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US-AUSSENPOLITIK

^

#

18. März 1992

SP

BUSH: AKTIVE AUSSENPOLITIK, STARKE
VERTEIDIGUNG ERFORDERLICH
Rede des Präsidenten zur Rolle der
Vereinigten Staaten
DIE NEUE WELT
Rede von Präsident Nixon

GUS-WISSENSCHAFTLER

WISSENSCHAFTSZENTRUM SOLL VERBREITUNG VON WAFFEN VERHINDERN
Außenminister Baker über ein
neues Projekt in Rußland

MITTEL-/OSTEUROPA

USA WOLLEN ZUSATZLICHE GELDER
FÜR MITTEL- UND OSTEUROPA
Eagleburger vor Unterausschuß des
Repräsentantenhauses

WAHLEN '92

DIE VORWAHLERGEBNISSE DES
"SUPERDIENSTAGS"
Der Stand der Delegiertenstimmen

VORWAHLEN UND PARTEIVERSAMMLUNGEN
AM "SUPERDIENSTAG"
Amerikanische Pressestimmen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�US-AUSSENPOLITIK
18. März 1992

BUSH: AKTIVE AUSSENPOLITIK,
STARKE VERTEIDIGUNG ERFORDERLICH
Rede des Präsidenten zur Rolle der Vereinigten Staaten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush zufolge müssen die Vereinigten Staaten einen Weg finden, "um die
Unterstützung der Öffentlichkeit für eine aktive Au ßenpolitik und eine starke Verteidigung zu sichern, auch wenn
es für die Sicherheit unserer Nation keine wesentiche Bedrohung von außen gibt und dies in Zeiten ernster
Haushaltsprobleme bewerkstelligen."
"Wir haben so viel investiert, um den kalten Krieg zu gewinnen. Wir müssen alles Erforderliche investieren, um
den Frieden zu gewinnen", erklärte Bush bei einer unter der Schirmherrschaft der Richard Nixon Library and
Birthplace veranstalteten Konferenz über "Amerikas Rolle in der sich abzeichnenden Welt" am 11. März 1992.
Ein Scheitern werde Sicherheitsprobleme sowohl für Europa und Asien als auch die Vereinigten Staaten zur
Folge haben, ein Erfolg werde jedoch die Demokratie stärken und neue Marktwirtschaften schaffen, stellte Bush
fest. "Wir müssen Reformen nicht nur in Rußland, sondern in der gesamten ehemaligen Sowjetunion und
Osteuropa fördern."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush in wesentlichen Auszügen.

Ein Autor hat einmal über Richard Nixon geschrieben,
sein Leben "war in gewisser Weise entscheidend für
die Erfahrung, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts Amerikaner zu sein". Ich bin mit Stolz erfüllt,
heute abend einen Präsidenten würdigen zu dürfen,
der etwas bowirkt hat - nicht nur, weil er dies wünschte,
sondern weil er es wollte.
Als unser 37. Präsident setzte er Verbrechen und
Drogen auf unsere innenpolitische Tagesordnung, er
rief ein Pilotprogramm zur Krebsbekämpfung ins Leben, er schaffte die Wehrpflicht ab und gründete das
Umweltschutzamt EPA. Und seit der Gründung des
EPA haben wir unermüdlich über den Schutz der
gefleckten Eule debattiert. Aber dennoch...
Wie ich bereits sagte, als diese Bibliothek eröffnet
wurde, wird man Richard Nixon aus einem anderen
Grund im Gedächtnis behalten: Weil er sein Leben der
hehrsten Sache gewidmet hat, die sich einem Präsidenten je stellt - der Sache des Friedens zwischen
Nationen. Dies hat er in seinen inzwischen neun
Büchern festgehalten, die alle auf den berühmten
gelben Blöcken geschrieben wurden.
Es ist mit eine besonders große Freude - und ich weiß,
iu i spreche auch im Namen von Barbara - heute abend
hier sein zu dürfen, und es ist mir eine Ehre, vor diesem
Publikum zum Thema "Amerikas Rolle in der sich
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abzeichnenden Welt" sprechen zu können. Das Thema könnte zu keinem besseren Zeitpunkt erörtert
werden, und es gibt keinen geeigneteren Veranstalter.
Die Richard-Nixon-Bibliothek - ich hatte die Ehre, bei
der Eröffnung anwesend sein zu dürfen - steht als
Symbol für einen Präsidenten und eine Administration,
die sich einem aktiven, durchdachten und vor allem
realistischen Ansatz zur Weltpolitik verschrieben haben.
Die vor Präsident Nixon liegenden Herausforderungen
hätten nicht schwieriger sein können: Wie könnte er
sich innenpolitisch weiterhin die Unterstützung einer
durch die zunehmende sowjetische Bedrohung erzwungene Außenpolitik zu einer Zeit sichern, in derein
überlastetes Amerika einen unpopulären Krieg in Vietnam kämpfte. Was daraus hervorging - die Entspannungspolitik und die Doktrin, die den Namen des 37.
Präsidenten trägt - schuf ein Gleichgewicht zwischen
Konfrontation und Kooperation.
Präsident Nixon hat dies und sehr viel mehr bewältigt
- uns aus dem Krieg geführt, das erste umfassende
amerikanisch-sowjetische Rüstungskontrollabkommen
ausgehandelt, Beziehungen mit China in die Wege
geleitet, bei den Friedensverhandlungen im Nahen
Osten vermittelt - all dies, während er im Inland einen
Konsens für dauerhaftes Engagement in internationalen Angelegenheiten aufrechterhielt.
Seite 1

�Die heutigen Herausforderungen sind zweifelsohne
völlig anders gelagert. Dennoch sind wir uns wahrscheinlich alle einig, daß sie eine gewisse Ähnlichkeit
haben. Wieder einmal müssen wir einen Weg finden,
um die Verantwortung der Führungsrolle in der Welt
mit den Bedürfnissen der Erneuerung im Inland in
Einklang zu bringen. Wir müssen einen Weg finden,
um die Unterstützung der Öffentlichkeit für eine aktive
Außenpolitik und eine starke Verteidigung zu sichern,
auch wenn es für die Sicherheit unserer Nation keine
wesentliche einzelne Bedrohung von außen gibt und
dies in Zeiten ernster Haushaltsprobleme bewerkstelligen. In dieser Welt nach dem kalten Krieg stehen wir
vor der wunderbaren, aber nicht weniger realen oder
schwierigen Herausforderung, mit dem Erfolg fertigzuwerden.
Diese Herausforderung ist keineswegs einmalig. Denken
Sie nur an das Zeitalter nach dem Ersten Weltkrieg
oder die Jahre unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. In beiden Fällen wollte das amerikanische Volk
unbedingt seine siegreichen Soldaten nach Hause
bringen und seine Energie auf die Verwirklichung des
amerikanischen Traums konzentrieren.
Vielleicht noch lehrreicher sind die Unterschiede zwischen unseren Reaktionen auf die beiden großen
Kriege unseres Jahrhunderts. Nach dem Ersten
Weltkrieg zogen sich die Vereinigten Staaten hinter
ihre Ozeane zurück. Wir weigerten uns, den Völkerbund zu unterstützen. Wir haben es zugelassen, daß
unsere Streitkräfte kleiner und fast überflüssig wurden.
Wir haben die Flaute des Welthandels gefördert, dem
Opfer des Protektionismus, der nur den eigenen Leistungsbilanzüberschuß im Auge hatte. Und wir haben
zugesehen, als Deutschlands Demokratie in ihrem
Existenzkampf, die Weimarer Republik, unter der Last
der Reparationen, des Protektionismus und der Depression scheiterte und dem Schrecken, den wir als
das Dritte Reich kennen, den Weg bereitet hat.
Ebenso zeigte unsere erste Reaktion auf den Sieg im
Zweiten Weltkrieg, daß wir wenig gelernt hatten. Aber
aktiviert von einerneuen kommunistischen Bedrohung
durch eine imperialistische Sowjetunion haben die
Vereinigten Staaten gehandelt. NATO, IWF, Weltbank, Marshallplan - diese und andere Institutionen
beweisen, daß Amerikaner den Charakter der Herausforderung ebenso erkannt haben wie die Notwendigkeit zu reagieren. Unser Militär wurde modernisiert,
der freie Handel gefördert, die amerikanische Unterstützung für die früheren Gegner Deutschland und
Japan großzügig. Es paßt ins Bild, daß Dean Acheson
seine Memoiren "Present atthe Creation" nannte, weil
diese Jahre tatsächlich kreativ waren.
Das Ergebnis ist, wie gesagt, Geschichte. Wir haben
den Frieden bewahrt. Wir haben den kalten Krieg
gewonnen. Die Demokratie ist auf dem Vormarsch.
Jetzt steht dieses Land zum dritten Mal nach einem
Krieg der großen Mächte - dem kalten Krieg - auf der
Seite 2

Seite des Gewinners. Deshalb sind wir jetzt mit
derselben Frage konfrontiert: Wir haben den Krieg
gewonnen, aber sind wir bereit, den Frieden zu sichern?
Das ist die Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Dennoch gibt es bereits Stimmen aus dem
gesamten politischen Spektrum, die Amerika - manchmal nachdrücklich - auffordern, "heimzukehren, die
Verteidigung zu reduzieren, die Friedensdividende
auszugeben, den Markt gegen ausländische Waren
abzuschotten und Auslandshilfe zu streichen".
Diese Schlagworte kennen wir alle. Sie kennen auch
die sogenannten Lösungen: Protektionismus. Isolationsmus. Aber wir haben die Verpflichtung und die
Verantwortung gegenüber unseren Kindern, die falschen Antworten der Isolation und Protektion zurückzuweisen und die Lektionen der Geschichte zu beachten. Sich von der Welt abzuwenden, ist keine Antwort.
Es kümmert mich nicht, wie schwierig unsere wirtschaftlichen Probleme im Inland sind. Im Gegenteil die Zukunft der Vereinigten Staaten und der Welt sind
untrennbar miteinander verknüpft.
Der Grund dafür könnte nicht eindeutiger sein. Gestern gab es Konflikte, und heute ist die Welt ein
sichererer Ort. Die von uns so gefürchtete aggressive
Sowjetunion gibt es nicht mehr. Aber die Nachfolgerepubliken kämpfen immer noch darum, sich als Demokratien zu etablieren und den Übergang zum Kapitalismus zu leisten. Wir haben so viel investiert, um den
kalten Krieg zu gewinnen. Wir müssen alles Erforderliche investieren, um den Frieden zu gewinnen. Wenn
wir versagen, werden wir neue und tiefgreifende Probleme für unsere Sicherheit und die Europas und
Asiens schaffen. Wenn wir Erfolg haben, stärken wir
die Demokratie, bauen neue Marktwirtschaften auf
und schaffen Amerika große neue Märklö. Wir müssen Reformen nicht nur in Rußland, sondern in der
gesamten ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa
fördern.
Als ehemaliger Präsident ist Richard Nixon ein produktiver Autor. Als Präsident schrieb er ein Kapitel, das die
neue Weltordnung vorhersah. Heute bauen wir auf
den Grundsteinen auf, die in Tel Aviv, Kairo, Moskau
und Beijing gelegt wurden. Betrachten Sie nur die
Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die sich jetzt am
Westen orientieren. Betrachten Sie die aufstrebenden
Demokratien hier auf unserem eigenen Kontinent. Sie
sprechen über eine aufregende Geschichte - betrachten sie, was südlich des Rio Grande geschieht. Alle
Länder außer einem wenden sich der Demokratie zu.
Betrachten Sie Kambodscha und seine Nachbarn in
Südostasien, die den Jahrzehnten der Gewalt ein
Ende bereiten wollen. Oder den historischen Friedensprozeß im Nahen Osten - der auf eine Versöhnung Israels mit seinen arabischen Nachh«m hoffen
läßt. Es bleibt noch viel zu tun, aber man spricht
zumindest miteinander. Betrachten Sie die Vereinten
AMERIKA DIENST 11

