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Embassy of the United States of America

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31. März 1993

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RUSSLAND

CLINTON BITTET DEUTSCHLAND UM MEHR
HILFE FÜR RUSSLAND
"Vordringliche Herausforderung"
für den Westen

SERBIEN

CLINTON: SERBIEN MUSS "GEMETZEL'
IN BOSNIEN EINSTELLEN
Welt wird Grausamkeiten bald nicht
mehr hinnehmen
DURCHSETZUNG DER SANKTIONEN
GEGEN SERBIEN/MONTENEGRO
Übersicht des Weißen Hauses

AUSSENPOLITIK

CHRISTOPHER ERLÄUTERT US-AUSSENPOLITIK VOR UNTERAUSSCHUSS
"Wesentlich günstigere Richtung" in
Bosnien festgestellt
FÜHRUNGSROLLE DER USA IN EUROPA
GEWÜNSCHT
Anhörung Oxmans vor Senatsausschuß

NATO

ZEIT IST REIF FÜR AUFBAU DEMOKRATISCHER PARTNERSCHAFT
Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers bei NATO-Treffen

NAFTA

NAFTA-GEGNER IN WASHINGTON AKTIV
Perot warnt vor übereilten Maßnahmen

MEDIEN

DIE MACHT DER FERNSEHNACHRICHTEN
von Joshua Meyrowitz

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228 339 2372
Fax: 0228 33 41 02

�RUSSLAND
31. März 1993

CLINTON BITTET DEUTSCHLAND
UM MEHR HILFE FÜR RUSSLAND
"Vordringliche Herausforderung" für den Westen

WASHINGTON - (AD) - Am 26. März 1993 bat Präsident Clinton um die Beteiligung Deutschlands an einem "großen Kreuzzug" zur Förderung von Freiheit,
Demokratie und Menschenrechten auf der ganzen
Welt.

Ansatz dargelegt, den er bei seinem Treffen mit Präsident Jelzin in Vancouver nächste Woche verfolgen
werde.

"Meines Erachtens stimmen wir bezüglich des allgemeinen Ansatzes überein", erläuterte Clinton im HinIn Gegenwart von Bundeskanzler Kohl rühmte Clinton blick auf Kohls Haltung, "und ich weiß, daß wir alles in
bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus die Rolle unserer Macht Stehende tun werden, um Demokratie
Deutschlands in der Zeit nach dem Kalten Krieg als und Reformen in Rußland am Leben zu erhalten. Wir
Verbündetem, der Schulter an Schulter mit den Verei- sind überzeugt, daß dies im unmittelbaren und langfrinigten Staaten den Kommunismus bekämpft habe. stigen Interesse unserer Völker liegt."
Nun, so der Vorschlag des Präsidenten, sei es an der
Clinton fuhr fort, Bundeskanzler Kohl und er seien
Zeit für Deutschland, mehr Hilfe für den ehemaligen
einer Meinung, daß die Gruppe der Sieben (G-7) "mit
Gegner Rußland zu leisten - so wie die Vereinigten
uns und untereinander zusammenarbeiten muß, um
Staaten ihrem damaligen Feind Deutschland nach
unverzüglich ein Unterstützungsprogramm für Rußdem Zweiten Weltkrieg beigestanden hätten.
land hervorzubringen".
Die "vordringliche Herausforderung"fürden Westen in
dieser Zeit nach dem Kalten Krieg bestehe Clinton Der Präsident fügte hinzu, er werde seine Berater
zufolge in der Sicherstellung des Erfolges von Freiheit anweisen zu prüfen, wie die von den Vereinigten Staaund freien Marktwirtschaften in Rußland und anderen ten im vergangenen Jahr für Rußland bereitgestellten
Mittel verwendet worden seien - 650 Millionen Dollar
Gebieten der ehemaligen Sowjetunion.
für Rußland und die anderen ehemaligen Sowjetrepu"Wir müssen heute eine Führungsrolle in dem großen bliken sowie 850 Millionen Dollar für EntnuklearisieKreuzzug der Nachkriegszeit übernehmen, um Frei- rungsbestrebungen. Der Großteil der Summe sei
heit, Demokratie, Menschenrechte und freie Markt- noch nicht ausgegeben worden, stellte erfest. Erwolle
wirtschaften auf der ganzen Welt zu fördern", erklärte die Probleme identifizieren und sondieren, ob sie auf
Clinton mit der Bekräftigung, daß Washington und ein Versagen der Vereinigten Staaten, "Engpässe
Bonn "eng zusammenarbeiten müssen ... wenn die oder Hemmnisse in Rußland", oder auf die Unfähigkeit
Rußlands zurückzuführen seien, die internationalen
Welt Fortschritte erzielen und prosperieren soll".
Kreditvergabekriterien zu erfüllen.
Er bezeichnete Deutschland als Anker der Stabilität
und Quelle neuer Ideen bei der Bewältigung der neuen Wenn der Prozeß abgeschlossen sei, so Clinton,
Herausforderungen, mit denen sich die Welt konfron- "werden wir uns ernsthaft um eine Beurteilung bemüht
tiert sehe, insbesondere um "das Überleben von haben, was mit dem letzten Vorschlag geschehen ist,
Demokratie und Wirtschaftsreformen in Rußland und wo die Probleme lagen und wie wir sie umgehen
den anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion" können". Ihm zufolge habe er noch keine endgültige
Entscheidung über den finanziellen Umfang des neuzu gewährleisten.
en Pakets getroffen, prognostizierte jedoch, daß es
Clinton stellte fest, er habe das Hilfspaket für Rußland "umfassend und umfangreich" sein werde.
ausführlich mit Bundeskanzler Kohl erörtert und den
AMERIKA DIENST 13

Seite 1

�Clinton fuhr fort, Bundeskanzler Kohl und er hätten
Sicherheitsangelegenheiten erörtert und stellte fest, er
habe dem Bundeskanzler versichert, sein Haushalt
sehe die weitere Stationierung von rund 100.000
amerikanischen Soldaten in Europa vor. Selbst wenn
jede Nation jetzt individuell einen höheren Verteidigungsbeitrag leiste, fügte Clinton hinzu, "vertreten wir
die Auffassung, daß die europäische und amerikanische Sicherheit unteilbar ist".
Sowohl Kohl als auch Clinton brachten ihr erneutes
Engagement für den erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde der Handelsgespräche zum Asudruck.
Clinton zufolge besteht die wachsende Erkenntnis,
daß "Wachstum für ein einzelnes Land ohne allgemeines Wachstu m sehr schwierig ist" u nd für alle Nationen
bei der Erlangung eines Abkommens, "das uns die
Förderung globalen Wachstums gestattet, viel auf
dem Spiel steht".
Zuvor hatte der Kommunikationsdirektor des Weißen
Hauses, George Stephanopulos, Berichte aus Tokio
begrüßt, der russische Präsident Jelzin sei zum Wirt-

*

*

schaftsgipfel im Juli eingeladen worden. "Dies sollten
wir begrüßen - seine Teilnahme am Treffen der G-7 in
Tokio", erklärte er.
Stephanopoulos enthielt sich erneut eines Kommentars zu den täglichen Entwicklungen in Rußland, wo
sich Jelzin in einem Machtkampf mit dem russischen
Kongreß befindet, bezeichnete die offensichtliche
Abkühlung der Auseinandersetzungen jedoch als
"ermutigend... Alles, was zu einer Beilegung der
Meinungsverschiedenheiten und zu Fortschritten beim
Reformprozeß beitragen kann, ist eine gute Nachricht."
Ihm zufolge sei Clinton "erfreut" über die Reaktion von
12 Kongreßabgeordneten, die er zur Erörterung der
Rußlandhilfe am 25. März eingeladen habe. "Meines
Erachtens sind sie sich bewußt", stellte er fest, "daß
dies ein historischer Augenblick ist und wir alles in
unserer Macht Stehende tun müssen, um Rußland bei
Fortschritten in dem Prozeß von Marktreform und
Demokratisierung behilflich zu sein."

*

*

AMERIKA DIENST 13

�SERBIEN
31. März 1993

CLINTON: SERBIEN MUSS "GEMETZEL"
IN BOSNIEN EINSTELLEN
Welt wird Grausamkeiten bald nicht mehr hinnehmen

WASHINGTON - (AD) - Die internationale Ungeduld gegen die gut ausgerüsteten serbischen Streitkräfte
mit Serbien wird rasch zunehmen, wenn Belgrad das zu verteidigen.
"Gemetzel" in Bosnien-Herzegowina fortsetzt, erklärte
"Die internationale Ungeduld mit den Serben wird
Präsident Clinton am 26. März 1993.
ziemlich rasch zunehmen", so der Präsident, "wenn sie
Da zwei der drei beteiligten Parteien dem von den das Gemetzel in Bosnien fortsetzen wollen... Vornicht
Schlichtern Cyrus Vance und Lord David Owen ausge- allzulanger Zeit handelten sie als ob sie der Auffassung
handelten Plan positiv gegenüberstünden, wird Ser- wären, dies sei ein ziemlich gutes Verhandlungserbien dem amerikanischen Präsidenten zufolge als gebnis."
einzige widerstrebende Partei größerem Druck der
Völkergemeinschaft ausgesetzt sein, seine Haltung zu Der Führer der Serben, Radovan Karadzic, stellte der
New York Times gegenüber fest, es gebe "keine
ändern.
Chance", daß die Serben in Bosnien die von Vance
Clinton äußerte sich zu diesem Thema im Weißen und Owen vorgeschlagene Landkarte mit den 10 halbHaus bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit autonomen Provinzen akzeptieren werden. Er werde
Bundeskanzler Helmut Kohl, der sich zu einem Ar- die bosnischen Serben über die Gefahren verschärfter
beitsbesuch in Washington aufhielt, um Themen wie Sanktionen und weltweiten Drucks in Kenntnis setzen
die Wirtschaftshilfe für Rußland, die Lage in Bosnien und prognostizierte: "Sie werden feststellen, daß 12
und das Gipfeltreffen der sieben führenden Industrie- Millionen Serben bereit sind, die ganze Welt gegen
staaten in Tokio zu erörtern. Beide Männer führten sich zu haben."
kurze Gespräche mit dem bosnischen Präsidenten
Izetbegovic, der zu einem Treffen mit Vizepräsident "Wir müssen den Druck aufrechterhalten", erklärte
Clinton, da nun zwei der drei Blöcke unterzeichnet
Gore ins Weiße Haus gekommen war.
hätten. Er lehnte es jedoch ab, den Serben eine Frist
Die Unterzeichnung des Friedensabkommens durch bis zur Annahme zu setzen, "weil die Entwicklungen
Izetbegovic und die kroatische Delegation habe die neu sind". Andererseits schloß er nicht aus, daß zu
Mitgliedstaaten des Sicherheitsrats der Vereinten einem anderen Zeitpunkt eine solche Frist gesetzt
Nationen "noch stärker dazu motiviert, die Durchset- wird.
zung der Flugverbotszone" gegen serbische Flugbewegungen über Bosnien zu gewährleisten, erklärte Clinton stellte fest, er werde nun "alles in unserer
Clinton. Die Vereinten Nationen würden die Durchset- Macht Stehende tun", umdie Serben zur Annahmeder
zung der Zone "innerhalb der nächsten Tage" in Angriff Übereinkunft zu bewegen, wobei zunächst diplomatinehmen. Der Präsident fügte hinzu, er werde "eine sche Mittel eingesetzt würden. "Wenn es zu irgendReihe weiterer Maßnahmen, einschließlich des Waffe- welchen Verzögerungen kommt", so der Präsident,
nembargos, mit unseren Verbündeten erörtern", wenn "werden wir tun, was wir können, um das Embargo zu
der Friede nicht bald erreicht wird. Clinton hat zu verstärken. Das Embargo hat bereits ziemlich effektiv
verstehen gegeben, er stehe einer teilweisen Aufhe- wirtschaftliche Schwierigkeiten verursacht."
bung des UNO-Embargos für Waffenlieferungen in
Der Präsident räumte stillschweigend ein, daß die
Teile des ehemaligen Jugoslawiens positiv gegenSanktionen die serbische Aggression nicht zum Stillüber, um Bosnien genug Waffen zu verschaffen, sich
stand gebracht haben, verwies jedoch darauf, "die
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Seite 1

�wirkliche Frage lautet, ob die kumulativen Auswirkungen der Ereignisse der letzten Tage die Serben zur
Unterzeichnung bewegen werden. Das heißt, ob sie
wirklich die bosnischen Muslime so verzweifelt aus
ihrem gesamten Lebensraum vertreiben wollen, daß
sie sich dem widersetzen, was nun zum ersten (Mal)
die praktisch einhellige Meinung aller Regierungen ist,
daß sie im Unrecht sind, wenn sie nicht unterschreiben."
Clinton erklärte, er wolle den Serben "noch ein paar
Tage" bis zur Unterzeichnung geben, "bevor wir den
Einsatz wieder erhöhen". Er bekräftigte, daß die
Vereinigten Staaten "bereit sein würden, sich an multinationalen Bemühungen zur Friedenssicherung zu
beteiligen", nachdem ein Abkommen unterzeichnet
wurde.

Einige der von den Vereinigten Staaten erwogenen
Schritte betreffen Boucher zufolge die weitere Einschränkung der serbischen finanziellen Bindungen an
die Weltwirtschaft, die Ausdehnung der Sanktionen
auf von der UNO geschützte Gebiete innerhalb Kroatiens sowie Gebiete in Bosnien, die von den Serben
kontrolliert werden.
Andere mögliche Aktionen sind dem Sprecher zufolge
die Verhängung wesentlich schärferer Kontrollen für
den Warentransit durch Serbien-Montenegro sowie
die Gewähr, daß harte Strafen gegen Verletzer der
Sanktionen ausgesprochen werden.

"Wir gehen auf zwei Wegen vor, um die Auswirkungen
der Sanktionen zu verstärken", die Serbien und seine
Führung zu spüren bekommen. "Der erste Weg war
die wesentliche Verschärfung der Anwendung und
Zuvor hatte der Kommunikationsdirektor des Weißen Durchsetzung bestehender Sanktionen. Der zweite
Hauses, George Stephanopoulos, nachdem er an ist, in Erwägung zu ziehen, welche neuen und noch
Befürchtungen Großbritanniens erinnert worden war, weitreichenderen Sanktionen durch neue Resolutiodie teilweise Aufhebung des Waffenembargos könne nen des UN-Sicherheitsrats angewandt werden könnzu einer Eskalation des Konflikts führen, vor Reportern ten", erläuterte er.
erklärt, "die Embargomaßnahme ist eine der Optionen,
die wir in Erwägung ziehen möchten... wenn sich die Der Sprecher erklärte auf Fragen, es sei "kein GeheimLage nicht bessert." Er merkte jedoch an, Washington nis zu sagen, daß bis heute im Sicherheitsrat erhebliwerde dies "selbstverständlich" mit den Briten und cher Widerstand gegen eine Maßnahme besteht, die
anderen erörtern, wenn der Zeitpunkt gekommen sei. das Waffenembargo (gegen Bosnien) aufheben würMittlerweile würden noch andere Sanktionen, darunter de". Ob sich dies ändern werde, wenn die bosnischen
schärfere Maßnahmen im Finanzwesen, erwogen. Serben weiterhin die Zustimmung zu einem AbkomBei einigen dieser Schritte könne es eine Weile dau- men verweigerten, bleibe abzuwarten.
ern, bisdie Folgen für Serbien spürbarsind, erklärteer.
Boucher fügte hinzu, die Vereinigten Staaten würden
diese
Angelegenheit weiterhin "sorgfältig untersuchen".
Einem Fragestellerteilte Stephanopoulos mit, er wisse
Die
Aufhebung
des Embargos ist "nichts, was wir
nicht, wann die Serben begonnen hätten, ihre Flugbeeinseitig
tun
können.
Es ist etwas, was wir mit anderen
wegungen über Bosnien - wie auf Tonbändern von
Regierungen
unternehmen
müssen."
Radarüberwachungsflugzeugen dokumentiert - zu
intensivieren, aber er erklärte: "Wir werden darauf
Der Sprecher räumte ein, daß die Bemühungen der
drängen, daß dies aufhört."
Vereinigten Staaten "wahrscheinlich eine wichtige Rolle
Der Sprecher des Außenministeriums, Richard Bou- dabei spielten, mit den (bosnischen) Parteien ein
cher, nahm vor Reportern zu der Unterzeichnung des Abkommen hervorzubringen. Wir haben zur Lösung
Friedensplanes durch die bosnische Regierung und einiger Fragen beigetragen, wie etwa dem Arrangedie bosnisch-kroatische Delegation am 25. März Stel- ment zur Interimsregierung und den Arrangements für
lung und erklärte: "Wir hoffen, daß die bosnischen Sarajevo", und deshalb habe die bosnische Regierung
Serben den Plan bald unterzeichnen werden, aber wir "genug Wandel oder genügend Verbesserungen der
erörtern mit anderen Mitgliedern des Sicherheitsrats Lage festgestellt, um sich zur Unterzeichnung zu entdie in dem Fall zu erwägenden Schritte", wenn sie schließen".
weiterhin "ein Friedensabkommen blockieren".
"Wir gehen ferner davon aus, daß unsere Bereitschaft,
"Es ist nun an den Serben, die Kampfhandlungen uns an der Durchführung zu beteiligen", wenn sich die
einzustellen, den Konflikt zu beenden, mit dem Morden Parteien auf ein tragfähiges Abkommen verständigaufzuhören, sich an dem Friedensabkommen zu betei- ten, ihnen dabei half, zu unterzeichnen. "Letztlich ist
ligen und es unverzüglich zu unterzeichnen. Und das es jedoch ihre Entscheidung", stellte Boucher fest.
haben wir unmißverständlich klargestellt", fügte er
hinzu.
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Seite 2

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AMERIKA DIENST 13

�SERBIEN
31. März 1993

DURCHSETZUNG DER SANKTIONEN GEGEN
SERBIEN/MONTENEGRO
Übersicht des Weißen Hauses
Die nachfolgende Übersicht mit dem Titel "Sanktionen gegen Serbien/Montenegro und Durchsetzung der
Sanktionen" wurde am 26. März 1993 vom Weißen Haus veröffentlicht.

