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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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3. Februar 1993
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29

° 5300 ^ 0 0 °

US-MILITÄR

CLINTON MÖCHTE AUSSCHLUSS VON
HOMOSEXUELLEN AUS DEM MILITÄR
AUFHEBEN
Erklärung des Präsidenten
DIE POLITIK GEGENÜBER
HOMOSEXUELLEN IM MILITÄR
Übersicht des Weißen Hauses

AFROAMERIKANER

CLINTON WÜRDIGT LEISTUNGEN
DER AFROAMERIKANER
Botschaft des Präsidenten

USA-DEUTSCHLAND

DEUTSCHLAND UND DIE VEREINIGTEN
STAATEN: GEMEINSAM VOR NEUEN
HERAUSFORDERUNGEN
Rede von Botschafter Kimmitt

USA-EG

USA WERDEN SICH
BEI DISKRIMINIERUNGEN DER EG
AUF TITEL VII BERUFEN
Übersicht des US-Handelsbeauftragten

WIRTSCHAFT

HEY MISTER TALLYMAN...
von Botschafter Cresencio Arcos

MENSCHENRECHTE

WEITERE EINZELHEITEN ÜBER
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN IM
EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN
Fünfter US-Bericht für Vereinte Nationen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

bitte wenden
Postfach 20 03 00
Tel.: 0228 - 339 2372
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�KONGRESS

ERZIEHUNGSURLAUB, FRAUENFRAGEN
UND DIE REFORM DER KONGRESSARBEIT
Bericht über die Arbeit
des Kongresses

FRAUEN

DIE NEUNZIGER JAHRE - JAHRZEHNT
DER FRAU IN DER AMERIKANISCHEN
POLITIK?
von Michele St. George

�US-MILITAR
3. Februar 1993

CLINTON MÖCHTE AUSSCHLUSS VON HOMOSEXUELLEN AUS DEM MILITÄR AUFHEBEN
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat den Verteidigungsminister zur Vorlage eines Entwurfs für einen
Präsidialerlaß bis zum 15. Juli 1993 aufgefordert, um die amerikanische Praxis "des Ausschlusses aus dem
Militärdienst einzig und allein aufgrund einer sexuellen Veranlagung" zu beenden.
Bei einer Pressekonferenz am 29. Janaur 1993 stellte der Präsident fest, der Entwurf für einen Präsidialerlaß
würde "äußerst strenge Normen für das sexuelle Verhalten festlegen, die auf alle Angehörigen des Militärs
Anwendung finden".
Clinton zufolge haben die Vereinigten Stabschefs für die Interimsperiode zugestimmt, die Frage der sexuellen
Veranlagung in Zukunft von den Formularen für die Dienstverpflichtung beim Militär zu streichen, und das
Justizministerium wird anhängige Gerichtsverfahren bezüglich der Wiederaufnahme in das Militär in der
Zwischenzeit aussetzen.
"Es geht nicht darum, ob es im Militär Homosexuelle geben sollte. Jeder räumt ein, daß es welche gibt", erklärte
Clinton. "Die Frage lautet, ob man Männer und Frauen, die wirklich hervorragend dienen können und gedient
haben, einzig und allein aufgrund ihrer Veranlagung aus dem Militärdienst ausschließen soll. Meines Erachtens
sollte man dies nicht tun."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eingangserklärung des Präsidenten bei der Pressekonferenz.
sollten, es sei denn, ihr Verhalten disqualifiziert sie.
Das militärische Leben unterscheidet sich grundlegend von derzivilen Gesellschaft und hat zwangsläufig
einen anderen und sehr viel strengeren Verhaltenskodex, sogar ein eigenes Militärstrafgesetzbuch. DenWie Sie wissen, bin ich heute zumindest mit den noch sollten Personen, die sich bereit erklären, alle
Senatoren Nunn und Mitchell übereingekommen, wie erforderlichen Einschränkungen ihres Verhaltens zu
wir in den nächsten Tagen vorgehen werden. Zu- akzeptieren - von denen viele von einer zivilen Gesellnächst möchte ich jedoch erläutern, worum es meines schaft nicht toleriert würden - ihrem Land ehrenhaft
Erachtens bei dieser Frage geht, und mein weiteres und gut dienen können.
Vorgehen nach einer langen und fruchtbaren Diskussion mit den Vereinigten Stabschefs und mehreren Ich habe den Verteidigungsminister nach umfassenden Konsultationen mit Angehörigen des Militärs und
Kongreßabgeordneten darlegen.
des Kongresses sowie betroffenen NichtregierungsEs geht nicht darum, ob es im Militär Homosexuelle mitgliedem um die Vorlage eines Entwurfs für einen
geben sollte. Jeder räumt ein, daß es welche gibt. Die Präsidialerlaß bis zum 15. Juli 1993 gebeten, der die
Frage lautet, ob man Männer und Frauen, die wirklich derzeitige Praxis des Ausschlusses aus dem Militärhervorragend dienen können und gedient haben, ein- dienst einzig und allein aufgrund einer sexuellen Verzig und allein aufgrund ihrer Veranlagung aus dem anlagung beenden und gleichzeitig äußerst strenge
Militärdienst ausschließen soll. Meines Erachtens Normen für das sexuelle Verhalten festlegen (soll), die
sollte man dies nicht tun.
auf alle Angehörigen des Militärs Anwendung finden.

Meine Damen und Herren, die Debatte über die Beendigung des Ausschlusses von Homosexuellen aus
dem Militär hat in den vergangenen Tagen gelinde
gesagt sehr viel Interesse geweckt.

Meine Position gründet sich auf folgendes Prinzip: Ich
bin der Überzeugung, daß amerikanische Staatsbürger, die ihrem Land dienen wollen, dies auch können
AMERIKA DIENST 5

Dieser Entwurf des Präsidialerlasses wird von einer
Studie begleitet, die in den nächsten sechs Monaten

Seite 1

�über die wirklichen, praktischen Probleme durchgeführt wird, die durch diese neue Praxis verursacht
würden, damit wir einen praktischen, realistischen
Ansatz im Einklang mit den hohen Normen der Schlagkraft und des Zusammenhalts der Einheit haben, die
unsere Streitkräfte beibehalten müssen.

Dies sind die Vereinbarungen, die ich mit den Senatoren Nunn und Mitchell getroffen habe.

Während der Überprüfungsphase werde ich mit dem
Kongreß zusammenarbeiten. Meines Erachtens wird
der heute von den Senatoren und mir angekündigte
Kompromiß unter Beweis stellen, daß wir bei der
Ich stimme mit den Vereinigten Stabschefs überein, Beendigung der Pattsituation zusammenarbeiten
daß die höchsten Verhaltensnormen gefordert werden können, von der unsere Stadt zu lange betroffen war.
müssen. Der Wandel kann und sollte nicht über Nacht
stattfinden. Er erfordert umfassende Konsultationen Dieser Kompromiß ist nicht der Beste, den ich erhofft
mit den Vereinigten Stabschefs, Juristen, Experten im hatte, oder das Beste, für das ich eingetreten bin, aber
er ist offenkundig ein beachtlicher Schritt in die richtige
Kongreß und meiner Administration sowie anderen.
Richtung. Und er wird uns Fortschritte bei anderen
Wir haben bis heute eingehende Konsultationen ge- außerordentlich wichtigen Problemen gestatten, die
führt und werden dies auch in Zukunft tun. Während weit mehr Amerikaner betreffen.
dieses Prozesses werden Interimsmaßnahmen angewandt, die wiederum - so hoffe ich - den Brennpunkt Meine Administration ist mit dem Auftrag in diese Stadt
dieser Debatte beleuchten. Die Vereinigten Stabs- gekommen, die entscheidenden Themen Reform,
chefs haben zugestimmt, die Frage bezüglich der Erneuerung und wirtschaftliche Wiederbelebung in die
sexuellen Veranlagung in Zukunft von den Bewer- öffentliche Debatte einzubringen - Themen, die für das
bungsformularen für den Dienst beim Militär zu strei- Leben aller Amerikaner von zentraler Bedeutung sind.
chen, und sie wird auch in der Zwischenzeit nicht Wir arbeiten an einem Programm für Wirtschaftsreformen, das mit einer Ansprache vor der gemeinsamen
gestellt.
Sitzung des Kongresses am 17. Februar beginnt. In
Wir stimmen ferner alle überein, daß sehr hohe Verhal- den kommenden Monaten wird die Arbeitsgruppe des
tensnormen angwandt werden können und müssen. Weißen Hauses für das Gesundheitswesen unter dem
Die einzigen Meinungsverschiedenheiten bestehen Vorsitz der First Lady die Arbeit an einem umfassenalso in folgendem Bereich: Sollte jemand seinem Land den Gesundheitsreformvorschlag beenden, der dem
in Uniform dienen können, wenn er zugibt, homose- Kongreß binnen 100 Tagen nach Amtsantritt dieser
xuell zu sein, jedoch nichts tut, was den Verhaltensko- Administration vorgelegt wird.
dex verletzt oder den Zusammenhalt oder die Moral
der Einheit abgesehen von dieser Aussage untergräbt. Wir werden ein System des nationalen Dienstes entwerfen, mit dem die unbewältigten Belange unseres
Um das hat sich der Furor der vergangenen Tage Landes durch einen einjährigen Dienst an der Allgeentzündet. Und die durch diese Frage aufgeworfenen meinheit in Angriff genommen werden, und wir werden
praktischen, nicht unerheblichen Probleme sind es, die mehr jungen Menschen die Möglichkeit zu einem
in den nächsten sechs Monaten geprüft werden.
College-Besuch bieten. Wir werden umfassende
Gesetze zur Reform des Sozialwesens und andere
In der Zeit bis zum 15. Juni 1993 wird das Justizmini- wichtige Initiativen unterbreiten.
sterium anhängige Gerichtsverfahren bezüglich der
Wiederaufnahme in das Militär aussetzen. Und recht- Ich weiß die Arbeit zu schätzen, die in den vergangemäßige Entlassungen gemäß der derzeitigen Praxis nen zwei, drei Tagen von Senator Nunn, Senator
des Verteidigungsministeriums ausschließlich aufgrund Mitchell und anderen geleistet wurde, damit wir bei
der Veranlagung werden bis zum Abschluß dieser einer Frage Fortschritte erzielen konnten, die für mich
Überprüfung aufgeschoben. Die endgültige Entlas- von Bedeutung ist, ohne die Regierung handlungsunsung ausschließlich aufgrund der Veranlagung wird fähig zu machen und das Risiko einzugehen, die
aufgehoben, bis der Präsident die Gelegenheit zur Themen Familien- und Krankenurlaub auszuklammern,
Überprüfung hat und anhand der endgültigen Empfeh- die für die amerikanischen Familien so wichtig sind,
lungen des Verteidigungsministers im Hinblick auf die bevor der Kongreß sich vertagt.
derzeitige Praxis handeln kann.
Ich hoffe, diese und andere Themen in den kommenIn der Zwischenzeit wird ein Angehöriger des Militärs, den sechs Monaten voranbringen zu können, denen
dessen Entlassung vom Justizminister aufgehoben im Wahlkampf zentrale Bedeutung zukam und - was
wurde, vom aktiven Dienst suspendiert und bis zum noch wichtiger ist - die für das Leben aller Amerikaner
endgültigen Bericht des Verteidigungsministers und so entscheidend sind.
der endgültigen Entscheidung des Präsidenten in
Reservebereitschaft versetzt.
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�US-MILITAR
3. Februar 1993

DIE POLITIK GEGENÜBER HOMOSEXUELLEN IM MILITÄR
Übersicht des Weißen Hauses
Am 29. Januar 1993 veröffentlichte das Weiße Haus die nachfolgende Übersicht zur Politik des Verteidigungsministeriums gegenüber Homosexuellen im Militär.
Im Zusammenhang mit homosexuellem Verhalten stehende Fälle werden im Einklang mit der
jetzigen Politik durch Entlassung gelöst.

Der Präsident hat den Verteidigungsminister beauftragt, eine Überprüfung der jetzigen Praxis des Verteidigungsministeriums durchzuführen, die Homosexuelle vom Militärdienst ausschließt, und auf der Grundlage dieser Überprüfung bis zum 15. Juli 1993 den
Entwurf eines Präsidialerlasses vorzubereiten.

Wenn ein Fall lediglich den Status als Homosexueller betrifft und die betreffende Person eine
Entlassung beantragt, wird sie vom aktiven Dienst
befreit.

Die derzeitige Personalpolitik des Verteidigungsministeriums zu dieser Frage wird mindestens bis zum 15.
Juli 1993 in Kraft bleiben, während das Verteidigungsministerium die vom Präsidenten angeordnete Überprüfung nach folgenden Richtlinien durchführen wird:

Zweitens: Das US-Verteidigungsministerium beantragt die Vertagung anhängiger Fälle im Zusammenhang mit ehemaligen Angehörigen der Streitkräfte, die
aufgrund ihrer Homosexualität entlassen wurden und
ihre Wiederaufnahme in das Militär anstreben. Diese
Fälle würden bis zum Abschluß der vom Präsidenten
angeordneten Untersuchung vertagt.

Fälle, bei denen eine tatsächlich vorliegende
Homosexualität von dem Betreffenden abgestritten wird, werden auf allen Ebenen verfolgt,
von der Mitteilung über den Entlassungsgrund,
einer Anhörung vor dem Off iziersausschuß, der
Überprüfung der Empfehlungen dieses Ausschusses durch die Entlassungsbehörde und
den Maßnahmen der Entlassungsbehörde bis
zurtatsächlichen Entlassung des Betreffenden.
Auf Anweisung des Justizministers kann die
endgültige Entlassung in den lediglich den Status als Homosexueller betreffenden Fällen aufgehoben werden, bis der Präsident auf Empfehlung des Verteidigungsministers im Hinblick auf
die jetzige Politik Maßnahmen ergreift. Ein
Mitglied des Militärs, dessen Entlassung vom
Justizminister aufgehoben wurde, wird vom aktiven Dienst suspendiert und in Reservebereitschaft versetzt. Die dieser Reserve Angehörigen haben auf Antrag die Möglichkeit, in den
aktiven Dienst zurückzukehren, falls sich die
jetzige Politik ändert. Diejenigen, deren Fälle
nicht ausgesetzt wurden, werden entlassen.

Drittens: Kommandeure werden ihnen vorliegende
Fälle weiterhin gemäß den Präzendenzfällen und aktuellen Vorschriften in bezug auf Homosexualität
behandeln.

Kommandeure dürfen im Interesse eines einzelnen in der Einheit während der Entlassungsvorgänge Änderungen im Bereich der Personalverwendung anordnen.

Erstens: Im Zusammenhang mit der sexuellen Veranlagung stehende Fragen werden in Zukunft von den
Dienstantrittsformularen gestrichen und auch in der
Zwischenzeit nicht gestellt. Die Einführungsgespräche über die Militärgerichtsbarkeit, die alle Rekruten
gemäß Artikel 137 des einheitlichen Militärstrafgesetzbuches bei ihrem Eintritt in den Militärdienst und regelmäßig danach erhalten müssen, werden eine detaillierte Erklärung der anzuwendenden Gesetze und
Regeln enthalten, die das Sexualverhalten von Angehörigen der Streitkräfte betreffen.

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�AFROAMERIKANER
3. Februar 1993

CLINTON WÜRDIGT LEISTUNGEN
DER AFROAMERIKANER
Botschaft des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - In einer Botschaft aus Anlaß des im Februar begangenen Nationalen Monats für
Afroamerikanische Geschichte (National African-American History Month) hat Präsident Clinton erklärt, "wir
kommen dem Tag näher, an dem wir ein neues Heim für Amerika errichtet haben, ein Heim, in dem alle
Amerikaner einen Platz am Tisch haben werden".
Mit dem Hinweis, daß im Jahr 1993 "mehr Afroamerikaner im Kabinett des Präsidenten vertreten sind als jemals
zuvor in der Geschichte unseres Landes" forderte Clinton alle Amerikaner auf, Geschichte und Leistungen der
Afroamerikaner neu zu entdecken, zu feiern und zu würdigen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Botschaft des Präsidenten im Wortlaut.

Das empfindliche Dokument wurde fünf Tage lang
neben den Originalen der Freiheitsurkunden - der
Unabhängigkeitserklärung, der Verfassung der Vereinigten Staaten und der Bill of Rights - in unserer
Ich freue mich feststellen zu können, daß 1993 mehr Bundeshauptstadt ausgestellt. Die Ausstellung erinAfroamerikaner im Kabinett des Präsidenten vertreten nerte Amerika daran, wie einem bestimmten Teil unserer
sind als jemals zuvor in der Geschichte unseres Lan- Bevölkerung einst die Freiheit verweigert worden war.
des. Wir kommen dem Tag näher, an dem wir ein Die vielfältige Herkunft der Menschen, die dort jeden
neues Heim für Amerika errichtet haben, ein Heim, in Tag Schlange standen, zeigte jedoch, wie die Gedem alle Amerikaner einen Platz am Tisch haben schichte der Afroamerikaner uns alle berührt.
werden.
Das Echo der Öffentlichkeit war überwältigend. MenWenn wir die Vergangenheit verstehen, wird uns bewußt, schen aus allen Schichten kamen mit ihren Kindern
wie weit wir gekommen sind und wie weit wir noch oder Freunden aus allen Winkeln unseres Landes, um
gehen müssen. Vergangenen Monat hat unser Natio- selbst die Schriftstücke zu sehen, die für Millionen den
nalarchiv zum ersten Mal seit vielen Jahren die Eman- Unterschied zwischen Sklaverei und Freiheit bedeutezipationsproklamation öffentlich ausgestellt. Dieses ten. Jeden Abend mußte das Nationalarchiv die
am 1. Januar 1863 von Präsident Abraham Lincoln Öffnungszeiten verlängern, um Menschen einzulasunterzeichnete Dokument bedeutete für Millionen von sen, die bereits nahezu drei Stunden angestanden
Afroamerikanern den Beginn eines Lebens in Freiheit. hatten. Die Bemühungen der wenigen Bürger, die
diese Ausstellung ins Leben gerufen hatten, machten
Über mehrere Monate hinweg hatten einzelne Bürger für Tausende die Geschichte der Freiheit in Amerika
und Gruppen vergangenes Jahr an das Nationalarchiv lebendig.
geschrieben, um anzufragen, ob das historische Dokument zu Ehren dieses Jahrestages über Neujahr Ich lade alle Amerikaner dazu ein, diese und andere
ausgestellt würde. Nach gründlicher Erwägung be- historische Vorgänge wiederzuentdecken, wenn unschloß das Nationalarchiv, eine Ausstellung zu veran- ser Land den National African-American History Month
stalten.
begeht.
Im Rahmen des National African-American History
Month wiederentdecken, feiern und würdigen wir
Geschichte und Leistungen der Afroamerikaner.

