<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<item xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" itemId="2221" public="1" featured="0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/show/2221?output=omeka-xml" accessDate="2026-11-04T03:08:28+00:00">
  <fileContainer>
    <file fileId="2232">
      <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/53b82f0e83dd472b9a6a61e2078f2f53.pdf</src>
      <authentication>f5f60b45c0de673be3a56a8d71ae0678</authentication>
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="4">
          <name>PDF Text</name>
          <description/>
          <elementContainer>
            <element elementId="52">
              <name>Text</name>
              <description/>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="11308">
                  <text>&lt;&lt; e S&gt;?^

&lt;o

amcriha
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

%rION ^

45

5300 Bonn 2

13. November 1991

USA-EUROPA

BUSH: WESTEN MUSS LETZTES KAPITEL
DES KALTEN KRIEGS SCHREIBEN
Rede des Präsidenten in Den Haag

NATO-GIPFEL

BUSH: NATO-STREITKRAFTE SOLLTEN
"SCHLAGKRÄFTIG, AGIL, UNERREICHT" SEIN
Rede des Präsidenten beim NATO-Gipfel in Rom

KSE

KSE-VERTRAG EIN MEILENSTEIN DER
SICHERHEITSVERHANDLUNGEN
Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß

WAHLEN IN DEN USA

DIE WAHLEN VOM 5. NOVEMBER 1991
Amerikanische Pressestimmen

ERWACHSENENBILDUNG

DAS NEUE GESICHT AMERIKANISCHER
UNIVERSITÄTEN
von Carol B. Aslanian

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�USA - E U R O P A
13. November 1991

BUSH: WESTEN MUSS LETZTES KAPITEL
DES KALTEN KRIEGS SCHREIBEN
Rede des Präsidenten in Den Haag
DEN HAAG - (AD) - Präsident Bush hat am 9. November 1991 bei einem vom niederländischen Ministerpräsidenten Ruud Lubbers gegebenen Mittagessen in Den Haag erklärt, die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft müßten den Staaten Mittel- und Osteuropas helfen, um die von ihnen errungenen Freiheiten zu
sichern, die dazu beitragen werden, "das letzte Kapitel des kalten Kriegs zu schreiben".
Dabei warnte Bush vor "kurzsichtigen" Isolationisten in den Vereinigten Staaten sowie vor der Gefahr, daß die
"Verbündeten des kalten Kriegs die wirtschaftlichen Gegner von morgen werden - kalte Krieger, die sich in
Wirtschaftskrieger verwandeln".
Unfaire Handelsschranken zwischen den Nationen würden zu "wirtschaftlichem Ruin" führen und die Staaten in
eine Rivalität treiben, wie sie während der Großen Depression geherrscht habe. "Als Präsident ist es Teil meiner
Verantwortung gegenüber dem amerikanischen Volk, Wirtschaftswachstum und Chancen sicherzustellen. In
einer Weltwirtschaft bedeutet dies, auf freiem und fairem Handel zu bestehen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Präsident Bushs in Den Haag im Wortlaut.

Herr Ministerpräsident, Präsident Dolors, Außenminister van den Broek, verehrte Gäste,

unfreien Nationen Osteuropas die ersten Anzeichen
des Wandels.

ich möchte Ihnen allen danken. Mein Dank gilt insbesondere Ihrer Majestät, der Königin, für die außergewöhnlich warmherzige, aufrichtige Gastfreundschaft,
die uns heute hier entgegengebracht wurde und die
Barbara und ich auch in der Vergangenheit als ihre
Gäste genie ßen durften. Es ist mir eine Freude, wieder
einmal hier sein zu können.

In der Steinkirche von Leiden sprach ich von dem
neuen Geist, der auf diesem Kontinent lebendig, von
der neuen Welt, die in greifbarer Nähe sei. Und heute,
da wir uns in diesem historischen Rittersaal versammelt haben, ist Europa umgewandelt. Eine neue Welt
erstreckt sich vor uns, eine Welt, die vom Versprechen
der Freiheit belebt wird.

Ich freue mich, mit Ihnen am Ende dieser ersten
Zusammenkunft von politisch Verantwortlichen der
Vereinigten Staaten und der EG auf europäischem
Boden zusammenzutreffen. Daß dies auf niederländischem Boden geschieht, macht diesen Moment noch
bedeutsamer, denn nirgends ist das moralische Rückgrat unserer Atlantischen Gemeinschaft stärker.

Erst vor zwei Jahren fegte die Revolution jenes kalte
und düstere Symbol der europäischen Teilung hinweg,
und die Mauer wurde in Trümmer gelegt. Aber die
Geschichte läßt wenig Zeit zum Feiern.

Ich habe meinen ersten Besuch in Den Haag als
Präsident vor zwei Jahren am Vorabend der Revolution von 1989 gemacht. Zu jenem Zeitpunkt standen
wir in einem Konflikt verhaftet, dem bewaffneten und
unbehaglichen Frieden, den wir als kalten Krieg bezeichneten. Und doch bemerkte die Welt sogar in den

AMERIKA DIENST 45

Mit dem Wandel kommen neue Herausforderungen,
neue Herausforderungen für alte Verbündete, die einen
gemeinsamen Kurs in dem Frieden festlegen müssen,
der dem kalten Krieg folgt. Neue Herausforderungen
für alte Gegner-hier in Europa, die gewährleisten, daß
die Staaten des Ostens von ihren westlichen Nachbarn
Hilfe bei der Sicherung ihrer schwer errungenen Freiheiten erwarten können.

Seite 1

�Wenn wir uns der Zukunft stellen, dürfen wir die
Irrtümer der Vergangenheit nicht wiederholen. Auf
meiner Seite des Atlantiks haben einige das Ende des
kalten Kriegs mit einem Chor des "Komm nach Hause,
Amerika" begrüßt.
Für sie bedeutete der Zusammenbruch des Kommunismus, daß das Engagement der Vereinigten Staaten
in Europa beendet war. Nichts könnte kurzsichtiger
sein - für Europa, für die Vereinigten Staaten und für
die Welt.
Wir müssen die schwer erkämpften Lektionen dieses
Jahrhunderts beherzigen, wenn wir die neuen Chancen im nächsten ergreifen wollen.
Wir sollten künftigen Historikern darüber hinaus keinen
Grund liefern, um 1991 als Wiederholung von 1919 zu
betrachten, ein Zeitalter des naiven Isolationismus, in
dem die großen Demokratien der Welt entzweit und
verwirrt waren, Europa zwischen Siegern und Besiegten geteilt und blind gegenüber unerwarteten Gefahren war. Dieses erste Zeitalter der Naivität machte die
Schrecken Hitlers, gefolgt von dem lang anhaltenden
kalten Krieg erst möglich. Ich denke, wir sind uns einig,
daß die Welt für diesen ersten Flirt mit der Verblendung
teuer bezahlt hat. Der Krieg kostete Millionen Menschenleben. Unschuldige Generationen verloren den
Traum der Freiheit.
Die Frage, der wir uns heute ausgesetzt sehen, unterscheidet sich nicht wesentlich von der Frage, die
unsere Vorfahren im Jahr 1919 zu lösen hatten. In
unserem Falle wußten wir, wie man den kalten Krieg
führt. Aber wissen wir, wie man den Frieden gestaltet?
Wir müssen mit der Einsicht beginnen, daß die NATO
nicht nur ein militärisches Gebilde ist, das sich zusammenschloß, um einer gemeinsamen Bedrohung entgegenzutreten. Wir müssen erkennen, daß unser
Atlantisches Bündnis in der instabilen Welt von heute
ebenso lebenswichtig ist wie vor Jahren, als Europa
durch Stalins Armee bedroht wurde.
Von Anbeginn war unser Bündnis und ist auch heute
noch eine Allianz freier Nationen, Demokratien und
durch den Lauf der Geschichte und das gemeinsame
Erbe verbundener Länder. Wie wir seit einem halben
Jahrhundert beobachten konnten, sind Europa und
Amerika heute Partner im Frieden. Heute sind wir
auch Partner im Wohlstand mit starken Handelsverbindungen, die unsere Völker bereichern, neue Möglichkeiten eröffnen und Wachstum fördern.
Es besteht kein Zweifel, daß sich die NATO verändern
wird. In Rom haben wir die Art und Weise verändert,
in der das Bündnis die gemeinsame Verteidigung
gewährleistet, wie wir mit unseren ehemaligen Gegnern und mit uns selbst umgehen. Unsere neue
Verteidigungsdoktrin wird sicherstellen, daß jeder
Verbündete vor jeder Bedrohung sicher ist - Sicherheit,
die durch hochmobile, multinationale, einschneidend

Seite 2

im Umfang reduzierte aber in ihrer menschlichen und
technologischen Qualität unübertroffene Streitkräfte
glaubwürdig wird.
Unser neues NATO-Liaisonprogramm für die jüngsten
Demokratien Europas - Polen und Ungarn, die Tschechoslowakei und andere - wird ihnen helfen, ihren
Militärapparat von einer Waffe des Staates zu einem
Garant freier Menschen umzugestalten. Und schließlich wird die Förderung einer europäischen Verteidigungsidentität durch das Bündnis - der lange angestrebte "europäische Pfeiler" - unseren europäischen
Verbündeten mehr Verantwortung beim Schutz gemeinsamer vitaler Interessen, hochgehaltener Ideale
und Rechtsstaatlichkeit übertragen.
Mein Land und die Nationen dieses Kontinents schmieden eine neue atlantische Partnerschaft. Blicken Sie
auf die Zeit vor vierzig Jahren zurück, die Tage der
Berlinblockade und des Marshallplans. Praktisch ganz
Europa lag in Ruinen, die Hälfte seiner Völker in Ketten
gefangen. Und heute steht Westeuropa als Modell für
das, was Demokratie, freie Märkte und Zusammenarbeit bieten können. Über 300 Millionen Menschen, die
insgesamt ein Fünftel der Wirtschaftsproduktion der
Welt ausmachen, Nationen, die unter den führenden
und am besten ausgebildeten der Welt stehen.
Diese Ära des Wohlstands der Nachkriegszeit hat
Europa für größere Verantwortung vorbereitet. Wir
werden heute Zeuge eines neuen Europas in Aktion das gemeinsam mit uns den Bürgern Mittel- und Osteuropas hilft, ihre Systeme, Gesellschaften und ihr
Leben umzugestalten. Im Nahen Osten ist die Europäische Gemeinschaft unser Partner im Streben nach
Frieden. Wir sehen das neue Europa bei der Arbeit in
seiner unmittelbaren Nachbarschaft, beim Streben
nach Beendigung des Kriegs in Jugoslawien mit ungewissen Aussichten.
Wir begrüßen das Entstehen des neuen Europas auf
dem Weg der Europäischen Gemeinschaft zu einem
Binnenmarkt und einer politischen Union, im Wiederaufleben der Westeuropäischen Union, in den neuen
Abkommen der EG mit der EFTA. Die Wiederbelebung der Atlantischen Allianz und der Aufbau einer
Europäischen Union gehen Hand in Hand. Beide
können zu einem sicheren, wohlhabenden Europa und
einer humanen Weltordnung beitragen. Eine kontinuierliche Rolle Amerikas in Europa kann Integration
erleichtern und damit Stabilität fördern. Ein vertrauensvolleres und geschlosseneres Europa wird unseres Erachtens wünschen, daß die Vereinigten Staaten
voll und ganz engagiert bleiben.
Aus diesem Grund hoffen wir auf dauerhafte Fortschritte beim bevorstehenden EG-Gipfel in Maastricht,
weil die Vereinigten Staaten in der Beschleunigung der
Einheit Europas eine natürliche Entwicklung zu unserem gemeinsamen Ziel sehen: einen Staatenbund
freier Nationen, die im Einklang arbeiten, eine neue

