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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

26

I.Juli 1992
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Aue 29

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USA-DEUTSCHLAND

GENERALKONSULAT UND AMERIKA HAUS
IN LEIPZIG ERÖFFNET
Rede von Botschafter Kimmitt

START

BAKER: START KANN "NUKLEARE UHR"
ZURÜCKDREHEN
Rede des Außenministers vor dem auswärtigen
Ausschuß des Senats

WELTPOLITIK

GUTES WIRTSCHAFTLICHES EINVERNEHMEN
ZWISCHEN NATIONEN UNABDINGBAR FÜR
WELTFRIEDEN
Rede von Botschafter Seitz

SOZIALES

SOZIALGESETZGEBUNG SPIEGELT PRINZIPIEN
DER GRÜNDERVÄTER WIDER
Großer Anteil des US-Haushalts
entfällt auf Sozialausgaben

UMWELT

DAS MEINUNGSBILD ZU UMWELTFRAGEN IN
22 LÄNDERN
Ergebnisse amerikanischer Meinungsumfragen

AIDS

AIDS HINDERNIS FÜR ENTWICKLUNG
Auszüge aus dem AIDS-Jahresbericht des USAID

WAHLEN '92

POLITISCHE PARTEIEN VERLIEREN
DIE UNTERSTÜTZUNG DER WÄHLER
Stimmung begünstigt unabhängige Kandidaten

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
I.Halbjahr 1992

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�USA-DEUTSCHLAND
I.Juli 1992

GENERALKONSULAT UND AMERIKA HAUS
IN LEIPZIG ERÖFFNET
Rede von Botschafter Kimmitt
LEIPZIG - (AD) -Anläßlich der Eröffnung des Amerikanischen Generalkonsulats undAmerika Hauses in Leipzig
hielt Botschafter Robert M. Kimmitt am 30. Juni 1992 folgende Ansprache, die wir im Wortlaut veröffentlichen.

Herr Ministerpräsident Dr. Biedenkopf,
Herr Ministerpräsident Dr. Vogel,
Herr Oberbürgermeister Dr. Lehmann-Grube,
meine Damen und Herren,
die Eröffnung unseres Generalkonsulats und Amerika
Hauses in Leipzig bedeutet mehr als eine offizielle
Ankündigung, daß die Vereinigten Staaten nach über
50 Jahren hier wieder der Öffentlichkeit zugänglich
sind. Sie ist Ausdruck der Verpflichtung des amerikanischen Volkes gegenüber dem deutschen Volk, daß
wir seine Zukunft aktiv mitgestalten möchten.
Meine Herren Ministerpräsidenten und Herr Oberbürgermeister, durch Ihre Anwesenheit fühlen wir uns
sehr geehrt. Jeder einzelne von Ihnen ist mit seinen
Bemühungen entscheidend an der demokratischen
Umgestaltung Sachsens und Thüringens beteiligt. Ihre
Teilnahme an dieser Zeremonie und Ihre Unterstützung für unsere Bemühungen sind uns besonders
wichtig.
Mit der Einrichtung dieses Generalkonsulats und Amerika
Hauses verbinden wir jedoch noch ein weiteres Motiv.
Wir möchten, daß die Menschen in Sachsen und
Thüringen uns besser kennen- und verstehen lernen.
Wir sind uns der Tatsache bewußt, daß das Image
Amerikas, das den Menschen der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten vermittelt wurde, nicht gerade
schmeichelhaft war.
Ich behaupte nicht, mein Land sei perfekt. Aber unsere
Ambitionen und Ideale sind perfekt, und Amerika hat
seinen Anspruch auf Führerschaft stets auf Ideen und
Ideale gegründet, nicht auf wirtschaftliche Stärke oder
militärische Macht.
Amerika ist ein Land der Widersprüche. Das ist
vielleicht unvermeidbar, wenn man seine Größe, Offenheit und das dort herrschende Maß individueller
AMERIKA DIENST 26

Freiheit betrachtet. Es ist möglich, Tausende von
Fakten über das Land zu kennen, und es dennoch nicht
zu verstehen.
Um den Menschen in Sachsen und Thüringen ein
Fenster nach Amerika und seinen Menschen zu geben, haben wir dieses Generalkonsulat und das Amerika
Haus eröffnet. In gewisser Weise stehen diese für den
amerikanischen Geist - einen Geist, der viel mit dem
gemein hat, was gegenwärtig in Mittel- und Osteuropa
stattfindet.
Amerika hat eine lange Tradition der "Frontier", der
Suche nach neuen Herausforderungen und der Hilfe
für andere. Wir möchten Teil der Handlung sein, wo
immer sie sich abspielt und wie sie auch beschaffen
sein mag. In dieser Tradition richten wir diesen Außenposten an der "Frontier" von Mitteleuropas neuer Zukunft
ein, als praktische Antwort auf die dramatischen und
positiven Veränderungen in dieser Region in den vergangenen drei Jahren.
Dies ist Teil eines kontinuierlichen Engagements, das
wir seit dem Zusammenbruch des Kommunismus
entwickelt haben. Dazu möchte ich Ihnen einige
weitere Beispiele aufzählen:
In den vergangenen zwei Jahren haben wir
knapp fünfzig Stipendien an Persönlichkeiten
aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur
in Sachsen und Thüringen für Reisen in die
Vereinigten Staaten vergeben. Ich freue mich
besonders, daß viele dieser Stipendiaten zur
heutigen Eröffnung gekommen sind.
Wir haben veranlaßt, daß Gastprofessoren an
den hiesigen Universitäten lehren und über ein
Dutzend Wissenschaftler aus Leipzig ein Jahr
an amerikanischen Universitäten verbringen
können.
Seite 1

�Wir haben amerikanische Universitäten zur
Aufnahme neuer direkter Verbindungen mit den
Universitäten in dieser Region ermutigt. Mit Unterstützung des Freedom Forum und des US-Informationsamts arbeitet die Ohio University an
der Erweiterung von Austauschprogrammen und
der Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig. Und ich freue mich, daß Professor Ralph
Izard von der Ohio University heute abend hier
anwesend ist.

I

|n Zusammenarbeit mit örtlichen kulturellen
Institutionen und Organisationen hat das Amerika Haus Hunderte von Ausstellungen, Filmvorführungen und Literaturlesungen gefördert.
Wir haben auch Fortbildungsseminare für über
300 Englischlehrer abgehalten.
In diesem Amerika Haus haben wir eine öffentliche Bibliothek mit über 5.000 Bänden eingerichtet. Besucher haben darüber hinaus Zugang zu den Büchern aller Amerika Häuser in
Deutschland mit insgesamt über 30.000 Bänden und in Kürze wird das Amerika Haus über
eine On-Iine-Computerverbindung mit Zugang
zu über 500 Datenbanken in den Vereinigten
Staaten verfügen.
Aus dem Westen Deutschlands abziehende
amerikanische Militäreinheiten haben acht Bibliotheken in Sachsen und Thüringen über
100.000 englischsprachige Bücher gespendet.
Die heutige offizielle Eröffnung des Amerika Hauses
wird die Fortsetzung - und Erweiterung - dieser Bemühungen erleichtern und zum besseren Verständnis
Amerikas hier im Osten beitragen.
Darüber hinaus bestehen zahlreiche private Initiativen, die die deutsch-amerikanischen Beziehungen mit
Leben und Wärme erfüllen. Als ein herausragendes
Beispiel möchte ich die nennenswerte Spende der
"American Women's Group" in Bonn an das Kinderheim der Stadt Ermlitz bei Leipzig erwähnen.
Schließlich ist es besonders wichtig, das intensive
Engagement amerikanischer Firmen in Thüringen und
Sachsen gebührend hervorzuheben. Ihre Präsenz ist
ein konkreter Ausdruck des Engagements des amerikanischen Volkes zur aktiven Mitwirkung an der Zukunft Deutschlands. Diese Firmen können darüber

hinaus eine wichtige Rolle bei der Schaffung eines
gesamteuropäischen Marktes und der Umstrukturierung der Volkswirtschaften in Mittel- und Osteuropa
spielen.
Um die geschäftlichen Aktivitäten amerikanischer
Unternehmen in den neuen Ländern besser fördern zu
können, haben wir in diesem Gebäude ein Büro des
Auswärtigen Handelsdienstes der Vereinigten Staaten
eingerichtet.
Die Investitionen amerikanischer Firmen belaufen sich
heute auf über drei Milliarden D-Mark und haben in den
neuen Ländern mehr als 25.000 Arbeitsplätze gesichert oder neu geschaffen. Einhundertfünfzig amerikanische Firmen sind heute in den neuen Ländern
tätig, von Görlitz bis Eisenach, von dem amerikanischen Großunternehmen General Motors/Opel, bis zu
kleinen Betrieben wie McCain-Brehmer-Buchbindereimaschinen. Auch amerikanische Firmen knüpfen in
wachsendem Maße an die hiesigen Traditionen des
Osthandels an: So hat die Chrysler-Vertretung in
Leipzig ihre Tätigkeit bereits in Richtung Baltikum und
Rußland ausgedehnt.
Freie Menschen in unserer Welt mögen unterschiedliche Meinungen vertreten, aber sie können diese Meinungsverschiedenheiten im Geiste gegenseitiger
Achtung und des "Give and Take" austragen. Mit der
Eröffnung dieses Generalkonsulats machen wir gleichzeitig ein Fenster zwischen unseren beiden Gesellschaften auf.
Und durch dieses Fenster werden Sie auf ein Amerika
blicken, das selbst eine pluralistische multikulturelle
Gesellschaft ist. Es ist diese Eigenschaft Amerikas, so
vielfältig und vielschichtig zu sein, die es uns leichter
macht, anderen Völkern und Kulturen die Hand zu
reichen. So verstehen wir uns in unseren Beziehungen
zu anderen als Bestandteile gemeinsamer Bindungen
freier Völker, die im Interesse von Frieden und Wohlstand handeln und wandeln.
Bevor die Bindungen jedoch fester geknüpft werden
können, muß zunächst dieses Band zerschnitten werden.
Erlauben Sie mir deshalb, mit dem feierlichen Akt der
Zerschneidung des Bandes das Generalkonsulat und
Amerika Haus Leipzig für eröffnet zu erklären.
Ich darf also Sie, meine Herren Ministerpräsidenten
und Herrn Oberbürgermeister einladen, mit mir das
Band zu zerschneiden.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 26

�START
I.Juli 1992

BAKER: START KANN "NUKLEARE UHR"
ZURÜCKDREHEN
Rede des Außenministers vor dem auswärtigen Ausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) -Außenminister Bakerforderte am 23. Juni 1992 den Senat zur Ratifizierung des Vertrags
über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) mit der Begründung auf, diese Vereinbarung sei
"entscheidend für die Beendigung des nuklearen Rüstungswettlaufs".
"In sehr realer Weise ist START ein Mittel, mit dem wir anfangen können, die nukleare Uhr zurückzudrehen - da
er sowohl strategische Stabilität als auch Berechenbarkeit fördert", erklärte Baker in seinen Ausführungen vor
dem auswärtigen Ausschuß des Senats.
Baker warnte, bei einer Nichtratifizierung von START würde das neue, am 16. Juni 1992 erzielte russischamerikanische Abkommen zum drastischen Abbau von Nuklearwaffen auf bisher undenkbare Niveaus "bedeutungslos, unsere Sicherheit weniger gewährleistet und die Aussichten für einen erneuten nuklearen Wettbewerb
sowie zunehmende Verbreitung von Kernwaffen wahrscheinlicher".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker im Wortlaut.

