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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

1. April 1992

13

LIBYEN

USA FORDERN INTERNATIONALEN GERICHTSHOF ZUR ABLEHNUNG LIBYSCHEN ANTRAGS
AUF
Vortrag von Rechtsberater Williamson

WEITERVERBREITUNG

USA: NORDKOREA AN DER SCHWELLE
ZU NUKLEARWAFFEN
Rede von CIA-Direktor Gates vor dem Kongreß

UNO

FRIEDENSTIFTENDE ROLLE DER UNO
WERTVOLLER DENN JE
Erklärung von Abteilungsleiter Bolton

KSZE

EAGLEBURGER BEZEICHNET KSZE ALS
"GEWISSEN DIESES KONTINENTS"
Rede beim KSZE-Folgetreffen

US-AUSSENPOLITIK

ENTWICKLUNGSHILFE, WIRTSCHAFTLICHE
REALITÄTEN UND DIE NEUE WELTORDNUNG
von Stephen D. Cohen

UMWELT

DER BERICHT ÜBER UMWELTQUALITAT
Eine Übersicht des Weißes Hauses

LANDWIRTSCHAFT

MADIGAN: LANDWIRTE PROFITIEREN VOM
UMWELTSCHUTZ
Rede des US-Landwirtschaftsministers

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�LIBYEN
I.April 1992

USA FORDERN INTERNATIONALEN GERICHTSHOF
ZUR ABLEHNUNG LIBYSCHEN ANTRAGS AUF
Vortrag von Rechtsberater Williamson
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten haben am 27. März 1992 Libyen beschuldigt, es versuche den
Internationalen Gerichtshof zu benutzen, um die Bemühungen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen zu
behindern, die für den Bombenanschlag über Lockerbie verantwortlichen libyschen Agenten vor Gericht zu
stellen.
Der Rechtsvertreter des US-Außenministeriums, Edwin Williamson, begründete vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag die Forderung der amerikanischen Regierung nach Ablehnung der libyschen Behauptung,
allein Libyen habe das Recht, die beiden Beschuldigten gerichtlich zu belangen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Williamsons Vortrag vor dem Gerichtshof im Wortlaut.
Ich möchte zu Beginn meines Vortrags den Gerichtshof der höchsten Wertschätzung seitens der amerikanischen Regierung versichern und deren Anerkennung und Unterstützung des Gerichtshofs als wichtigstes gerichtliches Organ der Vereinten Nationen bekräftigen. Ich betrachte es als Privileg und Ehre, zum
ersten Mal vor Ihnen sprechen zu dürfen und meine
Regierung in diesem Fall zu vertreten.
Die Libysche Arabische Dschamahirija (die ich im
folghenden als "Libyen" oder die "Regierung von Libyen" bezeichnen werde) hat diesen Gerichtshof
angerufen, um eine einstweilige Verfügung zu erwirken. Damit soll ein angebliches "Recht" auf strafrechtliche Verfolgung der beiden Personen geschützt werden, die eines Anschlags auf eine Verkehrsmaschine
der Fluggesellschaft Pan Am beschuldigt werden.
Libyen behauptet, dieses Recht bedürfe des dringenden Schutzes vor Zwangsmaßnahmen der Vereinigten Staaten.
Es steht jedoch eindeutig fest, daß es nicht einseitige
Maßnahmen der Vereinigten Staaten sind, die Libyen
fürchtet.
Am 21. Januar 1992 beschäftigte sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit Material, das von den
Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich
zur Verfügung gestellt wurde und libysche Agenten
nicht nur im Hinblick auf den Anschlag gegen die PanAm-Maschine belastete, sondern auch in bezug auf
den Anschlag auf Flug 772 der Fluggesellschaft UTA.
441 Personen aus 32 Ländern fielen den beiden TerAMERIKA DIENST 13

roranschlägen zum Opfer. Der Sicherheitsrat hat
ferner über die libysche Verneinung einer Beteiligung,
libysche Angebote zur Strafverfolgung und libysche
Behauptungen beraten, wonach das Problem im
Rahmen der Montrealer Konvention behandelt werden
sollte. Der Sicherheitsrat antwortete darauf mit der
einstimmigen Verabschiedung der Resolution 731.
Resolution 731 stellt klar, daß das durch die Anschläge
auf die Verkehrsflugzeuge von Pan Am und UTA
aufgeworfene Problem Teil eines umfassenderen
Musters der Unterstützung für den internationalen
Terrorismus und kein isolierter Fall kriminellen Handelns ist. Der Sicherheitsrat appellierte an Libyen, "um
zur Beseitigung des internationalen Terrorismus beizutragen", eine vollständige und effektive Antwort auf
die Forderungen der Vereinigten Staaten, Frankreichs
und Großbritanniens zu geben, einschließlich der
Forderung Großbritanniens und der Vereinigten Staaten nach Auslieferung der beiden Personen sowie
Forderungen aller drei Regierungen, Libyen solle sich
"konkret und definitiv verpflichten, alle Formen terroristischen Handelns und sämtliche Hilfe für terroristische Gruppen einzustellen" sowie "unverzüglich durch
konkrete Maßnahmen seine Absage an den Terrorismus unter Beweis stellen".
Bevor ich die Vorstellungen meiner Regierung im
einzelnen darlege, fühle ich mich verpflichtet, auf die
gestern vom Vertreter Libyens vorgebrachte Einlassung einzugehen, wonach die Vereinigten Staaten
dieses Problem als Nord-Süd-Problem oder als Streitfall zwischen einer Gro ßmacht und einem kleinen Land
Seite 1

�behandelt haben. Resolution 731 wurde einstimmig
verabschiedet. Die 15 Mitgliedstaaten des Sicherheitsrats, die einen wirtschaftlichen und geographischen Querschnitt der Vereinten Nationen darstellen,
waren sich einig, daß die libysche Antwort auf die
Forderungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens
und Frankreichs beklagenswert war. Ich möchte Ihnen
einige der Präambeln sowie Paragraph 2 von Resolution 731 vortragen, die, wie ich mich erinnere, in der
Darstellung Libyens nicht erwähnt wurden. In zwei
Präambeln stellte der Sicherheitsrat fest, er sei
"tief besorgt im Hinblick auf die Ergebnisse der
Ermittlungen, die Vertreter der libyschen Regierung belasten ... in Verbindung mit den rechtlichen Verfahren in bezug auf die Anschläge auf
Pan American Flug 103 und Union de Transports Aeriens Flug 772;
entschlossen, den internationalen Terrorismus
zu beseitigen."
In Paragraph 2 bedauert der Sicherheitsrat
"zutiefst die Tatsache, daß die libysche Regierung immer noch nicht effektiv auf die "amerikanischen, britischen und französischen) Forderungen nach vollständiger Zusammenarbeit
reagiert hat, um die Verantwortung für die obigen terroristischen Akte gegen Pan American
Flug 103 und Union de Transports Aeriens Flug
772 zu klären".
Resolution 731 stellt also klar, daß der Bombenanschlag von Lockerbie und Terrorismus im allgemeinen
eine Angelegenheit internationaler Besorgnis sind und
es sich eben nicht um eine bilaterale Frage zwischen
den Vereinigten Staaten und Libyen, ein Nord-SüdProblem oder einen Streit zwischen einer Großmacht
und einem kleinen Land handelt.
Gestern haben der Vertreter Libyens und sein Rechtsberater darüber hinaus behauptet, der Streit betreffe
lediglich die Frage der Auslieferung der beiden Personen. Sie behaupteten, Libyen habe ansonsten die
amerikanischen Forderungen «rfüllt, und es sei voll
und ganz auf die französischen Forderungen eingegangen. Der Sicherheitsrat wird entscheiden müssen,
ob Libyen eine vollständige und effektive Antwort
gegeben hat. Was uns betrifft, so hat Libyen keine der
amerikanischen Forderungen befriedigt. Am wichtigsten aber ist, daß Libyen es versäumt hat, konkrete
Schritte zu unternehmen, um sich vom Terrorismus zu
distanzieren. Im Hinblick auf die Behauptung, Libyen
sei auf die französischen Forderungen eingegangen,
möchte ich dem Gericht gegenüber feststellen, daß
sich Frankreich gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien um eine neue Resolution des
Sicherheitsrats der Vereinten Nationen für die Verhängung von Sanktionen gegen Libyen bemüht, weil das
Land sich nicht an Resolution 731 gehalten hat.

Seite 2

Herr Präsident, der Sicherheitsrat befaßt sich eingehend mit dieser Angelegenheit. Der Generalsekretär
hat mehrere Versuche unternommen, um die libysche
Befolgung der Resolution sicherzustellen, aber am 3.
März, dem Tag, an dem Libyen seinen Antrag bei
diesem Gerichtshof stellte, berichtete er, Libyen halte
die Resolution immer noch nicht ein. Der Sicherheitsrat zieht derzeit in Erwägung, ob er aufgrund der
Nichteinhaltung von Resolution 731 Sanktionen qegen
Libyen verhängen soll.
Obwohl Libyens Argumente bereits vom Sicherheitsrat zurückgewiesen wurden, bringt Libyen jetzt ebendiese Argumente vor den Internationalen Gerichtshof.
Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Gerichtshofs
wird dieser hier benutzt, um die Arbeit des Sicherheitsrats aufzuheben. Einer der Vertreter Libyens argumentierte, daß Libyens Eingabe beim Gerichtshof und
Forderung nach einer einstweiligen Verfügung die
Beurteilung dieser Angelegenheit durch den Sicherheitsrat "ergänzt". Dies ist ein verblüffender Umgang
mit dem Begriff "ergänzt" im Hinblick auf die nachfolgenden Ausführungen des Verteidigers. Libyens
Rechtsbeistand bestätigte, Libyen strebe nicht an,
dem Sicherheitsrat seine Betrachtungsweise der
Angelegenheiten, die das Land vor den Internationalen Gerichtshof bringen will, gemäß Kapitel VI der UNCharta vorzuschreiben. Er verdeutlichte jedoch, daß
Libyen den Gerichtshof auffordert, die Vereinigten
Staaten und Großbritannien anzuweisen, sich im Sicherheitrat jeglicher Maßnahmen zu enthalten, die
Libyens ausdrückliche Rechte beeinträchtigen. Mit
anderen Worten, die Vereinigten Staaten und Großbritannien sollen gemäß Kapitel VII keine Rolle in einer
Reaktion des UN-Sicherheitsrats auf Libyens Rolle
beim Abschuß der Pan Am 103 spielen, wenn eine
solche Reaktion die ausdrücklichen Rechte Libyens

beeinträchtigt.
Dies ist ein ungewöhnlicher Vorschlag. Er steht überhaupt nicht im Einklang mit Artikel 35 der cnarta der
Vereinten Nationen, der es jedem Mitglied der Vereinten Nationen gestattet, jegliche Streitfälle im Sicherheitsrat vorzutragen, und ferner steht er nicht im
Einklang mit Artikel 27 über die Mitgliedschaft der
Vereinigten Staaten im Sicherheitsrat. Er zielt eindeutig darauf ab, die Beurteilung dieser Angelegenheit
durch den Sicherheitsrat einzuschränken und nicht zu
ergänzen.
Libyens Forderung nach einer einstweiligen Verfügung bringt den Gerichtshof in weiteren Konflikt mit
dem Sicherheitsrat. Erstens - und darauf wird im
folgenden noch eingehend verwiesen - wird dieser
Gerichtshof aufgefordert, auf der Basis vorzugehen,
daß Libyen allein das Recht hat, die beiden Personen
strafrechtlich zu verfolgen, wenn der Sicherheitsrat
einstimmig den Vorschlag Libyens geprüft hat, daß die
strafrechtliche Verfolgung durch Libyen eine effektive
Reaktion auf die Forderungen der Vereinigten Staaten

AMERIKA DIENST 13

�darstellt. Zweitens und scheinbar aufgrund der bevorstehenden Erwägung des Sicherheitsrats, die Reaktion Libyens sei unangemessen, schlägt Libyen diesem Gerichtshof vor, er müsse den außergewöhnlichen Schritt gehen und eine einstweilige Verfügung
anordnen, die seiner Beurteilung entscheidend widerspricht.

zung des Terrorismus durch Libyen mit Hilfe des UNSicherheitsrats ein Ende zu bereiten. Libyens Vertreter geben jetzt zu, daß Libyen die Vereinigten Staaten
davon abhalten will, weitere Maßnahmen des Sicherheitsrats zu fordern. Dieser Teil unserer Beweisführung wird von unserem Abteilungsleiter für Fragen der
Vereinten Nationen, Bruce Rashkow, vorgetragen.

Herr Präsident, ungeachtet der bevorstehenden Aktion des Sicherheitsrats hat Libyen nur eine weitere
mögliche Rechtfertigung für seine Forderung nach
einer einstweiligen Verfügung vorgetragen. Libyen
versucht, aus Erklärungen, in denen UN-Vertreter
"keine Option ausschließen", zu begründen, daß die
Vereinigten Staaten Gewaltanwendung angedroht
haben, um Libyen zu zwingen, die Angeklagten auszuliefern. Wir werden noch darauf eingehen, daß der
Vertreter Libyens diese Erklärungen falsch ausgelegt
hat - die Vereinigten Staaten haben keine solche
Drohung ausgesprochen. Wir sind aufgrund unserer
Beweise der libyschen Verwicklung in einen weiteren
Terrorakt gegen US-Bürger nicht einseitig vorgegangen. Statt dessen haben wir durch den Sicherheitsrat
an einer kollektiven Reaktion gearbeitet. Nun, da
Libyen die nächsten Schritte des Sicherheitsrats antizipiert, will man uns die Arbeit durch den Rat untersagen.

Zweitens werden wir dokumentieren, daß Libyen nicht
die juristischen Voraussetzungen erfüllt hat, um diesen Fall vor den Internationalen Gerichtshof zu bringen. Die Bestimmungen der Montrealer Konvention
fordern ein Urteil dieses Gerichtshofs, wenn sich die
Parteien nicht sechs Monate nach der Forderung eines
Staates nach einem Schiedsspruch geeinigt haben.
Auch wenn man davon ausgeht, Libyen habe mit
seinem Schreiben vom 18. Januar (libysches Dokument 23) und der Erklärung seines Ständigen Vertreters bei den Vereinten Nationen (vorausgesetzt, er war
befugt, für Libyen zu sprechen) einen entsprechenden
Antrag auf einen Schiedspruch gestellt, vergingen
lediglich sechs Wochen zwischen der libyschen "Forderung" nach einem Schiedsspruch und seinem Antrag bei diesem Gerichtshof. Dementsprechend hat es
den Anschein, daß die Montrealer Konvention keine
mögliche Basis für die Rechtsprechung des Gerichtshofs bietet. Dieser Teil unserer Beweisführung wird
vom ehemaligen Unterabteilungsleiter Charles Brower
vorgetragen, dem Leiter der US-Delegation bei der
Konferenz, aus der die Montrealer Konvention hervorgegangen ist.

Herr Präsident, 196 Amerikaner wurden bei den Terroranschlägen auf die Pan Am 103 und die UTA 772
getötet, was eine krasse und abscheuliche Verletzung
des Völkerrechts darstellt. Ich bin deshalb sicher, Sie
verstehen die Empörung der Vereinigten Staaten und
der anderen 32 Länder, deren Bürger getötet wurden,
bei dem Gedanken, daß Libyen den Gerichtshof benutzen könnte, um sich der internationalen Verurteilung zu entziehen. Wir sind zuversichtlich, daß der
Gerichtshof nicht auf diese Art und Weise mißbraucht
wird.
Herr Präsident, heute morgen werden die Vereinigten
Staaten nach Überprüfung der Tatsachen und der
Beweislage demonstrieren, daß die libysche Forderung nach einer einstweiligen Verfügung unbegründet
ist und abgelehnt werden sollte.
Wir werden vier grundsätzliche Vorschläge unterbreiten, von denen jeder einzelne eine Basis bietet, um die
Anträge abzulehnen.
Erstens werden wir zeigen, wie unangemessen es ist,
daß Libyen diesen Gerichtshof bittet, den Sicherheitsrat einschränken oder in anderer Weise behindern zu
wollen, seine erste Pflicht nach der UN-Charta auszuüben, die Wahrung von Frieden und Sicherheit auf der
Welt zu gewährleisten oder gemeinsam mit den Vereinigten Staaten Angelegenheiten dort vorzutragen. Die
Reaktion der Vereinigten Staaten auf den Abschuß der
Pan Am 103 konzentrierte sich darauf, der Unterstüt-

AMERIKA DIENST 13

Drittens werden wir zeigen, daß Libyens Forderung
nicht die Kriterien dieses Gerichtshofs erfüllt, wie der
außergewöhnliche Schritt einer einstweiligen Verfügung unternommen werden kann. Dabei werden wir
dokumentieren, daß Libyens Behauptung eines angedrohten Zwangs durch die Vereinigten Staaten jeder
Grundlage entbehrt und den traditionellen Standards
der Dringlichkeit dieses Gerichtshofs ebensowenig
entspricht wie die Beschränkung auf eine einstweilige
Verfügung zum Schutz der jeweiligen Rechte der
Parteien, daß Libyens angeblich exklusives Recht auf
Strafverfolgung illusorisch ist, wohingegen die von
Libyen durch seine Forderung nach Hilfe angefochteten Rechte der Vereinigten Staaten verbrieft und eindeutig sind und daß der Gerichtshof demgemäß nur
seine Funktion erfüllen kann, den Parteien ihre Rechte
zuzugestehen, indem er Libyens Forderung nach Eilbedürftigkeit verweigert. Der Abteilungsleiter für den
Nahen Osten und Südasien, Jonathan Schwarz, wird
diesen Teil unserer Beweisführung vortragen.
Der letzte Punkt unserer Beweisführung, daß die
Forderung Libyens verweigert werden sollte, weil der
Sicherheitsrat aktiv an der Angelegenheit beteiligt ist,
wird von Unterabteilungsleiter Alan Kreczko vorgetragen. Ich werde die Beweisführung mit einer kurzen
Stellungnahme beschließen.

