<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<item xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" itemId="2226" public="1" featured="0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/show/2226?output=omeka-xml" accessDate="2026-11-04T02:54:48+00:00">
  <fileContainer>
    <file fileId="2237">
      <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/f3fecc28afe56e40475d869415424280.pdf</src>
      <authentication>264364b828ea8b41b9f8f4e3b0416481</authentication>
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="4">
          <name>PDF Text</name>
          <description/>
          <elementContainer>
            <element elementId="52">
              <name>Text</name>
              <description/>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="11338">
                  <text>^Sof7^

VON

cimerikci
dienet

U.S. Information Service
bassy of the United States of America

^&amp;

4$
,^'

*F

18. Dezember 1991

50
M

^ \ ^

5ETH€
f®ti:

N

^

USA REGEN WELTKONFERENZ ÜBER SOWJETHILFE AN
Rede von Außenminister Baker in Princeton

CHENEY NENNT TREFFEN DES VERTEIDIGUNGS-PLANUNGSAUSSCHUSSES NÜTZLICH

NATO

Erläuterungen des US-Verteidigungsministers

CIA

GATES ZU ZERFALL DER SOWJETUNION,
VERBREITUNG VON MASSENVERNICHTUNGSWAFFEN
Rede des CIA-Direktors vor dem Streitkräfteausschuß des Repräsentantenhauses

MENSCHENRECHTE

HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE AMERIKANISCHE MENSCHENRECHTSPOLITIK
von Richard Schifter

DROGEN

THERAPIEPROGRAMME IN GEFANGNISSEN
BIETEN STRAFTÄTERN EINE CHANCE
Programme für Obdachlose ebenfalls
erfolgreich

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
2. Halbjahr 1991

Mit dieser letzten Ausgabe des Jahres 1991
wünscht die Redaktion des Amerika Dienst allen
Beziehern ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest
und ein
friedliches und erfolgreiches neues Jahr

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�SOWJETHILFE
18. Dezember 1991

USA REGEN WELTKONFERENZ
ÜBER SOWJETHILFE AN
Rede von Außenminister Baker in Princeton
PRINCETON - (AD) - Außenminister Baker kündigte am 12. Dezember 1991 an, daß die Vereinigten Staaten die
demokratischen Industriestaaten, die ehemaligen Mitgliedstaaten des Ostblocks, die Koalitionsstaaten im
Golfkrieg sowie die internationalen Finanzinstitutionen zu einer Konferenz nach Washington einladen, um
Möglichkeiten zur Unterstützung der Völker der ehemaligen Sowjetunion zu erörtern. Diese Konferenz soll im
Januar stattfinden.
Vor Zuhörern an der Universität Princeton erklärte Baker, Präsident Bush schlage vor, "eine Koordinierungskonferenz zu veranstalten, damit wir unsere Bemühungen und Pflichten besser aufteilen, um dazu beizutragen, die
unmittelbaren und drastisch zunehmenden humanitären Bedürfnisse der Sowjets zu erfüllen".
"Über die unmittelbaren humanitären Bedürfnisse hinaus", sollte die internationale Staatengemeinschaft Baker
zufolge den Sowjets dabei helfen, die militärischen Relikte des kalten Krieges zu zerstören und zu kontrollieren,
eine demokratische "politische Legitimität" aufzubauen und die Kräfte des freien Marktes fest zu verankern, die
"wirtschaftliche Stabilisierung und Erholung stimulieren" werden.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion biete dem Westen eine "historische Chance", dem ehemaligen sowjetischen Imperium beim Aufbau von Demokratie und wirtschaftlicher Freiheit zu helfen. "Die Geschichte wird
unsere Bemühunyen als Erfolg bewerten, wenn wir den Demokraten helfen, Chancen für eine bessere Zukunft
offenzuhalte'v' o r ' lärte der Außenminister.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Bakers mit dem Titel "Amerika und der Zusammenbruch des
sowjetischen Imperiums: Was zu tun ist" im Wortlaut.

Diese Woche vor 41 Jahren war ich hier in Princeton in
meinem vorletzten Studienjahr und las die großen
Autoren, und William Faulkner erhielt den Nobelpreis
für Literatur. In seiner Nobelpreisrede sagte er, die
Tragödie der Zeit - ja, man könnte sie als Tragödie der
ganzen Generation bezeichnen - sei "eine allgemeine
und universelle physische Angst", und diese Angst sei
so groß, daß sie intellektuelle Probleme ersticke. Um
ihn zu zitieren: "Es gibt nur eine Frage: Wann werde
ich in die Luft gesprengt?"
Für meine Generation stellte Faulkner sicherlich die
richtige Frage. Nach 1945 wurde die amerikanische
Politik von einem strategischen, politischen und moralischen Imperativ beherrscht: den Krieg mit den Sowjets
zu vermeiden und gleichzeitig die Werte und Interessen des Westens zu bewahren.
Lieber tot als rot lautete damals ein Spruch. Tatsächlich aber gab es überhaupt keine Wahl. Während ein
AMERIKA DIENST 50

Atomkrieg uns physisch vernichtet hätte, hätte uns der
Stalinismus geistig zerstört. Alles andere mußte notgedrungen zweitrangig sein.
Um mit diesem Imperativ umzugehen, beschrieb George
Kennan - ein berühmter Sohn dieser Universität, der
heute unter uns weilt - Logik und Konzept der Politik
des Containment. Die sowjetische Macht war für
Kennan ein "flüssiger Strom", der sich unerschütterlich
auf das Ziel zubewegte, "jeden Winkel des Bassins der
Weltpolitik" auszufüllen.
Da er allem, was der Westen verkörperte, diametral
entgegenstand, mußte der Stalinismus aufgehalten
werden. Und dies konnte erreicht werden durch
"geduldiges und gleichzeitig festes und wachsames
Containment". Containment und ein kalter Krieg anstatt Rollback und heißem Krieg könnten Kennan
zufolge funktionieren, weil das sowjetische System der
menschlichen Natur völlig widersprach und deshalb
Seite 1

�langfristig zum Scheitern verurteilt war. Das Ziel - oder
realistischer, die Hoffnung - lautete, daß die Politik des
Containment die sowjetische Macht gegen sich selbst
kehren und ihren Niedergang beschleunigen würde.
Im Lauf der Zeit würde die stalinistische Bedrohung
aufgrund ihrer inneren Widersprüche zusammenbrechen.
Vier Jahrzehnte später läßt sich schlicht feststellen,
daß die Politik des Containment funktioniert hat. Der
von Lenin gegründete und von Stalin aufgebaute Staat
trug in sich die Saat seines eigenen Niedergangs. Und
als der Druck von außen anhielt - und Fenster zum
Westen geöffnet wurden -, brach der sowjetische Staat
im Inneren zusammen.
Die Geschichte hat Faulkners Frage nun beantwortet:
Wir werden nicht durch einen Krieg mit der Sowjetunion in die Luft gesprengt.
Aber, das ist nicht das Ende der Geschichte.
Unsere Politik war niemals ausschließlich darauf ausgerichtet, einen heißen Krieg zu verhindern oder den
Stalinismus im kalten Krieg zu besiegen. Was von
jedem Präsidenten und jedem Kongreß angestrebt
wurde, war eine andere Welt, frei von den Schatten
des Kriegs, von politischer Tyrannei, von wirtschaftlicher Not. Dies waren und sind unsere Ideale, und
diese von einem gesunden Realitätssinn geprägten
Ideale müssen weiterhin unserer Politik den Völkern
gegenüber zugrundeliegen, die im kalten Krieg unsere
Gegner waren, heute jedoch unsere Freundschaft und
Unterstützung suchen.
Infolge des sowjetischen Zusammenbruchs leben wir
in einer neuen Welt. Wir müssen diese Neue Russische Revolution, die mit der Niederschlagung des
Putsches vom August in Gang gesetzt wurde, nutzen,
um Beziehungen zu kultivieren - Beziehungen, die
nicht nur den Vereinigten Staaten sondern der ganzen
Welt zugutekommen können. Denn im Gegensatz zur
bolschewistischen Revolution trägt diese Revolution
des Jahres 1991 in sich die Saat einer besseren
Zukunft, eines dauerhaften Friedens. Sie könnte
sogar die Möglichkeit für ein Gedeihen der Demokratie
an Orten enthalten, die ihr lange Zeit unfreundlich
gesonnen waren.
Niemand, noch nicht einmal diejenigen, die diese
Revolution machen, können das Endergebnis, die
Struktur oder gemeinsamen Gebilde kennen, die von
diesen epochalen Ereignissen definiert werden müssen. Sie werden von den Beteiligten gestaltet, selbst
während ich hier spreche. Sie, nicht wir oder irgendein
anderer Außenstehender, werden das Ergebnis bestimmen.
Ich bin mir sehr wohl der Tatsache bewußt, daß sich
die Ereignisse rasch entwickeln und den Lauf der
Geschichte jede Minute verändern. Wir sprechen ja
immerhin von einer Revolution, die ihrem ureigenen
Seite 2

Charakter nach Neuland erschließen wird. Zweifelsfrei werden Fragen und Probleme entstehen, die heute
noch niemand vorhersehen kann.
Was ich Ihnen also heute anbiete, ist kein detaillierter
Plan. Es handelt sich vielmehr um die Prinzipien und
den Ansatz, die zusammengenommen ein Aktionsprogramm in einer revolutionären, unberechenbaren Situation definieren - eine Situation, in der der Westen
eine wichtige unterstützende Rolle spielen kann.
Wir sind weder die Anführer dieser Revolution noch
unbeteiligte Zuschauer; für ihre Anführer sind wir Modelle,
wir sind Partner für ihren Fortschritt, und wir können
noch auf Jahrzehnte hinaus ihre Nutznießer sein.
Doch die Zeit zum Handeln ist knapp bemessen.
So sehr wir von einem Erfolg dieser Revolution profitieren werden, werden wir dafür bezahlen, wenn sie
scheitert - ebenso, wie wir für den Zusammenbruch der
erfolgversprechenden demokratischen Revolution in
Petrograd im Februar 1917 bezahlten. Das Tempo
des Wandels ist gnadenlos, die Umgestaltung radikal.
Die Geschichte läßt niemandem Zeit zum Atemholen.
Ich möchte Ihnen also heute erläutern, was - für meine
Generation und für künftige Generationen - mit dem
Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums auf dem
Spiel steht. Danach möchte ich Ihnen einige Vorschläge dahingehend machen, was zu tun ist:
Was zu tun ist, damit die Waffen des kalten
Kriegs nicht zu Instrumenten unbeabsichtigter
und unkalkulierbarer Gewalt werden.
Was zu tun ist, um demokratische Werte und
Toleranz in einer Region zu entwickeln, die ihr
eigenes Zeitalter der Aufklärung durchläuft.
Und was zu tun ist, um ein Wirtschaftssystem zu
fördern, in dem sich die Initiative des einzelnen
ihre eigene Belohnung und Hoffnung auf eine
bessere Zukunft in der gesamten ehemaligen
Sowjetunion schafft.
Ich möchte mit einer kurzen Übersicht darüber beginnen, wo wir standen und wo wir uns heute befinden.
Wo wir waren und wo wir heute sind
Vor nahezu drei Jahren erkannte Präsident Bush die
neuen Chancen in den amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen, als er erklärte, es sei an der Zeit, über
die Politik des Containment hinauszugehen. Sein
Auftrag an mich war klar: den Dialog mit den Sowjets
zu vertiefen und auszuloten, ob das Versprechen der
Perestojka und des neuen Denkens eine neue Realität
für anhaltende amerikanisch-sowjetische Zusammenarbeit und international die Grundlage für ein neues
Zeitalter schaffen könnte. Im Herbst 1989 bezeichnete
ich diesen Prozeß als Suche nach Punkten beiderseitigen Vorteils.

AMERIKA DIENST 50

�Rückblickend kann meiner Ansicht nach fairerweise
gesagt werden, daß der Erfolg dieser Suche alle
Erwartungen übertroffen hat. Sie war so erfolgreich,
daß ich bereits ein Jahr später, im Oktober 1990,
erklären konnte, daß die Punkte beiderseitigen Vorteils zu Wegen der Zusammenarbeit geworden seien.
Die Sowjets und wir waren im eigentlichen Sinn bereits
weltweite Partner und nicht mehr Konkurrenten:
Partner bei der Förderung der deutschen Einheit in Frieden und Freiheit.
Partner bei der friedlichen Befreiung Mittel- und
Osteuropas aus dem Würgegriff des Kommunismus.
Partner beim Aushandeln radikaler Verringerungen der konventionellen und atomaren Waffen.
Partner bei der Beendigung regionaler Konflikte
von Mittelamerika bis zum südlichen Afrika und
Kambodscha.
Partner bei der Niederschlagung der irakischen
Aggression und anschließend bei der Förderung des Friedens zwischen Arabern und Israelis.
Partner also bei der Beendigung des kalten
Kriegs - der gefährlichen, aber letztlich notwendigen Konfrontation, die das internationale
Zusammenleben für meine Generation definierte und so sehr verzerrte.
Diese Leistungen waren hauptsächlich durch einen
einzigen Mann möglich geworden: Michail Gorbatschow. Dk ^... y estaltung, mit der wir uns heute
befassen, wäre ohne ihn nicht in Gang gekommen.
Sein Platz in der Geschichte ist sicher, denn er trug
zum friedlichen Ende des kalten Kriegs bei, und dafür
zollt ihm die Welt Dank und Respekt. Dasselbe gilt für
seinen Partner Eduard Schewardnadse. Damit einhergehend wurden durch das neue Denken in der
sowjetischen Außen- und Verteidigungspolitik neue
Realitäten geschaffen. Diese Maßnahmen waren
jedoch selbst nur das Produkt eines parallel laufenden,
potentiell jedoch wesentlich wichtigeren Wandels - der
von ihnen und anderen eingeleiteten Reformen zur
Umgestaltung der Sowjetunion.
Was auch immer die ursprünglichen Absichten von
Perestrojka und Glasnost gewesen sein mögen, Anfang August dieses Jahres war der allmächtige stalinistische Staat in Auflösung begriffen. Eine neue zivile
Gesellschaft trat in der gesamten Sowjetunion auf den
Plan. Die Demokratie löste den Kommunismus ab, die
Macht verschob sich vom Zentrum zu den Republiken,
und die alte zentral gelenkte Wirtschaft befand sich im
Todeskampf.
Da versuchte eine kleine Gruppe halsstarriger Männer
- die Verkörperung der stalinistischen Vergangenheit

AMERIKA DIENST 50

und ihrer Institutionen -, durch die Festsetzung Präsident Gorbatschows und den Aufmarsch von Panzern
die Revolution umzukehren. Aber das russische Volk
und sein mutiger Anführer, Boris Jelzin, überwanden
diese Panzer durch den Willen des Volkes.
Mit ihrem heldenhaften Triumph hat die innenpolitische Revolution in der Sowjetunion innerhalb von drei
Tagen die Geschichte um Jahre nach vorn katapultiert.
Wie Alexander Jakowlew mir an dem Tag erklärte, an
dem der Putsch scheiterte, versuchten die Putschisten
die Revolution abzuwürgen, schafften es jedoch nur,
sie zu beschleunigen. Die Perestrojka, die einst eingeleitet worden war, um den Marxismus-Leninismus zu
humanisieren und wiederzubeleben, endete statt dessen
ironischerweise damit, daß sie seine vernichtende
Niederlage herbeiführte.
Denn der gescheiterte Putsch versetzte nicht nur der
Kommunistischen Partei den Todesstoß. Diese drei
Tage erschütterten die sowjetische Welt in ihren Grundfesten, und in den drei folgenden Monaten barsten
selbst diese Grundfesten. Infolgedessen werden
Landkarte und Politik Eurasiens bis zur Unkenntlichkeit verändert und damit einhergehend auch die Voraussetzungen , die der amerikanischen Politik seit dem
Zweiten Weltkrieg zugrundelagen.
Was auf dem Spiel steht
Der dramatische Zusammenbruch des Kommunismus
in Moskau sowie die Auflösung des sowjetischen
Zentralstaats konfrontieren den Westen mit großen
Chancen ebenso wie mit drohenden Gefahren. Vom
Volk gewählte Politiker regieren heute große und strategisch bedeutende Republiken, darunter Rußland,
die Ukraine und Kasachstan. Sie erwarten von Amerika und dem Westen Führung und Hilfe bei der Einleitung echter, weitreichender politischer und wirtschaftlicher Reformen. Wenn sie Erfolg haben, wird sich die
jahrhundertealte Bedrohung des Westens - zuerst
durch die zaristische Autokratie und danach durch den
sowjetischen Totalitarismus - dauerhaft gewandelt
haben.
Die Chancen sind historisch:
Wir haben die Chance, Rußland, die Ukraine
und andere Republiken fest in der euro-atlantischen Gemeinschaft und im demokratischen
Staatenbund zu verankern.
Wir haben die Chance, die Demokratie in Länder zu tragen, die von ihr nur wenig wissen, eine
Errungenschaft, die Hunderte von Jahren überdauern kann.
Wir haben die Chance, die enormen menschlichen und materiellen Ressourcen dieser riesigen Länder für die Sache der Freiheit einzusetzen anstatt für den Totalitarismus und damit die
Sicherheit, den Wohlstand und die Freiheit

Seite 3

�Amerikas und der Welt ungeheuer zu verbessern.
Doch die Gefahren sind in ihren Dimensionen den
Chancen ebenbürtig:
Wirtschaftlich ist das alte sowjetische System
zusammengebrochen, und die Bedrohungen
für die Reformer vervielfachen sich täglich - von
sozialer Entwurzelung bis zu politischer Zersplitterung und gewaltsamen Nationalitätenkonflikten. Der Wiederaufbau von Volkswirtschaften, die von der zentralen Planung verwüstet
wurden, ist noch schwieriger als ein Wiederaufbau nach den Zerstörungen eines Krieges.
Politisch sind die Gefahren von anhaltender
Anarchie und Chaos offenkundig. Große Imperien verabschieden sich selten in aller Stille.
Niemand kann die Möglichkeit von der Hand
weisen, daß dunkle politische Kräfte in den
Ecken lauem, die Überbleibsel des Stalinismus
oder die Geburt von nationalistischem Extremismus oder sogar Faschismus verkörpern und
bereitstehen, um die Frustrationen eines stolzen aber erschöpften Volks in seiner Stunde der
Verzweiflung auszunutzen.
Strategisch könnten beide Alternativen - Anarchie oder Reaktion - die vitalen Interessen des
Westens bedrohen, wenn sie ein Land erschüttern, das immer noch nahezu 30.000 atomare
Gefechtsköpfe und das mächstigste jemals in
Europa angehäufte Arsenal konventioneller
Waffen beherbergt.
Was zu tun ist
Zusammengenommen bedeuten diese Gefahren für
die Vereinigten Staaten und den Westen einen Aufruf
zum Handeln. Der historische Wendepunkt - der
Zusammenbruch der kommunistischen Macht am
Geburtsort des Bolschewismus - markiert die Herausforderung, die uns von der Geschichte gestellt wurde:
das Ende des sowjetischen Imperiums für Rußland
und die Ukraine, Kasachstan und Weißrußland, Armenien, Kirgisien und andere Gebiete des ehemaligen
sowjetischen Imperiums in einen Neubeginn der
Demokratie und wirtschaftliche Freiheit umzumünzen.
Und dies muß vom Westen getan werden.
Wie wir während des kalten Kriegs ein Bündnis gegen
den Stalinismus organisierten, kann Amerika heute
eine Koalition zur Unterstützung der Freiheit mobilisieren.
Zusammen mit unseren Verbündeten in der NATO,
Japan, Südkorea, den anderen OECD-Staaten, unseren Partnern in der Golf koalition sowie internationalen
Institutionen müssen wir eine Diplomatie des kollektiven Engagements anstreben.