Vor einer Woche haben Präsident Bush und Präsident
Jelzin das nukleare Zeitalter revolutioniert. Im Rosengarten des Weißen Hauses gaben sie bekannt, daß
Rußland und die Vereinigten Staaten im Verlauf der
nächsten zehn Jahre Nuklearwaffen auf bisher undenkbare Niveaus drastisch reduzieren werden. Mit
diesem Abkommen werden ICBMs mit Mehrfachgefechtsköpfen - die einer Hydra gleichenden Monster,
die unsere strategischen Beziehungen zu destabilisieren drohten - beseitigt. Während wir die Nuklearwaffen
auf das zur Gewährleistung unserer Sicherheit erforderliche Niveau reduzieren, werden sich Rußland und
die Vereinigten Staaten zusammen mit ihren Verbündeten und Freunden auch für einen - so hoffen wir konstruktiven Dialog zur Erarbeitung eines Konzepts
für die Stationierung eines weltweiten Schutzsystems
gegen begrenzte Angriffe mit ballistischen Raketen
auf unsere Völker, Freunde und Verbündeten engagieren.
Historiker können zu Recht den vergangenen Dienstag als das Ende des Kalten Kriegs des Wettbewerbs
mit Nuklearwaffen bezeichnen. Die Geschichte des
Endes des Rüstungswettlaufs ist jedoch erst vollendet,
wenn Sie eines der wichtigsten letzten Kapitel abgeschlossen haben: wenn Sie ihre verfassungsmäßige
Pflicht erfüllen und Ihre Zustimmung zu der Ratifizierung des Vertrags über die Verringerung strategischer
Rüstungen (START) geben.
AMERIKA DIENST 26

Ich nehme an, Sie stimmen mir zu, daß START
entscheidend für die Beendigung des nuklearen Rüstungswettlaufs ist. Zum ersten Mal seit Anbruch des
Atomzeitalters haben wir uns auf echte zahlenmäßige
Verringerungen unserer Nuklearwaffen geeinigt, statt
nur Begrenzungen für ihre Zuwachsrate zu setzen. In
sehr realer Weise ist START ein Mittel, mit dem wir
anfangen können, die nukleare Uhr zurückzudrehen da er sowohl strategische Stabilität als auch Berechenbarkeit fördert.
Und während er das Ende des Kalten Kriegs festschreibt, spricht START auch die vielleicht wichtigste
Herausforderung für die Sicherheit unserer Zeit an Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen - denn er ist ein
rechtlich bindendes Protokoll.
Darüber hinaus schreibt er diese Errungenschaften
mit dem umfangreichsten und tiefgreifendsten Verifikationsregime aller Zeiten fest und institutionalisiert
durch seine rechtlich bindenden Verfügungen eine
sicherere Welt.
Mit der Ratifizierung von START wird die Grundlage für
eine sicherere Welt gelegt und die Aussicht auf einen
Atomkrieg für immer ausgeschlossen. Sollte START
jedoch nicht ratifiziert werden, wäre das Abkommen
vom vergangenen Dienstag bedeutungslos, unsere
Sicherheit weniger gewährleistet und die Aussichten
für einen erneuten nuklearen Wettbewerb sowie zuSeite 1

�nehmende Verbreitung von Kernwaffen wahrscheinlicher. Denn wie Präsident Bush und sein Amtskollege
Jelzin eindeutig klargestellt haben, geht das neue
Abkommen für weitere Reduzierungen davon aus,
daß der START-Vertrag - mit seinem effektiven Verifikationsregime - ratifiziert und durchgeführt wird. Und
natürlich werden wir so schnell wie möglich das
Abkommen der vergangenen Woche in einem Vertrag
kodifizieren.
Heute möchte ich mit Ihnen, Herr Vorsitzender, kurz
die wesentlichen Bestimmungen des Vertrags erörtern, die Bedeutung des Protokolls erläutern und darlegen, wie die START-Ratifizierung ein entscheidender Schritt zum Aufbau des demokratischen Friedens
ist, den wir mit Rußland und den anderen neuen
unabhängigen Staaten anstreben.
START: Verankerung von Stabilität und Berechenbarkeit
Eines der grundlegenden Ziele von START ist die
Verringerung des Risikos eines Atomkriegs durch die
Verbesserung von Stabilität und Berechenbarkeit,
insbesondere in Krisenzeiten.
Als erstes wird START das Risiko eines Atomkriegs
durch den Abbau der strategischen Streitkräfte in
stabilisierender Art und Weise verringern. Um die im
Rahmen von START vorgenommenen Reduzierungen im Zusammenhang zu sehen, muß man sich
folgendes vor Augen führen: Um die Begrenzungen
von START zu erfüllen, muß während der ersten
sieben Jahre der Durchführung durchschnittlich alle 68
Stunden ein ICBM-Trägersystem, eine SLBM-Abschußvorrichtung oder ein schwerer Bomber aus den ehemaligen sowjetischen Arsenalen zerstört werden.
Das Abkommen der vergangenen Woche zur Beseitigung aller ICBMs mit Mehrfachgefechtsköpfen ist der
logische Höhepunkt eines von START eingeleiteten
Prozesses zur Beseitigung von Waffen, deren Verletzbarkeit und Wirksamkeit das Risisko mit sich brachten,
beide Seiten an den Rand einer Auseinandersetzung
zu treiben. Die Abschaffung dieser Waffen, die man im
Ernstfall einsetzen müßte, bevorder Gegner sie zerstören würde, beseitigt praktisch jeden Grund für einen
Erstschlag in einer Krise.
Schwere mit Mehrfachgefechtsköpfen bestückte ICBMs
wurden zum Symbol der sowjetischen Bedrohung.
Heute hat das demokratische Ru ßland der endgültigen
Verschrottung aller ICBMs mit Mehrfachgefechtsköpfen bis spätestens 2003 zugestimmt - und hoffentlich
bis zum Jahr 2000, falls dies technisch und mit Hilfe der
Vereinigten Staaten finanziell bewerkstelligt werden
kann.
Strategische Stabilität wird durch die Berechenbarkeit
verstärkt, die START mit den Bestimmungen zu Offenheit und Transparenz zwingend vorschreibt. START
institutionalisiert die umfassendsten je ausgehandelSeite 2

ten Regime zu Notifizierung, Inspektion, Überwachung
und Datenaustausch. Die Verwirklichung dieser Regime
wird bisher undenkbare militärische Transparenz und
Offenheit schaffen. Diese Regime sind ferner eine
entscheidende Voraussetzung für das Abkommen der
vergangenen Woche.
Ich möchte betonen, daß eine solche Transparenz und
Offenheit durch die Forderungen des Vertrags sichergestellt wird. Beispielsweise wird mit der Ratifizierung
von START die historische Neigung der Sowjets zu
Geheimhaltung telemetrischer Daten beendet, weil
START die Verschlüsselung dieser Daten zwingend
aufhebt. Eine - einst undenkbare - große Leistung des
Vertrags ist, daß er den Parteien mit nur wenigen
Ausnahmen uneingeschränkten Zugang zur Telemetrie der anderen Seite gewährt. Dieser Zugang gestattet uns eine sorgfältigere Überwachung von Raketentests als je zuvor und hilft uns, die Begrenzungen des
Vertrags für Raketen-Gefechtsköpfe und Wurfgewicht,
das Verbot neuer Typen schwerer ICBMs und anderer
Bestimmungen zu verifizieren. Darüber hinaus erhalten wir jedes Jahr Pläne für die Beseitigung strategischer Offensivwaffen auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Und wir werden kontinuierlich über
die Bewegungen und Disposition dieser strategischen
Offensivwaffen informiert.
Herr Vorsitzender, mit der Verwirklichung des STARTVertrags gewährleisten wir das Recht zum grundlegenden Gleichstand der Streitkräfte. Die generellen
Obergrenzen von START finden gleichermaßen auf
die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und der ehemaligen Sowjetunion Anwendung, während sie die
Flexibilität und Zusammensetzung der Streitkräfte
aufrechterhalten. Gleichzeitig verhindert der Vertrag
nicht die Entwicklung und Stationierung nichtnuklearer
Technologien wie konventioneller Marschflugkörper,
deren Wirksamkeit und Wert für unsere Streitkräfte im
Golfkrieg unterstrichen wurde.
Das START-Protokoll
Ich möchte mich nun dem Protokoll zum STARTVertrag zuwenden, das wir in Lissabon unterzeichnet
haben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erkannte
dieser Ausschuß, daß die Frage, wer genau unser
Vertragspartner sein würde, ein entscheidendes Problem für START war.
Bei mehreren Diskussionen habe ich Sie der festen
Überzeugung des Präsidenten und meiner selbst versichert, daß die vier neuen Staaten mit strategischen
Offensivwaffen und erklärten vertragsrelevanten Einrichtungen auf ihrem Territorium - Belarus, Kasachstan, Rußland und die Ukraine - rechtlich verpflichtet
werden müssen, den START-Vertrag zu befolgen und
zu verwirklichen. Gleichzeitig wollten wir die sichere
Kommando- und Verfügungsgewalt über die Nuklearstreitkräfte der ehemaligen Sowjetunion gewährleisten und sicherstellen, daß das Entstehen neuer Staa-

AMERIKA DIENST 26

�ten in Eurasien nicht auch zu einer Vermehrung neuer
Nuklearmächte führen würde. Das Protokoll leistet all
dies und noch mehr.
Das Protokoll verpflichtet Belarus, Kasachstan, Rußland und die Ukraine rechtlich, als Vertragsparteien
den START-Vertrag zu befolgen und zu verwirklichen.
Mit dem Protokoll fördert die Ratifizierung und Umsetzung des START-Vertrages jetzt unsere grundlegenden Ziele der Nichtverbreitung. Es gewährleistet, daß
die Zahl der Kernwaffenstaaten trotz des Zerfalls der
Sowjetunion nicht zunimmt.
Das Protokoll erweitert deshalb die Rolle des Vertrags,
indem es Belarus, Kasachstan und die Ukraine verpflichtet, dem Nichtverbreitungsvertrag als Nichtkernwaffenstaaten beizutreten. In Zusammenhang mit
den rechtlich bindenden Verpflichtungen, die in Zusatzschreiben der Staatschefs jedes dieser Staaten
niedergelegt sind, bedeutet die Durchführung des
START-Vertrags, daß sieben Jahre nach dem Inkrafttreten keine Kernwaffen oder stationierten strategischen Offensivwaffen in Belarus, Kasachstan und der
Ukraine zurückbleiben werden. Diese Streitkräfte
stellen gegenwärtig ein Viertel der erklärten strategischen nuklearen Gefechtsköpfe des ehemaligen
sowjetischen Militärs.
Belarus, Kasachstan und die Ukraine haben START
als Mittel betrachtet, um kernwaffenfreie Zonen auf
ihren Staatsgebieten einzurichten, ihr Ansehen als
souveräne, unabhängige Staaten zu festigen und der
Welt zu zeigen, daß sie verantwortungsbewußt handeln können und deshalb die vollständige Einbeziehung in die internationale Staatengemeinschaft verdienen. In diesem Sinne hoffe ich, daß der Ausschuß
- ebenso wie der Präsident es getan hat - die Regierungen von Belarus, Kasachstan und der Ukraine zu den
wichtigen Verpflichtungen beglückwünschen wird, die
sie im Interesse des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit eingegangen sind. Durch ihren Verzicht
auf den Besitz von Kernwaffen haben sie ein Beispiel
gesetzt, das andere Staaten befolgen sollten.
Damit dient START als konkretes Beispiel für unsere
Entschlossenheit, unsere Vepflichtungen gemäß Artikel VI des Vertrags über die Nichtverbreitung von
Kernwaffen (NPT) zu erfüllen. Dieser Artikel fordert
jede Vertragspartei auf, Verhandlungen über wirksame Maßnahmen anzustreben, die die Einstellung des
nuklearen Rüstungswettlaufs sowie die nukleare Abrüstung zum Ziel haben.
START und ein demokratischer Frieden
Herr Vorsitzender, der START-Vertrag ist ein Produkt
des Kalten Krieges, aber er ist keineswegs ein Relikt.
Statt dessen ist START ein Tor zu diesem neuen
Zeitalter der Zusammenarbeit, das dazu beitragen
wird, die militärischen Überreste des Kalten Krieges zu