Seite 3

�Schlußbemerkung
Herr Präsident, verehrte Mitglieder des Gerichts, hiermit komme ich zum Ende der offiziellen Antwort meiner
Regierung auf den libyschen Antrag auf einstweilige
Verfügung. Abschließend möchte ich den Kontext in
Erinnerung rufen, der dieses Verfahren ausgelöst hat
sowie die Konsequenzen darlegen, sollte dem libyschen Antrag stattgegeben werden.
Der Anschlag auf Pan Am Flug 103 war das vielleicht
schrecklichste Beispiel eines Terroranschlags gegen
Bürger meines Landes des vergangenen Jahrzehnts.
Ich muß sagen, wenn man Seite um Seite die Namen
unschuldiger Opfer dieses barbarischen Akts liest,
kann man nicht umhin - wenn auch nur im Kleinen - die
schreckliche Trauer ihrer Familien und Freunde zu
teilen.
Akte wie der Anschlag auf Pan Am Flug 103 haben
weitreichende Nachwirkungen. Sie betreffen uns alle.
Wenn man ein Flugzeug besteigt, den Verwandten
einen guten Flug wünscht, Flugzeuge über uns hinwegfliegen sieht, muß man jetzt unweigerlich an das
Risiko denken, das von gefühllosen Individuen verursacht wird, die tödliche Sprengladungen an Bord verstecken. Selbst die schärfsten Sicherheitsvorkehrungen auf Flughäfen reichen nicht aus, um uns zu
beruhigen.
Wir alle haben ein Recht auf Sicherheit, wenn wir
reisen - als Einzelpersonen, Fluggesellschaft oder als
Regierung. Wir haben auch das Recht - ein Menschenrecht - frei von der Geißel des staatlich geförderten Terrorismus zu sein. Die internationale Staatengemeinschaft darf nicht die Hände in den Schoß legen,
wenn ein Staat sich für die Unterstützung solch verabscheuungswürdiger Akte entscheidet, wie es Libyen
unseres Erachtens seit Jahren tut.
Aus diesem Grund haben sich die Vereinigten Staaten,
als bei den Ermittlungen im Falle der Tragödie des Pan
Am Flugs 103 die Ursache zutage trat, zusammen mit
Großbritannien und Frankreich für ein umfassendes
Vorgehen entschieden. Der libyschen Regierung wurden
eine Reihe von Forderungen vorgelegt, um ihr die
Möglichkeit einer Abkehr von ihrer bisherigen Politik
einzuräumen und konkret unter Beweis zu stellen, daß
sie der Unterstützung des Terrorismus entsagt.
Wie lautete die libysche Antwort? Libyen leugnete die
Verantwortung für Terroranschläge der Vergangenheit, erklärte jedoch, es werde die Unterstützung des
Terrorismus einstellen. Libyen behauptete, es könne
den Forderungen nicht entsprechen, räumte dann
jedoch ein, es könne ihnen Folge leisten. Es schlug
Prozesse der Angeklagten vor diesem Gerichtshof, in
Drittländern und vor nichtexistierenden Gerichten vor.
Schließlich, als Libyen der Absicht der drei Regierungen gewahr wurde, den Sicherheitsrat anzurufen,

Seite 4

bestand es zum ersten Mal darauf, daß die Kontroverse unter die Montrealer Konvention falle und ein Schiedsverfahren eingeleitet werden solle.
In der einstimmig verabschiedeten Resolution 731
gelangte der Sicherheitsrat zu dem Schluß, die libysche Antwort sei "beklagenswert". Er brachte seine
"tiefe Besorgnis" über die Ermittlungsergebnisse der
gegen Pan Am 103 und UTA 772 verübten Anschläge
zum Ausdruck, die auf Libyen als Täter deuteten, und
drängte Libyen, "unverzüglich eine umfassende und
zufriedenstellende Antwort auf diese Forderungen zu
unterbreiten, um damit zur Beseitigung des internationalen Terrorismus beizutragen".
Was hat Libyen daraufhin getan? Es hat den Generalsekretär der Vereinten Nationen von seiner Bereitschaft zur Einhaltung der Resolution unterrichtet. Wir
gingen davon aus, daß Libyen kürzlich den Präsidenten des Sicherheitsrats über seine Entscheidung informiert habe, die Verdächtigen des Anschlags auf Pan
Am 103 der Arabischen Liga zu überstellen - dies war
jedoch offensichtlich nicht der Fall. Es ist jedenfalls
nichts geschehen.
Infolgedessen zieht der Sicherheitsrat derzeit obligatorische Sanktionen gemäß Kapitel VII in Erwägung,
um Libyen zur Einhaltung der früheren Resolution zu
bewegen.
Statt die Resolution einzuhalten, hat Libyen dieses
Gerichtsverfahren eingeleitet. Es hat die außerordentliche Entlastung durch einstweilige Verfügung beantragt. Mit welcher Begründung? Unseres Wissens
aufgrund eines völlig neuen "Rechts", die Möglichkeit
der Anwendung des Strafrechts auf die Verdächtigen
- Libyens eigene Geheimagenten - durch irgendeinen
anderen Staat auszuschließen. Worauf würden die
Maßnahmen abzielen? Soweit wir es verstehen darauf, die Erörterungen des Sicherheitsrats über die
schwebende Resolution aufzuhalten. Ein solches
Ansinnen ist schlicht und einfach ungeheuerlich angesichts der in der Charta niedergelegten obersten Verantwortung des Rats für internationalen Frieden und
Sicherheit.
Bedenkt man, daß ein solch ungeheuerlicher Vorschlag dem libyschen Antrag zugrundeliegt, der libysche Antrag keine der Kriterien erfüllt, die für den Erlaß
einer einstweiligen Verfügung gegeben sein müssen,
daß Libyen in der Tat dieses Gericht um ein Recht
anruft, das selbst ein staatlicher Förderer von Terrorismus in Anspruch nehmen könnte und Libyen das
Gericht auffordert, dem zuwider- statt in Zusammenarbeit mit einem anderen wichtigen UN-Organ zu
handeln, liegt die Schlußfolgerung nahe, daß Libyens
wirkliches Ziel einfach darin bestehen mu ß, ein Verfahren gleich welcher Art vor diesem Gericht einzuleiten,
auf das es als Teil einer politischen Initiative gegen die
vorgeschlagene Sanktionsresolution verweisen kann.

AMERIKA DIENST 13

�Bei allem Respekt - das Gericht sollte sich dazu nicht
hergeben. Der libysche Antrag auf einstweilige Verfügung vor diesem Gericht steht nicht nur im Widerspruch zu der Rechtspechung des Gerichtshofes im
Hinblick auf einstweilige Verfügungen. Sollte sie jedoch gewährt werden, könnte sie der Funktionsweise
des Systems der Charta der Vereinten Nationen für die
Aufrechterhaitung des internationalen Friedens und
der Sicherheit Schaden zufügen. Das Gericht kann
versichert sein, daß die Gewährung der von Libyen
angestrebten Entlastung als Unterstützung der libyschen Nichteinhaltung der Resolutionen des Sicherheitsrats ausgelegt wird. Auf der anderen Seite wären

*

AMERIKA DIENST 13

die Ablehnung des libyschen Antrags und die Bekräftigung der Bedeutung, die der Einhaltung der Resolution des Rats zukommt, eine willkommene Unterstützung der breitgefächerten Bestrebungen, Bedrohungen des Friedens an den Rat weiterzuleiten.
Herr Präsident, verehrte Mitglieder des Gerichts, auch
im Namen der anderen Mitglieder der amerikanischen
Delegation möchte ich Ihnen für diese Anhörung danken.
Als unsere offizielle Einlassung bitte ich das Gericht im
Namen der Vereinigten Staaten von Amerika, den
Antrag auf einstweilige Verfügung abzulehnen.

* * *

*

Seite 5

�WEITERVERBREITUNG
I.April 1992

USA: NORDKOREA AN DER SCHWELLE
ZU NUKLEARWAFFEN
Rede von CIA-Direktor Gates vor dem Kongreß
WASHINGTON - (AD) - Dem Direktor des US-Nachrichtendienstes CIA, Robert Gates, zufolge steht Nordkorea
"kurz, vielleicht sehr kurz vor dem Besitz einer Nuklearfähigkeit".
Vor Kongreßabgeordneten erläuterte Gates am 27. März 1992, die Vereinigten Staaten müßten sich nicht nur
über die Konsequenzen für die Stabilität in Nordostasien Gedanken machen, wenn Nordkorea Nuklearwaffen
beschafft, "sondern auch über die Möglichkeit, daß Pjöngjang Nuklearmaterial und verwandte Technologien
weltweit vermarkten könnte".
In einer Anhörung vor dem Streitkräfteausschuß des Repräsentantenhauses machte Gates Ausführungen über
die konventionellen und unkonventionellen militärischen Fähigkeiten der koreanischen Halbinsel sowie am
Persischen Golf und im Nahen Osten.
Obwohl die UNO-Sanktionen die Bestrebungen Saddam Husseins zur militärischen Wiederaufrüstung verhindert haben, ist das irakische Militär Gates zufolge nach wie vor "ausgezeichnet", insbesondere verglichen mit
seinen Nachbarn. Die irakische Armee verfügt immernoch über2.000 Panzer, 3.000 Mannschaftstransportwagen sowie 1.000 Artilleriegeschütze, so Gates. Der CIA-Direktor fügte hinzu, der Irak besitze wahrscheinlich
außerdem noch einige mobile SCUD-Raketenabschußvorrichtungen und "mehrere hundert Raketen".
Sollten die UNO-Sanktionen aufgehoben werden, könnte der Irak laut Gates in drei bis fünf Jahren die konventionellen militärischen Arsenale wiederaufbauen, die er vor dem Krieg besessen habe.
Gates Einschätzung des Iran zufolge werde dieses Land voraussichtlich "den Friedensprozeß weiterhin
torpedieren und wahrscheinlich ... terroristische und andere Aktivitäten unterstützen, die Fortschritte bei der
Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern unterminieren".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von CIA-Direktor Gates in wesentlichen Auszügen.
In den vergangenen dreieinhalb Monaten haben sich
einige beunruhigende Tendenzen abgezeichnet. In
Teilen der ehemaligen Sowjetunion haben sich die
Unruhen zugespitzt, seit ich das letzte Mal hier vor
Ihnen stand. Die Konflikte zwischen den sowjetischen
Nachfolgestaaten wie Armenien und Aserbaidschan
vertiefen sich. Während die GUS den Zusammenbruch des sowjefschen Impenums aufgefangen hat,
sieht sie sich mit zunehmenden Problemen konfrontiert, die sie vielleicht nicht übersteht. Ohne Schwierigkeiten lassen sich weitere beunruhigende Nachrichten
aufzählen:
Die Ukraine hat den Transfer zur Verschrottung
bestimmter taktischer Nuklearwaffen nach
Rußland eingestellt.
^. _, ,
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„__
D,e Rat.f.z,erung und Durchfuhrung des KSEVertrags sche.nt zunehmend komphz.ert und
problematisch.
AMERIKA DIENST 13

Der Rüstungswettlauf gewinnt im Nahen Osten,
Südostasien und anderen Regionen an Tempo.
Trotz

beachtlicher - und teurer - Drogenbekämpfungsmaßnahmen blüht der Drogenhandel nach
wie vor
ungehindert.
D j e v e r h e e r e n d e E x p , o s i o n v o n Buenos Aires
z e j g t d a ß i n t e r n a t i o n a | e r Terrorismus immer
noch ein ernsthaften Problem ist.
Auf der anderen Seite kann ich jedoch auch einige
positive Entwicklungen und Trends anführen:
Die Weißen in Südafrika haben sich eindeutig
zugunsten weiterer politischer Reformen ausgesprochen. In El Salvador ist ein Waffenstillstand in Kraft, und die Aussichten, daß die
Kontrahenten ihre Konflikte friedlich beilegen,
h a b e n sjch verbessert. s
j n Albanien und

Seite 1

�Rumänien zeichnen sich Fortschritte ab. Die
Unruhen in Jugoslawien sind abgeflaut, wenn
vielleicht auch nur vorübergehend.

konnte. Und natürlich verfügen die irakischen
Atomwissenschaftler und Ingenieure weiterhin
über ihr Fachwissen.

Die Umgestaltung der zentral gelenkten Volkswirtschaften in freie Marktwirtschaften erweist
sich weiterhin als schwierig und destabilisiernd.
Aber die schlimmsten Vorhersagen - über massive
Hungersnöte, Hypothermie und Unruhen großen Umfangs beispielsweise in Rußland - haben sich bisher nicht verwirklicht. Und Jelzin
hält noch immer am Kurs wirtschaftlicher Reformen fest.

Bagdad hat Tonnen chemischer Munition und
Wirkstoffe sowie eine beträchtliche Menge an
Produktionsgerät abgeliefert, aber wir sind
überzeugt, daß das Regime von allem noch
Bestände unterhält - mehr chemische Grundstoffe, mehr Wirkstoffe, mehr Munition und mehr
Produktionsgerät.

Der Nahe Osten und der Persische Golf
Falls in den nächsten Jahren die Stationierung amerikanischer Kampftruppen im Ausland erneut erforderlich werden sollte, steht die strategisch lebenswichtige
Region Naher Osten und Persischer Golf an oberster
Stelle der wahrscheinlichen Regionen.
Der Irak: geschwächt, aber Immer noch mächtig
Die Operation Wüstensturm hat die Fähigkeit des Irak
zur Durchführung militärischer Offensivoperationen
großen Stils stark verringert. Die UNO-Sanktionen
haben Saddams Bestrebungen zur Wiederbewaffnung
seiner Streitkräfte vereitelt. Mit der Verteidigung des
Regimes und der Niederschlagung lokaler Aufstände
befaßt, kann das irakische Militär zur Zeit nur Offensiven kleinen Stils und mit begrenzter Zielsetzung durchführen.
Umfang und Ausrüstung der irakischen Streitkräfte
sind jedoch nach wie vor ausgezeichnet, insbesondere
verglichen mit der Mehrzahl seiner Nachbarn. Lassen
sie mich einige Zahlen nennen:
Die irakischen Landstreitkräfte umfassen rund
zwei Dutzend Divisionen, obwohl sie insgesamt
kleiner und weniger fähig sind als die Divisionen
vor dem Krieg. Die Armee verfügt immer noch
über mehr als 3.000 Mannschaftstransportwagen, 2.000 Panzer und 1.000 Artilleriegeschütze.
Unseres Erachtens besitzt der Irak auch weiterhin einige mobile SCUD-Raketenabschußvorrichtungen sowie mehrere Hundert Raketen.
Die irakische Luftwaffe verfügt nach wie vor
über rund 300 Kampfflugzeuge, obwohl viele
nicht einsatzfähig sind. Weil die Luftwaffe seit
über einem Jahr keine Einsätze geflogen hat,
benötigt sie mindestens einen Monat intensiver
Ausbildung und Wartung, um ein Minimum an
Kampffähigkeit wiederzuerlangen.
Obwohl ein Großteil des irakischen nuklearfähigen Geräts aufgespürt und zerstört worden ist,
vermuten wir, daß der Irak einen Teil seines
Geräts vor den UNO-Inspektoren verstecken
Seite 2