�Nationen, die letztlich in der Lage sein könnten, die
Vision ihrer Gründer zu erfüllen.
Betrachten Sie Afrika und die Veränderungen in Südafrika. Ebenso die aufregenden Veränderungen in
Angola oder die Geschehnisse in Sambia. Der Erfolg
jedes einzelnen hängt von der Unterstützung und
Führungsrolle der Vereinigten Staaten ab. Denken Sie
auch an die Bedrohungen, die keine Grenzen kennen:
diese schleichenden Bedrohungen wie Drogen, Terrorismus, Krankheiten und Umweltverschmutzung und
vor allem - was mich am meisten beunruhigt - die
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und deren Trägersystemen. Auch sie werden dazu führen,
daß Amerika wachsam und stark ist.
In der Nixon-Bibliothek in Yorba Linda gibt es einen
Saal für große Persönlichkeiten der Welt, den Sie
hoffentlich alle gesehen haben - wenn nicht, sollten Sie
das nachholen. In diesem Raum werden die großen
Männer gewürdigt, die Führungsstärke bewiesen haben
- Churchill, Zhou Enlai und Charles de Gaulle. Präsident Nixon hat nicht nur die größten Staatsmänner des
zwanzigsten Jahrhunderts gekannt, sondern er ist
selbst einer von ihnen geworden - wie sie beurteilt nach
den abgewendeten Katastrophen und verwirklichten
Träumen.
Ein früherer Mitarbeiter hat einmal erzählt, wie Präsident Nixon sich nach der Wirkung einer außenpolitischen Rede erkundigte. Der Mitarbeiter schüttelte den
Kopf. "Ehrlich gesagt", erklärte er, "sie wird nicht die
Welt in Aufruhr versetzen". Präsident Nixon schüttelte
au^n den Kopf. "Das ist der Kern unserer Außenpolitik", sagte er fast zu sich selbst, "nicht die Welt in
Aufruhr zu versetzen."
Ja, die Übernahme der Führungsrolle bei der Bestimmung des Kurses, den die Welt, wie sie sich heute
entwickelt, einschlagen soll, wird Geld kosten. Aber
wie bei einer Versicherungspolice ist die Prämie bescheiden im Vergleich zu den Kosten des Lebens in
einer kriegerischen und feindseligen Welt. Im Kongre ß
fordern heute viele - vielleicht aus verständlichen
Gründen, aus innenpolitischen Erwägungen - die Friedensdividende. Sie möchten, daß wir unsere Verteidigungsausgaben weit unter den bereits reduzierten
Stand kürzen, der unserer Einschätzung nach vertretbar ist. Dem müssen wir widerstehen. Die Vereinigten
Staaten müssen bereit und fähig bleiben, den Frieden
zu uewahren. Gut ausgebildete und ausgerüstete
Streitkräfte lassen sich nicht über Nacht aufbauen,
wenn sich die Notwendigkeit dazu ergibt. Jeder, der
jemals in den Krieg gezogen ist, wei ß, daß der Frieden
selbst eine Dividende darstellt.
Diejenigen, die uns veranlassen möchten, weniger zu
tun, ignorieren die enge Wechselbeziehung zwischen
Entwicklungen in Übersee und denen im Inland. Hätten wir der Aggression am Golf vor einem Jahr nicht
widerstanden, hätten wir Kuwait nicht befreit und die

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Invasionsarmee des Irak besiegt, wären wir heute
nicht mit den wirtschaftlichen Folgen einer milden
Rezession, sondern mit einer schweren Wirtschaftskrise konfrontiert, verursacht durch Saddam Husseins
Kontrolle über den Großteil der Weltölreserven. Und
ich bin ganz sicher - ich nehme an, in diesem Saal mit
so vielen hervorragenden Denkern ließe sich darüber
eine gute und lebhafte Debatte führen -, aber ich bin
ganz sicher, daß Saddam Hussein heute in SaudiArabien stünde, wenn wir nicht gegen ihn vorgegangen
wären. Die Koalition wäre zerfallen, er stünde in SaudiArabien, und wir wären mit einer Agonie konfrontiert,
wie wir sie in der Geschichte unseres Landes noch nie
erlebt hätten.
Es ist ein Hirngespinst anzunehmen, daß wir unsere
Gesellschaft oder unsere Wirtschaft irgendwie von der
Welt jenseits unserer Grenzen isolieren könnten. Damit
will ich nicht sagen, daß wir nicht mehr im Inland tun
sollten. Natürlich sollten wir das. Aber auch die
Außenpolitik ist ein mächtiger bestimmender Faktor
für die Lebensqualität hier im Inland.
Der Isolationismus ist nicht die einzige Versuchung,
der wir aus dem Weg gehen müssen. Der Protektionismus ist ein weiterer Sirenengesang, dem schwer zu
widerstehen ist. Es gibt in der Tat zahlreiche Beispiele
unfairer Handelspraktiken, durch die amerikanische
Unternehmen aufgrund von verschiedenen Handelsschranken oder staatlichen Subventionen von staatlich beherrschten Auslandsmärkten ausgeschlossen
werden. Aber man kann Handelsschranken im Ausland nicht dadurch abbauen, daß man selbst welche
errichtet. In Handelskriegen gibt es keine Gewinner,
nur Verlierer.
Das Exportwachstum ist eine erprobte Lokomotive für
die Wirtschaft. Jede Milliarde Dollar an Warenexporten schafft unseren Berechnungen zufolge 20.000
Arbeitsplätze für Amerikaner. Und wir sollten uns
keine Sorgen über die Befähigung unserer Arbeitnehmer und Landwirte machen, in einer Welt des Wettbewerbs erfolgreich zu bestehen. Unser Ziel muß lauten,
den Handel zu verstärken, nicht zu verringern. Ein
Ausstieg, sei es unter dem Banner des Protektionismus oder dem des Isolationismus, ist lediglich ein
Rezept für Schwäche und letztlich für eine Katastrophe. Und das ist der Grund, warum ich so entschlossen bin, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um die
Uruguay-Runde des GATT erfolgreich abzuschließen
und ein Nordamerikanisches Freihandelsabkommen
mit Mexiko und Kanada zu erlangen. Es ist wichtig für
uns. Es schafft Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten.
Wenn ich also ein Thema wählen könnte, das Sie
heute von dieser Veranstaltung mit nach Hause nehmen, so wäre es folgendes: Es gibt keinen Unterschied dazwischen, wie es uns im Ausland ergeht und
wie wir im Inland leben. Außen- und Innenpolitik sind
zwei Seiten der gleichen Medaille. Natürlich werden

Seite 3

�wir keine Führungsrolle im Ausland spielen können,
wenn wir im Innern nicht geeint und stark sind. Aber es
ist nicht weniger richtig, daß wir in einer Welt, in der
militärische und wirtschaftliche Kriegführung die Norm
sind, in unserem eigenen Land nicht zum Aufbau der
von uns angestrebten Gesellschaft in der Lage sein
werden.
Meine Damen und Herren, die Verantwortung für die
Unterstützung einer aktiven Außenpolitik liegt bei jedem einzelnen Amerikaner. Aber diese Aufgabe betrifft in mancher Hinsicht besonders die heute abend
hier Versammelten. Wir treten in eine Welt ein, die
wahrscheinlich noch komplizierter wird - obwohl meines Erachtens unsere schwierigste Zeit die der Konfrontation mit dem imperialen Kommunismus war. Es
wird jedoch schwieriger und nicht leichter werden, eine
Führungsrolle in dieser Welt zu spielen. Und auch hier
haben Sie eine besondere Verantwortung, den Weg zu
weisen, Sie alle.

Jahren in der Küche in Moskau bei jenem berühmten
Treffen mit dem damaligen Premierminister Chruschtschow benutzten.
Sie beschreiben die Szene sehr lebendig in Ihrem
letzten Buch mit dem Titel "Seize the Moment". Als
Chruschtschow sich damit brüstete, daß "Ihre Enkelkinder im Kommunismus leben werden", antworteten
Sie, seine Enkel würden in Freiheit leben. Er hatte
unrecht, aber zu jener Zeit waren Sie nicht sicher, daß
er unrecht behalten würde. Heute wissen wir, daß Sie
recht hatten - genauso, wie Sie zu Recht beim Aufbau
einer sichereren, friedlicheren Welt mitwirkten.
Wenn wir in die Zukunft blicken, ist das einzig Sichere
die Tatsache, daß sie eine neue Welt bringen wird.
Unsere Aufgabe - unsere Chance - lautet, es ordentlich
zu machen, eine neue Weltordnung des Friedens, der
Demokratie und des Wohlstands aufzubauen. Wir
sollten uns dazu verpflichten, das Beste aus dieser
kostbaren Chance, aus diesem Privileg zu machen.

Herr Präsident, es sind sicherlich Millionen Worte über
Sie geschrieben worden. Wie Präsident Reagan ein- Ich danke Ihnen. Herr Präsident, ich bedanke mich.
mal sagte, waren einige davon sogar wahr. Ich möchte Es ist eine Freude, bei Ihnen zu sein. Gott schütze die
jedoch mit den Worten schließen, die Sie selbst vor 33 Vereinigten Staaten.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 11

�US-AUSSENPOLITIK
18. März 1992

DIE NEUE WELT
Rede von Präsident Nixon
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede mit dem Titel Die neue Welt, die der
ehemalige Präsident Nixon am 11. März 1992 bei der Konferenz über nationale Politik über Amerikas Rolle in
der sich abzeichnenden Welt gehalten hat. Die Konferenz wurde von der Nixon-Bibliothek organisiert.

Wir kommen zu einer Zeit großer Herausforderungen
zusammen, einer Zeit der Herausforderungen auch in
der Geschichte Amerikas. Wir treffen uns zu einer
Zeit, da drei Jahre von Ereignissen hinter uns liegen,
die die Welt verändert haben. Ich beziehe mich
natürlich auf den Zusammenbruch des Kommunismus
in Osteuropa und der Sowjetunion und auf unseren
Sieg über die Aggression im Golfkrieg. Infolge dieser
Ereignisse leben wir in einer neuen Welt, und es stellt
sich die Frage, wie die Führungsrolle der Vereinigten
Staaten in dieser neuen Welt aussehen soll.
Andere Teilnehmer dieser Konferenz und in anderen
Foren - an denen ich teilnehmen werde und an denen
hoffentlich auch Sie alle teilnehmen können - werden
darauf eingehen, wie die Politik der Vereinigten Staaten in dieser neuen Welt idealerweise aussehen soll.
In diesem politisch wichtigen Jahr werde ich mich in
meinen Ausführungen nicht nur darauf konzentrieren,
wie unsere Politik sein sollte, sondern darauf, was
politisch möglich ist. In diesem Zusammenhang sollte
ich erwähnen, bei politischen Kampagnen ist es die
Regel, daß der Kandidat aufsteht und sagt: "Dies ist
die wichtigste Wahl in der Geschichte". Ich weiß, daß
ich das oft gesagt habe. Natürlich ist jeder Wahlkampf
für den Kandidaten sehr wichtig. In diesem Fall ist er
auch für das Land sehr wichtig.
In den letzten 44 Jahren war ich Zeuge von 12 Präsidentschaftswahlen und habe an fünf Kampagnen als
Kandidat teilgenommen. In all den 44 Janren hat es
niemals einen Wahlkampf gegeben, in dem Außenpolitik weniger diskutiert wurde und dennoch so wichtig
war, weil derjenige, der in den nächsten vier Jahren
Präsident ist, die Führungsrolle übernehmen muß, die
erweisen wird, ob Frieden und Freiheit in der Welt
liberieben. Auf Grund dessen ist es eminent wichtig,
daß Außenpolitik im Mittelpunkt unserer Überlegungen steht.