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kontrollieren und zu zerstören. Diese Bemühungen
ergänzen die gegenwärtig stattfindenden Anstrengungen zum Aufbau von Demokratie und freien Marktwirtschaften in den neuen unabhängigen Staaten und zur
Schaffung eines demokratischen Friedens mit ihnen.
Das Inkrafttreten des START-Vertrages ergänzt ferner unsere neuen, praktischen Schritte, um Belarus,
Kasachstan, Rußland und der Ukraine dabei zu helfen,
Kernwaffen unbrauchbar zu machen und zu demontieren. Es steht im Einklang mit unseren Bemühungen,
internationale Wissenschaftszentren in Rußland und
der Ukraine einzurichten, die Waffenspezialisten in der
ehemaligen Sowjetunion dazu ermutigen werden, ihre
Talente für friedliche Zwecke einzusetzen anstatt ihre
todbringenden Fähigkeiten meistbietend im Ausland
anzubieten. Kollektiv werden diese Bemühungen
praktische Vorteile nicht nur bei der Beseitigung der
Folgen des Kalten Krieges zeitigen, sondern uns auch
dabei helfen, einige der drängendsten Herausforderungen zu behandeln, die sich aus dem Ende des
Kalten Krieges ergeben.
Und während er einen Rahmen für die nächsten Schritte zu noch einschneidenderen Reduzierungen liefert,
gewährleistet der Vertrag darüber hinaus, daß erhebliche Kürzungen schon heute beginnen, da Rußland
und die Vereinigten Staaten noch die Kodifizierung der
vergangene Woche erzielten Übereinkunft anstreben.
Ich hoffe, Sie werden jeder Versuchung widerstehen,
die Ratifizierung von START bis zur schriftlichen Niederlegung des Vertrags über die Beseitigung von
Mehrfachgefechtsköpfen zu verzögern. Wir müssen
START jetzt in die Tat umsetzen.
Schließlich möchte ich einen zusätzlichen Aspekt der
Verwirklichung von START hinzufügen, der mit unseren vier Vertragspartnern zu tun hat. Obwohl kontinuierliche bedeutsame Fortschritte beim Aufbau demokratischer Regierungen in Belarus, Kasachstan, Rußland und der Ukraine und bei der Entwicklung stabiler
Beziehungen zwischen ihnen erzielt werden, besteht
aufgrund der enormen wirtschaflichen Belastung für
diese Staaten und Gesellschaften Unsicherheit über
die Zukunft.
Wenn Sie über diese Ungewißheit besorgt sind, ratifizieren Sie START. START liefert eine rechtlich bindende Grundlage, die stabilisierende Veränderungen
festschreibt. Mit der Durchführung von START besitzen wir ein mächtiges Instrument, um den Wandel
unter nahezu allen Umständen sicher zu bewältigen
und zu gewährleisten, daß unsere Interessen geschützt werden. Ohne START jedoch werden wir der
bereits bestehenden erheblichen wirtschaftlichen und
politischen Unsicherheit noch strategische Unsicherheit hinzufügen und damit nicht nur den Staaten der
ehemaligen Sowjetunion, sondern - schlimmer noch auch dem amerikanischen Volk einen Bärendienst
erweisen.

Seite 3

�Zusammenfassung
Kurzum, Herr Vorsitzender, START ist ein gutes
Abkommen - tatsächlich sogar ein historisches. Ebenso wichtig wie die Begrenzungen, die Zeitpläne und die
Verifizierungsregeln ist jedoch der Geist, der unseren
Beziehungen zu den neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion zugrundeliegt.
Sie haben in der vergangenen Woche gesehen, wie
Boris Jelzin diesen Geist verkörpert: Es ist der Geist
des neuen, demokratischen Rußland. Es ist ein Geist,
der Millionen vom Kommunismus Versklavten und
Verarmten die Hoffnung auf Freiheit und Wohlstand
bringt. Und es ist der Geist, der uns die Hoffnung
verleiht, daß wir einen echten demokratischen Frieden
aufbauen können - auf der Grundlage gemeinsamer
Werte, nicht des Gleichgewichts des Schreckens - für
uns und für künftige Generationen von Amerikanern.
Denn, wie Präsident Bush einmal so treffend erklärt

hat: "Demokraten im Kreml können unsere Sicherheit
auf eine Weise sicherstellen, wie es Atomraketen
niemals vermochten."
Durch START und das Freedom Support Act können
wir zur Gewährleistung dieser Sicherheit beitragen und zur Förderung dieses Geistes.
Herr Vorsitzender, Mitglieder des Ausschusses: Wir
stehen an einem historischen Wendepunkt. Mit dem
START-Vertrag beginnen wir, ein tragisches 40jähriges Kapitel des nuklearen Wettlaufs zu beenden. Und
mit dem Freedom Support Act können wir beginnen,
ein weiteres Kapitel zu aufzuschlagen - ein Kapitel der
Partnerschaft und Freundschaft mit Rußland und den
unabhängigen Staaten.
Ich bitte den Senat, seine feierliche Pflicht zu erfüllen
und die Geschichte durch umgehende Verabschiedung von beiden vorwärts zu bewegen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 26

�WELTPOLITIK
I.Juli 1992

GUTES WIRTSCHAFTLICHES EINVERNEHMEN
ZWISCHEN NATIONEN UNABDINGBAR
FÜR WELTFRIEDEN
Rede von Botschafter Seitz
LONDON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom amerikanischen Botschafter in Großbritannien,
Raymond G H . Seitz, am 22. Juni 1992 vor der London School of Economics gehaltene Rede im Wortlaut.

Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Jahre seit
Beendigung des Zweiten Weltkriegs ist die Verbreitung internationaler Organisationen und Institutionen.
Einige entstanden unmittelbar nach dem Krieg, um
sich mit den verheerenden Konsequenzen dieses
schrecklichen Konflikts zu befassen. Einige wurden
später ins Leben gerufen und hatten eher regionalen
CharaMer, jedoch eine ähnliche Struktur zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den Nationen.
Diese Institutionalisierung internationaler Angelegenheiten könnte sich als eine der dauerhaftesten Entwicklungen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erweisen. Insgesamt gesehen, ist sie einzigartig in unserem Zeitalter. Nach früheren Kriegen
wurden Imperien und Bündnisse häufig neu strukturiert, aber echte Institutionen gab es wenige. Das
europäische Konzert im neunzehnten Jahrhundert war
alles andere als symphonisch. Der Völkerbund war
von Anfang an hohl und endete als Farce.
Ich weiß nicht genau, warum unsere Nachkriegsgeneration sich als so geschickt beim Aufbau von Institutionen erwiesen hat. Vielleicht sitzt im tiefsten Inneren
der Seele des Menschen der konstante, pochende
Drang nach Besprechungen. Mit modernen Kommunikationsmitteln und Flugreisen ist dies heute in einer
nie dagewesenen Weise möglich.
Die größten 25 Flughäfen der Welt fertigen eine halbe
Milliarde Passagiere pro Jahr ab. Der amerikanische
Außenminister scheint die Hälfte seiner Zeit im Flugzeug zu verbringen, und Douglas Hurd müßte Ehrenpräsident des britischen Vielfliegerclubs sein. Um in
Washington oder Brüssel zu leben, bedarf es einer
besonderen Toleranz für Wagenkolonnen und Verkehrsstaus, da die Staats- und Regierungschefs der
Welt diese Städte konstant besuchen.
AMERIKA DIENST 26

Woodrow Wilson war der erste Präsident, der während
seiner Amtszeit amerikanischen Boden verließ. In
diesem Sommer werden sich der amerikanische Präsident und der britische Premierminister im Verlauf von
sechs Wochen viermal sehen - in Washington, in Rio,
in München und Helsinki.
Vielleicht spiegelt die Gründung internationaler Institutionen den Fortschritt der Demokratie auf der Welt
wider - so unterschiedlich oder stockend er auch sein
mag. Per definitionem fordert Demokratie, daß Menschen zusammenkommen, diskutieren, Kompromisse
schließen. In Demokratien gleich welcher Couleur
spielen die Regierungsbehörden heute eine größere
Rolle in unserem täglichen Leben als je zuvor und es
überrascht nicht, daß dieses innenpolitische Phänomen international Niederschlag findet. Und weil die
meisten dieser internationalen Organisationen demokratischen Charakter haben, sind sie solider, anpassungsfähiger und dauerhafter.
Viele dieser Institutionen reflektieren die in der Vergangenheit gezogenen Lehren. Wir haben beispielsweise
gelernt, daß wirkliche Sicherheit nicht leicht teilbar ist
und besser kollektiv als individuell gewährleistet wird.
Dies ist zweifelsohne die der NATO zugrundeliegende
Erkenntnis. Wechselseitige Sicherheit ist eine umfassend in die amerikanische Außenpolitik eingegangene
Lehre, und während wir jetzt vielleicht den Umfang
unseres internationalen Engagements anpassen, ist
es wenig wahrscheinlich, daß wir die Lektion als nicht
länger anwendbar verwerfen. Intuitiv hege ich den
Verdacht, daß dieser neue Multilateralismus der Sicherheit nicht zufällig mit einem anderen herausragenden Charakteristikum unseres Zeitalters zusammenfällt - der Entwicklung von Nuklearwaffen - das den
gesunden Menschenverstand der gemeinsamen Verteidigung unterstrichen hat.
Seite 1

�Andere auf die Stärkung des geographischen oder
historischen Zusammenhalts ausgerichtete Organisationen haben ihre eigenen Sekretariate und Tagesordnungen geschaffen: die Organisation für Afrikanische
Einheit OAU und die Organisation Amerikanischer
Staaten OAS, die Arabische Liga und das Commonwealth.
Die Zunahme internationaler Institutionen ist bei dem
globalen Streben nach internationalem Wohlstand
ebenso offenkundig. Hier können wir am besten
sehen, wie die internationalen Handels- und Finanzsysteme Früchte tragen, die aus den Ruinen des
Zweiten Weltkriegs enstanden sind. Die BrettonWoods-Abkommen, die Weltbank, der Internationale
Währungsfonds, das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen haben der Weltwirtschaft ein gemeinsames Vokabular verliehen. Andere Organisationen mit
begrenzterer Mitgliederzahl und enger umrissener
Zielsetzung wie etwa die OECD, der Verband Südostasiatischer Nationen ASEAN, die Karibische Gemeinschaft CARICOM und die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten ECOWAS sind vertraute Abkürzungen auf der internationalen Bühne. Mit
der Gründung der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBWE gibt es jetzt vier regionale
Entwicklungsbanken mit einem Gesamtkapital von 75
Milliarden Dollar.
Spezialisierte Behörden wie die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation in Montreal und die Internationale
Seeschiffahrts-Organisation in London oder die Internationale Atomenergie-Organisation in Wien regeln im
Stillen bestimmte Bereiche der Wirtschaftstätigkeit auf
internationaler Ebene und im Einklang mit einer Reihe
vereinbarter internationaler Regeln. Es scheint, daß
die Welt - was ein Engländer in seinen kühnsten
Träumen nicht zu hoffen gewagt hätte - plötzlich klubfähig geworden ist.
Das geschieht nicht ohne Probleme. Die Europäische
Gemeinschaft hat versucht, ihre internen Wirtschaftsangelegenheiten zum grö ßeren Nutzen aller Mitglieder
zu harmonisieren, und ihr politisches Prgramm hat
versucht, die Bedeutung nationaler Grenzen zu verwässern, die historisch gesehen dem europäischen
Kontinent soviel Kummer bereitet haben. Aber die
Vermischung verschiedener Souveränitäten kann eine
brüchige Legierung hervorbringen. Die Formel muß
genau richtig und die Temperatur entsprechend reguliert sein. Demokratien erfordern strukturelle Elastizität bei solchen Experimenten.
Ob Maastricht die richtige Formel ist oder nicht, müssen die EG-Mitgliedstaaten herausfinden. Als umfassenden Vorschlag haben die Vereinigten Staaten jedoch stets den Prozeß der europäischen Integration
unterstützt, in welcher Form und in welchem Tempo er
auch vereinbart werden kann, vorausgesetzt, der Prozeß
berücksichtigt die Interessen anderer fair und offen.

