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                  <text>ciniGrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
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^

51

23. Dezember 1992
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, t , S v'

NAKR

EAGLEBURGER FORDERT KOOPERATION
VON NAKR UND NATO BEI FRIEDENSSICHERUNG
Erklärung bei NAKR-Ministertreffen

GATT

AMERIKANISCHER VERHANDLUNGSFÜHRER
DRÄNGT AUF ENDE DES PATTS BEI
GATT-GESPRÄCHEN
Erklärung von Rufus Yerxa

WIRTSCHAFT

WIRTSCHAFTSGIPFEL KONZENTRIERTE
SICH AUF LANGSAMERES WACHSTUM
UND INVESTITIONEN
Auszüge der Redebeiträge

PORTRAT

ANGESEHENER BÜRGERMEISTER ALS
WOHNUNGSBAUMINISTER NOMINIERT
Porträt von Henry Cisneros

BURGERRECHTE

DAS GESETZ, DAS AMERIKA VERÄNDERTE
von Jeannye Thornton-Hencke

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
2. Halbjahr 1992

Mit dieser letzten Ausgabe des Jahres 1992
wünscht die Redaktion des Amerika Dienst allen
Beziehern ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest
und ein friedliches und erfolgreiches neues Jahr
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�NAKR
23. Dezember 1992

EAGLEBURGER FORDERT KOOPERATION VON
NAKR UND NATO BEI FRIEDENSSICHERUNG
Erklärung bei NAKR-Ministertreffen
BRÜSSEL - (AD) - Die Einigung über ein Programm kooperativer Vorbereitungen für Friedenssicherungsoperationen sollte dem amerikanischen Außenminister Eagleburger zufolge ein Ziel des Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR) und der NATO sein.
Beim Außenministertreffen des NAKR verwies Eagleburger am 18. Dezember 1992 in Brüssel darauf, man
betrachte es innerhalb der NATO als 'besonders wichtig, daß wir innerhalb des NAKR bei Planung, Ausbildung
und anderen Vorbereitungen für Friedenssicherungsoperationen eng zusammenarbeiten".
"Dies ist nicht nur wichtig zur Gewährleistung größerer Effektivität und der breitestmögliehen Beteiligung an
Friedenssicherungsoperationen", erklärte Eagleburger. "Es ist darüber hinaus lebenswichtig, mit den NAKRStaaten die Art von Partnerschaft und gewohnheitsmäßiger Zusammenarbeit ins Leben zu rufen, die innerhalb
der NATO traditionelle Feinde zu echten Freunden und Verbündeten gemacht hat."
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Erklärung im Wortlaut.

Das heutige Treffen markiert auf internationaler Ebene
das Ende meiner sehr kurzen Tätigkeit als Au ßenminister. Nachdem ich fast 35 Jahre mit dem Kalten Krieg
zu tun hatte, freut es mich besonders, die internationale Bühne vor dieser ersten institutionellen Gründung
der Zeit nach dem Kalten Krieg zu verlassen, einer
Organisation, die unsere Hoffnungen verkörpert, die
Spaltung zwischen Ost und West, die nach wie vor das
grausamste Erbe des Kalten Krieges ist, zu überwinden.
Wir treffen in einem Moment zusammen, in dem der
Frieden des neuen Europas an zahlreichen Fronten
bedroht ist - in Bosnien, Nagorny-Karabach und andernorts. Es ist, als ob Europa zwischen dem Traum
von einer demokratischen Zukunft und dem Alptraum
seiner nationalistischen und intoleranten Vergangenheit gefangen wäre.
Es wäre unrealistisch gewesen anzunehmen, daß wir
über Nacht eine neue Sicherheitsarchitektur aufbauen
könnten, um die neue und zerbrechliche Ordnung vor
den alten und mächtigen Kräften zu schützen, die wir
heute am Werk sehen. Aber wir haben erfolgreich den
Grundstein zu einem wirklich europaweiten Sicherheitssystem gelegt, indem wir sowohl die NATO erneuert als auch den Nordatlantischen Kooperationsrat
geschaffen haben. Diese beiden Institutionen können
AMERIKA DIENST 51

uns im Lauf der Zeit gemeinsam dabei helfen, in
unserem gesamten gemeinsamen demokratischen
Raum zu erlangen, was die NATO innerhalb ihres
Territoriums verwirklicht hat - den Krieg zwischen und
unter ihren Mitgliedstaaten undenkbar zu machen.
In diesem ersten Jahr haben wir einen soliden Anfang
gemacht. Der NAKR hat sich als nützliches Forum des
Dialogs über drängende Sicherheitsfragen etabliert
und ein Programm der Zusammenarbeit bei Fragen
eingeleitet, die von der Konversion der Rüstungsindustrie bis zur Umwelt reichen. Der NAKR erweist sich
als wertvolles Instrument, um den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten zu helfen, mit ihrer Hinwendung
zu Demokratie und freier Marktwirtschaft den Übergang zu friedensmäßigen Einsatzkonzepten und sicherheitspolitischen Maßnahmen zu vollziehen.
Wenn jedoch der NAKR gemeinsam mit der NATO
beginnen soll, sein wahres Potential als Eckpfeiler
eines europäischen Sicherheitssystems zu entfalten,
muß er eine substantielle Tagesordnung im Hinblick
auf die wirklichen Sicherheitsherausforderungen entwickeln, vor denen das neue Europa heute steht.
Glücklicherweise haben wir uns auf die meisten Aspekte eines neuen Arbeitsplans verständigt, der unsere
Zusammenarbeit weiterbringen und uns in diese Richtung führen wird. Ich muß jedoch leider feststellen,
Seite 1

�daß wir keine Einigung über ein Programm zur Zusam- menarbeiten, um Bedrohungen des Friedens und der
menarbeit in dem Bereich erzielt haben, der für unsere Stabilität auf diesem Kontinent entgegenzutreten, wo
gemeinsame Sicherheit in den kommenden Jahren am immer sie auftreten.
entscheidendsten sein wird: der Friedenssicherung.
Deshalb hoffen wir, daß wir uns heute darauf verstänInnerhalb der NATO haben wir die Friedenssicherung digen können, ein konkretes und detailliertes Prozur Unterstützung der KSZE und der Vereinten Natio- gramm von Maßnahmen in den NAKR-Arbeitsplan
nen als eines der wichtigsten Elemente unserer Stra- aufzunehmen, die den Weg für gemeinsame Planung,
tegie definiert, um die Instabilitäten der Zeit nach dem Ausbildung und sogar gemeinsame Manöver für FrieKalten Krieg in den Griff zu bekommen. Bei der denssicherungsoperationen ebnen werden. Und wir
Unterstützung solcher Friedenssicherungsoperationen hoffen deshalb auch, da ß die einzige Nation, die bisher
möchten wir eng mit Nichtmitgliedstaaten der NATO nicht bereit war, einer solchen Zusammenarbeit zuzuzusammenarbeiten - insbesondere, wie das Bündnis stimmen, erkennt, daß wir vorwärts gehen müssen.
gestern eindeutig festgestellt hat, mit unseren Part- Das heißt, wir wünschen uns die Teilnahme aller
nern im NAKR.
Mitgliedstaaten des NAKR bei diesem wichtigen Vorhaben.
Unseres Erachtens ist es besonders wichtig, daß wir
innerhalb des NAKR bei Planung, Ausbildung und Der Eckpfeiler der amerikanischen Außenpolitik war
anderen Vorbereitungen für Friedenssicherungsope- während des Großteils meines Lebens - und in der Tat
rationen eng zusammenarbeiten. Dies ist nicht nur während meiner gesamten diplomatischen Laufbahn wichtig zur Gewährleistung größerer Effektivität und die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten die untrennder breitestmöglichen Beteiligung an Friedenssiche- bare Verbindung zwischen ihrer Sicherheit und der
rungsoperationen. Es ist darüber hinaus lebenswich- Europas anerkannten. Ohne das amerikanische
tig, mit den NAKR-Staaten die Art von Partnerschaft Engagement wären wederdie Befreiung Westeuropas
und gewohnheitsmäßiger Zusammenarbeit ins Leben vom Würgegriff Hitlers noch der erfolgreiche Widerzu rufen, die innerhalb der NATO traditionelle Feinde stand gegen Stalins imperialen Kommunismus im
zu echten Freunden und Verbündeten gemacht hat. Anschluß an den Zweiten Weltkrieg möglich gewesen.
Und mit der Verfestigung solcher Gewohnheiten und Aufgrund des amerikanischen Engagements hier sind
Muster der Zusammenarbeit könnte ein Beitrag zur sowohl Europa als auch die Vereinigten Staaten heute
Umgestaltung der Zusammensetzung des Bündnis- frei und sicher.
ses selbst geleistet werden.
Eine neue Führungsgeneration wird in meinem Land
Darüber hinaus gehen wir davon aus, daß uns die nun die Amtsgeschäfte übernehmen, und dies geZusammenarbeit zwischen dem Bündnis und dem schieht genau in einem Augenblick, in dem die Welt
NAKR bei der Friedenssicherung dabei helfen wird, die selbst sich verändert hat. Die Vereinigten Staaten
Art von Krisen und Konflikten zu überwinden, denen werden unterder neuen Führung in Theorie und Praxis
wir in den kommenden Jahren unvermeidlich ausge- dem Bündnis mit unseren demokratischen Partnern in
setzt sein werden. So ist zum Beispiel die Krise im Europa und der Idee verpflichtet bleiben, daß unsere
ehemaligen Jugoslawien, über die die NATO gestern Sicherheit ein und dasselbe und unteilbar ist. Aber
sowohl ihrer starken Besorgnis als auch ihrer Bereit- heute, in dieser Zeit des Übergangs, ist es mehr denn
schaft zum Handeln Ausdruck verliehen hat, gleicher- je entscheidend, daß unser Engagement auf Gegenmaßen eine Herausforderung für Mitteleuropa und die seitigkeit gegründet und unsere Partnerschaft ebenRepubliken der ehemaligen Sowjetunion. Wenn die bürtig bleibt und daß sich die Institutionen, die die
Sicherheitsinteressen Europas im Osten und Westen transatlantischen politischen und Sicherheitsbeziehunwirklich unteilbar werden sollen - wie dies meines gen verkörpern, wirklich anpassen, um den radikal
Erachtens der Fall sein mu ß -, werden wir alle handeln neuen Herausforderungen gerecht zu werden, mit
müssen, als ob dies der Fall wäre, indem wir zusam- denen uns das Zeitalter nach dem Kalten Krieg konfrontiert.
* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 51

