ lange Arbeitszeit der japanischen Arbeitnehmer
ten) auf eine sich wiederholende Reihe von Faktoren in gewisser Weise negativ auf die Produktivitätszahlen
zurückführen: Größeren Wettbewerb, weniger staat- aus: Es gibt kein Verhältnis eins zu eins zwischen den
liche Regulierung und leichteren Zugang zu neuen gearbeiteten Stunden und der Gesamtproduktion.
Unternehmen.
Von für diesen Bericht eingestellten Forschem vorgeFünf Fallstudien über Dienstleistungsindustrien bilden nommene Schätzungen belegen, daß die Vereinigten
das Kernstück des Berichts. In der Erläuterung, war- Staaten verglichen mit den anderen großen Industrieum die amerikanische Produktivität im Luftverkehr nationen bei der Produktivität im Fertigungsbereich in
größer als in Europa ist, verweist der Bericht auf die relativen Zahlen ziemlich gut abschneiden. Setzte
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AMERIKA DIENST 33

�man die Produktivität der Vereinigten Staaten 1989 bei
100 Prozent an, wurde prognostiziert, daß Japan und
die Bundesrepublik jeweils nur 80 Prozent Output pro
im Fertigungsbereich gearbeiteter Stunden produzierten (die Vergleiche basieren wiederum auf nationalen
Daten, die zu Kaufkraftparität-Wechselkursen umgerechnet wurden). Das Defizit der japanischen Produktivität im Fertigungsbereich ist vor allem auf Industrien
zurückzuführen, die international nur in geringem Umfang
oder überhaupt nicht konkurrieren. Zu diesen Industriezweigen zählen Nahrungsmittelprodukte, Getränke, Textilien, Bekleidung, Holz- und Papierprodukte,
Leder und Tabak.
Analyse der guten Nachrichten über die amerikanische Produktivität
Es wäre eine zu starke Vereinfachung, diese Erkenntnisse dahingehend zu interpretieren, daß sich die
amerikanische Volkswirtschaft in bestem Zustand
befindet und Sorgen über die abnehmende Konkurrenzfähigkeit der Vereinigten Staaten übertrieben sind.
Die reale Situation ist weniger rosig. Tiefverwurzelte,
langfristige Tendenzen müssen eingehender studiert
werden als vordergründige Ereignisse. (Die Notwendigkeit zur Berücksichtigung langfristiger Tendenzen
ist der Hauptgrund für die irrige Argumentation, das
Fallen der japanischen Aktienkurse und Immobilienpreise in jüngster Zeit bedeute, die relative Konkurrenzfähigkeit Japans nehme ab).
Obwohl die Amerikaner erfreut sein sollten, daß ihr
Dienstleistungssektor ziemlich produktiv ist, sind zwei
Einschränkungen angebracht. Erstens kann keine
Methode einen präzisen Vergleich zwischen der Leistung des Dienstleistungssektors in den einzelnen
Ländern anstellen. Die relative Leistung des amerikanischen Dienstleistungsbereichs kann nur annähernd
geschätzt werden, weil der Output von Dienstleistungsunternehmen nicht so leicht quantifiziert werden kann
wie der von Warenherstellern. Die zweite Einschränkung ist, daß der Export von Dienstleistungen durch
Industrienationen relativ gering ist verglichen mit dem
Handelswert der Waren. Die amerikanische Zahlungsbilanz kann einen Überschuß bei den Dienstleistungen verzeichnen, der jedoch nie ausreichen wird,
um ein großes Handelsdefizit bei Waren auszugleichen. Relativ hohe Produktivität bei Dienstleistungen
ist daher unbedingt wünschenswert, im Hinblickauf die
internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes kann
sie jedoch kein Ersatz für hohe und zunehmende
Industrieproduktivität sein.
Die wichtigste Einschränkung, die im Hinblick auf die
Daten des McKinsey-Berichts zur Industrieproduktivität vorgenommen werden muß, lautet, daß einige
Industrien für das langfristige Wohlergehen eines
Industrielandes mit relativ hohen Löhnen und Gehältern insgesamt wichtiger sind als andere. Kapitalintensive Waren mit hoher Wortschöpfung werden häufig
als der Industriezweig der Zukunft eingestuft. Sie sind
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es, die die meisten der neugeschaffenen effizienten,
hochbezahlten Arbeitsplätze bieten werden, und es
sind die Industrien mit dem größten Potential für künftige Verkaufszuwächse. Als relativ hochpreisige,
kapitalintensive Waren sind es genau die Produkte, die
ein Hochlohnland, das zur Verbesserung seines Lebensstandards entschlossen ist, exportieren, nicht importieren sollte. Die japanische Produktivität ist in eben
diesen Industriezweigen am stärksten.
Die relative Produktivität der japanischen Volkswirtschaft - weithin als der ernsthafteste wirtschaftliche
Konkurrent der Vereinigten Staaten angesehen - sieht
sehr viel besser aus, wenn man die Aufmerksamkeit wie es der Fall sein sollte - auf die Industriezweige
lenkt, in denen Japan der McKinsey-Studie zufolge
produktiver als die amerikanischen Hersteller ist. Dazu
zählen so entscheidende Industrien wie Maschinenbau, Elektrotechnik und Transportgerät. Der sicherste
Weg zu größerer wirtschaftlicher Stärke und der Verbesserung des Lebensstandards in Japan und den
Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert besteht in der
Maximierung des Output in kapitalintensiven Industrien mit hoher Wertschöpfung, nicht in erhöhtem
Output von Industriezweigen mit wenig modemer
Technik und niedriger Wertschöpfung wie Textilien
und Nahrungsmittelprodukte. Die Produktionsmischung
des Au ßenhandels eines Landes ist für sein wirtschaftliches Wohlergehen wichtiger als die arithmetische
Bilanz seiner Exporte und Importe.
Japan nimmmt nicht nur eine führende Stellung bei der
Produktivität in der entscheidenden Kategorie "Maschinenbau, Elektrotechnik und Transportgeräte" ein,
sondern diese Industrien sind (gemessen an der
Wertschöpfung) in Japan auch größer als in den
Vereinigten Staaten.
Man muß hier kurz eine Atempause einlegen, um die
amerikanische Produktivität in die richtige internationale Perspektive zu rücken: Mit Ausnahme Japans
steht sie im Vergleich äußerst günstig da. Der amerikanische Fertigungssektor liegt immer noch gut vor
einem anderen wichtigen Rivalen - Deutschland.
Der Produktivitätsvorteil der Vereinigten Staaten gegenüber Japan muß noch in anderer Weise analysiert
werden. Die in dem McKinsey-Bericht erörterten
jeweiligen Produktionsleistungen sind wie ein Photo:
Sie halten einen bestimmten Augenblick fest. Was
diese Zahlen nicht aufdecken, ist ein wichtiger Trend:
Die japanische Produktivität wächst weiterhin schneller als die der Vereinigten Staaten. Während der
achtziger Jahre nahm die Produktivität Japans im
Gegensatz zu den europäischen Ländern verglichen
mit den Vereinigten Staaten kontinuierlich zu. Die
1989 für Japan geschätzte Zahl von 80 Prozent der
amerikanischen Fertigungsproduktivität lag weit über
dem Niveau von unter 60 Prozent im Jahr 1973. Die
Produktivitätsdaten für spätere Jahre werden wahrscheinlich belegen, daß sich die Kluft verringert hat.

