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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

2. Dezember 1992

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USA/DEUTSCHLAND/EUROPA

DIE VEREINIGTEN STAATEN, DIE WIEDERVEREINIGUNG DEUTSCHLANDS UND DIE
ÜBERWINDUNG DER TEILUNG EUROPAS
Rede von Botschafter Kimmitt in Dresden

CLINTON/AUSSENPOLITIK

CLINTON VOR AUSSENPOLITISCHEN
HERAUSFORDERUNGEN
Experten beraten den künftigen
Präsidenten

VERTEIDIGUNG

US-STREITKRÄFTE: KLEINER
ABER STARK UND EINSATZBEREIT
Keine einschneidenden Veränderungen
von Clinton erwartet

SOMALIA

DIPLOMATIE KONZENTRIERT SICH
AUF SICHERE NAHRUNGSMITTELLIEFERUNGEN NACH SOMALIA
Vereinigte Staaten nicht
für Machtübernahme der UNO

RASSENBEZIEHUNGEN

BERUFLICHE GLEICHSTELLUNG UND
DIE AMERIKANISCHE WELTANSCHAUUNG
von Seymour Martin Lipset

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�USA/DEUTSCHLAND/EUROPA
2. Dezember 1992

DIE VEREINIGTEN STAATEN, DIE WIEDERVEREINIGUNG DEUTSCHLANDS UND DIE
ÜBERWINDUNG DER TEILUNG EUROPAS
Rede von Botschafter Kimmitt in Dresden
DRESDEN - (AD) - In einer Rede vor Gästen der Herbert Quandt Stiftung im Dresdener Schloß forderte USBotschafter Robert M. Kimmitt am 23. November 1992 Amerikaner und Europäer auf, die wirtschaftlichen und
kulturellen Dimensionen der amerikanisch-europäischen Beziehungen zu vertiefen und gleichzeitig auf neue
Arten von Sicherheitsanliegen zu reagieren.
Kimmitt verwies auf die Bedeutung, die der kontinuierlichen Pflege der bestehenden Bindungen zwischen
Deutschland und den USA zukomme und ging danach auf die Bemühungen von Deutschen und Amerikanern
ein, durch Kulturprogramme und Austauschmaßnahmen das Wissen über sein Land in den neuen Ländern zu
vertiefen. "Seit ich amerikanischer Botschafter in Deutschland geworden bin, ist mir bewußt geworden, daß
unsere Beziehungen zunehmend auf den persönlichen Bindungen ruhen werden, die zwischen den Menschen
unserer beiden Länder geknüpft wurden." Austauschprogramme wie das Fulbright Programm und das Programm für junge Führungskräfte ermöglichten es jungen Deutschen, selbst etwas über sein Land und die
Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen zu lernen und sich ihre eigene Meinung darüber zu bilden,
was gemeinsam in der Zukunft getan werden könne. "In dieser Zeit wirtschaftlicher Schwierigkeiten für unsere
beiden Länder müssen wir unter Einsatz all unserer Kreativität eine Partnerschaft der öffentlichen und privaten
Unterstützung für diese Aktivitäten entwickeln, die von lebenswichtiger Bedeutung sind."
Zu den US-Investitionen in den neuen Bundesländern erklärte Kimmitt: "Nach unseren Berechnungen sind über
180 amerikanische Firmen im Osten aktiv. ... Die in den fünf neuen Bundesländern tätigen amerikanischen
Firmen haben insgesamt über 5 Milliarden D-Mark investiert und 38.000 Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten.
...Verstärkte wirtschaftliche Aktivitäten amerikanischer Unternehmen in den neuen Bundesländern stellen
dringend erforderliche Investitionen zur Verfügung - und verstärken darüber hinaus die Kontakte zwischen
unseren Völkern.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Kimmitt im Wortlaut.

Sehr geehrter Herr Präsident,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Graf von der Goltz,
verehrte Frau Quandt,
sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, heute hier auf Einladung der Quandt
Stiftung in diesem historischen Dresdener Schloß zu
Ihnen sprechen zu können. Ich finde es beeindrukkend, daß die Münchener Stiftung eines führenden
deutschen Unternehmens den amerikanischen Botschafter nach Dresden eingeladen hat, um über die
deutsch-amerikanischen Beziehungen zu sprechen.
Welch besseres Beispiel könnte es für das Zusammenwachsen von Deutschen, die lange getrennt wa-

AMERIKA DIENST 48

ren, für die Bindungen zwischen Amerikanern und
Deutschen sowie für unsere gemeinsamen Interessen
geben?
Seit zweiundzwanzig Jahren hat sich die Herbert Quandt
Stiftung intensiv mit den Ideen auseinandergesetzt,
die die Denkweise von Menschen beeinflussen und was ebenso wichtig ist - die Art und Weise, in der sie
miteinander umgehen. "Was können wir wissen?",
"Was können wir erhoffen?", "Was können wir tun?" dies sind philosophische Fragen, die jahrhundertelang
eine Herausforderung für die Menschheit darstellten,
und dies ist der philosophische Leitfaden, mit dessen
Hilfe Sie im Lauf der Jahre so erfolgreich Menschen
aus unterschiedlichen Nationen zusammengeführt

Seite 1

�haben. Ich beglückwünsche Sie zu den Beiträgen, die
Sie zum besseren Verständnis zwischen den Völkern
geleistet haben und wünsche Ihnen bei Ihrer wichtigen
Arbeit anhaltenden Erfolg für die Zukunft.

als "neue Weltordnung" bezeichnen würden auf der
Grundlage von Zusammenarbeit zwischen den Nationen, Selbstbestimmung und öffentlicher Prüfung zugänglicher Diplomatie.

Im vergangenen Jahr organisierte die Quandt Stiftung
ein Treffen an der Georgetown University in Washington, um die Zukunft der Vereinigten Staaten und Europas in einer "neuen Weltordnung" zu erörtern. Während dieser Veranstaltung gab der Präsident der
Georgetown University, Leo J. O'Donovan, eine Erklärung ab, die einen Kontext für das liefert, worüber ich
heute sprechen möchte. Reverend O'Donovan sagte,
daß "wir von einem Zeitalter großer Konfrontation zu
einem Zeitalter großer Hoffnung übergehen, aber ebenso
von einem Zeitalter erheblicher Stabilität und Klarheit
in den internationalen Beziehungen zu einem Zeitalter,
das komplexer und häufig weniger berechenbar sein
wird".

Zum Nachteil von Europäern und Amerikanern gleichermaßen begingen die Vereinigten Staaten an diesem Punkt in der Geschichte einen entscheidenden
Fehler, indem sie zu einer engstirnigen Kirchturmpolitik zurückkehrten, anstatt eine weltweite Führungsrolle zu übernehmen, die nach dem Krieg so verzweifelt
benötigt wurde. Die folgenden Ereignisse erwiesen
sich als katastrophal - eine weltweite Wirtschaftskrise
und ein zweiter Weltkrieg folgten.

Diese Erklärung hat unmittelbare Auswirkungen auf
die deutsch-amerikanischen Beziehungen, weil sich
unser Verhältnis in einer Übergangsphase befindet.
Für die Vereinigten Staaten und Deutschland enthält
diese Übergangsphase besondere Aspekte, die sich
sowohl aus der einzigartigen Partnerschaft ergeben,
die wir während der vergangenen 47 Jahre unterhielten, als auch aus dem Gewicht unserer beiden Länder
in der ganzen Welt.
Amerikanische Perspektiven und Ziele
Zunächst möchte ich Ihnen meine eigenen Ansichten
zu einigen derprägenden Erfahrungen der Vereinigten
Staaten vermitteln. Die Gründer meines Landes, die in
europäischer Politik sehr bewandert waren, warnten
vor unserer Verstrickung mit europäischen Mächten,
deren Streitigkeiten unserem Land lediglich unerwünschte und unnötige Unannehmlichkeiten bereiten würden.
George Washington riet in seiner Abschiedsrede den
Vereinigten Staaten, "sich von dauerhaften Bündnissen mit jedem Teil der ausländischen Welt fernzuhalten". Präsident Thomas Jefferson warnte vor verstrikkenden Bündnissen. Beider Rat wurde im gesamten
ersten Jahrhundert der amerikanischen Geschichte
befolgt.
Das zwanzigste Jahrhundert leitete jedoch ein neues
Zeitalter in den europäisch-amerikanischen Beziehungen ein, ein Zeitalter, in dem der atlantische Ozean
nicht mehr ausreichte, um die Vereinigten Staaten von
den Konflikten zu isolieren, die auf dem europäischen
Kontinent stattfanden. Der Erste Weltkrieg zog amerikanische Armeen zum ersten Mal in eine Schlacht auf
dem Kontinent hinein.
Die erste Nachkriegszeit
Am Ende dieses verheerenden Krieges forderte
Woodrow Wilson in seinen revolutionären Vierzehn
Punkten einen Frieden ohne Sieg, einen Frieden, der
die Grundlagen für etwas schaffen sollte, das wir heute
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Die zweite Nachkriegszeit
Am Ende des Zweiten Weltkrieges war die amerikanische Politik zunächst wieder von dem Instinkt geleitet,
nach Hause zurückzukehren. Glücklicherweise behielten klügere, vorausschauende Entscheidungsträger wie George Marshall, John J. McCIoy und andere
die Oberhand, Männer, die die historischen Fehler, die
Amerika 1918 begangen hatte, im Hinblick auf die
Zukunft nicht wiederholen wollten. Dank ihrer Führung
trafen die Vereinigten Staaten am Ende des Zweiten
Weltkrieges die richtige Entscheidung - sie blieben in
Europa und beteiligten sich am Wiederaufbau der
zerstörten Volkswirtschaften und Gesellschaften ihrer
ehemaligen Verbündeten und Gegner. Unser Ziel
bestand darin, stabile demokratische Nationen zu
schaffen, mit denen die Vereinigten Staaten produktive, harmonische Beziehungen unterhalten und mit
denen sie zusammenarbeiten konnten, um für den
Weltfrieden einzutreten.
Die politisch Verantwortlichen in Amerika gingen gleichzeitig davon aus, daß ein integrierteres Europa stabil
und friedlich sein werde, was zweifellos im Interesse
der Vereinigten Staaten lag. Deshalb haben die Vereinigten Staaten von den Anfängen der Montanunion
über die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bis zur Schaffung des Binnenmarktes am
Ende dieses Jahres die Integration Europas stets aus
ganzem Herzen unterstützt und gefördert.
Ebenso uneingeschränkt haben wir die Vereinigung
Deutschlands unterstützt und auf das Ende der Teilung Europas gehofft. In dem gesamten Zeitabschnitt
nach dem Zweiten Weltkrieg betrachteten die Amerikaner die Teilung Deutschlands und die Spaltung
Europas als künstliche und nicht aufrechtzuerhaltende
Trennungen. Unser Wunsch wares, beide Spaltungen
friedlich zu überwinden und Freiheit für alle Betroffenen sicherzustellen.
Vom Atlantik bis zum Pazifik haben sich Amerikaner
am 3. Oktober 1990 mit Deutschland gefreut, als die
polrtische Vereinigung schließlich besiegelt wurde.
Aber: So schwierig politische Gleichberechtigung für
alle Deutschen zu erringen war - die Verwirklichung
wirtschaftlicher Chancengleichheit wird noch schweAMERIKA DIENST 48

�rer zu erreichen sein. Der Mut und die Energie, mit
denen der Wiederaufbau- und Aussöhnungsprozeß
durchgeführt wird, verdienen die Unterstützung des
amerikanischen Volkes heute ebenso wie der politische Prozeß nach dem Fall der Mauer im Jahre 1989.
Die dritte Nachkriegszeit
Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des
Kalten Krieges sind wir in die dritte Nachkriegszeit
dieses Jahrhunderts eingetreten. Über eines sollten
wir uns im klaren sein: Diese dritte Nachkriegszeit ist
von ebenso entscheidender Bedeutung wie die ersten
beiden. Wiederum müssen wir die richtigen Entscheidungen treffen und die richtigen Verpflichtungen eingehen. Wir müssen aus den tragischen Fehlschlägen
der Vergangenheit ebenso wie aus unseren großen
Erfolgen lernen und den richtigen Kurs einschlagen.
Die vier Jahre von 1990 bis 1994 werden für unsere
Zukunft genauso wichtig sein wie es die vier Jahre von
1945 bis 1949 nach dem Zweiten Weltkrieg für die
Gestaltung jener Nachkriegszeit waren. Wir müssen
jetzt die Fundamente errichten, die unseren Kurs im
21. Jahrhundert bestimmen werden, in dem die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten ebenso
untrennbar mit dem Europa der Zukunft verbunden
sein werden wie mit dem Europa der Zeit nach dem
Zweiten Weltkrieg.
Das andauernde amerikanische Engagement in Europa geht mit dem Prozeß der europäischen Integration
Hand in Hand. Wir bitten lediglich darum, daß Europa
auf einer Grundlage der Weltoffenheit zusammenfindet, die bestehenden Institutionen fördert anstatt von
ihnen wegzuführen, insbesondere von der NATO.
Das Atlantische Bündnis der Zukunft
Die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Partner wurden in der Vergangenheit durch die gemeinsame
Bedrohung ihrer Sicherheit zusammengeführt. Dieser
von der sowjetischen Bedrohung geschaffenen Verbindung lag jedoch eine Bindung zugrunde, die auf den
politischen Werten beruhte, die wir gemeinsam hatten
und die zu verteidigen wir bereit waren. Heute, am
Ende des Kalten Krieges, erkennen wir, wie sehr uns
diese Werte einander nähergebracht haben - und wie
wichtig der Schutz dieser Werte nach wie vor ist. Wie
die jüngsten Ereignisse auf brutale Weise unterstrichen haben, sind wirtrotzdem weiterhin mit Bedrohungen unserer Sicherheit konfrontiert. Der effektivste
Weg, um diese in den Griff zu bekommen, führt über
erprobte Institutionen - wie die NATO -, die den neuen
Umständen angepaßt sind.

stark ist. Die amerikanische Beteiligung an der NATO
verkörpert unsere Verpflichtung zur europäischen
Sicherheit.
Wenn wir die Lage in Europa heute, nur wenige Monate nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums betrachten, werden wir von der Realität ernüchtert, daß ein Zeitalter ewigen Friedens und fortwährender Sicherheit noch nicht in Sicht ist. Während die
Bedrohung der Ost-West-Konfrontation im Verschwinden begriffen ist, sind regionale Konflikte - und potentielle Konflikte - als neue und ernste Herausforderung
auf den Plan getreten. Viele Fragen in Zusammenhang mit der Zukunft der transatlantischen Beziehungen drehen sich um diese Sorgen. Wenn die Grundlagederamerikanischen Präsenz in Europa nicht mehr
vorwiegend der Schutz vor einer sowjetischen Bedrohung ist, wie sollte sie dann beschaffen sein? Wenn
Europa sein Sicherheitskonzept neu definiert, wird es
dann überhaupt eine amerikanische Präsenz geben?
Falls ja, welches sind die allseits akzeptablen Bedingungen dafür?
Die Vereinigten Staaten betrachten die NATO weiterhin als Eckpfeiler der transatlantischen Beziehungen.
Diejenigen, die dieses erfolgreichste Sicherheitsbündnis der Geschichte als Relikt des Kalten Krieges betrachten, übersehen den entscheidenden Punkt.
Der Nordatlantikvertrag erwähnt weder die Sowjetunion noch den Kalten Krieg, und er hat auch kein
"Verfallsdatum". Das Geniale ist seine Flexibilität.
Innerhalb seiner Struktur kann die euroatlantische
Gemeinschaft eine Sicherheitspolitik entwickeln, die
vom Charakter der Bedrohung - ob global oder regional
- unabhängig ist. Die NATO hat sich bereits bewährt,
und sie wird es uns gestatten, uns einer Vielzahl
unbekannter, selbst überraschender Bedrohungen
unterschiedlichsten Ausmaßes anzupassen.
Die NATO kann ihre Glaubwürdigkeit jedoch nur
bewahren, indem sie sich den neuen Bedingungen der
vergangenen zwei Jahre anpaßt. Vieles von dem, was
wir tun, wird von der künftigen Gestalt des ehemaligen
sowjetischen Imperiums abhängen. Wenn unabhängige und demokratische Gesellschaften in der Region
feste Wurzeln schlagen, dann sollte die Evolution der
NATO dieses Niveau größerer europäischer Stabilität
widerspiegeln. Ein perfektes Beispiel ist der Nordatlantische Kooperationsrat, in dem sich die NATO bemüht,
ehemalige Gegner im Osten beim Prozeß der Stärkung demokratischer Institutionen und der Entwicklung neuer sicherheitspolitischer Maßnahmen zu unterstützen.