AMERIKA DIENST 45

�Welt, in der mehr und mehr Nationen in den sich
erweiternden Kreis der Freiheit eintreten.
In den kommenden Monaten und Jahren wird dieser
Staatenbund gefordert sein, gleichzeitig geduldig und
standhaft, resolut und handlungsbereit zu sein. Aber
zuerst müssen wir das Schlußkapitel des kalten Kriegs
schreiben. Wir müssen den Nationen des Ostens bei
der Sicherung der Freiheiten helfen, die sie errungen
haben. In Mittel- und Osteuropa hat sich die Euphorie
von 1989 gelegt. Diese Länder kämpfen jetzt mit dem
Aufbau funktionierender freier Märkte aus den Ruinen
des sozialistischen Systems und der Wiederbelebung
des für eine demokratische Gesellschaft unabdingbaren Gefühls von Vertrauen.
Diese Nationen bedürfen unserer Hilfe. Sie benötigen
Zugang zu westlichen Märkten, finanzielle und technische Unterstützung zur Erleichterung des Übergangs.
40 lange Jahre haben die gefangengehaltenen Nationen des Ostens auf den Westen für ein Zeichen der
Hoffnung geblickt und es ist jetzt an der Zeit, diesen
neuen Demokratien zu sagen: "Wir werden Euch
helfen." Nach einer solchen kalten und andauernden
Isolierung ist es darüber hinaus für uns an der Zeit,
ihnen ein warmes Willkommen in diesem Bund der
Freiheit zu entbieten.
Und dennoch sehen einige in dem Triumph der Freiheit
eine bittere Ernte während die dringliche Arbeit des
Aufbaus von Demokratien und Marktreformen voranschreitet. Aus ihrer Sicht hat der Zusammenbruch des
Kommunismus eine Büchse der Pandora alter ethnischer Haßgefühle, Ressentiments und selbst der
Rachsucht geöffnet. Einige fürchten, die neuen Freiheiten der Demokratie würden nicht verwendet, um
neues Vertrauen aufzubauen sondern alte Rechnungen zu begleichen. Ganz Europa blickt der Gefahr
eines alten Feindes ins Auge, einem von Haß geschürtem und höheren Zielen unberührtem Nationalismus.
Niemand braucht gesunden Nationalstolz zu fürchten,
die eindeutigen und prägenden Traditionen, die lebende Geschichte, die Völkern und Nationen das Gefühl
der Identität, der Prinzipien und des Zwecks vermitteln. Wir müssen uns jedoch gegen einen Nationalismus der düstersten Sorte wappnen, der auf alte, starre
Vorurteile aufbaut, Menschen Intoleranz, Mißtrauen
und sogar Rassismus und Antisemitismus lehrt, der
Nation gegen Nation, Bürger gegen Bürger aufhetzt.
Für diese alten Animositäten darf es in dem neuen
Europa keinen Platz geben.
Die Antwort besteht nicht darin, die dunklen Impulse,
die Nationen zerstören, zu unterdrücken sondern sie
zu überwinden und einen Geist demokratischer Toleranz und friedlicher Veränderungen zu kultivieren, ein
Konzept der Mehrheitsregierung, die Rechte von
Minderheiten respektiert. Demokratie ist nicht die
Ursache der Kämpfe in Osteuropa und der Sowjetunion sondern deren Lösung. Westeuropa liefert das

AMERIKA DIENST 45

Beispiel, daß der Geist der Demokratie im Zeitraum
von etwas mehr als einer Generation Jahrhunderte der
Rivalitäten, Kriege und nationaler Fehden überwinden
kann.
In Jugoslawien beobachten wir, wie der stolze Begriff
Nationalismus ein Land in einem blutigen Bürgerkrieg
spalten kann. Amerika unterstützt - voll und ganz - die
Bestrebungen der Europäischen Gemeinschaft, diesem Konflikt ein Ende zu bereiten.
Wir würdigen Lord Carrington für seine unermüdlichen
Bestrebungen und fordern alle Parteien auf, der Gewalt
Einhalt zu gebieten und ein unverzügliches Ende des
Leidens mit friedlichen Mitteln anzustreben. Wir sind
bereit, gemeinsam mit der EG diejenigen in Jugoslawien zur Verantwortung zu ziehen, die diese Verbrechen begehen und deren engstirnigen Ambitionen
diese Agonie fortbestehen lassen.
Zweitens müssen wir die Gelegenheiten noch weiter
im Osten ergreifen, um die demokratische Umgestaltung in der Sowjetunion und ihren Republiken zu
fördern. Darauf hat Ministerpräsident Lubbers hingewiesen. Der vereitelte Staatsstreich im August hat die
Entschlossenheit der Reformer erhöht, demokratische
Veränderungen zu institutionalisieren und echte marktwirtschaftliche Reformen einzuführen.
Wir im Westen müssen darauf reagieren, indem wir
humanitäre Hilfe anbieten, unsere Märkte für Waren
aus jeder Republik öffnen, Investitionen fördern sowie
wirtschaftliche Beratung und Know-how anbieten. Meiner
Ansicht nach wollen die Völker in diesem ganzen
weiten Land Veränderungen. Aber keine schnelle
Lösung kann ihnen Leiden und Not ersparen, da sie
sich von über 70 Jahren der Mißwirtschaft befreien.
Ein harter Winter und harte Zeiten liegen vor uns.
Verzweifelte Zeiten bringen Demagogen hervor. Amerika
und Europa haben ein gemeinsames Interesse am
Erfolg der Reformen in der Sowjetunion, und wir müssen
gemeinsam handeln, um die Kräfte der Freiheit,
Demokratie und freien Unternehmertums in dieser
geplagten Region zu fördern.
Schließlich müssen wir uns gegen die Gefahr wappnen, daß die alten Verbündeten des kalten Kriegs die
wirtschaftlichen Gegner von morgen werden - kalte
Krieger, die sich in Wirtschaftskrieger verwandeln.
Offen gesagt gibt es zu beiden Seiten des Atlantiks
Anzeichen dafür, daß dies geschehen könnte. Schrille
Stimmen auf beiden Seiten befürworten Protektionismus als Weg zu Wohlstand.
Meiner Ansicht nach führt dieser Weg in den wirtschaftlichen Ruin und ist das Rezept, um uns in die Art
von Armut nach sich ziehenden Rivalitäten zu stürzen,
die unsere Wirtschaft während der Großen Depression heimgesucht haben.

Seite 3

�Als Präsident ist es Teil meiner Verantwortung gegenüber dem amerikanischen Volk, Wirtschaftswachstum
und Chancen sicherzustellen. In einer Weltwirtschaft
bedeutet dies, auf freiem und fairem Handel zu bestehen.

Aus diesem Grunde freue ich mich, heute berichten zu
könen, daß die Vereinigten Staaten und die EG in den
letzten Tagen Fortschritte erzielt und gelobt haben,
keine Mühen zu scheuen, um die noch ausstehenden
ebenso wichtigen Probleme zu lösen.

In Nordamerika wie in Europa sind große Fortschritte
beim Abbau von Handelsschranken erziolt worden,
aber dieser Fortschritt bedeutet wenig, wenn sich die
Welt in streitbare Handelsblöcke spaltet. Das Prinzip
des freien Handels muß in der Uruguay-Runde eine
Feuerprobe bestehen. Ein positives Ergebnis, das das
GATT-System bestätigt und erweitert, wird beweisen,
daß die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft als wirtschaftliche Zugpferde in der
Welt zuversichtlich sind, entschlossen in ein neues
Zeitalter freien und offenen Handels eintreten zu können sowie Arbeitsplätze und Chancen zu beiden Seiten des Atlantiks zu schaffen.

Hilfe für die aufstrebenden Demokratien Osteuropas,
Förderung demoraktischer Reformen in der Sowjetunion und auch in ihren Republiken, Förderung freieren Welthandels -jede dieser Herausforderungen stellt
eine Feuerprobe dar. Jede birgt eine Chance, unsere
Bindungen über den Atlantik hinweg zu stärken, unseren Staatenbund freier Nationen allen zu öffnen, die
Freiheit lieben und Frieden anstreben.

*

Seite 4

Ich danke Ihnen. Gott schütze die Niederlande und die
freien Völker Europas.

*

AMERIKA DIENST 45

�NATO-GIPFEL
13. November 1991

BUSH: NATO-STREITKRÄFTE SOLLTEN
"SCHLAGKRÄFTIG, AGIL, UNERREICHT" SEIN
Rede des Präsidenten beim NATO-Glpfel in Rom
ROM - (AD) - Trotz einer geringeren sowjetischen Bedrohung sollte die NATO Truppen stationieren, die
"schlagkräftig, agil und unerreicht in der Qualität ihres Personals und ihrer Technologie" sind. Dies erklärte
Präsident Bush am 7. November 1991 beim Gipfeltreffen der NATO in Rom.
In seiner Ansprache versicherte der Präsident seinen Partnern, daß die Vereinigten Staaten "ihre Pflichten, ihre
Interessen und ihren Platz in Europa nicht aufgeben" werden. Er bekräftigte, daß Washington im Bündnis
niemals "ein Übergewicht angestrebt" habe und fügte hinzu: "Wir versuchen gewi ß nicht, es aufrechtzuerhalten."
Bush stellte fest, das an Osteuropa ausgesprochene "Liaison"-Angebot - darunter eine Einladung an Vertreter
aus Osteuropa, dem Baltikum und der Sowjetunion zur Teilnahme am Treffen des Nordatlantikrats in Brüssel
am 20. Dezember - "ist nicht das beste sondern das mindeste, was wir tun können. Wir müssen die ausgestreckte
Hand der Völker festhalten, deren Freiheit schließlich durch ihren Mut und unsere Entschlossenheit errungen
wurde."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.
Der Rat tritt zum zweiten Mal an einem historischen
Wendepunkt zusammen. Der erste war der Tag, an
dem das Bündnis geboren wurde. Damals war die
Welt geteilt. Die eine Hälfte wurde unterdrückt, die
andere war voller Furcht. Dean Acheson erklärte
damals, unsere Aufgabe bestehe darin, eine halbfreie
Welt zu schaffen.

