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17. Februar 1993

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CHRISTOPHER SKIZZIERT DIPLOMATISCHE BEMÜHUNGEN DER USA
ZU BOSNIEN
Erklärung bei Pressekonferenz

MENSCHENRECHTE

USA FORDERN RESOLUTION GEGEN
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN IM
EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN

-ßV;

Erklärung von Botschafter Schifter
GATT

GATT MUSS GRUNDLICH ÜBERHOLT
WERDEN
Rede von Botschafter Seitz

HANDEL

KONGRESSWIRD FAST-TRACK-MANDAT
WAHRSCHEINLICH AN BEDINGUNGEN
KNÜPFEN
Antrag auf einjährige Verlängerung erwartet

FRAUEN

FRAUSEIN IN DEN NEUNZIGER JAHREN:
EIN DRAHTSEILAKT
von Rosalyn Wiggins Berne

PORTRAT

"FRONTKÄMPFERN GEGEN DAS
VERBRECHEN"
Janet Reno - Clintons designierte Justizministerin
BARTHOLOMEW ZUM SONDERGESANDTEN
FÜR BOSNIENGESPRÄCHE ERNANNT
Porträt von Botschafter Reginald Bartholomew

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Fax:0228-33 41 02

�BOSNIEN
17. Februar 1993

CHRISTOPHER SKIZZIERT DIPLOMATISCHE
BEMÜHUNGEN DER USA ZU BOSNIEN
Erklärung bei Pressekonferenz
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Christopher hat am 10. Februar 1993 erklärt, die Clinton-Administration
werde sich aktiv an den diplomatischen Bemühungen beteiligen, eine politische Lösung für den Konflikt im
ehemaligen Jugoslawien zu erreichen.
Bei einer Pressekonferenz im State Department gab Christopher bekannt, daß der Präsident den amerikanischen Botschafter bei der NATO, Reginald Bartholomew, zum US-Gesandten bei den von den internationalen
Schlichtern Cyrus Vance und Lord David Owen geleiteten Verhandlungen ernannt hat. Bartholomew wird vor
Gesprächen bei den Vereinten Nationen in New York zu Beratungen mit dem russischen Präsidenten Jelzin nach
Moskau reisen.
Präsident Clinton hat allen Beteiligten verdeutlicht, erklärte Christopher, daß die Vereinigten Staaten bereit sind,
"ihren Teil zur Implementierung und Durchsetzung eines für alle Parteien annehmbaren Abkommens beizutragen... Dies ist ein gemeinsames Problem, und wir müssen die Lasten gemeinsam tragen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eingangserklärung Außenminister Christophers bei der Pressekonferenz
am 10. Februar im Wortlaut.

Ich gebe heute eine Reihe von Schritten bekannt, die
Präsident Clinton im Hinblick auf das ehemalige Jugoslawien beschlossen hat. Der Präsident ist der Überzeugung, es sei an der Zeit, daß sich die Vereinigten
Staaten aktiv und direkt an den multilateralen Bemühungen beteiligen, eine gerechte und funktionsfähige
Lösung für diesen äußerst gefährlichen Konflikt zu
finden.
Gleich zu Beginn unserer Administration erben wir
eine tragische und gefährliche Situation. In den vergangenen zwei Jahren sind die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens in eine dunkle Periode des Terrors
und Blutvergießens versunken. In diesem Zeitraum
hat der Westen wiederholt Gelegenheiten verpaßt,
frühzeitige und wirksame Maßnahmen zu ergreifen,
die möglicherweise eine Verschärfung des Konflikts
verhindert hätten. Wie Präsident Clinton im Wahlkampf wiederholt erklärte, hätte eine frühzeitiges und
energisches Signal durchaus einen Großteil der Aggressionen, des Blutvergießens und der "ethnischen
Säuberungen" abschrecken können. Weil diese
Maßnahmen nicht ergriffen wurden, sind wir heute mit
einer wesentlich schwerer in den Griff zu bekommenden Lage mit entschieden schwierigeren Optionen
konfrontiert. Trotzdem müssen wir die Umständeso in
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Angriff nehmen, wie sie sich darstellen, und wir sind
entschlossen, dies zu tun.
Diese Umstände haben tiefliegende Wurzeln. DerTod
Präsident Titos und das Ende der kommunistischen
Herrschaft über das ehemalige Jugoslawien haben
den Deckel auf dem brodelnden Kessel uralten ethnischen Hasses gelüftet. Dies ist ein Land, in dem
mindestens drei Religionen und ein halbes Dutzend
ethnischer Gruppen jahrhundertelang miteinander
gestritten haben. Es ist der Geburtsort des Ersten
Weltkrieges. Es ist seit langem die Wiege europäischer Konflikte. Dies ist auch heute noch so.
Im vergangenen Jahr haben Cyrus Vance und Lord
Owen unermüdlich nach einer Verhandlungslösung
gesucht. Obwohl sie Fortschritte erzielt haben, wurde
ihr Lösungsvorschlag von den Konfliktparteien nicht
akzeptiert, und das Töten geht weiter.
Dieser Konflikt mag weit entfernt von unseren Küsten
liegen, aber unseren Anliegen steht er nicht fern. Wir
können es uns nicht leisten, ihn zu ignorieren. Lassen
Sie mich erklären, warum dies der Fall ist.
Wir können den Zoll an Menschenleben nicht ignorieren. Die "ethnischen Säuberungen" wurden durch
Seite 1

�Massenmord, systematische Prügel sowie die Vergewaltigung von Muslimen und anderen, durch Dauerbeschu ß auf Unschuldige in Sarajevo und andernorts, die
gewaltsame Vertreibung ganzer Dörfer, inhumane
Behandlung von Gefangenen in Internierungslagern
sowie die Blockierung von Hilfslieferungen für Kranke
und verhungernde Zivilisten angestrebt. Greueltaten
wurden auch von anderen Parteien begangen. Unser
Gewissen wehrt sich gegen die Idee, solche Brutalität
passiv zu akzeptieren.

einfach sein werden, wir wissen, daß es aufgrund
früherer Untätigkeit weniger Optionen gibt, wir erwarten keine Wunder, glauben aber, daß wir etwas bewirken können. Wir unterstützen entschieden die Bemühungen der Vereinten Nationen und der Europäischen
Gemeinschaft, durch die Vance-Owen Verhandlungen zu einem Abkommen zu gelangen, das Bosnien
den Frieden bringt. Um die bestmögliche Kommunikation zwischen uns sicherzustellen, hat Präsident Clinton heute einen unserer Spitzendiplomaten zum Abgesandten unserer Regierung bei diesen Gesprächen
Neben diesen humanitären Interessen haben wir auch ernannt: Botschafter Reginald Bartholomew. Herr
direkte strategische Anliegen. Die anhaltende Zerstö- Bartholomew diente als Botschafter der Vereinigten
rung eines neuen Mitgliedstaates der UNO stellt das Staaten im Libanon und in Spanien und ist gegenwärtig
Prinzip in Frage, wonach international anerkannte Botschafter bei der NATO. Ihm sind derartige Krisen
Grenzen nicht gewaltsam verändert werden sollten. nicht unbekannt. Er ist der richtige Mann für diese
Darüber hinaus kennt dieser Konflikt selbst keine Aufgabe. Die Vereinigten Staaten werden sich durch
natürlichen Grenzen. Er droht auf neue Regionen, wie seine Bemühungen, die Zusammenarbeit mit Minister
etwa den Kosovo und Mazedonien, überzugreifen. Er Vance und Lord Owen und mit anderen Mitteln an der
könnte sodann zu einem größeren Balkankrieg wer- Suche nach neuen Lösungen des Konflikts beteiligen,
den, ähnlich denen, die vor dem Ersten Weltkrieg die hoffentlich von allen Parteien akzeptiert werden
stattfanden.
können.
Umfangreichere Feindseligkeiten könnten weitere
Nationen erfassen, etwa Griechenland, Albanien und
die Türkei. Der Flüchtlingsstrom, der bereits Hunderttausende umfaßt, könnte anschwellen. Die politische
und wirtschaftliche Kraft Europas, die bereits durch die
Integration der ehemals kommunistischen Staaten
geprüft wird, würde weiter belastet.

Zweitens erklärt der Präsident den Bosniern, Serben
und Kroaten, daß Verhandlungen die einzige Möglichkeit zur Lösung dieses Konflikts darstellen. Den Parteien kann keine Lösung aufgezwungen werden, einmal aus Prinzip, aber auch weil eine auferzwungene
Lösung viel schwieriger aufrechtzuerhalten wäre als
eine freiwillig von den Parteien akzeptierte. Gleichzeitig sind wir der Ansicht, daß jede Partei die Bereitschaft
Es gibt in diesem Zusammenhang noch einen umfaszeigen muß, eine Lösung zu akzeptieren, die ihren
senderen Imperativ. Die Reaktion der Welt auf die
Zielen nicht völlig entspricht. Aus diesem Grund
Gewalt im ehemaligen Jugoslawien ist eine frühe und
dringen wir darauf, daß sich die Parteien nicht von
entscheidende Probe darauf, wie sie die Anliegen
ernsthaften Verhandlungen zurückziehen. Die Verethnischer und religiöser Minderheiten in der Welt
antwortung für die Ausarbeitung einer funktionierennach dem Kalten Krieg behandeln wird. Diese Frage
den Lösung liegt überwiegend bei den beteiligten
betrifft ganz Osteuropa. Sie erstreckt sich auf die
Parteien, aber wir werden diesen Verhandlungen unsere
Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in denen der
ernstgemeinte Unterstützung angedeihen lassen.
Zusammebruch des Kommunismus 25 Millionen Russen
zu ethnischen Minderheiten in anderen Republiken Drittens wird der Präsident Maßnahmen ergreifen, um
gemacht hat. Und sie betrifft auch andere Kontinente. die Durchsetzung von Wirtschaftssanktionen zu verDie Vorgänge im ehemaligen Jugoslawien werfen die
Frage auf, ob ein Staat die Rechte seiner Minderheiten
so behandeln darf, daß er diese Minderheiten auslöscht, um "ethnische Reinheit" zu erlangen. Anmaßende Tyrannen und ängstliche Angehörige von Minderheiten warten ab, ob "ethnische Säuberungen" eine
Politik darstellen, die die Welt toleriert. Wenn wir die
Ausbreitung der Freiheit und das Entstehen friedlicher,
multiethnischer Demokratien fördern wollen, muß unsere
Antwort ein eindeutiges Nein sein.

schärfen, den politischen Druck auf Serbien zu verstärken und Serbien von einer Ausweitung des Krieges
abzuhalten. Wir haben den Serben mitgeteilt, daß wir
die wirtschaftlichen und politischen Kosten von Aggressionen erhöhen wollen. Wir werden mit unseren
Verbündeten, den Russen und anderen zusammenarbeiten, um dieses Ergebnis zu erzielen. Wir sind
weiterhin bereit, gegen die Serben vorzugehen, wenn
diese im Kosovo einen Konflikt auslösen. Zusätzlich
werden wir auf eine verstärkte internationale Präsenz
in Mazedonien hinwirken.

