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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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4

33

19. August 1992

BUSH/BAKER

BUSH GIBT BAKERS VERSETZUNG
INS WEISSE HAUS BEKANNT
Erklärung von Präsident Bush

BOSNIEN

MASSNAHMEN DER USA ZU BOSNIEN
Anhörung vor dem
Streitkräfteausschuß des Senats

FLÜCHTLINGE

ABRAM VERURTEILT "ETHNISCHE
SÄUBERUNG" IM EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN
Rede des US-Vertreters
bei den Vereinten Nationen

NAFTA

BUSH: NAFTA WIRD ARBEITSPLATZE
SCHAFFEN UND WACHSTUM FÖRDERN
Erklärung von Präsident Bush zum NAFTA

USA, MEXIKO UND KANADA BEENDEN
NAFTA-VERHANDLUNGEN
Zustimmung des Kongresses
noch erforderlich
WAHLEN '92

DEBATTEN DER
PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN
Kommission legt Zeitplan vor
DIE ROLLE VON MEINUNGSUMFRAGEN
IM WAHLKAMPF
von Clyde Linsley

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�BUSH/BAKER
19. August 1992

BUSH GIBT BAKERS VERSETZUNG
INS WEISSE HAUS BEKANNT
Erklärung von Präsident Bush
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat seinen engsten politischen Vertrauten am 13. August 1992 aus dem
US-Außenministerium ins Weiße Haus versetzt und James Baker mit der Leitung seiner Kampagne zur
Wiederwahl sowie der Erarbeitung eines Programms tür eine zweite Amtszeit beauftragt, die er nach einem Sieg
bei der Präsidentschaftswahl im November anzutreten hofft.
Wie seit Wochen erwartet, erklärte Bush, er habe Baker um seinen Rücktritt als Außenminister mit Wirkung vom
23. August 1992 gebeten, damit er sein höchster Berater und Stabschef des Wei ßen Hauses werden könne. Der
Stellvertretende Außenminister Lawrence Eagleburger wird ab diesem Zeitpunkt geschäftsführender Außenminister.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Präsident Bush im Wortlaut.

Ich habe Minister Baker um seinen Rücktritt als Außenminister gebeten, damit er mit Wirkung vom 23.
August 1992 mein Stabschef und höchster Berater des
Präsidenten werden kann. Er wird mir dabei behilflich
sein, auf den Anfängen aufzubauen, die wir bei der Erarbeitung eines umfassenden innen-, wirtschafts- und
au ßenpolitischen Programms für eine zweite Amtszeit
gemacht haben.
Wir befinden uns an einem Wendepunkt in der Geschichte Amerikas. In der Welt von heute sind diese
drei Bereiche zum Thema geworden. Wir müssen
sicherstellen, daß die Vereinigten Staaten unbestritten
sicher und stark im In- und Ausland sind. Und ich
möchte auch seinen Rat und seine Unterstützung,
während ich das Mandat des amerikanischen Volkes
anstrebe, dieses Programm in die Praxis umzusetzen.
Außenminister Baker hat unserem Land seit über 12
Jahren mit großer Energie, Intelligenz und persönlichem Engagement gedient. Ich möchte nicht allzuviel
Zeit auf die Aufzählung seiner zahlreichen Erfolge
verwenden. Ich überlasse diese Bilanz und andere
Aussagen den Annalen der Geschichte. Aber ich
möchte einige Worte über meinen Freund sagen.
Ich kenne Jim Baker seit 35 Jahren. Er ist ein engagierter Treuhänder des öffentlichen Interesses der Vereinigten Staaten. Ich weiß, daß die Amerikaner stolz

AMERIKA DIENST 33

sind, ihn im Fernsehen die Vereinigten Staaten vertreten zu sehen. Ich bin mir auch bewußt, daß sie seine
zahlreichen Fähigkeiten zu schätzen wissen. Und ich
weiß, daß sie seinem Urteil vertrauen. Er ist die Sorte
Mann, den man sich in seinem Team wünscht.
Als Au ßenminister hat Jim Baker die einzigartige Rolle
und Fähigkeiten der amerikanischen Macht aufgewertet. Er hat ferner die außergewöhnliche Anziehungskraft und den Appell amerikanischer Ideale verstanden
und nach ihnen gehandelt. Darüber hinaus war er
mutig, schnell, hartnäckig und hat Wichtiges geleistet.
Er ist neuen Möglichkeiten und Konstellationen in einer
Ära revolutionärer Veränderungen gegenüber aufgeschlossen. Er hat gehandelt, als andere noch um das
Verständnis rangen, und er hat Dinge vollbracht.
Er war entscheidend an unseren Bestrebungen beteiligt, eine beispiellose Koalition der Vereinten Nationen
gegen den Irak zustande zu bringen. Er hat große
Fortschritte bei der Umwandlung des Siegs auf dem
Schlachtfeld zu einem umfassenderen Frieden zwischen Israelis und Arabern erzielt. Und während
seiner Amtszeit haben wir unsere Beziehungen zur
Sowjetunion radikal umgestaltet und den Kalten Krieg
friedlich beendet. Er hat sowohl bei nuklearen als auch
konventionellen Waffen einschneidende Kürzungen
ausgehandelt. Und damit hat er zur Schaffung einer
bedeutend stabileren Sicherheitsstruktur beigetragen,

Seite 1

�auf der eine neue euro-atlantische Gemeinschaft und
der Schutz gegen die Geisel der Verbreitung aufbauen.
Durch sein Engagement für die Überwindung der
Teilung Europas hat er dazu beigetragen, den Weg zur
Vereinigung Deutschlands zu ebnen. Und er war
maßgeblich an der Niederschlagung der Kriege in
Mittelamerika beteiligt, indem er eine auf Demokratie
und die Macht der Wahlurne gegründete Politik aufbaute . Von Tokio bis Toronto ist Jim Baker für Leistung
bekannt. Er weiß um Veränderungen - wie kluge
Schritte von törichten zu unterscheiden sind. Er kennt
die amerikanische Regierung, da er an der Entwicklung und Verwirklichung innen-, wirtschafts- und außenpolitischer Maßnahmen beteiligt war.
Vielleicht am wichtigsten ist - er weiß, daß unser Volk
die Quelle der Stärke unseres Landes ist. Ich unternehme diesen Schritt in vollem Vertrauen, daß das
Außenministerium weiterhin von einer fähigen Führung geleitet wird. Larry Eagleburger, seit 30 Jahren
Veteran der amerikanischen Außenpolitik, ein Mann
der mir persönlich außerordentlich nahesteht, wird
geschäftsführender Außenminister. Er wird dieses
Amt mit Auszeichnung ausüben.
Ich möchte auch einige Worte über Sam Skinner
sagen. Ich möchte ihm für sein Engagement im
Weißen Haus während dieses turbulenten Jahres
danken. Er hat von Anfang an erkannt, welchen
Beitrag Jim Baker aufgrund meiner langen persönlichen Beziehung zu ihm hier leisten kann. Skinner und
ich haben diese Angelegenheit in der Tat seit einiger
Zeit erörtert, und er hat mich zu diesem Schritt ermutigt. Sam und ich haben beschlossen, daß er dieses

Seite 2

Revierement am besten durch die Übernahme der
Position des geschäftsführenden Vorstands des Nationalen Komitees der Republikaner abrunden kann,
und ich werde dem Komitee die Bestätigung der Ernennung empfehlen. Einige erinnern sich vielleicht an
die Rolle von Paul Laxalt - in engem Kontakt mit dem
Weißen Haus, äußerst hilfreich für das Komitee - es
gibt also einen Präzedenzfall.
Auch Sam Skinner ist seit über einem Jahrzehnt in
Politik und Regierung an meiner Seite. Er hat der
Öffentlichkeit mit Auszeichnung in Illinois gedient und
ist als außerordentlich effektives Mitglied meines
Kabinetts respektiert. Erinnern Sie sich daran, daß er
für die Verabschiedung des historischen Verkehrsgesetzes über die Modernisierung unseres Autobanhnetzes verantwortlich war - und ich schreibe ihm einen
Großteil des Verdienstes daran zu.
Persönlich weiß ich seine Bereitschaft zur Übernahme
dieser neuen Aufgabe zu schätzen, da wir nun in den
allgemeinen Wahlkampf eintreten. Ich bin überzeugt,
daß diese Ernennung die Struktur des Nationalen
Komitees der Republikaner stärken wird, und Sam
wird sehr eng mit Rieh Bond zusammenarbeiten können, der Vorsitzender bleibt.
Ich bin mir bewußt, daß zahlreiche Amerikaner heutzutage beunruhigt sind. Viele haben echte Sorgen,
andere Zweifel. Aber in den vergangenen vier Jahren
haben die Amerikaner Ergebnisse hervorgebracht, die
früher unvorstellbar waren. Und heute konzentrieren
wir unsere Aufmerksamkeit auf die Maßnahmen im Inund Ausland, die die Vereinigten Staaten an allen
Fronten unerreicht machen - wirtschaftlich stabil für
unsere Kinder und ein sicherer und besserer Ort zum
Leben.