�GATT
23. Dezember 1992

AMERIKANISCHER VERHANDLUNGSFÜHRER
DRÄNGTAUF ENDE DES PATTS BEI
GATT-GESPRÄCHEN
Erklärung von Rufus Yerxa
GENF - (AD) - Der amerikanische Chefunterhändler bei den Welthandelsgesprächen der Uruguay-Runde hat
erklärt, eine Einigung sei vor dem Jahresende inzwischen unmöglich geworden, die Bemühungen für eine
Lösung müßten jedoch andauern.
Der Stellvertretende US-Handelsbeauftragte Rufus Yerxa erklärte vor dem Verhandlungsausschu ß Handel der
Uruguay-Runde am 18. Dezember 1992, man solle "die wahren Ursachen der Verzögerung und der Meinungsverschiedenheiten ausfindig machen" und sie mit "echten Verhandlungen und nicht mit Scheingefechten oder
dem Verstecken hinter anderen" angehen, um die Gespräche erfolgreich abzuschließen.
"Zweifellos möchten wir alle Erfolg haben", stellte Yerxa fest. "Die Frage lautet, ob wir einen Weg finden können."
Nachfolgend veröffentlichen wir Yerxas Erklärung im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten kommen
zu diesem Treffen mit Enttäuschung darüber, daß die
Umstände und Ereignisse uns zu wenig Zeit belassen,
um bis zum Jahresende einen politischen Konsens
über die Uruguay-Runde zu erzielen. Wir sind jedoch
nach wie vor der Überzeugung, daß die Bemühungen
zur Erlangung der erforderlichen Reform des internationalen Handelssystems andauern müssen.
Es wird eine Menge "Stammtischgespräche" von
Personen außerhalb des Verhandlungsprozesses
darüber geben, was falsch gelaufen ist und wer daran
die Schuld trägt. Einige werden zweifeltos Schuldzuweisungen vornehmen, während wir alle die Welt
davon zu überzeugen versuchen, daß unsere jeweilige
Regierung nicht für diese unglückliche Lage verantwortlich gemacht werden kann. Dies ist zu erwarten.
Wenn wir aber wirklich entdecken, was für den Abschluß der Uruguay-Runde erforderlich sein wird, wird
es für uns entscheidend sein, die wahren Ursachen der
Verzögerung und der Meinungsverschiedenheiten
ausfindig zu machen. Nur dann können wir beginnen,
sie systematisch und mit Realismus anzugehen. Heute
ist nämlich offenkundig, daß es weiterer harter Verhandlungen - echter Verhandlungen und nicht Scheingefechten oder dem Verstecken hinter anderen

AMERIKA DIENST 51

bedarf -, um das durchgreifendste Handelsabkommen
in der Geschichte zu einem erfolgreichen Abschlu ß zu
bringen. Es wird nicht mit Patentrezepten oder Tricks
zu lösen sein, die niemand unter uns im eigenen Land
verkaufen könnte, sondern nur mit einem vollständig
ausgehandelten Schlußdokument, dem alle Teilnehmer verpflichtet sind.
Eines unserer größten Hindernisse war die Tatsache,
daß unvorhergesehene Umstände zu einem solch
späten Start der Auf nähme der wirklichen Verhandlungen über Marktzugang geführt haben. Dies hat zweifellos die Gesamtfortschritte in Genf beeinträchtigt.
Ich freue mich, feststellen zu können, daß die Europäische Gemeinschaft nun einen Zeitplan für die Agrarverhandlungen vorgelegt hat, obwohl ich bereits sagen
kann, daß Elemente ihres Angebots weitere Probleme
aufwerfen, die die Verhandlungen verlängern werden.
Unglücklicherweise war es unmöglich, über Marktzugang im Agrarbereich zu verhandeln, bevor die Gemeinschaft ihre internen Probleme beigelegt hatte.
Diese Lösung wurde gerade erst erzielt. Einige möchten Sie vielleicht davon überzeugen, daß zwischen der
Vorlage am 17. Dezember und einer Frist bis zum 22.
Dezember genug Zeit für den Abschluß einer politischen Vereinbarung auf der Grundlage dieser neuen

Seite 1

�Vorlage bleibt, aber ich stelle die Logik dieser Behauptung in Frage. Überdies sind andere wichtige Teilnehmer immer noch nicht in der Lage, umfassende Angebote im Agrarbereich zu präsentieren.

lungsausschusses Handel (TNC) nicht das Klima für
Fortschritte in den Bereichen 3 und 4 geschaffen.
Einige Teilnehmer meinen, wir sollten dieses Problem
lösen, indem wir den Zuschlag erteilen und den Entwurf der Schlußakte verabschieden. Das ist unrealiWas jetzt erforderlich - und in der Tat überfällig ist -, ist stisch. Viele Delegationen haben substantielle, intereine bedeutsame Verhandlungsrunde über das Paket pretative und Entwurfsprobleme zur Sprache gebracht,
zum Marktzugang im Agrarbereich. Ohne Fortschritte die sie behandelt sehen möchten. Natürlich möchten
in diesem Bereich werden viele Teilnehmer einem viele in diesem Raum Schuldzuweisungen vornehGesamtabkommen schlicht die politische Zustimmung men, damit jemand anders den schwarzen Peter dafür
verweigern. Wenn die Positionen gewisser Teilneh- zugeschoben bekommt, daß Bereiche außerhalb der
mer in diesem Prozeß die Oberhand gewinnen, wer- Landwirtschaft angesprochen wurden. Das wahre
den die Bedingungen des Marktzugangs im Agrarbe- Problem ist jedoch die Weigerung, die Notwendigkeit
reich darüber hinaus nach dem Abschlu ß der Uruguay- anzuerkennen, an die schwierige und sensible AufgaRunde noch restriktiver ausfallen. Ein solches Ergeb- be der Fertigstellung des Textes zu gehen.
nis können wir weder akzeptieren, noch liegt es im
besten Interesse der meisten Länder.
Beim TNC-Treffen am 13. Januar verwies die EG auf
ihre Probleme mit den Agrarteilen des Textes, den wir
Bei Industrieprodukten waren die Teilnehmer bisher übrigens zu akzeptieren bereit waren. Beim gleichen
noch nicht in der Lage, ein Paket zum Marktzugang Treffen erklärten die Vereinigten Staaten, "wir finden,
auszuhandeln, das den Zielen aller Rechnung trägt daß gewisse andere Textpassagen Defizite aufweiund ein Maximum an Liberalisierung gewährleistet. sen" und stellten fest, daß "in einigen Fällen der Text
Einige möchten sich rasch auf ein Mindestpaket ver- beim Abbau von Schranken, bei der Festsetzung von
ständigen. Wir haben andererseits kein Geheimnis rigorosen Normen oder der Gewährleistung starker
aus der Notwendigkeit gemacht, ein Paket zu erhalten, Disziplinen und Mittel gegen unfaires Verhalten nicht
das zahlreiche zollfreie Sektoren einbezieht, darunter weit genug geht". Wir erklärten den Parteien, daß wir
Elektronik, Holz, Papier, nichteisenhaltige Metalle und alle bereit sein müssen, unsere verbleibenden Meiviele andere. Wir sind bereit, unseren Beitrag zu einem nungsverschiedenheiten beizulegen, da wir andernsolchen Paket zu leisten, auch im Bereich der Spitzen- falls ein Scheitern riskierten.
zollsätze, die alle weiterhin auf dem Verhandlungstisch liegen. Wir werden die gegenwärtig bestehende In den nächsten 10 Monaten stellten wir jedoch fest,
Blockade bei den Zöllen auf Industrieprodukte ohne daß es unmöglich war, multilaterale Verhandlungen
eine Verpflichtung aller Seiten, für das Schlußpaket über Probleme zu führen, die für uns von Bedeutung
einen Maximalansatz - anstatt eines Minimalansatzes waren. Statt dessen war es erforderlich, zu sehen, ob
- zu wählen, nicht beseitigen.
wir zugunsten zahlreicher betroffener Agrarexporteure den Bedenken der EG im Bereich Landwirtschaft
Einige mögen auf die unlängst erfolgte Vorlage eines entgegenkommen könnten. Sie alle kennen die Geüberarbeiteten Angebots der Europäischen Gemein- schichte dieses Dramas, und ich werde nicht weiter
schaft verweisen. Dieses Angebot ist jedoch im we- darauf eingehen. Es soll ausreichen, anzumerken,
sentlichen ein Schnappschuß des Verhandlungspro- daß hier in Genf ein stillschweigendes Einverständnis
zesses, der die Notwendigkeit weiterer Verhandlun- darüber herrschte, daß wir einen solchen Durchbruch
gen illustriert, wenn wir ein Paket zum Marktzugang im Agrarbereich benötigten. Dies sollte jedoch nievollenden möchten. Die Vereinigten Staaten sind mandes Urteil erschüttert haben, daß ein konzentrierbereit, ein ähnliches Angebot in Form eines "Statusbe- ter und intensiver Prozeß zur Lösung der Probleme in
richts" zu Beginn der nächsten Woche vorzulegen. anderen Bereichen des Entwurfs erforderlich ist. Der
Wenn wir dies tun, werden wir jedoch andere darauf TNC war nicht in der Lage, einen solchen Prozeß zu
hinweisen, daß wir nur durch das Engagement, über entwickeln und ihm genug Zeit einzuräumen, um die
politisch sichere Positionen hinauszugehen und eine Aufgabe zu bewältigen. Die Vereinigten Staaten haben
maximale Öffnung der Märkte zu erzielen, das erfor- seit Mitte November ein vollständiges Team entsandt,
derliche Signal geben können, daß das Paket über daß genau für diese Verhandlungen bereitsteht. Wir
Industriezölle schließlich doch Gestalt annimmt.
sind weiterhin willens, dieses schwierige Unterfangen
durchzuführen. Eine Reihe von Vorschlägen liegen
Diese bedauerlichen und unvorhergesehenen Verzöheute auf dem Verhandlungstisch. Unsere Gespräche
gerungen bei der Erlangung echter, greifbarer Ergebder letzten Tage bestätigen, daß in einigen Fällen die
nisse beim Marktzugang haben uns daran gehindert,
Unterhändler Sprachregelungen vorgelegt haben, die
den erforderlichen Schwung zu gewinnen, um unsere
anscheinend bereits seit einiger Zeit in ihren GesäßtaDifferenzen über den Entwurf der "Schlu ßakte" auszuschen angewärmt wurden, da sie nur auf den richtigen
räumen. Tatsächlich haben die Bereiche 1 und 2
Moment warteten.
entgegen dem Plan des Vorsitzenden des Verhand-