Aus diesem Grund hat Präsident Clinton die folgenden
Viertens arbeitet der Präsident während des Fortsechs Schritte beschlossen.
gangs der Verhandlungen darauf hin, das Leiden und
Erstens hat der Präsident entschieden, daß die Verei- Blutvergießen zu verringern. Er ruft alle Konfliktparteinigten Staaten sich aktiv und direkt an den Vance- en dazu auf, den Artilleriebeschuß und andere Arten
Owen-Verhandlungen beteiligen und das Gewicht von Gewaltanwendung einzustellen. Allen Beteiligten
amerikanischer Diplomatie zur Geltung bringen wer- teilte er mit, die Einhaltung der Flugverbotszone über
den. Wir wissen, daß diese Verhandlungen nicht Bosnien sollte im Rahmen einer UNO-Resolution
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AMERIKA DIENST 7

�durchgesetzt werden. Er drängte darauf, daß den
Notleidenden humanitäre Hilfe gewährt werden sollte,
und zur Zeit denken wir über weitere Aktionen zur
Förderung verstärkter Hilfsleistungen nach. Zudem
stellen wir ein Team der amerikanischen Regierung
zusammen, um auf Dringlichkeitsbasis eine Einschätzung zu weiterer humanitärer Hilfe vorzunehmen. Der
Präsident wünscht die baldmögliche Einsetzung eines
Kriegsverbrechertribunals bei der Vereinten Nationen,
um Gerechtigkeit walten zu lassen und von weiteren
Greueltaten abzuschrecken.
Fünftens hat der Präsident Schritte unternommen, um
allen Betroffenen die Bereitschaft der Vereinigten Staaten
zu verdeutlichen, ihren Teil zur Implementierung und
Durchsetzung eines für alle Parteien annehmbaren
Abkommens beizutragen. Wenn es ein tragfähiges
Abkommen mit Verfügungen zu seiner Verwirklichung
gibt, wären die Vereinigten Staaten bereit, zusammen
mit den Vereinten Nationen, der NATO und anderen zu
seiner Implementierung und Durchsetzung einschließlich einer möglichen militärischen Beteiligung der
Vereinigten Staaten beizutragen. Dies ist ein gemeinsames Problem, und wir müssen die Lasten gemeinsam tragen.
Sechstens und letztens hat der Präsident umfassende
Konsultationen mit unseren Freunden und Verbündeten über diese Aktionen geführt. Er und ich haben
bezüglich unserer Absichten mit Dutzenden Staatsund Regierungschefs gesprochen. Vor allem hat der
Präsident heute telephonisch mit Präsident Jelzin
konferiert, um seine persönliche Bitte zu übermitteln,
daß unsere beiden Nationen eng und kooperativ bei
dieser Suche nach einer friedlichen Lösung zusammenarbeiten. Darüber hinaus wird der Präsident Botschafter Bartholomew nach Moskau entsenden, um
unser Vorgehen zu erörtern, bevor Botschafter Bartholomew für die Verhandlungen nach New York zurückkehrt.
Ich möchte verdeutlichen, was wir mit diesen Schritten
zu erzielen hoffen. Wir werden versuchen, so auf die
Vance-Owen-Verhandlungen aufzubauen, daß wir eine
gerechte, praktikable und dauerhafte Lösung hervorbringen. Wir werden die Erhaltung der Überlebensfähigkeit von Bosnien als Staat anstreben. Wir hoffen,
daß unser direktes Engagement bei diesen Verhandlungen ebenso wie die anderen von mir angekündigten
Schritte die Parteien zu unverzüglichen Verhandlungen und zur Erarbeitung einer Lösung ermutigen werden,
die für alle akzeptabel ist und vor allem einen echte
Chance hat, zu funktionieren. Insbesondere erwarten
wir, daß unsere Bereitschaft zur Beteiligung an der
Verwirklichung eines solchen Abkommens dazu beiträgt, die Besorgnis der bosnischen Regierung und
anderer zu zersteuen, die sie bezüglich der Durchführbarkeit des Abkommens zum Ausdruck gebracht haben.
*

AMERIKA DIENST 7

*

Ich möchte auch eindeutig klarstellen, was wir mit
diesen Schritten nicht bezwecken. Wir wollen den
Parteien keine Lösung aufzwingen. Unseres Erachtens besteht der schnellste, beste und dauerhafteste
Weg zur Beendigung des Blutvergießens im ehemaligen Jugoslawien in der Schaffung eines Umfelds, in
dem alle Parteien die Aushandlung einer politischen
Lösung als in ihrem eigenen Interesse liegend ansehen.
Die Vereinigten Staaten sind nicht der Weltpolizist. Wir
können unsere Streitkräfte nicht entsenden, um jeden
bewaffneten Konflikt auf der Welt zu beenden. Dennoch sind wir die Vereinigten Staaten von Amerika.
Wir haben beispiellose Macht und Einfluß. Wir haben
uns der Stabilität Europas verpflichtet. Unsere Werte
und Interessen geben uns Grund, zur Schaffung internationaler Normen für die faire Behandlung von Minderheiten beizutragen. Daher haben wir Grund, uns
aktiv an diesen Bestrebungen zu beteiligen.
Dies ist ein wichtiger Augenblick für die Rolle unserer
Nation in Europa und weltweit in der Zeit nach dem
Kalten Krieg. Er stellt unsere Fähigkeit auf die Probe,
neue Ansätze zur Au ßenpolitik in einer Welt zu erarbeiten, die sich grundlegend verändert hat. Er erprobt
unser Engagement für den Aufbau von Demokratie
und die Unterstützung eines Umfelds, in dem Demokratie Wurzeln schlagen und gedeihen kann.
Er stellt unsere Bereitschaft und die unserer Verbündeten auf die Probe, unseren Institutionen der kollektiven Sicherheit wie der NATO dabei behilflich zu sein,
Wege zu sondieren, die den Bedürfnissen eines neuen
Zeitaltersgerecht werden. Und er erprobt, was wir aus
diesem blutigen Jahrhundert gelernt haben und mißt
unsere Entschlußkraft, unverzügliche, konzertierte
Aktionen gegen systematische ethnische Verfolgung
zu unternehmen.
Vor dem Hintergrund der verheerenden Kämpfe des
20. Jahrhunderts kann heute keine Großmacht die
Risiken eines Engagements in einem Balkankonflikt
auf die leichte Schulter nehmen. Keine Großmacht
kann jedoch auch die wahrscheinlichen Konsequenzen außer acht lassen, wenn man den Balkankonflikt
weiter wüten läßt. Jetzt in enger Zusammenarbeit mit
unseren Verbündeten und Freunden zu handeln, bietet die beste Chance, diese Flammen des Konflikts zu
ersticken, bevor sie ein Untergrundfeuer werden, das
später ausbrechen u nd alles vernichten könnte .Indem
wir jetzt handeln, können wir unter Beweis stellen, daß
nicht jede Krise zu einer Entscheidung zwischen Untätigkeit und einseitiger Intervention der Vereinigten
Staaten werden muß. Angesichts des großen Leidens
und des Diktats unserer Eigeninteressen können wir
es uns nicht leisten, weiter Gelegenheiten ungenutzt
verstreichen zu lassen, auf eine Lösung dieses Konflikts hinzuarbeiten.
*

*

Seite 3

�MENSCHENRECHTE
17. Februar 1993

USA FORDERN RESOLUTION GEGEN
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN IM
EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN
Erklärung von Botschafter Schifter
GENF - (AD) - Die UN-Menschenrechtskommission muß dem amerikanischen Botschafter Richard Schifter
zufolge "eine Resolution verabschieden, in der die Empörung der Völkergemeinschaft" über die Ereignisse im
ehemaligen Jugoslawien zum Ausdruck kommt.
"Aber die Staatengemeinschaft muß noch mehr tun", erklärte Schifter am 9. Februar 1993 vor der Kommission.
"Sie mu ß all jenen, die weitere Aktionen dieser Art in Erwägung ziehen oder zu anderer Zeit u nd an anderen Orten
ähnliche Taten begehen könnten, die Botschaft übermitteln, daß sie bei Mord und Vergewaltigung nicht
ungestraft davonkommen werden."
"Wenn der Präzedenzfall Nürnberg in Vergessenheit geraten ist, ist es erforderlich, all jene, die eine solche
Gedächtnisstütze benötigen, daran zu erinnern, daß Kriegsverbrechen in der Tat Straftatbestände sind und
Missetäter letztlich bestraft werden", stellte Schifter fest.
Wir veröffentlichen die Erklärung Schifters nachfolgend im Wortlaut.

Die Schrecken Bosniens gehören sicherlich zu den
größten Tragödien, von denen die Menschheit in der
zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts heimgesucht wurde.
Eigentlich hätten wir davon ausgehen können, daß die
50 Jahre zurückliegenden Erfahrungen Europas als
Schutzimpfung gedient und die Wiederholung von
Greueltaten der Art verhindert hätten, wie sie im vergangenen Jahr im ehemaligen Jugoslawien stattfanden. Wir müssen uns die Frage stellen: Was ist falsch
gelaufen? Was war die Ursache der Bestialität, deren
Zeugen wir geworden sind?
Diejenigen unter uns, die sich mit internationalen
Menschenrechtsfragen beschäftigen, müssen sich eine
weitere, forschende Frage stellen. Wir müssen wissen, welche positiven Leistungen unter diesen Umständen von den Dokumenten vollbracht wurden, die
von diesem Gremium und anderen Organen des UNOSystems oder durch die Schlußakte von Helsinki hervorgebracht wurden. Was müssen wir tun, damit die
hier verfaßten Anweisungen funktionieren, damit unsere Dokumente über diesen Saal hinaus mit Leben
erfüllt werden?
Zweifellos wohnt der Kriegführung eine Tendenz zur
Entmenschlichung inne. Und doch bemühen sich die
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Armeen häufig darum, die Disziplin aufrechtzuerhalten, eine Unterscheidung zwischen Kombattanten und
Nichtkombattanten zu treffen. Sie müssen insbesondere den Status von Frauen und Kindern als Nichtkombattanten respektieren. Warum ist die Erfahrung in
Bosnien so anders? Was hat zu den Massenmorden
und Massenvergewaltigungen geführt? Was hat im
Jahr 1992 die Erinnerungen an die SS-Einsatzgruppen
von 1941 zu neuem Leben erweckt?
Die Antwort auf diese Frage liegt in dem Begriff, der
benutzt worden ist, um die Aktionen der Missetäter zu
beschreiben: "ethnische Säuberung". Dieser Begriff
impliziert, daß Personen anderer ethnischer Zugehörigkeit unsauber sind, daß sie beseitigt werden sollten,
wie man Schmutz beseitigt.
Was bringt diese Geisteshaltung hervor, die eine gesamte
Kategorie von Menschen verurteilt, die dazu führt, daß
eine Gruppe eine andere als Untermenschen betrachtet und sie deshalb folgerichtig zu Opfern abstempelt?
Ein Song aus einem Musical, das in meinem Land vor
einigen Jahrzehnten gespielt wurde, beschrieb, wie
solche Gedanken bereits in frühester Jugend eingeimpft werden. In dem Lied heißt es: "Du mußt gut
erzogen werden, bevor du sechs oder sieben oder acht
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�bist, damit du all die Menschen haßt, die von deinen
Verwandten gehaßt werden." Dieser ethnische Haß,
der einigen Menschen seit Generationen eingeprägt
wurde und lange Zeit schwelte, ist heute in hellen und
schreckenerregenden Flammen ausgebrochen.

Serben werden lange mit Scham an diese schrecklichen Vergehen zurückdenken müssen, mit denen ihre
nationale Sache inzwischen verbunden wird.