AMERIKA DIENST 33

�BOSNIEN
19. August 1992

MASSNAHMEN DER USA ZU BOSNIEN
Anhörung vor dem Streitkräfteausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) - Dem Abteilungsleiter im US-Außenministerium für europäische und kanadische
Angelegenheiten, Thomas Niles, zufolge unternehmen die Vereinigten Staaten konkrete Schritte zu einer
friedlichen Lösung des Konflikts in Bosnien und dem ehemaligen Jugoslawien.
In einer Anhörung vor dem Streitkräfteausschuß des Senats verwies Niles am 11. August 1992 jedoch darauf,
daß die Administration zögere, die humanitären Hilfslieferungen nach Bosnien gegebenenfalls militärisch
abzusichern. "Die Administration wird alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihre Ziele ohne den Einsatz von
Gewalt durchzusetzen", stellte Niles fest und unterstrich die uneingeschränkte Unterstützung der Vereinigten
Staaten für eine UN-Resolution, die "alle erforderlichen Mittel" gestatten würde, um sicherzustellen, daß die
Hilfsgüter in der Krisenregion ankommen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Abteilungsleiter Niles im Wortlaut.
Seit nunmehr über einem Jahr dominiert die Krise in
Jugoslawien die außenpolitischen Nachrichten. Die
Bilder und Berichte über dieses unglückliche Land
erinnern uns an vergangene Tragödien in Europa und
werfen ernsthafte Fragen über den Charakter Europas
nach dem Kalten Krieg auf.
Seit Beginn der Krise im Juni 1991 haben die Vereinigten Staaten eine Führungsrolle bei der Erarbeitung
einer friedlichen Lösung übernommen, während sie
gleichzeitig die serbische Aggression abschreckten
und die dringend benötigte humanitäre Hilfe zur Verfügung stellten. Heute möchte ich kurz unsere Position
darlegen und die Maßnahmen erläutern, die wir insbesondere im Hinblick auf den menschlichen Alptraum in
Bosnien-Herzegowina ergreifen wollen.
In seiner Rede vom 6. August 1992 hat Präsident Bush
ein sechs Punkte umfassendes Programm vorgeschlagen, an dem wir uns orientieren:
1.

Wir wollen mit einer neuen Resolution des UNSicherheitsrats unter Einsatz aller erforderlichen Mittel die Lieferung humanitärer Hilfsgüter
und die Öffnung aller Internierunglager für internationale Inspektionen sowie die Garantie angemessener Behandlung, medizinischer Versorgung und Ernährung der Gefangenen sicherstellen.

2.

Wir nehmen unverzüglich uneingeschränkte
diplomatische Beziehungen mit Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Slowenien auf, um ihre
Regierungen besser zu unterstützen.

AMERIKA DIENST 33

3.

Wir werden in Zusammenarbeit mit der internationalen Staatengemeinschaft Beobachter in die
Nachbarstaaten entsenden, um die strikte Einhaltung der UNO-Sanktionen gegen Serbien
und Montenegro zu überwachen.

4.

Wir unternehmen präventive diplomatische
Schritte, um zu verhindern, daß sich der Konflikt
nach Kosovo, Vojvodina, in der Region Sandzak
oder Mazedonien ausbreitet.

5.

Wir schlagen die Entsendung von Beobachtern
durch die internationale Staatengemeinschaft in
die Nachbarstaaten vor, um das Risiko einer
Ausbreitung des Konflikts zu begrenzen und

6.

konsultieren unsere Verbündeten zu allen Aspekten der Krise und wie die NATO der UNO zur
Seite stehen kann.

Unsere im vergangenen Jahr gemachten Erfahrungen
haben gezeigt, daß all dies nicht leicht sein wird. Die
Entschlossenheit von Präsident Milosevic, trotz der
Verluste an Leben und Eigentum sowie der Zerstörung
der serbischen Wirtschaft ein "Großserbien" zu schaffen, stellt die internationale Staatengemeinschaft vor
eine enorme Herausforderung. Wir müssen unerbittlich an unserer Weigerung festhalten, die serbische
Aggression hinzunehmen und zusammen mit unseren
Verbündeten für Rechtsstaatlichkeit und die Achtung
der Menschenrechte eintreten.
Die Lieferung humanitärer Hilfe an das Volk von Bosnien-Herzegowina wird sich als große HerausfordeSeite 1

�rung erweisen. Die Hilfslieferungen werden nach wie
vor durch die Kampfhandlungen unterbrochen. Am 4.
August stellte die UN-Schutztruppe UNPROFOR die
Luftbrücke aufgrund derschweren Kämpfe ein. Glücklicherweise wurde sie am 8. August wiederaufgenommen, aber niemand kann vorhersagen, wann neue
Kampfhandlungen sie zu einer erneuten Unterbrechung zwingen werden. Am 5. August mu ßte UNPROFOR aufgrund des Sicherheitsrisikos einen Landkonvoi vor Sarajevo aufhalten - hierbei handelte es sich um
den zweiten größeren Konvoi, der in jüngster Zeit
versucht wurde. Wir konnten wiederholt gezielte
Versuche beobachten, internationale Hilfslieferungen
nach Gorazde und andere belagerte bosnische Städte
zu bringen. Bei unserer zwingend erforderlichen
Zukunftsplanung müssen wir an den bevorstehenden
Winter denken - eine weitere ernsthafte Komplikation
angesichts eines Stroms von 2 Millionen Flüchtlingen
im ehemaligen Jugoslawien. Viele der Wege über
Land, die wir jetzt gerne benutzen würden - aber
wegen der Kämpfe nicht können - werden zusätzlich
von Schneemassen blockiert sein. Zahlreiche Flüchtlinge können heute - nicht jedoch nach Einbruch des
Winters im November - im Freien überleben. Die
Situation erhält dadurch eine gewisse Dringlichkeit.
Wegen der jetzt andauernden Kämpfe, aufgrund der
sich voraussichtlich verschlechternden Bedingungen
für Hilfslieferungen und in Anbetracht der Tatsache,
daß wir uns enormen Witterungsproblemen gegenübersehen, müssen wir auf das Schlimmste vorbereitet sein. Natürlich hoffen wir, daß Bedingungen geschaffen werden können, unter denen wir humanitäre
Hilfsgüter ohne den Einsatz von Gewalt liefern können.
Unsere bis heute gemachten Erfahrungen legen jedoch den Schluß nahe, daß mehr erforderlich sein
könnte, um die Entschlossenheit der internationalen
Staatengemeinschaft unter Beweis zu stellen, den
Menschen in Bosnien in dieser schwierigen Zeit zu
helfen. Aus diesem Grund arbeiten wir - wie Präsident
Bush am 6. August angekündigt hat - mit unseren
Verbündeten und den Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats an der Sicherstellung einer neuen Resolution, die
den Einsatz aller erforderlichen Mittel zur Lieferung
humanitärer Hilfe genehmigt. Wir hoffen, daß wir
rasch einen Konsens erzielen, der uns weitere Planungen und Lieferungen gestattet.
Einen Bestandteil dieser Resolution soll die Forderung
bilden, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz
(IKRK) und anderen neutralen humanitären Hilfsorganisationen Zugang zu allen Internierungslagern im
ehemaligen Jugoslawien zu gewähren. Aus Prinzip ist
es absolut unabdingbar, die Wahrheit aufzudecken.
Und dies gilt gleichermaßen für alle Seiten. Wiederum
scheinen die Serben die Haupt- aber wahrscheinlich
nicht die einzigen Verletzer zu sein. Dies ist Teil eines
kontinuierlichen Musters serbischer Menschenrechtsverletzungen anderer Gruppen, sei es in Kosovo,
Kroatien oder Bosnien.

Seite 2

Am 4. August haben wir eine Erklärung des Präsidenten des Sicherheitsrats vorgeschlagen und erhalten, in
der unsere Forderung nach Zugang zu allen Gefangenenlagern Niederschlag gefunden hat und die Betroffen daran erinnert, daß sie sehr wohl individuell für
einen Bruch der Genfer Konvention zur Verantwortung
gezogen werden können. Die Verabschiedung der
vorgeschlagenen Resolution würde diese Forderung
untermauern.
Bei der Bewältigung dieser dringenden Probleme müssen
wir alle verfügbaren Mittel ausschöpfen. Aus diesem
Grund haben wir am Mittwoch eine außerordentliche
Dringlichkeitssitzung der UNO-Menschenrechtskommission in Genf gefordert, um unsere nachrichtendienstlichen Erkenntnisse auszuwerten, die groben
Menschenrechtsverletzungen zu erörtern und unsere
Forderung nach Zugang zu den Lagern zu bekräftigen.
Wir erwarten von diesem für den 14. August 1992
anberaumten Treffen konkrete Schritte. Darüber hinaus haben wir an die KSZE appelliert, die geeigneten
Maßnahmen des KSZE-Mechanismus zur menschlichen Dimension in die Wege zu leiten und den KSZEAusschuß Hoher Beamten zu einer Dringlichkeitssitzung über die bosnische Krise aufgefordert, die hoffentlich in dieser Woche stattfinden wird. Diese Aktivitäten würden die Prozeß beschleunigen, die Lage zu
prüfen.
Die Verabschiedung dieser Vorschläge - insbesondere die von Präsident Bush am 6. August angekündigte
Resolution des UN-Sicherheitsrats - würden eine
beachtliche Verschärfung des Drucks auf das Regime
von Milosevic darstellen. Wir hoffen, daß die Botschaft
der internationalen Staatengemeinschaft bis zu dem
serbischen Volk vordringt. Wie Präsident Bush eindeutig klargestellt hat, wollen wir - und ich bin sicher,
auch Sie - nicht gezwungen sein, zusammen mit
unseren Verbündeten die Lieferung humanitärer Hilfsgüter an das leidende Volk in Bosnien-Herzegowina
militärisch abzusichern. Ich möchte Ihnen gegenüber
unterstreichen: Die Administration wird alles in ihrer
Macht Stehende tun, um ihre Ziele ohne den Einsatz
von Gewalt durchzusetzen. Unter den Umständen
und für das von Präsident Bush erklärte Ziel werden wir
jedoch gegebenenfalls dazu bereit sein. Ich möchte
nun im einzelnen darlegen, was wir in den die Krise
betreffenden jeweiligen Bereichen unternehmen.
Humanitäre Hilfe
Über 2,2 Millionen Bosnier wurden zwangsumgesiedelt. Eine halbe Million Bosnier wurde aus dem Land
vertrieben. Die Umsiedler sind größtenteils Nichtserben: sie machen über ein Viertel der Gesamtbevölkerung Bosniens aus und mehr als 40 Prozent der
nichtserbischen Bevölkerung Bosniens.
Am 29. Juli 1992 hat die Hohe Flüchtlingskommissarin
der Vereinten Nationen, Sadako Ogata, eine internationale Konferenz zum ehemaligen Jugoslawien in