Seite 2

AMERIKA DIENST 51

�Die Realität ist einfach: Wir waren nicht in der Lage,
die Schlußabmachung auszuhandeln. So soll es denn
sein. Zumindest wissen wir jetzt, wo die wirklichen
Differenzen liegen, die uns alle von einer fröhlichen
Unterzeichnungszeremonie trennen. Was wir alle jetzt
tun müssen, ist, in den kommenden Wochen unsere
informellen Kontakte untereinander zu intensivieren,
um zu sehen, wie wir unsere Meinungsverschiedenheiten beilegen können. Zweifellos möchten wir

alle Erfolg haben. Die Frage lautet, ob wir einen
Weg finden können.
Herr Vorsitzender, wir freuen uns darauf, unsere
Gespräche im neuen Jahr in einer erneuerten Atmosphäre der Hoffnung ebenso wie mit einem nüchternen
Realitätssinn im Hinblick auf die vor uns liegenden
Aufgaben wiederaufzunehmen.

*

AMERIKA DIENST 51

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
23. Dezember 1992

WIRTSCHAFTSGIPFEL KONZENTRIERT SICH AUF
LANGSAMES WACHSTUM UND INVESTITIONEN
Auszüge der Redebeiträge
LITTLEROCK-(AD)-Beidem vom künftigen Präsidenten Clinton am 14. und 15. Dezember 1992 anberaumten
"Wirtschaftsgipfel" zogen Wirtschaftswissenschaftler Bilanz der amerikanischen und internationalen Wirtschaftslage, erörterten die wesentlichen Probleme und unterbreiteten Vorschläge zu deren Lösung. Die
Veranstaltung wurde landesweit im Fernsehen übertragen.
Nachfolgend veröffentlichen wir kurze Auszüge aus den Redebeiträgen von zwölf Teilnehmern.
Robert Solow, Nobelpreisträger und Professor am
Massachusetts Institute of Technology

schnittsfamilie verbessert sich nur langsam - und ein
zunehmendes Gefälle - das bedeutet, der Lebensstandard vieler Familien wird niedriger statt höher. Die
Wir leben mit den Folgen vierjähriger Stagnation, einzige Lösung für das Produktivitätsproblem sind
erwarten das Ende einer Rezession, die nicht aufhören Investitionen in moderne Industrieausrüstung, Forwill. Jeder sucht nach Anzeichen für eine Gesundung schung und Entwicklung, die Verkehrs- und Kommuniwie Landwirte nach Regen Ausschau halten...
kationsinfrastruktur sowie Aus- und Fortbildung.
Die einzige Lösung für das langfristige Problem sind
mehr Investitionen aller Art. Es gibt jedoch nichts
Lähmenderes für Unternehmensinvestitionen als eine
Volkswirtschaft, die stagniert und ihre vorhandenen
Produktionskapazitäten nicht nutzt. Hätte 1991 und
1992 eine normale Erholung stattgefunden, hätte die
amerikanische Industrie zusätzliche Investitionen in
neue Betriebe und Ausrüstung in Höhe von mindestens 100 Milliarden Dollar getätigt, und wir wären
mindestens 100 Milliarden Dollar näher an einer effizienten Industriebasis, die technologisch auf dem
neuesten Stand ist...

Aus- und Fortbildung sind von zweifacher Bedeutung.
Sie dienen einem doppelten Zweck, denn sie sind die
einzige uns zur Verfügung stehende realistische Chance
zur Verbesserung der Einkommensmöglichkeiten der
Armen, damit auch sie von steigenden Einkommen
profitieren können.

Schließlich lautet die vordringlichste Aufgabe, einen
starken Aufschwung herbeizuführen. Dies ist nicht nur
unabdingbar, weil es das einzige ist, was wir tun
können, um in den nächsten drei oder vier Jahren
Ergebnisse zu zeitigen. Ohne einen starken Aufschwung erhalten wirauch nicht die benötigten InvestiIn den vergangenen 15 Jahren hat sich in der amerika- tionen, und die langfristigen Probleme werden gravienischen Wirtschaft eine wichtige Entwicklung vollzo- render und schwieriger zu beheben.
gen... Die Kluft zwischen Reichen und Armen ist
größer geworden als zuvor... Die 20 Prozent der Alan Blinder, Professor für WirtschaftswissenFamilien mit den niedrigsten Einkommen im Jahr 1992 schaften, Princeton University
hatten absolut niedrigere Einkommen als die 20 Prozent der Familien im Jahr 1977. Die nächsten paar Ich möchte heute morgen hier ein sehr einfaches
Prozent konnten ihren Stand gerade halten. Rund 40 Thema anschneiden - nämlich, daß die unzureichenProzent der Familien konnten zwischen 1977 und den Investitionen in unser Humankapital, die Qualität
1992 geringe Zuwächse verzeichnen, aber nur die unserer Arbeitskräfte, einen Großteil des vor uns lieoberen 20 Prozent der Familien haben wirklich dazu- genden Problems darstellen und eine Behebung dieser Situation einen wesentlichen Teil der Lösung
gewonnen...
ausmacht. Aus diesem Grund wurde im WahlkampfDie zwei grundlegenden langfristigen Probleme unse- programm die Betonung vornehmlich auf den Menrer Volkswirtschaft sind schwacher Produktivitätszu- schen gelegt - und dies war meines Erachtens durchwachs - das heißt, der Lebensstandard der Durch- aus angemessen.
AMERIKA DIENST 51

Seite 1

�Was ist also das Problem?... In der Tat gibt es zwei
Probleme. Das erste ist der absolut erschreckende
Rückgang des Produktivitätszuwachses... Der zweite
Teil des Problems ist... der unzumutbare Anstieg des
Einkommensgefälles...

Es wurde bereits eine Vielzahl von Projekten ausgemacht, die sich potentiell außerordentlich bezahlt
machen. Zum Beispiel können sich die Einnahmen
aus dem Bundesautobahnnetz auf 30 bis 40 Prozent
belaufen. Auch zunehmende Ausgaben wie etwa für
die Flugsicherung und die Rollbahnen können sich äuDie erste Reaktion der Vereinigten Staaten auf das ßerst bezahlt machen. Die Fakten belegen ferner die
Problem des Produktivitätsrückgangs hat das Pro- Bereitschaft der Bevölkerung, für höhere staatliche Inblem des Einkommensgefälles noch verschlimmert. vestitionen zu bezahlen. Wann immer sie über AusgaIch beziehe mich hier natürlich auf die angebotsorien- ben für Brücken, Wasser- und Abwassersysteme,
tierte Wirtschaft oder eine Wirtschaftsentwicklung von Straßen oder Umweltprojekte abstimmen sollen, sind
oben nach unten mit Sickereffekt - wie immer Sie es sie für gewöhnlich zu einem sehr hohen Prozentsatz
bezeichnen wollen. Ich möchte betonen, daß die dem für die Vorschläge.
Programm zugrundeliegende Logik absolut schlüssig
war. Diese Denkweise war nicht irreführend. Steuer- Michael Porter, Professor für Betriebswirtschaft,
anreize für Spareinlagen und Investitionen verschaf- Harvard University
fen - wenn sie funktionieren - dem Land mehr Kapital,
Arbeitnehmer mit mehr Kapital sind produktiver und Das herkömmliche Paradigma war eines, bei dem sich
produktivere Arbeitnehmer verdienen besser. Das Erfolg auf den Zugang zu Rohstoffen, Arbeitskräften
und wissenschaftlichen Erkenntnissen gründete. Das
war die Logik.
herkömmliche Paradigma war eines, in dem UnternehWenn man jedoch das nackte Gerüst der Logik mit auf men sich großer, auf dem Binnenmarkt erwirtschafteForschung, Erkenntnisse und nicht zuletzt gesunden ter Kostenersparnisse durch optimale BetriebsvergröMenschenverstand gegründeten Zahlen versieht, sum- ßerung erfreuen konnten und florierten. Mit diesem
miert sich das bedauerlicherweise zu keinem sehr alten Paradigma sind wir gut gefahren. Dieses alte
großen Sickereffekt. ..Während der Zeit derangebots- Paradigma wurde jedoch durch ein neues ersetzt - die
orientierten Wirtschaft nahmen die Reallöhne um rund Globalisierung des Wettbewerbs und den technologiein Viertelprozent pro Jahr in einem Zeitraum von 11 schen Fortschritt.
Jahren zu. Das ist eine nationale Tragödie.
Heute sind Rohstoffe auf Weltmärkten frei verfügbar.
Glücklicherweise gibt es eine alternative Strategie zur Heute können Firmen arbeitskräfteintensive AktivitäWirtschaftsentwicklung von oben nach unten, nämlich ten an jeden Ort der Welt verlagern, um von niedrigeeine von unten nach oben. Die Logik entspricht genau ren Lohnkosten zu profitieren. Heute sind wissender schlüssigen Logik des Sickereffekts. Das heißt, schaftliche Erkenntnisse leicht zu beschaffen... Alles
wenn man die Verbesserung der Qualität der Erwerbs- befindet sich heute im freien Fluß.
bevölkerung anstrebt und damit Erfolg hat, erhöht sich
die Produktivität des Kapitals in unserer Volkswirt- Heute ist das alte Paradigma durch ein neues ersetzt
schaft, vermehrt sich das Einkommen der Kapitaleig- worden - durch internationalen Wettbewerb. Und
ner und es gibt nichts, was Investitionen mehr ankur- dieses Paradigma gründet sich auf Dynamik, die
Fähigkeit von Unternehmen zu Innovation und höchbelt als höhere Kapitalerträge...
ster Modernisierung, um konkurrenzfähig zu sein. Dieses
Alicia Munnell, Vizepräsidentin und Forschungs- neue Paradigma bedeutet, daß Nachteile in Vorteile
umgewandelt werden können. Japan hat sehr hohe
direktorin, Bundeszentralbank von Boston
Energie- und Grundstückskosten. Durch Innovation
Jüngste Forschungen belegen, daß die öffentliche haben die Japaner diese Nachteile in energiesparende
Infrastruktur zum Produktivitätszuwachs des Privat- Produkte und raumsparende Produktionstechniken
sektors beiträgt. Betrachten Sie sich beispielsweise umgekehrt wie "just-in-time". Mit dem neuen Paradigdie einzelnen Bundesstaaten im Hinblick auf ein be- ma sind Kostenersparnisse durch optimale Betriebsstimmtes Niveau von Privatkapital und Arbeitskräften, vergrößerungen veraltet und werden durch dynamiso produzieren Bundesstaaten mit einer besseren schere Konkurrenten ersetzt...
öffentlichen Infrastruktur mehr Waren und Dienstleistungen. Studien haben ferner ergeben, daß Ausga- Die Frage ist, was geschieht, wenn sich Unternehmen
ben für die Infrastruktur im Gegensatz zur herkömmli- entwickeln. Und hier wird die gesamte amerikanische
chen Meinung von Ökonomen Privatinvestitionen nicht Industrie investitionsmäßig einfach dramatisch überverdrängen, sondern sie vielmehr stimulieren. Zusam- treffen. Die Graphik zeigt, daß wir bei Anlage- und
mengenommen belegen die Fakten, daß Investitionen Ausrüstungsinvestitionen übertroffen werden. In diein die Infrastruktur den wirtschaftlichen Kuchen in sen Bereichen investieren wir bedeutend weniger als
Zukunft vergrößern können...
unsere großen internationalen Konkurrenten...