Seite 3

�Eine der wichtigsten Fragen für die Zukunft lautet, ob
der in den achtziger Jahren beobachtete Aufschwung
bei der Produktivitätszuwachsrate der Vereinigten
Staaten ein glücklicher Zufall oder ein anhaltender
Trend war. Nachdem sie in der gesamten Nachkriegszeit hinterherhinkten, schnellten die durchschnittlichen
Jahresraten des amerikanischen Produktivitätszuwachses im Fertigungsbereich in den vergangenen 10
Jahren um einen Betrag in die Höhe, der dem Japans
vergleichbar war und gut vor Deutschlands lag. Dieser
Trend hielt auch 1991 an. Vor kurzem veröffentlichten
Daten des amerikanischen Arbeitsministeriums zufolge ist der bescheidene Zuwachs von 1,9 Prozent bei
der Produktion pro Stunde im Fertigungssektor der
Vereinigten Staaten etwas höher als der in Japan
verzeichnete Anstieg von 1,6 Prozent und ungefähr
gleich wie der Deutschlands.

Obwohl sich das amerikanische Handelsdefizit seit
seinem Höchststand vor einigen Jahren beträchtlich
verringert hat, reflektierten die Ursachen vor allem
negative Wirtschaftstendenzen. Die Vereinigten Staaten sahen sich gezwungen, rückläufige Investitionsraten und Produktivitätszuwächse durch stagnierende
Reallöhne - und bis vor kurzem eine schwache Währung - auszugleichen. In gewissem Maße haben
Produktivitätszuwächse eine im Zuge der Umstrukturierung von Unternehmen vorgenommene Reduzierung der Anzahl von Beschäftigten widergespiegelt.
Die starke Exportleistung der Vereinigten Staaten in
den Jahren 1990 und 1991 war eher auf die Tatsache
zurückzuführen, daß die überseeischen Märkte schneller wuchsen als die stagnierenden Binnenmärkte, als
daß sie die verbesserte Konkurrenzfähigkeit amerikanischer Produkte reflektierten.