AMERIKA DIENST 33

�Genf einberufen. Bei der Konferenz wurden Umfang
und Bedarf der Nothilfemaßnahmen erörtert und Meinungen über die Schaffung eines Rahmens für die
Behandlung der Umgesiedelten ausgetauscht. Die
Vereinigten Staaten haben sich in Zusammenarbeit
mit internationalen Organisationen stets stark für
humanitäre und Flüchtlingshilfe engagiert. Wir begrenzen die Hilfe nicht auf einzelne Länder oder Regionen des ehemaligen Jugoslawiens, sondern stellen sie
so zur Verfügung, wie sie von dem Empfängerorganisationen benötigt wird.
Die Krise wird auf absehbare Zeit andauern. Im
Augenblick versuchen wir zusätzliche Nahrungsmittel,
Medikamente und andere Hilfsgüter zu beschaffen,
die mittel- und langfristig in die Region geliefert werden können. Wir arbeiten nach wie vor mit der G-24
und anderen multilateralen Organisationen zusammen, um sicherzustellen, daß unsere Bestrebungen
zielgerichtet sind und die Bedürftigsten erreichen. Die
Länder der G-24 sind am 27. Juli in Brüssel zur
Erörterung der Krise und des weiteren Bedarfs an Hilfe
für die Flüchtlinge zusammengekommen. Bis heute
beläuft sich der Gesamtbeitrag der G-24 auf 472
Millionen Dollar, einschließlich 254 Millionen Dollar für
seit dem 1. Juli eingegangene neue Verpflichtungen.
Die Vereinigten Staaten haben insgesamt 53 Millionen
Dollar bereitgestellt.
Die Luftbrücke von Sarajevo liefert - wenn sie funktioniert - durchschnittlich 200 Tonnen pro Tag, dies hilft
jedoch nicht den Bosniern, die sich außerhalb von
Sarajevo befinden. Die Luftbrücke muß allmählich
durch Landkonvois ersetzt werden, um mehr Bedürftige zu erreichen. Die Kampfhandlungen und die
Instabilität haben bisher jedoch ungesicherte Überlandtransporte wirksam verhindert, und einige belagerte Städte wie Gorazde und Tuzla sind seit Monaten
von der Außenwelt abgeschlossen. Zusätzliche Anstrengungen sind dringend erforderlich.
Sanktionen
Die internationale Staatengemeisnchaft arbeitet an
der verschärften Durchsetzung der UN-Sanktionen,
die beträchtliche Auswirkungen auf die Volkswirtschaften von Serbien und Montenegro haben. Wir führen
einen beachtlichen Teil des jüngsten Produktionsrückgangs in Serbien und Montenegro auf die Sanktionen
zurück. Im Hinblick auf die Überwachung drängen wir
zusätzlich zu der Beobachtermission von NATO und
WEU in der Adria auf eine ähnliche multilaterale Initiative auf der Donau. Wir haben von Rumänien großzügige Unterstützung erhalten und arbeiten eng mit
Rumänien zusammmen, um die vollständige Durchsetzung derSanktionen sicherzustellen, einschließlich
der Entsendung internationaler Beobachter in dieses
Land.

AMERIKA DIENST 33

KSZE-Initiativen
Im Anschluß an den Besuch einer KSZE-Berichterstattermission in Kosovo im Juni hat die KSZE am 2.
August eine ähnliche Mission in die serbischen Regionen Sandjak und Vojvodina sowie eine zweite Delegation nach Kosovo entsandt. In seiner Erklärung vom 6.
August hat Präsident Bush Maßnahmen der KSZE
gefordert, diese Missionen zu einer ständigen Präsenz
zu machen, und wir verfolgen diesen Aspekt. Die
Vereinigten Staaten haben eine Führungsrolle dabei
übernommen, die KSZE zur Prüfung von Menschenrechtsverletzungen in Serbien zu drängen und die
Besorgnis der internationalen Staatengemeinschaft
eindeutig klarzustellen. Wie ich bereits ausgeführt
habe, dringen wir auf eine neue KSZE-Initiative, Missionen nach Bosnien und Kroatien zur Prüfung von
Menschenrechtsverletzungen in diesen Ländern zu
entsenden.
Darüber hinaus erwägen wir andere Mittel zur Nutzung
der KSZE-Mechanismen, um eine Ausbreitung des
Konflikts in andere Gebiete zu verhindern, und wir
werden unsere Gedanken in den kommenden Tagen
und Wochen darlegen.
Diplomatische Initiativen
Wir haben klargestellt, daß Serbien und Montenegro in
den Staatenbund nicht aufgenommen werden können
und dies auch nicht werden, unabhängig davon, wie
sie sich selbst bezeichnen, solange sie nicht ihre
Aggression und ihr barbarisches Verhalten revidieren.
Wir haben bei diesen Bestrebungen die Führungsrolle
in der internationalen Staatengemeinschaft übernommen und breite Unterstützung für unsere Position
erhalten, daß wir 1. Serbien und Montenegro nicht als
die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens
akzeptieren werden, 2. die Aufrechterhaltung der
Mitgliedschaft des ehemaligen Jugoslawiens in internationalen Organisationen nicht unterstützen und 3.
darauf bestehen, daß sie einen Antrag auf neue Mitgliedschaft bei diesen Organisationen stellen und gleichzeitig alle für den Beitritt relevanten Kriterien erfüllen.
Wir ermutigen weiterhin alle Parteien zur Nutzung der
bestehenden Verhandlungsforen - insbesondere der
EG-Friedensgespräche - um die zahlreichen ausstehenden Fragen zu lösen, die vor der Wiederherstellung von Frieden und Stabilität angesprochen werden
müssen. Wir unterstützen die von Großbritannien, das
derzeit die EG-Präsidentschaft innehat, vom 26. - 28.
August in London anberaumte Konferenz und beabsichtigen, auf hochrangiger Ebene daran teilzunehmen.
Dipomatische Beziehungen
Wir haben im April die Unabhängigkeit von Slowenien,
Kroatien und Bosnien-Herzegowina anerkannt. Präsident Bush hat am 6. August angekündigt, daß wir
uneingeschränkte diplomatische Beziehungen mit alSeite 3

�len drei Ländern aufnehmen und in allen Hauptstädten
so bald wie möglich Botschaften eröffnen werden.
Im Hinblick auf Mazedonien haben wir wiederholt
festgestellt, daß die Prinzipien von Demokratie und
Freiheit sowie die notwendige Stabilität in der Region
eine rasche Lösung der anhängigen Probleme zwischen Griechenland - einem Freund und Verbündeten
- und Mazedonien erfordern. Wir nehmen die Besorgnis Griechenlands in dieser Frage ernst. Wir sind uns
darüber hinaus bewußt, daß Mazedonien infolge der
Sanktionen und Flüchtlingsströme ernsthafte wirtschaftliche Härten erleiden mußte. Die Frage der Anerkennung wird uns nicht von der Bereitstellung humanitärer
und anderer Hilfsleistungen für Mazedonien abhalten.
Unsere zukünftigen Beziehungen zu Serbien und
Montenegro werden vom Vorgehen der Machthaber in
Belgrad abhängen. Wir liegen nicht im Streit mit dem
serbischen Volk. Wir arbeiten an konkreten Maßnahmen, um die Kämpfe zu beenden und diese Tragödie
zu einer friedlichen Lösung zu bringen.

dieses Themas für das Nachbarland Albanien ist das
Potential für ernsthafte Probleme eindeutig gegeben.
Die Lage in der vorwiegend von Ungarn bewohnten
Provinz Vojvodina in Nordserbien - früher auch autonom - ist ebenfalls gespannt, und unsere ungarischen
Freunde sind zunehmend über eine mögliche Ausbreitung des Konflikts beunruhigt. Zusätzlich zu den
Besuchen der KSZE-Beobachtermission drängen wir
auf die Entsendung von KSZE-Beobachtern, die an
den Grenzen der Nachbarstaaten Serbiens stationiert
werden sollen.
Schlußbemerkung
Wir haben eine Reihe konkreter und gezielter Schritte
unternommen, um unseren Einfluß und Druck zu verstärken und im Einklang mit der internationalen Staatengemeinschaft eindeutig klarzustellen, daß wir die
Vorfälle aufs Schärfste verurteilen und Belgrad unseres Erachtens der Hauptverantwortliche ist. Wir werden mit den uns verfügbaren Mitteln alles in unserer
Macht Stehende tun, um die Situation zu ändern,
insbesondere durch einen Machtwechsel in Belgrad.

Ausbreitung des Konflikts
Bisher betrifft die Krise nur die Gebiete im ehemaligen
Jugoslawien, aber es gibt keine Garantie, daß sie sich
nicht weiter ausbreiten wird. Wir sind insbesondere
besorgt, daß die ehemals autonome serbische Provinz
Kosovo, deren Bevölkerung zu 90 Prozent aus Albanern besteht, der nächste Brennpunkt von Gewalt und
Unruhen sein könnte. In Kosovo begann die Krise vor
drei Jahren mit der Widerrufung der Autonomie Kosovos durch Serbien und dem Beginn massiver Menschenrechtsverletzungen. Angesichts der Sensibilität

Denn letztlich wird diese Krise nur beendet werden,
wenn das serbische Volk in der Erkenntnis handelt,
daß seine politisch Verantwortlichen es in die Katastrophe geführt haben. Bis dahin werden wir eine zunehmend aktive Rolle dabei spielen, der leidenden Bevölkerung von Bosnien und den Hunderttausenden durch
den Konflikt vertriebenen Menschen zu helfen. Wir
werden uns darüber hinaus weiterhin aktiv an Bestrebungen beteiligen, um eine weitere DeStabilisierung
der Region und Europas insgesamt durch den Konflikt
zu verhindern. Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 33

�FLUCHLINGE
19. August 1992

ABRAM VERURTEILT "ETHNISCHE SÄUBERUNG"
IM EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN
Rede des US-Vertreters bei den Vereinten Nationen
GENF - (AD) - Die Politik der "ethnischen Säuberung" - die erzwungene Trennung von Gruppen von Menschen
- die derzeit im ehemaligen Jugoslawien praktiziert wird, sollte von der internationalen Staatengemeinschaft mit
derselben Entschlossenheit und Energie verurteilt werden wie Apartheid, erklärte der amerikanische Vertreter
bei den Vereinten Nationen in Genf, Botschafter Morris Abram.
"Ethnische Säuberung ist nicht weniger verabscheuungswürdig als Apartheid, nur ein effektiverer und tödlicher
Mechanismus, um Gruppen von Menschen voneinander zu trennen", stellte Abram am 11. August 1992 in einer
Rede vor der Jahrestagung des UN-Unterausschusses für die Verhinderung von Diskriminierung und den Schutz
von Minderheiten fest.
Der Unterausschuß, eine nachgeordnete Behörde der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, ist
ein aus 26 Experten bestehendes unabhängiges Gremium, das Diskriminierungen im Zusammenhang mit
Menschrechten und Grundfreiheiten prüft.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Abram im Wortlaut.

