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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

27. Mai 1992

21

5300 * * *

2

GUS-HILFE

BAKER KÜNDIGT PLAN ZUR VERHINDERUNG
EINES ZWEITEN TSCHERNOBYL AN
Rede in Lissabon

USA-DEUTSCHLAND

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN: DAS FUNDAMENT DER NÄCHSTEN
VIERZIG JAHRE
Rede von Botschafter Kimmitt bei der
Atlantik-Brücke

KSZE

KONSOLIDIERUNG DER DEMOKRATIE
PRIORITÄT DES NEUEN EUROPAS
Rede von Paula Dobriansky bei KSZE

RASSENBEZIEHUNGEN

RASSENBEZIEHUNGEN IN DEN USA AUS DER
SICHT EINES SCHWARZEN UNIVERSITÄTSPROFESSORS
Stellungnahme von Professor Randall Kennedy

SOZIALPOLITIK

ARBEITSLOSENVERSICHERUNG SCHÜTZT
ARBEITNEHMER VOR FOLGEN DER ARBEITSLOSIGKEIT
Dritter einer Reihe von Artikeln zur
US-Sozialpolitik

WAHLEN '92

ZWISCHENBERICHT ZU DEN WAHLEN «92
Anzahl der Delegierten und Ergebnisse
der Vorwahlen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�GUS-HILFE
27. Mal 1992

BAKER KÜNDIGT PLAN ZUR VERHINDERUNG
EINES ZWEITEN TSCHERNOBYL AN
Rede in Lissabon
LISSABON - (AD) - US-Außenminister Baker hat drei neue multilaterale Hilfsprogramme für die Staaten der
ehemaligen Sowjetunion vorgeschlagen, darunter 25 Millionen Dollar zur Gründung regionaler Zentren in
Rußland und der Ukraine, um Mitarbeiter von Kernkraftwerken auszubilden und die Sicherheitsverfahren zu
optimieren.
Bei der Lissaboner Konferenz über Hilfe für die neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion
forderte Baker am 23. Mai 1992 eine "Multilaterale Initiative für Reaktorsicherheit", die die "echte Gefahr"
eines "neuen Tschernobyl" verringern würde.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Rede Bakers im Wortlaut. Es gilt das gesprochene Wort.
Heute vor vier Monaten schlössen wir die Washingtoner Koordinierungskonferenz ab, die zur Arbeitsteilung entschlossen war, um einen dringenden weltweiten Notstand zu beheben und das Versprechen der
Freiheit in den neuen unabhängigen Staaten über den
harten Winter hinweg zu bewahren.
Gemeinsam haben wir diesen Notstand überwunden.
Gemeinsam haben wir Hilfe bereitgestellt, und wir
haben Hoffnung vermittelt. Und gemeinsam schlössen wir uns den Völkern der neuen unabhängigen
Staaten an, um die Freiheit lebendig zu erhalten, als
sie am meisten gefährdet war.
Heute begrüßen wir die neuen unabhängigen Staaten
als vollwertige Partner bei dem Koordinierungsproze ß,
der in Washington begann. Für jeden dieser neuen
Staaten, für ihre Völker und politischen Entscheidungsträger war und ist der Weg der Reformen nicht
leicht. Sie erkennen, daß der Erfolg der Freiheit in
ihren Händen, nicht in unseren, liegt, und sie haben
nicht um Almosen gebeten. Statt dessen haben sie um
unsere Partnerschaft und unsere Hilfe ersucht.
Hier in Lissabon müssen wir diese Partnerschaft stärken. Wir müssen die von uns in Washington begonnene Arbeit beschleunigen und unser kollektives Engagement zur Unterstützung wirtschaftlicher und politischer Freiheit verstärken. Meines Erachtens gibt es
drei Aufgaben, die unsere Arbeit hier und in den
kommenden Monaten beherrschen sollten: Erstens
die Einleitung von Sofortmaßnahmen, um künftige
humanitäre Notsituationen zu lindern und zu verhindern; zweitens die Konzentration der technischen Hilfe

AMERIKA DIENST 21

zur Unterstützung mikroökonomischer und struktureller Reformen; drittens die Aufnahme von Konsultationen über die Zukunft des Koordinierungsprozeses. Ich
möchte auf jeden dieser Bereiche eingehen.
Die erste Aufgabe - die sofortige Einleitung präventiver Maßnahmen - dient der Minimierung der Risiken
künftiger humanitärer Notlagen. Obwohl unser kollektives Handeln zur Meisterung der Notsituation des
letzten Winters beitrug, sind die Bedingungen in den
neuen unabhängigen Staaten nach wie vor schwierig
und werden zweifellos mit Eintreten der kalten Witterung im nächsten Winter erneut verschärft werden.
Die von den stellvertetenden Vorsitzenden musterhaft
geleiteten Arbeitsgruppen haben hervorragende Arbeit geleistet, um die Bemühungen des vergangenen
Winters zu koordinieren. Insbesondere möchte ich
die stellvertretenden Vorsitzenden aus den Niederlanden und Venezuela zu ihrer hervorragenden Arbeit bei
der Leitung der Energiegruppe beglückwünschen. Ihre
Bemühungen unterstreichen den Wert der Ausdehnung internationaler Koordinierungsanstrengungen auf
ein breites Spektrum von Ländern, von denen jedes
einzigartiges und wertvolles Fachwissen einbringt.
Heute sollten die Arbeitsgruppen jedoch ihren Schwerpunkt im Hinblick auf Maßnahmen verfeinern, die
künftigem Mangel an Waren, Medikamenten, Energie
und Unterkünften vorbeugen können. So müssen wir
etwa im Nahrungsmittelbereich beginnen, diesen Staaten
bei der Bewältigung von Problemen bei Produktion und
Einsatz landwirtschaftlicher Chemikalien zu helfen,
darunter Düngemittel, Pestizide und Herbizide, damit

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�sie ihr eigenes landwirtschaftliches Potential voll ausschöpfen können. Im Energiebereich bedeutet dies
die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung
mit Brennstoffen und Strom für Landwirtschaft und
Nahrungsmittelverarbeitung - insbesondere während
der Erntesaison - in allen neuen unabhängigen Staaten und besonders in Armenien und Kirgistan. In der
Medizin bedeutet dies die Beschleunigung unserer
Bemühungen, um zur Schaffung von Märkten zu
ermutigen und wieder eine einheimische Pharmaindustrie aufzubauen.
Es bedeutet darüber hinaus die volle Integration jedes
der neuen unabhängigen Staaten in die Arbeitsgruppen. Diese Einbindung bringt jedoch auch Pflichten mit
sich, und ich muß offen erklären, daß der politische
Wille zur Beteiligung an diesen kollektiven Anstrengungen eingesetzt werden muß, um bürokratische
Hindernisse und die Überreste des Kommandosystems der stalinistischen Ära aus dem Weg zu räumen. So wurde mir zum Beispiel berichtet, daß der
Arbeitsgruppe Energie bei der Durchführung einer
Untersuchung zur Energieausnutzung aus Gründen
der nationalen Sicherheit der Zugang zu einer Raffinerie verweigert wurde. Die internationale Staatengemeinschaft kann denen nicht helfen, die sich selbst
nicht helfen, und das bedeutet, daß wir alle uneingeschränkt miteinander zusammenarbeiten müssen.
Die neuen unabhängigen Staaten haben darüber hinaus die Verantwortung, mikro- und makroökonomische Reformen zu beschleunigen. Die Unterstützung
künftiger Reformen durch konzentrierte und koordinierte technische Hilfe sollte unsere zweite Aufgabe
sein. In Washington sind wir übereingekommen, daß
technische Hilfe eine entscheidende "Brücke" zwischen humanitärer Hilfe und langfristigen makro- und
mikroökonomischen Reformen ist. Jetzt ist es an der
Zeit, diese Brücke zu stärken.
Wir haben die Mitgliedschaft der neuen unabhängigen
Staaten in den internationalen Finanzinstitutionen stets
unterstützt, und wir unterstützen die Bemühungen des
Internationalen Währungsfonds (IWF) voll und ganz,
mit den neuen unabhängigen Staaten bei der Zusammenstellung makroökonomischer Programme zusammenzuarbeiten. Aber die makroökonomische Stabilisierung allein kann die wirtschaftliche Gesundung nicht
garantieren. Sie muß durch mikroökonomische und
strukturelle Veränderungen ergänzt werden. Die neuen
Staaten - unterstützt durch das Know-how der internationalen Staatengemeinschaft - müssen eine energische Politik betreiben, um Wettbewerb, echte Eigentums- und Vertragsrechte, Privatisierung und Entflechtung von Monopolen sowie sektorale Reformen zu
fördern. Diese Maßnahmen werden nicht nur die
Entwicklung freier Märkte fördern und die vvirtschaffliehe Erholung beschleunigen, sondern auch zur Linderung künftiger humanitärer Notsituationen beitragen.
In Energiewesen und Landwirtschaft zum Beispiel
können Marktwirtschaften die Exporterlöse steigern,
Seite 2

die Kosten für Nahrungsmittelimporte senken und
gleichzeitig dringenden Bedarf stillen. Das liegt im
Interesse aller.
Deshalb möchte ich alle Teilnehmer an dieser Konferenz auffordern, ihre technischen Hilfeprogramme zu
verstärken, insbesondere diejenigen - wie unser Peace Corps, Programme von Landwirt zu Landwirt, die
Eurasia-Stiftung und Amerika Häuser-, die Menschen
dort einsetzen können, um den Transfer von Knowhow zu optimieren.
Vorzugsweise sollten wir multilateral arbeiten, wie wir
dies zum Beispiel durch unser Programm für Berater
vor Ort der Arbeitsgruppe tun, die sich mit der Wohnungssituation beschäftigt. Dabei nutzen wir die jeweiligen Stärken der einzelnen Länder sowie deren technisches und regionales Know-how. Ein weiteres Beispiel ist die Entwicklung einer engen Partnerschaft
zwischen uns und der Türkei, um freie Märkte und
Demokratie im Kaukasus und Mittelasien zu fördern,
und mit Israel sondieren wir zur Zeit Ideen zur Förderung der Landwirtschaft in Mittelasien.
Mit dem Ziel der Förderung multilateraler technischer
Hilfe möchte ich drei Initiativen ankündigen, die als
Katalysator für kollektive Maßnahmen auf breiter Basis
dienen sollen.
Erstens schlagen wir eine Multilaterale Initiative für
Reaktorsicherheit vor. Die Gefahren eines neuen
Tschernobyl sind real, und diese Initiative dient dazu,
das Risiko von Unfällen bei Kernreaktoren russischen
Typs zu reduzieren, indem die Sicherheitsmängel der
Reaktoren sobald wie möglich behoben werden. Als
ersten Schritt schlagen wir vor, die bereits existierenden Bemühungen unseres Energieministeriums und
der kerntechnischen Genehmigungsbehörde (Nuclear
Regulatory Commission) auszubauen und zwei Regionale Ausbildungszentren zu gründen - eines in Rußland und eines in der Ukraine. Diese Zentren werden
eine Grundausbildung in Sicherheitsverfahren sowie
Ausrüstung bereitstellen. Das Zentrum in der Ukraine
wird femer computergestützte Simulatoren bieten. Diese
werden allen Staaten der GUS und den baltischen
Staaten offenstehen. Darüber hinaus werden wir ein
Paket zur Verbesserung der Betriebssicherheit und
von Maßnahmen zur Reduzierung von Risiken vorantreiben. Wir hoffen, andere werden sich an diesen
Bemühungen beteiligen, um ein Problem zu bewältigen, das eindeutig globale Dimensionen aufweist, und
wir möchten in den kommenden Wochen mit unseren
Freunden und Verbündeten bei Maßnahmen zusammenarbeiten, die wir gemeinsam unternehmen könnten.
Zweitens schlagen wir ein Multilaterales Programm
zur Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung
vor. Dieses Programm, das auf einer von mir erstmals
mit Bürgermeister Sobtschak aus St. Petersburg erörterten Idee fußt, ist darauf ausgerichtet, durch den