In Nordamerika, in Westeuropa und sogar im Osten
wird das Bündnis zu Recht als Kern europäischer - und
sogar weltweiter - Stabilität angesehen. Als seinen
Sachwaltern obliegt es uns, dem Bündnis eine Richtung zu geben und seine herausragenden Stärken für
edle Ziele einzusetzen. Um dies zu tun, müssen wir
Antworten auf vier definierende Fragen geben:

Meine Freunde, wir haben mehr getan, als die Freiheit
der halben Welt zu bewahren. Wir haben dazu beigetragen, eine neue Welt zu schaffen. Heute müssen wir
uns mit den Kräften des Wandels auseinandersetzen,
die durch unseren Erfolg freigesetzt wurden - Kräfte,
die mächtig, aufregend, ungewohnt und voller Gefahren und Chancen sind. Die Herausforderungen dieser
Welt sind ebenso beängstigend wie Stalins Armee vor
vierzig Jahren bedrohlich war.

Erstens: Wie können wir in dieser unsicheren
Welt sicher sein, daß jeder Verbündete gegen
jede Art von Bedrohung geschützt ist?

Wie damals ist dies eine Zeit der Entscheidung für das
Bündnis. Wir sollten klug entscheiden, denn wir tragen
eine furchteinflößende und unentrinnbare Verantwortung nicht nur für die Menschen sondern auch für die
Zukunft. Um klug zu entscheiden, müssen wir freimütig sprechen. Ich werde nicht von Brücken, Säulen
oder Eckpfeilern sprechen. Wir sind nicht als Ingenieure sondern als politisch Verantwortliche und Treuhänder der Demokratie hier anwesend.

Und letztens: Wie sollen wir uns auf dem Weg
Europas zu einer Union verhalten?

AMERIKA DIENST 45

Zweitens: Wie sollen wir die Anträge der neuen
Demokratien Europas auf Beitritt zur NATO beantworten?
Drittens: Wie sollen wir auf den Zerfall der
sowjetischen Macht reagieren?

Wir müssen diese Fragen jetzt beantworten, und zwar
richtig.
Gespräche über Militärstrategie sind gelegentlich
ungemütlich für Politiker, die sich als Männer des
Friedens rühmen. Unsere erste Verantwortung be-

Seite 1

�steht jedoch darin, jeden Zweifel darüber auszuräumen, daß unsere Völker, ihr Zuhause und ihre vitalen
Interessen sicher sind. Die Geschichte lehrt uns, daß
angemessene militärische Stärke eine Voraussetzung
für politisches Vertrauen und die Verwirklichung der
Zusammenarbeit ist.
Heute sollten wir eine grundlegend neue strategische
Doktrin verabschieden. Unsere Streitkräfte werden
schlagkräftig, agil und unerreicht in der Qualität ihres
Personals und ihrer Technologie sein. Keine Ecke des
Bündnisgebiets wird ungeschützt sein. Und wir werden - lassen Sie mich dies eindeutig klarstellen - eine
glaubwürdige aber drastisch reduzierte nukleare Abschreckung aufrechterhalten. Wer daher je eine
Aggression gegen einen Bündnispartner in Erwägung
zieht, wird sich mit der Macht eines vereinten Bündnisses mit einer ganzen Bandbreite von Optionen konfrontiert sehen. Ohne Zweifel hat der Abzug sowjetischer Truppen aus dem Herzen Europas generell
unsere Sicherheit erhöht. Dies ist jedoch noch immer
eine gefährliche Welt, und der oberste Grundsatz
dieses Bündnisses hat noch immer Gültigkeit: Eine
Bedrohung gegen einen Verbündeten ist eine Bedrohung gegen alle.
Im Osten wollen die unfreiwilligen Verbündeten unseres ehemaligen Gegners jetzt unsere Verbündeten
werden. Ihr Wunsch sollte uns weder überraschen
noch alarmieren. Ich gestehe ein, daß das vorgeschlagene "Liaison"-Programm nicht das beste sondern das
mindeste ist, was wir tun können. Wir müssen die
ausgestreckte Hand der Völker festhalten, deren Freiheit schließlich durch ihren Mut und unsere Entschlossenheit errungen wurde.
Wenn wir hier an diesem Tisch über Instabilität in der
Sowjetunion besorgt sind, sollten wir überlegen, wie
die Welt unseren europäischen Mitbürgern erscheinen
muß, die am Rande leben. Rufen Sie sich die Zeit ins
Gedächtnis, als wir am Rande lebten. Vor vierzig
Jahren lauteten die Namen Ernest Bevin, Robert
Schuman, Paul Henri Spaak. Heute heißen sie Lech
Walsa, Vaclav Havel, Josef Anfall.
Die Sicherheit für diese Nationen besteht niciü in
neuen juristischen Konstruktionen sondern in der
Unterstützung der Umgestaltung ihrer Länder. Es ist
unsere Pflicht - und liegt in unserem Interesse - ihnen
zu helfen, ihren Militärapparat von einer Waffe des
Staats zu einem Garant eines freien Volkes umzugestalten. Das "Liaison"-Programm wird eine unerläßliche Rolle in einer sehr viel umfassenderen Strategie
spielen und all unsere Institutionen einbeziehen. Wir
können diese Nationen nicht in unserer Wertegemeinschaft willkommen heißen und sie auf Armlänge von
unseren Angelegenheiten entfernt halten. Vierzig
Jahre lang haben wir gesagt, wir hören sie, obwohl ihre
Stimmen durch Tyrannei zum Schweigen gebracht
wurden. Können wir uns nun, da diese Stimmen frei
sind, taub stellen?
Seite 2

Wir und die Europäer im Osten von uns sind den
Entwicklungen, die sich noch weiter östlich vollziehen,
verhaftet - dem Raum, der einstmals das Refugium
einer Macht war, die unsere Interessen und Werte
bedrohte - eine Macht, deren Armeen mehr als einmal
durch Europa marschiert sind. Obwohl wir nicht ausschließen können, daß trotz all unserer Wünsche und
Bestrebungen eines Tages erneut eine Bedrohung in
diesem Raum entstehen wird, können wir in absehbarer Zukunft andere mächtige revolutionäre Kräfte am
Werk beobachten:
einen mutigen Kampf zur Schaffung einer rechtmäßigen Regierung und
den raschen Zerfall der Autorität dessen, was
einstmals ein immens mächtiger Zentralsstaat
gewesen ist.
Männer mit Grundsätzen - Gorbatschow, Jelzin, Nasarbajew und andere - versuchen, durch diesen gefährlichen Übergang zu manövrieren, und sie verdienen unser Verständnis und unsere Unterstützung.
Europa und Amerika können auf diese Situation nicht
getrennt reagieren. Wir müssen unsere Einschätzungen teilen, unsere Strategien abstimmen und gemeinsam handeln. Das Bündnis war seit seiner Gründung
bei der Erarbeitung einer gemeinsamen Politik gegenüber der UdSSR unverzichtbar, und das gilt auch
heute noch. Aus diesem Grund haben wir eine Intensivierung der Konsultationen im Nordatlantikrat vorgeschlagen. Wir sollten uns in diesem Augenblick über
unsere Prinzipien im klaren sein und das Bündnis
benutzen, um sie in der Praxis umzusetzen.
Damit komme ich zur vierten Frage: Wie gehen wir
miteinander um? Lassen Sie mich dazu die amerikanische Meinung darlegen.
Erstens werden - und können - die Vereinigten Staaten
ihre Pflichten, ihre Interessen und ihren Platz in Europa
nicht aufgeben. Wir haben eine der schmerzlichsten
Lektionen dieses blutigen Jahrhunderts gelernt.
Zweitens wird behauptet, die Vereinigten Staaten wollten
im Bündnis Anhänger, aber was wir wollen, sind Partner. Das Bündnis ist keine amerikanische Initiative
oder ein Instrument amerikanischer Macht. Wir haben
niemals ein Übergewicht angestrebt, und wir versuchen gewiß nicht, es aufrechtzuerhalten. Wir nehmen
auch kein Monopol für Ideen zum Bündnis in Anspruch. Wenn wir das täten, säße niemand von uns
heute hier, weil die Idee des Washingtoner Vertrags
aus Europa kam.
Drittens waren, sind und werden de Vereinigten Staatenein bereitwilliger Befürworter des Ziels und Prozesses europäischer Integration sein. Die starke amerikanische Unterstützung erstreckt sich auf die Aussicht
einer politischen Union ebenso wie auf das Ziel einer
Verteidigungsidentität.

AMERIKA DIENST 45

�•
*

Viertens wird - was uns betrifft und soweit wir das
beurteilen können - selbst die Verwirklichung einer
europäischen Union die Notwendigkeit für die NATO
nicht verringern. Wir sehen nicht, wie es einen Ersatz
für das Bündnis als Garant unserer Verteidigung und
der Sicherheit Europas geben könnte. Wir unterstützen die Entwicklung der WEU, weil sie das Bündnis
ergänzen und die Rolle Europas in ihm stärken kann.
Sie kann Europa und Nordamerika helfen, sich gemeinsam den Bedrohungen für wichtige Interessen
außerhalb Europas zu stellen. Aber wir betrachten die
WEU nicht als europäische Alternative für das Bündnis. Wir gehen davon aus, daß die amerikanische
Rolle bei der Verteidigung und den europäischen
Angelegenheiten durch eine europäische Union nicht
überflüssig wird.
Und schließlich können zu einer Zeit, da unsere Gesellschaften nach einer Friedensdividende verlangen,
redundante Fähigkeiten nur auf Kosten der bereits
bestehenden aufgebaut werden. Wenn wir uns aufein-

ander verlassen können - und ich zweifle nicht daran,
daß wir dies können - sollte unsere Interdependenz ein
für alle Male befriedigend und redundante Fähigkeiten
unnötig sein.
Mit diesem Gedanken möchte ich schließen. Das
Bündnis war erfolgreicher als irgendjemand von uns zu
träumen gewagt hätte. Es war geplant, unsere Freiheit
zu verteidigen, aber tatsächlich hat es über Totalitarismus triumphiert. Was wir aufgebaut haben, ist kein
militärischer Pakt sondern eine Gemeinschaft der Werte
und des Vertrauens - einmalig in der Geschichte,
dauerhaft und unabdingbar für die neue Ordnung. Es
gibt keine Wegweiser für die neue Welt, keine Möglichkeit zu wissen, was das neue Jahr - ganz zu schweigen
vom nächsten Jahrhundert - bringen wird. Aber unsere
Fähigkeit, die Zukunft zu bewältigen - sie tatsächlich zu
gestalten - wird unverhältnismäßig größer sein, wenn
wir morgen bei der Abreise ein erneuertes Bündnis
geschaffen haben.