Ich spreche vor diesem Gremium nahezu dreißig
Jahre nachdem ich ihm gedient habe. Es gibt kein
anderes Organ im Rahmen des UN-Systems wie
diesen Unterausschu ß - der aus unabhängigen Experten aus unterschiedlichen Regionen zusammengesetzt ist, die von Regierungen ernannt werden, jedoch
von diesen unabhängig sind. Dieses Gremium bildet
ein Gegengewicht zu anderen aus Regierungsdelegationen bestehenden, regional getrennten UN-Organen, die sich allzuhäufig in parteipolitischem Gerangel
verzetteln.
Als ich Mitlgied dieses Unterausschusses war, haben
meine Kollegen stets ihre Meinung geäußert - selbst
wenn dies Kritik an ihrem eigenen Land bedeutete. Als
wir das Thema dieses Tagesordnungspunktes prüften
- Rassendiskriminierung - wurde mein Land für seine
Praktiken angeprangert und ich - häufig als "der peinlich berührte Amerikaner" bezeichnet - teilte diese
Kritik. Die Mitglieder des Unterausschusses sind die
einzigen von Regierungen ausgewählten Personen,
die nicht an die Hauptstadt ihrer Regierung gebunden
sind. Dies ist ein Gremium, das gemäß seinem Auftrag
mit Objektivität und Unvoreingenommenheit als wirklich unabhängiges Expertenteam sprechen und handeln soll.

AMERIKA DIENST 33

Der heutige Tagesordnungspunkt Rassismus, Rassendiskriminierung und Fremdenfeindlichkeit ist zweifelsohne einer der wichtigsten, der wähernd dieser drei
Wochen erörtert wird. Rassendiskriminierung beinhaltet mehr als die Politik der Rassentrennung oder
sonstiger ungerechter Behandlung von Schwarzen
und Wei ßen. In der Tat ist "ethnische Säuberung" nicht
weniger verabscheuungswürdig als Apartheid, nur ein
effektiverer und tödlicher Mechanismus, um Gruppen
von Menschen voneinander zu trennen. Besteht wirklich ein Unterschied dazwischen, ethnischen Gruppen
nach Regionen zu trennen und Schwarze in Townships zu verbannen?
Dieser Unterausschuß und die Kommission haben
Tage, wenn nicht Wochen mit Gesprächen über Apartheid verbracht. Und sie haben wirksam dazu beigetragen, diesem verabscheuungswürdigen System hoffentlich den Garaus zu machen. Dennoch haben wir
nichts unternommen, um andere Formen der Rassendiskriminierung anzusprechen - ethnische Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit - die in der Welt von heute
wüten. Der Unterausschuß und die Kommission sollten gegen ethnische Diskriminierung mit derselben
Entschlossenheit und Energie vorgehen wie sie dies
gegen Apartheid getan haben.

Seite 1

�•

Die Greueltaten im ehemaligen Jugoslawien sind
Vorkommnisse, von denen ich annahm, daß wir sie nie
wieder erleben würden: Die Verbannung von ganzen
Gruppen von Menschen aus keinem anderen Grund
als ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Internierungslager,
die Hinrichtung von Kindern. Wir alle haben die
Fernsehberichte von ausgemergelten und geschlagenen Männern gesehen, die durch Stacheldraht blicken.
Und das ehemalige Jugoslawien ist nicht die einzige
Region, in der Angriffe auf ethnische Gruppen stattfinden. Wir haben soeben von Sonderberichterstatter
Max Van der Stoel einen Zwischenbericht über den
Irak erhalten. Der Bericht beschreibt die Zwangsumsiedlungen und Bestrebungen der irakischen Regierung, die schiitische Bevölkerung im Süden "auszurotten". Muslime werden aus Burma vertrieben, Nepaleser aus Bhutan.
Ich habe einen Großteil dieses Jahrhunderts erlebt,
aber dies war das Schlimmste im Hinblick auf Grausamkeit und Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen. Die gerade von mir aufgelisteten schrecklichen
Ereignisse haben Präzedenzfälle über die Jahre hinweg.
Dieses Jahrhundert kann jedoch auch auf einige gro ße
Errungenschaften zurückblicken. Im Jahr 1945 erklärte die Charta der Vereinten Nationen als ihr Ziel, "die
Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten für alle ohne Unterschiede der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion zu fördern
und zu festigen". Eine Reihe von Vereinbarungen und
Übereinkünften haben dieses Mandat durchgesetzt.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat
universelle Normen geschaffen, deren Einhaltung jedes
Land anstrebt - eine Leistung, die nicht unterschätzt
werden sollte. Die Internationale Vereinbarung über
Bürgerliche und Politische Rechte - die mein Land in
diesem Jahr ratifiziert hat, was ich nicht ohne Stolz
feststellen möchte - hat den nächsten Schritt unternommen, mit dem die Vertragsparteien zur Berichterstattung über die Einhaltung der in der Vereinbarung
festgeschriebenen Rechte aufgefordert werden. Die
Konvention über Folterung fordert von allen Parteien
die strafrechtliche Verfolgung aller ihrer Gerichtsbarkeit unterstehenden Fälle von Folterung. Und die Signatarstaaten der Konvention über Völkermord haben
sich verpflichtet, "in der Absicht verübte Akte, ganze
oder Teile nationaler, ethnischer, rassischer oder religiöser Gruppen zu zerstören", zu verhindern oder zu
bestrafen.
Auch außerhalb des UN-Kontexts waren bedeutende
Entwicklungen zu verzeichnen. Die KSZE hat die
Einhaltung der Menschenrechte mit der Schlußakte
von Helsinki auf die politische Bühne gerückt. Die
Genfer Konventionen wurden überarbeitet und erweitert, um den Schutz der Opfer von Konflikten einzubeziehen.

Seite 2

Aber welchen Nutzen haben diese hehren Worte,
dieses völkerrechtliche Gremium der Normen, wenn
sie nicht in die Praxis umgesetzt werden? Unsere
jeweiligen Länder werden Statuten nicht nur zu dem
Zweck verabschieden, damit sie die Regale unserer
juristischen Bibliotheken füllen.
Unsere Länder haben universelle Normen der Menschrechte geschaffen. Wir haben ihre Verletzung
beklagt. Wir haben unsere Pflicht ratifiziert, Verletzer
ausfindig zu machen, strafrechtlich zu verfolgen und
zu bestrafen. Warum zögern wir jetzt, wirksame
Maßnahmen gegen diejenigen zu ergreifen, die das
verletzen, was bereits Völkerrecht ist?
Ich war Mitglied des Kriegsverbrechertribunals in
Nürnberg. Wir wurden scharf kritisiert, weil wir Verbrechen ex post facto geahndet haben mit Gesetzen, die
zu der Zeit nicht exisitierten, als diese abscheulichen
Verbrechen begangen wurden. Hier können wir rechtlich nicht auf solche Weise herausgefordert werden.
Die Normen und Gesetze bestehen, das einzig erforderliche ist Handeln - insbesondere Maßnahmen gegen
diejenigen, die Akte des Völkermords und der Folterung begehen.
Diejenigen, die grundlegende Menschenrechte verletzt haben, sei es in Jugoalawien, Irak oder andernorts, sollten benannt und für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden. Viele der Verbrechen fallen
unter die Zuständigkeit inländischer Gerichte oder
Kriegsgerichte. Ein Prozeß vor einem internationalen
Gerichtshof ist eine weitere Möglichkeit. Gleichzeitig
müssen wir Wege sondieren, um den Vereinbarungen
und Konventionen die Bedeutung zu verleihen, die wir
mit effektiven Durchsetzungsmethoden unterzeichnet
haben. Zumindest sollten wir nicht unsere Verpflichtungen ignorieren.
Aus meinen Erfahrungen als Bürgerrechtler im Süden
habe ich gelernt, wenn man Haß, Rassismus und
Fremdenfeindlichkeit ignoriert, werden sie sich nicht
verflüchtigen. Sie werden Teil eines Lebens, von dem
die Menschen das Gefühl haben, es akzeptieren lernen zu müssen. Sie könnten sogar Mode werden.
Rassismus ist wie ein verschmutzter Strom, der sich
durch eine Stadt wälzt. Der Strom nimmt Abfälle auf
und die Strömung wird stärker. Die Dämme nationaler
und öffentlicher Kritik können den Strom aufhalten und
das Abwasser auffangen. Weltweit müssen die Staaten diese zügelnde Rolle ausüben, indem sie sich
gegen Rassismus und ethnischen Haß aussprechen,
wann und wo immer sie auftreten. Wenn der Damm
einen Riß bekommt, müssen wir ihn sofort durch
Verurteilung des Übels stopfen. Denn mit der Zeit wird
dieser Riß sich nur vergrößern, bis Verschmutzung
und Intoleranz das Land überschwemmen.