Die schlechten Nachrichten über die amerikanische Produktivität

Schlußbemerkung

Es gibt nur zwei allgemeine Feststellungen, die auf
eine
objektive Analyse der derzeitigen ProduktivitätsMit Blick in die Zukunft bezweifle ich, daß Produktivisituation
in den Vereinigten Staaten Anwendung fintätszuwächse in der amerikanischen Industrie mit denen
den.
Erstens
sind die Daten nicht schlüssig genug, um
ihres stärksten ausländischen Konkurrenten - Japan Schritt halten werden. Die Vereinigten Staaten werden eine präzise Beurteilung der relativen WettbewerbslaGeschick und Glück benötigen, um mit den europäi- ge der Vereinigten Staaten zu "beweisen". Die sehr
schen Zuwächsen gleichziehen zu können. Seit Jah- begrenzte Anzahl von Fallstudien für einen Vergleich
ren waren die von der amerikanischen Industrie getä- der Produktivität bei Dienstleistungen war eine zu
tigten Kapitalinvestitionen relativ unzulänglich und haben schwache Ausgangsbasis für umfassende Schlußfolsich seit der Ende 1990 begonnenen Konjunkturflaute gerungen, und die Fallstudien boten keinen methodinoch verringert. In den vergangenen Jahren war die schen Durchbruch, um die internationale Produktivität
Investitionsrate der Vereinigten Staaten die niedrigste im Dienstleistungssektor anhand eines einheitlichen
in der Gruppe der 7 (Deutschland, Frankreich, Groß- Standards zu messen.
britannien, Italien, Japan, Kanada und die Vereinigten
Staaten) und betrug weniger als die Hälfte der japani- Die zweite allgemeine Feststellung lautet, daß es in
schen Gesamtinvestitionen. Der breite Konsens, daß vielen, aber nicht allen, Bereichen des amerikanischen
die Amerikaner zu viel konsumieren und zu wenig Fertigungssektors definitiv ein Produktivitätsproblem
gibt. Das Problem ist nicht so gravierend oder so weit
sparen und investieren, überrascht daher nicht.
fortgeschritten, daß es permanent oder unumkehrbar
Die japanische Industrie investiert heute jährlich in ist. Ein Großteil der bestehenden Unzulänglichkeiten
absoluten Zahlen rund 50 Milliarden Dollar mehr für bei der amerikanischen Produktivität kann durch länneue Betriebe und Geräte als die amerikanische Indu- gerfristige Maßnahmen des Managements und die
strie. Darüber hinaus gibt es Anzeichen, daß die von Präsident Bill Clinton versprochene verbesserte
japanische Industrie mit den Vereinigten Staaten bei Wirtschafts- und Bildungspolitik korrigiert werden.
Ausgaben für von der Industrie geförderte Forschung
und Entwicklung gleichgezogen hat. Es wäre eine Die guten Nachrichten für die Vereinigten Staaten
logische Erwartung, daß Japan irgendwann in den sind, daß die amerikanische Produktivität bei einigen
neunziger Jahren einen sehr viel höheren Zuwachs bei wichtigen Technologien wie Mikroprozessoren und
der Produktivität im Fertigungsbereich verzeichnen Laptops sowie in Schlüsselbereichen des Dienstleiwird als die Vereinigten Staaten. Das wird geschehen, stungssektors wie Softwareprogrammen verglichen
wenn die Auswirkungen der in der zweiten Hälfte der mit Japan und allen anderen Ländern ausgezeichnet
achtziger Jahre vorgenommenen japanischen Kapital- ist. Unternehmen wie Motorola demonstrieren weiterinvestitionsspritze voll und ganz zum Tragen kommen. hin, daß gutes Management und vernünftige UnterSolange die japanische Industrie weiterhin in absolu- nehmensprioritäten Wunder für Produktivitätszuwächten Zahlen mehr Geld für die Rohstoffe der Produktivi- se bewirken können.
tät ausgibt, sollte die Produktivitätszuwachsrate in
Der genaue Status und die Perspektiven für die ProJapan kontinuierlich höher sein. Stellt man ein einfaduktivität der Vereinigten Staaten verglichen mit ihren
ches Rechenexempel an, so würde dies bedeuten,
Haupthandelspartnern sind zu komplex, um in einem
daß die Vereinigten Staaten bei der Produktivität im
Bericht erfaßt zu werden, selbst wenn er so detailliert
Fertigungsbereich eines Tages überrundet werden.
ist wie der vom McKinsey Global Institute erstellte.

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AMERIKA DIENST 33

�Meine Meinung zum Problem der amerikanischen
Wettbewerbsfähigkeit ist negativer als die der Optimisten mit der Auffassung, die unsichtbare Hand des
Marktes löse alle Probleme, aber weniger negativ als
die der Pessimisten, die behaupten, die Vereinigten
Staaten befänden sich in einer anhaltenden konjunkturellen Talfahrt. Die Vereinigten Staaten sind kein
müdes Land in permanentem Niedergang. Sie sind ein

*

AMERIKA DIENST 33

Land, das die schwierigen Herausforderungen einfach
nicht gut verstanden hat, die sich nach der Globalisierung des Wettbewerbs ergeben haben. Die kritische
Frage lautet, wann das amerikanische Volk die Notwendigkeit für die erforderlichen kurzfristigen Opfer
akzeptieren wird, um langfristig eine produktivere
Volkswirtschaft hervorzubringen.

