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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

9. September 1992

36

C-WAFFEN

USA UNTERSTÜTZEN VEREINBARTES
C-WAFFENVERBOT UNEINGESCHRÄNKT
Rede von ACDA-Direktor Lehman
vor der Abrüstungskonferenz

DEUTSCHLAND-USA

UNSERE KULTURELLEN BEZIEHUNGEN DIE BINDUNGEN, DIE UNS VEREINEN
Rede von Botschafter Robert M. Kimmitt

JUGOSLAWIEN

VEREINIGTE STAATEN SAGEN
40 MILLIONEN DOLLAR AN FLÜCHTLINGSHILFE FÜR JUGOSLAWIEN ZU
Erklärung von Botschafter Zimmerman

SOMALIA

HILFSPLAN DER USA FÜR SOMALIA
Erklärung des Sonderbeauftragten Natsios

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�C-WAFFEN
9. September 1992

USA UNTERSTÜTZEN VEREINBARTES
C-WAFFENVERBOT UNEINGESCHRÄNKT
Rede von ACDA-Direktor Lehman vor der Abrüstungskonferenz
GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten unterstützen das am 3. September 1992 in Genf vereinbarte Verbot
chemischer Waffen uneingeschränkt und beantragen die Weiterleitung des Vertragstextes an die Generalversammlung der Vereinten Nationen zur weltweiten Zustimmung.
"Die Vereinigten Staaten unterstützen die Konvention über chemische Waffen uneingeschränkt", erklärte der
Direktor des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA), Ronald Lehman, vor der 39 Nationen
umfassenden Genfer Abrüstungskonferenz (CD).
Die Konvention wurde am selben Tag an die Generalversammlung in New York weitergeleitet.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von ACDA-Direktor Lehman vor der Abrüstungskonferenz im Wortlaut.

Herr Präsident, ich möchte zunächst Ihnen, Herr Botschafter Servais, für die Übernahme der Konferenzleitung danken. Ich versichere Ihnen unsere uneingeschränkte Unterstützung für den Verlauf der Konferenz. Insbesondere begrü ßen wir die bevorstehenden
inoffiziellen Konsultationen während der CD-Sitzungen.
Es ist ein Vergnügen, wieder in Genf zu sein. Obwohl
ich mehrere Jahre als Unterhändler bei den Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen
(START) mit der ehemaligen Sowjetunion hier in Genf
tätig war und auch für andere Abrüstungsverhandlungen nach Genf zurückgekommen bin, ist dies das erste
Mal, daß ich die Gelegenheit zu einer offiziellen Rede
vor der Abrüstungskonferenz habe. Für mein Land
und mich ist dies ein außerordentlich wichtiger Augenblick.
Herr Präsident, die vergangenen 12 Monate waren
konstruktiv für die Rüstungskontrolle. Bei der Sondierung der durch die Umgestaltung des Sicherheitsumfeldes der Welt geschaffenen Möglichkeiten haben die
Vereinigten Staaten und Rußland mit den Worten von
Präsident Bush "die weitreichendste Verringerung von
Nuklearwaffen seit Anbruch des Atomzeitalters", vereinbart. Darüber hinaus hat sich die Zahl der Unterzeichner des Nichtverbreitungsvertrags auf rund 150

AMERIKA DIENST 36

Staaten erhöht. Der KSE-Vertrag wurde in allen
Bereichen provisorisch angewandt. Zusammen mit
Kanada und den Vereinigten Staaten hat Europa den
Vertrag über Offene Himmel unterzeichnet, der mit der
Zeit Regionen weit über seinen ursprünglichen Anwendungsbereich hinaus einbeziehen könnte. Und bei
den UNO-Resolutionen über Transparenz bei Rüstungen haben die Mitglieder der Vereinten Nationen einmütig eine neue Maßnahme unterstützt, um das Problem der Aufstellung destabilisierender Streitkräfte in
Krisenregionen in den Griff zu bekommen. Dies sind
nur einige der Höhepunkte.
Am wichtigsten für die Anwesenden hier ist, daß auch
die Abrüstungskonferenz ihre Möglichkeiten voll ausgeschöpft hat.
Wir kommen heute hier an einem historischen Zeitpunkt der langen Bestrebungen der Abrüstungskonferenz zusammen, multilaterale Rüstungskontrolle und
Abrüstung zu bewirken. Im Einklang mit seinem
Mandat ist es dem Ad-hoc-Ausschuß in diesem Jahr
gelungen, seine scheinbar endlosen Verhandlungen
über ein Verbot chemischer Waffen zu beenden. Dies
ist eine gro ße Leistung für eine sicherere Welt. Wir alle
können stolz auf das von Ihnen Geleistete sein.
Über viele Jahre hinweg haben Menschen in Genf und
in den Hauptstädten hart an einer Konvention über
Seite 1

�chemische Waffen gearbeitet. Es war nicht leicht, den
Ideen und Sorgen der einzelnen Delegationen gerecht
zu werden. Und es war ebenfalls nicht leicht, Bestimmungen zu erarbeiten, die den komplexen Erfordernissen eines wirksamen Verbots chemischer Waffen
Rechnung tragen.
Mit Durchhaltevermögen und Kreativität hat die Konferenz ein Dokument hervorgebracht, das in vielen Bereichen neues Terrain erschließt. Die Konvention über
chemische Waffen ist beispiellos im Hinblick auf die
enthaltenen Einschränkungen sowie ihr Verifikationssystem und ihren vielfältigen Nutzen insbesondere für
die Entwicklungsländer.
Gelegentlich besteht eine Tendenz, bei der unvermeidbaren Konzentration auf die Einzelheiten des
Textes den Gesamtzusammenhang zu verlieren. Ich
möchte kurz die bemerkenswerten Einzelheiten dieser
Konvention erläutern.
Zum ersten Mal haben Staaten auf multilateraler Ebene
dem vollständigen Verbot einer ganzen Kategorie von
Waffen einschließlich der Durchführungsmechanismen zugestimmt. Das Ziel des Vertrags über chemische Waffen ist nicht nur die Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen oder der Erhalt des Status
quo. Es besteht vielmehr in der Beseitigung eines
ganzen Waffentyps - Waffen, die in großen Mengen
existieren und im Kampf eingesetzt wurden.
Dieses Verbot wird absolut sein. Alle Aktivitäten für
offensive chemische Zwecke werden verboten, nicht
nur der Einsatz solcher Waffen. Alle bestehenden
chemischen Waffen werden zerstört, nicht nur einige.
Alle Gebiete der Welt werden geschützt, nicht nur eine
spezifische Region oder einige wenige Staaten.
Im Hinblick auf die C-Waffenarsenale möchte ich
betonen, daß sich die Vereinigten Staaten als ein
Land, das im Besitz chemischer Waffen ist, verpflichten, ihren gesamten Chemiewaffenbestand binnen der
im Vertrag festgelegten 10jährigen Zerstörungsphase
zu vernichten. Der gesamte amerikanische Bestand
ist auf amerikanischem Territorium gelagert. Alle
amerikanischen Arsenale werden auf amerikanischem
Territorium zerstört. Andere Staaten können sich auf
diese Zusagen verlassen, während sie die Offenlegung vorbereiten und die Erfüllung der Verifikationsbestimmungen im Rahmen der Konvention anstreben.
Der beispiellose Umfang der Konvention erfordert
einmalige Verifikationsmaßnahmen. Der Vertrag sieht
die Deklaration und Inspektion chemischer Waffen
und deren Produktionseinrichtungen, kontinuierliche
Inspektionen bis zu ihrer Zerstörung sowie die lnspektion der Zerstörung vor. Die Inspektoren können
während des Zerstörungsprozesses der chemischen
Waffen ständig anwesend sein.
Die Verifikationsbestimmungen des Vertrags sind auch
von der komplexen Beziehung zwischen chemischen
Seite 2

Aktivitäten geleitet, die verboten und denjenigen, die
nicht verboten werden. Sowohl die Industrie- als auch
die Entwicklungsländer hängen von einer großen
Bandbreite chemischer Aktivitäten ab. Bedauerlicherweise können viele gängige Industriechemikalien und
ihre Produktionseinrichtungen für C-Waffenzwecke
mißbraucht werden. Die Aufgabe der Unterhändler
bestand in der Erarbeitung von Maßnahmen, mit denen
die Einhaltung wirksam verifiziert werden kann, die
jedoch legitime Industrieaktivitäten nicht ungebührlich
beeinträchtigen. Je größer das Risiko, desto genauer
die Überwachung. Infolgedessen wird sich die Verifizierung auf die Aktivitäten konzentrieren, die das größte Risiko darstellen. Wo genehmigte Aktivitäten ein
geringeres Risiko bergen, werden andere, weniger
strikte Maßnahmen angewandt, die dennoch dazu
beitragen, das Potential zur Umgehung des Systems
zu verringern.
Ein Sicherheitsnetz für das Verifizierungssystem wird
durch die Bestimmungen über Verdachtsinspektionen
bereitgestellt. Diese gehen weit über die in anderen
jüngeren Abkommen enthaltenen analogen Maßnahmen hinaus. Gleichzeitig werden die legitimen Anliegen des inspizierten Staates gut geschützt.
Eine weitere Innovation im Verifizierungssystem ist
das Konzept der Koordinierung bilateraler und multilateraler Verifizierungsbemühungen. Dies wird dazu
beitragen, die direkten Kosten für die Verwirklichung
der Konvention zu reduzieren, ohne das Ausmaß der
den Parteien gewährten Garantien zu schmälern.
Um die Durchführung dieser Konvention - insbesondere die Verwirklichung ihrer Verifizierungsbestimmungen - zu überwachen, wird eine wichtige neue internationale Organisation ins Leben gerufen. Die Verifizierungspflichten dieser Organisation - und damit auch
die an sie gestellten Anforderungen - sind wesentlich
umfassender als die unter normalen Umständen von
der IAEO und anderen bestehenden Gremien zu erfüllenden.
Diese Kombination aus strikter Verifizierung von Einrichtungen zur Waffenproduktion und umfassender
Überwachung privatwirtschaftlicher Aktivitäten ist das
einzigartige Merkmal der Konvention über chemische
Waffen. Sie stellt eine phantasievolle und praktische
Lösung eines einzigartigen Problems dar.
Zusätzlich zu ihrem Anwendungsbereich und dem
Verifizierungssystem bietet die Konvention den Entwicklungsländern ein einmaliges Maß an Garantien.
Artikel X sieht Beistand für einen Staat vor, der mit
chemischen Waffen angegriffen oder bedroht wird.
Nothilfe soll unverzüglich geleistet werden.
Die in Artikel X enthaltenen Sieherheitsgarantien werden durch wirtschaftliche Garantien in Artikel XI ergänzt. Diese Bestimmungen bedeuten, daß die Konvention die Entwicklung einer chemischen Industrie