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So wie die Dinge jedoch liegen, steht die Europäische
Gemeinschaft bereits als die abenteuerlustigste dieser
neuen Organisationen da.
Während die Gemeinschaft nun ihren Weg durch all
diese Probleme sucht, hoffe ich, daß sie sich nicht allzu
sehr verzettelt oder nur mit sich selbst beschäftigt,
insbesondere bei den Themen, die von der britischen
Präsidentschaft angeschnitten wurden, wie etwa eine
Erweiterung der EG.
All diese Organisationen entstanden in einer Welt, die
durch den Kalten Krieg tief gespalten war. Einige
waren ein Ausdruck dieses Kampfes, andere gediehen
ihm zum Trotz. Aber alle entwickelten sich in einer
Welt mit einem mehr oder weniger gemeinsamen
Rahmen.
Obwohl er Gefahren und Schwächen barg, hatte der
Kalte Krieg den perversen Effekt, gemeinsame Bezugspunkte zu schaffen, eine Methode der Auswertung, und-zumindest für die Vereinigten Staaten-eine
Analyse für das erforderliche Vorgehen vorzunehmen.
Marktwirtschaften bildeten ein Gegengewicht zu Planwirtschaften und Demokratien zu totalitären Regimen.
Darüber hinaus förderte der Kommunismus seine eigene
ideologische Universalität in dem Wissen, wie sehr die
Menschheit versucht ist, Schlangengift als Heilmittel
für alle Gebrechen zu kaufen. Weil die Spaltung so tief
war, vereinfachte sie die Strukturen der Politik und trug
zur Erklärung ansonsten komplexer Gegebenheiten
der Welt bei.
All dies ist jetzt Vergangenheit. Der Kommunismus
löste sich dank seiner eigenen moralischen Korruption
und Unfähigkeit auf. Aber während wir triumphierend
den Kalten Krieg hinter uns ließen, gaben wir auch das
Grundmuster unserer Denkweise auf. Selbst das
Grundvokabular der Vergangenheit - Begriffe wie "die
Sowjetunion" und "Neutralität", "blockfrei" und "Dritte
Welt" - bedarf der Überarbeitung. Statt Klarheit haben
wir Doppeldeutigkeit und eine einigende Bedrohung
wurde durch eine verschwommenere Welt ersetzt, die
vielleicht für uns eine weniger unmittelbare Bedrohung
birgt, jedoch auch weniger sicher und berechenbar ist.
Die alte Welt enthielt eine perverse Ordnung, in der
wenige Regeln als verläßlich angesehen werden konnten und praktisch unveränderlich waren. Darüber
hinaus hatte die alte Welt eine eindeutig moralische
Dimension, die in vertrauten Begriffen artikuliert wurde, und uns wie auch immer ein Gefühl der Verantwortung und des Pflichtbewußtseins verlieh.
Der Zusammenbruch des alten Gefüges vollzog sich
so plötzlich und vollständig, daß die Staubwolken die
Zukunft vernebeln. In den Vereinigten Staaten, die
sich inzwischen seit langem an ein umfassendes
Engagement in den entferntesten Bereichen internationaler Angelegenheiten gewöhnt haben, produzieren

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�die Ministerien und renommierten Denkfabriken gedankenschwere Studien und gelehrte Artikel als hastiges Gerüst für ein schwankendes internationales
Gebäude.
Mit dem Ende des Kalten Kriegs haben wir einen
Kontext verloren und noch keinen angemessenen
Ersatz gefunden. Man kann ohne Übertreibung sagen,
daß wir alle entschlossen sind, das Ende des Kalten
Kriegs nicht zu einer Rückkehr zu vergangenen Zeiten
werden zu lassen - was Yogi Berra, der große Philosoph des amerikanischen Baseball als "neues Dejavu-Erlebnis" bezeichnet hat. Nur Narren würden eine
Rückkehr zu der Vorkriegszeit des konkurrierenden
Nationalismus, geizigen Protektionismus und des
Aufstiegs eines totalitären Imperialismus wünschen,
als wäre der Kalte Krieg ein Irrweg gewesen, von dem
wir keine dauerhaften Lehren oder einen Nutzen ziehen können.
Und hier möchte ich zu der Vielzahl internationaler
Institutionen zurückkommen, die während des Kalten
Kriegs entstanden und eines der großen Vermächtnisse dieser Ära sind. Während wir versuchen, den
Globalismus neu zu definieren und seine plötzliche
Abwesenheit auszugleichen, könnte es sich als nützlich erweisen, hier zu beginnen.
Der erste Gedanke gilt den Vereinten Nationen, einer
anfänglich so vielversprechenden Institution, die durch
die Dichotomie des Kalten Kriegs so rasch frustriert
wurde. Trotz ihrer über Jahrzehnte hinweg offenkundigen Mängel haben sich die Vereinten Nationen als
das einzige Forum der Welt mit anerkannter Legitimität
zur Beilegung von Konflikten erwiesen, zumindest
dann, wenn sich die Parteien geeinigt haben, daß eine
Beilegung wünschenswert ist. Und während Vasallentum der Großmächte in internationalen Angelegenheiten jetzt weniger charakteristisch ist, hat sich der
Handlungsspielraum für UN-Aktionen erweitert.
Dies konnten wir in Angola, Nicaragua und Afghanistan und dem riskanten Unternehmen in Kambodscha
beobachten. Auch der Wegfall sowjetischer Vasallen
hat somit den Weg für die freimütige Reaktion auf die
irakische Invasion in Kuwait bereitet. Selbst wo Staaten dem Willen der internationalen Meinung widerstanden haben, hat die UN durch konzertierte Sanktionen
- gegen Libyen, Jugoslawien und erneut den Irak rasch Druck ausgeübt, obwohl es nicht sicher ist, ob er
den gewünschten Effekt hat. Zumindest herrscht in
den Vereinten Nationen ein neuer Geist, eine neue
Bereitschaft zu handeln und ein neues Potential.
Dennoch bestehen weiterhin strukturelle Mängel.
Friedenssicherung ist ein teures Unterfangen, und die
Außenstände bei den Vereinten Nationen belaufen
sich bereits auf 1 Milliarde Dollar - mein Land ist einer
der Delinquenten, obwohl wir mit 30 Prozent der
Rechnung für die Friedenssicherung bei unseren

AMERIKA DIENST 26

Verpflichtungen aufholen. Während sich der Verantwortungsbereich der UN erweitert, werden unsere
Ressourcen jedoch knapper.
Die Frage ist angebracht, ob die ständige Mitgliedschaft im Sicherheitsrat die Realitäten der neuen Welt
in angemessener Weise widergibt. Es scheint widersprüchlich, von Japan größere Verantwortung für die
Verwaltung des internationalen Systems zu erwarten,
wenn ihm ein ständiger Sitz in diesem zentralen Rat
verweigert wird. Und wenn Deutschland aufgenommen würde, wäre es merkwürdig, daß Europa vier
ständige Sitze zugeteilt würden.
Die Vereinten Nationen werden sich weiterhin mit der
Frage beschäftigen, wie ihr Mandat die inneren Angelegenheiten eines Staates beeinflussen kann oder
sollte und, falls ja, nach welchen Normen und unter
welchen Umständen es einzusetzen ist. In diesem
Bereich wurden einige wichtige Fortschritte erzielt,
insbesondere bei der vorherrschenden Meinung, daß
Souveränität nicht länger automatisch Immunität
gewährt, wenn die Menschenrechte von Einzelpersonen oder Minderheiten auf ungeheuerliche Art und
Weise verletzt werden.
Dies ist unsicheres Terrain, aber in dieser turbulenten
neuen Welt ist es ebenso wahrscheinlich, daß Konflikte und Auseinandersetzungen im Inland dem Charakter nach ebenso mörderisch sind wie grenzüberschreitende. Die Formalität einer Grenze wird wahrscheinlich für das Problem der Ordnung ebenso wenig Relevanz besitzen wie die technische Unterscheidung
zwischen Vertriebenen und Flüchtlingen zunehmend
als künstlich erscheint. Während wir unseren Weg in
die neue Welt ertasten, wird die institutionelle Anpassungsfähigkeit der Vereinten Nationen entscheidend
für eine neue Ordnung sein.
Mit dem Ende des Kalten Krieges müssen auch die
Sicherheitsarrangements, die uns in der Vergangenheit solch gute Dienste geleistet haben, einer tiefgreifenden Umstrukturierung unterzogen werden. Der
Warschauer Pakt allerdings ist ohne Salut abgetreten.
Für den Westen ist Sicherheit heutzutage wesentlich
schwieriger zu definieren. Die monolithische Bedrohung der Vergangenheit ist zerbrochen, und mit ihr ist
auch die schreckliche Aussicht auf einen nuklearen
Holocaust verschwunden, die während des Kalten
Krieges wie ein Damoklesschwert über uns schwebte.
Das vergangene Woche zwischen Präsident Bush und
Präsident Jelzin vereinbarte Rüstungskontrollabkommen bedeutet eine echte strategische Revolution.
In den Vereinigten Staaten findet bereits eine Debatte
über unser künftiges sicherheitspolitisches Profil statt.
Extreme Optionen werden mit Publizität bedacht, aber
diese liegen außerhalb der Bereiche, in denen Entscheidungen gefällt werden. Der Präsident hat einen

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�vernünftigen Plan vorgelegt, um unsere Streitkräftestruktur in den nächsten fünf Jahren um 25 Prozent zu
verringern, und ein Großteil dieses Abbaus ist bereits
im Gange. Jede Woche verlassen eintausend amerikanische Soldaten Europa. Im Pazifik wurde der
Luftwaffenstützpunkt Clark geräumt, und Subic Bay
wird nächstes Jahr endgültig geschlossen. Wir sind
jedoch ein Land der zwei Ozeane, und der grö ßere Teil
dieser Reduzierungen wird auf unsere Landstreitkräfte
entfallen, während die globale Reichweite unserer
Marine und Luftwaffe aufrechterhalten wird.
Während wirdieses Unterfangen fortsetzen, ist uns ein
sicherheitspolitisches Thema bewußt geworden, das
allen unseren Diskussionen gemeinsam zu sein scheint,
nämlich, daß die amerikanische Präsenz in Übersee
stets eine Art von unausgesprochener Stabilität geliefert hat, die nicht von einer äußeren Bedrohung abhing
und daß eine anhaltende amerikanische Präsenz selbst
auf reduziertem Niveau wünschenswerter Bestandteil
der demokratischen Ordnung in einer Periode ist, in
der die Machtverhältnisse so sehr im Fluß sind und in
der sich die Beziehungen zwischen den Ländern verlagern.
Diese Botschaft vernehmen wir sowohl in Europa als
auch in Asien. Da regionale Sicherheitsbeziehungen
in der neuen Welt noch nicht fest verankert sind,
werden die Vereinigten Staaten als eine Art Sicherheitskompaß betrachtet, der allein durch seine Anwesenheit in einer fließenden Periode des Wandels Stabilität und Zusammenhalt bieten kann. Dies ist eine
Rolle, die unserer Öffentlichkeit schwer zu vermitteln
und gegenüber unserem Kongreß schwer zu rechtfertigen ist.
Ebenso besteht jedoch in Amerika selbst keine Neigung dazu, den Weltpolizisten zu spielen, der die
internationalen Gassen auf Wacht gegen die neuen
Hooligans und Wegelagerer unserer Zeit patrouilliert.
Es gibt eine weitverbreitete Annahme, demzufolge die
Vereinigten Staaten als verbleibende Supermacht der
Welt heute mehr Spielraum für einseitiges Handeln zur
Erlangung sicherheitspolitischer Ziele haben. Meines
Erachtens trifft jedoch eher das Gegenteil zu, nämlich,
daß multilaterales Vorgehen verstärkt zur Vorbedingung amerikanischen Handelns wird, sei es nun von
den Vereinten Nationen, regionalen Organisationen
oder Ad-hoc-Koalitionen sanktioniert wie im Falle des
Golfkrieges. Alleingänge werden für Amerika weniger
und nicht mehr Anziehungskraft haben.
Mit der Entwicklung alternativer aber ergänzender
Sicherheitssysteme baut Europa bereits auf einer starken
institutionellen Basis für diese neue Welt auf und
scheint auf dem richtigen Weg zu sein, um einen
multilateralen Ansatz in der Sicherheitspolitik zu gewährleisten. Die NATO, die für eine fortdauernde
amerikanische Präsenz entscheidend bleibt, hat ihren
Aktionsradius durch den neuen Kooperationsrat mit

