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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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30. Oktober 1991

AUSSEN- UND INNENPOLITIK

BUSH VERSPRICHT US-UNTERSTUTZUNG FÜR
FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
Pressekonferenz des Präsidenten

DEUTSCH-AMERIKANISCHE
BEZIEHUNGEN

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
BEZIEHUNGEN - DIE MENSCHLICHE DIMENSION
Rede von Botschafter Kimmitt in Berlin

DROGEN

UNKONVENTIONELLE PROGRAMME ZEITIGEN
FORTSCHRITTE BEI DER BEHANDLUNG VON
DROGENMISSBRAUCH
Die bekanntesten Therapien

VOICE OF AMERICA

DIE KÜNFTIGE ROLLE DER VOICE OF AMERICA
Rede von VOA-Direktor Chase Untermeyer

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�A U S S E N - UND

INNENPOLITIK
30. Oktober 1991

BUSH VERSPRICHT US-UNTERSTÜTZUNG
FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
Pressekonferenz des Präsidenten
WASHINGTON -(AD) - Präsident Bush versprach am 25. Oktober 1991, die Vereinigten Staaten "können und
werden ein engagierter und aktiver Partner beim Streben nach Frieden sein".
Dennoch können die Vereinigten Staaten "nicht Frieden im Nahen Osten schließen - das können nur die Parteien
selbst," erklärte der Präsident anläßlich einer Pressekonferenz in Washington, bei der er auch auf die
bevorstehende Nahost-Friedenskonferenz in Madrid einging.
Bush wird zur Eröffnung der Konferenz eine Rede halten und am 29. Oktober mit dem sowjetischen Präsidenten
Gorbatschow zusammentreffen. "Ich bin bereit, (beim Treffen mit Gorbatschow) Kernwaffen zu erörtern, ich bin
bereit, über ihre und unsere Wirtschaft ebenso zu sprechen wie über alles, was ihn interessiert", erklärte Bush.
Der Präsident nahm darüber hinaus zur nationalen Wirtschaftslage und anderen innenpolitischen Themen
Stellung und erklärte, mit den Mehrheitsführern der Republikaner und Demokraten im Senat sei Übereinstimmung über ein Bürgerrechtsgesetz erzielt worden, "auf das alle Amerikaner stolz sein können".
Bush kündigte an, sich Bestrebungen zur Revision der im vergangnen Jahr zwischen dem Kongreß und der
Regierung ausgearbeiteten Haushaltsvereinbarung widersetzen zu wollen, denn die Vereinbarung sei "die
einzige Obergrenze, die uns bei exzessiven Ausgaben des Kongresses zur Verfügung steht".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Präsident Bush in wesentlichen Auszügen.

Bush: Ich möchte eine kurze Erklärung abgeben und
werde dann gern auf Ihre Fragen eingehen.
Nach außerordentlich eingehenden Debatten und
Verhandlungen haben wir mit den Führungen der Republikaner und Demokraten im Senat ein Bürgerrechtsgesetz vereinbart, auf das alle Amerikaner stolz
sein können. Es nimmt keine Zuflucht zu Quotenregelungen und fördert die Sache der Gleichberechtigung
am Arbeitsplatz. Sowohl der Kongreß als auch die Regierung können dem amerikanischen Volk dieses Gesetz
als neue Maßnahme gegen Diskriminierung und für
Chancengleichkeit präsentieren.
Diese Vereinbarung wurde vergangene Nacht in Maralhonverhandlungen erzielt, bei denen Senator John
Danforth aus Missouri die Führung übernahm, unterstützt von Senator Dole und anderen Abgeordneten
beider Parteien. Das war eine stolze Leistung für den
Kongreß und die Regierung. Jetzt können wir gemeinsam voranschreiten und in diesem Land Fortschritte
bei den Bürgerrechten erzielen.