Seite 2

AMERIKA DIENST 51

�Wir können in den Vereinigten Staaten unsere Probleme mit fehlenden Privatinvestitionen nicht durch verstärkte staatliche Investitionen lösen. Dafür haben wir
einfach ein zu großes Haushaltsdefizit. Es gibt keine
Möglichkeit für die Bundesregierung,... jemals genug
Geld in das System zu pumpen, um fehlende Privatinvestitionen auszugleichen.
Was bedeutet das? Es bedeutet zweierlei. Erstens
müssen wir unsere Probleme direkt auf dem Sektorder
Privatinvestitionen angehen. Wir müssen sie auf
direktem Weg lösen. Zweitens dürfen wir die knappen
Mittel unseres Landes nicht um ihrer selbst willen
nutzen, sondern müssen mit ihrer Hilfe Anreize schaffen und größere Investitionen im Privatsektor herbeiführen. Staatliche Investitionen können kein Ersatz für
Privatinvestitionen sein, sondern sollten letztere auslösen und ergänzen.
Rüdiger Dornbusch, Professor für Wirtschaftswissenschaften am Massachusetts Institute of Technology
Europa hat zwei Probleme. Eines davon ist Deutschland. Die Bundesbank ist ständig auf die Inflation
fixiert. Das ist einerseits richtig, denn die Inflationsrate
steigt; andererseits wären andere Möglichkeiten der
Inflationsbekämpfung - Zurückhaltung bei Lohnerhöhungen und Maßnahmen im Bereich der Haushaltspolitik - vielleicht besser. Tatsache ist jedoch, daß
Deutschlands Geldpolitik ganz Europa in ihren Sog
gezogen hat, und daß dort ein Wandel nicht so schnell
zu erwarten ist...
Wenn die Inflation in Deutschland weiterhin ein Problem bleibt, wenn sich die anderen Länder weiterhin an
die Deutsche Mark klammern, weil sie keine Alternative dazu sehen, dann wird es in Europa sicherlich
Nullwachstum und vielleicht sogar eine Rezession
geben. Eine europäische Rezession ist jedoch keine
Lösung, denn Osteuropa braucht Märkte, Osteuropa
braucht Reformen, und wenn die Westeuropäer das
Gefühl haben, daß sich die Wirtschaftslage verschlechtert, dann verschlimmert das nur die Aussichten für die
Weltwirtschaft.

kommt jetzt vielleicht zu spät und reicht zur Lösung des
japanischen Problems nicht aus. Sehr wenig Wachstum im kommenden Jahr, vielleicht Nullwachstum oder
sogar eine Rezession - so sind die Aussichten wahrscheinlich für Japan...
Wenn es aus Europa und Japan schlechte Nachrichten gibt, so trifft das auch auf Lateinamerika zu. Das
Wachstum ist auf 1,5 bis 2 Prozent gesunken, und in
Mexiko werden die Probleme immer größer, da die
Währung dort derart überbewertet ist, daß die Regierung das Wachstum bremsen muß. In Argentinien
sind die Reformen ins Stocken geraten, weil die überbewertete Währung plötzlich viele positive Ereignisse
der letzten Jahre wieder in Frage stellt. In Venezuela
ist der Populismus die Regel, und in Brasilien erweist
sich der neue amtierende Präsident schon vor Ende
des ersten Monats seiner Amtszeit als ein Populist.
Lateinamerika, das in den letzten Jahren aufgrund der
zunehmenden Liberalisierung seiner Volkswirtschaften ein wichtiger Markt war, könnte in den nächsten
Jahren für uns zu einem Problemgebiet und weniger zu
einer Quelle des Wachstums werden.
Zum Schluß äußerst schlechte Nachrichten aus der
ehemaligen Sowjetunion... das Chaos in Rußland, die
bevorstehende Hyperinflation, fehlende Fortschritte
im Bereich der marktwirtschaftlichen Reformen, immer offensichtlicheres Fehlen politischer Stabilität...
all das bedeutet, daß es für die Weltwirtschaft weniger
Gewißheit und folglich eine weniger stabile Weltwirtschaft gibt.
Jeffrey Garten, Professor für Finanz- und Wirtschaftswissenschaften an der Business School
der Columbia University

Die Aussichten für die europäische Wirtschaft sind
düster... Aber neben der wirtschaftlichen gibt es eine
soziale Situation, die meiner Meinung nach außer
Kontrolle zu geraten droht. Das große Problem sind
die Flüchtlinge, nicht nur aus Osteuropa, sondern auch
aus Nordafrika. In ganz Europa sind wir Zeuge heftiger
Reaktionen von Bürgern, die um ihre Arbeitsplätze
fürchten, sich über steigende Mieten Sorgen machen,
über all die drängenden Probleme, die dieser breite
Neben dem drängenden Problem der deutschen Infla- Zustrom von Menschen mit sich bringt...
tion existiert das noch viel gravierendere Problem, daß
Europa sein Ziel verliert. Maastricht, ein geeintes Das Wechselkurssystem Europas steht kurz vor dem
Westeuropa, war in den Zeiten des Kommunismus Zusammenbruch. Angesichts der wirtschaftlichen
und der Mauer eine außergewöhnliche Idee, die je- Umstände überrascht es nicht, daß in Europa der Ruf
doch heute wenig Sinn hat...
nach Protektionismus lauter wird... Da das europäische Wechselkurssystem kurz vor dem ZusammenIn Japan sieht es ebenso schlecht aus... Die Ge- bruch steht, wird das Finanzsystem der Welt sich
schäftswelt ist angesichts der schwindenden Nachfra- enormen Unsicherheiten gegenübersehen...
ge und der steigenden Lagerbestände wie gelähmt,
alle Banken sind bankrott und die Regierung ist prak- Meiner Ansicht nach müssen wir so eng wir können mit
tisch hilflos... Man versucht jetzt, dem Problem im den Europäern und Japanern zusammenarbeiten, um
Bereich der Haushaltspolitik beizukommen, aber das ... sie zu ermuntern, keine deflationäre, wie das jetzt
Paket, das nun vom Parlament angenommen wurde, der Fall ist, sondern eine wachstumsorientierte Politik

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Seite 3

�zu verfolgen... In Ländern wie Deutschland oder
Japan gibt es ein so großes Führungsvakuum, die
Politiker verfolgen meiner Meinung nach keine klare
Linie, und das ist für die Vereinigten Staaten wirklich
eine gute Gelegenheit.