Seite 4

Zusammen mit den neuen Demokratien in der ehemaligen UdSSR können wir dazu beitragen, Wege der
Hoffnung zu eröffnen, damit die Neue Russische
Revolution das Versprechen der nächsten Generation
erfüllen kann.
Wir können nicht allein entscheiden, ob diese neuen
Demokraten erfolgreich sein werden. Ihr Erfolg liegt in
ihren Händen, in den harten Entscheidungen, die sie
zu treffen haben.
Aber die Geschichte wird unsere Bemühungen als
Erfolg bewerten, wenn wir den Demokraten helfen,
Chancen für eine bessere Zukunft offenzuhalten. Dies
sollte ein Hauptziel des Westens sein: dazu beizutragen, ein Klima zu schaffen, das Fortschritte ermöglicht
- ja, zur Förderung eines Prozesses beizutragen,
innerhalb dessen selbst begrenzte Erfolge Hoffnung
schaffen und mit der Zeit die Autorität der Demokraten
aufbauen.
Um den Wert unserer Bemühungen zu vervielfachen,
muß die internationale Koalition ihre Arbeit aufteilen.
Der Trümmerhaufen des Kommunismus ist zu groß,
als daß er von einer Nation allein bewältigt werden
könnte. In einer konzertierten Aktion müssen wir die
speziellen Vorteile nutzen, die jeder von uns zu bieten
hat.
So könnten die Vereinigten Staaten zum Beispiel die
Wissenschaftler in Los Alamos und Livermore einsetzen, die die Waffen des kalten Kriegs konzipierten, um
den Sowjets bei der Zerstörung ihrer Massenvernichtungswaffen zu helfen. Amerika - einschließlich der
Regierungen der Bundesstaaten sowie privater Unternehmen in Alaska, Washington, Oregon und Kalifornien - könnte zusammen mit Japan und Südkorea zur
Entwicklung des an natürlichen Schätzen so reichen
sowjetischen Fernen Ostens beitragen. Die nordischen Länder könnten sich auf die baltischen Staaten
sowie St. Petersburg konzentrieren. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank könnten ihr Engagement in den reformorientierten Republiken und jedem möglichen Zusammenschluß drastisch verstärken, um umfassende Wirtschaftsreformen zu unterstützen.
Um diese Koalition zu konkretisieren, schlägt
der Präsident vor, eine Koordinierungskonferenz zu veranstalten, damit wir unsere Bemühungen und Pflichten besser aufteilen, um dazu
beizutragen, die unmittelbaren und drastisch
zunehmenden humanitären Bedürfnisse der
Sowjets zu erfüllen. Die Vereinigten Staaten
werden die demokratischen Industriestaaten,
die mittel- und osteuropäischen Länder, die
Mitglieder der Golfkriegskoalition und die internationalen Finanzinstitutionen einladen, sich mit
uns Anfang Januar in Washington zu treffen, um
zu erörtern, wie wir die anhaltenden humanitären Bedürfnisse im Lauf des nächsten Jahres
am besten erfüllen können.
AMERIKA DIENST 50

�Diese Konferenz sollte darauf hinarbeiten, den sowjetischen Völkern Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten, um
durch diesen Winter zu kommen und sicherzustellen,
daß wir diesen Winter, Frühling und Sommer gemeinsam die richtigen Maßnahmen ergreifen und für den
nächsten Winter eine bessere Lage gewährleisten.
Unsere Bemühungen sollten sich auf den lebenswichtigen kurzfristigen Bedarf konzentrieren: Nahrungsmittel, Medikamente, Treibstoff, Obdach. In der Zwischenzeit werden die Vereinigten Staaten ihr ehrgeiziges, vom Präsidenten vor einem Jahr angekündigtes
Hilfsprogramm zur Lieferung von Nahrungsmitteln und
Medikamenten fortsetzen.
Unser kollektives Engagement muß jedoch über die
unmittelbaren humanitären Bedürfnisse herausgehen
und sollte um drei Aufgaben herum organisiert werden:
Am wichtigsten ist erstens, daß wir den Sowjets
helfen, die militärischen Relikte des kalten Kriegs
zu zerstören und zu kontrollieren.
Zweitens müssen wir unseren ehemaligen
Gegnern helfen, beim Aufbau politischer Legitimität nach dem Scheitern des Totalitarismus
demokratische Vorgehensweisen verstehen zu
lernen.
Drittens müssen wir die Kräfte des freien Marktes dabei unterstützen, die wirtschaftliche Stabilisierung und Gesundung in den Ländern der
ehemaligen Sowjetunion anzukurbeln.
Zweifellos lautet für uns eine der verwirrendsten Fragen : wer ist die Autorität oder wer sind die Autoritäten,
mit denen wir f^be'ten können? In einer Revolution, in
der sich die püüiische Gewalt aufgelöst und zersplittert
hat, scheint es unzählige mögliche Gesprächspartner
zu geben. Angesichts solcher Unsicherheit sollte sich
der Westen an den Tatsachen orientieren und diejenigen unterstützen, die unsere Prinzipien und Werte in
die Praxis umsetzen.
Das heißt, daß wir mit den Republiken und allen
Zusammenschlüssen zusammenarbeiten werden, die
sich für verantwortungsbewußte Sicherheitspolitik,
demokratische politische Praktiken und freie Marktwirtschaften engagieren. Glücklicherweise treten neue
politische Entscheidungsträger auf den Plan, die diesen Grundsätzen verpflichtet sind.
Die drei von mir angeführten Aufgaben verkörpern die
Bereiche, in denen unsere Prinzipien am wichtigsten
sind. Darüber hinaus repräsentieren sie die Pflichten,
die von den Mitgliedern der euro-atlantischen Gemeinschaft bereits übernommen wurden. Indem sie diese
Verpflichtungen akzeptieren, können neue politische
Gebilde der ehemaligen Sowjetunion dem demokratischen Staatenbund beitreten, politische Akzeptanz
gewinnen und unsere wirtschaftliche Unterstützung
rechtfertigen.

AMERIKA DIENST 50

Gewiß zeigen einige - Rußland, die Ukraine, Kasachstan, Armenien und Kirgisien - bereits ihre Absicht, die
Pflichten der demokratischen Staatengemeinschaft
anzunehmen. Sie verstehen, daß ihr Erfolg vor allem
von ihrem Engagement für Demokratie und wirtschaftliche Freiheit abhängt.
Sicherlich zeigen andere Regierungen - zum Beispiel
Georgien - bereits, daß der Kommunismus durch
autoritäre Regierungen abgelöst werden kann - die
deshalb unsere Akzeptanz oder Unterstützung nicht
verdienen.
Lassen Sie mich nun darauf eingehen, wie diese drei
Aufgaben als Aktionsprogramm dienen können.
Verantwortungsbewußte Sicherheitspolitik
Der kalte Krieg hat Zehntausende von Waffen hinterlassen, die über die gesamte Sowjetunion verstreut
sind, und er schuf darüber hinaus einen massiven
militärisch-industriellen Komplex. Wir müssen Rußland, der Ukraine, Kasachstan, Weißrußland, den
anderen Republiken und jedem Zusammenschluß dabei
helfen, eine verantwortungsbewußte Sicherheitspolitik zu verfolgen. Dies bedeutet vor allem die Zerstörung und Kontrolle der gefährlichsten Überbleibsel des
kalten Kriegs: der Massenvernichtungswaffen.
Erstens wünschen wir als Ergebnis der Umgestaltung
der Sowjetunion nicht die Bildung neuer Kemwaffenstaaten. Natürlich möchten wir, daß der STARTVertrag ratifiziert und durchgeführt wird. Darüber
hinaus möchten wir jedoch auch, daß die sowjetischen
Atomwaffen der sicheren, verantwortungsbewußten
und verläßlichen Kontrolle einer einzigen, gemeinsamen Autorität unterstehen. Der genaue Charakter
dieser Autorität muß von Rußland, der Ukraine, Kasachstan, Weißrußland und jedem Zusammenschluß
festgelegt werden. Eine einzige Autorität könnte natürlich auf der kollektiven Entscheidungsfindung über
den Einsatz von Kernwaffen basieren. Wir lehnen
jedoch die Entstehung weiterer unabhängiger Kommando- oder Führungsinstitutionen für Kernwaffen ab.
Von den vollständige Unabhängigkeit anstrebenden
Republiken erwarten wir, daß sie als atomwaffenfreie
Staaten den Nichtverbreitungsvertrag einhalten, den
Schutzmaßnahmen der IAEO in vollem Umfang zustimmen und wirksame Exportkontrollen für nuklearfähiges Material und verwandte Technologien durchführen. Solange einer dieser unabhängigen Staaten
Nuklearwaffen auf seinem Territorium stationiert hat,
sollten sich diese Staaten einheitlichen Kommandovereinbarungen anschließen, mit denen die Möglichkeit unabhängiger Kontrolle ausgeschlossen wird. In
diesem Zusammenhang begrüßen wir die Entschlossenheit der Ukraine, ein atomwaffenfreier Staat zu
werden, indem sie alle Nuklearwaffen in ihrem Land
vernichtet sowie die von ihr eingegangene Verpflich-

Seite 5

�tung, sich bis zur Beseitigung dieser Waffen einer
einzigen, einheitlichen Kommandostruktur zu unterstellen.
Auf Anweisung des Präsidenten haben wir
Austauschprogramme zwischen unseren Experten und ihren sowjetischen Kollegen über die
Sicherheit, den Schutz und die Demontage von
Kernwaffen in die Wege geleitet. Dieser Prozeß
hat bereits begonnen, und wir werden ihn in den
kommenden Wochen beschleunigen. Dies ist
nur ein Teil der umfassenderen Bestrebungen
zur Verbesserung der Sicherheit sowjetischer
Nuklearwaffen und der raschen Beseitigung eines
Gro ßteils dieser Waffen in sicherer und umweltverträglicher Art und Weise.
Ich freue mich bekanntgeben zu können, daß
die Administration bereit ist, Mittel aus der vom
Kongreß bewilligten Summe in Höhe von 400
Millionen Dollar für die Zerstörung der sowjetischen Massenvernichtungswaffen bereitzustellen.
Wenn wir während des kalten Kriegs Billionen von
Dollar für Raketen und Bomber zur Zerstörung der
sowjetischen Nuklearwaffen im Kriegsfall aufwenden
konnten, so können wir sicherlich auch in Friedenszeiten Millionen Dollar für die tatsächliche Vernichtung
und Kontrolle eben dieser Nuklearwaffen ausgeben.
Nichts könnte mehr im nationalen Sicherheitsinteresse der Vereinigten Staaten liegen.
Hierbei handelt es sich weder um milde Gaben noch
um Hilfe, sondern vielmehr um eine Investition in die
Zukunft eines jeden Amerikaners. Sicherlich wird die
amerikanische Bevölkerung bereit sein, einen Teil
unseres Verteidigungshaushalts von weniger als zwei
Dollar pro Person für die Zerstörung der auf uns
gerichteten Kernwaffen auszugeben.
Zweitens wollen wir Sorge tragen, daß die Verbreitung
von Massenvernichtungswaffen und destabilisierenden konventionellen Waffen nicht über die Grenzen
der ehemaligen UdSSR hinausgeht. Obwohl der Alptraum von Orwells 1984 der Vergangenheit angehört,
besteht der Terror von 1994 darin, daß ein Saddam
Hussein oder Muammar Gaddafi den Schwarzmarkt
nutzen wird, um Waffen von auf eigene Faust handelnden Militäreinheiten oder Blaupausen von arbeitslosen
Ingenieuren zu kaufen. Wir wollen sicherstellen, daß
das kreative Talent der sowjetischen Wissenschaftler
und Ingenieure nicht für gefährliche Militärprogramme
in der übrigen Welt genutzt wird. Und wir erwarten, daß
die Republiken und jeder sonstige Zusammenschluß
strikte Exportkontrollmaßnahmen verabschieden und
strenge Mechanismen zur wirksamen Durchsetzung
dieser Maßnahmen einführen.
Die Administration wird ein Expertenteam entsenden, um die politisch Verantwortlichen in

Seite 6

den Republiken davon zu unterrichten, was die
internationale Staatengemeinschaft in diesem
Bereich erwartet. Wir werden mit anderen Mitgliedern der Gruppe der Anbieter von nuklearfähigem Material, der Australien-Gruppe und dem
Kontrollregime für Raketentechnologie bei der
Veranstaltung von Seminaren und der Bereitstellung von technischem Know-how für die
Republiken und jeden Zusammenschluß zusammenarbeiten. Wir sollten Programme fördern, in deren Rahmen die sowjetischen Wissenschaftler und Ingenieure - nach Möglichkeit
in Zusammenarbeit mit ihren Kollegen im Westen - ihre Talente für vordringliche globale
Probleme einsetzen können statt für die Schaffung neuer Bedrohungen.
Drittens stellt das "internationale" Wettrüsten zwischen
den ehemaligen Sowjetrepubliken eine potentiell ernste Gefahr für die europäische Sicherheit dar. Wir
beobachten bereits Anzeichen, daß einige der Regierungen in den Republiken - vor allem Aserbaidschan sich für den Krieg mit anderen Republiken bewaffnen.
Diejenigen, die eine so verfehlte und anachronistische
Politik verfolgen, sollten wissen, daß sie weder von
Westen akzeptiert werden noch auf seine Unterstützung zählen können. In diesem Zusammenhang sind
wir durch die Bestrebungen der Ukraine und Ru ßlands
ermutigt, produktive, von Bedrohungen freie Beziehungen zu entwickeln.
Wir erwarten, daß der KSE-Vertrag von den
zuständigen Behörden in die Praxis umgesetzt
wird. Und wir werden die Erweiterung der KSE
1A-Verhandlungen vorschlagen, damit sich seine
Bestimmungen zur Mannschaftsstärke auch auf
die jeweiligen Republiken erstrecken. In der
kommenden Woche werde ich in Brüssel mit
unseren NATO-Partnern erörtern, wie wir diese
Republiken und sonstigen Zusammenschlüsse
einbeziehen können, die eine verantwortungsbewußte Sicherheitspolitik verfolgen sowie
demokratische politische Praktiken und freie
Marktwirtschaften anstreben. Indem wir ihnen
durch die NATO die Hand reichen, können wir
den Republiken politischen Rückhalt bieten und
ihren Wunsch dämpfen, einen destabilisierenden Rüstungswettlauf miteinander aufzunehmen.
Viertens streben wir die Entmilitarisierung der sowjetischen Wirtschaft und den Übergang zu demokratischen Beziehungen zwischen Militär und Zivilbevölkerung, freien Märkten sowie einem Gleichgewicht zwischen sozialen Bedürfnissen und vernünftiger und
verantwortungsvoller Sicherheit an. Zweifelsohne
erwartet niemand die totale Abrüstung, aber es ist eine
Tatsache, daß der stalinistische Staat ein Gebilde der
Rüstungsindustrie war, der sein Volk aus Eigennutz
beraubte. Dieser Komplex wird weiterhin demokrati-