Um es nochmals zu betonen: Unser Ziel ist ein
stärkeres Europa und eine stärkere NATO. Besonders
Die Erfahrung, zweimal in europäische Konflikte hin- in dieser Zeit unmittelbar nach dem Kalten Krieg
eingezogen worden zu sein, überzeugte das amerika- müssen wir Nullsummenanalysen als vereinfachend
nische Volk, daß seine Sicherheit mit der Europas und gefährlich zurückweisen, die davon ausgehen,
verflochten ist - eine Überzeugung, die nach wie vor eine stärkere europäische Sicherheitsidentität könne
Sicherheit

AMERIKA DIENST 48

Seite 3

�nur auf Kosten der NATO entwickelt werden. Wir
können beides haben. Die Vereinigten Staaten werden in Europa militärisch präsent bleiben, solange
unsere Anwesenheit erwünscht ist. Die Stärke unsererhier stationierten Truppen wird vonden Erfordernissen unseres Auftrages und den Dimensionen der
militärischen Pflichten abhängen, die wir mit unseren
Verbündeten teilen.

zusätzlich 4 Billionen Dollar erwirtschaftet werden.
Diese Summe ist fast so hoch wie das gesamte
jährliche Bruttosozialprodukt der Vereinigten Staaten.
In einer Zeit, in der die Wiederherstellung soliden
Wirtschaftswachstums für alle Länder - einschließlich
der Dritten Weh und der ehemaligen Sowjetunion - die
wichtigste Priorität ist, stellt dieses Abkommen genau
den richtigen Schritt im richtigen Moment dar.

In dieser dritten Nachkriegszeit des Jahrhunderts
benötigen wir darüber hinaus ein wesentlich klareres
Verständnis unserer Sicherheitsinteressen. Wir sind
nicht länger mit einem einzigen eindeutig definierten
Gegner konfrontiert. Wie die Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien auf brutale Weise unterstreichen,
erfordern andere Sicherheitsanliegen unsere Aufmerksamkeit. Ferner sind die wirtschaftlichen, umweltpolitischen, wissenschaftlichen und kulturellen Dimensionen unserer Beziehungen erheblich wichtiger geworden. Deshalb müssen wir uns in dieser Nachkriegsperiode darum bemühen, unsere Beziehungen zu vertiefen und erweitern, um diese zusätzlichen Dimensionen
einzubeziehen und gleichzeitig auf neue Arten von
Sicherheitsanliegen reagieren. Es sind diese anderen
Dimensionen unserer Beziehungen, denen ich mich
nun zuwenden möchte.

Kulturelle Bindungen
Ich möchte mich jetzt der Bedeutung der kulturellen
Bindungen zwischen unseren beiden Ländern zuwenden. Die Übergangsphase in unseren Beziehungen
erfordert Verständnis und ein gemeinsames Gefühl
der Verpflichtung auf beiden Seiten des Atlantiks. In
diesem Zusammenhang ist eine Dimension der transatlantischen Beziehungen, die bei der Konzentration
auf unsere dringenderen Anliegen leicht übersehen
werden kann, die persönliche und kulturelle Dimension.

Im Jahre 1946 brachte ein prominenter amerikanischer Senator, William Fulbright, das in der Folgezeit
bedeutendste Gesetzeswerk im Bereich der internationalen Kulturbeziehungen in der amerikanischen
Geschichte ein - das Fulbright-Hays-Gesetz, mit dem
ein internationales akademisches Austauschprogramm
Wirtschaft
ins Leben gerufen wurde. Fulbright ging davon aus,
Der Handel spielt in unseren Beziehungen eine zuneh- daß junge Menschen, denen ein Studium im Ausland
mend wichtige Rolle. Zwei der wichtigsten Bindeglie- geboten würde, andere Nationen schließlich nicht mehr
der zwischen den Vereinigten Staaten, Deutschland nur als abstrakte Gebilde betrachteten.
und ganz Europa sind die sich selbst verstärkenden
In einer Rede über die deutsch-amerikanischen BezieBande des Handels und der Investitionen.
hungen hat Bundeskanzler Kohl in Heidelberg im Juni
Wir freuen uns darüber, daß die Unterhändler der dieses Jahres ebenfalls festgestellt, daß die FreundEuropäischen Gemeinschaft und der Vereinigten Staa- schaft zwischen unseren beiden Nationen nicht nur im
ten in der Lage waren, die noch zwischen uns beste- Verstand, sondern auch in den Herzen der Menschen
henden Meinungsverschiedenheiten - insbesondere verankert bleiben und wissenschaftliche und kulturelle
im Bereich der Landwirtschaft - auszuräumen, die so Zusammenarbeit gleichberechtigt neben die politische
lange einen erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde und wirtschaftliche Zusammenarbeit gestellt werden
verhindert haben. Darüber hinaus begrüßen wir die muß.
Einigung beim Thema Ölsaaten, die einen Handelskrieg abwendet, der in niemandes Interesse gelegen Seit ich amerikanischer Botschafter in Deutschland
geworden bin, ist mir bewußt geworden, daß unsere
hätte.
Beziehungen zunehmend auf den persönlichen BinDiese Leistung wurde durch Kreativität, enorme Ge- dungen ruhen werden, die zwischen den Menschen
duld und die Bereitschaft aller betroffenen Parteien unserer beiden Länder geknüpft wurden. Diese durch
errungen, im Interesse freieren Handels mit seinem akademische Austauschprogramme, Tourismus,
Wohlstand hervorbringenden Potential für alle erheb- Konferenzen, wissenschaftliche Zusammenarbeit und
liche Zugeständnisse zu machen. Diese Übereinkunft künstlerische Veranstaltungen geschaffenen Bande
verschafft uns die Möglichkeit, die von allen Teilneh- werden eine noch wichtigere Dimension unserer künfmerstaaten des Münchner Gipfels eingegangene tigen Beziehungen sein.
Verpflichtung zu erfüllen, bis zum Jahresende ein
Abkommen im Rahmen der Uruguay-Runde zu schlie- Diese Bindungen müssen kontinuierlich gepflegt und
vertieft werden. Jede nachfolgende Generation muß
ßen.
sich erneut zur Bewahrung und Stärkung dieser Bande
Die Handelsbeauftragte der Vereinigten Staaten, Carla verpflichten, damit sie sich nicht auflösen. Diese
Hills, hat geschätzt, daß in den ersten zehn Jahren Aufgabe ist jetzt von besonderer Bedeutung, weil die
nach der erfolgreichen Beendigung der Uruguay-Runde Generationen der Nachkriegszeit sowohl in Deutschweltweit Waren und Dienstleistungen im Wert von land als auch in Amerika in einflußreiche Positionen

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AMERIKA DIENST 48

�gelangen, und ihr Bild voneinander wurde in den
turbulenten sechziger und siebziger Jahren geformt.
Und, wie Sie hier in Dresden nur allzugut wissen, sind
diese Bemühungen wichtig für die Deutschen aller
Altersstufen in den neuen Bundesländern, die von der
persönlichen Dimension der deutsch-amerikanischen
Beziehungen noch nicht profitieren konnten.
Das amerikanische Engagement für die neuen
Bundesländer
Der erste Schritt in dem Prozeß der Stärkung dieser
Bindungen muß darin bestehen, das von uns bereits
zwischen den westlichen Bundesländern und den
Vereinigten Staaten aufgebaute Netz von Kontakten
auf die fünf neuen Länder auszudehnen - ein Prozeß,
den wir schon vordem Oktober 1990 begonnen haben.
Unsere Kontakte in dieser Region wurden von der
ehemaligen Regierung sehr eingeschränkt, und es
bleibt noch viel zu tun, um die Isolierung von den
Vereinigten Staaten zu überwinden, der die Bürger
dieses Gebietes über Jahrzehnte hinweg unterworfen
waren.
Mit großer Freude konnte ich im Januar dieses Jahres
in Neubrandenburg eine erhebliche Erhöhung des
amerikanischen Beitrages für mehrere Austauschprogramme - darunter das Fulbright-Programm - um
insgesamt über eine Million Dollar bekanntgeben, damit
die Austauschprogramme mit Menschen in den fünf
neuen Bundesländern erweitert werden können.
Im Juni dieses Jahres haben wir ein neues Amerika
Haus in Leipzig eröffnet, das den Bedürfnissen der
Menschen in Sachsen und Thüringen dienen und die
Arbeit des Amerika Hauses in Berlin ergänzen soll.
Unser Programm für junge Führungskräfte, in dessen
Rahmen viele von Ihnen zum ersten Mal mit den
Vereinigten Staaten bekanntgemacht wurden, wird
erweitert. Allein dieses Programm hat es nahezu
17.000 jungen deutschen Akademikern ermöglicht,
die Vereinigten Staaten aus erster Hand kennenzulernen. Seit der Wiedervereinigung haben über 150
Deutsche aus den neuen Bundesländern von diesem
Programm profitiert.

ten für Englischunterricht, der von seinem Berliner
Büro aus in den neuen Ländern Unterstützung leistet.
Zwei wertere amerikanische Spezialisten sind an den
Universitäten in Greifswald und Chemnitz tätig.
Mit der Schließung einiger unserer militärischen Stützpunkte in Westdeutschland werden Bibliotheken auf
Universitätsniveau an ostdeutsche Institutionen übergeben. Fast 300.000 Bücher in englischer Sprache
wurden seit Beginn dieses Programms überreicht,
darunter 20.000 Bände an die Sächsische Landesbibliothek und 10.000 an die Universität Dresden. Ich
kann mir keinen besseren Weg denken, um Schwerter
zu Pflugscharen zu machen, als eine ganze Bevölkerung mit Büchern auszustatten, aus denen sie lernen
und gewinnen kann.
Unser Ziel bei all diesen Maßnahmen liegt auf der
Hand - die Deutschen, insbesondere die jungen Deutschen, in diesem Teil des Landes zu befähigen, dasselbe zu tun, was ihre Mitbürger im Westen tun können, nämlich selbst etwas über unser Land und die
Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen zu lernen und sich ihre eigene Meinu ng darüber zu
bilden, was wir gemeinsam in der Zukunft tun können.
Die amerikanischen Investitionen in den neuen
Bundesländern
Ebenso haben amerikanische Investitionen den neuen
Bundesländern ihren Stempel aufgedrückt. Eines
meiner persönlichen Ziele als Botschafter besteht darin,
das Land so viel wie möglich zu bereisen, insbesondere die neuen Bundesländer. Neben zahlreichen Reisen nach Berlin habe ich die fünf neuen Länder achtzehnmal besucht, umdie Priorität zu verdeutlichen, die
wir dem deutschen Vereinigungsprozeß und neuen
amerikanischen Investitionen in Ostdeutschland beimessen.

In einer Rede in Berlin hat Au ßenminister Baker im Juni
1991 erklärt: "Ich zweifle nicht daran, daß dieser Teil
Deutschlands in nicht allzu femer Zukunft eines der
wirtschaftlichen Zugpferde Europas sein wird. Andern
Tag, so glaube ich, werden Amerikaner und Deutsche
gemeinsam an diesem Werk beteiligt sein." Heute sind
Deutsche und Amerikaner in vielen Unternehmen in
Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush haben kürz- Ostdeutschland bereits gemeinsam an diesem Werk
lich die Gründung der RIAS Kommission bekanntge- beteiligt. Nach unseren Berechnungen sind über 180
geben, die sich dem Ausbau von Kontakten und Stu- amerikanische Firmen im Osten aktiv. Heute nachmitdien zwischen Medienzentren und Rundfunkjoumali- tag habe ich eine dieser Firmen - Spezialtechnik Dressten in den fünf neuen Ländern und deren amerikani- den - besucht, die im Mai dieses Jahres von General
schen Kollegen widmen wird. Dies, so glauben wir, ist Atomics in San Diego übernommen wurde. Die naheeine Reaktion auf die veränderten Bedürfnisse des zu 1.400 Beschäftigten dieses Unternehmens sind an
Publikums, die der RIAS - Radio im Amerikanischen der Konversion der Rüstungsindustrie beteiligt. Sie
Sektor - während des Kalten Krieges so gut erfüllt hat. verarbeiten Munitionsbestände unter anderem zu
Rollstühlen, Erdbaugeräten und umweltverträglichen
Wir haben unsere Seminare für Englischlehrer und Produkten.
Amerikanistikstudien in den fünf neuen Bundesländern erheblich erweitert, insbesondere im Bereich der Die in den fünf neuen Bundesländern tätigen amerikaunmittelbaren Unterstützung von Universitäten und nischen Firmen haben insgesamt über 5 Milliarden Dpädagogischen Hochschulen. Wir haben einen Exper- Mark investiert und fast 38.000 Arbeitsplätze geschafAMERIKA DIENST 48

Seite 5

�fen oder erhalten. Zwei weitere amerikanische Unternehmen, die zum Energiesektor gehören, sind an
Investitionen interessiert, mit denen die Gesamthöhe
der amerikanischen Investitionen mehr als verdoppelt
werden könnte.

reit, mehr zu tun als Besorgnis auszudrücken. Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen in den
neuen Bundesländern, zu denen unsere Firmen Beiträge erbringen, sind Teil der Lösung, weil sie an den
Wurzeln der gegenwärtigen Schwierigkeiten ansetzen. Verstärkte kulturelle Aktivitäten und persönliche
Verstärkte wirtschaftliche Aktivitäten amerikanischer Kontakte sind ebenfalls lebenswichtig, und wir haben
Unternehmen in den neuen Bundesländern stellen unser Budget für solche Maßnahmen in den neuen
dringend erforderliche Investitionen zur Verfügung - Bundesländern erhöht. Wir sind zuversichtlich, daß
und verstärken darüber hinaus die Kontakte zwischen Deutschland wegen der grundsätzlichen Stärke seiner
unseren Völkern. Mit dem Abzug beträchtlicher ame- demokratischen Werte diese Probleme lösen wird rikanischer Truppenverbände aus Deutschland wer- und damit weiter die Toleranz und den Respekt für
den die von ihnen geknüpften persönlichen Kontakte, muftikulturelle Werte ausbauen wird, die in einer pulwie ich hoffe, durch Kontakte zwischen Deutschen und sierenden, lebendigen Demokratie so wichtig sind.
amerikanischen Geschäftsleuten und deren Familien
abgelöst. Ich habe die Hoffnung, daß jeder heimkeh- Die vor uns liegende Herausforderung
rende G.l. tatsächlich oder im Geiste durch einen
Deutschen, der hier für eine amerikanische Firma Sowohl die deutsche als auch die amerikanische
arbeitet, oder von einem Amerikaner, der für ein deut- Regierung waren in der Vergangenheit die Hauptförsches Unternehmen in den Vereinigten Staaten arbei- derer von Austauschprogrammen in Kultur und Biltet, ersetzt wird. Deutsche Firmen werden besonders dungswesen, und sie werden sich auch in Zukunft aktiv
wegen ihrer Betonung von Aus- und Fortbildung be- für diese Maßnahmen engagieren. Wenn wir unsere
wundert und sind sicherlich in den Vereinigten Staaten heutige Lage jedoch realistisch betrachten, müssen
willkommen. BMW ist das jüngste einer langen Reihe wir uns vor Augen führen, daß die staatlichen Mittel
führender deutscher Unternehmen, die in den Verei- künftig mehr als wir uns dies wünschen begrenzt sein
nigten Staaten investieren, und ich begrüße beson- werden.
ders die Entscheidung, sich in South Carolina niederIm vergangenen Jahr hat das US-Außenministerium
zulassen.
ohne Erhöhung seines Haushalts 20 neue Botschaften
in den neuen unabhängigen und souveränen Staaten
Die gemeinsame Erfahrung
eröffnet. Die Budgets für unsere bestehenden KulturHier und in den Vereinigten Staaten vernehme ich programme geraten stärker unter Druck, während wir
starke Besorgnis über extremistische Gewalttaten im versuchen, die heutigen Austauschprogramme in Kultur
Deutschland von heute. Manchmal wird die Frage und Bildungswesen auf diese neuen Gebiete auszugestellt: "Wird Deutschland zu den dunklen Tagen dehnen. Ich werde energisch dafür eintreten, unsere
seiner Vergangenheit zurückkehren?" Meines Erach- in Deutschland bestehenden Programme zu erhalten,
tens ist es an der Zeit, daß wir unseren Kopf gebrau- aber Einsparungen sind unvermeidlich. Angesichts
chen anstatt unsere Hände zu ringen. Wenn ich meine der Kosten der Vereinigung bin ich sicher, daß sich
eigenen Erfahrungen als Maßstab für die Beurteilung auch die Programme der Bundesregierung im kultureldieser Frage anlege, so ist den Deutschen in Ost und len Bereich Engpässen ausgesetzt sehen.
West gleichermaßen bewußt, daß Demokratie kein
Geschenk ist, das gegeben oder empfangen wird, Die Aktivitäten von Organisationen wie der Herbert
sondern ein Gesellschaftsvertrag, der geschaffen und Quandt Stiftung zur Unterstützung des internationalen
ständig bekräftigt werden muß. Die Deutschen verste- Verständnisses durch Austauschprogramme werden
hen Goethes Satz sehr wohl, daß die Freiheit stets in Zukunft noch wichtiger sein als in der Vergangenheit. Ihr Bertrag zu den historischen Ereignissen,
aufs neue errungen werden muß.
deren Zeuge wir in Europa gewesen sind, mag vielWir unterstützen voll und ganz die Bemühungen leicht niemals ermessen werden, aber eines ist sicher:
Deutschlands, unverwandt auf dem Weg der Demo- Sie haben die Herausforderungen des Kalten Krieges
kratie und der Marktwirtschaft voranzuschreiten, auf angenommen und diejenigen unterstützt, die weiter
einem Weg, den der Ostteil des Landes heute erst die Frage stellten, "Was können wir wissen?" und "Was
antritt. Aus unserer eigenen nationalen Erfahrung können wir tun?" Neue Völker haben ihre Freiheit
wissen wir, daß Nationen nicht einfach erfunden wer- errungen und können nun dieselben Fragen stellen.
den, sondern wachsen. Die amerikanische Demokra- Auch sie müssen ermutigt und in ihrem Streben nach
tie ist organisch gewachsen und hat sich im Verlauf Wissen unterstützt werden.
unserer über zweihundertjährigen Geschichte fortwährend verändert und weiterentwickelt, während wir Ich bin hier, um Ihre Hilfe zu erbitten. In dieser Zeit
wirtschaftlicher Schwierigkeiten für unsere beiden Länder
vormals benachteiligte Gruppen integriert haben.
müssen wir unter Einsatz all unserer Kreativität eine
Gemeinsam mit den anderen Freunden und Verbün- Partnerschaft der öffentlichen und privaten Unterstütdeten Deutschlands sind die Vereinigten Staaten be- zung für diese Aktivitäten entwickeln, die von lebensSeite 6