Daß im Gegensatz dazu ein demokratisches System
positiv reagieren kann, wenn es in der Frage des
Besonders tragisch ist die Tatsache, daß dieser Aus- menschlichen Anstands gefordert wird, wurde durch
bruch von Furchtund Haß viele Menschen mitgerissen die jüngsten Erfahrungen Deutschlands unterstrichen.
und zu Gewalttaten veranlaßt hat, die in der Vergan- Die Hunderttausenden, wenn nicht Millionen, die auf
genheit weder Anzeichen des Hasses noch eine Nei- die Straße gingen, um ihrer Empörung über die Gegung zur Gewalt gezeigt hatten. Die schockierendsten waltakte einer kleinen Gruppe von Rassisten AusVerbrechen wurden kürzlich von einigen gegen Nach- druck zu verleihen, sind lebendiger Beweis für die
barn begangen, mit denen sie in Frieden lebten und Tatsache, daß demokratische Gesellschaften das
gegen die sie keinen Groll zu hegen schienen. Wie Problem des Rassenhasses wirksam behandeln können. Gesellschaften, die von nach persönlicher Verkam es dazu?
herrlichung strebenden Diktatoren geführt werden,
Traurige Erfahrungen haben gezeigt, daß in einem reagieren hingegen auf die Launen dieser Diktatoren,
System ohne demokratische Kontrollen eine skrupel- und im ehemaligen Jugoslawien haben sie dies getan.
lose Führung die Leidenschaften der Menschen aufpeitschen und zumindest einige dazu bringen kann, die Wie der von dem Sonderberichterstatter vorgelegte
abscheulichsten Brutalitäten gegen Menschen zu Bericht zeigt, haben alle an dem schrecklichen Kampf
begehen, die sie nicht als Feinde betrachteten, bis sie im ehemaligen Jugoslawien beteiligten ethnischen
einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, um ihre Gruppen Kriegsverbrechen begangen. Aber diese
Nachbarn zu fürchten und zu hassen.
Bemühungen zur nüchternen Beschreibung der Fakten in einer umfassenden allgemeinen Erklärung sollDer Sonderberichterstatter Tadeusz Mazowiecki hat ten uns nicht davon abhalten, ins Detail zu gehen. Herr
wirklich hervorragende Arbeit dabei geleistet, diese Mazowiecki hat uns Beweise geliefert. Wir müssen
Kommission, die Generalversammlung und den Si- anerkennen, daß die größte Zahl der ungeheuerlichcherheitsrat sowie durch uns die Völkergemeinschaft sten Menschenrechtsverletzungen von Serben beüber die erschreckenden Ereignisse in Bosnien-Herze- gangen und an bosnischen Muslimen verübt wurden.
gowina zu informieren. In dürren, technischen Worten Obwohl alle Kriegsverbrechen eine Verurteilung verhat er uns eine Definition der "ethnischen Säuberung" dienen, müssen wir feststellen, daß die in Bosnien von
gegeben: Ich zitiere nun aus Paragraph 9 seines serbischen Truppen begangenen Verbrechen dem
Berichts an die Generalversammlung und den Sicher- Sonderberichterstatter zufolge systematisch und willheitsrat vom 17. November 1992:
kürlich verübt werden. Sie spiegeln eindeutig eine auf
hoher Ebene beschlossene Politik wider. Mazowiecki
"Der Begriff ethnische Säuberung bezieht sich hat dies folgendermaßen ausgedrückt:
auf die Beseitigung von Mitgliedern anderer ethnischer
Gruppen durch die ethnische Gruppe, die die Kontrolle
"Viele der in den serbisch kontrollierten Gebieüber ein bestimmtes Gebiet ausübt. Ein breites Spek- ten als Mittel zur Erlangung der ethnischen Säuberung
trum von Methoden wird angewendet, um dieses Ziel angewandten inhumanen Praktiken finden ebenfalls in
zu erreichen, darunter Drohungen, Belästigungen und den von der Regierung kontrollierten Teilen Bosniens
Einschüchterung, Einsatz von Explosivstoffen gegen und der Herzegowina sowie in der sogenannten 'KroaHäuser, Geschäfte und geschäftliche Einrichtungen, tischen Gemeinschaft von Herzegowina-Bosnien' statt.
oder ihr Beschlu ß Zerstörung von Gotteshäusern und Nach den besten derzeit verfügbaren Informationen
kulturellen Einrichtungen, gewaltsamer Transfer oder werden in den von der Regierung kontrollierten GebieUmsiedlung von Bevölkerungen, summarische Exe- ten keine systematischen, mit ethnischen Säuberunkutionen, die Verübung von Greueltaten, die Terror gen in Zusammenhang stehenden Menschenrechtsunter der Bevölkerung verbreiten sollen, wie etwa verletzungen begangen, und die stattfindenden VerletFolter, Vergewaltigung und Verstümmelung von Lei- zungen, die durchaus stark zu verurteilen sind, scheichen sowie die Beschießung ziviler Bevölkerungszen- nen nicht Teil einer vorsätzlichen Kampagne zur
tren."
Säuberung dieser Gebiete von der serbischen Bevölkerung zu sein. In den von der 'Kroatischen GemeinWir verurteilen alle Aspekte der sogenannten ethnischaft von Herzegowina-Bosnien' kontrollierten Geschen Säuberungen, aber wir müssen uns besonders
bieten gibt es mehr Beweise für vorsätzliche Bemüauf Mord, Folter und Vergewaltigung konzentrieren.
hungen, die serbische Bevölkerung zur Abreise zu
Im Hinblick auf diese Kategorien scheußlicher Verbrezwingen. Allerdings wird im allgemeinen ein begrenzchen, von denen alle verabscheuungswürdig sind,
teres Spektrum von Maßnahmen angewandt, und die
wird Bosnien aufgrund der Politik der serbischen TrupBemühungen sind nicht so systematisch wie in den
pen, Frauen massenhaft Gewalt anzutun, lange Zeit in
serbisch kontrollierten Gebieten."
Erinnerung bleiben. Alle anständigen und ehrbaren

Seite 2

AMERIKA DIENST 7

�Nachdem die Tatsache, daß Greueltaten begangen
wurden, eindeutig festgestellt wurde, müssen wir uns
der Frage widmen, was diese Kommission derzeit im
Hinblick auf Bosnien tun kann. Zunächst müssen wir
eine Resolution verabschieden, in der die Empörung
der Völkergemeinschaft über die Massenmorde, über
die Massenvergewaltigungen, überall die Schrecken,
die im ehemaligen Jugoslawien verübt worden sind,
zum Ausdruck kommt. Insbesondere den vielen anständigen und ehrbaren Serben, den Anhängern der
Demokratie in ganz Serbien, müssen wir eine Botschaft darüber senden, was die Menschheit von den in
ihrem und im Namen der nationalistischen Sache
begangenen Greueltaten hält.
Die Völkergemeinschaft muß jedoch noch mehr tun.
Sie muß all jenen eine Botschaft übermitteln, die
weitere Aktionen dieser Art in Erwägung ziehen oder

*

AMERIKA DIENST 7

*

zu anderer Zeit und an anderen Orten ähnliche Taten
begehen könnten, daß sie bei Mord und Vergewaltigung nicht ungestraft davonkommen werden. Wenn
der Präzedenzfall Nürnberg in Vergessenheit geraten
ist, ist es erforderlich, all jene, die eine solche Gedächtnisstütze benötigen, daran zu erinnern, daß Kriegsverbrechen in der Tat Straftatbestände sind und Missetäter letztlich bestraft werden. Sie sollten sich des
Nürnberger Prozesses gegen SS Obergruppenführer
Ohlendorf und seine Mitangeklagten erinnern, an das
Urteil in diesem Fall und die verhängte Strafe. Wir
sollten vom System der Vereinten Nationen erwarten,
einen Mechanismus ins Leben zu rufen, um diese
Kriegsverbrecher der Gerechtigkeit zuzuführen. Dies
ist die Botschaft, die wir dem Sicherheitsrat senden
sollten.

*

*

Seite 3

�GATT
17. Februar 1993

GATT MUSS GRÜNDLICH ÜBERHOLT WERDEN
Rede von Botschafter Seitz
LONDON - (AD) - Das GATT bedarf "einer gründlichen Überholung", erklärte der Botschafter der Vereinigten
Staaten in Großbritannien, Raymond Seitz, am 9. Februar 1993.
In einer Rede vor dem nationalen Bauernverband stellte Seitz fest, daß sich die Handelsbedingungen in den
neunziger Jahren von denen zu Zeiten der Gründung des GATT drastisch unterscheiden. Er verwies auf die
Zunahme nichttarifärer Handelshemmnisse sowie die Ausgrenzung von Dienstleistungen, intellektuellem
Eigentum und Landwirtschaft.
Seitz zufolge sei die Clinton-Administration damit befaßt, die Angelegenheit zu überprüfen und Konsultationen
zum GATT mit den Verhandlungspartnern zu führen. Die Frage sei von entscheidender Bedeutung, weil wir
heute in einer Weltwirtschaft leben, in der internationaler Handel und Investitionen den Schlüssel zu weltweitem
Wirtschaftswachstum darstellen, fügte er hinzu.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Seitz im Wortlaut.

Eine der immerwährenden Fragen zu internationalen
Beziehungen - in akademischen Kreisen und Elfenbeintürmen erörtert - lautet, ob sich die Geschichte in
einem unendlichen Zyklus von Ereignissen wiederholt.
Das ist die von der konservativen Schule (Sow-andReap School) vertretene These. Sie ist der Ansicht,
daß die menschliche Natur und menschliche Verhaltensweisen konstant sind und es daher naiv sei zu
erwarten, daß sich der Zustand der Menschheit in
irgendeiner grundlegenden Weise verbessern kann.
Die entgegengesetzte Schule argumentiert, die Geschichte sei mehr oder weniger linear, sie könne aus
ihren eigenen Fehlern lernen, Verhalten verbessern oder, falls dies nicht gelingt - konstruktiv gelenkt werden. Zivilisation ist Fortschritt und Aufklärung. Das
sind die Thesen der innovativen Schule (Bigger Watermelon School). Nicht zuletzt ist es ziemlich lange her,
seit jemand am Marble Arch gevierteilt wurde - eine
Tätigkeit, die jetzt die Presse übernommen hat.
Als Diplomat stehe ich natürlich irgendwo zwischen
diesen beiden sich widersprechenden Schulen. Als
Amerikaner vertraue ich darauf, daß die Dinge sich
verändern und besser gemacht werden können. Als
gelegentlich in Europa Ansässiger bin ich skeptisch,
ob eine Nation sich von ihrer Vergangenheit befreien
kann.

AMERIKA DIENST 7

Während der jüngsten Wahlkampagne in den Vereinigten Staaten war das Wahlkampflied des Kandidaten Bill Clinton "Don't Stop Thinking About Tomorrow".
Ich stimme mit diesem zukunftsorientierten Optimismus überein, obwohl ich im Geiste vor mich hinsumme
"But Don't Stop Thinkin' About Yesterday Either".
Wenn ich mir die heutige Wert betrachte, stelle ich trotz
der vor uns liegenden Mehrdeutigkeiten, Unsicherheiten und Besorgnis zumindest eine erstaunliche Entwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs fest.
Es ist das bemerkenswerte Tempo der Globalisierung,
das unser Zeitalter charakterisiert.
Wir legen große Distanzen zurück, ohne einen zweiten
Gedanken daran zu verschwenden. Wir sprechen
mittels reflektierender, von Satelliten ausgestrahlter
Signale von entgegengesetzten Hälften der Erdkugel
miteinander. Massen von Informationen werden praktisch ohne zeitliche Verzögerung durch ein globales
Netz von Transaktionen übermittelt. Die Finanzmärkte in New York, London und Tokio arbeiten rund um die
Uhr und können bis zu einer Billion Dollar an einem
einzigen Tag wechseln.
Wenn Unternehmen heute nicht global denken, schließen sie sich automatisch vom Handelsgebiet mit der
größten Expansion aus. Mit Blick auf die Zukunft steht

Sehe 1

�außer Frage, daß die Zukunft von internationalem
Wirtschaftswachstum und Entwicklung in internationalem Handel und Investitionen liegt.

gesprächen bisher. Indem sie sich mit ausländischen
Handelsschranken befaßt, reicht die Uruguay-Runde
weit in das innenpolitische Gefüge all ihrer Teilnehmerstaaten hinein. Sie ist ein mutiges und riskantes
Es ist aufschlußreich, die internationalen Handels- und Unternehmen.
Investitionszahlen der fünfziger und neunziger Jahre praktisch einer Generation - zu vergleichen. 1950 Im Rahmen der Uruguay-Runde wird die Landwirtwurde der internationale Handel auf 650 Milliarden schaft als besondere Herausforderung angesehen und
Dollar beziffert. 1990 belief er sich auf 6,8 Billionen noch kompliziert durch den Gedanken der SelbstverDollar - eine zehnfache Aufstockung in realen Zahlen. sorgung mit Nahrungsmitteln, seit langer Zeit bestehende Abhängigkeit von der Regierung, die ExtravaBei Investitionen betrug die Zahl im Jahr 1950 265 ganzen der Produktion und - in jeder unserer Kulturen
Milliarden Dollar und 19901,6 Billionen Dollar - sechs- - die romantische Idee einer kleinen Farm in der Nähe
mal so viel. Praktisch das gesamte Wirtschaftswachs- eines verschlafenen Dorfes, goldene Kornfelder, den
tum der Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren die Scholle bearbeitenden Farmer,... die 20 Morgen
kann auf Exporte zurückgeführt werden.
und ein Esel, die einfachen Tugenden des ländlichen
Lebens und die gute Mutter Erde.
In Europa belief sich der Handelswert 1950 auf 204
Milliarden Dollar, 1990 auf 2,8 Billionen Dollar. Das Trotz dieser Schwierigkeiten muß Landwirtschaft auf
Export- und Importgeschäft ist nichts Neues für Groß- der Tagesordnung der Uruguay-Runde stehen, wenn
britannien. Fürdie Vereinigten Staaten betrug es 1950 der Prozeß der umfassenden Handelsliberalisierung
weniger als 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) fortgeführt werden soll. Wir können nicht von den
und beläuft sich heute auf 21 Prozent. Wir sind derzeit Entwicklungsländern und anderen potentiellen Nahdie größte Handelsnation der Welt.
rungsmittelexporteuren fordern, sie sollten ihre Märkte
für Industrieprodukte öffnen, wenn wir auf unseren
Dieser explosive Zuwachs von Handel und InvestitioMärkten nicht dasselbe mit landwirtschaftlichen Pronen in den letzten vierzig Jahren erfolgte nicht zufällig.
dukten tun.
Er war eine Folge der eindeutigen Entscheidung der
internationalen Staatengemeinschaft am Ende des Auch sollten wir nicht die Bedeutung der zwei Drittel
Zweiten Weltkriegs, sich mit den in der Vergangenheit der Weltbevölkerung umfassenden Entwicklungslängemachten Fehlern auseinanderzusetzen und Institu- der als potentielle Abnehmer landwirtschaftlicher Protionen aufzubauen, die ein liberales Gefälle des Welt- dukte übersehen. Wenn wir weitere Fortschritte machen
wirtschaftssystems gewährleisteten.
wollen, muß über alles verhandelt werden.
Daher wurde 1947 das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen ins Leben gerufen, das bei der Festsetzung der Spielregeln eine unerläßliche Rolle übernommen hat. Ohne das GATT hätten uns Handelskriege
und Fehlschläge des Systems wahrscheinlich schon
vor langer Zeit heimgesucht.