Nachricht sind neu entstehende Märkte, insbesondere
in Lateinamerika. Die Märkte der Entwicklungsländer
haben dieses Jahr fast drei Viertel zum Exportwachstum der Vereinigten Staaten beigetragen. Allein die
Exporte nach Lateinamerika stiegen 1991 um 18 Prozent und steigen fast dreimal so schnell wie die ameIch denke, wir müssen die Uruguay-Runde so bald wie rikanischen Exporte in die ganze Welt. Das ist fast
möglich zu einem Abschlu ß bringen. Ich wei ß, daß das viermal so schnell wie der Anstieg bei Exporten in die
kein perfektes Abkommen ist. Es wird niemals ein Europäische Gemeinschaft und siebenmal so schnell
perfektes Abkommen geben. Aber ein Abschluß der wie der Anstieg bei Lieferungen in alle EntwicklungsUruguay-Runde würde auf der ganzen Welt das Ver- länder.
trauen in die Wirtschaft stärken, es wäre für das
Welthandelssystem wie ein Schuß Adrenalin...
Der Handel mit Lateinamerika reicht jedoch nicht aus.
Der Handel mit dieser Region ist nur ein relativ kleiner
Larry Summers, Chefökonom der Weltbank
Teil unseres gesamten Handels. Die schnelle Wachstumsrate unserer Exporte nach Lateinamerika kann
Das einzige, was schneller gesunken ist als der Output
wegen der erneuten enormen Außenhandelsdefizite
in Osteuropa und der früheren Sowjetunion sind Schätvieler dieser Länder nicht aufrechterhalten werden.
zungen über den Wohlstand dieser Länder, nachdem
Darüber hinaus hält die Schwäche der größten Volkswestliche Wirtschaftswissenschaftler die Möglichkeit
wirtschaft der Region, Brasilien, weiter an, und am
bekommen hatten, die Vorgänge dort zu untersuchen.
Horizont türmen sich dunkle Wolken auf in dem Maße,
Nach den neuesten Schätzungen beträgt der Lebensin dem die Unzufriedenheit mit dem langsamen Anstandard dort ein Achtel des Lebensstandards in den
wachsen wirtschaftlicher Vorteile für die einkommensVereinigten Staaten.
schwächeren Gruppen in jener Region steigt.
Die sozialen Indikatoren sind noch schlechter. Aufgrund der Umweltprobleme und der Probleme im James Tobin, Nobelpreisträger, Yale University
Gesundheitssektor ist die Lebenserwartung der Män- Das Problem (der amerikanischen Wirtschaft) ist ein
ner in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion in Problem der Nachfrage, das heißt, es wird nicht genug
den letzten 25 Jahren um mehr als zwei Jahre gesun- ausgegeben - von Konsumenten, Ausländern, die
ken...
unsere Produkte kaufen, Regierungen, die Waren und
Dienstleistungen erwerben, Unternehmern, die InveMutige Reformen sind hierauf die einzige Antwort und
stitionen tätigen. Besteht also Anreiz zur Schaffung
die einzige Aussicht auf Erfolg. Manche, die sich die
der Arbeitsplätze, die wir bis 1996 benötigen? Meines
wirklich desolate Wirtschaftslage in Osteuropa und der
Erachtens ja. Der Arbeitsmarkt ist aus vielerlei Grünehemaligen Sowjetunion anschauen, sind der Meiden schwächer, als die Arbeitslosenquote vermuten
nung, sie erfordere langsamere, schrittweise Reforläßt. Zahlreiche Arbeitnehmer wurden unfreiwillig auf
men oder eine andere Lösung. Das stimmt nicht. Es
Kurzarbeit gesetzt, obwohl sie lieber Vollzeit arbeiten
ist offenkundig, daß das Fehlen von Reformen, nicht
würden...
jedoch ihre Ergebnisse, das Problem sind. Eine fünfzigprozentige Verringerung des Handels innerhalb der Eine Frage lautet, warum kann die Bundeszentralbank
ehemaligen Sowjetunion, ein Verteidigungssektor, der diese Aufgabe nicht alleine bewältigen? Nun, wir
früher ein Fünftel der sich im freien Fall befindlichen haben gestern vom Bankrott der Banken gehört und
Wirtschaft ausmachte, eineduich ständige Subventio- sehen, daß es die Bundeszentrabank mehr oder weniger
nen hervorgerufene Hyperinflation - das und nicht die aufgegeben hat, irgend etwas zur Ankurbelung der
Reformbemühungen sind die Gründe für den Verfall Nachfrage in die Wege zu leiten, obwohl sie eine
der Wirtschaft.
Spanne von 300 Punkten zwischen den Zinssätzen hat
- den aktuellen Zinssätzen für kurzfristige Anlagen und
Paula Stern, Präsidentin der Stern Group
Null. Vielleicht hat die Bundeszentralbank während
Der anhaltende starke Anstieg der Exporte und die der jüngsten Konjunkturflaute zu spät zu wenig unterVerringerung des amerikanischen Haushaltsdefizits nommen, so daß sie die Erwartungen von Wirtschaft
sind jetzt großen Bedrohungen ausgesetzt. Diegrößte und Unternehmen nicht erfüllen konnte. Aus diesem
Gefahr für die Exporte der Vereinigten Staaten ist die Grund benötigt das Land kurzfristig gewisse Steueranwirtschaftliche Verlangsamung in den meisten Indu- reize. Praktisch jeder Konjunkturaufschwung seit dem
strieländern... Das hat zur Folge, daß unsere wichtig- Zweiten Weltkrieg erfolgte mit Hilfe steuerlicher Anreisten Exportmärkte stagnieren und eine Belastung für ze und Sie erinnern sich vielleicht, daß der Aufschwung
der achtziger Jahre dank der Steuersenkungen und
eine mögliche binnenwirtschaftliche Erholung sind.
militärischen Aufrüstung der Reagan-Administration
Zusätzlich stellt die gegenwärtige Unterbewertung des mit den massivsten steuerlichen Anreizen gestützt
Yen eine Gefahr für den Handel der Vereinigten Staa- wurde, die je in Friedenszeiten gewährt wurden.
ten dar. Das war die schlechte Nachricht. Die gute
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�Im Augenblick ist Inflation unwahrscheinlich, nicht
existent, und wir sind weit von einer Überschwemmung der Kapitalmärkte entfernt. Wegen dieser Tatsachen gibt es keinen besonderen Grund, sich mit der
Expansion der Wirtschaft zurückzuhalten.

nehmensexpansion aufrechtzuerhalten. Ein Programm
in Höhe von 20 bis 30 Milliarden Dollar für kurzfristige
Steueranreize sollte meiner Meinung nach abgeschlossen und wie benötigt Anfang 1993 gesetzlich verankert
werden, allerdings mit einer Option, es auf Eis zu
legen, wenn der derzeitige wirtschaftliche Aufschwung
Sie als Mitglieder der neuen Administration wollen die zu viel Auftrieb erhält.
Bundeszentralbank auf Ihrer Seite haben, damit sie
einen gesunden Aufschwung bewirkt, und ich hoffe, Die Kriterien der bei diesen steuerlichen Anreizen
daß das Finanzministerium unter dem neuen Minister verwendeten Maßnahmen sollten meines Erachtens
aufhören wird, Obligationen mit langer Laufzeit zu doppelte Aufgaben erfüllen oder in dem Sinn wirksam
übertrieben hohen langfristigen Zinssätzen herauszu- werden, daß es Maßnahmen sind, die kurzfristiges
geben.
Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen
ankurbeln, gleichzeitig jedoch die mögliche Produktion
Die Steuerpolitik zur wirtschaftlichen Gesundung hebt langfristig erhöhen. Zu Möglichkeiten für diese doppelzwangsläufig das Defizit vorübergehend an. Wir lügen te Aufgabenstellung oder wirksamen Maßnahmen dieser
uns selbst in die Tasche, wenn wir davon ausgehen, es Art zählen: Ausgaben für die Infrastruktur von Stragäbe steuerliche Anreize, die nicht dieses Ergebnis ßen, Autobahnen, Gebäuden, Flughäfen, Schienenzeitigen. Meines Erachtens mu ß man die kurzfristigen und Telekommunikationsnetzen sowie steuerlich
steuerlichen Anreize mit glaubwürdigen Maßnahmen absetzbare Kredite für Investitionen in Gerät. All diese
zum Abbau des Defizits verbinden, die später so weit Maßnahmen können kurzfristig die Schaffung von
wie möglich schrittweise eingeführt und wirksam wer- Arbeitsplätzen und Wachstum fördern, längerfristig
den - seien es Steuererhöhungen oder Ausgabenredu- jedoch zu potentieller Produktion beitragen. Steuerlich
zierungen. Wir wissen ferner alle, daß eine der Not- absetzbare Kredite für Investitionen würden pro Dollar
wendigkeiten bei jedem Plan zum Defizitabbau langfri- den größten Gewinn erzielen, wenn sie für produktives
stig in der Lösung der Probleme im Gesundheitswesen Gerät getätigt und aufgestockt werden können oder
besteht.
erstattungsfähig sind. Andere Möglichkeiten sind
Maßnahmen wie Inflationsindexierung der KapitalerAngesichts der heutigen flauen Konjunktur wären fisträge, steuerlich absetzbare Kredite für Forschung und
kalische Sparmaßnahmen kontraproduktiv und würEntwicklung, Aus- und Fortbildungsprogramme sowie
den die Investitionen in Betriebe, Ausrüstung, TechnoAnreize für mittelständische Unternehmen.
logie und Humankapital für die Zukunft eher verringern... Die Clinton-Administration hat die Chance, die Kurzfristige steuerliche Anreize können als Versichefür eine kurzfristige Gesundung erforderlichen steuer- rung dafür angesehen werden, daß die Wirtschaft auf
lichen Anreize zur Verfügung zu stellen, indem sie Dauer ihre Flaute hinter sich lä ßt oder als jetzt getätigte
Anleihen aufnimmt und Ausgaben tätigt, die ständige Anzahlung für die zum Wiederaufbau der KapitalreserProduktivitätszuwächse aufgrund von Investitionen in ven des Landes, Anhebung des ProduktivitätswachsInfrastruktur und Bildungswesen zur Folge haben, was tums, Verbesserung der Bildungschancen sowie Aufin bemerkenswertem Gegensatz zu den Zielen steht, stockung der zur potentiellen Produktion erforderlifür die in den achtziger Jahren Defizite angehäuft chen langfristigen Maßnahmen. Um stimulierend zu
wurden.
wirken, bringen diese Maßnahmen zwangsläufig eine
vorübergehende geplante Erhöhung des HaushaltsAllen Sinai, führender Wirtschaftswissenschaftler
defizits mit sich.
der Anlagefirma Boston Company
Wie kann das für die Schaffung neuer Arbeitsplätze Es sollten jedoch größere Anstrengungen unternomerforderliche schnellere Wachstum bewirkt werden? men werden, um Maßnahmen zum Anstieg des WachsLetztlich ist es die langfristige potentielle Produktion - tums ohne Erhöhung des Haushaltsdefizits auszumadas maximal oder optimal erreichbare Wachstum für chen. Einige Möglichkeiten wären: Verbesserte Vordie Wirtschaft - die angehoben werden muß. Diese schriften für Bankanleihen zur Ankurbelung des WachsRate beträgt unseren Schätzungen zufolge jetzt nur tums bei geringen Kosten für den Etat, eine Verlagerund 2 oder 2,5 Prozent pro Jahr- entschieden weniger rung bei Finanzierungen durch das Finanzministerium
als der Trend der Vorkriegszeit von 3 Prozent und von Obligationen mit langer Laufzeit, um die Zinskomehr sowie realen Begrenzungen bei der Schaffung sten für Finanzierungen der Bundesregierung zu reduzieren, größere Effizienz und verringerte Kosten für
von Arbeitsplätzen auf kurze und lange Sicht.
das Angebot von Dienstleistungen im GesundheitsweKurzfristig ist wahrscheinlich eine bescheidene Dosis sen, neue Finanzierungsmechanismen für Infrastruksteuerlicher Nettoanreize erforderlich, um Wachstum turprogramme wie neue steuerfreie Bürgschaften oder
und die Schaffung von Arbeitsplätzen als Teil der Anlagegesellschaften, die von der Bundesregierung
Aufgabe anzukurbeln, das potentielle Wachstum gestützte oder durch sie versicherte Bürgschaften herlangfristig zu steigern und die aufstrebende Unter- ausgeben.
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�Würden Investitionen in kurzfristiges Wachsum dem
längerfristigen Ziel der Reduzierung des Haushaltsdefizits zuwidertaufen? Nicht zwangsläufig. Es muß
festgestellt werden, daß schnelleres Wachstum zu
zusätzlichen Steuereinnahmen und niedrigeren Ausgaben des Staates für Arbeitslosenhilfe führt. Steuerliche Maßnahmen, die Defizite und Wachstum steigern, machen sich daher von selbst bezahlt, wenn
auch nicht in vollem Umfang. Wenn die Maßnahmen
wirksam sind, auf kurze Sicht Wachstum und die
Schaffung von Arbeitsplätzen anheben sowie langfristig die potentielle Produktion steigern, würde das
Potential der Wirtschaft verbessert, höhere Steuereinnahmen bei gleichzeitiger Vollbeschäftigung zu bewirken.