* * * * *

AMERIKA DIENST 45

Seite 3

�KSE
13. November 1991

KSE-Vertrag ein Meilenstein der
Sicherheitsverhandlungen
Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß
WASHINGTON - (AD) - Der Staatssekretär für internationale Sicherheitsfragen im US-Außenministerium,
Reginald Bartholomew, hielt am 4. November 1991 eine Rede vor dem Streitkräfteausschuß des Senats, die wir
nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Außenminister Baker hat Ihnen in seinem Brief vom
12. Oktober 1991 dargelegt, daß die Regierung sich
weiterhin voll und ganz für die baldige Ratifizierung und
vollständige Durchführung des Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in Europa einsetzt. Die Präsidenten Bush und Gorbatschow haben dies vergangene
Woche bei ihrer Zusammenkunft in Madrid bekräftigt
und die Notwendigkeit rascher Fortschritte bei der
Ratifizierung betont.
Der KSE-Vertrag ist ein Meilenstein in der Geschichte
der Sicherheitsverhandlungen. Nach seinen Bestimmungen werden die konventionellen Streitkräfte in
Europa auf ihren niedrigsten Stand der letzten fast
fünfzig Jahre reduziert. Die Reduzierungen sind für die
Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten von ungeheurem Vorteil. Darüber hinaus wird das Gerät dieser
Streitkräfte dauerhaft begrenzt, weil überschüssiges
Gerät zerstört wird und strenge Regeln für die Konzentration und Bewegung der Streitkräfte gelten. Diese
Bestimmungen sind extrem wichtig, weil sie einen
international sanktionierten Schutzwall gegen Willkürpolitik oder militärische Übergriffe bieten.
Diese Bestimmungen werden ferner durch ein strenges Verifizierungs- und Inspektionsregime untermauert. Durch ein verknüpftes System des Informationsaustauschs, Vor-Ort-Inspektionen, Verifizierung der
Zerstörung oder Umwandlung von Gerät und Verdachtsinspektionen zusammen mit nationalen nachrichtendienstlichen Mitteln haben wir großes Vertrauen, daß der KSE-Vertrag effektiv verifzierbar ist. Durch
die KSE-Bedingungen für den Datenaustausch werden wir auch erheblich besseren Zugang zu Informationen über konventionelle Streitkräfte in Europa haben.

AMERIKA DIENST 45

Angesichts der in Europa stattfindenden bahnbrechenden Ereignisse wird der Wert dieses Vertrags
immer offenkundiger. Veränderung und Umgestaltung werden in absehbarer Zukunft die Regel sein. Der
KSE-Vertrag wird ein Regime liefern, dem zufolge ein
Land über seine Maßnahmen gemäß dem Völkerrecht
Rechenschaft ablegen muß. Die Sicherheit durch
niedrigere Niveaus beim Gerät und eine berechenbare, international anerkannte konventionelle Sicherheitsstruktur wird letztlich Stablität in Europa fördern.
Unsere europäischen Verbündeten, die Signatarstaaten Ost- und Mitteleuropas und die neuen Sowjetrepubliken sind sich dieser Vorteile lebhaft bewußt. Sie
haben uns gedrängt, schnell zu handeln, um den
Vertrag in Kraft zu setzen, damit sie in einer Atmosphäre geringerer Spannungen planen und handeln können. Die vollständige Durchführung des KSE-Vertrags
wird dazu beitragen, in dieser Zeit des politischen
Wandels Rivalitäten oder einer neuen Aufrüstung
zuvorzukommen.
Die Auswirkungen der Lage in Jugoslawien sind niemandem entgangen und haben die Dringlichkeit noch
verstärkt, mit der die Verwirklichung des KSE-Vertrags
betrachtet wird. Unsere europäischen Partner sind mit
uns der Meinung, daß KSE ein hervorragendes Modell
für verantwortliche und vorteilhafte multilaterale Interaktion bietet. Die erfolgreichen Verhandlungen vom
vergangenen Herbst zwischen den sechs früheren
Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts über ihre Bestände und Kontingente war ein anschauliches Beispiel dafür, wie effektiv die Mechanismen des KSEVertrags für Gespräche und Entscheidungsfindung
sein können.

Seite 1

�Darüber hinaus wird zunehmend ersichtlich, daß der
KSE-Vertrag selbst ein flexibles Instrument ist, das
sogar die epochalen Veränderungen in der Sowjetunion bewältigen kann, die wir unlängst beobachtet haben. Er wurde in einer Zeit der Ungewi ßheit ausgehandelt und ist darauf zugeschnitten, neue politische
Entwicklungen eher als wahrscheinlich anzusehen
anstatt sich dagegen zu stemmen. Theoretisch befinden wir uns deshalb in einer hervorragenden Ausgangsposition, um mit der Ratifizierung und Verwirklichung des Vertrags in seiner vorliegenden Form fortzufahren.
Ein gutes Beispiel für die Anpasungsfähigkeit des im
KSE-Vertrag festgelegten Regimes bietet die vor
wenigen Wochen in Wien erzielte Vereinbarung über
den Status der sowjetischen Streitkräfte im Baltikum.
Die Vertragsparteien einigten sich auf eine rechtsverbindliche Erklärung, derzufolge das sowjetische Gerät
im Baltikum allen Bestimmungen des Vertrags unterliegt, daß darüber als Teil der sowjetischen Bestände
Informationen geliefert werden und sie auf die sowjetische Verpflichtung zur Reduzierung angerechnet
werden. Darüber hinaus wird festgelegt, daß die
baltischen Staaten uneingeschränkte Souveränität
genießen und die Inspektionen auf ihren Territorien
nur mit ihrer Zustimmung stattfinden können. Die
Vereinbarung wurde relativ komplikationslos durch die
Gemeinsame Konsultativgruppe erzielt, ein Gremium,
in dem alle Unterzeichnerstaaten des Vertrags vertreten sind. Die Inspektion der sowjetischen Streitkräfte
im Baltikum wird durch gegenwärtig im Entwicklungsstadium befindliche getrennte Nebenvereinbarungen
mit diesen Regierungen geregelt.
Die Schaffung der Gemeinsamen Konsultativgruppe
ist an sich schon einer der vielen Vorteile des Vertrags,
und diese wird weiterhin einen wirksamen Mechanismus für die Behandlung von Fragen und Problemen
bieten, die im Hinblick auf die Durchführung der Vertragsbestimmungen auftreten könnten. Nach Prüfung
einer großen Bandbreite möglicher Ergebnisse ist die
Administration jedoch zu dem Schluß gekommen, daß
höchstwahrscheinlich lediglich technische Fragen etwa die Fortschreibung der Namen der Vertragsparteien - als Ergebnis der jüngsten Entwicklungen in der
Sowjetunion erforderlich würden. Durchführungsbedingungen - wie die Neubestimmung sowjetischer
Ausrüstungsansprüche, falls sich aus dem Territorium
der UdSSR neue Staater. bilueii und diese dann beschließen, dem Vertrag beizutreten - wären von den
bestehenden Vertragsbestimmungen gedeckt.
Um die Integrität des Vertragsregimes aufrechtzuerhalten, wäre es für all die Republiken, die bedeutende
Mengen von vertraglich erfaßtem Gerät behalten,
sicherlich notwendig, dem KSE-Vertrag beizutreten.
Glücklicherweise sind die Erklärungen russischer,
ukrainischer, sowjetischer und anderer offizieller Vertreter im Hinblick auf die Erfüllung der KSE-Bestim-

Seite 2

mungen ermutigend. Wir werden weiterhin mit ihnen
zusammenarbeiten, um die Tragfähigkeit des Vertrags zu gewährleisten.
Die Regelungen des KSE-Vertrags liefern mehrere
wirksame Möglichkeiten, um solche Situationen in den
Griff zu bekommen. Die bereits erwähnte Gemeinsame Konsultativgruppe ist eine entscheidende, da sie
einen Mechanismus für die Anpassung des Vertrags
liefert, ohne den beschwerlichen Prozeß der Änderung
des Vertrags erforderlich zu machen.
Die Tatsache, daß Entscheidungen über nationale
Zuwendungen auch außerhalb der Vertragsstruktur
getroffen werden, gestattet die erforderlichen Anpassungen aufgrund von Veränderungen der politischen
oder militärischen Situation sowie die Erweiterung
oder Reduzierung der Zahl von Vertragsparteien,
wiederum ohne Rückgriff auf Vertragszusätze. Die
Bestimmung zur Einberufung außerordentlicher Sitzungen bietet noch ein weiteres Mittel zur Schlichtung
von Streitfällen oder zur Feinabstimmung des Vertrags
ohne ihn neu verhandeln zu müssen.
Wir sind der festen Überzeugung, da ß die Ratifizierung
zügig erfolgen sollte. Es besteht kein Zweifel, daß der
KSE-Vertrag von großem Vorteil für die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten ist. Seine zahlreichen
Vorteile werden jedoch nicht vor seiner Ratifizierung
und Durchführung verwirklicht werden. Es ist angebracht, jetzt Schritte zu unternehmen, unsere Führungsrolle in diesem Prozeß fortzusetzen, die Vorteile
des KSE-Vertrags festzuschreiben und uns weiterhin
für ein wirklich ungeteiltes, freies - und sicheres Europa zu engagieren.
Die Ratifizierung und Durchsetzung des KSE-Vertrags

ist ein Schlüsselelement zur Sicherstellung einiger der
wichtigsten außenpolitischen Zielsetzungen der Vereinigten Staaten. Wir würden es begrüßen, wenn Europa noch geschlossener und stabiler würde. Wir möchten ein berechenbares Muster militärischer Arrangements, damit die sicherheitspolitischen Angelegenheiten zuversichtlich gehandhabt sowie Aufmerksamkeit
und Energie auf die Entwicklung von Demokratie und
freien Marktwirtschaften konzentriert werden können.
Wir möchten nach wie vor genau die Art von multilateraler Kooperation und Planung fördern, die von der
KSE so anschaulich verkörpert wird. Dieser Vertrag
wurde häufig - zu Recht - als der Eckpfeiler der neuen
europäischen Sicherheitsstruktur bezeichnet. Wir
müssen diesen Eckpfeiler jedoch richtig plazieren,
wenn wir darauf aufbauen wollen. Dies können wir
nicht, solange der KSE-Vertrag nicht ratifiziert und
durchgesetzt ist.
Drei Nationen - die Tschechische und Slowakische
Föderative Republik, Ungarn und Bulgarien - haben
den Vertrag bereits ratifiziert. Einige andere Nationen
sind damit befaßt. Eine Reihe von Signatarstaaten,
einschließlich der Sowjetunion, haben sich zur Ratifi-

AMERIKA DIENST 45

�zierung vordem 19. November 1991 verpflichtet, wenn
die vorläufige Anwendung von bestimmten Bereichen
des Vertrags die Erweiterung erforderlich machen
würde. Die Entschlossenheit und das Tempo, mit dem
die Vereinigten Staaten die Ratifizierung angehen,
werden maßgebliche Auswirkungen auf den von anderen Hauptstädten eingeschlagenen Kurs haben. Ebenso
wie wir während des gesamten Verhandlungsprozesses die Führungsrolle übernommen haben, werden
alle anderen Teilnehmer bei der Ratifizierung und
Durchsetzung des Vertrags auf uns blicken. Ein

*

AMERIKA DIENST 45

*

Zögern unsererseits könnte die zahlreichen Vorteile
des KSE-Vertrags aufs Spiel setzen, ebenso wie eindeutiges Vorgehen zweifelsohne die Ratifizerungsbestrebungen andernorts und das Inkrafttreten des Vertrags beschleunigen würde.
Herr Vorsitzender,
ich fordere Sie und Ihre Kollegen auf, so bald wie
möglich Ihre Zustimmung zur Ratifizerung des KSEVertrags zu geben.