Das Regime hat nie ein biologisches Waffenprogramm zugegeben und nie irgendwelche Giftstoffe oder Waffen abgeliefert. Wir wissen
jedoch, daß der Irak ein solches Programm
unterhielt und sind überzeugt, daß er noch immer
über biologische Waffen und die Mittel zur Herstellung weiterer Waffen verfügt.
Wieviel Zeit benötigt der Wiederaufbau?
Der Wiederaufbau der irakischen Verteidigungsindustrie ist eines von Saddam Husseins Hauptzielen nach
dem Krieg. Ungeachtet der von den Vereinten Nationen verfügten Inspektionen und Sanktionen behauptet
der Irak, nahezu 200 Anlagen der Rüstungsindustrie
repariert zu haben und mit der Instandsetzung zahlreicher anderer befaßt zu sein. Unabhängig davon
können wir bestätigen, daß auf mindestens zwei Dutzend Anlagen der Rüstungsindustrie umfassende
Wiederaufbaumaßnahmen stattfinden.
In einigen während des Golfkriegs beschädigten
Waffenproduktionsanlagen wurde die begrenzte Herstellung von Artielleriegeschützen und Munition wiederaufgenommen. Trotz dieser Bestrebungen wird die
gesamte Rüstungsproduktion erheblich unter dem
Vorkriegsniveau liegen, solange die Sanktionen in
Kraft sind und die Inspektionen fortgesetzt werden.
Sollten die Sanktionen aufgehoben werden, benötigt
der Irak unseren Schätzungen zufolge mindestens
drei bis fünf Jahre, um die konventionellen militärischen Arsenale der Zeit vor dem Krieg wiederaufzubauen. Lange davor könnten die irakischen Streitkräfte für eine Bedrohung ihrer Nachbarn stark genug sein.
Wichtiger ist jedoch, wie schnell der Irak unseres
Erachtens seine besonderen Waffenfähigkeiten wiederaufbauen kann. Unseren Studien zufolge konnte
Bagdad erhebliche Teile seiner speziellen Waffenprogramme aufrechterhalten. Sobald der Wiederaufbau
in Angriff genommen werden kann, stehen die irakischen Wissenschaftler und Ingenieure bereits in den
Startlöchern.
Das Programm zur Entwicklung von Nuklearwaffen würde am meisten Zeit zur Wiederherstellung benötigen, weil ein Großteil der Infrastruktur für die Produktion von spaltbarem Material
wiederaufgebaut werden müßte. (D:C3Ö Tatsa-

AMERIKA DIENST 13

�che würde noch untermauert, wenn das Gerät in
bestimmten erst kürzlich entdeckten atomaren
Forschungsanlagen zerstört wird, wie von den
UN-Inspektionsteams gefordert). Die Zeit, die
der Irak zum Wiederaufbau seiner Nuklearfähigkeit benötigt, könnte drastisch verkürzt werden, wenn er auf irgendeine Weise spaltbares
Material aus dem Ausland beschaffen könnte.
Ein Großteil der Infrastruktur zur Herstellung
chemischer Waffen müßte wiederaufgebaut
werden, bevor der Irak das Produktionsniveau
der Vorkriegszeit wiedererlangt. Unserer Ansicht nach könnte er jedoch die begrenzte Produktion solcher Waffen unverzüglich wiederaufnehmen, indem er verdeckte Bestände chemischer Grundstoffe, nicht deklariertes Verarbeitungsgerät und ungefüllte Munition verwendet.
Da zur Herstellung von Wirkstoffen zur biologischen Kriegführung nur wenig Gerät benötigt
wird, könnte der Irak die Produktion binnen
Wochen wiederaufnehmen. Er verfügt nach wie
vor über Mikrobenkulturen und Krankheitserreger. Wir sind weiterhin überzeugt, daß er auch
einen Bestand an biologischen Waffen unterhält.
Schließlich könnte der Irak unseren Schätzungen zufolge seine Fähigkeit zur Herstellung von
Raketen des Typs SCUD bald wiedererlangen,
obwohl er auf ausländische Hilfe angewiesen
sein könnte.

Was würde geschehen, wenn Saddam abträte?
Wie würde sich die Innenpolitik des Irak und sein
Verhalten gegenüber dem Ausland verändern, wenn
Saddam Hussein die Bühne verließe?
Wie die jahrzehntelangen Repressionen Saddams
belegen, wird er alles tun, um an der Macht zu bleiben.
Es gibt weder einen Nachfolgemechanismus noch
sind irgendwelche Kandidaten in Sicht, um Saddam
abzulösen - der Irak ist eines jener Länder, in denen die
Nummer Zwei zu sein enervierend - um nicht zu sagen
lebensgefährlich - ist.
Infolgedessen würde Saddam unseres Erachtens nur
aufgrund eines Putsches oder Gewaltaktes von der
Bildfläche verschwinden. Wie wahrscheinlich dies ist,
kann ich nicht sagen, obwohl wir Beweise dc*ür haben,
daß Saddams Macht im Schwinden begriffen ist und
die Unzufriedenheit mit der Führung sogar unter seinen engsten Vertrauten - vor allem den irakischen
Sunniten - zunimmt.
Ein möglicher Nachfolger Saddams käme aus der von
den Sunniten beherrschten Regierung - jemand, der
Saddams Perspektiven teilt, insbesondere seinen
Glauben an die politische Wirksamkeit grausamer
Gewalt. Ein solcher Nachfolger könnte sehr wohl

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ähnlich wie Saddam denken. Wer immer Saddams
Nachfolger sein mag - es fehlt ihm an einer breiten
Machtbasis und er könnte sich unverzüglicher und
ernsthafter Herausforderungen durch andere Konkurrenten gegen übersehen.
Ein Nachfolgeregime wäre vielleicht gegenüber den
irakischen Schiiten und Kurden sowie gegenüber den
ausländischen Gegnern des Irak etwas weniger verbissen. Während die Bestrebungen zur Wiederherstellung der militärischen Fähigkeiten des Irak fortgesetzt würden, könnten einige Ressourcen vom Wiederaufbau der Rüstungsindustrie für zivile Zwecke
umgeleitet werden. Das neue Regime könnte von
einer raschen Aufhebung der UNO-Sanktionen sowie
der Anerkennung und Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft ausgehen. Kurzfristig könnte der Irak daher eine geringere Bedrohung für seine
Nachbarn darstellen. Jeder Nachfolger Saddams wird
jedoch wahrscheinlich seine regionalen Ambitionen
teilen, und auf lange Sicht könnten wir davon ausgehen, daß der Irak versuchen wird, seine Position als
dominante arabische Militärmacht wiederzugewinnen.
Wenn ein Nachfolgeregime Probleme bekommt, die
Einheit oder territoriale Unversehrtheit des Irak aufrechtzuerhalten, werden seine unmittelbaren Nachbarn, insbesondere der Iran, die Türkei und Syrien,
stark versucht sein zu intervenieren. Sie alle befürchten, daß ein instabiler Irak ihre nationalen Eigeninteresen bedrohen und zu einer unerwünschten Verschiebung des regionalen Gleichgewichts der Kräfte führen
könnte. Keiner möchte, daß der Irak in unabhängige
kurdische, schiitische und sunnitische Staaten zerfällt.
Das iranische Auf rüstungsprogramm
Während der Irak bestrebt ist, sich vom Golfkrieg zu
erholen, ist der Irak entschlossen, seinen früheren
Status als Vormacht am Persischen Golf wiederzugewinnen. Die neuformulierte nationale Sicherheitspolitik des Iran verfolgt drei Hauptziele:
Gewährleistung des Überlebens des Regimes.
Machtprojektion in der gesamten Region.
Ausgleich des amerikanischen Einflusses im
Nahen Osten.
Um diese Ziele zu erreichen, hat der Iran diplomatische Maßnahmen ergriffen, um seine internationale
Isolierung zu beenden. Er kauft Waffen von einer
Reihe ausländischer Lieferanten und entwickelt eine
Fähigkeit zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen. Im Zeitraum von 1990 -1994 plant der Iran,
jährlich 2 Milliarden Dollar für den Ankauf ausländischer Waffen auszugeben.
So hat Teheran bereits eine erhebliche Zahl modemer
Kampfflugzeuge und Luftabwehrraketen von Rußland
und China erworben. Von Nordkorea hat es einige

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�SCUD-Raketen mit verlängerter Reichweite bezogen,
und es baut eine Fabrik, um seine eigenen Raketen
herzustellen.
Als Teil seines Modernisierungsprogramms für die
Marine hat der Iran darüber hinaus Verträge zum
Ankauf von mindestens zwei Angriffsunterseebooten
der Kilo-Klasse aus Rußland abgeschlossen.
Selbst nach Operation Wüstensturm besitzt der Irak
noch dreimal soviele gepanzerte Fahrzeuge wie der
Iran. Um diese Lücke zu verkleinern, versucht Teheran, von russischen und osteuropäischen Lieferanten
Hunderte von Panzern zu erwerben.
Wir gehen davon aus, daß Teheran bestrebt ist, die
Fähigkeit zum Bau von Kernwaffen zu erwerben. Wir
sind jedoch der Überzeugung, daß die Iraner ohne
bedeutende technische Unterstützung aus dem Ausland dieses Ziel wahrscheinlich nicht vor dem Jahr
2000 verwirklichen werden.
Das iranische Programm zum Bau chemischer Waffen
bleibt trotz seines Umfangs und der erzielten Fortschritte relativ primitiv. Wir erwarten jedoch, daß der
Iran binnen weniger Jahre chemische Gefechtsköpfe
für seine SCUD-Raketen entwickelt.
Darüber hinaus nehmen wir an, daß sich der Iran um
die Fähigkeit zur biologischen Kriegführung bemüht.
Der Iran und die arabischen Staaten
Teheran baut seine militärische Stärke nicht nur deshalb wieder auf, um das militärische Ungleichgewicht
mit dem Irak zu beheben, sondern auch, um seine
Fähigkeit zu vergrößern, seine Nachbarn am Golf zu
beeinflussen und einzuschüchtern - obwohl kurzfristig
Teherans Wunsch nach Eindämmung des amerikanischen Engagements in der Region dazu führen wird,
daß es die Golfstaaten umwirbt anstatt sie unter Druck
zu setzen.
Teheran ist ferner bemüht, seine Beziehungen zu den
arabischen Staaten außerhalb des Golfs zu verbessern. Dabei betont es die Solidarität der Moslems und
die Prinzipien des Islams. In Ländern mit islamischen
Oppositionsbewegungen hofft der Iran, seinen Einfluß
bei den örtlichen Fundamentalisten zu verstärken ohne
seine Beziehungen zu den dortigen Regierungen zu
schädigen. So möchte Teheran zum Beispiel in Algerien die Beziehungen zu dem neuen Regime aufrechterhalten und gleichzeitig seine politische und finanzielle Unterstützung der Islamischen Heilsfront fortsetzen,
die von der algerischen Regierung gerade verboten
wird. Beiden Anliegen gerecht zu werden, war schon
in der Vergangenheit schwierig: Algier rief unlängst
seinen Botschafter in Teheran zurück, um gegen die
andauernde Unterstützung der Front durch den Iran zu
protestieren.

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Die wachsende Unterstützung des Iran für radikale
Palästinensergruppen könnte zu einer Annäherung an
arabische Staaten wie Libyen führen. In dieser Unterstützung kommt die iranische Animosität gegenüber
Israel zum Ausdruck, das Teheran sowohl als Verbündeten der USA wie auch als strategische Bedrohung
betrachtet. Wir erwarten, daß der Iran den Friedensprozeß weiterhin torpedieren und wahrscheinlich terroristische und andere Aktivitäten unterstützen wird,
die Fortschritte bei der Aussöhnung zwischen Israelis
und Palästinensern unterminieren.
Der wichtigste Stellvertreter Teherans in der arabischen Welt wird weiterhin die radikale libanesische
Schiitengruppe Hisbollah sein, die als Hauptverdächtiger für den Bombenanschlag auf die israelische
Botschaft in Argentinien in Frage kommt. Um den
Fortbestand seiner Verbindungen zur Hisbollah zu
gewährleisten, wird Teheran sorgfältig darauf achten,
gute Beziehungen zur syrischen Regierung zu bewahren, die den Zugang zu dem von der Hisbollah besetzten Gebiet kontrolliert.
Der Iran und die neuen islamischen Republiken
Teheran betrachtet die Entwicklungen in der Region
nördlich seiner Grenzen als lebenswichtig für seine
nationalen Interessen. Es möchte sowohl das vom
Zusammenbruch der Sowjetunion verursachte Vakuum füllen als auch die Vereinigten Staaten und
regionale Rivalen wie die Türkei daran hindern, dort
beherrschenden Einfluß zu gewinnen. Teherans diplomatische Bemühungen zur Stärkung seines Einflusses in den neuen islamischen Staaten der Region
umfassen auch die Unterstützung der Mitgliedschaft
dieser Länder in verschiedenen regionalen und internationalen Organisationen.
Darüber hinaus versucht Teheran, kulturelle und religiöse Verbindungen mit den neuen Republiken zu
entwickeln. Es bleibt abzuwarten, wie erfolgreich
Teheran sein wird, wenn man berücksichtigt, daß die
meisten dieser Völker türkischen und nicht persischen
Ursprungs sowie zumeist sunnitische und nicht schiitische Moslems sind.
Wir sehen keine Beweise für iranische Bemühungen,
die säkularen Regierungen der neuen Staaten zu
unterwandern oder sie Rußland und den anderen
nichtmoslemischen Mitgliedstaaten der GUS zu entfremden. Zum jetzigen Zeitpunkt zumindest scheint
der Iran die freundschaftlichen Beziehungen zu Ruß
land bewahren zu wollen, das ein wichtiger Waffenlieferant geworden ist. Darüber hinaus muß der Iran im
Hinblick auf das Schüren von Instabilität an seiner
Nordgrenze Vorsicht walten lassen, damit nicht auch
unter seinen eigenen aserbaidschanischen oder turkmenischen Minderheiten nationalistische Stimmungen hervorgerufen werden. Im Hinblick auf den Kon-

AMERIKA DIENST 13

�flikt zwischen Aserbaidschan und Armenien hat Teheran in der Tat versucht, mäßigenden Einfluß auf die
aserbaidschanische Regierung auszuüben.
Die koreanische Halbinsel
Seit der Paraphierung der Abkommen über Nichtangriff/Aussöhnung und die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel im vergangenen Dezember haben
Nord- und Südkorea eine Reihe von Verhandlungen
und Gesprächen durchgeführt, darunter einige auf
sehr hoher Ebene, um die Vereinbarungen zu verwirklichen. Diese Gespräche haben einige konkrete Ergebnisse hervorgebracht, insbesondere die Bildung
einer gemeinsamen nuklearen Kontrollkommission am
19. März mit dem Mandat, bilaterale Inspektionen
kerntechnischer Anlagen zu erarbeiten.
Im großen und ganzen jedoch haben die beiden Seiten
bisher lediglich einen Rahmen für die Aussöhnung
geschaffen, der keine Substanz enthält. Bei entscheidenden Fragen, etwa der Häufigkeit und Gründlichkeit
sowie den elementaren Regeln für nukleare Inspektionen liegen beide Seiten immer noch weit auseinander.
Ferner bestehen große Meinungsverschiedenheiten
über im Aussöhnungsabkommen geforderte persönliche Kontakte und militärische vertrauensbildende
Maßnahmen.
Die Bedrohung aus dem Norden
Der Norden unterhält nach wie vor im Gebiet unmittelbar nördlich der demilitarisierten Zone enorme Landstreitkräfte. Diese Formationen sind für einen überraschenden, massiven Schlag gegen Seoul im Süden
optimiert. In den letzten Jahren haben diese Streitkräfte ihre Mobilität und Flexibilität verstärkt und damit ihre
Fähigkeit verbessert, vorbereitete Verteidigungsstellungen zu bedrohen. Sie sind den gegnerischen
südkoreanischen Streitkräften sowohl an Personal als
auch Waffen zahlenmäßig weit überlegen. Trotz des
unlängst unterzeichneten koreanischen Nichtangriffspakts stellen diese Streitkräfte bis zu ihrem Abzug eine
reale und ernste Bedrohung dar.
Dabei geht es nicht um die Furcht vor einem Angriff aus
dem Süden. Die südkoreanischen Streitkräfte sind
stationiert, um Seoul zu verteidigen. Sie stellen keine
ausgleichende Bedrohung Nordkoreas dar - und Pjöngjang weiß es.
Ich möchte diese Bedrohung nicht überbetonen. Die
Streitkräfte Nordkoreas leiden unter zahlreichen Defiziten. Ihre Ausbildung und infolgedessen auch ihre
Kampfbereitschaft sind fragwürdig. Sie weisen Schwächen in der Luftabwehr und Logistik auf. Sie können
sich kaum auf die Unterstützung ehemaliger Verbündeter verlassen.
Darüber hinaus hat Operation Wüstensturm gezeigt,
daß die amerikanische Luftwaffe gegen massierte
Bodentruppen äußerst effektiv ist. Die Aussicht dar-