Daher würde man mit einem wirtschaftlichen Anreiz
dieser Höhe meiner Ansicht nach kein Risiko eingehen. Andere bevorzugen jedoch vielleicht geringere
Anreize.
Auf lange Sicht sollte dies bewirkt werden, indem man
die für die langfristige Reduzierung des Haushaftsdefizits notwendigen Schritte ankündigt und - soweit
möglich - einleitet. Und Allen Sinai hat schon darauf
hingewiesen, daß das für später geplante Steuererhöhungen miteinschließen könnte - beispielsweise bei
der Benzin- und Kohlesteuer. Das würde unter anderem auch alle zusätzlichen Kürzungen im Verteidigungshaushalt miteinbeziehen, die noch über die von
Präsident Bush vorgeschlagenen hinausgehen und
denen die neue Administration zustimmen müßte.

Senator Bentsen, Vorsitzender des Finanzausschusses des Senats und designierter Finanzminister

Ich denke, mit diesem dualen Programm wären wir
unserem Land und dem Ausland gegenüber glaubwürdig. Letzteres hat ein ebenso großes Interesse wie wir
Wir sprechen jetzt über ein Wachstum von ungefähr 3 an einem Wachstum in der Weltwirtschaft und der
Prozent, was nicht besonders hoch, aber auch nicht Vermeidung einer internationalen Stagnation oder
schlecht ist. Ein Großteil dessen geht mit einem 2,5- Rezession, das heißt, niedrigen Zinssätzen in Europa
prozentigen Produktivitätszuwachs und daher netto und Japan sowie in den Vereinigten Staaten.
mit einer sehrgeringen Erhöhung der Zahl von Arbeitsplätzen einher. Ich wüßte gerne, was Sie von kurzfri- Henry Aaron, Direktor der wirtschaftswissenschaftstigen Anreizen, insbesondere ihrer Höhe und Dauer, lichen Abteilung der Brookings Institution, einer
privaten Forschungsinstitution in Washington
halten.

Herr Sinai sprach darüber, hier eine Option offenzulassen, um diesen Anreiz abschwächen zu können, wenn
die Wachstumsrate überß Prozent steigt. Ich verbinde
das jedoch mit dem Problem, daß wir meines Erachtens die G-7 stärken müssen, die Vereinigten Staaten
hierbei eine führende Rolle spielen sollten und wir eine
Geldpolitik ausarbeiten wollen, die eine Rezession in
Europa und in diesem Land verhindert sowie für uns
alle von Vorteil sein würde. Daher müssen wir glaubwürdig sein, wenn wir Deutschland und Japan klarmachen wollen, daß wir gleichzeitig im Bereich der Steuerpolitik verläßlich sind.

Zunächst einmal möchte ich einige kurze Anmerkungen zu dem vorgeschlagenen Paket schneller Anreize
machen. Sie haben wahrscheinlich bis heute immer
die Haltung eingenommen, es sei klug und weise, die
wirtschaftliche Entwicklung am Jahresende abzuwarten. Betrachten Sie das Bruttosozialprodukt im vierten
Quartal des Jahres, die Arbeitslosenquote im Dezember sowie andere Indikatoren. Meines Erachtens ist
das ein vernünftiger Kurs. Vielleicht ist ein Anreiz
notwendig, aber wenn die Wirtschaft andauernde
Anzeichen von Erholung zeigt, sollte er äußerst klein
gehalten und möglicherweise immer weiter reduziert
werden.

Herr Dr. Tobin, ich würde gerne von Ihnen hören, was
sie über die Höhe und die Dauer dieses Anreizes Jetzt möchte ich mich dem Thema der langfristigen
Defizitreduzierung widmen, die öfters mit einer Krankdenken.
heit verglichen wird. Meines Erachtens ist das ein
James Tobin
treffender Vergleich, denn es ist eine langwierige,
kräftezehrende Krankheit. Heute liegt das EinkomIch würde für zwei Jahre Anreize in Höhe von ungefähr men jedes Amerikaners - Erwachsener oder Kind - im
einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts befürworten Durchschnitt 1.000 Dollar unter dem Einkommen, das
- das wären um die 60 Milliarden Dollar pro Jahr. Man er ohne das Haushaltsdefizit der letzten 10 Jahre
könnte die Summe im zweiten Jahr etwas senken, gehabt hätte. Es wird sich jährlich um weitere 1.000
wenn das angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung Dollar verringern, wenn das Haushaltsdefizit weiterhin
des Jahres 1993 wünschenswert erscheint. Wenn so hoch bleibt. Und das Volksvermögen wird, wenn
man jetzt noch den Multiplikatoreffekt der aus dem das Defizit ein weiteres Jahrzehnt bestehen bleibt,
Anreiz resultierenden Aufwendungen miteinbezieht, 2.500 Milliarden Dollar geringer ausfallen...
dann kommt man auf ungefähr 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts jährlich. In meinen Ausführungen Ich spreche hier nicht über wirtschaftswissenschaftlihabe ich bereits darauf hingewiesen, daß wir eine che Abstraktionen, sondern überdie tägliche mühevolLücke von fünf bis sechs Prozent schließen wollen. le Arbeit der amerikanischen Arbeiter und Geschäfts-

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�leute. Wenn unser Haushaltsdefizit lediglich ein abstrakter Begriff bleibt, eine für die menschliche Vorstellungskraft zu große Zahl, eine mit menschlichem Vertust
und menschlicher Frustration, die es unweigerlich mit
sich bringt, unverbundene Größe, dann werden wir
niemals wirklich damit fertig werden können...
Eine im Verlauf dieser Konferenz angesprochene
Möglichkeit ist meiner Ansicht nach nicht hilfreich. Ein
Investitionshaushalt ändert nicht die zentralen haushaltspolitischen Tatsachen. Wenn in der Wirtschaft
Vollbeschäftigung oder nahezu Vollbeschäftigung
herrscht und die Regierung Anleihen aufnimmt, wird
Geld von Privatinvestitionen für die private Spartätigkeit abgezweigt. Die Privatwirtschaft in den Vereinigten Staaten leidet zur Zeit nicht unter einem Überangebot von Privatkapital... Die Vereinigten Staaten benötigen mehr, nicht weniger Investitionen.. Das impliziert
meines Erachtens, daß künftig alle Staatsausgaben
entweder durch Kürzungen in anderen Ausgabenbereichen oder durch Steuererhöhungen, nicht jedoch
durch weitere Verschuldung finanziert werden sollten.
Wenn die Bundesregierung Anleihen für Infrastrukturausgaben oder ähnliches aufnimmt, kann die Privatwirtschaft entweder im Land weniger investieren oder
muß im Ausland mehr Geld leihen. In beiden Fällen
werden die amerikanischen Bürger dann um die Investitionserträge gebracht, entweder weil keine Investitionen getätigt werden, oderweil die Erträge an ausländische Besitzer fließen...

Wachstum förderlicher, wenn die Regierung für das,
was sie kauft, auch zahlt...
Die Erfahrung mit Investitionshaushalten scheint all
dem zu widersprechen, aber die Erfahrung der Bundesstaaten in diesem Bereich ist meiner Meinung nach
äußerst irreführend. Effektenbewertungsgesellschaften bestrafen die Bundesstaaten, die mit ihrem Investitionshaushalt M i ßbrauch treiben, schnell und hart. Die
Bundesregierung unterliegt keiner solchen Disziplin.
Auf Bundesebene sind die Möglichkeiten, Mißbrauch
zu treiben, unbegrenzt und gefährlich. Ich kann mir
praktisch keine Tätigkeit der Bundesregierung vorstellen, die geschickte Rechtsanwälte nicht als Investitionen bezeichnen könnten...
Wir müssen uns die Notwendigkeit einer Reduzierung
des Defizits immer klar vor Augen halten, da sie eine
wichtige und - falls wir uns gerechterweise alle daran
beteiligen - auch durchführbare Aufgabe ist. Einige der
beliebtesten Patentrezepte sind meines Erachtens
irreführend. Wir können und müssen, wie hier bereits
betont wurde, die Kosten im Gesundheitswesen reduzieren. Aber strukturell sinnvolle Kürzungen erfordern
Zeit. Ich denke, im ersten Jahr werden die Ersparnisse
recht gering sein, aber bis zum Jahr 2000 sind große
Einsparungen möglich.

