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RÜSTUNGSKONTROLLE

DIE ROLLE DER RÜSTUNGSKONTROLLE IM
ZEITALTER NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede von ACDA-Direktor Lehman

GOLFKRIEG

BERICHT ÜBER DEN GOLFKRIEG UNTER STREICHT ERFAHRUNGEN DER KOALITION
Eine Übersicht zum Bericht des Pentagon

USA - DEUTSCHLAND

HANDEL IN OSTDEUTSCHLAND - DIE ROLLE
DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede von Botschafter Kimmitt vor dem
American-German Business Club

WAHLEN '92

DIE FINANZIERUNG AMERIKANISCHER
PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLKÄMPFE
von Herbert E. Alexander

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�RÜSTUNGSKONTROLLE
22. April 1992

DIE ROLLE DER RÜSTUNGSKONTROLLE IM
ZEITALTER NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede von ACDA-Direktor Lehman
DEN HAAG - (AD) - Dem Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung, Botschafter Ronald Lehman,
zufolge besteht die Hauptaufgabe der Rüstungskontrolle im Zeitalter nach dem kalten Krieg darin, die
"Nichtverbreitungsnormen" zu stärken, "Vertrauensbildung, Transparenz und Stabilität in Spannungsgebieten"
zu fördern und "die Last der Waffen kontinuierlich zu reduzieren".
Botschafter Lehman hielt am 10. April 1992 eine Rede zum Thema Rüstungskontrolle im Zeitalter nach dem
kalten Krieg anläßlich der Siebten Internationalen Roundtable-Konferenz in Den Haag.
Lehman erörterte den Beitrag bestehender Rüstungskontrollverträge, wie etwa des START-Vertrags und des
KSE-Vertrags für das Sicherheitsumfeld im Zeitalter nach dem kalten Krieg, die Rolle der Sicherheitsorganisationen wie NATO und KSZE sowie die neue politische und sicherheitspolitische Lage in Europa und der früheren
Sowjetunion.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Lehmans Rede im Wortlaut. Es gilt das gesprochene Wort.
Herr de Vries, verehrte Kollegen und Gäste, es ist mir
eine Ehre, heute abend hier bei Ihnen zu sein. Die
Atlantische Kommission der Niederlande und das Institut
für außenpolitische Analysen haben für die diesjährige
Roundtable-Konferenz ein beeindruckendes Programm
zusammengestellt, und ich bin stolz darauf, daran
teilnehmen zu dürfen.
Wenn ich mir die neuen Herausforderungen der nächsten zehn Jahre vor Augen führe, werden gemeinsame
Rüstungskontrollbestrebungen eine wichtige Rolle dabei
spielen müssen, den Übergang zum Zeitalter nach
dem kalten Krieg zu bewältigen. Die Rolle der Rüstungskontrolle in dieser Zeit raschen Wandels - wie
ich sie sehe - wird darin bestehen, die Welt sicherer zu
machen
durch die Stärkung von Nichtverbreitungsnormen,
durch Förderung der Vertrauensbildung, Transparenz und Stabilität in Spannungsgebieten und
durch unsere Bestrebungen, die Last der Waffen kontinuierlich zu reduzieren.
Das neue Rüstungskontrollprogramm erfordert eine
Verschiebung des Schwerpunkts, um den sich verändernden Charakter der Herausforderungen an Sicherheit und Stabilität widerzuspiegeln. Niemand kann
Rüstungskontrolle allein als Bereich bipolarer Politik
zwischen Ost und West oder als auf die Sicherheit
AMERIKA DIENST 16

Westeuropas beschränkt betrachten. Die Probleme,
denen wir uns jetzt gegenübersehen, haben globale
Auswirkungen, obwohl in vielen Fällen regionale Ansätze gefördert werden müssen. Deshalb muß unser
Schwerpunkt breiter gefächert sein. Unsere Bestrebungen müssen kooperativ sein, weil jede Nation
letztlich Interesse am Erfolg des neuen Rüstungskontrollprogramms hat.
Rüstungskontrolle im Wandel
In den letzten vierzig Jahren haben sich viele Experten
daran gewöhnt, Rüstungskontrolle vor allem im Hinblick auf eine Welt zu beschreiben, die durch die
Konfrontation im kalten Krieg geteilt und durch massive, an der (früheren) innerdeutschen Grenze stationierte, nukleare und konventionelle Waffen geprägt ist.
Diese Definition muß sich verändern, weil die vulkanischen Kräfte, die die geopolitische Landschaft verändern, eine neue Politik der Erlangung und Aufrechterhaltung von Sicherheit erfordern.
Unser Rüstungskontrollprogramm diente einer Sicherheitsstrategie, mit der ein Angriff auf Westeuropa
größtenteils dadurch abgeschreckt werden sollte, daß
man im Besitz eines überlebensfähigen nuklearen
Arsenals und hervorragender konventioneller Waffen
war. Wir haben uns darauf konzentriert, diese Streitkräfte einzuschränken und zu reduzieren, die die Sicherheit des europäischen Kontinents am stärksten
bedrohten und die die größten globalen Auswirkungen
Seite 1

�dieser Bedrohung hatten. Der einmalige Erfolg dieses
Programms, ermöglicht durch kontinuierliche politische Veränderungen in der früheren Sowjetunion und
Osteuropa, legte den Grundstein für den Aufbau einer
neuen Sicherheitsordnung. Ich sollte darauf verweisen, daß der Rüstungskontrollprozeß, durch seine
Betonung von Offenheit und Dialog und Beseitigung
der Ausrede einer äußeren "Bedrohung" aus dem
Westen, die den militarisierten totalitären Staaten des
Warschauer Pakts als Legitimation diente, zu diesen
Veränderungen beigetragen hat.
Wir sind die Nutznießer des außerordentlichen Erfolgs
der Rüstungskontrolle in Europa. Auf den INF-Vertrag, den ersten Vertrag, mit dem eine ganze Kategorie
von Waffen beseitigt wurde, folgten unter anderem der
KSE-Vertrag, das Wiener Dokument über vertrauensund sicherheitsbildende Maßnahmen und der Vertrag
über Offene Himmel. Der KSE-Vertrag sollte ursprünglich das Gleichgewicht konventioneller Streitkräfte in Europa reduzieren und umstrukturieren.
Zusammen mit den stabilisierenden Auswirkungen
des Abkommens über Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) bedeutet es mehr als von
Europa die Bedrohung einer großangelegten konventionellen Aggression wegzunehmen. KSE und die
Wiener VSBM haben einen ausgleichenden Einfluß
auf die neuen aus der ehemaligen Sowjetunion hervorgegangenen Staaten, da sie inmitten einer großen
politischen Revolution Probleme ihres relativen militärischen Gleichgewichts zu lösen versuchen. Der kürzlich unterzeichnete Vertrag über offene Himmel ist eine
weitere wichtige vertrauensbildende Maßnahme zur
Förderung von Offenheit und Transparenz bei militärischen Aktivitäten von Vancouver nach Osten bis
Wladiwostok. Sein Beitrag zur Sicherheit wird für die
neuen unabhängigen Staaten genauso groß oder noch
größer sein als für die NATO-Staaten.
Bei der Verwirklichnug dieser Abkommen hat sich
Rüstungskontrolle als wichtiges Instrument erwiesen,
um an der potentiell destabilisierenden Wasserscheide in den internationalen Beziehungen zu vermitteln.
Indem sie sich neuen Herausforderungen anpaßt,
kann Rüstungskontrolle weiterhin auch in Zukunft eine
wichtige Rolle bei der Förderung von Sicherheit und
Stabilität spielen. Die Verbindung zwischen demokratischen Veränderungen innerhalb einzelner Gesellschaften und der Offenheit, die für eine effektive
Rüstungskontrolle notwendig ist, besteht darin, daß
Fortschritte in einem Bereich Fortschritte in einem
anderen verstärken und fördern. Das ist vielleicht die
wichtigste Lektion, die wir aus über einer Generation
von Erfahrungen in der Rüstungskontrolle ziehen können.
Schließlich müssen wir auch daran denken, daß unsere Rüstungskontrollbestrebungen, einschließlich unseres Programms zur Nichtverbreitung, Mittel zum
Zweck sind, nicht Selbstzweck. Was wir suchen, sind
politische Veränderungen, die unseren Sicherheitsbelangen wirklich gerecht werden. Wir streben die AusSeite 2

breitung der Demokratie an, freie Marktwirtschaften
und Rechtsstaatlichkeit sowohl auf internationaler als
auch auf nationaler Ebene. Um diese Ziele zu erreichen, müssen wir all unsere ausländischen und nationalen Sicherheitsinstrumente einsetzen, auch diejenigen aus unserem Rüstungskontrollprogramm.
START und KSE
Das Inkraftsetzen der START- und KSE-Verträge ist
eine der wichtigsten Angelegenheiten im Rüstungskontrollprogramm, sowohl aus bekannten Gründen
wie auch aus neuen Erwägungen heraus. Diese
beiden Verträge mit ihren detaillierten Zählregeln,
Definitionen und eingehenden Verifizierungsbestimmungen einschließlich Inspektionen sind wichtige
Elemente, um die Grundlage des gemeinsamen internationalen Sicherheitsumfelds nach dem kalten Krieg
zu konstruieren. Ohne sie wird es schwieriger sein, auf
unseren bisherigen Leistungen aufzubauen.
Der START-Vertrag fordert erhebliche, stabilisierende
Reduzierungen - von 30 bis 40 Prozent - bei den
stationierten strategischen Systemen und liefert den
Rahmen, in dem wir zuversichtlich einschneidendere
Reduzierungen verfolgen können, wie sie die Präsidenten Bush und Jelzin vorgeschlagen haben. Dies
dient dem traditionellen Anliegen der Reduzierung des
Risikos strategischer nationaler Konflikte, liefert aber
auch ein Mittel, mit dem die neuen Staaten der ehemaligen Sowjetunion Nuklearwarfen von ihrem Territorium beseitigen können. Die bloße Existenz des
START-Vertrags, auch vor seiner Ratifizierung, hat
einen Standard verantwortlichen Verhaltens im Umgang mit Problemen der Führung und Kontrolle von
Atomwaffen und ihrer Beseitigung in diesen neuen
Staaten gefördert.
In ähnlicher Weise bietet der KSE-Vertrag mehr als
Obergrenzen und Reduzierungsanforderungen für fünf
Kategorien militärischer Geräte und Waffen, die offensive Operationen ganz direkt unterstützen. KSE bietet
zusammen mit VSBM auch einen Rahmen für Stabilität und Berechenbarkeit auf dem europäischen Kontinent, der neue Staaten und ihre Nachbarn ermutigt,
ihre Sicherheitsbelange im moderaten Umfeld internationaler Konsultationen und Verpflichtungen zu behandeln. Aus dem Blickwinkel des traditionellen militärischen Gleichgewichts zwischen Ost und West mag
KSE weniger wichtig erscheinen. Von unserem gegenwärtigen Ausgangspunkt, an dem wir Zeugen einer
dramatischen politischen Revolution werden, ist es
wichtiger als je zuvor, daß wir KSE seinen Platz
zuweisen.
Die neue Definierung von Sicherheit in Europa
Im vergangenen Jahr konnten wir das definitive Ende
der Teilung Europas im kalten Krieg beobachten, einer
Teilung, die auf einer feindlichen Ideologie unterstützt
von einer enormen Militärmacht basierte. Dennoch
können wir es uns nicht leisten, mit dieser ErrungenAMERIKA DIENST 16