AMERIKA DIENST 11

Im Hinblick auf die Au ßenpolitik haben wir eine Achterbahnfahrt hinter uns. Nach dem Sieg der Kommunisten in Vietnam waren die meisten Amerikaner der
Meinung, au ßenpolitisch könnten wir doch nichts erreichen, nach unserem Sieg im Golfkrieg hingegen war
man allgemein der Ansicht, wir könnten doch etwas
erreichen, und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, insbesondere in der Sowjetunion, sah man
sich darin bestätigt, alles erreicht zu haben.
Infolge dieser Ereignisse beobachten wir einen neuen
Isolationismus in beiden politischen Parteien. Der
neue Isolationist ist vorwiegend der Meinung, daß die
Vereinigten Staaten keine Führungsrolle mehr in der
Welt spielen können und sollen. Manche meinen, wir
könnten uns das nicht leisten, andere sind der Auffassung, es sei nicht notwendig, diese Rolle zu spielen
und wieder andere erklären, jemand anders solle diese
Rolle übernehmen.
Wenn wir uns diese Meinungen vor Augen führen,
erinnert mich das in etwa an eine improvisierte Band,
vielleicht eine Ragtime Band. Manche marschieren zu
unterschiedlichen Schlagzeugern, andere singen falsch,
aber alle haben dieselbe Melodie, dasselbe Lied komm nach Hause, Amerika.
Tatsächlich beobachten wir auch, daß ehemalige
Verfechter einer starken außenpolitischen Rolle der
Vereinigten Staaten jetzt erklären, es sei an der Zeit,
sich nach innen zu wenden, wir könnten uns unsere
Außenpolitik nicht mehr leisten, und unsere innenpolitischen Sorgen seien so groß, daß wir uns darauf konzentrieren sollten.
Die Verfechter dieser Linie berücksichtigen jedoch
eins nicht: Außen- und Innenpolitik sind wie siamesische Zwillinge - der eine kann ohne den anderen nicht
überleben. Sie denken auch nicht daran, daß das
amerikanische Volk keine starke Außenpolitik unter-

Seite 1

�stützt, wenn wir keine starke Innenpolitik haben, die
sich mit den Problemen im Inland befaßt. Und sie
berücksichtigen auch nicht, daß Außenpolitik auch
Auswirkungen auf unser innenpolitisches Verhalten
hat. In einer kriegerischen Welt können wir nicht in
Frieden leben, und wir können in einer kranken Weltwirtschaft keine gesunde amerikanische Wirtschaft
aufbauen. Nehmen wir zum Beispiel die Große Depression, an die wir uns alle erinnern - ich zumindest,
Sie werden darüber gelesen haben, während ich sie
durchlebt habe. Sie begann 1931 als Rezession und
weitete sich 1932 zur Depression aus, vor allem, weil
die Vereinigten Staaten mit dem Smoot-Hawley-Zollgesetz einer protektionistischen Politik anhingen.

anderen jetzt unabhängigen Staaten Osteuropas ignorieren. Rußland möchte ich nur als Musterbeispiel
benutzen. Was ich über Rußland sage, gilt auch für
andere.
Im Hinblick auf das Rußland von heute stellte mir
jemand am Tisch die folgende Frage: Wird es funktionieren? Werden sie überleben? Wird die Freiheit
überleben? Und die Antwort ist, daß es dabei hart auf
hart gehen wird.

Es wird hart auf hart gehen, weil zum jetzigen Zeitpunkt
zahlreiche negative Faktoren bestehen. Wie Dmitri
Simes in einem Artikel unlängst ausgeführt hat, gehört
dazu die um sich greifende Korruption. Darüber hinaus
Von dieser Position sehen wir ab und wenden uns der das Problem der ethnischen Auseinandersetzungen.
grundsätzlichen Frage zu: Ist es notwendig, daß die Wir haben femer das Problem des enormen Leids, das
Vereinigten Staaten angesichts all dieser Ereignisse in durch den Versuch ausgelöst wurde, wirtschaftliche
der neuen Welt eine Rolle spielen? Diejenigen, die Veränderungen durchzuführen, um in Rußland eine
darauf mit Nein antworten, gehen dabei meines Erach- freie Marktwirtschaft aufzubauen.
tens von einer falschen Voraussetzung aus, die da in
Einer der wichtigsten Gründe dafür, daß überhaupt
etwa lautet: der kalte Krieg ist vorbei, und wir haben ihn
ernsthaft die Frage besteht, ob die Freiheit in Rußland
gewonnen. Es ist Zeit heimzukehren. Das stimmt nur
Erfolg haben kann, ist das Fehlen einer Managerkaste.
zur Hälfte. Es stimmt in bezug auf den kalten Krieg,
Wenn ich vom Fehlen einer solchen Kaste spreche, so
aber die Kommunisten haben ihn verloren. Es stimmt
ist dies zugleich ein Hinweis darauf, warum die Analojedoch nicht, daß die freie Welt ihn gewonnen hat.
gie zum Marshallplan nicht funktioniert. Wenn wir
Wir müssen uns vor Augen führen, daß der kalte Krieg nämlich Rußland betrachten und zum Vergleich die
kein traditioneller Krieg ist, den große Mächte um Situation in Europa und auch in Japan nach dem
Territorium gefochten haben. Es war ein Krieg der Zweiten Weltkrieg nehmen, so wurde durch die fünf
Ideen, der Ideen des Kommunismus gegen die Ideen Kriegsjahre die Gruppe der Manager in Westeuropa
der Freiheit. Wir können diesen Krieg am eindeutig- und Japan nicht beseitigt. Siebzig Jahre des totalitästen in Rußland beobachten, wo die Saat des Kommu- ren Kommunismus in Rußland haben jedoch die
nismus zuerst gesät wurde. Das russische Volk hat die Managerkaste in Rußland zerstört. Deshalb muß ein
sehr bitteren Früchte dieser Saat geemtet und danach anderer Ansatz gewählt werden als einfach ein neuer
dem Kommunismus abgeschworen. Sie haben ihm Marshallplan. Dies sind die negativen Punkte.
abgeschworen, weil er nicht funktioniert hat.
Es bestehen aber auch einige positive Faktoren, die
Aber jetzt steht die Freiheit auf dem Prüfstand, und
wenn die Freiheit nicht funktioniert, wird das russische
Volk nicht aufgrund dessen zum Kommunismus zurückkehren, sondern meiner Ansicht nach zu einem
sogenannten neuen Despotismus greifen, in dem es
seine Freiheit gegen Sicherheit eintauscht, die Führungsrolle abgibt und seine Zukunft in die Hände jener
legt, die ihm das Lebensnotwendige sichern und Versprechungen machen, wobei sie auch über die Möglichkeiten verfügen, diese zu verwirklichen. Dieser
neue Despotismus, eine Nachwirkung des sterbenden
Kommunismus, der sich in Rußland in imperialistischen Aktivitäten äußern würde, wie sie immer wieder
in der russischen Geschichte vorkamen - dieser neue
Despotismus könnte eine sehr viel gefährlichere Bedrohung für Frieden und Freiheit in der Welt - insbesondere für den Frieden - sein als der alte sowjetische
Totalitarismus. Deshalb müssen wir hier und heute
darauf eingehen.
Wenden wir uns also Rußland zu. Beim Mittagessen
habe ich zu Dr. Brzezinski gesagt, ich sei nicht der
Meinung, man solle die Ereignisse in der Ukraine und
Seite 2

wir bisweilen übersehen, und einer davon ist der, daß
Rußland ein äußerst reiches Land ist, reich an Bodenschätzen und reich an Menschen. Es ist ein hochindustrialisiertes Land. Das russische Volk ist ein großartiges Volk, ein starkes Volk. Wir müssen uns der
Tatsache bewußt sein, daß 95 Prozent der Russen
lesen und schreiben können. Wir müssen berücksichtigen, daß etwa 90 Prozent der Erwerbstätigen einen
unserer High School vergleichbaren Abschluß haben.
Wir müssen darüberhinaus anerkennen, daß Rußland
einige der besten Wissenschaftler, der besten Ingenieure hervorbringt, insbesondere im Rüstungsbereich.
Manch einer vergißt, daß der erste Mensch im Weltraum kein Amerikaner, sondern ein Russe war.
Auf der Habenseite steht noch ein weiterer Faktor, den
wir häufig übersehen. Puschkin schrieb im 19. Jahrhundert, daß Aufstände in Rußland meist sinnlos und
gewalttätig seien. Besonders bedeutsam an der
Revolution, die sich gerade vollzogen hat, war die
Tatsache, da ß sie nicht gewalttätig und schon gar nicht
sinnlos war. Und dies ist ganz besonders Gorbatschow und Jelzin zu verdanken.

AMERIKA DIENST 11

�Der wichtigste Faktor auf der Habenseite ist jedoch die
Tatsache, daß Rußland, das neue Rußland, eine
starke Führungspersönlichkeit hat. Es besteht allerdings die Tendenz, Boris Jelzin zu unterschätzen.
Einige behaupten, er sei in seiner Politik nicht demokratisch genug. Andere wiederum meinen, er sei
intellektuell nicht leistungsfähig und sozial nicht umgänglich genug.
Ich habe in den vergangenen 44 Jahren viele politische
Entscheidungsträger erlebt. Ich würde sowohl Gorbatschow als auch Jelzin als politische Schwergewichte
bezeichnen. Beide wurden als Bauernsöhne geboren.
Gorbatschow wurde ein Mann von Welt, Jelzin blieb
ein Mann des Volkes. Und Jelzin darf dies jetzt niemals
vergessen.
Wenn er nun die Weltbühne betritt, muß er stets im
Gedächtnis behalten, daß er, wenn er die Welt verändern möchte, zunächst Rußland verändern muß. Er
muß es von der Diktatur zu einer Demokratie verwandeln. Er muß eine Kommandowirtschaft in eine Marktwirtschaft verwandeln. Und wenn er dies verwirklichen
will, wird er Hilfe brauchen. Die Frage lautet: Sollten
wir diese Hilfe bereitstellen?
Betrachten wir zunächst die positiven Faktoren im
Hinblick auf Jelzin. Jelzin hat seinen persönlichen Mut
bewiesen, als er sich auf einen Panzer stellte und einer
Bande von parteibuchtragenden Killern gegenübertrat, die einen stalinistischen Putsch anzettelten.
Darüber hinaus stellen wir fest, daß Jelzin - und dies ist
meines Erachtens sogar noch wichtiger - politischen
Mut hat. Mit der Freigabe des Rubelwechselkurses hat
er seine große Popularität aufs Spiel gesetzt. Es gibt
dort eine enorme Inflation, die erhebliche wirtschaftliche Härten verursacht und infolgedessen seine Popularität verringert hat. Es war jedoch der notwendige
erste Schritt, um von einer Kommandowirtschaft zu
einer freien Marktwirtschaft zu kommen.

Was benötigt er? Er benötigt eine Reihe von Dingen.
Um nur einige kurz zu erwähnen: er benötigt beispielsweise Hilfe vom IWF und aus anderen Quellen, und es
wird Milliarden Dollar erfordern, um den Rubel zu
stabilisieren. Er benötigt mehr offene Märkte für die
Exporte, die Rußland, das neue Rußland, im Westen
und in anderen Teilen der Welt erzielen möchte. Er
benötigt darüber hinaus die Hilfe des Westens im
Hinblick auf humanitäre Hilfe. Und es muß zweifellos
eine Einrichtung geben, eine westliche Gruppe, die alle
Bedürfnisse analysieren und bewerten sollte und dann
ein Programm entwickeln würde, um mit der Privatwirtschaft und den Regierungen zu erarbeiten, wie diese
Bedürfnisse erfüllt werden können.
Ich möchte nicht weiter ins Detail gehen, weil die
Experten Sie darüber informieren können. Um jedoch
eine sehr kurze Zusammenfassung zu geben, es ist für
uns wichtig zu erkennen, daß Jelzin sehr substantielle
Wirtschaftshilfe aus dem Westen benötigt. Nicht nur
aus den Vereinigten Staaten, wie ich betonen möchte,
sondern aus dem Westen. In ihrem heutigen Leitartikel schätzt die New York Times die Kosten der Hilfe
für einige der von mir erwähnten und andere Bereiche
auf etwa 20 Milliarden Dollar jährlich für einen Zeitraum
von fünf Jahren. Das ist viel Geld. Wie die Londoner
Financial Times jedoch gestern ausführte, müssen
20 Milliarden Dollar jährlich mit der zwanzigmal so
hohen Summe verglichen werden, die der Westen
noch im letzten Jahr vor dem Zusammenbruch des
Kommunismus für die Verteidigung gegen den Sowjetkommunismus ausgab. Unter diesen Umständen wird
somit alles in die richtige Perspektive gerückt.

Im Gegensatz zu Gorbatschow - lesen Sie dessen
erste Kolumne in der New York Times vor wenigen
Tagen - hat Jelzin nicht nur dem Kommunismus,
sondern auch dem Sozialismus eine Absage erteilt. Er
hat überdies alle von Gorbatschow geerbten Auslandshilfeprogramme eingestellt, die im Jahr 1990 den
russischen Haushalt mit 15 Milliarden Dollar belasteten. Dazu gehörte die Unterstützung einer Reihe von
Staaten, einschließlich Kubas, die dem Westen und
den Vereinigten Staaten ablehnend gegenüberstanden. Und wir alle wissen, daß er im Bereich der
Rüstungskontrolle mit der mutigen Rüstungskontrollinitiative Präsident Bushs nicht nur gleichgezogen hat,
sondern diese noch übertraf.