AMERIKA DIENST 33

�Während wir in das dritte Jahrzehnt der Bekämpfung
von Rassendiskriminierung eintreten, sieht sich die
Welt mit neuen und virulenten Formen des Rassismus
konfrontiert. Wir haben erlebt, daß das Problem nicht
mit der Lösung anderer internationaler Probleme verschwindet. In der Tat scheint es sich mit dem Ende des
Kalten Kriegs verschärft zu haben: seit langem unterdrückter Nationalismus und ethnischer Stolz wurden
freigesetzt und haben sich rasch zu Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung degeneriert.
Das Mandat dieses Unterausschusses für die Verhinderung von Diskriminierung und den Schutz von Minderheiten fordert von jedem seiner Mitglieder die
Anwendung seines Wissens - des Wissens jedes
einzelnen - um die Ursachen neuer Formen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu erforschen und

*

AMERIKA DIENST 33

mit konkreten Vorschlägen zur Bekämpfung der Bedrohung aufzuwarten. Diese vordringliche Aufgabe
sollte erste Priorität dieses Gremiums und der Kommission sein. Meine Regierung hat eine Sondersitzung der Menschenrechtskommissin einberufen, um
einige dieser Probleme zu prüfen - insbesondere die
Berichte über Internierungslager im ehemaligen Jugoslawien.
Die Lage der Welt von heute ist erschreckend. Menschenrechtsexperten aus der ganzen Welt sind hier
versammelt. Lassen Sie uns eine Vorgehensweise
planen, um die Geisel der Diskriminierung zu bekämpfen und hoffen, daß wir in Zukunft keine Dringlichkeitssitzungen mehr einberufen müssen, um Situationen zu
erörtern, die in unserer heutigen Gesellschaft schlicht
und einfach nicht bestehen sollten.

* * *

*

Seite 3

�NAFTA
19. August 1992

BUSH: NAFTA WIRD ARBEITSPLÄTZE SCHAFFEN
UND WACHSTUM FÖRDERN
Erklärung von Präsident Bush zum NAFTA
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush zufolge wird das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (North
American Free Trade Agreement - NAFTA) zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko in allen drei
Ländern Arbeitsplätze schaffen, Wirtschaftswachstum fördern und amerikanische Firmen "auf der ganzen Welt
wettbewerbsfähiger machen".
In einer am 12. August 1992 nach Bekanntgabe der Einigung über das Abkommen abgegebenen Erklärung
stellte Bush ferner fest, das US-Umweltschutzamt EPA und die entsprechende mexikanische Behörde hätten
bereits einen umfassenden Plan zur Reinhaltung von Luft und Wasser sowie der Entsorgung von Giftmüll entlang
dem Rio Grande erarbeitet, der die Vereinigten Staaten und Mexiko trennt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Präsident Bush im Wortlaut.

Der heutige Tag markiert den Beginn eines neuen
Zeitalters auf dem nordamerikanischen Kontinent. Heute
vormittag geben die Vereinigten Staaten, Mexiko und
Kanada den Abschluß der Verhandlungen über ein
Nordamerikanisches Freihandelsabkommen - NAFTA
- bekannt. Ich möchte Botschafterin Carla Hills, unserer Handelsbeauftragten, sowie dem mexikanischen
Handelsminister Serra und seinem kanadischen Amtskollegen Wilson meinen aufrichtigen Dank für diese
herausragende Leistung aussprechen.
Dieses historische Handelsabkommen wird weitere
Märkte in Mexiko, Kanada und den Vereinigten Staaten erschließen. Es wird in allen drei Ländern Arbeitsplätze schaffen und Wirtschaftswachstum fördern.
Der Kalte Krieg ist beendet. Die grundlegende Herausforderung, der sich die Vereinigten Staaten jetzt gegenübersehen, ist, auf einem sich rasch verändernden
und expandierenden Weltmarkt konkurrenzfähig zu
sein. Dieses Abkommen wird Nordamerika gleiche
Chancen einräumen und mehr Verkaufsmöglichkeiten
für amerikanische Firmen von Alaska bis Yucatan
schaffen. Durch den Abbau von Hemmnissen und
Erweiterung des Handels wird NAFTA unsere Unternehmen auf der ganzen Welt wettbewerbsfähiger
machen. Wir konnten dies beim kanadisch-amerikanischen Freihandelsabkommen beobachten und werden dies umso mehr mit NAFTA erleben.

AMERIKA DIENST 33

Offene Märkte in Mexiko und Kanada bedeuten mehr
amerikanische Arbeitsplätze. Unsere Nation ist der
führende Exporteur der Welt - wir liegen weit vor Japan
und Deutschland. Heute arbeiten über 7 Millionen
Amerikaner hart an der Herstellung von Produkten, die
weltweit abgesetzt werden. Die Vergütung für exportbezogenen Arbeitsplätze liegt um 17 Prozent höher als
der amerikanische Durchschnittslohn. Dies ist die Art
von Arbeitsplätzen, die unser Land benötigt, um
Wachstum und Wohlstand hervorzubringen - eine Art
Schaufenster für amerikanisches Talent und Technologie.
Über 600.000 Millionen Amerikaner sind in der Herstellung von Produkten und deren Verkauf nach Mexiko
beschäftigt - unserem am schnellsten expandierenden
Exportmarkt. Wir haben im vergangenen Jahr Waren
im Wert von über 33 Milliarden Dollar an Mexiko
verkauft und werden in diesem Jahr schätzungsweise
44 Milliarden Dollar umsetzen. In den letzten fünf
Jahren haben sich mit dem Abbau zahlreicher traditioneller Handels- und Investitionsrestriktionen in Mexiko durch Präsident Salinas unsere Exporte nahezu
verdreifacht - das bedeutet über eine Viertelmillion
neuer amerikanischer Arbeitsplätze. Dieses Abkommen hilft uns, die Errungenschaften festzuschreiben
und darauf aufzubauen.

Seite 1

�Im vergangen Jahr hat sich der Kongreß für die Förderung des NAFTA durch die Erweiterung des "FastTrack-Mandats" entschieden, mit dem Handelsabkommen dem Kongreß zur Erörterung vorgelegt und in die
Praxis umgesetzt werden. Der erfolgreiche Abschluß
der NAFTA-Verhandlungen belegt, wieviel erreicht
werden kann, wenn die Exekutive und der Kongreß
zum Wohl unserer Nation zusammenarbeiten. Ich
werde bei der raschen Durchsetzung des Abkommens
Hand in Hand mit dem Kongreß arbeiten.
Zu dem Zeitpunkt, als das "Fast-Track-Mandat" erweitert wurde, habe ich die von uns beabsichtigten Schritte zur Berücksichtigung der Anliegen von Umwelschützem und Tarif partnern dargelegt. Wir haben alle
versprochenen Maßnahmen ergriffen und erfüllen alle
von mit eingegangenen Verpflichtungen - oder gehen
sogar noch darüber hinaus.
Zum ersten Mal enthält ein Handelsabkommen strikte
Bestimmungen zum Umweltschutz. Das NAFTA trägt
den hohen Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsnormen unserer Nation Rechnung. In der Tat geht es
sogar noch darüber hinaus und ermutigt alle drei
Länder, die höchstmöglichen Normen anzustreben.
Das US-Umweltschutzamt und die entsprechende
mexikanische Behörde haben bereits einen umfassenden integrierten Grenzplan zur Reinhaltung von
Luft und Wasser sowie der Entsorgung von Giftmüll
entlang dem Rio Grande erarbeitet. Diese Probleme
sind gravierend, werden jedoch durch Zusammenarbeit beim Umweltschutz, verstärkten Handel und höheres
*

Seite 2

Wirtschaftswachstum gelöst - nicht Protektionismus.
Bedauerlicherweise hat der Kongreß die Mittel für
unseren Grenzplan im Bewilligungsausschuß gekürzt
- ich bitte den Kongreß um die vollständige Finanzierung dieser wichtigen Umweltinitiativen.
Mit NAFTA erzielen wir Fortschritte bei unserer Handelsstrategie. Der Handel ist Bestandteil meines langfristigen Plans für Wirtschaftswachstum, um mehr
Chancen für alle Amerikaner zu schaffen. In einer sich
wandelnden Welt müssen wir unseren Arbeitnehmern
die Ausbildung und Fähigkeiten zur Verfügung stellen,
die sie benötigen, um wettbewerbsfähig zu sein und
ihnen Hilfestellung und Umschulungsmaßnahmen
bieten, damit sie gute Arbeitsplätze finden können.
Ich habe es viele Male gesagt: Geben Sie dem
amerikanischen Arbeitnehmer die gleichen Chancen
und er wird jeden jederzeit mit seinem Erfindungsgeist
und seiner Arbeitskraft ausstechen.
Das heutige historische Abkommen verbindet unsere
Zukunft mit unserer Vergangenheit. In diesem Monat
vor 500 Jahren setzte ein Mann mit Mut und Vision die
Segel in der Alten Welt auf der Suche nach neuen
Handelsrouten und -Chancen. Christopher Columbus
war ein Unternehmer - die von ihm vor 5 Jahrhunderten
angetretene Reise macht sich auch heute noch in
vielfältiger Weise bezahlt. Indem wir das Nordamerikansiche Freihandelsabkommen voranbringen, werden wir diese Investition auffüllen und neue Horizonte
und Unternehmen in der Neuen Welt eröffnen.