AMERIKA DIENST 48

�Beginn der neuen Administration einer eingehenden Prüfung unterzogen werden.

wichtiger Bedeutung sind. Wir haben 40jährige Erfahrung bei der Erarbeitung von Programmen, die Zehntau sende Deutsche und Amerikaner zusammengeführt haben. Nur indem wir diese Erfahrung mit Mitteln
des Privatsektors kombinieren, können wir gewährleisten, daß dieses Vermächtnis an die nächste Generation weitergegeben werden kann. Ich bin hier, um
jeden von Ihnen zu bitten, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um dieses Vermächtnis lebendig zu erhalten. Es ist die Pflicht von uns allen, Bereiche zu
identifizieren, in denen wir bei der Vertiefung des
deutsch-amerikanischen Verständnisses zusammenarbeiten können und dann unsere Ärmel hochkrempeln, um dieses Werk zu vollenden.
Diese Art von Erfahrung aus erster Hand führt gemeinsam mit soliden Amerikanistikprogrammen deutscher
Universitäten zu dem tieferen Verständnis von unserem Land, das produktive Zusammenarbeit und dauerhafte Bündnisse hervorbringt. Ich begrüße wärmstens
die Initiativen der Quandt Stiftung zur Förderung von
Amerikanistikprogrammen und damit zusammenhängenden Aktivitäten in den neuen Bundesländern. Die
Qualität der bestehenden Programme der Stiftung ist
wohlbekannt und verspricht hervorragende Ergebnisse in diesem Teil Deutschlands. Besonders erfreut bin
ich darüber, daß die Stiftung es amerikanischen Dozenten und Fachleuten ermöglicht, die neuen Bundesländer zu besuchen und engere Beziehungen zwischen den akademischen Institutionen hier und in den
Vereinigten Staaten herzustellen.
Die neue Administration
Abschließend möchte ich die jüngsten Wahlen in den
Vereinigten Staaten kommentieren.
Wie Präsident Bush möchte auch ich Gouverneur
Clinton zu seinem Wahlsieg gratulieren. In einem
weiteren Beispiel der von Präsident Bush so bezeichneten "Majestät der Demokratie" hat das amerikanische Volk gesprochen, und es findet zur Zeit ein
reibungsloser Übergang statt.
Gouverneur Clinton hat am Tag nach seiner Wahl
erklärt, er beabsichtige, Kontinuität in der amerikanischen Außenpolitik anzustreben: "Auch wenn Amerikas Regierungen wechseln", stellte er fest, "Amerikas
fundamentale Interessen verändern sich nicht." Aber
eine kontinuierliche Außenpolitik ist keine identische
Außenpolitik, und von seinen Erklärungen im Wahlkampf wissen wir, daß es Unterschiede geben wird.
Erstens werden aufgrund der Tatsache, daß
Gouverneur Clinton der Innenpolitik Vorrang
einzuräumen gedenkt, alle Teile des Haushalts
für die nationale Sicherheit - Verteidigung,
Auslandshilfe und Aktivitäten im Ausland - zu
* *

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Zweitens hat Gouverneur Clinton bereits erklärt, er werde den amerikanischen Verteidigungshaushalt etwas weiter kürzen als Präsident Bush vorgeschlagen hat. Obwohl er klargestellt hat, daß er eine schlagkräftige Streitmacht in Europa beibehalten möchte, haben
seine Berater Zahlen zwischen 75.000 und
100.000 genannt anstatt der von Präsident Bush
vorgeschlagenen 150.000. Sie haben femer im
Kongreß erhobene Forderungen aufgegriffen,
wonach unsere europäischen Verbündeten einen
größeren Teil der Lasten übernehmen sollen.
Drittens hat Gouverneur Clinton ein auf freiem
und fairem Handel basierendes offenes Welthandelssystem unterstützt. Er hat dem Wort
"fair" jedoch erhebliches Gewicht beigemessen
und insbesondere eine höhere Besteuerung
ausländischer Firmen in den Vereinigten Staaten vorgeschlagen.
Diese Auszüge aus den Wahlkampf reden des gewählten Präsidenten Clinton stellen die allgemeinen Richtlinien der neuen Außenpolitik der USA dar. Wie diese
Außenpolitik in ihren Einzelheiten durchgeführt wird,
obliegt selbstverständlich dem neuen Präsidenten sebst
nach der Amtsübernahme am 20. Januar.
Schlußbemerkung
Von heute bis zum Mittag des 20. Januar werde ich eng
mit Vertretern der Bundesregierung zusammenarbeiten, um diese und andere noch ausstehende Probleme
in unseren bilateralen Beziehungen zu behandeln. Ob
und für wie lange ich dies noch nach dem 20. Januar
tun werde, liegt bei dem neuen Präsidenten.
Wie auch immer meine Zukunft aussehen mag, eines
ist sicher: Ich gedenke, mich den Rest meines Lebens
- in und außerhalb der Regierung - für engere Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland einzusetzen. Ich werde dies großenteils deshalb
tun, weil ich dieses Land, seine Menschen und seine
Kultur liebe. Ich tue dies jedoch umso mehr, als engere
deutsch-amerikanische Beziehungen für den künftigen Frieden und Wohlstand in unseren beiden Ländern, in Europa und der ganzen Welt lebenswichtig
sind. Es ist mein brennender Wunsch, daß unsere
Kinder eines Tages Grund haben, uns dafür zu danken, die Grundlagen für ebenso solide und produktive
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
Deutschland geschaffen zu haben wie unsere Eltern
es für uns taten. Ich freue mich, mit Ihnen zusammen
auf dieses gemeinsame Ziel hinzuarbeiten.
Ich danke Ihnen.
*

*

Seite 7

�CLINTON/AUSSENPOLITIK
2. Dezember 1992

CLINTON VOR AUSSENPOLITISCHEN
HERAUSFORDERUNGEN
Experten beraten den künftigen Präsidenten
im Verteidigungssektor Tätigen abstimmen, ohne ihnen ein Vetorecht gegen seine Entscheidungen einzuräumen, in der Öffentlichkeit klar darlegen, was getan
werde - einschließlich der Rückschläge und Risiken und sich vor allem der multilateralen Unterstützung
versichern. Falls Gewaltanwendung erforderlich sei,
Dies war das Fazit der eintägigen, am 24. November sollten der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und
1992 im US-Außenministerium abgehaltenen Konfe- wenn möglich andere im bedrohten Gebiet ansässige
renz mit dem Thema "Die au ßenpolitischen Prioritäten regionale Organisationen Maßnahmen ergreifen.
Amerikas in einer neuen Welt", an der renommierte
amerikanische Experten und ausländische Delegierte Der künftige Präsident müsse erneut bekräftigen, daß
teilnahmen. Gemeinsamer Veranstalter der Konfe- die Vereinigten Staaten - falls erforderlich - auch
renz waren die Carnegie Endowment for International militärische Gewalt anwenden, er müsse jedoch - so
Peace und die American Foreign Service Association. Halperin - auch verstehen, daß das Unterstützung im
In- und Ausland erfordere. Jegliche militärische
Die angesprochenen Themen reichten von Welthan- Gewaltanwendung müsse an die Darlegung eines
del und Wirtschaftsfragen bis zu Umweltproblemen, Konzepts einer neuen Weltordnung gebunden sein.
Flüchtlingsströmen, gemeinsamer Sicherheit, der
Nichtverbreitung von Atomwaffen, Menschenrechten, Paula Dobriansky, Leiterin der Abteilung für politische
der Stärkung internationaler Organisationen und dem und programmatische Fragen des US-Informationsamtsund ehemalige hochrangige MenschenrechtsexAufbau der Demokratie.
pertin im US-Außenministerium, stand auf der KonfeMort Halperin, ehemaliger hochrangiger Berater Hen- renz dem Gremium für Menschenrechte, humanitäre
ry Kissingers im Nationalen Sicherheitsrat unter Präsi- Angelegenheiten, Völkerrecht und Aufbau der Demodent Richard Nixon, Vorsitzender der amerikanischen kratie vor.
Bürgerrechtsvereinigung (American Civil Uberties Unbn)
und führender Mitarbeiter der Carnegie-Stiftung gab "Die Förderung der Demokratie wird in absehbarer Zeit
einen Überblick über die potentiellen militärischen und unsere vorrangige Herausforderung sein", äußerte
Dobriansky auf der Schlußsitzung. Die Vereinigten
politischen Probleme Clintons.
Staaten haben zwar eine wichtige Rolle zu spielen und
"Es wird ihm meiner Ansicht nach so gehen wie all können ihre einzigartigen Erfahrungen anderen zuunseren Präsidenten der Nachkriegszeit, die entdeckt gänglich machen", erklärte sie, "wir müssen jedoch
haben, daß die Welt sie nicht in Ruhe läßt", stellte immer davon ausgehen, daß man Demokratie nicht
Halperin fest.
einfach von einem Land in ein anderes verpflanzen
kann".
Zu den Brennpunkten, mit denen Clinton sich Halperin
zufolge möglicherweise konfrontiert sehen wird, gehö- Sie stellte fest, "kollektives Engagement bei der Förderen der Irak, das ehemalige Jugoslawien, Somalia und rung von Demokratie sei garantiert" und fügte hinzu,
Haiti.
daß muftilaterale und regionale Organisationen wie die
Vereinten Nationen, die Konferenz über Sicherheit und
Er erklärte, beim Umgang mit potentiellen BedrohunZusammenarbeit in Europa (KSZE) sowie die Organigen müsse der gewählte Präsident die eindeutige sation Amerikanischer Staaten (OAS) in dieser HinUnterstützung des Kongresses erhalten, sich mit den sicht eine wichtige Rolle zu spielen hätten.
WASHINTON - (AD) - Obwohl der gewählte Präsident
Bill Clinton sich auf die Wiederbelebung der Binnenwirtschaft konzentrieren will, sieht er sich bereits mit
einer Reihe außenpolitischer Herausforderungen
konfrontiert.

AMERIKA DIENST

Seite 1

�"Fürdie Förderung der Demokratie ist die Rechtsstaatlichkeit von Bedeutung", betonte Dobriansky. Dies
beinhalte eine unabhängige Judikative, rechtmäßige
Verfahren, den Schutz von Minderheiten sowie die
Respektierung der Menschenrechte, der eingegangenen Vertragsverpflichtungen und der Souveränität
anderer Staaten.
"Im Verlauf unserer Sitzung wurde festgestellt, daß
das US-Informationsamt immer die Demokratie gefördert hat", erklärte sie. "Seine Aufgabe war stets die
Verbreitung demokratischer Werte und Ideen. Aus
diesem Grunde wurde darauf hingewiesen, daß das
US-Informationsamt gut als führende Organisation für
die Förderung der Demokratie im Ausland geeignet
sei.
"Darüber hinaus wurde dringend empfohlen, daß eine
organisationsübergreifende, dem Amt unterstellte
Arbeitsgruppe für die Bemühungen der Vereinigten
Staaten zum Aufbau der Demokratie auf der ganzen
Welt und deren bessere Koordinierung ins Leben gerufen wird", äußerte Dobriansky. Die Bestrebungen
um den Aufbau der Demokratie würden als ein "langfristiger evolutionärer Prozeß" betrachtet, "ein Prozeß,
der für die Vereinigten Staaten eine lohnende, wenn
nicht entscheidende Investition in den Weltfrieden und
die globale Sicherheit darstellt".

Ellen Frost, renommierte Mitarbeiterin des Institute for
International Economics und ehemalige hochrangige
Beamtin im Verteidigungsministerium, warnte auf der
Schlußsitzung der Konferenz, daß Clinton sich im
Bereich der Wirtschaft einer "sehr düsteren Lage auf
der Welt" gegenübersehen könnte.
"Es ist nicht allzu schwierig vorherzusagen, daß sich
der künftige Präsident Clinton im nächsten Jahr einigen äußerst schwierigen wirtschaftspolitischen Problemen stellen muß. Beispielsweise könnten wir mühelos
prognostizieren, daß das Paket (binnenwirtschaftlicher) Anreize erst mit Verzögerung Ergebnisse zeitigen, der Dollar fallen und teurere Importe zum ersten
Mal seit den letzten Tagen der Carter-Administration
wirklich zu höherer Inflation führen würden", stellte sie
fest.
•

Frost fügte hinzu: "Wir können nicht länger unsere
Binnenwirtschaft von der Weltwirtschaft gesondert
betrachten. Handel und Wirtschaftswachstum sind
untrennbar verbunden. Wir müssen uns vor Augen
führen, daß im Jahr 1991 die Hälfte des in den Vereinigten Staaten zu verzeichnenden Wachstums auf
Exporte zurückzuführen ist; in den letzten vier Jahren
waren das ungefähr 30 Prozent."
Frost betonte, das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) und die Uruguay-Runde seien zwar
"im Kern politisch", stellten aber in der Tat das Welthandelssystem dar und müßten gestärkt werden.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 48

�VERTEIDIGUNG
2. Dezember 1992

US-STREITKRÄFTE: KLEINER ABER
STARK UND EINSATZBEREIT
Keine einschneidenden Veränderungen von Clinton erwartet
WASHINGTON - (AD) - Obwohl die Vereinigten Staaten in den kommenden Jahren ihre Verteidigungsausgaben
senken und weniger Truppen im Ausland stationieren werden, verpflichten sie sich nach wie vor, die für den
Schutz ihrer Interessen und der ihrer Verbündeten sowie die Förderung internationaler Stabilität erforderliche
militärische Fähigkeit beizubehalten.
Besorgnisse, die Vereinigten Staaten könnten einer isolationistischen Strömung folgen, entbehren jeglicher
Grundlage. Vor über zwei Jahren hat die Bush-Administration eine energisch betriebene amerikanische
Verteidigungsstrategie nach dem Ende des Kalten Krieges eingeführt, und es steht nicht zu erwarten, daß die
neue Clinton-Administration diese in ihrer Substanz verändert.
Sie wird sich teilweise deshalb nicht verändern, weil der gewählte Präsident seine Haltung zu wichtigen
verteidigungspolitischen Fragen bereits angedeutet hat und weil die Militärbürokratie, die den Präsidenten berät
und die Strategie mitgestaltet hat, grundsätzlich dieselben Verpflichtungen befürworten wird. Beim kontinuierlichen Abbau von Streitkräften und Haushalt werden Truppenstärke und Dollarausgaben verändert werden - der
auf fünf Jahre angelegte Haushaltsplan Clintons liegt jedoch nur fünf Prozent unter den Ansätzen Bushs.
Der gewählte Präsident Bill Clinton ist sich - wie auch seine Vorgänger - bewußt, daß die Welt "immer noch ein
gefährlicher Ort ist". Militärische Macht "ist weiterhin bedeutsam", so erklärt er, "und ich bin der Aufrechterhaltung einer starken und einsatzbereiten Verteidigung verpflichtet. Ich werde diese Stärke gegebenenfalls
einsetzen, um unsere vitalen Interessen zu verteidigen." So unterstützt er die Entscheidung Bushs, den
irakischen Kurden und Schiiten Luftunterstützung zu gewähren ebenso wie die Fortsetzung der NahostFriedensgespräche. Darüber hinaus befürwortet er eine stärkere Unterstützung demokratischer Regime in
Lateinamerika.
Diejenigen, die versuchen könnten, "ihre Ziele mit Macht und Gewalt" zu verwirklichen, sollten Clinton zufolge
wissen, daß seine Administration "die militärische Stärke aufrechterhalten wird, die wir zur Verteidigung unseres
Volkes ... und unserer Werte benötigen".