*

Seite 5

�WIRTSCHAFT
18. August 1993

KONKURRENZFÄHIGKEIT AUFGRUND
NATIONALER CHARAKTERISTIKA
von Daniel B. Moskowitz
Angesichts der Herausforderungen der Weltwirtschaft konzentrieren sich Vertreter von Wirtschaft u nd Regierung
der Vereinigten Staaten in zunehmendem Maße auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit, so der Verfasser
des vorliegenden Artikels. Ihm zufolge hatten die Industriezweige den größten Erfolg, die sich die Stärken des
amerikanischen Charakters - wie Ideenreichtum und persönliche Freiheit - zunutze machten. Daniel Moskowitz
ist freiberuflicher Schriftsteller und lebt in Washington.

Die Geschichte der amerikanischen Wirtschaft wurde
in den vergangenen 50 Jahren in vielerlei Hinsicht vom
Zweiten Weltkrieg geprägt. Aus dieser Feuersbrunst,
die einen Großteil Europas und Asiens zerstört hatte,
gingen die Vereinigten Staaten mühelos als die tonangebende Wirtschaftsmacht der Welt hervor. Die Unternehmen brauchten nur Waren herzustellen, um
kurz nach dem Krieg Gewinne zu erzielen - zu einer
Zeit, die von einer aufgestauten Nachfrage der Konsumenten nach zu Kriegszeiten nicht verfügbaren Gütern gekennzeichnet war und einem Binnenmarkt, der
vom Atlantik bis zum Pazifik reichte. Im Jahr 1945
wurde die Hälfte aller weltweit verfügbaren Waren und
Dienstleistungen von amerikanischen Unternehmen
bereitgestellt.

Die Führungskräfte an der Spitze amerikanischer
Unternehmen mußten umdenken. Nachdem die Tage
des unkritischen Kaufrausches unmittelbar nach dem
Weltkrieg vorüber waren, mußten die Unternehmen
mit den anderen Firmen im Land um die Loyalität der
Kunden konkurrieren. Jetzt ist die internationale
Konkurrenzfähigkeit jedoch zu einer täglichen Sorge
geworden. In den Vereinigten Staaten haben die
Konsumenten gezeigt, daß sie schnell auf importierte
Waren zurückgreifen, falls diese ein besseres Geschäft versprechen. Die amerikanischen Unternehmer wiederum sind sich der Tatsache bewußt geworden, daß sie ihre Waren und Dienstleistungen im
Ausland absetzen müssen, wenn sie in der entstehenden Weltwirtschaft zu Wohlstand gelangen wollen.

Aber in diesem einfach zu erlangenden Wohlstand
keimten bereits die Schwierigkeiten, mit denen sich die
amerikanische Wirtschaft erst seit kurzer Zeit systematisch befaßt. Da der Absatz keine Schwierigkeiten
bereitete, vernachlässigten viele amerikanische Unternehmen die Aufgaben, ihre Produkte in Einklang mit
den sich wandelnden Verbraucherwünschen zu bringen, die Qualität ihrerWaren zu prüfen und die Wiedererstarkung und zunehmende Marktmacht anderer
Produzenten in der Welt zu beobachten. Industrieller
Wandel vollzieht sich langsam, und der Rest der Welt
benötigte eine Generation, um seine ehemalige Wirtschaftsmacht wiederzuerlangen. In den letzten beiden
Jahrzehnten haben die Vereinigten Staaten jedoch
jährlich nur ein Viertel des weltweiten Output hergestellt - was dem historischen Stand der Wirtschaft in
den dreißiger Jahren entspricht.

Auch Regierungsvertreter widmen der internationalen
Konkurrenzfähigkeit amerikanischer Unternehmen
verstärkte Aufmerksamkeit. Dies gilt insbesondere
seit dem Ende der Ost-West-Spannungen, die die
Weltpolitik für den Großteil der Nachkriegszeit beherrschten. "Wirtschaft, Finanzen und Handel sind
derzeit der Dreh- und Angelpunkt der internationalen
Herausforderungen", so David C. Mulford, ehemaliger
Staatssekretär im Finanzministerium. "Unsere führenden Politiker neigten dazu, den internationalen Herausforderungen mit Hilfe des Militärs, der Nachrichtendienste und der Diplomatie zu begegnen. Die derzeitigen Herausforderungen sind jedoch zunehmend
wirtschaftlicher Natur, und die Weltwirtschaft stellt
eine neue Realität dar."

AMERIKA DIENST 33

Einige Industriezweige passen sich hervorragend an
diese neue Situation an, andere müssen noch viel
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�aufholen. Die Lektion der Gewinner stellt in Ansicht,
daß Erfolg davon abhängt, sich die Stärken des Nationalcharakters der Vereinigten Staaten zunutze zu
machen. In seinem vieldiskutierten Werk The Competitive Advantage of Nation« schreibt Michael E.
Porter von der Harvard Business School:

Stattdessen wird gegenwärtig darauf Wert gelegt, daß
die Unternehmen auf Anhaltspunkte des Marktes
reagieren und der Regierung sagen, in welche Richtung sie ihre enormen Forschungsbemühungen lenken sollte. Beispielsweise stammt über die Hälfte des
380 Millionen betragenden Jahresbudgets des modernen Technologieprogramms des National Institute of
In den Vereinigten Staaten gibt es viele Gebiete, Standards and Technology aus der Industrie. Die
die grundlegende Vorteile versprechen, beispiels- Unternehmen legen die Tagesordnung für die Forweise renommierte Universitäten, einzigartige schung fest, eine Politik, die dem Stellvertretenden
Nachfragekonditionen in einigen Bereichen, Ri- Wirtschaftsminister John Lyons zufolge insbesondere
sikobereitschaft und die lebhafte Gründung neuer verhindern soll, daß die Bürokraten die Entscheidung
Unternehmen. Auch bestehen demographi- darüber treffen, welche technologischen Möglichkeische Kräfte, die Druck auf einen Produktivitäts- ten vielsprechend sind und welche nicht weiterverfolgt
anstieg und eine höhere Sparquote ausüben. werden sollten.
Der schnelle Wandel im Technologiebereich
eröffnet eine große Anzahl neuer Chancen für Ein werterer Aktivposten, den sich amerikanische
Erfindungsreichtum und Unternehmergeist in Unternehmen zunutze machen, ist die Offenheit der
Amerika.
Gesellschaft, die Leichtigkeit, mit der sowohl neue
Ideen als auch Menschen in dieses Gefüge aufgenomDie Vereinigten Staaten sind im Dienstleistungsbe- men werden. Nahezu 20 Prozent der derzeit in den
reich weltweit führend - amerikanische Untemehmens- Vereinigten Staaten tätigen Ingenieure wurden im
und Finanzberater, Werbeagenturen und sogar An- Ausland geboren. Nye, ein ehemaliger Beamter des
waltskanzleien haben sich auf der ganzen Welt nieder- Außenministeriums, der Leiter des Zentrums für intergelassen und sind Gesellschaften dabei behilflich, in nationale Angelegenheiten an der Harvard University
der internationalen Geschäftswelt den amerikanischen ist, stellt fest: "Wir sind eine Nation von Einwanderern,
Stil anzunehmen.
und wir waren sehr erfolgreich beim Import menschlicher Ressourcen und - was noch wichtiger ist - ihrem
Die meisten Diskussionen über die internationale schnellen Aufstieg."
Wettbewerbsfähigkeit konzentrieren sich jedoch auf
den Export von Waren, nicht Dienstleistungen. Da die Die Betonung der Freiheit und der wunderbaren soziaexportierten Waren von Arbeitnehmern in den Verei- len Mischung, die sich aus dem ständigen Fluß neuer
nigten Staaten hergestellt werden, sind sie für die Ideen und Stile ergibt, hat eine Kultur geschaffen, die
Wirtschaft von direktem Vorteil. Für die Hersteller ist auf der ganzen Welt bewundert und akzeptiert wird.
es schwieriger, Methoden der Unternehmensführung Die weitverbreitete Bewunderung vieler Aspekte des
zu finden, die den amerikanischen Charakter ausdrük- amerikanischen Lebensstiles bietet einen aufnahmeken.
fähigen Markt für Industriezweige, die diese kulturelle
Für die Erfolgreichen stellt der fundamentale Glaube Einstellung in ihren Produkten und Dienstleistungen
an die Märkte ein entscheidendes amerikanisches widerspiegeln.
Charakteristikum dar - daß die Konsumenten ein
besserer Anzeiger der Bedürfnisse einer Wirtschaft
sind als jeder Analytiker von Trends in einer Landeshauptstadt. Die Clinton-Administration hat deutlich
gemacht, daß sie zwar zur Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit eine verstärkte Zusammenarbeit mit der
Geschäftswelt anstrebt, jedoch nicht die Absicht hat,
die Länder zu imitieren, in denen die Politiker bestimmte Ziele für einzelne Sektoren festsetzen.

Auf Erfindungsreichtum aufgebaute und den Abnehmern von Waren und Dienstleistungen eine gewisse
persönliche Freiheit vermittelnde amerikanische Industrien sind wahrscheinlich die stärkeren Konkurrenten.
Ein Beispiel hierfür ist der Computermarkt.

"Computerunternehmen in den Vereinigten Staaten
haben besonders geschickt ihre eigenen Technologien für den Entwurf und Bau neuer Produkte genutzt,
was ihnen wiederum erlaubt hat, die für die ProduktDer Schlüsselgedanke der persönlichen Freiheit - selbst entwicklung erforderliche Zeit erheblich zu reduziewenn sie kurzfristig die Effizienz behindert - ist in den ren", erklärt Tim Miles, Analytiker der ComputerinduVereinigten Staaten zu tief verwurzelt, als daß zentrale strie im Wirtschaftsministerium. Einer Untersuchung
Planung als Maßnahme akzeptiert würde. Der Wirt- des Automation Forum zufolge steht die amerikanischaftshistoriker Joseph Nye, einer der scharfsinnig- sche Computerindustrie im Hinblick auf die Automatisten Chronisten der sich wandelnden Natur nationaler sierungsinvestition pro Arbeitnehmer an zweiter StelMacht, erklärt: "Ein Großteil der Kreativität der ameri- le; die Umfrage zeigt, daß sich Computerhersteller bei
kanischen Gesellschaft ist außerhalb der Regierung Entwurf, Konstruktion und Herstellung ihrer Produkte
zu finden. Unternehmergeist, soziale Mobilität, soziale eines Computers bedienen.
Integration - diese Dinge hängen nicht von der Zentralregierung ab."
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AMERIKA DIENST 33