UNO-Sanktionen

Die Ausnahmegenehmigung für Warenlieferungen
wurde auf Insistieren der EG (Griechenland) und der
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat strenge Nachbarstaaten zum Schutz ihres Handels mit WestSanktionen gegen Serbien und Montenegro verhängt. europa verabschiedet.
Resolution 713 des UN-Sicherheitsrats verfügt Handel
ein Waffenembargo gegen das gesamte Gebiet
des ehemaligen Jugoslawien.
Serbien und Montenegro waren für industrielle Rohstoffe, Energieversorgung, Verbrauchsgüter und Märkte
Resolution 757 des UN-Sicherheitsrats verhängt traditionell von der EG, Rußland und anderen Balkanumfassende wirtschaftliche, politische und kul- staaten abhängig.
turelle Sanktionen gegen Serbien und Montenegro. Sie verbietet Handel mit sowie Zahlungen Weniger als 5 Prozent des jugoslawischen Außenhanan Serbien und Montenegro und autorisiert das dels entfiel auf die Vereinigten Staaten.
Einfrieren der serbischen und montenegriniSerbien ist bei Nahrungsmitteln wirtschaftlich weitgeschen Vermögenswerte.
hend unabhängig und hatte 1992 eine Rekordernte bei
Resolution 787 des UN-Sicherheitsrats schließt Weizen und Zuckerrüben zu verzeichnen.
größere Schlupflöcher bei den Sanktionen,
bewilligt eine multinationale Abfangtruppe in der Agrarexporte (Nahrungsmittel, Baumwolle und SojaAdria, fordert die Uferanlieger zu aktiven Durch- bohnen) waren eine wichtige Deviseneinnahmequelle
setzungsmaßnahmen auf der Donau und zur für Serbien (nahezu 1 Milliarde pro Jahr vor den
Verhängung zusätzlicher Kontrollen von Wa- Sanktionen). Hauptexportmärkte waren die EG, Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion.
renlieferungen durch serbisches Gebiet auf.
Von den UNO-Sanktionen ausgenommen sind:

Der Großteil dieses Handels wurde unterbunden.

Nahrungsmittel, Medikamente und andere
humanitäre Hilfsgüter,

Die Sanktionen haben den Warenfluß nach und aus
Serbien um rund 75 Prozent reduziert. Die Kosten der
Güter (mit Ausnahme von Waffen) im Transit nach Serbien importierten Güter sowie die Transportdurch Serbien und Montenegro. Öl und andere kosten sind explodiert.
wichtige Industriegüter können Serbien und
Der Großteil des verbleibenden Handels entfällt
Montenegro jedoch nur mit vorheriger Genehauf
über die Grenze geschmuggelte leichte Konmigung von Fall zu Fall durch den UN-Sanksumgüter
sowie vom UN-Sanktionsausschuß
tionsausschuß durchqueren.
genehmigte odervon dem Embargo ausgenom-

AMERIKA DIENST 13

Seite 1

�mene Nahrungsmittel und andere humanitäre
Güter.

ner Behörden aus operierende Einsatzgruppe koordiniert Aktionen zur Verhinderung von Sanktionsverletzungen.

Die von der UNO ausgenommenen Warenlieferungen dienten ferner als Tarnung für die illegale Die Einsatzgruppe
Einfuhr von unter das Embargo fallenden Güist ferner bei der Erarbeitung neuer Maßnahtern, die falsch deklariert sind, um die Aufdekmen behiflich, um die UN-Sanktionen gegen
kung zu umgehen.
Serbien und Montenegro effektiver zu machen,
Sanktionen wurden ferner durch Schiffe umganspricht spezifische Durchsetzungsprobleme der
gen, die sich den Patrouillen von NATO und
Handelskontrollen zu Lande und zu Wasser
WEU in der Adria insbesondere durch Anlaufen
sowie finanzielle Transaktionen an,
des Hafens Bar entzogen.
Die durchlässige Grenze zu Makedonien, Schienenverkehr und die Donau sind ebenfalls Routen für die Umleitung von Gütern nach Serbien.
Durchsetzung der Handelssanktionen
Der UN-Sanktionsausschuß regelt die Anwendung
des Embargos, stellt Richtlinien und Regeln für seine
Durchsetzung auf und genehmigt die Ausnahmen.
In Zusammenarbeit mit EG und KSZE haben wir ferner
eine Reihe von Unterstützungsmissionen (Sanctions
Assistance Missions - SAMs) für die Frontlinienstaaten in die Wege geleitet, um die Duchsetzung der
Sanktionen zu überwachen und Rat sowie technische
Hilfe für die Durchsetzung bereitzustellen.
Die tatsächliche Durchsetzung auf dem jeweiligen Territorium obliegt ausschließlich den nationalen Behörden.
Die Vereinigten Staaten und 15 weitere Länder entsenden SAM-Teams nach Rumänien, Bulgarien,
Ungarn, Makedonien, Albanien und Kroatien.
Die EG und KSZE haben eine Sanktions-Verbindungsgruppe ins Leben gerufen, um zur Koordinierung der
Aktivitäten dieser Unterstützungsmissionen beizutragen.
Verschärfte Durchsetzung der Sanktionen

bietet ausländischen Regierungen und den
Sanktionsüberwachungsteams juristische und
andere technisch-organisatorische Unterstützung, um die entsprechenden Ermittlungen sowie
die Verfolgung von Sanktionsverletzungen zu
gewährleisten,
erarbeitet technische Hilfsprogramme, um die
Fähigkeit der Frontlinienstaaten zur Durchsetzung der Sanktionen zu verbessern.
Die Mitglieder der Einsatzgruppe arbeiten mit der EG
und anderen KSZE-Mitgliedstaaten bei der Durchsetzung der von der Clinton-Administration formulierten
neuen Maßnahmen zur Verschärfung der bestehenden Sanktionen gegen Serbien und Montenegro zusammen. Dazu zählen:
neue Zollkontrollmaßnahmen (besondere Deklarierung, weniger Grenzübergänge, Verifizierung von Herkunft und Zielort der Lieferung
usw.), um als genehmigte Warenlieferungen
getarnte illegale Lieferungen durch Serbien und
Montenegro zu begrenzen,
verschärfte Grenzkontrollen über die Bewegung
von Gütern nach und von Serbien/Montenegro
durch die Bereitstellung verbesserter technischer Hilfe und Gerät für die Frontlinienstaaten
sowie Erweiterung der flankierenden Missionen,

Auf Anweisung des Präsidenten hat die Administration
ein aktives Programm in die Wege geleitet, um die
Wirkung der bestehenden UN-Sanktionen gegen Serbien
und Montenegro beträchtlich zu verschärfen.

Bestellung von sechs Flußpatrouillenbooten und
Ausbildung der Küstenwache, um schärfere
Kontrollen auf der Donau zu ermöglichen,

Der Nationale Sicherheitsrat hat den Nationalen Sicherheitsberater des Vizepräsidenten, Leon Fuerth,
angewiesen, die generelle Überwachung und Leitung
dieser amerikanischen Bestrebungen zu übernehmen.

Abschreckung von Sanktionsverletzungen durch
verschärfte Bestrafung und Strafverfolgung. Dies
ist speziell auf Sanktionen verletzende Schiffe
ausgerichtet, die festgesetzt und ausgeflaggt
werden.

Ferner wurde im Weißen Haus am 12.Februar 1992
eine behördenübergreifende Einsatzgruppe (InterAgency Task Force - IATF) für die Sanktionen gegen
Serbien zur Unterstützung dieser Bestrebungen gegründet.
Die anhand von nachrichtendienstlichen EchtzeitErkenntnissen von Posten in Übersee und WashingtoSeite 2

Im Hinblick auf die Sanktionen im Finanzwesen haben
wir folgende Maßnahmen ergriffen:
Schaffung neuer internationaler Verbindungen,
um Finanztransaktionen wichtiger serbisch kontrollierter Firmen und Banken besser zu überwachen,

AMERIKA DIENST 13

�gezielte, auf Zusammenarbeit beruhende Durchsetzungs- und Überwachungsbemühungen bei
bekannten Unternehmen. Dabei werden alle
zur Verfügung stehenden "verwaltungsmäßigen" Verfahren eingesetzt (zum Beispiel Buchprüfungen, Aufsicht, Genehmigungsverfahren,
Überwachung), um ihren Betrieb zu stören.
Verfolgung von Sanktionsverletzungen
Unter Zuhilfenahme aller der amerikanischen Regierung zur Verfügung stehenden nachrichtendienstlichen Erkenntnisse ermittelt die behördenübergreifende Einsatzgruppe in Fällen vermuteter Verletzungen in
Übersee.
Dazu gehört das Aufbringen und die Festsetzung von Schiffen, die Sanktionen in der Adria
und auf der Donau verletzen.
Zu den wichtigsten Erfolgen zählen:
Unterstützung der bulgarischen und griechischen

Behörden bei der Beschlagnahme von Ladungen an Stahl, Eisenerz und Ölprodukten auf
dem Weg von oder nach Serbien und Montenegro. Die griechischen Stellen verfolgen zur Zeit
die Besitzer und Betreiber von zwei griechischen Schiffen, der Rosario und der Thita Triton.

einen Monat lang blieb, ohne seine Ladung zu
löschen.
Gewährung diplomatischer und ermittlungstechnischer Unterstützung an Rumänien, Bulgarien
und die Ukraine führte zur Festsetzung mehrerer serbischer Flußschiffe und Schleppkähne.
Unterbrechung der Aktivitäten der Friendship,
eines unter panamaischer Flagge fahrenden
Schiffes, das serbische Schleppkähne in der
Donaumündung mit Öl versorgte.
Festsetzung der unter ukrainischer Flagge fahrenden Schiffe Dnjepr lundDnjepr II in Thessaloniki zu Ermittlungszwecken. Es wurde entdeckt, daß die Schiffe falsch deklarierten Stahl
aus Serbien transportierten.
Schiffe der NATO/WEU stehen nun bereit, die
zur Zeit in Bar vor Anker liegenden Tankschiffe
Novotsakll und Penelope (auch unter dem
Namen East River bekannt) wegen Sanktionsverletzungen abzufangen und festzusetzen, wann
immer sie den Hafen verlassen.
Die Einsatzgruppe überwacht ferner eingehend
die Bewegungen aller Schiffe, die sich in serbisch/montenegrinischem Besitz befinden oder
von dort aus kontrolliert werden. Eine Reihe
dieser Schiffe wurde in den Vereinigten Staten,
Großbritannien und Holland festgesetzt.

Hinderung der unter griechischer Flagge fahrenden Maria an der Löschung serbischer Waffen
in Somalia sowie Verfolgung des Schiffes bis zu Die Wirkung der Sanktionen
den Seychellen, wo es derzeit wegen VerletDie Sanktionen haben einander verstärkende Auswirzung der UN-Sanktionen festgehalten wird.
kungen auf Serbien und Montenegro. Die serbisch/
Unterstützung der Abfangaktion des multinatio- montenegrinische Volkswirtschaft ist ruiniert.
nalen Flottenverbandes gegen die Vela Luka,
ein Schiff, das TNT sowie Handfeuerwaffen und Eine Hyperinflation ist entstanden:
Munition für das ehemalige Jugoslawien an
Die Inflationsrate in der Föderativen Republik
Bord hatte und damit die Sanktionen verletzte.
Jugoslawien (FRJ) überstieg im Februar 212
Ladung und Schiff wurden in Italien festgehalProzent und lag auf Jahresbasis bei nahezu 82
ten.
Millionen Prozent.
Verfolgung der Dimitrakis, eines Schiffs in griechischem Besitz, das eine Ladung Petrolkoks
nach Bar in Montenegro transportiert und damit
die Sanktionen verletzt hatte, bis nach Alexandria i n Ägypten, wo das Schiff bis zum Abschlu ß
der Ermittlungen festgehalten wird. Unsere
Bemühungen haben Malta dazu veranlaßt, das
Schiff auszuflaggen, während Griechenland
Strafverfahren gegen seine Besitzer und den
Kapitän eingeleitet hat.
Hinderung der Karim, eines unter der Flagge
von St. Vincent fahrenden zypriotischen Schiffes, an der Lieferung einer Ladung Petrolkoks
nach Bar. Das Schiff versuchte, den multinationalen Flottenverband zu täuschen, wurde jedoch nach Dürres in Albanien eskortiert, wo es

AMERIKA DIENST 13

Der Wert des größten Geldscheins der FRJ
(50.000 Dinar) liegt unter 2 Dollar.
Der monatliche Warenkorb für Nahrungsmittel
schnellte von 3.000 Dinar im Februar 1992 auf
4,4 Millionen Dinar im Februar 1993 in die Höhe.
Seit Anfang 1993 sind die Kosten für Verkehr
und postalische Leistungen um 688 Prozent, für
Tabakwaren und Getränke um 586 Prozent, für
Nahrungsmittel um 409 Prozent sowie für Miete
und Nebenkosten um 556 Prozent gestiegen.
Die Preise für Brot und Mehl haben sich in den
letzten zwei Wochen erneut verdoppelt. Zehn
Rollen Toilettenpapier kosten heute mehr als
den Durchschnittslohn von drei Tagen.

Seite 3

�Die serbischen Industrieanlagen und deren Ausrüstung verfallen zusehends.

Das serbische Bankensystem steht am Rande des
Zusammenbruchs:

Die Arbeitslosigkeit hat 65 Prozent überschritten. Nahezu 1 Million Arbeiter befinden sich seit
Anfang Februar im Zwangsurlaub.

Die Devisenreserven sind drastisch geschrumpft.
Die freien Reserven betragen unter 500 Millionen Dollar.

Die Industrieproduktion ist um 70 Prozent geschrumpft.

Die Jugoskandik Bank stellte am 14. März den
Betrieb ein, nachdem ihr Präsident außer Landes geflohen war.