ken, wann immer eine Krise ausbricht, die eine amerikanische Reaktion notwendig macht. "Wir müssen in
Der strategische Rahmen, der von zivilen und militäri- der Lage sein, rasch und in ausreichender Stärke
schen Entscheidungsträgem formuliert wurde, deutet Macht nach Europa, dem Nahen Osten und Asien zu
darauf hin, daß die Vereinigten Staaten ein klares verlagern, um jeden möglichen Aggressor zu besieZukunftskonzept haben. Dazu gehört die weitere gen, der durch unsere Vomepräsenz nicht abgeschreckt
Vornestationierung amerikanischer Streitkräfte in wurde", erklärt der Vorsitzende der Vereinigten StabsRegionen von vitalem nationalem Interesse für die chefs (JCS), Colin Powell.
Vereinigten Staaten, die sich 40 Jahre lang bewährt
Aber Powell, der auch in der Clinton-Administration im
hat.
Amt bleiben wird, da seine Amtszeit als JCS-VorsitDie amerikanischen Interessen werden die andauern- zender bis zum September 1993 läuft, verweist darauf,
de Präsenz von Truppen in entscheidenden Regionen daß sich die amerikanische Militärstrategie nicht länwie Europa, dem Nahen Osten und Ostasien ebenso ger auf die Annahme stützt, in Europa könne es
erfordern wie die Fähigkeit, diese Präsenz zu verstär- kurzfristig zum Ausbruch eines größeren Krieges
Der strategische Rahmen

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�kommen. Dies, so erklärt er, habe "tiefgreifende
Auswirkungen darauf, wie wir unsere Streitkräfte in
Europa und in den Vereinigten Staaten planen und
strukturieren".

Andauerndes Engagement

Cheney zufolge könnte die Zukunft auch davon abhängen, wie andere Nationen die amerikanische Fähigkeit
zum raschen Streitkräfteaufwuchs sowie zur effektiven Abschreckung oder Abwehr eines Angriffs einschätzen. Die Bewahrung einer weltweiten amerikanischen Präsenz mit der Fähigkeit zur raschen Reaktion,
so Cheney, "wird absolut entscheidend für die Bewältigung künftiger Krisen und die Abschreckung künftiger Aggressoren sein". Daß Clinton Verbesserungen
der militärischen Luft- und Seetransportfähigkeiten
hohe Priorität einräumt, weist darauf hin, daß diese
Erfordernis ernst genommen wird.

Wolfowitz zufolge sind das amerikanisch-japanische
und das amerikanisch-südkoreanische Bündnis ebenso wie die NATO in Europa "Eckpfeiler der Stabilität in
diesen Regionen der Wert". Auch Clinton befürwortet
die Aufrechterhaltung eines starken Engagements für
die NATO.

Das Thema Engagement durchzieht den von Präsident Bush erstmals im August 1990 dargelegten politischen Kurs wie ein roter Faden. Paul Wolfowitz,
Verteidigungsminister Cheney zufolge wird die künfti- Staatssekretär im Verteidigungsministerium, hat es
ge Stabilität von der Bereitschaft der Vereinigten Staa- folgendermaßen formuliert: "Meines Erachtens sind
ten abhängen, Streitkräfte im Ausland zu stationieren wir nicht der Weltpolizist. Wir müssen mit anderen zuund im Inland eine qualitativ hochwertige Truppe bei- sammenarbeiten, und immer mehr Völker... wollen mit
zubehalten. Die wachsende Stärke der amerikani- uns zusammenarbeiten... Es ist beeindruckend, wie
schen Verbündeten jedoch, so fügt er hinzu, "wird es viele der Demokraten auf der Wert, einschließlich in
ihnen ermöglichen, mehr Verantwortung für unsere Moskau, uns weiterhin an der Macht und in der Welt
gemeinsamen Sicherheitsinteressen zu übernehmen". engagiert sehen wollen. Wir sind in der Tat eines der
wenigen Völker, denen jeder vertraut."
Zwischen den Lagern von Bush und Clinton hat es
Meinungsverschiedenheiten über die Zahl amerikani- Die amerikanische Militärpräsenz in Europa "unterscher Truppen gegeben, die in Europa stationiert mauert die Stabilität" dort, steift Powell fest. In
bleiben sollen. Clinton geht davon aus, daß 100.000 Südwestasien hält sie "den Tyrannen in Schach", geausreichen, während Bush 150.000 beibehalten woll- währleistet die Einhaltung der UNO-Sanktionen und
te. Darüber hinaus bestehen unterschiedliche Mei- bietet Stabilität. Im Pazifischen Becken, so Powell, ist
nungen über den Gesamtumfang der Streitkräfte bis das "amerikanische Engagement ein Sicherheitsschild
zum Jahr 1997, aber die Differenzen sind marginal: für uns und unsere zahlreichen Freunde in der ReClinton würde die von Bush angestrebte Zahl von 1,6 gion". Die US-Präsenz in all diesen Regionen ist "ein
Millionen um weitere 200.000 verringern.
strategischer Imperativ", erklärt er.

Obwohl der Umfang der US-Streitkräfte aufgrund des
Fehlens einer vorhersehbaren weltweiten Bedrohung
schrumpfen wird, bleiben die Vereinigten Staaten in
der Lage, gegebenenfalls ihre Streitkräfte rasch wiederaufzubauen: durch Aufstellung neuer Kampfeinheiten, Mobilisierung von Soldaten und Aktivierung der
rüstungsindustriellen Basis in großem Stil.

Das System amerikanischer Bündnisse ist "ein entscheidender Bestandteil der künftigen Verteidigung",
so der Sprecher des Pentagon, Pete Williams. "Wir
geben Kollektivismus nicht auf, stellt er fest. Die
Bewahrung und Erweiterung enger Zusammenarbeit
mit Verbündeten und Freunden zur Erlangu ng gemeinsamer sicherheitspolitischer Ziele bleibt weiterhin eine
amerikanische Forderung.

Zalmay Khalilzad, Referatsleiter für politische Planung
im US-Verteidigungsministerium, steift fest, die Verteidigungsplanung der Vereinigten Staaten habe sich
von der Reaktion auf die bisher von der Sowjetunion
ausgehende Bedrohung - die "unmittelbarer und apoUnd während die Rüstungskontrollabkommen der letz- kalyptischer und in gewisser Hinsicht berechenbarer
ten Jahre eindeutige und substantielle Reduzierungen war - auf die regionalen Herausforderungen verlagert,
der strategischen Kernwaffen bedeuten werden, ha- mit denen wir uns aller Voraussicht nach in der Zukunft
ben sich die Vereinigten Staaten weder von der Not- konfrontiert sehen - Herausforderungen, die sehr viel
wendigkeit abgewendet, ein modernes, zuverlässiges multidimensionaler und weniger berechenbar sind".
strategisches Abschreckungspotential beizubehalten,
darunter eine Triade luft-, land- und seegestützter In Zukunft erwartet das Pentagon, daß kleinere NatioRaketen, noch von der Erfordernis, Verteidigungssy- nen moderneres konventionelles militärisches Gerät
steme gegen begrenzte Angriffe mit ballistischen und Massenvernichtungswaffen besitzen werden. Dies
Raketen zu entwickeln. Obwohl er das Ziel der Stra- könnte bedeuten, daß die Dritte Welt über einstmals
tegischen Verteidigungsinitiative (SDI) unterstützt, Supermächten vorbehaltene militärische Fähigkeiten
möchte Clinton die strukturelle Orientierung von SDI verfügen wird.
von Weltraumsystemen wegverlagern und in dem auf Die Strategie der Vereinigten Staaten ist darauf ausgefünf Jahre veranschlagten Haushalt etwa 20 Milliarden
richtet, so Khalilzad, "Trends zu antizipieren und zu
Dollar streichen.
fördern, die unsere Sicherheit und die unserer Freunde
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�verbessern". Das entstandene neue Sicherheitsumfeld bietet laut Khalilzad eine Chance, "alte Feindschaften in kooperative Beziehungen umzuwandeln
und gleichzeitig die Fähigkeit beizubehalten, feindlich
gesinnte, nichtdemokratische Mächte davon abzuhalten, regionale Hegemonialmächte zu werden".

anderer demokratischer Werte sowie dem Übergang
von offensiven zu defensiven militärischen Doktrinen
und Einsatzkonzepten gerecht zu werden.
Unterschiedliche militärische Rollen

Während Clinton sich anschickt, 1993 die Verantwortung
des Oberbefehlshabers zu übernehmen, sieht er
Darüber hinaus werden sich Khalilzad zufolge mehr
sich
laut
Libby an "der Schwelle eines neuen ZeitalChancen zur Lösung der sicherheitspolitischen und
wirtschaftlichen Probleme durch "neue oder wiederbe- ters", in dem wahrscheinlich "gegenläufige Trends und
lebte internationale Organisationen'' bieten. Die erwei- große Unsicherheiten die neuen Demokratien schwäterte Rolle der Vereinten Nationen und die zunehmen- chen, entscheidende Regionen destabilisieren, Agde Prominenz der Internationalen Atomenergie-Orga- gression freisetzen oder gefährliche militärische Technisation sind zwei Beispiele. Die Vereinigten Staaten nologien - einschließlich nuklearer, biologischer oder
ziehen es vor, die internationalen Herausforderungen chemischer Waffen und modernster Trägersysteme der Zukunft "durch kollektive Aktionen anzusprechen, in unverantwortliche Hände gelangen werden".
aber wir müssen die Fähigkeit beibehalten, gegebenenfalls zum Schutz unserer Interessen unabhängig Clinton hat die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und der dazugehörigen Trägersysteme als eine
zu handeln", stellt er fest.
"der gravierendsten Bedrohungen" der internationalen
Äußerungen des Abteilungsleiters für Politik im Vertei- Sicherheit ausgemacht. Das ihm unterstehende
digungsministerium, I. Lewis Libby, zufolge strebt die amerikanische Militär soll erwartungsgemäß jedoch
amerikanische Strategie "eine Verstärkung und Erwei- auch weiterhin Terrorismusbekämpfung, Unterbindung
terung des Systems von Sicherheitsarrangements an, des Drogenhandels, Abrüstungsbestrebungen sowie
das demokratische und gleichgesinnte Nationen in die Bereitstellung humanitärer Hilfe weltweit unterstütgemeinsamer Verteidigung gegen Aggression verbin- zen.
det, Kooperation aufbaut, die Renationalisierung sicherheitspolitischer Maßnahmen vermeidet und Sicherheit zu geringeren Kosten und mit niedrigeren
Risiken für alle bereitstellt".
Es liegt im Interesse der Vereinigten Staaten, "lange
bestehende Bündnisse" in die Zukunft zu übertragen,
stellt der Regierungsvertreter fest, und gleichzeitig
Rußland, die Ukraine und andere Staaten der ehemaligen Sowjetunion sowie Mittel- und Osteuropas in eine
"Friedenszone" einzubeziehen. Das US-Verteidigungsministerium beabsichtigt, seiner Rolle durch die Erweiterung von Kontakten auf militärischer Ebene, Förderung demokratischer ziviler Kontrolle des Militärs und

*

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*

Die Strategie der Zukunft läßt sich in einem relativ
einfachen, vielleicht von Powell am besten formulierten Konzept zusammenfassen, der sie als "Beruhigung für u nsere Freunde und Abschreckung für unsere
potentiellen Gegner" bezeichnet.
Eine solche Führungsrolle, so Powell, impliziert das
weitere Engagement der Vereinigten Staaten . Obwohl historische Veränderungen in der Militärstrategie
und Truppenstruktur vorgenommen werden können,
steift er fest, "ziehen wir ganz entschieden einen
Rückzug aus der Welt nicht in Betracht". Die Struktur
der Zukunft wird Powell zufolge wahrscheinlich "ein
Konzert der Macht anstelle eines Gleichgewichts der
Macht" sein.
*

*

Seite 3

�SOMALIA
2. Dezember 1992

DIPLOMATIE KONZENTRIERT SICH
AUF SICHERE NAHRUNGSMITTELLIEFERUNGEN
NACH SOMALIA
Vereinigte Staaten nicht für Machtübernahme der UNO
WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium betonte am 30. November 1992, daß die
Debatten der Vereinten Nationen über Somalia sich
darauf konzentrieren, Möglichkeiten der sicheren
Nahrungsmittelversorgung für die 1,5 Millionen vom
Hungertod bedrohten Menschen zu finden und nicht
auf eine Machtübernahme der UNO in dem von Hunger und Bürgerkrieg erschütterten Land.
Die allgemeine Lage in Somalia hat sich noch verschlechtert, da sich befehdende Kriegsherren und
bewaffnete Banden die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen an der Bereitstellung von Nahrungsmitteln und
humanitärer Hilfe für die Notleidenden in verschiedenen Teilen des Landes hindern.

Sterberate stieg weiter und es wurde uns immer klarer,
daß es uns unter den gegebenen Bedingungen nicht
gelingen würde, alle Notleidenden mit Nahrungsmitteln zu versorgen."
Auf Seiten der Vereinigten Staaten und vieler anderer
Regierungen "wächst die Erkenntnis, daß in bestimmtem Maße Militär eingesetzt werden muß, um die für
Nahrungsmittellieferungen nötige Sicherheit zu gewährleisten", erklärte Boucher, lehnte es jedoch ab,
Einzelheiten des Angebots von Eagleburger bekanntzugeben. Presseveröffentlichungen ist zu entnehmen, die Vereinigten Staaten seien bereit, bis zu
30.000 Soldaten zur Verfügung zu stellen.

"Im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen NahrungsSchätzungsweise 300.000 Menschen sind schon mittellieferungen", hob Boucher hervor. In ganz Somalia
gestorben und weitere 1,5 Millionen vom Hungertod haben wir uns mit den drei wichtigsten Aspekten der
bedroht, erklärte Sprecher Richard Boucher auf einer jetzigen Situation dort befaßt, die ganz offensichtlich
Pressekonferenz. "Wir sind daran interessiert, mit den miteinander verbunden sind. Der erste umfaßt NahUN-Organisationen zusammenzuarbeiten, um siche- rungsmittel- und humanitäre Hilfe, der zweite Sicherre Hilfslieferungen zu gewährleisten. Viele Menschen heit, der dritte politische Stabilität oder eine politische
sind gerade jetzt der Ansicht, daß militärische Aktio- Lösung. Wir waren in jedem dieser drei Bereiche tätig,
nen welcher Art auch immer erforderlich seien. Wir um mit der Situation fertigzuwerden.
wollen im Rahmen der UNO tätig werden", betonte er.
"Wir befürworten nicht, daß die Vereinten Nationen auf
"Wir verfolgen nicht die Absicht, eine Regierung einzu- die eine oder andere Art die Macht in Somalia übernehsetzen oder die Machtstrukturen des Landes zu verän- men", äußerte der Sprecher. "Wir vertreten die Andern, sondern wollen lediglich die Sicherheit der sicht, daß die Vereinten Nationen in der Lage sind, den
humanitären Hilfslieferungen gewährleisten", erklärte Menschen in Somalia beim Aufbau einer zivilen Verwaltung in ihrem Land behilflich zu sein.
Boucher.
Der amtierende Au ßenminister Eagleburger flog letzte
Woche nach New York, um mit UN-Generalsekretär
Boutros-Ghali über die Möglichkeiten eines Einsatzes
von amerikanischem Militär zur Sicherung der Hilfslieferungen nach Somalia zu sprechen.

"Am wichtigsten wäre eine funktionierende Verwaltungsstruktur zur Bereitstellung von Nahrungsmitteln
und Hilfe, und die UNO könnte in diesem Bereich eine
große Hilfe sein", stellte er fest. "Aber es läge bei den
Vereinten Nationen und den Vertretern Somalias, im
Hinblick darauf Entscheidungen über künftige Maßnahmen zu treffen."