�Es wird allgemein anerkannt, daß die Amerikaner ihren
internationalen Konkurrenten bei der Entwicklung zeitgemäßer Software weit voraus sind. Eine Aufstellung
der Zeitschrift Datamation über die Spitzensoftwarehersteiler der ganzen Welt zählt sechs amerikanische
Unternehmen zu den 10 wichtigsten Firmen weltweit.

strieren." Amerikanische Firmen haben einen besonders starken Stand bei der Bereitstellung hochwertiger
Datenkommunikationsdienste wie großräumiger Vernetzung, elektronischer Post und Datenverarbeitung.

Im Jahr 1992 schloß die Sprint Corporation, die Nummer
drei der amerikanischen Telefongesellschaften, einen
Insgesamt kontrollieren amerikanische Unternehmen Vertrag zum Betrieb des Kommunikationsnetzes ab,
75 Prozent des Weltmarktes für Softwarepakete. Diese mit dessen Hilfe Unilever seine Betriebe und Büros in
Vorrangstellung wird wohl weiterbestehen, da For- 17 Ländern verbindet. AT&amp;T entwirft zur Zeit ein Netschungslaboratorien - private, akademische und staat- zwerk, an dem jedes Unternehmen anteilmäßig Speiliche - jetzt bei ihrer Arbeit an 'Virtual realrty"-Program- cherkapazität für Daten und eventuell Sprachkommumen einen Durchbruch erzielen, der Computerbenut- nikation erwerben kann, wodurch den Nutzem eine
zern in Wissenschaft, Architektur und Bildung Zugang einzige Quelle angeboten wird, statt sich bei der
zu diesem interaktiven, dreidimensionalen Umfeld Geschäftsabwicklung in jedem Land mit einem anderen Monopol befassen zu müssen. Die Anbieter von
verschafft.
örtlichen Telefondiensten in den Vereinigten Staaten
Die amerikanischen Unternehmen haben jedoch bei stellen auf der ganzen Welt Zellularfunk bereit und
den Aspekten nicht Schritt gehalten, bei denen Fort- engagieren sich verstärkt in Venezuela, Chile, Rußschritte mit hartnäckiger Entwicklungsarbeit gekoppelt land, Ungarn, Portugal und Dänemark.
sind, beispielsweise Miniaturisierung und Datenanzeige. Diese Schwäche wird jedoch voraussichtlich an Ein weiteres Gebiet, auf dem die Vereinigten Staaten
Bedeutung abnehmen, da sich das künftige Wachs- dank ihrer Erfindungsgabe einen beträchtlichen Teil
tum dieser Branche viel schneller in den Bereichen des Weltmarktes eroberten, ist das der medizinischen
Software und Dienstleistungen ereignen wird als in der Produkte. Dabei handelt es sich um einen Bereich, in
Hardware. Die alten Vorstellungen von Hardware und dem die Vereinigten Staaten trotz des angestrengten
Software als verschiedene Einheiten schwinden all- Werbens ausländischer Hersteller um amerikanische
mählich, was zum Vorteil der amerikanischen Herstel- Käufereinen Handelsbilanzüberschuß von 3,1 Milliarler ist. Nye zufolge ist es "zur Zeit sehr schwierig, eine den Dollar zu verzeichnen hatten. Besonders lebhaft
klare Trennlinie zwischen Produktion und Dienstlei- ist der Handel mit chirurgischen Instrumenten, einem
stung zu ziehen. Tatsächlich sind die meisten elektri- Bereich, in dem amerikanische Erfinder Instrumente
schen und Computerausrüstungen eine seltsame für ambulante Behandlungen entworfen haben, die
Mischung. Schaltgeräte stellen ein solches Gebiet früher einen stationären Krankenhausaufenthalt erfordar, auf dem die Amerikaner zudem auf dem laufenden derten. Selbst wenn eine sofortige Entlassung der
geblieben sind." Geräte für die Vernetzung im Tele- Patienten aus dem Krankenhaus nicht möglich ist, so
kommunikationsbereich erfreuen sich trotz der be- Michael Fuchs, Branchensachverständiger des Wirtträchtlichen Behinderung des Absatzes im Ausland schaftsministeriums, "führt der technologische Fortaufgrund der unterschiedlichen technischen Normen schritt zu einer Veränderung der chirurgischen Verfahaußerhalb Nordamerikas eines soliden Exportmark- ren. Die neuen Verfahren erfordern oftmals nur einen
kleinen Eingriff, was zu weniger Unannehmlichkeiten
tes.
für den Patienten und kürzeren KrankenhausaufentIm gesamten Telekommunikationsbereich erntet die halten führt."
amerikanische Industrie in der Tat die Früchte des
Glaubens der Vereinigten Staaten an den Markt als Der Geschicklichkeit der Vereinigten Staaten bei der
Zuteiler der Ressourcen. Vor Jahren wurde in den Entwicklung der neuesten medizinischen Geräte kommt
Vereinigten Staaten die Verbindung zwischen Orts- die Fertigkeit einiger Hersteller in den Vereinigten
und Ferngespräche anbietenden Telefongesellschaf- Staaten im Elektronikbereich gleich, moderne mediziten aufgelöst, und das Monopol für Ferngespräche, nische Sichtgeräte, implantierbare Herzschrittmacher
das nur ein Unternehmen - American Telephone &amp; und neue Überwachungsgeräte zu produzieren. Bei
Telegraph - innehatte, wurde abgeschafft, um Konkur- der Klasse der elektromedizinischen Geräte wird mehr
renten eine Chance zu geben. Da jetzt andere Länder als ein Drittel des Output amerikanischer Hersteller
- insbesondere die Mitglieder der Europäischen exportiert, und Analytiker erwarten eine Fortsetzung
Gemeinschaft - sich dem Wettbewerbsmodell zuwen- dieser Tendenz in den kommenden Jahren. Allein im
den, um die Fernverbindungen zu erweitern, schlagen Jahr 1993 sollen die Exporte nach Europa um 11
amerikanische Unternehmen Kapital aus der Möglich- Prozent ansteigen. Die anhaftende starke Nachfrage
keit, in einem derartigen nichtregu Herten Umfeld durch wird von Fortschritten genährt wie beispielsweise der
den Abschluß größerer Verträge zu prosperieren.
Entwicklung eines Gerätes, das es dem Arzt ermöglicht, ein EKG des Patienten nicht nur in der Praxis
"Wir hissen die Fahne", so Joseph C. Nacchio, Präsi- sondern während täglicher Belastungen vorzunehdent des Telekommunikationszweiges von AT&amp;T. "Dies men.
ist eine Möglichkeit, Führungsqualitäten zu demonAMERIKA DIENST 33