Das erhöhte Wachstum wird spontan zu einigen zusätzlichen Einnahmen führen, aber die Früchte der
wachstumssteigernden Maßnahmen werden nur klein
Wenn bei einem Investitionshaushalt auf Defizite ver- sein und langsam reifen. Insbesondere unter den
ursachende Ausgaben verzichtet wird, hat das eine Befürwortern dieser Idee wurden - aus meiner Sicht narkotisierende Wirkung: Es ist Kapital, also können die wachstumsfördernden Effekte von Investitionen in
wir Geld aufnehmen, um es zu bezahlen. Natürlich die Infrastruktur stark übertrieben. Diese Wirkungen
sind Geldanleihen manchmal berechtigt, beispielswei- sind in vielen Fällen kleiner als die von Privatinvestitiose um die Wirtschaft während einer Rezession anzu- nen, die sie - wenn durch Anleihen finanziert - verdränkurbeln. Aber normalerweise sind sie zur Finanzie- gen würden, und ich möchte betonen, daß es praktisch
rung staatlicher Aktivitäten nicht gerechtfertigt, es sei nur in sehr wenigen Fällen möglich sein wird, sie
denn, es gibt stichhaltige Beweise, daß die staatlichen schnell genug herbeizuzaubern, um etwas gegen die
Investitionen viel produktiver sind als die Privatinvesti- jetzige Rezession zu unternehmen.
tionen, die sie ersetzen. Aber selbst dann wäre es dem
* * * * *

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�PORTRAT
23. Dezember 1992

ANGESEHENER BÜRGERMEISTER ALS
WOHNUNGSBAUMINISTER NOMINIERT
Porträt von Henry Cisneros

WASHINGTON - (AD) - Die Berufung von Henry
Cisneros zum Minister für Wohnungs- und Städtebau
(HUD) trägt dazu bei, das Versprechen des gewählten
Präsidenten Clinton einzulösen, in seinem Kabinett für
Vielfalt zu sorgen.
Cisneros, der für seine achtjährige Dienstzeit als Bürgermeister von San Antonio (Texas) Anfang der achtziger Jahre viel Beifall erhielt, ist jedoch bei weitem
mehr als lediglich der erste in Clintons Kabinett aufgenommene Hispanier.

Mondales im Jahr 1984. Mondale entschied sich
schließlich in dem erfolglosen Wahlkampf für Geraldine Ferraro.
Der Name Cisneros gehörte wiederum zu einem der
ersten, die auftauchten, als es um die mögliche Nachfolge von Lloyd Bentsen als Senator für Texas ging,
nachdem Clinton Bentsen zuvor als Finanzminister
nominiert hatte.

Neben seinem politischen Geschick hat sich der designierte Wohnungsbauminister im akademischen BeBei der Bekanntgabe dieser Berufung bezeichnete reich bereits auf dem Gebiet städtischer AngelegenClinton Cisneros am 17. Dezember 1992 als "einen der heiten, für das er im HUD zuständig sein wird, profiliert.
talentiertesten Staatsdiener unserer Zeit". Mit ihm an Nach dem Abschluß seines Grundstudiums an der
der Spitze des Ressorts, das sich mit ihren besonde- Texas A&amp;M University 1968 erwarb er an derselben
ren Problemen beschäftigt "werden die Städte Ameri- Universität 1970 den Magister im Fach Stadtplanung.
kas die Stimme und die Vision haben, die sie benötigen Darüber hinaus wurde ihm 1973 an der Harvard Uniund verdienen", erklärte der künftige Präsident.
versity ein Magister im Fach öffentliche Verwaltung
verliehen. 1976 promovierte er in derselben Disziplin
Aussagen zur Person von Cisneros neigen für ge- an der George Washington University.
wöhnlich zu solchen Superlativen. Während er noch
Bürgermeister von San Antonio war, betonte das bio- Er hatte ein White-House-Stipendium, lehrte am Colgraphische Jahrbuch Current Biography Yearbook von lege und war Mitglied des Stadtrats von San Antonio,
1987 seinen Erfolg bei "der weitgehenden Entschär- bevor er zur ersten von vier zweijährigen Amtszeiten
fung der aus der traditionellen ethnischen Polarisie- als Bürgermeister von San Antonio gewählt wurde.
rung zwischen den Stadtbewohnern angelsächsischer
und lateinamerikanischer Herkunft herrührenden Als er 1988 bekanntgab, daß er nicht für eine fünfte
Spannungen und beim Aufbau einer breiten Koalition Amtszeit kandidieren werde, äußerte Cisneros den
des Wandels durch die schiere Kraft seiner persönli- Wunsch, in der Privatwirtschaft tätig zu werden und
chen Ausstrahlung und geistigen Fähigkeiten, seines sich mehr um familiäre Belange zu kümmern, insbepolitischen Scharfsinns und unermüdlichen Engage- sondere die medizinischen Probleme seines jungen
ments sowie seiner strategischen Vision für die zehnt- Sohnes. Nur wenige Wochen darauf kursierten Berichte über eine außereheliche Beziehung mit einer
größte Gemeinde der Vereinigten Staaten".
Wahlkampfhelferin - Berichte, die er schließlich bestäSolche Einschätzungen sowie seine prominente Stel- tigte.
lung als erster hispanischer Bürgermeister einer großen amerikanischen Stadt machten ihn - im Alter von Später versöhnte er sich mit seiner Frau, Mary Alice,
nur 37 Jahren - zum starken Bewerber um die Position die mit ihm gemeinsam bei der Bekanntgabe seiner
des Vizepräsidentschaftskandidaten auf der Liste Walter Nominierung am 17. Dezember in Little Rock auftrat.

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Seite 1

�Nach dem Ausscheiden aus dem Amt gründete der
ehemalige Bürgermeister die Cisneros Asset Management Company, ein Vermögensverwaltungsunternehmen, und moderierte ein Kommentarprogramm für
den Rundfunk, das von 40 Stationen im ganzen Land
ausgestrahlt wurde. Er war Mitglied des Vorstands der
Zentralbank von Dallas.

Bevor er zur Bekanntgabe seiner Nominierung nach
Little Rock flog, deutete Cisneros in einem Gespräch
in einer Grundschule von Dallas ehrgeizige Pläne für
dasHUDan. Er erklärte, erfühlesich "verpflichtet, dies
zu mehr als einem nur für Wohnungsbau zuständigen
Ressort zu machen, nämlich zu einem Ministerium für
Lebensqualität in den Gemeinden".

* * * *

*

•

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�BURGERRECHTE
23. Dezember 1992

DAS GESETZ, DAS AMERIKA VERÄNDERTE
von Jeannye Thornton-Hencke
Die in New York lebende Jeannye Thornton-Hencke ist Mitherausgeberin eines wöchentlich erscheinenden
landesweiten Nachrichtenmagazins. Nachfolgend veröffentlichen wir einige redaktionell bearbeitete Auszüge
aus einem von ihr verfaßten Artikel - einer umfassenden Darstellung des epochalen Bürgerrechtsgesetzes von
1964. Thornton-Henckes Beitrag wurde bereits 1989 geschrieben. Erwähnenswert ist, daß seither das
Bürgerrechtsgesetz des Jahres 1992, mit dem die in den amerikanischen Gesetzen verankerten Bürgerrechtsbestimmungen weiter gestärkt wurden, vom Kongreß verabschiedet und von Präsident Bush durch seine
Unterschrift in Kraft gesetzt wurde.

In der Geschichte der Vereinigten Staaten gibt es
nichts, was sich an Mut und Dramatik, an Momenten
ungeahnten Schreckens und größter Hoffnung sowie
im Hinblick auf die Tatsache, wie eine einzelne Ära und
ein einzelnes Gesetz die amerikanische Gesellschaft
umgestaltet haben, mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre und dem Bürgerrechtsgesetz von 1964 messen kann.
Selbst heute noch, nach 25 Jahren, beleuchten die
Bilder aus jener Zeit frappierende Gegensätze in der
amerikanischen Gesellschaft und im menschlichen
Verhalten. Schwarz und weiß, nackte Gewalt und
mutige Gewaltlosigkeit, Wut und Nachsicht, Würde
und Entmenschlichung. Solche Kräfte trafen aufeinander und kulminierten in dem so bezeichneten "Gesetz,
das eine Nation veränderte".
Das am 2. Juli 1964 verabschiedete Gesetz war nicht
das erste amerikanische Bürgerrechtsgesetz. Solche
Gesetze gehen bis auf das Jahr 1866 zurück, und erst
wenige Jahre vor dem Gesetz von 1964 hatte der
Kongreß 1957 und 1960 Bürgerrechtsgesetze verabschiedet. Diese beiden Gesetze waren jedoch "äußerst schwach und unwirksam", wie der Washingtoner
Anwalt Joseph Rauh erklärt, der eine wichtige Rolle bei
der Formulierung des Gesetzes von 1964 spielte.
"Keines hatte mehr als nur symbolische Bedeutung.
Beide Gesetze boten wenig Durchsetzungsmöglichkeiten und leisteten fast nichts, um die tatsächlichen
Lebens- und Arbeitsbedingungen Schwarzer in Amerika zu verändern."

Abschnitten wurde versucht, "die letzten Relikte" von
Diskriminierung zu beseitigen. Behandelt wurden das
Wahlrecht, öffentliche Unterkünfte, öffentliche Einrichtungen und öffentliche Schulen. Es wurde auf Dauer
eine Bürgerrechtskommission eingesetzt, um die Durchführung der Bürgerrechtsgesetze zu überwachen, es
behandelte die Fragen staatlicher Hilfe, Beschäftigung, Statistiken, Gerichte und beratende Dienstleistungen und garantierte das Recht auf ein Geschworenenverfahren in Fällen von Störung der Rechtspflege,
die sich aus Bestimmungen des Gesetzes ergeben.
Mit der Unterzeichnung des Gesetzes wurde Diskriminierung in öffentlichen Unterkünften verboten. Schwarzen durfte auf Reisen die Übernachtung in Hotels und
Raststätten nicht mehr versagt werden. Auch durfte
ihnen der Zugang zu Theatern oder anderen Unterhaltungsstätten, zu Restaurants oder öffentlichen Toiletten nicht länger verweigert werden und es war untersagt, ihnen dort bestimmte Plätze zuzuweisen.
Fortan konnte schwarzen Kindern und ihren Eltern der
Besuch städtischer Parks oder Schwimmbäder nicht
mehr verwehrt werden. Das Gesetz garantierte ihnen
nun gleichen Zugang und gleiche Leistungen in allen
öffentlichen Einrichtungen. Mit einer besonders wichtigen Bestimmung autorisierte das Gesetz überdies die
Regierung der Vereinigten Staaten, allen Schulbezirken, in denen die Rassentrennung aufgehoben werden
sollte, technische und finanzielle Hilfe zur Verf ügu ng zu
stellen.