Die Industrielöhne können mit der Inflation nicht
Schritt halten. Die Arbeiter werden zweimal im
Monat bezahlt. Der Mindestlohn wurde für März
1993 auf 1,055 Millionen Dinar (37 Dollar beim
derzeitigen Wechselkurs) festgesetzt. Arbeiter
im Zwangsurlaub erhalten 815.000 Dinare.
Der Verkehr unterliegt in Serbien drastischen Einschränkungen:
Das knappe Angebot an Dieseltreibstoff hat den
Bus- und Schienennahverkehr erheblich beeinträchtigt.

Die Dafiment Bank erlebte einen Ansturm auf
die Einlagen und senkte die Zinssätze für harte
Devisen von 15 Prozent im Monat auf 6 Prozent.
Die Karic Bank leidet unter ernsten Liquiditätsproblemen sowie Devisenknappheit.
Wichtige Banken des sozialistischen Sektors,
darunter Beobanka und Yugobanka sowie die
Nationalbank von Jugoslawien haben ebenfalls
Cash-Flow-Probleme. Im Rahmen der UNSanktionen wurden ihre Anlagen in den OECDLändern eingefroren.

* *

Seite 4

AMERIKA DIENST 13

�AUSSENPOLITIK
31. März 1993

CHRISTOPHER ERLÄUTERT US-AUSSENPOLITIK
VOR UNTERAUSSCHUSS
"Wesentlich günstigere Richtung" in Bosnien festgestellt

WASHINGTON - (AD) - Die Einschätzung, die Unterschiede zwischen den kriegführenden Parteien in
Bosnien-Herzegowina seien unüberbrückbar, ist
Außenminister Christopher zufolge übermäßig pessimistisch. Der Außenminister hat den "Eindruck, daß
sich die Lage in eine wesentlich günstigere Richtung
entwickelt".
In einer Erklärung vor dem Bewilligungs-Unterausschuß des Repräsentantenhauses verwies Christopher am 25. März 1993 darauf, daß die Parteien in

"Dieses Problem hat langfristig tiefgreifende strategische Auswirkungen", so Christopher. "Wir könnten
dort mit einem wesentlich größeren Krieg konfrontiert
werden, deshalb handelt es sich um mehr als ein
humanitäres Problem", äußerte ersieh. "Wenn wir
dem Morden dort nicht Einhalt gebieten und die Serben
heute nicht aufhalten, könnte eine Lage entstehen,
daß in nicht allzu langer Zeit die NATO-Partner Griechenland und Türkei dort hineingezogen werden."

Christopher vertrat die Ansicht, es müsse wesentlich
mehr getan werden, um die gegen Serbien/Montenedes Konflikts noch "ein Stück weit entfernt" sind u nd die gro verhängten Sanktionen wirksam zu machen. "Es
Lage dort "äußerst besorgniserregend" ist.
erfordert nicht nur Anstrengungen, sondern Mut seitens der Länder in der Region, sich den Serben entgeEr fügte jedoch hinzu: "Ich hoffe, wir werden zu einer genzustellen. Und wir müssen ihnen dabei vielleicht
Situation kommen, in der zumindest zwei der Parteien helfen", erklärte Christopher.
übereinstimmen und es uns ermöglicht wird, die dritte
Partei noch stärker in den Brennpunkt der Weltmei- Christopher lehnte den Vorschlag eines Kongressabnung zu rücken und zu einer Zustimmung zu bewe- geordneten ab, die Truppen der Vereinten Nationen
gen.
sollten zur Befreiung von Intemierungslagern in Bosnien eingesetzt werden. "Hierfür wären eine andere
Am selben Tag wurde von den Vereinten Nationen in Resolution und eine anderes Regelwerk für ein EngaNew York bekanntgegeben, daß sich zwei der Partei- gement vonnöten", erklärte er und fuhr fort: "Die dort
en über eine vorläufige Landkarte sowie Arrange- befindlichen Truppen sind zum gegenwärtigen Zeitments für eine Interimregierung in Bosnien verständigt punkt wirklich nicht für Kampfzwecke eingesetzt."
hätten.
Im Hinblick auf China räumte der Außenminister ein,
Christopher erschien vor dem Unterausschuß, um daß die Vereinigten Staaten mit dieser Nation "eine
eine Erklärung zum Etat des Außenministeriums für Reihe von Problemen" hätten. "Wir haben Probleme
das Haushaltsjahr 1994 abzugeben, dessen Einbrin- im Bereich der Menschenrechte. Ihre mißbräuchligung im Kongreß vorbereitet wird.
chen Handelspraktiken, die zu einem schwerwiegenden Handelsungleichgewicht geführt haben, stellen für
Der Au ßenminister stellte fest, er erwarte keine "längeuns ein Problem dar." Gleichzeitig stellte er fest: China
re Verzögerung" bis zur Verabschiedung einer Reso"hat im wirtschaftlichen Bereich sehr große Fortschritlution des UN-Sicherheitsrats, mit der die Durchsette gemacht" und ist für die Vereinigten Staaten ein
zung der vom Sicherheitsrat im vergangenen Jahr
wichtiger Handelspartner.
verhängten Flugverbotszone über Bosnien bewilligt
werden soll. "Ich gehe davon aus, daß wir letztlich in "Wir werden zwar mit mannigfaltigen Problemen konder Lage sein werden, die Durchsetzung der Flugver- frontiert, aber wir haben auch mannigfaltige Interessen
botszone innerhalb einer relativ kurzen Frist aufzuneh- und mannigfaltige Instrumente", so Christopher. "Meines
men", erklärte er.
Bosnien von einem umfassenden Abkommen zur Losung

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Seite 1

�Erachtens sollten wir alle uns zur Verfügung stehenden Instrumente auf angemessene Weise nutzen",
einschließlich der Anwendung der Meistbegünstigungsklausel auf Importe aus China. Die Clinton-Administration muß bis Juni entschieden haben, ob die Meistbegünstigungsklausel für China ein weiteres Jahr gelten
oder widerrufen werden soll.

rechtsverletzungen während des Bürgerkriegs in El
Salvador untersuchte, antwortete Christopher: "Wir
unterstützen ihn und sind der Auffassung, daß seine
Empfehlungen durchgeführt werden sollten". Die
Schlußfolgerungen des Berichts seien ferner "eine
Angelegenheit, die uns in hohem Maße betrifft". Er
fügte hinzu, die Juristen des Ministeriums prüften die
vorgeschlagene Amnestie für Kriegsverbrechen, "um
Die Weiterverbreitung von Waffen gibt den Vereinigten festzustellen, ob es einen vorrangigen Grundsatz des
Staaten bei ihren Beziehungen zu China ebenfalls Völkerrechts gibt, der die Bestrebungen der salvadoAnlaß zur Besorgnis, und in dem neuen Haushalt wird rianischen Regierung zur Gewährung dieser umfas"eine umfassende Strategie verfolgt, der Weiterver- senden Amnestie vereiteln würde".
breitung Einhalt zu gebieten und diese Tendenz umzukehren", so Christopher.
Nicaragua
In seinen einleitenden Anmerkungen stellte er fest: "In
den letzten 24 Stunden haben wir starke Anzeichen
dafür festgestellt, von welch großer Bedeutung unsere
Nichtverbreitungsstrategie ist. Die Ankündigung, daß
Südafrika in den achtziger Jahren eine Nuklearfähigkeit entwickelt hat, ist in der Tat erschreckend und
sollte uns allen meines Erachtens die Bedeutung der
Nichtverbreitungsstrategie und die Rechtfertigung für
Ausgaben zu diesem Zweck erneut vor Augen halten."
Der Außenminister befaßte sich auch mit einer Reihe
anderer Angelegenheiten:
Nordkorea
Die Vereinigten Staaten arbeiten mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) und Ländern
Asiens zusammen und sind auch im Rahmen der
Vereinten Nationen tätig, um Nordkorea davon zu
überzeugen, sich nicht aus dem Nichtverbreitungsvertrag (NPT) und seinem Inspektionsregime zurückzuziehen. Christopher stellte fest, daß bis zu einem
Ausscheiden aus dem Vertrag eine Kündigungsfrist
von 90 Tagen verstreichen muß, die Zeit läßt, in dieser
Angelegenheit tätig zu werden. "Wir sind der Ansicht,
daß im Falle Nordkoreas die Verhängung von Sanktionen Wirkung zeitigen könnte", erklärte der Au ßenminister. "Wenn wir so weit sind, daß die ... Vereinten
Nationen gegen Nordkorea vorgehen, dann wird uns
eine Vielzahl von Mitteln zur Verfügung stehen, wie wir
auf das Land Druck ausüben können." Er fügte hinzu,
vielleicht müsse man gar nicht so weit gehen, wenn
Nordkorea vorher einsehe, da ß sein Rückzug aus dem
Vertrag ein Fehler war.

Das Ministerium prüft, ob Nicaragua Schritte unternommen hat, dank denen das Weiße Haus Mittel der
US-Regierung in Höhe von 50 Millionen Dollar für das
Land freigeben kann. Es steht außer Frage, daß
Nicaragua Verwendung für diese Gelder hätte, steifte
Christopher fest, fügte jedoch hinzu, Gesetzesvorlagen des Kongresses hätten amerikanische Hilfe an
Verbesserungen der nicaraguanischen Wirtschaft,
staatlicher Praktiken, an Menschenrechte und die
Regulierung von Eigentumsansprüchen gegen die
Regierung gebunden. Christopher verwies darauf,
daß i n mancher Hinsicht beachtliche Fortschritte erzielt
wurden... Der Umfang des Heeres wurde drastisch
reduziert. Die Inflation wurde verglichen mit der Vergangenheit maßgeblich unter Kontrolle gebracht. Bei
Privatansprüchen wurde einige Fortschritte erzielt,
obwohl ich nicht sagen möchte, daß alles verwirklicht
wurde, was in diesem Bereich vonnöten ist."
Radio Free Asia
Christopher bekräftigte die Unterstützung der ClintonAdministration für den Vorschlag eines Senders Radio
Free Asia. "Wir sind vom Konzept eines Alternativsenders voll und ganz überzeugt." Er war sich nicht sicher,
ob eine Dachorganisation - wie der Internationale
Rundfunkrat - für solche Alternativsender wie Radio
Free Europe und Radio Liberty erforderlich seien sollte, "obwohl wir uns der notwendigen Unabhängikeit
bewußt sind".
Zypern

Es bestehen gute Chancen für eine Wiederaufnahme
der Verhandlungen über Zypern zwischen den zypriotischen und türkischen Regierungsvertretern auf der
Christopher erklärte, ein heimlicher Wettbewerb zwi- Insel. "Wir werden sie so weit vorantreiben wie es einer
schen Indien und Pakistan sollte vermieden werden dritten Partei zusteht. Dies ist kein Problem, das die
und stellte fest: "Ich halte die in diesen beiden Ländern Vereinigten Staaten lösen können, wir können jedoch
zu beobachtende Tendenz, eine Nuklearfähigkeit unsere guten Dienste anbieten." Der Minister erklärte,
anzustreben, für einen der besorgniserregensten er unterstütze die UN-Friedensbestrebungen für Zypern.
Aspekte der heutigen Außenpolitik."
Indien/Pakistan

El Salvador

AID

Auf Fragen zu dem Bericht der "Wahrheitsfindungskommission" der Vereinten Nationen, die Menschen-

Christopher stellte fest: "Es steht außer Frage, daß
das Amt für internationale Entwicklung (Agency for

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AMERIKA DIENST 13

�International Development - AID) aufgemöbelt, reorganisiert und umstrukturiert werden muß". Erfuhrfort,
AID sollte sich "auf eine sehr viel kleinere Zahl von
Zielen" konzentrierten. Das Amt hat derzeit 32 Zielsetzungen, und dem Minister zufolge sollte diese Zahl
erheblich reduziert werden. Der Minister verwies auf
die beabsichtigte Empfehlung der Administration zur
Kürzung der Auslandshilfeprogramme der Vereinigten
Staaten und Aufstockung der Hilfe an nichtstaatliche
Organisationen, die in vielen Fällen einen effektiveren
Weg bietet, Hilfe an der Basis zu leisten.

im Gegensatz zum Fall Chinas "das diktatorische
Regime in Kuba unter Präsident Castro in einem völlig
anderen Licht". Kuba "ist eines der wenigen Länder
unter der Herrschaft der ehemaligen Sowjetunion, das
diesen Weg fortgesetzt hat". Gemäß dem Gesetz über
Demokratie in Kuba würden die Vereinigten Staaten
ihr Embargo gegen Kuba nicht aufheben. Im Rahmen
dieses Gesetzes, so Christopher, hoffe die Administration jedoch auf eine Verbesserung der Kommunikation mit Kuba.
Bombenanschlag auf das World Trade Center

Umweltabkommen

Im Zusammenhang mit der Auslieferung von Mahmud
Abu-Halima aus Ägypten, einem des Bombenanschlags
Verdächtigen, stellte der Minister fest, seine Festnahme "öffnet eine Tür zu der äußerst komplizierten
Angelegenheit" in New York. Der Minister verwies
femer darauf, daß es bei dem amerikanischen Verfahren zur Erteilung von Visa "ernsthafte Probleme" gebe,
vor allem dabei, die Spur derjenigen in den Vereinigten
Kuba
Staaten zu verfolgen, denen ein Visum erteilt wurde.
"Es gibt breiten Raum für Verbesserungen", so ChriIm Hinblick auf Hilfe für Kuba im Rahmen des Meistbegünstigungsstatus verwies Christopher darauf, er sehe stopher.

Auf die Frage, warum die Vereinigten Staaten die
Konvention über Artenvielfalt in Rio de Janeiro nicht
unterzeichnet hätten, erklärte der Minister, dies sei ein
Bereich, "in dem unsere Diplomatie in Rio versagt hat".
Ihm zufolge arbeiten die Vereingiten Sraaten auf den
Beitritt zu dem Abkommen hin.

* *

AMERIKA DIENST 13

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Seite 3

�AUSSENPOLITIK
31. Man 1993

FÜHRUNGSROLLE DER USA IN EUROPA GEWÜNSCHT
Anhörung Oxmans vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Stephen Oxman, designierter Abteilu ngsleiter im US-Au ßenministeriu m für europäische
und kanadische Angelegenheiten, erklärte, die Vereinigten Staaten "können in dem historischen Prozeß der
Herstellung eines politischen und wirtschaftlichen Gleichgewichts in Europa eine führende Rolle spielen - in einer
Region, an der wir großes Interesse haben und die für Frieden und Wohlstand in der Welt von zentraler
Bedeutung ist."
Oxman, Mitarbeiter einer Anlagebank in New York, stellte am 23. März 1993 vor dem Senatsausschuß für
auswärtige Angelegenheiten fest, eine Führungsrolle der Vereinigten Staaten in Europa werde gewünscht und
sei vonnöten. Es sei die "große Herausforderung" des Zeitalters nach dem Kalten Krieg, die NATO als wirksames
Kernstück der transatlantischen Sicherheitspartnerschaft zu erhalten.
Im Hinblick auf die 'Tragödie" im ehemaligen Jugoslawien erklärte Oxman, die Verhandlungen bei den Vereinten
Nationen befänden sich in einem sehr kritischen Stadium, und bis die drei Konfliktparteien zu einem Abkommen
gelangen würden, wäre es für die Vereinigten Staaten schwierig zu entscheiden, welche Rolle sie bei dessen
Durchführung spielen sollten. "Es wurden keine Einschätzungen vorgenommen oder Entscheidungen darüber
getroffen, welche Form" eine Beteiligung der Vereinigten Staaten annehmen würde, fügte er hinzu.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung Oxmans bei seiner Anhörung.