AMERIKA DIENST 50

�sehe Fortschritte und jegliche Hoffnung auf wirtschaftliche Gesundung lähmen, solange er den Großteil der
sowjetischen Ressourcen kontrolliert.
Am kommenden Donnerstag (19. Dezember)
werde ich mit den NATO-Außenministern zusammentreffen, und am Tag danach werden wir
mit unseren Amtskollegen aus dem Osten beim
ersten Treffen des Nordatlatischen Kooperationsrats zusammenkommen. Wir haben den
Vorschlag unterbreitet, daß die NATO eine
Arbeitsgruppe zur Konversion der Rüstungsindustrie gründet, um das gesamte Spektrum der
damit einhergehenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen in Angriff
zu nehmen. Dies bedingt, daß wir auf die uns
zur Verfügung stehenden Ressourcen zurückgreifen, einschließlich der Beteiligung multilateraler Organisationen.
Politische Legitimität
Das herausragendste Merkmal des Umfelds nach dem
Putsch war die dramatische Verlagerung der Macht
vom Zentrum zu den Republiken. Die Frage der
Legitimität des sowjetischen Imperiums hat die Form
einer antikommunistischen Revolution angenommen.
Sie erhält jedoch von einer parallel verlaufenden
Revolution mit mindestens ebensolcher Schlagkraft
Auftrieb: einer antiimperialistischen Revolution.
Der Zerfall der Sowjetunion wird durch die Frage der
politischen Legitimität, die Wiedergeburt des Nationalismus und den wirtschaftlichen Zusammenbruch betrieben. Das Erg?hr!'s war die Aushöhlung der Zentralmacht und der Übergang der Macht an die Republiken,
von denen Uta meisten ihre Unabhängigkeit erklärt und
neue Behörden mit neuer Legitimität geschaffen haben. Jetzt müssen sie entscheiden, was diese Unabhängigkeit in der Praxis bedeutet und zwar sowohl für
ihre Völker als auch für die künftigen Beziehungen der
Republiken untereinander.
In diesem Prozeß werden die neuen unabhängigen
Republiken zu der Erkenntnis gelangen, daß auch sie
sich nicht den Problemen der Legitimität und des
Nationalismus entziehen können. Wir hegen die berechtigte Hoffnung, daß die Republiken den demokratischen Kurs einschlagen und eine von Grund auf neue
Legitimität formulieren werden. Aber obwohl sie für die
Behandlung dieser Fragen besser ausgerüstet scheinen als das geschwächte Zentrum, sind auch die
Republiken offenkundig nicht immun gegen die Kräfte
der Zersplitterung. Selbst auf der Ebene der Republiken wird politische Autorität ohne Zustimmung der
Regierten in Frage gestellt. Entsprechend verlangen
die ethnischen Minderheiten in den Republiken die
Berücksichtigung ihrer Rechte.
Wenn die Regierungen in den Republiken nicht reagieren, indem sie ihre Unabhängigkeit durch Demokratie

AMERIKA DIENST 50

und Gleichbehandlung von Minderheiten ergänzen,
werden sie bald dieselben Krisen der Legitimität, des
Zusammenhalts und der Effektivität durchmachen,
wie sie die zentrifugale Neuverteilung der Macht verursacht hat.
Ohne Legitimität wird es niemals Stabilität geben.
Ohne Stabilität wird die westliche Sicherheit niemals
gewährleistet sein. Wie ich festgestellt habe, als ich
am 4. September meine fünf Prinzipien darlegte, heißen wir die neuen politischen Zusammenschlüsse im
Staatenbund demokratischer Nationen willkommen,
die an demokratische Werte glauben und demokratische Praktiken anwenden, Menschenrechte achten,
einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten, Grenzen respektieren und Veränderungen nur mit
friedlichen Mitteln und auf der Grundlage von Konsensentscheidungen vornehmen, internationale Verpflichtungen sowie die Bestimmungen und Praktiken der
Schlu ßakte von Helsinki und der Pariser Charta einhalten. Wir werden jedoch diejenigen isolieren, die Stalinimus oder Faschismus mit nationalistischer, liberaler
oder demokratischer Rhetorik bemänteln.
Vor über einem Jahr habe ich einen breitgefächerten
"demokratischen Dialog" mit allen Ebenen der sowjetischen Gesellschaft gefordert. Zu diesem Zweck
haben wir unsere Kontakte und Beziehungen mit den
Republiken und kommunalen Behörden erweitert. Viele
der neuen Politiker wollen unserem Beipiel folgen und
Demokratien und freie Marktwirtschaften aufbauen.
Um ihnen behilflich zu sein, schlagen wir darüber
hinaus folgendes vor:
Mit unseren KSZE-Partnern mögliche Wege zur
Integration dieser Republiken und aller sonstigen Zusammenschlüsse in die KSZE zu erörtern, die unsere fünf Prinzipien anerkennen und
diese verwirklichen.
Unseren KSZE-Botschafter in die Republiken
zu entsenden, um mit ihnen die Umsetzung der
KSZE-Bestimmungen in die Praxis zu besprechen und
das US-Informationsamt zur Erweiterung seiner
Austauschprogramme auf Bundesstaaten- und
Gemeindeebene in den Vereinigten Staaten zu
veranlassen. Einen Großteil dieser Projekte
könnten Ausbildungsprogramme in Öffentlichkeitsarbeit für Regierungs- und Gemeindevertreter der Republiken ausmachen.
Wirtschaftliche Gesundung
Während wir mit den Russen, Ukrainern, Kasachen
und anderen bei der Vernichtung der Waffen und der
Kultivierung der Demokratie zusammenarbeiten, könnte der russische Winter - wie in den Jahren 1812,1917
und 1941 - wiederum den Lauf der Geschichte beeinflussen. Während die Wirtschaft zusammenbricht und

Seite 7

�kein Ende in Sicht ist, verschärft der Beginn der
Kälteperiode die Situation und schafft einen akuten
Mangel an Nahrungsmitteln, Medikamenten und Energie.
Um diesen rasch wachsenden Bedarf zu erfüllen,
haben die Vereinigten Staaten in diesem Jahr bereits
18 Millionen Tonnen an Nahrungsmitteln geliefert - bei
weitem die größte Menge, die ein westliches Land zur
Verfügung gestellt hat. Wir haben in diesem Jahr
Nahrungsmittel- und Getreidekredite in Höhe von 4
Milliarden Dollar gewährt - 2,3 Milliarden davon seit
dem Putsch.
Im Rahmen der Initiative des Präsidenten zur dringendsten medizinischen Versorgung haben wir über
das "Projekt Hoffnung" medizinische Versorgungsgüter im Wert von 20 Millionen Dollar in die Region
transportiert. Wir beabsichtigen, diesen Betrag in den
nächsten 18 Monaten zu verdoppeln. Diese - alle von
amerikanischen Unternehmen und Bürgern gestifteten - Lieferungen haben die Menschen dort erreicht,
wo sie am dringlichsten benötigt werden - im Ural und
der Region des Aralsees in Kasachstan und Usbekistan, in der Ukraine in der Gegend um Tschernobyl, in
Armenien, Moskau und in Kürze in Weißrußland.
Medizinische Versorgungsgüter im Wert von über 8
Millionen Dollar gingen in die baltischen Länder, und
mit dem Tag ihrer Unabhängigkeit hat der Präsident
ein neues und getrenntes Programm für sie in die
Wege geleitet.
Um die Erfüllung humanitärer Bedürfnisse zu
erleichtem, werden wir den vom Landwirtschaftsministerium eingerichteten Fonds in Höhe von
165 Millionen Dollar zur Verfügung stellen oder
aufstocken, um den Mangelan Nahrungsmitteln
in diesem Winter zu beheben, und wir werden
auf die soeben vom Kongreß bewilligten 100
Millionen Dollar zur Bereitstellung humanitärer
Hilfe zurückgreifen.
Ferner haben wir bereits Schritte in die Wege
geleitet, um von Operation Desert Storm übrig gebliebene Nahrungsmittelbestände in die Regionen zu schicken, wo der Bedarf am größten
ist - Armenien, die Industriestädte des Urals,
Moskau und St. Petersburg. Die ersten Lieferungen werden nächste Woche mit amerikanischen C-5-Militärflugzeugen nach St. Petersburg und Moskau transportiert.
Abgesehen von den humanitären Problemen sind wir
uns bewußt, daß zumindest kurzfristig Demokratie
und freien Marktwirschaften auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion wahrscheinlich kein Erfolg beschieden sein wird. Voraussichtlich wird es "Inseln"
von Demokratie und freien Märkten geben, die ein
Bollwerk gegen andere "Inseln" des Chaos, Autoritarismus und sogar Faschismus bilden. In diesem
Umfeld müssen die Demokraten in Rußland, der Ukrai-

Seite 8

ne, Kasachstan, Armenien und andernorts in der Lage
sein, einen Weg der Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufzuzeigen.
Wir können ihnen bei der Festlegung dieses Wegs
behilflich sein. Denn sie werden sich an uns - Amerika
und die Amerikaner - als Inspiration für die Zukunft,
Quelle des Rats und als Partner bei ihrer Arbeit wenden. Und wir können uns mit unseren Freunden und
Verbündeten engagieren, indem wir mit dem Humankapital beginnen: den Menschen.
Der Westen kann am besten helfen, wenn er Experten
in die Region entsendet und Russen, Ukrainer, Kasachen und andere zur Ausbildung in unsere Länder
einzulädt. Der Präsident hat bereits seine Zustimmung erteilt, Amerikaner in die Region zu entsenden,
um die langfristigen Nahrungsmittelverteilungsprobleme zu lösen. Mehrere US-Firmen haben ihre Führungskräfte zur Verfügung gestellt und werden die
Kosten für dieses Projekt übernehmen.
Obwohl ein Großteil dieser Bestrebungen über den
Privatsektor unter Beteiligung von Organisationen wie
dem Bürgerkorps Demokratie abgewickelt wird, schlägt
die Administration mehrere Schritte zur Aufstockung
der bereits in die Wege geleiteten Bestrebungen des
US-Informationsamts und besseren Berücksichtigung
des "menschlichen" Faktors vor:
Wir werden mit dem Kongreß zusammenarbeiten, um die Programme des Peace Corps auf
mindestens vier Republiken auszuweiten. Ich
möchte bis zum nächsten Winter mindestes 250
Freiwillige des Peace Corps in der Region wissen.
Wir werden das vom Handelsministerium ins
Leben gerufene Ausbildungsprogramm für Geschäftsleute SABIT erweitern, damit im kommenden Jahr 150 sowjetische Praktikanten daran
teilnehmen können.
Wir werden mit zahlreichen Freiwilligen-Organisationen zusammenarbeiten, um Wege zu
sondieren, wie sie ihre Präsenz verbessern
können.
Zweifelsohne muß der Großteil der Verantwortung bei
den Politikern in den Republiken liegen, die bereits die
Kontrolle über die Wirtschaftspolitik und Ressourcen
übernommen haben. Sie müssen die für die wirtschaftliche Gesundung erforderlichen schwierigen
Entscheidungen treffen. Es wäre wirklich eine Tragödie, wenn die stalinistische Autarkie, die die sowjetische Wirtschaft isoliert hat, durch republikanische
Autarkie ersetzt würde, mit der sich die jeweiligen Republiken isolieren und verarmen würden. Wo jedoch
umfassende Reformen stattfinden, werden wir mit den
westlichen Regierungen zusammenarbeiten, um Partnerschaften zwischen dem öffentlichen und dem Pri-

AMERIKA DIENST 50

�vatsektor zu bilden, die den Demokraten dabei behilflich sein können, Chancen für eine bessere Zukunft zu
schaffen.

um das Engagement der amerikanischen Wirtschaft bei der Konversion der Rüstungsindustrie zu erleichtern.

Seitens der Administration beabsichtigen wir, als Katalysator dieser Partnerschaft zu wirken. Wir werden mit
der Geschäftswelt zusammenarbeiten, damit amerikanische Unternehmen in Rußland, der Ukraine,
Kasachstan, Armenien und anderen reformwilligen
Republiken tätig werden können. Als Teil dieser
Verpflichtung beabsichtigen wir folgende unverzügliche Schritte zu unternehmen:

Diese bilateralen Bestrebungen müssen jedoch durch
die Arbeit der internationalen Staatengemeinschaft
ergänzt werden. Im Rahmen der Initiative der G-7
erarbeiten wir ein Umschuldungsprogramm, um einen
kontinuierlichen Kapitalfluß zu ermöglichen. Um das
Engagement der internationalen Staatengemeinschaft
bei der Unterstützung von Demokratie und freien
Marktwirtschaften zu fördern, werden IWF und Weltbank beschleunigt solide Wirtschaftspläne für die
Republiken erstellen, die zur Übernahme der von uns
definierten sicherheitspolitischen Verantwortung bereit sind.

Wie von Präsident Bush angekündigt, wird der
Stellvertretende Außenminister Lawrence Eagleburger als Koordinator der US-Regierung bei
unseren Hilfsbestrebungen fungieren. Der
Stellvertretende Außenminister genießt das volle
Vertrauen des Präsidenten und hat alle Befugnisse, unsere Hilfsbestrebungen zu leiten.
Wir beabsichtigen, dem Kongreß bei Wiederaufnahme der Sitzungsperiode ein Bewilligungsgesetz zur Bereitstellung von Hilfe und technischer Zusammenarbeit vorzuschlagen. Ein
Hauptziel dieses Gesetzes besteht darin, den
Handel zu fördern, die Geschäftstätigkeit zu
entwickeln und Investitionen amerikanischer
Firmen in Rußland, der Ukraine, Kasachstan
und anderen Republiken anzukurbeln. Darüber
hinaus wird die Administration eine gründliche
Überprüfung der Hemmnisse für die dort tätigen
amerikanischen Fimren vornehmen, um ihnen
die Beteiligung an diesem Projekt zu erleichtem.
Wir werden in Konsultationen mit dem Kongreß
für das kommende Kalenderjahr ein technisches Hilfsprogramm in Höhe von 100 Millionen
Dollar zusammenstellen. Auch hier besteht ein
Hauptziel dieses Programms im Einsatz staatlicher Mittel, um die Investitionen des Privatsektors zu kanalisieren. Diese Gelder kommen
natürlich nicht aus dem nationalen Haushalt
sondern aus Mitteln für die Auslandshilfe.
Angesichts der gravierenden Situation gibt es
keine andere Wahl.
Der Präsident wird die Leiter des Handels- und
Entwicklungsprogramms, der Entwicklungsgesellschaft OPIC und der Eximbank bitten die
Möglichkeit zu prüfen, einen Teil ihrere Bestrebungen auf die Erleichterung der Arbeit amerikanischer Firmen bei der Nahrungsmittelverteilung, der Energiewirtschaft und im Wohnungbau zu konzentrieren. Diese Sektoren werden
wahrscheinlich entscheidend für den Erfolg von
Demokratie und freien Marktwirtschaften sein,
und während wir den Sowjets helfen, würden wir
gleichzeitig auch amerikanische Unternehmen
unterstützen. Der Präsident wird sie ferner
auffordern zu sondieren, was sie tun können,

AMERIKA DIENST 50

Der Abgrund der Geschichte
Ich möchte mit folgenden Anmerkungen schließen:
Zum dritten Mal in diesem Jahrhundert haben wir einen
Krieg - dieses Mal einen kalten - zwischen Großmächten beendet.
Nach dem Ersten Weltkrieg kämpfte Präsident Wilson
- ein Präsident, der diese Universität besucht und die
Anregung zu deren Institut für internationale und öffentliche Angelegenheiten gegeben hat - vergeblich
darum, Amerika seine historische Aufgabe bewußt zu
machen. Seine Sache war richtig und gerecht. Und
vor allem diente seine Sache den besten Interessen
dieses Landes. Aber er wurde besiegt, der Isolationismus kehrte zurück und Faschismus und Krieg folgten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg lernten unsere politisch
Verantwortlichen - die Kennans jener Generation - aus
der Niederlage von Wilsons Vision. Den zum Teil
durch den amerikanischen Isolationismus der zwanziger und drei ßiger Jahre verursachten Trümmerhaufen
überblickend, erkannten sie, daß Amerika international engagiert bleiben muß. In überparteilichem Konsens verpflichteten sie sich, den Krieg in einen dauerhaften Frieden zu verwandeln.
Ihre Arbeit ist heute deutlich erkennbar, denn ihr
Vermächtnis hat noch immer Bestand: ein demokratisches Europa und ein demokratisches Japan - beide
wohlhabend und friedliebend. Heute ist ihre Vision
realisiert worden: Wir haben Faulkners Frage umgangen und einen Atomkrieg vermieden. Und wir haben
den Niedergang des Stalinismus erlebt.
Heute, nach dem kalten Krieg, stehen wir erneut am
Abgrund der Geschichte. Wenn wir uns während des
kalten Kriegs wie zwei Skorpione in einer Flasche Aug
in Aug sahen, stehen die westlichen Nationen und die
ehemaligen sowjetischen Republiken heute als ungelenke Kletterer auf einem steilen Berg. Durch ein
gemeinsames Seil gehalten, wird der Fall zu Faschismus oder Anarchie in der ehemaligen Sowjetunion
auch den Westen mit sich herabziehen. Ebenso