Es wäre darüber hinaus ein - wenn auch bequemer Fehler uns vorzumachen, daß die Landwirtschaftsreform einzig und allein oder hauptsächlich von internationalen Überlegungen geleitet wird. Die wirkliche
Triebkraft liegt im Inland. Als Nationen können wir es
uns einfach nicht mehr leisten, die landwirtschaftliche
Aber selbst die effizienteste Maschinerie mu ß von Zeit Produktion auf dieselbe Art und Weise und in demselzu Zeit gewartet werden. Trotz einer Folge von Han- ben Umfang zu subventionieren wie in der Vergangendelsgesprächen im Verlauf der Jahre bedarf das GATT heit.
einer gründlichen Überholung. Nichttarifäre Handels- Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten die
hemmnisse haben sich vervielfacht und bewirken jetzt vom Steuerzahler unterstützten Landwirtschaftssubeine ernsthafte Verzerrung des Handelssystems. Das ventionen in den achtziger Jahren von 26 Milliarden
GATT muß sich damit befassen.
Dollar auf 6,5 Milliarden Dollar gesenkt, obwohl der
Trend
sich jetzt wieder umkehrt. Die berühmten ButDarüber hinaus gibt es überhaupt keine GATT-Regeln
terberge
und Weinseen - nicht der internationale Druck
für die Bereiche, die proportional einen immer größehaben
die
Europäische Gemeinschaft zu einer Reren Teil des Welthandels ausmachen - Dienstleistunform
ihrer
Gemeinsamen
Agrarpolitik veranlaßt. Als
gen, Investitionen, geistiges Eigentum und LandwirtSteuerzahler
bringen
die
Europäer
jedes Jahr 47 Milschaft. Und selbst wo Regeln existieren, können sie in
liarden
Dollar
für
Landwirtschaftssubventionen
auf, als
vielen Fällen nicht angemessen durchgesetzt werden.
Konsumenten
zahlen
die
Europäer
nochmals
ungeSie müssen gestärkt und bessere Wege gefunden
fähr
84
Milliarden
Dollar.
werden, um Steitfälle gerecht und unverzüglich zu
lösen.
Die Uruguay-Runde ist also nicht nur eine weitere
Übung zur Senkung von Zöllen. Sie ist zweifellos die
ehrgeizigste und umfassendste Runde von HandelsSeite2

Nebenbei gesagt möchte ich hier nicht vorgeben, ein
freier internationaler Markt sei aus moralischer Sicht
dringend geboten. Das ist er nicht einmal in wirtschaftlicher Hinsicht. Subventionen werden aus allen mög-

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�liehen Gründen und in den verschiedensten Formen
gewährt. Um einen Vergleich anzustellen .könnte man
nationale Steuerkodizes oder Energiekosten als Subventionen bezeichnen - oder als Bestrafung. Subventionen können aus Gründen der nationalen Sicherheit
gerechtfertigt sein - beispielsweise bei der Beschaffung im Verteidigungswesen - oder aus sozialen Gründen, beispielsweise im Kohlebergbau. Wenn es um
Subventionen geht, gibt es keinen erkennbaren Heiligen auf der Welt.
Das Problem mit den Subventionen besteht jedoch
darin, da ß sie rasch zu Ansprüchen werden, und selbst
wenn sich ihr Zweck überlebt hat sie bereits so tief im
Wirtschafts- und Haushaltssystem verwurzelt sind,
daß ihre Abschaffung oder auch nur ihre Kürzung als
Gefährdung der bestehenden Ordnung angesehen
wird, die ihren eigenen Charakter und auf dieser Grundlage wirkliche Erwartungen entwickelt hat. In politischer Hinsicht ist es nahezu unmöglich, die innenpolitischen oder internationalen Verzerrungen von Subventionen anzusprechen, wenn man nicht nachweisen
kann, daß ein größerer oder umfassenderer Gewinn
erzielt werden kann.
Dies ist der Fall bei dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen in den Vereinigten Staaten und dem
Binnenmarkt in Europa. Nicht jeder, aber die überwiegende Mehrheit hat davon einen Vorteil. Dasselbe gilt
für die Uruguay-Runde, wo es Absprachen mit dem
Landwirtschaftssektor sowie zwischen dem Landwirtschaftssektor und anderen Wirtschaftsbereichen wie
dem Dienstleistungssektor gibt. Dies ist die Quintessenz des Fast-track-Mandats des Präsidenten: Die
größeren Gewinne gibt es nur in einem Gesamtpaket.
Von Anfang an war man sich bewußt, daß ein Landwirtschaftsabkommen zwischen Amerika und der EG
- die zusammen nahezu 40 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte der Welt exportieren - der Dreh- und
Angelpunkt einer erfolgreichen Uruguay-Runde wäre.
Das schließlich im November letzten Jahres in Blair
House nach fast einjährigen äußerst schwierigen
Verhandlungen erzielte Abkommen ist nicht so wertreichend, wie wir das gewünscht hätten. Die Exportsubventionen würden um lediglich 21 Prozent gekürzt das liegt unter den vom GATT-Sekretariat empfohlenen 24 Prozent und ganz entschieden unter den 100
Prozent, die wir und viele andere anfangs zu erreichen
versuchten. Meines Erachtens stellt es jedoch einen
vernünftigen Kompromiß dar.
Trotz der gegenwärtigen Pattsituation in Genf haben
wir noch die Hoffnung, daß die Abkommen von Blair
House zu dem Schlüssel werden, der die Tür zu
werteren Verhandlungen öffnet, während sie andere
Länder wie beispielsweise Japan ihrerseits zu Angeboten im Bereich der Landwirtschaft ermutigen.
Zu diesem für die Uruguay-Runde entscheidenden
Zeitpunkt überprüft die Clinton-Administration erneut

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die Angelegenheit und konsultiert mit ihren Hauptverhandlungspartnern. Nur drei Wochen nach seiner
Amtsübernahme wird der neue US-Handelsbeauftragte Mickey Kantor diesen Donnerstag mit Sir Leon
Brrttan zusammentreffen. Und in drei Wochen läuft
das Fast-track-Mandat des Präsidenten rechtskräftig
aus. Nach sechs langen Verhandlungsjahren, in denen
die Vereinigten Staaten an der Spitze der Bemühungen um einen Abschluß der Uruguay-Runde standen,
sucht Präsident Clinton nach einem eindeutigen Signal
dafür, daß Europa ebenso bereit ist wie Amerika, die
für einen erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde
nötigen schwierigen Entscheidungen zu treffen. Bis
jetzt hat die Aussicht, schwierige Entscheidungen treffen
zu müssen, nicht zu einem Abkommen, sondern nur
zur Aufschiebung geführt.
Meines Erachtens besteht die Tendenz, die Differenzen über die Handelspolitik zwischen den demokratischen und republikanischen Administrationen zu überschätzen. Beide haben beständig die Liberalisierung
des Handels unterstützt und Präsident Clinton hat
klargemacht, daß er diese Tradition fortsetzen wird. Er
ist bereit, zur Öffnung der Märkte die Handelsschranken zu senken, wenn andere seinem Beispiel folgen.
Sollte dies nicht der Fall sein, ist er bereit, zur Sicherstellung gleicher Chancen unsere Handelsgesetze
durchzusetzen. Die jüngsten Aktionen im Stahlbereich und bei der staatlichen Beschaffung sind hierfür
Beispiele.
Vom Standpunkt Washingtons aus sind nicht die Vereinigten Staaten mit ihrem riesigen offenen Markt die
Verfechter des Protektionismus. Wenn man am Ufer
des Potomac steht, erscheint das Ausland protektionistisch und viele Länder scheinen bereit, sich unsere
Offenheit zunutze zu machen, aber nur wenige gewillt,
anderen dieselben Privilegien einzuräumen. Das muß
aufhören.
Meine Sorge über Washington bezieht sich nicht auf
die protektionistische Mentalität, sondern auf die steigende Frustration, daß sechs Jahre multilateraler
Verhandlungen nicht zu einem gerechten Handesabkommen geführt haben, so daß zu Hause die Bereitschaft wächst, die Ungerechtigkeiten auf unilateraler
Ebene zu bewältigen. So verständlich dieser Ansatz
auch sein mag, er lad zur Vergeltung ein, die ihrerseits
wieder zu Vergeltung führt, und so driftet die Welt in
Richtung nationaler Maßnahmen und kleinerer Märkte. Wir alle haben eine lange Zeit am Rande dieses
Abgrunds gestanden.
Es wurden Parallelen zwischen unserer jetzigen Situation und den dreißiger Jahren gezogen, als die wirtschaftliche Misere die Nationen dazu verleitete, den
genau das Gegenteil bewirkenden Fehler des konkurrierenden Protektionismus zu begehen. Ich glaube
nicht, daß wir zur Wiederholung dieser Geschichte
verurteilt sind. Wir haben meiner Meinung nach unsere Lektion gelernt...

Seite 3

�HANDEL
17. Februar 1993

KONGRESS WIRD FAST-TRACK-MANDAT
WAHRSCHEINLICH AN BEDINGUNGEN KNÜPFEN
Antrag auf einjährige Verlängerung erwartet

WASHINGTON - (AD) - Falls der Kongreß dem erwarteten Antrag Präsident Clintons auf Verlängerung der
Fast-track-Verhandlungsvollmacht stattgibt, wird er
dies wahrscheinlich mit gewissen Bedingungen verknüpfen, insbesondere der Wiedereinführung des Super
301-Gesetzes, erklären Mitarbeiter des Kongresses.
"Es ist noch kein Handelsgesetz ohne Zusätze verabschiedet worden", stellte der parlamentarische Assistent von Senator Jay Rockefeiler, William Reinsch,
am 12. Februar 1993 fest. Reinschs Stellungnahme
erfolgte einen Tag nachdem der US-Handelsbeauftragte Mickey Kantor bekanntgegeben hatte, daß Clinton eine Verlängern ng des Fast-track-M andats anstreben werde, um die seit langem auf der Stelle tretende
Uruguay-Runde multilateraler Handelsgespräche
abzuschließen, die bereits sechseinhalb Jahre andauert.
Im Rahmen des Fast track muß der Kongreß ein
ausgehandeltes Handelsabkommen innerhalb gewisser Fristen und ohne Zusätze verabschieden oder
ablehnen. Unter den Teilnehmern an der UruguayRunde herrscht Übereinstimmung, daß eine endgültige Einigung nicht vordem 2. März 1993 erzielt werden
kann, dem Tag, an dem die bestehende Fast-trackVollmacht ausläuft.
Rockefeiler prognostiziert, Clinton werde eine einjährige Verlängerung beantragen, so Reinsch. Ein Mitarbeiter der Demokraten im Senat äußerte die gleiche
Erwartung.
In Kongreßkreisen wurde erklärt, der Handelskommissar der Europäischen Gemeinschaft, Sir Leon Brittan,
der am 11. und 12. Februar 1993 Washington besuchte, habe in vertraulichen Unterredungen auf eine
wesentlich kürzere Verlängerung, nämlich um zwei
oder drei Monate, gedrängt.
In den letzten Wochen hat Senator Max Baucus, der
Vorsitzende des Handelsunterausschusses des Se-