AMERIKA DIENST 21

�Verkauf von den neuen unabhängigen Staaten gespendeten Agrargütern zu Marktpreisen private Märkte zu entwickeln. Wir planen, den erfolgreichen
Bemühungen der Europäischen Gemeinschaft zu folgen und die Erlöse aus dem Verkauf dieser Waren
einzusetzen, um zur Entwicklung von Nahrungsmittelverteilungssystemen beizutragen, Kredite für landwirtschaftliche Betriebe und Privatlandwirte zu vergeben
und das soziale Sicherungsnetz zu stärken. Wir
werden unsere Beteiligung durch die Lieferung von
Nahrungsmitteln in Höhe von 35 Millionen Dollar einleiten. Wir sind bereit, weitere Mittel für ein multilaterales
Vorhaben dieser Art einzusetzen.
Drittens schlagen wir eine Initiative Partner bei der
Konversion der Rüstungsindustrie vor. Diese würde
auf unserer Praxis aufbauen, in wichtigen Städten in
allen GUS-Staaten langfristig Berater bei der Rüstungskonversion vor Ort einzusetzen.
Das Ziel wäre die Beschleunigung der Rüstungskonversion und die Ermutigung zu Investitionen durch
Bereitstellung praktischer Beratung durch Experten
für Regionen, Städte und Unternehmen, die auf zivile
Produktion umgestellt werden. Die Konversion der
Rüstungsindustrie wird für die Freisetzung von Ressourcen für wirtschaftliche Gesundung, Wachstum
und Wohlstand entscheidend sein.
Obwohl wir all diese Initiativen einseitig vorantreiben
werden, ist unser Ziel die Einbeziehung so vieler
internationaler Partner wie möglich. Ich hoffe, andere
werden sich unseren Initiativen anschließen und jede
zu einem wahrhaft multilateralen Vorhaben machen.
Die dritte vor uns liegende Aufgabe ist die Umgestaltung dieses Ad-hoc-Koordinierungsprozesses, der zur
Bewältigung einer kurzfristigen Notlage entwickelt wurde,
zu einem Prozeß, der unserem kollektiven Engagement langfristig dienen kann. Wir müssen Mechanismen entwickeln, um unsere Bemühungen zu koordinieren, besonders im Hinblick auf die weiteren Reformen in den neuen unabhängigen Staaten. Ich möchte
vorschlagen, daß wir zu einem geeigneten Zeitpunkt
die Idee in Erwägung ziehen, Konsultativgruppen oder
-mechanismen ins Leben zu rufen, um Reformen in
den einzelnen Staaten zu unterstützen.
Viele von Ihnen wissen, daß Konsultativgruppen oder
-mechanismen traditionell das Empfängerland oder
die Empfängerländer, wichtige bilaterale Geber und
multilaterale Institutionen wie Weltbank, IWF, regionale Entwicklungsbanken und das Entwicklungsprogramm
der Vereinten Nationen einbeziehen. Sie wurden in
der Vergangenheit von verschiedenen Organisationen, einzelnen Ländern oder einer Kombination von
beiden geleitet und traten für gewöhnlich einmal im
Jahr zusammen. Bisweilen gehört dazu auch eine
Kerngruppe, die häufiger zusammentritt.

AMERIKA DIENST 21

Sicherlich stehen zahlreiche Modelle zur Wahl, und wir
müssen uns nicht starr auf ein bestimmtes Muster
festlegen, um die mannigfaltigen Bedürfnisse der neuen
unabhängigen Staaten in den Griff zu bekommen.
Angesichts der historischen Herausforderung, vor der
wir stehen - die Unterstützung von Reformen in zwölf
Staaten gleichzeitig - sollten wir bereit sein, neue und
innovative Koordinierungsmechanismen zu erwägen.
Wir werden Form und Struktur solcher Gruppen oder
Mechanismen untersuchen müssen, den Grad der
Zusammenarbeit, den sie leisten sollten, die für die
Befriedigung der Bedürfnisse der neuen unabhängigen Staaten wünschenswerte Zahl sowie die Frage,
wer an welchen Gruppen oder Mechanismen beteiligt
sein, ihren Vorsitz führen und wann sie zweckmäßigerweise mit der Unterstützung des Reformprozesses
beginnen sollten.
Meines Erachtens sollten wir Konsultativgruppen oder
-mechanismen einsetzen, um die Hilfe effektiv zu
koordinieren, solide makroökonomische und strukturelle Maßnahmen zu unterstützen und die politische
und wirtschaftliche Koordinierung in diesen Prozeß
einzubeziehen. Zweifellos müssen sich die neuen
unabhängigen Staaten uneingeschränkt an der Entwicklung dieses Prozesses beteiligen, und diese
Mechanismen sollten - zum gegebenen Zeitpunkt - so
eingerichtet werden, daß die einzigartige Situation in
den unabhängigen Staaten berücksichtigt wird. Wir
sollten darüber hinaus ein breites Spektrum bilateraler
und multilateraler Geber zur Beteiligung ermutigen.
Sicherlich sind dies Fragen, die wir hier nicht entscheiden können. Ich gehe jedoch davon aus, daß es
nützlich wäre, wenn diese Konferenz diese Idee gutheißen würde, so daß wir an die Lösung dieser Probleme gehen und die Gruppen oder Mechanismen zu
gegebener Zeit zur Unterstützung des Reformprozesses aktiv werden können.
Bevor ich schließe, möchte ich der Europäischen
Gemeinschaft - insbesondere Portugal - für die Ausrichtung dieser Konferenz danken und unseren japanischen Partnern sagen, daß wir dem nächsten Treffen
in Tokio im Herbst gerne entgegensehen. Ich möchte
darüber hinaus eine weitere Frage erörtern, die anzusprechen ich von Ereignissen gezwungen werde, die
außerhalb der Kontrolle dieser Konferenz liegen.
Wie ich in jüngster Zeit mehrmals erklärt habe, bietet
sich uns - mit dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus - die Chance, in Eurasien einen dauerhaften Frieden zu schaffen, einen auf gemeinsame Werte
gegründeten demokratischen Frieden. Dies ist wirklich eine Chance, wie sie in hundert Jahren nur einmal
auftritt. Aber uns bleibt noch viel Arbeit zu tun, wenn
wir diese Chance zur Realität machen möchten.
Während wir uns zusammenschließen, um unsere
Bemühungen für die Staaten Mittel- und Osteuropas

Seite 3

�zur Überwindung der von Jahren stalinistischer Planung verursachten wirtschaftlichen Verwüstung zu
teilen, liegen noch weitere Hindernisse auf dem Weg.

internationale Staatengemeinschaft sollte diese Barbarei, diesen Affront für unser kollektives Gewissen
nicht länger tolerieren.

In Jugoslawien, in Nagorny-Karabach, in Trans-Dnjester und an anderen Orten Eurasiens schüren jahrhundertealte Animositäten einen tragischen Kreislauf der
Gewalt und führen zur gefährlichen Eskalation von
Konflikten, die auch benachbarte Gebiete erfassen
können. Diese Konflikte verursachen großes menschliches Leid und verschärfen die politischen Spannungen. Sie bedrohen besonders den Reformprozeß und
die Hoffnung auf Demokratie. Während wir uns bemühen, die Wirtschaftshilfe für die neuen unabhängigen
Staaten zu koordinieren, sollten wir die uns hier zur
Verfügung stehende Zeit im Vorgriff auf unsere Bemühungen nutzen, politische Lösungen für diese Konflikte
zu finden.

Ich fordere deshalb jeden Staat und jede Organisation
bei dieser Konferenz auf, allen ihnen zur Verfügung
stehenden Einfluß aufzubieten, um bewußt zu machen, daß Aggression ihren Preis hat und daß die Welt
sicheres Geleit für humanitäre Konvois sowie die
unverzügliche Öffnung des Flughafens von Sarajevo
fordert. Ich fordere jeden Staat und jede Organisation
bei dieser Konferenz auf, sich in einer kollektiven
Anstrengung zusammenzuschließen, um unseren
politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Einfluß zu mobilisieren und klarzustellen, daß die Blockade des Friedens und die Terrorisierung unschuldiger
Menschen ihren Preis hat. Verehrte Ministerkollegen,
mein Grundtenor lautet folgendermaßen: Wir sollten
einen humanitären Alptraum im Herzen Europas nicht
In Jugoslawien ist jeder Versuch zum Frieden blockiert akzeptieren.
worden, und wir werden heute Zeugen menschlichen
Leids in schrecklichem und massivem Umfang. Die