Die Tatsache, daß Präsident Clinton, der mir seit
unserer gemeinsamen Studienzeit ein echter Freund
gewesen ist, mich für diesen Posten vorgeschlagen
hat, ist für mich eine Ehre, die ich stets im Gedächtnis
behalten werde. Dies ist für mich von um so größerer
Bedeutung, da es impliziert, wieder Teil des außenpolitischen Teams von Außenminister Christopher zu
sein - eines Mannes, für den ich große Bewunderung
hege. Während der Carter-Administration hatte ich die
Ehre, dem damaligen Stellvertretenden AußenminiMein ausdrücklicher Dank gilt meinem guten alten ster Christopher als Stabschef zu dienen. In dieser
Freund Senator Bill Bradley. Ich fühle mich geehrt, Funktion oblag mir ein vielfältiges Spektrum außenpodaß er sich die Zeit genommen hat, mich Ihnen heute litischer Aufgaben, einschließlich vieler Europa und
morgen vorzustellen.
Kanada betreffender Angelegenheiten. Unter anderem verbrachte ich einen beträchtlichen Teil meiner
Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen, daß Sie diese Zeit mit der Arbeit an der vollen Durchsetzung der
Anhörung zu meiner Nominierung so schnell anbe- Schlußakte von Helsinki, insbesondere ihrer Menraumt haben, nachdem sie meine Unterlagen erhalten schenrechtsbestimmungen. Ich war ferner intensiv an
haben. Ich möchte dem Ausschuß versichern, daß ich wichtigen Aspekten unserer Bemühungen zur Lösung
im Falle meiner Bestätigung durch Sie und den Senat der aufgrund der Gefangennahme amerikanischer
gemeinsam mit dem Büro für europäische und kanadi- Diplomaten im Iran hervorgerufenen Krise beteiligt.
sche Angelegenheiten eng mit diesem Ausschuß bei Die enge Zusammenarbeit mit dem Stellvertretenden
der Erfüllung seiner verfassungsmäßigen Pflichen im Außenminister Christopher in dieser Angelegenheit
Hinblick auf unsere Beziehungen mit Europa und war für mich eine Erfahrung von unschätzbarem Wert,
Kanada zusammenarbeiten werde.
insbesondere was die Verhandlungskunst betrifft.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschu ßmitglieder, es ist
mir eine große Ehre, heute als Präsident Clintons
Kandidat für den Posten des Abteilungsleiters im
Außenministerium für europäische und kanadische
Angelegenheiten sprechen zu dürfen. Aufgrund des
Beitrags, den die Mitglieder dieses Ausschusses zur
Außenpolitik Amerikas geleistet haben, ist es für mich
ein besonderes Privileg, hier eine Erklärung abzugeben.

AMERIKA DIENST 13

Seite 1

�Als ich im Jahr 1979 aus dem Staatsdienst ausschied,
war ich in New York wieder als Rechtsanwalt tätig und
wurde Sozius der internationalen Kanzlei Shearman &amp;
Sterling, die sich mit vielen Europa betreffenden Fragen befaßte. 1988 wurde ich Seniorpartner des internationalen Anlageuntemehmens Wasserstein Perella
&amp; Co. Unter anderem spielte ich dort eine führende
Rolle bei der Verwaltung der Aktivitäten des Unternehmens in Europa und habe regelmäßig Reisen dorthin
unternommen.
Herr Vorsitzender, im Falle meiner Bestätigung als
Abteilungsleiter sehe ich der Zusammenarbeit mit
Ihnen und Ihren Kollegen bei einigen der bedeutsamsten Herausforderungen gerne entgegen, mit denen
sich unsere Außenpolitik konfrontiert sieht. Präsident
Clinton und Außenminister Christopher haben bereits
die drei Säulen unserer Diplomatie dargelegt: weltweites Wirtschaftswachstum als Hauptziel unserer Außenpolitik, Modernisierung unserer Streitkräfte und
Sicherheitsarrangements zur Bewältigung neuer Herausforderungen sowie die Ausbreitung von Demokratie und freien Märkten im Ausland.
Der Außenminister hat uns ermutigt, die Verknüpfung
unserer diplomatischen Bemühungen mit unseren
wirtschaftlichen Zielen nicht zu scheuen. Als Geschäftsmann freue ich mich auf die Herausforderung,
mit unseren europäischen und kanadischen Freunden
auf den frühzeitigen Abschluß eines GATT-Abkommens hinzuarbeiten, die Nordamerikanische Freihandelszone ganz zu verwirklichen und mit Hilfe unserer
Botschaften und Konsulate amerikanische Unternehmen zu unterstützen, die in der Europäischen Gemeinschaft und in Kanada - unseren zwei größten Handelspartnern - und andernorts in Europa ihren Geschäften
nachgehen.
Zur zweiten Säule: Seit Jahrzehnten hat unsere
militärische Stärke auf zwei Fundamenten geruht unserem Militärapparat und unseren Bündnissen. Kein
Bündnis war für uns wichtiger und wirksamer als die
NATO. Jetzt sehen wir uns der großen Herausforderung gegenüber, die NATO als wirksames Kernstück
der transatlantischen Sicherheitsarrangements zu
erhalten, während wir die Entwicklung neuer Sicherheitsvorkehrungen in Europa unterstützen, um den
Herausforderungen der neunziger Jahre zu begegnen.

de Tragödie. Ich bin mir des großen Interesses des
Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten bewußt,
den Kämpfen, ethnischen Säuberungen und Greueltaten ein Ende zu setzen und ein funktionierendes Abkommen zu unterstützen, das dem Töten Einhalt gebietet
und dem Frieden eine neue Chance gibt. Bei meiner
engen Zusammenarbeit mit Außenminister Christopher, Staatssekretär Tarnoff und unserem Vertreter
bei den Vance-Owen Verhandlungen, Botschafter
Bartholomew, sehe ich häufigen Konsultationen mit
dem Ausschuß bei dieser vordringlichen Angelegenheit gerne entgegen.
Bevor ich zum Ende meiner Ausführungen komme,
möchte ich noch kurz auf zwei organisatorische Fragen eingehen. Außenminister Christopher bat mich,
unserem Hilfsprogramm für Osteuropa besondere
Aufmerksamkeit zu widmen, das - wie Sie wissen - im
Rahmen des Gesetzes über die Unterstützung der
Demokratie in Osteuropa finanziert wird. Als Teil der
von Außenminister Christopher angekündigten Reorganisation des Ministeriums wird das Büro für die
Koordinierung des Hilfsprogramms für Osteuropa und
das Baltikum jetzt mir unterstellt sein. Ich begrüße
diese Gelegenheit, bei der Umgestaltung der Volkswirtschaften Osteuropas lebensfähige Prfvatuntemehmen zu schaffen, und dabei meine Erfahrung einbringen zu können.
Ich möchte auch noch kurz eine andere organisatorische Veränderung ansprechen. Präsident Clinton und
Außenminister Christopher setzen sich dafür ein, die
Energien der amerikanischen Regierung intensiver auf
die Unterstützung von Demokratie und Wirtschaftsreformen in Rußland und den anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu konzentrieren. Wie Sie wissen, ist mein guter Freund Strobe
Talbott zum Botschafter zur besonderen Verwendung
in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und zum
Sonderberater des Außenministers ernannt worden.
Obwohl das Büro für europäische Angelegenheiten
nicht offiziell geteilt wird, soll das sich mit den ehemaligen Sowjetrepubliken befassende Büro jetzt Strobe
Talbott direkt unterstellt sein. Natürlich werden Strobe und ich unsere Arbeit gut aufeinander abstimmen.

Abschließend möchte ich folgende allgemeine Anmerkungen machen: Nach über 25jährigem intensivem
Engagement in Europa - als Student der Geschichte
Im Hinblick auf die dritte Säule freue ich mich auf die der europäischen Diplomatie, als Jurist, als Mitarbeiter
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten zur Förde- des Außenministeriums, als Vertreter von Anlagebanrung von Demokratie, Menschenrechten und freien ken - ist die erstaunlichste Lektion, die ich über die
Märkten in Osteuropa sowie zur historischen Wieder- Region gelernt habe, daß eine amerikanische Füheingliederung der Nationen Ost- und Mitteleuropas.
rungsrolle gewünscht und vonnöten ist und eine solche
Führungsrolle in unserem eigenen Interesse liegt.
Es wäre ein Luxus, wenn wir uns lediglich auf die
Erarbeitung neuer Ansätze für diese längerfristigen Unsere Führungsrolle kann verschiedene Formen
Herausforderungen konzentrieren würden, denen sich annehmen. Manchmal müssen wir als Förderer,
die amerikanisch-europäischen Beziehungen gegen- manchmal als Mittler, manchmal als Pionier tätig werden.
übersehen. Am dringlichsten ist die Herausforderung Wir müssen stets Entschlossenheit an den Tag legen,
durch die sich im ehemaligen Jugoslawien abspielen- ohne vermessen zu sein, ohne Schüchternheit Ausholte 2

AMERIKA '

�gleich anstreben und ohne nach Entschuldigungen zu
suchen Weitblick zeigen.

Entscheidungen auch gut. Tatsache ist jedoch, daß
die an solchen Wendepunkten der Geschichte getroffenen Entscheidungen wahrscheinlich dauerhafte,
Wir befinden uns in einem großen Moment in der schicksalhafte Auswirkungen haben. Folglich ist es
Geschichte, in dem epochale Entscheidungen getrof- von großer Bedeutung, sie vorsichtig und klug zu
fen werden - was auch immer geschieht. Dasselbe galt treffen.
in diesem Jahrhundert nach dem Ersten und dem
Zweiten Weltkrieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Wir wollen hoffen, daß wir es diesmal besser machen.
die Entscheidungsfindung "leichter" angesichts der Die Vereinigten Staaten können in dem historischen
Tatsache, daß sofort ein neuer Gegner auf der Bildflä- Prozeß der Herstellung eines politischen und wirtche erschien.
schaftlichen Gleichgewichts in Europa eine führende
Rolle spielen - in einer Region, an der wir großes
Die Situation nach dem Ersten Weltkrieg war der Interesse haben und die für Frieden und Wohlstand in
heutigen jedoch ähnlicher: Der ehemalige Gegner der Welt von zentraler Bedeutung ist.
befand sich im Chaos, kein neuer, ernstzunehmender
Gegner trat auf die Bühne, so daß wir genügend Erlauben Sie mir, zum Schluß meiner Ausführungen
Handlungsspielraum hatten. Wir sahen uns mit der nochmals meinen Willen, ja meine Begierde zu betoAufgabe konfrontiert, den enormen wirtschaftlichen nen, mit diesem Ausschuß in den vielen Schlüsselfraund politischen Scherbenhaufen zu bewältigen, den gen zusammenzuarbeiten, die auf der Tagesordnung
der gerade beendete Konflikt hinterlassen hatte. Viele der amerikanischen Beziehungen zu Europa und Kanada
starke und miteinander konkurrierende Kräfte traten stehen.
auf, als der Konflikt abflaute; die Notwendigkeit, die
Hoheitsrechte in Europa neu festzulegen, war für alle Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder, ich
offensichtlich, und den Vereinigten Staaten wurde die danke Ihnen. Ich würde mich über Kommentare
Ihrerseits über den Kurs unserer Politik gegenüber
Führungsrolle für Europa auferlegt.
Europa und Kanada freuen und mich meinerseits
Natürlich gab es viele Unterschiede zur heutigen Si- bemühen, eventuelle Fragen zu beantworten.
tuation, und keine Analogie ist perfekt - das ist angesichts der in Versailles getroffenen bedrückenden

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AMERIKA DIENST 13

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Seite 3

�NATO
31. März 1993

ZEIT IST REIF FÜR AUFBAU DEMOKRATISCHER PARTNERSCHAFT
Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers bei NATO-Treffen
BRÜSSEL - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Rede, die der Stellvertretende Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten, William J. Perry, am 29. März 1993 beim Treffen der NATO-Gruppe für
Verteidigungsangelegenheiten (GDM) gehalten hat.

Verteidigungsminister Aspin hat seine Arbeit wiederaufgenommen und erholt sich gut. Er muß jedoch
seine Zeit sorgfältig einteilen und bedauert, daß er
heute nicht hier sein kann. Es ist mir ein Vergnügen,
stellvertretend für Minister Aspin an diesem zweiten
Treffen der NATO-Verteidigungsminister mit ihren
östlichen Kollegen teilzunehmen.

Wir gehen davon aus, daß in dem neuen Sicherheitsumfeld vier Gefahren hervortreten. Dies sind:
1.

Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen sowie deren Trägersystemen;

2.

Regionale Bedrohungen, wie sie beispielhaft
vom Irak und dem ehemaligen Jugoslawien
verkörpert werden;

Schon die Tatsache, daß wir ein solches Treffen
veranstalten, ist ein Gradmesser für die dramatischen
3.
Veränderungen, die sich in Europa seit 1989 vollzogen
haben. Diese Veränderungen beinhalten für uns
zahlreiche Herausforderungen, bieten jedoch auch
einzigartige Chancen.
4.
Wir haben die einmalige Gelegenheit, eine demokratische Partnerschaft aufzubauen, die sich von Nordamerika bis über den gesamten eurasischen Kontinent
erstreckt und den gemeinsamen Werten der Freiheit,
Menschenrechte und wirtschaftlichen Chancen verpflichtet ist.
Darüber hinaus haben wir die Chance, ein Sicherheitssystem in Europa zu schaffen und zu festigen, in dem
der Einsatz von Gewalt zur Erlangung nationaler oder
ethnischer Ziele ausgeschlossen ist. Wir müssen
zusammenarbeiten, um diese Chance so gut wie möglich
zu nutzen.
Der Verteidigungsplan Clintons
Ich möchte zu Beginn kurz den Verteidigungsplan von
Präsident Clinton erläutern. Wir sind bestrebt, auf das
amerikanische Einsatzkonzept eine neue Philosophie
anzuwenden, die sich auf die Neueinschätzung der
uns betreffenden militärischen Gefahren gründet sowie
auf solide Strategien, um ihnen gerecht zu werden.

AMERIKA DIENST 13

Bedrohungen für die Ausbreitung der Demokratie und die Festigung demokratischer Reformen;
Bedrohungen der wirtschaftlichen Sicherheit.

Um diesen Gefahren zu begegnen, müssen die Vereinigten Staaten ihre Streitkräfte umgestalten und zahlenmäßig anpassen. Dabei muß ihre volle Einsatzfähigkeit zum Schutz amerikanischer Interessen gewährleistet bleiben. Ein erster Schritt zur zahlenmäßigen Anpassung, der sich in unserem Haushaltsvorschlag für das Haushaltsjahr 1994 niederschlägt, ist
die beschleunigte Ausmusterung unnötiger Truppen
des Kalten Krieges. Das volle Ausmaß von Clintons
Verteidigungsplanung wird jedoch von einer radikalen
Überprüfung unserer militärischen Bedürfnisse und
Programme abhängen, die im nächsten Februar mit
dem Verteidigungshaushalt für 1995 sowie den Verteidigungsprogrammen für 1995-99 ihren Höhepunkt
erreichen wird. Diese umfassende Überprüfung wird
sicherstellen, daß die amerikanischen Verteidigungsprogramme auf einer soliden philosophischen und
analytischen Grundlage fußen. Wir werden Sie selbstverständlich über wichtige Entwicklungen auf dem
laufenden halten.

Seite 1

�Die Bedeutung der Zusammenarbeit

gen werden, das starke Geflecht der gemeinsamen
Verteidigung zu bewahren.