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natsfinanzausschusses, von einer sechsmonatigen
Verlängerung gesprochen, während der Vorsitzende
des Finanzausschusses selbst, Senator Patrick Moynihan, diesen Quellen zufolge zwei Jahre erwähnt hat.
Ein Mitarbeiter erklärte, Baucus könnte einem Gesetzentwurf zustimmen, der für bilaterale Handelsgespräche eine größere Verlängerung des Fast-track-Mandats vorsehe als für die multilaterale Uruguay-Runde.
Baucus ist energischer Befürworter einer erfolgreichen Uruguay-Runde, während zahlreiche andere
Kongreßmitglieder, nach deren Einschätzung diese
Verhandlungen für die amerikanische Wirtschaft bisher wenig Vorteile gebracht haben, bilaterale Lösungen der amerikanischen Handelsprobleme bevorzugen.
Einige Mitglieder wünschen darüber hinaus starke
einseitige Abhilfemaßnahmen für Handelsprobleme.
Baucus hat bereits eine Gesetzesvorlage eingebracht,
die eine Wiedereinführung der Super 301-Bestimmung des US-Handelsgesetzes auf fünf Jahre vorsieht. Die von den amerikanischen Handelspartnern
verurteilte Super 301-Bestimmung mit der darin enthaltenen offenen Androhung von Vergeltungsmaßnahmen hat vor ihrem Auslaufen im Jahr 1990 erfolgreich Märkte in Japan, Brasilien, Südkorea und Taiwan
geöffnet.
Von Baucus wird erwartet, daß er sich nachdrücklich
um die Verknüpfung seiner Super 301 -Vorlage mit der
Verlängerung des Fast track einsetzen wird. Er hat
einen weiteren Gesetzentwurf eingebracht, der bei
Verletzungen von Handelsabkommen Vergeltungsmaßnahmen vorsieht, und könnte anstreben, auch
dieses Vorhaben mit dem Fast track zu verbinden.
Im Repräsentantenhaus ist Mehrheitsführer Dick
Gephard Berichten zufolge dabei, seine Strategie im
Handelsbereich zu überprüfen. Niemand im Repräsentantenhaus wollte sich an Spekulationen über
mögliche Zusätze zum Fast-track-Mandat beteiligen.

Seite 1

�Ein Indiz könnte jedoch die Zahl von Handelsgesetzen Verlängerung wird es sicherlich am einfachsten masein, die 1992 vom Repräsentantenhaus verabschie- chen, ein Abkommen zu erzielen", so Brittan.
det wurden, jedoch keine Gesetzeskraft erlangten.
Die Geschichte ist jedoch nicht auf seiner Seite. Zu
Mit 280 zu 145 Stimmen verabschiedete das Haus ein Beginn der Uruguay-Runde im Jahr 1986 hatte Präsiwichtiges Gesetz, das Super 301 einbezog, sowie dent Reagan um das Fast-track-Mandat gebeten. Es
mehrere auf Japan abzielende Bestimmungen: zur wurde ihm schließlich im August 1988 innerhalb des
Begrenzung japanischer Automobilexporte in die Ver- 1100seitigen Allgemeinen Handels- und Wettbewerbseinigten Staaten und um Druck auf Japan zur Beseiti- gesetzes von 1988 gewährt, das von neun Senatsausgung von Importschranken gegen amerikanischen Reis, schüssen, 11 Ausschüssen des Repräsentantenhauamerikanische Automobile und Ersatzteile auszuü- ses und 17 Vermittlungsunterausschüssen von Senat
und Repräsentantenhaus erarbeitet worden war.
ben.
Ein weiteres 1992 vom Repräsentantenhaus verab- Rockefeller-Mitarbeiter Reinsch prognostizierte, die
schiedetes Gesetz sah eine Erhöhung der Einfuhrzölle Mitglieder des Kongresses würden der Verlängerung
auf japanische Kleinbusse von 2,5 auf 25 Prozent vor. des Fast track zustimmen, auch wenn ihnen weder die
Fortsetzung der Uruguay-Runde noch die Preisgabe
Ein im Jahr 1992 zweimal vom Repräsentantenhaus eines Teils der verfassungsmäßigen Macht des Konverabschiedeter Gesetzentwurf hätte neuen, im Aus- gresses zur Regelung des Handels sehr gefalle. Die
land mit Subventionen gebauten Schiffen das Anlau- meisten Parlamentarier mögen es überdies nicht, wie
fen amerikanischer Häfen untersagt. Die treibende das Fast-track-Mandat die verbleibende Macht des
Kraft hinter diesem Gesetzentwurf, der Vorsitzende Kongresses im Haushaltsausschuß des Repräsentandes Handelsunterausschusses im Haushaltsausschuß tenhauses sowie im Finanzausschuß des Senats
des Repräsentantenhauses, Sam Gibbons, hat be- konzentriert, fügte er hinzu.
reits begonnen, den Entwurf für eine Neuvorlage zu
überarbeiten.
Trotzdem werden sie Reinsch zufolge der Verlängerung wahrscheinlich zustimmen, weil dies dem Wunsch
In einer Pressekonferenz am 12. Februar erklärte Präsident Clintons entspreche. Darüber hinaus würBrittan seine Präferenz für die Verabschiedung eines den sie versuchen, die von ihnen befürworteten Zusätgestrafften Gesetzentwurfs durch den Kongreß um ze anzubringen. "Die Leute werden versuchen, soviel
der Uruguay-Runde willen. "Eine nicht überfrachtete wie möglich hinzuzufügen", erklärte Reinsch.

* *

Seite 2

* *

*

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�FRAUEN
17. Februar 1993

FRAUSEIN IN DEN NEUNZIGER JAHREN:
EIN DRAHTSEILAKT
von Rosalyn Wiggins Berne
In der bei FOCUS Women's Week, Charlottesville (Virginia), am 4. Oktober 1990 gehaltenen Rede erläutert die
Verfasserin, wie sich die amerikanische Gesellschaft verändern muß, um den Bedürfnissen berufstätiger
Frauen, ihrer Ehemänner und Kinder gerecht zu werden und zeigt Wege auf, wie diese Familien einen Ausgleich
zwischen den Ansprüchen von Arbeit und Familie schaffen.
Die Autorin ist Forschungsassistentin am Olsson Center for the Study of Applied Ethics der University of Virginia
Darden School.
Die nachfolgende Rede darf nur ungekürzt mit folgendem Zusatz veröffentlicht werden: Mit freundlicher
Genehmigung von Rosalyn W. Berne und Vital Speeches of the Day. Copyright (c) 1990 Rosalyn W. Berne.

Ich habe meinem Babysitter gegenüber erwähnt, daß
ich heute abend vor Ihnen sprechen werde. Nachdem
ich ihr das Thema erläutert hatte, sah sie mich etwas
verwundert an, also versuchte ich einen anderen Ansatz
und fragte sie, ob ihre Mutter außer Haus tätig war, als
sie und ihre Geschwister aufwuchsen. Sie zögerte
einen Moment und antworte dann: "Nun, ich nehme
an. In jenen Tagen hatten wir kein fließendes Wasser,
also holte sie Wasser aus dem Brunnen unten im Dorf.
Wir hatten Ofenheizung, also trug sie Holz herauf zum
Haus. Sie mußte die ganze Wäsche machen, die
Hühner füttern und den Garten bestellen und all das,
also denke ich, man könnte sagen, daß sie immer
gearbeitet hat." Unser Babysitter ist 40 Jahre alt.
"Jene Tage" lagen für sie nicht allzulange zurück.
Nachdem ich ihr zugehört hatte, wurde mir bewußt,
daß meine heute abend an Sie gerichteten Worte nicht
auf alle Frauen Anwendung finden. Das Thema betrifft
Frauen, die eine Wahl haben. Und obwohl wir theoretisch alle die Wahl haben, gibt es für einige von uns
praktisch keine.
Meine heute abend vorgetragenen Gedanken sind das
Ergebnis eines ziemlich umfassenden Studiums der
jüngsten Literatur zu diesem Thema, von Interviews,
die ich mit zwanzig Frauen geführt habe sowie meiner
persönlichen und beruflichen Erfahrung.
1954 schrieb Ann Morrow Lindberg Gifts From the
Sea und stellte folgendes fest:
"Was für einen Drahtseilakt Frauen jeden Tag
unseres Lebens vollführen. Ein Trapezkünstler
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ist nichts dagegen. Sehen Sie uns an. Wir
balancieren jeden Tag mit einem Stapel Bücher
auf dem Kopf auf einem Drahtseil. Kinderwagen, Sonnenschirm, Küchenstuhl - alles unter
Kontrolle. Ruhig jetzt! Es ist nicht das einfache,
sondern das Leben in seiner Vielfalt, vor dem
uns die klugen Manne warnen. Es führt nicht zu
Vereinigung, sondern zu Zersplitterung. Es
birgt keinen Charme, es zerstört die Seele. Und
ich gelange zwangsläufig zu der Schlußfolgerung: Dies gilt nicht nur für mein Leben, es ist
das Leben von Millionen Frauen in Amerika. Ich
betone Amerika, weil die amerikanische Frau
heute mehr als jede andere Frau das Privileg
hat, sich für ein solches Leben zu entscheiden."
Als diese Worte vor 35 Jahren gedruckt wurden, war
die Welt ein völlig anderer Ort. Die Rollen von Männern
und Frauen waren klar definiert. Und obwohl es
sicherlich Frauen gab, die Pionierarbeit bei ihrer beruflichen Laufbahn leisteten, waren die meisten von keinem Zweifel getrübt, daß ihre Hauptaufgabe in der
Familie bestand. Wenn sie aus finanziellen Gründen
Geld verdienen mußten, taten sie es. Die Konzentration lag jedoch nicht auf unserer persönlichen Entwicklung, sondern vielmehr auf dem Engagement der
Frauen im Haushalt. Wohlhabende Frauen, die bei der
Verfolgung ihrer Karriere einiges riskierten, wurden
nicht ernst genommen, sondern eher als etwas Neues,
"ganz Hübsches", angesehen. In jenen Tagen wurden
Frauen zur Heirat ermutigt, damit sie versorgt wären,
und eine gute Partie zu machen, bedeutete, einen
Seite 1

�Mann zu finden, der es geschafft hatte, so daß man
nicht arbeiten mußte. Frauen der Mittelschicht, die
arbeiteten, taten dies aus wirtschaftlicher Notwendigkeit und riskierten das Stigma, ihre Männer hätten nicht
genug Erfolg, um es ihnen ermöglichen zu können, zu
Hause zu bleiben. Gleichgültig, ob sie aus Vergnügen
oder Notwendigkeit arbeiteten - Frauen waren immer
noch vor allem Mütter und Ehefrauen. Zu jener Zeit
bedeutete die Geburt eines Kindes die Rückkehr vom
Arbeitsplatz in den Haushalt, und in den meisten Fällen
blieben wir mit unseren Kleinen solange zu Hause, bis
sie eingeschult wurden. Frauen arbeiteten bewußt aus
persönlicher und gesellschaftlicher Verpflichtung, um
ihre Verantwortung für die Familie und Gesellschaft zu
erfüllen. In diesem Umfeld schrieb Lindberg über die
Zersplitterung und Vielfalt des Lebens der Frau. Stellen Sie sich vor, was sie zu sagen hätte, wenn sie heute
schreiben würde.

ze liegendes Einkommen. Heutzutage herrscht in
weniger als9,9 Prozent der amerikanischen Haushalte
eine Situation, in der der Mann Geld verdient und die
Frau zu Hause den Haushalt führt und die Kinder
versorgt.