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 21

�USA

-

DEUTSCHLAND
27. Mai 1992

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN:
DAS FUNDAMENT DER NÄCHSTEN VIERZIG JAHRE
Rede von Botschafter Kimmitt bei der Atlantik-Brücke
HAMBURG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Rede, die der amerikanische Botschafter in der
Bundesrepublik Deutschland, Robert M. Kimmitt, am 25. Mai 1992 bei einer Konferenz anläßlich des 40jährigen
Bestehens der Atlantik-Brücke in Hamburg gehalten hat. Es gilt das gesprochene Wort.
Herr Staatsminister Schäfer,
Herr Leisler Kiep,
Frau Dr. Linde mann,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
Es ist mir eine große Ehre, an den Feierlichkeiten zum
vierzigsten Jahrestag der Atlantik-Brücke und später
an der Ehrung von Henry Kissinger hier in Hamburg
teilnehmen zu können. In Anerkennung des wesentlichen Beitrags Ihrer Organisation zum transatlantischen Verständnis habe ich im vergangenen September das Bonner Büro der Atlantik-Brücke als Ort für
meine erste Rede als Botschafter gewählt. Heute
möchte ich Sie nicht nur zu Ihrer bisher geleisteten
ausgezeichneten Arbeit beglückwünschen, sondern
auch einige Gedanken zu unseren gemeinsamen
Aufgaben in den kommenden Jahren darlegen.
Das neue Zeitalter erfordert neue konzeptionelle Ansätze,
neue Koalitionen, neue Partnerschaften.
Bevor ich mich dem ersten Thema zuwende, möchte
ich kurz Rückschau auf die Welt in der Zeit halten, als
die Atlantik-Brücke im Mai 1952 ins Leben gerufen
wurde.
Rückblick-Mai 1952
Diese Zeiten waren die dunklen Anfangstage des
kalten Kriegs, eine Periode, in der sich die Teilung
Europas und Deutschlands verfestigte. Im Mai 1952
veröffentlichte die Zeitschrift Life einen von John Foster
Dulles verfaßten, höchst umstrittenen Artikel, in dem
Dulles den kalten Krieg nicht als einen rein wirtschaftlichen oder politischen, sondern als vornehmlich moralischen Kampf definierte. Die Frontlinien waren gezogen.
AMERIKA DIENST 21

Im Zentrum des Konflikts lag Deutschland - sein Territorium ein potentielles Schlachtfeld, sein Schicksal
beherrscht von der Konfrontation der Supermächte.
Da die Sicherheit der freien Welt auf dem Spiel stand,
wurden die Vereinigten Staaten zur Schutzmacht für
Deutschland. Der ideologische Kampf des kalten
Kriegs war real, in der Tat tödlich, aber gleichzeitig
unnormal und künstlich wie die innerdeutsche Grenze
und die Berliner Mauer. Im Lauf der Geschichte
erwiesen sich dieser Kampf und seine künstlichen
Gebilde als vergänglich. Die Geschichte hielt große
Überraschungen bereit - insbesondere das annus mirabilis 1989. Um einen amerikanischen Historiker zu
zitieren: "Als die Nationen Westeuropas 1989 die
Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution
begingen, wurde sie von den Nationen Osteuropas
wiederholt."
Als im November 1989 die Mauer und mit ihr der
Eiserne Vorhang fiel, reagierten die Vereinigten Staaten und die Amerikaner mit großer Freude. Wir jubelten über den Fall der barbarischen Schranken und
später über die Vereinigung Deutschlands. Obwohl
wir uns jedoch der Tatsache bewußt sind, daß Europa
heute in sicherheitspolitischer Hinsicht sicherer ist als
je zuvor in der Nachkriegszeit, gaben wir uns keinen
Illusionen hin. Wir wußten, daß das Ende des kalten
Kriegs kein Zeitalter ewigen Friedens eingeläutet hatte. In der anbrechenden neuen Ära konnten wir jedoch
ebenfalls auf einen moralischen Kompaß und ein
institutionelles Fundament zurückgreifen. Etablierte
Institutionen erhielten neue Bedeutung wie die NATO
und die EG im öffentlichen und die Atlantik-Brücke im
privaten Bereich.

Seite 1

�Während des kalten Kriegs bildeten sicherheitspolitische Probleme den Schwerpunkt der transatlantischen
Partnerschaft. Die Konzentration auf diese Fragen
war verständlich, erfolgte jedoch gelegentlich auf Kosten
des menschlichen Aspekts. Glücklicherweise machten sich weitblickende Protagonisten wie Senator William
Fulbright an die Arbeit, unsere Gesellschaften auf der
menschlichen Ebene zu verknüpfen. Er setzte seine
Hoffnungen für die Zukunft in Menschen statt in die
Politik. Er war überzeugt, daß persönliche Bindungen
der Schlüssel zu vertieftem Verständnis und Bereicherung der internationalen Beziehungen sind. Im Frühjahr vor 40 Jahren rief er das nach ihm benannte
Austauschprogramm ins Leben. Dank des FulbrightProgramms konnten rund 25.000 Deutsche und
Amerikaner im jeweils anderen Land studieren und
unsere verbindenden gemeinsamen Werte aus erster
Hand kennenlernen.
Senator Fulbright war nicht allein. 1952 trug auch Eric
Warburg, der vor dem Naziregime in die Vereinigten
Staaten geflohen war, zur Gründung der AtlantikBrücke als Mittel zur Vertiefung der deutsch-amerikanischen Bindungen und Verbesserung des bilateralen
Verständnisses bei. Bundespräsident von Weizsäkker erklärte später, Warburg "verkörperte in seiner
Person die Brücke über den Atlantik". Diese Vision hat
noch heute Bestand - in amerikanischen Staatsmännern wie Henry Kissinger und in solchen Programmen
der Atlantik-Brücke wie "Junge Führungskräfte".
Die Beispiele von Fulbright und Warburg führen uns
vor Augen, daß die Nachkriegsgeneration von Führungskräften außergewöhnlich war. John J. McCIoy,
ein Mitglied dieses Elitekorps, sprach sogar von einem
"perikleischen Zeitalter". Auf beiden Seiten des Atlantiks übernahmen die Führungskräfte die enorme Verantwortung für den Wiederaufbau Europas und den
Schutz der Freihheit. Der Marshallplan und die NATO,
"zwei Hälften derselben Walnuß", wie Präsident Truman es formulierte, verkörperten in konkreter Form
das amerikanische Engagement für Europa. Mit der
Zeit florierten die westlichen Volkswirtschaften und die
Freiheit gedieh. Die besiegten ehemaligen Gegner
traten wieder der internationalen Staatengemeinschaft
bei. Im Hinblick auf die deutsch-amerikanischen Bindungen veränderte sich das Fundament der Beziehungen von Fürsorge zu Partnerschaft - from patronage to
partnership - und brachte dadurch einen der größten
Erfolge der Nachkriegszeit hervor.
Partner in der Führung
Die deutsch-amerikanische bilaterale Partnerschaft ist
an Bedeutung unübertroffen, und mein Ziel besteht
darin, sie jeden Tag stärker zu machen. Wir sind uns
jedoch der Bedeutung Europas klar bewu ßt, sowohl für
Deutschland als auch für die Vereinigten S'.aaten. Aus
diesem Grund stärken wir unsere Bindungen zu ueutschland und lehnen eine "Nullsummenanalyse" entschlos-

Seite 2

sen ab, die vorgibt, wir könnten dies nur auf Kosten der
Beziehungen zu anderen Ländern - insbesondere in
Europa - bewirken. Wir versuchen ebenso wie Sie,
auch diese Beziehungen zu verbessern.
Am 3. Oktober letzten Jahres besuchte ich Hamburg,
um an den Feiern zum ersten Jahrestag der deutschen
Einheit teilzunehmen. Ich kann mich lebhaft an die im
Stadtzentrum wehenden Fahnen erinnern. Die Flaggen, immer als Trio - die der Stadt Hamburg, der
vereinigten deutschen Nation und der Europäischen
Gemeinschaft - symbolisierten die Perspektiven der
Deutschen für heute und morgen.
Selbst wenn wir daher unsere bilateralen Bindungen
zu Deutschland betonen, tun wir dies im umfassenderen europäischen Kontext. Bei der Begrüßung von
Bundespräsident von Weizsäcker im Weißen Haus
stellte Präsident Bush im vergangenen Monat fest:
"Sie sind unser Partner beim Aufbau eines geeinteren
und kooperativeren Europas, und in diesem Geiste
begrü ßen wir das deutsche Engagement für internationale Angelegenheiten uneingeschränkt". Starke bilaterale Beziehungen stehen voll und ganz im Einklang
mit Fortschritten zu einem geeinteren Europa, einem
Ziel, das die Vereinigten Staaten über Jahre hinweg
konsequent unterstützt haben.
Präsident Bush ging auch auf die Entwicklung unserer
bilateralen Beziehungen ein und sprach von Deutschland als "einst unser Gegner, jetzt unser enger Freund
und Partner in der Führung". Präsident Bush hat auf
Deutschland als Amerikas Partner in der Führung
erstmals in einer prophetischen Rede vor drei Jahren
in Mainz verwiesen. Damals wurde diese Geste von
der deutschen Öffentlichkeit herzlich aufgenommen.
Sie wurde von vielen jedoch mehr als Bestätigung für
die erreichte Gleichberechtigung in den bilateralen
Beziehungen gesehen als ein Ruf nach konzertierter
Aktion.
In der Tat war die Mainzer Rede beides. Sie war ein
Wegweiser für die darauffolgenden tumultartigen Zeiten. Nachdem wir jedoch in diesem Frühjahr ein
wirkliches Erdbeben in Bonn überlebt haben, kann ich
mit gewisser Berechtigung sagen, daß die Vereinigung
Deutschlands ein politisches Erdbeben war. Sie war
ein Ziel, das wir über Jahre hinweg uneingeschränkt
und konsequent unterstützt hatten, aber ihr Tempo
war überraschend für uns, für Sie und Ihre Nachbarländer. Die amerikanische Reaktion war jedoch unmißverständlich und vielleicht einzigartig: Wir unterstützten die Vereinigung Deutschlands von Anfang an
uneingeschränkt und ohne zu zögern.
Das Konzept der deutsch-amerikanischen Partnerschaft ist ein natürliches, weil es auf einem breiten
Fundament gemeinsamer Werte ruht: Demokratie,
Prinzipien der freien Marktwirtschaft, Achtung der Rechte
des einzelnen und Rechtsstaatlichkeit sowie Bereit-