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den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten nach Osten
erweitert. Die Westeuropäische Union wird mit Substanz angefüllt, damit ein gänzlich europäischer Mechanismus unabhängig funktionieren kann, ohne
die Grundfesten der NATO auszuhöhlen. Das konzeptionell verschwommenere deutsch-französische Korps
könnte ebenfalls hier eingepaßt werden. Und die neu
vereinbarten Beziehungen zwischen der NATO und
der KSZE mögen zwar noch genauerer Definition
bedürfen, aber sie sind ein bemerkenswerter Schritt
zur Anpassung der europäischen Sicherheitsinstitutionen an das Umfeld nach dem Kalten Krieg.
Diese Weiterentwicklung von Organisationen deutet
darauf hin, daß Europa zumindest ein Spektrum von
Sicherheitsinstrumenten zur Verfügung stehen wird,
das in flexiblen Kombinationen eingesetzt werden kann,
um speziellen Erfordernissen gerecht zu werden, entweder der Friedensbewahrung oder sogar der Schaffung von Frieden innerhalb und außerhalb Europas.
Aber während wir all diese glänzenden neuen Utensilien auf den europäischen Sicherheitstjsch legen, bedarf
es lediglich eines Blicks über die Schulter auf die
Brutalität und Barbarei in Bosnien, um sich zu fragen,
ob diese Institutionen bereits gerüstet sind, um die Art
von Konflikten effektiv zu lösen, mit denen Europa in
den kommenden Jahren voraussichtlich konfrontiert
sein wird.
Kein Ereignis hat das Ende des Kalten Krieges so
dramatisch unterstrichen wie der Beitritt der Bestandteile der ehemaligen Sowjetunion zu den internationalen Finanzinstitutionen. Von allen internationalen
Gremien, die in unserer Generation geschaffen wurden, sind die Weltbank und der Internationale Währungsfonds entscheidende Mittel zur Überwindung der
zahlreichen Teilungen der Vergangenheit. Dauerhafte
politische Reformen in den riesigen Gebieten der
eurasischen Landmasse werden in starkem Maß vom
Erfolg ihrer wirtschaftlichen Umgestaltung abhängen.
Bank und Fonds sind nie zuvor auf Herausforderungen
von solchen Dimensionen oder Erwartungen solchen
Ausmaßes gestoßen.
Doch die internationalen Finanzinstitutionen geraten
häufig in eine ausweglose Situation: was wirtschaftlich
erforderlich ist, wird politisch nicht umgesetzt, und was
politisch umgesetzt wird, kann wirtschaftlich unzureichend sein. Besonders der IWF sieht sich häufig dem
klassischen Dilemma von Botschaft und Überbringer
ausgesetzt, und dies könnte sich auch wiederum im
Osten erweisen. Tatsache ist, wenn Regierungen eine
Verzögerungstaktik anwenden, verschieben sie lediglich die Anpassungen, die unvermeidlich so oder so
kommen müssen. Angesichts des durch den Zusammenbruch der Sowjetunion geschaffenen enormen
Vakuums hat der IWF seinen Wirkungsbereich mit
echter Flexibilität und Phantasie erweitert, aber letzten
Endes ist es doch der politische Wille in den neuen
Republiken, der über ihre Zukunft entscheidet.

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�Ebenso wichtig ist es, daß diese Finanzinstitutionen
nicht zu einem Vehikel für eine Art internationaler
Sozialhilfe werden oder Gremien, die lediglich als
Kanäle für den ewigen Transfer von Ressourcen betrachtet werden. Für reich und arm gleichermaßen
besteht der Weg nach vorn in dauerhafter Entwicklung
und Wachstum. Weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene gibt es einen erfolgreichen Ersatz für
den Privatsektor, und die Rolle dieser Institutionen
muß darin bestehen, schwache Volkswirtschaften zu
stabileren Wachstumsmustern hinzuführen - durch
Zahlungsbilanzhilfe, Schuldenmanagement und Strukturkredite - und nicht zu einem System bodenloser
Abhängigkeit.
Und damit kommen wir zu einer der bemerkenswertesten Maßnahmen der Globalisierung in der Nachkriegszeit. Zwischen 1960 und 1990 stieg die Weltproduktion um das Dreifache. Die Vermögenswerte der
führenden 100 multinationalen Unternehmen belaufen
sich auf rund 3,2 Billionen Dollar, und sie beschäftigen
etwa 14 Millionen Menschen. Die führenden fünfzig
internationalen Banken halten insgesamt Vermögenswerte von etwa 10 Billionen Dollar, und der Wert des
Welthandels ist von rund 60 Milliarden Dollar im Jahr
1950 auf nahezu 3,5 Billionen Dollar im Jahr 1990
gestiegen. Telekommunikation und Informationstechniken haben ein neues ineinandergreifendes weltweites Netz geschaffen, und heute gibt es eine sichtbare
Gemeinschaft des weltweiten Finanzwesens und
weltweit operierender Unternehmen, in denen die
Nationalität aus unternehmerischer Sicht keine Rolle

spielt.
Das Verhältnis zwischen Handel und Wachstum und
die rapide Internationalisierung der Märkte könnten
nicht drastischer vor Augen geführt werden. Allein für
die Vereinigten Staaten ist das Exportvolumen seit
Mitte der achtziger Jahre um 13 Prozent jährlich gestiegen. Dreißig Prozent unserer landwirtschaftlichen
Produkte und 20 Prozent unserer Industrieerzeugnisse gehen heute nach Übersee. Wir sind heute die
größte Handelsnation der Welt.
Dieses Phänomen ist zum größten Teil der vielleicht
zähesten aller internationalen Institutionen zu verdanken: dem GATT. Seit seiner Gründung im Jahr 1947
sind die Durchschnittszölle von rund 40 Prozent auf 5
Prozent gesunken. Von den zahlreichen im Lauf der
Jahrzehnte quälend ausgehandelten Runden ist keine
lebenswichtiger oder ehrgeiziger als die laufende
Uruguay-Runde.
Ihr Ziel ist nicht allein der weitere Abbau existierender
Schranken, sondern die Einbeziehung jener expandierenden Sektoren des Handels unter dieses multilaterale Dach der Handelsregeln, die aus dem System
herausgefallen sind, was insbesondere auf Dienstleistungen zutrifft, sowie Ausgleich oder Beseitigung von
Verzerrungen im internationalen Handel, die grund-

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sätzlich innenpolitischer Natur sind, insbesondere der
Agrarsubventionen. Die Verantwortung liegt hier im
großen und ganzen bei den Vereinigten Staaten, der
Europäischen Gemeinschaft und Japan, die zusammengenommen zwei Drittel des Bruttosozialprodukts
der Welt und 61 Prozent des Welthandels repräsentieren.
Bei einem Scheitern der Uruguay-Runde würde eine
besondere Gelegenheit für überproportionales Wachstum der Weltwirtschaft verpaßt. Noch schwerer wiegt,
daß die Welt sich dann sicherlich auf den abschüssigen Weg von Gegenmaßnahmen und Vergeltung
begeben würde, da die Staaten dann einseitige Maßnahmen zur Bewältigung multilateraler Probleme ergreifen würden. Kein einzelner Schritt könnte mehr als
eine erfolgreiche Uruguay-Runde leisten, um die Vielzahl der Themen positiv zu beeinflussen, die heute die
Kommentarseiten unserer Zeitungen beherrschen:
Wachstum in den Entwicklungsländern, Sicherstellung politischer Reformen im Osten, der Umgang mit
der Umwelt, Aufrechterhaltung der Verteidigungshaushalte, Beendigung der weltweiten Rezession und so
weiter. Die Uruguay-Runde bietet eine Gelegenheit,
die nicht von äußeren Faktoren abhängt. Sie ist für
unsere politischen Entscheidungsträger in greifbare
Nähe gerückt.
Wenn wir diese reichhaltige institutionelle Landschaft
betrachten, müssen wir sorgfältig die Möglichkeit eines Bruchs zwischen unseren gemeinsamen sicherheitspolitischen und unseren gemeinsamen ökonomischen Zielen beachten. Während des Kalten Krieges
wurden Wirtschaftsinteressen häufig zugunsten dringenderer sicherheitspolitischer Fragen verdrängt oder
letzteren untergeordnet. Heute jedoch ist Wohlstand
zu einer vordringlichen Definition von Sicherheit geworden.
Wenn wir auf der einen Seite danach streben, Einflußbereich und Legitimität unserer multilateralen Sicherheitsinstitutionen, beispielsweise in der NATO oder
der UNO - zu erweitern und auf der anderen Seite
einseitige Vorteile in Handelsfragen suchen - zum
Beispiel im GATT oder in separaten Sonderabkommen -, werden wir wahrscheinlich das Fundament
eines neuen internationalen Rahmens untergraben.
Die natürliche Spannung zwischen multilateraler Sicherheits- und einseitiger Wirtschaftspolitik kann nicht
schadlos fortbestehen.
Die internationalen Institutionen, die seit dem Kriege
enstanden sind, geben uns ein Forum zur Aussöhnung
dieser Interessen oder zumindest zur Bewältigung von
Meinungsverschiedenheiten. Sie sind kein Ersatz für
nationales Interesse oder nationale Bestrebungen.
Sie sind nicht perfekt und können im großen und
ganzen nicht mehr zum Ausdruck bringen als den
kollektiven Willen der beteiligten Staaten. Bisweilen
können sie zu überheblich und zu isoliert von der

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�Öffentlichkeit sein, der zu dienen sie geschaffen wurden, und manchmal können sie eine Entschuldigung
für Untätigkeit sein.
Und doch ist dieses institutionelle Phänomen ein
besonderes Merkmal unserer Zeit. Gemeinsam kön-

nen diese Organisationen als Gegengewicht zu der
beunruhigenden Wiederkehr politischer Zersplitterung
und ethnischen Chauvinismus' dienen. Gemeinsam
können sie Normen für eine bessere, sicherere Welt
s c n a f fen, u n d gemeinsam können sie zwischen uns
u n d e j n e m w e j t e r e Deja-vu-Erlebnis stehen.

* * * * *

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�SOZIALES
I.Juli 1992

SOZIALGESETZGEBUNG SPIEGELT PRINZIPIEN
DER GRÜNDERVÄTER WIDER
Großer Anteil des US-Haushalts entfällt auf Sozialausgaben
WASHINGTON - (AD) - "Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich
geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß
dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören..."

Diese von Thomas Jefferson so beredt in der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 zum Ausdruck
gebrachten Konzepte gehörten zu den Leitprinzipien
der Amerikanischen Revolution.
In den folgenden Jahren wurden sie zum integralen
Bestandteil amerikanischen Lebens und amerikanischer Kultur. Es war die Achtung solcher Prinzipien,
die der Abschaffung der Sklaverei, dem Verbot der
Kinderarbeit und sowohl der Gewerkschafts- als auch
der Bürgerrechtsbewegung den Weg bereiteten.
Heute finden die von Jefferson dargelegten Ideale
darüber hinaus in einem breiten Spektrum von Sozialversicherungsprogrammen ihren Niederschlag, die
gemeinsam ein Sicherheitsnetz schaffen, das die meisten Amerikaner vor den von Präsident Franklin Roosevelt so genannten "Risiken und Wechselfällen des
Lebens" schützt.
Viele dieser Programme entstammen dem historischen Sozialversicherungsgesetz von 1935, das auf
dem Höhepunkt der Großen Depression von Roosevelt und dem Kongreß verabschiedet wurde, um Arbeitnehmer oder deren Familien vor Einkommensverlust aufgrund von unverschuldeter Arbeitslosigkeit,
Eintritt in den Ruhestand, Invalidität oder Tod abzusichern.
Zu den Programmen, die seit damals erfolgreich fortgesetzt wurden, gehören die Renten- und Berufsunfähigkeitsversicherung, die Arbeitslosenversicherung für
diejenigen, die ohne eigenes Verschulden ihren Arbeitsplatz verlieren, Zuschüsse für Einkommensschwache, Senioren und Behinderte, die keinen Rentenanspruch vorweisen können sowie die Hilfe für Familien
mit unterhaltsberechtigten Kindern.