Wenn ich heute an einem Wochentag mit meinem
Sohn zu dem Spielplatz in der Nachbarschaft gehe,
finden wir leere Schaukeln, ruhige Bänke und Einsamkeit. Vor 35 Jahren wäre derselbe Park vom Lärm
spielender Kinder, schreiender Babys und plaudernder Frauen erfüllt gewesen, deren Diskussionen sich
darum gedreht hätten, sich gegenseitig in dem von
ihnen geführten Leben zu bestärken. Heute nicht.
Heute spielen die meisten Kinder in Tagesstätten oder
im Hinterhof bei ihrem Babysitter.

Das Privilegium der Wahlfreiheit hat jedoch einen
bitteren Nachgeschmack, denn die Wahlfreiheit bringt
auch die natürliche Verpflichtung und den Wunsch mit
sich, sich zu entscheiden. Obwohl unsere Wahlfreiheit
uns Freiheit gebracht hat, hat sie unser Leben auch
hektischer, bruchstückhafter und komplizierter gemacht.
Harte Arbeit ist für Frauen nichts Neues. Im Gegenteil:
In vielerlei Hinsicht war das Leben in der Vergangenheit noch viel härter. Der Streß der heutigen Zeit ist
anders als das Leid der Vergangenheit. Die Lasten,
die wir heute tragen, sind mehr psychischer als physischer Natur. Heutzutage geht es mehr um eine
unklare Rollendefinition, um Schuld, mangelnde Unterstützung und den emotionalen Streß eines von
zahlreichen widersprüchlichen Verpflichtungen gekennzeichneten Lebens.

Das Leben heute unterscheidet sich beträchtlich von
den Tagen, als unsere Mütter die Kinderwagen in den
Park schoben. Soweit ich das beurteilen kann, ist es
eine sehr viel kompliziertere Welt, besonders für
amerikanische Frauen. Wir haben nicht nur einen
Stapel Bücher auf dem Kopf, der sich mit Familie und
Haushalt befaßt, sondern alle Hände voll mit unserer
Karriere zu tun. Heute sind über 80 Prozent der
berufstätigen Frauen auch Mütter und führen ihren
Haushalt. Ob dieser Lebensstil aus wirtschaftlicher
Notwendigkeit, wirtschaftlicher Präferenz oder aus
dem Wunsch nach beruflichem Fortschritt und intellektueller Erfüllung gewählt wurde - die Wahl ist getroffen.
Und mit dieser Wahl haben wir uns schwierige und
mühselige Konsequenzen eingehandelt.

Das ist eine Tatsache. Tatsache ist aber auch, daß
Frauen in wirtschaftlicher und beruflicher Hinsicht mehr
Chancen haben als je zuvor. Wir haben mehr Möglichkeiten, unsere Rolle als Individuum und als Frau zu
definieren. Wir haben, was unseren Beruf, unseren
Partner, unseren Nachwuchs und unseren Lebensstil
betrifft viel mehr Entscheidungsfreiheit. Vor 35 Jahren
wäre es fürunsere Mütter schwierig, umnichtzu sagen
unmöglich gewesen, einen M.B.A. zu erwerben, Ärztin, Steuerberaterin, Geistliche, Elektrikerin, Computerfachfrau, Zahnärztin oder Nachrichtensprecherin
zu werden.

In der Vergangenheit hatten nur sehr wenige Frauen
die Wahlfreiheit, die wir heute genießen, und machten
auch von ihr Gebrauch. Heutzutage sind mehr Frauen
gleichberechtigte oder wichtigste Geldverdiener in einem
Haushalt. Aufgrund des Anstiegs der Lebenshaltungskosten müssen zwei Familienmitglieder Geld
verdienen, damit wir den Lebensstandard beibehalten
können, den wir von unseren Eltern gewöhnt sind.
Daher stehen Frauen unterdem Druck, Geld zu verdienen und den Haushalt zu führen. Der Umfang und die
Schwierigkeit der Rolle der Frau in unserer Zeit gehen
Halten Sie sich die folgende Statistik vor Augen:
weit über das hinaus, was unsere Eltern sich vorgeDie Zahl berufstätiger Frauen mit Kindern unter einem stellt haben, als sie vor 30,40 oder 50 Jahren erwachJahr stieg im letzten Jahrzehnt um 70 Prozent. 73 sen wurden.
Prozent aller berufstätigen Frauen sind im geburtsfähigen Alter und Frauen mit Kindern unter sechs Jahren Das Problem besteht nicht darin, daß wir Wahlfreiheit
sind der am schnellsten wachsende Teil des Arbeits- haben. Die meisten Frauen sind wohl den Frauen
kräftepotentials. Die Zahl der geschiedenen, verwit- dankbar, die in früheren Zeiten mit Hingabe, Schweiß
weten oder alleinlebenden berufstätigen Frauen mit und Tränen die Chancen erkämpft haben, die wir heute
Kindern unter 18 Jahren stieg zwischen 1971 und 1982 haben. Die meisten von uns nutzen begeistert die sich
um 76 Prozent. Im Jahr 1984 waren 11 Millionen uns bietenden Möglichkeiten. Der technologische
Männer und 6 Millionen Frauen die alleinigen Geldver- Fortschritt hat uns soviel Zeit gegeben, wie unsere
diener in ihrer Familie. In nahezu 20 Prozent aller Großmütter nie hatten. Das Problem liegt darin, daß
amerikanischen Familien ist eine Frau der Ernährer, wir in dieser Zeit unsere neugewonnenen Optionen
und ein Drittel von ihnen hat ein unter der Armutsgren- genutzt haben und versuchen, einen Ehemann, KinSeite2

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�der, Arbeit für das Gemeinwohl, Einkaufen, Wäschewaschen, Reparaturen im Haus, Kochen, politische
Tätigkeit, Elternpflegschaftssitzungen und Karriere
unter einen Hut zu bringen. Eine Karriere, bei der
Frauen Gleichberechtigung fordern, was bedeutet,
daß sie ebenso wie die Männer 50 oder 60 Stunden pro
Woche arbeiten, um auf derselben Ebene wie Männer
Erfolg zu haben. Die Frauen von heute fahren Autos,
Traktoren, Schiffe und Einkaufswagen. Sie tragen
Monteuranzüge, maßgeschneiderte Kostüme, Schürzen und Umstandskleider. Sie tragen Aktenkoffer,
Einkaufstaschen und Kettensägen, Ziegelsteine, Staubsaugerund Taschenrechner, Aktenordner und Babys.
Vor 35 Jahren schrieb Anne Morrow Lindberg:
"Eine Frau zu sein bedeutet, Interessen und
Pflichten zu haben, die sich in alle Richtungen
erstrecken, ausgehend vom Mutterherz, wie die
Speichen von der Radnabe ausgehen. Das
Muster unseres Lebens ist hauptsächlich kreisförmig. Wir müssen in alle Himmelsrichtungen
offen sein, gegenüber Ehemann, Kindern, Freunden, dem Heim, der Gesellschaft, wir müssen
ausgestreckt, enthüllt sein, so empfindlich wie
ein Spinnennetz, das auf jeden Windhauch
reagiert. Wie schwierig ist es dann für uns,
inmitten dieser widersprüchlichen Spannungen
ein Gleichgewicht zu finden, und wie wichtig ist
das doch für ein gut funktionierendes Leben."
Das schrieb sie vor einer Generation in einer im
Wandel begriffenen, aber dennoch traditionellen
Gesellschaft. Heute jedoch leben wir inmitten eines
radikalen, gesellschaftlichen Umbruchs, in einer Übergangszeit sich schnell ändernder Rollenvorstellungen,
Verpflichtungen und Erwartungen. Erwartungen, die
andere an uns haben, und Erwartungen, die wir selbst
an uns haben. Den unterschiedlichen Interessen und
Bestrebungen der Frau sind nur wenige natürliche
Grenzen gesetzt, wenn überhaupt...und das ist ein
Traum, der für viele Töchter nur wahr wurde, weil ihre
Mütter hart dafür arbeiteten. Aber dieser Traum birgt
aus verschiedenen Gründen auch Elemente eines
Alptraums. Einmal befinden wir uns mitten in einer
Phase des Umbruchs, in einer sozioökonomischen
Struktur, die noch nicht an die Rollen angepaßt ist, die
wir zu spielen versuchen. Es ist ein Alptraum, weil viele
berufstätige Mütter das Gefühl haben, daß sie alleingelassen werden. Die meisten von uns bekommen
sehr wenig Verständnis von Seiten unserer Arbeitgeber, die nie zuvor gebeten wurden, unser Interesse an
unserer Familie oder unsere Verpflichtungen ihr gegenüber mit uns zu teilen oder sich für unsere Doppelbelastung zu Hause und am Arbeitsplatz zu interessieren. Frauen haben sich viel stärker an die Arbeitswelt
angepaßt als Männer an die Welt des Haushalts und
der Kindererziehung, und Frauen müssen sich vielleicht damit abfinden, daß Männer einfach keine Lust
dazu haben, soviel im Haushalt zu tun wie wir. Paare
mit zwei berufstätigen Partnern und alleinerziehende
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berufstätige Mütter sehen sich der schwierigen Aufgabe gegenüber, einen Betreuer für ihre Kinder zu finden,
und dann müssen sie sich auch noch fragen, ob die
Betreuung gut ist. Viele von uns haben die zusätzliche
Verpflichtung, sich um ihre alternden Eltern zu kümmern. Berufstätige Frauen benötigen eine flexiblere
Arbeitszeit und wollen sich doch profilieren. Wieviele
von uns kämpfen noch für gleiche Bezahlung und
vergleichbare Anerkennung? Viele Frauen, die sich
den Änderungen anpassen und eine Vielzahl von
Pflichten erfüllen, fragen sich jetzt, ob das, was sie
versuchen, überhaupt möglich ist. Möglich zumindest
ohne die großen Opfer, die eine Begleiterscheinung
bei dem Streben nach diesem Lebensstil zu sein
scheinen.
Achtzig Prozent der berufstätigen Frauen sind Mütter
oder Ehefrauen, die, aus welchem Grund auch immer,
beschlossen haben, zahlreiche und miteinander konkurrierende Rollen zu spielen. Diese Entscheidung
macht ihr Leben streßreich und wenig ausgeglichen,
aber die Vorteile sind offensichtlich. Frauen genießen
mehr wirtschaftliche Vorteile, größere Unabhängigkeit
und ein verstärktes Selbstbewußtsein, das aus dem
Bewußtsein resultiert, in der Arbeitswelt einen wertvollen Beitrag zu leisten. Aber irgendetwas stimmt nicht.
Fast jede der 22 Frauen, mit denen ich sprach, und
nahezu alle von mirgelesenen Bücherund Broschüren
zu diesem Thema lassen auf eine tiefliegende und
weitverbreitete Unzufriedenheit bei denjenigen schließen, die alles bewältigen wollen.
Vielleicht müssen wir als Individuen und als Partner
realistisch sein und nicht nur über die Vorteile, sondern
auch über die notwendigen Opfer im Zusammenhang
mit dieser Entscheidung nachdenken. Wir sollten uns
beispielsweise ganz ehrlich fragen, ob wir das Wohlergehen unserer Kinder auf's Spiel setzen, wenn wir uns
für eine anspruchsvolle Vollzeitkarriere entscheiden.
Ein Amerikaner war dieser Ansicht und verlieh kürzlich
seiner Besorgnis in einem Zeitungsartikel Ausdruck:
"Ich bin der festen Überzeugung, daß viele der
Probleme, die wir mit unseren Kindern haben,
von der Tatsache herrühren, daß unsere Gesellschaft die Mutterschaft nicht mehr schätzt
und achtet. Mutter zu sein und zumindest in den
ersten vier Jahren der Entwicklung des Kindes
zu Hause zu bleiben, hat Frauen, insbesondere
Akademikerinnen, derart gebrandmarkt, daß sie
nicht mehr als vollwertige Person erscheinen.
Unsere Prioritäten haben sich geändert, so daß
wir mehr Wert aufs Geldverdienen oder auf Ichbezogene im Zusammenhang mit unserer Karriere stehende Ziele legen. Wir halten nicht
länger das Einzige, das uns wirkliches Glück
bringen kann, für unsere höchstes Gut - unsere
Kinder. Die Vorstellung, die Gegenwart für die
Zukunft unserer Kinder zu opfern, erscheint
seltsam und veraltet. Wer würde in der heutigen
Welt noch vorschlagen, daß Frauen ihr Leben
Seite 3