*

*

Seite 3

�WAHLEN

IN DEN

USA
13. November 1991

DIE WAHLEN VOM 5. NOVEMBER 1991
Amerikanische Pressestimmen
WASHINGTON - (AD) - Die Wahlen in den Vereinigten Staaten vom 5. November 1991 wurden in einer Reihe
amerikanischer Zeitungen eingehend kommentiert. Nachfolgend veröffentlichen wir wesentliche Auszüge aus
Leitartikeln.

Kolumnist Robin Toner von der New York Times
Das Weiße Haus hat den Alarmknopf gedrückt. Die
Demokraten haben in einigen Bundesstaaten frohlockt, in anderen getrauert und landesweit bekundeten
die Wähler, daß sie schlechter Laune sind und die
Amtsinhaber sie nur auf eigene Gefahr hin ignorieren
sollten.
Beide Parteien versuchten heute, gute Miene zu einem
gemischten Ergebnis zu machen, aber es gab jede
Menge Vorhersagen und Alarmsignale angesichts der
siechenden Wirtschaft und der öffentlichen Meinung,
die sich vehement mit Gesundheitswesen, Rassenfragen und Steuern befaßt, während sich die Nation auf
dem Weg zu den Präsidentschaftswahlen des Jahres
1992 befindet.
Präsident Bush, der noch vor wenigen Wochen unbestritten die Wiederwahl anzusteuern schien, entdeckte
diese Woche, daß die politische Landschaft mit Minenfeldern versetzt ist. Der überraschende Sieg der
Demokraten bei den Senatswahlen in Pennsylvania
und die unsichere Reaktion des Weißen Hauses darauf - die Absage der Auslandsreise am Wahltag und
das Dementi, dies stehe mit den Wahlergebnissen in
Zusammenhang - setzten ein eindeutiges Signal für
die Republikaner, daß ihr politisches Vorgehen überarbeitet und ihre Botschaft umgeschrieben werden muß...
Pennsylvania könnte eine weitere Auswirkung auf die
Kampagne des nächsten Jahres haben: Einige
Demokraten erklären, dies könnte Gouverneur Mario
M. Cuomo aus New York anspornen, ins Rennen zu
gehen, und dies wäre ein weiteres schmerzliches
Anzeichen der Verletzbarkeit der Republikaner.
Die Bedeutung von Pennsylvania wurde noch unterstrichen durch die Reaktion des Weißen Hauses darauf. Mit Eintreffen der Ergebnisse gab das Weiße
AMERIKA DIENST 45

Haus bekannt, daß Präsident Bush eine für Ende des
Monats geplante Reise in den Fernen Osten absagen
werde. Demokraten, die Präsident Bushs Reisepläne
schadenfroh zum Symbol für seine Vernachlässigung
der innenpolitischen Tagesordnung zu machen versuchen, konnten kaum an sich halten. Sie verteilten die
ganze Woche T-Shirts mit der Auf schritt "George Bush
ist nach Rom gereist und alles, was ich bekommen
habe, ist diese lausige Rezession"...
Für Präsident Bush mu ßte die Wahl bestätigen, wieviel
seine politische Mannschaft seit dem Wahlkampf 1988
verloren hatte, als er sich auf James Baker, heute
Außenminister und Lee Atwater, der Anfang dieses
Jahres an einem Gehirntumor verstarb, verlassen
konnte.
Aber die Repubklikaner faßten Mut aufgrund ihrer
Siege andernorts. Vor einem Jahr, als die Bundesstaaten mit Haushaltsengpässen und all den schweren
Entscheidungen zu kämpfen hatten, die sie erforderlich machen, bestraften die Wähler zahlreiche ihrer
Gouverneure bei der Stimmabgabe. In diesem Jahr
scheinen sie den Trend fortzusetzen, indem der
Demokrat Maybus in Mississippi den Sieg davontrug
und sie ihrem Unmut über die Regierung in Virginia und
New Jersey Luft machten, wo die Republikaner große
Stimmvorteile zu verzeichnen hatten.
Kolumnist David Broder von der Washington Post
Abgesehen von der Niederlage seines ehemaligen
Kabinettmitglieds DickThomburgh bei den Schlagzeilen machenden Senatswahlen in Pennsylvania enthalten die Wahlen von 1991 zwei weitere Warnungen für
Präsident Bush. Und auch für die Demokraten leuchteten einige Warnsignale auf, wenn sie sie in ihrem
Jubel nicht übersehen.
Seite 1

�Angefangen bei Bush ist das deutlichste Signal des
Tages, daß eine kränkelnde Wirtschaft, die Mittelklassewähler über ihre Zukunft besorgt macht, politischen
Ärger für die Politiker birgt, die sich dafür verantwortlich fühlen sollten. Und diese Bedrohung ist noch
größer, wenn der Politiker an seinem Mangel an Grundüberzeugungen Verrat begeht...
Mit Ambitionen für ein nationales Amt in einer Partei,
die nach rechts abdriftet, wurde Thornburgh wiederholt zum Apologeten einer Politik, die er nicht vertrat.
Als er zum ersten Mann der Bestrebungen der Administration wurde, die Bürgerrechte als "Quotenregelung" zu brandmarken und verfassungsmäßigen Schutz
für willkürliche Suche und Ansprüche aufzugeben,
konnte man den Mann, der er einstmals gewesen war,
kaum noch erkennen.
Dasselbe Schicksal könnte George Bush ereilen. Trotz
all der Prinzipien, die er in der Außenpolitik erkennen
ließ, scheint auch er ohne feste eigene Überzeugungen in der Innen- und Wirtschaftspolitik. Als Skeptiker
bezüglich der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik
als er erstmals für die Präsidentschaft kandidierte
schluckte er lange Zeit seine Zweifel und gab dann
seine Haltung gegenüber Steuerhöhungen auf, um im
Jahr 1990 einen Haushalt verabschieden zu können.
Die ganze Zeit war er unschlüssig bei Themen wie
Abtreibung, Umweltgesetzen und einer Reihe von
Fragen wie Arbeitsmarkt und Bildung, die echte Anliegen der Wähler sind. Von Nachteil ist, daß er nicht das
Gefühl vermittelt, wirklich zu wissen, wie er nicht nur
die andauernde Rezession in Griff bekommen will,
sondern das, was die Wähler eindeutig als den langfristigen Niedergang der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit ansehen.
Aber bevor die Demokraten frohlocken, sollten sie sich
besser eine andere Botschaft der Wahlergebnisse
vom Dienstag (5. November) zu Herzen nehmen. In
einer rückläufigen Wirtschaft sind Steuerhöhungen
tödlich, und es herrscht wenig Toleranz gegenüber
reinen Umverteilungsmaßnahmen wie sie Gouverneur
Jim Florio (Demokrat) aus New Jersey mit seiner
Reform der Schulfinanzierung versuchte.
Auch Sozialausgaben sind ein unpopuläres Thema in
Zeiten wie diesen, und wie der Wahlkampf der Gouverneure in Mississippi erneut demonstrierte, haben die
Demokraten noch keine wirksame Antwort auf die
rassistisch verbrämten Botschaften der republikanischen Rechten gegen Sozialhilfe gefunden.
Boston Globe
Was Dick Thornburghs Niederlage im Kampf um den
Sitz im Senat für Demokraten so aufregend machte,
war ihre Eindeutigkeit. Bei den Wählern bestand keine
Verwirrung darüber, worum es bei dieser Wahl ging um eine Präsidentschaft, die für die destruktiven
Auswirkungen der Rezession auf Amerikas Familien
blind ist und nicht begreift, wie anfällig sie für den
Seite 2

Verlust von Arbeitsplätzen und den finanziellen Ruin
aufgrund von Krankheiten sind.
Sogar Präsident Bush hat die Botschaft begriffen klipp und klar. Trotz der Dementis, daß er von der
Niederlage in Pennsylvania überrascht war, beeilt sich
Bush, sich erneut als Präsident darzustellen, der sich
angemessen um die nachlassende amerikanische
Wirtschaft kümmert.
Der Demokrat und Oppositionelle Harris Wofford, ein
polternder und blasser 65jähriger Demokrat ohne
hervorstechende Eigenschaften, begann die Kampagne als höchst unwahrscheinlicher politischer Held. Er
war nicht einmal die erste Wahl der Demokraten
seines Bundesstaates.
Aber Wofford hatte Großes vor - er wollte den Amerikanern mit mittlerem Einkommen die Illusionen über
eine Regierung rauben, die ihre wirtschaftliche Not
ignoriert. Und Wofford hat ganz richtig bemerkt, daß
die angestaute Frustration der Wähler darin zum
Ausdruck kam, daß die Regierung zum Thema Gesundheitswesen nichts Hilfreiches getan hat.
Acel Moore vom Philadelphia Inquirer
Es ist schon von Bedeutung, daß Thornburgh als
Verfechter der Reagan-Bush-Linie mit mehr als 10
Prozent gegen den Außenseiter Wofford verloren hat.
Woffords Sieg ist eine Botschaft an das Weiße Haus,
daß die Menschen sich über das Fehlen einer Innenpolitik ärgern und sich Sorgen über den wirtschaftlichen Niedergang machen, mit dem wir uns alle konfrontiert sehen.
Wofford hatte eine brilliante Kampagne, die offensichtlich viele Menschen ansprach, Republikaner und
Demokraten gleichermaßen.
In mehreren Zeitungen erschienener Artikel des
Kolumnisten Mark Shields
Noch vor Ende der Stimmenauszählung spiegelten
sich die Ergebnisse in der Erklärung des Weißen
Hauses wider, der Präsident werde eine zweiwöchige
Reise in den Orient absagen und zugunsten der Innenpolitik auf Auslandsreisen verzichten.
Aber es liegen keine schlüssigen Beweise dafür vor,
daß die nationale Führung der Demokraten die Bedeutung des Wunders von Harris Wofford begriffen hat.
Es ist ganz einfach: Wofford hat das angesprochen,
worüber die Menschen täglich reden. Wofford hat
nicht als liberaler Demokrat kandidiert, er hat als
demokratischer Mittelklassepopulist gewonnen.
Kolumnist Tom Wicker von der New York Times
Der Umschwung in Pennsylvannia hat dje Demokraten
mindestens zwei Lektionen gelehrt. Eine lautet, daß
sie im nächsten Jahr"das Programm festlegen", wie es
Wofford bereits getan hat, als er das Gesundheits-