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Roosevelt war zu Recht davon ausgegangen, daß
diese Programme dazu beitragen würden, die Auswirkungen künftiger Rezessionen abzuschwächen, indem sie amerikanischen Arbeitnehmern und deren
Familien eine Grundversorgung zur Verfügung stellten, die "die Höhen und Tiefen von Inflation und
Deflation ausgleichen" würde.
Allein die Ausgaben für die Rentenversicherung betragen heute 25 Prozent des Bundeshaushalts. Im Jahr
1992 werden schätzungsweise 41 Millionen Amerikaner Rentenversicherungszahlungen in Gesamthöhe
von 285 Milliarden Dollar erhalten.
Die meisten amerikanischen Arbeitnehmer, die arbeitslos werden, können Arbeitslosengeld beantragen, das für gewöhnlich ein Drittel bis die Hälfte ihres
letzten Einkommens beträgt und bis zu 26 Wochen
lang gezahlt wird. In Zeiten außergewöhnlich hoher
Arbeitslosigkeit können diese Leistungen abhängig
vom Ausmaß der Arbeitslosigkeit im Heimatstaat oder
am Wohnort des Arbeitslosen um weitere 13 bis 26
Wochen verlängert werden.
Im Jahr 1991, dem letzten statistisch vollständig erfaßten Jahr, erhielten schätzungsweise 10,4 Millionen
Amerikaner Arbeitslosengeld in Gesamthöhe von 25,3
Milliarden Dollar.
Zuschüsse für Einkommensschwache (SSI) werden in
Form fester monatlicher Bargeldleistungen für Kinder
und Erwachsene gewährt, die arbeitsunfähig oder
blind sind und festgelegte Einkommens- und Vermögensgrenzen nicht überschreiten.
Im Jahr 1991 erhielten etwa 4,9 Millionen Amerikaner
SSI-Leistungen des Bundes in Gesamthöhe von über
15,7 Milliarden Dollar, während die einzelnen Bundes-

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�Staaten weitere Dienstleistungen und Bargeldzahlungen von rund 3,8 Milliarden Dollar gewährten.
Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern
(AFDC), allgemein als "Sozialhilfe" ("Weifare") bezeichnet, unterstützt Familien, in denen ein Elternteil
verstorben ist, die Familie verlassen hat, arbeitsunfähig geworden ist oder - in rund der Hälfte der 50
Bundesstaaten - arbeitslos geworden ist.
Im Jahr 1991 erhielten etwa 12,5 Millionen Amerikaner
AFDC-Leistungen im Gesamtwert von 20 Milliarden
Dollar. Darin sind Lebensmittelmarken, medizinische
Leistungen und Wohngeld nicht enthalten.
Weitere amerikanische Sozialhilfeprogramme haben
ihre Wurzeln in Präsident Johnsons "Krieg gegen die
Armut" Mitte der sechziger Jahre. Zu dieser Kategorie

gehören die Krankenversicherung für Senioren und
Behinderte (Medicare), die Krankenversicherung für
Einkommensschwache (Medicaid), Sozialwohnungen
für Einkommensschwache, Head Start, das Vorschulkindern aus Familien, in denen das Einkommen unter
der vom Bund jedes Jahr festgelegten Armutsgrenze
liegt, nahrhafte Mahlzeiten und Betreuung zur Verfügung stellt sowie kostenlose oder preisreduzierte
Frühstücks- und Mittagsmahlzeiten für Kinder, die
öffentliche Schulen besuchen.
Das US-Gesundheitsministerium schätzt, daß im Jahr
1991 etwa 35 Millionen Amerikaner Medicare-Leistungen im Gesamtwert von 113 Milliarden Dollar in Anspruch nahmen. Im selben Jahr erhielten 27,5 Millionen Medicaid-Leistungen im Gesamtwert von 89 Milliarden Dollar.

* * * * *

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�UMWELT
1. Juli 1992

DAS MEINUNGSBILD ZU UMWELTFRAGEN
IN 22 LÄNDERN
Ergebnisse amerikanischer Meinungsumfragen
WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgend veröffentlichte Zusammenfassung gibt einen Überblick über Ergebnisse von Meinungsumfragen, die im Auftrag von Gallup von Januar bis März 1992 in 22 Ländern durchgeführt
wurden.
Besorgnis über Umwelt am größten in Rußland
und Polen
Die Besorgnis über Umweltprobleme wurde in nahezu
jedem Land von wirtschaftlichen Sorgen übertreffen.
Eine Ausnahme bilden die Niederlande, in denen
umweltpolitische Anliegen überwogen.
Gallup stellte Teilnehmern in jedem Land acht getrennte Fragen, um die unterschiedlichen Facetten ihrer
Besorgnis über Umweltprobleme zu messen. So
bewerteten in Rußland und Polen vier Fünftel der
Befragten die Umwelt in ihrem Land als "schlecht" und
gaben an, dies habe nachteilige Auswirkungen auf ihre
Gesundheit. Dagegen hatte nurein Fünftel der Befragten in Dänemark, Norwegen und Finnland diese Besorgnis.

Amerikaner brachten mehr Besorgnis über die Umwelt
zum Ausdruck als die Bürger der meisten anderen
untersuchten Industriestaaten oder die Befragten in
einigen Entwicklungsländern. (US-Öffentlichkeit: 46
Prozent gaben an, die Umwelt ihres Landes sei "schlecht",
67 Prozent erklärten, Umweltprobleme wirkten sich
zumindest "ziemlich stark" auf ihre Gesundheit aus.)
Wasserverschmutzung und Verlust von Regenwäldern gelten als Hauptprobleme
Gallup bat die Teilnehmer in jedem Land, die Bedeutung von sieben "die Welt als Ganzes" betreffenden
Umweltproblemen zu gewichten. Nachfolgend der
Durchschnittsprozentsatz aller 22 Länder derjenigen,
die mit "besonders schwerwiegend" antworteten:
Umweltprobleme der Welt

Insgesamt ist die Besorgnis über Umweltprobleme
innerhalb der untersuchten ehemaligen kommunistischen Länder (Rußland, Polen, Ungarn) größer als in
acht Entwicklungsländern (Brasilien, Chile, Indien,
Mexiko, Philippinen, Südkorea, Türkei und Uruguay)
and wesentlich stärker als in 11 Industriestaaten
(Vereinigte Staaten, Dänemark, Deutschland, Finnland, Großbritannien, Irland, Japan, Kanada, Niederlande, Norwegen, Schweiz), in denen Gallup Umfragen durchführte.
So gaben in den ehemaligen kommunistischen Staaten 83 Prozent der Befragten an, die Umwelt in ihrem
Land sei "sehr schlecht" oder "ziemlich schlecht",
während in den Entwicklungsländern 54 Prozent und in
den Industriestaaten 30 Prozent diese Meinung vertraten. In den ehemals kommunistischen Staaten meinten darüber hinaus 75 Prozent, Umweltprobleme wirkten sich "sehr stark" oder "ziemlich stark" auf ihre
Gesundheit aus, während dies nur auf 63 Prozent in
den Entwicklungsländern und 39 Prozent in den Industriestaaten zutraf.
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Durchschnittswert für
22 Länder
(% "besonders schwerwiegend")

Verlust von Regenwäldern und Dschungeln 68%
Verschmutzung von Flüssen, Seen
und Meeren

66%

Luftverschmutzung und Smog

62%

Zerstörung der Ozonschicht

62%

Verlust von Tier- und Pflanzenarten

57%

Treibhauseffekt

53%

Bodenerosion, Landverschmutzung
und Verlust von Ackerflächen

52%

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�Die als besonders schwerwiegend eingestuften Probleme unterschieden sich je nach Art des Landes, in
dem die Erhebung durchgeführt wurde.
So wurde in den Industriestaaten der Schwund der
Regenwälder als wichtigstes Problem betrachtet, gefolgt von Wasserverschmutzung und dem Abbau der
Ozonschicht. In den Entwicklungsländern gab die
Mehrheit an, das schwerwiegendste Problem sei die
Luftverschmutzung, während der Schwund der Regenwälder und die Wasserverschmutzung auf den
Plätzen zwei und drei folgten. In den ehemals kommunistischen Staaten wiederum stand an erster Stelle die
Wasserverschmutzung, gefolgt von Luftverschmutzung und dem Schwund der Regenwälder.
Industrie- und Entwicklungsländer werden gleichermaßen verantwortlich gemacht
Die Bürger reicher und armer Länder vertraten keine
gegensätzlichen Meinungen zu der Frage wer "mehr
für die heutigen Umweltprobleme der Welt verantwortlich ist". Nahezu keine der von Gallup befragten
Bevölkerungsgruppen wies die Schuld hauptsächlich
der "anderen Seite" zu.
In lediglich einem von acht untersuchten Entwicklungsländern, nämlich der Türkei, vertrat eine
Mehrheit der Befragten die Meinung, die Industriestaaten seien hauptsächlich für die weltweiten Umweltprobleme verantwortlich. In sechs Entwicklungsländern
wurden Entwicklungsländer und Industriestaaten
überwiegend als "gleich verantwortlich" betrachtet. In
Südkorea hielt die Mehrheit die Entwicklungsländer
selbst für verantwortlich.
In fünf von elf untersuchten Industriestaaten
(Dänemark, Deutschland, Finnland, den Niederlanden
und Norwegen) machte die Öffentlichkeit hauptsächlich die Industriestaaten für die heutigen Umweltprobleme der Welt verantwortlich. In den anderen sechs
Industriestaaten (darunter die Vereinigten Staaten)
wies die Öffentlichkeit den Industriestaaten und den

*

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Entwicklungsländern ein gleiches Maß an Schuld zu.
Insgesamt waren die Befragten in den Industriestaaten eher als die in anderen Ländern bereit, die Industriegesellschaften für weltweite Umweltprobleme
verantwortlich zu machen.
Unterschiedliche Meinungen über die erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der Umwelt
Es überrascht nicht, daß der Abbau der Schulden von
den Entwicklungsländern stärker unterstützt wurde als
von den Industrienationen. Gleichzeitig "befürwortete"
eine eindeutige Mehrheit in den meisten Entwicklungsund Industrieländern "stark" die Bereitstellung von
Informationen zu Umweltschutz und Familienplanung
in sich entwickelnden Gesellschaften. Die ehemaligen
kommunistischen Länder waren dem Informationsaustausch zu Familienplanung am wenigsten geneigt.
In allen Ländern wurden die Befragten um ihre Stellungnahme zu unterschiedlichen Aktionen der Industrienationen zum Schutz der Umwelt in den Entwicklungsländern gebeten.
Folgende Maßnahmen der Industrienationen zum Schutz
der Umwelt in den Entwicklungsländern wurden "stark
befürwortetet": Bereitstellung von Ausbildungsmaterial: in den Industrienationen von 61 %, in den Entwicklungsländern von 75%, in den ehemaligen kommunistischen Ländern von 56%. Bereitstellung von Geräten und Technologie zur Kontrolle der Umweltverschmutzung: in den Industrienationen von 53%, in den
Entwicklungsländern von 73%, in den ehemaligen
kommunistischen Ländern von 62%. Bereitstellung
von Informationen über Familienplanung zur Verringerung der Geburtenrate: in den Industrienationen von
57%, in den Entwicklungsländern von 61%, in den
ehemaligen kommunistischen Ländern von 33%. Erlaß von Schulden der Entwicklungsländer und Verwendung dieser Gelder zum Schutz der Umwelt: in
den Industrienationen von 34%, in den Entwicklungsländern von 64%, in den ehemaligen kommunistischen
Ländern von 44%.

* * *

*

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�AIDS
I.Juli 1992

AIDS HINDERNIS FÜR ENTWICKLUNG
Auszüge aus dem AIDS-Jahresbericht des USAID
WASHINGTON - (AD) - Dem US-Amt für Internationale Entwicklung (USAID) zufolge ist das HIV-Virus, das
AIDS-Erkrankungen verursacht, zur Pandemie geworden und zeitigt die schwersten Auswirkungen in den
Entwicklungsländern.
In einem am 19. Juni 1992 veröffentlichten Bericht des USAID an den Kongreß wird festgestellt, AIDS sei "nicht
nur eine massive Herausforderung an das öffentliche Gesundheitswesen, sondern auch eine ernste Bedrohung
kontinuierlicher sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung".
Der Bericht prognostiziert, daß bis zum Jahr 2000 40 Millionen Menschen mit dem Hl V-Virus infiziert sein werden,
über dreimal soviel wie die 12 Millionen Infizierten des Jahres 1991.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Zusammenfassung des USAID-Berichts im Wortlaut.
Vor einem Jahrzehnt praktisch unbekannt, hat sich
HIV/AIDS heute zur Pandemie entwickelt. Die Entwicklungsländer sind davon am stärksten betroffen. In
zahlreichen Entwicklungsländern ist AIDS nicht nur
eine massive Herausforderung an das öffentliche
Gesundheitswesen, sondern auch eine ernste Bedrohung kontinuierlicher sozialer und wirtschaftlicher
Entwicklung.

das USAID weltweit voraussichtlich 400 Millionen Dollar
für HIV/AIDS-Präventionsmaßnahmen ausgeben.
Die in den vergangenen vier Jahren vor Ort durchgeführten USAID-Maßnahmen und Forschungsarbeiten
haben gezeigt, daß für die Reduzierung der Verbreitung von HIV durch Geschlechtsverkehr erforderliche
Verhaltensänderungen durch geeignete Interventionen verwirklicht werden können.