Seite 9

�wichtig ist jedoch, daß starkes und kontinuierliches
Ziehen des Westens ihnen heute helfen kann, Fuß zu
fassen, damit auch sie zu dauerhafter Demokratie und
Freiheit emporklettem können.
Zweifelsohne müssen wir dieses Seil verstärken, nicht
auseinanderreißen.
Von Odessa am Schwarzen Meer bis nach Wladiwostok am Pazifik sind die Menschen müde und hungrig,
desorientiert und verwirrt. Diese Menschen müssen
erkennen können, daß Demokraten und Reformer die
Waren liefern können, daß es Grund zu Hoffnung und
Anzeichen auf ein besseres Leben gibt. Denn sie
werden sich der Tatsache bewußt, daß die Ideen, die
ihr Leben seit 70 Jahren leiteten - die schlecht konzipierten Lehren von Marx, Lenin und Stalin - keine
Ideen, sondern Lügen waren. Diese Menschen, die
mit dieser Lüge gelebt haben, müssen jetzt lernen, was
es heißt, in Freiheit zu leben.
Das wird harte Arbeit werden. Es wird schmerzlich
werden. Und es mag ihnen leicht erscheinen, sich ihrer
Verpflichtung zur Freiheit zu entziehen und sich den
vereinfachten Lösungen eines neuen Demagogen oder
Diktators zuzuwenden. Wenn sie dies tun, werden ihre
Probleme definitiv erneut unsere Sorgen - wie die
Hinwendung der Völker zum Faschismus in den dreißiger Jahren zur Bedrohung unserer Existenz wurde.
Meine Damen und Herrren, für Amerika bedeutet dies,
daß wir uns mit einer einfachen Wahl konfrontiert
sehen: Unseren Ängsten nachzugeben und uns nach
innen zu wenden, die sich uns durch den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums bietenden Chancen zu ignorieren oder dem Ruf der Geschichte zu
folgen und die Führung in eine bessere Zukunft für uns
alle zu übernehmen.
*

Seite 10

Als Faulkner vor 41 Jahren sprach, gab er nicht der
durch das Gespenst des nuklearen Weltkriegs verursachten lähmenden Furcht nach. Statt dessen argumentierte er, daß das niedrigste aller Dinge Furcht ist,
wir unsere Furcht besiegen müssen, der Mensch nicht
einfach fortbestehe, sondern überlebe.
Ich glaube daran.
Ich glaube, nachdem wir die Hand in Hand gehenden
Ängste eines Atomkriegs und des Stalinismus überlebt
haben, können wir Tyrannei der Art überdauern, die
Reformen und Demokratie bedrohen und auch unserem Leben ein dunkles Kapitel bescheren könnte.
Wir können den beängstigenden Isolationismus überwinden, der uns zu den Fehlern der zwanziger und
dreißiger Jahren zurückzuführen droht.
Wir können politische Lähmung überwinden, um einen
überparteilichen Konsens darüber zu erzielen, was
getan werden muß - und im Inland geeint, können wir
gemeinsam mit unseren Verbündeten eine neue Koalition
bilden.
Eine Koalition der Diplomatie des kollektiven Engagements.
Eine Koalition, um neue Wege der Hoffnung zu schaffen.
Eine Koalition, um das Ende des kalten Kriegs zu
einem Neuanfang für alle Nationen der Welt zu machen.
Das ist das mindeste, was die Geschichte und das
amerikanische Volk von uns erwarten.

* * *

*

AMERIKA DIENST 50

�NATO
18. Dezember 1991

CHENEY NENNT TREFFEN DES VERTEIDIGUNGSPLANUNGSAUSSCHUSSES NÜTZLICH
Erläuterungen des US-Verteidigungsministers

BRÜSSEL - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Niederschrift der Erläuterungen von US-Verteidigungsminister Cheney im Anschlu ß an das Treffen des Verteidigungsplanungsausschusses der NATO in Brüssel am
13. Dezember 1991.

Ich habe die Ausführungen des Generalsekretärs
angehört, und er hat meines Erachtens den Tenor des
Treffens wiedergegeben. Aus unserer Sicht war dieses Treffen des Verteidigungsplanungsausschusses
sehr gut und nützlich. Wir kamen ja in einer Zeit
kontinuierlicher Entwicklungen in der Sicherheit Europas und Nordamerikas zusammen, die ihrem Umfang
nach wahrlich atemberaubend sind. Erst in den vergangenen Tager. haben wir erlebt, wie die Ukraine für
die Unabhäno'nkpit stimmte, ein neuer Staatenbund in
der ehemaligen Sowjetunion entstand, die Europäische Gemeinschaft einen Prozeß zur stärkeren Integration ihrer Mitgliedstaaten vorbereitet, und natürlich
nimmt auch die NATO eine einschneidende Veränderung ihrer Strategie und Streitkräftestruktur vor.
Ich bezweifle nicht, daß sich der Wandel in diesem
Tempo fortsetzen wird. Aus den Gesprächen mit
meinen Amtskollegen in den vergangenen beiden Tagen
entnehme ich, daß im Hinblick auf die NATO zwei
Feststellungen getroffen werden müssen. Erstens
kann das Bündnis durch seine Anpassung an veränderte Sicherheitserfordernisse mit den Weg zu einem
stabileren und demokratischeren Europa weisen.
Zweitens schafft die NATO, indem sie ihre grundsätzliche Mission fortführt, das Vertrauen, das die neuen
Demokratien im Osten benötigen, um Erfolg zu haben
und zu gedeihen.
Vor diesem Treffen habe ich vier Tage lang die Tschechoslowakei und Ungarn besucht, zwei Nationen, in
denen sich erhebliche Veränderungen vollziehen. Sie
gehören zu den begeistertsten Unterstützem der NATO.
Dieselbe Botschaft habe ich vor einem Jahr in Polen
vernommen. Diese Staaten wollen unsere Hilfe, und

AMERIKA DIENST 50

wir können sie bereitstellen. Sie begrüßen die jüngsten Initiativen der NATO, darunter das erweiterte
Liaison-Konzept sowie die Gründung des Nordatlantischen Kooperationsrats, der in wenigen Tagen hier
zusammentreten wird.
Wir haben ein breites Spektrum anderer Themen
erörtert, aber es wäre wohl das Beste, wenn ich nun
Ihre Fragen beantworte.
Frage: Herr Minister, können Sie uns genau erklären,
welche Pläne Sie zum jetzigen Zeitpunkt im Hinblick
auf die Verlegung von Flugzeugen, Schiffen und Truppen zur Unterstützung der Sowjetunion haben - für
humanitäre Hilfe?
Antwort: Nun, ich kann Ihnen allgemein erläutern,
was zur Zeit geschieht. Der Präsident hat im vergangenen Jahr erhebliche Landwirtschaftskredite bewilligt, um verschiedene Arten von Nahrungsmitteln an
die Sowjetunion zu liefern. Wir sind im Rahmen des
soeben vom Kongreß verabschiedeten Gesetzes
ermächtigt, bis zu 100 Millionen Dollar für den Transport humanitärer und anderer Hilfsgüter in die Sowjetunion auszugeben. Ich erwarte, daß dies hauptsächlich in Form von Lufttransporten wichtigen Materials medizinischer Versorgungsgüter etc. - stattfinden wird.
Einige Flüge wurden bereits durchgeführt. In diesem
Fall handelt es sich meistens darum, Elemente der
Luftwaffeeinzusetzen, um zum Beispiel von Privatpersonen gespendetes Material zu transportieren. Der
Präsident hat in dieser Woche bekanntgegeben, daß
der Stellvertretende Außenminister Larry Eagleburger
das gesamte humanitäre Hilfspaket der Vereinigten
Staaten für die Sowjetunion koordinieren wird. In

Seite 1

�seiner Rede in Princeton hat Außenminister Baker
gestern überdies erklärt, daß die Vereinigten Staaten
in wenigen Wochen eine Konferenz interessierter
Parteien, von Freunden und Verbündeten der Vereinigten Staaten einberufen werden, um weitere Bemühungen zu erörtern, die wir unternehmen könnten und
diese Bemühungen zu koordinieren, um den größtmöglichen Nutzen zu erbringen.
Frage: Herr Minister, sind die Vereinigten Staaten
jetzt bereit, die von Großbritanien unterstützte französische Initiative zu befürworten, um sobald wie möglich
eine Dringlichkeitskonferenz zur Kontrolle der Kernwaffen in Europa und der Sowjetunion zu veranstalten? Und zweitens, falls ja, würden die Vereinigten
Staaten die Einladung von Vertretern der Republiken
anstelle von Vertretern der sowjetischen Zentralmacht
unterstützen?
Antwort: Ich möchte zunächst etwas allgemeines zu
diesem Thema sagen und dann speziell auf Ihre Frage
eingehen. Wir sind der Ansicht, das geeignetste
Forum, um das Thema innerhalb des Bündnisses zu
erörtern, ist die NATO selbst - also innerhalb des
nordatlantischen Bündnisses, in dem wir nukleare
Verantwortung teilen - und daß es nicht nur auf die drei
Atommächte begrenzt sein sollte sondern Konsultationen auf breiterer Grundlage stattfinden sollten. Im
Hinblick auf die Frage, wie man mit dem sich aus dem
Zusammenbruch der Sowjetunion ergebenden Problem umgehen sollte - wer letztlich deren Kernwaffenarsenal kontrollieren wird - haben wir mehrere Schritte unternommen, die auf den 27. Septemberzurückgehen, als Präsident Bush die meines Erachtens kühnsten und revolutionärsten Veränderungen in der Nuklearpolitik der vergangenen 40 Jahre ankündigte.
Innerhalb von fünf Wochen nach dem Scheitern des
Putsches in der Sowjetunion haben wir auf Anweisung
des Präsidenten ein Paket zusammengestellt und
dann verwirklicht, das sich aus folgenden Elementen
zusammensetzt: einseitiger Abzug und Zerstörung
nuklearer Gefechtsfeldwaffen; dieser Prozeß findet
gegenwärtig statt. Einseitiger Abzug aller taktischen
Atomwaffen von allen auf See stationierten Schiffen
und deren Rückführung in die Vereinigten Staaten;
dieser Prozeß vollzieht sich gegenwärtig. Die einseitige Maßnahme, zum ersten Mal seit 1957 die Alarmbereitschaft für unsere Bomberstreitmacht aufzuheben, was bereits geschehen ist. Die einseitige Maßnahme, 45 Prozent der amerikanischen Abschußvorrichtungen für Interkontinentalraketen aus der Alarmbereitschaft herauszunehmen - 452 Raketen des Types
Minuteman II; dies ist bereits geschehen. Der Vorschlag an die Sowjets, die Durchführung von START
II zu beschleunigen. Der Vorschlag an die Sowjets, in
naher Zukunft die Mehrfachgefechtsköpfe von den
landgestützten Streitkräften zu entfernen, ein Vor-

Seite 2

schlag an die Sowjets, mit ihnen die Führung und
Kontrolle der Kernwaffen sowie die Aufrechterhaltung
von Sicherheit und Schutz dieser Systeme zu erörtern.
Die sowjetische Seite hat positiv auf diese Ankündigung reagiert. Es hat Treffen amerikanischer und
sowjetischer Vertreter in Moskau und Washington
gegeben. Wir sind mit dem Problem des zerfallenden
Zentrums so umgegangen, daß wir darum gebeten
haben, die nuklearen Republiken - also die vier Republiken, auf deren Territorium strategische Kernwaffen
stationiert sind - sollten anwesend sein, wenn wir über
dieses Thema sprechen. An den Gesprächen in
Moskau und Washington in den vergangenen beiden
Monaten haben also neben den Vertretern der Zentrale auch Vertreter der Republiken Rußland, Weißrußland, Ukraine und Kasachstan teilgenommen - der vier
Republiken, in denen strategische Nuklearwaffen stationiert sind. Ich erwarte darüber hinaus, daß dieser
Prozeß andauern wird.
Noch ein letzter Punkt dazu - zwei Punkte, vielmehr.
Dabei beziehe ich mich teilweise auf meinen guten
Freund Sam Nunn, der den Morgenzeitungen zufolge
gesagt haben soll, die Vereinigten Staaten täten nicht
genug in diesem Bereich. Außenminister Baker wird
dieses Wochenende nach Kiew, Moskau und Minsk
reisen, um über eine Reihe von Themen zu sprechen,
aber ganz oben auf seiner Tagesordnung werden
Fragen in Zusammenhang mit diesem Thema der
Kernwaffen stehen. Mein guter Freund Sam Nunn
meinte schließlich, wir sollten rascher vorgehen.
Der Kongreß hat 400 Millionen Dollar bewilligt, um den
Sowjets bei der Zerstörung ihrer Kernwaffen zu helfen.
Natürlich hat er kein Geld bereitgestellt. Er hat uns die
Ausgabeermächtigung erteilt, und es liegt nun an mir
zu entscheiden, wie wir das Geld im Rahmen des
Verteidigungshaushalts aufbringen werden. Dieser
Prozeß findet gegenwärtig statt. Ich habe meine
Mitarbeiter vor meiner Abreise beauftragt, im Verteidigungshaushalt des Jahres 1992 500 Millionen Dollar
-100 Millionen für humanitäre Hilfe, 400 Millionen für
die Zerstörung von Kernwaffen - auszumachen, damit
wir planen können, wie wir diese Mittel gegebenenfalls
in naher Zukunft einsetzen können.
Frage: Präsident Bush hat kürzlich die Beschränkungen für Waffenverkäufe an die drei mitteleuropäischen
Staaten Polen, Ungarn und Tschechoslowakei aufgehoben. Ich frage mich, ob Ihrer Meinung nach die
NATO-Verbündeten in dieser Frage folgen sollten und
ob Sie mir erklären könnten, welche ersten praktischen
Resultate Sie nach dieser Entscheidung erwarten?
Antwort: Wir haben diese Entscheidung getroffen.
Der Präsident hat letzte Woche die Anordnung unterzeichnet, die unseren Vorschriften zufolge Rüstungsverkäufe von Regierung zu Regierung zuläßt. Ich
AMERIKA DIENST 50

�erwarte nicht, daß in naher Zukunft umfangreiche
Lieferungen amerikanischen militärischen Geräts an
Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn stattfinden
werden - obgleich dies nun zweifelsohne machbar ist.
Wir haben die juristischen Hindernisse dafür aus dem
Weg geräumt. Diese Entscheidung erhöht gewissermaßen unsere Fähigkeit Dinge zu tun, die nicht möglich sind, wenn sich eine ausländische Regierung
unmittelbar an eine Rüstungsfirma in den Vereinigten
Staaten wendet.
Im Hinblick auf technische Hilfe vom US-Verteidigungsministerium, etwa Ausbildung und so weiter,
ermöglicht sie eine umfassendere Beziehung als in der
Vergangenheit. Ich erwarte, daß es letztlich auch zu
Verkäufen kommen wird. Ich würde einen solchen
Beschluß zunächst als weiteren Schritt zum Aufbau
engerer Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den direkt betroffenen Regierungen in Mitteleuropa betrachten: Polen, Tschechoslowakei und
Ungarn.
Nichts, was wir getan oder entschieden haben, war mit
irgendwelchen Hintergedanken bezüglich dessen
verbunden, was unsere Verbündeten in dieser Hinsicht tun oder lassen sollten. Wir gehen davon aus,
daß es sehr wichtig ist, engere Beziehungen zu denjenigen mittel- und osteuropäischen Staaten aufzubauen, die dies im Sicherheitsbereich wünschen, daß es
eine Reihe von Dingen gibt, die wir als Bündnis tun
können, zum Beispiel durch verbesserte Liaison-Beziehungen, aber auch, um bilateral engere Beziehungen aufzubauen. Wir glauben, daß ihr Erfolg im
Hinblick auf ihre politischen und wirtschaftlichen Reformprogramme in dem Maße verstärkt wird, in dem
wir fähig sir.u, ein engeres sicherheitspolitisches Verhältnis als in der Vergangenheit aufzubauen, als diese
Länder Mitglieder des Warschauer Pakts waren.
Frage: Erwarten Sie vom ersten Treffen des Nordatlantischen Kooperationsrats nächste Woche irgendeine Form der individuellen Vertretung der neuen Republiken oder würden Sie dies gern sehen? Und zusätzlich, betrachten Sie Ihren Einfluß auf die Ereignisse in
der Sowjetunion als begrenzt angesichts der Tatsache, daß man dort - unabhängig von Ihren Erklärungen
- selbst entscheiden kann, was man tun will?
Antwort: Die Frage, wer für die Sowjetunion spricht,
ist zweifellos schwer zu beantworten, weil man sich
dort mitten in einer Revolution befindet. In Zeiten wie
diesen, wenn man sich dort mit grundsätzlichen Fragen über die künftige politische Struktur und die Beziehungen zwischen den Republiken auseinandersetzt
sowie darüber, ob von der Zentrale noch irgend etwas
übrigbleibt, ist es schwierig für uns, von außen zu
beurteilen, wer für dieses sich verändernde und ent-