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�D E U T S C H L A N D - USA
3. Februar 1993

DEUTSCHLAND UND DIE VEREINIGTEN STAATEN:
GEMEINSAM VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN
Rede von Botschafter Kimmitt in Leipzig
LEIPZIG - (AD) - Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des Kommunismus wird die
persönliche und kulturelle Dimension der transatlantischen Beziehungen eine zunehmend wichtige Rolle in der
Welt nach dem Kalten Krieg spielen, erklärte der amerikanische Botschafter, Robert M. Kimmitt, am 27. Januar
1993 in einer Rede an der Universität Leipzig. Die Vereinigten Staaten engagierten sich dafür, "sehr konkret"
mit Deutschland zusammenzuarbeiten, um "unsere gemeinsamen Ziele zu verwirklichen" und die persönlichen
Kontakte zwischen Deutschen und Amerikanern zu vertiefen, besonders durch schulische und akademische
Austauschprogramme.
Mit dem Hinweis auf die Gründung der ersten Abteilung für Amerikanistik in Deutschland an der Universität
Leipzig vor über 100 Jahren sowie deren Tradition ausgezeichneter Leistungen bei Amerikanistikstudien gab der
Botschafter die Einrichtung eines jährlich verliehenen Preises für das Studium der englischen Sprache bestehend aus einer Sammlung von Büchern prominenter amerikanischer Autoren - bekannt, um das Studium
der englischen Sprache und der Vereinigten Staaten an der Universität zu fördern.
Auf dem Weg nach Leipzig hatte der Botschafter zuvor das Leipziger Arzneimittelwerk besucht, das im Juli 1992
von der American Home Products Corporation aus New York übernommen wurde. Dieses Unternehmen ist dem
Botschafter zufolge eine von 180 amerikanischen Firmen, die in den neuen Bundesländern tätig sind und dort
insgesamt nahezu DM 5 Milliarden investiert sowie fast 40.000 Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten haben.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Kimmitt an der Universität Leipzig im Wortlaut.
Zahlreiche führende Wissenschaftler, Musiker und
Denker studierten und unterrichteten hier in Leipzig.
liebe Studentinnen und Studenten,
Der Mathematiker Leibniz, der renommierte Jurist
Thomasius, der berühmte Arzt Wilhelm Wundt, der
liebe Freunde der Universität Leipzig,
Physiker Werner Heisenberg, Goethe, Schumann und
Wagner
- Sie alle sind Bestandteil der reichen Gemeine sehr verehrten Damen und Herren,
schichte dieser Institution. Nicht weniger als sechs
ich freue mich über die Gelegenheit, heute zu Ihnen in Mitarbeiter des Amerikanischen Generalkonsulats und
dieserwichtigen Institution sprechen zu können. Es ist des Amerika Hauses in Leipzig sind Absolventen der
mir eine besondere Freude, unter den Zuhörern viele Universität Leipzig und setzen die von dem renomStudenten zu sehen, denn viel von dem, was ich sagen mierten amerikanischen Literaturdozenten Dr. Ewald
werde, richtet sich an Sie.
Flügel, Enkel des dritten Konsuls der Vereinigten Staaten
in Leipzig, eingeführte Tradition fort.
Die Universität Leipzig wurde ganze 83 Jahre vor
Christoph Kolumbus' Aufbruch zu seiner historischen Ich möchte hier auch die Arbeit der Abteilung AmerikaReise gegründet - eine Tatsache, die für viele Ameri- nistik der Universität würdigen. Sie haben die vor über
kaner schwierig zu begreifen ist. Wenn man sich 100 Jahren in die Wege geleitete Tradition ausgeLeipzigs Rolle als 'Treffpunkt Europas", Marktplatz für zeichneter Leistungen bei Amerikanistikstudien beakademischen Austausch und Heimat der ältesten wahrt. Als erste deutsche Universität, die eine AbteiHandelsmesse der Welt vor Augen hält, dann sollte es lung Amerikanistik gründete, hat Leipzig Beziehungen
auch nicht überraschen, daß die Errichtung einer aufgenommen, die sich mit zahlreichen schwierigen
Universität in dieser wichtigen Stadt ganz natürlich Herausforderungen konfrontiert sahen und überlebt
erschien.
haben.
Magnifizenz,

AMERIKA DIENST 5

Seite 1

�Die deutsch-amerikanischen Beziehungen erstrecken
sich über drei Jahrhunderte. Seit das erste Schiff mit
deutschen Emigranten im Jahre 1683 aus Krefeld an
unseren Küsten landete, ist uns in Amerika die deutsche Erfahrung zugute gekommen. Unsere Kultur,
unsere Sprache und selbst unsere Identität tragen
unauslöschlich den Stempel unserer engen Beziehungen zu Deutschland. Ganze 25 Prozent der amerikanischen Bevölkerung sind deutscher Abstammung, ich
selbst eingeschlossen, da meine Vorfahren mütterlicherseits Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Gebiet
um Lippe und Detmold nach Amerika kamen.

Verbündeten und ehemaligen Gegner. Im gesamten
Verlauf der zweiten Nachkriegszeit unterstützte Amerika spürbar und rückhaltlos die Vereinigung Deutschlands. Von der Ost- bis zur Westküste freuten sich die
Amerikaner am 3. Oktober 1990 mit den Deutschen,
als die politische Einheit endlich erzielt war. Nur sehen
in der Geschichte hat eine Idee in solcher Weise
gesiegt - die Idee der Demokratie und der Freiheit des
einzelnen.

Ich möchte meine Ausführungen heute auf nur 30
Minuten beschränken, um Ihnen genügend Zeit für
Ragen zu lassen. Angesichts der Erfahrung meines
Vorgängers tue ich das jedoch mit gewissen Vorbehalten. Botschafter Walters hielt einmal eine 40minütige
Rede, nach der der Gastgeber der versammelten
Zuhörerschaft sagte, er freue sich über die "Anmerkungen" des Botschafters und hoffe, Botschafter Walters
werde wiederkommen, wenn er Zeit habe, eine "richtige" Rede zu halten.

Wenn wir heute die Lage in Europa betrachten, werden
wir von der Realität ernüchtert, daß ein Zeitalter ewigen Friedens noch nicht in Sicht ist. Der Zusammenbruch des Kommunismus hat in der Tat eine Konfrontation zwischen den Supermächten zwar weniger
wahrscheinlich gemacht, aber auch zur Öffnung einer
Büchse der Pandora beigetragen, die Nationalismus,
Betonung ethnischer Zugehörigkeit und Separatismus
enthält. Das grausame Blutvergießen, das jetzt auf
dem Balkan stattfindet, läßt die Gefahr eines sich
ausbreitenden Chaos sehr real erscheinen. Es muß
unser gemeinsames Ziel sein, dieses Jahrhundert
nicht so zu beenden, wie es begonnen hat, nämlich mit
einer Reihe von Balkankriegen, die unnötigerweise
Unschuldige das Leben kosten und die Sicherheit aller
bedrohen.

Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des
Kalten Krieges sind wir in die dritte Nachkriegszeit
dieses Jahrhunderts eingetreten. Diese dritte NachHeute nachmittag möchte ich die deutsch-amerikani- kriegszeit ist von ebenso entscheidender Bedeutung
schen Beziehungen seit der in der Heldenstadt Leipzig wie die ersten beiden: Wiederum müssen wir die
hervorgebrachten Wende erörtern und auch auf das richtigen Entscheidungen treffen, wenn wir die GrundPhänomen zu sprechen kommen, mit dem sich die lagen für eine friedliche Zukunft legen wollen. Wir
Gesellschaft in unseren beiden Ländern befassen müssen sowohl aus den tragischen Fehlschlägen der
muß: Immigration und die Akzeptanz von Minderhei- Vergangenheit als auch aus unseren großen Erfolgen
ten. Zum Schluß meiner Ausführungen werde ich lernen.
dann noch kurz auf Präsident Clintons neue AdminiSicherheit
stration eingehen.

Die drei Nachkriegszeiten dieses Jahrhunderts
Das zwanzigste Jahrhundert war geprägt durch zwei
auf europäischem Boden stattfindende verheerende
Kriege und den langen Kalten Krieg, in dem Europa
ebenfalls in hohem Maße das Hauptschlachtfeld war.
Jedem dieser Kriege folgte eine kurze, aber äußerst
wichtige Nachkriegszeit, die Gelegenheit zu neuem
Denken und zu Veränderungen gab.
Der erste Weltkrieg zog zum erstenmal in der Geschichte der Vereinigten Staaten amerikanische Armeen in eine in Europa stattfindende Schlacht hinein.
Zum Nachteil von Europäern und Amerikanern gleichermaßen begingen die Vereinigten Staaten am Ende
dieses verheerenden Krieges einen entscheidenden
Fehler, indem sie zu einer engstirnigen Kirchturmpolitik zurückkehrten, anstatt eine Führungsrolle zu übernehmen, die nach dem Krieg so verzweifelt benötigt
wurde. Die folgenden Ereignisse erwiesen sich als
katastrophal - eine weltweite Wirtschaftskrise und ein
zweiter Weltkrieg folgten.
Am Ende dieses Zweiten Weltkrieges trafen klügere,
vorausschauende Entscheidungsträger die richtige
Entscheidung - die Vereinigten Staaten blieben in
Europa und beteiligten sich am Wiederaufbau der
zerstörten Volkswirtschaften und Gesellschaften ihrer

Die Vereinigten Staaten werden eine Politik des aktiven Engagements bei der Bewahrung der Sicherheit
Europas weiterverfolgen. Wir unterstützen die Bestrebungen der Europäer, eine gestärkte europäische
Sicherheitsidentität zu entwickeln, die auf dem grundlegenden und bewährten Garanten der Sicherheit
Europas aufbaut und ihn stärkt: der Organisation des
Nordatlantikvertrags oder NATO. Die NATO wurde als
ein flexibles Forum für die Erarbeitung einer Sicherheitspolitik entwickelt und ermöglicht es den Europäern und Amerikanern daher, sich an eine Vielzahl
unbekannter, sogar unvorhersehbarer Bedrohungen
verschiedenen Ausmaßes anzupassen und darauf zu
reagieren. Unser Ziel ist ein stärkeres Europa und
eine stärkere NATO.
Wirtschaft
Politische und militärische Angelegenheiten wie die
künftige Rolle der NATO bleiben zwar weiterhin von
Bedeutung, ich bin jedoch der Überzeugung, daß die
wirklichen Wachstumsbereiche der Zukunft in den

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AMERIKA DIENST 5
•

�deutsch-amerikanischen Beziehungen Handel und Kultur von der persönlichen Dimension der deutsch-amerikasind. Diese Beziehungen würden darüber hinaus eine nischen Beziehungen profitieren können.
noch stärkere Zusammenarbeit in den Bereichen
Umwelt, Bildungswesen, Wissenschaft und Gesund- Das neue Gesicht Europas
heitswesen beinhalten.
An jenem historischen Tag, dem 9. November 1989,
Zwei der wichtigsten Bindeglieder zwischen den Ver- als die Berliner Mauer fiel, erkannten nur wenige, die
einigten Staaten und Deutschland sowie zu ganz Europa voller Freude Zeugen dieser Szenen wurden, das volle
sind die sich selbst verstärkenden Bande des Handels Ausmaß der bevorstehenden Aufgabe. Seit dem
und der Investitionen. Dieser Handel wurde großen- Untergang des Kommunismus haben die Länder Ostteils von einer der wichtigsten internationalen Organi- europas und der ehemaligen Sowjetunion versucht,
sationen unterstützt, dem Allgemeinen Zoll- und Han- ihre neuerworbene politische Freiheit zu konsolidieren
delsabkommen oder GATT. Seit seiner Gründung im und das Wachstum von Marktwirtschaften zu fördern.
Jahre 1947 sind die Zölle im Durchschnitt von ungefähr Diese überwältigende Aufgabe wurde durch die Abkühlung der Weltkonjunktur noch weiter erschwert.
40 auf 5 Prozent gesunken.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, war dieser
Von den im Laufe der Jahrzehnte sorgfältig geführten Übergang von Unruhen begleitet, als neugewählte
Verhandlungsrunden des GATT ist keine entscheiden- Regierungen versuchten, sich nicht nur mit den bankder gewesen als die aktuelle Uruguay-Runde. Ein rotten Volkswirtschaften zu befassen, sondern auch
erfolgreicher Abschluß der Runde könnte den für unsere mit den Bürgern, die sich den Pflichten stellen, die die
Volkswirtschaften notwendigen Wachstumsanreiz Freiheit mit sich bringt. Dieses Dilemma sowie die
darstellen. Wir schätzen, daß die Weltwirtschaft in den destruktiven und anscheinend unkontrollierten Kämpersten zehn Jahren nach Abschluß der Uruguay-Runde fe auf dem Balkan haben zu einer Völkerwanderung
um 5 Billionen Dollar, das heißt fast um die Größe des ungeheuren Ausmaßes von Ost- nach Westeuropa
Bruttosozialprodukts der Vereinigten Staaten, wach- geführt. Und Deutschland war das Ziel des Großteils
dieser Zuwanderer. Allein im Jahre 1992 kamen fast
sen wird.
eine halbe Million Asylsuchende nach Deutschland,
Kulturelle Bindungen
zusätzlich zu den 235.000 Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien. In der Tat nahm Deutschland
Die Übergangsphase in den deutsch-amerikanischen
1992 rund siebzig Prozent aller nach Europa kommenBeziehungen in der Zeit nach dem Kalten Krieg erforden Zuwanderer auf.
dert ein auf dem gemeinsamen Gefühl der Verpflichtung auf beiden Seiten des Atlantiks basierendes Opportunistische Extremisten haben diesen Zustrom
Verständnis. In diesem Zusammenhang ist eine äußerst von Ausländem und die wirtschaftliche Belastung
wichtige Dimension der transatlantischen Beziehun- Deutschlands als Ausrede benutzt, um Akte rassigen - die bei der Konzentration auf unsere dringende- stisch motivierter Gewalt zu begehen, die in Deutschren Anliegen leicht übersehen werden kann - die land und auf der ganzen Welt alte Ängste wieder
persönliche und kulturelle Dimension.
wachwerden ließen. Sie hier in den neuen BundeslänIm Jahre 1946 brachte Senator William Fulbright das dern sind besonderen Belastungen ausgesetzt, und
bedeutendste Gesetzeswerk im Bereich der interna- das sollten wir nicht bagatellisieren. Wir alle müssen
tionalen Kulturbeziehungen in der amerikanischen jedoch Gewaltanwendung und Rassismus jeglicher
Geschichte ein, ein internationales akademisches Art eindeutig zurückweisen, ungeachtet der Zwänge,
Austauschprogramm, das nach ihm benannt wurde. denen unsere Gesellschaften ausgesetzt sind.
Fulbright ging davon aus, daß junge Menschen, denen
fü r eine bestimmte Zeit ein Studium im Ausland ermöglicht würde, andere Nationen schlie ßlich nicht mehr nur
als abstrakte Gebilde betrachteten.

Wir dürfen die Auswirkungen der Gewattanwendung in
Deutschland zwar nicht herunterspielen, jedoch auch
nicht die Verpflichtung der Deutschen und ihrer Regierung zu Demokratie, Toleranz und Mitgefühl mit den
weniger Begünstigten unterschätzen. Die deutsche
Seit ich amerikanischer Botschafter in Deutschland
Regierung hat gehandelt, um gegen die Gewalttaten
geworden bin, ist mir bewußt geworden, daß unsere
vorzugehen, und Millionen deutscher Bürger haben
Beziehungen zunehmend auf den persönlichen Binmit ihren Demonstrationen für Frieden und Toleranz
dungen beruhen werden, die zwischen den Menschen
die Straßen wieder in Besitz genommen.
unserer beiden Länder geknüpft werden. Diese durch
akademische Austauschprogramme, Tourismus, Wenn ich Zeitungsartikel über rechtsradikale Gewalt
Konferenzen, wissenschaftliche Zusammenarbeit und lese oder im Fernsehen die Menschenmassen in ganz
künstlerische Veranstaltungen geschaffenen Bande Deutschland sehe, die in stillem Protest gegen auslänwerden eine noch wichtigere Dimension unserer künf- derfeindliche Gewalt Kerzen in den Händen halten, so
tigen Beziehungen sein. Und, wie Sie hier in der Buch- komme ich nicht umhin, mich der vielen ähnlichen
und Messestadt Leipzig nur allzugut wissen, sind diese Probleme zu erinnern, denen Amerika ausgesetzt war
Bemühungen wichtig fürdie Deutschen aller Altersstu- und mit denen es auch heute noch konfrontiert wird.
fen in den neuen Bundesländern, die erst jetzt wirklich
AMERIKA DIENST 5

Seite 3

�In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatten
wir im Anschluß an unseren blutigen Bürgerkrieg die
Teilung unseres Landes zu bewältigen. Später, in der
Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts, war ein Viertel der zivilen Erwerbsbevölkerung
der Vereinigten Staaten - nahezu 13 Millionen Menschen - arbeitslos. Die massive Arbeitslosigkeit hatte
tiefgreifende Auswirkungen auf die amerikanischen
Arbeitnehmer und deren Familien, da sie das Vertrauen der Menschen in ihre eigenen Fähigkeiten zur
Sicherung eines sinnvollen Lebens für sich und ihre
Familien untergrub.