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auf, daß Südkorea erhebliche Luftunterstützung sowie
andere Unterstützung seitens der amerikanischen
Streitkräfte erhalten würde, ist ein potentes Abschrekkungsmittel, selbst für solch starke Streitkräfte wie
diejenigen, die Nordkorea an der Grenze stationiert
hat.
Das Kernwaffenprogramm Nordkoreas
Pjöngjang hat eine Infrastruktur aufgebaut, die ohne
Unterstützung des Auslands in der Lage sein wird,
waffenfähiges spaltbares Material vollständig selbst
herzustellen. Es besitzt Uranminen im Inland. In
Jöngbjon hat es zwei Kernreaktoren gebaut, deren
einziger Zweck die Produktion von Plutonium zu sein
scheint. Einer dieser Reaktoren ist bereits seit vier
Jahren in Betrieb, der zweite, wesentlich größere wird
wahrscheinlich dieses Jahr in Betrieb genommen.
Eine weitere Einrichtung in Jöngbjon, die in der Lage
sein wird, Reaktorbrennstoffe zur Plutoniumgewinnung wiederaufzubereiten, ist nahezu fertiggestellt.
Im vergangenen Dezember haben Nord- und Südkorea ein prinzipielles Abkommen für eine atomwaffenfreie Halbinsel ausgehandelt. Jede Seite hat sich
verpflichtet, Kernwaffen nicht "zu testen, herzustellen,
produzieren, erwerben, besitzen, lagern, stationieren
oder einzusetzen". Beide Seiten haben ferner vereinbart, keine nuklearen Wiederaufbereitungs- oder
Urananreicherungsanlagen zu besitzen. Es gibt Gründe, die Absichten des Nordens in Zweifel zu ziehen,
wenn man berücksichtigt, daß er die Existenz der
Reaktoren zur Plutoniumherstellung sowie der Wiederaufbereitungsanlage im Kernforschungszentrum
Jöngbjon noch nicht zugegeben, geschweige denn
angemeldet hat.
Darüber hinaus müssen Verifizierungsverfahren ausgearbeitet werden - erst diesen Monat wurde Einvernehmen darüber erzielt, daß zu diesem Zweck ein
gemeinsamer Ausschu ß eingerichtet werden soll. Die
Tragfähigkeit der Kernwaffenvereinbarungen zwischen
Norden und Süden hängt von dem Inspektionsregime
ab, dem Pjöngjang letztlich zustimmt.
Wir gehen davon aus, daß Pjöngjang kurz, vielleicht
sehr kurz vor dem Besitz einer Kernwaffenfähigkeit
steht. Im Hinblick auf Nordkorea müssen wir uns
jedoch nicht nur über die Stabilität in Nordostasien
Sorgen machen, falls es Kernwaffen erwirbt, sondern
auch über die Möglichkeit, daß Pjöngjang Nuklearmaterial und damit verwandte Technologien weltweit
vermarkten könnte. In der Vergangenheit waren die
Nordkoreaner bereit, alles zu verkaufen, was Devisen
einbringt.
Negative Trends für den Norden
Die angespannten wirtschaftlichen Bedingungen im
Norden haben im Verein mit Unsicherheiten in bezug
auf den sich abzeichnenden dynastischen Führungswandel in Pjöngjang die Nordkoreaner dazu veranlaßt,
Seite 5

�ihre Konfrontationsstrategie gegenüber dem Süden Trotzdem könnten wir kurzfristig in eine gefährlichere
sowie den Vereinigten Staaten, Japan und den Verein- Periode eintreten:
ten Nationen zu modifizieren. Die Spannungen zwiDie nordkoreanischen Strategen könnten einen
schen Nord und Süd haben etwas abgenommen,
Angriff
auf den Süden empfehlen, solange der
obwohl sich die eigentliche militärische Bedrohung für
Norden
noch sein erhebliches Übergewicht an
den Süden nicht erheblich verändert hat.
Menschen und Waffen hat.
Wir erwarten, daß sich viele der militärischen Vorteile
Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung und
des Nordens gegenüber dem Süden im Verlauf dieses
Modernisierung der konventionellen Streitkräfte
Jahrzehnts abschwächen werden, was gro ßenteils auf
Pjöngjangs könnten die Entschlossenheit des
die abnehmende Unterstützung seitens der traditionelNordens verstärken, Kernwaffen und ballistilen Verbündeten des Nordens und seine anhaltenden
sche
Raketen zu entwickeln.
wirtschaftlichen Probleme zurückzuführen ist.

* * * *

Seite 6

*

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�UNO
I.April 1992

FRIEDENSTIFTENDE ROLLE DER UNO
WERTVOLLER DENN JE
Erklärung von Abteilungsleiter Bolton
WASHINGTON - (AD) - Dem Leiter der Abteilung Internationale Organisationen im US-Außenministerium, John
Bolton, zufolge können Friedensmissionen der UNO heute größere Wirkung als je zuvor zeitigen, da der Sieg
der freien Welt im kalten Krieg den UN-Sicherheitsrat befähigt hat, seine Rolle als Garant internationaler
Sicherheit zu erfüllen.
Vor zwei Unterausschüssen des Auswärtigen Ausschusses des US-Repräsentantenhauses erklärte Bolton am
25. März 1992, daß die stabilisierende Rolle, die dem UN-Sicherheitsrat von den Begründern der Vereinten
Nationen zugedacht war, endlich eingesetzt werden kann, um Frieden, Wohlstand und Freiheit für Millionen von
Menschen zu verwirklichen - wenn die Vereinigten Staaten und andere Mitgliedstaaten die erforderliche Hilfe
bereitstellen.
"Die energische Unterstützung von UN-Friedensmissionen ist seit langem ein grundlegendes Ziel der amerikanischen Außenpolitik", erklärte Bolton den Ausschußmitgliedern zur Begründung des beispiellosen Haushaltsantrags von 350 Millionen Dollar zur Finanzierung solcher Aktivitäten in der ganzen Welt.
Nachfolgend veröffentlichen wir Boltons Erklärung im Wortlaut.

Ich freue mich, mit Ihnen ein Thema zu erörtern, dem

ich für die amerikanische nationale Sicherheit große
Bedeutung beimesse, nämlich die Friedensmissionen
der UNO. Zu Beginn möchte ich jedoch kurz auf drei
Themen eingehen: die rasche Ausweitung der UNFriedensmissionen, unsere Bemühungen zur Begrenzung der damit verbundenen Kosten sowie die Zukunftsaussichten.
Die Ausweitung der UN-Friedensmissionen
In den vergangenen beiden Jahren haben wir eine
explosionsartige Zunahme von Friedensmissionen und
friedenstiftenden Aktivitäten der UNO beobachtet. Allein
seit April vergangenen Jahres hat der Sicherheitsrat
neue Friedensmissionen am Persischen Golf, in der
Westsahara, in El Salvador, Kambodscha un-&lt; Jugoslawien eingerichtet. In den letzten vier Jahren wurden
mehr UNO-Friedensoperationen durchgeführt als in
den gesamten 43 vorhergehenden Jahren in der
Geschichte dieser Organisation.
Warum hat das Engagement der UNO für Friedensmissionen so rasch zugenommen? Die einfachste
Antwort darauf lautet: weil sich die Welt so stark
verändert hat. Der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion

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hat atemberaubende Veränderungen in den Beziehungen zwischen den Ländern und Völkern verursacht, von denen die meisten positiv waren. Sie haben
nicht nur Millionen von Menschen die Freiheit gebracht, die unter dem Joch der Tyrannei lebten, sondern werden auch weltweit zu mehr Stabilität und
Wohlstand führen. Einige Veränderungen waren jedoch bösartig und haben zum offenen Ausbruch seit
langem angestauten Hasses geführt. Diese regionalen Konflikte schaden in unterschiedlichem Ausmaß
den amerikanischen Interessen und wirken sich auf
unsere nationale Sicherheit aus.
Insgesamt haben diese Veränderungen in der Welt die
Bedeutung der friedenstiftenden Rolle der UNO enorm
vergrößert. Mit dem Ende des kalten Krieges ist der
UN-Sicherheitsrat endlich in der Lage, die ihm von den
Begründern der Vereinten Nationen zugedachte Rolle
- die Bewahrung der internationalen Sicherheit und des
Weltfriedens - zu erfüllen. Animositäten zwischen der
Sowjetunion und den westlichen Mitgliedstaaten hindern den Sicherheitsrat nicht mehr daran, Maßnahmen zu ergreifen, um Bedrohungen für den Weltfrieden beizulegen.
Heute arbeiten die Ratsmitglieder effektiv zusammen,
um internationale Probleme zu behandeln, die man

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�noch vor wenigen Jahren weiter hätte schwären lassen. Fall für Fall findet der Sicherheitsrat Lösungen für
Probleme, die einst unlösbar schienen. Diese Lösungen sind häufig unvollkommen, und sie kosten immer
Geld. Aber sie verhindern für gewöhnlich die Ausbreitung von Konflikten, haben viele Tausende von Leben
gerettet - und kosten wesentlich weniger als eine
direkte amerikanische Intervention.

Finanzierung der UN-Aktivitäten, insbesondere des
dringenden Bedarfs an Unterkünften, Transport- und
Kommunikationsmitteln sowie anderen unterstützenden Geräten und Dienstleistungen.
Jugoslawien: Am 21. Februar 1992 hat der Sicherheitsrat eine UN-Einheit zum Schutz Jugoslawiens
(United Nations Protection Force for Yugoslavia UNPROFOR) ins Leben gerufen. Schätzungen der
Vereinten Nationen zufolge wird die Einheit im ersten
Jahr etwa 14.000 Mann umfassen und etwa 640
Millionen Dollar kosten. Mitglieder des UN-Sicherheitsrats haben Ihre Besorgnis über die hohen Kosten
von UNPROFOR bekundet und die Entsendung eines
Vorbereitungsteams nach Jugoslawien genehmigt, das
Möglichkeiten zur Kosteneinsparung sondieren und
die erforderlichen Bedingungen für die endgültige
Stationierung von UNPROFOR schaffen soll. UNPROFOR's Aufgabe wird in der Entmilitarisierung der
drei UN-Schutzzonen in Kroatien und Überwachung
der zivilen und polizeilichen Verwaltung dieser Zonen
bestehen.

Das Ende des kalten Krieges hat den Sicherheitsrat
nicht nur zu einer effektiveren Institution bei der Behandlung von Bedrohungen des Weltfriedens gemacht.
Es hat darüber hinaus bedeutet, daß regionale Konflikte, die von der Rivalität der Supermächte angeheizt
wurden, jetzt reif für eine Lösung sind. In so verschiedenen Ländern wie Angola, El Salvador und Kambodscha haben kommunistische Regierungen und Guerrillabewegungen erkannt, daß sie nicht länger auf Hilfe
von außen zählen können und Frieden schließen
müssen. Angesichts der langen Geschichte von Animositäten suchen die Menschen in solchen Ländern
für den Übergang zu einem System, das alle Sektoren
der Gesellschaft einbezieht, natürlich nach einem
unparteiischen Schlichter. In vielen Fällen sind die El Salvador: Die UN-Beobachtermission in El Salvador (U.N. Observer Mission in El Salvador- ONUSAL)
Vereinten Nationen dieser Schlichter.
wurde am 20. Mai 1991 gegründet. Ursprünglich
Wie ich bereits erwähnte, hatte der Zusammenbruch bestand das Mandat der ONUSAL darin, die Einhaldes Kommunismus in Osteuropa und der ehemaligen tung des Menschenrechtsabkommens von San Jose
Sowjetunion zusammen mit der raschen Demokrati- zu verifizieren. Der Sicherheitsrat hat ONUSAL am 14.
sierung in der gesamten dritten Welt einige uner- Januar 1992 um eine (militärische) Einheit und Polizeiwünschte Nebenwirkungen. Religiöse und ethnische kräfte erweitert. Seitens der Regierung von El SalvaAnimositäten, die lange von den Stiefeln der Diktato- dor wurden Beschuldigungen erhoben, die FMLN habe
ren unterdrückt worden waren, treten heute zutage. Bestimmungen des Friedensabkommens über die
Jugoslawien ist bereits aufgrund solcher Spannungen Offenlegung ihrer Waffenarsenale, Beschlagnahm«»
zerfallen. Unruhen sind auch in vielen Teilen der von Land und das umgehende Aufsuchen von Samehemaligen Sowjetunion mit den Händen zu greifen. melzonen verletzt. Auf der anderen Seite beschuldigt
In einigen Fällen wird die internationale Staatenge- die FMLN die Regierung, sie versuche, die früheren
meinschaft gezwungen sein, sich an die Vereinten paramilitärischen Polizeieinheiten zu erhalten, deren
Nationen zu wenden, um bei ihrer Entspannung zu Abschaffung sie versprochen hatte. Wir untersuchen
die Vorwürfe beider Seiten und arbeiten eng mit ONUSAL
helfen.
zusammen, um sicherzustellen, daß der Prozeß nicht
Neue Friedensmissionen der Vereinten Nationen sind an Schwung verliert.
bei der Erfüllung ihres Auftrags mit enormen Hindernissen konfrontiert. Jeder Einzelfall bietet einzigartige ONUSAL konnte schnell stationiert werden, weil seine
logistische, finanzielle und grundlegende politische Menschenrechtseinheiten seit Mitte des Jahres 1991
Probleme. Dazu möchte ich folgende Beispiele anfüh- in El Salvador waren und weil es alle Ressourcen
ren:
übernehmen konnte, einschließlich der Offiziere und
des Geräts der UN-Beobachtermission im MittelameKambodscha. In Kambodscha beginnen die Verein- rika (U.N. Observer Mission in Central America ten Nationen, ihre bisher ehrgeizigste Friedensmis- ONUCA), die kurz nach Schaffung der ONUSAL aufsion zu verwirklichen (UNTAC). Zu den vordringlichen gelöstwurde. Die ONUSAL hatte jedoch Probleme bei
Fragen gehören: 1. die baldmöglichste Etablierung der Rekrutierung einer ausreichenden Zahl von Polieiner durchsetzungsfähigen UN-Präsenz im ganzen zeibeamten.
Land. 2. die Einleitung von Minenräumaktionen und
Verbesserungen der Infrastruktur als vordringliche Westsahara: Obwohl am 6. September 1991185 UNAufgaben, die für eine kurzfristige Repatriierung uner- Beobachter des Waffenstillstands in der Westsahara
läßlich sind. 3. Die Vorbereitung der Demobilisierung stationiert wurden, um den Waffenstillstand zwischen
eines möglichst großen Teils der Streitkräfte aller Marokko und der Polisario zu beobachten, hat sich die
Fraktionen (mindestens 70 Prozent). 4. Die Schaffung offizielle Stationierung der vollständigen MINURSOder Voraussetzungen für freie und faire Wahlen. Nicht Friedenstruppen für die Durchführung eines Referenweniger wichtig ist die Bereitstellung von Mitteln zur dums verzögert, weil die beiden Parteien r.iuü in der
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AMERIKA DIENST 13

�Lage waren, sich auf Kriterien für die Auswahl der
Wähler zu einigen. Der Generalsekretär hat den
Sicherheitsrat um eine Fristverlängerung bis Ende Mai
gebeten, um alle bestehenden Hindernisse für die
Stationierung von MINURSO auszuräumen.
Somalia: Der Sicherheitsrat hat vergangene Woche
der Entsendung eines Vorbereitungsteams nach Somalia
zugestimmt, um mit den kriegführenden Parteien die
Modalitäten der Bereitstellung von UN-Waffenstillstandsbeobachtern und der effektiven Verteilung humanitärer Hilfe zu erörtern. Das Vorbereitungsteam muß mit
der Tatsache fertigwerden, daß es in Somalia viel
mehr Oppositionsparteien gibt als die beiden in Mogadischu ansässigen, mit denen die Vereinten Nationen
bisher immer zu tun hatten. Das Team muß sich der
Tatsache stellen, daß es trotz zahlloser Vereinbarungen aufgrund von regionalen oder UN-Bestrebungen
noch keinen anerkannten Waffenstillstand gegeben
hat. Um effektiv zu sein, müssen die Mitglieder der
UN-Friedensmission in Somalia einen kontinuierlichen
politischen Prozeß beobachten, dessen Ziel nicht nur
ein Waffenstillstand, sondern eine Lösung der grundlegenden politischen Differenzen zwischen den kriegführenden Parteien ist, die erstmals die erfolgreiche
Verteilung der so dringend benötigten Katastrophenhilfe ermöglichen wird.
Die Kosten der Friedensmissionen
Die energische Unterstützung der UN-Friedensmissionen ist seit langem ein grundlegendes Ziel der
amerikanischen Außenpolitik. Wir müssen sicherstellen, daß die Vereinten Nationen über die erforderlichen
Mittel für ihr äußerst wichtiges Mandat verfügen. Das
Fehlen angemessener und pünktlicher Finanzierung
für neue und bestehende Friedensmissionen wird die
Vereinten Nationen sowie die Führungsrolle und den
Einfluß der Vereinigten Staaten in dieser Organisation
vor ernste Probleme stellen.
Wir haben für das Haushaltsjahr 1992 einen Nachtragshaushalt von insgesamt 350 Millionen Dollar für
den Auslandshilfetitel beantragt, um für die Haushaltsjahre 1991 und 1992 den ungedeckten Bedarf folgender Missionen zu decken: für die UN-Beobachtermission im Irak und Kuwait (U.N. Iraq/Kuwait Observer
Mission - UNIKOM), die UN-Verifizierungsmission in
Angola (U.N. Angola Verification Mission - UNAVEM
II), die UN-Mission in der Westsahara (MINURSO) und
die UN-Vorbereitungsmission in Kambodscha (U.N.
Advance Mission in Cambodia - UNAMIC). In diesem
Antrag ist die Anschubfinanzierung für die UN-Beobachtermission in El Salvador (ONUSAL) ebenso enthalten wie für die UN-Übergangsverwaltung in Kambodscha (U.N. Transitional Authority in Cambodia UNTAG) und die UN-Schutztruppe in Jugoslawien
(UNPROFOR).
Für das Haushaltsjahr 1993 fordert die Regierung 350
Millionen Dollar, um neuem und voraussichtlichem