AMERIKA DIENST 36

�fördern wird anstatt sie zu behindern. Gleichzeitig
behalten die Staaten ihr souveränes Recht, den Export
chemischer Stoffe und Geräte von ihrem Territorium
aus zu kontrollieren, um wichtige Ziele der nationalen
Sicherheit und Außenpolitik zu fördern. Ich möchte
dazu feststellen, daß die Mitglieder der AustralienGruppe Zusicherungen abgegeben haben, daß sie
ihre Kontrollen in Zusammenhang mit C-Waffen im
Hinblick darauf überprüfen werden, sie bei Exporten in
solche Staaten aufzuheben, die diese Konvention
uneingeschränkt erfüllen. Darüber hinaus möchte ich
anmerken, daß die Konvention dem Handel mit Nichtvertragsstaaten Beschränkungen auferlegt. Dies ist
ein wichtiger Schritt, um zur allgemeinen Einhaltung
der Konvention zu ermutigen.
Schließlich gehen wir im Hinblick auf die Kosten davon
aus, daß von Beginn an den finanziellen Aspekten der
Verwirklichung der Konventionsbestimmungen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muß. Wir
sind uns der wirtschaftlichen Belastungen bewußt, an
denen die Staaten bereits heute schwer zu tragen
haben, insbesondere diejenigen, in denen derzeit eine
schwierige Wirtschaftslage herrscht. Wir sind bereit, in
der Vorbereitungsphase wie auch nach Inkrafttreten
des Vertrags eng mit anderen zusammenzuarbeiten,
um im Einklang mit der erforderlichen effektiven Durchführung der Konventionsbestimmungen die Kosten
möglichst niedrig zu halten.
Herr Präsident, die Konvention über chemische Waffen ist nicht perfekt. Jeder von uns kann Bestimmungen anführen, die seiner Meinung nach verbesserungswürdig sind. Ferner steht fest, daß jeder von uns
andere Bestimmungen kritisieren würde. Was nach
Meinung einer Delegation geändert werden sollte, darf
nach Meinung einer anderen nicht geändert werden und umgekehrt.
Tatsache ist, daß wir nach jahrelangen Verhandlungen
ein delikates Gleichgewicht zwischen konkurrierenden
Interessen und Anliegen erreicht haben. Dazu gehören: ein Gleichgewicht zwischen den Anliegen von
Staaten, die chemische Waffen besitzen und Staaten,
die keine haben; ein Gleichgewicht zwischen dem für
die Verifizierung erforderlichen Zugang und den notwendigen Beschränkungen, um sicherheitsempfindliche nichtchemische Rüstungsaktivitäten oder Wirtschaftsinteressen zu schützen; ein Gleichgewicht
zwischen den Interessen der Industriestaaten und
denen der Entwicklungsländer.
Die wichtigste Frage ist heute, ob die Konvention dem
Ziel der Beseitigung chemischer Waffen gerecht wird
und sich darüber hinaus als für die Staaten akzeptabel
erweist. Wir gehen davon aus, daß beides zutrifft.
Die Vereinigten Staaten unterstützen die Konvention
über chemische Waffen uneingeschränkt. Sie stellt
eine wichtige internationale Norm dar, an der das
Verhalten jedes Mitglieds der internationalen Staaten-

AMERIKA DIENST 36

gemeinschaft gemessen werden wird. Wir dringen
darauf, daß sie der Generalversammlung der Vereinten Nationen zur Zustimmung vorgelegt wird, damit sie
zu Beginn des nächsten Jahres zur Unterzeichnung
geöffnet werden kann. Ich gehe davon aus, daß diese
Ansichten von einer überwältigenden Mehrheit der
Staaten geteilt werden, die an den Verhandlungen
beteiligt waren. Meine Regierung hofft in der Tat, daß
alle anderen Staaten zu dem Schluß kommen, daß sie
diese Konvention unterstützen, unterzeichnen und
ratifizieren sollten.
Bevor ich das Thema chemische Waffen verlasse,
möchte ich betonen, daß der Abschluß der Verhandlungen - so wichtig er ist - nur eine Phase eines
längeren Prozesses darstellt. Die Durchführung wird
dasselbe Maß an Hartnäckigkeit und Kreativität erfordern wie die Verhandlungen. Anhaltende enge Zusammenarbeit zwischen den Staaten wird unerläßlich
sein. Die Erfahrung zeigt, daß ein Vertrag nur dann
Erfolg hat, wenn seine Durchführung gut vorbereitet
und genau überwacht wird. Wir fordern alle Staaten
auf, Erstunterzeichner zu werden und an der Vorbereitungskonferenz teilzunehmen.
Die Vereinigten Staaten möchten der Abrüstungskonferenz und ihren Mitgliedern nochmals gratulieren.
Insbesondere beglückwünschen wir den Vorsitzenden
des Ad-hoc-Ausschusses, Botschafter Adolf von
Wagner, für seine unermüdlichen Bemühungen, die
eine solch wichtige Rolle bei dieser Errungenschaft
gespielt haben sowie Senator Gareth Evans, den
Außenminister von Australien, daß er den Verhandlungen über C-Waffen mit seiner Initiative zu Beginn
dieses Jahres neue Impulse gegeben hat.
Wir sehen dem Erfolg der C-Waffenkonvention erwartungsvoll entgegen, und wir versprechen alles in unserer Macht Stehende zu tun, um zu gewährleisten, daß
ihre ehrgeizigen Ziele erfüllt werden. Ich möchte
eindeutig feststellen, daß die Vereinigten Staaten
Erstunterzeichner dieser Konvention sein werden, und
wir fordern alle anderen Staaten auf, zum frühestmöglichen Zeitpunkt eine ebensolche öffentliche Verpflichtung einzugehen.
Herr Präsident, der Abschluß der Arbeit an der Konvention über chemische Waffen lenkt unsere Gedanken in eine andere Richtung. Welchem Bereich sollte
die Abrüstungskonferenz als nächstem ihre Aufmerksamkeit schenken? Das Ende des Kalten Krieges hat
uns im Hinblick auf Chancen und Herausforderungen
für Rüstungskontrolle und Abrüstung mehr und nicht
weniger gebracht. Eine Vielzahl neuer Sicherheitsprobleme mit ihren dazugehörigen Rütsungskontrolldimensionen verlangt unsere unmittelbare Aufmerksamkeit. Die derzeitige Tagesordnung der CD, deren
Wurzeln vielfach in einer Vergangenheit liegen, die
immer mehr in den Hintergrund tritt, muß den Erfordernissen der neunziger Jahre angepaßt werden, nicht
denen der siebziger Jahre.

Seite 3

�Einige der neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen machen sich bereits im Arbeitsbereich der
Abrüstungskonferenz bemerkbar. Das Thema der
Transparenz bei den Rüstungen mit seiner UNOKomponente eines Registers für konventionelle Waffenlieferungen und seiner CD-Komponente einer tiefgreifenderen Untersuchung des Problems ist eine
dieser Fragen. Darüber hinaus müssen wir erneut alle
Themen auf der Tagesordnung der Abrüstungskonferenz unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Revision überprüfen, um die Entwicklungen der vergangenen beiden Jahre zu berücksichtigen oder sie gänzlich
zu streichen, falls sie heute überholt sind. Die Nichtverbreitung als allgemeines Problem könnte darüber
hinaus nach Möglichkeiten durchforstet werden, mit
denen die CD Maßnahmen ergreifen kann, um die
anhaltende Arbeit in anderen Foren zu stärken oder
ergänzen. Die Abrüstungskonferenz sollte jedoch
nicht versuchen, die andauernde Arbeit in anderen
Foren zu überlagern. Konkrete Vorbereitungen für die
NPT-Konferenz von 1995 wären zum Beispiel geeig-

nete Aktivitäten für die Parteien in den einschlägigen
Gremien, nicht für die CD.
Darüber hinaus stehen wir vor der Herausforderung,
die Abrüstungskonferenz selbst ihrem neuen Umfeld
anzupassen. Das Problem wird darin bestehen, über
die geeignete Struktur und den Schwerpunkt der CD
im Zeitalter nach dem Kalten Krieg zu entscheiden.
Dies ist ein Thema, zu dem wir die Arbeit bereits
aufgenommen haben. Ich weiß zum Beispiel, daß Sie,
Herr Präsident, in der Sitzungspause inoffizielle Konsultationen zu solch wichtigen Angelegenheiten wie
der künftigen Mitgliedschaft und Tagesordnung der
Konferenz durchführen werden. Ich kann Ihnen versichern, daß Sie in den Vereinigten Staaten bei diesen
Konsultationen sowie bei dem kontinuierlichen Prozeß, die Arbeit der CD im Hinblick auf die uns alle
konfrontierenden neuen sicherheits- und rüstungskontrollpolitischen Probleme und Chancen zu definieren
und zu konzentrieren, einen aktiven Teilnehmerfinden
werden.