West versteht und glaubt, daß Toleranz ein unerläßliches Element einer modernen Demokratie ist. Es ist
insbesondere die Aufgabe der Studenten an der Universität Leipzig sowie an den anderen Universitäten
dieses großartigen Landes, dieses Verständnis und
Engagement in das nächste Jahrhundert zu tragen.
Die "schweigende Mehrheit" in der ehemaligen DDR
sprach - besonders hier in Leipzig - im Herbst 1989 mit
mutiger und historischer Klarheit und nahm dabei ihre
Zukunft in die eigenen Hände. Um diese Zukunft zu
sichern, müssen die Deutschen im Osten wie im
Westen heute ebenso klar und ebenso mutig sprechen
und damit deutlich machen, daß Sie über die Zukunft
Selbst nachdem wir die Große Depression überwun- Deutschlands entscheiden werden und Ihre Straßen
den hatten, erwiesen sich die Bemühungen der Verei- oder Ihr Leben nicht einer Handvoll Extremisten auf
nigten Staaten, für alle ihre Bürger - unabhängig von der Rechten oder Linken überlassen werden.
Hautfarbe oder ethnischer Abstammung - sowohl wirtschaftliche Chancen als auch wirkliche Gleichheit zu Das amerikanische Engagement für die neuen
gewährleisten, als langerund schwieriger Prozeß, der Bundesländer
auch heute noch anhält.
Das amerikanische Engagement in Deutschland geht
In den Streitkräften der Vereinigten Staaten herrschte weiter, als lediglich Sorge um unsere Freunde zum
bis nach dem Zweiten Weltkrieg Rassentrennung. Ausdruck zu bringen. Wir engagieren uns dafür, mit
Noch in den frühen fünfziger Jahren war die gegen Ihnen sehr konkret zusammenzuarbeiten, um unsere
schwarze Amerikaner gerichtete Rassentrennung in gemeinsamen Ziele zu verwirklichen.
17 amerikanischen Bundesstaaten gesetzlich verankert. Während die Mehrheit der Amerikaner nicht an Ein Bereich sehr detaillierter Hilfe ist der Bereich der
dieses System glaubte, klammerte sich der amerikani- inneren Sicherheit. Die Sicherheitsbehörden unserer
sche Süden mit einer heute kaum noch vorstellbaren beiden Länder tauschen Informationen und ErfahrunLeidenschaft an die Rassentrennung. Echter Wandel gen über die schwierige aber dennoch unerläßliche
war nur durch Gesetzesänderungen, energische Schritte Rolle der Polizei in offenen, demokratischen Gesellder Regierung und die aktive Unterstützung durch die schaften aus. Eine Gruppe von Experten unserer
"schweigende Mehrheit" Amerikas möglich. Wir dür- Botschaft in Bonn ist bereits nach Thüringen gereist,
fen jedoch nicht vergessen, daß dies nicht Herausfor- um dort mit Kollegen zusammenzutreffen, und sie
derungen und Leistungen einer neuen Demokratie, plant, in diesem neuen Jahr Sachsen zu besuchen.
sondern einer 180 Jahre alten Demokratie waren.
In einem weiteren wichtigen Bereich ist es eine meiner
Hauptprioritäten
als Botschafter, amerikanische InveIch möchte nicht behaupten, die Vereinigten Staaten
stitionen
in
diesem
Teil Deutschlands zu fördern, und
hätten diese Probleme gelöst oder die Vereinigten
ich
kann
mit
Stolz
sagen,
daß die Vereinigten Staaten
Staaten hätten ein Patentrezept, um die Probleme zu
der
zweitgrößte
ausländische
Investor in den neuen
lösen, vor denen Deutschland heute steht. Dies wäre
Bundesländern
sind.
Unseren
konservativen Berechanmaßend. Ich meine jedoch, daß solide Beziehunnungen
zufolge
sind
über
180
amerikanische
Firmen
gen - sei es zwischen Einzelpersonen oder Nationen im
Osten
aktiv.
Sie
haben
dort
insgesamt
nahezu
5
von einem Verständnis nicht nur für gemeinsame
Milliarden
D-Mark
investiert
und
fast
40.000
ArbeitsInteressen, sondern ebenso für gemeinsame Sorgen
plätze geschaffen oder erhalten. Kürzlich bekanntgegekennzeichnet werden.
gebene Projekte im Energiebereich werden mindeWie uns allen in Amerika allzu oft in Erinnerung gerufen stens 1,5 Milliarden D-Mark und Tausende von Arwird, können Gesetze allein weder Gleichheit garantie- beitsplätzen hinzufügen. In diesem Zusammenhang
ren, noch den Frieden zwischen sozialen Gruppen möchten wir besonders die Treu handanstalt hervorhesicherstellen. Das Schlüsselelement, das nicht per ben, die unseren Firmen Möglichkeiten in einem SekGesetz erzwungen werden kann, ist Toleranz. Die tor erschlossen hat, der ausländischen Investoren
renommierte amerikanische Humanistin Helen Keller lange versperrt war.
hat uns daran erinnert, daß "das höchste Resultat der
Erziehung Toleranz ist". Und wir müssen daran den- Auf meinem Weg nach Leipzig - bei meinem einundken, daß Toleranz - ebenso wie die Demokratie selbst zwanzigsten Besuch in den neuen Bundesländern in
- tagaus, tagein genährt und jeder neuen Generation den vergangenen 14 Monaten - habe ich heute das
Leipziger Arzneimittelwerk besucht, das früher zum
gelehrt werden muß.
Pharmazeutischen Kombinat Germed gehörte und im
Meine eigene Erfahrung hier deutet darauf hin, daß die Juli 1992 von der American Home Products Corporaüberwältigende Mehrheit der Deutschen in Ost und tion in New York übernommen wurde. Hier in Leipzig
Seite 4

AMERIKA DIENST 5
•

�fuhr ich an Niederlassungen von Chrysler und IBM
vorbei. Diese beiden amerikanischen Firmen stellen
heute ebenso wie Coca-Cola, McDonalds, General
Motors/Opel, General Electric und Westinghouse
Arbeitsplätze für Bürger Leipzigs zur Verfügung. Durch
den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen in den
neuen Ländern tragen wir dazu bei, daß eine der
grundlegenden Ursachen von sozialer Gewalt - Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit, besonders bei
Jugendlichen - beseitigt wird.
Die Wohnungsknappheit ist ein weiterer unterschwelliger Grund der jüngsten sozialen Unruhen. Die Vereinigten Staaten haben große Erfahrung beim Bau von
hochwertigen, preiswerten Fertighäusern, die dazu
beitragen könnten, sowohl kurzfristigen als auch langfristigen Wohnungsbedarf zu decken. Fertighäuser
werden zur Zeit auf dem deutschen Markt erprobt, und
ich kann mit Befriedigung feststellen, daß im vergangenen Monat die erste Lieferung vorgefertigter Mobilhäuser aus den Vereinigten Staaten in Hamburg eingetroffen ist, die als Notunterkünfte für Asylbewerber
dienen soll.
Wie ich bereits erwähnte, sind unsere kulturellen
Beziehungen, darunter die Unterstützung von Austauschprogrammen im Erziehungs- und Bildungsbereich sowie persönliche Kontakte zwischen Deutschen
und Amerikanern, in dieser Zeit des Übergangs von
lebenswichtiger Bedeutung.
Mit großer Freude konnte ich im Januar 1992 in
Neubrandenburg eine erhebliche Erhöhung des amerikanischen Beitrages für mehrere Austauschprogramme - darunter das Fulbright-Programm - bekanntgeben, um diese Programme in den neuen Bundesländern zu erweitern, ohne erfolgreiche Programme im
Westen streichen zu müssen. Und im Juni des vergangenen Jahres haben wir - wie Sie alle wissen - ein
neues Amerika Haus in Leipzig eröffnet, das den
Bedürfnissen der Menschen in Sachsen und Thüringen dienen soll.

Universitäten von Leipzig, Dresden, Chemnitz und
Jena.
Ich habe ferner vor kurzem ein ähnliches Programm
bekanntgegeben, dank dem wir Unterrichtsmaterial
und Büchervon amerikanischen Mittel-und Oberschulen der geschlossenen US-Stützpunkte in Westdeutschland an Schulen und Institutionen in den neuen Bundesländern übergeben können. Institutionen, die diese Gelegenheit nutzen möchten, sollten sich an das
Amerika Haus Leipzig wenden.
Es muß jedoch eindeutig mehr getan werden, um
junge Deutsche im Osten zu erreichen, und ich freue
mich, daß wir eine weitere Erhöhung um 600.000 DMark erhalten haben. Diese Summe wird der Erweiterung von zwei Programmen zugutekommen, die von
unseren beiden Regierungen getragen werden: dem
Parlamentarischen Patenschafts Programm "KongreßBundestag" sowie einem zweiten Programm, das es
jungen Akademikern aus den neuen Bundesländern
ermöglichen soll, die Vereinigten Staaten zu besuchen.
Auch die amerikanische Regierung stellt der Universität Leipzig ein erhebliches Maß an Unterstützung zur
Verfügung, und wir würden gern mehrtun. Dieses Jahr
zum Beispiel lehrt ein amerikanischer Professor für
Kulturanthropologie, Dr. John Eidson, als FulbrightDozent an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der
Universität Leipzig. Bradley Hunnicutt, ein FulbrightForscher, verfolgt hier ebenfalls musiktheoretische
Studien. Im Juli 1991 haben wir den Bestand der
Universitätsbibliothek Leipzig um 18.000 englischsprachige Bücher zu einer Vielfalt von Themen, von amerikanischer Literatur bis zu Geschichte, ergänzt.

Mit erheblicher finanzieller Unterstützung des USInformationsamtes hat die Ohio University Beziehungen zur Universität Leipzig angeknüpft, wobei insbesondere Wert auf zeitgenössische Geschichte und
Journalisitk gelegt wurde. Zur Zeh sind zwei Studenten aus dem Hauptstudium an der Ohio University
Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush haben vor eingeschrieben, einer im Historischen Seminar und
kurzem die Gründung der RIAS Kommission bekannt- einer an der Journalistischen Fakultät. Diese beiden
gegeben, die sich dem Ausbau von Kontakten und Universitäten haben zusammen ein akademisches
Studien zwischen Medienzentren und Rundfunkjour- Sommerprogramm mit Kursen in Geschichte, Journanalisten in den neuen Ländern und deren amerikani- lismus und Amerikanistik für die Ohio University entschen Kollegen widmen wird. Dies, sc glauben wir, ist wickelt.
eine Reaktion auf die veränderten Bedürfnisse des
Publikums, die der RIAS - Radio im Amerikanischen Im Hinblick auf die Bemühungen zur Förderung des
Sektor - während des Kalten Krieges so gut erfüllt hat. Studiums der englischen Sprache und der Vereinigten
Staaten an der Universität Leipzig freue ich mich
Mit der Schließung einiger unserer militärischen Stütz- darüber hinaus, die Einrichtung eines jährlich verliehepunkte in Westdeutschland werden diesen Einrichtun- nen Preises für das Studium der englischen Sprache
gen angegliederte Bibliotheken auf Universitätsniveau bekanntgeben zu können. Der erste Wettbewerb wird
an ostdeutsche Institutionen übergeben. Fast 300.000 dieses Frühjahr im Seminar für Amerikanistik veranBücher wurden seit Beginn dieses Programms über- staltet, und der Preisträger oder die Preisträgerin wird
reicht. Bibliotheken in Sachsen und Thüringen waren eine Sammlung von Werken prominenter amerikaniEmpfänger umfangreicher Bestände, einschließlich scher Autoren erhalten.
der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden und der

AMERIKA DIENST 5

Seite 5

�Die amerikanische Demokratie ist organisch gewachsen und hat sich im Lauf unserer gesamten zweihundertjährigen Geschichte verändert und weiterentwikkelt, während wir uns den Herausforderungen gestellt
und - noch häufiger - die Vorzüge einer multikulturellen
Gesellschaft genossen haben. Die Studenten der
Universität Leipzig sind die nächste Generation, die
diese Welt der Herausforderungen und Chancen erben wird. Grenzen werden Ihnen nur durch Ihre Fähigkeit gesetzt, die Herausforderungen zu verstehen und
sich ihnen anzupassen, sowie durch Ihre Vorstellungskraft, die gebotenen Chancen zu ergreifen. Ich hoffe,
die Initiativen, die ich Ihnen heute angekündigt habe,
machen deutlich, daß wir in den Vereinigten Staaten
im Hinblick auf Ihren Erfolg zuversichtlich sind und daß
wir an Ihrem Erfolg teilhaben möchten.

Und drittens, der Verbreitung demokratischer
Werte, die Millionen die Hoffnung auf Freiheit
verschafft haben, in anderen Ländern der Welt.
Präsident Clinton engagiert sich für die enge Zusammenarbeit mit der internationalen Staatengemeinschaft
durch die Vereinten Nationen, die NATO und andere
lebenswichtige Institutionen, umdie Konflikte zu lösen,
die uns heute herausfordern, und die Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts zu bewältigen.
Schlußbemerkung

Die neue Administration
In der vergangenen Woche, am 20. Januar, wurde die
Welt Zeuge der Amtsübergabe an William Jefferson
Clinton als 42. Präsident unseres Landes. Trotz eines
Wahlkampfes, der die Notwendigkeit einer inneren
Erneuerung der Vereinigten Staaten betonte, hat
Präsident Clinton deutlich gemacht, daß Amerika aktiv
in Übersee engagiert bleiben muß. In seiner Antrittsrede erklärte er, "um Amerika zu erneuern, müssen wir
Herausforderungen im Ausland ebenso wie im Inland
bewältigen. Es gibt keine klare Trennung mehr zwischen Außen- und Innenpolitik...". Indem er die vor
uns liegenden Herausforderungen skizzierte, charakterisierte er die Welt von heute als "freier aber weniger
stabil", und er betonte, daß wir "gemeinsam mit unseren Freunden und Verbündeten ... danach streben,
den Wandel zu gestalten, damit er uns nicht überwältigt".
Präsident Clinton hat eine Außenpolitik umrissen, die
auf drei Säulen ruht.
Erstens, einer wiederbelebten amerikanischen
Wirtschaft und einem offenen internationalen
Handelssystem, das mit einem nachhaltigen
Engagement für fairen Welthandel einhergeht.

*

Seite 6

Zweitens, der Umstrukturierung der amerikanischen Streitkräfte, um sowohl fortbestehenden
als auch neuen Bedrohungen unserer Sicherheitsinteressen und des internationalen Friedens zu begegnen.

*

Wie lange ich noch als amerikanischer Botschafter in
Deutschland arbeiten werde, liegt bei dem neuen
Präsidenten.
Wie auch immer meine Zukunft aussehen mag, eines
ist sicher: Ich gedenke, mich den Rest meines Lebens
- in und außerhalb der Regierung - für engere Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland einzusetzen. Ich werde dies großenteils deshalb
tun, weil ich dieses Land, seine Menschen und seine
Kultur liebe. Ich tue dies jedoch umso mehr, als engere
deutsch-amerikanische Beziehungen für den künftigen Frieden und Wohlstand in unseren beiden Ländern, sowie in Europa und der ganzen Welt lebenswichtig sind. Wir müssen folglich alles in unserer
Macht Stehende tun, umdie Grundlage für den Beginn
eines neuen Kapitels in den deutsch-amerikanischen
Beziehungen zu legen, indem wir bestehende Programme nutzen und neue entwickeln, um mehr über
uns selbst und über den anderen zu lernen. Ich freue
mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen zur Verwirklichung dieses Zieles.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und bin jetzt
gerne bereit, Ihre Fragen zu beantworten.

*

*

AMERIKA DIENST 5

�USA-EG
3. Februar 1993

USA WERDEN SICH BEI DISKRIMINIERUNGEN
DER EG AUF TITEL VII BERUFEN
Übersicht des US-Handelsbeauftragten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht über die Anwendung von Titel VII, die am
1. Februar 1993 vom Büro des US-Handelsbeauftragten herausgegeben wurde.
Der Handelsbeauftragte der Vereinigten Staaten, Michael
Kantor, gab heute die Absicht der Administration bekannt,
die Vergabe von Aufträgen durch Bundesbehörden für
Produkte und Dienstleistungen aus einigen oder allen
Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft (EG)
bei öffentlichen Ausschreibungen der Vereinigten
Staaten zu untersagen, die am oder nach dem 22.
März 1993 veröffentlicht werden. Die Maßnahme wird
gemäß der Befugnis von Titel VII des Allgemeinen
Handels- und Wettbewerbsgesetzes von 1988 verhängt. Kantor erbat femer öffentliche Stellungnahmen
zu dieser Sanktion bis zum 5. März 1993 sowie zu
möglichen weiteren Maßnahmen, die als Reaktion auf
Diskriminierungen der EG gegen amerikanische Unternehmen bei staatlichen Beschaffungen ergriffen
werden.

der geplanten Verhängung der Maßnahme behoben
wird, oder wenn der Präsident entscheidet, daß eine
solche Maßnahme den nationalen Interessen zuwiderläuft.

Die Bekanntgabe dieser Maßnahme erfolgt im Bundesanzeiger am oder nach dem 4. Februar 1993. Die
Bekanntgabe erfordert ferner öffentliche Stellungnahmen bezüglich der Kosten und Nutzen der weiteren
Beteiligung der Vereinigten Staaten am GATT-Abkommen über staatliche Beschaffung (dem "Kodex") in
Zusammenhang mit einer Studie der US-Regierung
über ein wünschenswertes und praktikables Ausscheiden aus dem Kodex, die jetzt in die Wege geleitet wird.

Titel VII sieht Konsultationen mit Ländern vor, die dem
Bericht zufolge diskriminieren, sowie geeignete Maßnahmen des Präsidenten im Hinblick auf diese Länder,
wenn die Diskriminierung nicht in einem festgelegten
Zeitrahmen behoben wird.

Von dem Kodex abgedeckte Käufe und Käufe von
Behörden der US-Regierung zur Unterstützung amerikanischer Sicherheitsinteressen einschließlich aller
Käufe des US-Verteidigungsministeriums werden vom
Verbot der Auftragsvergabe für Produkte und Dienstleistungen der EG ausgenommen. Ausgenommen
werden ferner spezifische Beschaffungen oder Beschaffungskategorien, wenn die öffentliche Gesundheit, Sicherheit oder die Erwägung öffentlicher Interessen solche Ausnahmen erforderlich machen. Diese
Maßnahme wird nicht verhängt, wenn die in Titel VII
vom 22. April 1992 ausgemachte Identifizierung vor

AMERIKA DIENST 5

I. Titel VII Statut
Titel VII des Handelsgesetzes von 1988 änderte das
Gesetz über Handelsabkommen von 1979 dahingehend, daß die Administration unter anderem dem
Kongreß bis zum Jahr 1996 jährlich einen Bericht
vorlegen muß, der Länder ausweist, die amerikanische Produkte oder Dienstleistungen bei staatlichen
Beschaffungen gemäß spezifischen Kriterien des Statuts
diskriminieren. Diese Funktionen wurden durch einen
Präsidialerlaß dem US-Handelsbeauftragten übertragen.