�schalt zufrieden zu sein, wenn der Prozeß der Demokratisierung in Europa so ungleichmäßig verläuft und
wirtschaftliche Frustration Extremismus und eine nationalistische Politik zu gebären droht. In manchen
Fällen scheinen die Aussichten für eine Umkehr der
demokratischen Errungenschaften die der vorwärtsgerichteten Bewegung wettzumachen.
Es gibt keine eindeutigen oder einfachen Definitionen
einer Sicherheitspolitik für das neue Europa 1992. Die
Quelle der Unsicherheit hat sich tiefgreifend verändert,
von der bekannten Bedrohung der Ost-West-Konfrontation zu weit vielfältigeren Sorgen. Politische und
wirtschaftliche Instabilität, regionale Dispute und ethnische Spannungen bedrohen alle neuen Staaten in
unterschiedlichem Umfang und schwingen auch in
einigen alten mit.
Es bleibt die Frage zu klären, ob Rüstungskontrolle
beim Abbau solch diffuser Bedrohungen eine Rolle
spielen muß. Sicherlich wären Rüstungskontrollbestrebungen allein, ohne damit einhergehende Fortschritte bei der Lösung zugrundeliegender Probleme,
ineffektiv und oberflächlich. Militärische Sicherheit
und Stabilität im neuen Europa wären kurzlebig ohne
gleichzeitige Fortschritte bei Demokratie und einem
gewissen Maß an Achtung der Menschenrechte.
Wirtschaftliche Härten, ethnische Konflikte und sogar
die Aussicht massiver Migration könnten die Sicherheit bedrohen. Damit sollen bestehende Bedrohungen
durch große Streitkräfte und immer noch umfangreiche nukleare Arsenale inmitten großer politischer
Unruhen in ganz Eurasien ebensowenig heruntergespielt werden wie neue Bedrohungen der europäischen Sicherheit durch immer modernere militärische
Fähigkeiten außerhalb des Kontinents. Im Gegenteil
muß unsere Position im Bereich Rüstungskontrolle/
Nichtverbreitung weiterhin mit diesen gefährlichen
Aspekten leben. Dennoch ist und wird Rüstungskontrolle weiterhin ein entscheidendes Element einer
umfassenderen Sicherheitspolitik, wenn wir uns einem
neuen Bündel von Sicherheitsbeziehungen anpassen
und Institutionen errichten, die sich sowohl politischer
als auch sozialer Instabilität widmen sollen. Ebenso
wie "Glasnost" bei der Verifizierung "Glasnost" in der
Politik gestärkt hat und umgekehrt, muß Rüstungskontrolle eingesetzt werden, um Ziele wie Entmilitarisierung, Umwandlung der Rüstungsindustrie, demokratische Reformen und freien Handel fördern zu helfen.
Mehr als jemals zuvor werden umfassende und kontinuierliche gemeinsame Bestrebungen und gemeinsames Handeln in einer Reihe von Foren nötig sein, wenn
wir diesen potentiellen Herausforderungen an die
europäische Sicherheit gerecht werden wollen. Wir
haben bereits begonnen, auf bestehenden Mechanismen aufzubauen und Institutionen auf der Basis politischer Bedürfnisse und nicht aus symbolischen Erwägungen heraus zu gestalten. Die Vereinigten Staaten
haben wiederholt betont, daß wir die europäische
Sicherheit auf den drei Säulen der NATO, der EuropäiAMERIKA DIENST 16

schen Gemeinschaft und der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sehen. Die NATO
ist die einzig effektive Sicherheits- und Verteidigungsorganisation in Europa und das einzige effektive Mittel,
um die transatlantische Gemeinschaft miteinander zu
verbinden. Mit der Einführung des Nordatlantischen
Kooperationsrats (NACC) beweist die NATO, daß sie
auch als Forum dienen kann, von dem aus wir früheren
Gegnern die Hand reichen und allseits wichtige Probleme ansprechen. Der Erfolg der ersten beiden NACCTreffen hat der neuen Institution bereits zu Glaubwürdigkeit und Triebkraft verholten. Das jüngst verabschiedete Programm des NACC beschreibt eine Reihe
konkreter Aktivitäten, die es dem Bündnis gestatten,
sein Know-how anzuwenden, um den Liaison-Ländern
beim Umgang mit wichtigen Problemen zu helfen.
Dazu zählt die Umwandlung der Rüstungsindustrie
ebenso wie Programme in Wissenschaft und Umwelt.
Gleichzeitig begrüßen wir die Rolle, die ein zunehmend vereintes Westeuropa in der neuen transatlantischen Partnerschaft spielen kann, um gemeinsame
Ansätze bei aufkommenden Herausforderungen zu
erarbeiten, bei denen sich niemand einen Alleingang
leisten kann. Dies wurde im Golfkrieg deutlich, wo die
Westeuropäische Union unabhängige, aber gemeinsame militärische Aktionen unserer Verbündenten
förderte, um westliche Interessen und globale Stabilität zu verteidigen.
Die Europäische Gemeinschaft ist die herausragendste politische und wirtschaftliche Organisation in Europa.
Darüber hinaus erkennen wir die entscheidenden
Beiträge der KSZE für die europäische Sicherheit, die
in der Erweiterung und Vertiefung des Aktionsradius
der Demokratie zum Ausdruck kommen. Die KSZE ist
das Gewissen Europas und die Richtschnur für die
politische Legitimität und moralische Autorität des
paneuropäischen Einverständnisses. Der jugoslawische Bürgerkrieg und die Krise in Nagomy-Karabach
sagen uns allen unmittelbar etwas über die Notwendigkeit, das Potential des KSZE-Forums so weit wie
möglich auszuschöpfen, um zu verhindern, daß ethnische und nationalistische Spannungen mit tragischen
Konsequenzen zum Ausbruch kommen. Im Auftrag
der KSZE hat der tschechoslowakische Außenminister Dienstbier gerade einen Besuch in Nagorny-Karabach beendet, und es bestehen Pläne, eine Friedenskonferenz für Nagorny-Karabach in Minsk abzuhalten.
Die KSZE spielt darüber hinaus eine wichtige Rolle bei
der Bewältigung neuer Herausforderungen der Rüstungskontrolle in der entstehenden europäischen
Tagesordnung, darunter Konfliktverhütung, Krisenmanagement und Friedenserhaltung. Das neue Forum
für Sicherheitskooperation (FSC) bietet das Potential,
in dreifacher Hinsicht einen einzigartigen Beitrag zur
Stabilität in Europa zu leisten, nämlich

Seite 3

�durch Förderung eines allgemeinen Klimas der
Offenheit und des freien Meinungsaustauschs
über Sicherheitsfragen;

senschaftler und Ingenieure mit produktiven zivilen
wissenschaftlichen und technischen Projekten zu
betrauen.

durch Klärung der speziellen Sicherheitsanliegen jedes der beteiligten Staaten und

Die dramatischen Veränderungen in den amerikanisch-russischen Beziehungen haben ebenfalls beispiellose Aussichten auf zusätzliche Reduzierungen
der Kernwaffen eröffnet. Sowohl Präsident Bush - im
September 1991 und in seinem Bericht zur läge der
Nation im Januar 1992 - als auch Präsident Jelzin
haben diese einmalige Chance aufgegriffen und wichtige Initiativen angekündigt, die sowohl einseitige Schritte
als auch Verhandlungen umfassen. Diese Initiativen
bauen auf den in langen Jahren zäher Verhandlungen
über INF und START gesammelten Lehren auf und
setzen rasch einen Prozeß zur Zerstörung ganzer
Kategorien von nuklearen Kurzstreckensystemen in
Gang, die durch die Umgestaltung der geostrategischen Landschaft überflüssig geworden sind. Diese
Initiativen sind beredtes Zeugnis für das Ende des
kalten Krieges und unsere starke Überzeugung, daß
eine sichere und stabile Welt für uns in greifbare Nähe
rückt, wenn wir nur die Chancen nutzen, die heute für
eine auf Zusammenarbeit gegründete Sicherheit möglich
sind. Wir müssen jedoch das Instrument dem Ziel
anpassen. In einigen Fällen könnten einseitige Schritte das geeignete Instrument sein, in anderen könnten
es formell ausgehandelte Abkommen sein. Wir sollten
die Instrumente einsetzen, die den Zweck erfüllen.

durch Förderung von in demokratischen Staaten vorherrschenden Sicherheitskonzepten und
Praktiken als Modelle für die Staaten, die sich im
Übergang vom Kommunismus befinden.
Diese Bereiche zeigen, wie sich das Konzept der
Rüstungskontrolle verändert.
Einige fragen, ob der Erfolg des einen Forums andere
überschatten könnte, und aus diesem Grund unterstützt manch einer Bemühungen, exklusive institutionelle Rollen und Zuständigkeiten präzise abzugrenzen, um zu verhindern, daß das eine Forum in die
Vorrechte des anderen eingreift. Die Herausforderungen sind jedoch so immens, daß keine einzelne Institution ausreichend ist. Einander ergänzende Instrumente sind erforderlich. Tatsächlich sollten wir die
Möglichkeiten zur Koppelung einer Vielzahl von Aktivitäten untersuchen. So könnte das FSC beispielsweise
eingesetzt werden, um interessierte Staaten in die
Entwicklung von Konzepten einzubinden, wie die
Konversion der Rüstungsindustrie in übermäßig militarisierten Gesellschaften die vollständige Anwendung
der KSZE-Prinzipien fördern kann. Die Aktivitäten der
KSZE in diesem Bereich würden durch den Arbeitsplan des NACC zur Konversion der Rüstungsindustrie
ergänzt, der direkt auf den militärischen Fähigkeiten,
der operativen Erfahrung und den institutionellen
Ressourcen der NATO aufbaut. Ich möchte hier
schlicht die Mahnung Außenminister Bakers beim
Treffen des NACC vom 10. März 1992 aufgreifen, daß
wir Doppelbemühungen und ein gewisses Maß an
institutioneller Überschneidung tolerieren sollten. Beim
Aufbau dieser neuen Ordnung gibt es für alle viel zu
tun.
Die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten
Die künftige Tagesordnung der Rüstungskontrolle
beinhaltet darüber hinaus noch andere Aspekte, die
sich aus dem Zerfall der ehemaligen Sowjetunion

ergeben. In unserem anhaltenden Dialog mit der
Gemeinschaft Unabhängiger Staaten über die Sicherheit und Kontrolle der Atomstreitkräfte sowie die
Möglichkeit der Weiterverbreitung in anderen Ländern
arbeiten die Vereinigten Staaten kooperativ durch eine
Expertendelegation unter der Führung von Generalmajor Williams Bums daran, den sicheren Transport
sowie die sichere Lagerung und Zerstörung von Kernwaffen zu gewährleisten. Mit anderen besorgten Ländern
richten wir gemeinsam Wissenschafts- und Technologiezentren in Rußland und der Ukraine ein, die als
Clearingstellen für die Entwicklung, Genehmigung,
Finanzierung und Überwachung von Vorschlägen dienen
werden, um an der Waffenentwicklung beteiligte WisSeite 4