fr fr fr fr fr

Seite 4

AMERIKA DIENST 36

�D E U T S C H L A N D - USA
9. September 1992

UNSERE KULTURELLEN BEZIEHUNGEN DIE BINDUNGEN, DIE UNS VEREINEN
Rede von Botschafter Robert M. Kimmitt
FREIBURG - (AD) - US-Botschafter Robert M. Kimmitt hat am 4. September 1992 eine Ansprache vor der
"Freiburger Montagsgesellschaft" gehalten, einer Vereinigung renommierter Persönlichkeiten aus Politik und
Wirtschaft.
In seiner Ansprache ging Botschafter Kimmitt auf die Rolle ein, die von Deutsch-Amerikanischen Instituten und
anderen Organisationen sowie von Austauschprogrammen bei der Festigung der transatlantischen Bindungen
gespielt wurde. Darüber hinaus gibt die Rede einen Überblick über die deutsch-amerikanischen Beziehungen
in den vergangenen Jahrzehnten bis zu der heutigen "Partnerschaft in der Führung". Der Botschafter forderte
in diesem Zusammenhang eine Fortsetzung der engen kulturellen Bindungen zwischen unseren Ländern,
während wir uns gleichzeitig bemühen, die ehemals kommunistischen Nationen in eine Gemeinschaft mit
gemeinsamen Werten aufzunehmen.
Höhepunkt des Tages war eine Feierstunde zum 40. Jahrestag des Deutsch-Amerikanischen Instituts in
Freiburg, des Carl-Schurz-Hauses, bei der der Botschafter ein kurzes Grußwort an die Anwesenden richtete.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Kimmitt bei der Freiburger Montagsgesellschaft im
Wortlaut.

Herr Vorsitzender Ruhe,
Herr Dr. Hodeige,
meine Damen und Herren,

Montagsgesellschaft organisierte hochkarätige Programm von Vorträgen zu aktuellen Themen wie dem
heutigen hat viele Jahre lang den geistigen Bedürfnissen Freiburgs gedient. Ihr Engagement für ein qualitativ hochwertiges Gemeinwesen ist beispielhaft.

ich freue mich, heute nachmittag in Ihrer schönen
Stadt zu sein. Es war mir eine große Freude, Dr. Darüber hinaus möchte ich dem Carl-Schurz-Haus zu
Hodeige und Mitgliederder Freiburger Montagsgesell- seinem vierzigjährigen Bestehen gratulieren. Ich werde
schaft kurz nach meiner Ankunft vergangenes Jahr in bei der Feier aus diesem Anlaß heute nachmittag im
der Botschaft in Bonn zu empfangen. Ich erinnere Seepark eine kurze Ansprache halten. Als das Amemich gut an unsere lebhafte Diskussion, die mir im rika Haus in Freiburg vor vierzig Jahren seine Tore
Hinblick auf die grundlegenden Beiträge die Augen öffnete, erholten sich Deutschland und Europa noch
öffnete, die von deutsch-amerikanischen Freundschafts- von der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Der
Marshallplan ging gerade zu Ende, und das erste
gesellschaften wie der Ihrigen geleistet wurden.
erfolgreiche Experiment der europäischen wirtschaftDie Montagsgesellschaft ist über die Jahre hinweg lichen Zusammenarbeit, die Montanunion, war ein
eine wichtige Quelle der Unterstützung für zahlreiche Jahr alt. Das Carl-Schurz-Haus und vergleichbare
Einrichtungen der Stadt gewesen, darunter das Carl- Institutionen waren unerläßlich, um aus den bescheiSchurz-Haus, und sie hat für die Bürger Freiburgs eine denen Anfängen vor vierzig Jahren die kooperative
bessere Lebensqualität geschaffen. Das von der Partnerschaft aufzubauen, derer sich Deutschland
und die Vereinigten Staaten heute erfreuen können.

AMERIKA DIENST 36

Seite 1

�Vor fast genau einer; ., ahr überreichte ich Bu ndespräsidentvon Weizsäokei mein Beglaubigungsschreiben.
Im Kontext der europäischen Nachkriegsgeschichte
ist ein Jahr eine se^.r h ..rze Zeitspanne. Aber in diesem
Zeitraum ist viel gesehenen, was die transatlantischen
und deutsch-amerikanischen Beziehungen auf einige
Zeit beeinflussen vvirö.
Eines meiner persönlichen Ziele in diesem ersten Jahr
war es, Ihr Lana soviel wie möglich zu bereisen,
insbesondere die neuen Bundesländer im Osten. In
diesem ersten Jahr besuchte ich alle 16 Bundesländer
und traf mit ihren Ministerpräsidenten zusammen.
Meine zwölf Besuche in den neuen Bundesländern
sind ein sichtbarer Beweis der Tatsache, daß auch wir
dem Prozeß der deutschen Vereinigung Priorität einräumen.
Auf meinen Reisen nabe ich zahlreiche Beispiele
unserer kulturellen Bindungen gesehen. Ich traf mit
deutschen Politologen zusammen, die mit Begeisterung von der Zeit spracnen, die sie als Gastdozenten
in den Vereinigten Staaten verbrachten. Und bei
jedem Vortrag, Jen ch an Universitäten gehalten
habe, befanden sich im Publikum zahlreiche amerikanische Austauschstudenten, die ihr Verständnis von
Ihrem Land und ihrer Kultur vertieften.
Diese Beispiele und ziele andere haben mir zunehmend klargemacht, daß die sehr engen Beziehungen
zwischen unseren beiden Regierungen auf den unzähligen persönlichen Bindungen beruhen, die von unse
ren beiden Völkern geschaffen wurden. Die durch
akademischen Austausch, gemeinsame militärische
Ausbildung, Tourismus, Wirtschafisunternehmen,
Konferenzen, wissenschaftliche Zusammenarbeit sowie
durch Kunstausstellungen geschaffenen Bindungen
bilden das Fundament beiderseitiger Entwicklung und
Anteilnahme, die unsere Beziehungen in der Nachkriegszeit charakterisieren.
Solche Bindungen müssen jedoch ständig genährt und
verstärkt werden Jede nachfolgende Generation muß
sich heute erneut dazu verpflichten, diese Bindungen
zu bewahren und zu vertiefen, denn sonst werden sie
verblassen und an Bedeutung verlieren. Organisationen wie Ihre werden und müssen in Zukunft eine noch
wichtigere Rolle dabei spielen.
In meinem ersten Jahr als Botschafter hat es drei
überragende Entwicklungen gegeben, die meines
Erachtens in den Kommenden Jahren besonderen
Einfluß auf das transatlantische Verhältnis und die
deutsch-amerikanischen Beziehungen haben werden:
der Zusammenoruch der Sowjetunion, die Geißei
ethnischer Konflikte auf dem Balkan sowie die Bemü
hungen der Europäischen Gemeinschaft, den Vei
von Maastricht zu ratifizieren. Ich möchte die:
men erörtern und dann zu meiner zentralen These
zurückkehren: Daß die politischen und militärische
Dimensionen unserer Beziehungen zwar äußerst wichtig

Seite 2

bleiben, die "Wachstumssektoren" in diesen Beziehungen jedoch in den Bereichen Handel, kulturelle
Interaktion und Austausch liegen werden.
Demokratie in den ehemaligen Sowjetrepubliken
Kurz vor meiner Ankunft in Bonn im August vergangenen Jahres errangen die Kräfte der Demokratie in der
Sowjetunion einen großen Sieg über den Totalitarismus. Sie schlugen den Putschversuch gegen Präsident Gorbatschow nieder.
Der Sieg der demokratischen Kräfte löste dramatische
Veränderungen aus. In dem folgenden Jahr löste sich
die Sowjetunion auf, und an ihre Stelle traten fünfzehn
unabhängige Staaten. Die Vereinigten Staaten haben
in allen diesen neuen Staaten Botschaften eröffnet.
Der Kalte Krieg, der jahrzehntelang unsere Energie
und Aufmerksamkeit so vollständig in Anspruch genommen hatte, war von der ersten wirklich demokratischen Revolution hinweggefegt worden, die jemals auf
russischem Boden Wurzeln schlug.
Die Zukunft der Demokratie in Rußland und den anderen neuen Staaten des alten sowjetischen Imperiums
ist die wichtigste Frage, die sich uns stellt. Die Entwicklung stabiler Demokratien und politischer Legitimität in den Staaten Mitteleuropas und der ehemaligen
Sowjetunion sind letztlich grundlegend für die Sicherheit Europas.
3, daß diese Frage in Deutschland von großem
ilbarem Interesse ist. Das gilt sowohlfürdie
politischen Entscheidungsträger als auch für die Öf)eutschland und die Deutschen haben
nihrungsrolle dabei übernommen, der ehemaligen
i und Osteuropa Hilfe zu leisten. Die
i und Deutschland haben sich
ingesetzt, diese neuen DemokraOrganisationen wie die KSZE
einzugliedern und ihre engere Bindung an die NATO
zu fördern. Der jüngste Ausdruck dieses Engagements war die nachhaltige Unterstützung Deutschlands für die Gründung des Nordatlantischen Kooperationsrates sowie seine Initiative, die neuen Republiken
Sowjetunion in dieses Gremium zu
integrieren.
ung von Hilfe für die ehemalige Sowjetunion ist auch für die Amerikaner eine Frage von
großer E ieutung. Zu Beginn dieses Jahres war ich
auf dem Rhein-Main-Flughafen anwesend, als deutanische Transportflugzeuge mit
Nahrungsmitteln und dringend benötigten medizinischen Hilfsgütern nach Moskau und in 19 andere
Städte der ehemaligen Sowjetunion starteten.
auf anderen Stützpunkten auch hatten
3 und Amerikaner zwei Generationen
standen, mit ihren Flugzeugen einen
riff abzuwehren. Heute jedoch star-