*

AMERIKA DIENST 33

�NAFTA
19. August 1992

USA, MEXIKO UND KANADA BEENDEN
NAFTA-VERHANDLUNGEN
Zustimmung des Kongresses noch erforderlich
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten,
Mexiko und Kanada haben die Verhandlungen über
ein Freihandelsabkommen abgeschlossen, das den
größten Binnenmarkt der Welt schaffen würde - 360
Millionen Menschen produzieren Waren und Dienstleistungen in Höhe von 6 Billionen Dollar pro Jahr.
Das wenige Minuten nach Mitternacht am 12. August
1992 nach 14monatigen Verhandlungen abgeschlossene Nordamerikanische Freihandelsabkommen (North
American Free Trade Agreement - NAFTA) bedarf
noch der Zustimmung des amerikanischen Kongresses sowie der kanadischen und mexikanischen Legislative.
"Dieses Abkommen wird Nordamerika gleiche Chancen einräumen und mehr Verkaufsmöglichkeiten für
amerikanische Firmen von Alaska bis Yucatan schaffen, lautet die Aussage von Präsident Bush in einer
schriftlichen Erklärung. "Durch den Abbau von Hemmnissen und Erweiterung des Handels wird NAFTA
unsere Unternehmen auf der ganzen Welt wettbewerbsfähiger machen."
NAFTA würde am 1. Januar 1994 in Kraft treten.
Vorbehaltlich der Zustimmung der Mitgliedstaaten
könnten andere Länder dem NAFTA später beitreten
und jedem Land würde nach einer sechsmonatigen
Frist die Kündigung des Abkommens gestattet. Es
wird einen Großteil, wenn auch nicht alle Bestandteile
des amerikanisch-kanadischen Freihandelsabkommens
von 1988 ersetzen.
NAFTA würde binnen 15 Jahren alle Handelszölle
zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada abbauen. Die Zölle für die Hälfte der 9.000 von dem
Abkommen abgedeckten Produkte würden unverzüglich beseitigt, für ungefähr 15 Prozent nach fünf Jahren
und für die übrigen nach sechs bis 15 Jahren.
Gegenwärtig betragen die amerikanischen Zollsätze
durchschnittlich 4 Prozent, die mexikanischen sind
2,5mal so hoch.

AMERIKA DIENST 33

Zu den sensiblen amerikanischen Industriezweigen,
die über den gesamten 15jährigen Zeitraum vom Abbau
der Zölle geschützt sind, zählen Gummischuhe, Keramikfliesen, Haushaltsglasartikel, Erdnüsse, Zucker,
Orangensaft, Brokkoli, Gurken, Spargel, Zwiebeln,
getrockneter Knoblauch, Kantalupen und bestimmte
andere Melonensorten, stellte der Stellvertretende USHandelsbeauftragte Julius Katz fest.
Im Gegenzug hätte Mexiko 15 Jahre Zeit, um die Zölle
auf Mais, getrocknete Bohnen und Michpulver ohne
Fettanteile abzubauen, erklärte Katz.
Unter den Waren, bei denen Mexiko die Zölle unverzüglich aufheben würde, sind Telekommunikationsgeräte, Computer und Computerteile, Luft- und Raumfahrt- sowie medizinische Geräte.
Über 45 Prozent aller amerikanischen Importe aus
Mexiko werden bereits im Rahmen des Allgemeinen
Präferenzsystems und der Initiative Karibisches Bekken zollfrei eingeführt. Katz zufolge würde der sofortige Abbau von Zöllen unter NAFTA dieses Niveau auf
über 50 Prozent anheben.
Die drei Länder würden die Zölle auf Bier mit einer
sofortigen Reduzierung von 20 Prozent binnen acht
Jahren aufheben.
Mexiko würde die Zölle auf amerikanische Autos und
Lastwagen unverzüglich um die Hälfte abbauen und im
Verlauf von 5 Jahren die Zölle auf 75 Prozent der
Autoteile abschaffen.
Gemäß der NAFTA-Bestimmung über das Herkunftslands des Produkts würden nur Autos, die zu 62,5
Prozent aus in Nordamerika hergestellten Teilen bestehen, unter die zollfreie Behandlung fallen, was
beträchtlich über der 50-Prozent-Klausel des amerikanisch-kanadischen Freihandelsabkommens liegt. Die
Bestimmung beginnt bei 50 Prozent, wird nach 4
Jahren auf 57 Prozent und nach 8 Jahren auf 62,5
Prozent angehoben.

Seite 1

�NAFTA würde darüber hinaus die Bestimmung über
das Herkunftsland für Automobile klären. Eine verwirrende Vorschrift hat bei der Durchführung dieses Teils
des amerikanisch-kanadischen Freihandelsabkommens
zu Problemen geführt. Die neue Regel erfordert
Berechnungen anhand einer auf die Gesamtkosten
minus der Kosten für Lizenzen, Verkaufsförderung,
Verpackung und Transport errechneten "Nettokostenmethode" und setzt eine Obergrenze für die abzugsfähigen Zinsen.
Mexiko müßte ferner über 10 Jahre hinweg seinen
"Ausgleich der Handelsbilanz" und die "Bestimmungen
über den Prozentsatz der im Inland hergestellten Teile"
für Autoimporte schrittweise abbauen. Im Rahmen der
derzeitigen Bestimmungen über den Ausgleich der
Handelsbilanz importiert Mexiko nur ein Auto für jedes
1,75te exportierte Auto. Binnen 10 Jahren würde diese
Zahl von 1,75 auf 0,87, dann auf 0,5 und schließlich auf
Null reduziert.
Alle drei Länder würden ihre Restriktionen bei Importen von Textilien und Oberbekleidung in einem Zeitruam von 10 Jahren abbauen. Die Vereinigten Staaten
würden unverzüglich die Importquoten auf in Mexiko
hergestellte Waren aufheben, die die NAFTA-Bestimmungen über das Herkunftsland erfüllen.
Die Bestimmung über das Herkunftsland lautet für die
meisten Textilien und Oberbekleidungsprodukte "yarn
forward" - die Waren müssen aus in einem NAFTALand hergestelltem Garn produziert werden. Die Regel
für aus Baumwolle und künstlichen Fasern hergestellte Waren ist "fiber forward" - sie müssen aus in einem
NAFTA-Land hergestellten Fasern produziert werden.
Mexiko hat darauf bestanden, an seinem verfassungsmäßigen Mandat zur Aufrechterhaltung staatlicher
Monopole in den Sektoren Öl, Erdgas, Raffinierien,
Basispetrochemikalien, Kernkraft und Stromversorgung festzuhalen.
Mexikos staatliche Ölmonopolgesellschaft PEMEX und
die Eletrizitätsmonopolgesllschaft CFE würden ihre
Märkte auf andere Weise öffnen. Sie würden amerikanische und kanadische Investitionen in nichtgrundlegende petrochemische Produkte und in Eletrizitätskraftwerke für den "Eigenbedarf", gemeinsame Erzeugung sowie unabhängige Elektrizitätserzeugung gestatten.
Darüber hinaus würden sie schrittweise die Restriktionen bei staatlichen Beschaffungsverträgen abbauen 50 Prozent sofort, 70 Prozent binnen acht Jahren und
100 Prozent in 10 Jahren.
NAFTA würde jedoch keine Bestimmungen enthalten,
die den Vereinigten Staaten die gesicherte Energieversorgung aus Mexiko entsprechend dem in dem
Abkommen mit Kanada von 1988 enthaltenen Passus
garantiert.

Seite 2

"Dies ist auf die von der (mexikanischen) Verfassung
auferlegten Einschränkungen zurückzuführen", erklärte die US-Handelsbeauftragte Carla Hills in einer
Pressekonferenz im Weißen Haus und fügte hinzu, die
amerikanische Delegation habe allerdings einige
"äußerst wichtige und wertvolle" Konzessionen zur
Energieversorgung erhalten.
NAFTA würde darüber hinaus:
Amerikanischen Unternehmen nationale Gleichstellung für Investitionen in Mexiko einräumen das heißt, amerikanische Firmen würden gleich
behandelt wie mexikanische.
Bis 1999 alle Beschränkungen für amerikanische Lastwagenfahrer aufheben, in Mexiko tätig
zu werden.
Die Chancen für den amerikanischen Export
von Versicherungs- und anderen finanziellen
Dienstleistungen nach Mexiko erweitern.
Amerikanische Patente, Urheberrechte, Warenzeichen und anderes geistiges Eigentum in Mexiko
schützen.
NAFTA würde ferner binationale und trinationaie Gremien schaffen, die im Rahmen des Abkommens auftretende handeis- und umweltpolitische Konflikte schlichten. Der Stellvertretende US-Handelsbeauftragte Katz
erkläre, der Konfliktschlichtungsmechanismus sei
anhand des in dem amerikanisch-kanadischen Abkommen enthaltenen modifiziert worden. Berichte der
Gremien wären nicht ausdrücklich bindend, es sei
denn, die Parteien vereinbaren im voraus die verbindliche Schlichtung, fügte er hinzu.
Entsprechend, so Katz, gäbe es im NAFTA Berufungsgremien bei Dumping- und Subventionsproblemen wie
im amerikanisch-kanadischen Freihandelsabkommen.
Die US-Handelsbeauftragte reichte dem mexikanischen Handelsminister Jaime Serra Puche und seinem kanadischen Amtskollegen Michael Wilson am
Morgen des 12. August die Hand zu einem symbolischen Händedruck auf das Abkommen.
In den kommenden Wochen werden Rechtsanwälte
aus den drei Ländern den englischen, spanischen und
französischen Wortlaut des Abkommens erstellen.
Wenn der "rechtliche Feinschliff" erfolgt ist und die
Berichte von den 40 amerikanischen Beratungsausschüssen unterbeitet worden sind, wird Präsident Bush
das Abkommen paraphieren und dem Kongreß voraussichtlich im September zur Prüfung vorlegen. Dem
Kongreß stehen 90 Kalendertage zur Beratung zur
Verfügung.
Dann kann Präsident Bush das Abkommen offiziell
unterzeichnen und an den Kongreß zur Verabschiedung weiterleiten. Binnen 90 Arbeitstagen - was

AMERIKA DIENST 33

�ungefähr 8 Monaten entspricht - muß der Kongreß
seine Zustimmung oder Ablehnung bekanntgeben.
Daher wird die endgültige Entscheidung erwartungsgemäß beim Kongreß und dem im November gewählten Präsidenten liegen.
Der Großteil der Opposition gegen das NAFTA kam
von Gewerkschaften und Umweltschutzorganisationen.
Bei einer Pressekonferenz stellte die US-Handelsbeauftragte Hills fest, NAFTA würde die von Präsident
Bush gegenüber dem Kongreß eingegangenen Verpflichtungen erfüllen oder sogar darüber hinausgehen,
"da es den Umwelt-, Sicherheits- und Gesundheitsnormen der Vereinigten Staaten Rechnung trägt und
uns in die Lage versetzt, auf Regierungs- und bundesstaatlicher Ebene noch striktere Normen durchzusetzen sowie unsere Partner zur Verschärfung ihrer Normen
ermutigt."
Hills verwies ferner darauf, mit einem Abkommen in
der Hand könne die Bush-Administration jetzt ein

*

AMERIKA DIENST 33

Unterstützungsprogramm für Arbeitnehmer entwickeln, die ihren Arbeitsplatz aufgrund des NAFTA verlieren.
"Ich möchte jedoch umgehend hinzufügen, unsere
Wirtschaftsstudien belegen, daß dank dieses Abkommens unter dem Strich neue Arbeitsplätze geschaffen
und nicht abgebaut werden", erklärte Hills.
Die Handelsbeauftragte betonte, andere Länder sollten das amerikanisch-mexikanisch-kanadische Handelsabkommen nicht als Protektionismus ansehen
und fügte hinzu, das Abkommen würde das Engagement der Vereinigten Staaten zum Abschluß der in
einer Patt-Situation befindlichen sechs Jahre alten
Uruguay-Runde multilateraler Handelsgespräche im
Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens GATT nicht untergraben.
"Wir haben keine einzige Handelsschranke gegen das
Ausland errichtet", so Hills. "Wir haben nur die Handelshemmnisse innerhalb Nordamerikas abgebaut.
Unseres Erachtens wäre ein erfolgreicher Abschluß
der GATT-Gespräche eine wunderbare Leistung. Und
wir hoffen, daß uns das in diesem Jahr gelingt."