Seite 3

�"Die Vereinigten Staaten verkörpern ein System zur
Schaffung und Aufrechterhaltung des einzigartigen
Vorteils dieser Industrie", so Porter. "Amerikanische
Unternehmen waren die Quelle nahezu aller Innovationen in der Industrie und wurden durch anspruchsvolle
Käufer, eine Zulieferindustrie von Weltklasse, inländischen Wettbewerb und hohe Investitionen angetrieben."
Nicht alle Branchen in Amerika können jedoch internationale Wettbewerbsfähigkeit auf der Grundlage neuer
Technologien vorweisen. Einige der herkömmlichen
Sektoren, die einen Verlust von Marktanteilen an ihre
aggressiven ausländischen Konkurrenten erlitten, zeigen
neue Vitalität. Ein Beispiel dafür ist die Automobilindustrie.
In vielleicht keinem anderen Industriezweig war der
Schock der Wettbewerbsfähigkeit der Neuen Welt
stärker als im Kraftfahrzeugbereich. Die Amerikaner
haben nicht nur als erste die Massenproduktion von
Autos eingeführt, sie entwickelten auch einen ganzen
Lebensstil - von der städtischen Entwicklung bis hin zu
den sozialen Mustern der Jugend - anhand der Tatsache, daß praktisch jede Familie ein Auto zur Verfügung
hatte. Führungkräfte der Automobilindustrie in Detroit
(der Hauptstadt der amerikanischen Automobilproduktion) reagierten mit Bestürzung, als importierte
Autos ihnen ihre Kunden wegnahmen.
Sie haben jedoch ihre Lektion gelernt und sind zu den
Grundlagen der Bedarfsermittlung des Marktes zurückgekehrt. Sie stellen Produkte her, die wirklich den
Bedürfnissen der Kunden entsprechen. Beispielsweise haben die amerikanischen Automobilhersteller schnell
begriffen, daß Kleinlaster nicht länger nur ein Produkt
für Geschäftsleute, sondern auch für viele Familien
darstellen. Heutzutage beherrschen amerikanische
Produkte diesen Teil des Marktes. Im Jahr 1993 stand
der Industriezweig wieder auf der offiziellen Regie-

rungsliste der am schnellsten wachsenden amerikanischen Branchen, wo er den sechsten Platz einnahm.
Die damit in engem Zusammenhang stehende Gruppe
der Auto-und Zubehörteile rangiert ebenfalls unter den
ersten zehn. Obwohl die gesamte Handelsbilanz für
Kraftfahrzeuge weiterhin negativ ist - in gewissem
Grade weil die Unternehmen sich eher zur Produktion
im Ausland als zum Export aus den Vereinigten Staaten entschließen - ist der Wert der Exporte in den
letzten Jahren stetig gestiegen. Im Jahr 1993 wird er
sich der Marke von 20 Milliarden Dollar nähern, was
gesunde 40 Prozent über dem Niveau von 1990 liegt.
Der Regierung angehörende Volkswirtschaftler prognostizieren, daß sowohl die Exporte fertiger Fahrzeuge als auch die von Autozubehör langfristig bedeutend
ansteigen werden.
Der Schlüssel für den Erfolg der Automobilhersteller ist
eine kürzere Reaktionszeit, in der als Resultat der
Marktforschung entstandene neue Produkte und überarbeitete Modelle in immer kürzeren Abständen in die
Ausstellungsräume gelangen. Die großen Automobilhersteller haben auch gelernt, wie man mit begrenzten
Produktionsserien Gewinne erzielt, indem man Produkte für Marktlücken entwickelt, anstatt eine Auswahl
mehrerer Produkte anzubieten, die alle zufriedenstellen sollen.
Angesichts der sich immer schneller vollziehenden
Veränderungen auf der Weh kann sich keine Branche
auf ihren Lorbeeren ausruhen. Die Industriezweige,
die ausländischen Konkurrenten gegenüber heute im
Vorteil sind, werden morgen selbst von ihren Konkurrenten in Schwierigkeiten gebracht, wenn sie nicht
flexibel bleiben und sich an wandelnde Gegebenheiten
anpassen. Alles deutet darauf hin, daß die amerikanischen Manager diese Realität begriffen haben und
wissen, wie sie sich auf der internationalen Bühne
nationale Stärken zunutze machen können.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 33