AMERIKA DIENST 21

�schaft, den Bedürftigen die Hand zu reichen. Darüber
hinaus haben mehr als ein Viertel aller Amerikaner
deutsche Vorfahren. Die Partnerschaft hat daher tiefe
Wurzeln.
Eine Partnerschaft bringt Menschen mit der gleichen
Sichtweise und Orientierung zusammen, die die
Wahrscheinlichkeit ihres Erfolgs durch die Bündelung
ihrer Ressourcen verbessern wollen. Es wird Meinungsverschiedenheiten geben, die sich jedoch auf
die Mittel und Taktiken beschränken. Es wäre in der
Tat nützlich, wenn solche Differenzen in einer Partnerschaft nie an die Oberfläche kämen - sei es in einer
Rechtsanwaltskanzlei, einer Ehe oder einer bilateralen
Beziehung. Sie stellen nicht die zugrundeliegenden
Ziele in Frage, sondern verweisen schlicht und einfach
auf die Notwendigkeit besserer Kommunikation.
Das Ideal ist nicht so sehr 10Oprozentige Übereinstimmung wie 100prozentige Konsultation. Diese häufig
verschwommene Unterscheidung ist ausschlaggebend.
Wo es Meinungsverschiedenheiten zwischen den
Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik gab,

erstreckten sie sich auf die Mittel, und nicht auf die
Ziele.
Aussichten für die Führungsrolle
Deutschland muß - und sollte - nicht zögern, eine
Führungsrolle zu übernehmen. Zweifelsohne gibt
diese Aussicht in den Köpfen mancher Leute Anlaß zur
Sorge. Einige dieser Sorgen beziehen sich auf den
Begriff "Führung", der infolge derdeutschen Geschichte einen Beiklang hat, der dem Wort "leadership" für
uns nicht anhaftet. Führung bedeutet nicht "Herrschaft" oder Hegemonie. Sie bedeutet das Ergreifen
der Initiative bei gemeinsamen Interessen und anderen ein Beispiel zu geben, dem sie folgen können.
Hitlers Streben nach Übermacht hat zu Recht Deutschlands aggressiven Alleingang diskreditiert. Es sollte
jedoch nicht auf immer die deutsche Entschlossenheit
ersticken, in einem kollektiven Rahmen gemeinsamer
Werte und vereinbarter Ziele die Führungsrolle zu
übernehmen. Wieder einmal, und nicht zum ersten
Mal, ist Deutschland vereinigt und mächtig. Neu in der
Weltgeschichte ist, daß Deutschland auf einem soliden demokratischen Fundament vereinigt ist - eine
vielversprechende Tatsache für Deutschlands Rolle in
der Weltpolitik.
Partnerschaft in der Führung bedeutet keine Partnerschaft, in der wir uns aneinanderklammern. Wenn
dem Konzept Erfolg beschieden sein soll, muß man
sich vor Augen führen, daß Partner ihre individuellen
Bedürfnisse und Prioritäten ebenso wie ihre Grenzen
haben. Deutschland wird weiterhin seine eigene,
einzigartige geopolitische Lage haben, sein eigenes
innereuropäisches Programm und besondere bilaterale Beziehungen beispielsweise zu Frankreich und Polen
unterhalten.

AMERIKA DIENST 21

Führung erfordert ein Engagement für kollektives
Handeln. Einige politische Entscheidungsträger müssen
von anderen unterstützt werden, um gemeinsame
Ziele zu verwirklichen. Wenn wir Deutschland ermutigen , mit uns Partner in der Führung zu sein, tun wir dies
in der Überzeugung, daß Deutschland diese Rolle
primär als stolzes und verantwortungsbewußtes Mitglied multilateraler Organisationen wie der NATO, der
Europäischen Gemeinschaft und der Vereinten Nationen ausfüllen wird. Kollektives Handeln zur Erlangung
gemeinsamer Ziele - das ist Partnerschaft, das ist
Führung in der neuen Welt von heute.
Bei einer unserer größten Herausforderungen - der
Hilfe für die aus dem ehemaligen Sowjetblock entstandenen Staaten - blicken wir auf Deutschland als wichtigen Partner bei dem Vorhaben, das Außenminister
Baker als Politik des "kollektiven Engagements" bezeichnet hat. Wir planen, mit Deutschland eng zusammenzuarbeiten, indem wir Pflichten koordinieren und
teilen. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich feststellen, wie sehr wir die bisherigen deutschen Bemühungen anerkennen. Deutschlands Beiträge sind groß,
wichtig und werden sehr geschätzt.
Wir teilen auch Deutschlands Gefühl der Dringlichkeit
in bezug auf die Bedürfnisse der neuen Nationen.
Gleichzeitig bin ich enttäuscht über den fälschlich
entstandenen Eindruck, die Vereinigten Staaten setzten ihr Gewicht nicht genügend ein. Die Tatsachen
sprechen eine andere Sprache.
Trotz Haushaltsengpässen haben die Vereinigten Staaten seit 1990 den neuen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion über 7 Milliarden Dollar an Hilfe gewährt oder zugesagt. In Zusammenarbeit mit Deutschland haben wir die Grundlage für ein internationales Wissenschaftszentrum in Rußland und in der Ukraine geschaffen,
um das Problem der Abwanderung von Wissenschaftlern in den Griff zu bekommen. Bei der
Washingtoner Koordinierungskonferenz haben
wir uns gemeinsam mit unseren Verbündeten
darum bemüht, unsere Hilfe durch Koordinierung effektiver zu gestalten. Später unternahmen wir massive Bemühungen im Rahmen der
Aktion Hoffnung, um dringende humanitäre
Bedürfnisse zu erfüllen.
Bei der Lissaboner Konferenz des vergangenen
Wochenendes kamen 63 Länder zusammen,
um weitere Hilfsmaßnahmen für die ehemalige
Sowjetunion zu erörtern. Außenminister Baker
kündigte eine Initiative zur Verbesserung der
Betriebssicherheit sowjetischer Kernkraftwerke
in Eurasien an. Als Teil dieses Pakets sagte er
25 Millionen Dollar zu.
Präsident Bush gab vergangenen Monat unsere
Unterstützung für das multilaterale makroökonomische Hilfspaket der G-7 bekannt, deren

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�Vorsitz dieses Jahr die Bundesrepublik Deutschland innehat. Dieses 24-Milliarden-Dollar-Paket, zu dem die Vereinigten Staaten 25 Prozent
beitragen werden, hilft den eurasischen Republiken, ihre Volkswirtschaften zu stabilisieren,
die Inflation unter Kontrolle zu bringen und den
Weg für Wachstum und Entwicklung zu bereiten. Präsident Bush hat darüber hinaus kürzlich
das "Freedom Support Act" vorgeschlagen, einen
umfassenden Rahmen zur Bewältigung der
militärischen, politischen und wirtschaftlichen
Probleme Rußlands und Eurasiens.
Darüber hinaus sollten wir nationale Bestrebungen
nicht zu eng fassen. Wir sollten auch den amerikanischen Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung in Betracht ziehen - in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Um ihre NATO-Verpflichtungen zu erfüllen, haben die
Vereinigten Staaten Hunderte Milliarden von Dollar
aufgewendet, und sie werden in der Zukunft weitere
Milliarden dafür aufbringen.
Die vor uns Hegenden Aufgaben und Chancen
Wenn wir uns den bevorstehenden Aufgaben stellen,
müssen wir uns des Sprichworts erinnern: "Es ist in
Ordnung, Fehler zu machen, solange es nicht die
falschen sind." Fürdie Vereinigten Staaten wäre es ein
fataler Fehler, der Welt den Rücken zuzukehren, sich
von internationalen Verpflichtungen hinter nationale
Schranken zurückzuziehen. Weltweite Interdependenz ist mehr als ein Klischee; sie ist eine Tatsache
des internationalen Lebens in unserer Zeit.
Professor Goldman wird später über die andere Seite
der transatlantische Brücke sprechen, über die politische Szene in Amerika. Er wird zweifellos unsere
innenpolitische Situation ansprechen. Wenn ich dazu
einige Beobachtungen beitragen darf, so würde ich
einen Aspekt der amerikanischen Präsidentschaftsvorwahlen dieses Frühjahrs betonen - nämlich, daß
das amerikanische Volk sowohl dem Isolationismus
als auch dem Protektionismus entsagt hat. Ebenso
wie Deutschland aus seinen furchtbaren Erfahrungen
in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts gelernt hat,
gilt dasselbe auch für die Vereinigten Staaten.

In den kommenden Jahren müssen wir die Lehren der
Geschichte anwenden. Wir müssen weiterhin den
Sackgassen von Isolationismus und Protektionismus
widerstehen. Natürlich müssen wir im Inland stark und
einig sein, wenn wir im Ausland aktiv und zur Führung
in der Lage sein möchten. Aber auch der Umkehrschluß trifft zu. In einer von militärischer und wirtschaftlicher Kriegführung zerrissenen feindseligen Weit
werden wir unfähig sein, die von uns angestrebte
Gesellschaft im Inland zu errichten.
Heute morgen hatte ich die Gelegenheit, in Bonn mit
Teilnehmern des Austauschprogramms Kongreß/
Bundestag zusammenzutreffen. Es richtet sich an

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Studenten und junge Berufstätige und stellt Stipendien
und Gastfamilien im jeweiligen Partnerland zur Verfügung. Über 5.000 Deutsche und Amerikaner haben
seit seiner Gründung vor nahezu zehn Jahren davon
profitiert. Wir beginnen jetzt, die Auswirkungen dieses
Programms zu sehen, da sich zahlreiche ehemalige
Teilnehmer heute um Fulbright- und andere Stipendien bewerben, um ihr Verständnis des anderen Landes zu vertiefen und sich auf Führungspositionen in
beiden Ländern vorzubereiten.
Zweifellos sind das Austauschprogramm Kongreß/
Bundestag, das Fulbright-Programm, der Deutsche
Akademische Austauschdienst, das deutsch-amerikanische Partnerschaftsprogramm, und andere staatlich geförderte Bestrebungen für die Kommunikation
zwischen unseren beiden Ländern von entscheidender Bedeutung. Die Schaffung direkter persönlicher
Beziehungen ist der "Wachstumsmarkt" unserer Arbeit, denn nichts kann überzeugender sein als solche
authentischen Erfahrungen.
Trotzdem haben diese offiziellen Programme nur einen kleinen Anteil an den gesamten persönlichen
Kontakten. Weit mehr ist als Ergebnis von Privatinitiativen und individueller Kreativität geschehen. Gerade
im kulturellen, zwischenmenschlichen Bereich hat die
Atlantik-Brücke einige ihrer bemerkenswertesten Beiträge geleistet, und dort müssen wir in Zukunft einen
Teil unserer Energien bündeln.
"Was zwischen den Vereinigten Staaten und Westeuropa erforderlich ist", so schrieb Dr. Kissinger unlängst, "ist nicht mehr Struktur, sondern etwas nicht
greifbares, wie die besonderen Beziehungen, die immer
zwischen Amerika und Großbritannien bestanden
haben." Im Hinblick auf die deutsch-amerikanischen
Beziehungen ist die institutionelle Struktur in der Tat
bereits vorhanden. Durch die Erleichterung persönlicher Kontakte tragen Austauschprogramme dazu bei,
die menschliche Dimension einzubringen, die den
Kern jeder besonderen Beziehung bildet. Und wir
anerkennen die Bedeutung der Einrichtung und des
Ausbaus solcher Programme in den neuen Bundesländern, denen wir deshalb Priorität eingeräumt haben.
Schlußbemerkungen
Zusammenfassend gestatten Sie mir bitte, eine Geschichte über einen berühmten geistreichen Berliner
zu zitieren, der ein Doppelabteil in einem überfüllten
Schlafwagen bezahlt hatte. Einer der übrigen Passagiere, der keine Reservierung hatte, wandte sich an ihn
und erklärte, er werde jeden Betrag zahlen, um das
Abteil zu teilen. Der Berliner erwiderte postwendend:
"Vielleicht. Aber lassen Sie mich das erst einmal
überschlafen." Bei dem Versuch, den Frieden nach
dem kalten Krieg zu sichern, können wir uns nicht den
Luxus leisten, die Sache zu überschlafen, die schwie-

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�rigen Fragen der Zukunft mit Muße zu überdenken.
Wenn wir nicht die Zukunft gestalten, wird sie uns
gestalten.