AMERIKA DIENST 50

wickelnde Gebilde spricht, das einmal die Sowjetunion
war.
Meines Erachtens ist für uns, wie wir dies auch getan
haben, die beste Vorgehensweise, sowohl die Zentrale als auch die Republiken in den Dialog einzubinden.
Deshalb reist Jim (Baker) nächste Woche in die Sowjetunion und besucht dabei nicht nur Moskau sondern auch Kiew und Minsk.
Was den Umgang des Nordatlantischen Kooperationsrats mit der ehemaligen Sowjetunion betrifft, so
hat Generalsekretär Wörner meines Erachtens die
bestmögliche Erklärung gegeben: Herr Schewardnadse wurde als Außenminister der ehemaligen
Sowjetunion dazu eingeladen. Bis heute haben wir
keinen Grund zu der Annahme, daß sonst noch irgend
jemand um eine Einladung bitten könnte, aber es ist
natürlich möglich, daß sie beispielsweise etwas in
dieser Hinsicht tun möchten, wie sie es bei den Gesprächen über Kernwaffen getan haben, also Vertreter
einiger anderer Republiken zu entsenden. Meines
Erachtens lautet die Antwort auf diese Frage, daß wir
nicht genau wissen, wer mit Autorität für alle Republiken sprechen kann und daß wir uns schließlich in einer
Lage befinden werden, in der wir mit jeder Republik
einzeln sprechen müssen, was zunehmend der Fall zu
sein scheint.
Frage: Fühlen Sie sich nicht etwas machtlos angesichts dieser Entwicklung? Daß Sie trotz aller gegenteiliger Behauptungen nur begrenzt tätig werden können?
Antwort: Nein, das trifft nicht zu - Sie müssen
zwischen Einflußbereichen unterscheiden, zwischen
den Dingen, über die wir sprechen. In gewissem Maß
sind in der Sowjetunion Kräfte am Werk, die man kaum
von außen beeinflussen kann, wenn man das ungeheure Ausmaß der dortigen Wirtschaftsprobleme, den
Zusammenbruch der Wirtschaft bedenkt. Selbst die
besten Absichten und unendliche Mittel von außen
werden diesen Prozeß nicht notwendigerweise umkehren, bevor nicht in der Sowjetunion selbst ein
grundlegender Wandel einsetzt. Es ist nicht besonders sinnvoll, zum Beispiel über riesige ausländische
Investitionen zu sprechen, wenn nicht im Innern eine
gewisse rechtliche Struktur besteht, wenn unklar ist,
wem was gehört, wenn es nicht irgendeine stabile
Währung gibt. Es gibt eine Reihe grundlegender
Dinge, die innerhalb der Sowjetunion geschehen müssen,
bevor Hilfe von außen im Hinblick auf Reformen von
großem Nutzen sein kann. Andererseits gibt es wahrscheinlich eine Reihe von Dingen, die wir im humanitären Bereich tun können, etwa die Lieferung medizinischer Versorgungsgüter zur richtigen Zeit zum richtigen Ort. Dies könnte sich im Hinblick auf politische

Seite 3

�Veränderungen und Entwicklungen als äußerst wichtig erweisen. Mit ihnen im militärischen Bereich zusammenzuarbeiten, wie wir es tun, könnte entscheidend sein.
Obgleich wir unsere Fähigkeit zur Beeinflussung der
Ereignisse innerhalb der Sowjetunion nicht überschätzen möchten, müssen wir meines Erachtens anerkennen, daß dies die beste und vielleicht einzige Möglichkeit ist, die wir in unserem Leben je haben werden, um
ihnen dabei zu helfen, in die Richtung voranzuschreiten, in die sie eigenen Bekenntnissen zufolge gehen
möchten. Also in Richtung auf Demokratie und Marktwirtschaften - weg vom Totalitarismus, weg von den
kommunistischen Systemen, die der Bevölkerung der
Sowjetunion in den vergangenen 70 Jahren so viel
Schaden zugefügt haben. Es ist also an uns, nach
Wegen zu suchen, durch die wir etwas Einfluß auf
diesen Prozeß gewinnen können, um die Elemente zu
unterstützen, die die Sowjetunion reformieren und
umgestalten möchten, da letztlich eine umgestaltete
Sowjetunion, eine ehemalige Sowjetunion, Republiken oder wie immer man es bezeichnen möchte, die im
Einklang mit demokratischen Prinzipien und Praktiken
regiert werden, die entmilitarisiert sind und keine
Bedrohung für den Rest der Welt darstellen, für uns
alle von enormem Vorteil sein würden. Und selbst
wenn wir nur ein oder zwei Prozent beeinflussen
können, könnte dies im entscheidenden Moment genug
sein, um das Ergebnis in fünf oder 10 Jahren dramatisch zu verändern.
Ich meine, daß beim Putschversuch vom vergangenen
August die Entscheidung auf Messers Schneide stand.
Daß er auch leicht einen anderen Ausgang hätte
nehmen können, wobei die alte Garde der kommunistischen Hardliner die Oberhand gewonnen hätte und
daß in gewissem Maß die durch Präsident Bush und
andere wichtige Verbündete offen zum Ausdruck
gebrachte Unterstützung Boris Jelzins und der demokratischen Kräfte wichtig war. Sie werden nie sagen
können, daß sie den Ausgang ganz und gar entschieden haben, aber wir müssen jede sich uns bietende
Möglichkeit nutzen, um den Prozeß in die Richtung zu
beeinflussen, die wir wünschen.
Frage: Herr Minister, wie bewerten Sie angesichts
Ihres Besuchs in der Tschechoslowakei und Ungarn
die Sicherheitslage und die damit verbundenen Anliegen? Was können die NATO und die Vereinigten
Staaten tun, um ihre Sicherheit zu verbessern und
gäbe es in diesem Zusammenhang die Möglichkeit,
das Waffenembargo gegen Jugoslawien etwas besser
durchzusetzen? Und noch eine Frage zu den sowjetischen taktischen Kernwaffen: Wie lange würde es
Ihrer Meinung nach dauern, um - wie von der sowjetischen Führung versprochen - alle nuklearen Kurz-

Seite 4

streckenwaffen zu beseitigen, sowohl ohne Hilfe von
außen als auch mit Ihrer Hilfe?
Antwort: Die Antwort auf den letzten Teil Ihrer Frage
- wie lange wird es dauern, bis die Sowjets ihre
nuklearen Kurzstreckenwaffen beseitigt haben - kennen wir nicht. Ich glaube nicht, daß sie zum jetzigen
Zeitpunkt einen präzisen Zeitplan erstellen können.
Wir befinden uns immer noch in der Gesprächsphase,
in der wir uns um Informationen bemühen. Soweit wir
sagen können, gab es bei den Sowjets keine Praxis
oder Politik der Verschrottung von Kernwaffen. Das
heißt, sie haben ein sehr großes Arsenal angehäuft,
aber wir haben keinerlei Beweise dafür, daß sie viel
Zeit damit verbracht hätten, über das Problem nachzudenken, wie man Kernwaffen beseitigt.
Andererseits entsprach es in den Vereinigten Staaten
der Praxis, alte Systeme zu zerlegen und deren Material vielfach zum Bau neuer einzusetzen. Aber dieselben Einrichtungen, die zum Bau von Kernwaffen dienen, benötigt man auch für deren Demontage. Es ist
meines Erachtens zu früh um zu sagen, welche Fähigkeit sie insgesamt in dieser Hinsicht besitzen, wie
schnell sie ihre Waffen demontieren könnten. Ich
schätze jedoch, daß sich diese Arbeit sicherlich über
eine Reihe von Jahren hinziehen wird.
Im Hinblick auf die Lage in Osteuropa, der Tschechoslowakei und Ungarn möchte ich nicht für andere
Regierungen sprechen, wenn es um deren Sicherheitsbelange geht. Ich möchte Ihnen sagen, welche
Sorgen ich habe, wenn ich mir jenen Teil Europas
betrachte. Ich sehe Regierungen, die aufstrebenden
Demokratien, die mit dem äußerst schwierigen Übergang von den alten, zentral von den Kommunisten
gelenkten Volkswirtschaften zu neuen Marktwirtschaften zu kämpfen haben. Dies sind überaus schwierige
Übergangssituationen, selbst unter den besten Bedingungen. Sie sind in gewissem Maß von ausländischen
Investitionen aus dem Westen abhängig, und diese
wiederum werden vom Vertrauen der Investoren beeinflußt.
Wenn diese Staaten nun ihr Umfeld betrachten, so
leben sie traditionell in einer gefährlichen Umgebung.
Im Süden wütet der sehr tragische Bürgerkrieg in
Jugoslawien, der nicht nur für die jugoslawische Bevölkerung gefährlich ist sondern auch das Gespenst
heraufbeschwört, daß er sich irgendwann über die
Grenzen Jugoslawiens ausdehnen und andere Gebiete, andere Regionen erfassen könnte. Wenn sie nach
Osten blicken, sehen sie die Auflösung der ehemaligen Sowjetunion und wissen nicht, welches Ergebnis
daraus letztlich entstehen wird. Sie stellen fest, daß
sie einen Großteil ihres Exportmarkts verloren haben,
da sie ja Güter für den sowjetischen Markt produzier-

AMERIKA DIENST 50

�ten und dieser Markt nicht mehr existiert. Sie sind
großenteils von Energielieferungen aus der ehemaligen Sowjetunion abhängig. Zählt man all diese Faktoren zusammen, so ergeben sich sicherlich schwerwiegende Sicherheitsanliegen, so könnte man es jedenfalls beschreiben.
Was wir meines Erachtens als Hilfestellung tun können, ist anzuerkennen, daß sie Teil des Westens sein
möchten, daß sie sich dem Westen anschließen und
nicht getrennt und als separater Block behandelt werden möchten. Sie möchten sicherlich Mitglied der EG
werden und würden letztlich wahrscheinlich auch Mitglied der NATO werden, obwohl sie wissen, daß dies
in absehbarer Zeit keine Option ist.
Sie sind damit befaßt sowohl ihre militärischen Arrangements als auch ihre wirtschaftlichen und politischen
Verhältnisse umgestalten. Sie sind ehemalige Mitglieder des Warschauer Pakts, zwei Drittel der tschechoslowakischen Streitkräfte waren im westlichen Teil der
Tschechoslowakei gegen Deutschland und die NATO
stationiert. Das ist nicht mehr sinnvoll. Sie müssen
ihre Streitkräfteverteilung neu orientieren und ihre
Truppen stärker nach einem Muster stationieren, das
ihnen Sicherheitsvorkehrungen dort gestattet, wo eine
Bedrohung entstehen könnte. Sie müssen diese Streitkräfte modernisieren, sie benötigen Ausbildung für
Offiziere. Wir verdoppeln zum Beispiel unsere Mittel
für die Ausbildung tschechoslowakischer und ungarischer Offiziere in unseren Militärakademien in den
Vereinigten Staaten. Zusammen mit beiden Nationen
bilden wir Arbeitsgruppen, in denen unsere Militärfachleute mit ihren Experten zusammenarbeiten, um ein
Spektrum von Möglichkeiten zur Umstellung ihrer
Streitkräfte t.ji Jiw neue Sicherheitslage zu erörtern,
deren Entwicklung sie in jenem Teil Europas beobachten.
Unser Ansatz besteht also grundsätzlich darin, mit
ihnen auf bilateraler Grundlage zusammenzuarbeiten
sowie darüber hinaus engere Bindungen zwischen der
NATO und diesen Staaten durch den Liaison-Prozeß
zu fördern, und dieses Thema haben wir allgemein im
Rahmen dieses Treffens des Verteidigungsplanungsausschusses erörtert. Man kann meines Erachtens

*

AMERIKA DIENST 50

* *

mit Fug und Recht sagen, daß innerhalb des Bündnisses ein Konsens besteht, demzufolge wir tatsächlich
mehr Hilfe leisten können und dies auch tun wollen.
Frage: Herr Minister, angesichts der Art von Landschaft, die Sie gerade für die osteuropäischen Länder
beschrieben haben und in Anbetracht all der Einschränkungen der Möglichkeiten der NATO, also
Beschränkungen bezüglich von Einsätzen außerhalb
des Bündnisgebiets, wie lange wird da die Begeisterung für die NATO anhalten, die Ihrer Meinung nach in
diesen Ländern herrscht?
Antwort: Nun, meines Erachtens versteht man dort,
daß die NATO seit über 40 Jahren ein enorm erfolgreiches Bündnis ist, das sich nicht nur auf militärische
Erwägungen gründet sondern auch auf die kollektive
Sicherheit von Nationen, die an Freiheit und Demokratie glauben, ebenso wie auch sie an Freiheit und
Demokratie glauben. Und damit würden sie gern
enger verbunden sein. Das geht also über ihre Sicherheitsanliegen hinaus. Darüber hinaus erkennen sie
meines Erachtens, daß die NATO und das, was sie
verkörpert, eine Art Rettungsanker in Europa darstellt
- eine Kraft der Stabilität in einer Zeit, in der diese Art
von Mechanismus sozusagen erforderlich ist, denn sie
leben in einem weniger stabilen Teil Europas und
befinden sich in einer Übergangsphase. Offen gestanden halten sie darüber hinaus die NATO augenscheinlich für den Mechanismus, durch den die Vereinigten
Staaten weiterhin in Fragen der europäischen Sicherheit engagiert bleiben, und sie sind äußerst interessiert
daran, daß sich die Vereinigten Staaten weiterhin aktiv
dafür engagieren, daß sie und die NATO einige dieser
Sicherheitsanliegen behandeln. Aus einer ganzen
Reihe von komplexen Gründen kommen sie meines
Erachtens zu dem Schluß, daß eine starke, lebensfähige NATO mit einer bedeutsamen amerikanischen
Rolle und einer maßgeblichen amerikanischen Präsenz weiterhin in ihrem Interesse liegt. Sie haben mir
gegenüber erklärt, sie wollten als Teil der Atlantischen
Gemeinschaft betrachtet werden - nicht nur als Teil
Europas sondern als Teil der Atlantischen Gemeinschaft, und genau dies entspricht ja dem Wesensgehalt der NATO.

*

*

Seite 5

�CIA
18. Dezember 1991

GATES ZU ZERFALL DER SOWJETUNION,
VERBREITUNG VON MASSENVERNICHTUNGSWAFFEN
Rede des CIA-Direktors vor dem
Streitkräfteausschuß des Repräsentantenhauses
WASHINGTON - (AD) - Der Zerfall der Sowjetunion und die Anhäufung von Massenvernichtungswaffen in
Ostasien und im Nahen Osten stellen in den kommenden Jahren die schwierigste Herausforderung für die
Vereinigten Staaten dar, erklärte der Direktor des US-Nachrichtendienstes CIA am 10. Dezember 1991 in seiner
Rede vor der verteidigungspolitischen Kommission des Streitkräfteausschusses im Repräsentantenhaus.
"Nirgendwo ist die Entwicklung der Ereignisse verwirrender, das Tempo des Wandels rascher oder das
Zusammenspiel von Chancen und Gefahren augenfälliger als in der ehemaligen Sowjetunion", stellte Gates fest.
Die meisten sowjetischen Republiken versuchen, "ihren Verteidungshaushalt zu reduzieren, sich den westlichen
Wirtschafts- und Sicherheitsstrukturen anzuschließen und kooperative Beziehungen mit den Vereinigten
Staaten zu schmieden", erklärte Gates und fügte hinzu, "die Situation ist jedoch in gefährlichem Maße instabil."
Obwohl er einräumte, die unmittelbare militärische Bedrohung durch die sowjetischen Republiken sei gering,
verlieh Gates seiner Besorgnis Ausdruck, daß sie nicht in der Lage sein könnten, bei der Reduzierung und
Vernichtung des Großteils der 30.000 in ihrem Besitz befindlichen Nuklearwaffen angemessenen Schutz
aufrechtzuerhalten.
Außerhalb der --^pnaligen Sowjetunion gebe "die sich beschleunigende Verbreitung atomarer, biologischer und
chemischer VWaffen in anderen Ländern der Welt wahrscheinlich größten Anlaß zur Sorge (für die Vereinigten
Staaten)", stellte Gates fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von CIA-Direktor Gates im Wortlaut.

Die schwierigste Aufgabe für uns im Nachrichtendienst besteht darin, die Welt so zu sehen, wie sie ist,
nicht wie wir - und andere - sie gerne sehen würden.
Heute muß selbst der abgeklärteste Realist eine veränderte Welt erkennen - eine Welt, in der zu einem
hohen Preis an Menschenleben und materiellen Gütern der Kommunismus endlich besiegt wurde.
Die alten Grundwahrheiten, die 45 Jahre lang die
nationale Sicherheitspolitik dieses Landes leiteten,
sind in einem historischen Augenblick verschwunden.
Überall ist der Kommunismus tot oder liegt im Sterben,
eine Reihe lange bestehender regionaler Konflikte wird
beigelegt, der kalte Krieg ist beendet, die sowjetische
Kommunistische Partei hat aufgehört zu existieren tödlich verwundet von eigener Hand - und die Kräfte
echter Reformen machen sich endlich in der ehemaligen Sowjetunion bemerkbar.
AMERIKA DIENST 50

Dennoch gibt es wie immer Herausforderungen, Besorgnis und Risiken. In der ehemaligen Sowjetunion
beobachten wir ein bemerkenswertes historisches
Paradoxon. Der Zerfall des sowjetischen und russischen Imperiums ist für Demokratie und wirtschaftliche Umgestaltung vielversprechend. Die Gefahr eines Kriegs in Europa oder eines nuklearen Holocaust
hat sich in solchem Maße verringert, daß sie im
Bewußtsein der Öffentlichkeit bereits in so weiter
Feme liegt wie Pearl Harbor, dessen 50. Jahrestag wir
vor wenigen Tagen begingen. Und doch sieht sich eine
zerfallende Union mit vielfältigen inneren Krisen konfrontiert - dem Zusammenbruch der Zentralregierung,
potentiellen Bürgerkriegen großen Ausmaßes und dem
Zerfall der sozialen Ordnung - während sie immer noch
30.000 Nuklearwaffen besitzt, von denen die schlagkräftigsten nach wie vor auf uns gerichtet sind.