Kommen wir jetzt zu den harten politischen Fragen.
Was tun die Vereinigten Staaten? Wie werden wir
diesem Problem gerecht, insbesondere wenn wir uns
inmitten eines Präsidentschaftswahlkampfs und einer
Rezession befinden? Und das erste vorgebrachte
Argument, das auch gut aufgenommen wird, lautet,
daß die Vereinigten Staaten lange genug diese Last
getragen haben, es sei jetzt für andere an der Zeit, sie
zu übernehmen, daß wir nach dem Zweiten Weltkrieg
natürlich unseren Verbündeten Hilfe geleistet hätten,
aber auch unseren besiegten Feinden und diesen
damit die Erholung von den Folgen des Zweiten Weltkrieg ermöglicht hätten. Es sei deshalb an der Zeit,
daß diejenigen, denen wir geholfen haben, die Lasten
für die Unterstützung Rußlands, der anderen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion und
Osteuropas übernehmen, es sei an der Zeit, daß
diejenigen, denen wir bei der Erholung von den Folgen
des Zweiten Weltkriegs halfen, nun den anderen bei
der Erholung von den Folgen des kalten Krieges
helfen. Sie haben recht.

Was stellen wir also fest? Wir stellen fest, daß Jelzin
der prowestlichste Führungspolitiker in der russischen
Geschichte ist. Unter diesen Umständen verdient er
deshalb unsere Hilfe.

Die Hauptlast zur Erfüllung des Bedarfs in Rußland
und den anderen Ländern, die Hilfe benötigen, muß
von den Ländern Europas und Japan getragen werden, denen wir nach dem Zweiten Weltkrieg geholfen

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�haben. Die Vereinigten Staaten sind jedoch die reichste und stärkste Nation der Welt, und wir müssen die
Führungsrolle übernehmen. Dies können wir nur tun,
wenn wir am Verhandlungstisch sitzen. Wie Ben Stein
in einem anderen Zusammenhang sagte, kann man
nur am Tisch sitzen, wenn man auch Chips setzen
kann. Und wir haben genügend Chips, um ein ernsthafter Mitstreiter für die Führungsrolle zu sein.
In einem Wahljahr sehen wir uns jetzt mit einer grundlegenden Frage konfrontiert. Was haben wir davon?
Was haben wir davon, den Menschen in Rußland, der
Ukraine und den anderen unabhängigen Ländern der
ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas zu helfen?
Und die Antwort lautet, wir haben sehr viel davon.
Das Sprichwort sagt, jeder ist sich selbst der Nächste,
und ich stimme zu. Die Hilfe für Rußland, und ich
spreche hier insbesondere von Rußland, ist jedoch
kein Almosen. Wir müssen uns vor Augen führen, falls
Jelzin scheitert, ist die Alternative nicht besser, sondern unendlich viel schlechter. Wir müssen uns vor
Augen führen, wenn Jelzin versagt, wenn die Freiheit
versagt, wird die neue an ihre Stelle tretende Tyrannei
bedeuten, daß es mit der Friedensdividende vorbei ist,
daß wir wiederaufrüsten müssen und dies unendlich
viel mehr kosten wird als die Hilfe, die wir zur Zeit
bereitstellen. Es würde auch bedeuten - wenn Jelzin
scheitert, wenn die Freiheit in Rußland scheitert - daß
die große Woge der Freiheit, die die Welt in den
vergangenen zwei oder drei Jahren überflutet hat, zu
verebben beginnt und Diktatur statt Demokratie die
Woge der Zukunft sein wird.
Sollte der Freiheit in Rußland jedoch Erfolg beschieden sein, würde dies folgendes bedeuten. Es bedeutet, daß Rußland anderen - insbesondere China und
den anderen noch verbleibenden kommunistischen
Ländern - als Beispiel dient, auch für andere nichtkommunistische Diktaturen der Welt Modellcharakter hat
und sie wie ein starker Magnet anzieht.
Es würde auch bedeuten, daß wir mit dem Erfolg
Rußlands eine völlig neue Weltordnung scharfen würden
- eine neue Weltordnung in dem Sinne, was sie für
jeden bedeuten kann, insbeondere für uns in den
Vereinigten Staaten. Denken Sie nach. Seit siebzig
Jahren hat das kommunistische Rußland versucht,
den Kommunismus weltweit zu exportieren. Wenn
Jelzin und die Reformen Erfolg haben, wird ein demokratisches, freies Rußland das Positive und die Ideen
der Freiheit weltweit exportieren. Und das heißt, daß
wir in den kommenden Jahren Auswirkungen erleben
werden, die weit über Rußland, Europa und die ganze
Welt hinausgehen. Wirtschaftlich gesprochen bedeutet dies, daß das neue Rußland mit all der Produktionskapazität, die ihm in einer freien Wirtschaft zur Verfügung steht, gute Märkte für amerikanische Produkte
bietet. Das bedeutet Milliarden Dollar an Handel und
potentiell Millionen Arbeitsplätze.

Seite 4

Wenn Jelzin Erfolg hat, wenn die Demokratie überlebt,
bedeutet dies auch, daß unsere Kinder und Enkelkinder die Angst vor einem möglichen Atomkrieg beseitigt
haben, die sie jetzt verfolgt, weil Demokratien keine
Kriege anzetteln.
Wir kommen jetzt jedoch zu einer anderen politischen
Frage, und soweit ich weiß, interessieren sich die
Leute heutzutage für Politik. Die politische Frage
lautet: Alle Meinungsforscher sagen ihren Kandidaten, sprich nicht die Außenpolitik und insbesondere
nicht die Auslandshilfe an, weil Auslandshilfe als politisches Thema Gift ist. Sie haben unrecht, und die
Geschichte belegt dies.
Ich erinnere mich noch so lebhaft als sei es gestern
gewesen daran, was Harry Truman 1947 tat. Lassen
Sie mich erläutern, was er tat und warum er es tat. Im
Januar des Jahres 1947 lag Harry Trumans Popularitätsrate bei 35 Prozent. Die überwiegende Mehrheit
des Kongresses war republikanisch. Er hatte bei der
Wahl des 80. Kongresses im November zuvor eine
enorme Niederlage erlitten. Und ich erinnere mich als
sei es gestern gewesen, daß Harry Truman - unbekümmert, einige sagen sogar ein wenig großspurig vor einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses Millionen Dollar an Hilfsleistungen für Griechenland und
die Türkei beantragte, um die kommunistische Subversion und eine mögliche kommunistische Aggression abzuwenden. Es war eine außerordentlich knappe Abstimmung für zwei sehr junge und - wie die Geschichte später lehrte - recht ehrgeizige Kongre ßabgeordnete.
Die liberalen Demokraten in Jack Kennedys Wahldistrikt Massachusetts waren gegen militärische Auslandshilfe. Und die konservativen Republikaner in
meinem Distrikt Kalifornien waren gegen alle Auslandshilfe. Angesichts der Umstände und nach sorgfältigem Abwägen stimmten wir jedoch beide dafür,
und eine Mehrheit im republikanischen Repräsentantenhaus und im Senat stimmte für das Programm, das
später zum Mashallplan und noch später zur NATO
weiterentwickelt wurde, das nicht nur den Kommunismus eindämmte, sondern die Zeit einräumte, die zum
Scheitern des Kommunismus erforderlich war, so wie
er unweigerlich im vergangenen Jahr in der Sowjetunion und natürlich vor zwei Jahren in Osteuropa scheiterte.
Dies war ein unerläßlicher Akt. Im folgenden Jahr
gewann Harry Truman, der im Januar 1947 nur eine
Zustimmungsrate von 35 Prozent hatte, die Präsidentschaftswahl. Noch wichtiger ist jedoch, daß diese von
einem demokratischen Präsidenten eingeleitete und
von einem republikanischen Kongreß unterstützte Aktion,
Hilfe für Griechenland und die Türkei bereitzustellen,
den Grundstein legte. Es war ein unerläßlicher Schritt
zur Eindämmung des Kommunismus und der allmählichen Schaffung der Grundlage für den Sieg der

AMERIKA DIENST 11

�Freiheit in Rußland und der Sowjetunion. Und dann
gibt es die aktuelle Situation, in der ein republikanischer Präsident mit einem demokratischen Kongreß
die Chance hat, Maßnahmen zu ergreifen, um Rußland und den anderen Ländern Hilfe zur Verfügung zu
stellen, die wir hier erwähnt haben, die den Sieg der
Freiheit gewährleisten. Dies ist ein politisches und
auch ein außenpolitisches Thema.
Wir haben also eine Situation, die folgendermaßen
zusammengefaßt werden kann. Während des kalten
Kriegs taten die Vereinigten Staaten und die anderen
Nationen alles in ihrer Macht Stehende, um den Erfolg
grundsätzlich schlechter Ideen zu vereiteln. Jetzt
müssen wir alles in unserer Macht Stehende tun, um
den Erfolg der Ideen sicherzustellen, die gut sind.
Wenn die Vereinigten Staaten und die Menschen in
den Vereinigten Staaten beispielsweise so hervorragend reagieren könnten wie damals und das von mir
erwähnte Programm unterstützen würden, das Harry
Truman vor 47 Jahren in die Wege geleitet hat - ein
Programm, dessen Zweck in der Verhinderung und
Abwehr eines Kriegs besteht - wäre es nicht noch
erhebender, wenn die Vereinigten Staaten sich anderen Nationen bei einem Programm anschließen würden, das die Segnungen des Friedens bewirkt?
Mit anderen, einfachen Worten: Der Krieg bringt das
schlechteste und das beste im Menschen hervor.
Wirklicher Frieden kann und wird nur das beste hervorbringen. Dies ist die Frage, der sich alle, nicht nur die
politisch interessierten Amerikaner heute stellen müssen,
und meines Erachtens kennen wir die Antwort.

* *

AMERIKA DIENST 11

Wenn wir in die Zukunft blicken, müssen wir uns vor
Augen führen, daß wir diese große Verantwortung
tragen, daß dies aber auch eine einmalige Chance ist.
Das 20. Jahrhundert wird als Jahrhundert der Kriege in
die Geschichte eingehen. Mit unserer Führungsrolle
zu dieser Zeit können wir dazu beitragen, das
21 Jahrhundert zu einem Jahrhundert des Friedens
und der Freiheit zu machen. Das ist unsere Herausforderung.
In seiner Rede zum Eisernen Vorhang erklärte Winston Churchill: "Im Augenblick steht Amerika auf dem
Höhepunkt der Weltmacht. Dies ist ein feierlicher
Augenblick für die amerikanische Demokratie, denn
der Primat der Macht geht mit einer schrecklichen
Rechenschaftspflicht für die Zukunft einher."
Den Pessimisten und Negativem zum Trotz besitzen
diese Worte heute noch dieselbe Gütigkeit wie vor
genau 45 Jahren.
Amerika hat heute diese Verantwortung, und wir sagen, warum nicht jemand anderes? Und wenn die
Amerikaner nicht die Führungsrolle übernehmen, wer
dann? Die Japaner? Die Chinesen? Die Russen? Die
Deutschen? Sie sind die einzigen Nationen der Welt,
die das Potential derwirtschaftlichen und militärischen
Macht besitzen, um im nächsten Jahrhundert zu führen. Dies ist unser Augenblick der Größe. Dies ist
unser Augenblick der Wahrheit. Wir müssen diesen
Augenblick ergreifen, denn wir halten die Zukunft in

unseren Händen.

* *

*

Seite 5

�GUS -

WISSENSCHAFTLER
18. März 1992

WISSENSCHAFTSZENTRUM SOLL VERBREITUNG
VON WAFFEN VERHINDERN
Außenminister Baker über ein neues Projekt in Rußland
BRÜSSEL - (AD) - Am 11. März 1992 sagte Au ßenminister Baker die Unterstützung der Vereinigten Staaten für
ein neues Internationales Zentrum für Wissenschaft und Technologie in Moskau zu, das sowjetischen
Wissenschaftlern, die an der Entwicklung von Waffen beteiligt sind, neue Arbeitsplätze bieten soll. Baker
erklärte, "unsere Aufgabe ist vordringlich".