* * *

*

Seite 3

�WAHLEN

'9 2
19. August 1992

DEBATTEN DER PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN
Kommission legt Zeitplan vor
WASHINGTON - (AD) - Die Kommission für Debatten der Präsidentschaftskandidaten hat für den kommenden
Herbst einen Zeitplan für vier Debatten zwischen den Bannerträgern der Demokratischen und Republikanischen
Partei bekanntgegeben. Die Präsidentschaftskandidaten werden sich in drei Diskussionen stellen, die
Vizepräsidentschaftskandidaten in einer. Alle Diskussionsrunden werden landesweit im Fernsehen übertragen
und dauern 90 Minuten.

Die Debatten zwischen den Präsidentschaftskandidaten sollen am 22. September 1992 in der Michigan
State University, am 4. Oktober in der University of San
Diego und am 15. Oktober in der University of Richmond stattfinden. Die Diskussion zwischen den Vizepräsidentschaftskandidaten ist am 29. September in
Louisville vorgesehen.
Der stellvertretenden Vorsitzende der Kommission,
der ehemalige Vorsitzende des Nationalen Komitees
der Demokraten, Paul Kirk, und der ehemalige Vorsit-

zende des Nationalen Komitees der Republikaner,
Frank Fahrenkopf, erklärten, die Clinton-Gore-Wahlkampfleitung habe dem Zeitplan zugestimmt und sie
hofften auf eine Antwort der Bush-Quayle-Wahlkampfleitung nach dem Parteikonvent der Republikaner.
Die 1988 gegründete Kommission für die Debatten hat
im Wahljahr 1988 zwei Diskussionsrunden zwischen
den Präsidentschaftskandidaten und eine zwischen
den Vizepräsidentschaftskandidaten veranstaltet.

* * * *

AMERIKA DIENST 33

*

Seite 1

�W A H L E N '92
19. August 1992

DIE ROLLE VON MEINUNGSUMFRAGEN
IM WAHLKAMPF
von Clyde Linsley
WASHINGTON - (AD) - In dem nachfolgend veröffentlichten Artikel beschreibt der Autor die Entwicklung und
gegenwärtige Rolle von Meinungsumfragen im amerikanischen Wahlprozeß. Ihm zufolge liefern gerade
Meinungsumfragen den Kandidaten das Werkzeug zur Verbesserung der Effektivität ihres Wahlkampfs. Der
Autos ist freiberuflicher Journalist in Washington.
Der amtierende US-Senator hatte ein Problem, und
seine Wahlkampfberater wußten nicht recht damit
umzugehen. Er stand vor dem schwierigsten Herausfordererer seines Lebens, einem gutaussehenden und
jungen pensionierten General des Heeres, Rhodes
Scholar, Football-Star seines Colleges und VietnamVeteran - all die Merkmale, mit denen man Wähler
gewinnen kann. Der Senator erschien im Vergleich
dazu farblos.
Der Herausforderer hatte erst vor kurzem, nach einer
Karriere bei den US-Streitkräften, die ihn in alle Teile
der Welt geführt hatte, seinen Wohnsitz in den Staat
verlegt, den er repräsentieren wollte. Bei der Ankündigung seiner Kandidatur hatte der Herausforderer in
Länge und Breite über die Gründe für seinen Umzug in
diesen Staat gesprochen. Er sprach von der schönen
Landschaft, den hart arbeitenden Menschen und all
den anderen Attraktionen, die ihn hierher geführt hatten.
Aber als sich die Berater des Senators mit einer
repräsentativen Gruppe potentieller Wähler zusammensetzten, entdeckten sie, daß ihr gutaussehender
junger Gegner eine Schwäche besaß, die sie nicht
vermutet hätten: die Leute lachten über ihn. Insbesondere lachten sie darüber, wie er seine Entscheidung für
den Umzug in ihren Staat begründete. Sie glaubten
nicht, er sei aufgrund der Menschen oder der Naturschönheiten in ihren Staat gezogen. Ihrer Meinung
nach war er nur gekommen, um für den Senat zu
kandidieren.
Als die Berater des Senators mit ihrer Zielgruppe von
Wählern zusammentrafen, entdeckten sie die Achillesferse des Herausforderers. Sie handelten sofort,
um sie mit einer Reihe von Werbespots auszunutzen,
in denen die Worte des Herausforderers abgespielt
wurden.
AMERIKA DIENST 33

"Diese Leute haben instinktiv gesagt: 'Dieser Mann ist
nicht echt'," erklärte einer der Insider im Wahlkampf
des Senators. "Niemals hätten wir daran gedacht, dies
zu benutzen, aber es wurde zentraler Bestandteil des
Wahlkampfs."
Am Wahltag verlor der Herausforderer haushoch
gegenüber dem amtierenden Senator, der 75 Prozent
der Stimmen errang.
Eins zu Null für Meinungsumfragen.
In den Vereinigten Staaten war Politik seit jeher ein
Feld intensiver Diskussionen und Debatten, aber in
den letzten Jahren ist viel mehr daraus geworden. Sie
ist jetzt ein florierendes Geschäft, dessen Beteiligte
sich die Techniken des Markts zunutze machen, um
einen größeren Anteil am Markt der Ideen zu gewinnen.
Tatsächlich wird angesichts der ständig steigenden
Kosten für einen politischen Wahlkampf eine Investition in die Erforschung der öffentlichen Meinung für
jeden ernsthaften Aspiranten auf ein öffentliches Amt
immer wichtiger. Ein Wahlkampf fordert mehr als
intensives Engagement, er erfordert den effektiven
Einsatz von Geld und anderen Ressourcen. Die
Meinungsforschung liefert den Kandidaten das Werkzeug zur Verbesserung der Effektivität ihres Wahlkampfs.
Meinungsumfragen sagen den Kandidaten, wo ihre
Stärken und Schwächen liegen und wie diese von den
Wählern wahrgenommen werden. Sie verraten den
Kandidaten die Themen, die die Wähler beschäftigen
und die Fragen, die sie unbeeindruckt lassen. Sie
verraten den Kandidaten, wo wahrscheinlich ihre loyalsten Förderer leben, aus welchen Berufen sie kommen, was sie in ihrer Freizeit tun und vieles mehr. Sie
verraten den Kandidaten auch, wo sie besser keinen
Seite 1

�Wahlkampf betreiben, weil diese Anstrengung an
unversöhnliche Feinde verschwendet wäre.
"Es ist ein sehr nützliches Instrument, mit dessen Hilfe
wir verstehen können, wie eine sehr komplexe und
heterogene Öffentlichkeit tickt," erklärt die Washingtoner Journalistin Karlyn Keene. "Aber es ist ein
schlichtes Instrument und sollte vielleicht nicht dazu
benutzt werden, Politik zu machen." Keene, die eine
Zeitschrift für ein führendes Washingtoner Forschungsinstitut herausgibt, beobachtet Meinungsumfragen und
Politik sehr genau.
Dennoch wird der Einsatz von Meinungsumfragen in
politischen Kampagnen immer populärer. Meinungsforscher haben in der Öffentlichkeit beträchtlich an
Status gewonnen, und Kandidaten für öffentliche Ämter
nehmen auch auf kommunaler Ebene stärker Zuflucht
zu Meinungsumfragen, um sich davon in ihren Kampagnen leiten zu lassen.
Gestern und heute
Ein über 40 Jahre altes Zeitungsphoto erinnert an
eines der dauerhaftesten Images, das je in der politischen Geschichte der Vereinigten Staaten produziert
wurden. Das Photo stellt einen strahlenden Harry S.
Truman dar, im ersten Rausch seines Wahlsiegs zum
US-Präsidenten, wie er triumphierend eine früh erschienene Zeitung schwenkt, deren Schlagzeile den
Erdrutschsieg des Truman-Rivalen, des Republikaners Thomas E. Dewey, verkündet.

und durchführen, sondern auch solche, die die Ergebnisse dieser Untersuchungen interpretieren und sie in
Wahlkampfthemen und Medienstrategien umsetzen.
Es heißt, daß 1980 bereits der Umfrageberater Patrick
Caddell an allen Mitarbeiterbesprechungen zur Wiederwahlkampagne des Amtsinhabers Jimmy Carter
ebenso teilnahm wie an den Strategiesitzungen.
Dasselbe galt für Richard Wirthlin im Wahlkampf von
Carters Gegner, Ronald Reagan.
Wie Meinungsforschung funktioniert
"Es gibt zwei sehr einfache, aber unterschiedliche
Einsatzmöglichketien von Meinungsumfragen,"erklärt
der ehemalige Reagan-Berater Wirthlin, der jetzt Inhaber einer politischen Forschungsorganisation bei
Washington ist. "Zum einen gibt es die beschreibende
Funktion, die dem Kandidaten und seinen Mitarbeitern
vor allem anzeigt, wer in Führung liegt, was von den
Wählern als das wichtigste Thema angesehen und
was der Kandidat aus der Sicht der Wähler im Falle
seiner Wahl erreichen wird und was nicht.
Von größerer Bedeutung für den Wahlkampf und die
Kandidaten sind jedoch strategische Umfragen - nicht
eine Bilanz der Wahlkampagne zu einem bestimmten
Zeitpunkt, sondern vielmehr eine Bewertung dessen,
was der Kandidat tun sollte, um Stimmen für sich zu
gewinnen - die sich mit ausgemachten Schwächen
oder Stärken befassen und Zielgruppen nach Demographie, Geographie und Lebensstil aufschlüsseln."