AMERIKA DIENST 36

�ten deutsche und amerikanische Militärmaschinen statt
mit Raketen und Bomben mit Nahrungsmitteln und
Medikamenten, um unserem ehemaligen Gegner zu
helfen. Diese Flüge werfen ein dramatisches Schlaglicht auf unsere gemeinsamen neuen Beziehungen zur
ehemaligen Sowjetunion.
Neben der Reaktion auf die dringenden humanitären
Bedürfnisse der Menschen in dieser Region wollen die
Vereinigten Staaten den Nachfolgestaaten der Sowjetunion bei der Zerstörung und Kontrolle der Relikte
des Kalten Krieges helfen - insbesondere bei nuklearen, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen.
Auf Einladung der Bundesminister Rühe und Kinkel
hatte ich den Vorzug, im vergangenen Monat Zeuge
eines Ereignisses zu werden, das zwei praktische
Konsequenzen des Endes des Kalten Krieges unterstrich. In Rockensussra in Thüringen war ich beim
Beginn der Zerstörung militärischen Geräts der Bundesrepublik Deutschland anwesend, das nach den
Bestimmungen des KSE-Vertrages verboten ist. Darüber
hinaus erfuhr ich von den Hunderten von deutschen
Arbeitsplätzen, die durch die Aufgabe der Waffenzerstörung geschaffen wurden. Wir arbeiten mit Deutschland und anderen Ländern zusammen, um zivile Arbeitsplätze auch in der ehemaligen Sowjetunion für
Wissenschaftler und andere Techniker zu schaffen,
die ihr ganzes Leben Kriegswaffen entwickelt haben.
Die Förderung der Einführung von Marktwirtschaften
in den ehemaligen sowjetischen Staaten ist eine weitere Priorität, die sich unsere beiden Länder gesetzt
haben. Die Neuorientierung einer ganzen Gesellschaft auf Wirtschaftsprinzipien und Fähigkeiten, die
dem Großteil der freien Welt Wohlstand gebracht
haben, ist wahrscheinlich die schwierigste und vordringlichste Aufgabe, mit der sich diese Länder konfrontiert sehen. Beträchtliche Anstrengungen des
Westens sind erforderlich, um sicherzustellen, daß die
aufstrebenden Demokratien des ehemaligen sowjetischen Imperiums nicht in wirtschaftlichem Chaos versinken.
Regionale und ethnische Konflikte
Der Flug dieser Maschinen vom Rhein-Main-Flughafen in die ehemaligen Sowjetrepubliken war in der Tat
Teil einer größeren Reise, die anschaulich die Distanz
belegt, die von der Welt - und insbesondere von
Europa - nach so vielen Jahren des Kalten Krieges
zurückgelegt wurde. Dennoch erinnern uns die Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien täglich daran, daß
die Reise zu einer wirklich dauerhaften und friedlichen
Ordnung noch nicht beendet ist. Heute verlassen
dieselben Flugzeuge den Rhein-Main-Flughafen mit
Nahrungsmitteln und Medikamenten fürdie Menschen
in Bosnien.

AMERIKA DIENST 36

Die Gewalt im ehemaligen Jugoslawien hat demonstriert, wie schwer Stabilität herzustellen sein kann.
Trotz des Zusammenbruchs des Kommunismus und
der verringerten Bedrohung einer nuklearen Konfrontation zwischen Supermächten bleiben militärische
und verteidigungspolitische Fragen für die zukünftige
Sicherheit Europas von Bedeutung. Die Bedrohung,
der wir uns heute gegenübersehen, ist nicht mehr eine
massive militärische Invasion über die alte innerdeutsche Grenze, sondern sie ist vielmehr die Unsicherheit, die östlich von Deutschland durch politische und
wirtschaftliche, häufig von ethnischen Konflikten begleitete Unruhen entstanden ist.
Wirteilen den Schock und die Empörung Europas über
die fortwährenden Gewaltakte und Menschenrechtsverletzungen, die auf dem Territorium des ehemaligen
Jugoslawiens begangen werden. Wir unterstützen die
politischen Bestrebungen der Europäischen Gemeinschaft und werden weiterhin in der UNO aktiv sein, um
deren Bemühungen zu unterstützen, das Wirtschaftsembargo abzusichern, das der Diplomatie bei der
Beendigung des Konflikts behilflich sein soll.
Wir haben auch eine eindeutige humanitäre Verantwortung in diesem Konflikt. Wir werden alles Erforderliche tun, um den leidenden Menschen Nahrungsmittel und Medikamente zu liefern, einschließlich der
Entsendung von UN-Friedenstruppen zur Absicherung dieser Hilfslieferungen. Deutschland muß besonders für die humanitäre Hilfe gelobt werden, die es
bereitstellt, vor allem für viele Tausende, die durch
diese Tragödie zu Vertriebenen wurden.
Wenn uns jedoch der Konflikt, dessen Zeuge wir heute
auf dem Balkan werden, irgendetwas lehrt, dann, daß
das Ende des Kalten Krieges Europa nicht unverzüglich Frieden und Stabilität gebracht hat. Daher begrüßen wir eine aktive Rolle Deutschlands bei der Schaffung einer stabilen neuen Ordnung in Europa und
begrüßen ein Deutschland, das zur Übernahme größerer Verantwortung im Bereich der kollektiven Sicherheit fähig ist. Gleichzeitig sind wir uns bewußt,
daß eine solche Entscheidung, insbesondere über
sogenannte Einsätze in bündnisfremdem Gebiet, beim
deutschen Volk und seinen politisch Verantwortlichen
liegt.
Europäische Einheit
Während wir neue Strategien zur Bewältigung der
neuen sicherheitspolitischen Realitäten entwickeln,
müssen wir bestehenden multilateralen Institutionen
wie der NATO und den Vereinten Nationen neue
Aufgaben verleihen und das Potential neuer Institutionen wie der G-7 und des Nordatlantischen Kooperationsrats entwickeln.

Seite 3

�Die Vereinigten Staaten unterstützen das Ziel der
europäischen Integration so eindeutig und unmißverständlich wie wir die Vereinigung Deutschlands unterstützt haben. Aber ebenso wie bei der Vereinigung
Deutschlands wollen die Vereinigten Staaten sicherstellen, daß die Verwirklichung der Vision von Maastricht eher die traditionellen Beziehungen und Verpflichtungen erweitert statt davon ablenkt.

Partner in der Führung

Aber mein persönliches Ziel besteht selbstverständlich darin, die deutsch-amerikanischen Beziehungen
noch weiter zu stärken. Diese Beziehungen haben zu
den dramatischen Ereignissen von 1989 und 1990
geführt und sind grundlegend für Ihre und unsere
künftige Sicherheit. Die Evolution der deutsch-amerikanischen Beziehungen von Fürsorge zu PartnerDie Beziehung zwischen europäischer Sicherheit und schaft ist eine der großen internationalen Erfolgsgeihrem wichtigsten und erprobten Garanten - der NATO schichten dieses Jahrhunderts.
-wurde beim NATO-Gipfeltreffen in Rom im vergangenen November vereinbart. Die NATO ist sich eindeutig Und diese Geschichte der deutsch-amerikanischen
der Notwendigkeit bewußt, sich den neuen Realitäten Beziehungen entwickelt sich weiter. Über vier Jahrin Europa anzupassen. Zu diesem Zweck hat sie ihre zehnte lang wurden unsere Beziehungen von ihren
politischen Bestrebungen durch den neuen Koopera- politischen und militärischen Dimensionen beherrscht.
tionsrat nach Osten erweitert, der die ehemaligen Heute sehen wir, daß die wirtschaftlichen, ökologiWarschauer-Pakt-Staaten einbezieht. Und die neu schen und soziokulturellen Dimensionen unserer
vereinbarten Beziehungen zwischen NATO und KSZE Beziehungen wachsende Bedeutung erlangen.
sind ein Schritt zur Anpassung der SicherheitsinstituSicherlich sind die wirtschaftlichen Bindungen zwitionen Europas an das Umfeld nach dem Kalten Krieg. schen uns von zunehmender Bedeutung. Vierzig
Gleichzeitig ermutigen die Vereinigten Staaten eine Prozent aller Exporte Baden-Württembergs gehen in
stärkere europäische Sicherheitsidentität, die so ent- die Vereinigten Staaten. Umgekehrt hat die amerikawickelt wird, daß sie auf der von der NATO gebotenen nische Wirtschaft erheblich in Baden-Württemberg
starken Grundlage aufbaut und diese erweitert. Wir investiert. Die Ermutigung zu wirtschaftlichem Engaführen Gespräche mit deutschen und anderen euro- gement in beiden Richtungen bietet beiden Ländern
päischen Regierungsvertretern im Hinblick auf die große Vorteile.
Weiterentwicklung der Westeuropäischen Union und
Das unlängst abgeschlossene Nordamerikanische
auf das deutsch-französische Korps. Wir tun dies in
Freihandelsabkommen ist eine Entwicklung, die letztdem Vertrauen, daß wir die gleichen Ziele verfolgen:
lich deutschen Unternehmen neue Märkte öffnen wird,
Ein starkes Bündnis und ein starker europäischer
Verteidigungspfeiler als Teil der transatlantischen insbesondere solchen, die Waren in Nordamerika
herstellen.
Partnerschaft.
Aber es ist das GATT, das den vielleicht wichtigsten
Vor exakt dreißig Jahren, am 4. September 1962, Rahmen geschaffen hat, innerhalb dessen sich unsere
begann Präsident de Gaulle seinen wichtigen Staats- Wirtschaftsbeziehungen entwickeln und gedeihen
besuch bei Bundeskanzler Adenauer in Bonn. Ich konnten. Ein erfolgreicher Abschluß der Uruguaykann die Bedeutung, die Deutschland seinen Bezie- Runde des GATT ist deshalb für unsere beiden Länder
hungen zu Frankreich beimißt, heute sehr viel besser - und in der Tat für die ganze Welt - von vitalem
beurteilen als zu der Zeit, als ich noch in Washington Interesse.
war. Die Vereinigten Staaten unterstützen möglichst
enge Verbindungen zwischen unseren beiden großen In meinem ersten Jahr als Botschafter in Deutschland
Verbündeten und Freunden - Deutschland und Frank- habe ich ein wesentlich besseres Verständnis dessen
reich. Ihre entscheidenden bilateralen Beziehungen gewonnen, wie wichtig die soziokulturelle Dimension
wurden von einer Quelle der Instabilität zu einer we- unserer Beziehungen immer gewesen ist. Während
sentlichen Triebkraft für die europäische Einheit um- meiner Jahre als hochrangiger Beamter im Finanzgewandelt.
und Außenministerium sowie im Weißen Haus war ich
mir der Bedeutung der kulturellen Dimension nicht
Engere Verbindungen zwischen Deutschland und vollständig bewußt. Je länger ich hier bin, desto mehr
Frankreich müssen jedoch nicht zwangsläufig auf Kosten gelange ich zu der Überzeugung, daß es diese kultuengerer Verbindungen zwischen den Vereinigten Staa- relle Dimension sowie die persönlichen Bindungen
ten und Deutschland oder zwischen den Vereinigten zwischen Deutschen und Amerikanern sind, die die
Staaten und Frankreich erfolgen. Unser Ziel sollte der wahre Grundlage unserer starken Beziehungen bilNutzen sein, der sich in Europa und den Vereinigten den.
Staaten aus engeren bilateralen Beziehungen zwischen allen Freunden und Verbündeten ableitet.