Seite 1

�Es gibt keinen Präzendezfall für die plötzliche Auflösung eines so riesigen Imperiums von der Größe
Rußlands oder der Sowjetunion. Das Verschwinden
sehr viel kleinerer, viel jüngerer Imperien hat dem
Frieden ein Ende bereitet, die soziale Ordnung gestört
und die internationale Bühne so grundlegend verändert, daß dies erst Jahrzehnte später von Historikern
eingeordnet werden konnte. Die Lehren der Geschichte zwingen uns, sowohl die Gefahren als auch die
Chancen aufzuzeigen, wenn Imperien zugrunde gehen.
Jenseits der Grenzen Rußlands und der aufstrebenden souveränen Republiken liegen andere Herausforderungen für den Frieden, die internationale Ordnung
und damit für uns.
An erster Stelle steht dabei die Verbreitung von
atomaren, chemischen und biologischen Waffen sowie deren Trägersystemen. Über 20
Nationen besitzen oder beschaffen Massenvernichtungswaffen und häufen jeglicher Vernuft
spottend Arsenale solch vernichtender Fähigkeiten an. Arsenale, die sich allzu oft in den
Händen von Größenwahnsinnigen, bewiesenermaßen unmenschlichen Barbaren oder
schwachen, instabilen oder unrechtmäßigen
Regierungen befinden.
Die Aussichten für die Entwicklung von Demokratie und Marktwirtschaften in Osteuropa sind
vielversprechend. Aber ethnische und territoriale Konflikte - durch das stalinistische Regime
lange unterdrückt - sind an die Oberfläche
gedrungen, bedrohen die politische Stabilität
und bergen das Risiko eines Bürgerkriegs.
Während der Wind des Wandels in Ostasien
weht, bestehen kommunistische totalitäre Regime in China, Nordkorea und Vietnam fort.
Trotz beispielloser Chancen für Frieden im Nahen
Osten ist das Potential für einen blutigen Konflikt weiterhin hoch. Während Außenminister
Baker und die Unterhändler daran arbeiten, die
Kriegstreiber an die Kette zu legen, entwickeln
zahlreiche Staaten in der Region fieberhaft
Massenvernichtungswaffen.
Weltweit ist ein ermutigender Trend zu politischem Pluralismus offenkundig, aber die Wurzeln der Demokratie sind zart und anfällig und
könnten leicht durch wirtschaftliche Miseren,
sektiererische Feindseligkeiten oder regionale
Konflikte vernichtet werden.
Die Welt ist klein, pflegte man zu sagen. In Wahrheit
ist die Welt heute noch kleiner. Ereignisse an Orten,
die wir bisher als weit entfernt ansahen, erzwingen
zunehmend unsere Aufmerksamkeit.

Seite 2

Die Gefahr eine Atomkriegs zwischen Indien
und Pakistan.
Die Realität des Bürgerkriegs in Jugoslawien.
Der Friedensprozeß in Kambodscha und im
Nahen Osten.
Die Notwendigkeit, den Putsch in Haiti umzukehren.
Die Frage, wie man den Schwarzen und Wei ßen
in Südafrika am besten behilflich sein kann,
beim Aufbau eines neuen Landes Zusammenarbeit zu lernen.
Solche Sorgen und Krisen liegen vor unserer Türschwelle - ob es uns gefällt oder nicht.
Die Geschichte ist nicht beendet. Sie war nur eingefroren und schlägt nun mit einer Rachsucht zurück, deren
Gefahr die Amerikaner verkennen. Nach 80 Jahren
der Kriege und Revolutionen sehen wir uns erneut mit
Konflikten über Nationalitäten, Rassen, Grenzen und
Ressourcen einer lange vergangenen Welt konfrontiert, selbst während wir versuchen, die durch den
Zerfall des Kommunismus freigesetzten revolutionären Kräfte zu integrieren und auf sie einzugehen.
Die Ereignisse der vergangenen drei Tage haben
demonstriert: nirgendwo ist die Entwicklung der Ereignisse verwirrender, das Tempo des Wandels rascher,
oder das Zusammenspiel von Chancen und Gefahren
augenfälliger als in der ehemaligen Sowjetunion. Und
nirgendwo ist eine günstige Lösung - das heißt, das
Entstehen stabiler, uns freundlich gesonnener, kompetenter Demokratien in Rußland, der Ukraine und
anderen ehemaligen sowjetischen Republiken - lebenswichtiger für die Interessen der Vereinigten Staaten
und in der Tat der ganzen Welt.
Der selbstmörderische Versuch der alten kommunistischen Garde vom vergangenen August, die Uhr zurückzudrehen, hat prompt den Zusammenbruch der
sowjetischen Regierung und den Zerfall des Landes
zur Folge gehabt.
Die aufstrebenden souveränen Republiken unterscheiden sich in ihrer politischen Gestaltung. Und sie
scheinen daran interessiert zu sein, in irgendeiner
Form zusammenzukommen, um eine sehr lockere
Föderation zu bilden. Aber keine von ihnen hat - weder
einzeln noch kollektiv - den Wunsch oder die Fähigkeit,
eine so große Bedrohung für die amerikanische Sicherheit darzustellen, wie es die Sowjetunion Jahrzehnte lang tat. Tatsächlich versuchen die meisten
Republiken der ehemaligen UdSSR, ihren Verteidungshaushalt zu reduzieren, sich den westlichen Wirtschafts- und Sicherheitsstrukturen anzuschließen und
kooperative Beziehungen mit den Vereinigten Staaten
zu schmieden.

AMERIKA DIENST 50

�Die Situation ist jedoch in gefährlichem Maße instabil.
Alle ehemaligen sowjetischen Republiken sehen sich
mit enormen wirtschaftlichen, sozialen und politischen
Problemen konfrontiert, die den Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaften schwierig und potentiell
gefährlich machen. Die Wirtschaft befindet sich im
freien Fall ohne Aussichten für eine Umkehrung dieser
Entwicklung. Schwierige Wirtschaftsbedinungen einschließlich eines gravierenden Mangels an Nahrungsmitteln und Brennstoff in einigen Gebieten, des
Zerfalls der Streitkräfte und andauernder ethnischer
Konflikte - werden in diesem Winter die tiefgreifendsten Unruhen in der ehemaligen UdSSR hervorbringen seit die Bolschwiken ihre Macht konsolidierten.
Der russische Präsident Jelzin hat ehrgeizige Pläne
zur Wirtschaftsreform formuliert, aber es bleibt abzuwarten, ob er sie durchführen kann. Marktrefomen
werden mit Inflation und Arbeitslosigkeit einhergehen,
die eine soziale Explosion auslösen könnten und damit
die Stabilität der aufstrebenden demokratischen Regierungen gefährden. Man muß mit der Möglichkeit
rechnen, daß solche Umstände eine Rückkehr zur
autoritären Regierung bewirken - entweder unter der
Führung von Reformern, die verzweifelt versuchen,
Nahrungsmittel für die Bevölkerung zu beschaffen und
eine Explosion abzuwenden, oder von einer f remdenfeindlichen, atavistischen Vision Rußlands geleiteten
Nationalisten.
Insgesamt gesehen geben die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre und insbesondere der letzten drei
Monate auf lange Sicht Anlaß zu berechtigten Hoffnungen und Optimismus über Rußland und die anderen Republiken. Zum ersten Mal seit 1917 steht ihnen
die Zukunf* ,nr. i, und ihre politisch Verantwortlichen
wollen eindeutig die Demokratie stärken und Marktwirtschaften einführen. Kurz- und mittelfristig sind wir
jedoch tief besorgt, daß die vor den meisten dieser
neuen demokratischen Kräfte liegenden wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen sie überwältigen könnten.

Infolgedessen verlieren die sowjetischen Streitkräfte
zur allgemeinen Verwendung an Zusammenhalt. Der
Bereitschaftsstand befindet sich auf dem niedrigsten
Niveau seit Jahrzehnten.
Der Ausbildungsbetrieb wurde erheblich gestört.
Nahrungsmittel und Treibstoff sind knapp.
Wohnungsmangel unterminiert Moral und Disziplin.
Die operativen Stationierungen von Schiffen der
Marine nehmen weiterhin ab. Lebenswichtige
Instandhaltungsmaßnahmen werden aufgeschoben.
Nationalitätenkonflikte nehmen zu, und die
Zuverlässigkeit der Truppen ist zweifelhaft, insbesondere bei Missionen im Inland.
Die bereits niedrige Truppenstärke wird weiter
verringert. Es ist fraglich, ob die Republiken die
zur Aufstockung der bis aufs Skelett reduzierten
Einheiten erfoderlichen Reservestreitkräfte
mobilisieren können. In jedem Fall würden eine
Mobilisierung großen Ausmaßes durch die sich
verschlechternden Transport- und Verteilungssysteme behindert.
Während in der Tat noch ein zentralistisches Führungssystem operiert, beginnt der politische und wirtschaftliche Zerf all das Militär in den Republiken gegenüber loyale oder nur mit ihrer Selbsterhaltung befaßte
Elemente zu zersplittern. Unser wahrscheinlichstes
Szenarium deutet auf den weiteren Zerfall und Zusammenbruch der sowjetischen Streitkräfte hin.

Die Bedrohung durch die sowjetischen konventionellen Streitkräfte nimmt täglich ab. Es ist jedoch unabdingbar, zwischen ihren kurzfristigen Fähigkeiten und
ihrem langfristigen Potential zu unterscheiden.

Offen gesagt, kann ich mir kein realistisches Szenarium vorstellen, in dem im nächsten Jahr von der
ehemaligen UdSSR für die Nachbarstaaten eine größere Bedrohung durch konventionelle Streitkräfte
ausgehen würde. Statt dessen könnte sich - wie selbst
die politisch Verantwortlichen in der Sowjetunion gewarnt
haben - in den nächsten ein bis zwei Jahren sehr viel
eher die Möglichkeit eines Konflikts in oder zwischen
einzelnen neuen Republiken ergeben. Einem solchen
Konflikt würde wahrscheinlich eine Periode vorausgehen, in der Indikatoren - wie zunehmende politische
Unruhen oder unerträgliche wirtschaftliche Entbehrungen - Warnsignale aussenden würden.

Die Fähigkeiten und das Potential der ehemaligen
sowjetischen Streitkräfte hängt von der aktuellen und
zukünftigen Verteidigungspolitik der neuen Regierungen in den Republiken ab. Diese Regierungen scheinen der Beibehaltung - geschweige denn, dem Wiederaufbau - konventioneller Streitkräfte über das für
eine felsenfeste Verteidigungsfähigkeit als erforderlich
erachtete Niveau in einem Umfeld relativ niedrige
Priorität beizumessen, das aus ihrer Sicht geringe
Bedrohungen birgt.

Längerfristige Prognosen sollten nach dem Zusammenbruch dieses riesigen Reichs und inmitten der
daraus resultierenden politischen, wirtschaftlichen und
sozialen Revolution mit großer Vorsicht gemacht werden.
Aber sowohl wir als auch Sie müssen natürlich über die
nächsten ein bis zwei Jahre hinausblicken. Wir müssen die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß auf dem
Territorium der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere in Rußland, eine neue konventionelle Bedrohung
entstehen könnte.

Ich möchte mich jetzt den spezifischen Fragen über
militärische Angelegenheiten zuwenden, die anzusprechen Sie mich gebeten haben.

AMERIKA DIENST 50

Seite 3

�Diese Möglichkeit ist gering, wenn die Nachfolgerepubliken ihren heutigen politischen und wirtschaftlichen
Kurs fortsetzen. Dies ist ein Grund, warum wir ihnen
viel Erfolg wünschen. Wenn jedoch die gegenwärtigen
Entbehrungen und Umwälzungen zu autokratischen,
fremdenfeindlichen und aggressiven Regimen führen,
könnten diese gewiß ihre konventionellen Streitkräfte
wieder aufrüsten und erneut eine Bedrohung darstellen. In diesem Fall wäre eine Überfülle von Warnsignalen zu erwarten.
Die entstehende Bedrohung durch sowjetische strategische Atomwaffen ist weiterhin erste Priorität unserer
Nachrichtendienste. In den gesamten achtziger Jahren unternahmen die Sowjets große Anstrengungen
zur Modernisierung und Verbesserung ihrer strategischen Offensiv- und Defensivkräfte. Wir hatten eine
Andauer dieses Trends in den neunziger Jahren vorhergesagt.
Aufgrund der weiteren Verschlechterung der
wirtschaftlichen Lage und der zunehmenden
Kürzung der Militärausgaben in den vergangenen beiden Jahren hielten wir es für wahrscheinlich, daß auch die strategischen Streitkräfte von
Sparmaßnahmen erfaßt würden. Deshalb prognostizierten wir die Stornierung einiger wichtiger Programme.
Trotzdem besaßen wir Beweise, wonach die
Sowjets fünf neue strategische ballistische
Raketen entwickelten, und wir wunderten uns
über ihre Fähigkeit, diese Programme angesichts der sich abzeichnenden Wirtschaftskatar
Strophe voranzutreiben.
Nun, die Lage hat sich verändert. Gorbatschow hat die
Einstellung zweier ICBM-Programme - einer straßengestützten und einer schienengestützten Rakete verkündet, obgleich die Produktion der neuen Interkontinentalraketen SS-18 MOD-5 und der straßengestützten SS-25 noch andauert. Ein Militärsprecher hat
unlängst erklärt, daß in den nächsten fünf Jahren keine
weiteren U-Boote mit Interkontinentalraketen gebaut
werden.
In der Vergangenheit gingen wir davon aus, daß die
Sowjets ihre strategischen Programme wegen ihrer
symbolischen Bedeutung und aufgrund ihres Abschrekkungswerts aufrechterhalten und verteidigen würden.
Es ist jedoch zunehmend schwierig, sich vorzustellen,
wie Rußland oder andere Republiken mit strategischen Kernwaffen in der Lage sein werden, die Modernisierungsbemühungen fortzuführen - oder selbst, warum
sie dies angesichts der rasch abnehmenden Spannungen mit dem Westen überhaupt anstreben sollten.
Deshalb sollten wir nicht überrascht sein, wenn die
meisten oder alle sowjetischen Pläne für die Modernisierung der strategischen Offensivstreitkräfte in absehbarer Zukunft eingestellt werden. Dies ist sicher-

Seite 4

lich nicht das, was von den Militärs gewünscht wird
sondern spiegelt lediglich die wahrscheinlichen Prioritäten der politischen Entscheidungsträger in den
Republiken sowie die wirtschaftlichen Gegebenheiten
wider.
Wir erwarten, daß - wie von Gorbatschow bereits
angekündigt - die neu entstehenden Nuklearmächte
ihre strategischen Streitkräfte in den neunziger Jahren
unter die von START gezogenen Grenzen reduzieren.
Es ist unwahrscheinlich, daß diese Streitkräfte, ob sie
nun von Rußland oder irgendeinem gemeinsamen
Kommando kontrolliert werden, angesichts der Verschlechterung der operativen Unterstützungsfähigkeiten und der gesamten Infrastruktur auf START-Niveau
gehalten werden können. Zahlreiche führende russische und ukrainische Politiker haben bereits ihren
Wunsch geäußert, die strategischen Streitkräfte zu
verringern, da sie der Meinung sind, sie seien die
Kosten und Mühen nicht wert, um sie auf einem Niveau
beizubehalten, das auch nur annähernd dem von
START zugelassenen entspricht.
Sie könnten jedoch nicht in der Lage sein, diese
Streitkräfte so rasch abzubauen wie sie möchten. Die
Demontage strategischer Waffen ist schwierig und
teuer. Überdies sind die sowjetischen Einrichtungen
dafür sehr begrenzt und nur in Rußland vorhanden.
Selbst wenn letztlich nur ein verringertes Arsenal strategischer Waffen auf dem Territorium der ehemaligen
Sowjetunion übrig bleibt, wäre dies immer noch ausreichend, um die Vereinigten Staaten und andere Länder
zu verwüsten. Solange die Möglichkeit bestehen
bleibt, daß Unruhen in der Region die Entstehung
neuer, gegnerischer Regime fördern könnten, werden
die verbleibenden strategischen Waffen Anlaß zur
Sorge geben.
Ein vordringlicheres Anliegen ist die Möglichkeit, daß
die Sowjets unfähig sein könnten, ausreichende Sicherheitsvorkehrungen bei der Reduzierung und
Demontage eines Großteils ihres Arsenals von 30.000
Kernwaffen zu gewährleisten. Zum jetzigen Zeitpunkt
besitzt die Zentrale ein vom Verteidigungsministerium
und dem Generalstab geleitetes ausgefeiltes und wirksames System zur Kontrolle dieser Waffen. Das
Zentrum löst sich jedoch vor unseren Augen auf.
Diejenigen, die dieses Kontrollsystem konzipierten,
hatten niemals mit einer solchen Entwicklung gerechnet.
Etwa zwei Drittel der sowjetischen Kernwaffen befinden sich in Rußland. Tausende von Waffen verbleiben
jedoch in anderen Republiken. Die meisten scheinen
in gut gesicherten Einrichtungen stationiert zu sein.
Wir sehen jedoch einer Periode der Unsicherheit entgegen, während Rußland und die anderen Republiken
den Besitz dieser Waffen regeln und neue Strukturen
und Verfahren zu ihrer Kontrolle und für ihren Einsatz