Ich möchte mich nun dem Zweck dieses Treffens
zuwenden, das einen Beitrag leisten soll, einen Sicher- Eine wichtige und andauernde Rolle der GDM
heitsrahmen für unsere Staatengemeinschaft zu schafWie in dem "Way Ahead"-Papier unterstrichen, wird
fen.
mit der Ausdehnung unserer KooperationsbemühunAls Verteidigungsminister spielen wir eine einzigartige gen auch die Notwendigkeit verstärkt zu gewährleiRolle bei diesem historischen Vorhaben. Unser funda- sten, daß die Mittel effektiv eingesetzt werden.
mentales Interesse sollte dem Aufbau militärischer
Organisationen gelten, die eine demokratische Kon- Dies wird eine kontinuierliche Koordinierung erfordern,
trolle des Militärs sowie die Entwicklung verteidigungs- eine Verantwortung, die mit der Rolle in Einklang steht,
orientierter, mit den allgemeinen regionalen Interes- wie sie ursprünglich für die GDM als Clearingstelle für
sen übereinstimmender nationaler Strategien garan- Kooperationsmaßnahmen geplant war.
tieren und die Fähigkeit der NATO und ihrer KooperaDie Vereinigten Staaten begrüßen die im Way-Aheadtionspartner ausbaut, bei Herausforderungen gemeinPapier enthaltenen Empfehlungen zur verbesserten
samer Interessen konzertiert zu handeln.
Koordinierung der Kooperationsmaßnahmen und
Unsere unmittelbare Herausforderung besteht darin, würden regelmäßigere GDM-Treffen unterhalb der
ein praxisorientiertes Programm zu verankern, um Ministerebene befürworten.
unsere Streitkräfte durch Zusammenarbeit und Dialog Möglichkeiten verbesserter Zusammenarbeit
einander näherzubringen. Wir sollten nichts weniger
als den Aufbau einer echten Partnerschaft zwischen Ich möchte jetzt einige Möglichkeiten verbesserter
den Streitkräften und Verteidigungsplanem unserer Zusammenarbeit bei der nationalen Sicherheit umreiStaaten anstreben. Dies sollte auch die Einbeziehung ßen und zwar sowohl im Rahmen dieser Gruppe als
von Verbündeten und Kooperationspartnern in ge- auch auf bilateraler Basis.
meinsame Ausbildung und Übungen umfassen. In
einer Zeit wirtschaftlicher Engpässe und gekürzter Als erste Priorität müssen wir zusammenarbeiten, um
die Situation im ehemaligen Jugoslawien besser in den
Verteidigungshaushalte wird dies nicht leicht sein.
Griff zu bekommen. Eine große Herausforderung für
Wir befinden uns jedoch heute am Vorabend eines die Zukunft besteht in der Durchsetzung einer vereinGipfeltreffens zwischen Präsident Clinton und Präsi- barten politischen Lösung in Bosnien. Die NATO sollte
dent Jelzin. Dieses Treffen ist ein Symbol der Partner- eine wesentliche Rolle spielen, und die Vereinigten
schaften, die wir mit allen neuen unabhängigen Staa- Staaten sind bereit, einen substantiellen Beitrag zu
ten Mittel- und Osteuropas sowie der ehemaligen leisten, möglicherweise unter Einsatz von LandstreitSowjetunion aufbauen wollen. Es trägt femer der kräften. Beiträge unserer Partner im Osten zu einer
Notwendigkeit Rechnung, die Demokratie, Stabilität Implementierungsstreitmacht wären willkommen.
und wirtschaftlichen Aussichten im Osten zu stärken.
Ein damit in Zusammenhang stehender PrioritätsbeDarüber hinaus sollten wir darauf hinarbeiten, Sicher- reich ist Friedenssicherung unter einem UN- oder
heitspartnerschaften auf multinationaler Basis zu KSZE-Mandat. Wenn die NATO für die Sicherheitsschaffen. Kollektiver Dialog und Zusammenarbeit herausforderungen der Zukunft relevant bleiben soll,
zwischen den hier vertretenen Nationen wird zwangs- muß sie meines Erachtens ihre Fähigkeiten zur Frieläufig größere Transparenz fördern, zur Lösung von - denssicherung weiterentwickeln. Auch hier müssen
realen und vermeintlichen - Sicherheitsproblemen wir kooperative Programme mit dem Osten entwikbeitragen und die Bemühungen zum Aufbau eines keln, insbesondere mit den Nationen, die über maßdauerhafteren und ständigen Friedens vorantreiben. gebliche Erfahrungen bei der Friedenssicherung verIn der Tat sind die hierund in anderen Foren unternom- fügen. Obwohl die Außenminister durch den Nordatmenen Bemühungen, unsere kooperativen Beziehun- lantischen Kooperationsrat (NAKR) eine führende Rolle
gen zu erweitem und vertiefen, ein entscheidender bei der Friedenssicherung einnehmen, müssen wir
Aspekt der Umgestaltung der NATO nach dem Kalten auch gewährleisten, daß die Verteidigungsminister
Krieg.
weiterhin eine entsprechende Rolle spielen. Vor allem
müssen wir unser Fachwissen und unsere RessourMeines Erachtens sollte die enge Zusammenarbeit mit cen einsetzen, um die Durchführung der vom NAKR
unseren östlichen Partnern künftig zu den zentralen verabschiedeten praktischen Maßnahmen zu unterAufgaben der NATO gehören. Mit der langfristigen stützen.
Entwicklung einer europäischen Sicherheitsarchitektur sollten wir darüber hinaus eine erweiterte Mitglied- Das Ziel sollte die Einbeziehung unserer östlichen
schaft der NATO in Erwägung ziehen - wobei wir voll Partner in die friedenssichernden Aktivitäten der NATO
und ganz die rigorosen demokratischen Normen der sein - eventuell einschließlich VerbindungsarrangeNATO-Staaten sowie die Notwendigkeit berücksichti- ments bei der Planung. Wir müssen insbesondere

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AMERIKA DIENST 13

�gewährleisten, daß unsere Militärs bei der Vorbereitung von friedenssichernden Operationen eng zusammenarbeiten. Unter anderem bedeutet dies gemeinsame Ausbildung und Übungen zur Friedenssicherung. Auf dieser Basis können wir bei friedenssichernden Operationen unter der Schirmherrschaft von UNO
oder KSZE gemeinsam vorgehen.
Wenn die Mitgliedstaaten von NATO und NAKR eine
Operation zur Unterstützung von UNO oder KSZE in
die Wege leiten, ist der militärisch und politisch erfolgreiche Verlauf der Operation von entscheidender
Bedeutung. Die NATO mu ß ihrerseits in der Lage sein,
die Führungsarrangements und anderen Fähigkeiten
sowie das Fachwissen zu nutzen, die eine einzigartige
Quelle der Unterstützung für die Friedenssicherung
von UNO oder KSZE darstellen, besonders im Falle
großräumiger und komplexer friedenssichemder
Operationen der Art wie wir sie bald in BosnienHerzegowina in die Wege leiten könnten.

Die Bekämpfung der Proliferation ist ferner ein Bereich
für intesivierte Kooperation auf breiter Basis, beispielsweise durch Exportkontrollen und regelmäßige Konsultationen über Gerät, das durch die Reduzierung der
Streitkräfte verfügbar wird, vor allem Mehrzweckgerät.
Auch hier möchte ich vorschlagen, daß die GDM die
Möglichkeiten für Zusammenarbeit prüft und Empfehlungen für ein künftiges Vorgehen entwickelt.
Schließlich möchte ich die Bedeutung des Demokratisierungsprozesses unterstreichen, den Präsident Clinton als Eckpfeiler unserer Außenpolitik bezeichnet hat
und der meines Erachtens ein Bereich ist, auf den wir
uns in unserem Beziehungsgeflecht konzentrieren
sollten.

Die Verbreitung von Demokratie auf der ganzen Welt
fördert globale Stabilität und Wohlstand. Eine wesentliche Gefahr besteht hier im Auftreten feindlicher,
autoritärer Regime. Wir haben ferner weiterhin Grund
zur Sorge über die anhaltende Gewalt und das Leiden
Gleichzeitig sollte ein wichtiges politisches Ziel in in bestimmten Ländern, das häufig Forderungen nach
gemeinsamen Operationen der Streitkräfte der N ATO- internationalen Interventionen in Form von Friedenssiund NAKR-Mitgliedstaaten bei friedenssichernden cherung und humanitärer Hilfe hervorbringt.
Missionen unter einem KSZE- oder UNO-Mandat
bestehen. Durch gemeinsame Aktionen können wir Die Clinton-Administration hat sich verpflichtet, zur
Förderung demokratischer Reformen entschlossen zu
ein kollektives Sicherheitssystem aufbauen.
handeln. Zu unseren Strategien zählt das Schmieden
Die Vereinigten Staaten sondieren aktiv die Organisa- kooperativer Partnerschaften mit den hier vertretenen
tion eines Workshops, um die Praktikabilität gemein- Nationen. Im umfassenderen Kontext konzentrieren
samer Übungen zur Friedenssicherung zu prüfen. wir uns auf Kontakte auf militärischer Ebene, um die
Dieser Workshop könnte in dem neuen Marshall Center Demokratie weltweit zu fördern und zu bewahren.
veranstaltet werden, das im kommenden Juni eingeSchlußbemerkung
weiht wird.
Eine weitere Möglichkeit für engere Zusammenarbeit, Abschließend möchte ich die entscheidende Bedeuinsbesondere im Rahmen der NATO, wäre ein regel- tung betonen, die die Vereinigten Staaten unseren
mäßiger Informationsaustausch über unsere jeweili- kooperativen Bestrebungen beimessen. Wie Sie wisgen Verteidigungsbudgets. Das Ziel wäre die Förde- sen, engagieren sich die Vereinigten Staaten weiterhin
rung von Transparenz und Offenheit sowie Vertrau- stark für die Sicherheit Europas und der NATO als
ensbildung durch die Bestätigung des defensiven Instrument unserer militärischen Präsenz in Europa.
Obwohl wirdabei sind, unsere Militärpräsenz - auf rund
Einsatzkonzeptes unserer Streitkräfte.
100.000 Mann - zu reduzieren, tun wir dies nicht
Solche Überprüfungen würden auf das einzigartige aufgrund eines verringerten Engagements für Eu ropa,
Fachwissen der NATO bei der gemeinsamen Verteidi- sondern wegen der verringerten Bedrohung unserer
gungsplanung zurückgreifen und könnten als nützliche kollektiven Sicherheit. Die NATO ist nach wie vor der
Ergänzung für ähnliche Überprüfungen bei der KSZE Eckpfeiler der europäischen Sicherheit und bildet den
und anderen Foren dienen. Ich schlage vor, daß die entscheidenden Rahmen, in dem wir auf die BewältiGruppe für Verteidigungsangelegenheiten Vorschläge gung der neuen sicherheitspolitischen Herausfordeunterbreitet, die von unseren Botschaftern erörtert rungen der Zeit nach dem Kalten Krieg hinarbeiten
müssen. Meines Erachtens wären unsere erfolgreiwerden.
chen kooperativen Partnerschaften in der Tat nicht
Darüber hinaus müssen wir der durch Nuklear- und möglich ohne die NATO als Pfeiler der Stabilität in
andere Massenvernichtungswaffen sowie deren Trä- West- und Osteuropa.
gersysteme entstandenen Gefahr vermehrte Aufmerksamkeit widmen. Die neue US-Administration räumt Um es nochmals zu wiederholen, die grundlegende
der Bekämpfung von Weiterverbreitung hohe Priorität Herausforderung besteht im Aufbau einer neuen
ein, und wir werden eine ganze Bandbreite von Strate- Gemeinschaft demokratischer Nationen durch Sichergien zur Bewältigung dieses kritischen Problems ver- heitspartnerschaften, die Nordamerika und den eurafolgen.
sischen Kontinent umfassen. Wenn wir bei diesem
historischen Unterfangen Erfolg haben, können wir

AMERIKA DIENST 13

Seite 3

�einem neuen Zeitalter entgegensehen, das nicht nur
demokratischer, sondern auch von mehr Sicherheit

und Wohlstand für all unsere Nationen gekennzeichnet ist.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 13

�NAFTA
31. März 1993

NAFTA-GEGNER IN WASHINGTON AKTIV
Perot warnt vor übereilten Maßnahmen

WASHINGTON - (AD) - Gegner und Befürworter des
Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) haben in Washington am 24. März 1993 Breitseiten aufeinander abgefeuert.
Die meiste Publizität wurde dabei dem texanischen
Milliardär Ross Perot zuteil, der vor dem Mittelstandsausschuß des Repräsentantenhauses erklärte, die
Verabschiedung des Abkommens zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada ohne Veränderungen werde auf die Beschäftigungslage in den Vereinigten Staaten katastrophale Auswirkungen haben.
Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Perot verlieh
seiner Überzeugung Ausdruck, die Vereinigten Staaten könnten ein Handelsabkommen mit Mexiko erzielen, das seine Anliegen berücksichtigen werde. Jedoch sah er sich außerstande, seinerseits spezifische
Vorschläge in diesem Sinne vorzulegen.

laufen würde und je nach Erfahrung verändert werden
könnte.
Perot warnte vor übereilten Maßnahmen und erklärte,
die Vereinigten Staaten sollten im Hinblick auf das
NAFTA keine raschen Entscheidungen aufgrund von
politischen Erwägungen in Mexiko treffen, wo 1994
eine Präsidentschaftswahl ansteht. "Wir dürfen uns
davon nicht überfahren lassen", meinte Perot.
Der Vorsitzende des Mittelstandsausschusses, der
Abgeordnete John LaFalce aus dem Staat New York,
hat bereits eine Reihe von NAFTA-Anhörungen veranstaltet, bei denen vornehmlich ablehnende Meinungen
vertreten wurden. Bei der Anhörung Perots gab er zu
verstehen, daß er selbst ein unerbittlicher Gegner des
Abkommens sei.

"Ich halte es gewiß für löblich, daß die Clinton-Administration versucht, die Arbeit dervorherigen AdministraSein Hauptkritikpunkt war, daß das NAFTA aufgrund tion zu verfeinern und zu verbessern", äußerte LaFaldes Lohnkostenvorteils den Exodus amerikanischer ce, "aber ich befürchte, daß keine ErgänzungsvereinProduktionsbetriebe nach Mexiko beschleunigen wer- barung und keine zusätzlichen Überwachungskomde. So ist laut Perot die Hauptfrage: "Wie lösen wir die missionen dieses Abkommen retten können."
Probleme, die sich grundsätzlich aus dem enormen
Lohngefälle ergeben?" Man könne "zu diesem ent- Zwölf Mitglieder des Repräsentantenhauses - Demoscheidenden Zeitpunkt nicht unsere Arbeitsplatz- und kraten und Republikaner -, die das NAFTA unterstütSteuerbasis schmälern". Darüber hinaus erklärte er: zen, veranstalteten eine Pressekonferenz im Kapitol,
"Wir können das NAFTA entweder verzögern oder es um die Aussagen Perots zu widerlegen.
ratifizieren und versuchen, diese Probleme durch
"Nichts könnte uns mehr schaden, als dieses AbkomErgänzungsabkommen zu lösen."
men abzulehnen", erklärte der Vorsitzende des UnterAn einer anderen Stelle schien Perot vorzuschlagen, ausschusses für Handel im Haushaltsausschuß des
daß das von Präsident Bush im Dezember 1992 unter- Repräsentantenhauses, der Abgeordnete Sam Gibzeichnete NAFTA in seiner jetzigen Form gestrichen bons. Gibbons zufolge wird das NAFTA den mexikawerden sollte. Präsident Clinton hat erklärt, er werde nischen Markt weiter für amerikanische Exporte öffdas ursprüngliche Abkommen nicht erneut zur Diskus- nen.
sion stellen.
Eine Reihe von Kongreßabgeordneten erklärte, die
Perot machte den allgemein gehaltenen Vorschlag,
die Vereinigten Staaten und Mexiko sollten eine Arbeitsgruppe einsetzen, um ein Handelsabkommen zu
konzipieren, das mehrere Jahre als Pilotprogramm
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amerikanischen Exporte nach Mexiko hätten in den
vergangenen Jahren seit den von Präsident Salinas
durchgeführten Wirtschaftsreformen bereits drastisch
zugenommen. Dadurch sei das Defizit der Vereinigten
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�Staaten im Handel mit Mexiko in einen Überschuß
verwandelt worden.
Perot vertrat jedoch die Ansicht, der amerikanische
Exportboom nach Mexiko sei ein vorübergehendes
Phänomen, das sich hauptsächlich auf Kapitalgüter
stütze und verschwinden werde, wenn Mexiko seine
Fertigungskapazität aufgebaut habe. "Wenn sie erst
einmal Erfahrung gewonnen haben, werden sie uns
nicht mehr brauchen", erklärte Perot. In wenigen
Jahren schon, so prognostizierte er, würden die Vereinigten Staaten erneut ein wachsendes Handelsdefizit
mit Mexiko verzeichnen.
Eine Reihe von Kongreßabgeordneten stellte die
Behauptung Perots in Frage, die niedrigen Löhne in
Mexiko würden den Arbeitsplatzschwund in amerikanischen Fabriken beschleunigen. Sie argumentierten,
daß Niedriglohnkonkurrenz erstens auf der ganzen
Welt bestehe, nicht nur in Mexiko, und zweitens ein
aus den USA, Mexiko und Kanada bestehender Handelsblock in der Lage wäre, mit anderen Handelsblöcken zu konkurrieren.
Diese Abgeordneten prognostizierten Schwierigkeiten
bei der Verabschiedung des N AFTA im Repräsentantenhaus. "Ich gehe davon aus, daß es ein harter
Kampf wird", erklärte der Abgeordnete DaveMcCurdy.
"Dies wird eine der großen parlamentarischen Auseinandersetzungen sein, die uns bevorstehen."