"Wir mußten verschieden Möglichkeiten in Betracht
ziehen", antwortete Boucher auf die Frage, was Eagleburger zu dem Angebot eines Einsatzes von US- Boucher antwortete den Fragestellern, es würden
Truppen veranlasse. Die Situation in Somalia "hat sich "verschiedene Möglichkeiten in Erwägung gezogen",
ganz offensichtlich verschlechtert", stellte er fest. "Die konnte jedoch keine Einzelheiten nennen. Er betonte
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Sehe 1

�nochmals, daß man sich vor allem auf eine Stabilisie- Im Hinblick auf einen möglichen Einsatz amerikanirung der Sicherheitslage konzentriere, damit die Hilfs- scher Truppen bei erweiterten Hilfslieferungen für
lieferungen die Notleidenden erreichten.
Somalia äußerte Boucher, die Führungsmodalitäten
könnten zusammen mit den Vereinten Nationen ausDer Sprecher bezeichnete die Vereinten Nationen gearbeitet werden. In einem Fernsehinterview am 28.
deutlich als den "besten Koordinator" für alle Aktivitä- November 1992 erklärte Eagleburger, die Truppen
ten mit dem Ziel einer wirksamen Hilfe für Somalia und sollten amerikanischem Kommando unterstehen aber
äußerte, jetzt müsse Boutros-Ghali den einzuschla- unter dem Mandat der Vereinten Nationen operieren.
genden Kurs empfehlen.
Der Sprecher stellte fest, eine Anzahl führender PoliDie Vereinigten Staaten sprechen mit den anderen tiker Somalias hätte in der Presse die Möglichkeit
Mitgliedern des Sicherheitsrates, um deren Ansichten amerikanischer Hilfe zur Sicherung der Hilfsmaßnahzu sondieren, und nachdem der Generalsekretär seine men begrüßt.
Empfehlungen gegeben hat, "wird es eingehendere
Beratungen geben", so Boucher.
Boucher gab bekannt, zwischen dem 25. und dem 29.
November hätten amerikanische Militärflugzeuge bei
"Ich bin sicher, daß es viele Länder gibt, die mit uns 62 Einsätzen 724 Tonnen humanitäre Hilfsgüter an
zusammen das Ziel verfolgen, den Menschen in Somalia Ziele in Somalia und Kenia geliefert. Seit August
Nahrungsmittel und Hilfe zu gewährleisten", erklärte wurden Boucher zufolge von amerikanischen Milrtärer, hielt es jedoch für 'Verfrüht", vorzuschlagen, was und Zivilflugzeugen 23.042 Tonnen Hilfsgüter beförandere Länder vielleicht im Zusammenhang mit einem dert.
spezifischen UNO-Plan unternehmen möchten.
* * * *

Seite 2

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AMERIKA DIENST 48

�RASSENBEZIEHUNGEN

GLEICHSTELLUNG UND DIE
AMERIKANISCHE WELTANSCHAUUNG
von Seymour Martin Lipset
Dem Verfasser zufolge sollte zur Vertiefung des nationalen Konsenses über Bürgerrechte und Gerechtigkeit
zwischen den Rassen in den Vereinigten Staaten Gleichstellung als Maßnahme einer Überprüfung unterzogen
werden. In dem nachfolgenden Artikel nimmt der Autor eine Übersicht über die Geschichte der Gleichstellung
vor und erörtert die Bedeutung von Gleichheit, wie sie von den unterschiedlichen Gruppen der amerikanischen
Gesellschaft gesehen wird.
Trotz der großen Bürgerrechtstriumphe der sechziger Jahre steht die Rassenpolitik wieder im Mittelpunkt des
amerikanischen Lebens. Was jedoch Lipsets Argumentation zufolge ein Konflikt zwischen Schwarzen und
Weißen zu sein scheint, ist vielmehr eine Kontroverse zwischen der amerikanischen Öffentlichkeit und der
politischen Elite des Landes über die wahre Bedeutung der Gleichheit.
Seymour Martin Lipset, Forscher am Wilson Center und der Hoover Institution, ist Hazel Professor of Public
Policy an der George Mason University. Derzeit ist er gewählter Präsident der American Sociological
Association, war jedoch unter anderem auch Präsident der American Political Science Association. Sein
jüngstes Buch hat den Titel Continental Divide: The Values and Institutions of the United States and
Canada (1990). Copyright (c) 1992 by Seymour Martin Lipset.
Nachdruck dieses Artikels gestattet mit folgendem Zusatz: Copyright (c) 1992 Seymour Martin Lipset mit
freundlicher Genehmigung von Wilson Quarterly.
Keine Errungenschaft der amerikanischen Politik im
zwanzigsten Jahrhundert ist von größerer Bedeutung
als die Erlangung eines nationalen Konsenses über
Bürgerrechte. Dieser Konsens wurde im vergangenen
Vierteljahrhundert von einer Bürgerrechtsbewegung
errungen, die die Amerikaner schließlich zu einer
Konfrontation mit der tiefen Kluft zwischen der Behandlung von Schwarzen und den egalitären Werten
zwang, die sie in ihrer nationalen Weltanschauung
nährten.

Gleichstellung wurde 1965 im Geiste der ersten Bürgerrechtsrevolution geboren. Bald danach wurde sie
in ein System rassischer Bevorzugung umgewandelt,
und heute polarisiert Gleichstellung die Rassenpolitik
in den Vereinigten Staaten zunehmend. Die Seiten mit
den Leitartikeln und Kommentaren strotzen vor Auseinandersetzungen mit und Analysen von Gleichstellung. In der Wahlkampagne von 1990 um das Gouverneursamt von Kalifornien konzentrierte sich der Republikaner Pete Wilson beim Kampf gegen Diane Feinstein auf die "Quotenfrage". Im gleichen Jahr gewann
In den vergangenen Jahren haben die Protagonisten Senator Jesse Helms die Wiederwahl in North Carolider Bürgerrechtsbewegung jedoch den Schwerpunkt na mit Hilfe der Quotenfrage, und in Louisiana benutzvonderVerwirklichunggleicherChancenauf die Erlan- te das ehemalige Mitglied des Ku-Klux-Klan David
gung substantieller Gleichheit durch bevorzugte Be- Duke sie, um eine Mehrheit der Stimmen von Weißen
handlung verlagert. Dadurch hat sich die Lage zuge- auf sich zu vereinigen, obwohl er die Kandidatur um
spitzt, weil die meisten Amerikaner, einschließlich einen Senatssitz verlor. Sein gescheiterter Wahlzahlreicher Schwarzer, diese Verlagerung nicht zu- kampf für das Gouverneursamt im vergangenen Herbst
sammen mit den Anführern der Bewegung vollzogen wurde ein nationales Drama. Als der Kongreß 1991 die
haben. Der Grund hierfür ist nicht schwer zu finden: Sitzungsperiode aufnahm, war der erste von der
Während die Bürgerrechtsbewegung der sechziger demokratischen Führung im Repräsentantenhaus
Jahre von den Amerikanern forderte, einem einzigen, eingebrachte Gesetzentwurf die von ihren Gegnern
unanfechtbaren Ideal gerecht zu werden, löst sie heute als "Quotengesetz" bezeichnete Bürgerrechtsgeseteinen Konflikt zwischen zwei wesentlichen amerikani- zesvorlage. Selbst als eine Version dieses Gesetzentschen Werten aus: Egalitarismus und Individualis- wurfs im November als Gesetz verabschiedet wurde,
mus.
AMERIKA DIENST 48

Seite 1

�hielt die Kontroverse über seine Bedeutung und Auswirkungen an.

Diese Version von Gleichheit ist eines der fünf miteinander verbundenen Elemente der amerikanischen
Weltanschauung: Freiheit, Individualismus, PopulisHäßliche politische Kampagnen und noch häßlichere mus (die Herrschaft des Volkes) und laissez faire. Im
Rassenzwischenfälle allerorts von Bensonhurst bis Europa der Zeit von de Tocqueville, mit seinem VerLos Angeles erwecken manchmal den Eindruck, daß mächtnis des Feudalismus, waren die Gesellschaften
in den Vereinigten Staaten ein Wiederaufflammen von in strenge soziale Schichten eingeteilt. Die entstehenRassismus zu beobachten ist. Der alte Konsens de Arbeiterklasse im Europa des 19. Jahrhunderts sah
zugunsten von Bürgerrechten und Chancengleichheit das Klassensystem daher als unveränderlich an und
besteht jedoch nach wie vor. Amerikaner, einschließ- strebte durch den Sozialismus Gleichheit der Ergeblich zahlreicher Wei ßer aus dem Süden, lehnen die Art nisse als Gruppe an. In Amerika - oder zumindest im
von Rassendiskriminierung kategorisch ab, die in die- weißen Amerika - der reinsten bürgerlichen und klassem Land noch vor wenigen Jahrzehnten an der sisch liberalen Gesellschaft der Welt, wird Klasse
Tagesordnung war. Eine 1991 von Gallup für News- behandelt als eine wirtschaftliche Konstruktion, und
week durchgeführte Meinungsumfrage belegte, daß die Lösung für Ungleichheit wird als wirtschaftliche
"72 Prozent der Schwarzen und 52 Prozent der Wei- Chance gesehen.
ßen aussagten, sie würden es vorziehen, in einer
rassisch 'halb und halb' gemischten Nachbarschaft zu In den späten zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts,
leben - dieser Prozentsatz liegt auf beiden Seiten als sich die ersten Anzeichen des Sozialismus in
höher als noch vor drei Jahren." Über zwei Drittel der Europa noch kaum bemerkbar machten, entstanden in
Weißen und vier Fünftel der Schwarzen behaupten, New York, Philadelphia und anderen amerikanischen
"sehr viele Angehörige der anderen Rasse gut zu Städten Arbeiterparteien. Aber die Arbeiter waren
kennen". Verschwindend wenig Weiße (6 Prozent) keine Sozialisten, sie glaubten an Privateigentum und
geben an, sie würden sich 'bei gemeinsamer Arbeit mit wollten, daß die Menschen sozialen Aufstieg anstrebAngehörigen einer anderen Rasse oder einem einer ten. Die New Yorker Partei lehnte die zu jener Zeit von
anderen Rasse angehörigen Vorgesetzten unbehag- zahlreichen egalitären Reformern befürwortete Idee
lich fühlen."
von Gemeinschaftsschulen (das heißt, öffentlichen
Schulen) ab und schlug statt dessen die Gründung
Gleichzeitig befürworten die meisten Amerikaner gewisse staatlich finanzierter Internate vor. Der Argumentation
Formen von Kompensation, um Schwarzen und ande- der Arbeiter zufolge bestand der einzige Weg zur
ren benachteiligten Gruppen zu Leistungen entspre- Schaffung der sprichwörtlichen gleichen Chancen darin,
chend der von der Gesellschaft festgelegten Wettbe- die Jugendlichen aller Schichten 24 Stunden lang in
werbsebene zu verhelfen: Head Start und andere einer Gemeinschaft zu erziehen.
spezielle Bildungsprogramme, staatliche Unterstützung für College-Studenten, berufliche Ausbildung Die amerikanische Betonung des Individualismus wurde
und Enwicklung des Gemeinwesens. Eine große früh durch das religiöse Engagement für die "nonkonMehrheit der Weißen und rund die Hälfte aller Schwar- formistischen" protestantischen Sekten bekräftigt, die
zen ziehen jedoch eine Grenze bei bevorzugter Be- wie in Europa und andernorts Voluntarismus im Hinhandlung, der Aussetzung von Normen und Einfüh- blick auf den Staat und eine persönliche, nicht durch
rung von Quoten oder anderen Hilfsmitteln, die Bürger hierarchisch organisierte Kirchen vermittelte Bezieauf der Grundlage ihrer Gruppenzugehörigkeit begün- hung zu Gott betonen. Die Hinwendung der Amerikastigen.
ner zu Liberalismus und dem Markt begünstigte ferner
einen unterschiedlichen Ansatz zur Gleichheit. Der
Wenn die meisten Amerikaner eine solche Vorzugsbe- Markt fordert eine Leistungsgesellschaft und die Abhandlung ablehnen, wer befürwortet sie dann? Wie es lehnung von Nepotismus und anderer Formen der
scheint, kommt die Unterstützung vornehmlich von Begünstigung. Die Einstellung der am besten qualifieinem Teil der nationalen Führungsschicht. In der Tat zierten Person, sei sie schwarz oder weiß, Jude oder
wurde diese Politik praktisch ausschließlich von politi- NichtJude, gebürtiger Amerikaner oder im Ausland
schen und sozialen Eliten - Republikanern und Demo- geboren, ist der beste Weg, wirtschaftlichen Ertrag zu
kraten gleichermaßen - gegen den Wunsch der Mehr- maximieren.
heit der amerikanischen Öffentlichkeit entworfen und
wird weiterhin von ihnen gefördert. Die Kontroverse Die Auswirkungen der Unterschiede zwischen Europa
über Vorzugsbehandlung ist in Wirklichkeit weniger ein und Amerika wurden von dem Politologen Walter Dean
Konflikt zwischen Wei ßen u nd Schwarzen als vielmehr Burnham präzise formuliert: "Kein Feudalismus, kein
zwischen Menschen und ihren politisch Verantwortli- Sozialismus - mit diesen vier Worten kann man die
grundlegenden soziokulturellen Realitäten zusammenchen.
fassen, die der amerikanischen Wahlpolitik im InduVor über 150 Jahren beobachtete Alexis de Tocquevil- striezeitalter zugrundeliegen."
le, daß die amerikanische Version von Egalitarismus
die Gleichheit von Chancen und Respekt betonte, statt Eine andere Realität ist jedoch unleugbar: Schwarze
die Gleichheit von Ergebnissen oder Bedingungen. stehen für die schreckliche Ausnahme der gemeinsaSeite2

AMERIKA DIENST 48

�men amerikanischen Erfahaing. Sie verbrachten ihre
ersten zweieinhalb Jahrhunderte in diesem Land als
Sklaven und weitere 100 Jahre nach dem Bürgerkrieg
als streng getrennte Gruppe der unteren Gesellschaftsschicht - soziale Arrangements, die in beiden Fällen
sehr viel deutlicher hierarchisch und vererbt waren als
irgend etwas im europäischen Feudalismus. Die
Behandlung der Schwarzen durch die weißen Amerikaner konzentrierte sich auf Gruppenkriterien, auf die
Definition und Behandlung von Menschen nicht aufgrund ihrer persönlichen Verdienste, sondern wegen
ihrer Abstammung, ihrer Rasse und ihrer ethnischen
Identifizierung.

ropäisches Land kann damit Schritt halten. Nur 31
Prozent der Franzosen und 30 Prozent der Westdeutschen können beispielsweise auf den Besuch einer
Fachhochschule, einer Universität oder anderen Bildungsinstitution nach dem Gymnasium verweisen.