�lang Hausfrau sein sollten. Aber wenn nicht unsere Kinder sorgen und unseren Ehemännern eine
Frauen und Männer aller Gesellschaftsschich- fröhliche und liebende Gattin sein.
ten in stärkerem Maße die Bereitschaft zeigen,
regelmäßig an der Entwicklung ihrer Kinder Das Szenarium der perfekten Karrierefrau und Mutter
mitzuwirken, selbst wenn das von ihnen Opfer ist ein brutaler Mythos. Es ist der Mythos der Cläre
erfordert, kann die Regierung nichts tun, unsere Huxtible, der Ehefrau in der populären Cosby-Show im
Abwärtsbewegung hin zu einem Land dritter Femsehen. Cläre Huxtible - eine erfolgreiche Rechtsanwältin, die am Ende eines Tages bei Gericht in ein
Klasse aufzuhalten."
schönes, sauberes, aufgeräumtes Haus zurückkehrt,
Könnte er recht haben? Es handelt sich hier um eine um glückliche, gut angepaßte, lachende Kinder zu
Angst, die die meisten berufstätigen Mütter - bewußt begrüßen. Sie ist die aufopfernde und liebevolle
oder unbewußt - hegen. Es ist nicht erstaunlich, daß Ehefrau eines bewundernden, verständnisvollen
so viele von uns um ihr Gleichgewicht ringen, wenn Mannes. Cläre Huxtible: die Frau mit dem schönen
anscheinend so viel von unseren Entscheidungen Körper, dem strahlenden Lächeln, die stets die Ruhe
abhängt. Aber was ist mit der anderen Seite? Der und Kontrolle bewahrt. Da ist sie und grüßt uns jeden
Seite, die fragt, warum immer die Frau auf ihre Karriere Donnerstag Abend um 8 Uhr - die Verkörperung perfekter Anmut. Sie stellt das vollkommene Gleichgeverzichten soll?
wicht dar, das zu erlangen so viele von uns so verzweiKinder führen fast notwendigerweise dazu, daß die felt bestrebt sind. Die Wahrheit ist: Sie existiert nicht
Frau einen Teil ihrer Karriere aufgibt. Die meisten und kann auch nicht existieren.
Frauen fanden, daß die Wiedereingliederung in die
Arbeitswelt nach einem längeren Mutterschaftsurlaub Jede, die diesen Weg beschritten hat, weiß - irgendwo
äußerst schwierig ist. Im Management tätige Mütter müssen Kompromisse gemacht werden, und sie tut
verzichten wirklich auf die Chance, die oberste Spros- dies. Die Realität ist, daß gute Kinderbetreuung kostse der Karriereleiter im Unternehmen zu erreichen. spielig und sehr schwer zu finden ist. Die Realität ist,
Obwohl 90 Prozent der im Management tätigen Män- daß ehrgeizige ganztägig berufstätige Mütter der
ner Kinder haben, gilt das für nur 35 Prozent ihrer Gesellschaft insgesamt voraus sind, die sich immer
Kolleginnen. In einer Untersuchung aus dem Jahr noch an ihre Präsenz im Erwerbsleben gewöhnen
1986 über die 413 Frauen, die in den größten amerika- muß. Solange dies der Fall ist, werden die meisten
nischen Unternehmen eine führende Position haben, Frauen Schmerz und Frustration zu spüren bekomkam man zu dem Ergebnis, daß der typische Frauen- men. Wir werden uns fragen, warum unsere Arbeitgetyp hierfür 44jährig, verheiratet, kinderlos, protestan- ber nicht verstehen, daß bei dem kranken Baby jetisch und weiß ist und pro Woche weniger als 10 mand zu Hause bleiben muß, und daß wir dieser
Stunden mit Hausarbeit verbringt. Diese Frauen sind jemand sind. Wir werden die Frage stellen, warum es
der Ansicht, daß man um des beruflichen Erfolgs willen so schwierig ist, eine gut bezahlte Teilzeitbeschäftiauf die Mutterschaft verzichten muß.
gung zu finden, die unserem Wissen und unseren
Fähigkeiten entspricht. Und wir werden uns fragen,
Opfern wir gesunde Beziehungen mit unseren Män- warum wir ständig das Gefühl haben, nicht genug zu
nern? Vielleicht nicht. Eine neuere Studie enthüllte, tun, tatsächlich, warum wir versuchen, alles unter
daß der höchste Grad an ehelicher Zufriedenheit bei einen Hut zu bringen. Einem neueren und zunehberufstätigen Paaren festgestellt wurde. Andererseits mend verbreiteten Trend zu folge verlassen erwerbstäkönnten Ehemänner ganztägig berufstätiger Mütter tige Mütter sogar ihren Arbeitsplatz und kehren zu
auch eine zusätzliche Belastung spüren. Auch sie traditionellen familiären Rollen zurück - ein Trend, der
kommen nach Hause und finden Haushaltsarbeiten seine eigenen Opfer und Belohnungen mit sich bringt.
vor, die zu erledigen sind. Es ist mehr Arbeit für Mann
und Frau, wenn sie nach einem vollen Arbeitstag nach Erwerbstätige Frauen, Hausfrauen und Mütter, FrauHause kommen.
en, die beides tun, Ehemänner, Väter, Arbeitgeberund
der Gesetzgeber... befinden sich alle in einer ÜberOb der Kompromiß nun Kindererziehung, Ehe, Karrie- gangsphase - und reagieren langsam auf sich rasch
re oder schlicht Selbstbehauptung oder -erhaltung verändernde Rollen, Erwartungen und Pflichten von
betrifft, Opfer sind unvermeidlich. Hausfrauen und Frauen ebenso wie Männern. Die meisten Männer
Mütter haben mir erzählt, daß es angesichts der ge- müssen auf das von ihren eigenen Vätern, die in einer
genwärtigen sozialen Muster emotional schwierig ist, gänzlich anderen Welt lebten, überlieferte Rollenmoals Vollzeithausfrau voll anerkannt zu werden und in dell zurückgreifen. Aber auf diese Vorbilder kann man
dieser Tätigkeit persönliche Erfüllung zu finden. sich nicht mehr verlassen, und deshalb begeben sich
Ganztägig berufstätige Frauen haben mir erklärt, es auch die Männer auf neues, unerschlossenes Terrain.
sei in der heutigen Kultur einfach unrealistisch anzunehmen, wir könnten in einem Erwerbssektor, der In der Zeitung Chicago Tribüne erschien ein interesgroßen zeitlichen Einsatz belohnt, erfolgreich sein und santer Artikel unter der Überschrift Männer nur schlepam Ende des Tages mit Energie und Begeisterung für pend zur Mithilfe im Haushalt bereit. Der Artikel
beginnt:
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�"Da ist sie, Ms. America. Gekleidet für den
Erfolg. Attachekoffer in der einen Hand, an der
anderen ein Kind im Vorschulalter. Rasche
Aufsteigerin am Arbeitsplatz. Supermutti zu
Hause. Die Frau, die alles hat. Das Modell der
neunziger Jahre. Was sie ebenfalls hat, sind der
Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung und ein Mann, der weit geschickter ist, sich vor
seinem fairen Anteil zu drücken als sie dabei, ihn
durch Schmeicheleien, Verhandlungen oder
sanfte Überredung zur Mithilfe zu bewegen."

Wie können Frauen in den neunziger Jahren ein Gleichgewicht finden? Persönlich halte ich dies nicht für
möglich, solange wir uns entschließen, zahlreiche,
miteinander in Konflikt stehende und gesellschaftlich
nicht unterstützte Rollen zu spielen. Was wir tun
können, ist, was Frauen stets getan haben: uns zu
beugen, anzupassen, durchzusetzen und auf die Anforderungen jedes einzelnen Moments zu reagieren
und dann kurz innezuhalten, um uns zu erneuern.

Können wir alles haben? Ja. Wennwirdamitzufrieden
sein können, bei allem, was wir tun, weniger als 100
Der Verfasser fährt fort, daß sich die unterschwelligen Prozent oder auch 85 Prozent zu geben. Wenn wir mit
Gefühle von Männern im Hinblick auf die Übernahme dem Gefühl leben können, daß nichts unsere volle und
von Pflichten im Haushalt viel weniger stark verändert aufopfernde Aufmerksamkeit erhält. Wenn wir bei
haben als die Gefühle der Frauen im Hinblick auf die unseren Standards und Erwartungen Kompromisse
schließen können.
Erlangung einer Identität am Arbeitsplatz.
Auch die Arbeitgeber verwenden überholte Modelle,
die auf dem ethischen Fundament des Rechts auf
Arbeit gründen, wobei das Engagement am Arbeitsplatz an die erste Stelle gesetzt und die Betreuung der
Familie von jemand anderem übernommen wird, dessen Pflicht es ist, sich darum zu kümmern. Die
demographische Entwicklung zwingt jedoch immer
mehr dazu, dieses Thema auf die Tagesordnung zu
setzen, und die Arbeitgeber müssen sich ernsthaft mit
dem wachsenden Anteil von Frauen an der Erwerbsbevölkerung befassen. Heute wird nämlich allgemein
die Prognose vertreten, daß bis zum Jahr 2000 61
Prozent der Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt Frauen sein werden. Das bedeutet, daß Veränderungen
unvermeidlich sind. Steuervergünstigungen für Arbeitgeber, die Familienurlaub, job-sharing, Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeiten anbieten, könnten notwendige Kosten wirtschaftlicher Tätigkeit sein.

Es gab eine Zeit - und sie ist noch nicht einmal lange
her -, daß ich danach trachtete, alles zu haben, und in
diesem Bestreben sehr hart arbeitete. Lassen Sie
mich in einer Zusammenfassung in wenigen Minuten
erläutern, wie ich mich persönlich um Ausgeglichenheit und Vollkommenheit bemüht habe.

Im Oktober 1989, als ich im sechsten Schwangerschaftsmonat war, verließ ich meine Stellung als Leiterin der Zulassungsstelle an der Darden Graduate
School of Business Administration, um die Position der
Stellvertretenden Verwaltungsleiterin an der University of Virginia zu übernehmen. Zu jener Zeit war ich
zugleich Teilzeitdoktorandin im Fach Ethik. Ich weiß
nicht, ob es mein Ego oder pure Torheit war, aber ich
war voll und ganz davon überzeugt, daß ich Mutter
eines Neugeborenen, Doktorandin und Ehefrau sein
und alles gut leisten konnte. Ich arbeitete sehr hart an
dieser Vision. Ich nahm vier Wochen MutterschaftsurAuch die Gesellschaft hinkt hinterher. Meines Erach- laub und kehrte voller Energie an meinen Arbeitsplatz
tens müssen wir Tätigkeit im Haushalt und Kinderer- zurück. Und dann brachten die Betreuer der Kindertaziehung neu bewerten, damit Frauen und Männer, die gesstätte eines Tages sechs Kinder, darunter meinen
sich für diese Rolle entscheiden, genügend soziale Sohn Ari, in den Rundbau, in dem sich mein Büro
Unterstützung haben und es berufstätigen Männern befand. Ich stillte Ari und gab ihn dann dem Betreuer
leichter fällt, ehemals Frauen vorbehaltene Rollen zu zurück. Als sie weggingen - mein Baby, fünf andere
übernehmen. Die Ehe muß weiter entwickelt werden, Kinder und zwei Erwachsene - schössen mir Tränen in
damit berufstätige Paare Vorbilder der Zukunft werden die Augen, und dann wurde ich von einem Gefühl des
können. Vielleicht müssen wir auch fragen, ob wir Schmerzes überwältigt. Ich wurde mir bewußt, wie
unsere Kinder mit Werten aufziehen können, die glei- sehr ich unseren Sohn liebte und daß jemand anderes,
che Pflichten im Haushalt und am Arbeitsplatz vorse- den ich noch nicht einmal kannte, ihn aufzog. Mit
hen. Wäre es nicht hilfreich, wenn wir unseren Söhnen einem Mal brachen all meine Ziele, Träume und Werte
Kochen, Saubermachen und das Wechseln von Win- zusammen, und ich begann die von mir getroffenen
deln mit einem Gefühl der Befriedigung und Wert- Entscheidungen anzuzweifeln. Nach zwei Wochen
schätzung beibringen könnten? Sollten wir nicht auch schmerzhafter Gewissenserforschung und Diskussiounsere Töchter lehren, sich nicht länger für eigene nen mit meinem Mann war mir klar geworden, daß ich
Fehler zu entschuldigen und aufzuhören, unrealisti- einen Weg finden mußte, um mehr Zeit mit Ari zu
schen Normen und selbst auferlegten Schuldgefühlen verbringen. Glücklicherweise stellte mich mein früheanzuhängen? Schuldgefühle darüber, dort draußen rer Arbeitgeber, ein glühender Bewunderer arbeitenzu sein, während jemand anders für unsere Kinder der Mütter, erneut für eine Position mit flexibler Arsorgt. Schuldgefühle wegen staubiger Fensterbretter. beitszeit ein, die meine beruflichen, akademischen
Schuldgefühle darüber, daß wir am Ende des Tages zu und mütterlichen Bedürfnisse unterstützt.
müde sind, um mit unseren Männern und Kindern
"qualitativ hochwertige Zeit" zu verbringen.
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Seite 5