Freiheit retteten. Dieser Ausbruch an Kreativität ist
einer der strahlendsten Momente der amerikanischen
Geschichte."

Die atlantische Brücke war von großartigen Erfolgen
gekennzeichnet. Wir sind heute hier versammelt, um
diesen Erfolg zu feiern. Gleichzeitig wird die Brücke in
den kommenden Jahren mehr Verkehr tragen und
deshalb, wie der Bundeskanzler gerne sagt, braucht
sie neue Fahrspuren. Wir sollten den stärkeren Verkehr begrüßen, denn er wird nicht nur den Interessen
der Vereinigten Staaten und Deutschlands dienen,
sondern der ganzen freien Welt.

Wieder einmal ist die Welt an einem Wendepunkt
angelangt, einem Punkt, der neue Kreativität und
Führungskraft in Deutschland und Europa ebenso wie
in den Vereinigten Staaten erfordert. Die "Chancen
der Freiheit" stehen auf dem Spiel. Für Amerikaner
und Europäer ist das Ziel klar: zusammenzuarbeiten
und die Segnungen, derer wir uns erfreuen, in ganz
Europa und darüber hinaus zu verbreiten. Wenn wir
danach trachten, anderen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben,
stärken wir damit unsere Länder und Völker sowie die
Bande, die uns so eng miteinander verbinden.

Heute sind wir mit einer Situation konfrontiert, die der
Deutschlands vor fünfundvierzig Jahren ähnelt. Der
Krieg ist vorbei; jetzt ist die Zeit des Wiederaufbaus
gekommen. In seinen Memoiren würdigt Dr. Kissinger
die Nachkriegsgeneration amerikanischer Politiker, die
durch ihr Engagement für Europa "die Chancen der

Wie der ehemalige Außenminister Genscher - von
Verteidigungsminister Rühe in seiner Abschiedsansprache für Genscher vergangene Woche zitiert - zu
sagen pflegte: "Es kann uns nicht gut gehen, wenn es
anderen schlecht geht."
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

*

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�KSZE
27. Mai 1992

KONSOLIDIERUNG DER DEMOKRATIE
PRIORITÄT DES NEUEN EUROPAS
Rede von Paula Dobriansky bei KSZE
HELSINKI - (AD) - Der Konsolidierung von Demokratie und marktorientierten Volkswirtschaften in Mittel- und
Osteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion muß derzeit absolute Priorität eingeräumt werden. Dies erklärte
die Leiterin der Abteilung für Politik und Programme des US-Informationsamts, Paula Dobriansky, am 20. Mai
1992 in einer Rede vor der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki.
Dabei verwies Dobriansky darauf, daß sich die Hilfe für diese Länder auf fünf Eckpfeiler gründen mu ß, und zwar
"die Struktur der Regierung selbst... eine faire und unabhängige Justiz ... Bildung ... freie und unabhängige
Medien ... (sowie) Wirtschaftswachstum und Wohlstand".
Die amerikanische Politik unterstreiche "die Ernsthaftigkeit unserer Entschlossenheit und unseres Engagements
zur Förderung einer Gemeinschaft freier und demokratischer Nationen, die sich der Rechtsstaatlichkeit und dem
Schutz der Menschenrechte im In- und Ausland verschrieben haben," erklärte Dobriansky.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Paula Dobriansky im Wortlaut.

Ich bin geehrt, vor dieser Konferenz über eine Frage zu
sprechen, der von der amerikanischen Regierung
absolute Priorität eingeräumt wird: die Konsolidierung
von Demokratie und marktorientierten Volkswirtschaften in Mittel- und Osteuropa sowie der ehemaligen
Sowjetunion.
Angesichts der einzigartigen und außergewöhnlichen
Rolle, die die KSZE seit 1975 bei Überwachung und
Ausbau der Menschenrechte sowie der Förderung
demokratischer Ziele im Ausland gespielt hat, ist es
angebracht, daß ich heute hier Strategien zur Unterstützung der demokratischen Revolution erörtere.
Epochale Dokumente wie die - in dieser Stadt unterzeichnete - KSZE-Schlußakte und Schlußdokumente
der Wiener Folgekonferenz, der Bonner Wirtschaftskonferenz und des Kopenhagener Treffens über die
menschliche Dimension haben Maßstäbe gesetzt, an
denen die Bilanz der KSZE-Mitgliedstaaten im Bereich
der Menschenrechte gemessen wird. Zusammengenommen definieren diese durch den Konsens aller
KSZE-Mitgliedstaaten zustandegekommenen Dokumente die grundlegenden Elemente eines demokratischen Fundaments.
Angesichts der geostrategischen Umgestaltung der
europäischen politischen Landschaft hat sich die Rolle
der KSZE erstaunlicherweise noch erweitert. Dokumente der KSZE liefern weiterhin wichtige Parameter
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über das Verhalten der Länder im Bereich der Menschenrechte, aber zusätzlich wurden KSZE-Institutionen gegründet, die als multilaterale Clearingstellen
dienen und zur Entwicklung demokratischer Institutionen und Prozesse beitragen sollen. Wie Sie wissen,
hat die KSZE neue Herausforderungen angenommen,
die sich aus den neuen Realitäten wie freie Wahlen,
Konfliktbewältigung und parlamentarische Verfahren
ergeben.
Der kalte Krieg ist vorbei. Unsere Aufgabe besteht
heute darin, vordem existierende regionale politische,
wirtschaftliche und soziale Unterschiede auszugleichen, zur Schaffung demokratischer Gesellschaften
beizutragen und in diesen Rechtsstaatlichkeit zu fördern, die Gerechtigkeit und Zivilcourage hervorbringt
sowie Menschenrechte und Freiheiten schützt. Wir
betrachten unsere Zukunft als unauflöslich mit der
Zukunft der Demokratie im neuen Europa verbunden.
Meine Institution, das Informationsamt der Vereinigten
Staaten von Amerika (USIA), engagiert sich voll und
ganz für den Aufbau von Demokratie und Marktwirtschaften in Übersee. Das USIA hat bereits über 40
Jahre lang demokratische Werte erläutert und unterstützt. Das USIA setzt diese Tradition durch die aktive
Förderung des Austauschs von Informationen und
Menschen im Hinblick auf Fragen wie Selbstregierung,
Rechtsstaatlichkeit, freie Medien und freie Märkte fort.
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�Der Auftrag des USIA umfaßt drei Aspekte: a) einem
internationalen Publikum überzeugend die Außenpolitik der amerikanischen Regierung zu erläutern, b) ein
Bild des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und
gesellschaftlichen Lebens in Amerika zu vermitteln
und c) Programme zur Unterstützung von Demokratie
und Marktwirtschaft zu erarbeiten. Wir bemühen uns,
diese Ziele durch die verschiedenen Kommunikationsmöglichkeiten des USIA zu erlangen, darunter Vortragsreisen, Publikationen, Rundfunksendungen der
Voice of America (VOA), Fernsehsendungen des
Worldnet, akademischer und kultureller Austausch
und Stipendien, Informationsveranstaltungen für ausländische Journalisten, Ausstellungen, internationale
Besucherprogramme sowie die Veröffentlichung eines
täglichen Bulletins mit Artikeln, Dokumenten und
Redetexten.
Aber was haben wir konzeptionell und praktisch diesen
Ländern zu bieten, die sich im Übergang zur Demokratie befinden? Was wir ihnen bieten können - mit
unseren Plänen, Ideen und unserer Erfahrung sowie
unserer konkreten Hilfe - ist, zur Konsolidierung der
institutionellen Grundlagen der modernen Demokratie
beizutragen. Unseres Erachtens ruht dieses Fundament auf fünf Eckpfeilern, die den Schwerpunkt unserer technischen Hilfe bilden.
Der erste Eckpfeiler ist die Struktur der Regierung
selbst. Es ist einfacher, die Ideale der Demokratie zu
loben als eine funktionsfähige, dauerhafte demokratische Regierung aufzubauen. Demokratie bedeutet in
der Tat mehr als den einmaligen Sturz eines tyrannischen Regimes oder auch eine oder zwei demokratische Wahlen. Wir unterstützen Formen begrenzter
Regierung, die individuelle Freiheiten garantieren. Wir
betrachten diese Freiheiten nicht als Geschenk der
Regierung, sondern als Grundrechte, die von verfassungsmäßigen Kontrollmechanismen geschützt sind,
die Machtmißbrauch verhindern. Um zur Entwicklung
gut funktionierender begrenzter Regierung beizutragen, haben wir Programme, die sich mit parlamentarischen Verfahrensweisen, Wahlen, Gemeindeverwaltung und politischen Organisationen beschäftigen.
Der zweite institutionelle Eckpfeiler der Demokratie ist
eine faire und unabhängige Justiz. Dem einzelnen
muß in einer demokratischen Gesellschaft wirtschaftliche und politische Gerechtigkeit zuteil werden. Es ist
in der Tat die Justiz, die die Grundlage dieser Gesellschaften von totalitären Edikten zur Rechtsstaatlichkeit verschiebt. Im Rahmen eines besonderen Programms (professionals-in-residence) entsenden wir
Richter, Rechtsanwälte und Juraprofessoren nach
Übersee, um beim Entwurf von Verfassungen und
Justizreformen tätig zu werden, rechtsstaatliche Verfahren, Verwaltungs-, Straf- und Verfassungsrecht zu
erörtern.