Die Vereinigten Staaten geben proportional sehr viel
mehr öffentliche Gelder für das Bildungswesen aus als
jedes europäische Land, wohingegen Europa mehrfür
Sozialhilfe aufwendet. 1985 beliefen sich die Ausgaben für das Bildungswesen in den Vereinigten Staaten
auf 6,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Durchschnitt von 17 westeuropäischen Ländern lag bei 5,1
Prozent. Seit 1981 wurde ein Fünftel des amerikaniDie Betonung von Gruppencharakteristika ermutigt schen Bruttoinlandsprodukts für Sozialausgaben beGruppenlösungen. In Europa förderte die Bedeutung reitgestellt (einschließlich Bildung), verglichen mit mehr
der eigenen Position Klassenbewußtsein bei der unte- als einem Viertel in den 24 Industrienationen der
ren Gesellschaftsschicht und in gewissem Maße einen Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Sinn von noblesse oblige unter den Privilegierten. Entwicklung.
Sowohl die auf die Unterschicht gegründete sozialdemokratische Linke als auch konservative Politiker der Die Bedeutung, die Amerikaner kulturell bedingt aufOberschicht wie Disraeli in Großbritannien und Bis- Leistung legen, steht außer Frage. Die meisten
marck in Deutschland befürworteten staatliche Bestre- Amerikaner sind der Auffassung, daß es harte Arbeit
bungen zur Verbesserung des Loses der weniger statt "Glückstreffern oder Hilfe von anderen" ist, was
Wohlhabenden ohne notwendigerweise ihre Position den Menschen zum sozialen Aufstieg verhilft. Vom
in der sozialen Ordnung zu verändern: Sozialhilfe, Nationalen Meinungsforschungszentrum (National
sozialer Wohnungsbau, Beschäftigung im öffentlichen Opinion Research Center - NORC) von 1983 bis 1990
Dienst, staatliche Gesundheitsfürsorge. Europas durchgeführte Umfragen belegen die einhellige ZuSozialdemokraten waren seit den dreißiger Jahren stimmung von rund zwei Dritteln der Befragten, daß
häufig an der Regierung und haben sehr viel zur "man durch harte Arbeit vorankommt". 88 Prozent
Verbesserung des Lebens der Arbeiter getan. In den gaben an, "Ehrgeiz" sei unabdingbar oder sehr wichtig
meisten Ländern haben sie jedoch weder die Gymna- "für den sozialen Aufstieg im Leben". Die große
sien der Elite abgeschafft noch die Möglichkeiten zur Mehrheit der Amerikaner, einschließlich der meisten
Universitätsausbildung für die Jugendlichen der Arbei- Schwarzen, sind der Meinung, daß die Vereinigten
Staaten immer noch ein Land der Chancen sind, eine
terklasse maßgeblich verbessert.
Leistungsgesellschaft in Theorie und Praxis. Auf die
Im Gegensatz dazu haben die Amerikaner immer 1988 gestellte Frage, ob sie eine gute Chance zur
mehr Betonung auf die Erweiterung der Chancen des Verbesserung ihres Lebensstandards hätten, gaben
einzelnen durch Bildung gelegt. Seit Anfang des 19. 71 Prozent der Amerikaner NORC eine positive AnJahrhunderts standen die Vereinigten Staaten welt- wort. Im Gegensatz dazu vertraten nur 43 Prozent der
weit im Hinblick auf den Prozentsatz der Bevölkerung Italiener, 36 Prozent der Deutschen und Engländer
an führender Stelle, der die Grundschul- und High- und nur 23 Prozent der Holländer diese Ansicht. Und
School-Ausbildung abschließt. Horace Mann und obwohl bereits sehr viel mehr Amerikaner aufs College
andere Bildungsreformer der dreißiger und vierziger gehen als Menschen in jedem anderen Land, sind
Jahre des 19. Jahrhunderts, die für das Konzept der nahezu zwei Drittel (65 Prozent) der Auffassung, daß
Gemeinschaftschule warben, bestanden darauf, daß die Chancen für weiterführende Studien noch weiter
die Schulen für alle - reich und arm, Kinder von verbessert werden sollten. Verglichen damit haben
Einwanderern und gebürtigen Amerikanern - aber nicht nur 55 Prozent der Briten und 31 Prozent der Deutfür die Schwarzen offen sein sollten. Solche Reformer schen dieses Gefühl.
lehnten das europäische, nach Schichten unterteilte
Bildungssystem ab und verhöhnten die deutschen Die meisten weißen Amerikaner sind heute der ÜberGymnasien, die französischen Lycees, und die engli- zeugung, daß die erfolgsorientierte Ethik der Nation
schen "öffentlichen" Schulen, die höchstens die ober- auch auf Schwarze und Frauen Anwendung findet.
Und obwohl sie den Versprechungen Amerikas versten 10 Prozent der Bevölkerung ausbildeten.
ständlicherweise ambivalent gegenüberstehen, haDie transatlantischen Unterschiede sind heute bei den ben sich die meisten Schwarzen auch dem Glauben
weiterführenden Studien am offenkundigsten. Seit verschrieben, daß harte Arbeit und Bildung ihnen zu
1987 haben 65 Prozent aller 20-24jährigen Amerika- sozialem Aufstieg verhelfen. Eine 1991 von Gallup
ner an irgendeiner Form von Ausbildung nach der durchgeführte Meinungsumfrage gelangte zu dem
weiterführenden Schule teilgenommen. Kein westeu- Schluß, daß "69 Prozent der Weißen und 68 Prozent

AMERIKA DIENST 48

Seite 3

�der Schwarzen erklären, Afroamerikaner sollten ihre
Energie mehr auf die Verbesserung (ihrer) Ausbildung
konzentrieren".
Die Situation der Schwarzen hat die Werte der Nation
von Anfang an vor eine Herausforderung gesteht. "Ich
zittere um mein Land, wenn ich daran denke, daß Gott
gerecht ist", schrieb Thomas Jefferson 1781. Sollte
sich das Land über die Frage der Sklaverei spalten,
berichtete ein Freund von George Washington 1791,
"war Washington entschlossen, zu handeln und sich
den Nordstaaten anzuschließen". Jefferson sah voraus, daß das in seinen eingängigen Worten enthaltene Versprechen, "alle Menschen sind gleich geschaffen", dauerhafte Auswirkungen auf die amerikanische
Politik haben und letztlich die Sklaverei unterminieren
würde.
Der Logik von Jeffersons Beobachtungen folgend,
stellte der schwedische Soziologe Gunnar Myrdal 1944
in An American Dilemma fest, daß weiße Amerikaner, einschließlich der meisten Südstaatler, fest an
diese Weltanschauung glaubten, selbst wenn sie diese mit "Jim Crow" und anderen Rassentrennungspraktiken zutiefst verletzten. Er gelangte zu der Schlußfolgerung, die Überzeugung sei so stark, daß die Weißen
nachgeben müßten, wenn die Schwarzen sich zur
Verteidigung ihrer Rechte organisieren würden. Die
politischen Erfolge der Bürgerrechtsbewegung in den
sechziger Jahren bewiesen, daß Myrdal recht hatte.
Aber mit ihrem politischen Einlenken stimmte die weiße männliche politische Elite nicht nur der Erweiterung
der Rechte des einzelnen für die Schwarzen zu, sondern auch der Gruppenrechte, die in der Geschichte
ihresgleichen suchen.
Gleichstellung erlebte in den Vereinigten Staaten zweimal
eine Wiedergeburt und bei ihrer ersten während der
Kennedy-und Johnson-Administrationen spiegelte sie
einen mehr oder weniger traditionellen amerikanischen
Ansatz zum Problem der Ungleichheit wider. Die
vielleicht beste Erklärung der Logik dieser Vielfalt von
Gleichstellung wurde von Präsident Lyndon Johnson
in einer Rede vor der Howard University im Jahr 1965
angeboten:

ten, die auf das Baby, das Kind und schließlich
den Mann einwirken.
LBJs Lösung war der Krieg gegen die Armut, zu dem
höhere Ausgaben für das Bildungswesen durch Programme wie Head Start, Erweiterung der Hilfe für
Familien mit unterhaltspflichtigen Kindern sowie eine
Reihe anderer Initiativen zählten. Diese Bestrebungen
wurden durch Gesetze gestützt, die Abbau von Diskriminierung am Arbeitsplatz, in Wohngebieten, Schulen
und nicht zuletzt Bereichen wie Club-Mitgliedschaften
zum Ziel haben, die soziale Beziehungen betreffen.
Die Gewährung der uneingeschränkten politischen
Staatsbürgerschaft für Schwarze durch das Wahlrechtsgesetz von 1965 sowie spätere Gesetze und
Rechtsentscheidungen hatten zur Folge, daß Schwarze ebenso wie Weiße ihre legitimen Rechte als einzelner in den Gerichten und Verwaltungstribunalen durchsetzen konnten.
Die Gleichstellung wurde einer tiefgreifenden Veränderung unterzogen - mit deren Konsequenzen wir
noch heute zu kämpfen haben - als die politisch
Verantwortlichen zu der Überzeugung gelangten, daß
der erste Ansatz zu langsam Wirkung zeigte. Ironischerweise wurde die Veränderung von der konservativen Nixon-Administration durchgeführt. Es war keine
Reaktion auf spezifische, von den Schwarzen oder der
amerikanischen Linken geäußerte Bedürfnisse, sondern schien eine Innovation von Teilen der weißen
Elite zur Erfüllung der Ziele der Bürgerrechtsbewegung zu sein.
Im Oktober 1969 gab Nixons Arbeitsminister George
Shultz einen Verwaltungserlaß bekannt, mit dem eine
Quote für die Einstellung von schwarzen Lehrlingen für
Staatsaufträge der Bauindustrie von Philadelphia festgesetzt wurde, deren Arbeitgeber und Gewerkschaften zusammenarbeiteten, um Schwarzen die Arbeit zu
verwehren. Diese Politik wurde rasch auf andere
Städte und schließlich auf andere Gebiete ausgedehnt. Rückblickend erinnert sich Laurence Silberman, der als Shultz' Rechtsberater den Schriftsatz
verfaßt hatte, mit dem der Philadelphia-Plan gemäß
dem rechtmäßigen Verfahren im Rahmen des Fünften
Verfassungszusatzes gerechtfertigt wurde, daß er und
seine Kollegen durch die Doppeldeutigkeit des Gleichstellungserlasses der Johnson-Administration beunruhigt waren. Und weil sie sich "unbehaglich mit dem
Bild fühlten, das die Partei von Abraham Lincoln entwickelt hatte", schrieb der später von Reagan zum
Richter ernannte Silberman, "und vor allem, weil die
Republikaner bestrebt waren, die Berufschancen für
Schwarze zu verbessern, leiteten wir eine - wie ich
inzwischen erkannt habe - im Grunde ungesunde
Politik in die Wege."

Man nimmt nicht einen Menschen, der jahrelang
in Ketten gefesselt war und befreit ihn, stellt ihn
an die Startlinie eines Rennens und sagt dann:
"Du bist frei, um mit all den anderen zu konkurrieren", und gibt sich dann immer noch dem
berechtigten Glauben hin, man sei völlig fair
gewesen... Männer und Frauen aller Rassen
werden mit denselben Fähigkeiten geboren.
Fähigkeiten sind jedoch nicht nur das Produkt
der Geburt. Fähigkeiten werden von der Familie
und der Nachbarschaft, von der Schule, die man
besucht und der Armut oder dem Reichtum der Das neue Gleichstellungsverfahren wurde vom PräsiUmgebung gefördert oder verkümmern. Sie denten des Bundesrechnungshofes der Vereinigten
sind ein Produkt von hundert unsichtbaren Kräf- Staaten Eimer Staats (der von Johnson ernannt wor-

Seite4

AMERIKA DIENST 48

�den war), der nationalen Gewerkschaftsführung und
der Mehrzahl der Demokraten im Kongreß aufs Schärfste abgelehnt. Clarence Mitchell von der nationalen
Vereinigung zur Förderung Farbiger (National Association forthe Advancement of Colored People) verurteilte es als einen "direkt vom Schreibtisch des Präsidenten kommenden kalkulierten Versuch, die Koalition zwischen Negern und den Gewerkschaften aufzubrechen. Der Großteil des sozialen Fortschritts in
diesem Land hat sich aus diesem Bündnis ergeben."
Im Namen der Administration kritisierte George Shultz
die Anführer der Bürgerrechtsbewegung, weil sie den
Quotenplan nicht unterstützten.
Gegner wandten ein, die Antidiskriminierungsklausel
des Bürgerrechtsgesetzes von 1964, Titel VII, verurteile ausdrücklich "berufliche Diskriminierung". Staats
zitierte Senator Hubert Humphreys Versprechen, daß
kein Bestandteil des Gesetzes "weder der (Gleichstellungs-) Kommission noch einem Gericht die Macht
verleihen wird, die Einstellung, Entlassung oder Beförderung von Beschäftigten zur Erfüllung einer'Rassenquote' oder Herstellung eines Rassengleichgewichts
zu fordern", sowie die Zustimmung seiner liberalen
Fraktionsführer im Senat, daß "die Hautfarbe... bei der
Entscheidung über Einstellung oder Beförderung keine Rolle spielen wird". Im Dezember 1969 lehnte der
Kongreß jedoch einen Zusatz zu einem Bewilligungsgesetz ab, der Quoten ausdrücklich verboten hätte.
Die Republikaner stimmten mit 124 zu 41 gegen das
Verbot, wohingegen die Demokraten mit 115 zu 84
dafür stimmten. "Die Demokraten orientieren sich an
der Sache - wir am Arbeitsplatz", erklärte Nixon. Binnen Kürze sollten die Parteien ihre Rolle wechseln.

folgerung, daß die Juden zwar viel Diskriminierung
erdulden mußten, jedoch alles, was sie benötigten, um
zu Wohlstand zu gelangen, ein Ende der Diskriminierung und die Anwendung von Kriterien der Leistungsgesellschaft auf sie selbst sei. Nachdem ihnen das
gelungen war, machten die jüdischen Organisationen
die amerikanische Weltanschauung zu ihrem Fetisch
und bestanden darauf, daß alle Minderheiten und
Einwanderer nur die gleiche Behandlung benötigten.
Die Sehwarzenführer argumentierten daraufhin, sie
könnten zu Recht Gruppenrechte für sich beanspruchen, teils als Wiedergutmachung für 350 Jahre beispielloser Ausbeutung durch die weiße Gesellschaft.
Schließlich, so erklären sie heute, hat der Kongreß
Amerikaner japanischer Ab stammung fürihre Inhaftierung während des Zweiten Weltkriegs entschädigt und
die deutsche Bundesregierung an die Juden und Israel
Reparationszahlungen geleistet.
Lange vor der Gleichstellung wichen die Amerikaner
darüber hinaus bei der Behandlung von Kriegsveteranen vom Prinzip der Leistungsgesellschaft ab. Als
Entschädigung für ihren Dienst wurden die Veteranen
bei den Einstellungsverfahren im öffentlichen Dienst
bevorzugt und erhielten besondere Unterstützung bei
der Finanzierung ihrer weiterführenden Studien und
Hypotheken.

In vieler Hinsicht waren die Vereinigten Staaten jedoch
niemals eine perfekte Leistungsgesellschaft. Auf dem
Arbeitsmarkt und in anderen Bereichen tendiert man
dazu, Verwandte, Freunde und Angehörige der eigenen ethnischen, religiösen, kommunalen oder kulturellen Gruppen zu begünstigen. Und Universitäten obwohl in ihren Werten ausdrücklich am Prinzip der
Nixon und seine Nachfolger- Republikaner und Demo- Leistungsgesellschaft und Universalität orientiert kraten gleichermaßen - erweiterten die "kommunalen bevorzugten schon immer die Kinder ehemaliger StuRechte" allmählich auf andere Minderheiten und Frau- denten und Fakultätsmitglieder, ganz zu schweigen
en. Solche Gesten wußte die amerikanische Öffent- von Sportlern und deren Zulassungspraktiken. Sie
lichkeit jedoch kaum zu schätzen.
vergeben femer besondere Begabten- und Forschungsstipendien, die auf Bewerber besonderer regionaler,
Meinungsumfragen haben wiederholt belegt, daß die ethnischer oder religiöser Abstammung sowie nach
überwältigende Mehrheit der Weißen - Männer wie Geschlecht begrenzt sind - obwohl einige dieser Prakauch Frauen - und häufig über 50 Prozent der Schwar- tiken jetzt verboten wurden. Die Schwarzen waren in
zen sie ablehnen.
hohem Maße von diesem Netz an Privilegien ausgeschlossen.
Zahlreiche amerikanische Eliten scheinen das Gefühl
zu haben, daß die individualistische Betonung der Frauen und die Angehörigen der meisten anderen
amerikanischen Weltanschauung einer Überholung Minderheiten benötigten lediglich echte Chancengleichbedarf. Von den vielen während der sechziger Jahre heit und keine besonderen Hilfen, um sich einen Platz
für sie vorgebrachten Argumenten wurde das bemer- in der amerikanischen Gesellschaft zu sichern. Dies
kenswerteste von einem schwarzen Gelehrten, Harald ist Juden, "konfuzianischen" Asiaten und Indem im
Cruse, in The Crisis of the Negro Intellectual (1967) Durchschnitt tatsächlich besser gelungen als alteingeangeführt. Angesichts der Unterdrückung der Vergan- sessenen weißen Amerikanern mit ähnlichen Qualifigenheit und der andauernden Diskriminierung, so kationen und Bildungsabschlüssen. Rund 40 Prozent
argumentierte er, müssen die Schwarzen als einzigar- der Amerikaner mexikanischer Herkunft sind heute als
tige nationale Minderheit anerkannt werden. Sie ver- Angestellte oder in anderen gehobenen Positionen
dienen femer über die von anderen Minderheiten und tätig, obwohl die meisten noch nicht einmal in den
nichtschwarzen Armen angestrebten Rechte hinaus- Vereinigten Staaten geboren wurden. Jedenfalls erhegehende Gruppenrechte. Cruse verglich die Situation ben Einwanderer im allgemeinen keine Ansprüche
der Schwarzen mit der der Juden anhand der Schluß- gegenüber der amerikanischen Gesellschaft. Was
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Seite 5