�Die Entscheidung, eine lukrative, ziemlich verantwortungsvolle Vollzeitstelle aufzugeben, um ein Leben als
Mutter mit weniger profilierter beruflicher Stellung zu
führen, war für mich genau die richtige Entscheidung.
Für andere Frauen mag dies jedoch nicht gelten. Es ist
eine individuelle Wahl, und meiner Meinung nach ist es
nicht an sich eine moralisch richtige oder falsche Wahl,
sondern nur eine unter vielen. Aber meine und die
zahlloser anderer Frauen von heute war keine Wahl
ohne Schmerzen und einen gewissen Kummer wegen

der gebrachten Opfer. Wer weiß, welche Auswirkungen dies auf meine künftige Karriere hat? Zum jetzigen
Zeitpunkt werde ich jedoch den geringeren Verdienst
und den niedrigeren Status gerne für die vielen wundervollen Stunden zu Hause mit der Familie und ein
gesunderes, ausgeglicheneres Leben akzeptieren.
Lindberg schließt ihr Buch mit dem Satz: "Wir können
nicht alle schönen Muscheln des Meeres besitzen."
Vielleicht ist dies die Realität für Frauen in den neunziger Jahren.

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�PORTRAT
17. Februar 1993

FRONTKÄMPFERIN GEGEN DAS VERBRECHEN"
Janet Reno - Clintons designierte Justizministerin

WASHINGTON - (AD) - Mit seiner Nominierung der
Staatsanwältin Janet Reno aus Miami als zukünftige
Justizministerin ist Präsident Clintons Wahl eigenen
Äußerungen zufolge auf eine "Frontkämpferin gegen
das Verbrechen" gefallen, die "sich fürsorglich für die
Allgemeinheit einsetzt".

setzen, "rassische, ethnische oder geschlechtsbedingte Diskriminierung und Disharmonie in Amerika zu
beenden, indem ich Gesetzen Geltung verschaffen
werde, die allen Amerikanern Chancengleichheit sichern und der Gewährung der Bürgerrechte sehr hohe
Priorität einräumen werde".

Reno "hat ihr Leben der Aufgabe geweiht, ihre Gemeinde zu einem sicheren Ort zu machen, Kindern
Kummer und Sorgen zu ersparen, die Gewalt in der
Familie zu bekämpfen und den Familien zu helfen",
erklärte Clinton auf einer Pressekonferenz, bei der er
Janet Renos Nominierung zur Justizministerin bekanntgab. "Sie hat wirklich den Menschen an erste
Stelle gestellt."

Reno erklärte, es sei eines ihrer Ziele, sich der amerikanischen Gesetze zu bedienen, um alles Menschenmögliche dafür zu tun, "Amerikas Kinder vor Mißbrauch und Gewalt zu schützen und jedem von ihnen
die Gelegenheit zu geben, starke, gesunde und unabhängige Bürger zu werden."

Seit 1978 ist die 54jährige Reno Justizministerin in
Dade County (Florida), einer der Regionen der Vereinigten Staaten mit der höchsten Kriminalitätsrate. Ihre
Mitarbeiter beschreiben sie als intelligente, hart arbeitende und engagierte Expertin mit untadeligem Ruf.
Reno ist Clinton zufolge bereit, die Probleme des
Justizministeriums anzugehen, da sie als Chefanklägerin in einer "komplizierten, vielfältigen städtischen
Gemeinschaft" viele Erfolge zu verzeichnen hatte, in
der sie 900 Angestellten, einschließlich 230 Staatsanwälten vorstand, die mehr als 120.000 Fälle pro Jahr
bearbeiteten, 40.000 davon Kapitalverbrechen.
Clinton bezeichnete Reno als "faire" Staatsanwältin,
die mit "innovativen Programmen" zur Bekämpfung
von Verbrechen, Gewalt und Drogenmißbrauch Pionierarbeit geleistet habe. "Sie rief ein landesweit
gepriesenes Drogenprogramm der Gerichte ins Leben" und begann ein "Polizeiprogramm auf Gemeindeebene, das zur Verbrechensbekämpfung in verwahrlosten städtischen Gebieten dienen sollte", so der
Präsident.
Reno erklärte, sie wolle ein Justizministerium aufbauen, das "das Spiegelbild einer Regierung sei, in der die
Menschen aus ganz Amerika an erster Stelle stehen".
Sie versprach, sich im Justizministerium dafür einzu-

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Obwohl Reno, wie sie selbst erklärte, "persönlich gegen
die Todesstrafe ist", hat ihr Büro seit ihrer Tätigkeit als
Staatsanwältin von Dade County 80 Todesurteile wegen
Mordes erwirkt.
"Wenn die Beweislast und das Gesetz die Todesstrafe
rechtfertigen, werde ich sie einfordern, so wie ich es
konsequent getan habe", erklärte sie. "Ich werde in
bestimmten Situationen, so wie es das Gesetz vorschreibt, dafür eintreten, wenn wir solche Strafen
erwirken können."
Reno, die alleine lebt, wurde in Miami geboren und ging
in Dade County zur Schule. Im Jahr 1960 erhielt sie
ihren Bachelor of Arts an der Cornell University und
legte 1963 ihr Juraexamen an der Harvard University
ab. Nach zehnjähriger Tätigkeit in einer Anwaltskanzlei wurde sie 1978 von Gouverneur Askew zur Staatsanwältin des 11. Gerichtsbezirks von Florida ernannt.
Sie war die erste Staatsanwältin Floridas und wurde
fünfmal wiedergewählt.
Reno ist für ihr Umweltbewußtsein und ihre Leidenschaft für Sport im Freien bekannt, darunter bootfahren, campen und wandern. Sie ist die Tochter der
beiden bereits verstorbenen Journalisten aus Florida,
Henry und Jane Wood Reno. Ihr Vater, ein dänischer
Einwanderer, berichtete 40 Jahre lang im Miami Herald über polizeiliche Aktivitäten.

Seite 1

�Reno war in zahlreichen Ausschüssen und den Einsatzgruppen der Amerikanischen Anwaltsvereinigung
(American Bar Association - ABA) tätig. 1992 wirkte
sie in der ABA-Einsatzgruppe mit, um eine Strategie
zur Beseitigung rassischer und ethnischer Befangenheit aus dem Rechtssystem auszuarbeiten. 1988 war
sie Mitglied der landesweiten AIDS-Einsatzgruppe.

Figur im Bundesstaat Florida", schrieb H.T. Smith, ein
renommierter afroamerikanischer Rechtsanwalt aus
Miami in einem Artikel der Washington Post. "Sie ruft
jeden zurück, der sie anruft. Ihre Präsenz ist in der
ganzen Gemeinde zu spüren. Die Menschen haben
das Gefühl, daß sie mit ihren Problemen zu ihr kommen können... Ich war einer ihrer schärfsten Kritiker,
und in den letzten 12 Jahren hat sie mich davon
Reno ist in ganz Florida wegen ihres Dienstes an der überzeugt, daß sie grundehrlich ist, daß Rasse und
Anwaltschaft und an der Gemeinschaft bekannt. 1980 Geschlecht bei ihren Entscheidungen in personalpoliwurde sie von der Grand Jury Association zur Bürgerin tischer Hinsicht und vor Gericht keine Rolle spielen."
des Jahres ernannt. 1990 wurde sie vom Miami-DadeZweig der Nationalen Vereinigung der Sozialarbeiter Reno "betrachtet das Gesetz fast als Religion", sagte
zur Bürgerin des Jahres aus dem öffentlichen Leben Sandy D'Alemberte, Rechtsanwalt aus Miami, in eiernannt.
nem Interview der New York Times. "Sie glaubt
wirklich, daß ihre Tätigkeit in der Justiz eine Berufung
Einige von Renos Mitarbeitern bezeichnen ihre politi- ist und sie die Aufgabe hat, unser System gerechter zu
schen Fähigkeiten als ihr hervorstechendstes Merk- gestalten."
mal. Reno ist "die am besten zugängliche politische

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�PORTRAT
17. Februar 1993

BARTHOLOMEW ZUM SONDERGESANDTEN FÜR
BOSNIENGESPRÄCHE ERNANNT
Porträt von Botschafter Reginald Bartholomew

WASHINGTON - (AD) - Botschafter Reginald Bartholomew, der am 10. Februar 1993 zum amerikanischen
Sondergesandten für die von den internationalen
Schlichtern Cyrus Vance und Lord David Owen geleiteten Friedensverhandlungen ernannt wurde, ist seit
dem 20. Juli 1992 Ständiger Vertreter der Vereinigten
Staaten bei der NATO in Brüssel.
1989 war Bartholomew zum Staatssekretär für internationale Sicherheitsfragen berufen worden. Dabei
war er für Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung, Militärhilfe und Waffenlieferungen, nukleare Angelegenheiten, Technologietransfer und -kontrollen, wissenschaftliche und technologische Angelegenheiten sowie andere
internationale Sicherheitsfragen zuständig.
Bartholomew war von 1986 bis 1989 Botschafter in
Spanien und von 1983 bis 1986 Botschafter im Libanon.

Büros für militärpolitische Angelegenheiten im USAußenministerium.
Von 1968 bis 1974 war Bartholomew im höheren
Dienst des Verteidigungsministeriums tätig. Zu seinen
Verwendungen gehörten die des Leiters des politischen Planungsstabes im Büro *ür internationale Sicherheitsangelegenheiten sowie des Leiters der Expertengruppe im Pentagon für die Beiderseitigen und
Ausgewogenen Truppenreduzierungen (MBFR).
Zu seinen jüngsten Auszeichnungen irn Staatsdienst
zählen in den Jahren 1986 und 1988 verliehene P-esidential Meritorious Service Awards sowie im Jahr 1990
der Presidential Distinguished Service Award.
Vor seinem Eintritt in den Staatsdienst lehrte Bartholomew 1963-64 Sozialwissenschaften an der University
of Chicago und war von 1964 bis 1968 Dozent für
Staatswissenschaften an der Wesleyan University.

1982 und 1983 war er im Rang eines Botschafters
amerikanischer Sonderunterhändler für die Verhandlungen über militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und
Griechenland. 1981-82 diente er im Außenministerium als Sonderkoordinator für Zypern.

Bartholomew erhielt 1958 am Dartmouth College einen Bachelor of Arts, studierte von 1958 bis 1961
Politologie an der University of Chicago und erhielt
1960 seinen M.A. im Fach internationale Beziehungen. Er ist Mitglied des Council on Foreign Relations
sowie des International Institute for Strategie Studies.
1979-81 fungierte Bartholomew als Abteilungsleiter im Bartholomew wurde 1985 von der Wesleyan UniversiAußenministerium und Leiter des Büros für militärpo- ty sowie 1987 vom Hobart and William Smith College
die Ehrendoktorwürde der Rechtswissenschaften
litische Angelegenheiten.
verliehen.
1977-79 war er zum Nationalen Sicherheitsrat abgeordnet und leitete Operationen in Zusammenhang mit Bartholomew wurde am 17. Februar 1936 in Portland
den Ost-West-Beziehungen, der UdSSR und Osteuro- (Maine) geboren. Er lebt mit seiner Frau Rose-Ann,
pa.
geb. Dognin, in Washington. Das Ehepaar hat vier
Kinder.
Von 1974 bis 1977 war er Erster Stellvertretender
Leiter des politischen Planungsstabes und danach des
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