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Der dritte Eckpfeiler jeder Demokratie ist Bildung.
Durch Forschungsstipendien, das USIA-Lehrbuchprogramm und Austauschprogramme von Dozenten und
Studenten versuchen wir, eine umfassende Ausbildung in Geisteswissenschaften zu fördern, die unabhängiges, kreatives Denken und Selbstvertrauen anstelle
eines formellen, starren Ausbildungsssystems der
Indoktrinierung und Abhängigkeit ermutigt.
Viertens sind freie und unabhängige Medien der Nerv
einer demokratischen Gesellschaft. Demokratische
Gesellschaften sprechen praktisch per definitionem
mit vielen Stimmen. Zusammen mit westlichen privaten Medien strebt USIA die Schaffung unabhängiger
Medieninstitutionen für Nachrichten, Information und
Meinungsbildung in aufstrebenden Demokratien an.
Wir haben ausländische Journalisten in die Vereinigten Staaten zur Beobachtung unserer Medienpraktiken eingeladen und Experten in Journalismus und
Kommunikationswesen ins Ausland zur Durchführung
von Workshops entsandt. Darüber hinaus werden wir
in Kürze an einem Freien Medienseminar der KSZE
teilnehmen, zu dem unsere Delegation weitere Einzelheiten vorlegt. Dieses Seminar wird vom Büro für
demokratische Institutionen und Menschenrechte
organisiert.
Der fünfte Eckpfeiler der Demokratie ist Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Wir sehen eine untrennbare Verbindung zwischen Demokratie, Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Unseres Erachtens bietet ein
demokratisches politisches System mit seinem demokratischen Unterbau des freien Unternehmertums die
besten Aussichten für wirtschaftliche Entwicklung. Über
das VOA-Radioprogramm "Democracy in Action:
Economics" und USIA-Publikationen erörtern wir das

Konzept freier Marktwirtschaften und geben konkrete
Beispiele für deren erfolgreiche Anwendung.
Unsere Hilfsbestrebungen konzentrieren sich konkret
auf die Förderung dieser fünf Eckpfeiler. Wir können
jedoch keine Patentrezepte für Demokratie vorschreiben und tun dies auch nicht. Der Hauptgrund hierfür ist
nicht nur Bescheidenheit. Wie bereits schon zahlreiche Politologen erkannt haben, muß ein Einklang
zwischen dem politischen System eines Landes und
seiner Kultur, Geographie und Geschichte bestehen.
Demokratie kann nicht unmittelbar von einem Land auf
ein anderes übertragen werden.
Bei der Förderung dieser Grundsätze muß man sich
darüber hinaus vor Augen führen, daß diese Aufgabe
nicht allein die Domäne der Regierungen ist - wir haben
kein Monopol auf demokratische Werte. Der Privatsektor muß ebenfalls eine Schlüsselrolle spielen. Jeden
Tag höre ich von neuen Programmen, die von privaten
Gruppen, Stiftungen, Organisationen und selbst Einzelpersonen durchgeführt werden, die ohne staatliche
Unterstützung Fortschritte erzielen. Symbolisch und

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�praktisch gesehen sind Programme des Privatsektors
ein äußerst wichtiges, sogar entscheidendes Element
der Bestrebungen zur Förderung und Konsolidierung
von Demokratie. Denn es ist die bürgerliche Gesellschaft, die demonstriert, daß Demokratie nicht von
Regierungen gewährt, sondern durch die Bestrebungen ihrer Bürger unterstützt und bewahrt wird.
Welche Art von praxisorientierten Programmen wurden angesichts der veränderten politischen Landschaft
in Europa vom US-Informationsamt entwickelt? Im
folgenden einige Beispiele:
Im Rahmen ihres Rundfunkprogramms "Making
Democracy Work" veranstaltet VOA Sendungen mit Regierungsvertretern, Journalisten,
Bürgermeistern, Unternehmern und anderen
wichtigen Gesprächspartnern.
Die Veröffentlichung von zwei in 34 Sprachen
übersetzten Broschüren mit dem Titel "What is
Democracy?" und "What is a Free Market Economy?".
Ein Buchübersetzungsprogramm, mit dem Bücher
über amerikanische Geschichte, Wirtschaft,
Leben und Institutionen, Wirtschafts- und Unternehmenstechniken in mehreren Sprachen
herausgegeben werden, unter anderem so
bekannte Werke wie "Democracy in America"
von de Tocqueville, "The Federalist Papers" und
"American Political Tradition" von Hofstaedter.
Forschungsstipendien für weiterführende Studien und praktische Ausbildung in den Vereinigten Staaten in den Bereichen Unternehmensverwaltung, Wirtschaftswissenschaften, Jura und
öffentlicher Verwaltung.
Austausch von Studenten, Professoren, Berufsanfängem und jungen Führungskräften, Parlamentariern, Journalisten und Bürgermeistern,
die durch unsere Verbindungen zu Universitäten, Stipendien, Austausch- und internationalen Besuchsprogramme Tausenden von Menschen zugute kommen.
Programme für amerikanische Redner und in
den Vereinigten Staaten wohnhafte Fachleute,
die im Land Seminare und Workshops in Unternehmensverwaltung, öffentlicher Verwaltung,
Staatsrecht und Journalismus durchführen.
Darüber hinaus wollen unsere Programme auch einige
der bestehenden Herausforderungen und Hemmnisse

einer friedlichen Demokratisierung durch Bereitstellung relevanter Informationen, Austausch konkreter
Erfahrungen, Erleichterung des Dialogs und Erläuterung der Bedeutung demokratischer Prozesse ansprechen.
In Hinblick auf menschliches Leid spielen Nationalitätenkonflikte eine praktisch unvorstellbare Rolle in einigen Teilen Europas und der Welt. Zahlreiche Konflikte
sind natürliche Auswüchse des Zerfalls des Kommunismus, wohingegen andere jahrhundertealt sind und
nichts mit politischer Ideologie zu tun haben. Demokratie ist die beste Grundlage, um solch hartnäckige
Konflikte zu lösen. Es ist die Demokratie, die den
erforderlichen Rahmen für die friedliche Beilegung von
Konflikten zwischen diametral entgegengesetzten
Parteien bietet - einen Rahmen, der den Gedanken
von Kompromiß, loyaler Opposition, Schutz des einzelnen vor Tyrannei durch eine Mehrheit und der
Beteiligung von Minderheiten an einer repräsentativen
Regierung enthält.
Eine weitere Herausforderung beim Aufbau der Demokratie sind religiöse Intoleranz, Bigotterie und Fremdenfeindlichkeit. Weltweit konnten wir beobachten,
wie zahlreiche Religions- und Bürgerkriege durch solchen Haß geschürt wurden. Der Geist religiöser
Toleranz und die Respektierung der Interessen anderer Menschen sind unabdingbare Bestandteile einer
Politik stabiler und demokratischer Institutionen.
Das amerikanische Engagement für den Aufbau von
Demokratie ist mehr als nur anregende Rhetorik und
die Dirigierung von Wirtschaftshilfe zu demokratischen
Regierungen. In der Tat umfaßt es alle Aspekte
unserer Außenpolitik. Es wird durch alle Behörden
einschließlich USIA sowie durch Privatorganisationen
und Einzelpersonen in die Praxis umgesetzt. Wir
versuchen, die Achtung des Völkerrechts zu fördern,
dem Einsatz von Aggression als staatlichem Mittel die
rechtliche Grundlage zu entziehen und höhere Wertschätzung der durch regionale Institutionen gebotenen Möglichkeiten hervorzubringen. Die demokratische Umgestaltung ist noch im Gange, und die aufstrebenden Demokratien sind nach wie vor instabil. Wir
sind bereit, alle uns zur Verfügung stehenden Mittel zu
nutzen, um international Geächtete in die Schranken
zu weisen. Unsere Politik unterstreicht die Ernsthaftigkeit unserer Entschlossenheit und unseres Engagements zur Förderung einer Gemeinschaft freier und
demokratischer Nationen, die sich der Rechtsstaatlichkeit und dem Schutz der Menschenrechte im Inund Ausland verschrieben haben.

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Seite 3

�RASSENBEZIEHUNGEN
27. Mai 1992

RASSENBEZIEHUNGEN IN DEN USA AUS DER SICHT
EINES SCHWARZEN UNIVERSITÄTSPROFESSORS
Stellungnahme von Professor Randall Kennedy
WASHINGTON - (AD) - Randall Kennedy, Juraprofessor der Harvard University, ist diametral entgegengesetzter Meinung zu den Verfechtern der These, es
habe sich bei den Beziehungen zwischen den Rassen
in den Vereinigten Staaten "nichts geändert".
"Das ist absolut falsch", so der schwarze Wissenschaftler und Autor Kennedy. "Das Leben, das ich
führe und was mir geboten wird, unterscheidet sich
deutlich von den Möglichkeiten meines Vaters."
In den sechziger Jahren in Washington aufgewachsen, wo die Rassentrennung bereits aufgehoben war,
besuchte Kennedy die Princeton University und die
Yale Law School und studierte ein Jahr mit einem
Stipendium in Oxford. Ihm zufolge war es vor 1960
schwieriger für Schwarze, solche Bildungschancen
wahrzunehmen, weil die Rassentrennung damals in
zahlreichen amerikanischen Bundesstaaten die Regel
war.
Kennedy ist Herausgeber der Zeitschrift "Reconstruction", in der Artikel über künstlerische, soziale, politische und wirtschaftliche Themen veröffentlicht werden, die für die afrikanisch-amerikanische Gemeinde
von Bedeutung sind. Vor kurzem kehrte er aus Dänemark zurück, wo er über die Chancen für in den
Vereinigten Staaten lebende Schwarze referiert hatte.
Die Schwarzen haben in den Vereinigten Staaten
beachtliche politische und wirtschaftliche Fortschritte
erzielt, aber es gab auch "enorme Frustration", stellte
Kennedy in einem am 18. Mai 1992 in Harvard geführten Telephoninterview fest.
Größtenteils dank der in den vergangenen 30 Jahren
"zur Rassenintegration ergriffenen Gleichstellungsmaßnahmen" haben schwarze Amerikaner "heute bessere
Chancen als noch vor 25 oder 35 Jahren denkbar
gewesen wäre", so Kennedy.
Obwohl die Beziehungen zwischen den jeweiligen
Rassen in den Vereinigten Staaten noch lange nicht
perfekt sind, "ist es unangebracht, uns selbst und den

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Menschen im Ausland zu sagen, die Herzen und
Einstellungen der Menschen haben sich nicht geändert", erklärte er.
Indem er auf die "komplexe Mischung" der ethnischen
Beziehungen in den Vereinigten Staaten verwies, stellte
Kennedy fest, er wolle die Menschen daran erinnern,
daß die Vereinigten Staaten "ein riesiges, unglaublich
kompliziertes Land" sind. Und die schwarze Gemeinde habe "regionale, religiöse und Klassenunterschiede", fuhr er fort.
Als Beispiel der von den Schwarzen an der politischen
Front erzielten Fortschritte zitierte Kennedy: "Ein
schwarzer Amerikaner ist Gouverneur von Virginia
(Douglas Wilder)... und das ist etwas, was 1960 als
abwegiger Gedanke angesehen wurde." Er fügte
hinzu: "Belegt dies einen beachtlichen Wandel des
Sozialverhaltens und der Sitten? Die Antwort lautet
meines Erachtens eindeutig Ja."
Als ein Beispiel der verbesserten Rassenbeziehungen
in den Vereinigten Staaten nannte Kennedy die Berufung von General Colin Powell durch Präsident Bush
zum Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs im Jahr
1989 - womit Powell, ein Schwarzer, der ranghöchste
Soldat der Streitkräfte wurde.
In einem 1990 zu dieser Ernennung in "Reconstruction" erschienenen Kommentar bezeichnet der schwarze Wissenschaftler diese als Anzeichen der "massiven
Veränderungen im Verhalten der Rassen, die weite obwohl sicherlich nicht alle - Teile der amerikanischen
Machtelite erfaßt haben. Was Bush 1989 tat, wäre
1962 für John F. Kennedy oder 1966 für Lyndon B.
Johnson unvorstellbar gewesen."
Professor Kennedy erklärt seinem europäischem
Publikum, die Tatsache, daß Schwarze so hohe
Machtpositionen in der amerikanischen Regierung
errungen haben, beweise die "wichtigen und guten
Veränderungen im amerikanischen Leben".