�18. August 1993

CLINTON ERNENNT NEUEN VORSITZENDEN
DER VEREINIGTEN STABSCHEFS
General Shalikashvili soll Nachfolger Colin Powells werden
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat den
Obersten Alliierten Befehlshaber Europa, General John
Shalikashvili, zum Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs ernannt.
Im Falle seiner Bestätigung durch den Senat wird
General Shalikashvili Nachfolger von Colin Powell als
höchster Offizier des Landes. Colin Powell geht am
30. September dieses Jahres in den Ruhestand.
Clinton stellte in seiner im Rosengarten des Weißen
Hauses überraschend abgegebenen Erklärung fest,
General Shalikashvili, der Enkel eines Generals der
zaristischen Armee Rußlands, sei "ein leuchtendes
Beispiel für das Beste in den Vereinigten Staaten und
ihren Streitkräften".

Präsident Clinton zufolge ist Shalikashvili "durch und
durch Soldat" und für diesen Posten außerordentlich
qualifiziert. Er fügte hinzu, General Shally - wie ihn
seine Freunde nennen - sei ein "bewährter Krieger, ein
kreativer und flexibler Visionär, der die Vielfalt unterschiedlicher Konflikte auf der Welt - ethnische, religiöse und politische - ebenso gut verstehe wie die
immensen Chancen für die Vereinigten Staaten und
die Sache der Freiheit".
Der General hat Clinton zufolge seine Fähigkeit unter
Beweis gestellt, mit den NATO-Verbündeten der Vereinigten Staaten "unter komplexen und eine Herausforderung darstellenden Umständen" zusammenzuarbeiten und "wirkliches Interesse an den Männern und
Frauen in unseren Streitkräften" gezeigt. Shalikashvili
verstehe es, das Militär abzubauen und gleichzeitig
"die stärksten Streitkräfte auf der Welt" beizubehalten.

Der in Warschau geborene Shalikashvili kam im Alter
von 16 Jahren in die Vereinigten Staaten, lernte Englisch mit Hilfe von John Wayne-Filmen, trat in die Der General ist ein Veteran des Vietnamkrieges und
Armee ein und stieg bis zum Rang eines Viersternege- war Befehlhaber der Operation Provide Comfort, die
nerals auf.
der kurdischen Minderheit im Nordirak Nahrungsmittel
bereitstellte und eine Schutzzone vor Saddam HusShalikashvilis Vater, ein ehemaliger Offizier der Armee
seins Terrorregime errichtete. Shalikashvili war als
Georgiens, floh unmittelbar vor dem Anrücken der
Mitarbeiter Colin Powells bei den Vereinigten StabsSowjetarmee im Jahre 1944 mit seinem achtjährigen
chefs tätig. "Er genießt den tiefverwurzelten Respekt
Sohn aus Warschau. Wie Präsident Clinton feststellte,
sowohl der Truppen, die unter ihm dienten, als auch
standen der General und seine Familie inmitten "eines
der Offiziere, die mit ihm zusammenarbeiteten", äußerKreuzfeuers nationaler und ethnischer Rivalitäten, die
te der Präsident.
jetzt einen so großen Teil unserer Welt heimsuchen".
"Ich habe mich für ihn entschieden", so der Präsident, Clinton führte die Tätigkeit des Generals in der NATO,
"weil er meines Erachtens Führungsqualitäten besitzt wo er eine schnelle Eingreifbrigade ins Leben gerufen
und in der Lage ist, jede militärische Aktion zu gewin- hatte, als zusätzlichen Grund für seine Ernennung an.
nen, die unsere Nation ihm abverlangen könnte. Vor "Das Ende des Kalten Krieges", so der Präsiden; "hat
allem bin ich zuversichtlich, daß er mich jederzeit viele Möglichkeiten für unsere Sicherher! geschaffen.
absolut offen und professionell bei militärischen Fra- General Shally ist der richtige Mann, um unsere Streitgen beraten wird, wie ich es als Präsident benötige". kräfte in dieser Zeit der Herausforderungen zu führen."
* *

AMERIKA DIENST 33

*

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