�auch immer ihre Handicaps sein mögen - unzureichen- Meinungsforschungsinstitut Gallup stellte zwischen
de Bildung, Mangel an Qualifikationen, Unerfahrenheit 1977 und 1989 fünfmal dieselbe Frage:
mit den städtischen Gepflogenheiten -, sie wurden
Einige Leute sagen, um die bisherige Diskriminicht von der amerikanischen Gesellschaft verursacht.
nierung zu kompensieren, sollten Frauen und
Schwarze erheben eindeutig Ansprüche gegenüber
Angehörige von Minderheiten bei der Vergabe
dieser Gesellschaft. Wie ich bereits 1963 in The First
von Arbeits- und Studienplätzen bevorzugt
New Nation schrieb: "Vielleicht besteht die wichtigste
behandelt werden. Andere sagen, daß die
Tatsache, die im Hinblick auf die heutige Lage des
anhand von Prüfungsergebnissen gezeigte
amerikanischen Negers erkannt werden muß, darin,
Qualifikation entscheidend sein sollte. Welche
daß Gleichheit nicht ausreicht, um seine EinbezieMeinung entspricht am ehesten Ihrer eigenen?
hung in die Gesellschaft als Ganzes zu gewährleiIn jeder Untersuchung erklärten 10 bis 11 Prozent, daß
sten." Die Frage ist, was wird ausreichen ?
Minderheiten bevorzugt behandelt werden sollten,
Ein neuerer Vorschlag wird von Lawrence Fuchs von während 81, 83 oder 84 Prozent antworteten, die
der Brandeis University in seinem Buch The Ameri- Qualifikation sollte der entscheidende Faktor sein. Als
can Kaleidoscope (1990) gemacht. Er befürwortet die Antworten im Jahr 1989 nach Rassenzugehörigkeit
ein System der Vorzugsbehandlung am Arbeitsplatz, der Befragten aufgeschlüsselt wurden, ergab sich,
die je nach Art des Arbeitsplatzes variiert. Fuchs daß Schwarze etwas mehr zur Vorzugsbehandlung
verweist darauf, daß in vielen - wenn nicht allen - neigten als Weiße (14 zu 7 Prozent). Eine Mehrheit der
Tätigkeiten die Arbeitgeber hauptsächlich die entspre- Schwarzen (56 Prozent) befürwortete "durch Testerchenden Fähigkeiten erwarten und keine außerge- gebnisse erwiesene Qualifikation". Es ist festzustelwöhnlichen Leistungen. Rechte nach Dienstalter, len, daß Frauen ebenso antworteten wie Männer: 10
Gesetze, die ein obligatorisches Rentenalter verbieten Prozent unterstützten eine Vorzugsbehandlung, wähsowie die Unkündbarkeit von Schullehrern sind unter rend 85 Prozent die Qualifikation als entscheidendes
der Voraussetzung gerechtfertigt, daß die allgemeinen Kriterium wünschten.
Fähigkeiten eine ausreichende Qualifikation für die
Beschäftigung darstellen. Aus diesem Grund, so Im Auftrag der Times Mirror Corporation stellte Gallup
behauptet Fuchs, können Bemühungen zur Erhöhung in den Jahren 1987 und 1990 die folgende, teilweise
der Zahl von Minderheiten angehörenden Arbeitneh- veränderte Frage: "Wir sollten alles tun, um die Lage
mern, bei weniger anspruchsvollen Tätigkeiten - der Schwarzen und anderen Minderheiten zu verbes"Feuerwehrleute, Maschinisten, Computer-Bediener sern, auch wenn dies bedeutet, ihnen eine Vorzugsbesowie Anwärter für die Zahntechnikerschule" - ver- handlung zu gewähren." Diese Formulierung wurde
nünftigerweise zahlenmäßige Ziele umfassen. Damit stärker unterstützt. 24 Prozent stimmten in beiden
werde erlaubt, daß beider Vergabe von Arbeitsplätzen Jahren zu, während sie von 71 bis 72 Prozent abge"Rassenzugehörigkeit als einer von vielen Faktoren lehnt wurde. Schwarze waren mit 32 zu 18 Prozent
einbezogen..." wird. Er vertritt jedoch die Ansicht, daß eherdafür, aber auch hier ist bemerkenswert, daß über
für Bereiche, in denen hochqualifizierte Leistungen zwei Drittel der Schwarzen eine Vorzugsbehandlung
äußerst wichtig sind - Lehre und Forschung, Medizin, ablehnten. Neben vier Fünftel der befragten RepubliSport, Verkehrsfliegerei und Unternehmensleitung - kanerlehnten auch zwei Drittel der Demokraten Präfeweder Quotenregelungen noch eine besondere Vor- renzen ab. Ein relativ hoher Anteil derjenigen, die sich
zugsbehandlung gelten sollten, abgesehen von be- als "überzeugte Liberale" bezeichneten, nämlich 43
sonderen Einstellungs- und Ausbildungsmaßnahmen. Prozent, befürwortete die Vorzugsbehandlung, aber
dieser Personenkreis repräsentierte lediglich 10 ProWelche Vorzüge die Unterscheidung von Fuchs auch zent der Befragten.
bieten mag, Menschen die in diesen weniger gehobenen Bereichen arbeiten, akzeptieren eine solch herab- Im vergangenen Frühjahr stellte eine Newsweeksetzende Einschätzung ihres Werts nicht. In Mei- Gallup-Erhebung die Frage im Hinblick auf Personen
nungsumfrage auf Meinungsumfrage wird deutlich, mit gleicher Qualifikation: "Sind Sie der Ansicht, daß
daß weiße Arbeiter keinen Grund sehen, warum auf aufgrund der Diskriminierung von Schwarzen in der
Leistung basierende Normen und allgemeingültige Vergangenheit qualifizierte Schwarze bei der Vergabe
Regeln nicht auf sie angewendet werden sollten. von Studien- oder Arbeitsplätzen gegenüber gleich
Tatsächlich ist bei Mitgliedern der weißen Elite, die qualifizierten Weißen bevorzugt werden sollten?" Nur
sich ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse und ihres ge- 19 Prozent der Weißen bejahten dies, während 72
sellschaftlichen Status wesentlich sicherer sind, mehr Prozent mit nein antworteten. Bei den Schwarzen
Unterstützung (oder zumindest Akzeptanz) für beson- jedoch sprach sich eine Mehrheit von 48 Prozent dafür
aus, während 42 Prozent verneinten.
dere Präferenzen anzutreffen.
Die Masse der Bevölkerung ist jedoch stets gegen eine Die Vorzugsbehandlung schneidet etwas besser ab,
Vorzugsbehandlung benachteiligter Gruppen. Das wenn sie als Kompensation fürfrühere Diskriminierung
gerechtfertigt wird, wenn Qualifikationen nicht als AI-

Seite 6

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�temative bezeichnet werden, wenn sie auf Schwarze
begrenzt und überdies nur auf Arbeitgeber angewendet wird, die in der Vergangenheit Diskriminierung
praktiziert haben. Die nationale Erhebung der New
York Times stellte im Mai und Dezember 1990 die
Frage: "Glauben Sie, daß heute Schwarze an solchen
Arbeitsplätzen bevorzugt eingestellt oder befördert
werden sollten, an denen sie in der Vergangenheit
diskriminiert wurden?" Beide Male antworteten rund
ein Drittel mit Ja. Kleine Mehrheiten von 51 bis 52
Prozent jedoch lehnten selbst unter diesen Bedingungen eine Bevorzugung ab.

•

Im Juni 1991, als die Debatte über das von den
Republikanern als Quotengesetz attackierte Bürgerrechtsgesetz stattfand, fiel die Unterstützung für Präferenzen auf 24 Prozent, während die Ablehnung auf
61 Prozent stieg. Einen Monat später kam eine von
USA Today durchgeführte Umfrage unter Schwarzen,
die deren Reaktion auf die Nominierung von Clarence
Thomas für das Oberste Bundesgericht untersuchen
sollte, zu dem Ergebnis, daß sie Quoten ablehnten.
Die Frage lautete: "Thomas hat erklärt, daß rassenabhängige Einstellungsquoten und andere gesetzliche
Gleichstellungsmaßnahmen die Aufstiegschancen von
Schwarzen schädigen. Er betont statt dessen die
Selbsthilfe. Stimmen Sie dem zu oder nicht?" Mit 47
Prozent stimmten mehr Schwarze Thomas zu als mit
37 Prozent gegenteiliger Auffassung waren, während
14 Prozent mit "weiß nicht" antworteten.
Sowohl Weiße als auch Schwarze werden jedoch eine
als "Gleichstellungsmaßnahme" bezeichnete Politik
unterstützen, wenn sie ausdrücklich keine Quoten
vorsieht, wie eine vom Wall Street Journal bei NBC
News in Auftrag gegebene Meinungsumfrage im Juli
1990 herausfand. Zwei Drittel der Weißen (66 Prozent) und 84 Prozent der Schwarzen beantworteten
die folgende Frage positiv: "Sind Sie im großen und
ganzen für oder gegen Gleichstellungsprogramme für
Schwarze in der freien Wirtschaft, falls es keine starren
Quoten gibt?"
Amerikaner unterscheiden nachdrücklich zwischen
Kompensationsmaßnahmen und Vorzugsbehandlung.
Um auf Lyndon Johnsons Bild vom gefesselten Läufer
zurückzukommen: Sie sind bereit, mehr zu tun als nur
die Fesseln abzunehmen. Sie werden bestimmte
Ausbildungsprogramme und finanzielle Hilfen unterstützen, mit denen die vormals Gefesselten zu denjenigen aufschließen können, die aufgrund von früheren
unfairen Vorteilen vorne liegen. Aber sie ziehen die
Grenze, wenn die Ergebnisse des Wettbewerbs schon
im voraus bestimmt werden sollen.
In gewissem Maß findet die Unterscheidung zwischen
"Kompensationsmaßnahmen" und "Vorzugsbehandlung" ihre Entsprechung bei der Unterscheidung, die
zwischen "Chancengleichheit" und "Ergebnisgleichheit" getroffen wird. Kompensationsmaßnahmen werden
wahrscheinlich als Möglichkeit betrachtet, um die
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Chancengleichheit zu verbessern. Da Schwarze in der
Vergangenheit diskriminiert wurden, ist es fair, sie
besonders zu berücksichtigen, damit sie in Zukunft
bessere Chancen haben. Vorzugsbehandlung andererseits klingt in den Ohren der meisten Weißen vielleicht wie eine Bemühung, das Ergebnis des Konkurrenzprozesses vorwegzunehmen.
Die nachhaltigste Unterstützung der Vorzugsbehandlung scheint von den liberalen Intellektuellen zu kommen, den hochgebildeten fünf oder sechs Prozent der
Bevölkerung, die nach dem College eine Universität
besucht haben, und denen, die im College Geisteswissenschaften studiert haben. (Die Universitäten selbst
fordern weiterhin Quoten oder besondere Präferenzen, die den an Universitäten stärker als in anderen
Lebensbereichen in Amerika ausgeprägten Liberalismus widerspiegeln. Es überrascht daher nicht, daß die
umfassendste Anwendung von Quoten im höheren
Bildungswesen in den Geisteswissenschaften und den
"weichen" Sozialwissenschaften angetroffen werden
kann, den am meisten nach links tendierenden Disziplinen). Starke Unterstützung gibt es darüber hinaus
bei der politischen Elite, besonders den Demokraten
und auch vielen Republikanern (hier jedoch nicht bei
zahlreichen prominenten Amtsträgern). Die Demokraten im Kongreß unterstützen diese Maßnahmen immer
stärker, eine Veränderung, die aus der Tatsache resultieren könnte, daß der Anteil demokratischer Abgeordneter, die aufgrund ihrer Stimmabgabe als liberal eingestuft werden können, seit den sechziger Jahren
stetig zugenommen hat.
Führende demokratische Politiker entfernen sich immer
weiter von der öffentlichen Meinung, und es schadet
ihnen. Die Republikaner, deren Einführung von Quoten längst in Vergessenheit geriet, verfechten heute
nachdrücklich die Normen der Leistungsgesellschaft.
Die Demokraten stehen vor einem Dilemma: Wie
sollen sie auf den Druck von Bürgerrechtsgruppen und
Intellektuellen einerseits reagieren und andererseits
verhindern, daß die Identifizierung der Partei mit Quoten
ihre traditionelle Basis unter den Weißen der Arbeiterschicht und des Südens entfremdet? Lyndon Johnson
sah dieses Problem bereits 1965 voraus, als er in
privaten Gesprächen über Bürgerrechte im Weißen
Haus feststellte: "Wir müssen sie als Sache des
Rechts fordern, aber darüber hinaus müssen wir erkennen, daß wir damit die Demokratische Partei zerstören werden."
Genau dies geschieht heute. Einer Mitte 1991 von
CBS News für die New York Times durchgeführten
Erhebung zufolge erklärten 56 Prozent der Amerikaner, die Demokratische Partei "kümmert sich mehr um
die Bedürfnisse und Probleme der Schwarzen", während nur 15 Prozent dies von den Republikanern
behaupteten. Wichtiger könnte das Ergebnis sein,
daß bei derselben Fragestellung im Hinblick auf "die
Bedürfnisse und Probleme der Weißen" 45 Prozent
antworteten, die Republikanische Partei kümmere sich
Seite 7

�mehr um sie, während nur 19 Prozent dies den Demokraten zubilligten und 14 Prozent angaben, beide
Parteien kümmerten sich gleich stark um beide Rassen.

steht. So forderten Mitarbeiter des Urban Institute
unlängst gleich qualifizierte Weiße und Schwarze auf,
sich in Chicago und Washington für Arbeitsplätze in
Fabriken, Dienstleistungsunternehmen, Einzelhandel
und Büros zu bewerben. Die Weißen wurden in 20
Gleichstellungsmaßnahmen werden häufig als umge- Prozent der Fälle beim Vorstellungsgespräch besser
kehrte Diskriminierung betrachtet. Viele weniger behandelt, Schwarze in sieben Prozent. Die Weißen
wohlhabende Weiße glauben, daß die Zahl der ihnen hatten eine bessere Einstellungschance. Eine Erzur Verfügung stehenden Arbeitsplätze infolge einer kenntnis ist ermutigend: In drei Viertel der VorstelBevorzugung von Schwarzen geschrumpft ist. Zwei in lungsgespräche gab es keinerlei Diskriminierung. Die
den Jahren 1985 und 1987 von Stanley Greenberg für Wahrscheinlichkeit, daß Schwarze auf dem Arbeitsdie Analysis Group der Demokratischen Partei Michi- markt für Arbeiter von Rassismus betroffen sind, ist
gan durchgeführte Untersuchungen deuten darauf hin, jedoch immer noch höher als die, daß Weiße umgedaß die negative Reaktion auf Gleichstellungspro- kehrter Diskriminierung ausgesetzt werden.
gramme eine wichtige Rolle beim Bruch weißer männlicher Fabrikarbeiter mit der Partei gespielt hat: "Zum Wenn Weiße das Ausmaß umgekehrter Diskriminiegroßen Erstaunen und Entsetzen Greenbergs und rung überschätzen, so unterschätzen Weiße und
seiner Auftraggeber", so stellte ein Autor fest, "trat die Schwarze gleichermaßen das Ausmaß der von SchwarWut von Weißen über Gleichstellungsprogramme in zen in den vergangenen Jahrzehnten erzielten wirtbeiden seiner Berichte als Hauptanliegen der Wähler schaftlichen Fortschritte. Das allgemeine Unwissen
zutage. Demokratische Wahlkampfthemen wie 'Fair- über den Erfolg der Schwarzen basiert teilweise auf
neß', 'Gleichheit', und 'Gerechtigkeit' wurden - nicht der Abneigung führender Schwarzer, dies zuzugeben.
ohne Berechtigung - als Codewörter für Quoten ver- Mitte der achtziger Jahre gaben drei Fünftel der fühstanden."
renden Schwarzen in Meinungsumfragen an, die
Schwarzen bewegten sich rückwärts, während zwei
Nationale Meinungsumfragen belegen dieselbe Be- Drittel in einem repräsentativen Querschnitt der Schwarsorgnis. In zwei Erhebungen, die eine vom Institute for zen erklärten, sie machten Fortschritte. (Die UnterSocial Research der University of Michigan im Jahr stützung der optimistischen Haltung ging in den letzten
1986, die andere vom NORC im Jahr 1990 durchge- Jahren der Reagan-Ära etwas zurück. Anfang Juli
führt, antworteten große Mehrheiten von Weißen, es 1990 berichtete eine von ABC News für das Wall
sei "sehr wahrscheinlich" (28 Prozent in beiden Umfra- Street Journal durchgeführte Meinungsumfrage, 60
gen) oder "ziemlich wahrscheinlich" (48 und 42 Pro- Prozent aller Schwarzen erklärten, im Vergleich zu 10
zent), "daß ein Weißer einen Arbeitsplatz oder eine Jahren vorher gehe es Schwarzen in Amerika "besBeförderung nicht erhält, während statt dessen ein ser", während 29 Prozent meinten, es gehe ihnen
gleich oder weniger qualifizierter Schwarzer dies er- "schlechter").
hält". Zwei Fünftel der in der Studie von 1986 befragten
Weißen glaubten, sie oder ein Familienmitglied wür- Die Weigerung einiger führender Schwarzer, die Besden das Opfer von Diskriminierung am Arbeitsplatz serung einzuräumen, ist verständlich. Je schlechter
werden. Ein Bericht über eine von der Leadership die Dinge erscheinen und je größer die Kluft zwischen
Conference on Civil Rights in Auftrag gegebene Erhe- ihnen und anderen zu sein scheint, desto höhere
bung aus dem Jahr 1991 kommt zu dem Schluß, "eine Forderungen können sie stellen. Doch trägt die stänerhebliche Zahl von Wählern gehe davon aus, daß dige Wiederholung der Behauptung, es seien nur
Bürgerrechtsgesetze unfaire Vorteile schaffen, die auf wenige Fortschritte erzielt worden, auch zur Verfestidem Arbeitsmarkt Rang- oder Klassenprivilegien ein- gung des Arguments bei, staatliche Bemühungen zur
führen".
Begünstigung von Schwarzen funktionierten ohnehin
nicht, es gebe der Situation der Schwarzen innewoh"Weiße Amerikaner... betrachten sich nicht als Rassi- nende Faktoren, die Schwarze daran hinderten, vorsten oder Gegner von Chancengleichheit und grund- wärtszukommen. Und viele Schwarze und Weiße
sätzlicher Fairneß", bemerkt der Kolumnist William neigen dazu, dieses Argument zu verinnerlichen. Das
Raspberry. "Was sie ablehnen, sind Bemühungen, NORC fand heraus, daß von 1985-89 durchschnittlich
Minderheiten Vorzugsbedingungen zu gewähren... Wie 62 Prozent der Weißen und 36 Prozent der Schwarzen
könnten wir von ihnen erwarten, ein Produkt zu kaufen, der These zustimmten, die im Durchschnitt schlechtedas wir (die Schwarzen) 400 Jahre lang zu beseitigen ren Arbeitsplätze, geringeren Einkommen und schlechversucht haben: gesetzlich verankerte, rassisch be- tere Wohnsituation von Schwarzen gegenüber Weigründete Vorteile?"
ßen seien darauf zurückzuführen, daß "die meisten
Schwarzen einfach nicht die Motivation oder WillensFehleinschätzungen haben viel mit der Polarisierung
kraft (haben), um sich von der Armut zu befreien". Eine
von Rassenpolitik zu tun. Die besten Forschungser- von der Washington Post bei ABC News im Oktober
gebnisse belegen beispielsweise, daß in der Realität 1989 in Auftrag gegebene Umfrage kam zu dem
beim Konkurrenzkampf um weniger anspruchsvolle Ergebnis, daß 60 Prozent der Weißen und Schwarzen
Arbeitsplätze wenig umgekehrte Diskriminierung beSeite 8