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�Gleichzeitig, fügte er hinzu, gibt es eine "harte Realität"
in den Vereinigten Staaten, nämlich, daß "die Rassenfrage jeden Aspekt des amerikanischen Lebens betrifft", sei es Politik, Sport, Musik oder Wirtschaft.
Aufgrund der vom Kongreß 1964 und 1965 verabschiedeten Bürgerrechte schützen die Gesetze jetzt
die Rechte von Minderheiten jedoch "eindeutig" besser
als vorher.
Kennedy, der nach seinem Examen an der Yale University Assistent von Richter Thurgood Marshall am
Obersten Bundesgericht war, stellte fest, "vor 1960
gab es kein Bundesgesetz, das den Menschen verbot,
Schwarze offen und ausdrücklich zu diskriminieren".
Das Bürgerrechtsgesetz von 1964 hat dies verändert,
erklärte Kennedy und verwies darauf, es habe Diskriminierung aufgrund von Rassenzugehörigkeit untersagt und "ist seither mehrere Male ergänzt worden, um
dieses Verbot zu erweitern".
Darüber hinaus habe das Wahlrechtsgesetz von 1965
"große Auswirkungen auf die Politik gehabt", indem es
Gesetze der Bundesstaaten beseitigte, mit denen
Schwarzen das Wahlrecht verwehrt wurde, und sie
damit vollständig in das politische Leben der Nation
einbezogen habe.
Im Jahr 1960 "gab es in den Vereinigten Staaten
zahlreiche Regionen, in denen Schwarze zu viel Angst
hatten, wählen zu gehen. Dies ist heute nirgendwo in
den Vereinigten Staaten der Fall."
Dies bedeutet Kennedy zufolge jedoch nicht, daß das
Land seine Rassenprobleme gelöst hat. "Offensichtlich stehen wir vor großen Problemen, das lehren uns
die Unruhen von Los Angeles." Es sei jedoch wichtig,
die Grundvoraussetzungen zum Vergleich heranzuziehen, und die Lage der Schwarzen sei im Jahr 1960
politisch schlechter gewesen als im Jahr 1992.
Als Beispiel für den Einfluß der Schwarzen bei Wahlen
führte Kennedy die Opposition im US-Senat gegen
Präsident Reagans Nominierung von Robert Bork für
das Oberste Bundesgericht in den achtziger Jahren
an, eine Nominierung, gegen die sich erstaunlicherweise zahlreiche weiße Senatoren aus den Südstaaten wandten, eine Gruppe, die viele von Borks konservativen Ansichten teilte.
"Warum, meinen Sie, machten diese weißen, zumeist
konservativen Männer gegen Bork Front?" fragte
Kennedy. Sie hätten dies getan und damit Borks
Nominierung zum Scheitern gebracht, "weil ihre schwarzen Wähler ziemlich lautstark ihre Ablehnung Borks
bekundeten", und "darin kam das Wahlrechtsgesetz
von 1965 zum Ausdruck".

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Außerdem "wurde im Jahr 1982 auf dem Höhepunkt
der Reagan-Administration, die viele als den Bürgerrechten gegenüber gleichgültig oder feindselig betrachten, das Wahlrechtsgesetz ergänzt und gestärkt",
stellte Kennedy fest.
Auf die Frage nach unzulässigem Verhalten von Polizisten als potentieller Ursache weiterer Unzufriedenheit und Unruhen in den Städten erklärte Kennedy,
daß "die Aussonderung junger schwarzer Männer für
harten Zugriff" durch die Polizei ein großes Problem in
Amerika sei.
"Schwarze Amerikaner, besonders schwarze Männer,
sind von Diskriminierung bei der Strafverfolgung betroffen." Wenn er zum Beispiel in seinen Lehrveranstaltungen in Harvard die Studenten frage, wie viele
von ihnen von der Polizei angehalten und durchsucht
worden seien, "ist es immer erstaunlich, daß eine
überwältigende Zahl der Studenten, die ihre Hand
heben, schwarze Männer sind".
Ein weiteres "enormes Problem für die schwarze
Bevölkerung" besteht Kennedy zufolge darin, daß
Schwarzen im allgemeinen nicht derselbe Schutz der
Polizei vor Verbrechen zuteil wird, die ihre Stadtviertel
heimsuchen. Dies ist jedoch dringend erforderlich,
"weil es für Schwarze fünfmal wahrscheinlicher ist,
Opfer eines Mordes und noch viel wahrscheinlicher,
ausgeraubt zu werden. Schutz durch die Polizei ist
unerläßlich, und davon erhalten sie nicht genug."
"Die schwarze Bevölkerungsgruppe ist also doppelt
betroffen", so Kennedy. Die "tragische" Gleichung
lautet, daß schwarze Opfer eines Strafverfolgungssystems sind, "das sie nicht ausreichend schützt", und
dasselbe System "sie allzuoft mißhandelt".
Leider sei es so, daß "diese Mi ßhandlungen eine lange
Geschichte haben" und, was vielleicht noch schlimmer
sei, "diese Mißhandlungen ebensolange toleriert worden sind".
Die Schwarzen seien, wie Kennedy betonte, jedoch
nicht die einzigen, die sich über Rassendiskriminierung empörten. Vor dem Ausbruch der Unruhen in Los
Angeles seien "viele Weiße von der offenkundigen
Tolerierung der Bigotterie angewidert gewesen", die
bei den Geschworenen zum Ausdruck gekommen sei,
die der Mißhandlung eines wehrlosen Schwarzen in
Los Angeles angeklagte Polizisten freisprachen.
Kennedy erklärte, er sei mit seinem europäischen
Publikum der Meinung, eine Lösung der komplizierten
Rassenprobleme in Amerika sei unmöglich, solange
Bürger und Personen in offizieller Funktion nicht "eine
absolute Intoleranz gegenüber jeder Art von rassistischem Verhalten" zeigten.

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�SOZIALPOLITIK
27. Mai 1992

ARBEITSLOSENVERSICHERUNG SCHÜTZT
ARBEITNEHMER VOR FOLGEN
DER ARBEITSLOSIGKEIT
Dritter einer Reihe von Artikeln zur US-Sozialpolitik
WASHINGTON - (AD) - Die Arbeitslosenversicherung
wurde im Jahr 1935 als Teil des Sozialversicherungsgesetzes eingeführt, um für Arbeitnehmer und deren
Familien die wirtschaftlichen Härten infolge vorübergehender Arbeitslosigkeit zu mildern.
Ursprünglich erhielten Arbeitslose in den meisten Staaten
Leistungen für maximal 13 bis 16 Wochen. Heute kann
ein Großteil der Amerikaner, die ohne eigenes Verschulden arbeitslos geworden sind, eine Grundversorgung durch die Arbeitslosenversicherung beantragen,
die für gewöhnlich bis zu 26 Wochen lang ein Drittel bis
die Hälfte ihres letzten Einkommmens beträgt.
In Zeiten außergewöhnlich hoher Arbeitslosigkeit können
diese Leistungen für weitere 13 Wochen verlängert
werden, abhängig vom Grad der Arbeitslosigkeit in
Heimatstaat oder Gemeinde des Arbeitslosen.
Eine Verlängerung der Leistungen ist den heutigen
Gesetzen zufolge zulässig, wenn in einem Bundesstaat die Arbeitslosenquote unter den Versicherten
während der letzten 13 Wochen mindestens 6 Prozent
betrug oder wenn sie 5 Prozent überschreitet und
mindestens 20 Prozent über der der vergangenen
beiden Jahre liegt.
In Zeiten landesweiter Rezession, wenn viele Bundesstaaten unter hoher und anhaltender Arbeitslosigkeit
leiden, können Präsident und Kongreß darüber hinaus
Bundesmittel bewilligen.
Solche Mittel wurden im November 1991 und erneut im
Februar dieses Jahres gewährt, um in der gegenwärtigen Konjunkturflaute die Folgen überdurchschnittlich
hoher Arbeitslosigkeit zu mildern.
Am 12. Mai 1992 bat Präsident Bush den Kongreß,
diese Mittelvergabe über ihren planmäßigen Ablauf im
Juli hinaus bis zum April 1993 zu verlängern. Diesem
Vorschlag zufolge, der schätzungsweise weitere 2,5
Milliarden Dollar kostet, würden die Leistungen in
Staaten mit hoher Arbeitslosigkeit zusätzlich zu den

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regulären 26 Wochen um bis zu 30 Wochen verlängert,
in allen anderen Staaten um bis zu 20 Wochen. Der
Präsident forderte darüber hinaus bis nächsten Februar eine Untersuchung an, die Empfehlungen für
eine dauerhafte Reform der gegenwärtigen Arbeitslosenversicherung unterbreiten soll.
Die Notwendigkeit verlängerter Leistungszahlungen
hat in den vergangenen beiden Jahren zugenommen,
da sich die Arbeitslosenquote im Gleichschritt mit der
Rezession erhöhte.
Neun US-Bundesstaaten und Territorien - Alaska,
Maine, Massachusetts, Michigan, Oregon, Puerto Rico,
Rhode Island, Vermont und West Virginia - haben im
Jahr 1991 die Leistungszahlung verlängert. Im Jahr
1992 war dies jedoch nur in Puerto Rico der Fall.
In den meisten Staaten können Arbeitslose eine Woche
nach Eintritt der Arbeitslosigkeit die Grundversorgung
beantragen, selbst wenn sie bald ihren alten Arbeitsplatz zurückbekommen oder rasch einen neuen finden.
Statistiken des US-Arbeitsministeriums belegen, daß
nur wenige der Bezieher von wöchentlichem Arbeitslosengeld dies für den gesamten Zeitraum von 26 Wochen
tun. Im letzten von der Arbeitslosenstatistik vollständig
erfaßten Jahr 1991 betrug die Durchschnittsdauer der
Arbeitslosigkeit saisonbereinigt 15,4 Wochen.
Die Zahlen für das erste Quartal des Jahres 1992
weisen einen Anstieg der Durchschnittsdauer auf 16,4
Wochen im Januar, 17 Wochen im Februar und 17,1
Wochen im März auf - ein Anzeichen dafür, daß mehr
Arbeitnehmer für einen längeren Zeitraum arbeitslos
waren und größere Schwierigkeiten hatten, einen neuen
Arbeitsplatz zu finden.
Mit Ausnahme weniger Staaten, in denen die Arbeitnehmer direkt geringe Beiträge entrichten, wird die
Arbeitslosenversicherung durch getrennte Steuern der
Bundesstaaten sowie eine von den Unternehmen

Seite 1

�aufgebrachte Lohnsummensteuer des Bundes finanziert. Das System wird von Dienststellen der Bundesstaaten nach Richtlinien des US-Arbeitsministeriums
verwaltet.