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Bedarf an Friedensmissionen gerecht zu werden. Diese
Mittel werden eingesetzt, um Friedensmissionen in
Kambodscha und Jugoslawien zu finanzieren und die
UN-Beobachtermission in El Salvador weiterzuführen.
Vorteile für die Vereinigten Staaten
Wir sind uns voll und ganz der Tatsache bewußt, daß
unser gegenwärtiger Bewilligungsantrag für US-Beiträge zu internationalen Friedensmissionen eine sehr
große Erhöhung gegenüber unseren Anträgen der
Vorjahre darstellt. Trotz der rapide steigenden Kosten
sind UN-Friedensmissionen jedoch am vorteilhaftesten für die Erhaltung des Weltfriedens. Tatsächlich
sind die Beträge, die die Welt für UN-Friedensmissionen ausgibt, nur ein Bruchteil dessen, was für Rüstung
ausgegeben wird.
UN-Friedensmissionen liegen im Interesse der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten. Friedensmissionen tragen dazu bei, daß regionale Konflikte
sich nicht weiter ausbreiten und direkt US-Interessen
bedrohen.
Zugegebenermaßen sind nicht an all diesen Brennpunkten direkte Interessen der Vereinigten Staaten
betroffen. Jedoch gibt es viele Regionen, wo seit
Jahren das Leben von US-Bürgern, Geld oder Prestige
der Vereinigten Staaten gefährdet sind. In diesen
Fällen scheinen wir die letzte Zahlung bei Investitionen
zu leisten, die großen Erfolg hatten. Wenn wir diese
letzte Rate nicht zahlen, könnten jedoch die gesamten
Investitionen auf dem Spiel stehen.
Beispielsweise sieht die Summe von 20 Millionen
Dollar für die UN-Friedenstruppe in El Salavador zunächst hoch aus - bis man sie mit den Milliarden Dollar
vergleicht, die wir aufgewendet haben um zu gewährleisten, daß diese Nation an den Punkt gelangt, an dem
der UN-Friedenstruppe Erfolg beschieden sein würde.
Gleichzeitig machten die 20 Millionen Dollar, die wir
ausgaben um sicherzustellen, daß eine marxistische
Regierung nicht den Willen des angolanischen Volkes
erstickte, das Geld mehr als wett, das wir dafür beantragt hatten, daß die Vereinten Nationen gegnerische
Armeen entwaffnen und faire Wahlen abhalten können. Und wer könnte reinen Gewissens die letzte,
beste Chance zur Lösung der Tragödie in Kambodscha vergeuden, eine Tragödie, mit der das amerikanische Volk seit Jahren verbunden ist. Die Vereinten
Nationen sind die beste Versicherung gegen eine
erneute Machtübernahme der Roten Khmer.
Selbst solche UN-Friedensmissionen, bei denen unser Engagement nicht so offen zutage tritt, sind für
gewöhnlich von Nutzen für die amerikanischen Interessen. In vielen Bereichen - Investitionen, Handel,
strategische Interessen - sind unsere Verbindungen
mit Jugoslawien beispielsweise dürftig. Eine Fortsetzung des Krieges dort hätte jedoch direkte, negative
Auswirkungen auf zahlreiche wichtige amerikanische

Seite 3

�Interessen in der Region gehabt. Um ein auf der Hand
liegendes Beispiel zu zitieren, hätte der enorme Flüchtlingsstrom sehr wohl die neuen, instabilen Demokratien an der Nord- und Südgrenze Jugoslawiens unterminieren können.
Kostendämpfung
Obwohl ich nach wie vor der Ansicht bin, daß die UNFriedenstruppe von enormem Nutzen ist, bin ich mir
auch schmerzlich der Tatsache bewußt, daß wir die
Kosten niedrig halten müssen. Unsere eigenen Pobleme im Inland erfordern dies ebenso wie die Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen.
Wie können wir die Kosten der UN-Friedenstruppen
niedrig halten? Ein Weg besteht darin, sowenig Missionen wie absolut nötig in die Wege zu leiten. Die
Charta der Vereinten Nationen stellt eindeutig fest,
daß regionale Organisationen die Führungsrolle bei
der Lösung regionaler Konflikte übernehmen sollten.
Diesen Ansatz unterstützen wir uneingeschränkt.
Ich darf Ihnen versichern, daß wir die UN-Friedenstruppe nicht als Retter einer verlorenen Sache ansehen, die nolens volens in ein Krisengebiet entsandt
wird, wenn alles andere zum Scheitern verurteilt ist.
Wenn wenige Friedensmissionen in die Wege geleitet
werden, müssen sie über ein so klar wie möglich
definiertes Mandat verfügen. Die Dauer einer neuen
Mission sollte vorzugsweise konkret festgelegt und an
einen Prozeß gebunden werden, der eindeutig zu einer
Lösung der zugrundeliegenden Probleme führt. Die
derzeitigen UN-Friedensmissionen in Angola, El Salvador und Kambodscha sowie die erfolgreich beendete in Namibia haben diese Kriterien gemein.
Selbst wenn die Dauer einer Friedensmission nicht
klar umrissen werden kann, müssen wir allen Parteien
verdeutlichen, daß Friedenssicherung durch die Vereinten Nationen kein Selbstzweck ist. Die UN-Friedenstruppen dienen nicht als ewige Garanten eines
Waffenstillstands. Die Resolution des Sicherheitsrats
zur Friedenssicherung in Jugoslawien knüpfte beispielsweise die Stationierung von UN-Friedenstruppen an die Versuche, eine Lösung der Krise während
der EG-Konferenz über Jugoslawien auszuhandeln.
Wir rechnen mit dem Erfolg dieser Gespräche. Falls
sie jedoch scheitern und die Parteien ihre Bestrebungen zur Beilegung ihrer Meinungsverschiedenheiten
einstellen, wird der UN-Sicherheitsrat das Mandat
dieser Mission überprüfen müssen.
Ein weiterer Weg zur Kostendämpfung besteht darin
zu gewährleisten, daß jede einzelne Mission so gezielt
und wirksam wie möglich ist. Wir stehen in ständiger
Verbindung mit dem UN-Sekretariat um sicherzustellen, daß sich die Zahl derfür jede Mission stationierten
UN-Friedensstruppen auf das absolute Minimum zur
Erfüllung des Mandats dieser Mission beschränkt.
Femer drängen wir das Sekretariat, möglichst hohe
*
Seite 4

*

freiwilliger Beiträge der Gastländer dieser Friedensmission und Länder mit besonderem Interesse an der
jeweiligen Mission sicherzustellen. Diese Ansätze
haben die Einsparung von Hunderten Millionen Dollar
gegenüber den ursprünglich von den Vereinten Nationen für die Friedensmissionen in Namibia und Angola
vorgelegten Schätzungen zur Folge gehabt. Wir
erwarten, daß sie zu noch größeren Einsparungen im
Hinblick auf die bevorstehenden Missionen in Kambodscha und Jugoslawien führen werden.
Schließlich möchte ich Ihnen versichern, daß wir die
Frage prüfen, ob es einen fairen und gerechten Weg
gibt, den von uns getragenen Prozentsatz der Kosten
für die UN-Friedensmissionen anzupassen. Wir können uns der Tatsache nicht entziehen, daß unsere
Volkswirtschaft mehr als doppelt so groß ist wie die
jeder anderen Nation. Wir können nicht leugnen, daß
wir die einzige verbleibende Supermacht der Welt
sind. Wir können uns der Realität nicht verschließen,
daß unsere Interessen in Übersee umfassender und
zwingender sind als die aller anderen Länder. Im
Rahmen dieser Parameter kämpfen wir jedoch noch
immer darum, daß der amerikanische Anteil an den
UN-Friedensmissionen auf ein absolutes Minimum beschränkt bleibt. Mir scheint es zu hoch angesetzt, daß
die Vereinigten Staaten weiterhin 30,4 Prozent der
Gesamtkosten der UN-Friedensmissionen tragen.
Die Zukunft
Wir sind an einem Scheideweg im 20. Jahrhundert
angelangt. Wir haben den kalten Krieg ebenso gewonnen wie den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. Unser
Prestige und Einfluß in der Welt befinden sich auf dem
Höhepunkt, in gewisser Weise sind wir jedoch vom
Kampf ermüdet und wollen uns nach innen wenden.
Unsere innenpolitischen Probleme sind vielfältig und
verlangen nach Aufmerksamkeit. Wir möchten jemanden - irgendjemanden - der die Last in Übersee übernimmt.
Wenn wir jedoch auf lange Sicht der Welt den Rücken
kehren, in der wir leben müssen, wäre dies ein Verhängnis. Wir alle erinnern uns des Isolationismus der
zwanziger Jahre und seines bösen Bruders - wirtschaftlicher Protektionismus - ebenso wie wir uns an
das Chaos erinnern, das sie auf der Weltbühne geschaffen haben. Dies darf niemals wieder geschehen.
Wir haben die Chance, Großes zu vollbringen: zur
Stabilisierung der aufstrebenden Demokratien in Ländern beizutragen, die seit Jahrzehnten nur Tyrannei
kannten, Menschenrechte weltweit zu fördern, die
Vereinten Nationen und die entsprechenden regionalen Organisationen zu nutzen, um mehr Frieden und
Stabilität zu schaffen, als die Welt jemals erlebt hat.
Die Guten werden jetzt eindeutig gewinnen. Wenn wir,
die Vereinigten Staaten, jedoch den Kampf aufgeben,
wird das Ergebnis sehr viel düsterer aussehen.
*

*
AMERIKA DIENST 13

�KSZE
1. April 1992

EAGELBURGER BEZEICHNET KSZE ALS
"GEWISSEN DIESES KONTINENTS"
Rede beim KSZE-Folgetreffen
HELSINKI - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers Lawrence
Eagleburger und Leiters der US-Delegation beim Folgetreffen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), das am 24. März 1992 in Helsinki begann.

Zunächst möchte ich Präsident Koivisto und dem
finnischen Volk meinen Dank für die Veranstaltung
dieser Ministerkonferenz aussprechen, mit der das 4.
KSZE-Folgetreffen seit der Unterzeichnung der Schlußakte von Helsinki im Jahr 1975 eröffnet wird.
Diese Zusammenkunft in der Stadt, deren Namen
einen so hohen Stellenwert für diejenigen einnimmt,
die so lange für ihre Freiheit gekämpft haben, ist - mit
den Worten eines großen amerikanischen Präsidenten - ein Rendevouz mit dem Schicksal. Wir kommen
heute in einem Europa zusammen, das sich in den
Geburtswehen revolutionären Wandels befindet. Es
ist ein Europa, das sich selbst vom Würgegriff des
Totalitarismus befreit und die unnatürliche Teilung
zwischen Ost und West überwunden hat - sowohl
zwischen Nationen als auch auf dem Kontinent als
Ganzes. Es ist ein Europa, in dem sich die Achtung der
Menschenrechte von leeren Versprechungen in greifbare Realität gewandelt hat. Und es ist ein Europa, das
bald zum ersten Mal in seiner Geschichte ganz demokratisch sein wird. Und weil wir uns im Gegensatz zu
1975 in einem Europa versammeln, das nicht durch
ideologische Konflikte gespalten oder gelähmt ist, liegt
es in unserer Macht, Großes und Dauerhaftes zu
vollbringen.
Die Aufgabe dieser Konferenz bestoht in der Definition
des Kurses für die nächste Phase der europäischen
Entwicklung. Implizit wissen wir natürlich, daß diese
Aufgabe niemals vollendet werden kann. Wir sind uns
der Tatsache bewußt, daß sich die demokratische
Regierungsform immer weiterentwickelt, selbst dort,
wo sie schon am längsten praktiziert wird, und die
Sache der Menschenrechte ein niemals endender
Kampf ist. In meinem Land, in dem die Demokratie
über 200 Jahre alt ist, bewahren wir immer noch die
Skepsis unserer Gründerväter über Regierungen und
die Perfektion des Menschen. Um James Madison zu
AMERIKA DIENST 13

zitieren: "Was ist die Regierung anderes als das beste
aller Spiegelbilder der menschlichen Natur? Wenn die
Menschen Engel wären, wäre die Regierung unnötig.
Würden Engel die Menschen regieren, wären weder
externe noch interne Kontrollen der Regierung notwendig."
Madisons vorsichtige Worte sind der Erinnerung wert,
wenn wir in dieses neue Zeitalter der Demokratie
eintreten. In mancher Hinsicht war unsere Aufgabe
leichter - oder zumindest leichter zu verstehen -, als die
Gegner von Demokratie und Menschenrechten ihren
Zynismus offen und ohne jegliche Entschuldigung zur
Schau stellten. Heute könnten sich Selbstgefälligkeit
und Selbstzufriedenheit als unser größter Feind erweisen. Trotz der Tatsache, daß wir uns alle der Schlußakte von Helsinki verpflichtet und die besten Absichten
haben, benötigen wir daher die KSZE - das Gewissen
dieses Kontinents - morgen ebensosehr wie gestern.
Zweifelsohne ist es inzwischen offenkundig, daß dieses neue Zeitalter der Demokratie auch ein Zeitalter
tiefgreifenden Wandels ist. Auf der anderen Seite
haben die Revolutionen der vergangenen drei Jahre
unsere Mitgliederzahl erweitert und Einigung bezüglich unserer Zielsetzung hervorgebracht.
Diese
Umwälzungen haben dieses Gremium jedoch auch mit
neuen Herausforderungen konfrontiert. Revolutionäre
Veränderungen der von uns erlebten Art bergen nicht
nur Hoffnungen, sondern auch ein gewisses Maß an
Unsicherheit und Instabilität. Weit davon entfernt, zu
Ende zu sein, ist die Geschichte in Bewegung.
Aus diesem Grund benötigen wir die KSZE bei Verhandlungen in einer Phase kontinuierlicher Veränderungen. Unsere Aufgabe besteht zweifelsohne jedoch
nicht darin, den Wiener Kongreß zu kopieren. Unser
Ziel ist weder die Schaffung rigider Strukturen, die
Veränderungen ersticken, noch die Anwendung rein
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�mechanischer Lösungen auf die Probleme des europäischen Gleichgewichts. Statt dessen müssen wir
realistische Ziele für die KSZE festsetzen in der Erkenntnis, daß dieses Gremium eine von mehreren
ineinander übergreifenden Institutionen ist, durch die
wir einen Staatenbund demokratischer Nationen aufbauen wollen. Das Atlantische Bündnis, die Europäische Gemeinschaft, die WEU und der Nordatlantische
Kooperationsrat müssen in unserer euro-atlantischen
Gemeinschaft alle eine Rolle spielen. Jede dieser
Organisationen sieht sich mehr als genug Herausforderungen gegenüber. Vor allem müssen wir versuchen, die einzigartige Rolle der KSZE als die moralische Stimme und letztliche Quelle der Legitimität des
neuen Europas aufrechtzuerhalten und zu stärken.
Aus dem Blickwinkel der Vereinigten Staaten sieht sich
die KSZE in der Zeit nach dem kalten Krieg mit zwei
umfassenden Herausforderungen konfrontiert: erstens, die Konsolidierung der KSZE-Prinzipien unter
den neuen demokratischen Mitgliedsstaaten herbeizuführen und zweitens, die Institutionen und Mechanismen der KSZE zu stärken, um konzertierte Aktionen für eine konstruktive Bewältigung des Wandels in
Europa zu ermöglichen.
Im Hinblick auf die erste Priorität sollte es niemanden
verwundern, daß die Demokratie zu Beginn ihrer Entwicklung eine schwierige Phase durchläuft. Wir sollten
uns vergegenwärtigen, daß Demokratie stets zumindest den Anschein von Instabilität erweckt. Freiheit
bringt schließlich Unordnung mit sich, eine Tatsache,
die den neuen Demokratien - die das von der Diktatur
hinterlassene Vermächtnis von Intoleranz und wirtschaftlichem Ruin überwinden müssen - sicherlich
schon bewu ßt geworden ist. Unter diesen Umständen
muß ein Hauptziel darin bestehen, die KSZE-Mechanismen einzusetzen, um unsere gemeinsame Erfahrung bei der Praktizierung der Demokratie dem Wohl
aller zugute kommen zu lassen. Darüber hinaus müssen wir sicherstellen, daß die Übereinstimmung dieses
Gremiums bei den Prinzipien in all unseren Mitgliedstaaten von der jüngsten bis zur ältesten Demokratie
in die Praxis umgesetzt wird.
Unsere zweite Priorität muß der Bewältigung des
Wandels gelten - insbesondere dem Umgang mit dem
durch den Zusammenbruch der alten europäischen
Ordnung hervorgerufenen unvermeidlichen Ausbruch
von Streitigkeiten innerhalb und zwischen Mitgliedstaaten. So sind wir seit über einem Jahr bereits
Zeugen innerer und grenzüberschreitender Unruhen
auf dem Balkan und im Kaukasus. Sicherlich ist es
Aufgabe dieser Organisation, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um diesem Bruderkrieg ein Ende zu
setzen.
Mit diesem Ziel vor Augen haben wir in den letzten
Jahren im Rahmen der KSZE Mechanismen zur Kon-