Das Bürgerrechtsgesetz von 1964 war sicherlich mehr
Was das Bürgerrechtsgesetz von 1964 so bemerkens- als ein Gesetz, das lediglich ein Büro zur Schlichtung
wert und so wirksam machte, war sein umfassender von Rassenauseinandersetzungen im US-JustizminiCharakter. Auf seinen 27 Seiten und in 11 Titeln" oder sterium schuf oder die Regierung ermächtigte, denje-

AMERIKA DIENST 51

Seite 1

�nkjen, die Diskriminierung praktizierten, staatliche Gelder
vorzuenthalten. Mit dem Gesetz wurde kühn und
durchgreifend versucht, den großen Widerspruch in
Amerika grundsätzlich und unumkehrbar auszuräumen: ein Land, das auf Freiheit, Gleichheit, Chancen
und Gerechtigkeit für alle beruhte, diese Rechte aufgrund der Hautfarbe jedoch 300 Jahre lang verweigert
hatte.

rechtsgesetzes präzisiert, der Diskriminierung am
Arbeitsplatz untersagt. Dazu Berry: "Einer Studie
zufolge haben Frauen und Angehörige von Minderheiten seither Milliarden Dollar an Arbeitsplätzen verdient,
die sie ohne diese Bestimmungen nicht bekommen
hätten."

Die Rechtsanwältin und Chef lobbyistin der Nationalen
Vereinigung zur Förderung Farbiger (National Association for the Advancement of Cobred People - NAACP),
Arthea Simmons, stellt fest, daß das Bürgerrechtsgesetz neben seiner Funktion als Grundlage des Wahlrechts und von Gesetzen gegen Diskriminierung im
Wohnungswesen im Jahr 1972 Basis für ein Gesetz
gegen die Diskriminierung von Behinderten und alten
Menschen war sowie für weitere Schutzmaßnahmen
gegen unfaire Praktiken bei Wohnungsvermietung und
im Bildungswesen.

Trotz des Vermächtnisses des Bürgerrechtsgesetzes
gibt es auch heute noch vereinzelt Diskriminierung in
den Vereinigten Staaten. "Heute, 25 Jahre danach,
sind wir immer noch nicht frei von Diskriminierung",
erklärt Althea Simmons von der NAACP, "aber wir
haben die Instrumente, um dagegen zu kämpfen."

Die heutigen Erfolge von Schwarzen und anderen
lassen es kaum noch als vorstellbar erscheinen, wie
Während das Bürgerrechtsgesetz von 1964 viel für die anders Amerika vor 25 Jahren aussah - wie schlecht
schwarzen Amerikaner geleistet hat, half es auch die Lage der Schwarzen war, welche Fortschritte sie
vielen anderen, darunter den Hispaniern sowie ande- seither gemacht haben und wie kurz diese Zeitspanne
ren rassischen oder ethnischen Minderheiten, Behin- gewesen ist.
derten, Homosexuellen und Lesbierinnen sowie den
Frauen. Tatsächlich hat jede Gruppe, die protestierte Als Martin Luther King beim Marsch auf Washington
und weitere bürgerliche Freiheiten forderte, von der 1963 seine berühmte Rede mit dem Titel "Ich habe
schwarzen Bürgerrechtsbewegung gelernt und das einen Traum" hielt, sprach er von seinen Hoffnungen
Bürgerrechtsgesetz als Sprungbrett benutzt, um wei- auf ein besseres Amerika. "Ich habe einen Traum",
tere Gesetze oder Schutzgarantien zu fordern. "Es ist erklärte er, "daß meine vier kleinen Kinder eines Tages
das Modell für Antidiskriminierungsgesetzgebung nicht in einem Land leben werden, in dem sie nicht nach ihrer
nur für Schwarze, sondern auch für Frauen, Behinder- Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt
te und Senioren. Es hat einen Maßstab dafür gesetzt, werden."
wie die anderen (Gesetze) geschrieben werden sollten", erklärt die Rechtsanwältin und Juraprofessorin Heute würden die meisten Amerikaner wahrscheinlich
Mary Frances Berry, die Mitglied der US-Bürgerrechts- sagen, daß Kings Traum der Realität näher liegt als
jemals zuvor. Schwarze, die dereinst hauptsächlich zu
kommission ist.
niederen, schlechtbezahlten Arbeiten verurteilt waren,
sind
heute in allen Bereichen des öffentlichen und
Rauh fügt hinzu: "Das Bürgerrechtsgesetz leitete eine
privaten
Sektors und allen Berufssparten anzutreffen.
juristische Revolution ein. Dieses Gesetz und die
Nachdem
man ihnen einst das Wahlrecht verweigerte,
beiden anderen Gesetze, denen es den Weg ebnete werden
sie
heute in Tausende von Staats- und komdem Wahlrechtsgesetz von 1965 und dem Gesetz
munalen
Ämtern
gewählt. Nachdem man sie einst in
gegen Diskriminierung im Wohnungswesen von 1968
den
Geschäften
entwürdigender Behandlung unter-, stellten gemeinsam das Rechtssystem dieses Lanwarf,
besitzen
sie
heute selbst Geschäfte aller Art.
des auf den Kopf. Vor diesen Gesetzen gab es ein
Nachdem
man
sie
einst von bestimmten Schulen
Rechtssystem, das die Rassentrennung unterstützte.
ausschloß,
besuchen
sie heute die prestigeträchtigDurch das Verbot der Rassentrennung verursachten
sten
Universitäten
der
Vereinigten Staaten.
diese Gesetze eine juristische Revolution in Amerika.''

Für Amerikaner, seien sie schwarz oder weiß, die sich
an die Rassentrennung erinnern und sich die schlimmen Unruhen jener Zeit vor Augen führen, stellt das
Bürgerrechtsgesetz von 1964 einen eindeutigen historischen Wendepunkt dar - einen Punkt, an dem die
Vereinigten
Staaten einen aufrichtigen Versuch unterDas wichtigste Merkmal von Titel VII des Bürgernahmen,
ihre
Widersprüche und ihre Einschränkunrechtsgesetzes von 1964, in dem es um Beschäftigung
gen
zu
beseitigen.
Alle Amerikaner, Schwarze und
geht, ist die Gleichstellungsvorschrift für Angehörige
Weiße,
haben
davon
profitiert.
von Minderheiten und Frauen, erklärt Berry. Die
Rechte von Frauen wurden in dem Teil des Bürger* * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 51

�THEMENINDEX
23. Dezember 1992

DER AMERIKA DIENST
2. Halbjahr 1992
Nachstehend eine Liste der Themen, die im Amerika Dienst (2. Halbjahr 1992) erschienen sind. Angegeben
ist jeweils die Nummer der Ausgabe, in der das betreffende Thema behandelt wird.

THEMA

NUMMER DER AUSGABEN

AIDS

26,30

Flüchtlinge

32, 33, 41

Abtreibung

27

Flüchtlingshilfe

31

Auslandshilfe

40

Fulbright

35

Aussenpolitik

49
GATT

45, 47, 49, 51

GUS-Hilfe

43,44

Irak

35,43

Jugoslawien

35, 36, 39, 47

KSZE

28,31,39,50

Kongress

42

Menschenrechte

37, 49, 50

NAFTA

30, 33, 35

NAKR

51

NATO

39

Nichtverbreitung

29

B-Waffen

37

Bildungswesen

34

Bosnien

33

Bosnien/Serbien

32

Bürgerrechte

51

Bush/Baker

33

C-Waffen

36

Chemische Waffen

30,31,41

Clinton-Aussenpolitik

47,48

Clinton-Kongress

46,47

Deutschland-USA

36

Einwanderung

28,30

Erdgipfel

30

AMERIKA DIENST 51

Seite 1

�Porträt

27. 28. 29, 45,
47, 50, 51

Präsident Clinton

44

Problems of Communism

32

Rassenbeziehungen

48,49

Russland

44

Rüstungskontrolle

29,31

START

26, 40, 44

Serbien

50

Somalia

34, 36, 38, 49

Soziales

26

Übergangsteam

45

Umwelt

26, 32, 42, 46

UN-Generalversammlung

41

UN-Sanktionen gegen Irak

30

UNO
US-Aussenpolitik

44.46

US-Kongress

40

USA-Deutschland

26,39

USA/Deutschland/Europa

48

USA-Unabhängigkeitstag

27

Verteidigung
Vietnam

44

Vizepräsident Gore

44

Wahlen '92

26, 27, 28, 29, 30,
33, 34, 37, 38, 39,
40, 41,42,43,45

Weltpolitik

26

Weltwirtschaftsgipfel

27, 28

Willy Brandt

41

Wirtschaft

37, 38, 44, 51

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 51

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              <text>&lt;strong&gt;1. NAKR&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eagleburger fordert Kooperation von NAKR und NATO bei Friedenssicherung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung bei NAKR-Ministertreffen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanischer Verhandlungsführer drängt auf Ende des Patts bei GATT-Gesprächen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Rufus Yerxa&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wirtschaftsgipfel konzentrierte sich auf langsameres Wachstum und Investitionen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge der Redebeiträge&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Angesehener Bürgermeister als Wohnungsbauminister nominiert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Henry Cisneros&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Bürgerrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Gesetz, das Amerika veränderte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jeannye Thornton-Hencke&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Themenindex&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Der Amerika Dienst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;2. Halbjahr 1992&lt;/em&gt;</text>
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