Seite 4

AMERIKA DIENST 36

�Viele amerikanische Soldaten, die in diesen vierzig
langen Jahren in Baden-Württemberg und anderen
Teilen Deutschlands stationiert waren, kehren nach
Hause zurück. An dem Tag, an dem die Berliner Mauer
fiel, hatten die Vereinigten Staaten nicht einen, sondern 600.000 amerikanische Botschafter in Deutschland. Es waren die hier stationierten Angehörigen der
amerikanischen Streitkräfte und deren Familien. Heute
ist diese Zahl wesentlich geringer und wird bis 1993
noch weiter abgebaut werden.

Wir haben in Leipzig ein neues Generalkonsulat
und ein neues Amerika Haus eröffnet als sichtbares Zeichen unseres Engagements, Deutschland beim Wiederaufbau und der Integration der
neuen Bundesländer zu helfen. Von Leipzigund
auch von der Außenstelle unserer Botschaft
und dem Amerika Haus in Berlin bieten wir ein
breites Spektrum kultureller, Informations- und
sonstiger Austauschprogramme für ganz Ostdeutschland an.

Wir werden eine schlagkräftige amerikanische Streitmacht in Deutschland belassen, solange Deutschland
unsere Präsenz wünscht. Diese amerikanische Streitmacht wird zwar schlagkräftig, aber kleiner sein, und
die Kontakte zwischen Amerikanern und Deutschen
werden weniger werden. Insbesondere deshalb, weil
mehr amerikanische Familien in regierungseigene
Wohnungen ziehen und weil sie die Folgen des niedrigen Dollarkurses spüren. Infolgedessen wird die
Arbeit von Gruppen wie der Ihrigen zur Förderung
persönlicher Kontakte zwischen Deutschen und
Amerikanern immer wichtiger.

Wir legen besondere Betonung auf Austauschprogramme, um die Menschen in der ehemaligen DDR zu erreichen, die in den kommenden
Jahren wahrscheinlich Einfluß in Politik, Kultur,
Wirtschaft, den Medien und im Bildungswesen
haben werden. Wir konfrontieren sie direkt mit
den Vereinigten Staaten und bieten ihnen die
Möglichkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden. Es ist genau diese Art von Programmen,
die bei der Vertiefung des Verständnisses und
guten Willens so effektiv waren, die den Kern
der deutsch-amerikanischen Beziehungen ausmachen.

In diesem Zusammenhang ist der Erfolg von Institutionen wie der Freiburger Montagsgesellschaft und des
Carl-Schurz-Hauses in Freiburg besonders ermutigend. Obwohl keine amerikanischen Soldaten in
Freiburg stationiert sind, wurde diese Stadt zum Modell
für die Verbesserung der deutsch-amerikanischen
Beziehungen durch enge persönliche Kontakte. Ihr
Erfolg wird uns bei unseren künftigen Bemühungen in
ganz Deutschland leiten, einschließlich der neuen
Bundesländer.
Das amerikanische Engagement für die neuen
Länder
Ich habe die starke amerikanische Unterstützung für
die deutsche Vereinigung bereits erwähnt. Die Unterstützung dieses Prozesses ist eine meiner vordringlichsten Aufgaben als Botschafter. Hier in Deutschland möchten wir Amerikaner eine bedeutsame Rolle
beim Wiederaufbau der fünf neuen Bundesländer
spielen, die so lange von der Freiheit abgeschnitten
waren, die für uns im Westen so selbstverständlich ist.
Durch die Aktivitäten des United States Information
Service und anderer Abteilungen der Botschaft versuchen wir, das verzerrte Bild von Amerika und dem
Westen zu korrigieren, das Tag für Tag den Menschen
vorgehalten wurde, die man lehrte, uns zu fürchten und
unseren Motiven mit Mißtrauen zu begegnen. Der
intellektuelle Hunger nach Informationen im Osten hat
uns bestärkt. Die Befriedigung dieses Hungers war
angesichts unserer bereits knappen Mittel und der
angespannten Haushaltslage eine Herausforderung.
Nachfolgend möchte ich einige der vielen Maßnahmen
erwähnen, die wir im Osten ergriffen haben:

AMERIKA DIENST 36

Das Fulbright- und andere akademische Austauschprogramme wurden ebenso wie das Parlamentarische Patenschaftsprogramm Kongreß/
Bundestag auf die neuen Bundesländer ausgeweitet. Darüber hinaus erweitern wir unsere
Programme und Aktivitäten für den Englischunterricht und Amerikanistikstudien.
Mit der Schließung oder Verkleinerung unserer
militärischen Stützpunkte in Westdeutschland
werden zahlreiche Bibliotheken dieser Stützpunkte Institutionen in der ehemaligen DDR
gespendet. Nahezu 200.000 Bände sind bereits
an Bibliotheken, Schulen und andere Einrichtungen übergeben worden und bilden einen
wertvollen Grundstock der Bestände für Amerikanistikstudien und Literatur in englischer Sprache. Ich kann mir kein besseres Beispiel einer
"Friedensdividende" denken, als Millionen von
Menschen das unschätzbare Erbe der westlichen Zivilisation in schriftlicher Form zu vermachen.
Die RIAS-Stiftung entstand zum Teil aus den
Vermögenswerten des Senders, der so viele
Jahre lang die Informationsquelle für Ostdeutsche war. Die Stiftung soll Kontakte und den
Informationsaustausch zwischen Medienzentren
und Medienvertretern in den neuen Ländern
und deren amerikanischen Kollegen fördern.
Durch diese Stiftung wird der stolze Name - und
der Geist - des RIAS weiterleben.
In der Erkenntnis, daß wirtschaftliche Stabilität
eines der größten Bedürfnisse in den neuen

Seite 5

�Ländern ist, ermutigen wir dort aktiv amerikanische Investitionen. Ungefähr 150 amerikanische Unternehmen sind bereits im Osten tätig,
schaffen zusammen Zehntausende von Arbeitsplätzen und verhindern den Verlust von vielen
weiteren. Der Bekanntheitsgrad und gute Ruf
führender bereits in Ostdeutschland tätiger amerikanischer Firmen ermutigt andere Firmen, eine
Niederlassung dort ins Auge zu fassen.

drängenderer Sicherheitsprobleme überschattet.
Während des Kalten Krieges waren wir tatsächlich der
Überzeugung, was die westlichen Demokratien zusammehalte sei die gemeinsame Bedrohung. Mit dem
Ende des Kalten Krieges und damit der gemeinsamen
Bedrohung wird deutlich, daß das Bündnis durch
gemeinsame Werte zusammengehalten wurde.