Die Vereinigten Staaten, die Europäische Gemeinschaft und Japan würden entscheidende Beiträge zu diesem
Zentrum leisten, das Baker zufolge frühere sowjetische Wissenschaftler davon abhalten soll, für andere Länder
an nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen, Trägersystemen für Raketen oder modernen militärischen
Technologien zu arbeiten.
Bei einer Sondersitzung zu dem neuen Zentrum erinnerte Baker daran, bei einem kürzlichen Besuch in
Tscheljabinsk 70, einer der wichtigsten Entwicklungsstätten für Atomwaffen der früheren Sowjetunion, habe er
"Besorgnis vernommen, daß sich die wirtschaftlichen und beruflichen Bedingungen bis zu einem Punkt
verschlechtern könnten, an dem sogar sehr patriotische und verantwortungsbewußte Spezialisten versucht sein
könnten, ihre Fähigkeiten skrupellosen Regimen auf der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen".
Bakar zufolge würde das Zentrum dieses "Ausbluten" verhindern und "einige der besten Köpfe daransetzen, die
quälendsten Probleme der Menschheit" lösen zu helfen und etwas Positives für das Wohl" der Menschen in
Rußland zu tun.
Baker bemerkte, von offizieller Seite hoffe man das auf russische Kosten errichtete Zentrum im Frühsommer
eingerichtet und funktionsfähig sowie die Projekte bewilligt und finanziert zu haben.
Nachfolgern veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Außenminister Baker.
Erst vor drei Wochen hatte ich die einmalige Gelegenheit, Tscheljabinsk 70 zu besuchen - eine der wichtigsten Forschungseinrichtungen für Atomwaffen in der
früheren Sowjetunion. Dies ist ein Ort, dem einige der
fähigsten Köpfe einer ganzen Generation ihre kreative
Energie zur Verfügung stellten, um Waffen zu entwickeln, die dem kalten Krieg seine bedrohlichste Dimension gaben.
uo.1 wurde mir bewußt, daß der Umbruch, der die
frühere sowjetische Gesellschaft außerhalb der stark
gesicherten Tore dieser abgelegenen Gemeinschaft in
den Bergen des Urals grundlegend verändert hat,
auch das Leben der Spezialisten im Innern auf den
Kopf stellt. Ich bin mit einer Gruppe hochrangiger
Mitarbeiter und Spezialisten zusammengetroffen und
habe mir angehört, was das Ende des kalten Kriegs und die daraus resultierende schwindende Nachfrage
h ihr^n Talenten - für sie bedeutete.

AMERIKA DIENST 11

Was ich dabei vernommen habe, war die tiefe Unsicherheit der Wissenschaftler über das, was die Zukunft bringen mag und Angst vor den möglichen negativen Auswirkungen für ihre Familien. Ich sah die
Entmutigung auf ihren Gesichtern über das, was hochqualifizierte Wissenschaftler wohl am meisten fürchten - das Fehlen intellektuell anspruchsvoller Arbeit.
Ich vernahm ferner die Besorgnis, daß sich die wirtschaftlichen und beruflichen Bedingungen bis zu einem Punkt verschlechtern könnten, an dem sogar sehr
patriotische und verantwortungsbewußte Spezialisten
versucht sein könnten, ihre Fähigkeiten skrupellosen
Regimen auf der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen.
Aber ich hörte auch einige sehr ermutigende Dinge von
den Wissenschaftlern in Tscheljabinsk. Ich hörte von
ihrer Bereitschaft - vielmehr ihrem Engagement - ihre
Fähigkeiten, die sie bisher für die Entwicklung von

Seite 1

�Waffen einsetzten, für nichtmilitärische Zwecke zur
Verfügung zu stellen. Ferner wurde der Wunsch laut,
nach Jahrzehnten physischer und intellektueller Isolation am internationalen Austausch der wissenschaftlichen Welt teilzunehmen und dringende technische
Probleme zu lösen, mit denen sich die Gesellschaft als
Ganzes konfrontiert sieht, nicht nur der kleine Teilbereich der Rüstungsindustrie.
Mit anderen Worten, in Tscheljabinsk 70 stieß ich auf
eine realistische Einschätzung der schwierigen vor
uns liegenden Herausforderungen zusammen mit dem
starken Wunsch, sich diesen Herausforderungen direkt zu stellen. Was fehlt, sind die finanzielle Förderung und der institutionelle Rahmen, um die Unterstützung dorthin zu lenken, wo sie benötigt wird.
Deshalb ist unser heutiges Treffen wichtig. Durch die
Einrichtung eines gut finanzierten Internationalen
Zentrums für Wissenschaft und Technologie können
wir in der Waffenentwicklung tätigen Wissenschaftlern
und Technikern gute Möglichkeiten bieten, um ihre
Talente in nichtmilitärischen Bereichen produktiv einzusetzen. Dadurch können wir die Anreize für hochqualifizierte Mitarbeiter minimieren, Tätigkeiten aufzunehmen, die der Verbreitung von nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen, Trägersystemen für
Raketen oder anderer moderner militärischer Technologie dienen.
Der Kampf gegen die Weiterverbreitung - die vordringlichste sicherheitspolitische Herausforderung der
neunziger Jahre und darüber hinaus - sollte daher ein
Kernpunkt der von diesem Zentrum finanzierten Projekte sein. Durch die Verwirklichung dieses wichtigen
Ziels können die Projekte des Zentrums auch umfassenderen Zielen gerecht werden. Sie können einen
Beitrag zu kontinuierlichen Bestrebungen leisten,
Massenvernichtungswaffen zu reduzieren und zu
zerstören. Sie können zu den Anstrengungen der
früheren Sowjetrepubliken beitragen, die schwierige
Umstellung von hochmilitarisierten Kommandowirtschaften zu marktorientierten Systemen zu schaffen, die
dem zivilen Bedarf gerecht werden. Und sie können
helfen, Lösungen für wichtige nationale und internationale Probleme zu finden, etwa im Zusammenhang mit
Umwelt, Gesundheit und Energie.
Unsere Aufgabe ist vordringlich. Wir müssen die Idee
eines Internationalen Zentrums für Wissenschaft und
Technologie so schnell wie möglich in die Tat umsetzen. Deshalb freuen wir uns, daß Vertreter aus der
Europäischen Gemeinschaft, Japan und den Vereinigten Staaten - drei Parteien, die erwartungsgemäß
wichtige finanzielle Beiträge für das Zentrum leisten

werden - jetzt gemeinsam mit Rußland ein internationales Abkommen zur offiziellen Gründung des Zentrums vorbereiten. Wir sollten alles in unserer Macht
Stehende tun, um die Unterzeichnung und das Inkrafttreten dieses Abkommens vor Ende März zu gewährleisten. Dann sollten wir mit konkreten Schritten
fortfahren, damit das Zentrum im Frühsommer eröffnet werden kann und funktionsfähig ist - mit bewilligten
und finanzierten Projekten. Die von uns heute veröffentlichte gemeinsame Erklärung beschreibt eine Reihe
von Maßnahmen für die nächsten Monate, damit das
Zentrum im Sommer seinen Betrieb aufnehmen kann.
Der Erfolg des Zentrums wird breite internationale
Unterstützung erfordern - von Regierungen, dem Privatsektor und auch von der Gemeinschaft internationaler Wissenschaftler. Wir begrüßen heute hier die
Teilnahme der Staaten der früheren Sowjetunion und
freuen uns auf den Meinungsaustausch mit ihnen über
die Organisation und die Funktionsweise des Zentrums.
Darüber hinaus begrü ßen wir die Beteiligung potentieller Sponsoren, einschließlich der hochrangigen Vertreter der Hauptgeberländer, die die ersten Vorstandsmitglieder des Zentrums sein werden. Wir hoffen, die
Zahl der Länder steigern zu können, die umfangreiche
Beiträge zu dem Zentrum leisten und gemeinsam mit
uns den Vorstand bilden werden. In diesem Zusammenhang möchte ich heute bestätigen, daß die Vereinigten Staaten jetzt aktiv die erforderlichen Schritte
unternehmen, um die 25 Millionen Dollar bereitzustellen, mit denen wir das Zentrum ins Leben rufen und
seine Projekte finanzieren wollen.
Das Problem, das wir hier lösen müssen, wird manchmal auch als "Ausbluten" bezeichnet - der Abfluß von
Talenten insbesondere an Orte, wo dieses Talent für
nicht wünschenswerte Ziele eingesekl v»;id. Das
Internationale Zentrum für Wissenschaft und Technologie, wie wir es ins Leben rufen wollen, kann dieses
Ausbluten stoppen.
Aber es kann noch mehr tun. Es kann einige der
besten Köpfe daransetzen, die quälendsten Probleme
der Menschheit lösen zu helfen. Es kann eine Rolle bei
der Umlenkung der produktiven Ressourcen der früheren Sowjetunion spielen und und etwas Positives für
das Wohl der Menschen tun. Die gemeinsamen
wissenschaftlichen Projekte des Zentrums werden
nicht nur die Grenzen der Wissenschaft erweitern - sie
werden die freundschaftlichen Bande zwischen unseren Ländern verstärken.
Für uns ist dies Rettung vor dem Ausbluten. Es ist eine
Lösung, in die es sich zu investieren lohnt.
•

*

Seite 2

*

"§C ff

AMERIKA DIENST 11

�MITTEL-/OSTEUROPA
18. März 1992

USA WOLLEN ZUSÄTZLICHE GELDER
FÜR MITTEL- UND OSTEUROPA
Eagleburger vor Unterausschuß des Repräsentantenhauses
WASHINGTON - (AD) - Die Bush-Administration hat im Haushalt 1993 450 Millionen Dollar für die Unterstützung der neuen Demokratien in Mittel- und Osteuropa beantragt. Dies sind 50 Millionen Dollar mehr als im
laufenden Haushaltsjahr, wie der Stellvertretende US-Außenminister Lawrence Eagleburger vordem Unterausschuß des Repräsentantenhauses für Bewilligungen feststellte.
Eagleburger zufolge sind diese zusätzlichen Mittel erforderlich, weil die Vereinigten Staaten heute mehr Staaten
in der Region helfen. Zu den sechs bisherigen Hilfeempfängern sind Estland, Lettland, Litauen und Albanien
hinzugekommen.
Die zusätzlichen Staaten haben laut Eagleburger "mit die dringendsten und langfristigsten Bedürfnisse in der
Region".
Präsident Bush möchte darüber hinaus in den Haushaltsjahren 1992 und 1993 620 Millionen Dollar an
humanitärer Hilfe und technischer Unterstützung für die ehemalige Sowjetunion bereitstellen. Diese Mittel
werden Eagleburger zufolge mit den bereits bewilligten 860 Millionen Dollar kombiniert.
Eagleburger appellierte an den Kongreß, diese "vergleichsweise bescheidenen Summen" zu bewilligen, da dies
im wirtschaftlichen Eigeninteresse der Vereinigten Staaten liege.
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Erklärung vor dem Unterausschuß im Wortlaut.
In den vergangenen Jahren waren wir Zeugen atemberaubender Veränderungen in Mittel- und Osteuropa
sowie der ehemaligen Sowjetunion. Über vier Jahrhunderte lang war Rußland ein imperialer, autoritärer
Staat, der seine Nachbarn dominierte und die Stabilität
sowohl in Europa als auch in Asien bedrohte. Heute
jedoch haben der Zusammenbruch des sowjetischen
Imperiums und die Diskreditierung des Kommunismus
bei 400 Millionen Menschen in der Region neue Hoffnungen auf Frieden und Wohlstand aufkeimen lassen.
Infolgedessen bietet sich uns die Aussicht auf ein
demokratisches Rußland, das sein Imperium aufge'öst hat und seine Energien auf innere Reformen
anstatt auf äußere Expansion lenkt. Dies ist eine
Aussicht, die sich unmittelbar auf die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten auswirkt, und es liegt
deshalb in unserem nationalen Interesse, sie zu unterstützen.
Aber diese Aussicht birgt noch viele Unsicherheiten,
und sie könnte leicht einem historisch bekannteren
Zustand weichen. Es gibt keine Garantie dafür, daß
sich die neuen Staaten Mittel- und Osteuropas oder
diejenigen der ehemaligen Sowjetunion zu befreunde-