AMERIKA DIENST 50

�entwickeln. Ein weiterer ernüchternder Gedanke: keine
der Regierungen dieser neuen Atommächte ist bis
heute durch die von der alten Sowjetunion eingegangenen Verpflichtungen gebunden, obwohl alle behaupten, sie würden diese Abkommen einhalten und
ratifizieren.
Das sowjetische System zur Kontrolle der Kernwaffen
hat sich auf fähige Menschen mit starker Disziplin
gestützt, die solide Verfahren auf Führungs- und Einsatzebene befolgten. Diese Personen sind jedoch
ebenfalls in vieler Hinsicht denselben wirtschaftlichen
Problemen und nationalistischen Bestrebungen wie
ihre zivilen Landsleute ausgesetzt. Selbst robuste
physische Sicherheit und Maßnahmen zur Einsatzkontrolle werden unwirksam, wenn das Wachpersonal
oder seine Offiziere angestiftet oder korrumpiert werden oder einfach verschwinden.
Die meisten Ihrer Fragen betreffen umfassendere
Probleme als die Auswirkungen der Entwicklungen in
der ehemaligen UdSSR. Von diesen umfassenderen
Themen gibt die sich beschleunigende Verbreitung
atomarer, biologischer und chemischer Waffen in
anderen Ländern der ganzen Welt wahrscheinlich
größten Anlaß zur Sorge. Je mehr Länder solche
Waffen besitzen - selbst, wenn sie nur der Abschrekkung dienen -, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit
ihres Einsatzes. Zur Zeit wird das Gebiet der Vereinigten Staaten nur von sowjetischen und chinesischen
Raketen bedroht, und wir erwarten im konventionellen
militärischen Sinn für mindestens ein weiteres Jahrzehnt kein zusätzliches Risiko durch Massenvernichtungswaffen an^oror Länder. Dagegen wächst die
Bedrohung für Europa, den Nahen Osten und Asien.
Die im Ausland stationierten amerikanischen
oder verbündeten Streitkräfte könnten vor Ende
dieses Jahrzehnts verstärkt Bedrohungen durch
luftgestützte Kernwaffen ausgesetzt sein. Einige ungenaue aber einsatzfähige ballistische
Raketen mit nuklearen Gefechtsköpfen werden
in den kommenden Jahren wahrscheinlich von
einer Reihe von Ländern stationiert werden.
Mehrere Staaten besitzen Flugkörper und Raketen, die nukleare Gefechtsköpfe tragen könnten. Wenn eines dieser Länder ein paar nukleare Gefechtsköpfe - etwa von einem abgefallenen sowjetischen Element - beschaffen könnte,
würde es automatisch zur Nuklearmacht.
Die meisten Staaten des Nahen Ostens unterhalten Programme zur Entwicklung chemischer
Waffen, und einige haben bereits Arsenale, die
für den Einsatz gegen Zivilisten oder schlecht
geschützte militärische Ziele in Frage kommen.
Zur Zeit sind ihre Trägersysteme völlig unzureichend, aber im Lauf des nächsten Jahrzehnts

AMERIKA DIENST 50

erwarten wir, daß chemisch bestückte, mobile
Kurzstreckenraketen von Nordafrika bis Südasien weite Verbreitung finden.
China und Nordkorea könnten anderen Staaten
Raketen größerer Reichweite oder die Technologie zu deren Herstellung verkaufen. Die
Beschaffung solcher Raketen durch Länder, die
ABC-Waffen besitzen, würde den gegenwärtig
in diesem Bereich im Nahen Osten und Südasien stattfindenden Rüstungswettlauf noch
erweitem und beschleunigen.
Ich möchte kurz auf die ehemalige Sowjetunion als
Quelle der Verbreitung eingehen. Wie der Rest der
ehemaligen sowjetischen Rüstungsindustrie könnten
Unternehmen, die mit Programmen für Massenvernichtungsmittel und Raketen befaßt und Kürzungen
des Militärhaushalts ausgesetzt sind, versuchen, im
Geschäft zu bleiben, indem sie Gerät, Material und
Dienstleistungen auf dem Weltmarkt anbieten. Der
Devisenhunger könnte Vorrang vor Sorgen über die
Verbreitung von Waffen einnehmen, insbesondere bei
den Führungen von Republiken und Kommunen, die
eine hohe Konzentration von Rüstungsbetrieben und
kaum andere marktfähige Produkte aufweisen.
Zehntausende von Wissenschaftlern, Ingenieuren und
Medizinern emigrieren Jahr für Jahr aus der ehemaligen Sowjetunion. Einige sind Fachleute für Massenvernichtungswaffen und Raketen. Die meisten dieser
Auswanderer werden sich vorzugsweise in Israel oder
im Westen niederlassen, aber einige könnten für ihr
Fachwissen einen besseren Markt in Ländern der
dritten Welt finden, die sich um die Beschaffung oder
Verbesserung ihrer Fähigkeiten bei Massenvernichtungswaffen bemühen.
Die bedeutendsten Streitkräfte der Welt sind neben
den sowjetischen und verbündeten Streitkräften diejenigen Chinas, Indiens und Nordkoreas. Nur China
besitzt die Fähigkeit zum Angriff auf amerikanisches
Territorium, obgleich die Nordkoreaner erhebliche
Fähigkeiten gegen die in Südkorea stationierten
amerikanischen Streitkräfte einsetzen können.
Die Chinesen haben eine kleine Streitmacht nuklear
bestückter ICBMs stationiert, von denen einige auf die
Vereinigten Staaten gerichtet sind. Für die neunziger
Jahre planen sie die Stationierung weiterer strategischer und regionaler Nuklearstreitkräfte. Wir gehen
davon aus, daß die Chinesen die Modernisierung ihrer
Raketenstreitkräfte fortsetzen. Die Raketen kürzerer
Reichweite, angeblich mit konventionellen Gefechtsköpfen ausgerüstet, werden im Ausland angeboten,
um harte Devisen einzunehmen. Neue chinesische
Raketen, darunter eine mobile Interkontinentalrakete,
werden voraussichtlich in den neunziger Jahren stationiert werden.

Seite 5

�Die technologische Qualität der weltweiten militärischen Bedrohung amerikanischer Interessen wird in
den kommenden Jahren niedriger sein als wir vor dem
Zusammenbruch der Sowjetunion prognostizierten.
Trotzdem werden zahlreiche ausländische Streitkräfte
moderne sowjetische und westliche Waffen beschaffen - die unserer Einschätzung nach zu Schleuderpreisen erhältlich sein werden.
Viele Staaten verkaufen bereits moderne Waffen und
militärische Technologie, und verschiedene Nachfolgestaaten der UdSSR werden sich ihnen wahrscheinlich anschließen. Selbst wenn die Regierungen der
Republiken ihre Arsenale weiterhin scharf kontrollieren, werden sie durch die wirtschaftlichen Bedingungen versucht sein, demjenigen Waffen zu verkaufen,
der die meisten harten Devisen dafür bietet. Unruhen
in der Region werden die Möglichkeit nicht genehmigter Waffentransfers an Gruppen innerhalb und außerhalb der ehemaligen UdSSR weiter verstärken. Darüber hinaus könnten wir die Weitergabe hochmoderner sowjetischer "konventioneller" militärischer Technologie und Ausrüstung erleben, wie etwa von unsichtbarer Laser- oder Wärmebildtechnologie.
Aus diesen und anderen Gründen werden die ausländischen militärischen Fähigkeiten in den kommenden
Jahren erheblich zunehmen, möglicherweise in unvorhergesehener Weise. Das Spektrum der Bedingungen, unter denen diese Fähigkeiten eingesetzt werden
könnten, ist wesentlich breiter als in der Vergangenheit. Damals ging die Hauptbedrohung von der Sowjetunion aus, und wir verstanden sie sehr gut. Eine
unserer größten Herausforderungen in den nächsten
Jahren wird darin bestehen, mit den stark wachsenden
militärischen Fähigkeiten im Ausland Schritt zu halten.
Das Potential für technologische Überraschungen in
der dritten Welt wird größer, während die Beschränkungen für ausländischen Zugang zu militärisch nutzbarer Technologie schrittweise gelockert werden.
Die Aussicht, daß Streitkräfte in großem Umfang gegen
amerikanische Interessen in Europa und anderen Teilen
der Welt, in denen die Sowjetunion stark war, eingesetzt werden, ist durch den Zusammenbruch des
sowjetischen Imperiums erheblich zurückgegangen.
Die neu entstehenden Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind uns - zumindest zum jetzigen Zeitpunkt
- freundlich gesonnen. Die internationale kommunistische Bewegung ist tot. In der ganzen Welt verlieren
linke Aufstandsbewegungen an Kraft, und ehemals

*

Seite 6

prosowjetische Regierungen sind bemüht, engere
Beziehungen zum Westen herzustellen. Der Kommunismus hält sich nur noch mühsam in einer Handvoll
Länder, die von alternden Führern beherrscht werden,
die sich vornehmlich dem eigenen Machterhalt widmen anstatt der Verbreitung dieser Ideologie im Ausland.
Diese Entwicklungen sind gewiß ermutigend. Sie
scheinen in eine bessere Zukunft zu weisen. Aber wir
sind noch nicht soweit. Wenn Sie in den kommenden
Monaten beraten, sollten Sie bedenken, wie unberechenbar die Zukunft geworden ist. Berücksichtigen
Sie,
wie schnell sich die Ereignisse entwickeln;
die Aussichten von Turbulenzen und Instabilität
im zentral-eurasischen Arsenal, das einmal von
einem Land gebildet wurde;
die problematische Verteilung von nahezu 30.000
Kernwaffen;
die Unbeständigkeit des Nahen Ostens und
Südasiens;
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen;
Programme zur Entwicklung von Kernwaffen in
Ländern, die unseren Prinzipien und Interessen
feindlich gesonnen sind;
die zentrifugalen Kräfte nationalistischer und
ethnischer Zwietracht, die auf mehreren Kontinenten zu Instabilität oder sogar Kriegen zu
führen drohen.
Ich möchte mit diesem Tenor schließen, um dem
Gesichtspunkt Nachdruck zu verleihen, daß der Zusammenbruch des Kommunismus die Chance eines
großen Krieges enorm verringert hat, die Welt aber
Tag für Tag ein spannungsgeladenes Umfeld bleibt und die Spannung steigt. Und ob wir wollen oder nicht
- nahezu alle Staaten betrachten die Vereinigten Staaten - die einzige Supermacht - als wichtigste Kraft für
Frieden und Stabilität.
Damit beende ich meine Ausführungen. Ich bin gerne
bereit, unter Ausschluß der Öffentlichkeit auf Ihre
Fragen zu antworten.

* * *

*

AMERIKA DIENST 50

�MENSCHENRECHTE
18. Dezember 1991

HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE AMERIKANISCHE
MENSCHENRECHTSPOLITIK
von Richard Schifter
Der Autor ist Leiter der Abteilung Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im US-Außenministerium.
Der folgende Artikel basiert auf seiner Ansprache bei einer Informationsveranstaltung des Weißen Hauses über
Menschenrechte am 9. Dezember 1991.

Der Zusammenbruch des Kommunismus in der Sowjetunion und Osteuropa, soviel steht heute fest, hat
uns nicht das Ende der Geschichte beschert. Wir
haben kein demokratisches Nirwana erreicht.
Sicherlich wurde der Leninismus als lebensfähige
politische Philosophie verworfen - auf den Müllhaufen
der Geschichte, um Trotzkis berühmte Allegorie zu
benutzen. Als Anachronismus bleiben jedoch nach leninistischem Modell gestaltete Regierungen bestehen, merkv.jic.gerweise allerdings in Kulturen, die
weit von der Welt Wladimir Uljanows entfernt angesiedelt sind. Ohne Beziehung zum Geist unseres Zeitalters versuchen alternde Führer ihre Macht zu erhalten,
zum Nachteil ihrer Bevölkerung und unter Bedingungen, die vielen politischen Gefangenen großes Leid
verursachen.
Die verbleibenden leninistischen Regierungen sind
nicht die einzigen, die sich der harten Unterdrückung
ihrer Bevölkerung schuldig machen. Geheimpolizisten überwachen auch in anderen totalitären Staaten
die Menschen und stehen bereit über jeden herzufallen, der auch nur das leiseste Anzeichen einer abweichenden Meinung von sich gibt. Um die Aufmerksamkeit auf die Praktiken einiger dieser nichtleninistischen
totalitären Regierungen zu lenken, ist das Nobelpreiskomitee den Präzedenzfällen gefolgt, die es selbst
schuf, als es den Preis gegen den Willen Hitler-Deutschlands an Carl von Ossietzky und der Sowjetunion
Breschnews trotzend an Andreij Sacharow verlieh.
Die Preisverleihung an Aung San Suu Kyi, jene mutige
Führerin ihres Volkes, ist nicht nur Ausdruck der Hoffnung auf ein besseres Burma sondern auch ein Tribut
an die Kämpfer für Demokratie und Freiheit in aller
Welt.
AMERIKA DIENST 50

Die verbleibenden totalitären Regime sind nicht nur
Unruheherde auf der Weltkarte der Menschenrechte.
Wir müssen der Zerbrechlichkeit der Demokratie in
den Ländern Rechnung tragen, in denen sie erst in
jüngster Zeit eingeführt wurde und in denen es noch
keine gefestigten Institutionen zum Schutz der Menschenrechte gibt. Aus diesem Grund ist es von entscheidender Bedeutung, daß die traditionellen Demokratien eine helfende Hand ausstrecken, um humanitäre Hilfe zu leisten und es den neuen Demokratien auf
diese Weise zu gestatten, die Krisen zu überwinden,
die von äußerst mangelhaften Wirtschaftssystemen
hinterlassen wurden und technische Hilfe zu leisten,
um ihnen beim Aufbau demokratischer Institutionen zu
helfen. Als Innenminister der Sowjetunion hat Wadim
Bakatin mir gegenüber erklärt, als er um amerikanischen Rat bei der Dezentralisierung der Polizei bat:
"Wir müssen das Rad nicht noch einmal erfinden."
Wenn wir jedoch Ländern die Hand reichen, die sich
dem demokratischen Lager anschließen, müssen wir
der Versuchung widerstehen, deren Angelegenheiten
bis ins Kleinste zu regeln. Wir müssen konstruktiven
Rat sowie notwendige technische Hilfe anbieten, aber
den demokratischen Prozeß arbeiten lassen. Die
politisch Verantwortlichen der neuen Demokratien
müssen die Interessen ihrer Wähler zum Ausdruck
bringen, nicht die von Stammtischstrategen im Ausland.
Unsere Konzentration auf die Unruheherde und anhaltenden Schwierigkeiten sollte nicht so aufgefaßt werden, als ob wir die großen Errungenschaften für das
Anliegen der Demokratie im vergangenen Jahr herunterspielen wollten. Obgleich die Demokratie in den

Seite 1

�Republiken der ehemaligen Sowjetunion noch keineswegs sicher etabliert ist und obwohl die noch eintretenden wirtschattlichen Probleme zu einem weiteren
Putschversuch führen können, steht zweifelsfrei fest,
daß die Ereignisse im vergangenen August durchaus
erstaunlich waren. In einem Land mit einer langen
Tradition blinden Gehorsams gegenüber Anordnungen von oben beschlossen zahlreiche einfache Leute,
Soldaten, Polizisten und sogar KGB-Angehörige zu
tun, was sie für das moralisch Richtige hielten und nicht
das, was ihnen zu tun befohlen worden war.
Dafür, daß sie die Bedingungen schufen, die eine
solche Reaktion ermöglichten, müssen wir Michail
Gorbatschow, Alexander Jakowlew und Eduard Schewardnadse Anerkennung zollen, die die Wahrung der
Menschenwürde in den höchsten Ämtern ihres Landes
verankerten und durch ihr Beispiel ihre Landsleute
inspirierten. Anerkennung gebührt ebenso Boris Jelzin, der in der Stunde höchster Gefahr für die Sache
der Menschenwürde aufstand und in der Lage war,
genügend Leute um sich zu versammeln, um den Sieg
davonzutragen.
Seit den drastischen Veränderungen in Europa haben
wir Afrika als demokratisches Neuland erlebt. Die
marxistisch-leninistischen Regierungen auf jenem
Kontinent sind verschwunden, die Apartheid ist auf
dem Rückzug, und eine Reihe autoritärer Herrscher ist
abgetreten. Noch vor einem oder zwei Jahren wurden
Mehrparteiensysteme sowohl von autokratischen
Herrschern als auch jenen Experten, die sich ein
realistisches Verständnis des Kontinents zugutehielten, als untauglich für Afrika oder als eitler Traum
abgelehnt. In einigen afrikanischen Ländern sind sie
heute bereits Wirklichkeit, in anderen werden sie eingeführt, und allgemein werden sie als Modell der Zukunft betrachtet.
In der Vergangenheit wurde in Afrika häufig die Sorge
zum Ausdruck gebracht, Demokratie würde Stammesfehden nach sich ziehen. Dies ist sicherlich ein Risiko.
Aber haben die Diktaturen es denn besser gemacht?
Welche Schlüsse würden wir zum Beispiel aus den
Erfahrungen in Liberia oder dem Sudan ziehen?