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�dem Satz zustimmten: "Wenn Schwarze sich stärker der Schwarzen seit dem 2. Weltkrieg analysieren,
bemühen würden, könnte es ihnen genausogut gehen kamen 1986 zu dem Schluß, daß "das wirklich Wichwie den Weißen."
tige der letzten vierzig Jahre das Entstehen einer
schwarzen Mittelschicht ist", die "als Gruppe... zahlenSolche Überzeugungen untermauern rassistische Kli- mäßig größer ist als die der armen Schwarzen".
schees und schwarzen Selbsthaß. Anfang Januar
1991 veröffentlichte das NORC die Ergebnisse einer Die Mehrheit der Schwarzen hat eine feste Arbeit und
Erhebung des Jahres 1990. Sie belegen, daß die gehört entweder zur Mittelschicht oder könnte als
meisten Weißen der Ansicht sind, Schwarze seien solider Teil einer Arbeiterschicht mit sicherem Arbeitsweniger intelligent, fauler, gewalttätiger und neigten platz bezeichnet werden. Sie sind verheiratet oder
eher dazu, auf Dauer Sozialhilfe in Anspruch zu neh- haben eine stabile, langfristige Beziehung. Das Einmen als Weiße und mehrere andere ethnische Grup- kommen von verheirateten Schwarzen beträgt 77
pen.
Prozent des Einkommens vergleichbarer Weißer; vor
20 Jahren waren es nur 60 Prozent. Der Anteil der
Der Schaden wird durch die unbarmherzige Konzen- Schwarzen, die ihre High School-Ausbildung abbretration der Nachrichtenmedien auf die sozio-pathologi- chen, ist von 31 Prozent im Jahr 1970 auf 18 Prozent
schen Zustände in den Ghettos noch verstärkt, die den im Jahr 1988 gefallen, während sich der der Weißen
Eindruck erweckt, die meisten Schwarzen lebten im (14 Prozent) nicht geändert hat.
Elend. Soziologen schätzen jedoch, daß die Unterschicht bei Schwarzen und Weißen gleichermaßen Diese drastischen sozialen und wirtschaftlichen Änderelativ klein ist. William Julius Wilson, der als Soziolo- rungen haben zu einer wachsenden Differenzierung
ge besondere Aufmerksamkeit auf diese Frage gerich- innerhalb der Gemeinschaft der Schwarzen geführt.
tet hat, rechnet heute ein Sechstel der 30 Millionen Ein Gremium der Nationalen Akademie der WissenSchwarzen in den Vereinigten Staaten zu den Ghetto- schaften stellte im Jahr 1989 fest, daß Männer schwarArmen, wie er sie zu bezeichnen pflegt. (Dabei handelt zer Hautfarbe im Alter von 25 bis 34 Jahren mit
es sich um Menschen, die in "Gebieten mit extremer zumindest teilweiser Collegeausbildung Anfang der
Armut leben, in denen 40 Prozent der Bevölkerung arm achtziger Jahre 80 bis 85 Prozent dessen verdienten,
sind"). Eine Arbeitsgruppe des Urban Institute schätzt was ihre Kollegen weißer Hautfarbe bekamen. Andedie Unterschicht als noch geringer ein: zwei oder drei rerseits hatte ein Viertel ihrer schwarzen Peer-group
Millionen Menschen im Jahr 1980, davon zwei Drittel nicht einmal ihre High School-Ausbildung abgeschlosSchwarze und ein Fünftel Hispanier.
sen und war so zu einem Leben am Rande der
Gesellschaft verurteilt.
Inzwischen ist der Gesamtanteil der in Armut lebenden
Schwarzen, von denen viele nicht von den pathologi- Die Autoren vertreten die Ansicht, daß die beiden
schen Problemen der unterprivilegierten Klasse be- größten Gruppen innerhalb der Sozialstruktur der
troffen sind, drastisch gesunken. Während es viele Schwarzen zur Zeit "eine von alleinerziehenden MütDiskussionen über die Definition von Armut gibt, ist laut tern dominierte Unterschicht und eine vor allem aus
statistischen Erhebungen der Prozentsatz der in Armut Familien, in denen beide Elternteile präsent sind,
lebenden Schwarzen von 55 Prozent im Jahr 1959 auf bestehende Mittelschicht" seien. Das Problem besteht
33,5 Prozent im Jahr 1970 gesunken. 1990, in einem darin, daß die meisten schwarzen Erwachsenen in
von Rezession gekennzeichneten Jahr, betrug er 31,9 einer intakten Familie und stabilen wirtschaftlichen
Prozent.
Verhältnissen leben, daß das bei den meisten schwarzen
Kindern jedoch nicht der Fall ist. Sie sind die NachDer "invisible man", um Ralph Ellisons Buchtitel anzu- kommen einer großen Zahl alleinerziehender schwarführen, der unsichtbare Mann der 90iger Jahre, ist der zer Mütter. Der Anteil der schwarzen Kinder alleinererfolgreiche schwarze Vorstädter der Arbeiter- und ziehender Mütter betrug 1960 noch 23 Prozent, 1969
Mittelschicht. Der neue "invisible man", der in intakten dann 28 Prozent, stieg 1980 auf 45 Prozent und liegt
Familien außerhalb dertraditionellen Wohngebiete der heute bei 62 Prozent. Das Leben in einem solchen
Schwarzen lebt, hat nicht die Erfahrung der in Ghettos Haushalt ist häufig mit einem Leben in Armut gleichzulebenden Schwarzen und wird von den meisten Wei- setzen. Im Jahr 1988 betrug die Armutsquote für
ßen ignoriert. In den 70iger Jahren erhöhte sich die Familien Alleinerziehender mit Kindern 56,3 Prozent,
schwarze Vorstadtbevölkerung vor allem aufgrund der die für schwarze Familien, in denen beide Elternteile
Abwanderung aus den Innenstädten um 70 Prozent. präsent sind, 12,5 Prozent.
In den 80iger Jahren stieg die Zahl der schwarzen
Vorstadtbewohner von 5,4 Millionen auf 8,2 Millionen. Es besteht allgemein der Eindruck, daß ein exploZwischen 1986 und 1990 waren 73 Prozent des Bevöl- sionsartiger Anstieg illegitimer Kinder unter der schwarkerungswachstums bei den Schwarzen in den Vor- zen Bevölkerung der Grund für die zunehmende Verstädten zu verzeichnen.
armung der schwarzen Kinder ist. Christopher Jencks
von der Northwestern University kalkuliert hingegen,
Die Wirtschaftswissenschaftler James P. Smith und daß der Anteil der unehelich geborenen schwarzen
Finis R. Welch, die die Veränderungen der Situation Kinder während dieser Jahre nur von 23 auf 29 Prozent
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�angestiegen wäre, wenn schwarze Frauen im Jahr
1987 genausoviele Kinder bekommen hätten wie 1960.
Der Prozentsatz ist viel höher, da verheiratete Schwarze jetzt weniger Kinder bekommen.

impliziere, daß "ein Achtel der Dichter, bedeutenden
Politiker, Gelehrten, Autoren und Philosophen" Schwarze sein sollten. Douglass betonte, daß "natürliche
Gleichheit ganz verschieden von praktizierter Gleichheit ist, und ... obwohl die Menschen potentiell gleich
Welche Gründe die Armut unter Kindern auch haben sind, die Umstände eine Zeitlang die auffallendsten
mag, Gleichstellungsprogramme sind kein Heilmittel. Ungleichheiten verursachen können". Bei anderer
Vorzugsbehandlung oder Quotenregelungen sind für Gelegenheit wandte sich Douglass gegen "spezielle
den im Ghetto in Armut lebenden unehelich geborenen Anstrengungen" für freigelassene schwarze Sklaven
jungen Schwarzen, der eine minderwertige Erziehung und argumentierte, sie könnten "zur Aufrechterhaltung
erhält, kaum eine Hilfe. William Julius Wilson schreibt, genau der Vorurteile dienen, die unbedingt abgedaß dadurch wahrscheinlich eher "Familienmitglieder schafft werden sollten".
der bevorzugtesten Minderheitsgruppen..." begünstigt
werden, "(die) am besten qualifiziert für gehobene Von Thomas Jeffeison bis Hubert Humphrey haben
Positionen sind - wie beispielsweise besserbezahlte die Linken in Amerika sich für eine reale ChancenStellen, Zugang zum College, Beförderungen etc. Wenn gleichheit eingesetzt. Es war wirklich eine Ironie, daß
folglich die bevorzugte Auswahl für solche Positionen Richard Nixon, der am meisten von den Demokraten
nicht aufgrund der tatsächlichen Benachteiligung ein- geschmäht wurde, eine Situation schuf, die sie auf die
zelner, sondern aufgrund von Rasse oder der Zugehö- falsche Seite der Angelegenheit stellte.
rigkeit zu einer ethnischen Gruppe geschieht, dann
werden diese Maßnahmen die Chancen der Privile- Um wieder einen nationalen Konsens über Bürgergierteren erhöhen, ohne die Probleme der wirklich rechte und Rassengerechtigkeit zu schaffen, sollten
Programme zur Bekämpfung der Diskriminierung von
Benachteiligten anzugehen."
Minderheiten neu ausgerichtet und nicht aufgegeben
Der Konflikt zwischen verschiedenen Versionen von werden. Quoten und Vorzugsbehandlung werden
Gleichheit, zwischen dem Schwergewicht auf dem nicht den schlecht Ausgebildeten und Unqualifizierten
einzelnen und der Gruppe, wird hier und im Ausland zu einem guten Arbeitsplatz verhelfen. Erfolg in der
weitergehen. Aufgrund der Gruppenzugehörigkeit zu postindustriellen Gesellschaft erfordert eine gute Bileiner Kaste oder Sprache organisierte Gesellschaften dung und Ausbildung. Eine Ausweitung und bedeuten- in Indien, Pakistan und Kanada- haben tiefverwurzel- de Verbesserung der Ausbildung in den Ghettos, der
te Quotenregelungen für bestimmte Gruppen, die sich frühzeitige Einsatz von Förderprogrammen, finanzielwahrscheinlich kaum ändern werden. Aber das Schei- le Anreize für Schüler, Lehrer und erfolgreiche Schulen
tern verschiedener Schattierungen des Sozialismus sowie eine Ausweitung der Ausbildungsprogramme
und die steigende Akzeptanz des Marktes als die sind ein Schritt in die richtige Richtung. Solche ProQuelle von Wirtschaftswachstum - nicht nur in Europa, gramme sollten allen weniger Privilegierten ungeachsondern auch in Lateinamerika und Afrika - deutet tet ihrer rassischen und ethnischen Zugehörigkeit
darauf hin, daß in vielen Ländern der Welt neue angeboten werden.
Betonung auf eine wettbewerbsorientierte LeistungsDie ganze Gesellschaft kann auch aus der Erfahrung
gesellschaft und Individualismus gelegt wird.
mit Schwarzen im Militärdienst lernen, wo ihnen eine
Führende Bürgerrechtler, Liberale und Demokraten Berufsausbildung und die Möglichkeit einer festen
schwimmen gegen einen starken Strom. Zu Hause Anstellung und eines beruflichen Aufstiegs angeboten
stehen die Meinung der Weißen und, wie wir gesehen wurde. Diese Leistung ist ein Argument für einen
haben, sogar die Gefühle vieler Schwarzer, gegen sie. großangelegten Dienst an der Allgemeinheit. Wenn
ShelbySteele, ein schwarzer Autor, der früher in Jesse alle jungen Amerikaner ermutigt werden, sich freiwillig
Jacksons Regenbogenkoalition aktiv war, kommt zu für den Dienst an der Allgemeinheit zu melden, dann
dem Schluß, daß "Gleichstellungsprogramme eher können diejenigen mit unzureichender Ausbildung und
schlecht als gut sind und daß Schwarze ... dadurch Fähigkeiten eine Berufsausbildung erhalten, während
jetzt mehr verlieren als gewinnen könnten." Er lehnt sie sie und ihre Altersgenossen beim Wiederaufbau der
ab, da sie über "die harte Arbeit hinausgehen, ein zuvor nationalen Infrastruktur und bei der Leistung sozialer
unterdrücktes Volk so weit zu entwickeln, daß es eine Dienste mithelfen können.
angemessene eigene Vertretung erhält...". Er fürchtet, aufgrund solcher Programme festgelegte Quoten Die Abwendung von spezieller Vorzugsbehandlung
unterminierten die Moral der Schwarzen und trügen zu muß nicht, ja darf nicht bedeuten, daß man das Engaeiner "Vergrößerung der Selbstzweifel" bei, da sie gement der Nation für die Gewährleistung von Chanimplizierten, erfolgreiche Schwarze hätten sich ihre cengleichheit für benachteiligte Bürger aufgibt. Der
Positionen nicht selbst verdient. Mehr als ein Jahrhu n- Gedanke der Rechte des einzelnen bleibt ein integraler
dert zuvor, im Jahr 1871, stellte der gefeierte schwarze Bestandteil der amerikanischen Weltanschauung und
Abolitionist Frederick Douglass viele ähnliche Behaup i li lyeieUitigkeit aufgrund von Rasse und kastenartige
I eiluny stehen dazu in krassem Widerspruch. Wir sind
tungen auf. Er macht die Idee von Rassenquoten als
"in der Praxis absurd" lächerlich und stellte fest, es immer noch mit dem amerikanischen Dilemma konSeite 10

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�frontiert, undesstelltfürunseinemoralischeVerpflichtung dar, sicherzustellen, daß die Rasse weder eine
Behinderung noch einen Vorteil darstellt. Bis schwärze Amerikaner voll in die Wirtschaft und Gesellschaft

unserer Nation integriert sind, sollten wir, um Jeffersons Worte zu gebrauchen, einen gerechten Gott
fürchten,

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