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fliktbewältigung geschaffen und verfeinert. Wir sollten
diese weiter ausbauen, aber wir sollten uns auch
bemühen zu gewährleisten, daß uns die Instrumente
zur Verfügung stehen, um Probleme vor dem Ausbruch von Krisen und Konflikten an der Wurzel zu
packen. Mit anderen Worten: in den kommenden
Jahren müssen wir die Konfliktverhütung - ebenso wie
die Bewältigung von Konflikten - zur Priorität machen.
Zu Beginn dieser Folgekonferenz ist es unerläßlich,
daß wir uns der Tatsache erinnern, daß wir, die Mitgliedstaaten, mit der Einlösung des Versprechens von
1975 erfolgreich den Charakter unserer Beziehungen
revolutioniert haben. Die KSZE verkörpert diesen
qualitativen und historisch einmaligen Wandel. Während wir souverän Handelnde bleiben, sind wir auch
Mitglieder einer moralischen Gemeinschaft - einer
Gemeinschaft mit Instrumenten und Einfluß, die gewährleistet, da ß der Schwächste unter uns angesichts
antidemokratischer Bedrohungen oder Tendenzen im
eigenen Land oder von außen nicht alleine steht.
Wenn wir den uns vereinenden Werten treu bleiben
und bereit sind, das Potential auszuloten, das diesem
Gremium so eindeutig innewohnt, könnten wir in der
Tat einen Frieden erlangen, der wesentlich weitreichender und dauerhafter ist als jedes prekäre Gleichgewicht, das jemals von den Praktikern der Realpolitik
und des Machtgleichgewichts erreicht wurde.
Mit anderen Worten: wir könnten zu dem Schluß
kommen, daß wir in diesem demokratischen Zeitalter
eine neue Definition von Sicherheit artikuliert haben eine Definition, die Menschenrechte und Wirtschaftsfragen ebenso umfaßt wie Rüstungskontrolle und die
Verhütung und Beilegung von Konflikten. Meine
Regierung hofft, daß diese Konferenz in den kommenden Monaten die immensen Veränderungen der vergangenen drei Jahre mit Blick auf die Ausarbeitung
dieser erweiterten Definition von Sicherheit überprüfen wird. Und wenn unsere Arbeit im Juli abgeschlossen wird, sollten wir eine Erklärung verabschieden, in
der festgelegt ist, wie wir dieses Gremium einsetzen
möchten, um mit den sich durch den Wandel in ganz
Europa ergebenden Problemen umzugehen. Diese
Erklärung sollte den Ministerrat und den Ausschuß
hochrangiger Beamter anweisen, ihre Arbeit nach
Beendigung dieser Konferenz fortzusetzen. Sie sollte
uns ferner dazu verpflichten, eine gründliche Untersuchung möglicher Krisen und konzertierte Aktionen
durchzuführen, um Krisen vor und nicht nach dem
Beginn von Blutvergießen beizulegen.
Insgesamt streben die Vereinigten Staaten eine KSZE
an, die in der Lage sein soll, vier grundlegende Funktionen zu erfüllen:
als Standard für die Bewertung der Einhaltung
von Demokratie und Menschenrechten zu dienen,

AMERIKA DIENST 13

�ein Forum für politische Konsultationen und
konzertierte Aktionen zur Bewältigung des
Wandels bereitzustellen,
als wichtigstes Forum für Gespräche über konventionelle Rüstungskontrolle in Europa zu dienen und

Eine KSZE, die diese Funktionen umfaßt, wird uns
helfen, eine Familie von Nationen zu schaffen, die
nicht nur demokratisch ist, sondern die auch die Bedeutung von Sicherheit neu definiert und damit für all
ihre Mitgliedstaaten von Vancouver bis Wladiwostok
einen echten und dauerhaften Frieden gesichert hat.

die Arbeit zum Aufbau demokratischer Institutionen und marktwirtschaftlicher Reformen zu
unterstützen.
* * *

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�US - A U S S E N P O L I T I K
I.April 1992

ENTWICKLUNGSHILFE, WIRTSCHAFTLICHE
REALITÄTEN UND DIE NEUE WELTORDNUNG
von Stephen D. Cohen
WASHINGTON - (AD) - Dr. Stephen D. Cohen, Professor an der School of International Service an der American
University in Washington und Experte für internationale Wirtschaftsbeziehungen, erörtert in seinem folgenden
Artikel Entwicklungshilfeprogramme in einer veränderten Welt und verweist darauf, daß Entwicklungshilfe nicht
unbedingt mit wirtschaftlicher Entwicklung gleichzusetzen ist. Er gibt Empfehlungen, wie Industrieländer den
Entwicklungsländern und ehemals kommunistischen Ländern am besten helfen können.
Entwicklungshilfe präsentiert die Geber- und Empfängerländer mit mehr Problemen und Unsicherheiten als
irgendein anderer Sektor der Außenwirtschaftspolitik.
Verglichen mit Handelspolitik oder internationaler Finanzpolitik hat Entwicklungshilfe unklarere Ziele, eine
weniger beeindruckende Erfolgsbilanz und ein problematischeres Verhältnis von Ursache und Wirkung.
Umfassendere Entwicklungshilfeprogramme wurden
vor allem als Teil der Bestrebungen der freien Welt
erarbeitet, um die Verbreitung des sowjetischen Expansionismus in Westeuropa, Japan und den - später
sogenannten- Entwicklungsländern in Lateinamerika,
Afrika und Asien zu verhindern. Heute hat die Auflösung des sowjetischen Imperiums zahlreiche neue
Dilemmas in der Entwicklungshilfe mit sich gebracht,
die erneut die Debatte entfachen, wie die reichen
Länder des Nordens den weniger wohlhabenden Volkswirtschaften helfen können.
Die politische Ökonomie der Entwicklungshilfe
Entwicklungshilfe liegt irgendwo in der Mitte zwischen
einer der freimütigsten Ausdrucksweisen echter Sorge, mit der die Menschheit den weniger Begüterten
helfen will und einer der unsinnigsten Verschwendungen von Steuergeldern. Wenn wir Anstrengungen zum
Wiederaufbau der beschädigten Infrastruktur in Westeuropa und Japan unmittelbar nach dem Zweiten
Weltkrieg au ßer acht lassen und nur die Bestrebungen
zur Schaffung einer starken, blühenden Marktwirtschaft betrachten, wo es vorher keine gab, gibt es bei
jeder eindeutigen Erfolgsbilanz zahlreiche Beispiele
für gescheiterte Entwicklungshilfe.
Auf dem Höhepunkt des kalten Krieges zwischen
Kommunismus und Demokratie wurde Entwicklungshilfe zum Wettbewerb politischer Popularität, bei dem

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sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Sowjetunion großzügige Kreditprogramme einsetzen, um Entwicklungsländer von einer Hinwendung zur kapitalistischen oder kommunistischen Ideologie abzuhalten.
Zu jeder Zeit kümmerten sich wenige der maßgeblichen Personen darum, ob einige wenige Entwicklungsländer zu Industrienationen wurden. Das Hauptkriterium der Geberländer für die Gewährung von
Entwicklungshilfe war offensichtlich: die Empfänger
mußten der Politik und Wirtschaft der anderen Supermacht abschwören. Heute ist die weltpolitische Lage
völlig anders. Der kalte Krieg ist vorüber, und der
Kapitalismus hat gewonnen. Der kommunistische
Block, bis vor kurzem noch eine wichtige Quelle von
Entwicklungshilfegeldern, ist jetzt selbst um umfangreiche Entwicklungshilfe bestrebt, um seinen gigantischen Wiederaufbaubedarf zu finanzieren.
Der weltpolitische Grund für Entwicklungshilfe mag
sich drastisch verändert haben, aber die wirtschaftliche Notwendigkeit ist größer als je zuvor. Das Hauptmerkmal der entstehenden neuen Weltordnung ist das
Fehlen bedeutender politischer Argumente in den
wichtigsten Ländern - eine zumindest in den letzten
300 Jahren einmalige Situation. Das Ergebnis ist ein
besonders günstiger Zeitpunkt für Veränderungen des
Laufs der Geschichte - zum besseren. Dies ist eine
Chance, die wir nicht verpassen dürfen, weil man es
nicht geschafft hat, das weit verbreitete Leiden, die
Armut und Hoffnungslosigkeit auf diesem Planeten zu
mindern.
Das Streben nach einer neuen Harmonie auf der Welt
auf der Basis von Demokratie und Kapitalismus hat
keine sichere Aussicht auf Erfolg und Dauerhaftigkeit.
Vergleichsweise wenig Menschen leben in vergleichsweise wenigen wohlhabenden Industrieländern, die

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�einen unverhältnismäßig großen Anteil der WeltreichFörderung von Exporten der Geberländer in die
tümerkontrollieren. Diese Länder müssen ihrer Aufgaam wenigsten entwickelten Länder,
be besser gerecht werden, die soziale und wirtschaftÜbernahme der Kosten zur Verwirklichung der
liche Entwicklung der gegenwärtig in den vielen untermit dem Übergang von zentral gelenkten Wirtentwickelten Ländern lebenden armen Mehrheit auf
schaften
zu marktorientierter Dezentralisierung
der Welt zu leiten und zu finanzieren. Es ist unzumuteinhergehenden
Wirtschaftsreformen und
bar, daß über eine Milliarde Menschen - ein Fünftel der
Weltbevölkerung von weniger als einem Dollar täglich
Finanzierung der direkt zu Wirtschaftwachstum
leben (Quelle: Weltbank). Marktwirtschaftliche Mebeitragenden Programme und Projekte.
chanismen allein werden die weltwirtschaftlichen
Mißstände nicht heilen. Wenn man sie nicht behebt, Mindestens drei dieser Ziele der Entwicklungshilfe
werden diese Mißstände die Anfälligkeit für Demago- stehen nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit
gen erhöhen und oftmals zu Diktaturen führen.
wirtschaftlicher Entwicklung. Die sich abzeichnende
neue Weltordnung wird die Tendenz der Geberländer
Entwicklungshilfe und wirtschaftliche Entwick- nicht zwangsläufig schmälern, ihre Hilfsbestrebungen
lung sind keine Synonyme
eher auf aufgeklärte Eigeninterressen auszurichten
Wenn die neue Weltordnung tatsächlich in ein Zeitalter als auf abstrakte wirtschaftliche Prinzipien von gerinpolitischer Harmonie und wirtschaftlichen Wohlstands gem Interesse für die Steuerzahler.
führen soll, müssen Entwicklungshilfeprogramme
Eine traditionell ebenso wichtige wirtschaftliche Realibessere Ergebnisse hervorbringen als in der Vergantät ist, daß selbst ein hervorragend zugeschnittenes
genheit. Den Fehlern der Vergangenheit mu ß grö ßere
Hilfsprogramm unangemessene, kontraproduktive
Aufmerksamkeit zuteil werden. Alte wirtschaftliche
Wirtschaftsmaßnahmen in den Empfängerländem nicht
Realitäten bestimmen immer noch, wie effektiv Geberausschalten kann. Mit der Erklärung, daß "die Ausländer Wirtschaftshilfe leisten und wie effektiv Emsichten der Entwicklungsländer vornehmlich in ihren
pfängerländer diese nutzen. Nicht einmal die EinfühHänden liegen", unterstrich der Weltbankbericht über
rung einer friedlicheren, marktorientierten Weltordinternationale Entwicklung von 1991 die absolute
nung kann das kritische Bindeglied zwischen EntwickNotwendigkeit für die Entwicklungsländer, gleichzeitig
lungshilfe und wirtschaftlicher Entwicklung verändern:
vier Richtlinien bei der Reform ihrer Maßnahmen zu
die Geberländer müssen bei der Vergabe ihrer Hilfe
verfolgen:
wissen, was sie tun und was funktioniert, Empfänger
müssen eine wachstumsorientierte EntwicklungspoliInvestitionen in das Humankapital (Ausbildung,
tik verfolgen, um der Hilfe gerecht zu werden. Seit
Gesundheitsfürsorge usw.),
Einführung von umfassenden Entwicklungshilfeprogrammen vor fast 50 Jahren hat keine Seite dieser
weitere Öffnung der Volkswirtschaften für interGleichung außergewöhnliche Erfolge erzielt.
nationalen Handel und Investitionen,
"Entwicklung" entsteht aus einer komplexen Mischung
wirtschaftlicher, sozialer, institutioneller und politischer
Faktoren, deren Mischungsverhältnis sich von Land zu
Land unterscheidet. Das richtige Verhältnis der Bestandteile zu finden, um diese Faktoren angemessen
und gleichzeitig zu verändern, ist ein immanent schwieriger, langfristiger Prozeß, der öfter scheitert als er
erfolgreich ist. Manchmal spiegelt das Scheitern die
Tatsache wider, daß Geberländer stärker daran interessiert sind, ihre eigenen kurzfristigen Interessen zu
verfolgen als daran, in einer unterentwickelten Volkswirtschaft die Kräfte langfristigen Wandels vorsichtig
zu nähren.

Verbesserung des Klimas für Privatunternehmen durch Minimierung staatlicher Einflußnahme auf Preismechanismen und Maximierung
öffentlicher Investitionen in die Infrastruktur,
Korrektur der makroökonomischen Maßnahmen
durch Eindämmung von Haushaltsdefiziten und
Inflation.

Die These, die Wirtschaftspolitik im Inland - nicht der
Fluß an Auslandshilfe an sich - sei die entscheidende
Variable der Entwicklung, wird durch das deutlich
uneinheitliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts
(BIP) in einzelnen Regionen der dritten Welt untermauert. Zwischen 1980 und 1989 variierte das durch
Es gibt bei der Gewährung von Entwicklungshilfe fünf
schnittliche jährliche Wachstum des BIP von -1,2 ProHauptziele:
zent in Afrika südlich der Sahara und -0,4 Prozent in
Humanitäre Bestrebungen, mit denen der Grund- Lateinamerika bis +6,2 Prozent in Ostasien. Das
bedarf der ärmsten Menschen mit dem niedrig- günstige Wirtschaftsklima, disziplinierte makroökonomische Maßnahmen, niedrige Inflation und eine exsten Lebensstandard gedeckt werden soll.
portfördernde Handelspolitik waren in zahlreichen der
Verfolgung außenpolitischer Strategien zur sogenannten asiatischen Schwellenländer der gemeinFörderung der Dankbarkeit und Freundschaft same Nenner für erfolgreiche Wachstumsstrategien.
anderer Länder.
Auf der anderen Seite können weitverbreitete Beispi9-

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AMERIKA DIENST 13

�le wachstumshemmender Verhaltensweisen wie relativ unbegrenzte makroökonomische Maßnahmen,
umfassende staatliche Eingriffe in die Preismechanismen (insbesondere im Agrarsektor) und eine Importe
ersetzende Handelspolitik in den von langsamerem
Wachstum gekennzeichneten Ländern in Lateinamerika, Afrika und auf dem indischen Subkontinent festgestellt werden. Es liegt auf der Hand, daß die
wirksamste entwicklungspolitische Reaktion der Industrienationen in solchen Fällen in der Begrenzung der
Auslandshilfe besteht, bis sich die Regierungen dieser
Länder auf Wirtschaftsreformen im Inland geeinigt
haben.
Unterstützung des wirtschaftlichen Wandels in
der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa
Der plötzliche und rasche Zerfall des Kommunismus
und die Hinwendung zu demokratischen und kapitalistischen Prinzipien in der ehemaligen Sowjetunion und
Osteuropa sind bahnbrechende Ereignisse in der internationalen Geschichte. So begrüßenswert diese
Ereignisse sind, ist ein erfolgreicher globaler Übergang zu politischer Freiheit und freien Marktwirtschaften jedoch nicht automatisch. Kurz nachdem die
ehemaligen Opfer der kommunistischen Mißwirtschaft
auf den Geschmack der Freiheit des einzelnen gekommen waren, machte sich der bittere Geschmack der
wirtschaftlichen Realität breit. Wie alle demokratisch
gewählten Regierungen werden die neuen Regime in
Osteuropa einen soliden und sich verbessernden
Lebensstandard bieten müssen. Wenn ihnen dies
nicht gelingt, kann man bestenfalls politische Unruhen
und schlimmstenfalls eine Rückkehr zu autoritärer
Herrschaft vorhersagen.
Die mit der tiefgreifenden wirtschaftlichen Umgestaltung einhergehenden Schwierigkeiten und Kosten sind
so enorm und allgegenwärtig, daß langfristige Hilfe der
demokratischen Industrieländer für den Erfolg absolut
unabdingbar ist. Die Schwierigkeiten des Übergangs
von einer Kommando- zur Marktwirtschaft können kaum
überschätzt werden. Dem Diktat eines Fünfjahresplans zu folgen, ist eine ungenügende Vorbereitung für
den Konkurrenzdruck in einer hochmodernen, dynamischen Weltwirtschaft, die schon vor langer Zeit an
der Sowjetunion und Osteuropa vorbeigegangen ist.
Es gibt keinen Präzedenzfall und daher keinen Leitfaden für die Verwirklichung der außergewöhnlich vielfältigen wirtschaftlichen Aufgaben, m«t denen sich der
ehemalige sowjetische Block konfrontiert sieit: Privatisierung der Staatsbetriebe, Schaffung von Rechtsund Buchführungssystemen auf der Grundlage von
Privateigentum, Einführung von Banksystemen und
Kapitalmärkten, Schaffung wirksamer Verteilungssysteme, Ausbildung der Arbeitskräfte für ein auf Wettbewerb und Profit ausgerichtetes Umfeld und so weiter.