Rüstungskontrolle in einer neuen Ära
Wir stehen in der Tat an der Schwelle zu einem neuen
Zeitalter. Die Welt läßt sich nicht mehr einfach in die
Schublade der Bipolarität stecken. Während wir dem
Erfolg der Rüstungskontrolle bei der Unterstützung der
Umgestaltung Europas applaudieren, stellen wir eine
zunehmende Drohung der Weiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen in anderen Regionen der
Welt fest. Die allgemeine Drohung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, die immer schon
ein wichtiges sicherheitspolitisches Thema und eine
Priorität der Vereinigten Staaten und anderer Länder
war, wird heute verstärkt unter regionalen Gesichtspunkten betrachtet. Deshalb muß die Rüstungskontrolle heute erweitert werden, um als Instrument zur
Förderung der regionalen ebenso wie der weltweiten
Stabilität zu dienen.
Weiterverbreitung und regionale Fragen
Probleme im Hinblick auf die Weiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen und moderner konventioneller Technologie in anderen Regionen der Welt
werden immer mehr Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchen. Die Dringlichkeit der Eindämmung von
Weiterverbreitungsdrohungen tritt immer stärker hervor, wenn man sie in Zusammenhang mit den beunruhigenden Enthüllungen über die Programme des Irak
zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen und
der Gefahr betrachtet, daß neue Atommä chtö entstehen könnten.
AMERIKA DIENST 16

�Unser Ziel in chronischen Spannungsgebieten wie der
koreanischen Halbinsel, Südasien und dem Nahen
Osten besteht darin, die Etablierung neuer Atomwaffenstaaten zu verhindern und die Einführung von Waffen
auszuschließen, die das regionale militärische Gleichgewicht stören. In dieser Hinsicht können die Vereinigten Staaten aufgrund von praktischen Erfahrungen
und dem Beispiel der Erfolge der Rüstungskontrolle in
Europa beratend tätig werden. Aber die Staaten in
jeder dieser Regionen müssen ihre politischen Differenzen und die militärische Bedrohung abbauen, die
sie für einander darstellen. Auf bestimmte Regionen
zugeschnittene vertrauensbildende and andere Rüstungskontrollmaßnahmen können den Dialog unterstützen und ein Instrument zur Prüfung von Absichten
liefern, aber sie allein können Friedensbemühungen
nicht ersetzen.
Der amerikanische Ansatz beim Problem der Weiterverbreitung ist bestrebt, die bestehenden Arrangements und Exportkontrollen gegen die Weiterverbreitung zu stärken und die Mitgliedschaft in multilateralen
Regimen gegen Weiterverbreitung zu erweitern sowie
neue Initiativen voranzutreiben.
Im Bereich der bestehenden Arrangements ist es ein
vordringliches Ziel der Vereinigten Staaten, bei der
Konferenz über die Verlängerung des NPT von 1995
eine unbefristete Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags (NPT) zu erreichen und das Sicherheitssystem der IAEO auszubauen. Die Führungsrolle und
Unterstützung Europas für diese Ziele werden entscheidend sein. Zur Zeit sind Bemühungen im Gange,
um die in der Konvention über biologische und toxische
Waffen (BWC) zum Ausdruck kommende Norm zu
stärken. Bei der Überprüfungskonferenz zur BWC im
September 1991 wurde ein wichtiges Paket vertrauensbildender Maßnahmen entwickelt, um Offenheit im
Hinblick auf biologische Forschungsaktivitäten zu
verbessern. Auf Anweisung Präsident Bushs bemühen wir uns darüber hinaus im Genfer Abrüstungsausschuß energisch darum, dieses Jahr eine weltweite CWaffenkonvention fertigzustellen, die Entwicklung,
Produktion, Besitz und Einsatz chemischer Waffen
ächtet.
Bei Exportkontrollen liegt unser Schwerpunkt darauf,
die Verfügbarkeit von Material zu beschränken, das
mit Massenvernichtungswaffen in Verbindung steht.
So setzen wir zum Beispiel die Arbeit mit den 21
anderen Partnern der Australien-Gruppe fort, um die
chemischen Grundstoffe zu kontrollieren. Die Mitglieder des Regimes zur Kontrolle der Raketentechnologie (MTCR) - einer freiwilligen Übereinkunft, um die
Verbreitung von Raketensystemen zu beschränken,
die eine Nutzlast von mindestens 500 Kilogramm über
mindestens 300 Kilometer befördern können - haben
sich unlängst verständigt, den Zuständigkeitsbereich
des Regimes auf Raketen zu erweitern, die sämtliche
Arten von Massenvernichtungswaffen transportieren

AMERIKA DIENST 16

können, und sie haben den Anhang zum MTCR überarbeitet, um gemeinsame Interpretationen der aufgeführten Güter und Technologie zu fördern.
Wir sind sehr zufrieden mit den Ergebnissen des
Treffens der nuklearen Lieferantengruppe, das vergangene Woche in Warschau stattfand. Die Verabschiedung gemeinsamer Maßnahmen durch die Gruppe, die die uneingeschränkte Anwendung der IAEOSicherheitsstandards für gegenwärtige und künftige
nukleare Aktivitäten als Bedingung für substantielle
neue Lieferungen erfordert sowie die Kontrolle von
Exporten kernwaffenfähigen Mehrzweckgeräts werden das nukleare Nichtverbreitungsregime wesentlich
stärken. Die Zusammenarbeit zwischen den Lieferländern und die Kooperation innerhalb Europas waren für
die Erzielung dieses positiven Ergebnisses unabdingbar.
Wir sehen der kontinuierlichen engen Zusammenarbeit entgegen, um unsere gemeinsame Haltung zu
Exportkontrollen zu verbessern. So haben die Vereinigten Staaten und einige andere Länder beispielsweise einen Ansatz gewählt, demzufolge eine Genehmigung für Exporte erforderlich ist, bei denen der Exporteur weiß, daß der Export einem Programm dient, das
mit der Weiterverbreitung in Verbindung stehen könnte, selbst wenn der Gegenstand nicht auf der multilateral vereinbarten Liste steht. Dies ist einer von vielen
Bereichen, in dem wir hoffen, daß ein gemeinsamer
Ansatz entwickelt werden kann.
Darüber hinaus arbeiten wir daran, die Beteiligung an
multilateralen Nichtverbreitungsregimen zu erweitern,
um die Nachfrage nach Massenvernichtungswaffen
einzudämmen. Zu den vielversprechenden Zeichen
gehört die Anzahl der Staaten, darunter Südafrika, die
Baltischen Staaten und mehrere GUS-Mitglieder als
Nichtkernwaffenstaaten sowie Frankreich und China,
die dem NPT entweder beigetreten sind oder ihre
Absicht zum Beitritt bekundet haben.
In speziellen Regionen stimmen wir unsere Ansätze
auf die Bedürfnisse der betroffenen Länder ab. In
Lateinamerika arbeiten wir eng mit Argentinien und
Brasilien zusammen, die beide erklärt haben, sich an
den Vertrag von Tlatelolco, das regionale Kernwaffenverbot, halten zu wollen und die gemeinsam mit der
IAEO ein Sicherheitsabkommen abgeschlossen haben, das ihre Einrichtungen voll und ganz den einschlägigen Sicherheitsbestimmungen unterwirft. Im
vergangenen Jahr hat Argentinien die Einstellung seines Programms zur Entwicklung ballistischer Raketen
sowie die Absicht verkündet, sich die Richtlinien des
MTCR zu eigen zu machen. Die positiven Entwicklungen in Lateinamerika bestätigen unsere Erfahrungen
in Europa, wonach die Rüstungskontrolle ein Instrument sein kann, um parallel zur Entwicklung demokratischer Regierungen politische Veränderungen zu
bewirken.

Seite 5

�Im Hinblick auf Südasien haben wir Konsultationen mit
Indien und Pakistan sowie anderen interessierten
Parteien durchgeführt, um den Druck zum Erwerb von
Kernwaffen auf dem Subkontinent abzubauen. Wir
haben eine Fünfmächtekonferenz vorgeschlagen sowie
Indien und Pakistan ermutigt, dem NPT beizutreten.
Die keinen lAEO-Kontrollen unterworfenen Atomprogramme Pakistans und Indiens sind seit vielen Jahren
ein ernster Grund internationaler Besorgnis. Pakistansjüngstes Eingeständnis, daß es die Komponenten und das Know-how besitzt, um mindestens einen
nuklearen Sprengsatz herzustellen, räumt jeden Zweifel
daran aus, daß sich Indien - dessen eigene nukleare
Fähigkeit durch seinen Test im Jahr 1974 demonstriert
wurde - heute mit einem Rivalen konfrontiert sieht, der
zur Herstellung von Kernwaffen in der Lage ist.
Auf der koreanischen Halbinsel haben wir gemeinsam
mit der internationalen Staatengemeinschaft die Regierung Nordkoreas gedrängt, seit langem überfällige
lAEO-lnspektionen seiner nuklearen Einrichtungen zu
gestatten. Wir haben femer eng mit der Regierung in
Seoul zusammengearbeitet, um der Republik Korea
zu helfen, ein Inspektionsregime abzuschließen, um
sein Abkommen mit Nordkorea über das Verbot von
Produktion, Beschaffung und Entwicklung von Kernwaffen und der Einrichtungen, in denen nukleares
Material produziert wird, zu verifizieren. Nordkoreas
Besitz von Raketensystemen, die über die Parameter
des MTCR hinausgehen und seine Verkäufe solcher
Raketen und Technologie an andere stellen eine
Bedrohung der Sicherheit auf der koreanischen Halbinsel, im Nahen Osten und jedem anderen Ort dar, an
dem solche Raketen beschafft werden.
Wir treiben neue Initiativen voran, wie etwa Präsident
Bushs Rüstungskontrollinitiative für den Nahen Osten,
die Bemühungen der fünf führenden Exporteure konventioneller Waffen in den Nahen Osten beinhaltet,
Richtlinien und Beschränkungen zu entwickeln. Die
fünf Staaten - die Vereinigten Staaten, Rußland, China, Frankreich und Großbritannien - werden bald detaillierte Vorschläge zum Informationsaustausch über
Waffenlieferungen sowie Richtlinien für Lieferungen
von Gerät und Technologien unterbreiten, die mit