AMERIKA DIENST 11

ten, wohlhabenden Demokratien entwickeln werden.
Sie sind auf ihrem Weg der Reformen mit enormen
Hindernissen konfrontiert, da der Kommunismus diese
Länder und ihre Volkswirtschaften an den Rand des
Ruins getrieben hat. Letztlich wird der Erfolg vom
Willen und der Entschlossenheit der Regierungen und
Völker der Region abhängen. Die westliche Hilfe kann
jedoch etwas bewirken, und wir haben die Pflicht vor
der Geschichte und gegenüber künftigen Generationen, unseren Teil dazu beizutragen, um ihrem demokratischen Experiment zum Erfolg zu verhelfen. Für
uns steht dabei auf dem Spiel, ob die jüngste Metamorphose von gefährlichen Gegnern zu Freunden und
Partnern ein dauerhaftes oder vorübergehendes
Phänomen ist.
Sicherlich besitzen die Vereinigten Staaten keine
unbegrenzten Mittel, insbesondere in einer Zeit ernster wirtschaftlicher Schwierigkeiten im Innern. Aber
das amerikanische Volk, das Billionen Dollar für die
Führung und den Gewinn des kalten Krieges ausgab,
ist hoffentlich willens, heute vergleichsweise bescheidene Summen aufzuwenden, um zu gewährleisten,
daß wir nicht unter anderem Vorzeichen erneut mit

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�einer alten Bedrohung konfrontiert werden. Wenn wir
heute das Richtige tun, werden wir alles in unserer
Macht Stehende geleistet haben, um unseren Kindern
das Gespenst des Atomkrieges und die kolossalen
Verteidigungsausgaben zu ersparen, mit denen unsere Generation seit dem Zweiten Wettkrieg leben mußte.
Auch unser Wohlstand steht auf dem Spiel. Die Völker
Mittel- und Osteuropas sowie der ehemaligen Sowjetunion bilden einen enormen neuen Markt für Handel
und Investitionen des Westens. Wir müssen uns aktiv
darum bemühen, den amerikanischen Privatsektor in
den Wiederaufbau dieser Region einzubinden. Ein
solches Engagement wird den USA nicht nur neue
wirtschaftliche Chancen eröffnen, sondern auch dazu
beitragen, Präsenz und Einfluß der Vereinigten Staaten in diesen aufstrebenden Demokratien zu stärken.
Sicherlich möchten wir nicht, daß der ehemalige
COMECON-Block durch Maßnahmen und Vereinbarungen mit anderen Handelspartnern für amerikanischen Handel und amerikanische Investitionen verschlossen ist. Unser Privatsektor kann positive Beispiele für die Werte des freien Marktes liefern, die
sowohl bei uns als auch im Ausland Grundlage des
Wohlstands sind. Durch den Einsatz amerikanischer
Waren und Dienstleistungen im Gegensatz zur bloßen
Überreichung von Schecks an ausländische Regierungen schafft unser Hilfsprogramm Arbeitsplätze im Inland sowie in Übersee.
Die amerikanischen Programme in Mittel-und
Osteuropa
Beim Beginn unserer Hilfsprogramme in den neuen
unabhängigen Staaten können wir uns auf die bisher in
Mittel- und Osteuropa gewonnenen Erfahrungen stützen. Als wir unser Hilfsprogramm im Jahr 19ß9 mit
dem Gesetz zur Unterstützung der osteuropäischen
Demokratien (SEED) einleiteten, unternahmen lediglich Polen und Ungarn umfassende Reformbemühungen. Heute unterhalten wir Programme in zehn Staaten Mittel- und Osteuropas. In den vergangenen 2 1 /
2 Jahren haben wir gemeinsam mit dem Kongreß ein
kreatives Hilfsprogramm entwickelt, das traditionelle
Maßnahmen mit innovativen Ansätzen verbindet, so
etwa die Unternehmensfonds in Polen, Ungarn, der
Tschechoslowakei und Bulgarien. Wir haben ebenso
wie die Osteuropäer gelernt, was rasch funktioniert
und was nicht, und wir streben weiterhin danach,
unsere Programme nach Bedarf anzupassen, um unsere
Ziele zu fördern.
Die in unsere Programme eingebaute Flexibilität hat
entscheidend dazu beigetragen, daß wir Mittel gegebenenfalls verlagern konnten, um auf plötzliche Veränderungen in einzelnen Empfängerstaaten zu reagieren
- Veränderungen, die unvermeidlich sind, wenn man
die zur Zeit durchgeführten beispiellosen Reformen
und die damit einhergehenden Umwälzungen berücksichtigt. Hätten wir zum Beispiel jedem Land in jedem

Seite 2

Haushaltsjahr Mittel zugewiesen, so wären wir nicht in
der Lage gewesen, Mittel zu transferieren, um auf die
dramatischen Ereignisse des vergangenen Jahres in
Bulgarien, Albanien und den baltischen Staaten zu
reagieren.
Meines Erachtens war es auch korrekt, daß wir den
Großteil unserer Hilfe direkt auf den Privatsektor konzentriert haben. Der Sturz des Kommunismus bedeutete eine Ablehnung staatlichen Einflusses im Alltagsleben. Wir möchten die noch in den Kinderschuhen
steckenden privaten Institutionen in diesen Ländern
stärken, anstatt bürokratische Strukturen zu verfestigen. Überdies gehen wir davon aus, daß der wichtigste Grund dafür, daß die Vereinigten Staaten die
Auszahlung ihrer Hilfszusagen mehr als doppelt so
schnell wie die Europäische Gemeinschaft leisten
konnte, darin liegt, daß wir unmittelbar mit dem privaten und nichtstaatlichen Sektor zusammenarbeiten
anstatt überstaatliche Institutionen der Empfängerländer zu gehen.
Darüber hinaus waren wir bestrebt, unser Hilfsinstrumentarium mit neuen Initiativen zu verbinden, die
amerikanische Handelsmöglichkeiten verbessern und
amerikanische Investitionen stärken sollen. Langfristig wird die Wirkung von Kapital, Waren und Dienstleistungen des amerikanischen Privatsektors auf die
Entwicklung freier Märkte im Ausland wesentlich größer sein als jede staatliche Hilfe, die wir anbieten
könnten.
Das Programm der Administration für Mittel- und
Osteuropa im Haushaltsjahr 1993
Bei der weiteren Bereitstellung humanitärer und technischer Hilfe für die unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion ist es unerläßlich, daß wir keine
Mittel aus unseren Programmen für Mittel- und Osteuropa abziehen. Erfolg oder Scheitern dcc politischen
und wirtschaftlichen Umbruchs vom Baltikum bis zum
Schwarzen Meer wird entscheidende Auswirkungen
auf die Aussichten für eine erfolgreiche Umgestaltung
in Rußland und den anderen unabhängigen Staaten
haben.
Die Finanzierung unseres Programms für Osteuropa
bleibt deshalb von unserem GUS-Programm streng
getrennt. Darüber hinaus beantragen wir für das
Haushaltsjahr 1993 eine Erhöhung der Gelder für
Mittel- und Osteuropa um 50 Millionen Dollar - auf 450
Millionen Dollar gegenüber 400 Millionen im Haushaltsjahr 1992. Der Zuwachs in unserem Antrag trägt
der Tatsache Rechnung, daß wir heute mehr Ländern
helfen. Als wir den Haushalt 1992 einbrachten, unterhielten wir Hilfsprogramme für sechs Länder. Seither
haben wir Estland, Lettland, Litauen und Albanien in
die Liste aufgenommen, und die Nachzügler haben mit
die dringendsten und langfristigsten Bedürfnisse in der
Region.

AMERIKA DIENST 11

�Mit der Veränderung in der Zahl der Empfängerländer
haben sich auch die Bedürfnisse gewandelt, die wir zu
erfüllen trachten. Obwohl wir weiterhin den Übergangscharakter unseres Hilfsprogramms für Osteuropa betonen, sind wir uns der Tatsache bewußt, daß wir
einigen Teilen der Region über einen erheblich längeren Zeitraum als ursprünglich geplant Hilfe leisten
müssen. Albanien zum Beispiel entspricht einem
traditionellen Entwicklungsland, in dem die Vereinigten Staaten und andere Geberländer wahrscheinlich
auf viele Jahre hinaus beim Aufbau von Institutionen
engagiert sein werden.
Im Hinblick auf das Programm möchten wir auf unseren Erfolgen aufbauen. Hier sind unsere Pläne für das
Haushaltsjahr 1993:
Polen wird im Einklang mit seiner Größe und
Bedeutung weiterhin der größte Einzelempfänger von Hilfe sein.
Wie in der Vergangenheit werden wir unser
Programmbudget auf Projekte für demokratische Initiativen (etwa 7,5 Prozent des Gesamtbetrages), zur Verbesserung der Lebensqualität (17,5 Prozent) und zur wirtschaftlichen
Umstrukturierung (75 Prozent) aufteilen.
Die Unternehmensfonds werden den größten
Einzelposten aus dem Haushalt 1993 erhalten,
da sie recht erfolgreich und rasch auf die Bedürfnisse des Privatsektors reagiert haben. Wir
gehen davon aus, daß die Fonds weitere Unterstützung von Gebern und Privatsektor anziehen
werden, wie bereits von den polnischen und
ungarischen Fonds unter Beweis gestellt wird.
Ein weiteres Schlüsselprogramm ist die amerikanische Unternehmensinitiative, mit der Handel und Investitionen der Vereinigten Staaten in
Osteuropa gefördert werden sollen. Damit wird
gleichzeitig amerikanischen Unternehmen geholfen und neue Arbeitsmöglichkeiten für die
Osteuropäer geschaffen.
Auch die Förderung von privaten landwirtschaftlichen Betrieben und Agrarunternehmen ist nach
wie vor oberste Priorität.
Wir werden weiterhin alle Länder Mittel- und
Osteuropas ermutigen, die Privatisierung voranzutreiben. Unsere Programme in diesem
Bereich machen einen bedeutenden Anteil
unserer Hilfe im Haushaltsjahr 1993 aus.
Das Programm der Administration für die neuen
unabhängigen Staaten im Haushaltsjahr 1993
Im Hinblick auf unserer Aktivitäten in der ehemaligen
Sowjetunion werden wir auf unsere Erfahrungen in
M?«a|- und Osteuropa zurückgreifen. Diese Paralle-

AMERIKA DIENST 11

len sind jedoch nur begrenzt gültig. Es handelt sich
hierbei um zwölf völlig neue Länder, die mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und in unterschiedlicher
Weise Fortschritte bei den Reformen erzielen werden.
Die Herausforderungen, mit denen wir uns in der
ehemaligen Sowjetunion konfrontiert sehen, sind
umfangreicher als die, denen wir uns in Mittel- und
Osteuropa gegenübersahen. Die Region ist sehr viel
größer, hat sehr viel mehr Bewohner, und die Probleme sind tiefgreifender. Der unmittelbare humanitäre
Bedarf erstreckt sich auf zahlreiche Bereiche, und die
Risiken politischer Instabiltät in bestimmten Gegenden
sind hoch. Private Geschäftsbeziehungen und soziale
Kontakte mit dem Westen sind verglichen mit dem
Großteil Osteuropas vor drei Jahren sehr viel weniger
entwickelt. Neue Regierungstrukturen werden gerade
erst geschaffen und die Gesetze noch geschrieben.
Und natürlich gibt es eine enorme Verteidigungsindustrie einschließlich einer atomaren Komponente, der
im Rahmen unserer Hilfsprogramme besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Mit anderen Worten: Die vor uns liegenden Herausforderungen sind beispiellos. Nur Geld in den Topf zu
werfen - vor allem Geld, das wir in diesen Zeiten
schwerlich vergeuden können - wird diese Probleme
nicht lösen. Willkürlich in die Region gepumptes Geld
könnte in der Tat Reformen verhindern und eben die
Abhängigkeiten schaffen, die zu lange in diesen Ländern bestanden haben. Wir müssen Vorsicht walten
lassen und die Ressourcen einzelner amerikanischer
Regierungsbehörden und eines engagierten Privatsektors bündeln, um die dringendsten humanitären
Krisen zu überwinden und politische Instabilität zu
verhindern. Darüber hinaus müssen wir auch die zur
Förderung tragfähiger Wirtschaftsreformen erforderlichen Marktmechanismen schaffen. Entscheidend für
diese Bestrebungen ist, die Beteiligung amerikanischer und westlicher Unternehmen an Handel und
Investitionen zu fördern.
Um diese beiden gleich wichtigen Ziele zu erreichen,
hat der Präsident für die Haushaltsjahre 1992 und
1993 neue Bewilligungen für die ehemalige Sowjetunion in Höhe von 620 Millionen Dollar beantragt. Diese
Mittel würden zur Bereitstellung von Hilfslieferungen
und technischer Hilfe zur Unterstützung demokratischer Reformen und Förderung der wirtschaftlichen
Umstrukturierung verwendet.
500 Millionen Dollar dieses Betrags würden für
humanitäre und technische Hilfe zur unmittelbaren Erfüllung dringenden Bedarfs aufgewendet.
Die technische Hilfe soll die notwendige Brücke
zwischen kurzfristiger humanitärer Hilfe zur
Bewältigung der Engpässe und der mittelfristigen Entwicklung zur Förderung des erfolgreichen Übergangs zu einer demokratischen
Gesellschaft und Marktreformen schlagen.