AMERIKA DIENST 45

�wesen und wirtschaftliche Erholung zu vordringlichen
Themen erklärte. Die andere, damit zusammenhängende Lektion lautet, der demokratische Präsidentschaftskandidat sollte Bush bei diesen und anderen
populären Fragen anzugreifen suchen und ihm nicht
gestatten, ihn in die Defensive zu drängen.
Es war zu beobachten, daß Woffords Kampagne in
den letzten Wochen an Dynamik gewonnen hat, und
damit war sein Sieg nicht das überraschendste Wahlergebnis von 1991. Dieser Titel fällt der Ablehnung
einer radikalen Maßnahme im Staat Washington zu,
die Amtszeiten der Parlamentarier in den Bundesstaaten und der Bundesregierung zu begrenzen. Bei einer
Verabschiedung der Beschränkungen hätten diese
rückwirkend gegolten, so daß alle Kongreßabgeordneten des Staates 1994 hätten abtreten müssen.
Umfragen vor den Wahlen haben gezeigt, daß 60
Prozent der Wähler in Washington für eine Begrenzung der Amtszeiten sind, aber nach einer starken
Kampagne der Opposition unter Leitung des Sprechers Tom Foley und anderer wurde dieser Vorschlag
mit 54 zu 46 Prozent abgeschmettert. Dieser entscheidende Rückschlag scheint das zu bändigen, was eine
steigende politische Flut zu sein schien, die in etwa 17
Staaten im nächsten Jahr Maßnahmen zur Begrenzung der Amtszeit nach sich gezogen hätte. In Oklahoma, Kalifornien, Colorado und einigen Stadtverwaltungen gilt für Amtszeiten bereits eine gewisse Beschränkung.
Gegner der Beschränkung von Amtszeiten argumentieren in Washington und andernorts, dieser drastische Schritt würde der Exekutive (auf nationaler Ebene und in den Bundesstaaten) Macht übertragen, gute
Abgeordnete durch schlechte ersetzen und die Freiheit der Wähler beschneiden, Amtsinhaber wiederzuwählen. Es heißt, die Bewegung repräsentiere im
Grunde die Absicht der Republikaner, die Vorherrschaft der Demokraten im Kongreß und in Parlamenten der Bundesstaaten zu brechen.
&gt;

*

Das Ergebnis in Washington deutet auch auf etwas
hin, das weniger oft erwähnt wird - die Begrenzung von
Amtszeiten würde die Macht im Kongreß von den
kleinen Bundesstaaten auf die großen übertragen. Ein
kleiner Bundesstaat übt oftmals Macht aus, weil einer
seiner Abgeordneten im Repräsentantenhaus lange
im Amt ist und Vorsitzender eines Ausschusses wird.
Das wäre bei einer Begrenzung von Amtszeiten nicht
möglich, weil die Macht im Kongreß allein von der Zahl
der Abgeordneten großer Staaten abhinge.
Philadelphia Inquirer
Während die Wähler im Staat Washington eine Initiative ablehnten, mit der die Amtszeiten der Abgeordneten dort begrenzt worden wären, haben die Wähler in
New Jersey bewiesen, daß es immer noch möglich ist,
die Amtszeiten auf altmodische Weise zu begrenzen indem man die Falschen rauswirft.
AMERIKA DIENST 45

Die Wähler haben dem Gouverneur Florio ihre Meinung zu verstehen gegeben, indem sie Dutzende von
langjährigen demokratischen Abgeordneten hinauswarfen, die für seine 2,8 Milliarden-Erhöhung der Einkommens- und Umsatzsteuer gestimmt hatten. Sie
scheinen zwei Dinge vermittelt zu haben - sie mögen
Florios Anmaßung nicht, und sie wollen keine höheren
Steuern.
Jetzt kommt der schwierige Teil.
Die Republikaner, von denen viele versprochen hatten, die Erhöhung der Umsatz- und Einkommenssteuer rückgängig zu machen, werden ihre Chance bekommen, das zu tun, weil sie über allen Vetos standhaltende Mehrheiten im Parlament und im Senat verfügen.
Kolumnist Robert Turner vom Boston Globe
Das trifftigste Argument zugunsten genereller Amtszeitbegrenzungen - daß die Amtsinhaber zu stark sind,
um Herausforderern eine vernünftige Chance einzuräumen - wurde von den Wählern untergraben, die den
einzigen Senator abwählten, der sich zur Wiederwahl
stellte, nämlich Ray Maybus aus Mississippi. Das
gleiche traf auf andere Amtsträger zu, vom Oberbürgermeister Houstons bis zu 20 Bürgermeistern und
Ersten Stadtverordneten in Connecticut und vier Bürgermeistern in Massachusetts.
Wall Street Journal
Im Fall Mississippis ist der gewählte Gouverneur Kirk
Fordice ein republikanischer Geschäftsmann, der seinen Wahlkampf mit Themen führte, die von Bush
abgelehnt oder ignoriert wurden. Dazu gehören eine
Reform der Sozialhilfe, Quoten für Minderheiten und
Amtszeitbegrenzungen. Der Sieg von Fordice zeigt,
daß diese Fragen legitim und immer noch durchschlagend sind, wenn man sie von Gestalten wie David
Duke, dem Scharlatan aus Louisiana trennt. Wir
waren beglückt, als Bush gestern Duke ablehnte, aber
sein jüngster "Kompromiß" zu den Bürgerrechten hat
Duke einen Spielraum gelassen, um vernünftig zu
erscheinen.
Hinter all diesen Resultaten steht eine Öffentlichkeit,
die mit dem Status quo des politischen Patts unzufrieden ist. Der Kongreß ist ebenso sehr ein potentielles
politisches Opfer wie Bush selbst: Der Sprecher des
Repräsentantenhauses, Tom Foley, errang einen
persönlichen Sieg, als er dazu beitrug, das Referendum über eine Amtszeitbegrenzung im Bundesstaat
Washington abzuweisen, aber dazu mußte er Amtsinhaber aus anderen Bundesstaaten (Kalifornien) kritisieren. Diese Stimmung unter den Wählern bietet all
den Politikern beider Parteien Vorteile, die Ideen zur
Verbesserung der Wirtschaftslage sowie Reform und
Abbau staatlicher Tätigkeit vorlegen. .

Seite 3

�Washington Post
Die Wähler leisteten in den Wahlen vom Dienstag
Außergewöhnliches, von der Niederlage DickThornburghs und der Abwahl anderer favorisierter Amtsinhaber bis zu der Entscheidung im District of Columbia
(Bundeshauptstadt Washington), die Hersteller halbautomatischer Waffen für die mit diesen Waffen angerichteten Verwüstungen schadenersatzpflichtig zu
machen. Selbst wenn ihre ungewöhnlicheren Initiativen scheiterten, haben sie doch ein nachdrückliches
Ausrufezeichen gesetzt.
Im Bundesstaat Washington zum Beispiel, wo die
einschneidende Initiative zur Begrenzung der Amtszeiten glücklicherweise abgelehnt wurde, erhielt die
Verliererseite sehr viele Stimmen. Die Meinungsumfragen, in denen die Initiative favorisiert wurde, zeigten
in den letzten Wochen ein Abbröckeln der enormen
Mehrheit für die Begrenzung. Mehrere Faktoren haben
angeblich zu diesem Ergebnis beigetragen, darunter
die Ankündigungen einiger prominenter Politiker, sie
würden sich nicht zur Wiederwahl stellen, was den
Vorschlag aus den Sphären der Abstraktion auf den
Boden der Realität zurückholte. Eine weitere möglicherweise wichtige Tatsache war das Argument, daß
der Staat Washington im Hinblick auf die Vertretung
seiner Interessen im Kongreß sozusagen eine mehr
oder weniger einseitige Abrüstung betreiben würde.
Dieser Theorie zufolge würden andere Bundesstaaten
weiterhin ihre altgedienten Amtsinhaber als Ausschußvorsitzende und erfahrene Repräsentanten haben, um
die Rosinen aus dem Kuchen herauszupicken, bevor
die Novizen aus dem "reformierten" Staat Washington
zum Zuge kämen. Was auch immer der Grund für das
Scheitern der Initiative gewesen sein mag:

es ist

bemerkenswert, wie viele Stimmen sie erhielt. Nahezu
die Hälfte derjenigen, die in einer Wahl mit außergewöhnlich hoher Beteiligung abstimmten, sprachen sich
für die Amtszeitbegrenzung aus. Der Vorschlag wurde
eindeutig abgelehnt, aber trotzdem wurde eine Botschaft der Unzufriendenheit vermittelt.
New York Times
Vielleicht hört Bush jetzt endlich, was die Meinungsumfragen schon seit Wochen andeuten: Wie bewundernswert seine Leistungen im Ausland auch sein
mögen, scheint er doch den Problemen im Inland
*

Seite 4

ausgesprochen teilnahmslos gegenüberzustehen. Dies
ist wahrscheinlich die wichtigste Botschaft, die von den
Wählern am Dienstag ausgesandt wurden. Es wäre
gut für ihn, wenn er sie sich zu Herzen nähme.
Baltimore Sun
Der Präsident hat Glück. Er hat ein ganzes Jahr Zeit,
um etwas im Hinblick auf die Wirtschaft, das Gesundheitswesen und andere innenpolitische Fragen zu
unternehmen. Tut er dies nicht, riskiert er, der dritte
Amtsinhaber unter den letzten vier Präsidenten zu
werden, der abgewählt wurde. Es wird mehr als die
Absage von Auslandsreisen und die gerade abgegebenen Erklärungen erforderlich sein, er kümmere sich
um die Innenpolitik, um sich selbst zu retten. Die
Amerikaner wollen eindeutig Taten und Ergebnisse
sehen.
Christian Science Monitor
Zweifellos wird Bush innenpolitischen Themen mehr
Aufmerksamkeit widmen müssen. Er hat bereits eine
Reise nach Asien abgesagt. Er kann nicht erklären,
der Wirtschaft gehe es gut, wenn dies nicht zutrifft.
Bushs Rezept für die Wirtschaft - die Amerikaner
sollten zur Tat schreiten und ein neues Haus und ein
Auto kaufen - scheint direkt aus der Eisenhower-Ära zu
stammen. Mehr Führungskraft bei den schwierigen
Problemen von Rasse, Verbrechen, Bildung, Umwelt,
Gesundheitswesen und Kinderbetreuung ist vonnöten. Dies sind die Fragen, bei denen er die Ärmel
aufkrempeln muß.
Im Vergleich dazu können Telefongespräche mit ausländischen Staats- und Regierungschefs, Reisen in
weit entfernte Gegenden der Welt sowie Tischreden

für Diplomaten der Öffentlichkeit als Elitebeschäftigung wichtigtuerischer Internationalisten erscheinen,
die den Alltagsproblemen des Durchschnittsbürgers
entrückt sind.
Trotzdem läuft die Frage Außenpolitik oder Innenpolitik Gefahr, Opfer einer Demagogik zu werden, die sich
Ignoranz und Isolationismus zunutze macht. Die
Außenpolitik ist wichtig. Die Welt ist heute ein zerbrechliches Gefüge. Bedeutende strukturelle Veränderungen vollziehen sich in Europa, Afrika und Asien.
Die Ergebnisse sind noch nicht abzusehen. Die verbleibende Supermacht hat erhebliche Pflichten.