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Am 23. März hatte der Präsident des Gewerkschaftsdachverbandes AFL-CIO, Lane Kirkland, bei einer
Versammlung der amerikanischen Industriegewerkschaften festgestellt, die Ablehnung des NAFTA sei
eine der höchsten parlamentarischen Prioritäten seiner Organisation.
Unter einem mit "NAFTA - NO" beschrifteten Transparent stehend, erklärte Kirkland, das NAFTA werde der
Großindustrie und den Investoren umfassenden Schutz
gewähren, während die Arbeitnehmer auf beiden Seiten der Grenze schutzlos gelassen würden.
Der amerikanische Handelsbeauftragte Mickey Kantor versuchte dagegen, die Teilnehmer an diesem
Treffen mit der Erklärung zu beruhigen, daß die Clinton-Administration das NAFTA dem Kongreß nicht
ohne Ergänzungsabkommen zuleiten werde, die das
gesamte Paket für die Arbeitnehmer fair gestalten.
"Wir sollten die Dinge in Nordamerika substantiell
besser machen als sie heute sind", äußerte Kantor.
Wenn die Verhandlungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Mexiko über Ergänzungsvereinbarungen
scheitern sollten, so Kantor, habe die AFL-CIO das
Recht, das NAFTA abzulehnen. Wenn die Administration jedoch dieses Ziel verwirkliche, "dann sollten wir in
der Lage sein, um Ihre Unterstützung zu bitten", erklärte Kantor.

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�MEDIEN
31. März 1993

DIE MACHT DER FERNSEHNACHRICHTEN
von Joshua Meyrowitz
Die Fernsehnachrichten sind dem Verfasser zufolge eine mächtige, multidimensionale und paradoxe Kraft,
deren Einfluß nicht leicht zu messen ist. Der Autor liefert Einzelheiten zu Struktur, Bildersprache und Auswirkung
dieses Phänomens moderner, technisch fortgeschrittener Gesellschaften.
Joshua Meyrowitz ist Professor für Kommunikationsforschung an der University of New Hampshire. Er ist der
Autor des preisgekrönten Buches No Sense of Place: The Impact of Electronic Media on Social Behavior
(Oxford University Press).
Nachdruck und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The World &amp; I. Copyright (c) 1992 Joshua
Meyrowitz.

Seit den frühen sechziger Jahren - als der Anteil der
Haushalte, in denen Fernsehgeräte vorhanden waren,
in diesem Land die 90-Prozentschwelle überschritt erklärten Amerikaner den Interviewern der Roper
Organization, sie bezögen ihre Nachrichten größtenteils aus dem Fernsehen, nicht aus Zeitungen, und sie
fänden die Fernsehnachrichten am glaubwürdigsten.
An traditionellen Maßstäben gemessen, enthalten die
Nachrichtensendungen des Fernsehens jedoch nur
wenige Nachrichten. Das typische 22minütige Script
der Abendnachrichten eines der großen Fernsehsender (ohne die acht Minuten an Werbesendungen)
würde auf der Titelseite der New York Times lediglich
zwei Spalten füllen. Beobachtungen der begrenzten
Menge von den Fernsehnachrichten vermittelter "Informationen" sind gemeinsam mit zahllosen Studien,
die zeigen, daß sich die Zuschauer nur schwer an das
erinnern können, was sie in den Nachrichten sehen
und hören als Argument benutzt worden, daß die
angebliche Wirkung des Femsehens nur Einbildung
sei.
Es überrascht jedoch nicht, daß die Macht der Fernsehnachrichten durch Methoden verschleiert wird, die
sich aus verbal begründeten Vorstellungen von Nachrichten ergeben. Um die Wirkung der Fernsehnachrichten zu begreifen, müssen wir das Fernsehen als
besonderes Kommunikationsmedium verstehen, und
wir müssen Fernsehnachrichten als charakteristisches
Genre untersuchen.
Der vorliegende Beitrag geht davon aus, daß Fernsehnachrichten eine mächtige Kraft darstellen, deren Einfluß
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sich jedoch nicht ohne weiteres durch Untersuchung
des "Nachrichtengehalts", der präsentierten "Datenmenge", des "Verständnisses und Erinnerungsvermögens" des Zuschauers oder der Rolle messen läßt, die
in Nachrichten vermittelte "Informationen" bei der
späteren "Entscheidungsfindung" durch den Zuschauer spielen. Meine These lautet, daß die Wirkung von
Femsehnachrichten nicht eindimensional ist. Fernsehnachrichten sind in gewisser Weise eine potente
Kraft des Wandels und andererseits ein mächtiges
Instrument des politischen Status quo. Vor allem
jedoch präsentieren Fernsehnachrichten einen anderen Rahmen oder Kontext für die Aufnahme von Ereignissen - einen Kontext, dessen Wirkung durch Prozentzahlen oder Pfeile oder andere Symbole, mit denen
versucht wird, die "Wirkungsrichtung" zu beschreiben,
nicht hinlänglich erfaßt wird.
Ausdrucksformen oder Kommunikation
Einer der eklatantesten Unterschiede zwischen Zeitungs- und Fernsehnachrichten ist deren vornehmliche Stützung auf verschiedene Symboltypen: sprachliche "Kommunikation" im Gegensatz zu Bildern und
"Ausdruck".
Zu den Ausdrucksformen gehören Körper- und Gesichtsbewegungen, Gesten sowie stimmliche Merkmale. Ausdruck ist sowohl direkter als auch vieldeutiger, natürlicher und gleichzeitig weniger präzise als
sprachliche Statements. Während man verbale
Kommunikation beginnen oder beenden kann, verwendet man Ausdrucksformen ständig. Ausdruck

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�weist darauf hin, was Menschen wirklich empfinden
und wie sie "wirklich sind". Ausdruck ist ein reicher und
grundlegender Teil der menschlichen Interaktion. Aber
wie Bilder ohne Untertitel liegt seine Bedeutung oft im
Dunkeln. Wie Paul Watzlawick und seine Kollegen
feststellten, kann ein Lächeln Liebe oder Verachtung
ausdrücken, man kann vor Glück oder Trauer weinen,
eine gedämpfte Ausdrucksweise kann als Taktgefühl
oder Indifferenz ausgelegt werden, und eine geballte
Faust kann aufsteigende Aggression oder eine Entscheidung zur Zurückhaltung bedeuten. Selbst wenn
Bilder und Ausdrucksformen mit Worten untermalt
sind, können sie nie auf diese reduziert werden.

ist, über diese Aspekte des Krieges kaum mehr als die
Zuschauer. Durch ihre im Fernsehen übertragenen
Erfahrungen entwickelten wir jedoch ein dramatisches
Gefühl des "Dabeigewesenseins".

Im Femsehen haben selbst politische "Debatten" häufig
relativ wenig mit verbal geprägten Ideen zu tun.
Charakteristischerweise reagieren die Zuschauer auf
eine Fernsehdebatte nicht mit spontanen Kommentaren wie "Das war ein hervorragendes Argument", "Das
ist historisch nicht zutreffend", "Er hat gerade dem
widersprochen, was er vor ein paar Minuten gesagt
hat" oder "Ich sehe mal im Lexikon nach, ob das
stimmt." Für gewöhnlich reagieren die Leute eher mit
Printnachrichten schöpfen vornehmlich aus verbaler Aussprüchen wie "Er sieht nervös aus", "Sie macht ihre
Kommunikation, während sich die Macht des Femse- Sache gut", "Er ist hart!", i c h traue ihm nicht", "Ich mag
hens hauptsächlich aus Bildern und Ausdrucksformen siel", "Schau dir mal diese Tränensäcke unter den
ableitet. Natürlich werden in den Fernsehnachrichten Augen an" oder "Warum wartet er fünf Seku nden, ist er
Worte gesprochen, auf die auch reagiert wird. Wahr- senil?"
scheinlich würden wir das Fernsehgerät ausschalten,
wenn sich die Moderatoren weigerten, zu uns zu Theoretisch erhoffen wir uns natürlich alle Politiker und
sprechen. Die Rolle der Sprache wird jedoch von Journalisten, die häufig innehalten, um nachzudennichtverbalen Einflüssen dramatisch verändert und ken. Nachdenken hat jedoch keine akustische und
häufig überschattet. Für gewöhnlich betrachten wir visuelle Dynamik. Präsidentenberater und Berater für
das Fernsehen mehr als daß wir ihm zuhören. Und wir Fernsehnachrichten schlagen im allgemeinen andere
hören mehr auf den Tonfall und akustische Ausdrucks- telegenere Verhaltensweisen vor. Am Abend der
formen als auf das gesprochene Wort. Aufgrund des Fernsehdebatte zwischen Carter und Reagan im Jahr
Gesehenen und Gehörten fühlen wir uns eher gut 1980 etwa reichte James Baker Ronald Reagan eine
Karte, auf der lediglich ein einziges Wort stand: "Kioder schlecht, als daß wir darüber nachdenken.
chern." Dieser Vorschlag hatte eine Schlüsselfunktion
So ist es zum Beispiel nicht überraschend, daß Er- für Reagans Siegesstrategie. Auch werden kostbare
kenntnissen von Forschern zufolge die Bürger desto Sekunden der Sendezeit in Nachrichtenprogrammen
weniger über die grundlegenden Fakten zum Golfkon- häufig für scherzhafte Unterhaltungen zwischen den
flikt wußten, je mehr sie sich auf die Berichterstattung Moderatoren benutzt. Selbst wenn diese Einlagen
des Fernsehens über den Golfkrieg verließen. Solche wenig oder gar keine Informationen enthalten, vermitErkenntnisse bedeuten nicht, daß das Fernsehen eine teln sie den angenehmen Eindruck, daß die Moderatogeringe Wirkung hat. Statt dessen weisen sie auf die ren nette Leute sind, die gerne zusammenarbeiten.
ungewöhnliche Macht der Fernsehnachrichten hin: Heute bewerten wir sowohl die Nachrichtenthemen als
daß sie unser Gefühl für Erfahrungen eher bestärken auch die Sprecher der Nachrichten instinktiv nach
als unser verbal geprägtes Wissen zu erweitern. Was denselben Maßstäben.
wir von den Fernsehnachrichten erhalten, sind freundliche, bekannte und vertraute Gesichter, die sich mit Der informelle und unterhaltsame Stil von Fernsehuns unterhalten und uns Bilder zeigen, die - weil sie wie nachrichten wird zumeist mit den "schönfärberischen"
echte Gegenstände, Menschen und Orte aussehen - Lokalnachrichten in Zusammenhang gebracht, galt
dem Gesehenen einen Anstrich von Objektivität ver- jedoch sogar für den Nestor aller Moderatoren der
großen Sender, Walter Cronkite. Ich erinnere mich
schaffen.
noch, wie überrascht ich war, als ich zum ersten Mal
Ironischerweise verleiht die subjektive Zuneigung, die ein Protokoll von Cronkite aus dem Jahr 1972 las.
wir zu Persönlichkeiten in den Nachrichten entwickeln, Obwohl ich als Zuschauer und -hörer der Sendung
unseren Erfahrungen beim Anschauen von Femseh- vom 25. Oktober nichts Ungewöhnliches festgestellt
nachrichten einen Anstrich objektiver Wahrheit, ob- hatte, stach der Text ins Auge. Für einen wichtigen
wohl sie unsere Suche nach Ideen reduziert, die über Bericht über die Vietnam-Friedensgespräche enthielt
indirekte Beziehungen zwischen Zuschauer und Jour- Cronkites Script zum Beispiel die Worte "knifflig",
nalisten hinausgehen. Bei der Berichterstattung über "verschlagen" und "mies gelaunt" - ein krasser Unterden Golfkrieg erfuhren wir mehr darüber, wie oft der schied zu dem sachlicheren Bericht der New York
Schlaf der Korrespondenten von Sirenen unterbro- Times von nächsten Tag. Ein anderer Bericht der New
chen wurde und wie sie mit Gasmasken aussahen als York Times begann folgendermaßen: "Per Post verüber die Geschichte der Region, die Wurzeln des schickte Sprengsätze haben hier heute einen arabiKonflikts und die Führung des Krieges. Tatsächlich schen Briefträger und eine Sekretärin lebensgefährwußten die Korrespondenten, wie uns heute bekannt lich verletzt." Dagegen lautete Cronkites Eröffnung:

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�"Mehr von diesen tödlichen kleinen Briefbomben sind
heute aufgetaucht."

Personifizierung der öffentlichen Sphäre

Private Interaktion ist seit jeher von konkretem Erscheinungsbild, Gestik und stimmlichen Merkmalen
dominiert. "Wie ist diese Person?" Die öffentliche
Sphäre war jedoch früher eng mit sprachlicher Abstraktion verbunden: "Was hat die Person gesagt,
geschrieben und geleistet?" Für gewöhnlich weisen
wir einen potentiellen Liebhaber oder Freund nicht
aufgrund eines wenig aussagekräftigen Lebenslaufs
zurück, und bevor es das Fernsehen gab, hatten die
Im Gegensatz zu Reportern der Printmedien bringen Wähler praktisch keine Chance, negativ auf landesTV-Journalisten in die Nachrichten im wörtlichen Sinne weit zur Wahl stehende Kandidaten zu reagieren, weil
ihren Körper ein, jedoch nicht zwangsläufig ihre Worte sie aus wenigen Metern Entfernung nicht gut aussaoder Gedanken. Peter Jennings, DanRatherundTom hen. Das Fernsehen hat jedoch die Bevorzugung von
Brokaw haben ihren Platz in den Wohnstuben und "Rendezvous-Kriterien" vor "Lebenslauf-Kriterien" im
Herzen von Millionen Zuschauern gefunden, obwohl öffentlichen Bereich gefördert.
sie häufig Scripts vorlesen, die von anderen geschrieben wurden. Dagegen müssen Zeitungsreporter ihr 1960 schätzte Theodore White, daß höchstens zwei
Material selbst schreiben.
Millionen Bürger ihre Präsidentschaftskandidaten in
natura sehen würden. Natürlich würden davon nur
Es ist unmöglich, die Person zu ignorieren, die die sehr wenige die Kandidaten nahe genug erleben, um
Nachrichten im Fernsehen vorträgt, wie man eine subtile Ausdrucksformen oder Schweiß auf ihrer Stirn
Verfasserangabe unter einem Zeitungsartikel unbeach- wahrnehmen zu können. Dagegen verfolgten etwa 70
tet lassen kann. Weil wir ihre persönlichen Ausdrucks- Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten die
formen und ihre Reaktionen auf Ereignisse erfahren, erste Debatte zwischen Nixon und Kennedy im Fernhaben viele TV-Journalisten eine öffentliche Präsenz, sehen. Und wie Robert Sanders in seiner Untersudie ebenso groß oder noch größer ist als die der chung der Berichterstattung über Debatten feststellt,
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, über die sie hat kein Thema in dieser ersten Debatte "die Gespräberichten. Im Fernsehen ergibt es einen Sinn, wenn che nach der Debatte so stark angeregt wie Nixons
Barbara Walters nach zahlreichen Sendungen über Aussehen. 'Verhärmt', 'müde', 'krank', 'wie ein Geist'
Persönlichkeit und Privatsphäre führender Politiker und 'keine Ausstrahlung' waren typische Adjektive und
und Prominenter in aller Welt einen Fernsehbeitrag Schlagworte der veröffentlichten Meinung."
bringt, in dem ihr eigenes Haus und Privatleben vorgestellt werden. In ähnlicher Weise waren Walter Cron- Als sich Nixons Erscheinungsbild in den späteren
kites Abschied von den CBS Evening News und Dan Debatten besserte, wurde dem gesprochenen Wort
Rathers Probleme, in seine Fußstapfen zu treten, mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Durchweg blieb
selbst wichtige Nachrichten. Ironischerweise wurde jedoch ein eklatanter Unterschied zu der Reaktion von
Cronkite als "vertrauenswürdigster Mann Amerikas" Rundfunkhörern (von denen es bei den ersten drei
und aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat betrach- Debatten zwischen 15 und 20 Millionen gab) auf die
tet, obwohl zu jener Zeit niemand seine politischen Debatten bestehen. Sanders gibt an, daß diejenigen,
Ansichten kannte.
die die Debatten nur hörten, wesentlich mehr zu der
Aussage neigten, Nixon habe alle "gewonnen". Nach
Je mehr wir ihnen zuschauen und zuhören, desto mehr der ersten Debatte meinten zum Beispiel 43 Prozent
werden die Moderatoren und Themen der Nachrichten der Rundfunkhörer, Nixon habe gewonnen. Nur 20
Teil unseres erweiterten indirekten Bekanntenkreises. Prozent hielten Kennedy für den Sieger. Dagegen
Einige von ihnen sind da, um uns "Guten Morgen" zu gaben nur 19 Prozent der Fersehzuschauer an, Nixon
sagen, andere sagen uns "Guten Abend". Mit größerer habe gewonnen.
Zuverlässigkeit als selbst unsere besten Freunde im
wirklichen Leben plaudern sie munter mit uns beim Hat Nixon die Wahl allein wegen der ersten Debatte
Frühstück und lassen beim Abendessen den Tag vor verloren? Wahrscheinlich nicht. Die meisten Zuuns Revue passieren. Wir wissen über ihre guten und schauer (54 Prozent) betrachteten sie immer noch als
schlechten Tage, ihre Erkältungen und ihren Haar- unentschieden oder hatten keine Meinung, und in
schnitt Bescheid. Durch die Femsehnachrichten werden jedem Fall sind Wahlkämpfe komplexe Phänomene,
Fremde Teil unserer intimen Wirklichkeit. Wir erhalten bei denen sich Sieg oder Niederlage nicht auf ein
das Gefühl, daß wir Peter Jennings, Ronald Reagan, einziges Moment zurückführen lassen. Die erste
Bill Clinton und George Bush irgendwie "wirklich ken- Fernsehdebatte stärkte jedoch eindeutig das Image
nen", daß wir Zeit mit ihnen verbracht haben und etwas Kennedys, während sie für Nixon zumindest teilweise
darüber wissen, wie sie als Menschen sind.
negative Auswirkungen hatte, und ein SchlüsseleleSolche Scripts verletzen nicht die veröffentlichten
Normen für Fernsehnachrichten. Tatsächlich bieten
sie Beispiele für häufig genannte Regeln. So schreibt
etwa Tim Wulfemeyer in Broadcast Newswriting:
"Im Idealfall sollten Nachrichtenmoderatoren so klingen als unterhielten sie sich mit Freunden über Probleme und Ereignisse."