Massenvernichtungswaffen in Zusammenhang stehen. Die Initiative umfaßte darüber hinaus Vorschläge
für Schritte zur Befreiung der Staaten des Nahen
Ostens von den Gefahren eines Angriffs mit Raketen
sowie nuklearen, chemischen und biologischen Waffen. Die Vereinigten Staaten unterstützten eine Resolution der UN-Generalversammlung vom Dezember
1991, mit der ein allgemeines und nichtdiskriminierendes Register für konventionelle Waffenlieferungen
eingeführt wurde, um zu mehr Transparenz bei Waffenex- und importen zu ermutigen.
Schlußbemerkung
Insgesamt stellen die enormen Veränderungen im
internationalen Sicherheitsumfeld ungeheure Herausforderungen in der Rüstungskontrolle dar, einschließlich der Neudefinierung und Rolle der Rüstungskontrolle. Die Abkehr von einer bipolaren Welt und unser
Erfolg in der Rüstungskontrolle mögen die Drohung
einer konventionellen Aggression großen Stils in Europa beseitigt haben, aber die anhaltenden politischen
Revolutionen infolge jener Abkehr haben Quellen der
Spannung und Besorgnis freigesetzt, die unser Talent
und unsere Findigkeit auf die Probe stellen werden. In
anderen Regionen der Welt spielt die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen als Sicherheitsproblem eine immer größere Rolle.
Bei der Bewältigung des Übergangs zum Zeitalter
nach dem kalten Krieg kann die Rüstungskontrolle
eines unserer effektivsten politischen Instrumente sein,
insbesondere, wenn sie als Teil einer breiter angelegten, integrierten Sicherheitspolitik benutzt wird, die
danach trachtet, die Ursachen von Spannungen und
Instabilität in den Griff zu bekommen. Die Anwendung
unserer Erfahrungen mit der Rüstungskontrolle in Europa
wird für den Erfolg in anderen Teilen der Welt entscheidend sein. Wir alle haben ein Interesse daran zu gewährleisten, daß das Versprechen Europas - daß Rüstungskontrolle zu positiven politischen Veränderungen und Zusammenarbeit unter den Nationen beitragen kann - hier und in der ganzen Welt gehalten wird.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 16

�GOLFKRIEG
22. April 1992

BERICHT ÜBER DEN GOLFKRIEG UNTERSTREICHT
ERFAHRUNGEN DER KOALITION
Eine Übersicht zum Bericht des Pentagon
WASHINGTON - (AD) - Ein neuer Bericht des Pentagon über den Krieg am Persischen Golf kommt zum Schlu ß,
daß die Streitkräfte der internationalen Koalition nicht nur Saddam Husseins Militär, "sondern seine Strategie"
besiegt haben.
Verteidigungsminister Cheneys Einführung zu dem 1.300-Seiten-Bericht stellt fest, die Strategie der Koalition
habe "sichergestellt, daß der Krieg unter günstigen Bedingungen geführt wurde, die die Stärken der Koalition und
die irakischen Schwächen voll und ganz ausnutzten".

Erführt fünf Hauptlehren auf, die sich aus dem Konflikt
ergeben:

Der Kongreß hat mit Verabschiedung eines Gesetzes
nach dem Inkrafttreten des Waffenstillstands eine
Untersuchung über den Golfkrieg angefordert. Das
Verteidigungsministerium gab bereits im Juli 1991
einen Zwischenbericht heraus, der im Kongreß zahlreiche Fragen aufwarf.

"Die entschlossene Führung des Präsidenten setzte
klare Ziele, gab anderen das Vertrauen in die Entschlossenheit Amerikas und schuf die innenpolitische
und internationale Unterstützung zur Erreichung dieser Ziele."

Der Schlußbericht wurde nach mehrmonatiger Verzögerung schließlich am 10. April 1992 fertiggestellt. Der
1.300seitige Bericht beruht auf einer Million Seiten
Dokumente und Befragungen zahlloser militärischer
Kommandeure, Entscheidungsträger und Soldaten.

"Eine revolutionäre neue Generation hochmoderner
Waffen gab unseren Streitkräften zusammen mit einer
innovativen und wirksamen Doktrin den entscheidenden Vorteil."

Die US-Bundesdruckerei wird eine offene Version des
Golfkriegsberichts zum öffentlichen Verkauf herausgeben. Der Kongreß erhielt eine geheimgehaltene
Version.

"Die hohe Qualität unseres Militärs, von seinen fähigen
cmmandeuren bis zu den äußerst einsatzbereiten,
gut ausgebildeten, mutigen und disziplinierten Männern und Frauen der US-Streitkräfte, ermöglichten
einen außergewöhnlichen Sieg."

Der Bericht ist in drei Hauptteile gegliedert. Der erste
Teil von 418 Seiten umfaßt acht Kapitel zur Invasion in
Kuwait, der Antwort auf die Aggression, der militärischen Operation, wie sie in Operation Wüstenschild
zum Ausdruck kam, der Durchsetzung des Embargos
auf See, zum Übergang in die Offensive sowie zur
Kriegführung in der Luft, zu Wasser und zu Lande. Er
beinhaltet ferner ein Glossar und einen Index.

Der erschöpfende Pentagon-Bericht untersucht, wie
der Krieg geführt wurde und enthält Lehren, die aus der
Erfahrung gezogen werden können.

"In einer äu ßerst unsicheren Welt sind solide Planung,
vorne stationierte Truppen sowie strategisch«? Luftund Seetransportkräfte entscheidend für die Entwicklung des Vertrauens, der Fähigkeiten, internationalen
Zusammenarbeit und Reichweite, die in Krisenzeiten
erforderlich sind."
"Es ist viel Zeit erforderlich, um die qualitativ hochwertigen Streitkräfte und Systeme aufzubauen, und dies
verschaffte uns den Erfolg."

AMERIKA DIENST 16

Der zweite Teil umfaßt 19 Anhänge zu den UN-Resolutionen, zu nachrichtendienstlichen Aspekten, dem
militärischen Bereitschaftsgrad der US-Streitkräfte,
der Stationierung, zu Logistik und Nachschub, medizinischer Unterstützung, Reservestreitkräften, Entwicklung der Koalition, Koordinierung und Kriegführung,
Sonderoperationen, Führungs- und Kommunikationswesen und Weltraum, gegnerischen Kriegsgefange-

Seite 1

�nen, "Freundfeuer", ziviler Unterstützung, Rolle des
Kriegsvölkerrechts, Aufgabenteilung, Verteidigung
gegen chemische und biologische Waffen, zur Rolle
von Frauen auf dem Gefechtsfeld und Medienpolitik.
Er enthält ferner eine Liste der amerikanischen Gefallenen und Kriegsgefangenen.
Der letzte Teil von 230 Seiten untersucht die Leistung
ausgewählter Waffensysteme. Die Kategorien sind
Flugzeuge, Boden-, Marine- und Weltraumsysteme
sowie Munitionsarten. Insgesamt 56 Systeme wurden
berücksichtigt.
Der Bericht enthält Schwarzweißphotographien, im
Golfkrieg benutztes strategisches Kartenmaterial,
Landkarten und Grafiken irakischer Luftabwehrmaßnahmen. Er enthält ferner Anekdoten von Cheney und
anderen.
Zu den wichtigsten Punkten des Berichtes gehören:
Koalitionserfahrungen
Der Bericht geht davon aus, daß die Koalition "die
vielleicht erfolgreichste in der Geschichte war"und daß
der nächste Konflikt möglicherweise nicht so viel Zeit
zur Entwicklung einer Koalition gestatten wird. Darüber hinaus wird festgestellt, daß
die Koalition die Länge des Konflikts und die
Zahl der durch eigenes Feuer Gefallenen verringert hat;
die Vereinigten Staaten als logische Führungsmacht bei künftigen Koalitionen im Golf "und
möglicherweise andernorts" hervorgetreten sind;
die Erfahrung der NATO "unschätzbar" für die
Koordinierung der Kampfeinsätze, Kommunikation und Logistik war;
sich die amerikanische Präsenz am Golf durch
die Bereitschaft der Staaten des Golf-Kooperationsrates auszahlte, "den Vereinigten Staaten
zu vertrauen";
die Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte in der Lage waren, sich der islamischen Kultur
anzupassen;
Das System der amerikanischen Waffenverkäufe an
befreundete Staaten den meisten regionalen Partnern
der Vereinigten Staaten saudische Infrastruktur,
amerikanisches Gerät und Ausbildung zur Verfügung
stellte und "bedeutend zur Grundlage der Kooperation
in Friedenszeiten und Interoperabilität beitrug, auf der
die Koalition aufbaute".

Es wird dargelegt, daß es mehr unbeabsichtigte Opfer
unter der Zivilbevölkerung gab "durch Saddam Husseins Versäumnis, routinemäßige Vorkehrungen gegen Luftangriffe zu treffen, um die Zivilbevölkerung zu
schützen, sowie durch seine bewußte Benutzung von
Zivilisten als Schild für militärische Ziele vor einem
Angriff".
Darüber hinaus:
kam es wahrscheinlich zu einigen Todesfällen,
als nichtexplodierte irakische Waffensysteme
"auf die Erde zurückfielen",
war das irakische Stromnetz wahrscheinlich
stärker beschädigt als die Koalition ursprünglich
geplant hatte, zum Teil um sicherzustellen, daß
es "während des gesamten Konflikts unbenutzbar" bliebe und
war nicht immer präzises und zeitgerechtes
nachrichtendienstliches Material für die Bewertung der Bombenschäden verfügbar, was dazu
führte, daß einige Elektrizitätswerke noch Zielscheibe von Angriffen wurden, als sie bereits
außer Betrieb waren.
Nachrichtendienste
Obwohl der Bericht zu dem Schluß kommt, daß die
nachrichtendienstliche Unterstützung für die taktischen
Befehlshaber ausreichte, wird darin auch dargelegt,
daß sie "ebenso an einem Mangel an verfügbaren
Ressourcen litt wie an Schwierigkeiten bei der Sammlung von nationalem nachrichtendienstlichem Mateiial
und solchem vom Kriegsschauplatz". Ferner wird
ausgeführt, die Sammlung taktischen nachrichtendienstlichen Materials sei "durch fehlende moderne
und sichere Kommunikation unter Divisionsniveau"
behindert worden.
Darüber hinaus
gab es unzureichende Informationen über das
"Ausmaß und die exakte Verteilung chemischer,
biologischer und nuklearer Waffenprogramme
und ein schlechtes Verständnis der irakischen
Intentionen",
sind die militärischen Dienste der arabischen
und islamischen Länder "gut in innerer Sicherheit und Spionageabwehr" und
besteht ein Menget an arabischsprechenden
Personen bei den US-Streitkräften, was "die
Arbeit der Nachrichtendienste, Spionageabwehr
und Verbindungsbüros beeinträchtigte".

Bewertung der Bombenschäden

Kriegsgefangene

Der Bericht stellt fest, daß die Koalition eine klare
Unterscheidung zwischen Angriffen auf irakische Militäranlagen und die Zivilbevölkerung getroffen hat.

Die Koalition plante 100.000 irakische Kriegsgefangene in Empfang zu nehmen, über 86.000 wurden durch
saudiarabische Lager geschleust.

Seite 2

AMERIKA DIENST 16

�Logistische Probleme

Ferner
weigerten sich insgesamt 13.418 irakische Kriegsgefangene, bei Kriegsende repatriiert zu werden und blieben in zwei Lagern in Saudi-Arabien.