II. Maßnahmen unter Titel VII im Hinblick auf die
EG
Die Ankündigung des US-Handelsbeauftragten im
Namen der Administration erfolgt im Anschluß an den
Bericht vom 21. Februar 1992 an den Kongreß, in dem
die Bush-Administration die EG unter Titel VII diskriminierender Beschaffungspraktiken durch staatliche
Telekommunikations- und Versorgungsunternehmen
in bestimmten EG-Mitgliedstaaten bezichtigt. In diesem Bericht wurde insbesondere die "Sektorenrichtlinie" der EG zitiert, die am 1. Januar 1993 in Kraft trat
und von Versorgungsunternehmen der EG fordert,
Waren der EG denen der Vereinigten Staaten und
anderer Länder vorzuziehen. Die Richtlinie ersetzt die
inoffizellen Handelshemmnisse, mit denen sich ameriSeite 1

�die von der Versorgungsunternehmen die offizielle
Einhaltung nichtdiskriminierender und transparenter
Beschaffungsregeln verlangt. Diese größtenteils positive
Richtlinie wird durch eine Verfügung (Artikel 29) beeinträchtigt, die Waren mit einem Auslandsanteil von über
50 Prozent aufgrund der Forderung diskriminiert, daß
die Versorgungsunternehmen der EG "europäischen"
Angeboten einen 3prozentigen Preisvorteil und die
Am 22. April 1992 identifizierte der Präsident im Ein- Option einräumen müssen, nichteuropäische Angeboklang mit Paragraph 305(g)(1)(a) des Gesetzes über te abzulehnen. Die Bestimmungen von Artikel 29 geHandelsabkommen von 1979 mit Zusätzen die EG als statten ihre Aufhebung für Länder, mit denen die EG
ein Land, das bei staatlichen Beschaffungen beträcht- ein bilaterales oder multilaterales Marktzugangsablich und kontinuierlich amerikanische Produkte oder kommen für Versorgungsunternehmen geschlossen
Dienstleistungen diskriminiert, was amerikanischen hat.
Unternehmen offenkundigen Schaden zufügt. Im
Einklang mit den Bestimmungen von Titel VII modifi- Im April 1992 wurde die Änderung beschlossen, die
zierte der Präsident die Verhängung von Sanktionen unter Titel VII aufgeführten Sanktionen im Januar 1993
dahingehend, daß sie bis Januar 1993 wirksam wer- zu verhängen, um den Unterhändlern der Vereinigten
den, vorbehaltlich der Durchführung der diskriminie- Staaten und der EG die Gelegenheit zu geben, die
renden Bestimmungen der "Sektorenrichtlinie" durch Verhandlungen überden staatlichen Beschaffungskodie EG. Der Präsident stellte fest, daß die Sanktionen dex und die parallel dazu verlaufenden Verhandlungen
im Einklang mit dem Statut in ihrer Wirkung der Diskri- im Telekommunikationsbereich abzuschließen. Ein
minierung gegen amerikanische Produkte oder Dienst- solches Ergebnis hätte die EG in die Lage versetzt,
leistungen entsprechen und solchen Bedingungen und Artikel 29 aufzuheben, bevor er in Kraft trat, und
Konditionen unterworfen würden, die er für angemes- offene, konkurrenzfähige und nichtdiskriminierende
sen erachtet.
Beschaffungspraktiken auf diesen Gebieten anzuwenden. Trotz dieser Verzögerung und der beträchtlichen
IM. Hintergrund
Verhandlungsergebnisse trat die "Sektorenrichtlinie"
am 1. Januar 1993 mit Artikel 29 in Kraft.
Bisherige Prüfungen von Titel VII der EG
In den 1990 und 1991 vorgenommenen ersten beiden Verhandlungen

kanische Unternehmen bisher auf einigen Märkten der
EG konfrontiert sahen, durch offizielle Diskriminierung
auf allen Märkten für Versorgungsuntemehmen der
EG mit Ausnahme von Spanien, wo die Richtlinie am
1. Januar 1996 in Kraft tritt, sowie Griechenland und
Portugal, wo die Richtlinie am 1. Januar 1998 in Kraft
tritt.

Prüfungen von Titel VII leitete die Administration Informationen an den Kongreß über die Praktiken der EG
und bestimmter Mitgliedstaaten im Hinblick auf das
Telekommunikationswesen und die Beschaffungpraktiken für schwere elektrische Güter weiter, hat sie unter
dem Statut jedoch nicht amtlich ausgewiesen. In der
Prüfung von 1991 gab die Administration jedoch ihre
Absicht bekannt, eine "frühzeitige Prüfung" dieser
Praktiken im Januar 1992 durchzuführen, vorbehaltlich des erwarteten Verhandlungsergebnisses über
den staatlichen Beschaffungskodex. Infolge dieser
frühzeitigen Überprüfung stellte die Administration am
22. Februar 1992 unter Titel VII fest, daß die Europäische Gemeinschaft bei Beschaffungen durch ihre
staatlichen Telekommunikations- und Energieversorgungsunternehmen amerikanische Unternehmen diskriminierte.
Ergebnisse der frühzeitigen Prüfung von 1992
Die in dem Bericht über Titel VII vom Februar 1992
enthaltene besondere Beschwerde bezieht sich auf
Diskriminierung bei der Gerätebeschaffung durch
bestimmte staatliche Telekommunikations- und Energieversorgungsunternehmen der EG. Viele dieser
Unternehmen haben seit Jahren Gerät (wie Telekommunikationsschalter und Turbinengeneratoren) ausschließlich von nationalen Lieferanten gekauft. Diese
umfassende, inoffizielle Diskriminierung wurde am 1.
Januar 1993 durch die "Sektorenrichtlinie" abgelöst,
Seite 2

Die Vereinigten Staaten haben sowohl auf bilateraler
als auch auf multilateraler Ebene mit der EG über die
Diskriminierung im Bereich der Telekommunikation
und der Elektrizitätsversorgung verhandelt. Die multilateralen Verhandlungen konzentrierten sich auf die
Ausweitung des Geltungsbereichs des Kodexes. Der
Geltungsbereich des Kodexes würde diese Versorgungsbetriebe den strengen, nichtdiskriminierenden
Verfahren des Kodexes unterwerfen sowie seinem
grundlegenden Prinzip der nationalen Behandlung.
Auch würde er die Art von Vereinbarung über den
Marktzugang darstellen, die es der EG gestatten würde,
Artikel 29 der Richtlinie aufzuheben. Darüber hinaus
würde sie amerikanischen Unternehmen zusätzliche
Beschaffungsmöglichkeiten in Höhe von mehreren
Milliarden Dollar geben und damit die in dem Kodex
enthaltene Chancenungleichheit zwischen den Vereinigten Staaten und der EG beheben helfen. Bisher ist
es uns nicht gelungen, im Bereich Telekommunikation
oder Elektrizitätsversorgung eine Ausweitung des
Geltungsbereichs des Kodexes sicherzustellen.
Zusätzlich dazu haben die Vereinigten Staaten und die
EG in den letzten beiden Jahren im Bereich Telekommunikation auf bilateraler Ebene verhandelt. Ebenso
wie im Bereich der Verhandlungen über den Kodex ist
es jedoch den Unterhändlern der Vereinigten Staaten
und der EG nicht gelungen, zu einer Einigung zu
gelangen, die die Diskriminierung auf dem EG-Markt
abschaffen würde.
AMERIKA DIENST 5

�Die Vereinigten Staaten sind bereit, die Verhandlun- einkommen, das nichtdiskriminierenden und wirksagen mit der EG weiterzuführen. Die Vereinigten Staa- men Zugang zum Beschaffungswesen im Telekomten bevorzugen eindeutig ein ausgehandeltes Über- munikations - und Versorgungsbereich der EG gewährleistet.
* *

AMERIKA DIENST 5

Seite 3

�WIRTSCHAFT
3. Februar 1993

HEY MISTER TALLYMAN...
von Botschafter Cresencio Arcos
Der folgende Artikel des amerikanischen Botschafters in Honduras, Cresencio Arcos, den wir mit leichten
Kürzungen veröffentlichen, ist mit dem Zusatz gestattet: HEY MISTER TALLYMAN... Von Cresencio Arcos,
US-Botschafter in Honduras, Nachdruck aus Hemisphere Magazine.

Jahrelang habendie Vereinigten Staaten, europäische
Länder sowie internationale Hilfsorganisationen den
Entwicklungsländern erklärt, der einzige Weg zur
Entwicklung führe über die freie Marktwirtschaft.
In neuerer Zeit wurde die Wirtschaftshilfe, ob von
internationalen Organisationen oder als bilaterale Hilfe
vergeben, an marktorientierte Wirtschaftsreformen
gebunden. Hilfsgelder werden nur solchen Ländern
gewährt, die Defizite und Staatsausgaben reduzieren,
Strategien zur Importsubstitution beseitigen (zum
Beispiel hohe Zölle oder nichttarifäre Maßnahmen
zum Schutz ineffizienter heimischer Industrien), ihre
Devisenregime liberalisieren und in anderer Weise ihre
Volkswirtschaften für internationalen Handel und Investitionen öffnen. Nach der Öffnung ihrer Volkswirtschaften können sie dieser Argumentation zufolge die
Güterund Dienstleistungen produzieren, bei denen sie
einen komparativen Vorteil haben, und von anderen
Staaten frei die von ihnen benötigten Waren und
Dienstleistungen erwerben, ihre Wirtschaftsbedingungen verbessern und den ökonomischen Kuchen für
alle vergrößern.
Die Länder Mittelamerikas befolgen nun diesen Rat
und sind dabei, sich den offenen Markt zunutze zu
machen. In Europa wurde jedoch die Tür zum Markt
1992 zugeschlagen.
Nach dem Vorbild von Staaten wie Chile und Mexiko
haben die Länder Mittelamerikas bedeutende marktwirtschaftliche Reformen durchgeführt. Zum Beispiel
hat Honduras seine Zölle von einem Höchststand von
über 100 Prozent auf eine bescheidenere Bandbreite
von 5 bis 20 Prozent gesenkt. Zu den anderen
Reformen zählen die Kontrolle des Haushaltsdefizits,
die Festsetzung und Beibehaltung eines realistischen
Wechselkurses, die Sicherung von Grundbesitzrechten sowie die Verabschiedung eines Investitionsreformgesetzes. Trotz erheblicher Opposition hat die

AMERIKA DIENST 5

Regierung von Rafael Callejas diese Reformen mutig
fortgesetzt, von denen viele kurzfristig ökonomisch
schmerzhaft sind.
Nach Einleitung der schwierigen Schritte zur Schaffung des geeigneten Umfelds führt Honduras jetzt eine
Doppelstrategie durch, um exportgetriebenes Wachstum zu gewährleisten. Dazu gehört erstens die Ausweitung traditioneller Exportbranchen wie Bananen,
andere tropische Früchte und Kaffee, und zweitensdie
Diversifizierung zu anderen Waren und Dienstleistungen, bei denen Honduras konkurrenzfähig sein wird.
Der Diversifizierungsprozeß hat bereits begonnen.
Gamelenzucht, Wintermelonen, tropische Nüsse sowie
Montage- und leichtindustrielle Herstellungsbetriebe
leisten einen wichtigen Beitrag zu den honduranischen
Exporteinnahmen.
Honduras hat nicht länger eine einzig und allein von
Bananen abhängige Volkswirtschaft in Form einer
Monokultur. Bananen sind jedoch nach wie vor der
wichtigste Exportartikel des Landesund für40 Prozent
der gesamten Deviseneinnahmen verantwortlich. Nach
dem freien Fall der Weltkaffeepreise hat die Bananenindustrie in Honduras die Lokomotivfunktion für rasches, auf Exporten basierendes Wirtschaftswachstum übernommen. Es gibt in Honduras ein Reservoir
an willigen Arbeitskräften, technisches Fachwissen
sowie geeignetes Land zur unverzüglichen Ausweitung des Bananenanbaus. Obwohl also die Diversifizierung das langfristige Ziel des Landes bleibt, wird der
Ausbau der Bananenindustrie (in der Honduras mit
seiner qualitativ hochwertigen, preiswerten Produktion
einen offenkundigen komparativen Vorteil hat) als
Initialzündung betrachtet, die erforderlich ist, um ein
akzeptables Wirtschaftswachstum herbeizuführen.
Gerade in dem Augenblick, da Honduras und seine
mittelamerikanischen Nachbarländer bereit sind, die
Früchte ihrer wirtschaftlichen Reformen zu ernten,

Seite 1

�sehen sich sich zu Opfern restriktiver Handelspraktiken gemacht. Bei einem Treffen am 7. April 1992
empfahl die EG-Kommission, daß Bananen bei der
Einführung des Binnenmarkts im Januar 1993 besonderen Beschränkungen unterworfen werden sollen.
Der Vorschlag sieht für Bananen aus Lateinamerika
(vorwiegend Ecuador, Kolumbien, Costa Rica, Honduras und Panama) Einfuhrquoten vor, die etwas unter
der gegenwärtigen Importmenge liegen. Auf diese
Einfuhren würde ein Zoll von bis zu 20 Prozent erhoben. Dagegen würden die ehemaligen EG-Kolonien in
Afrika, der Karibik und dem Pazifik (AKP-Staaten), die
zu zwei- bis dreifachen Kosten der lateinamerikanischen Bananen qualitativ schlechtere Bananen produzieren, weiterhin unbegrenzten zollfreien Zugang haben.

Ein weiterer Verlierer ist die Weltwirtschaft. Nach
Aufrechnung aller Kosten und aller Vorteile steht im
Ergebnis ein Verlust von 238 Millionen Dollar. Die
Autoren des Cl E-Berichts erkennen an, da ß diese Zahl
wahrscheinlich noch untertrieben ist. Ihr Modell ist
"vergleichsweise statisch" und vergleicht eine feststehende Situation mit einer anderen. Unberücksichtigt
bleiben die Synergieeffekte des freien Handels, die
aus dem effizienteren Einsatz von Ressourcen und
dem Zusammenspiel der Wettbewerbskräfte entstehen.

Ein weniger offensichtlicher aber weit stärker betroffener Verlierer ist der europäische Verbraucher. Der
heute in den meisten EG-Staaten gültige 20prozentige
Zoll wird natürlich an den Verbraucher weitergegeben.
Die Quoten blähen den Bananenpreis künstlich auf
und verzerren das Gleichgewicht zwischen Angebot
und Nachfrage. Diese Kosten betragen zusammengenommen schwindelerregende 1,4 Milliarden Dollar.

Die grö ßten und (absolut gesehen) einzigen Gewinner
sind sowohl beim gegenwärtigen bilateralen Quotensystem als auch beim geplanten EG-System die
monopolistischen, in Europa ansässigen Importeure/
Reifungsunternehmen. Der CIE-Studie zufolge betragen ihre zusätzlichen Gewinne nahezu 1 Milliarde
Dollar. Diese Unternehmen haben gewiß ein enormes
Interesse an dem Ergebnis.

Wer sind bei so vielen Verlierern die Gewinner? Die
beabsichtigten Nutznießer, die AKP-Anbieterstaaten,
gewinnen auf dem Papier 228 Millionen Dollar. Dabei
handelt es sich jedoch um einen Pyrrhussieg. DieselDieser Beschluß wurde auf starken Druck einer Lobby ben Quoten, die lateinamerikanische Erzeuger von
und zweifellos mit besten Absichten seitens der einem Teil des EG-Marktes ausschließen, legen die
Kommissare gefaßt. Diese fühlten sich buchstaben- AKP-Produzenten auf den ungesunden, abhängigen
getreu an die Lome-IV-Konvention, Protokoll 5, gebun- Status von "Bananenrepubliken" fest. Sie werden
den, in der es teilweise heißt: "... im Hinblick auf den völlig von ihren ehemaligen Kolonialherren abhängig
Zugang zu seinen traditionellen Märkten (für Bananen) gemacht, die den einzigen Markt für ihre qualitativ
und seine Vorteile auf diesen Märkten, darf kein AKP- schlechten, hochpreisigen Bananen darstellen. AufStaat in eine weniger günstige Lage gebracht werden grund ihres garantierten Zugangs zu den hochpreisials in der Vergangenheit oder Gegenwart." Die Lome- gen EG-Märkten gibt es keinen Anreiz zur VerbesseIV-Konvention sowie der Kommissionsvorschlag zie- rung der Produktionsmethoden. Der künstlich erhöhte
len darauf ab, den AKP-Staaten durch Handelspräfe- Preis für die Bananen, deren Absatz ihnen gestattet
renzen indirekte Finanzhilfen zu gewähren. Trotz ist, macht andere wirtschaftliche Aktivitäten unattrakdieser guten Absichten wird nahezu niemand von tiv und entmutigt von der Diversifizierung. Trotz aller
guten Absichten führt das Quotensystem zu einem
diesem Plan profitieren.
Kreislauf von Armut, Abhängigkeit und wirtschaftlicher
1991 veröffentlichten Brent Borrell und Sandy Cuth- Stagnation in den AKP-Staaten.
berson vom Zentrum für Weltwirtschaft (Centre for
International Economics - CIE) unter dem Titel "EC Bananenverbraucher außerhalb der EG (zum Beispiel
Banana Policy 1992: Picking the Best Option" eine in den USA, Japan, Nordeuropa) profitieren mit 61
Untersuchung über die Auswirkungen des gegenwär- Millionen Dollar. Dies beruht darauf, daß die EGtigen europäischen Quoten- und Zollsystems im Ver- Quoten die Nachfrage künstlich begrenzen und einen
gleich zu einem freien Markt. Ihr auf einer früheren geringfügig niedrigeren Weltmarktpreis für Bananen
Studie der Weltbank fu ßendes Modell ist die Quelle der zur Folge haben. Wiederum spiegelt diese Zahl den
nachfolgenden Zahlen zu den Kosten. (Es ist festzu- vergleichsweise statischen Charakter des Modells wider.
halten, daß der vorliegende EG-Plan die Bananenzölle In der realen Welt wird das Angebot nicht begrenzt (für
auf Deutschland ausdehnen würde, das heute grund- die Bananenerzeugung geeignete brachliegende
sätzlich einen freien Handel hat, und deshalb noch Anbauflächen sind in vielen Ländern vorhanden), und
nachteiligere Auswirkungen hätte als das derzeitige wirklicher Freihandel würde sowohl zu verstärkter
System.)
Nachfrage als auch zu einem größeren Angebot führen und letztlich die Preise für alle auf ungefähr den
Die offenkundigsten Verlierer des Plans der Kommis- derzeitigen US-Preis zuzüglich etwaiger Transportkosion sind die lateinamerikanischen Erzeugerländer. sten senken. Kurzum: Aufgrund seines dynamischen
Das derzeitige System kostet sie 82 Millionen Dollar Charakters würde der Freihandel bei Bananen die
jährlich. Diese Zahl steht nicht für verlorenen Brutto- Kosten für Verbraucher außerhalb der EG langfristig
umsatz, sondern für entgangenes Nettoeinkommen.
nicht erhöhen.

Seite 2

AMERIKA DIENST 5

�Eine emotionslose ökonomische Analyse zeigt, daß gen finanziert werden. Diese unvollkommene Lösung
das hehre Ziel indirekter Hilfe für die AKP-Länder würde bedeuten, daß deutsche und niederländische
durch Zölle und Quoten sehr kostspielig ist. Die Verbraucher die ehemaligen britischen und französieuropäischen Verbraucher zahlen 1,4 Milliarden Dollar schen Kolonien finanzieren, aber sie würde auch einen
mehr, als sie in einem von freiem Handel geprägten Großteil der unter dem derzeitigen System herrschenUmfeld zahlen würden, aber nur 228 Millionen Dollar den Verschwendung beenden und ein ausgeglichenekommen bei den beabsichtigten Empfängerländern res Wettbewerbsumfeld für die effizienten und qualitaan.
tiv hochwertigen lateinamerikanischen Erzeuger schaffen.
Eine wesentlich effizientere Methode zur Einhaltung
der Lome-IV-Verpflichtung der EG gegenüber den Die freie Einfuhr von Bananen nach Europa ist Teil
AKP-Ländern wären direkte Hilfen. Solche direkten eines umfassenderen ökonomischen Bilds, das AgrarHilfen könnten der Verbesserung der Bananenerzeu- subventionen, Preisstützung sowie Erfolg oder Mißergung und der Diversifizierung der Volkswirtschaften folg des GATT-Prozesses umfaßt. Wir stehen bei der
der Empfängerländer dienen und dann mit sinkender Entwicklung des Welthandelssystems an einem ScheiNotwendigkeit stufenweise abgebaut werden. Idealer- deweg. Es ist an der Zeit, daß der Westen praktiziert,
weise sollte diese Hilfe im nationalen Haushalt des was er gepredigt hat, selbst wenn dies die Beendigung
Geberlandes ausgewiesen werden, aber die politische traditioneller Privilegien und die Öffnung historischer
Zweckmäßigkeit spricht dagegen. Direkte Hilfe könnte Monopole für den Wettbewerb bedeutet. Die Alternajedoch durch einen EG-weiten Zoll von 20 Prozent tive der Handelsblöcke und Handelskriege wird nie(möglicherweise weniger) ohne weitere Begrenzun- mandem zum Vorteil gereichen.