*

AMERIKA DIENST 45

�ERWACHSENENBILDUNG
13. November 1991

DAS NEUE GESICHT AMERIKANISCHER
UNIVERSITÄTEN
von Carol B. Aslanian
Der nachfolgende Artikel erschien erstmalig im Mai 1991 in USA TODAY. Copyright (c) 1991, the Society for
the Advancement of Education.
Die Autorin ist Leiterin des Büros für Erwachsenenbildung, The College Board, New York. Der Artikel wurde unter
Mitarbeit von Natalie Green verfaßt.

Für die achtziger Jahre wurde angesichts der kontinuierlich sinkenden Zahl von High School-Absolventen
pro Jahr generell eine Abnahme von College-Immatrikulationen vorhergesagt. Trotz aller Spekulationen
nahm die Zahl jedoch zu und als sie ihren Höhepunkt
erreicht zu haben schien, stieg sie noch weiter.
In den siebziger Jahren verdoppelten sich die CollegeImmatrikulationen nahezu von rund 8 Millionen auf ungefähr 12 Millionen. Abwohl in den achtziger Jahren 25
Prozent weniger Studenten ihren Abschluß an der
High School machten, stieg die Zahl der CollegeImmatrikulationen von 12 Millionen auf 13,5 Millionen
- was einem Gesamtzuwachs von 12,5 Prozent ent
spricht.
Einzelne Colleges ziehen mehr Schüler aus den oberen High-School-Klassen an als andere und verleiben
sich so den größeren Anteil eines kleineren Marktes
ein. Obwohl dies eine vernünftige Erklärung ist, trägt
sie der landesweiten Zunahme an Immatrikulationen
nicht Rechnung. Nicht jedes College kann seinen
Anteil bei einer abnehmenden Schülerzahl aufrechterhalten oder vergrößern.
Tatsache ist, daß der Markt nicht kleiner wird, trotz der
unleugbar kontinuierlichen Abnahme der Anzahl von
High School Seniors, die jedes Jahr ihren Abschluß
machen. Er wird vielmehr größer. Wir führen dies auf
die Erwachsenen zurück - per definitionem die ab
25jährigen - die in größerer Zahl als je zuvor Colleges
besuchen.
In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich der Anteil
erwachsener Studenten ständig erhöht, von rund 30
Prozent im Jahr 1970 auf 40 Prozent 1980 und 45
Prozent im Jahr 1987 (anhand der jüngsten vorliege-

nen Statistiken). Das bedeutet, auf jeden CollegeStudenten unter 25 kommt ein älterer Student.
Eine Studie des College Board gelangte zu dem Schluß,
daß sich jeder 25. Amerikaner über 25 Jahre für ein
Seminar oder ein Studienzielprogramm am College
einschreibt - was über 6 Millionen erwachsene Studenten jährlich zur Folge hat. (Diese Zahlen stehen nur für
Erwachsene, die einen akademischen Abschluß anstreben. Fügt man die Zahl derjenigen hinzu, die das
College als Gasthörer oder zu Fortbildungszwecken
besuchen, beläuft sich die Zahl auf mindestens 12
Millionen). Die Annahme, nur 18- bis 24jährige aus
Mittelklassefamilien strebten weiterführende Bildung
an, ist fast ebenso falsch wie die Überzeugung, die
amerikanische Durchschnittsfamilie bestünde aus Vater
(Ernährer), Mutter (Hausfrau) und 2,3 Kindern. Die
Studie des College Board erstellte Statistiken über die
Studenten über 25, die im vergangenen Jahr ans
College zurückgekehrt waren, um einen akademischen Abschluß zu erwerben. Die Daten ergaben
unterschiedliche Muster:
Als Erwachsene studieren mehr Frauen als
Männer. Frauen leisten später im Leben, was
einige Männer in jüngeren Jahren tun konnten.
Dies ist auf eine unterschiedliche Lebensplanung zurückzuführen. Unseres Erachtens werden
die Frauen jedoch wahrscheinlich den Vorsprung
der Männer wettmachen, so daß sie im Alter von
50 Jahren beide auf dieselbe Anzahl von Studienjahren zurückblicken können. Da die Zahl
der Frauen derjenigen der Männer entspricht,
die sich nach dem High School-Abschluß am
College einschreiben und da mehr Frauen als
Männer im Erwachsenenalter das College be-

Seite 1

�suchen, werden Frauen darüber hinaus mehr
Jahre am College verbringen als Männer und
damit den Trend der vergangenen Jahre umkehren.
Im Hinblick auf rassische und ethnische Zusammensetzung dominieren die Weißen den Markt
für Erwachsenenbildung - rund 90 Prozent der
Immatrikulationen entfallen auf sie. Dem Bericht zufolge "schreiben sich junge Schwarze
und Hispanier unmittelbar nach der High School
nicht im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil
am College ein; und im Verhältnis zu ihrem
Anteil an der Bevölkerung noch weniger erwachsene Schwarze und Hispanier. Im Gegensatz zu weiblichen Erwachsenen gehen schwarze und hispanische Erwachsene nicht aufs
College, wenn sie dies in jüngeren Jahren nicht
getan haben."
Der Anteil von Erwachsenen am College nimmt
mit zunehmendem Alter ab. Im Alter gibt es
weniger Lebensphasen, die Lernen erfordern.
Im Leben älterer Erwachsener finden weniger
Veränderungen statt. Der Druck, neues Wissen
zu erwerben, um mit Ereignissen Schritt zu
halten, nimmt entsprechend ab. Beispielsweise
finden weniger Veränderungen im Berufsleben
oder am Arbeitsplatz statt. Da der Großteil der
Erwachsenenbildung arbeitsbezogen ist, bedeuten weniger Wechesl des Arbeitsplatzes weniger Studien.
Eine überwältigende Mehrheit (85 Prozent) der
erwachsenen Studenten arbeitet, die meisten
von ihnen ganztags an ihrem Arbeitsplatz oder
zu Hause. Die meisten Erwachsenen sind sehr
beschäftigt und jonglieren zwischen Arbeit, Familie
und Studium.
Einige andere für erwachsene Studenten typische
Kriterien sind überraschender. Nachfolgend einige
Vorurteile über ihr Studium und die Tatsachen, die sie
widerlegen:
Vorurteil: Sie studieren nur abends. Tatsache: 50
Prozent aller erwachsenen Studenten belegen Kurse
vor 17.00 Uhr, vorwiegend in den Morgenstunden.
Vorurteil: Sie nehmen ihr Studium nicht ernst. Tatsache: Genau 60 Prozent wollen einen akademischen
Abschluß erwerben. Vier von fünf Erwachsenen, die
einen Abschluß machen, erwerben ihn in einem vielversprechenden Berufszweig.
Vorurteil: Sie haben nicht viel Zeit zum Studium.
Tatsache: 25 Prozent aller erwachsenen Studenten
sind Vollzeitstudenten.
Andere Muster bei der Untersuchung von erwachsenen Studenten und solchen im normalen Studienalter
helfen zu erklären, warum sich junge und ältere Studenten an den Universitäten mit jedem Jahr eher
Seite 2

ähneln als unterscheiden. Bei Teilzeitstudenten denken wir gemeinhin an ältere Studenten. Dennoch
beobachten wir ein Teilzeitstudium zunehmend bei
jüngeren Studenten, die auf eine Art und Weise lernen,
die man im allgemeinen mit Erwachsenen verbindet.
Jüngere Studenten besuchen das College zeitweise
abends oder am Wochenende, auch mehrere Colleges. Sie setzen ihr Studium für ein Semester oder ein
Jahr aus, schreiben sich als Gasthörer ein, belegen
berufsbildende Kurse, fahren täglich zur Universität
statt in den Wohnheimen zu leben, leisten Teilzeitarbeit, sind verheiratet oder leben zusammen, besitzen
Autos und ziehen Kinder groß.
Ein weiteres klares und zunehmendes Verhaltensmuster - viel weniger augenfällig als das erste, aber in
gewisser Weise genauso wichtig - ist das Vollzeitstudium älterer Studenten, vor allem tagsüber. Wie ist
das zu erklären? Die Antwort ist so schwierig wie das
Muster klar ist. Es gibt Hypothesen, wer diese Erwachsenen sein mögen, die ebenso wie junge Studenten
studieren. Es sind zum Beispiel geschiedene Frauen
mit genug finanzieller Unterstützung, um sich ein Vollzeitstudium leisten zu können, verheiratete Frauen,
die ab 4 Uhr nachmittags zu Hause bei ihren kleinen
Kindern sein wollen oder verheiratete Frauen mit
erwachsenen Kindern, deren Collegegebühren bezahlt sind und die dieses Geld jetzt für sich selbst
ausgeben können. Es können Personen sein - Männer
oder Frauen - die ihre Arbeitsplätze verloren (oder sie
gekündigt) haben und wieder ein Vollzeitstudium aufnehmen, um etwas Neues zu lernen.
Zum Schluß noch ein Blick auf das Universitätsstudium (nach dem B.A.). Die Mehrzahl der graduierten
Studenten (55 %) sind 30 Jahre oder älter. Man kann
deshalb davon ausgehen, daß alle Universitäten in den
Vereinigten Staaten Institutionen der Erwachsenenbildung sind. Wenn alle Studenten über 25 morgen ihr
Studium abbrechen würden, müßte fast jede Universität in Amerika schließen. Die wenigen, die noch
geöffnet wären, würden über die Hälfte ihrer Studenten
verlieren.
Eine Möglichkeit, um die Gegenwart oder die Zukunft
zu verstehen, besteht darin, die Vergangenheit zu
untersuchen. Zurück zu den zwanziger Jahren dieses
Jahrhunderts. Die meisten Leute besuchten keine
High School - nur etwa 25 %, 75 % gingen nach der
achten Klasse ab. 1940 gingen bereits 70 % zur High
School. Die Veränderung reichte aus, um den Charakter der weiterführenden Schulbildung in Amerika in nur
20 Jahren zu verändern.
Was trieb diese jungen Menschen in die High School?
Die primäre Ursache war die Große Depression -1922
gab es für 15jährige viel zu tun, 1932 nicht. Wenn
Amerikaner ihre Arbeitsplätze verlorengingen sie zur
Schule. Als es Ende der dreißiger Jahre wieder
Arbeitsplätze für junge Menschen gab, hatten sie sich
verändert. Sie erforderten mehr Fähigkeiten, was
AMERIKA DIENST 45