Der Bericht macht verschiedene Beobachtungen über
logistische Probleme am Golf. Unter anderem
konnte der strategische Seetransport den Anforderungen nach einer schnellen Verlegung
nicht gerecht werden,

Die Regierungen der Koalition vertraten die
Ansicht, diese Iraker "sollten als Flüchtlinge neu
klassifiziert werden" und
das Internationale Rote Kreuz erklärte den Vereinigten Staaten, die Behandlung der irakischen
Kriegsgefangenen durch US-Streitkräfte "spiegelte die beste Einhaltung der Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen wider, die es jemals bei einem Konflikt gab".
Der Bericht geht nicht auf das Problem der Anzahl
irakischer Soldaten oder Zivilisten ein, die in dem
Konflikt getötet wurden.
"Freundliches Feuer"
35 Amerikaner wurden im Kampf getötet und weitere
72 zufällig aus den eigenen Reihen verwundet. Eine
Reihe britischer Soldaten mußten durch solches "freundliches Feuer" der Amerikaner ihr Leben lassen.
Der Bericht kommt zu dem Schluß, daß im nächsten
Konflikt ein "System, das eigene Fahrzeuge aus der
Luft identifiziert ebenso benötigt wird wie ein System
zur Identifizierung am Boden". Flugzeuge und Fahrzeuge der Koalition waren mit einem umgekehrten"NTSymbol gekennzeichnet, was allerdings im Eifer des
Gefechts nicht immer sichtbar war.
Gefordert werden
über die Welt verteilte Lagerstätten für Landeinheiten und Fahrzeuge und
zusätzliche Bestrebungen zur Verbesserung
optischer und thermischer Sichtgeräte "um den
erweiterten Tötungsradius von Waffensystemen
auszugleichen".

*

AMERIKA DIENST 16

*

sollten Möglichkeiten zur Verbesserung des
Lufttransports und der Vorlagerung von militärischem Gerät eruiert werden und
wurde die Bereitschaftsrate der Einheiten für
besondere Einsätze durch das Fehlen von Ersatzteilen für ihre Hubschrauber behindert.
Waffensysteme
Der Bericht erläutert, daß 282 der 288 Marschflugkörper vom Typ TOMAHAWK erfolgreich von 16 Schiffen
und zwei U-Booten abgeschossen wurden, um eine
Erfolgsquote von 98 Prozent herzustellen. Die Bewertung der Effektivität von Waffen ist jedoch nicht schlüssig aufgrund der mangelnden Fähigkeit zu unterscheiden, welche Schäden von der TOMAHAWK-Rakete
oder "anderweitig" hervorgerufen wurden.
Der Abschnitt über die Patriot-Rakete weist darauf hin,
daß "keine vollständige quantitative Analyse über die
Effektivität von Patriot verfügbar ist".
Der Bericht führt ferner aus, daß der Tarnkappenbomber vom Typ F-117 erfolgreich eingesetzt wurde, um in
den ersten Stunden des Krieges eine "taktische Überraschung" zu erzielen, aber auch an einem "langsamen und ermüdenden Auftragsplanungssystem" leidet.
Schlußbemerkung
Der Bericht geht nicht auf das Thema ein, ob der Krieg
über den 27. Februar 1991 hinaus hätte geführt werden sollen, um Bagdad einzunehmen und Saddam
Hussein zu stürzen. Er verweist lediglich darauf, daß
"seine Position erheblich geschwächt wurde" und die
Welt "ein besserer Ort sein wird, wenn Saddam Hussein den Irak nicht mehr schlecht regiert".
*

*

Seite 3

�USA-DEUTSCHLAND
22. April 1992

HANDEL IN OSTDEUTSCHLAND DIE ROLLE DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede von Botschafter Kimmitt
vor dem American German Business Club
BONN - (AD) - In einer Rede vor dem American - German Business Club verwies Botschafter Robert M. Kimmitt
am 15. April 1992 auf das amerikanische Engagement in Ostdeutschland und unterstrich die nicht nurfinanziellen
Vorteile der Beteiligung von US-Firmen in Deutschland. "Handel kann nicht isoliert von anderen Unternehmensbereichen betrachtet weden, sondern muß als Teil unserer nationalen Sicherheit gesehen werden", so
Botschafter Kimmitt.
Dem Botschafter zufolge tragen starke Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland zur Verbesserung der nationalen Sicherheit beider Länder bei. Botschafter Kimmitt brachte abschließend
seine Zuversicht zum Ausdruck, daß die amerikanischen Wähler die Wahrheit erkennen - "wenn wir zu Hause
stark sein wollen, müssen wir im Ausland stark sein, und Sicherheit und Zukunft der Vereinigten Staaten sind
untrennbar mit der Deutschlands und Europas verbunden."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Kimmitt im Wortlaut.
Es ist mir eine große Ehre, heute als Ehrenpräsident
des American - German Business Club anwesend zu
sein. Ich möchte Paul Cook und all den anderen
meinen Dank aussprechen, die an der Organisation
dieser Veranstaltung beteiligt waren. Meine Mitarbeiter haben sich allerdings gefragt, ob es so klug von
ihrem Botschafter ist, sich am Tag der Abgabe der
amerikanischen Einkommensteuer - dem 15. April - in
einen Raum mit amerikanischen Unternehmern zu
begeben. Bedauerlicherweise bestand die einzige
Alternative in einer Verlegung dieser Veranstaltung auf
den 15. Juni, und auch dann müßte ich mich noch mit
dem Finanzamt befassen - im Zweifel vielleicht sogar
mit Zinsen.
Ich möchte den Club zu seiner jüngsten Namensänderung beglückwünschen. In dem neuen Namen, der
den Horizont des Clubs über Bonn hinaus erweitert,
findet die Wahrscheinlichkeit ihren Niederschlag, daß
einige von uns eines Tages in eine bestimmte andere
Stadt ziehen werden und spiegelt damit eindeutig die
Auswirkungen der Vereinigung wider. Zusammen mit
all den anderen beeindruckenden Veränderungen, die
die Welt in den vergangenen drei Jahren bewegt
haben, hat die Vereinigung unser aller Horizont erweitert. Der neue Name beinhaltet, daß der American
German Business Club sich mit ganz Deutschland
befaßt, und dies wird durch die Aktionen des Clubs
AMERIKA DIENST 16

unterstrichen bis hin zu Ihrem offenkundigen Interesse
an der Entwicklung Ostdeutschlands, Ihrer Unterstützung einer Schule für Taubstumme in Ostberlin sowie
Ihrer Geschäftsreise nach Berlin nur zwei Monate
nach der Vereinigung. Meines Wissens - und darüber
freue ich mich sehr - ist ein weiteres Engagement,
dieses Mal in Brandenburg, geplant.
Die Aktivitäten des Clubs im Hinblick auf Ostdeutschland verlaufen parallel zu den Bestrebungen der Vereinigten Staaten und sind gemeinsamer Beweis, daß
tiefgreifende Ereignisse nicht in einem Vakuum stattfinden. In Zeiten rascher und dramatischer Veränderungen kann ein Gefühl der Kontinuität als Richtschnur
für eine unsichere Zukunft dienen und uns verdeutlichen, was getan werden muß.
In meiner Funktion als Botschafter in Deutschland
werde ich immer wieder auf sehr persönliche Weise an
diese historische Lebensader erinnert.
Als die Familie meiner Mutter Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Nähe von Hannover nach Amerika
aufbrach, war Deutschland nur ein abstrakter Begriff,
durch rivalisierende Staaten und gescheiterte Revolutionen gekennzeichnet und in der Lage, praktisch alles
außer der Einheit zu erlangen. Ich frage mich, was sie
davon gehalten hätten, daß einer ihrer Nachfahren der

Seite 1

�persönliche Vertreter des Präsidenten in einem vereinigten, demokratischen und wohlhabenden Deutschland ist.
Als sich meine Eltern vor 45 Jahren in Berlin kennenlernten und heirateten, hatte Deutschland inmitten der
Ruinen den Tiefpunkt seiner Ambitionen erreicht besiegt, geteilt, zerstört und abhängig - ein Geächteter
unter den Nationen, verdammt, für die nächsten 45
Jahre zum Brennpunkt internationaler Spannungen zu
werden.
Als sie 15 Jahre später als Angehörige der alliierten
Streitkräfte mit ihren Kindern nach Deutschland zurückkamen, fanden sie ein rehabilitiertes und vollständig in die Gemeinschaft freier Nationen integriertes
Land. Es ist eine Quelle des Stolzes für alle Amerikaner, daß diese Metamorphose mit Unterstützung einer
kreativen amerikanischen Au ßenpolitik bewirkt wurde,
die zur Entstehung der Vereinten Nationen, der NATO,
dem Bretton-Woods-Finanzsystem, dem Marshallplan,
der Trumandoktrin und der Berliner Luftbrücke beitrug
- alles in einem Zeitraum von fünf Jahren.
Als ich im vergangenen Jahr mit meiner Familie zurückkam, um mein Amt als Botschafter anzutreten,
geschah dies in einem ganz anderen Deutschland als
dem meiner Vorfahren, meiner Eltern, und selbst in
einem ganz anderen Deutschland als dem, das ich als
Kind gekannt hatte. Ich sah ein in Freiheit vereinigtes,
demokratisches und verantwortungsbewußtes Deutschland, das voll Vertrauen zur Übernahme einer konstruktiven Rolle in europäischen und internationalen
Angelegenheiten bereit ist.
Die Entwicklung der deutsch-amerikanischen Beziehungen von Förderung zu Partnerschaft ist einer der
großen internationalen Erfolge dieses Jahrhunderts.
Das amerikanische Engagement, sich die deutschen
Interessen zu eigen zu machen, hat zur Schaffung
einer Atmosphäre des Respekts und der Zusammenarbeit zwischen unseren Regierungen und der echten
Zuneigung zwischen unseren Völkern beigetragen.
Das Programm, das sich die Bundesregierung für die
kommenden Jahre auferlegt hat, kommt unserer eigenen Einschätzung sehr nahe, wo unsere Energien und
Ressourcen eingesetzt werden sollten. Die erfolgreiche Integration Ostdeutschlands in die Bundesrepublik - die Bundeskanzler Kohl als eine der fünf grundlegenden Prioritäten ausgemacht hat - ist daher ein
Ziel, dem auch wir weiterhin aktiv verpflichtet sind.
Wir haben unsere Bestrebungen in den fünf neuen
Ländern auf Handelsaktivitäten, Ausbildung und Information sowie persönliche Kontakte konzentriert.
Über 100 amerikanische Firmen haben Handelsbeziehungen zu den östlichen Ländern aufgegenommen,
viele davon durch ihre deutschen Tochtergesellschaften. Gemeinsam schaffen sie Zehntausende von
Arbeitsplätzen und tragen Sorge, daß nicht weitere
Seite 2