*

Seite 2

*

Tatsache ist, daß mit der weltweiten Abschwächung
der ideologischen Konfrontation die Auseinandersetzung zwischen Volksgruppen als Hauptursache von
Menschenrechtsverletzungen sowie politisch motivierten Morden in den Vordergrund getreten sind. Rajiv
Gandhi war lediglich das prominenteste Opfer des
tragischen Kampfes, von dem Sri Lanka in den vergangenen acht Jahren heimgesucht wurde. Serben und
Kroaten bringen einander in einem Bürgerkrieg um,
dessen Ausgang feststeht: beide Seiten werden verlieren. Armenierund Aserbaidschaner befinden sich in
einer ähnlichen Auseinandersetzung. Selbst der
angeblich ideologische Kampf des Leuchtenden Pfads
wird zunehmend dadurch gekennzeichnet, daß sich
die Terroristen stark mit ihren ethnischen Vorfahren
identifizieren.
In der ganzen Welt werden heute Tausende, wenn
nicht Millionen junger Menschen gelehrt - um aus
South Pacific zu zitieren -, "alle Menschen zu hassen,
die von euren Verwandten gehaßt werden". In Anerkennung dieser tragischen Tatsache sollten wir unser
Eintreten für die Menschenrechte nicht auf die Erörterung staatlicher Maßnahmen, der Wahrung von Grundfreiheiten durch staatliche Behörden beschränken.
Wir sollten uns fragen, was wir tun können, um die
einfache Vorstellung zu verbreiten, daß Völker in der
ganzen Welt die Menschenwürde ihrer Nachbarn achten
sollten, unabhängig von Hautfarbe, Sprache oder
Religion.
Dies ist nicht ausschließlich Sache von Regierungen.
Trotz der Probleme, mit denen wir uns zur Zeit konfrontiert sehen, haben wir in unserem Land beträchtliche
Fortschritte bei der Konfliktlösung auf lokaler Ebene
gemacht. Viele unserer Landsleute haben in diesem
Bereich Fähigkeiten erworben. Dies trifft in besonderem Maß auf viele unserer Pfarrer und Priester zu.
Wäre es nicht zweckmäßig, wenn wir unsere Erfahrungen mit dem Problem des Rassenhasses mit denjenigen teilen würden, die noch keine Erfahrung bei der
Konfliktlösung haben? Dies sollten wir zu einem
zusätzlichen Ziel unserer Arbeit im Bereich der Menschenrechte machen.

*

*

AMERIKA DIENST 50

�DROGEN
18. Dezember 1991

THERAPIEPROGRAMME IN GEFÄNGNISSEN
BIETEN STRAFTÄTERN EINE CHANCE
Programme für Obdachlose ebenfalls erfolgreich

WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel ist der dritte einer Serie über Behandlungsmethoden bei
Drogenmi ßbrauch.
Auf der ganzen Welt kommen drogenabhängige Straftäter für gewöhnlich als Drogenabhängige ins Gefängnis und verlassen es als solche - und setzen damit die
Spirale von Drogenmißbrauch und Inhaftierung fort.
Einige speziell entworfene Therapieprogramme geben Strafgefangenen in den Vereinigten Staaten jedoch eine zweite Chance im Leben.
Nationale Studien belegen, daß rund 70 Prozent der
amerikanischen Strafgefangenen erhebliche Probleme mit dem Mißhrauch von Suchtstoffen haben und
Straftaten zur Beschaffung der von ihnen konsumierten Droge öjer unter Alkohol-oder Drogeneinfluß
Gewaltverbrechen begehen. Die meisten Eigentumsdelikte einschließlich Diebstahl, Urkundenfälschung,
Raub und Einbruch sind auf Mißbrauch von Suchtstoffen zurückzuführen.
Jüngsten Erhebungen zufolge wird sechs von sieben
Inhaftierten vor ihrer Entlassung keine Therapie angeboten, und nach ihrer Entlassung verüben zwei Drittel
zur Befriedigung ihrer Sucht mehrere Verbrechen am
Tag.

Bundesmittel für die Drogenbehandlung von Häftlingen für das laufende Haushaltsjahr auf 22 Millionen
Dollar vorgeschlagen.
"Drogenmißbrauch ist eine Störung, für die es wirksame therapeutische Maßnahmen gibt", erklärt Dr. Mitchell Rosenthal, Präsident des Phoenix House, einer
gemeinnützigen Organisation, die sich mit der Behandlung von Suchstoff mißbrauch befaßt. "Die Sache
hat jedoch einen Haken. Drogenabhängige unterziehen sich selten freiwillig einer Behandlung, es sei
denn, sie werden gezwungen oder sehen sich mit
weniger wünschenswerten Alternativen konfrontiert."
Um diese Situation zu nutzen, bieten mehrere Therapieprogramme jetzt Alternativen zur Inhaftierung für
Personen an, die aufgrund von Verbrechen ohne
Gewaltanwendung verurteilt wurden und keine Bedrohung der Gesellschaft darstellen - eine Gruppe, die 61
Prozent der in Staatsgefängnissen Inhaftierten ausmacht.

Angesichts der Tatsache, daß sich in den Vereinigten
Staaten derzeit über eine Million Menschen - doppelt
soviel wie 1980 - hinter Gittern befinden, wird die
Behandlung von Drogenmißbrauch im Gefängnis für
die Strafvollzugsbeamten zunehmend attraktiv.

In Phoenix (Arizona) haben sich Therapeuten beispielsweise mit Strafverfolgungsbeamten bei der Entwicklung eines Rehabilitationsprogramms für erstmals
straffällig gewordene Drogenabhängige zusammengeschlossen. Diesem Programm liegt ein strenges
Bundesgesetz zugrunde, demzufolge der Besitz selbst
kleiner Mengen von Drogen ein Vergehen ist.

Über ein Dutzend Bundesstaaten experimentieren mit
intensiven Therapieprogrammen, die Inhaftierten helfen, ihre Drogenabhängigkeit durch Beratung, Gruppentherapie sowie berufliche Ausbildung und Hilfestellung bei der Arbeitsplatzsuche "loszuwerden". Bundesgefängnisse haben mehrere Pilotprogramme zur
Behandlung von Drogenmißbrauch in die Wege geleitet. Und Präsident Bush hat die Verdoppelung der

Den Straftätern wird jedoch die Möglichkeit zur Teilnahme an einem kommunal betriebenen Drogentherapieprogramm statt der Verurteilung geboten. Wenn
sie das Programm erfolgreich beenden und sich stichprobenartigen Drogentests unterziehen, wird ihre Strafakte gelöscht. Darüber hinaus müssen die Straftäter
je nach ihren Einkommensverhältnissen für ihre Behandlung selbst bezahlen.

AMERIKA DIENST 50

Seite 1

�"Wenn Gerichte den Drogenabhängigen die Option
der Therapie als Alternative zum Gefängnis bieten,
öffnen sie eine Tür, die viele niemals selbst öffnen
würden", stellt Rosenthal fest. "Und obwohl diese
Männer und Frauen unter Zwang die Therapie antreten, ist es eine Tatsache, daß nur wenige Drogenabhängige dies auf andere Art und Weise tun."
Es wurden auch Programme entwickelt, um Therapien
innerhalb der Gefängismauem anzubieten. Das erfolgreichste dieser Programme heißt Stay'n Out und
wurde vor 14 Jahren in einer Justizvollzugsanstalt des
Staates New York ins Leben gerufen.
Einer Langzeitstudie des Nationalen Instituts für Drogenmißbrauch zufolge wurden über 77 Prozent derjenigen, die 9 bis 12 Monate an Stay'n Out teilgenommen hatten, nicht wieder festgenommen und waren
nach ihrer Entlassung über drei Jahre lang drogenfrei.
Dies ist die beste Erfolgsquote des Landes.
Ron Williams, ein ehemaliger Heroinabhängiger und
Strafgefangener, der Stay'n Out gründete, erklärt,
Justizvollzugsbeamte aus den gesamten Vereinigten
Staaten und anderen Ländern pilgerten nach New
York, um mehr über das Programm zu erfahren.
"Dieses Programm ist in anderen Ländern überaus
populär", meint Williams. "Ich hatte Besucher aus
Neuseeland, England, Italien und China. Ich bin selbst
nach Thailand und Malaysia gereist und werde bald
eine Gruppe von Norwegern ausbilden. Das Konzept
findet Nachahmer."
Was Stay'n Out von Therapieprogrammen anderer
Justizvollzugsanstalten unterscheidet, ist die Tatsache, daß es die Teilnehmer von den anderen Häftlingen trennt, sie einem strengen auf dem Prinzip der
"therapeutischen Wohngemeinschaft" basierenden
Reglement unterwirft und die weitere Behandlung und
Betreuung auch nach der Entlassung auf Bewährung
veranlaßt.
Das Programm durchbricht die destruktiven Einstellungen eines Häftlings, indem es diesem eine endlose
Liste niedriger Hausarbeiten überträgt. Bei Erfolg
werden die Arbeitsaufträge anspruchsvoller, aber das
geringste Vergehen führt zur umgehenden Verweigerung von Privilegien. Die Berater sind selbst ehemalige Abhängige und Strafgefangene, die als Vorbild
dienen. Kernstück des Programms ist konfrontationsorientierte Gruppentherapie, mit der Selbstbewußtsein gebildet und Verweigerungshaltungen abgebaut
werden sollen.
"Wenn du hier etwas Negatives tust, konfrontieren wir
dich damit und zeigen dir die Wirkung auf andere
Leute", erklärt ein Berater. Er fügt hinzu, daß Häftlinge
aus der Gefängnismentalität ausbrechen müssen,
wonach "du nirgendwo hingehst, außer zurück auf die
Straße, zurück ins Gefängnis oder ins Grab".
Seite 2

"Der durchschnittliche Häftling darf nicht das Gefühl
bekommen, er habe, weil er seine Strafe abgesessen
hat, seine Schuld an der Gemeinschaft beglichen",
stellt Williams fest. "Wir sagen, daß man eine Strafe
für das Vergehen verbüßt, für das man festgenommen
wurde. Es gibt aber noch zahlreiche andere Vergehen,
wegen der man nicht verhaftet wurde. Das ist eine
Last, die man mit sich herumträgt, und diese Last muß
abgetragen werden... durch Dienst an der Öffentlichkeit."
Der männliche Durchschnittshäftling, der an Stay'n
Out teilnimmt, wurde viermal verurteilt und hat vier
Jahre im Gefängnis verbracht. Etwa vier von fünf
Teilnehmern schließen das Programm mit Erfolg ab.
Im Rahmen des Programms werden zur Zeit 200
Strafgefangene beiderlei Geschlechts in zwei verschiedenen Strafvollzugsanstalten behandelt. Seine
Einrichtungen sollen jedoch erweitert werden, um 200
weitere Strafgefangene aufzunehmen.
Das Programm erfordert neben den 30.000 Dollar, die
New York ohnehin jährlich für die Verpflegung und
Unterbringung eines Strafgefangenen ausgibt, weitere
3.000 Dollar. Fachleuten zufolge würde jeder Häftling,
der nach seiner Entlassung zu Drogenmißbrauch und
Verbrechen zurückkehrt, im Durchschnitt 40 bis 60
Raubdelikte pro Jahr, 70 bis 100 Einbrüche und Tausende von Drogentransaktionen begehen.
Das Amity-Gefängnisprojekt im Pirna County (Arizona) ist eines von wenigen, die von der Bundesregierung ausgewählt wurden, um ein Modellprogramm für
drogen-und alkoholabhängige Strafgefangene zu
entwickeln. Als gemeinnützige therapeutische Gemeinschaft betont Amity die Bedeutung der anhaltenden Betreuung zu Hause nach der Entlassung aus der
Haft. Ehemalige Strafgefangene verbringen bis zu 14
Monaten in einer Nachsorgeeinrichtung, in der sie
lernen, außerhalb der Haftanstalt zu leben, sich von
Drogen fernzuhalten und familiäre Beziehungen wiederaufzubauen.
In einigen Programmen, wie etwa Right Turn, einem
neuen vom kalifornischen Justizvollzugsministerium
finanzierten Therapieprogramm in der Nähe von San
Diego, ist die Teilnahme an einer Gruppentherapie
Pflicht und eine Voraussetzung für die Haftentlassung
auf Bewährung.
Projektleiterin Elaine Abrahams vergleicht die Gruppentherapie für ehemalige Strafgefangene mit einer
Dekompressionskammer. "Das ist wie beim Tiefseetauchen," erklärt sie. "Wenn man zu schnell nach oben
steigt, gibt es einen Knall, man ist an der Oberfläche
und krümmt sich vor Schmerzen. Wir bieten diesen
Leuten einen Ort zur Dekompression. Das schwierigste ist, herauszukommen nicht, hineinzugelangen."

AMERIKA DIENST 50

�Der Leiter des Suchtbehandlungszentrums The Vlllage in Miami, Matthew Gissen, stellt fest, ein staatlich
finanziertes Projekt zur Behandlung von Obdachlosen
in dieser Stadt sei höchst erfolgreich gewesen. Untersuchungen zufolge sind bis zu 40 Prozent der Obdachlosen alkohol- und 15 Prozent drogenabhängig.
"Diejenigen, die von unseren Sozialarbeitern und
Psychologen zur Behandlung an uns verwiesen wurden, waren äußerst erfolgreich", erklärt er. "Das
könnte darauf zurückzuführen sein, daß die Obdach-

losen heute mehr Aussichten haben, hoffnungsvoll in
die Zukunft zu blicken, als vor zehn Jahren."
Eine unlängst in über 100 Städten durchgeführte Untersuchung fand heraus, daß die Obdachlosigkeit in
der Rezession der Jahre 1981 -82 enorm zunahm, als
zahlreiche Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Zu
Beginn des Jahrzehnts gab es weniger als 250.000
Obdachlose, während die Zahl bis zum Jahr 1987 auf
etwa 600.000 angestiegen war, so diese Studie.

* *

AMERIKA DIENST 50

*

Seite 3

�THEMENINDEX
18. Dezember 1991

DER AMERIKA DIENST
2. Halbjahr 1991
Nachstehend eine Liste der Themen, die im Amerika Dienst (2. Halbjahr 1991) erschienen sind. Angegeben
ist jeweils die Nummer der Ausgabe, in der das betreffende Thema behandelt wird.

THEMA

NUMMER DER AUSGABEN

Abrüstung

39

Amerika heute

37, 38, 49

Amerikas Zukunft

33

Außen- und Innenpolitik

43

Außenpolitik

38,40

Biologische Waffen

37

Chemische Waffen

33

CIA

50

Deutsch-amerikanische Beziehungen

43

Deutsch-Amerikanischer Tag

40

Drogen

39, 41, 43, 46, 47, 50

Erwachsenenbildung

45

Europa

48

Exportkontrollen

26

Flüchtlinge

39

AMERIKA DIENST 50

Seite 1

�GATT

29, 40, 44

Gesellschaft

32,36

Golfkrise

31,40

Hispano-Amerika

38

Hochtechnologie in Amerika

35

IWF/Weltbank

42

Innenpolitik

35

Jugoslawien

26, 27, 39, 49

KSE

28,45

KSZE

31,37,40

Kongreß

44,48

Kunst

41

Meinungsbild in Amerika

42

Menschenrechte

37,50

Moskauer Gipfel

30

NATO

29,50

NATO-Gipfel

45

Naher Osten

30

Nahost-Friedenskonferenz

44

Nationale Sicherheit

32

Nationalismus

34

Neue Weltordnung

42

Neuer Oberster Richter

41

Ost-West-Beziehungen

39

Osteuropa

49

Pearl Harbor

49

Portrait

26, 42, 49

Seite 2

AMERIKA DIENST 50

�Raketenabwehr

32

Rüstungskontrolle

42

Sowjetische Militärmacht

41

Sowjethilfe

50

Sowjetunion

33, 34, 35, 36

START

30

Terrorismus

47

US-Außenpolitik

48

US-Streitkräfte

41

USA-Deutschland

36

USA-Europa

45

USA-UdSSR

34

Umwelt

30, 40, 49

Umweltschutz

49

Vereinte Nationen

38, 46

Verteidigung

27

Visum für 'JGA

36

Voice of America

43

Wahlen 1992

46

Wahlen in den USA

45

Weltwirtschaftsgipfel

27, 28, 29

AMERIKA DIENST 50

Seite 3

�</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </file>
  </fileContainer>
  <collection collectionId="4">
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="6534">
                <text>Dokumente</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </collection>
  <itemType itemTypeId="19">
    <name>Digitalisat</name>
    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
  </itemType>
  <elementSetContainer>
    <elementSet elementSetId="1">
      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="40">
          <name>Date</name>
          <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="11333">
              <text>18.12.1991</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="51">
          <name>Type</name>
          <description>The nature or genre of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="11334">
              <text>Digitalisat</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="39">
          <name>Creator</name>
          <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="11335">
              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="50">
          <name>Title</name>
          <description>A name given to the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="11336">
              <text>Amerikadienst 18.12.1991</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="41">
          <name>Description</name>
          <description>An account of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="11337">
              <text>&lt;strong&gt;1. Sowjethilfe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA regen Weltkonferenz über Sowjethilfe an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Baker in Princeton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Cheney nennt Treffen des Verteidigungs-Planungsausschußes nützlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erläuterungen des US-Verteidigungsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. CIA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gates zu Zerfall der Sowjetunion, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des CIA-Direktors vor dem Streitkräfteausschuß des Repräsentantenhauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Herausforderungen für die amerikanische Menschenrechtspolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Richard Schifter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Therapieprogramme in Gefängnissen bieten Straftätern eine Chance&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Programme für Obdachlose ebenfalls erfolgreich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Themenindex&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Amerika Dienst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;2. Halbjahr 1991&lt;/em&gt;</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </elementSet>
  </elementSetContainer>
</item>