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Seite 3

�ment in der Reaktion der Zuschauer schien etwas
anderes zu sein als die präsentierten verbalen Argumente.

bei den Tagesproblemen mit uns übereinstimmt oder
jemand, zu dem wir als brillant oder heldenhaft oder als
moralischem Giganten aufschauen, solange wir es
tolerieren können, regelmäßig Zeit mit ihm zu verbrinEs ist nach wie vor eine Binsenwahrheit, daß unabhän- gen. Oder, anders ausgedrückt: Präsidentschaftsgig von den hastig konzipierten Untersuchungen über wahlkämpfe sind heute Zeiten des Werbens um eine
die Debatten von 1960 jedes Medium der politischen vierjährige intime Beziehung mit der Öffentlichkeit.
Kommunikation einen anderen Reaktionskontext lie- Der neue politische Kontext des Fernsehens ist sowohl
fert: Aus einem Zeitungsprotokoll läßt sich nicht die personifizierend als auch entmystifizierend.
Stimme des Kandidaten beurteilen, der Rundfunkhörer kann nicht auf den Gesichtsausdruck eines Kandi- Diesem Gedankengang folgend, war es stets ein Fehler,
daten reagieren. Ohne Fernsehen ist "eine persönli- Ronald Reagan als großen Kommunikator zu bezeichche Reaktion" von Millionen auf Bewegungen und nen. Reagan ist ein "Meister der Ausdrucksformen".
Erscheinung eines Kandidaten einfach nicht möglich. Seine Stärke als Präsident lag nicht in der Kommunikation klarer, logischer Ideensequenzen, sondern in
Stellen Sie sich vor, Sie lesen das Zeitungsprotokoll der Projizierung machtvoller Bilder und besänftigender
der Rede eines Politikers, den Sie niemals gesehen Töne. Selbst wenn er einer Reporterfrage auswich,
haben, und Sie sagen: "Also, ich bin da anderer wiegte er oft demütig seinen Kopf, lächelte und winkte.
Meinung, diese Behauptung ist falsch, und dieser Satz Selbst wenn er einen furchtbaren Witz machte oder
ergibt überhaupt keinen Sinn... Aber wissen Sie, ich einen Satz aussprach, der weder Anfang, noch Mitte
mag diesen Kerl einfach!" Eine solche Reaktion würde oder Ende hatte, erschien er als netter Bursche. Reagans
als verrückt erscheinen. Doch genauso reagieren die Kommunikation als Präsident war häufig prosaisch,
meisten von uns auf Politiker in den Fernsehnachrich- manchmal unverständlich, wurde aber durch eine von
ten. Auch wenn wir sicherlich nicht blind für im Fern- Emotionen erstickte Stimme effektiv oder durch Ausehen gesprochene Worte sind, neigen wir dazu, auf gen, die tränenfeucht waren oder ein spielerisches
sie in einem persönlichen Kontext zu reagieren.
Grinsen ausstrahlten - alles zeitlich perfekt abgestimmt und koordiniert.
Meinungsumfragen deuten darauf hin, daß viele Bürger heute bereit sind, auf nationaler Ebene einen Während kein Medium per se wahrer oder genauer ist
Kandidaten zu wählen, dessen Meinung zu Problemen als andere, fördert jedes Medium andere Kriterien für
sie nicht teilen, weil sie den Kandidaten "persönlich die Bewertung politischen Erfolges und politischer
mögen". (Etwa ein Drittel der Stimmen für Ronald Kompetenz. Die Protokolle und Videobänder derselReagan bei der Wahl von 1980 kamen von solchen ben Vorgänge können zu völlig verschiedenen ReakAnhängern.) Eine derartige Reaktion ergibt sich aus tionen auf dasselbe Ereignis führen. Die wenigen, die
dem vom Fernsehen geförderten Gefühl heraus, daß Niederschriften von Ronald Reagans Pressekonferenwir unsere führenden Politiker getroffen haben und sie zen und Reden zur Lage der Nation untersucht haben,
persönlich kennen.
verwiesen zum Beispiel häufig auf beunruhigende
logische Brüche und faktische Ungereimtheiten. Die
Wegen der Konzentration auf persönliche AnziehungsKommentatoren seiner Fernsehauftritte jedoch konkraft gerieten die politischen Positionen der Präsidentzentrierten sich häufig auf Reagans beherrschenden
schaftskandidaten im Jahr 1988 häufig ins HintertrefStil und seinen spielerischen Sinn für Humor.
fen, während man über George Bushs Versuche, sein
Image als "Schwächling" zu überwinden und Michael Während der Anhörungen von Clarence Thomas nach
Dukakis leidenschaftslose Art sowie seine Unfähig- dessen Nominierung zum Richter am Obersten Bunkeit, sich gegen Angriffe in Wahlkampfsendungen zu desgericht stellten Beobachter, die das früher von
wehren, diskutierte. Am Ende, so wurde uns gesagt, Richter Thomas Geschriebene und Gesagte mit dem
änderte Bush mit Erfolg seinen persönlichen Stil, während verglichen, was er in den Anhörungen äußerte, die
die Wähler nach wie vor nicht in der Lage waren, sich Ehrlichkeit seiner mündlichen Aussage in Frage. Eine
mit Dukakis "anzufreunden". Auch im Wahlkampf Reihe derjenigen, die sich auf eine Untersuchung
1992 waren die Wähler nicht nur an den persönlichen seines Lebenslaufs konzentrierten, bezweifelten, daß
und beruflichen Leistungen der Kandidaten und ihrer er genügend Erfahrung besaß, um im obersten GeHaltung zu den Problemen interessiert, sondern auch richtshof des Landes zu sitzen. Weil jedoch die
daran, wie sie sich menschlich im Fernsehen darstell- Anhörungen im Fernsehen übertragen wurden, war
ten. Der Stil von Politikern im Umgang mit peinlichen der Schwerpunkt der meisten journalistischen BerichEnthüllungen ist heute nahezu ebenso wichtig wie die te die Persönlichkeit von Thomas: seine selbstsichere
Art der Enthüllungen.
Präsentation, sein leichtes Lachen, seine tiefe Stimme, die zur Schau getragenen Bande mit seiner Frau.
Wir scheinen also potentielle Präsidenten heute zu
Im Fernsehen erschienen die Senatoren, die ständig
bewerten, indem wir uns teilweise der Kriterien bedieversuchten, wieder zu "den Tatsachen" zurückzukehnen, die Menschen bei der Auswahl von Kegelpartnern
ren, tatsächlich Richter Thomas unnötig zu piesacken.
anlegen: Es mu ß nicht jemand sein, der zwangsläufig

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�Indirekte Intimität

meinen Kopf schüttele, steht diese Ausdrucksform
häufig für das Wort nein. Und Sprache ist davon
Warum ist das Fernsehen so erfolgreich dabei, eine abgesehen nicht immer in logische, lineare Stateemotionale Reaktion statt einer logischen Reaktion zu ments strukturiert. Boulevardzeitungen zwängen die
fördern? Ein Grund liegt darin, daß das Femsehen Sprache oft in eine bildhafte Form, besonders in ihren
einen intimen Raum simuliert. Das heißt, das Femse- Schlagzeilen. Ferner benutzt die Werbung in allen
hen präsentiert uns Menschen so, als wären sie nur Medien Sprache häufig als mehrdeutige Ausdruckseinen Meter entfernt. Selbst im wirklichen Leben ist form, etwa in den Slogans "Coke is it!" und "Me and my
dies eine Distanz der Verführung oder Bedrohung, RC". Solche Statements sind wie Bilder weder wahr
nicht der rationalen Diskussion. Wenn wir beispiels- noch falsch.
weise zum ersten Mal mit jemandem ausgehen, hängt
unser Eindruck vom Erfolg oder Scheitern dieses Die Werbung nutzt die visuelle und akustische Gestalt
Treffens relativ wenig davon ab, was unser Begleiter des Fernsehens am effektivsten, indem sie ihre Prosagt. Die Worte "Was für ein gutes Essen" oder "Ich dukte mit positiven, sinnlichen Erfahrungen assoziiert
danke Ihnen für eine sehr schöne Zeit" sagen uns nicht - lächeln, umarmen, küssen, pfeifen, gurren, laufen,
viel. Wir suchen also nach anderen Indizien: Wie oft spielen oder ins Wasser eintauchen (für gewöhnlich in
schaut sie mich an? Wie nahe steht er bei mir? Zeitlupe).
Scheint sie nervös zu sein? Sieht er gelangweilt aus?
In ähnlicher Weise macht die Sinnlichkeit des Fernse- Nur selten stellt sie jedoch nachprüfbare verbale
Behauptungen über die in dieser Weise angepriesehens Sprache zweitrangig.
nen Produkte auf. Wenn die Werbebranche tatsächJe weiter man von einer Person entfernt ist, desto mehr lich ein ungefähres verbales Äquivalent solch sinnlikann man sich ausschließlich dem gesprochenen Wort cher Bilder - "Trink unsere Diätlimonade, und du wirst
widmen. Wenn die Person überhaupt nicht gegenwär- mit schönen Angehörigen des anderen Geschlechts
tig ist - wie in einer Passage der Zeitung oder einem am Strand liegen und lernen, wie man in Zeitlupe ins
Buch -, dann sind Worte und Ideen die einzigen Dinge, Wasser springt" -, anbieten würde, könnte sie wegen
Betruges verklagt werden.
auf die man sich konzentrieren kann.
Obwohl Ausdrucksformen eine primäre Rolle in persönlichen Beziehungen spielen, sind sie als Form der
öffentlichen Auseinandersetzung äußerst begrenzt.
Man kann einen bindenden Vertrag oder eine schlüssige Außenpolitik nicht auf einem Lächeln oder Zwinkern aufbauen. Nur die Sprache bietet das Potential
für präzise Bedeutungen, Wenn-Dann-Beziehungen,
syllogistische Analysen, lange Argumentationsketten
und Behauptungen, die als wahr oder falsch bewiesen
werden können. Das logische Potential von Worten
wird am besten in der Schriftsprache ausgenutzt, die
Formen der Erörterung zuläßt, die in improvisierter
Rede nahezu unmöglich sind. Ebenso gestattet Lesen
eine sorgfältigere Beurteilung von Ideen und den
Verbindungen zwischen ihnen als das Zuhören des
gesprochenen Worts (selbst wenn das Gesprochene
von einem Manuskript abgelesen wird).

Daß die Werbebranche eine rationale Auseinandersetzung vermeiden möchte, ist nicht überraschend,
aber auch die Fernsehnachrichten u nd -dokumentationen tun häufig desgleichen. Wenn man dem Überlebenden eines Erdbebens oder einem Vater, der soeben erfahren hat, daß seine Tochter getötet wurde, ein
Mikrofon oder eine Kamera vor die Nase hält, erbringt
dies kaum "Nachrichten", bietet den Zuschauem jedoch eine reichhaltige Quelle emotionaler Ausdrucksformen. Im Femsehen allgemein werden gesprochene Worte häufig 'Verbildlicht", das heißt, sie werden
Teil einer "Gesamtimpression", anstatt primär dazu zu
dienen, eine Idee, einen Vorschlag oder ein längeres
Argument zu fördern.

Die vom Fernsehen heute ermutigte Konzentration auf
Bilder reicht sogar bis zur Art und Weise, in der
politische Skandale "untersucht" werden - wenn dies
Rationale Argumente und Sozialkritik erfordern Worte. das richtige Wort ist. So wurde über die Iran-ContraDie Worte können mit Aktionen und Ausdrucksformen Affäre zum Beispiel im Stil einer Seifenoper berichtet:
kombiniert werden, aber während Worte bei der Hat Nancy versucht, Ronald Reagan zu bewegen, Don
Entwicklung abstrakter Ideen für sich stehen können, Regan zu feuern? Hat Ronnie wirklich "Laß mich
ist dies bei Bildern und Ausdrucksformen nicht mög- verdammt nochmal in Ruhe!" zu Nancy gesagt? Hat
lich. Man kann zwei gemeinsam essende Menschen Ollie Norths Sekretärin wirklich in ihrer Unterwäsche
abbilden, aber die Konzepte von "Freundlichkeit", Dokumente aus dem Weißen Haus geschmuggelt?
"Freundschaft", "Liebe" und "Verrat" existieren nur Wer war der Gewinner der Konfrontation zwischen
durch Sprache. Man kann das Bild einer großen Dan Rather und George Bush in den CBS Evening
Statue zeigen, die eine Fackel hält, aber die Ideen von News? Werden der Präsident oder der Expräsident
"Freiheit" oder "Demokratie" müssen mit Worten ent- vor Gericht aussagen müssen? Selbst die relativ
wickelt und erörtert werden. Für das Fernsehen gilt ideenorientierte MacNeil/Lehrer Newshour verwandte während Oliver Norths Gerichtsverfahren viel Zeit
jedoch nichts als tödlicher als sprechende Köpfe.
auf die Erörterung von Norths "Auftreten". Und als
Natürlich werden Kommunikation und Ausdrucksfor- Ronald Reagan im Prozeß gegen seinen ehemaligen
men nicht immer unterschiedlich benutzt. Wenn ich
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Seite 5

�nationalen Sicherheitsberater John Poindexter auf einem
Videoband aussagte, stellte Newsweek fest, daß er so
"genial und verschmitzt" war wie immer, auch wenn er
unerhört wenig Kenntnis von den Tatsachen der IranContra-Affäre demonstrierte, einschließlich der im Bericht
seiner eigenen Tower-Kommission enthaltenen.

ge seiner Antworten seien "vage" und andere "enttäuschend" gewesen.