HIV-Infektionen und AIDS-Fälle
(geschätzte Gesamtzahl in Millionen)
1989 1991 2000 (Prognose)
HIV-Infektionen

6,0

12,0 40,0

AIDS-Fälle

0,6

2,0 10,0

a) nur Erwachsene, alle anderen Zahlen beziehen sich
auf Erwachsene und Kinder.
Das USAID engagiert sich seit 1987 für die Prävention
und Kontrolle von HIV/AIDS. Es hat bei der HIV-AIDSPrävention in über 70 Entwicklungsländern Pionierarbeit geleistet und dort über 700 Interventionsmaßnahmen eingeleitet.
Seit 1987 hat das USAID rund 358 Millionen Dollar für
Maßnahmen zur AIDS-Prävention durch bilaterale Hilfe,
Unterstützung des globalen AIDS-Programms der
Weltgesundheitsorganisation sowie Unterstützung für
basisorientierte und andere Nichtregierungsorganisationen ausgegeben. In den nächsten fünf Jahren wird

AMERIKA DIENST 26

Schätzungsweise 12 Millionen Erwachsene etwa einer von 250 Erwachsenen weltweit - sind
mit HlV-infiziert. Eine Million neuer Infektionen
sind im vergangenen Jahr aufgetreten.
Bis zum Jahresende wird die Gesamtzahl neuer
HIV-Infektionen nahezu zwei Millionen erreichen. Das bedeutet, daß in den nächsten 24
Stunden 5.000 Personen mit HIV infiziert werden, 150.000 in diesem Monat.
Auf Frauen entfällt heute ein Drittel aller HIVInfektionen. Verheiratete und unverheiratete
Frauen aller sozioökonomischen Schichten
werden durch sexuelle Kontakte mit einem infizierten Partner immer häufiger selbst mit dem
HIV-Virus infiziert.
Menschen in den Entwicklungsländern werden
schon bald nahezu 90 Prozent der weltweiten
HIV-Infektionen repräsentieren. Achtzig Prozent dieser Infektionen werden sexuell übertragen.

Seite 1

�I. Auswirkungen in der Dritten Welt
HIV/AIDS greift den Kern der Gesellschaft an, indem
es Menschen auf der Höhe ihrer produktiven Jahre
befällt. Das UN-Entwicklungsprogramm hat berichtet,
daß die Epidemie in den am stärksten betroffenen
Ländern "entscheidende Teile der Erwerbsbevölkerung dezimieren, die Handlungsfähigkeit des Staates
aushöhlen, zu sozialen und bürgerlichen Unruhen
führen sowie jeden Teilbereich der Wirtschaft einschließlich von Landwirtschaft und Verkehrswesen
beeinträchtigen könnte".
Kein Gesundheitssystem in der Dritten Welt ist
derzeit in der Lage, die notwendige medizinische Betreuung für die konstant eskalierende
Zahl von Menschen zu verwalten oder finanzieren, die an AIDS und mit AIDS zusammenhängenden Krankheiten leiden.
HIV-Infektionen schwächen das Immunsystem
und erhöhen das Risiko der Erkrankung an
anderen ansteckenderen Infektionskrankheiten,
wie etwa der Tuberkulose. In zahlreichen Entwicklungsländern erreicht die steigende Zahl
klinischer Tuberkulosefälle bereits epidemische
Ausmaße, die mit HIV/AIDS vergleichbar sind.
Über 50 Prozent der HlV-infizierten Erwachsenen leben im Afrika südlich der Sahara, nahezu
25 Prozent in Asien und rund 17 Prozent in
Lateinamerika und der Karibik.
Afrika
Im Afrika südlich der Sahara sind über sechs Millionen
Erwachsene oder einer/eine von 40 Männern und
Frauen HlV-infiziert. Bis zum Ende des Jahrzehnts
wird sich die Sterbequote bei Erwachsenen in einigen
Gebieten erwartungsgemäß verdreifachen.
Bis zu 8 Millionen HlV-infizierte Kleinkinder könnten
bis zum Jahr 2000 in Afrika zur Welt kommen, und
dadurch könnten Forschritte bei der Bekämpfung der
Kindersterblichkeit verringert oder zunichte gemacht
werden. Zehn Millionen nichtinfizierte Kinder werden
bis zum Jahr 2000 einen oder beide Elternteile durch
HIV/AIDS verlieren.
In diesem Jahrzehnt werden die Folgen von HIV/AIDS
besonders stark in den städtischen Gebieten Ost- und
Zentralafrikas zutage treten, wo bis zu 33 Prozent aller
Erwachsenen bereits infiziert sind oder noch infiziert
werden. In einigen städtischen Großkliniken sind bis
zu 80 Prozent aller stationären Patienten HlV-infiziert,
über das Doppelte des Prozentsatzes im Jahr 1990.
Bis zum Ende des Jahrzehnts könnte sich die Erwachsenensterblichkeit in diesen Gebieten verdreifachen.
Die Emährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen schätzt, daß 25 Prozent der Farmen in den am stärksten betroffenen Ländern Afrikas

Seite 2

südlich der Sahara wegen der Dezimierung der Bevölkerung durch HIV/AIDS aufgegeben werden müssen.
Asien

,

Eine Million Erwachsene in Süd- und Südostasien sind
HlV-infiziert, und es wird erwartet, daß sich die Infektionsrate bis 1995 verdreifachen wird. Ohne effektive
Interventionen werden Jahr für Jahr bald schätzungsweise mehr Asiaten als Afrikaner angesteckt werden.
In Thailand, Indien und auf den Philippinen besteht
eine fest verankerte kommerzielle Sexindustrie. In
großen Städten werden Prostitutierte regelmäßig von
einer großen Zahl einheimischer und ausländischer
Kunden aufgesucht. Damit steigt das Risiko der
regionalen und internationalen Verbreitung des HIVVirus. Schätzungsweise 20 Prozent der 300.000 in
Bombay tätigen Prostituierten sind HlV-infiziert.
Thailand gibt an, 30 Prozent der 800.000 Prostituierten
des Landes seien infiziert. Dasselbe gelte für 3 Prozent der 20-21 jährigen Männer, die für den Militärdienst rekrutiert werden sowie 1 Prozent der Frauen,
die medizinische Betreuung bei Schwangerenberatungsstellen in Anspruch nehmen. Thailändische
Prognosen gehen von 4 Millionen HIV-Infektionen bis
zum Ende des Jahrzehnts aus.
Lateinamerika und Karibik
Die Zahl der HIV-Infektionen in Lateinamerika und der
Karibik übersteigt heute eine Million, darunter 10.000
infiziert geborene Kleinkinder. Diese Zahl ist doppelt
so hoch als vor einem Jahr geschätzt wurde.
Schätzungen zufolge sind bis zu 60 Prozent der Prostituierten in Haiti infiziert, und Untersuchungen haben
bei mehreren hundert Prostituierten in Honduras eine
HIV-Verbreitung von bis zu 35 Prozent festgestellt.
II. Rolle/Reaktion von USAID
Das USAID steht seit jeher an vorderster Front der
weltweiten Schlacht gegen die Krankeit. Dies wurde
auf zweifache Art und Weise geleistet: Hilfe durch
USAID-Missionen in Ländern mit hohen und wachsenden HIV-Infektionsraten sowie durch Unterstützung
des und Abstimmung mit dem globalen Programm
gegen AIDS der Weltgesundheitsorganisation (WHO/
GPA).
Im Jahr 1986 rief die WHO mit Hilfe der Vereinigten
Staaten das Sonderprogramm zu AIDS ins Leben, um
Möglichkeiten zur Bewältigung der wachsenden Bedrohung zu sondieren. Das Programm wurde im Jahr
1988 zum WHO/GPA mit dem Mandat erweitert, eine
weltweite Strategie technischer und finanzieller Unterstützung zur Bekämpfung der Krankheit zu entwickeln.
Das USAID war und ist ein konsequenter Förderer und
Partner der WHO/GPA-Bemühungen. Über die Finanzierung hinaus ist das USAID ein aktives Mitglied im

AMERIKA DIENST 26

�Verwaltungsausschuß des WHO/GPA und wichtiger
Teilnehmer im WHO/GPA-Lenkungsausschuß.
Das USAID hat Computermodelle zur Untersuchung und Beobachtung der Epidemie entwikkelt.
Das USAID unterstützt ein auf drei Jahre angelegtes Projekt des Peace Corps, um afrikanischen Ländern bei der Planung und Durchführung von HIV/AIDS-Informationsmaßnahmen zu
helfen, die sich auf Jugendliche innerhalb und
außerhalb der Schulen, Ärzte und Pflegepersonal, Frauen mit hohem Risiko und die Öffentlichkeit im allgemeinen konzentrieren.

den Sexualpartnern auf, die keine Kondome benutzen
und mit einer anderen Geschlechtskrankheit infiziert
sein können oder einen infizierten Partner haben.
IV. Die Ergebnisse
In den vergangenen vier Jahren hat das USAID die
Erfahrung gemacht, daß HIV/AIDS verhindert werden
kann, daß sich informierte Menschen dafür entscheiden, mit Risiken behaftete Verhaltensweisen einzuschränken und daß eine starke nationale Führung für
den Erfolg solcher Programme unabdingbar ist.
USAID-Untersuchungen vor Ort zeigen, daß
eine Verstärkung von Kommunikationsprogrammen gepaart mit auf bestimmte Gruppen ausgerichteten Informationsmaßnahmen sowie aggressiven Kampagnen zur Verbreitung von
Kondomen erfolgreich waren. Interventionsprogramme in Afrika, Asien, Lateinamerika und
der Karibik haben Millionen von Männern und
Frauen erreicht. Weitere Millionen müssen noch
erreicht werden.

Inzwischen werden drei Ziele als grundlegend angesehen, um die Ausbreitung von HIV/AIDS zu verlangsamen, und diese Ziele bilden die Grundlage aller Präventivmaßnahmen des USAID in den nächsten fünf
Jahren.
Diese Ziele sind:
Reduzierung der Zahl von Sexualpartnern;

Maßnahmen zur Förderung der Verwendung
von Kondomen waren in zahlreichen Ländern
Afrikas und Lateinamerikas erfolgreich. Kondomlieferungen des USAID nach Afrika erreichten im Jahr 1991 über 130 Millionen Stück, ein
Anstieg um nahezu 400 Prozent seit 1987 - über
500 Millionen Kondome wurden bisher allein
nach Afrika geliefert.

Verbesserung von Diagnose, Behandlung und
Prävention sexuell übertragener Krankheiten;
größere Verfügbarkeit und Anwendung von
Kondomen.
III. Die Lehren
Wegen des Fehlens eines wirksamen, bezahlbaren
und allgemein verfügbaren Impfstoffs müssen sich
künftige HIV/AIDS-Präventionsprogramrne auf Strategien konzentrieren, die wirksam zum Abbau der
sexuellen Übertragung von HIV/AIDS beitragen. Zu
diesen Strategien zählen: eine Reduzierung der Zahl
von Sexualpartnern, verbesserte Diagnose, Behandlung und Prävention sexuell übertragener Krankheiten
sowie größere Verfügbarkeit und Anwendung von
Kondomen.

Dieser Anstieg geht direkt mit einer gestiegenen Nachfrage einher. Aufgrund des Erfolges einer Reihe
sozialer Vermarktungsprogramme in mehreren Entwicklungsländern gehen derzeit viele politische Entscheidungsträger auf lokaler Ebene dazu über, die
energische Vermarktung von Kondomen zu unterstützen.
Die Investitionen des USAID in HIV/AIDS-Präventions- und Kontrollmaßnahmen werden sich
in den nächsten fünf Jahren mehr als verdoppeln.

Groß angelegte, umfassende Interventionsprogramme, die von den politisch Verantwortlichen, dem Privatsektor und anderen Nichtregierungsorganisationen
uneingeschränkt unterstützt werden, haben in Ländern mit hohen oder rasch ansteigenden HIV-Raten
den größten Effekt. Sorgfältig ausgerichtete Programme für besondere Zielgruppen können am effektivsten
in Ländern mit niedrigen HIV-Raten sein.

Technische Präventionsprogramme allein können die HIV/AIDS-Flut nicht eindämmen. Starke staatliche Unterstützung innerhalb der Entwicklungsländer ist unerläßlich. Das USAID
wird seine Unterstützung von Bemühungen
fortsetzen, um zu der starken politischen Führung zu ermutigen, die für erfolgreiche HIV/
AIDS-Präventionsprogramme erforderlich ist.