AMERIKA DIENST 13

Die Wirtschaftslage in der Sowjetunion und Osteuropa
ist für die Erarbeitung eines ständigen Auslandshilfeprogramms noch zu neu und fließend. Doch selbst die
außergewöhnlichen politischen und wirtschaftlichen
Ereignisse in diesem Gebiet der Welt sind demselben
wirtschaftlichen Diktat unterworfen, das Hilfsprogrammen für die dritte Welt zugrundeliegt. Die Struktur,
Zielsetzung und Qualität der Bereitstellung von Hilfe
wird entsprechend der Ziele und Relevanz der Bestrebungen der Geber variieren, während die Auswirkungen aller Wirtschaftshilfeleistungen sich aufgrund der
von dem jeweiligen Empfängeriand ergriffenen wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen unterscheiden,
sei es in einer relativ gut funktionierenden Volkswirtschaft wie Ungarn oder in einer mit größeren Problemen und Unsicherheiten behafteten.
Die Maximierung der Hilfe für die ärmeren Länder
Empfehlungen, wie die Industriestaaten den Entwicklungsländern sowie den ehemals kommunistischen
Staaten am besten helfen können, lassen sich in zwei
prägnante Kategorien einteilen: 1. Entwicklungshilfeprogramme und 2. umfassendere wirtschaftliche
Maßnahmen auf internationaler Ebene. Die erste
Kategorie umfaßt ausschließlich Instrumente zur Verbesserung des bestehenden Verfahrens für die Vergabe von Auslandshilfe in einer neu entstehenden Weltordnung, die auf der Wahrung von Rechtsstaatlichkeit
und marktwirtschaftlicher Wirtschaftsentwicklung beruht. Keine Veränderung der Weltordnung ist so groß,
daß die häufig entscheidenden Hilfsbeiträge in Form
von Ausbildung, politischen Verbesserungen, Verbreitung von Technologien und neuen Ideen, Stärkung von
Institutionen, Aufbau der Infrastruktur und Finanzierung von Importen dringend benötigter Waren und
Dienstleistungen für Konsum- oder Investitionszwekke außer acht gelassen werden könnten. Darüber
hinaus kann kein Wandel der Weltordnung etwas an
der Tatsache ändern, daß sich die Industriestaaten
von vielen der negativen Auswirkungen gravierender
Wirtschaftsprobleme in den ärmeren Ländern - insbesondere der zunehmenden Schädigung der Umwelt
und illegaler Drogenexporte - nicht abschotten können.
Die jüngsten Änderungen in der Weltordnung bieten
eine ausgezeichnete Chance für notwendige Verbesserungen in der Struktur der Auslandshilfe. Soweit
Übereinstimmung darüber besteht, daß nichthumanitäre Entwicklungsbemühungen am erfolgreichsten sind,
wenn potentielle Empfänger für ihre Innenpolitik rechenschaftspflichtig sind, sollten die Geberländer den
multilateralen Kreditinstitutionen, also der Weltbank
und regionalen Entwicklungsbanken, mehr Verantwortung - und finanzielle Mittel - übertragen. Internationale Beamte konzentrieren sich mehr auf die tech-

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�nischen Aspekte der Kreditvergabe. Als Voraussetzung für wichtige Infrastrukturkredite werden sie viel
eher Wirtschaftsreformen verlangen als nach politischem Goodwill des Empfängerlandes zu streben.

dem zugutekommen. Wie die Erfahrung der asiatischen Schwellenländer erst in jüngster Vergangenheit
gezeigt hat, stellen verstärkte Produktion und Exporte
von Fertigungsgütern die wichtigste Lokomotive der
Wirtschaftentwicklung dar. Für alle außer den am
In Verbindung mit der wachsenden weltweiten Beto- wenigsten entwickelten Ländern ist die Fähigkeit zu
nung freier Marktwirtschaften sollten Geberländer wie exportieren eine wesentlich größere Deviseneinnahdie Vereinigten Staaten und Japan die Ressourcen für mequelle als Auslandshilfe.
die Bereitstellung von technischer Hilfe wesentlich
erhöhen. Diese Länder verkörpern die gro Ben Erfolgs- Die Nachfrage nach Exporten aus den Entwicklungsgeschichten der Privatwirtschaft und des Industriali- ländern wird insgesamt auch von stetigem, nichtinflasierungsprozesses. Niemand weiß besser als sie, tionärem Wachstum im Norden profitieren. Die Fähigwelches die besten Mittel zur Förderung und Regelung keit der Industriestaaten, die Extreme der Rezession
unternehmerischer Aktivität sind. Mehr technische und der Notwendigkeit zum Abbremsen inflationären
Ausbildung sollte von Regierungen und privaten Un- Drucks durch wachstumshemmende hohe Zinssätze
ternehmern bereitgestellt werden. Darüber hinaus zu vermeiden, liegt im allseitigen Interesse des gesamsollte ein weltweites "Wirtschaftskorps" entweder auf ten internationalen Systems.
multilateraler Ebene oder seitens einzelner Länder
gegründet werden. Dieses Korps sollte sich haupt- Abschließend noch ein Wort zu den internationalen
sächlich aus pensionierten Managern und Wirtschafts- finanziellen Fragen. Weitere Fortschritte müssen beim
experten aus den Industriestaaten zusammensetzen, Abbau der Belastungen durch die Bedienung ausländie praktische Erfahrung mit der Entwicklung leistungs- discher Schulden erzielt werden, die von einer Reihe
fähiger Märkte für Agrar- und Industrieprodukte ha- von Entwicklungsländern und osteuropäischen Staaben. Aus- und Fortbildung bietet erhebliche Vorteile ten getragen werden. Das Schuldenproblem hat dazu
gegenüber simplen Finanztransfers, indem sie in Ländern geführt, daß die Vergabe neuer privater Kredite an
mit begrenzter oder nichtvorhandener Erfahrung bei diese Länder zu einer Zeit stark eingeschränkt wurde,
der Entwicklung eines funktionierenden privatwirtschaft- in der ihre wertvollen Deviseneinnahmen zunehmend
für die Rückzahlung alter Schulden anstatt für den
lichen Systems auf Dauer entscheidende Fähigkeiten
Kauf notwendiger Importe verwendet werden müssen.
entwickelt.
Ein effektiverer Mittelweg mu ß angestrebt werden, der
sowohl
die Erwartungen der Kreditgeber auf RückzahUnabhängig von ihrer Qualität sind Auslandshilfeprolung
befriedigt
als auch die schmerzliche Situation
gramme weder heute noch vielleicht jemals in Zukunft
vermeidet,
daß
Entwicklungsländer in den späten
das einzige oder notwendigerweise beste Mittel für
achtziger
Jahren
zu Nettoexporteuren von Kapital in
den Transfer von Ressourcen in unterentwickelte Länder.
den
Norden
wurden.
Weitere ausgehandelte HerabEs gibt effektivere Methoden als Hilfe, um Privatfirmen
setzungen
des
Nominalwerts
eines Teils der Schulden
und Unternehmer zu fördern. Wichtige Wachstumssowie
die
Umwandlung
eines
anderen Teils in garanhemmnisse können von außen durch wirtschaftspolititierte
langfristige
Anleihen
sollten
ein dauerhafter Teil
sche Maßnahmen und Tendenzen in den Industrielänkünftiger
Entwicklungsbemühungen
sein.
dern aufgetürmt werden. Deshalb ist es notwendig,
eine zweite Kategorie von Empfehlungen zu berücksichtigen, die umfassendere Aspekte der internationa- Die wirtschaftlichen Bedingungen in den Entwicklungsländern und Osteuropa werden sich weiterentwickeln,
len Wirtschaftsbeziehungen berühren.
und Auslandshilfestrategien werden sich dem bestänDie vorteilhafteste Einzelmaßnahme zur Unterstüt- digen Wandel anpassen müssen. Oberstes Gebot für
zung von Entwicklungsländern ist gegenwärtig der die Geberländer ist es jedoch, künftige Bemühungen
erfolgreiche Abschlu ß der Uruguay-Runde multilatera- auf die zunehmend einleuchtenderen Lehren der Verler Handelsgespräche. Das Schlußabkommen sollte gangenheit zu gründen. Man kann der alten ökonomineue marktöffnende Maßnahmen des Nordens für schen Regel nicht entgehen, derzufolge eine unzureiWaren wie etwa Textilien enthalten, die in den Entwick- chend strukturierte Mittelvergabe und ineffiziente
lungsländern günstiger hergestellt werden können. Wirtschaftspolitik in den Empfängerländem wahrscheinEine solche Handelsliberalisierung würde zumindest lich mehr Verschwendung als wirtschaftliche Entwickteilweise auch den Verbrauchern in den Industrielän- lung produzieren.
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AMERIKA DIENST 13

�UMWELT
I.April 1992

DER BERICHT ÜBER UMWELTQUALITÄT
Eine Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine am 24. März 1992 vom Weißen Haus herausgegebene Übersicht über Präsident Bushs Vorschläge für Gesetzesentwürfe und internationale politische
Maßnahmen zur Umwelt, die im 22. Jahresbericht des Rats für Umweltqualität dargelegt werden.
Heute hat der Präsident den 22. Jahresbericht des
Rats für Umweltqualität (Council on Environmental
Quality - CEQ) vorgelegt. In diesem Bericht werden
Schlüsselthemen und politische Maßnahmen im Bereich Umwelt für das vergangene und kommende Jahr
erörtert. Er ist die umfassendste Statistik der Regierung über Umwelttendenzen.
In dem Bericht fordert der Präsident den Kongreß auf,
ausgewogene nationale Energiegesetze zu
verabschieden, die etwa gleichwertige Maßnahmen für Umweltschutz und Produktion vorsehen,
der Umweltschutzbehörde Kabinettsrang einzuräumen,
jeweils den Haushalt für Umwelt- und Naturschutzprogramme gemäß seines Antrags für
das Haushaltsjahr 1993 zu erhöhen. Dazu
zählen
1.1,8 Milliarden Dollar (gegenüber dem Haushaltsjahr
1992 eine Steigerung von 17 Prozent) für das Programm
America the Beautifui, um Nationalparks, Wälder,
Naturschutzgebiete und anderen staatlichen Grundbesitz auszubauen, in diesem Jahrzehnt Milliarden
Bäume zu pflanzen und den Bundesstaaten zu helfen,
Parks und Freizeiteinrichtungen zu schaffen (der
Kongreß hat die Forderungen des Präsidenten für
diese Programme gekürzt);
2. die Rekordsumme von 5,5 Milliarden Dollar (gegenüber dem Haushaltsjahr 1992 eine Steigerung von 26
Prozent) für die Beseitigung von Altlasten in Einrichtungen des Energieministeriums, die mit der Herstellung von Atomwaffen betraut sind sowie anderen Einrichtungen der Bundesregierung;
3. 201 Millionen Dollar (fast das Doppelte des Betrags
im Haushaltsjahr 1992) für die Altlastenbeseitigung in

AMERIKA DIENST 13

der Grenzregion zwischen den Vereinigten Staaten
und Mexiko, im Einklang mit dem Umweltaktionsplan,
den er dem Kongreß im vergangenen Jahr im Rahmen
des neuen Nordamerikanischen Freihandelsabkommens vorgelegt hat;
4. Programme zur Verbesserung der Qualität der
Küstengewässer, Beschleunigung der Altlastenbeseitigung im Rahmen von Superfund, Durchführung des
Gesetzes zur Luftreinhaltung, Schutz von Feuchtgebieten und Beschleunigung der Programme für saubere Energie und Verkehr.
Im Hinblick auf den "Earth Summit" der Vereinten
Nationen hat der Präsident die internationale Staatengemeinschaft zu folgenden Maßnahmen aufgefordert:
eine umfassende Rahmenkonvention über Klimaveränderungen abzuschließen;
Schritte zu unternehmen, die zu einer globalen
Rahmenkonvention zum Schutz und zur Erhaltung aller Wälder auf der Welt führen;
Maßnahmen zur Erhaltung der Artenvielfalt zu
vereinbaren, und wenn möglich eine zufriedenstellende globale Rahmenkonvention über Artenvielfalt zu unterzeichnen;
Eine Strategie zu verabschieden, um die Situation der Ozeane und Meerestiere zu verbessern;
Initiativen auf den Weg zu bringen, um die
Zusammenarbeit bei Umwelttechnologie auf
freien Märkten zu fördern und
die Gewährung finanzieller Hilfe an Entwicklungsländer durch die Weltumwelthilfe (Global
Environmental Facility - GEF) ebenso zu vereinbaren wie Reformen in den Umwelt- und Entwicklungsbehörden der Vereinten Nationen.

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�Folgende positive Tendenzen wurden im CEQ-Jahresbericht verzeichnet:
Die US-Produktion des ozonzerstörenden FCKWs liegt
bereits 42 Prozent unter dem Niveau, wie es das
Gesetz zur Luftreinhaltung und das Montrealer Protokoll fordern.

Die Konzentration von Luftschadstoffen in der AtmoSphäre ist weiter zurückgegangen, was einen kontinuierlichen Fortschritt des Gesetzes zur Luftreinhaltung
widerspiegelt,
Das Ausmaß des Verlusts von Feuchtgebieten hat
sich in den Vereinigten Staaten verlangsamt.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 13

�LANDWIRTSCHAFT
I.April 1992

MADIGAN: LANDWIRTE PROFITIEREN
VOM UMWELTSCHUTZ
Rede des US-Landwirtschaftsministers
PARIS - (AD) - Der amerikanische Landwirtschaftsminister Edward Madigan geht davon aus, daß die verstärkte Sorge über den Schutz der Umwelt Landwirten in der ganzen Welt größere Chancen auf höhere Einnahmen
verschafft.
In einer Rede beim Treffen der Landwirtschaftsminister der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) erklärte Madigan am 26. März 1992 in Paris, die Vereinigten Staaten verstärkten
zusammen mit anderen Ländern die Erforschung der alternativen Nutzung von Feldfrüchten, insbesondere für
industrielle Zwecke.
Als ein Beispiel führte Madigan die Tatsache an, daß die Nachfrage nach abgasärmeren Treibstoffen in den
Vereinigten Staaten "unvermeidlich" zum verstärkten Einsatz von Äthanol führen werde, einem Alkoholtreibstoff,
der aus Feldfrüchten wie etwa Mais gewonnen wird. Er verwies darauf, daß im Rahmen des Landwirtschaftsgesetzes von 1990 für die Jahre 1991 bis 1995100 Millionen Dollar für Forschung und Entwicklung im Bereich
Biotreibstoffe bewilligt wurden.
Nachfolgend veröffentlichen wir Madigans Rede bei der OECD im Wortlaut.