Die vor uns liegende Herausforderung besteht nun
darin, diese Werte mit den Deutschen im Osten und
Schließlich ermutigen wir unsere privaten Orga- den aufstrebenden Staaten in der ehemaligen Sowjetnisationen, die im Westen Deutschlands so union zu teilen.
erfolgreich sind - wie USO, American Women's
Group und Kontakt-Clubs - zur Erweiterung Bedauerlicherweise führen Versuche zur Bewältigung
dieser Herausforderungen zu finanziellen Engpässen
ihrer Aktivitäten in den neuen Bundesländern.
in unseren beiden Ländern und drohen, unsere EnerWeiteres Engagement für den Westen
gien von der Unterstützung eben dieser Bindungen
abzulenken, die solch grundlegende Bausteine unseObwohl die Vereinigten Staaten den Staaten im Osten rer Beziehungen sind. Mehr denn je müssen jetzt die
zwar Priorität eingeräumt haben, vernachlässigen wir Nutznießer bisheriger Programme die Arbeit ihrer
unsere Programme und Freunde in den westlichen Vorgänger fortsetzen, indem sie diese gemeinsamen
Ländern nicht. Die US-Regierung, öffentliche und Werte an die nächste Generation weitergeben. Aus
Privatinstitutionen sowie amerikanische Unternehmen diesem Grund bin ich heute hier, weil ich jetzt, am Ende
sind hier weiterhin stark engagiert.
meines ersten Jahres als Botschafter in Deutschland,
die Bedeutung der von Ihnen geleisteten Arbeit und die
Ein Beispiel dieses Engagements ist die jüngste Ver- lebenswichtige Bedeutung der vor uns liegenden Auflagerung einer Einrichtung der US-Armee in die Stadt gabe sehr viel mehr zu schätzen weiß. Aus diesem
Schwäbisch Gmünd. Diese ehemalige militärische Grund bitte ich um eine erneute Verpflichtung unsererEinrichtung wird ein Campus der University of Mary- seits. Wir müssen uns wieder engagieren und die
land, der Ende dieses Monats eröffnet werden soll. Probleme in Angriff nehmen, mit denen sich unsere
Dort werden Studenten aus ganz Europa, den Verei- beiden Länder bei der Bewahrung von Frieden und
nigten Staaten und sogar der ganzen Welt eine Chan- Stabilität in dem neuen Europa konfrontiert sehen.
ce erhalten, zu lernen und Ideen und Erfahrungen
auszutauschen. Sie werden die Tausende amerikani- Ich danke Gott, daß es Menschen wie Carl Schurz
scher Studenten ergänzen, die bereits an renommier- gegeben hat und solche, die seinem Beispiel folgten,
ten Institutionen wie der Freiburger Universität einge- die Vision hatten und das Engagement aufbrachten,
schrieben sind.
unermüdlich auf stärkere Bande zwischen Deutschen
Hunderte amerikanischer Firmen sind als anerkannte und Amerikanern hinzuarbeiten.
Wirtschaftsunternehmen hier ansässig. Das starke
Engagement amerikanischer Unternehmen hier in Baden
steht für das, was *a übrigen Deutschland geschieht.
Ich beglückwünsche Firmen wie I-Omega, die in diesem Teil des Landes so erfolgreich waren, hochqualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen und den ausgezeichneten Ruf der Region zu bewahren.
Die vor uns liegende Herausforderung
Während des Kalten Krieges wurden kulturelle Interessen und gemeinsame Werte von der Bewältigung

Ich bin hier, um Ihre Hilfe zu erbitten. Ich bin hier, um
jeden in diesem Raum Anwesenden - und Ihre Söhne
und Töchter zu bitten, gemeinsam mit uns unsere
Bemühungen zu verdoppeln, um sicherzustellen, daß
Amerikaner und Deutsche sich weiterhin besser kennen-, verstehen und schätzen lernen. Damit bringen
wir nicht nur zwei großartige Länder einander näher,
sondern die gesamte internationale Staatengemeinschaft.
Ich danke Ihnen.

* *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 36

�JUGOSLAWIEN
9. September 1992

VEREINIGTE STAATEN SAGEN 40 MILLIONEN DOLLAR
AN FLÜCHTLINGSHILFE FÜR JUGOSLAWIEN ZU
Erklärung von Botschafter Zlmmerman
GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten haben am 4. September 1992 etwa 40 Millionen Dollar zugesagt, um die
internationalen Hilfsorganisationen zu unterstützen, die sich um die über zwei Millionen Opfer des Konflikts im
ehemaligen Jugoslawien kümmern, insbesondere in den kommenden harten Wintermonaten.
Der Beitrag wurde von Botschafter Warren Zimmerman, dem Leiter des Büros für Flüchtlingsprogramme im USAußenministerium und US-Sonderbeauftragter für Jugoslawien, im Rahmen einer UNO-Konferenz in Genf
angekündigt, die humanitäre Unterstützung für die Notleidenden im früheren Jugoslawien zum Inhalt hatte.
Zimmerman erklärte, der neue amerikanische Beitrag umfasse Bargeld, Nahrungsmittel, Medikamente, Material
zum Bau von Unterkünften, Kleidung, logistische Unterstützung sowie technischen Rat. Damit sollen die
Programme der im ehemaligen Jugoslawien tätigen internationalen Behörden und nichtstaatlichen Organisationen bei der Bereitstellung von Hilfe (Konvois) und winterfesten Unterkünften gefördert werden.
Das eintägige Treffen über humanitäre Hilfe fand unter dem Vorsitz der Hohen Flüchtlingskommissarin der
Vereinten Nationen (UNHCR), Sadako Ogata, statt, deren Organisation die Hilfsbemühungen für Flüchtlinge und
Vertriebene im ehemaligen Jugoslawien, insbesondere im konfliktgeschüttelten Bosnien-Herzegowina, leiten
soll.
Während des Treffens wurde ein neuer internationaler Hilfsappell zur Bereitstellung von 467 Millionen Dollar
verabschiedet, um die geschätzten Kosten für die Hilfsbemühungen in den nächsten sechs Monaten zu
bestreiten darunter ein Programm zum Bau von winterfesten Unterkünften für die Flüchtlinge und Vertriebenen.
Im Rahmen einer am selben Tag veranstalteten Pressekonferenz teilte Botschafter Zimmerman mit, sowohl das
Treffen über humanitäre Hilfe - bei dem die Länder "beeindruckende" Hilfsbeiträge zugesagt hätten - als auch
der Friedensprozeß des Lenkungsausschusses seien Beweise für das Ausmaß internationaler Besorgnis über
die Ereignisse im früheren Jugoslawien.
Es bestehe ein starkes "Gefühl der Dringlichkeit" sicherzustellen, daß der Elan der Londoner Konferenz, auf der
- insbesondere von den bosnischen Serben - Verpflichtungen zur Herbeiführung einer Lösung eingegangen
wurden, aufrechterhalten wird.
Darüber hinaus herrsche "große Entschlossenheit" zu verhindern, daß die Doppelstrategie der ethnischen
Säuberung und Aushungerung durch die Serben Erfolg habe.
"Wir treten in eine Winterperiode ein, in der die serbische Politik der ethnischen Säuberung und Aushungerung
auf die Probe gestellt wird", erklärte Zimmerman. Die internationale Staatengemeinschaft sei entschlossen, "es
der Bevölkerung von Bosnien zu gestatten, mit Unterkünften und damit neuer Hoffnung auf ein Ende ... dieser
schrecklichen Heimsuchung durch den Winter zu kommen".
Auf Fragen zu den Internierungslagern, die international auf harte Kritik gestoßen sind, erklärte Zimmerman, eine
der wichtigsten amerikanischen Prioritäten sei es, Zugang zu den Lagern zu erhalten und sie so bald wie möglich
aufzulösen. Das Treffen über humanitäre Angelegenheiten habe die Frage erörtert, die Internierten nach ihrer
Freilassung in sichere Gebiete zu transportieren.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung Botschafter Zimmermans im Wortlaut.

AMERIKA DIENST 36

Seite 1

�Wir beglückwünschen Frau Ogata und ihre Mitarbeiter
zu Ihrer Initiative, dieses dringliche Programm mobilisiert zu haben, um den Konfliktopfern im ehemaligen
Jugoslawien humanitäre Hilfe zu leisten. Die von der
Hohen Flüchtlingskommissarin bei der internationalen
Konferenz in Genf am 29. Juli entworfene umfassende
Reaktion auf die humanitäre Krise im ehemaligen
Jugoslawien ist der richtige Rahmen, um der Tragödie
im ehemaligen Jugoslawien auf humanitärer Ebene zu
begegnen, und wir unterstützen sie uneingeschränkt in
allen Aspekten.
Bei unserem heutigen Treffen sollten wir vor allem von
einem Gefühl der Dringlichkeit erfaßt sein. Der Winter
steht kurz bevor, und wir haben jetzt noch die Macht,
viele Tausende in Bosnien und andernorts im ehemaligen Jugoslawien zu retten, die durch Konflikt und
ethnische Säuberungen mittel- und heimatlos geworden sind.
Die Dringlichkeit unserer Aufgbe erfordert, daß wir
unverzüglich Zugang zu den Gebieten in Bosnien mit
dem größten Bedarf erhalten, daß wir Prioritäten setzen und effektiv vorgehen.
Der dringendste Bedarf besteht eindeutig in Bosnien.
Wir müssen die notwendigen Routen für die Landkonvois ausfindig machen, einschließlich solcher, die auch
während des Winters benutzt werden können und die
erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen treffen. Für
Sie, die Hohe. Flüchtlingskommissarin und die UNSchutztruppe UNPROFOR ist es unabdingbar, enge
Arbeitsbeziehungen auf der Grundlage gemeinsamer
Ziele herzustellen. Wenn Sie bereit sind, werden wir
die logistische Unterstützung zur Verfügung stellen,
um die Lastwagen auf den Weg zu bringen. Wir
müssen uns insbesondere auf die belagerten Gebiete
konzentrieren, um einen weiteren Flüchtlingsstrom zu
verhindern.
Die Bereitstellung von winterfesten Unterkünften für
Tausende im ehemaligen Jugoslawien muß oberste
Priorität sein. Bei der Bewältigung dieser Herausforderung müssen wir knappe Ressourcen strecken sowie
bestehende Strukturen und temporäre Maßnahmen
so weit wie möglich nutzen. Bei der Erarbeitung von
Programmen für winterfeste Unterkünfte müssen wir
darauf bedacht sein, Maßnahmen zu verhindern, die
auf Dauer labile ethnische Gleichgewichte verändern
und die Gefahr einer Ausweitung des Konflikts bergen
würden.
Diese komplexen und vordringlichen Aufgaben können nur mit effektiver Koordinierung zwischen den
jeweiligen Behörden und Regierungen sowie einem