Seite 3

�Im Haushaltsjahr 1993 werden 100 Millionen
Dollar des Wirtschaftshilfefonds für technische
Hilfe zur Förderung demokratischer Reformen
und wirtschaflticher Umgestaltung bereitgestellt.

Förderung von Investitionen in den Energiesektor und dessen zunehmende Effizienz.
Förderung von bilateralem Handel und Investitionen, um den amerikanischen Privatsektor zu
ermutigen, in den neuen unabhängigen Staaten
tätig zu werden.

10 Millionen Dollar aus dem Entwicklungshilfefonds werden im Haushaltsjahr 1993 für Entwicklungshilfe in den ärmsten Staaten aufgeInitiativen zur Förderung der Entwicklung einer
wendet, und im Haushaltsjahr 1993 werden 10
demokratischen
Gesellschaft einschließlich
Millionen Dollar aus dem Fonds PL480 bewilligt,
Rechtsstaatlichkeit,
Bildungsreform, öffentlicher
um amerikanische Landwirte und AgrarexperVerwaltung
und
Medienprogrammen.
ten in die neuen unabhängigen Staaten zu entsenden, damit sie ihren dortigen Kollegen mit
Genausowenig wie in Osteuropa beabsichtigen wir,
Ausbildung und Rat zur Seite stehen.
bestimmte Obergrenzen für unsere Hilfe an die einzelDie Mittel werden den gesetzlich bereits bewilligten nen Staaten bei gleichzeitiger Umverteilung unserer
Ressourcen in Höhe von 860 Millionen Dollar zuge- Ressourcen festzusetzen, um sich wandelnde Bedürfschlagen. Sie werden folgendermaßen aufgeschlüs- nisse zu erfüllen und die unterschiedlichen Ebenen der
Reformbestrebungen anzusprechen. Unseren Schätselt:
zungen zufolge wird ungefähr die Hälfte der amerikaRund 210 Millionen Dollar an Nahrungsmittelhil- nischen Hilfsleistungen aufgrund der Größe und Befe (Nahrungsmittel im Wert von 165 Millionen deutung Rußlands dorthin gehen. Der Ukraine, Armeund überschüssige Bestände des US-Verteidi- nien, Kasachstan und Kyrgysstan räumen wir ebengungsministeriums in Höhe von 45 Millionen falls Priorität ein und werden sie entsprechend berücksichtigen.
Dollar).
100 Millionen Dollar vom US-Verteidigungsministerium zum Transport der Hilfslieferungen.
400 Millionen Dollar aus dem Verteidigungshaushalt zur Beseitigung atomarer und chemischer Waffen.
30 Millionen zur Bereitstellung dringend benötigter medizinischer Güter.

Generell wollen wir die Hilfe auf allen Ebenen - national
oder lokal - so angemessen und wirksam wie möglich
gestalten und sowohl mit staatlichen als auch nichtstaatlichen Gremien zusammenarbeiten. Wir werden
neue Mechanismen vorschlagen wie etwa die Eurasia
Foundation - eine Privatorganisation mit dem Ziel,
rasch auszahlbare Fonds für technische Hilfe, Ausbildung von Führungskräften und den Aufbau demokratischer Institutionen bereitzustellen.

120 Millionen Dollar an Mitteln vom Amt für
internationale Entwicklung (AID) und CCC-Kreditbürgschaften für technische Hilfsprogramme.

Obwohl noch viel zu tun bleibt, haben die Vereinigten
Staaten eine Führungsrolle bei der Erfüllung der vordringlichsten Bedürfnisse übernommen. Wir haben 21
Darüber hinaus hofft das Peace Corps bis zum Ende Millionen Tonnen an Getreide und andeien Nahrungsdes Haushaltsjahres 1993 bis zu 500 Freiwillige in die mitteln sowie Medikamente und medizinische Versorneuen unabhängigen Staaten zu entsenden, und wir gungsgüter im Wert von über 35 Millionen Dollar
werden mit Hilfe der Entwicklungsgesellschaft OPIC geliefert. Bis heute haben wir nahezu 70 Prozent
und der Eximbank amerikanische Investitionen und unserer Verpflichtungen erfüllt (einschließlich der landwirtschaftlichen Kredite) - ein sehr viel höherer ProExporte in die Region fördern.
zentsatz als andere Geberländer. Wir haben bereits
Unsere technischen Hilfsprogramme sind auf folgende Botschaften in elf der neuen Staaten eröffnet oder sind
Bereiche zugeschnitten:
dabei, dies zu tun. Wir sind damit befaßt, eine AIDVertretung vor Ort zu schaffen. Und, wie Sie vielleicht
Programme zur Privatisierung und Umstruktu- wissen, hat der Außenminister vergangene Woche
rierung der nochmilitarisierten Volkswirtschaf- Richard Armitage, der die Aktion Hoffnung erfolgreich
ten der neuen unabhängien Staaten durch die organisiert hat, zum Koordinator unseres gesamten
Konversion der Rüstungsindustrie und Umrü- Hilfsprogramms für die neuen unabhängigen Staaten
stung zu verbraucherorientierter Produktion.
ernannt.
Aktivitäten zur Förderung der Marktwirtschaft In Anbetracht der vor uns liegenden Herausforderunund zwar sowohl der makro- als auch der mikro- gen muß auch festgestellt werden, daß die amerikaniökonomischen Seite.
sche Hilfe nur ein Teil der internationalen Reaktion ist,
Verbesserungen bei Verteilung und Transport an der über 50 Nationen und multilaterale Institutionen
von Nahrungsmitteln sowie der Systeme für hu- beteiligt sind, um den neuen unabhängigen Staaten
Hilfe im Wert von rund 27 Milliarden Dollar zu leisten.
manitäre Dienstleistungen.
Bei der im Januar in Washington abgehaltenen KoorSeite 4

AMERIKA DIENST 11

�dinierungskonferenz kamen 54 Delegationen zusammen, um spezifische Aktionspläne für die Bereiche
Nahrungsmittel, Medikamente, Energie und technische Hilfe zu erarbeiten. Auch auf bilateraler und
multilateraler Ebene sind wir mit Vertretern der neuen
unabhängigen Staaten zusammengetroffen, um diese
Initiativen zu erörtern und durchzuführen. Wir übernehmen eine Führungsrolle bei der Unterstützung der
baldmöglichen Mitgliedschaft der neuen Staaten in
den internationalen Finanzinstitutionen, um die erforderliche makroökonomische Stabilisierung und Strukturveränderung zu fördern.
Zusammenfassend sollten wir uns vor Augen führen,
daß die westliche Staatengemeinschaft unter amerikanischer Führung zusammengearbeitet hat, um

während der dunklen Jahre des kalten Kriegs Demokratie und freies Unternehmertum zu schützen. Wir
haben den Menschen, die unter der Last des Totalitarismus leben mußten, Auftrieb und Hoffnung gegeben.
Es ist nun an uns allen, danach zu trachten, daß das
Versprechen einer Welt mit mehr Sicherheit und
Wohlstand verwirklicht wird. Unter amerikanischer
Führung haben die westlichen Demokratien erneut
eine Partnerschaft geschmiedet - dieses Mal mit unseren ehemaligen Gegnern - um unseren Kindern eine
stabilere Zukunft zu bieten. Wir blicken der Zusammenarbeit mit dem Kongreß bei der Erweiterung der
Hilfe erwartungsvoll entgegen, die so sehr in unserem
nationalen Interesse liegt.

* * * *

AMERIKA DIENST 11

*

Seite 5

�W A H L E N '92
18. März 1992

DIE VORWAHLERGEBNISSE DES "SUPERDIENSTAGS"
Der Stand der Delegiertenstimmen
Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht über die Zahl der Delegierten, die jeder Präsidentschaftskandidat nach den Ergebnissen des "Superdienstags" am 10. März 1992 für sich in Anspruch nehmen kann.

Demokraten (zur Nominierung erforderlich: 2.145)

Parteiversammlungen in Hawaii

Clinton

707,25

Brown

14

Tsongas

349,25

Clinton

50

Nichtgebunden

300,75

Tsongas

13

Brown

81,25

Sonstige

23

Republikaner (zur Nominierung erforderlich: 1.105)

Louisiana

Bush

560

Brown

7

46

Clinton

69

Tsongas

11

Sonstige

13

Buchanan
Nichtgebunden

6

Die
Ergebnisse
der
Vorwahlen
Parteiversammlungen am "Superdienstag"

und

Massachusetts
Demokraten

Stimmenanteil (%)
Brown

15

Clinton

11

Tsongas

66

Sonstige

8

Parteiversammlungen in Delaware
Brown

19

Clinton

21

Tsongas

30

Nichtgebunden

30

Mississippi
Brown

10

Clinton

73

Tsongas

8

Sonstige

9

Florida
Brown

12

Clinton

52

Tsongas

34

Sonstige

2

AMERIKA DIENST 36

Seite 1

�Parteiversammlungen in Missouri

Louisiana

Brown

7

Buchanan

27

Clinton

45

Bush

62

Tsongas

11

Duke

9

Nichtgebunden

37

Sonstige

2

Mississippi

Oklahoma
Brown
Clinton

17

Buchanan

71

Bush

Tsongas (keine
Teilnahme)
Nichtgebunden

Duke
0

Oklahoma

12

Buchanan

Rhode Island

70
3

19

Duke

Clinton

21

Rhode Island

Tsongas

53

Buchanan

Sonstige

17

Bush
Sonstige

Brown

8

Clinton

67

Buchanan

Tsongas

19

Bush

Sonstige

6

Texas

32

5

Tennessee

Sonstige

5

Texas

Brown

8

Clinton

65

Bush

Tsongas

19

Sonstige

Sonstige

8

Republikaner

11

Bush

Brown

Tennessee

1?

Buchanan

Stimmenanteil (%)

Florida
Buchanan

32

Bush

68
* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 36

�WAHLEN

'92
18. März 1992

VORWAHLEN UND PARTEIVERSAMMLUNGEN AM
"SUPERDIENSTAG"
Amerikanische Pressestimmen
Eine Reihe amerikanischer Zeitungen haben ihre Leitartikel den Ergebnissen der Vorwahlen und Parteiversammlungen vom "Superdienstag" am 10. März 1992 gewidmet. Nachfolgend einige Auszüge aus den
Kommentaren.