Tausende durch die Anspassung an die freie Marktwirtschaft verloren gehen. Ebeso wichtig ist, daß der
gute Name und das Renomme amerikanischer Firmen
wie IBM, General Motors, McDonalds, Coca Cola und
Procter &amp; Gamble eine Quelle des Vertrauens für
diejenigen darstellt, die in Ostdeutschland tätig werden
wollen.
Die fünf führenden amerikanischen Firmen allein haben
mindestens 2 Milliarden Dollar investiert und direkt
oder indirekt in den neuen Ländern mindestens 20.000
Arbeitsplätze erhalten. Berichten der Treuhand zufolge haben amerikanische Unternehmen 25 ehemalige
ostdeutsche Firmen aufgekauft und sich zu Investitionen in Höhe von 1,5 Milliarden DM in TreuhandUnternehmen verpflichtet.
Ich kann Ihnen versichern, daß diese beeindruckenden Zahlen, die offenkundig als Beweis für das Interesse und Engagement der US-Industrie stehen, konservative Zahlen und das absolute Minimum dessen
sind, was amerikanische Firmen in Ostdeutschland
tun. Es gibt keine Bestimmung, daß US-Unternehmen
uns gegenüber rechenschaftspflichtig sind, daher
beziehen wir unsere Informationen aus Presseberichten, privaten Untersuchungen und persönlichem Wissen. Wahrscheinlich finden sehr viel mehr Transaktionen statt, insbesondere mit kleineren amerikanischen
Firmen, in unerschlossenen Gebieten, oder über
amerikanische Tochtergesellschaften in Deutschland,
über die wir ohne Ihre Hilfe nie etwas hören werden.
Ich würde mich daher aufrichtig freuen, etwas über die
Aktivitäten Ihrer Unternehmen im Osten zu erfahren.
Sofern Sie dies wünschen, werden wir Ihre Informationen vertraulich behandeln. Was ich als Botschafter
benötige, sind Gesamtzahlen, die die gesamte Bandbreite unseres Engagements und damit das Ausmaß
unserer Verpflichtungen widerspiegeln.
Die greifbaren Beweise der Aktiviiäten der US-Industrie in Ostdeutschland bedeuten jedoch nicht, daß wir
als Botschaft die Hände in den Schoß legen dürfen.
Wenn Sie mit meinen Mitarbeitern in der Handelsabteilung sprechen, sei es hier in Bonn oder in ihren sieben
weiteren Büros in Deutschland, werden sie Ihnen
zweifelsohne erzählen, daß Anfragen amerikanischer
Firmen über die Treuhand, Investitionen in unerschlossene Gebiete, die Energiesituation, Telekommunikation und Eigentumsverhältnisse zur täglichen Routine
geworden sind.
Darüber hinaus freue ich mich, Ihnen heute mitteilen
zu können, daß unsere Außenhandelsabteilung offiziell ihr achtes Büro in Leipzig eröffnet hat. Beim
Konsulat in Leipzig vertritt Frau Dr. Birgit Lehne die
Außenhandelsabteilung, und sie wird Geschäftskontakte in Sachsen und Thüringen herstellen. Frau Dr.
Lehne besucht uns gerade in Bonn, und deshalb
möchte ich Sie Ihnen hiermit vorstellen: Frau Dr. Birgit
Lehne, die neue Mitarbeiterin der Außenhartdslsabteilung.
AMERIKA DIENST 16

�Wir teilen Bundeskanzler Kohls jüngst bekundetes
Interesse daran, Deutschlands Lebensfähigkeit als
Zentrum für Wirtschaft und Handel aufrechtzuerhalten. Wenn Deutschland - insbesondere Ostdeutschland - jedoch für US-Unternehmen attraktiver werden
soll, dann möchte ich in aller Offenheit und Freundschaft darauf hinweisen, wie wichtig es ist, daß potentielle Investoren nicht mit Hindernissen konfrontiert
werden, die den Marktkräften im Weg stehen und
damit eine vollständige wirtschaftliche Erholung im
Osten schwierig machen.
Wäre es nicht zum Beispiel für uns alle besser, wenn
die niedrigeren Energiekosten, die sich bei freierem
Wettbewerb ergeben könnten, ein zusätzlicher Anreiz
für Investoren in Ost und West würden? Im Herbst
vergangenen Jahres leiteten wir eine Delegation der
Energiewirtschaft, die unternehmerische Möglichkeiten in Berlin, Magdeburg und Schwerin sondierte. Im
Augenblick arbeiten wir eng mit mehreren US-Energieunternehmen zusammen, um Vorschläge im Umfang
von über einer Milliarde D-Mark durchzusetzen. Einige
der vorgeschlagenen Kraftwerke würden Elektrizität
und Fernwärme für Städte erzeugen, andere Industriekomplexe in Regionen mit sauberer Energie versorgen, die von den wirtschaftlichen und umweltpolitischen Praktiken der vergangenen vierzig Jahren am
härtesten getroffen wurden. Dies könnte der schwierigste Bereich sein, wo sich US-Unternehmen in Deutschland engagieren, und ich habe ihn zu meiner obersten
Priorität erklärt. Energieerzeugung ist nur einer von
vielen Bereichen, in denen ich zu offenem Wettbewerb
nicht nur zum Wohle des Verbrauchers, sondern zum
Wohle der deutschen Wirtschaft und des Welthandels
aufrufe.
Manche Firmen befragen uns über Ostdeutschland,
und wir verfügen über außerordentlich kreative Mitarbeiter, die Antworten auf alle Fragen des Marketing
finden. Wir helfen unseren Firmen regelmäßig bei der
Herstellung von Kontakten und - wie viele von Ihnen
hier wissen - tun alles in unserer Macht Stehende, um
Ihnen beim Absatz amerikanischer Produkte zu helfen. Die grö ßte Herausforderung bei unserer Arbeit im
Außenhandel besteht jedoch darin, die Aufmerksamkeit der Tausenden von US-Firmen zu wecken, die
noch nicht in Deutschland aktiv sind und möglicherweise nicht daran gedacht haben, in den neuen - oder den
alten - Ländern zu verkaufen oder TU investieren.
Unsere Handelsabteilungen betreiben Marktforschung,
sprechen so oft wie möglich Unternehmen und deren
Vertreter an und sind dabei engagierter, als diese
Aktivitäten vermuten lassen. Wir arbeiten mit dem USHandelsministerium, den Bundesstaaten und Organisationen des Privatsektors zusammen, um Vertretern
der US-Industrie die Herausforderungen und Chancen
im Osten nahezubringen. Wenige Wochen nach der
Vereinigung hat unsere Außenhandelsabteilung bereits "Handelstage" organisiert, im Rahmen derer
Vertreter aus US-Industrie und den Bundesstaaten
AMERIKA DIENST 16

Dresden, Leipzig, Chemnitz, Erfurt und andere Städte
besuchten, um dort mit Kollegen und aufstrebenden
Unternehmern zusammenzutreffen. Wir haben USFinnen engagiert, um in Berlin Seminare über Projektplanung und Finanzierung zu veranstalten, und führende US-Firmen im Bereich der Umwelttechnologie
haben sich in Leipzig und Berlin zum Thema Altlasten
geäußert. Eine Delegation von US-Industrie Vertretern, die Franchisepartner suchten, ist gerade aus
Berlin abgereist, und eine Gruppe von US-Betrieben,
deren Eigentümer Frauen sind, wird im Mai nach
Ostdeutschland reisen. Eine Delegation von Umweltexperten wird im Juni folgen, und im September werden Vertreter der Autozuliefererbranche dorthin reisen.
Sie alle können uns helfen, die Kunde an Entscheidungsträger der US-Industrie zu verbreiten, daß man
dort Geld verdienen kann und sie, indem sie ihre
Position in Deutschland und Europa ausbauen, auch
ihre Unternehmen in Amerika stärken. Meine Mitarbeiter in der Handelsabteilung und ich freuen uns immer
über Besuch von Geschäftsführern amerikanischer
Firmen. Diejenigen von Ihnen, die US-Unternehmen
vertreten, möchten vielleicht einen kreativeren Ansatz
wählen und Deutschland auf die Tagesordnung der
Entscheidungsträger Ihrer Stammsitze setzen. Wenigstens zwei führende US-Firmen entsenden ihre
Leiter Ende des Jahres zu Vorstandssitzungen nach
Deutschland. Fluor wählt dabei Düsseldorf und Pitney-Bowes Potsdam. Ich möchte zu beiden Gruppen
sprechen und sie ermutigen, bei ihrem Besuch hier
mehr von Deutschland zu sehen.
Ich möchte noch einen zweiten Vorschlag unterbreiten, der vielleicht etwas außergewöhnlich ist. Er
wendet sich an die heute hier vertretenen deutschen
Unternehmen. Vorstände bieten viele Möglichkeiten,
Geschäftsverbindungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Deutschland aufzubauen. Es ist nicht
ungewöhnlich, daß US-Firmen mit Aktivitäten in Übersee wichtige ausländische Führungskräfte in ihren
Vorstand aufnehmen. Viele Deutsche sitzen bereits
im Vorstand von US-Unternehmen und sind infolgedessen mit unserem amerikanischen System vertraut,
insbesondere da US-Vorstände zunehmend an der
Unternehmensstrategie und Entscheidungsfindung
beteiligt werden. Es ist jedoch ganz ungewöhnlich,
daß wichtige deutsche Firmen Amerikaner auffordern,
einen Platz in ihrem Vorstand einzunehmen. Vielleicht
ist die Zeit gekommen, daß auch andere Unternehmen
darüber nachdenken. Abgesehen davon, daß der
Firma eine Vielfalt an Erfahrungen und Einsicht in
Vorstandsangelegenheiten zugute kommt, könnte sich
die Einbeziehung amerikanischer Führungskräfte in
Deutschland als eine dieser wichtigen, aber positiven
Entwicklungen erweisen, die in Zukunft die bilateralen
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
Deutschland stärken können.

Seite 3

�Die Förderung der Beteiligung von US-Firmen in
Deutschland birgt viele Vorteile für beide Länder, nicht
nur die Möglichkeit des finanziellen Gewinns. Handel
kann nicht isoliert von anderen Unternehmensbereichen betrachtet werden, sondern mu ß als Teil unserer
nationalen Sicherheit gesehen werden. Einer der
wundersamen Effekte der letzten zwei Jahre ist in den
Vereinigten Staaten und in anderen Ländern eine
Erweiterung des Konzepts der nationalen Sicherheit.
Die meisten von uns haben Sicherheit immer unter den
politisch-militärischen Aspekt betrachtet, wir müssen
aber erkennen, daß das Konzept genauso wichtige
handelspolitische, ökologische und kulturelle Komponenten hat. Während des kalten Krieges traten diese
Komponenten bei der Analyse unserer nationalen
Sicherheit oftmals in den Hintergrund, aber sie drängen jetzt mit Macht nach vorn. Kurzum - starke
Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland tragen zur Verbesserung der
nationalen Sicherheit beider Länder bei.
Der Aufbau dieser wichtigen bilateralen Handelsbeziehungen erfordert, daß wir Isolationismus und Protektionismus scharf zurückweisen, sei es im Umgang untereinander, in Gesprächen mit der Europäischen Gemeinschaft, multilateral im GATT oder in der UruguayRunde. Diese Ideologien haben in einer Welt des

Fortschritts keinen Platz, und sie sind Sackgassen. Es
ermutigt mich, daß amerikanische Wähler solche
überholten Doktrinen bei den Vorwahlen um die Präsidentschaft, trotz einer verständlichen Sorge über nationale Belange, verworfen haben. Ich bin zuversichtlich, daß unsere Wähler die Wahrheit erkennen - wenn
wir zu Hause stark sein wollen, müssen wir im Ausland
stark sein und Sicherheit und Zukunft der Vereinigten
Staaten sind untrennbar mit der Deutschlands und
Europas verbunden.
Die Aufrechterhaltung und Stärkung der bilateralen
Beziehungen ist natürlich der Hauptgrund, warum es
die amerikanische Botschaft hier gibt und warum der
American-German Business Club sich positiv entwikkelt. Der Club und seine Mitglieder nehmen an der
ganzen Bandbreite von Aktivitäten teil, die unsere
bilateralen Beziehungen ausmachen - Handel, kulturelle Beziehungen oder Verteidigungsangelegenheiten. Aus diesem Grund haben die Botschaft und eine
lange Reihe von Botschaftern Sie seit der Gründung
des Clubs vor über dreißig Jahren unterstützt. Deshalb sehe ich mit solchem Optimismus in unsere
gemeinsame Zukunft. Und ich freue mich auf die
Zusammenarbeit mit ihnen, um diesem Optimuismus
Rechnung zu tragen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�W A H L E N '92
22. April 1992