Relativ wenige unserer Präsidenten waren Meister der
Ausdrucksformen und Kommunikation zugleich. So
war Thomas Jefferson zum Beispiel ein exzellenter
Schriftsteller und wird oft als größter Intellektueller
Trotz all des Aufhebens um Iran-Contra bedarf es unter unseren Präsidenten betrachtet. Es ist jedoch
immer noch einer wesentlichen Aufarbeitung der unwahrscheinlich, daß er im Fernsehen besonders
Geschichte amerikanischer Interventionen in Nicara- beeindruckt hätte. Seine Kommilitonen im William and
gua und Iran durch die Fernsehanstalten - was unsere Mary College wählten ihn zum langweiligsten StudenMarineinfanteristen in Nicaragua taten, als Ronald ten, er hatte einen leichten Sprachfehler, und er haßte
Reagan noch ein Kind war oder warum wir in den es so sehr, in der Öffentlichkeit zu reden, daß er noch
fünfziger Jahren eine gewählte Regierung im Iran nicht einmal selbst vor dem Kongreß sprach und es
stürzten. Offensichtliche Parallelen zu anderen ame- vorzog, seine Reden zur Lage der Nation schriftlich
rikanischen Verwicklungen in Guatemala, Chile, El einzureichen und von einem Mitarbeiter verlesen zu
Salvador und anderen Ländern wurden nicht gezo- lassen. Jefferson beherrschte die Kunst des Ausgen. Von Beginn der Affäre an wurde jedoch darüber drucks nicht. Es ist jedoch schwer vorstellbar, daß er
geredet, wer in einem Spiel- und einem Fernsehfilm die Behauptung vertreten hätte, er könne sich nicht
wohl die Rollen von Oliver North und John Poindexter daran erinnern, wann - oder ob - er Waffen an eine
spielen werde - all das, bevor wir irgendeine klare feindliche Regierung verkauft habe.
Vorstellung davon besaßen, was sie getan hatten.
Ein Anhaltspunkt für die dominierende Stellung des
In den Fernsehnachrichten werden Fragen der Ehr- Femsehens in unserer Gesellschaft ist die Tatsache,
lichkeit oft auf eine Angelegenheit des Stils reduziert. daß die Printmedien heute oft den Typ und die Form
Obwohl man argumentieren könnte, daß der Iran- der Information nachahmen, die das Fernsehen liefert.
Contra-Skandal wesentlich mehr ernste Rechtsbrü- Traditionell ideenorientierte Magazine haben sich mehr
che aufwies als Watergate, hinterließen Ronald Rea- Fragen der Persönlichkeit zugewandt, und Zeitungen
gans Image als guter Kerl und Richard Nixons Ver- beschreiben heute Ereignisse häufig in einer Weise,
schlagenheit deshalb den umgekehrten Eindruck. die simuliert, was man im Fernsehen gesehen oder
Unabhängig davon, was wir über John F. Kennedy gehört haben könnte. Gedruckte Zitate enthalten jetzt
erfahren haben und noch entdecken werden, darunter wahrscheinlich mehr "ähms" und "ähs", und grammaseine zahlreichen Affären und seine angeblichen tikalische und andere sprachliche Fehler werden oft
Kontakte zur Mafia, scheint es ebenso fast unmöglich unkorrigiert gelassen.
zu sein, die positiven Gefühle auszulöschen, die durch
Ironischerweise berichten gedruckte Beschreibungen
seinen Stil im Fernsehen ausgelöst wurden.
von Ereignissen heute über akustische und visuelle
In einer Fernsehkultur geht es uns häufig eher darum, Phänomene, die von den meisten Menschen bei dem
richtig beeindruckt als ausreichend überzeugt zu Ereignis selbst nicht bemerkt wurden, jedoch für den
werden. So veranstaltete zum Beispiel der demokra- Fernsehzuschauer deutlich wahrnehmbar waren. Der
tische Bürgermeisterkandidat David Dinkins in New Schweiß auf der Stirn eines Politikers, die eine Wange
York 1989 eine Pressekonferenz, um nach einigem herunterkullernde Träne oder ein nervöses Zucken
Zögern zu erklären, warum er seinem Sohn für 58.000 können Teil der gedruckten Beschreibung werden Dollar Aktien verkauft hatte, die er zuvor mit über 1 weil das Ereignis heute in der Form dargestellt wird, in
Million Dollar bewertet hatte. In ihrem Bericht über der es im Fernsehen erschien. Edmund Muskie zum
Dinkins Pressekonferenz zitierte die New York Times Beispiel war 1972 gezwungen, aus dem Rennen um
den Medienberater David Garth mit dem Ausspruch: die Präsidentschaft auszuscheiden, weil er angeblich
"Ich verstehe nicht genau, was er gesagt hat, aber es während einer Rede geweint hatte, in der erden Angriff
sah ziemlich gut aus." Eine solche Verminderung der einer Zeitung auf seine Frau verurteilte. Die schädliBedeutung von Sprache könnte als Tunnelsichtweise chen Tränen waren jedoch für die meisten bei der
eines Mediengurus abgetan werden, aber der Leitarti- Rede Anwesenden unsichtbar. Schließlich schneite
kel der Times über die Pressekonferenz enthüllte es gerade. Aber die Nahaufnahmen der Kameras
denselben Ansatz. Die Times begann mit der Fest- sahen Tränen - und dieses TV-Bild wurde daher zum
stellung, Dinkins habe auf Anschuldigungen mit "Ge- Ereignis selbst, als auch die Zeitungen darüber berichlassenheit und Geduld" geantwortet, und sie stellte teten. Aus den schriftlichen Aufzeichnungen allein
dies seinem Verhalten bei früheren Gelegenheiten werden künftige Generationen deshalb schließen, daß
gegenüber, als er "die Fragen leichtfertig verworfen" unsere politisch Verantwortlichen erst in der Mitte des
habe oder "in Wut geraten" sei. Die Zeitung las sich wie zwanzigsten Jahrhunderts die Kontrolle über ihre Gefühle
ein Echo von Garth, indem sie Dinkins Stil bei der verloren haben oder mit physischem beziehungsweise
Pressekonferenz lobte, auch wenn sie feststellte, eini- verbalem Ungeschick geschlagen waren.

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�Konstruierte 'Realität'
Auch wenn das Fernsehen mehr als eine Zeitung wie
die alltägliche Realität aussieht und klingt, ist das TV
eine stark bearbeitete Form, die zunehmend die Linie
zwischen dem, was wir als Fiktion wahrnehmen und
dem, was wir als Realität empfinden, verwischt hat.
Auf vielerlei Art und Weise sind Nachrichtensendungen "aktuelle Fiktionen", bei denen elektronisch vernetzte Bilder nur im Fernsehen existieren und nicht in
der wirklichen Welt.
Wenn Ted Koppel in Nightline mit Gästen redet - ein
scheinbar offener, "realer" Vorgang -, existiert das
Ereignis nur im Fernsehen. Koppel und seine Gäste
befinden sich nicht am selben Ort. Die Gäste können
Koppel oder einander noch nicht einmal sehen. Gespräche in Nightline sind dramatische Konstruktionen, die auf der Bühne des Femsehens aufgeführt
werden.
Desgleichen benutzen Fernsehreporter häufig nur eine
Kamera für Interviews vor Ort. Die Fragen eines
Reporters und "Reaktionsbilder" werden per Videoband erst nach dem Interview aufgezeichnet. Diese
Szenenabfolgen werden danach im Schneideraum
miteinander verschmolzen, als ob sie zeitgleich abgelaufen seien - dieselbe Methode, die auch in Hollywood
benutzt wird.
Im Gegensatz zum Nimbus des Journalismus haben
Berichterstatter und die, über die sie berichten, ein
gemeinsames Interesse daran, die Ereignisse den
visuellen und zeitlichen Anforderungen des Fernsehens anzupassen. Wie ist es demnach um den
"Realitätsquotienten" einer Geiselnahme bestellt, wenn
dieses Ereignis von den Terroristen ebenso wie von
den Journalisten darauf angelegt ist, ein gutes TVDrama entstehen zu lassen? Und wie echt war Präsident Richard Nixons imposante Rückkehr von Auslandsreisen, wenn er tatsächlich bis zur Hauptsendezeit über den Flughäfen kreiste, damit seine Heimkehr
von Millionen Fernsehzuschauern erlebt werden konnte? Wie bewerten wir das Timing der Bombardierung
Libyens durch die Reagan-Administration - während
der Sieben-Uhr-Nachrichten -, was garantierte, daß
Millionen über die amerikanische Regierungsversion
des Angriffs unterrichtet wurden, während die Richtigstellung ein wesentlich kleineres Publikum finden würde?
Nicht nur wird Realität im Femsehen zum Drama,
sondern das Drama wird zur Realität. Wenn zum
Beispiel ein Programm wie Roots oder Der Tag danach im Fernsehen gesendet wird, versteht jeder, daß
es sich um eine Fiktion handelt. Aber die weitverbreitete Kenntnis des Programms - und aller Diskussionen
darüber in Nachrichten und Talk-Shows, in Schulen
und am Arbeitsplatz - macht es zu einem realen
Ereignis und verleiht ihm soziale Realität. Solche
Programme sind massive, gemeinsame Erfahrungen,
die jeder als massive, gemeinsame Erfahrungen

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wahrnimmt. Durch solche bewußte Gemeinsamkeit
erscheinen sie so real wie - und bisweilen noch realer
als - die unterschiedlichen und weniger gemeinsamen
Erfahrungen unseres individuellen Lebens.
Realität und Fiktion vermischen sich, wenn die Ereignisse, die wir als real empfanden, als wir sie im
Femsehen erlebten, ihren Status als weithin gemeinsam empfundene Realitäten beibehalten, und zwar
unabhängig von den Informationen, die wir später
herausfinden und die darauf hindeuten, daß der ursprüngliche Eindruck falsch war. Deshalb leben die
Bilder des Golfkrieges als sauberem Videospiel, in
dem intelligente Bomben ein Nadelöhr durchbohren
konnten, in der Erfahrung der Nation fort, obwohl die
Regierung später zugab, daß nur 7 Prozent der im
Krieg eingesetzten Waffen intelligente Bomben waren,
70 Prozent aller Bomben ihr Ziel verfehlten und die
Schäden an zivilen Zielen wesentlich größer waren als
damals berichtet.
Die visuelle Form des Fernsehens hat gemeinsam mit
wirtschaftlichem Druck die TV-Nachrichten von der
Information zum "Infotainment" verlagert. Mitte der
achtziger Jahre forderten zum Beispiel die Manager
des traditionellsten Nachrichtenkanals, CBS, ihren
Nachrichtenstab auf, nicht länger die New York Times
nachzuahmen und sich statt dessen als Produzenten
einer lebhaften Videoausgabe einer Boulevardzeitung
zu betrachten. Das Ziel war die Vermeidung langweiliger, themenorientierter Stories und der Versuch, die
Aufmerksamkeit der Zuschauer mit beschwörenden
"magischen Momenten" zu fesseln. Niedliche Tiergeschichten verdrängten Stories über Steuerpolitik und
Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs. Viele der
weniger televisuellen Spezialisten wurden durch Reporter, die Generalisten waren, und gute Videogestalter ersetzt. Die Berichte wurden gekürzt. In Besprechungen wurde Entertainment Tonight als Vorbild
hervorgehoben, dem CBS News nachstreben sollte.
Der alte Wahlspruch von CBS News, es werde über
"das, was wichtig ist, statt über das, was nur interessant ist", berichten, wurde auf den Kopf gesteift. Der
Falklandkrieg und das Überrennen palästinensischer
Flüchtlingslager wurden zum Beispiel als potentielle
Aufmacher zugunsten der Geburt des britischen Thronfolgers übergangen. 1987 hatten Einsparungen sowie
das neue Ethos von CBSdazu geführt, daß der Sender
keinen Korrespondenten mehr in Mittelamerika und
beim Obersten Gerichtshof hatte.
Zersplitterte Erfahrung
Unsere Erfahrung beim Anschauen von Fernsehnachrichten ist grundverschieden von unserer Interaktion
beim Lesen von Nachrichten. Das Ziel schriftlicher
Erörterungen besteht im allgemeinen darin, den Leser
an eine gewisse gedankliche Entwicklung heranzuführen. Ernsthaftes Lesen erfolgt am besten allein, an
einem ruhigen Ort ohne Ablenkungen und unter AUS-

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�Schluß anderer Aktivitäten. Selbst jemand, der dem
Leser still über die Schulter blickt, kann eine große
Belästigung darstellen. Nichts könnte dem Geist des
Fernsehens und anderer elektronischer Medien weniger entsprechen, als eine solche lineare, isolierte und
ortsgebundene Erfahrung.

ren Szenen, die wir zum Beispiel besuchten, war ein
Monsterfilm, in dem Hunderte von Menschen getötet
wurden, der Humphreys Tod in eine andere Perspektive zu rücken schien.

Die dem Fernsehen innewohnende mangelnde Beachtung von Ort und Anlaß wurde noch drastischer
Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Besuch in unterstrichen, als ein Fernsehsender seine Berichtermeinem Elternhaus zu einem Sonntagsessen Ende stattung mitten in Humphreys Totenmesse abbrach,
der siebziger Jahre. Wie sich herausstellte, nahm ich um ein Golfspiel zu übertragen. Einige Jahre später
nicht nur an einem Familienessen, sondern auch an schaltete ein Sender in ähnlicher Weise zwischen der
einem Staatsbegräbnis teil. Senator Hubert Humph- Live-Berichterstattung über Sadats Friedensmission
rey wurde an jenem Tag beerdigt, und mein Vater hatte nach Israel und der Live-Übertragung des Footballden Femseher eingeschaltet, um zuzuschauen. Saßen spiels zwischen den Universitätsmannschaften von
wir also sorglos beim Sonntagsessen, oder waren wir Ohio State und Michigan hin und her. In jüngerer Zeit
bei einer Beerdigung? Wir waren bei beiden Anlässen teilte CBS den Bildschirm für die gleichzeitige Übertrazugegen, aber bei keinem wirklich. Wir hatten das gung der Anhörungen von Clarence Thomas und
Gefühl, daß wir uns nicht besonders freuen durften, da einem Baseballspiel und sendete schließlich nur noch
ein Begräbnis eine traurige Angelegenheit ist. Ande- das Baseballspiel.
rerseits fühlten wir uns nicht verpflichtet, völlig ernst
und traurig zu sein, weil wir zu Hause waren und das Abhängig von unserer Perspektive könnte eine solche
Essen genossen. Schließlich bestand nicht die Ge- Neuzusammenstellung von Verhaltensweisen entwefahr, Hubert Humphreys Witwe oder andere Trauern- der als Zersplitterung oder als Vereinheitlichung der
de mit unserem "unschicklichen" Verhalten beim psychologischen Erfahrung ausgelegt werden. Einerseits sind die Erfahrungen heute zusammenhangloBegräbnis zu beleidigen.
ser. Forscher haben herausgefunden, daß die meiAußerdem war selbst diese kombinierte Situation - sten Menschen beim Fernsehen noch andere Dinge
Einnahme des Essens und Teilnahme am Begräbnis - erledigen - essen, spielen, spülen, lesen, telefonieren,
an sich instabil. Weil das Begräbnis sehr langsam und diskutieren oder sogar sich lieben - und viele Zuschaudeprimierend verlief, wechselten wir häufig die Kanäle, er Programme nicht bis zum Ende anschauen. Andewomit wir das Begräbnis viele Male verließen und rerseits haben die elektronischen Medien Erfahrungen
wieder dorthin zurückkehrten. Durch das Fernsehen insoweit homogenisiert, daß das, was sich an einem
reisten meine Eltern und ich in Minuten in und durch Ort ereignet, heute dem ähnlicher ist, was sich an
verschiedene psychologische Räume. Eine der ande- anderen Orten ereignen kann.

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