Das Photo erwies sich für die Zeitung und für die Firma
Gallup, deren Umfragen Deweys bahnbrechenden
Sieg prognostiziert hatten, als peinlich. Es war darüber
hinaus jahrelang eine Quelle der Belustigung für Beobachter der politischen Landschaft in Amerika.

1980 und erneut als Präsident Reagan 1984 für die
Wiederwahl kandidierte benutzten Wirthlin und seine
Mitarbeiter häufig die sogenannte "Zielgruppen-Forschung", wie die von dem oben erwähnten amtierenden Senator verwendete.

Für Präsident Trumans waren die Wahlergebnisse von
1948 eine freudige Überraschung, aber eine Überraschung kann ebensogut unerfreulich sein. Die Kunst
und Wissenschaft der politischen Umfragen entwickelten sich, um solche unerwarteten Entwicklungen zu
vermeiden - oder zumindest erheblich zu reduzieren.

Zielgruppen sind eine aus dem Bereich des Produktmarketing entlehnte Technik. Eine Gruppe von Leuten
wird in einem Raum versammelt und zur Erörterung
mit Themen der bevorstehenden Wahl veranlaßt. Die
Kommentare werden ohne Wissen der Gruppe festgehalten und von den Wahlhelfern in der Hoffnung analysiert, die tieferen Gefühle und Werturteile über die
Wahlkampagne herauszufinden, die ein offener Fragebogen vielleicht nicht erzielt.

1960 spielten politische Meinungsumfragen bereits
eine wichtige Rolle, um Kandidaten zu helfen, über die
Entwicklung ihrer Kampagne auf dem laufenden zu
sein. In jenem Jahr beauftragte John F. Kennedy Louis
Harris, Wähler in mehreren wichtigen Staaten zu befragen, in denen Kennedy Siege bei den Vorwahlen
benötigte, um die Nominierung der Demokraten als
Präsidentschaftskandidat zu erlangen.
Bei den nachfolgenden Präsidentschaftswahlen haben Meinungsforschungsinstitute sogar eine noch
größere Rolle gespielt. In den frühen Jahren kamen
Meinungsforscher vor allem aus der Werbebranche Marktforscher, die einmal Produkte und dann wieder
Menschen im Auge hatten, zumindest bis die Kampagne vorbei war. Bald entwickelten sich jedoch politische Forschungsspezialisten, und heute gibt es nicht
nur Spezialisten, die politische Umfragen erarbeiten

Seite 2

"Um einen Sinneswandel zu bewirken, muß man diese
emotionalen Bindungen anzapfen, die durch Werte
geprägt werden", so Wirthlin.
Zielgruppen sind nicht zwangsläufig für die gesamte
Wählerschaft repräsentativ. Öffentliche Meinungsumfragen geben sich andererseits große Mühe, einen
repräsentativen Querschnitt derjenigen zu erstellen,
die wahrscheinlich zur Wahl gehen.
Das Ziel dieser Umfragen besteht nicht nur in einer
Feststellung der Themen, die Wähler motivieren und
ihrer Einschätzung des Kandidaten, sondern auch
darin, herauszufinden, auf was sich die Kandidaten
konzentrieren sollten. Das Ziel ist nicht, einen Appell
zu formulieren, der für alle Wähler überzeugend klingt.
AMERIKA DIENST 33

�"Man benötigt nicht 70 oder 80 Prozent der Wählerstimmen, um in den meisten Demokratien den Sieg
davonzutragen", erklärt Wirthlin. "Man braucht 50
Prozent plus eine Stimme."
"Jeder Wahlkampt ist eine Entscheidung zwischen
zwei Kandidaten", stellt Tom Ochs, rangältester Vizepräsident der Washingtoner Beratungsfirma Squier
Eskew Knapp fest. "Haben Sie einen Kandidaten mit
Schwächen, werden die Meinungsumfragen belegen,
wie schlecht und wo er am schwächsten ist."
Aufgrund der Konzentration auf die Bereiche, in denen
die Unterstützung des Kandidaten am stärksten ist und
um einen Sinneswandel der Wähler zu bewirken, die
unentschlossen oder von der Opposition nicht allzu
überzeugt sind, hoffen die Wahlkampfstrategen, genug Stimmen für den Wahlsieg zu sammeln. Dies wird
für gewöhnlich bewirkt, indem man auf die natürlichen
Stärken eines Kandidaten aufbaut und seine Schwächen herunterspielt.
"Bei dem Wahlkampf, an dem wir arbeiten, hat niemand so viele Schwächen, daß er sich für ein öffentliches Amt disqualifiziert", so Ochs. "Jeder wirft etwas
in die Waagschale."
In der ersten Phase des Wahlkampfes, erläutert Ochs,
verlassen sich die Wahlhelfer vornehmlich auf die
Erforschung von Themen, Hochrechnungen und andere öffentliche Trends im Hinblick auf den Kandidaten
oder seinen Gegner. Zweck der Übung ist, sagen zu
können: "Hier sind drei oder vier sehr überzeugende
Botschaften oder Themen, auf die die meisten Leute
reagieren."
Nach Beginn des Wahlkampfes führt eine gut finanzierte Kampagne regelmäßig Meinungsumfragen durch.
Diese sogenannten "stichprobenartigen" Meinungsumfragen vermitteln den Wahlhelfern, wie gut ihre
Botschaft von den Wählern aufgenommen wird und
machen sie frühzeitig genug auf einen unerwarteten
Meinungsumschwung aufmerksam, daß sie davon
profitieren können.
Die Frage der Genauigkeit
Früher haben Kandidaten und Wahlkampfstrategen
häufig die Ergebnisse von Meinungsumfragen unberücksichtigt gelassen, mit denen sie nicht übereinstimmten. Selbst heute ist es noch an der Tagesordnung, daß ein Kandidat erklärt, die Ergebnisse der
Meinungsumfragen seines Gegners seien ungenau,
wenn er den Meinungsumfragen zufolge schlechter
abschneidet. In jenen frühen Tagen war es für die
Meinungsforscher eine große Versuchung, ihren Auftraggebern das zu sagen, was sie hören wollten.
Karlyn Keene vertritt die Auffassung, daß dies heute
eher selten ist.

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AMERIKA DIENST 33

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"Das mag früher zutreffend gewesen sein", erklärt sie.
"Es liegt jedoch nicht in ihrem Interesse, den Kandidaten zu belügen oder die Wahrheit zu verschleiern, weil
sie sich im weiteren Verlauf des Wahlkampfes einem
Test stellen müssen." Am Wahltag kommt die Wahrheit für diejenigen an den Tag, die sie zu verschleiern
versucht haben.
Darüber hinaus können die Meinungsumfragen des
Kandidaten mit denen einer Reihe öffentlicher Meinungsforschungsinstitute verglichen werden, deren
Ergebnisse regelmäßig in den Medien veröffentlicht
werden.
Politiker lieben keine Überraschungen und dies heute
noch weniger als 1948. Die Kosten einer Wahlkampagne für die Wahl in ein Amt - Reisen, Mitarbeiterhonorare, Werbespots - sind so hoch, daß alle Methoden
ausgeschöpft werden müssen, um diese Ausgaben so
effektiv wie möglich zu nutzen.
Meinungsumfragen sind ein Instrument, um dem
Wahlkampf die Ungewißheiten zu nehmen, aber ständig werden neue Verfahren entwickelt.
"Meinungsumfragen sind nur eine Komponente eines
als PINS bezeichneten politischen Informationssystems, das wir entwickelt haben", stellt Wirthlin fest.
Dieses System stützt sich auf die bei den Meinungsumfragen erzielten Daten zusammen mit traditionellen
Wahlkampfinformationen sowie mathematischen
Computerberechnungen, um ein detaillierteres Bild
der Wähler - und ihrer Einschätzung des Kandidaten zu erhalten als Meinungsumfragen allein dies vermitteln könnten.
"Mit der Weiterentwicklung von Computern und unserer Sicht des Prozesses wird PINS immer mehr eingesetzt", erklärt er. "Meines Erachtens ist der einzelne
Wähler sehr unberechenbar, und ich glaube nicht, daß
wir je den Punkt erreichen, an dem wir alles wissen."
In der Tat lag Michael Dukakis zu Anfang des Präsidentschaftswahlkampfes 1988 Berichten zufolge 17
Prozentpunkte vor seinem voraussichtlichen republikanischen Rivalen, dem damaligen Vizepräsidenten
George Bush. Am Wahltag hielt jedoch Bush mit 54
Prozent der Stimmen Einzug ins Weiße Haus.
Waren die ersten Meinungsumfragen falsch, wie einige Beobachter glauben, oder haben unerwartete Entwicklungen einen drastischen Sinneswandel der Wähler
bewirkt? Oder war das Ergebnis eine Kombination
beider Faktoren?
Diese Frage wird niemals gelöst werden, gleichgültig
wieviel Forschung auch betrieben wird. "Eine der
Freuden der Politik ist, daß sie so unberechenbar ist",
so Wirthlin. "Ich glaube nicht, daß Forschung je
Intuition und gesunden Menschenverstand ersetzen
kann."
*

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