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Seite 3

�MENSCHENRECHTE
3. Februar 1993

WEITERE EINZELHEITEN ÜBER MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN IM EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN
Fünfter US-Bericht für Vereinte Nationen
WASHINGTON - (AD) - Der jüngste Bericht der Vereinigten Staaten über Verletzungen des internationalen
humanitären Rechts im ehemaligen Jugoslawien dokumentiert weitere Fälle vorsätzlicher Tötung, der Folterung
von Gefangenen, gezielter Angriffe auf Nichtkombattanten, mutwilliger Verwüstung und Zerstörung von
Eigentum sowie gewaltsamer Massenvertreibung und Deportation von Zivilisten.
Der fünfte amerikanische Bericht zu diesem Thema wurde den Vereinten Nationen am 26. Januar 1993
vorgelegt. Dieser jüngste Bericht enthält eine neue Kategorie von Menschenrechtsverletzungen: "Die
Behinderung von Lebensmittellieferungen und medizinischer Versorgung der Zivilbevölkerung".
Im Einklang mit Resolution 780 des UNO-Sicherheitsrates wird in dem Bericht festgestellt, daß "die Vereinigten
Staaten weiterhin in ihren Besitz gelangende Informationen in Form von Berichten zur Verfügung stellen wollen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Bericht im Wortlaut.

Heute legt unsere Vertretung bei den Vereinten Nationen in New York dem Sekretariat der UNO den fünften
Bericht der amerikanischen Regierung über Verletzungen des internationalen humanitären Rechts im
ehemaligen Jugoslawien vor. Wir bitten darum, daß
der Bericht als ein Dokument des Sicherheitsrates in
Umlauf gebracht und der Expertenkommission der
UNO ("Kommission für Kriegsverbrechen") zur Verfügung gestellt wird, die Hinweise auf schwere Verletzungen der Genfer Konventionen untersucht.
Dieser Bericht enthält ebenso wie die vorhergehenden
vier Berichte zahlreiche Beispiele für vorsätzliche Tötung,
Folteru ng von Gefangenen, gezielte Angriffe auf Nichtkombattanten, mutwillige Verwüstung und Zerstörung
von Eigentum sowie andere von allen Konfliktparteien
begangene Verletzungen des internationalen humanitären Rechts, einschließlich der gewaltsamen Massenvertreibung und Deportation von Zivilisten.
In den vorliegenden Bericht haben wir eine neue
Kategorie von Verletzungen des internationalen humanitären Rechts aufgenommen: "Die Behinderung
von Lebensmittellieferungen und medizinischer Versorgung der Zivilbevölkerung".
Wir werden weiterhin derartige Berichte verfassen und
den Vereinten Nationen zur Verfügung stellen, wenn
wir weitere Informationen erhalten.

AMERIKA DIENST 5

Hiermit legt die Regierung der Vereinigten Staaten
gemäß Absatz vier der Resolution 771 des Sicherheitsrates aus dem Jahr 1992 zum fünften Mal Informationen über den Bruch des internationalen humanitären Rechts vor, einschließlich schwerer Verletzungen der Genfer Konventionen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Ebenso wie in den vorausgegangenen Berichten haben wirunsauf schwere Verletzungen der Genfer Konventionen konzentriert und im
Einklang mit Resolution 771 "glaubwürdige" Informationen zur Verfügung gestellt, die auf Zeugenaussagen beruhen, zu denen wir direkten Zugang hatten
oder die in ausreichendem Maße beweiskräftige Einzelheiten geben. Wir haben uns auch bemüht, keine
Informationen wiederzugeben, die uns von anderen
Ländern oder nichtstaatlichen Quellen übermittelt
wurden, da diese gemäß Resolutionen 771 und 780
ihre eigenen Berichte vorlegen werden. Die von uns
vorgelegten Informationen sollen der Expertenkommission dienen, die im Rahmen von Resolution 780
des Sicherheitsrates gegründet wurde. Den Vereinigten Staaten liegen weitere, die in diesem Bericht
beschriebenen Vorfälle erhärtende Informationen vor,
die wir der Expertenkommission auf Vertrauensbasis
direkt zur Verfügung stellen werden.
Gemäß Absatz 1 der Resolution 780 beabsichtigen die
Vereinigten Staaten, weiterhin in ihren Besitz gelangende Informationen in Form von Berichten zur Verfügung zu stellen.
Seite 1

�Wir weisen darauf hin, daß wir zusätzlich zu den in
unseren vorherigen Berichten erwähnten Kategorien
von Verletzungen des internationalen humanitären
Rechts und schweren Verletzungen der Genfer Konventionen eine neue Kategorie aufgenommen haben:
"Die Behinderung von Lebensmittellieferungen und
medizinischer Versorgung der Zivilbevölkerung".
Falls keine gegenteiligen Informationen vorliegen,
ereigneten sich die in dem Bericht geschilderten Vorfälle im Jahr 1992.
Vorsätzliche Tötung
8. Januar 1993
Am 8. Januar ermordete ein Armeesoldat der bosnischen Serben den stellvertretenden bosnischen Premierminister Hakija Turajlic. Turajlic befand sich in
einem UN-Fahrzeug auf einem UN-Kommandoposten
in der Nähe des Flughafens von Sarajevo. Der französische General Morillon, Kommandeur der UNO-Schutztruppe in Bosnien, machte den Kommandeur des
bosnisch-serbischen Korps Lukavica für die Ermordung verantwortlich.
Januar 1993
Zeugenaussagen zufolge töten und verwunden bewaffnete serbische Gruppen jeden Tag Menschen
aller Altersgruppen, zerstören verlassene Gebäude
der Muslime und Kroaten und plündern Wohnungen
und Geschäfte in Banja Luka und Umgebung.
14. Dezember
Aussagen eines Einwohners zufolge brachten Streitkräfte der bosnischen Muslime aus Srebrenica in Dörfern
nahe der bosnischen Stadt Bratunac mindestens 60
Serben um, die Mehrheit davon Zivilisten. Als Folge
der Feindseligkeiten flohen nahezu 5.000 Menschen vor allem Frauen, Kinder, Ältere und Verwundete - aus
den bosnischen Dörfern Bjelovac, Sikiric, Voljevica,
Jugovici und Loznicka Rijeka über die Drina nach
Ljubovija.

September
Ein 44jähriger serbischer Zivilist, der seit dem 30. Mai
Gefangener in Celebici war, wurde Zeuge, wie 15 oder
16 Serben von einem muslimischen Wärter und dem
stellvertretenden Direktor des Lagers, Azem Delic einem "Grünhelm" (Mitglied der bosnisch-muslimischen
paramilitärischen Streitkräfte in Konjic) zu Tode geprügelt wurden.
24. Juli
Ein 39jähriger bosnischer Muslim aus Prijedor, der
vom 31. Mai bis zum 5. August im Lager Keraterm
interniert war, wurde am 24725. Juli Zeuge des Massakers von Keraterm. Obwohl wir in unseren vorherigen Berichten bereits auf das Massaker eingegangen
sind, liefert dieser Augenzeuge weitere Einzelheiten
über die Vorgänge am Abend des 24. Juli.
Der Zeuge befand sich im Nebenraum, wo er einen
Großteil der Vorgänge beobachten konnte, da die
großen Fabriktüren zwischen den Räumen Öffnungen
hatten. Er berichtete, kurz nach Beginn der Unruhen
im Nebenraum seien zwei Lastwagen mit Soldaten in
das Lager gefahren. Scheinwerfer wurden eingeschaltet und aus den Lastwagen drei zusätzliche
Maschinengewehre gebracht, die neben die zwei ohnehin
im Lager befindlichen gelegt wurden. Aus allen fünf
Maschinengewehren wurde in den Raum gefeuert.
Der Zeuge gehörte zu denjenigen, die am nächsten
Morgen um sechs Uhr die Leichen in die Lastwagen
laden sollten. Ihm zufolge wurden mehr als 100 Tote
in drei Schichten in den Lastwagen aufeinandergestapert
26. Juni
Ein 19jähriger serbischer Zivilist aus Visoko beobachtete, wie Milivoje Samardzic zu Tode geprügelt wurde,
als er von Muslimen festgenommen und in das Lager
Visoko gebracht wurde. Der Zeuge identifizierte die für
den Tod Verantwortlichen.
20. Juni

September

Ein 27jähriger serbischer Zivilist aus Okolisce, einem
Ein 44jähriger Muslim war Zeuge, wie serbische Sol- Dorf in der Nähe von Visoko, war Zeuge, wie sechs
daten Anfang September au ßerhalb des Gefangenen- unbewaffnete serbische Zivilisten am 20. Juni in Okolisce
lagers vonBatkovicaufvierMännereinschlugen. Zwei von einem Soldaten der bosnischen Territorialverteidider Männer konnten in das Lager entkommen, die gung umgebracht wurden. Er beobachtete die Erbeiden anderen jungen Männer hatten nicht die Kraft, schießungen aus dem Haus seines Nachbarn und
den Schlägen zu entfliehen. Vier oder fünf Soldaten stellte fest, daß sich die Frau und der Sohn eines
schlugen so lange auf die beiden ein, bis einer von serbischen Nachbarn unter den Opfern befanden.
ihnen, der ungefähr zwanzig Jahre alt war, starb. Der Während dieses Angriffs rettete ein muslimischer
zweite blutete aus den Ohren und war so schwer Nachbar dem Zeugen das Leben.
verletzt, daß er seinen eigenen Vater nicht erkannte, An demselben Tag, am 20. Juni, beobachtete dieser
der ebenfalls Gefangener war. Während sich der etwas später, wie Bosko Rakovic im Lager Visoko von
Zeuge im Lager von Batkovic aufhielt, wurden 15 einem muslimischen Wärter, den er erkannte, zu Tode
Männer umgebracht. Der Zeuge war in der Lage, die
geprügelt wurde.
brutalsten Wärter von Batkovic zu identifizieren.

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AMERIKA DIENST 5

�13. Juni

Mai - Oktober

Ein 24jähriger serbischer Zivilist aus Visoko wurde am
13. Juni zusammen mit seinem Vater und zwei Brüdern von Angehörigen der bosnisch-muslimischen
Territorialverteidigung gefangengenommen. An jenem Tag beobachtete er, wie Slobodan Gogic zu Tode
geprügelt wurde. Der Zeuge zeigte als Beweis für an
ihm begangene Folterungen eine Wunde an seinem
Ellenbogen und identifizierte diejenigen, die auf ihn,
Gogic und andere Gefangene eingeschlagen hatten.

Serbische paramilitärische Polizei nahm am 14. Mai
einen 44jährigen Muslim fest und fuhr mit ihm zu einem
Kindergarten im Westteil von Zvornik. Dort wurde er
von einem dieser Polizisten eine Stunde lang mit
einem Knüppel geschlagen, während ein anderer mit
einer Pistole auf ihn zielte und ein dritter Dokumente
durchsah. Der Zeuge sagte aus, die drei seien Serben
aus Serbien, nicht aus Bosnien gewesen. Sie hätten
weiße Koppel und Tarnanzüge getragen.

Folterung von Gefangenen

Der Zeuge und ein weiterer Gefangener wurden etwa
fünf Minuten lang zu einerfrüheren Textilfabrik mit dem
Mai - Oktober
Namen "Alhos" gefahren. Diese Einrichtung war mit
zahlreichen
serbischen Soldaten belegt, aber er und
Ein 33jähriger muslimischer Arzt aus Prijedor, der vom
der
andere
Muslim schienen damals die einzigen
25. Mai bis zu seiner Freilassung in das ÜbergangslaGefangenen
dort zu sein.
ger für ehemalige Gefangene am 1. Oktober im Lager
Trnopolje interniert war, beschrieb den Betrieb einer Sie wurden mehrere Tage in einem kleinen Raum
Klinik im Lager Trnopolje - der einzigen Klinik in den eingesperrt, der mit Flecken übersäht war, die ihrer
Lagern des Gebiets um Prijedor, die je erwähnt wurde. Vermutung nach Blutflecken von früheren GefangeTrnopolje ist ein kleines Dorf in der Gemeinde des nen waren. Im großen und ganzen wurden sie in Ruhe
ungefähr sechs Kilometer entfernten Kozarac. Es liegt gelassen, bis sie am 16. Mai von acht Uhr abends bis
an der Eisenbahnverbindung zwischen Prijedor und vier Uhr des folgenden Morgens die schlimmsten und
Omarska. Auf Landkarten ist es als "Bahnhof Koza- intensivsten Prügel ihrer viermonatigen Gefangenrac" verzeichnet. Züge nach Banja Luka fuhren oft- schaft erdulden mußten. Die Mißhandlungen wurden
mals durch Trnopolje. Frauen, Kinder, Jungen unter von Serben begangenen, von denen er zwei aus dem
sechzehn Jahren, Männer im Alter von mehr als 65 Gebiet um Zvornik wiedererkannte.
Jahren und Schwerkranke wurden auf diese Durchgangszüge verladen; leistungsfähige Männer blieben
in Trnopolje.
Der Zeuge erzählte, daß serbische Soldaten bei Nacht
durch das Lager Trnopolje streiften, die männlichen
Gefangenen brutal schlugen und die weiblichen wahllos vergewaltigten. Das geschah mit Wissen und
Erlaubnis der an mehreren Stellen in Trnopolje stationierten Lagerwärter.
Der Zeuge untersuchte einige der vergewaltigten Frauen,
durfte jedoch in keinem Dokument festhalten, daß sie
vergewaltigt worden waren. Die Ärzte erstellten einige
Wochen lang Krankengeschichten ihrer Patienten, bis
sie von den Serben daran gehindert wurden. In den
Unterlagen durften die Ärzte nicht darauf hinweisen,
daß ihre Patienten geschlagen oder vergewaltigt worden waren, aber der Zeuge und einige seiner Kollegen
bedienten sich hierzu eines Codes. Der Zeuge schmuggelte diese Aufzeichnungen aus dem Lager und übergab sie dem muslimischen Club von Kozarac in Zagreb.
Die Angestellten der Klinik kamen mehrmals unter
Verdacht und sahen sich deshalb Bedrohungen ihres
Lebens ausgesetzt. Eine der weiblichen Mitarbeiterinnen war Serbin. Sie wurde wiederholt verhört und
aufgefordert, ihre Arbeit in der Klinik einzustellen. Sie
blieb jedoch dort. Der Zeuge glaubt, daß die Anwesenheit dieser Serbin den anderen Mitarbeitern viele Male
das Leben rettete.
AMERIKA DIENST 5

Die beiden Männer wurden gezwungen, sich an einer
Wand aufzustellen und nationalistische serbische Lieder
zu singen. Da sie die Texte nicht kannten, wurden die
beiden Muslime von den Soldaten mit Fäusten und
Gewehren geschlagen und mit Stiefeln getreten. Als
er nahezu bewußtlos war, wurde der Zeuge gezwungen, sein eigenes Blut vom Boden und den Wänden zu
entfernen. Nach Erfüllung dieses "Auftrags" wurde er
weiter geschlagen. Dabei wurden seine beiden Kieferknochen gebrochen und die gesamte Knochenstruktur
des Oberkiefers so weit gelockert, daß seine Zähne
aus dem Mund hervortraten. Seine Freilassung aus
der Textilfabrik Alhos am 20. Mai wurde von einem
mitleidigen serbischen Soldaten bewirkt.
Sein nächster Internierungsort war das Gerichtsgebäude von Zvornik, wo die Wachen die Gefangenen
nicht belästigten. Jeden Tag wurde jedoch serbischen
Soldaten von außen der Zugang gestattet, um wahllos
einige der Gefangenen zu verprügeln. Die Gefangenen mußten für gewöhnlich aufstehen, wenn diese
Uniformierten von außen den Raum betraten. Die
Opfer wurden rasch ausgewählt und sodann geschlagen und getreten, häufig in die Nierengegend - manchmal bis zur Bewußtlosigkeit.
Am 4. Juni wurden die Gefangenen aus dem Gerichtsgebäude in ein Nachbarhaus verlegt, wo weitere 120
muslimische Gefangene aus einem Internierungslager
im Kulturzentrum Celopek einquartiert wurden. Auch
hier dauerten die täglichen Prügel an. Während des

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�annähernd sechswöchigen Aufenthalts in diesem Haus
ritzten Männer von Seseljs Truppen Kreuze in die Stirn
von 10 muslimischen Männern. Eine weitere Gruppe
bosnisch-serbischer "Polizisten" war darauf spezialisiert, Opfern Drahtschlingen um den Hals zu legen und
diese dann zuzuziehen.

den Boden gestellt und ein Gefangener wurde sodann
gezwungen, sich mit heruntergelassenen Hosen darauf zu setzen. Die Wärter drückten danach den
Gefangenen mit Gewalt herunter, bis sein Gesäß den
Boden berührte und die Flasche tief in den Anus des
Mannes eingedrungen war. Von den Wärtern sagte er:

Am 15. Juli wurden die meisten Gefangenen in Bussen
zu einem Internierungslager in Batkovic gebracht.
Sofort nach ihrer Ankunft wurden der Zeuge und
andere mit Knüppein geschlagen. Prügel waren im
Lager Batkovic an der Tagesordnung. Der Zeuge
wurde am 1. Oktober im Rahmen eines Gefangenenaustauschs aus serbischer Internierung freigelassen.

"Was immer sie sich vorstellten, versuchten sie auch.
Wenn ihnen die Wirkung gefiel, taten sie dasselbe
auch mit anderen Gefangenen."

August
Eine 40jährige Frau beschrieb, wie Anhänger des
Serbenführers Milan Martic Frauen aus ihrer Stadt
selektierten und Hunderte von ihnen in eine Schule in
Doboj brachten.
"Vor einigen hundert Gefangenen vergewaltigten und
folterten sie tagelang Frauen und Mädchen. Es war
unerträglich mitanzusehen, wie Mädchen vor den Augen
ihrer Väter vergewaltigt wurden."