Koordinierungsmechanismus bewältigt werden, der
denjenigen vor Ort entsprechende Entscheidungsbefugnisse einräumt. Wir sind uns der Tatsache bewu ßt,
daß das Hochkommissariat als federführende Behörde weit über ihre Mitarbeiterkapazitäten hinaus beansprucht ist und sind bereit, Experten für die Koordinierung und Verwaltung einschließlich der Bereitstellung
von Daten und Koordinierung der Logistik für die
Landkonvois zur Verfügung zu stellen.
Wir sind uns des Risikos bewußt, daß die humanitäre
Hilfe, wenn wir nicht sorgfältig vorgehen, zur Konsolidierung der Landnahme in Bosnien beitragen und
ethnische Spannungen andernorts verschärfen könnte. Die internationale Staatengemeinschaft wird bald
gezwungen sein, das Thema anzusprechen, wie wir
den Flüchtlingen bei der Rückkehr in ihre zerstörten
Häuser und Dörfer und deren Wiederaufbau behilflich
sein können. Die Hohe Flüchtlingskommissarin hat zu
Recht diese Aufgaben als Phase 2 und 3 des humanitären Hilfsprogramms ausgemacht, wenn wir den
bevorstehenden Winter hinter uns gebracht haben.
Schließlich müssen alle Geberländer großzügig spenden, um die erforderlichen Ressourcen zur Verfügung
zu stellen. Der Bedarf steigt täglich. Die Mindestsumme von 467 Millionen Dollar wurde für die Kosten der
von UN-Behörden nur für die nächsten sechs Monate
in die Wege geleiteten Programme errechnet. Die
Aufgabe der Rückführung und Rehabilitation wird später
weitere beträchtliche Finanzspritzen an internationaler
Hilfe erforderlich machen.
Ich freue mich, heute einen amerikanischen Beitrag in
Höhe von rund 40 Millionen Dollar zur Unterstützung
der Nothilfemaßnahmen sowie Programme für winterfeste Unterkünfte und der Konvois zur Verfügung
stellen zu können, die von internationalen Behörden
und nichtstaatlichen Organisationen in die Wege geleitet wurden. In diesem Betrag ist Bargeld enthalten
sowie Nahrungsmittel, Medikamente, Material für
Unterkünfte, Kleidung, logistische Unterstützung und
technisches Fachwissen. Im Oktober werden wir
weitere maßgebliche Beiträge in Erwägung ziehen.
Lassen Sie mich abschließend meiner Hoffung Ausdruck verleihen, daß die bei der Londoner Konferenz
getroffenen Entscheidungen den Durchbruch bewirken, den wir alle in dem Friedensproze ß anstreben und
den Kreislauf der Gewalt durchbrechen, der Bosnien
erfaßt hat. Die humanitären Hilfsprogramme, die wir
hier durchführen, können diesen Prozeß voranbringen, auch wenn sie nicht die Lösung der Probleme
darstellen.
Ich danke Ihnen.

*

*

AMERIKA DIENST 36

�SOMALIA
9. September 1992

HILFSPLAN DER USA FÜR SOMALIA
Erklärung des Sonderbeauftragten Natsios
WASHINGTON - (AD) - Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem von Hungersnot betroffenen Somalia legte
der amerikanische Sonderbeauftragte für die Somaliahilfe, Andrew Natsios, die sechs Punkte umfassende
Strategie der Vereinigten Staaten dar.
In einer am 1. September 1992 veröffentlichten Erklärung stellte Natsios fest, daß die Vereinigten Staaten in den
vergangenen anderthalb Jahren über 85 Millionen Dollar zu den Hilfsleistungen beigetragen haben, einschließlich 80.000 Tonnen Nahrungsmittel, die entweder bereits geliefert wurden oder sich auf dem Weg befinden. "Von
all den Nahrungsmitteln, die im vergangenen Jahr nach Somalia geliefert wurden, stammen 57 Prozent aus den
Vereinigten Staaten", erklärte er.
Natsios zufolge umfaßt die amerikanische Strategie für Somalia folgende Punkte: Erstens, Verkauf von
Nahrungsmitteln an somalische Händler zur Senkung der Marktpreise, eventuell durch Versteigerungen.
Zweitens, Bereitstellung von Nahrungsmittteln durch Nahrungsmittelstützpunkte oder Suppenküchen. Drittens,
Lieferung von kostenlosen Trockennahrungsmitteln in großen Mengen für die ländlichen Gebiete. Viertens,
Verbesserung der Sicherheit. Fünftens, Dezentralisierung.
Der sechste Punkt, erklärte Natsios in einer Pressekonferenz, umfaßt die Verteilung von Saatgut und
Werkzeugen, Impfung von Viehherden und Reparatur der Brunnen.
Auf die Frage, wie viele Menschen bisher in Somalia verhungert oder kurz vor dem Verhungern seien, antwortete Natsios: "Niemand weiß es genau. Wir wissen nicht, wie viele Menschen bereits gestorben sind. Es sind
jedoch sehr viele".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen des Sonderbauftragten im Wortlaut.

Ich bin erst gestern abend aus Somalia und Kenia
zurückgekehrt und möchte drei Aspekte der Situation
kommentieren. Zunächst möchte ich einen kurzen
Überblick über das bereits Geleistete und die in die
Wege geleiteten Maßnahmen geben, zweitens einige
Anmerkungen zur derzeitigen Lage machen und drittens unsere generelle Hilf sstrategie für Somalia umreißen.
Erstens das bereits Geleistete. Die Vereinigten Staaten sind seit über anderthalb Jahren mit humanitären
Hilfsleistungen für Somalia befaßt. Wir haben über 85
Millionen Dollar für diese Bestrebungen bereitgestellt
und mehr als 80.000 Tonnen amerikanischer Nahrungsmittel sind entweder bereits geliefert oder für
dieses Haushaltsjahr bewilligt worden. Von all den
Nahrungsmitteln, die im vergangenen Jahr nach Somalia
geliefert wurden, stammen 57 Prozent aus den VereiAMERIKA DIENST 36

nigten Staaten. Für viele von Ihnen ist dies sicherlich
nicht Neues. Aber ich möchte es unterstreichen, um
alle von dem Gedanken abzubringen, wir seien erst in
diesem Sommer plötzlich aufgewacht und uns der
Krise in Somalia bewußt geworden. Wir haben seit
langer Zeit hart gearbeitet und die von Präsident Bush
am 14. August 1992 angekündigten neuen Initiativen
stellen nur eine Erweiterung früherer Bestrebungen
dar.
Sieben Tage nach Präsident Bushs Ankündigung haben
wir eine Luftbrücke nach Wajir in Nordkenia begonnen.
Bis heute wurden über 1.600 Tonnen Nahrungsmittel
nach Kenia geflogen - unter der Schirmherrschaft von
CARE und für die somalischen Flüchtlinge bestimmt,
die über die Grenze nach Kenia gekommen sind sowie
für von der Dürre betroffene Kenianer.

Seite 1

�Am Freitag, dem 28. August -14 Tage nach Präsident
Bushs Ankündigung - nahm das US-Militär eine Luftbrücke nach Belet Weyne in Zentralsomalia auf. Bis
heute morgen haben wir 190 Tonnen Nahrungsmittel
nach Belet Weyne geflogen. Diese Nahrungsmittel
unterstehen dem Internationalen Komitee vom Roten
Kreuz (IKRK) zur Lagerung und Verteilung. Die Flüge
werden fortgesetzt und ich erwarte, daß sie in baldiger
Zukunft auf andere Gebiete in Somalia ausgedehnt
werden. Ich habe mich ausführlich mit Brigadegeneral
Frank Libutti unterhalten, der die militärische Leitung
der Luftbrücke hat. Er und andere Angehörige der
Einsatztruppe leisten ebenso ausgezeichnete Arbeit
wie das IKRK und andere private Hilfsorganisationen
in der Region.

langwierige Verhandlungen mit den jeweiligen Stammesfürsten führen mußte, welcher untergeordnete
Stamm wann welchen Anteil der Lieferung erhalten
würde. Nur wenn zwischen den Stämmen Einstimmigkeit herrscht, können die Nahrungsmittel sicher transportiert werden. Wenn ein untergeordneter Stamm
unzufrieden ist, unternimmt er den - für gewöhnlich
erfolgreichen - Versuch, seinen gerechten Anteil durch
vom Stamm organisierte Plünderungen zu erhalten.

Die zweite Geschichte: Nahrungsmittelpreise. Als ich
in Belet Weyne war, traf ich mit den Stammesfürsten
und Ältesten der Region zusammen. Ich bat sie, mir
den Preis für einen 50 Kilogramm schweren Sack Reis
auf dem offenen Markt zu nennen. Vor zwei Jahren,
vor dem Krieg und der Hungersnot, betrug er ihren
Aussagen zufolge 35.000 somalische Schilling. Im
letzten Sommer schnellten die Preise auf über300.000
Schilling hoch und im vergangenen Frühjahr, als die
Nahrungsmittelhilfe in die Gegend zu fließen begann,
fielen die Preise auf rund 120.000 Schilling. Einen Tag
nach Bekanntgabe der Luftbrücke nach Belet Weyne
fielen die Preise auf 80.000 Schilling - was immer noch
zu hoch ist, aber eine entschiedene Verbesserung
gegenüber den früheren Preisen.

Zweitens, die Bereitstellung kostenloser Nahrungsmittel in Nahrungsmittelstützpunkten oder Suppenküchen.
(Diese richtet sich vorrangig an innerhalb Somalias
Vertriebene in Ballungsgebieten.) Drittens die Lieferung großer Mengen von kostenloserTrockennahrung
in ländliche Gebiete. Viertens die Verbesserung der
Sicherheitslage. In diesem Zusammenhang unterstützen wir voll und ganz die Forderung der Vereinten
Nationen nach Entsendung weiterer Friedenstruppen.
Fünftens die Dezentralisierung. Eines der klassischen
Phänomene bei Hungersnöten besteht darin, daß
Bevölkerungen - auf der Suche nach Nahrung - in
andere Gebiete wandern. Wenn sie dies tun, sterben
viele auf dem Weg, und diejenigen, die es schaffen,
verursachen zusätzlichen Druck und weitere Belastungen für bereits überbevölkerte Ballungsgebiete.

Übrigens brachten die somalischen Stammesfürsten,
mit denen ich sprach, alle den Wunsch nach amerikanischer Hilfe zum Ausdruck.