DIE FINANZIERUNG AMERIKANISCHER
PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLKÄMPFE
von He. bert E. Alexander
WASHINGTON - (AD) - Die gesetzliche Regelung der Finanzierung amerikanischer Präsidentschaftswahlkämpfe erfordert dem Autor zufolge ein Gleichgewicht zwischen dem Schutz der Integrität des Wahlprozesses und
den Rechten auf freie Meinungsäußerung und Assoziierungsfreiheit. In dem nachfolgenden Artikel erklärt
Herbert E. Alexander, Leiter der Citizens' Research Foundation und Professor für politische Wissenschaft an der
University of Southern California, die Geschichte der Wahlkampffinanzierung und der damit einhergehenden
Reformbemühungen.
"Die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten", so schrieb
John Quincy Adams im Jahr 1828. "war ein Amt, das
man weder anstrebte noch ablehnte. Geld zu zahlen
- sei es direkt oder indirekt -, um es zu erlangen, war
meines Erachtens prinzipiell unkorrekt." Trotz der
hehren Geisteshaltung, die vom sechsten Präsidenten
der Vereinigten Staaten und Sohn des zweiten Präsidenten hier zum Ausdruck gebracht wurde, haben
Kandidaten bei jeder Wahl, seit George Washington im
Jahr 1789 zum ersten Mal dieses Amt antrat, Geld
ausgegeben, um sich die Präsidentschaft zu sichern.
Ausgabemuster
In der Frühzeit wurden politische Gelder hauptsächlich
für Druckkosten ausgegeben. Ein Großteil des Präsidentschaftswahlkampfs fand in Zeitungen und Pamphleten statt, die von den politischen Fraktionen zugunsten des einen oder anderen Kandidaten subventioniert wurden. Im Lauf der Zeit gingen die Kandidaten
zu anderen Mitteln der Verbreitung von Botschaften
über, darunter Wahlkampfbiographien, Ansteckknöpfe ("Buttons") und Transparente sowie persönliche
Wahlkampfreisen per Bahn und Teilnahme an sonstigen Wahlkampfveranstaltungen. Der Rundfunk wurde
zum ersten Mal im Wahlkampf von 1 ^24 eingesetzt,
und im Jahr 1952 trat das Fernsehen als wicmigstes
Medium für die Kommunikation mit dem Wähler in
Erscheinung.
Mit zunehmender Größe und Bevölkerungszahl der
Vereinigten Staaten und Entwicklung der Mittel, die für
Wahlkämpfe eingesetzt wurden, stiegen auch die
Wahlkampf kosten entsprechend. Im Jahr 1860 kostete der Sieg im Präsidentschaftswahlkampf Abraham
Lincoln angeblich 100.000 Dollar, und der Wahlkampf
seines Gegners Stephen Douglas soll etwa 50.000
AMERIKA DIENST 16

Dollar verschlungen haben. Einhundert Jahre später
wurden für den Wahlkampf John F. Kennedys etwa 9,7
Millionen Dollar ausgegeben, während die Kampagne
seines unterlegenen Gegners Richard Nixon etwa
10,1 Millionen Dollar kostete.
In den sieben seit 1960 veranstalteten Präsidentschaftswahlkämpfen sind die Ausgaben kontinuierlich
geklettert. Die Kampagnen wurden technisch anspruchsvoller und deshalb auch teurer. Bei der Wahl
1988, der vierten, für die öffentliche Mittel bereitgestellt
wurden, standen dem Republikaner George Bush 93,7
Millionen Dollar zur Verfügung, einschließlich eines
öffentlichen Zuschusses von 46,1 Millionen. Der
Kandidat der Demokratischen Partei, Michael Dukakis, konnte über 106,5 Millionen Dollar verfügen, ebenfalls mit einem öffentlichen Zuschu ß von 46,1 Millionen
Dollar. Der Wahlkampf von 1988 war der erste im 20.
Jahrhundert, bei dem die Demokraten mehr Geld
ausgaben als die Republikaner. Im Jahr 1988 kam es
ferner zum ersten Mal seit 20 Jahren dazu, daß die
Präsidentschaft offen war, das hei ßt, daß kein Amtsinhaber kandidierte. Aus diesem Grund entstanden in
beiden großen Parteien ebenfalls hohe Kosten bei den
Kampagnen für die Nominierung.
Die Gesamtkosten der Wahl des Präsidenten im Jahr
1988 beliefen sich auf etwa 500 Millionen Dollar. Diese
Summe umfaßt nicht nur die 200,2 Millionen Dollar, die
für die Kandidaten der beiden großen Parteien in der
allgemeinen Wahl aufgewendet wurden, sondern auch
die Mittel, die von allen Kandidaten ausgegeben wurden, die die Nominierung ihrer Parteien bei den Nominierungskonventen anstrebten sowie die Mittel, die
von anderen Parteien und unabhängigen Kampagnen
verbraucht wurden.

Seite 1

�Die Kosten für die Wahl eines Präsidenten betrugen
weniger als ein Fünftel der Gesamtkosten von 2,7
Milliarden Dollar für die Wahlkämpfe des Zyklus 19871988. Die verbleibenden Mittel wurden für die Nominierung oder Wahl von Kandidaten für den Kongreß
(457 Millionen), für die Nominierung und Wahl von
Tausenden von Staats- und Gemeindevertretern (905
Millionen) sowie die Kosten von Abstimmungen über
einzelne Fragen auf Staats- und Gemeindeebene sowie
Verwaltungskosten, Auslagen für Spendenwerbung
und sonstige Kosten von Partei- und parteiübergreifenden Komitees ausgegeben.
Die politischen Ausgaben von 2,7 Milliarden Dollar
müssen jedoch in der Gesamtperspektive gesehen
werden. Im Jahr 1988 gaben Regierungen auf allen
Ebenen in den Vereinigten Staaten - Bund, Bundesstaat, Kreis und Gemeinde - insgesamt Steuergelder
in Höhe von 1,9 Billionen Dollar aus. Die 2,7 Milliarden
Dollar für Wahlkampagnen, deren Resultate darüber
entscheiden, wie diese enormen Summen an Steuereinnahmen verwendet werden, betragen also lediglich
Bruchteile von einem Prozent der gesamten Staatsausgaben. Und diese Summe entspricht in etwa den
Ausgaben, die die beiden führenden Unternehmen
des Landes für Werbeausgaben aufwenden, um die
Nützlichkeit ihrer Produkte kundzutun.
Geldquellen
Bei den ersten Präsidentschaftswahlkämpfen reichten
die Eigenmittel von Kandidaten und von Amtsinhabern
erhobene Umlagen aus, um die erforderlichen Kosten
zu bestreiten. Mit dem Anwachsen der Wahlkampf kosten mußten jedoch andere Finanzierungsquellen
erschlossen werden.
Andrew Jackson, der im Jahr 1828 zum ersten Mal
zum Präsidenten gewählt wurde, wird im allgemeinen
die Schaffung des "spoils System" zugeschrieben, das
diejenigen, die zum Präsidentschaftswahlkampf beigetragen hatten, mit Vergünstigungen und Regierungsposten belohnte. Mit dem Ende des Bürgerkrieges im
Jahr 1865 begannen Großunternehmen und Einzelpersonen, die in der amerikanischen Industrie Vermögen angesammelt hatten, einen großen Teil der Kosten von Präsidentschaftswahlkämpfen zu finanzieren. Diese Quellen nahmen an Bedeutung noch zu, als
der amerikanische Kongreß das Gesetz zur Reform
des Staatsdienstes von 1883 verabschiedete, das es
Beamten oder Angestellten der Vereinigten Staaten
untersagte, untereinander für politische Spenden zu
werden oder solche entgegenzunehmen. Das HatchGesetz von 1939 erweiterte die Einschränkung politischer Aktivitäten, die das Gesetz von 1883 den Angehörigen des öffentlichen Dienstes auferlegte. Davon
ausgenommen sind lediglich etwa 4.000 politische
Entscheidungsträger in den Exekutivorganen der
amerikanischen Regierung.

Seite 2

Reformbemühungen
Nach der Jahrhundertwende führte die Besorgnis über
den Einfluß von Großunternehmen auf den Bundeswahlprozeß zur Verabschiedung einer Reihe von
Vorschriften über die Wahlkampffinanzierung. Das
erste bundesweite Verbot von Unternehmensspenden
trat im Jahr 1907 in Kraft. Vierzig Jahre danach wurde
dieses Verbot dauerhaft auf die Gewerksciifcuien ausgedehnt. Das erste Bundesgesetz zur Offenlegung
der Wahlkampffinanzierung wurde im Jahr 1910 verabschiedet. Dieses Gesetz wurde im Jahr 1911 so
geändert, daß von allen Kandidaten für Bundesämter
finanzielle Erklärungen für Vorwahlen, Konvente und
vor Beginn des Wahlkampfs verlangt und die Summen
begrenzt wurden, die Kandidaten für Repräsentantenhaus und Senat ausgeben durften. In der Folge
wurden die Auswirkungen dieses Gesetzes durch einen
Richterspruch jedoch erheblich gemildert. Im Jahr
1925 wurde im Bundesgesetz über korrupte Praktiken
die Bundesgesetzgebung zur Wahlkampffinanzierung
niedergelegt und überarbeitet, jedoch ohne wesentliche Änderungen. Bis zum Jahr 1972 blieb es das
grundlegende Gesetz zur Wahlkampffinanzierung.
Bei jeder Verabschiedung restriktiver Gesetze entwickelten die Politiker neue Methoden zur Geldbeschaffung. Wie bereits festgestellt, verlagerte sich mit
dem Verbot des Umlageverfahrens für Regierungsmitarbeiter die Aufmerksamkeit auf Untemehmensspenden. Als auch diese ausgeschlossen wurden, warben
Kandidaten und Parteien um Geschenke wohlhabender Einzelpersonen, darunter viele Aktieninhaber und
leitende Mitarbeiter von Unternehmen. Als mit dem
Versuch, den Einfluß reicher Einzelpersonen zu beschränken, der Umfang von Spenden an politische
Komitees durch das Hatch-Gesetz von 1939 begrenzt
wurden, fanden Parteien und Politiker andere Wege
der Finanzierung, darunter Diners zur Spendenbeschaffung und sonstige Veranstaltungen sowie die
Einrichtung politischer Aktionskomitees.
Die Kandidaten haben außerdem um Kleinspenden
geworben. Im Jahr 1964 setzte der republikanische
Präsidentschaftskandidat Postwurfsendungen ein, um
einen erheblichen Teil seiner Wahlkampfgelder aufzubringen. Seitherhaben mehrere Präsidentschaftskandidaten diese Methoden mit gutem Erfolg benutzt,
insbesondere der Demokrat Eugene McCarthy und
der unabhängige Kandidat George Wallace 1968, der
demokratische Kandidat George McGovern 1972 und
Ronald Reagan in seinen Vorwahlkampagnen von
1976, 1980 und 1984.
In den siebziger Jahren kam es auf Bundes- und auf
Staatsebene zu einer neuen Welle politischer Reformvorhaben. Auf Bundesebene schlugen sich diese
Reformbemühungen - und nachfolgende Versuche,
die den Kandidaten und Komitees durch das Gesetz