Mai - August
Eine 36jährige serbische Ärztin wurde am 5. Mai von
Paragas Schwarzhemden (HOS) in Capljina festgenommen. Sie wurde nach Dretelj zu einem militärischen Treibstofflager gebracht, das man zu einem
Internierungslager für 64 weibliche und 100 männliche
Häftlinge gemacht hatte. Dort beobachtete sie Folterungen und konnte einige der Verursacher identifizieren.
"Alle Männer wurden bei ihrer Ankunft und allen Verhören brutal geschlagen. Sie wurden mit Händen, Fäusten, Gummiknüppeln, Holzlatten und Gewehrkolben
geschlagen. Sie wurden mit Messern zerschnitten und
auf jede erdenkliche Art erniedrigt."

"Auch ich wurde vergewaltigt und gefoltert, weil sie
wußten, daß ich mit einem führenden Mitglied der
Muslim-Partei verheiratet bin. Im August wurden
einige Gefangene ausgetauscht, darunter ich und meine
Söhne. Viele schwangere Frauen und Mädchen blieben im Lager zurück. Sie wurden in ein Krankenhaus
gebracht und erhielten zweimal täglich zu essen, weil
sie - in den Worten derTschetniks - ihre Nachkommen
gebären mußten."

"(Ein) stark übergewichtiger Besitzer mehrerer Verpflegungsbetriebe sollte in ein anderes Gefängnis verlegt
werden. Dies geschah jedoch nicht, weil man ihn
tatsächlich nicht bewegen konnte: Er war so schwer
zusammengeschlagen worden."

Mai - August

"Beim Verhör... wurden die Gefangenen normalerweise ins Gesicht geschlagen, ihre Fingerspitzen abgeschnitten oder die Finger zerquetscht."

Ein 39jähriger bosnischer Muslim aus Prijedor wurde
vom 31. Mai bis 5. August im Lager Keraterm gefangengehalten. Bei seiner Ankunft in Keraterm schnitt
ein Wärter - den er identifizierte - mit einem Messer am
ersten Gelenk den linken Zeigefinger des Zeugen und
dann noch die Spitze seines linken Ringfingers ab.
Während seiner Haft beobachtete der Zeuge, wie vier
Wärter mit einem Messer einem anderen Gefangenen
Gesicht und Körper zerschnitten. Einer der Wärter
schnitt den unteren Teil vom linken Ohr des Mannes
ab. Nachdem sie ihn verprügelt hatten, ließen sie ihn
ohne medizinische Versorgung in dem Raum zurück.
Der Mann überlebte seine Verletzungen. Nach wenigen Tagen entzündeten sich jedoch seine Wunden,
und der Zeuge sagte, daß er sehen konnte, wie sich
Maden in den offenen Wunden bewegten. Der Zeuge
glaubt, daß der Mann in Prijedor geblieben ist.
Der Zeuge beschrieb eine weitere Form der Grausamkeit, die er in Keraterm beobachtete. Die serbischen
Wärter sammelten Zweiliterglasflaschen von einer
nahegelegenen Abfüllfabrik. Eine Flasche wurde auf
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"(Ein anderer) erhielt etwa 50 Schläge auf den Kopf,
der klaffende Wunden aufwies. Weibliche Kämpfer
halfen mit, indem sie ihn traten."

"Nadeln wurden unter meine Nägel getrieben, man
schnitt mich mit einem 'Kama' in Gesicht und Brüste.
Die Behandlung der Frauen war nicht weniger inhuman als die der Männer. Im Gegenteil, mehrere
Frauen wurden vergewaltigt, sogar sehr alte."
18. Juni
Ein 42jähriger Muslim aus Kevljani wurde vom 27. Mai
bis zum 28. August im Lager Omarska interniert. Am
18. oder 19. Juni wurde er aus Gebäude 11 herausgerufen und in einen Raum mit vier Soldaten im Gebäude
10gebracht.
Die Wächter zwangen den Zeugen, sich bis auf die
Unterwäsche auszuziehen und sich bäuchlings auf
den gefliesten Boden zu legen. Ein Wächter nahm
einen eisernen Stuhl, stellte ihn auf seinen Rücken und
setzte sich darauf. Ein anderer Wächter nahm ein
großkalibriges automatisches Gewehr und schlug mit
dem Gewehrkolben auf das Rückgrat ein, wobei er

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�jeden Wirbel zweimal traf. Ein dritter Wächter trat ihn 27. Juli
ständig in Beine und Leistengegend. Der vierte schlug
unaufhörlich auf seinen Brustkorb ein und brach dem Ein 29jähriger serbischer Zivilist aus Srebrenik wurde
am 27. Juli von bosnischen Regierungstruppen in das
Zeugen dabei vier Rippen.
Lager Zenica gebracht. Er wurde ständig mit Tauen
Der Zeuge verlor das Bewußtsein. Als er aufwachte, und Knüppeln geschlagen - alle 10 Minuten während
standen die vier Wärter um ihn herum und begannen der ersten 96 Stunden nach seiner Ankunft. Die
erneut, ihn auf Beine, Schultern und Kopf zu schlagen. Spuren der Schläge waren noch sichtbar, besonders
Ein Wärter nahm einen Gummiknüppel, spreizte den am Kopf. Darüber hinaus berichtete er, wie NahrungsRücken des Gefangenen und schlug ständig auf Rücken mittel absichtlich ungenießbar gemacht wurden.
und Rippen ein. Der Zeuge fühlte lediglich die Schmerzen der ersten 10 Schläge, danach fühlte er nichts Behinderung der Lieferung von Nahrungsmitteln
mehr. Ein weiterer Wächter zog ein Messerund sagte, und Medikamenten an die Zivilbevölkerung
er werde ihn "beschneiden". Der Wächter schnitt ihn
dann in die Kniescheibe, aber der Zeuge erklärte, er 10. Januar 1993
habe noch nicht einmal das Messer gespürt, als er sah, Bosnisch-serbische Truppen feuerten nahe der Stadt
wie das Blut aus seinem Bein strömte.
Kladanj auf britische Truppen, die einen UN-Hilfskonvoi begleiteten.

Juni

Ein 22jähriger serbischer Zivilist aus Drivusa wurde
dreimal in den linken Arm geschossen, als bosnische
Regierungstruppen im Juni serbische Stellungen in
Zenica einnahmen. In den ersten zehn Tagen nach
seiner Gefangennahme wurde er im Lager Zenica
geschlagen. Er hatte immer noch eine Narbe am Bein,
wo man ihn geschnitten hatte, "nur weil ich Serbe bin".
Er wurde Zeuge, wie ein älterer Mann, der auf eine
Mine getreten war, keinerlei medizinische Versorgung
erhielt und vor einem Besuch des Sonderberichterstatters der UNO-Menschenrechtskommission, Tadeusz
Mazowiecki, aus dem Lager entfernt wurde. Nach
Mazowieckis Abreise wurde der Gefangene zurückgebracht und starb wenige Tage später. Nahrung und
Tee waren oft mit Seife ungenießbar gemacht worden.
Mißhandlung von Zivilisten in den Gefangenenlagern

6. Januar 1993
Bosnisch-serbische Truppen stoppten am 6. Januar
Versuche der UNO, die Stromversorgung in Sarajevo
wiederherzustellen und verhinderten, daß eine Ladung Brennholz nach Sarajevo gelangte.
Dezember
Auch im Dezember behinderten bosnische Serben
Hilfskonvois des Hohen Flüchtlingskommissars der
Vereinten Nationen (UNHCR) nach Ostbosnien, beschossen weiterhin die Straße nach Mostar und gefährdeten UNHCR-Mitarbeiter mit Angriffen von Hekkenschützen und Mörserattacken. Die bosnischen
Serben verhinderten ferner Lieferungen nach Bihac
sowie die Überwachung von Hilfslieferungen in Banja
Luka.

Bosnische Kroaten hielten UNHCR-Konvois auf der
Straße von Mostar nach Sarajevo auf: Erst erklärten
1992
die bosnischen Kroaten den UNHCR-Konvois, die
Ein Vertreter des Zentrums für die Untersuchung von Straße sei unsicher und könne nicht benutzt werden.
Kriegsverbrechen in Zenica behauptete, das Zentrum Als der UNHCR-Konvoi darauf bestand, das Risiko
habe Zeugen von Vergewaltigungen und Gewalttaten eines serbischen Artillerieangriffs einzugehen, wurde
befragt, die die Vergewaltigung von 30.000 Frauen in ihm die Weiterfahrt gestattet. Seitdem wurden die
Bosnien-Herzegowina beschrieben hätten.
Konvois jedoch wiederholt an Kontrollpunkten gestoppt,
auf schwer passierbare Nebenstraßen umgeleitet, an
August
Kontrollpunkten beleidigt und mit Schüssen in die Luft
Ein 12jähriges Mädchen aus Jelec wurde in neun eingeschüchtert.
Nächten von mehreren serbischen Soldaten im Gefan- Bosnische Muslime schössen wiederholt auf UNHCRgenenlager Partizan bei Foca vergewaltigt. Bei einer Fahrzeuge und -Mitarbeiter und belästigten UNHCRGelegenheit vergewaltigte ein serbischer Soldat das Mitarbeiter an von Muslimen bewachten Barrikaden.
Mädchen und seine Mutter.
Eine gravierende Behinderung der humanitären HilfsEine 20jährige Frau, die von einem serbischen Polizi- lieferungen in von der bosnischen Regierung kontrolsten vergewaltigt worden war, erklärte, daß in Miljevi- lierte Gebiete im Dezember waren die von den muslina, einer als mögliches "Vergewaltigungslager" be- mischen Streitkräften in der Gegend von Bratunac
schriebenen ostbosnischen Stadt, etwa 100 "junge eingeleiteten Aktivitäten, mit denen die HilfslieferunMuslimfrauen und -mädchen vergewaltigt wurden".
gen für Srebrenica unterbrochen wurden sowie in der
Gegend von Rogativa, wo ein für Gorazde bestimmter
Konvoi an der Weiterfahrt gehindert wurde.
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Seite 5

�Vor Banja Luka belästigten serbische Wachposten
weiterhin die Mitarbeiter der Hilfskonvois, bedrohten
sie mit Gewehren und Pistolen und untersagten ihnen
die Verteilung der Nahrungsmittel.
12. Dezember
Am 12. Dezember stoppten bewaffnete Serben einen
humanitären Hilfskonvoi von Belgrad nach Sarajevo
bei Han Pijesak und drohten mit der Ermordung der
Mitarbeiter des Hilfskonvois.

das UN-Hauptquartier in Sarajevo bombardiert und
das Radar des Flughafens im Südwesten der Hauptstadt durch Artilleriebeschuß zerstört.
Mutwillige Verwüstung und Zerstörung von Eigentum
27. Mai

Ein 42jähriger Muslim beschrieb am 26. Mai den
serbischen Angriff auf Kevljani. Die Dorfbewohner
flüchteten in die Wälder, nachdem sie jedoch die Nacht
I.Dezember
unter heftigem Artilleriebeschuß verbracht hatten, wollten
sich zahlreiche Frauen ergeben. Der Zeuge und ein
Am 1. Dezember trifft aus Handfeuerwaffen abgefeu- Imam geleiteten eine Gruppe von Frauen und Kindern
erte Munition den Stabilisator einer amerikanischen C- mit einer weißen Flagge zur Schule, um sich zu erge130 beim Anflug auf den Flughafen von Sarajevo, was ben.
die vorübergehende Einstellung der UNHCR-Luftbrükke zur Folge hatte. Seit dem 4. November sind Ein serbischer Offizier mit dem Spitznamen Cigo - der
mindestens fünf der an der humanitären Luftbrücke Führer des Panzerregiments, das Kevljani angegriffen
beteiligten Flugzeuge von Handfeuerwaffen getroffen hatte - erklärte der Gruppe, das gesamte Dorf habe
worden.
zwei Stunden, um sich zu ergeben. Der Zeuge sagte
aus, er habe Cigo alle Waffen der Gruppe in der
Gezielte Angriffe auf Nichtkombattanten
Hoffnung übergeben, das Dorf würde verschont. Die
serbische Armee brannte jedoch die meisten Häuser
16. Dezember
bis auf die Grundmauern nieder. Sie schickte alle
Am 16. Dezember erschoß ein Heckenschütze einen Muslime und Kroaten in Bussen nach Prijedor.
französischen Soldaten der UNO-Schutztruppe in
Bosnien-Herzegowina, der auf dem Flughafen von Juni
Sarajevo Wache hatte.
Der orthodoxe Bischof von Herzegowina sagte am 28.
September
öffentlich aus, daß die reguläre Armee der
Auf der Fahrt nach Sarajevo in einem gepanzerten und
gekennzeichneten Fahrzeug der UNO wurden Hans Republik Kroatien von der Küste und kroatische StreitStercken, Bundestagsabgeordneterund Vorsitzender kräfte aus der westlichen Herzegowina seit Anfang
des Auswärtigen Ausschusses sowie ein Angehöriger Juni folgendes Eigentum in seiner Diözese zerstört
der deutschen Botschaft angegriffen. Das von ägyp- hätten:
tischen Fahrern gesteuerte Fahrzeug wurde von
am 15. und 16. Juni die orthodoxe Kathedrale
mehreren Schüssen getroffen.
und den Bischofssitz in Mostar,
Stercken zufolge hätten die Vereinten Nationen die
Identität des Fahrzeugs "nicht deutlicher kenntlich
machen können". Es war weiß lackiert und mit dem
Symbol der Vereinten Nationen versehen.
6. Dezember
Am 6. Dezember wurde das Fahrzeug eines UNHCRVertreters viermal von Kugeln getroffen.
5. Dezember
Salven aus Granatwerfern, die den Terminal des Flughafens von Sarajevo am 5. Dezember trafen, verwundeten zwei der UN-Friedenssicherungsmission unterstellte portugiesische Polizisten. Der Beschuß des
Flughafens wurde den ganzen Tag über fortgesetzt.
4. Dezember
Während des Kampfes um Otes in der ersten Dezemberwoche wurden zwei UN-Flugzeuge beschossen,

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Kirchen in Bjelo Polje, Bobani plateau, Capljina,
Dubrovnik, Duvno, Gabela, Metkovic, Stolac,
Zacula und Zalanik,
die serbischen Dörfer Brdjani, Zukici, Djepi (oder
Cepi), Blace, Vrdolje, Zagorice, Zivanje, Ljuta,
Ovcari, Ribari, Sitnik, Donje Selo, Cerici, Bjelovcani, Celebici, Pokojiste, Obri, Nevizdraci, Idbor, Ostrozac, Dobrigosce, Paprasko, Repovac, Shunje, Hondici, Gnojnica, Buna, Hodbina
und Pijesci,
das byzantinische Kloster ausdem 15. Jahrhundert in Zavala, das byzantinische Kloster aus
dem 16. Jahrhundert in Zitomislic, die serbischen Dörfer Tasovcic, Klepci und Prebilovci
am Ostufer der Neretva - wo am 7. und 8. Juni
die Kirche mit den Gebeinen von fast 2.000
zwischen 1941 und 1945 getöteten Serben
niedergebrannt und dem Erdboden gleichgemacht worden war.

AMERIKA DIENST 5

�Erzwungene Massenvertreibung und Deportation
von Zivilisten

hatten, beschrieb die jüngsten Angriffe der bewaffneten Serben:

12. Januar 1993

"Sie beraubten uns. Sie nahmen die Autos, die Fahrräder. Die Polizisten fahren jetzt meinen Privatwagen.
Bis zu 35.000 Männer, Frauen und Kinder sind in Zepa Sie sagten, wenn wir uns weigerten, ihnen unsere
aufgrund von Krankheiten und Unterernährung vom Autos zu geben, würden sie uns in die Lager schicken."
Tod bedroht. Bosnische Serben verweigern die Lieferung von Nahrungsmitteln, Medikamenten und ande- Der Muslim berichtete, die serbische Miliz bombardieren Gütern in die Stadt. Bis heute unterbinden sie alle re weiterhin jede Nacht die umliegenden Dörfer von
humanitären Hilfskonvois der Vereinten Nationen in Sanski Most.
die Stadt.
Dezember
5. Januar 1993
Angehörige der Zivilpolizei der UNO-Schutztruppe
Ein Sozialarbeiter eines Pflegeheims in Nedzarici im UNPROFOR begleiten die letzten sechs Kroaten aus
serbisch kontrollierten Teil von Sarajevo erklärte, 10 Zemunik Gornji, vier ältere Frauen und zwei ältere
seiner Patienten seien in den vergangenen 36 Stunden Männer, nach Zadar. Ihren Aussagen zufolge hatten
gestorben und 26 Bewohner des Heims seien in den sie wie im Gefängnis gelebt und waren geflohen, um ihr
letzten beiden Wochen aufgrund fehlender Heizung Leben zu retten. Mit Ausnahme von zweien waren alle
gestorben. Er stellte ferner fest, Heckenschützen oder Häuser der Kroaten in der Gegend zerstört worden.
direkte Angriffe auf das Gebäude hätten seit April 1992
den Tod von 20 bis 25 Heimbewohnern verursacht. 25. Mai
Einem UNHCR-Vertreter zufolge hatte das PflegeEin 33jähriger Muslim aus Prijedor beobachtete serbiheim weder Wasser, Elektrizität noch Heizung. Die
sche Streitkräfte, die am 25. Mai schwere Panzer und
meisten Versorgungsunternehmen in Sarajevo (ElekKanonen nach Kozarac verlegten. Zahlreiche Dorfbetrizität, Erdgas und Wasser) sind unter serbischer
wohner flüchteten in ein nahegelegenes Haus in den
Kontrolle.
Wäldern, wo sie sich im Keller versteckten. Um die
Mittagszeit bildeten Frauen, Kinder und Verwundete
Gruppen zu je 30, trugen eine weiße Fahne und wollten
In den ersten beiden Dezemberwochen wies die serbi- sich den Serben ergeben. Die serbische Armee feuersche "Polizei" 65 NichtSerben aus Baranja in der UN- te auf einige Mitgliederder Gruppe, die sich zu ergeben
Schutzzone Ost aus, vor allem aus Darda, Bilje und versuchte.
Knezevi Vinogradi. Weitere 24 Familien wurden von
der serbischen "Polizei" unter Druck gesetzt, Knezevi Der Zeuge beobachtete, wie die Soldaten Häuser,
Autos und alles, dessen sie habhaft werden konnten,
Vinogradi zu verlassen.
plünderten und niederbrannten. Er sah, wie serbische
5. Dezember
Panzer auf Privathäuser feuerten. Die Männerwurden
dann von den Frauen und Kindern getrennt und nach
Ein Muslim, dem zufolge sich nur noch 3.000 Muslime Trnopolje gebracht.
in Sanski Most befinden, wo zuvor 15.000 gelebt
Dezember

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AMERIKA DIENST 5

*

Seite 7

�KONGRESS
3. Februar 1993

ERZIEHUNGSURLAUB, FRAUENFRAGEN UND
DIE REFORM DER KONGRESSARBEIT
Bericht über die Arbeit des Kongresses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend bringen wir einen Bericht über Aktivitäten im amerikanischen Kongreß zu
den Themen Erziehungsurlaub, Pläne der weiblichen Kongreßabgeordneten und Reform der Arbeit des
Kongresses.