Neben dem Arbeitslosengeld bestehen zahlreiche
andere gesetzlich festgeschriebene Programme, die
Arbeitslosen in den Vereinigten Staaten zugute kommen.

Als Faustregel gilt, daß Mittel der Bundesstaaten benutzt
werden, um in den ersten 26 Wochen direkte Leistungen an die Arbeitslosen zu zahlen. Die Lohnsummensteuer des Bundes wird verwendet, um Verwaltungskosten zu decken und bis zu 50 Prozent der Kosten bei
verlängerter Leistungszahlung zu finanzieren.

So müssen etwa Unternehmen, die mindestens 100
Vollzeitarbeitskräfte beschäftigen, geplante Betriebsschließungen oder Massenentlassungen mindestens
60 Tage im voraus ankündigen. Dies hilft den Arbeitnehmern, sich auf den bevorstehenden Arbeitsplatzverlust einzustellen und gibt ihnen Zeit, einen anderen
Arbeitsplatz zu suchen. Darüber hinaus werden die
Regierung des Bundesstaats und die Gemeindeverwaltungen gewarnt und können so rechtzeitige und
geeignete Hilfen anbieten.

In den meisten Bundesstaaten muß ein Antragsteller
im letzten Kalenderjahr mindestens zwei Quartale lang
beschäftigt gewesen sein, um Arbeitslosengeld in
Anspruch nehmen zu können. Alle Bundesstaaten
schreiben vor, daß ein Antragsteller arbeitsfähig sein
und zur Verfügung stehen muß, wenn ein geeigneter
Arbeitsplatz gefunden wird.
Wie die Rentenversicherung ist die Arbeitslosenversicherung ein vermögensunabhängiges Programm, bei
dem die Höhe der Leistungen nicht von anderen Einkommensarten oder Vermögenswerten des Empfängers abhängt. Im Gegensatz zur Rentenversicherung
ist der Umfang der Leistungen jedoch nicht standardisiert und fällt von Ort zu Ort sehr unterschiedlich aus.
Im nationalen Durchschnitt lag das wöchentliche Arbeitslosengeld im Jahr 1991 bei 170 Dollar pro Empfänger, wobei die Bandbreite von 82 Dollar in Puerto
Rico bis zu 227 Dollar in Massachusetts reichte. Darüber
hinaus wurden in 14 Bundesstaaten Zuschläge für
Familienangehörige gezahlt. Dazu gehörte auch
Massachusetts, wo die wöchentlichen Leistungen
insgesamt bei maximal 423 Dollar lagen.
Dem Arbeitsministerium zufolge erhielten 10,4 Millionen Amerikaner im Jahr 1991 Arbeitslosengeld in
Gesamthöhe von 25,3 Milliarden Dollar. Davon wurden 880 Millionen Dollar - einschließlich von 122
Millionen Dollar an Anpassungshilfen für Arbeitnehmer, die infolge ausländischer Importe ihren Arbeitsplatz verloren hatten - aus Bundesmitteln bereitgestellt, während der Rest von den einzelnen Staaten
getragen wurde.

* *

Seite 2

Beschäftigte wie auch arbeitslose Arbeitnehmer, deren Jahresverdienst unter die nationale Armutsgrenze
fällt -10.857 Dollar für eine dreiköpfige Familie im Jahr
1991 - können weitere Sozialhilfeprogramme in Anspruch nehmen, etwa Wohngeld, Lebensmittelmarken, subventionierte medizinische Versorgung, überschüssige landwirtschaftliche Produkte, Hilfe für Familien
mit unterhaltspflichtigen Kindern sowie allgemeine
Sozialhilfeleistungen, die durch ungebundene Zuschüsse des Bundes an die Staaten finanziert werden.
Viele Arbeitslose können sich darüber hinaus im Rahmen
zahlreicher Aus- und Fortbildungsprogramme des
Bundes und der Staaten umschulen lassen, während
Jugendliche aus einkommensschwachen Familien und
Minderheiten, die zum ersten Mal eine Beschäftigung
suchen, das äußerst erfolgreiche, von der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit den Bundesstaaten
und Privatfirmen betriebene Programm Job Corps in
Anspruch nehmen können.
Die meisten Einzelpersonen, die an einer solchen
Ausbildung teilnehmen, erhalten Arbeitsplätze, bei denen
mehr als der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn
von 4,25 Dollar gezahlt wird.
Jeder Bundesstaat hat sein eigenes Unfallversicherungsprogramm, das amerikanischen Arbeitnehmern
und deren Familien im Falle beruflich bedingter Verletzung, Invalidität oder Tod zusätzliche Leistungen bietet. Einige dieser Programme reichen bis zum Beginn
des 20. Jahrhunderts zurück.
* *

*

AMERIKA DIENST 21

�WAHLEN

'92
27. Mai 1992

ZWISCHENBERICHT ZU DEN WAHLEN '92
Anzahl der Delegierten und Ergebnisse der Vorwahlen
WASHINGTON - (AD) - Die nachstehend veröffentlichte inoffizielle Übersicht zeigt die Anzahl der Delegierten,
über die jeder Kandidat zum gegenwärtigen Zeitpunkt (20. Mai) des US-Wahlprozesses verfügt sowie die
Ergebnisse der Vorwahlen in Washington und Oregon.
Bush und Clinton gewinnen die Vorwahlen in
Washington und Oregon
Präsident Bush und der Gouverneur von Arkansas, Bill
Clinton, haben die Vorwahlen ihrer jeweiligen Parteien
am 19. Mai in den Bundesstaaten Washington und
Oregon mühelos gewonnen, aber die unerwarteterweise handschriftlich eingefügten Stimmen für den
nichtgebundenen Präsidentschaftskandidaten Ross
Perot könnten sich als Vorboten künftiger Probleme für
sie erweisen.
Bush siegte bei den Rennen der Republikaner über

seinen konservativen Herausforderer Pat Buchanan
mit einem Vorsprung von fast 4 zu 1 in Oregon und
schnitt im Staat Washington mit einem Vorsprung von
6 zu 1 noch besser ab.
Beim Wahlkampf der Demokraten errang Clinton rund
50 Prozent der Stimmen in beiden Bundesstaaten.
Sein verbliebener Rivale, der ehemalige Gouverneur
von Kalifornien Jerry Brown, gewann einen Anteil der
Delegierten für den nationalen Parteitag aus Oregon,
aber für Clinton ist die für die Nominierung erforderliche Mehrheit jetzt in greifbare Nähe gerückt.
Als echte Überraschung - da er in keinem der beiden
Bundesstaaten kandidiert hatte - erhielt Perot sowohl
in Washington als auch Oregon eine beachtliche Anzahl
von handschriftlich eingefügten Stimmen. In dem
spärlich besiedelten Distrikt von San Juan (Washington) konnte Perot aufgrund der für ihn abgegebenen
Stimmen bei den Vorwahlen beider Parteien die Führung übernehmen.
In Oregon wird die Auszählung der handschriftlich
abgegebenen Stimmen einige Tage erfordern. Anhand der bei Wählern beim Verlassen der Wahllokale
von CNN durchgeführten Umfragen gaben jedoch
jeweils rund 11 Prozent der Republikaner und Demokraten an, für Perot gestimmt zu haben.

AMERIKA DIENST 21

Die CNN-Meinungsumfrage an den Wahllokalen ergab auch beträchtliche Unterstützung für Perot durch
die Wähler beider führender Parteien in Oregon bei
den allgemeinen Wahlen. Die demokratischen Wähler
unterstützen Perot vor Clinton mit 45 zu 41 Prozent, die
republikanischen Wählergaben Bush bei den Vorwahlen mit 49 zu 40 Prozent den Vorzug vor Perot.
Perots Koordinator für den Wahlkampf in Oregon, Ted
Thomas, erklärte, er habe den Anhängern von Perot
gesagt, sie sollten sich darauf konzentrieren, Perots
Namen auf den Stimmzettel für die alleg meine Wahl zu
bekommen - und sich nicht mit Proteststimmen bei den
Vorwahlen abgegeben. "Ich vermute, sie haben uns
nicht zugehört", stellte er fest.
Angesichts der noch bevorstehenden acht Vorwahlen,
einschließlich der großen in Kalifornien am 2. Juni,
könnte sich der Gedanke handschriftlich eingefügter
Stimmen Analysten zufolge zu einer neuen Form der
Protestwahl gegen Bush und Clinton ausweiten.
Die neuesten Zahlen
Demokraten (zur Nominierung erforderlich: 2.145)
Clinton

1.855,50

Nichtgebunden

574,25

Tsongas

551,00

Brown

394,25

Sonstige

32,00

Republikaner (zui• Nominierung erforderlich: 1.105)
Bush
Buchanan

1.350
74

Nichtgebunden

2

Sonstige

1
Seite 1

�Ergebnisse der Vorwahlen vom 19. Mai

Bundesstaat Washington

Die nachfolgende Übersicht zeigt den Prozentsatz der Demokraten
Stimmen, die jeder Kandidat bei den Vorwahlen am 19.
Clinton
Mai erhalten hat.
Oregon
Demokraten

Prozentsatz der Stimmen

Prozentsatz der Stimmen
51

Brown

29

Tsongas

16
4

Clinton

50

Sonstige

Brown

35

Republikaner

Tsongas

11

Bush

83

Buchanan

13

Sonstige

4

•

Sonstige
Republikaner

4
Prozentsatz der Stimmen

Bush

76

Buchanan

22

Sonstige

2
* * * *

Seite 2

Prozentsatz der Stimmen

*

AMERIKA DIENST 21

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