�bedeutete, daß dazu mehr Schulbildung erforderlich
war.
In den neunziger Jahren erkennen wir dasselbe Muster, aber dieses Mal in den Colleges statt in den High
Schools. Dabei gibt es viele Parallelen. Die achtziger
Jahre in Amerika lassen sich mit den dreißiger Jahren
vergleichen. Viele Arbeitsplätze verschwanden - einige für junge Leute, aber mehr noch für Erwachsene.
Die neuen Jobs erfordern mehr Schulbildung. Viel
mehr junge Leute und Erwachsene entscheiden sich
für das College - manche Erwachsene zum ersten Mal,
andere kehren zum zweiten oder dritten Mal zurück.
Die Arbeitgeber haben ihre Anforderungen an Bildung
und Ausbildung aus drei Gründen erhöht: die neuen
Arbeitsplätze waren komplexer und erforderten mehr
Fähigkeiten. Die Bewerber für diese Arbeitsplätze
verfügten bereits über mehr Bildung, und deshalb
waren die an sie gestellten Erwartungen noch höher.
1920 stammten die High-School-Absolventen - gemessen an ihren intellektuellen Fähigkeiten - aus den
oberen 20 % der Bevölkerung, und diese verfügten
vielleicht auch über die nötige Energie und das nötige
Engagement. In den neunziger Jahren stammt ein
Absolvent des Colleges nach vierjährigem Studium
nicht unbedingt aus diesen obersten 20 Prozent der
Bevölkerung. Heute muß ein Arbeitgeber schon einen
College-Absolventen einstellen, wenn er das Äquivalent von einem High-School-Absolventen des Jahres
1920 haben will.
Der Arbeitsmarkt verändert sich, und das wird auch für
den Rest des Jahrhunderts gelten. Der Verlust von
Arbeitsplätzen, deren Veränderung und die Schaffung
neuer Arbeitsplätze sind für Erwachsene die primären
Auslöser, um wieder ein College zu besuchen. Nationale Untersuchungen zeigen, daß 85 Prozent aller
über 25jährigen studieren, weil sich ihr Leben im
Umbruch befindet. Sie müssen neue Fähigkeiten
lernen und neues Wissen erwerben, um mit den Veränderungen in ihrem Berufsleben Schritt zu halten.
Erwachsene sprechen über das Lernen, wenn sie
ihren ersten Arbeitsplatz finden, befördert werden oder
auf einem Arbeitsplatz etwas leisten wollen, auf den
sie bereits befördert wurden oder wenn sie nach dem
Verlust eines Arbeitsplatzes einen anderen Berufsweg
einschlagen wollen. Kein anderer Bereich des Lebens
- Familie, Gesundheit oder Freizeit - scheint so turbulent zu sein oder soviel Lernen zu erfordern wie ein
Wechsel des Berufswegs. Infolgedessen besuchen
manche Erwachsene zum ersten Mal ein College.
30 % dieser Erwachsenen verfügen über keinen HighSchool-Abschluß, und etwa 50 % haben sich nicht
unmittelbar nach der High School für das College
entschieden. Manche erwachsenen Studenten kehren zurück, um das zu vollenden, was sie früher einmal
begonnen haben. Jüngsten Berichten des nationalen
Verbandes unabhängiger Colleges und Universitäten
zufolge erwerben lediglich 15 % der Studenten ihren

Abschluß in vier Jahren. Dies basiert auf den Ergebnissen einer nationalen Untersuchung von High-SchoolAbsolventen, die am College ein vierjähriges Vollzeitstudium aufnehmen. Manche Erwachsene kehren
regelmäßig zurück, um auf dem laufenden zu bleiben.
Nahezu ein Drittel aller Rückkehrer besitzen bereits
den Abschluß eines Colleges. Dieses Bild erklärt die
Erwachsenenbildung in den siebziger und achtziger
Jahren. Was wird die Zukunft bringen?
Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert
Veränderungen in der beruflichen Laufbahn haben den
Entschluß Erwachsener zur Aufnahme eines CollegeStudiums entscheidend beeinflußt. Dies wird sich
beim Eintritt in das 21. Jahrhundert verstärkt fortsetzen und immer mehr Erwachsene dazu bewegen,
mehrmals in ihrem Leben ein College oder eine Universität zu besuchen. Dies hat folgende Gründe:
In den neunziger Jahren und darüber hinaus
wird es mehr Arbeitsplätze als Arbeitnehmer
geben. Die Dienstleistungsindustrie wird nahezu alle neuen Berufe und den Löwenanteil des
neuen Wohlstands hervorbringen. Diese Arbeitsplätze werden zusätzliche Fähigkeiten erfordern. Es werden nur sehr wenige für Personnen geschaffen werden, die weder lesen noch
Anweisungen folgen oder rechnen können.
Da die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge älter werden und die Vertreter der geburtenschwachen Jahrgänge ins Berufsleben eintreten, wird sich das Durchschnittsalter der
Erwerbsbevölkerung von heute 36 auf 39 im
Jahr 2000 erhöhen. Die Anzahl junger Arbeitnehmer zwischen 16 und 24 Jahren wird sich um
nahezu 2 Millionen oder 8 Prozent verringern.
Ältere Arbeitnehmer werden über die neuesten
Entwicklungen in ihrem Berufszweig auf dem
laufenden gehalten werden müssen, sie werden
Anreize zur Verlängerung ihres Erwerbslebens
oder Ausbildung für völlig neue Berufe benötigen.
Noch mehr Frauen werden ins Erwerbsleben
eintreten. Über 60 Prozent der neuen Erwerbstätigen werden Frauen sein. Im Jahr 2000
werden 60 Prozent der Frauen im arbeitsfähigen Alter erwerbstätig sein. Frauen werden
kontinuierlich für den Einstieg oder Neueinstieg
ins Berufsleben aus- und weitergebildet werden
müssen, da sie versuchen, Erwerbstätigkeit und
Familie zu meistern.
Angehörige von Minderheiten werden einen
größeren Anteil der Berufsanfänger ausmachen.
Bis zum Jahr 2000 werden bis zu 30 Prozent der
neuen Erwerbstätigen Nichtweiße sein - eine
Verdoppelung ihres gegenwärtigen Anteils. Da
zahlreiche Arbeitnehmer aus Minderheiten heute

Seite 3

�noch nicht bereit sind, werden Colleges und
Arbeitgeber bei Einstellung, Aus- und Fortbildung dieser Arbeitskräfte enger zusammenarbeiten müssen.
Einwanderer werden den größten Anteil am
Wachstum der ErwerbsbevölKerung seit dem
Ersten Weltkrieg darstellen. Selbst mit den
neuen Gesetzen werden bis zum Ende des
Jahrhunderts Jahr für Jahr 600.000 legale und
illegale Einwanderer ins Land kommen. Diese
Menschen werden zunächst Alphabetisierung
und die Ausbildung in grundlegenden Fähigkeiten benötigen, um Arbeitsplätze zu bekommen,
die auf ihre Talente angewiesen sind.
Im Gegensatz zu allen bisherigen Zeitaltem wird das
21. Jahrhundert hohe Anforderungen an unser Humankapital stellen, da wir in einen Zeitraum rascher
sozialer, technologischer und ökonomischer Schwankungen eintreten. Das soll nicht heißen, das 20.
Jahrhundert habe stagniert - ganz im Gegenteil. Die
vergangenen Jahrzehnte waren aufgrund von Veränderungen in Arbeit, Familienleben, Wirtschaft, Rolle
von Minderheiten und Frauen sowie Demographie
turbulent. Es ist zu erwarten, daß sich solche Umbrüche im nächsten Jahrhundert noch rascher vollziehen
werden. Mit gesellschaftlichen Veränderungen Schritt
zu halten, wird viel Energie und ungewöhnlichen Einfallsreichtum seitens der meisten Amerikaner erfordern.

Frühere Forschungsarbeiten zur Erwachsenenbildung
haben festgestellt, daß die Periode rascher sozialer
Veränderungen mit einem entsprechenden Anstieg in
der Erwachsenenbildung einherging. Veränderungen
der Lebensumstände stellen eine Herausforderung
dar und zwingen den Menschen, sich weiterzuentwikkeln und anzupassen, um den Anforderungen neuer
Rollen gerecht zu werden. Dies ist das Umfeld, das die
große Beteiligung Erwachsener an Bildungsprogrammen und den Anstieg dieser Beteiligung in den Jahrzehnten des ausgehenden 20. Jahrhunderts erklärt,
und es wird ferner ihre anhaltend große Beteiligung an
Bildungsprogrammen in den kommenden Jahren erklären.
Das Weiße Haus hat in den von ihm vorgelegten
"nationalen Bildungszielen" folgendes erklärt: "Heute
ist ein neuer Standard für eine gebildete Bevölkerung
erforderlich, der dem nächsten Jahrhundert angemessen ist. Unsere Bevölkerung muß ebenso kenntnisreich, gut ausgebildet, kompetent und erfinderisch
sein wie die jedes anderen Landes. Alle unsere
Bürger, nicht nur einige wenige, müssen in der Lage
sein, ihren Lebensunterhalt mit dem Kopf zu sichern,
sich an Veränderungen ihres Umfelds anzupassen
und die Welt um sie herum zu verstehen. Sie müssen
die Verantwortung und Pflichten von Bürgern verstehen und akzeptieren. Sie müssen während ihres
gesamten Lebens kontinuierlich lernen und neue
Fähigkeiten erwerben. Wir müssen erkennen, daß
Bildung eine lebenslange Bestrebung ist, nicht nur ein
Unterfangen für unsere Kinder."

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 45

�</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </file>
  </fileContainer>
  <collection collectionId="4">
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="6534">
                <text>Dokumente</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </collection>
  <itemType itemTypeId="19">
    <name>Digitalisat</name>
    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
  </itemType>
  <elementSetContainer>
    <elementSet elementSetId="1">
      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="40">
          <name>Date</name>
          <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="11303">
              <text>13.11.1991</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="51">
          <name>Type</name>
          <description>The nature or genre of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="11304">
              <text>Digitalisat</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="39">
          <name>Creator</name>
          <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="11305">
              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="50">
          <name>Title</name>
          <description>A name given to the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="11306">
              <text>Amerikadienst 13.11.1991</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="41">
          <name>Description</name>
          <description>An account of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="11307">
              <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Westen muss letztes Kapitel des Kalten Krieges schreiben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in Den Haag&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO-Gipfel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: NATO-Streitkräfte sollten "schlagkräftig, agil, unerreicht" sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten beim NATO-Gipfel in Rom&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. KSE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;KSE-Vertrag ein Meilenstein der Sicherheitsverhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wahlen in den USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Wahlen vom 5. November 1991&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Pressestimmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Erwachsenenbildung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das neue Gesicht amerikanischer Universitäten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Carol B. Aslanian&lt;/em&gt;</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </elementSet>
  </elementSetContainer>
</item>