The Miami Herald
Im zweiten Anlauf bewirkte der Superdienstag für die
Demokraten, was seine Erfinder die ganze Zeit beabsichtigt hatten: Er machte einen Gemäßigten aus dem
Süden, Gouverneur Bill Clinton aus Arkansas, im
Nominierungsprozeß rechtzeitig genug zum Spitzenkandidaten der Partei, um starke rationale Anerkennung und Unterstützung für ihn aufzubauen... März ist
häufig der Monat der Zerreißproben für die Präsidentschaftskandidaten. Während sich das Feld verkleinert, verlagert sich die Gunst der Wähler von der
Frage, wer der beste Kandidat für ihre Partei ist zu der
Frage, wer der beste Präsident für die Nation wäre.
Das ist die entscheidende Frage für den letzten Superdienstag - den ersten Dienstag im November.
Detroit Free Press
Der Superdienstag hat einige wichtige Fragen über
den Auswahlprozeß bei den Präsidentschaftswahlen
beantwortet, läßt jedoch noch grundlegende Probleme
für uns in Michigan und unsere Nachbarn in Illinois
offen. Unsere Präsidentschaftsvorwahlen haben Pilotcharakter. Die am Superdienstag beteiligten Staaten haben dem Wahlkampf ihren Stempel aufgedrückt.
Wir hoffen, wir in Michigan können an unserem "Dienstag" den Auswahlprozeß entscheidend beeinflussen.
Baltimore Sun
Der enorme Stimmengewinn, den der Gouverneur von
Arkansas, Bill Clinton, im Süden einschließlich des
wankelmütigen Staates Florida für sich verbuchen
konnte, versetzt den ehemaligen Senator von MassacnusbuS, Paul Tsongas, in eine defensive Situation im
Hinblick auf die Vorwahlen der nächsten Woche, in der
Sieg ein Muß ist... Präsident Bush... hat die NominieAMERIKA DIENST 11

rung fest in der Tasche, und Patrick Buchanan wird
früher oder später entscheiden müssen, wie lange er
noch am Image des Amtsinhabers seiner Partei kratzen will.
Christian Science Monitor
Der Wahlkampf der Demokraten ist nicht vorbei. Tsongas
könnte am nächsten Dienstag in Illinois und Michigan
mit starken Auftritten neuen Auftrieb erhalten. Aber
nach dem Superdienstag hat Tsongas fast einen stehenden Start.
Auf der republikanischen Seite hat sich ein inzwischen
erprobtes Muster bewährt: Bush hat alle Wahlkämpfe
leicht gewonnen, konnte jedoch die verteufelten Proteststimmen nicht abschütteln. Er wird versuchen, die
Sorgen der Wähler anzusprechen, indem er den
Wahlkampfpfad verläßt und sich wieder als "Präsident" gibt. Der Herausforderer Pat Buchanan steht
eher als verdrießlicher Verlierer da. Der Wahlkampf
der Republikaner ist jetzt stinklangweilig geworden.
Erst beim Parteitag im August wird er wieder spannend.
The Washington Post
Da die Nominierung der Republikaner endlich entschieden scheint, ist der Wahlkampf der Demokraten
im Augenblick fesselnder. Vieleicht weil sie sich so
sehr an schlechte Nachrichten gewöhnt haben, scheinen zahlreiche Demokraten entschlossen, einige gute
Nachrichten, die ihren Weg kreuzten, in schlechte
umzumünzen. Zwischen ihren Kandidaten, die etwas
zu sagen haben, spielt sich ein ziemlich lebhafter,
interessanter und inhaltsreicher Wahlkampf ab. Der
Gedanke, ein unbeleckter Dritter könnte auftauchen
und gekrönt werden, scheint sich abzuschwächen: Es
Seite 1

�ist keinesfalls klar, ob dieser Dritte bei den Wählern
besser abschneiden würde als die drei Mitstreiter es
bereits im Wahlkampf tun. Es wurde zu Recht weithin
festgestellt, daß Gouverneur Clinton begonnen hat,
die demokratische Koalition wiederzubeleben, die in
jüngster Zeit kurz vor der Auflösung stand. Seine
Fähigkeit, eine schwarze Wählerschaft und eine wei ße
Arbeiterklasse zu mobilisieren, ist ein Durchbruch für
die Demokraten, die während der vergangenen Wahlen mehr gehandelt und gefeilscht haben als sich der
Aufgabe zu widmen, eine Koaliton zu schmieden, die
einen sozialen, rassischen und wirtschaftlichen Querschnitt bietet.
New York Times
Von allen Zahlen, die nach dem Superdienstag bekanntgegeben wurden, fällt eine besonders ins Auge.
Der weiße Südstaatler Bill Clinton gewann in Florida
die Hälfte der demokratischen Wählerstimmen, aber
etwa 75 Prozent der Stimmen von den Schwarzen.
Gouverneur Clinton mag die Nominierung der Demokraten gewinnen oder auch nicht, und er mag Präsident Bush im Herbst ein schwieriges Rennen bereiten
oder auch nicht. Wie auch immer - diese eine Zahl
bezeugt vielleicht zum ersten Mall seit der Vorwahlkampagne Robert Kennedys in Indiana im Jahr 1968,
daß es politisch möglich ist, arme schwarze und der Arbeiterschicht entstammende weiße Wähler zusammenzubringen. Letztlich ist es möglich, daß Amerikaner ihre rassische Teilung überwinden und sich statt
dessen auf ihre gemeinsamen Interessen konzentrieren.
Clintons Wahlkampf mag noch andere Schläge erleiden, die Beziehung von ihm und seiner Frau zu einem
gescheiterten Sparkassenangestellten muß noch geklärt
werden. Oder vielleicht verschafft ihm die Vorwahl
nächste Woche in Illinois einen entscheidenden Vorteil. Wie auch immer, Clintons Wahlkampf hat bereits
etwas erreicht, an das man sich erinnern wird: Die
Amerikaner können ohne Bitterkeit sagen: Schwarze
und Weiße stehen zusammen.
Kolumnist George Will
Clinton verfügt über viel Geld und wird wahrscheinlich
nominiert werden, obwohl er bedenklich viele Schwachstellen hat. Tatsächlich gewinnt er gerade aufgrund
derer: die Menschen bewundem die Art und Weise,
wie er sich durchbeißt und all die Last trägt. Aber die
Last bleibt, und im Herbst werden die Republikaner
sich in dieser Hinsicht nicht zurückhalten.
Dennoch tritt Clinton gegen einen Präsidenten an, den
ein Drittel der Republikanischen Partei und zwei Drittel
seiner Basis republikanischer Anhänger ablehnen.
Bush, der über die gesamte Exekutive gebietet, hat
zugelassen, daß das Thema des Wahlkampfes von
einem Kolumnisten auf Urlaub bestimmt wird. Erstaunlich.
Seite 2

Kolumnist Carl Rowart
Eines der bemerkenswertesten Dinge an den Wahlen
am Superdienstag ist die Tatsache, daß Gouverneur
Bill Clinton schließlich die armen Weißen und die
armen Schwarzen überzeugt, daß sie dasselbe Schicksal haben. Er scheint die Armen in Florida - wo es etwa
eine halbe Million Arbeitslose gibt - davon zu überzeugen, daß sie es sich nicht leisten können, sich gegenseitig zu bekämpfen, während privilegiertere Menschen Bildungschancen und Arbeitsplätze abstauben.
Clinton bekam nicht nur einen hohen Anteil der Stimmen von den armen Weißen und der weißen Mittelklasse, sondern auch drei von vier Stimmen aus der
schwarzen Bevölkerung.
Kolumnist Paul Greenberg
Es geht jetzt um die Nominierung von Bill Clinton für
das Amt des Präsidenten. Die 'White Hope' aus Hope
in Arkansas müßte sich schon einiges leisten, um zu
verlieren. Er hat die Delegierten aus dem Süden hinter
sich, wenn er in die von der Rezession angeschlagenen Staaten im Rostgürtel geht, nach Michigan und
Illinois. Er hat das Geld, und er verfügt über die
Organisation. Er hat die Helfer und die Unterstützung
seiner Partei. Er hat die Jugend und den Jargon, Züge
von Kennedy, und er verfügt über die Fähigkeit, uns zu
erzählen, was wir hören wollen. Er verkörpert den
echten, authentischen Geist der neunziger Jahre. Er
wird die Gewerkschaften gewinnen, auch wenn Bill
Becker von der AFL-CIO in Arkansas versucht, sie zu
warnen, wer wen bekommt. Er hat Hillary, das typische Mädchen aus Park Ridge, Illinois. Er hat alles
außer Charakter, und wann war dieser Mangel je ein
Hindernis für politisches Fortkommen in diesem oder
irgendeinem anderen Land?
Kolumnist William Murchison
Clintons Aufschwung am Superdienstag verändert die
Lage zugunsten Bushs Wiederwahl kaum. Bush, ein
potentieller Jimmy Carter? Ich habe Neuigkeiten für
Gennifer Flowers Seelenverwandte: Bill, Sie sind nicht
Ronald Reagan. Pat Buchanan mit seinem Ergebnis
von etwa 30 Prozent ist wahrscheinlich sogar in konservativen Staaten wie Texas fast am Ende.
Newsday
Erster Kommentar von Paul Tsongas: "Am Superdienstag sollten Leute w&lt;o ich aus dem Rennen geworfen werden. Nun, ich bin immer noch da." Beim
zweiten Teil seiner Aussage hat er recht, nicht ganz
jedoch beim ersten. Konservative Demokraten hatten
sich vom Superdienstag eine defensive Maßnahme
erwartet, um irgendeinen liberalen Yankee davon
abzuhalten, sich mit der Nominierung der Partei zum
Präsidentschaftskandidaten davonzumachen, während
andere Kandidaten noch in den Startlöcherr. ctsckien.

AMERIKA DIENST 11

�Und dieses Jahr hat es funktioniert... Es hat so gut
funktioniert, da ß der Gouverneur von Arkansas nun als
Favorit in die Vorwahlen der nächsten Woche geht.
Kolumnist Richard Cohen
Trotz all ihrer Unberechenbarkeit sind die Vorwahlen in
bestimmter Hinsicht doch berechenbar. Sie sind immer
instruktiv. Wir haben viel über Clinton erfahren (man
benötigt schon eine silberne Gewehrkugel, um ihn
aufzuhalten) und über Tsongas (er ist nicht ganz
derjenige, für den man ihn hielt). Seit New Hampshire
und insbesondere im Fernsehen erwies sich Tsongas
als weinerlicher, nörgelnder, unverbesserlicher Rechthaber, der einfach keinen Frohsinn erzeugt. "Ich
werde Ihnen etwas sagen, Bill Clinton", erklärte er am
Dienstag abend, "solange ich da bin, werden Sie sich
Ihren Weg ins Wei ße Haus nicht erschleichen." Das ist
das Programm eines Streithammels, kein Schlagwort,
hinter dem sich Millionen sammeln können.
Es liegt nicht an Tsongas, daß er ein Wei ßer aus einem
Nordstaat mit einem relativ kleinen schwarzen Bevölkerungsanteil ist. Und es sollte eine Rolle spielen, daß
er zwei Jahre freiwillig als Entwicklungshelfer in Äthiopien diente. Ausschlaggebend ist aber die Tatsache,
daß die Schwarzen im Süden für Bill Clinton stimmten
- ein Ausdruck des Vertrauens, den die Demokratische
Partei nicht übersehen kann und der überdies einem
Gouverneur zugutekam, der mit einer Art von Reform
der Sozialhilfe in Verbindung steht, der Konservative

applaudieren können.
Wall Street Journal

großartig es wäre, wenn er sich ohne Opposition für die
republikanische Nominierung bewerben würde, ohne
den Partisanenkrieg Buchanans. Dann könnte er sich
auf den quicklebendigen Gouverneur aus Arkansas
konzentrieren. Was der Präsident und das Land statt
dessen zur Zeit dringend benötigen, ist ein ernsthafter
politischer Wettbewerb zwischen ernsthaften Kandidaten mit ernsthaften Ideen. Zum jetzigen Zeitpunkt
scheinen wir eher in die entgegengesetzte Richtung zu
gehen. Kein Wunder, daß die Wähler so verdrossen
sind.
Los Angeles Times
Bush ist die Hauptzielscheibe der Unglücklichen, denn
er ist der einzige Präsident, den Amerika hat, und der
Präsident ist nun einmal das sichtbare Symbol des
politischen Establishments in Amerika.
Bush verliert bei jeder Vorwahl zwischen einem Viertel
und einem Drittel der republikanischen Wählerstimmen. Unmittelbarer Nutznießer ist Buchanan, dessen
fragwürdige oder besorgniserregende Ansichten über
Handel, Juden, Schwarze und zahlreiche andere Dinge ihn offenkundig für das Präsidentenamt ungeeignet
machen.
Eine Art Glück im Unglück für die Nation, eine Art
Silberstreif am Buchanan-Horizont ist die Tatsache,
daß der belesene und bisweilen scharfzüngige politische Journalist dem ehemaligen Ku-Klux-Klan-Führer
David Duke Stimmen entzieht, dessen Präsidentschaftswahlkampf in Louisiana ins Leere gelaufen zu sein
scheint.

Wir bezweifeln, daß das, was die Vereinigten Staaten
heute benötigen, eine leichte Wiederwahl von George
Bush ist. Der Präsident sprach gestern davon, wie

*

AMERIKA DIENST 11

*

Seite 3

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