Die meisten durch Geschlechtsverkehr übertragenen
Infektionen treten bei Menschen mit häufig wechseln-

* * * *

AMERIKA DIENST 26

*

Seite 3

�WAHLEN '92
I.Juli 1992

POLITISCHE PARTEIEN VERLIEREN DIE
UNTERSTÜTZUNG DER WÄHLER
Stimmung begünstigt unabhängige Kandidaten
WASHINGTON - (AD) - Die beiden wichtigsten Parteien, Demokraten und Republikaner, haben die politische Landschaft Amerikas seit so vielen Jahren definiert und gestaltet, daß sie fast als selbstverständlich
hingenommen wurden - bis zu diesem Jahr.
Zumindest auf der Ebene der Präsidentschaftswahlen
sind viele Wähler nicht zufrieden mit den Kandidaten
beider Parteien oder der von ihnen wahrgenommenen
Parteipolitik, und sie sehen sich nach Alternativen um,
erklärt der bekannte Politikwissenschaftler Richard
Smolka von der American University.
"Deshalb hat der (bisher unerklärte und unabhängige)
Kandidat Ross Perot soviel Erfolg," erklärt Smolka,
verweist aber darauf, daß die Zahl der potentiellen
Perot-Wähler in den Vereinigten Staaten insgesamt
niedriger ist als die Zahl derjenigen, die sich als AntiDemokraten oder Anti-Republikaner bezeichnen.
Dies deutet Smolka zufolge darauf hin, daß die Rolle
der Parteien beim Prozeß der Auswahl des Präsidenten schwindet, was er auf verschiedene Faktoren
zurückführt, einschließlich der zurückgehenden Loyalität der Wähler, der stetig steigenden Zahl der Vorwahlen in den einzelnen Bundesstaaten und des Einflusses der Massenmedien.
Aber er verweist auch darauf, trotz der bei den Wählern
zu beobachtenden Illoyalität - und dem damit umschriebenen schwindenden Einfluß der Parteien, "trifft
dies nicht für Parteifunktionäre oder gewählte Vertreter in den Bundesstaaten und Kommunen zu". Bei
diesen Loyalen ist die Anbindung an ihre Partei so
stark wie eh und je. Als Beispiel führt er Kongreßabgeordnete an, die mit ihren Parteiführungen zugunsten
einer besonderen Sache stimmen, auch wenn dies
lokalen Interessen zuwiderläuft.
Die Unzufriedenheit der Wähler mit dem Kongre ß zeigt
sich dieses Jahr auch angesichts solcher Skandale
wie der Ausstellung zahlreicher ungedeckter Schecks
bei der Bank des Repräsentantenhauses. Im ganzen
Land, so Smolka, stehen amtierende Parlamentarier
unter stärkerem Konkurrenzdruck sowohl innerhalb
des Zweiparteiensystems als auch im Hinblick auf unAMERIKA DIENST 26

abhängige Kandidaten. Er erklärt jedoch: "Die Ironie
liegt darin, daß die daraus resultierende Spaltung der
Opposition dem Amtsträger entgegenkommt."
Smolka konstatiert, daß die Parteien als Institutionen
stark sind, weil sie in den Bundesstaaten über Millionen von Dollar verfügen, die sie für die Arbeit an der
Basis ausgeben können - um Berater einzustellen,
politische Anzeigen zu finanzieren und bei den Wahlkämpfen entstehende Reisekosten zu decken. Darüber hinaus verfügen sie über die Organisation, um
Kandidaten zu helfen. "Dies sind Kandidaten, die sich
der Partei bedienen und die nicht von der Partei
ausgesucht werden," erklärt Smolka. "In unserem
System gilt die Eigennominierung, womit es sich von
fast jedem anderen System auf der Welt unterscheidet."
Es ist diese Art System, die es einem unabhängigen
Kandidaten wie Perot gestattet, in einen Wahlkampf
einzutreten. Aber nicht allzuviele unabhängige Kandidaten sind insbesondere auf der Ebene der Bundesstaaten und Kommunen erfolgreich, erklärt Smolka,
weil sie nicht so gut organisiert sind wie die wichtigsten
Parteien.
Das Phänomen Perot könnte mehr beeinflussen als
lediglich die Wahlen 1992. "Es hängt viel davon ab,
welchen Erfolg er hat," erklärt Smolka. "Wenn er im
November über 5 Prozent der Wählerstimmen erlangt
- was augenblicklich als wahrscheinlich gilt - wird er
sich 1996 für Wahlmittel der Bundesregierung qualifizieren und damit für die Zukunft eine Basis schaffen."
Sobald sein Name auf einer Liste steht, mu ß Perot eine
Organisation gründen, auch wenn es sich dabei nur um
seinen eigenen Namen handelt, und diese Organisation hätte dann einen Anspruch auf Wahlmittel, auch
wenn sie später jemand anderes als Perot ins Rennen
schicken würde. "Der Bundeswahlausschuß würde
ihm oder jemand anderem die Mittel zur Verfügung
stellen", erklärt Smolka. "Die Chance besteht, und es
ist eine große Chance."
Auf nationaler Ebene, so Smolka, ist es noch nicht sehr
lange her, daß Parteiführer sich in "rauchgeschwänSeite 1

�gerten Hinterzimmern" hinter verschlossenen Türen
trafen und den Präsidentschaftskandidaten oder
zumindest die Delegierten für den nationalen Nominierungskonvent eines Bundesstaates auswählten. Das
hat sich jedoch geändert, da immer mehr Bundesstaaten Vorwahlen abhielten und Delegierte für die Konvente auswählten, die sich zu einem bestimmten Kandidaten bekannten, den die Partei nicht vorschreiben
konnte. Im Hinblick auf die Aufstellung von Namen auf
Listen oder die Auswahl von Delegierten für die Konvente gehen die Bundesstaaten oder Parteien jedoch
nicht einheitlich vor, und Smolka erklärt, er betrachte
die unterschiedlichen Prozesse als "nicht fair den
Wählern oder Kandidaten gegenüber".

Die Wurzeln der demokratischen Partei gehen zurück
ins frühe 19. Jahrhundert, zu den Präsidenten Thomas
Jefferson und Andrew Jackson, und ein Großteil der
gegenwärtigen Sozialgesetze und der Unterstützung
für Arbeitnehmer und Minderheiten verdanken wir Franklin D. Roosevelt.
Abraham Lincoln war 1860 der erste republikanische
Präsident, und traditionell hat seine Partei mehr Unterstützung von Landbesitzern und wohlhabenderen
Bürgern erfahren. Die republikanische Partei wurde
1964 neu organisert und vom konservativen Flügel
übernommen, als Barry Goldwaterden moderat liberalen Nelson Rockefeiler bei der Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten schlug. Goldwater verlor,
bereitete aber den Weg für die späteren Erfolge der
Konservativen mit Ronald Reagan.

Bei den Konventen wird nicht mehr viel entschieden,
und dieses Jahr haben die Fernsehgesellschaften
angekündigt, sie würden ihre Berichterstattung reduzieren und nicht mehr rund um die Uhr live berichten.
Smolka verweist darauf, daß die Parteien ihre Konvente als "gigantische nationale Versammlungen betrachten, aber die Medien sind nicht daran interessiert, auf
diese Weise über sie zu berichten."

Die Illoyalität läßt sich Smolka zufolge bis in die Nachkriegszeit zurückverfolgen, als der Republikaner Dwight
Eisenhower parteiübergreifenend an die Wähler appellierte und ins Jahr 1964, als die Demokraten aus
dem Süden von Lyndon Johnson zu Goldwater überliefen.

Da das Femsehen bei den Wahlkämpfen eine immer
größere Rolle spielt, sind die Kandidaten in der Lage,
an den Parteiführern vorbeizugehen und sich direkt an
die Wähler zu wenden. Parteisprecher erhalten
Sendezeit, um ihre Meinung zu verkünden, erklärt
Smolka, aber sogar in diesen Fällen haben die Fernsehkommentatoren das letzte Wort mit ihrer Analyse
des Ausgesagten. "Aber dies geschieht nicht nur im
Fall der politischen Parteien", so Smolka. "Die Regierung, die Kirche, alle Institutionen sind solchermaßen
betroffen."

Heute, so Smolka, erklären beide Parteien den Wunsch
nach einer breit gefächerten Wählerschaft, sprechen
aber nach wie vor dieselben Gruppen an. Und beide
haben ein Problem, bei Verfechtern einer kontroversen einzelnen Sache anzukommen. Smolka zieht als
Beispiel die Abtreibung heran, von der er sagt, "sie
steht nicht im Zusammenhang mit anderen wirtschaftlichen oder politischen Problemen, ist aber ein großes
Thema, und beide Parteien verlieren darüber Wähler".
Die Verfechter von "Pro life" erklären, keine Kandidaten unterstützen zu wollen, die "Pro choice" sind und
umgekehrt.

Das Fernsehen hat in diesem Jahr einen neuen Aspekt
in den Präsidentschaftswahlkampf gebracht, da die
Kandidaten tagsüber in Talkshows auftreten. Dies
bietet "einen weiteren Zugang", so Smolka, aber für
"ein anderes Publikum". Er erklärt, "viele Menschen,
die man auf diese Weise erreicht, sehen sich keine
Nachrichten an" und umgekehrt sehen viele, die die
Nachrichten anschauen, keine Talkshows.

Im Hinblick auf die Zukunft der politischen Parteien in
den Vereinigten Staaten erklärt Smolka: "Es ist schwierig zu sehen, wie sie sich schärfere ideologische
Konturen geben könnten. Sie müssen sich unter den
Wählern eine breite Basis schaffen." Aber trotz aller
Kritik an ihnen sind sie Smolka zufolge flexibel genug,
um auf interne Meinungsverschiedenheiten zu reagieren, und es ist unwahrscheinlich, daß sie in Amerika
von der Bildfläche verschwinden.

In Wirklichkeit sind die beiden wichtigsten Parteien auf

nationaler Ebene kaum mehr als Dachorganisationen
der Organisationen auf Bundesstaatsebene.

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 26

�THEMENINDEX
I.Juli 1992

DER AMERIKA DIENST
I.Halbjahr 1992
Nachstehend eine Liste der Themen, die im Amerika Dienst (1. Halbjahr 1992) erschienen sind. Angegeben
ist jeweils die Nummer der Ausgabe, in der das betreffende Thema behandelt wird.

THEMA

NUMMER DER AUSGABEN

Amerika Heute

7

Atomtests

24

Außenpolitik

17

Bericht zur Lage der Nation

4

Demographie

22

Deutsch-Amerikanische Beziehungen 3
Drogen

EBWE

1,2,8

15

Einwanderer6
Erdgipfel

24

Flüchtlinge

12

Fulbright-Stiftung

14

GATT

1

GUS

6, 7, 14

GUS-Handel

17

AMERIKA DIENST 26

Seite 1

�GUS-Hilfe

4,6,9,15,21,
Sonderdienst, 2.April

GUS-Nuklearwaffen

12

GUS-Wissenschaftler

10,11

Gesundheitswesens
Golfkrieg

3,16

Handel

1,5,9,15

Haushalt

5

IWF

17

Jugoslawische Republiken

14

KSZE

13,14,19, 21

Kolumbus

8

Kongreß

23,24

Landwirtschaft

13

Lastenteilung

14

Libyen

4,13

Martin Luther King

2,3

Menschenrechte

5,8

Minderheiten

18

Mittel-/Osteuropa

11

NAKR

10

NATO

23,24

Nichtverbreitung

15

Porträt

1,4,9

RIAS Berlin Kommission

20

Rassenbeziehungen

21

Rüstungskontrolle

16

Seite 2

AMERIKA DIENST 26

�Senioren

23

Sicherheit

14

Soziales

5

Sozialpolitik

20, 21, 22, 23

UNO

13

US-Außenpolitik

2, 11, 13, 22

US-Weltrolle

18, 23

USA-Deutschland

8, 16, 18, 21

USA-Europa

10, 19, 24

USA-GUS

8,22

USA-Rußland

25

Umwelt

1,6,7 ,9, 13, 18, 19,20,22

Unruhen in Los Angeles

18, 19, 25

VII.Korps

12

VSBM

10

Vereinte Nationen

5

Verteidigung

5

Wahlen '92

"
2, 3,7 ,8, 9, 10,11,12,
15,16

18, 19, 20,21 ,22,23,
Wehrkundetagung

6

Weiterverbreitung

3, 13

Weltwirtschaft

2

Wirtschaft

17

AMERIKA DIENST 26

Seite 3

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