Die vierte Geschichte: Einige bewaffnete Wegelagerer im Teenager-Alter zogen kürzlich in das Gebiet ein
Am Tag bevor die Luftbrücke nach Somalia aufgenom- und begannen, Frauen zu vergewaltigen und Nahmen wurde, bin ich nach Belet Weyne geflogen und rungsmittel zu stehlen. Die Anführer der örtlichen
habe mehrere andere Orte in Somalia besucht. An- Clans wollten der Gewalt Einhalt gebieten und bestatt Ihnen eine Art Gesamtüberblick der Situation zu stimmten einen Ältesten, der mit der Gruppe Jugendgeben, möchte ich Ihnen vielmehr einige spezifische licher zusammentreffen sollte. Er wurde erschossen.
Beispiele dessen aufzählen, was ich gesehen und
Ich erzähle Ihnen diese Geschichten nicht, um Sie zu
gehört habe. Ich glaube dadurch erhalten Sie ein
schockieren, sondern, um Ihnen ein Gefühl für das
besseres Verständnis der Motivation, von der wir bei
Umfeld zu geben, in dem wir und die nichtstaatlichen
dieser Nothilfestrategie geleitet sind.
Hilfsorganisationen zu arbeiten versuchen. Meines
In der Nähe von Belet Weyne gibt es ein Dorf. Vor Erachtens müssen Sie dieses Umfeld verstehen, um
einigen Wochen zählte das Dorf noch 600 Einwohner. die Logik hinter unserer Hilfsstrategie zu verstehen.
Binnen einer Woche wuchsdiese Zahl auf schätzungsUnsere Hilfsstrategie besteht aus sechs Schlüsseleleweise 7.000 an. Warum? Aufgrund von Gerüchten menten: Erstens, der Verkauf von Nahrungsmitteln an
oder Hinweisen, daß Nahrungsmittel in dieses Gebiet somalische Händler, um die Marktpreise zu senken,
kommen würden.
vielleicht durch einen Versteigerungsmechanismus.

In Oddur gingen wir auf den Markt und sprachen direkt
mit den Händlern. Dort waren die Preise für einen Sack (Das sechste Element, das aus der gedruckten ErkläReis in den vergangenen drei Jahren um über 1.400 rung entfernt wurde, ist die Rehabilitation. Natsios
erklärte Reportern, dazu gehörten die Verteilung von
Prozent gestiegen.
Saatgut und Werkzeugen, die Impfung der ViehbeDie dritte Geschichte: Nahrungsmittelverteilung. Als stände sowie der Wiederaufbau.)
ich am Donnerstag in Belet Weyne mit Vertretern des
IKRK zusammentraf, beschrieben sie eine Nahrungs- Wir erhielten in Somalia Berichte, zum Beispiel vermittellieferung vom März. Die Lieferung kam an und gangene Woche, daß in einigen Gebieten 50 Prozent
wurde im Lagerhaus für die "unverzügliche" Verteilung der Menschen auf dem Marsch nach Belet Weyne
- dachten sie - gelagert. Die Lebensmittel lagerten dort gestorben seien. Als Teil unserer Strategie möchten
zwei unendliche Wochen lang während das IKRK wir deshalb Nahrungsmittel in einer Reihe von Gebie-

Seite 2

AMERIKA DIENST 36

�ten au ßerhalb der größeren Städte verteilen, um diese
tödliche Wanderung aufzuhalten - oder zumindest zu
verlangsamen - zu versuchen.
In diesem Zusammenhang möchte ich etwas über
Mogadischu sagen. Unsere Strategie besteht - zumindest für die nächste Zukunft - bewußt darin, über die
Luftbrücke gelieferte Nahrungsmittel nach außerhalb
von Mogadischu zu transportieren. Nicht nur aus den
gerade erläuterten Gründen in Zusammenhang mit
der Verhinderung von Wanderungsbewegungen,
sondern aus Sicherheitsgründen. Wir werden unsere
Rehabilitationsbemühungen auf die Gebiete konzentrieren, die vergleichsweise stabiler und sicherer sind.
Wir werden weiterhin die Hungernden verpflegen, wo
sie sich befinden. Und ich möchte so deutlich und
eindringlich ich kann erklären: Die Clan-Führer müssen verstehen, daß wir die Rehabilitation auf diese
Gebiete zu konzentrieren gedenken. Dazu gehört die
Bereitstellung von Saatgut und Werkzeugen, die
Rehabilitation der Viehbestände, der Wiederaufbau
von Brunnen zur Wasserversorgung sowie die Wiederherstellung von Krankenhäusern. In dem Maß, wie
sie die Gewalt unter den Clans in ihren Gebieten
fortsetzen, werden sie verhindern, daß die Hilfe ihre
eigenen Angehörigen erreicht.
Wir alle bemühen uns äußerst energisch darum, aber
letztlich liegt das Schicksal Somalias in Händen der
Somalis.
Ein Wort zum Verkauf von Nahrungsmitteln, da dieses
Konzept weithin mißverstanden wird. Von den 145.000
Tonnen Nahrungsmitteln, die der Präsident für das
nächste Haushaltsjahr zugesagt hat, werden meinen
Schätzungen zufolge maximal 10 Prozent per Flugzeug transportiert werden. Die Luftbrücke ist ein
besonderer, kurzfristiger Aspekt unserer Gesamtstrategie. Von den 145.000 Tonnen wird unseren Prognosen zufolge die Hälfte "kostenlos" geliefert und die
andere Hälfte auf dem offenen Markt verkauft. Manche haben gesagt: Wie können wir verhungernden
Menschen Nahrungsmittel verkaufen?
Die Antwort lautet, daß wir mehrere Ansätze gleichzeitig durchführen müssen, um Nahrungsmittel in das
Land zu liefern. Sicherlich gibt es Tausende Mittelloser - und für diese liefern wir und andere Geberländer
kostenlose Nahrungsmittel. Gleichzeitig ist es jedoch
zwingend erforderlich, die privatwirtschaftlichen Nahrungsmittelmärkte in Gang zu bringen. Mit der Lieferung kostenloser sowie zum Verkauf angebotener
Nahrungsmittel nach Somalia werden wir dramatische
Preissenkungen beobachten - und in der Tat finden
diese an einigen Orten bereits statt.

*

AMERIKA DIENST 36

*

In den letzten beiden Wochen wurde von CARE berichtet, daß im Hafen Kismayo Plünderer mehrere
Lastwagen mit 500 Säcken amerikanischer Hirse in
ihre Gewalt brachten. Die Somalis mögen Hirse nicht
besonders. Als die Plünderer ihre Beute lokalen
Händlern zum Kauf offerierten, boten diese nur einen
sehr geringen Preis dafür. Das Ende der Geschichte
lautet, daß die gesamte Hirse mitsamt den Lastwagen
von CARE wiedergefunden wurde. Man hatte sie
einfach stehenlassen, weil sich die Plünderung nicht
lohnte. Wir müssen die Lebensmittelpreise senken,
damit sich Plündern nicht lohnt.
Wir müssen den Teufelskreis in Somalia durchbrechen, wo Nahrungsmittel den gleichen Wert haben wie
Geld. Die Lieferung zusätzlicher Nahrungsmittel in
das Land wird sie nicht nur erschwinglicher machen,
sondern auch die Sicherheit erhöhen.
Ich möchte mit einem speziellen Fall abschließen.
Vergangenen Freitag fuhren wir nach Baidoa. Die
Bedingungen dort sind entsetzlich. In den vergangenen Jahren war ich Zeuge der meisten großen Hungersnöte in der Welt, und ich kann Ihnen versichern,
daß das, was ich in Baidoa vor wenigen Tagen gesehen habe, im Hinblick auf menschliches Leid das
schlimmste ist, was ich jemals erlebt habe. Das IKRK
sammelte die Leichen auf den Straßen ein und beerdigte sie. Dabei handelte es sich nur um solche, die
keine Verwandten hatten, die sie beerdigen konnten.
Das IKRK sammelte 176 Leichen. Einhundertfünfzig
sind derTagesdurchschnit in dieser einen Stadt. Wir
besuchten einen Nahrungsmittelstützpunkt in Baidoa,
auf dem über 4.000 Vertriebene verpflegt wurden. Als
ich in das Gebäude ging, lagen zwei ältere Frauen -tot
- vor meinen Füßen. Als ich wieder hinausging, wurde
der Körper eines zwölfjährigen Jungen, der gerade
gestorben war, auf einer Schubkarre entfernt.
Da war ein fünfjähriges Mädchen. Seine Mutter und
sein Vater waren bereits tot. Nur seine 11jährige
Schwester war noch übriggeblieben, um sich um es zu
kümmern. An jenem Morgen starb auch das kleine
Mädchen und ließ die ältere Schwester allein auf der
Welt zurück.
Es gibt heute viele Helden in Somalia - amerikanische
und europäische freiwillige Helfer, UN-Mitarbeiter,
amerikanische Soldaten, das Internationale Komitee
vom Roten Kreuz - und Somalis, die äußerst hart
arbeiten. Ich kann nur hoffen, daß wir durch ihre
Bemühungen - und die Anstrengungen der Vereinigten
Staaten - diese Geschichten Vergangenheit werden
lassen.

*

*

Seite 3

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              <text>&lt;strong&gt;1. C-Waffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA unterstützen vereinbartes C-Waffenverbot uneingeschränkt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Lehman vor der Abrüstungskonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Deutschland-USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unsere kulturellen Beziehungen - die Bindungen, die uns vereinen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Robert M. Kimmitt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Jugoslawien&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Vereinigte Staaten sagen 40 Millionen Dollar an Flüchtlingshilfe für Jugoslawien zu&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter Zimmerman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Somalia&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hilfsplan der USA für Somalia&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Sonderbeauftragten Natsios&lt;/em&gt;</text>
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