Die Landwirtschaft - die ganze Welt - steht an der
Schwelle eines neuen Jahrhunderts. Weil sich die
Welt ständig fortentwickelt, müssen auch unsere politischen Maßnahmen weiterentwickelt werden. Die
Reform der Landwirtschaft hat dabei entscheidenden
Stellenwert, und die Vereinigten Staaten engagieren
sich für dieses Ziel. Konstruktive Reformen bereiten
solchen Maßnahmen ein Ende, die die Preise für
landwirtschaftliche Erzeugnisse auf dem Weltmarkt
drücken, indem sie zu Überproduktion ermutigen, die
sodann mit Hilfe von Exportsubventionen auf dem
Weltmarkt verschleudert wird, was die Preise noch
weiter drückt. Konstruktive Reformen werden zu einem besseren und effizienteren Weltagrar- und Handelssystem, zu höheren Einkommen und Wirtschaftswachstum führen.
Wenn wir über landwirtschaftliche Reformen und Leitlinien für das 21. Jahrhundert und darüber hinaus
nachdenken, sind Treffen wie das heutige unerläßlich.
Ich gehe davon aus, daß die Wegbeschreibung für die
Zukunft ein Weltatlas sein muß. Die OECD stelt uns
heute ein wertvolles Forum zur Verfügung, in dem wir
die Debatte auf die Fragen von morgen zuschneiden
können. Ich weiß diese Gelegenheit zu schätzen, die
Standpunkte meines Landes mitzuteilen.
AMERIKA DIENST 13

Ich möchte die Analysen des landwirtschaftlichen Direktoriums im Bereich der Landwirtschaftsreformen
besonders hervorheben. Untersuchungen der Maßnahmen in ausgewählten Ländern haben den Wissensstand über einzelne landwirtschaftliche Sektoren
wesentlich erweitert. Andere Arbeiten über die Messung von Stützungsmaßnahmen und Einkommensverschiebungen (Erzeuger-/Verbrauchersubventionsäquivalente), mengenmäßige Beschränkungen, direkte Einkommensstützung sowie über die Fragen, wie
Märkte funktionieren und welchen Einfluß Marktinterventionen ausüben, haben uns dabei geholfen, uns
den Problemen und Konsequenzen von Reformen zu
widmen und diese zu verstehen. Und obwohl die
Vereinigten Staaten nicht immer einer Meinung mit
dem landwirtschaftlichen Direktorium waren, sind sie
doch der Ansicht, daß die OECD zum Potential für
bedeutsame Reformen beigetragen hat.
Die Uruguay-Runde
Seit Eröffnung der Uruguay-Runde vor nahezu sechs
Jahren befinden wir uns auf einem langen, schwierigen
und bisweilen frustrierenden Weg - insbesondere im
Hinblick auf den landwirtschaftlichen Teil der Verhandlungen. Unsere Position ist jedoch weiterhin unverän-

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�dert: unser Endziel bleibt die Reduzierung handelsverzerrender Maßnahmen und die Förderung eines freieren und faireren Weltagrarhandels.
Der vom Generaldirektor des GATT, Arthur Dunkel,
am 20. Dezember 1991 vorgelegte "Entwurf der Schlußakte" ist ein wichtiger Schritt in den Verhandlungen.
Der landwirtschaftliche Text stellt Dunkels Versuch
dar, die Meinungsverschiedenheiten über eine Reihe
umstrittener Fragen zu überbrücken. Deshalb enthält
dieser Text eine Reihe von Elementen, die nicht so
sind, wie wir es uns gewünscht hätten. Andererseits
stellt er einen bedeutenden Fortschritt bei den Bemühungen dar, die Regeln des Agrarhandels zu reformieren. Obwohl der Dunkel-Text bei weitem nicht perfekt
ist, ist er eine Grundlage, auf der die Uruguay-Runde
erfolgreich abgeschlossen werden kann.
Eine Einigung der Uruguay-Runde zur Landwirtschaft
muß den Prozeß bedeutsamer landwirtschaftlicher
Reformen einleiten - Reformen, die mit dem langfristigen Ziel eines fairen und marktorientierten Agrarhandelssystems in Einklang stehen.
Die Vorteile des Handels
Zu Beginn dieses Jahres stellte Präsident Bush fest:
"Künftiger Fortschritt und Wohlstand der Welt hängen
in der Tat vom freien Handel ab." Die Vereinigten
Staaten engagieren sich für Maßnahmen, die dies
gewährleisten. Präsident Bush bekräftigte sein Engagement für den freien Handel vor vier Tagen in Gesprächen mit Bundeskanzler Helmut Kohl, bei denen der
Präsident feststellte: "...weit besser als Hilfsprogramme ist offener Handel."
Die Vorteile des internationalen Handels sind mannigfaltig. In den vergangenen vierzig Jahren war die
drastische Ausweitung des Handels eine der Hauptantriebskräfte für Wirtschaftswachstum, die Schaffung
von Arbeitsplätzen und die Hebung des Lebensstandards auf der ganzen Welt.
Die künftige Richtung landwirtschaftlicher
nahmen

Maß-

Wir leben in einer dynamischen, ständigem Wandel
unterworfenen Welt. Wer hätte gedacht, daß die sich
rasch verändernde geopolitische Lage in Ost- und
Mitteleuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion einen
solchen Verlauf nehmen würde? Wenn Maßnahmen
konstruktiv sein sollen, müssen sie sich dem Wandel
der Bedingungen anpassen und Marktsignale widerspiegeln. Die künftige Richtung landwirtschaftlicher
Maßnahmen muß eine stärkere Orientierung auf den
Markt beinhalten.
Zusätzlich zu den Problemen in der Landwirtschaft und
dem dringenden Bedarf an agrarpolitischen Reformen
ist die Aufmerksamkeit der Politiker auch bei anderen
Themenbereichen gefordert. Wir müssen uns verstärkt auf Umweltprobleme und die Entwicklung des
ländlichen Raums konzentrieren.
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In einzelnen Ländern werden bereits politische Maßnahmen zur Bewältigung von Umweltproblemen und
ländlicher Entwicklung formuliert. Bei unserer Erarbeitung politischer Schritte müssen wir uns vergegenwärtigen, daß eine Maßnahme, die einzelne Probleme
löst, auch andere Bereiche beeinflußt. Zum Beispiel
hat die Landwirtschaftspolitik Auswirkungen auf die
Umwelt, und die Umweltpolitik beeinflußt die Landwirtschaft, wobei beide sich auf den ländlichen Raum
auswirken. Dennoch können wir weder landwirtschaftliche Probleme mit Umweltpolitik lösen noch die Probleme des ländlichen Raums durch Agrarpolitik.
Umgekehrt sollten wir nicht versuchen, die Landwirtschaft unter dem Vorwand einer Umwelt- oder Entwicklungspolitik für den ländlichen Raum zu subventionieren, und wir sollten auch nicht versuchen, Probleme
der Umwelt oder Entwicklung des ländlichen Raums
durch Agrarreformen zu lösen. Obwohl die Probleme
miteinander verflochten sind, fordert jedes einzelne die
besondere Aufmerksamkeit der Politiker.
Die OECD erkennt, daß das Verhältnis zwischen
Landwirtschaft und Umwelt vielschichtig ist: Agrarpolitik beeinflußt die Umwelt, und Umweltpolitik beeinflußt die Landwirtschaft. Maßnahmen, die Auswirkungen auf die Wirtschaft haben, sind nicht unabhängig,
sondern eingebunden durch ihre Auswirkungen auf
den Markt. Meiner Ansicht nach erkennen und akzeptieren wir alle, daß gegenwärtige politische Ziele unserer Länder in den Bereichen Landwirtschaft, Handel,
Umwelt und Entwicklung des ländlichen Raums nicht
ausreichend aufeinander abgestimmt sind.
Die Verbindungen zwischen diesen politischen Berei
chen kann nicht länger ignoriert werden. In den
Vereinigten Staaten lautet die offizielle Bezeichnung
für das Farmgesetz von 1990: Gesetz über Nahrungsmittel, Landwirtschaft, Umweltschutz und Handel von
1990. Zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren
erscheinen andere Begriffe neben "Nahrungcmitteln"
und "Landwirtschaft" im Titel. Die öffentliche Meinung
wurde bekundet, und die politischen Entscheidungsträger haben reagiert. Die Umwelt ist Anlaß wachsender Besorgnis. Man ist sich zunehmend der Tatsache
bewußt, daß der Landwirtschaft gewährte Unterstützung nicht automatisch ländliche Gemeinden fördern.
Und die Besorgnis über die Entwicklung und wirtschaftliche Lebensfähigkeit des ländlichen Raums nimmt
zu.
Zum Beispiel führt eine Politik der umfangreichen
Förderung der Landwirtschaft, die die Produktion
subventioniert, zu einem starken Einsatz von Industrieprodukten. Die exzessive Nutzung von Düngemitteln und Pestiziden führt zu einer Belastung der
Gewässer. Starker Einsatz von Pflanzenschutz, Pflanzennahrung, Hormonen und Biotechnologie werfen
Fragen nach der Gefahrlosigkeit von Lebensmitteln
auf. Die landwirtschaftliche Nutzung von ökologisch
empfindlichen Flächen kann zu Bodenerosion führen
und natürliche Lebensräume zerstören. Die ÜberproAMERIKA DIENST 13

�duktion hat Überschüsse hervorgebracht, die auf den
Weltmärkten billig angeboten werden, was zu einem
Preisverfall führt. Wie sollen diese Probleme gelöst
werden?. Läßt sich durch die Verwirklichung einer
neuen Politik eine Antwort finden? Wenn das der Fall
ist, welche Politik sollte für Handel, Landwirtschaft,
Entwicklung des ländlichen Raums und die Umwelt in
Betracht gezogen werden?
Es bewirkt wenig, wenn man Umweltprogramme durchführt, um die Wasserqualität zu verbessern, wenn die
Landwirtschaftspolitik Anreize zum starken Einsatz
von Pestiziden und Düngemitteln bietet, mit denen die
Umwelt geschädigt wird. In ähnlicher Weise wird die
Landwirtschaft durch die Politik für Umwelt, Handel
und Entwicklung des ländlichen Raums beeinflußt.
Zum Beispiel könnten Umweltschutzvorschriften Landwirte von einer effektiven Produktion abhalten.
Darüber hinaus ist man sich zunehmend der Misere im
ländlichen Raum bewußt. Das Einkommensniveau
hinkt hinter dem der Städte hinterher, es mangelt an
der Grundversorgung im Gesundheits- und Bildungswesen, und die Beschäftigungsmöglichkeiten sind
beschränkt.
Durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze in nichtlandwirtschaftlichen Sektoren hat sich die Abwanderung aus den ländlichen Gebieten verlangsamt. Zum
Beispiel haben neue Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich und in der verarbeitenden Industrie die Ausdünnung der Landbevölkerung aufgehalten, weil sie
genug Einkommen bieten, um Familien die Fortsetzung der Landbewirtschaftung auf Teilzeitbasis zu
gestatten. Innovative Produktentwicklung, Marketing
und neue Wege der Wertsteigerung landwirtschaftlicher Erzeugnisse können neue Möglichkeiten bieten
und das Einkommen von Höfen und nichtlandwirtschaftlichen Betrieben im ländlichen Raum steigern.
Dennoch liegt das Potential für ein Beschäftigungswachstum zumeist außerhalb der Höfe.
Die künftige Lebensfähigkeit der Wirtschaft auf dem
Land hängt von zwei Faktoren ab: der Geschwindigkeit, mit der strukturelle Anpassungen in der Landwirtschaft - dem Primärsektor - vollzogen werden und der
Geschwindigkeit, mit der Arbeitsplätze in anderen
Sektoren geschaffen werden. Um dem langfristigen
Bedarf des ländlichen Raums gerecht zu werden, sind
eine Reihe von Maßnahmen zur Entwicklung des
ländlichen Raums erforderlich, die Reformen in der
Agrarpolitik ergänzen. Darüber hinaus sollten solche
Maßnahmen die Wettbewerbsfähigkeit des ländlichen
Raums in anderen Sektoren fördern, insbesondere
dort, wo sich künftiges Beschäftigungswachstum verwirklichen läßt.
Ich möchte an dieser Stelle kurz auf die Lebensmittelhygiene eingehen. Eine Methode, um diesbezügliche
Sorgen zu zerstreuen, wäre die systematische Aufdeckung und Quantifizierung potentieller Risiken. Dabei
müßte man die Kosten ebenso abschätzen wie die
AMERIKA DIENST 13

Bereitschaft, für bessere Hygiene mehr zu zahlen.
Dabei muß die OECD eine Rolle spielen. Femer
könnten staatliche Programme und Handelspraktiken
so zugeschnitten sein, daß sie auf die wirtschaftlich
wichtigsten Risiken eingehen.
Darüber hinaus müssen wir berücksichtigen, daß unterschiedliche Produktionspraktiken und Verbrauchergewohnheiten ebenso wie Erfahrungen mit Vorschriften in manchen Ländern unterschiedliche Sorgen in
der Öffentlichkeit hervorrufen. Unser Argument dazu
lautet, daß alle Länder der öffentlichen Besorgnis auf
der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse Rechnung
tragen sollten. Unterschiedliche politische Kräfte in
jedem Land werden - in unterschiedlichem Umfang - zu
Versuchen führen, die Sorge über Lebensmittelhygiene fürdie Errichtung von Handelsschranken zu nutzen.
Ich fordere alle Minister auf, nicht die Errichtung von
Handelsschranken zuzulassen, die als Lebensmittelhygiene verbrämt sind.
Wenn die Landwirtschaft in Zukunft erfolgreich sein
soll, muß sie meiner Ansicht nach erweitert werden.
Eine meiner wichtigsten Prioritäten gilt der Erforschung
alternativer Nutzung unserer Agrargüter, insbesondere außerhalb des Lebensmittelsektors. Mir ist bekannt, daß manche Länder Ressourcen für Forschung
und Entwicklung der alternativen Nutzung landwirtschaftlicher Erzeugnisse aufwenden. Obwohl wir die
Vorteile dieser Aktivitäten erkennen, wollen wir sicherstellen, daß Entscheidungen in der Landwirtschaft von
Marktsignalen geleitet werden. In den Vereinigten
Staaten sucht die Industrie nach neuen Möglichkeiten
der Nutzung landwirtschaftlicher und neuer Produkte,
die dem Bedarf und den Wünschen der Verbraucher
besser gerecht werden. Die Sorge um die Umwelt und
Lebensmittelhygiene ist eine wichtige Kraft hinter diesen Veränderungen und bietet der Landwirtschaft
weltweit große Chancen.
Die Sorge um die Umwelt ermutigt uns alle, saubere
Treibstoffe zu finden, die weniger Schadstoffe ausstoßen. Produkte aus Landwirtschaft und Forsten können diesen Bedarf decken. Zusätzlich zu Vorteilen für
die Umwelt und die Landwirtschaft deuten langfristige
Tendenzen darauf hin, daß Marktkräfte dem US-Energiesektor unweigerlich Biobrennstoffe bescheren
werden. Äthanol und biologische Dieseltreibstoffe
sind erste Schritte. Die Vereinigten Staaten setzen
sich für die Beschleunigung der Forschung und Entwicklung von Biotreibstoffen ein. Unser Landwirtschaftsgesetz von 1990 bewilligt 100 Millionen Dollar
für die Erforschung von Biotreibstoffen von 1991 bis
1995.
Biotreibstoffe sind ein wichtiger Aspekt der Finanzierung und Durchführung von Forschungsvorhaben des
US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) bei der Entwicklung neuer wettbewerbsfähiger Agrarprodukte. Ein
zentrales Thema unserer Bestrebungen ist die Verwendung emeuerbarer Ressourcen zur Herstellung

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�von umweltverträglichen Produkten. Die Entwicklung
solcher Produkte ist heute aufgrund der enormen
Zunahme an Forschungsmethoden - vor allem Biotechnologie - leichter als je zuvor. Im folgenden einige
Beispiele:

Möglichkeiten, die nur darauf warten, ergriffen zu
werden.
Zusammenfassung und Schlußbemerkung

Wie ich bereits sagte, befinden wir uns an der Schwelle
Ein Drittel der pro Jahr produzierten 27 Milliar- zu einem neuen Jahrhundert - einem Jahrhundert der
den kg von aus Petrochemikalien hergestelltem Herausforderungen und Chancen. Wir haben einen
Kunststoff wird für Einwegverpackungen ver- weiten Weg bei der Entwicklung der Landwirtschaft
braucht. Das US-Landwirtschaftsministerium und Agrarpolitik zurückgelegt. Wir kennen die Grenerforscht Wege zur Herstellung biologisch ab- zen, UnWirtschaftlichkeit, hohen Kosten und Marktverbaubarer Plastikfolien für Müllbeutel und Fla- zerrungen, die bisherige Maßnahmen weltweit zur
Folge hatten. Wir wissen, daß Umweltprobleme und
schen.
die Entwicklung des ländlichen Raums vordringlich
Sojabohnenöl wird zu SpezialChemikalien sind und die Minister veranlassen, dem Einfluß der
umgewandelt wie etwa Ersatzstoffe für aus Erdöl Landwirtschaft auf diese Bereiche Rechnung zu trahergestellte Schmiermittel. USDA hat ferner gen.
eine patentierte Technologie für aus SojabohUnsere Herausforderung besteht darin herauszufinnen hergestellte Druckerschwärze entwickelt.
den, ob die von uns vertretenen Länder sich für die
Aus den Fasern der einjährigen Kenafpflanze Vorteile der Reformen entscheiden - größeres Wirtläßt sich sehr gut Druckerschwärze herstellen. schaftswachstum, zunehmender Wohlstand und verbesserte Beschäftigungsmöglichkeiten - oder das Risiko
Erucasäure aus Rapssamen kann zur Herstel- eingehen, diese Chancen zur Aufrechterhaltung des
lung von Kunststoff, Getriebeflüssigkeiten und Status quo zu vergeuden. Jetzt ist es an der Zeit für
Hochdruck-Schmiermitteln verwendet werden. Entscheidungen. Es ist an der Zeit zu entscheiden, ob
wir als Staatengemeinschaft kühn die Zukunft in AnIch könnte noch weitere Beispiele anführen, gehe
griff nehmen oder übervorsichtig an der Vergangenheit
jedoch davon aus, Sie verstehen, worauf ich abziele. festhalten.
Im Bereich der Landwirtschaft bieten sich enorme
* * * * *

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