Rasche Verabschiedung des Gesetzes über Familienurlaub
Ein von Präsident Clinton unterstütztes Gesetz, das
amerikanischen Arbeitgebern vorschreiben würde, ihren
Beschäftigten unbezahlten Urlaub zur Bewältigung
familiärer und medizinischer Notlagen zu gewähren,
macht rasche Fortschritte auf seinem Weg durch den
Kongreß.
Das offiziell als Family and Medical Leave Act von
1993 bezeichnete Gesetz wurde am 26. Januar mit 13
zu 4 Stimmen vom Arbeitsausschuß des Senats verabschiedet. Das Gesetz muß nun noch von beiden
Häusern des Kongresses genehmigt werden, bevor es
dem Präsidenten zur Unterschrift zugeleitet wird.
Die Verabschiedung dieser Maßnahme würde Clintons Fähigkeit unterstreichen, eng mit einem von seiner Demokratischen Partei kontrollierten Kongreß
zusammenzuarbeiten und damit 12 Jahre des politischen Patts mit einem von den Republikanern beherrschten Weißen Haus zu beenden.
Es ist nahezu identisch mit zwei früheren Gesetzentwürfen, die mit soliden Mehrheiten sowohl vom Senat
als auch vom Repräsentantenhaus befürwortet worden waren, gegen die der ehemalige Präsident Bush
jedoch sein Veto eingelegt hatte. Im Jahr 1992 gelang
es dem Senat, genug Stimmen aufzubringen, um
Bushs Veto zu überstimmen, während dieser Versuch
im Repräsentantenhaus jedoch scheiterte.
In einer Stellungnahme vor einem Unterausschuß des
Arbeitsausschusses im Repräsentantenhaus erklärte

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der neue Arbeitsminister Robert Reich am 26. Januar,
das Gesetz - das 60 Prozent der amerikanischen
Arbeitnehmer erfassen würde - sei notwendig, um mit
den raschen demographischen Veränderungen der
Erwerbsbevölkerung Schritt zu halten und die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten
zu erhalten.
Reich zufolge ist Clinton, der im Präsidentschaftswahlkampf 1992 den Familienurlaub nachdrücklich unterstützt hatte, "begierig darauf, dieses Gesetz zu unterzeichnen".
"Präsident Clinton und ich engagieren uns dafür, das
Abdriften unseres Landes zu einer Zweiklassenwirtschaft zu beenden, in der einige amerikanische Arbeitnehmer als wertvolle Partner und andere als verzichtbare Teile behandelt werden", erklärte er. "Auf unserem Weg zur Volkswirtschaft der Zukunft müssen wir
gewährleisten, daß wir jeden mitnehmen. Das Gesetz
über Familien- und Krankenurlaub wird ein starkes
Signal darstellen, daß alle Arbeitnehmer, nicht nur die
Spitzenkräfte, in die bestehenden Netze des kooperativen Lernens und der Teamarbeit eingebunden sind."
Auf Fragen über die Sorgen von kleinen und mittleren
Unternehmen, das Gesetz könne sich als zu kostspielig erweisen, verwies Reich auf eine Untersuchung des
amerikanischen Bundesrechnungshofes (General
Accounting Office - GAO), einer überparteilichen
Ermittlungsbehörde des Kongresses.
"Der GAO fand heraus, daß die Kosten pro Arbeitnehmer etwa 5 Dollar pro Jahr betragen - eine unbedeutende Summe im Vergleich zu den Sozialleistungen",
Seite 1

�stellte er fest. Reich zufolge haben die führenden
Industrienationen bereits Pläne für Familienurlaub
eingeführt.

Der Vorschlag, den die weiblichen Kongreßabgeordneten Präsident Clinton bis Mitte Februar vorlegen
wollen, räumt den Bedürfnissen von Kindern und Frauen - insbesondere "denen, die in Armut leben" - in den
"Der von Clinton während des Wahlkampfs vorgelegte Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Bildung PrioriWirtschaftsplan geht von der Prämisse aus, daß wir tät ein.
den Menschen in den Mittelpunkt stellen müssen",
erklärte er. "Wenn wir dieses Kapital nicht nutzen, Nach den Worten der demokratischen Abgeordneten
werden wir nicht konkurrenzfähig sein. Andere Länder des Repräsentantenhauses Nadia Velazquez und
sind sich dessen bewußt."
Majorie Margolies-Mezvinsky sowie ihrer republikanischen Kollegin Tillie Fowler fordert der Vorschlag
Der Arbeitsminister verwies darauf, daß die Normen zusätzliche Finanzmittel für die medizinische Forschung
für Familienurlaub in den meisten anderen Ländern auf dem Gebiet der Gesundheit von Frauen. Er spricht
wesentlich höher liegen als in dem amerikanischen ferner die Notwendigkeit einer Gesundheits- und BilPlan.
dungsreform an und der Erarbeitung eines Plans, um
frischgebackenen Eltern Erziehungsurlaub oder eine
"In vielen Ländern erhalten Arbeitnehmer bezahlten
verlängerte Abwesenheit vom Arbeitsplatz zu gewähUrlaub zur Kinderbetreuung oder für medizinische
ren.
Notfälle", fügte er hinzu. "Wir bemühen uns, zu ihnen
aufzuschließen."
Die drei weiblichen Kongreßabgeordneten würdigten
die
Ernennung von Hillary Rodham Clinton durch den
Reich zufolge erhalten Arbeitnehmer in den meisten
Präsidenten
zur Leiterin einer Arbeitsgruppe, die PläIndustriestaaten durchschnittlich 12 bis 14 Wochen
ne zur Reform des nationalen Gesundheitswesens
Erziehungsurlaub sowie bis zu einem Jahr unbezahlerarbeiten soll.
ten Urlaub mit Arbeitsplatzgarantie.
Nach dem Family and Leave Act von 1993 würden "Dies ist ein deutliches Signal, daß er (Präsident
amerikanische Arbeitnehmer in Firmen mit mehr als 50 Clinton) die Frage mit der ihr gebührenden ErnsthaftigBeschäftigten das gesetzlich garantierte Recht erhal- keit angeht. Wir sind außerordentlich erfreut über
ten, bei der Geburt oder Adoption eines Kindes, für die seine Entscheidung", erklärte Margolies-Mezvinsky,
Betreuung eines schwerkranken Kindes, Ehegatten eine ehemalige für Gesundheitsfragen zuständige
oder Elternteils sowie die medizinische Behandlung Fernsehreporterin.
des Arbeitnehmers selbst bei ernsthafter Erkrankung
bis zu 12 Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen.

Am 25. Januar gab Clinton seine Entscheidung bekannt, seine Frau zur Leiterin der Arbeitsgruppe für die
Die Unternehmen müßten die Krankenversicherung Reform des nationalen Gesundheitswesens zu ernender Beschäftigten während des Urlaubs weiter gewäh- nen. Die aus sechs Kabinettsmitgliedern und hochranren, und die Arbeitnehmer würden denselben Arbeits- gigen Beratern des Weißen Hauses zusammengeplatz oder eine gleichwertige Position zurückerhalten. setzte Arbeitsgruppe wird Clintons Plan zum Abbau
der Kosten im Gesundheitswesen und der uneingeBestimmte besonders wichtige Arbeitnehmer würden schränkten Bereitstellung von medizinischer Versorvon dem Gesetz ausgenommen. Ein besonders wich- gung bei entsprechendem Bedarf formulieren. Hillary
tiger Arbeitnehmer wird als Beschäftigter definiert, der Clinton wird diese Tätigkeit ehrenamtlich ausüben.
gehaltsmäßig zu den obersten 10 Prozent der Erwerbsbevölkerung gehört und dessen Urlaub dem Unabhängig davon, ob es die Gesundheitsreform oder
Arbeitgeber ökonomischen Schaden zufügen würde. medizinische Forschung, Kindererziehung oder Erziehungsurlaub betrifft, so Fowler, die neuen Frauen im
Neue Frauen im Kongreß haben gemeinsame Ziele Kongreß "sind der festen Überzeugung, daß es kein
parteipolitisches Diktat für unsere Arbeit in WashingNur knapp einen Monat nach ihrem Amtsantritt haben ton gibt".
die neuen Frauen im Kongreß bereits einen überparteilichen Vorschlag erarbeitet, der sich auf die Bedürf- "Wir sind als Architekten und Instrumente des Wannisse amerikanischer Frauen und Kinder konzentriert. dels hier, um die Zukunft für unsere Kinder zu bauen",
stellte sie fest.
Bei der Erläuterung ihrer Tagesordnung vor dem nationalen Presseclub am 26. Januar 1993 hoben drei der "Meines Erachtens sind wir als Frauen besonders für
im November letzten Jahres gewählten weiblichen die Bedürfnisse von jungen Menschen geschärft",
Kongreßabgeordneten hervor, daß ihr Aktionsprogramm fügte sie hinzu. "Wir wollen einen Kongreß, derauf ihre
für die Belange von Frauen und Kindern per Konsens Bedürfnisse und die der Allgemeinheit eingeht."
von den 54 weiblichen Mitgliedern des Kongresses "in
Die neuen weiblichen Mitglieder des Kongresses
weniger als einer Stunde" verabschiedet wurde.
möchten ferner mit ihren männlichen Kollegen bei der

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AMERIKA DIENST 5

�Verabschiedung von Gesetzen zusammenarbeiten,
die den Abbau des Haushaltsdefizits zum Ziel haben,
"denn wenn die Konjunktur schwach ist, müssen alle insbesondere Frauen und Kinder- leiden", erklärte sie.

Vor dem Gemeinsamen Ausschuß für die Organisation des Kongresses erschienen der Sprecher des
Repräsentantenhauses Thomas Foley, der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus Dick Gephardt, der
Minderheitsführer im Repräsentantenhaus Robert H.
Michel, der Mehrheitsführer im Senat George J. Mitchell sowie der Minderheitsführer im Senat Bob Dole.

Alle Rednerinnen schrieben ihren Wahlerfolg den
Wählern zu, die mit den Worten von Velazquez "jemanden in den Kongreß entsenden wollten, der aussieht wie sie, denkt wie sie, den Bezug zu den Men- "Der Kongreß arbeitet nicht so, wie er sollte", erklärte
schen nicht verloren hat, der ihre Hoffnungen interpre- Senator David Boren, einer der beiden Vorsitzenden
tieren und ihre Ängste in Maßnahmen umsetzen kann". des Gemeinsamen Ausschusses, und jetzt ist die Zeit
zur "Wiederbelebung unserer Demokratie" mit einer
Die drei weiblichen Delegierten zählen zu den 54 neuen Administration und einem neuen Kongreß
Frauen - sechs Senatorinnen und 48 weiblichen Abge- gekommen. Er stellte fest, daß der 24köpf ige Gemeinordneten des Repräsentantenhauses - die jetzt im same Ausschuß im letzten August als Reaktion auf
Kongreß tätig sind. Dies ist die höchste Anzahl von den "Druck (zu Reformen) inner- und außerhalb des
Frauen, die je im nationalen Parlament vertreten war. Kongresses" gebildet worden sei.
Nach den Wahlen vom 3. November stieg ihre Zahl
drastisch an, weil die Wähler landesweit zusätzlich 24 "Eine systematische und eingehende Überprüfung der
Frauen ins Repräsentantenhaus und vier weitere in Tätigkeit des Kongresses kann zeigen, daß wir uns
den Senat gewählt hatten.
ernsthaft um eine verbesserte Wirkungsweise bemühen", so Lee Hamilton, Mitglied des RepräsentantenDie neuen Frauen im Kongreß vertreten alle Schichten hauses und Mitvorsitzender des Gemeinsamen Ausder Gesellschaft und spiegeln viele der Kulturen wider, schusses.
von denen die Vereinigten Staaten - aber nicht zwangsläufig der Kongreß - gekennzeichnet sind.
"Die Öffentlichkeit verlangt eine größere Rechenschaftspflicht und eine wirksamere Funktionsweise dieser
Im 103. Kongreß sind die erste weibliche schwarze Institution", erklärte Mitchell. Zu diesem Zweck schlug
Senatorin, Carol Moseley Braun, eine Demokratin aus er sieben Beschlüsse vor, von einer Verringerung der
Illinois, und Senatorin Patty Murray, eine Demokratin Ausschußarbeit bis zu einer Änderung der Vorschrifaus Washington vertreten, deren Wahlkampf motto sie ten für die Debatten oder einer Beschleunigung des
als "Mutti in Tennisschuhen" charakterisierte.
Gesetzgebungsprozesses vor den Plenarsitzungen
Velazquez, die als erste Puertoricanerin in den Kon- im Senat.
greß entsandt wurde, gab für ihren Wahlkampf in New
York weniger Geld aus als ihr republikanischer Gegenkandidat Angel Diaz. Unter Verweis auf ihre als Kind
mit acht Geschwistern, deren Vater Zuckerrohrschneider war, gemachten Erfahrungen, stellte Velazquez
fest: "Es gab zahllose Tage, an denen wir hungig zu
Bett gingen. Es gab Tage, an denen andere dachten,
ich wäre Analphabetin, nur weil ich einen Akzent hatte.
Es gab Tage, an denen mich die Kinder wegen meiner
Nationalität verspotteten. Ich repräsentiere die neue
Welleder Einwandererund bin entschlossen sicherzustellen, daß sie gut behandelt und nicht in Krankenhäusern abgewiesen werden, weil sie keine Versicherung
haben."

Dole stimmte einer Verringerung der Ausschußarbeit
der Abgeordneten zu, wies jedoch darauf hin: "Wir
müssen Vorsicht walten lassen, bevor wir die Vorschriften ändern", da diese die Minderheitsfraktion
schützen.

Am 26. Januar erschienen die Fraktionsführer beider
Häuser des Kongresses vor einem Gremium des
Kongresses, um dieses bei der Reformierung und
Neuorganisation des Gesetzgebungsprozesses zu
unterstützen.

Der Gemeinsame Ausschuß für die Organisation des
Kongresses wurde ins Leben gerufen, um "eine umfassende und vollständige Untersuchung über die Organisation und Funktionsweise des Kongresses zu erstellen". In der 204jährigen Geschichte des Kongresses ist dieser Ausschuß erst der dritte seiner Art.

Foley stellte fest, daß zwar Reformen erforderlich
seien, der Kongreß jedoch effizienter funktioniere als
die Öffentlichkeit glaube. Er wies darauf hin, daß seit
seiner ersten Wahl in das Repräsentantenhaus vor 28
Jahren bereits bedeutende Reformen durchgeführt
wurden.

"Wir haben uns wieder und wieder in Richtung größerer Rechenschaftspflicht, Offenheit und Information
"Ich bin entschlossen, für gleiche Chancen für alle bei der Öffentlichkeit bewegt", erklärte er. Er gab zu, daß
allem zu kämpfen. Ich habe Glück, daß meine Ziele die für ein verbessertes Funktionieren des Kongresses
Ziele all meiner Kolleginnen im Parlament sind."
weitere Veränderungen erforderlich seien, wies jedoch
darauf hin, daß dem durch eine Neuorganisation ErBemühungen um Reform und Modernisierung
reichbaren Grenzen gesetzt seien.

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�Der Ausschuß wird sich auf spezifische Reformbereiche konzentrieren, einschließlich der Verabschiedung
des Haushalts, des Ausschußsystems, der Debatten
und ihrer Anberaumung, der Berufung von Kongreßabgeordneten, der Beziehungen zwischen den Kam-

mern und den Parteien, der Verbesserung des Verständnisses der Öffentlichkeit für den Kongreß als
Institution, der Kommunikations- und Informationstechnologie sowie der Moral und Integrität dieser Institution.

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AMERIKA DIENST 5

�FRAUEN
3. Februar 1993

DIE NEUNZIGER JAHRE - JAHRZEHNT DER FRAU
IN DER AMERIKANISCHEN POLITIK?
von Michele St. George
Aufgrund der ehrgeizigen Anstrengungen, die Zahl der für ein Wahlamt in den Vereinigten Staaten kandidierenden Frauen zu erhöhen, ist es nach Meinung der Autorin des vorliegenden Artikels, Michele St. George,
wahrscheinlich, daß die Repräsentation der Frauen auf ein Spitzenniveau steigen wird.
Michele St. George ist freiberufliche Schriftstellerin und lebt in Campo (Kalifornien).

Es besteht die Möglichkeit, daß die neunziger Jahre
dieses Jahrhunderts als ein Jahrzehnt in die Geschichte eingehen werden, in dem Frauen in der Politik der
Vereinigten Staaten enorme Fortschritte machten.

reich tätigen Frauen viermal so hoch wie vor 20 Jahren.
Jedoch besetzen Frauen auf keiner Ebene mehr als
ungefähr ein Fünftel der landesweit verfügbaren Positionen.

Immer mehr Frauen lassen in der Politik ihre Muskeln
spielen, indem sie für ein Amt kandidieren, Gelder für
weibliche Kandidaten aufbringen, ihr Wahlrecht ausüben und andere dazu ermutigen, in Entscheidungsfindungsgremien und -ausschüsse gewählt und für die
Anliegen von Frauen als Lobbyistinnen tätig werden.

Die dramatischsten Veränderungen gab es auf Gemeinde- und bundesstaatlicher Ebene. 1969 waren
lediglich 301 Frauen im Bereich der bundesstaatlichen
Gesetzgebung tätig. Dem CAWP zufolge hat sich die
Zahl vervierfacht und liegt jetzt bei 1.375 oder 18,4
Prozent. Die Statistiken des Zentrums offenbaren
auch, daß in sechs Bundesstaaten - Arizona, Maine,
Utah, New Hampshire, Vermont und Colorado - mehr
als 30 Prozent der Abgeordneten im Parlament Frauen
sind.