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*

�auferlegten Lasten zu mildern - im Bundeswahlkampfgesetz (Federal Election Campaign Act - FECA) von
1971, dem Einnahmengesetz (Revenue Act) von 1971
und den FECA-Ergänzungen von 1974, 1976 und
1979 nieder.
Staatliche Finanzierung
Die Gesetze sehen optionale, qualifizierten Kandidaten vom Staat zur Verfügung gestellte Mittel für die
Vorwahlkampfzeit bis zur Nominierung als Präsidentschaftskandidat vor. Um sich für diese Mittel ("matching funds") zu qualifizieren, müssen Kandidaten, die
die Nominierung ihrer Partei anstreben, 5.000 Dollar
an privaten Beiträgen, die sich aus Einzelspenden von
höchstens 250 Dollar in jedem von 20 Bundesstaaten
zusammensetzen, aufbringen. Die Bundesregierung
steuert für jede Spende von bis zu 250 Dollar an
qualifizierte Kandidaten noch einmal die gleiche Summe
hinzu. Diese Subventionen dürfen jedoch die Hälfte
des Ausgabenlimits für den Vorwahlkampf, das im
Jahr 1988 23,1 Millionen Dollar betrug, nicht überschreiten.
Die Bundesregierung stellt ferner öffentliche Mittel
bereit, um die Kosten für die nationalen Nominierungskonvente der zwei größten Parteien zu tragen. 1988
erhielt jede dieser Parteien einen Zuschuß von 9,2
Millionen Dollar. Kleinere Parteien erhalten eine Beihilfe zu ihrem Konvent, wenn ihre Kandidaten bei der
vorherigen Präsidentschaftswahl über 5 Prozent der
Stimmen erhielten.
Bei der allgemeinen Wahl können die Präsidentschaftskandidaten der wichtigsten Parteien zur Finanzierung
ihres Wahlkampfes öffentliche Mittel des Finanzministeriums in Anspruch nehmen. Wie bereits ausgeführt, beliefen sich diese Zuschüsse 1988 auf jeweils
46,1 Millionen Dollar. Darüber hinaus gibt es Bestimmungen für eine öffentliche Teilfinanzierung für Kandidaten kleinerer und neuer Parteien.
Die bei Präsidentschaftswahlkampagnen zur Verfügung gestellten öffentlichen Gelder sollen die Mittel
aufstocken - oder vollständig übernehmen - die ernstnafte Kandidaten benötigen, um sich selbst und ihre
Ideen gegenüber den Wählern darzustellen. Damit
soll die Notwendigkeit verringert oder beseitigt werden, Geld von wohlhabenden Spendern und Interessengruppen annehmen zu müssen
Im frühen Stadium der Kampagne sollen öffentliche
Mittel den Prozeß der Nominierung wettbewerbsorientierter machen und Kandidaten ermutigen, ihre Basis
der Unterstützung durch eine Vielzahl kleiner Spenden
zu erweitem. Die Kandidaten tun dies auf vielfältige
Weise, unter anderem durch persönliche Anschreiben, Ereignisse, bei denen gesammelt wird, wie
Empfänge und Diners sowie die Spendensammlung
freiwilliger Helfer.

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Die Durchführbarkeit öffentlicher Finanzierung hing
bei den letzten vier Präsidentschaftswahlkämpfen von
der Bereitschaft des Steuerzahlers ab, einen kleinen
Teil seines steuerpflichtigen Einkommens - ein Dollar
für Alleinstehende und zwei Dollar für zusammen
veranlagte Ehepaare - für die Präsidentschaftswahl
abzuzweigen, indem sie auf ihrer Steuererklärung
einem entsprechenden Gehaltsabzug zustimmen. Bis
jetzt hat das System genug Geld eingebracht, um die
öffentlichen Mittel abzudecken, die den nominierten
Kandidaten und den wichtigsten Parteien für ihre nationalen Nominierungskonvente zur Verfügung gestellt
werden. Die vom Bundeswahlausschuß bewilligten
Mittel beliefen sich 1976 auf 70,9 Millionen Dollar, 1980
auf 100,6 Millionen Dollar, 1984 auf 133,1 Millionen
Dollar und 1988 auf 177,8 Millionen Dollar.
Der Abzug von einem Dollar des steuerpflichtigen
Einkommens ist seit der Verabschiedung des Steuergesetzes 1971 nicht erhöht worden, trotz der Tatsache, daß der Wert des US-Dollars heute nur noch ein
Drittel des damaligen Werts beträgt. Darüber hinaus
ist der Steuerzahler in immer geringerem Maße zum
Gehaltsabzug bereit.
Dem Bundeswahlausschuß zufolge ist die Unterstützung des Steuerzahlers für den Gehaltsabzug seit
dem Rekordjahr 1980 um 30 Prozent gesunken. Dies
bedeutet einen Rückgang des Gehaltsabzugs vom
Höchststand von 28,7 Prozent der Steuererklärungen
im Jahr 1980 auf 19,9 Prozent der Steuererklärungen
1989. Die Rate für 1990 auf der Basis der Erklärungen
von 1989 ergab 32,5 Millionen Dollar, wobei die Jahresbeträge vier Jahre lang angesammelt werden, um
im Jahr der Präsidentschaftswahlen ausgezahlt zu
werden. Gegenwärtig besteht das Problem darin, daß
die gesunkenen Teilnehmerzahlen zu Fehlbeträgen
führen, die bei den Kampagnen vor der Nominierung
1992 zu einer anteilmäßigen Reduzierung der Mittel
führen könnten.
Beschränkung der Beiträge und Ausgaben
Die Reformgesetze von 1970 verfügen auch Obergrenzen für Beiträge und Ausgaben für alle Wahlkämpfe für ein Regierungsamt, aber der Oberste Gerichtshof kam zu dem Urteil, daß Ausgabenbeschränkungen nur in öffentlich finanzierten Kampagnen gegenwärtig nur Präsidentschaftswahlkämpfen - zulässig sind.
Einzelpersonen können nicht mehr als 1.000 Dollar pro
Kandidat und Wahl spenden, und Komitees dürfen
nicht mehr als 5.000 Dollar pro Kandidat und Wahl
bereitstellen. Kandidaten um ein Amt in der Bundesregierung, die öffentliche Mittel akzeptieren, dürfen
jedoch keine privaten Beiträge zur Förderung ihres
Wahlkampfes annehmen, obwohl sie private Spenden
bis zu einer bestimmten Obergrenze entgegennehmen können, um die Kosten zu bestreiten, die ihnen
durch die Einhaltung der Wahlgesetze entstehen.

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�Mit den Obergrenzen für Beiträge und Ausgaben sollen große Spenden mit ihrem Potential für Korruption
kontrolliert, finanzielle Ungleichheiten unter den Kandidaten minimiert und Möglichkeiten des Mißbrauchs
reduziert werden. Einzelpersonen und Gruppen können jedoch bei Präsidentschaftswahlen oder anderen
Wahlen für ein Regierungsamt unbegrenzte Ausgaben tätigen - das heißt, sie können unbegrenzt hohe
Beträge für Berichte ausgeben, in denen die Wahl oder
Ablehnung empfohlen wird - solange wie die Ausgaben
ohne Absprache oder Koordination mit dem Wahlkampfkomitee eines Kandidaten stattfinden. Bei der
Nominierung der Präsidentschaftskandidaten und im
allgemeinen Wahlkampf 1980 wurden erhebliche Beträge unabhängig ausgegeben, was dazu führte, daß
einige Teilnehmer die Rechtmäßigkeit und Verfassungsmäßigkeit solcher Ausgaben anzweifelten. Ein
nach der allgemeinen Wahl 1984 verkündetes Urteil
des Obersten Gerichtshofs gab denjenigen Recht, die
unabhängige Ausgaben tätigten. Gruppen und Einzelpersonen gaben 1988 14,3 Millionen Dollar an unabhängigen Mittel aus, um die Wahl oder Ablehnung
eines Präsidentschaftskandidaten zu befürworten.
Einzelpersonen und Gruppen können auf verschiedenen Ebenen Beiträge zu politischen Parteikomitees
leisten. Diese Komitees können wiederum Geld für die
Kandidaten ihrer Parteien ausgeben. 1988 gaben die
Parteikomitees der Republikaner und Demokraten
erhebliche Summen aus, um ihre Präsidentschaftskandidaten bei lokalen Parteiaktivitäten wie Erfassung
der Wähler und deren Animierung zur Wahl zu unterstützen. Weitere wichtige Quellen von Ausgaben im
Zusammenhang mit dem Präsidentschaftswahlkampf
waren Gewerkschaften, die Dukakis-Bentsen unterstützten, indem sie für diese Berichte und Zuschriften
veröffentlichten, selbst Wähler registrierten und sie zur
Wahl aufriefen. Obwohl also die Einschränkung öffentlicher Mittel und damit zusammenhängender Aus-

gaben die Ausgaben des Präsidentschaftswahlkampfes kontrollieren sollen, gibt es immer noch zahlreiche
legale Wege, wie erhebliche private Summen eingesetzt werden können, um das allgemeine Wahlergebnis zu beeinflussen.
Schließlich erfordert das Bundeswahlgesetz die vollständige und termingerechte Offenlegung von Einnahmen und Ausgaben für den Wahlkampf. Di» Bestimmungen zur Offenlegung sollen den Wählern helfen,
eine sachlich begründete Entscheidung für einen
Kandidaten zu treffen und es dem Bundeswahlausschuß ermöglichen, die Einhaltung mit den Finanzierungsgesetzen für die Kampagnen zu überwachen.
Ein kontinuierliches Experiment
Das grundlegende Problem derer, die ein System zur
Regulierung der Finanzierung von Wahlkämpfen bei
amerikanischen Wahlkampagnen erarbeiten müssen,
besteht darin, die Integrität des Wahlprozesses zu
schützen und dennoch das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit zu respektieren,
wie es im ersten Zusatzartikel der amerikanischen
Verfassung verankert ist. Das 1970 eingeführte Kontrollsystem stellt eine sehr ehrgeizige Bestrebung zur
Herstellung dieses Gleichgewichts dar. Aber die
Anstrengungen waren nicht immer erfolgreich. Mit
Hilfe der Vorschriften war es nicht möglich, die Ausgaben der Präsidentschaftswahlkämpfe zu kontrollieren,
und die Abwertung des Dollars - nicht inflationsbereinigt - hat die Einnahmen der Kampagnen verringert, da
die Beitragsgrenzen und die mit den Steuern eingenommene Summe gleich geblieben sind, während die
Wahlkampf ausgaben steigen durften. Aber wie die
amerikanische Demokratie selbst ist das gegenwärtige System zur Regelung der Finanzierung von Präsidentschaftswahlkämpfen ein Experiment, das zweifellos in den kommenden Jahren kontinuierlich modifiziert werden wird.

* * * * *

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