"Frauen werden auf allen Ebenen der Politik stärker
einbezogen", erklärte Jane Danowitz, geschäftsführende Direktorin des Wahlkampffonds für Frauen,
einem politischen Aktionskomitee. "Die Anzahl unserer neuen Geldgeber hat sich verdoppelt. Zur Zeit
arbeiten wir an einem Joint Venture mit der Nationalen
Vereinigung weiblicher Führungskräfte, einer Organisation mit mehr als 250.000 im mittleren Management
tätigen Frauen, um Frauen zu einem Engagement in
der Politik und zur Unterstützung weiblicher Kandidaten zu ermutigen".
Frauen stellen 52 Prozent der Bevölkerung in den
Vereinigten Staaten. Daher ist es eines der Hauptziele
solcher Gruppen, die politische Gleichstellung mit
Männern zu erreichen. "Wir werden nicht ruhen, bis
Frauen 50 Prozent der wichtigen Positionen in diesem
Land innehaben", erklärt Katherine Spillar, nationale
Koordinatorin des Fonds fürdie feministische Mehrheit
(FFM).
Zahlen des Zentrums für die amerikanische Frau und
die Politik (Center forthe American Woman and Politics - CAWP) zufolge ist die Zahl der im Regierungsbe-

AMERIKA DIENST 5

Das politische Engagement der Frauen in Amerika
geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als führende
Persönlichkeiten wie Elizabeth Cady Stanton, Susan
B. Anthony und Lucretia Mott für das Wahlrecht für
Frauen kämpften sowie für soziale Reformen wie
Gesetze zur Kinderarbeit, öffentliche Bildungseinrichtungen, Gesundheitsfürsorge und das Ende der Sklaverei.
Durch die Ratifizierung des 19. Zusatzartikels zur
amerikanischen Verfassung im Jahre 1920 erhielten
die Frauen das Wahlrecht. Im Bereich der Repräsentation in öffentlichen Ämtern machten sie jedoch nur
langsam Fortschritte. Bis in die siebziger Jahre, als die
Frauenbewegung das politische Engagement der Frauen
schürte, war die Wahl von Frauen in ein Amt eher die
Ausnahme. Im Zuge der verbesserten Bildung von
Frauen und ihrer Eingliederung in die arbeitende
Bevölkerung förderten Gruppen wie die Nationale
Frauenorganisation (National Organization for WoSeite 1

�men - NOW) gleiche Rechte und Mitbestimmungs- erstmals in der Geschichte 13 der 15 Kandidatinnen für
möglichkeiten für Frauen in allen Bereichen des Lebens. Parlamentssitze gewählt.
Seit den siebziger Jahren haben die Frauen im Bereich
der Politik Beträchtliches erreicht. 1971 gab es nur
sieben weibliche Bürgermeister in den großen Städten
der Vereinigten Staaten. 1992 war diese Zahl auf 374
oder annähernd 14 Prozent der Bürgermeister von
Städten mit einer Einwohnerzahl von über 10.000
angestiegen. Die Zahlen des CAWP zeigen, daß 19
der 100 größten Städte in den Vereinigten Staaten
eine Bürgermeisterin haben, einschließlich San Diego
(Kalifornien), Fort Worth (Texas) und der Bundeshauptstadt Washington.

Spillar stellt ferner fest, daß sich 1992 auch in Kalifornien eine Rekordzahl von Frauen um öffentliche Ämter
bewarb. "Mit mehr als doppelt so vielen Frauen
verglichen mit vor zwei Jahren könnte Kalifornien die
Zahl der in das Parlament des Bundesstaates und in
den Kongreß gewählten Frauen beträchtlich erhöhen."

Die Vorwahlen in Kalifornien vom Juni 1992 erwiesen
sich als vorteilhaft für die Frauen: Zwei heißumstrittene Kandidatinnen der Demokraten bei den Vorwahlen
für den US-Senat waren beispielsweise die Abgeordnete des Repräsentantenhauses Barbara Boxer und
Den Statistiken des CAWP zufolge wurden auf der die ehemalige Bürgermeisterin von San Francisco,
Ebene der Bundesstaaten 60 Frauen (18 Prozent) in Dianne Feinstein. Sie traten als Team gegen die leitende Positionen gewählt, einschließlich drei Gou- beiden männlichen - republikanischen Kandidaten an,
verneurinnen und sieben Vizegouverneurinnen. Fünf die sie bei den Wahlen im November 1992 besiegten.
der fünfzig amerikanischen Bundesstaaten haben eine Insgesamt gewannen 16 neue kalifornische KandidaJustizministerin. Mehr Frauen als jemals zuvor sind im tinnen die Vorwahlen für Sitze im RepräsentantenBereich der staatlichen Haushalts- und Finanzpolitik haus. Garantiert wird es mindestens zwei neue Getätig. Achtzehn Bundesstaaten haben 21 in das Amt sichter im Repräsentantenhaus aus Wahlbezirken
des Leiters der Finanzabteilung oder des Präsidenten geben, in denen Frauen sowohl die Vorwahlen der
Republikaner als auch der Demokraten gewonnen
des Bundesrechnungshofes gewählte Frauen.
haben.
Im amerikanischen Kongreß gab es seit Mitte der
siebziger Jahre nur geringe Fortschritte. 1975 stellten Es gibt Anzeichen dafür, daß die traditionellen Schrandie 19 Frauen vier Prozent der Kongreßabgeordneten ken beim Wahlprozeß niedergerissen werden können.
dar. Dies hat sich jedoch geändert. Heute sind im Die Diskriminierung der Wähler gegen Frauen hat seit
Kongreß 54 Frauen vertreten, 6 Senatorinnen und 48 den sechziger Jahren beträchtlich abgenommen, als
Abgeordnete im Repräsentantenhaus.
viele Amerikaner der Überzeugung waren, die Frau
gehöre ins Haus. Meinungsumfragen zufolge würden
Zur Behebung des Ungleichgewichts begann der Fonds heute weniger als 10 Prozent der Amerikaner gegen
für die feministische Mehrheit die Kampagne "Mehr einen Kandidaten stimmen, nur weil dieser eine Frau
feminine Macht", um mehr Frauen als jemals zuvor zur ist. In der Tat werden Frauen sogar von einigen
Kandidatur für ein öffentliches Amt zu bewegen. "Wir Wählern bevorzugt.
haben eine einfache Strategie", erklärt Spillar. "Je
mehr Frauen kandidieren, desto mehr werden auch "Jüngste öffentliche Meinungsumfragen belegen, daß
gewählt. Wir wollen die Wahlliste überfluten, so daß die Wähler Kandidatinnen in diesem Jahr Vorrang
sich um jedes Amt eine Frau bewirbt. Wir sprechen mit einräumen", erklärt Spillar. "Mehrere Faktoren beeinpotentiellen Kandidatinnen und mit Frauen, die uns bei flussen die Bevorzugung von Kandidatinnen durch die
der Suche nach potentiellen Kandidatinnen behilflich Wähler. Wähler sehen Frauen außerhalb der korrupsind, und dringen darauf, daß sie das Risiko eingehen. ten Seilschaften und nicht als Teil der Politik des
Wir stellen Kontakte zwischen ihnen und den in jeder 'business as usual'".
Stadt vorhandenen verfügbaren Kandidaten her. Wir
unterhalten uns mit qualifizierten Frauen, mit Lehrerin- Der Meinungsforscherin Celina Lake von der Analysis
nen, Krankenschwestern, mit Frauen, wie sie im Kongreß Group zufolge "sind die neunziger Jahre eine außerorund im Bereich der bundesstaatlichen Gesetzgebung dentlich gute Zeit für Kandidatinnen. In einem Zeitalfehlen, und legen ihnen eindringlich den Gedanken ter, in dem die Wähler äußerst voreingenommen gegen
Amtsinhaber und politikverdrossen sind, kandidieren
nahe, dieses Jahr zu kandidieren".
Frauen als die letzten Außenseiter und verwandeln
FFM benutzte diese Strategie der "Überflutung der einen bisherigen Nachteil bei den Umfragen in einen
Wahlliste", um im Jahr 1990 die Rekordzahl von 2.063 großen Vorteil." Lake führte eine Erhebung für drei
Frauen zur Kandidatur um Parlamentssitze anzure- politische Organisationen von Frauen durch und gegen, 210 mehr als sich 1988 aufstellen ließen. 1990 langte zu dem Schluß, daß Kandidatinnen Männern
kandidierten Frauen auch in 30 Staaten fürdas Reprä- bei Fragen wie Bildungswesen, Gesundheitsfürsorge
und Erfüllung der Bedürfnisse des Mittelstandes vorsentantenhaus.
gezogen wurden. "Sind alle anderen Faktoren gleich,
Die Gewinne waren beeindruckend: 59 Prozent der so sind beide Parteien konkurrenzfähiger, wenn sie
Frauen, die sich um Parlamentssitze in den Bundes- Frauen in ein Amt ernennen", stellt sie fest.
staaten bewarben, waren erfolgreich. In Nevada wurden
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AMERIKA DIENST 5

�Dem Direktor für Meinungsumfragen bei der Times
Mirror Foundation, Andrew Kohut, zufolge sagten sechs
von 10 befragten Personen aus, den Vereinigten Staaten ginge es besser, wenn mehr Frauen in den Kongreß gewählt würden.

Jahren besser dabei geworden", stellt Kathy Kleeman
vom CAWP fest. "Es gibt eine Reihe von politischen
Aktionskomitees (political action committees - PACs),
die speziell für Kandidatinnen Geld sammeln. Eine
Zeitlang gab es Emily's List (Early Money is Like
Yeast), deren Mitglieder sich darauf spezialisiert hatAbgesehen davon, daß man ihnen höhere ethische ten, so früh wir möglich viel Geld für Kandidatinnen der
Normen zuschreibt, sehen Wähler in Frauen jeman- Demokraten für den Kongreß zu sammeln, und jetzt
den, der eine andere Perspektive in die Politik einbringt kontern die republikanischen Frauen mit einer als
- den menschlichen Blickwinkel. Frauen werden in WISH bezeichneten Liste (Women in Senate and
Umfragen als interessierter an Fragen der Bildung, House), insbesondere für Befürworterinnen des Rechts
Gesundheitsfürsorge, Entwicklung der Gemeinde, auf Schwangerschaftsabbruch bei den Republikanern."
Umwelt, Belange von Jugendlichen, älteren Menschen
und Kranken gesehen.
Die größten Hürden bestehen vielleicht immer noch für
Frauen aus Minderheiten, obwohl sich hier ein Silber"Nicht zuletzt sind Frauen häufig Krankenschwestern, streifen am Horizont abzeichnet. Shirley Chisholm war
Angestellte im Gesundheitswesen, Lehrerinnen und die erste Schwarze, die in das Repräsentantenhaus
Sozialarbeiterinnen", so Spillar. "Wenn sich die Wäh- gewählt wurde (1968). Seither waren noch weitere im
ler also Sorgen über innenpolitische Themen wie in Repräsentantenhaus vertreten, jedoch gab es bis zu
diesem Jahr machen, denken sie, Frauen seien zur den Wahlen am 3. November 1992 keine einzige
Lösung des Problems geeigneter.
schwarze Senatorin. Afroamerikanische Frauen haFrauen kennen den Kampf um gute Kinderbetreuung, ben dem Fonds für die feministische Mehrheit zufolge
mit dem Geld auszukommen und um das Familienbud- lediglich 1,7 Prozent und hispanische Frauen nur 0,2
get aus erster Hand. Wähler sind der Überzeugung, Prozent der Sitze in den Parlamenten der Bundesstaadaß Frauen, die diese Erfahrungen täglich am eigenen ten inne.
Leib spüren, im Falle ihrer Wahl etwas für sie tun
werden."

"Die Zahl der weiblichen Amtsträger aus Minderheiten
ist immer noch verschwindend gering", so Kleemann
vom
CAWP. "Dieses Jahr bewerben sich einige sehr
Als Beweis für ihre Fähigkeit, den Kurs der Regierung
starke
schwarze und hispanische Kandidatinnen für
zu ändern, haben Frauen im Kongreß Gesetze erden
Kongreß,
und eine Rekordzahl von Latinas kandikämpft und unterstützt, die Familien mit mittlerem
diert
dieses
Jahr
für das kalifornische Parlament."
Einkommen bei der Finanzierung ihres Eigenheims
Gloria
Molina,
die
erste
hispanische Frau im Parlament
behilflich waren, Netze von Krankenhäusern für VeteKaliforniens,
die
heute
beträchtlichen
Einfluß im Rat
ranen aufbauten, die Ausbildung von Behinderten fides
Landkreises
Los
Angeles
hat,
wurde
infolge einer
nanzierten sowie Steuererleichterungen für Kinderbeentschlossenen
Kampagne
einer
Gruppe
hispanischer
treuung, die Reform des Rentengesetzes, das Programm für Schulspeisung und das Verbot der Diskrimi- Frauen gewählt, die sie in diesem Amt sehen wollten.
nierung aufgrund des Geschlechts förderten.
Ein weiteres Zeichen dafür, daß sich die Zeiten ändern,
deutete sich im März 1992 an, als die AfroameWarum sind angesichts dieser Vorteile noch nicht
rikanerin
Carol Moseiey Braun, eine nahezu unbemehr Frauen in der Regierung? Das politische System
kannte
Grundbuchbeamtin,
in der Vorwahl der Demoselbst kann Frauen vom Anstreben eines Amts abhalkraten
im
Staat
Illinois
einen
zweimaligen Amtsinhaber
ten. Es kann mehrere Jahrzehnte und zahlreiche
aus
dem
Feld
schlug.
In
der
Novemberwahl besiegte
Opfer erfordern, wirkliche politische Macht zu erlansie
den
republikanischen
Kandidaten
und wurde damit
gen. Viele der die Ausgangsbasis darstellenden polidie
erste
schwarze
Senatorin
im
US-Senat.
Im April
tischen Ämter auf lokaler Ebene sind Teilzeittätigkei1992
wurde
Lynn
Yeakel,
die
zuvor
ehrenamtlich
einten, schlecht bezahlt oder sogar ehrenamtlich. Eine
kommensschwache
Frauen
und
Kinder
betreut
hatte
Frau muß dies häufig mit den Anforderungen einer
regelmäßigen Vollzeitbeschäftigung und der Familie und als Neuling in die Politik eintrat, von den Demokravereinbaren. Frauen müssen Zeit darauf verwenden, ten in Pennsylvania nominiert, um gegen den Amtsinorganisatorische Fähigkeiten zu entwickeln, zu Veran- haber, Senator Arien Specter, anzutreten. In der heiß
staltungen zu reisen, bei denen sie als Rednerinnen umkämpften Wahl unterlag sie schließlich nur knapp.
auftreten und Spenden aufbringen - all dies erschwert Und in New York gehörten zwei Frauen - die ehemalige
es außerordentlich, das Familienleben mit der Politik Abgeordnete im Repräsentantenhaus (und demokratische Vizepräsidentschaftskandidatin von 1984),
unter einen Hut zu bringen.
Geraldine Ferraro, und das New Yorker StadtratsmitZusätzlich zu dem Balanceakt zwischen Arbeit und glied Elizabeth Holtzman - in der Vorwahl im SeptemFamilie besteht das Problem der Aufbringung von ber zu den fünf Bewerbern umdie Nominierung fürden
Spenden zur Deckung der Wahlkampfkosten. "Frauen Senat.
sind in dem beobachteten Zeitraum von nahezu 20

AMERIKA DIENST 5

Seite 3

�"Carol Moseley Brauns Kandidatur zeigt, wie tief die
politische Unterstützung für Frauen geht", meint Danowitz vom Wahlkampffonds für Frauen. "Sie hatte kein
Geld, keine richtige Organisation und bis zum Ende
praktisch keine Aufmerksamkeit der Medien. Diese
Kampagne sprach allen traditionellen Regeln Hohn."
Neben Wählämtern sind es Berufungen auf Positionen
in öffentlichen Gremien, Kommissionen, Ausschüssen
und Räten auf Gemeinde-, Kreis-, Staats- und Bundesebene, die das politische Engagement von Frauen
verstärken.
Mit dem Ziel eines Gleichgewichts bei der öffentlichen
Entscheidungsfindung drängt der Fonds für die feministische Mehrheit auf die Verabschiedung von Gesetzen, die Frauen eine gleiche Anzahl dieser Positionen
garantieren.

sten europäischen Demokratien waren. Der Grund
besteht darin, daß es in ihren Parteien Gleichstellungsvorschriften gibt, die man als positive Quoten bezeichnet" und erfordern, daß ein bestimmter Prozentsatz
der Kandidaten Frauen sein müssen. "Wir haben
gesehen, welch dramatische Auswirkungen dies haben kann", fügt Spillar hinzu.
Wenn Frauen in derPolitik der neunziger Jahre so aktiv
sind, wann wird Amerika dann seine erste Präsidentin
haben? In vielen Ländern ist dies gewiß kein ungewöhnlicher Gedanke, wie in Großbritannien, Island,
den Philippinen, Pakistan, Nicaragua, Indien, Israel
und Norwegen - sie alle hatten bereits weibliche Staatsoder Regierungschefs.

Geraldine Ferraro, die 1984 für das Amt des amerikanischen Vizepräsidenten kandidierte, erklärte kürzlich:
"Wir haben wirklich die Chance auf eine Präsidentin im
"Es ist Teil unserer Strategie, Gesetze zur Herstellung nächsten Jahrzehnt. Das Land ist bereit. Das einzige,
des Gleichgewichts zwischen den Geschlechtern zu was fehlt, ist eine Frau, die dazu bereit ist."
fordern, nach denen eine gleiche Zahl von Männern
und Frauen in staatliche Gremien und Kommissionen Mehr Frauen denn je bereiten sich gerade auf eine
berufen werden müssen", erklärt Spillar. Bis heute gibt solche Zukunft vor, indem sie die ersten Stufen der
es solche Gesetze oder Maßnahmen in sieben Bun- politische Leiter erklettern und als Rechtsanwältinnen,
desstaaten sowie in der Stadt und im Landkreis Los Gemeindeaktivistinnen, Managerinnen und in GemeinAngeles und in der Stadt Tucson (Arizona). Das deämtern tätig sind. Einige Frauen sammeln als
Ergebnis war ein beträchtlicher Anstieg bei der Zahl Mitglieder von Stadträten, Abgeordnete in Staatsparweiblicher Berufungen. Man kann einen Gouverneur lamenten und als Bürgermeisterinnen praktische Eroder Bürgermeister tagelang ständig auffordern, mehr fahrung für Ämter auf Bundesebene.
Frauen zu berufen, aber bevor nicht ein Gesetz existiert, das dies vorschreibt, finden die erforderlichen "Die Tragödie von 1992 ist, daß es keine Kandidatin
gibt", erklärt Danowitz. "Zweifelloswerden wir in naher
Fortschritte einfach nicht statt."
Zukunft eine Präsidentin haben, und sei es nur desSpillar zufolge "stammt ein Teil unserer ganzen Stra- halb, weil wir die Reihen wirklich geschlossen haben.
tegie für ein Gleichgewicht zwischen den Geschlech- Wir werden einen Zuwachs derweiblichen Abgeordnetern tatsächlich aus Westeuropa. Wir haben eine ten im Repräsentantenhaus und im Senat verzeichStudienreise in zahlreiche westeuropäische Länder nen, und all dies verspricht Gutes. Bei jedem Schritt
durchgeführt, um herauszufinden, warum dort mehr stoßen wir auf enorme Hindernisse, aber offenkundig
Frauen nicht nur Staatsoberhaupt, sondern auch fallen die Hürden."
Abgeordnete in den nationalen Parlamenten der mei-

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AMERIKA DIENST 5

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