AMERIKA DIENST 43

Ich erinnere mich, vor über anderthalb Jahren mit
Justizminister Thornburgh im Rosengarten gestanden
und mich den Bürgerechtlern des Landes gegenüber
unverrückbar verpflichtet zu haben, ein Bürgerrechtsgesetz ohne Quotenregelung anzustreben, das ich
unterzeichnen könne. Unter der Voraussetzung, daß
es keine Veränderungen mehr in dem Gesetz gibt, wie
es letzte Nacht verabschiedet wurde, verfügen wir jetzt
über ein solches Gesetz. Mein Versprechen wird
gehalten, und ich werde dieses Gesetz mit Begeisterung unterzeichnen.
Ein anderes Thema ist die Nahost-Friedenskonferenz.
Ich möchte auf die historische Bedeutung dieser Zusammenkunft hinweisen. Seit Jahrzehnten ist der
Nahe Osten Sinnbild für gefährliche und tragische
Konflikte. Zwischen den Menschen dieser Region gibt
es immer noch erhebliche Differenzen. Aber ich
möchte auf das staatsmännische Geschick aller Teilnehmer an der Friedenskonferenz verweisen.

Seite 1

�Wenn man sich zusammensetzt, fängt man an, sich zu
verstehen. Natürlich kennen wir nicht das Ergebnis,
Es wird Geduld und Entschlossenheit erfordern. Die
Vereinigten Staaten können nicht Frieden im Nahen
Osten schließen - das können nur die Parteien selbst.
Aber wir können und werden ein engagierter und
aktiver Partner beim Streben nach Frieden sein.
Außenminister Baker hat Geduld und Beharrlichkeit
bewiesen, und er hat unermüdlich und diszipliniert mit
der Sowjetunion und allen Parteien in der Region
zusammengearbeitet, um diese Konferenz und die
Hoffnung auf Frieden wahr werden zu lassen. Dafür
schulden wir ihm großen Dank.
Ich begebe mich auch nach Madrid, um Präsident
Gorbatschow zu treffen, und ich weiß, daß Präsident
Gorbatschow ebenso wie ich die Hoffnungen der ganzen
Welt auf diese neuen Chancen für Frieden richten
möchte.
Frage: Zur Innenpolitik. Die amerikanische Wirtschaft
bereitet immer mehr Menschen Anlaß zur Sorge.
Millionen sind arbeitslos, und täglich werden neue
Statistiken über eine potentielle Rezession vorgelegt.
Sind die Anzeichen nicht deutlich, daß etwas getan
werden muß? Was würden Sie den Amerikanern
sagen, worin Ihre Hilfe besteht?
Antwort: Ich möchte die Mutmaßungen über eine
weitere Rezession nicht vertiefen. Danach ist mir
nicht. Die Wirtschaft war schwerfällig. Sie war nicht
halb so gut, wie ich oder das amerikanische Volk sie
gern gesehen hätte. Was ich tun möchte? Ich hätte es
gern gesehen, daß der Kongreß die von mir bereits
1989 und auch später für das Wachstum vorgeschlagenen Maßnahmen ergreift. Wir benötigen eine Stimulation des Wirtschaftswachstums.
Meiner Ansicht nach ist nunmehr jeder mit der Tatsache vertraut, daß eine Senkung der Kapitalertragsteuer das Wachstum ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen
und Chancen bereiten würde. Wir werden hingegen
angegriffen, hierbei handele es sich um eine Steuererleichterung für die Reichen. Ich möchte dem Kongreß
vorschlagen, es zu versuchen: ich werde auf der politischen Seite die Schuld auf mich nehmen, wenn ich
nur die Hälfte der Anerkennung bekomme, wenn es
der Wirtschaft zum Vorteil gereicht.
Darüber hinaus haben wir ein Programm, das verbesserte Forschung und Entwicklung umfaßt, wir haben
ein Gesetz über die Reform des Bankwesens, das im
Kreditwesen sicher stimulierend wirken würde - es sitzt
im Kapitol fest. Wir haben ein Programm über steuerbegünstige Sparanlagen für die private Altersvorsorge
vorgelegt. Wir haben ein Verkehrsgesetz, das Arbeitsplätze schafft. Wir setzen uns für Industrieförderungsgebiete ein.

Seite 2

Hier ist also ein gutes 6-Punkte-Programm für das
Wachstum, und der Kongreß weigert sich, auch nur
das geringste dafür zu tun. Und ich glaube nicht, daß
es einen Menschen im ganzen Land gibt, der daran
zweifelt, daß wir für diese Dinge eintreten.
Wir werden sehen, wohin uns unser Weg führt. Aber
ich mache mir Sorgen, wenn Menschen in Not sind,
macht man sich natürlich Sorgen. Ich wünsche mir ein
aus laufenden Erträgen bezahltes Paket der Arbeitslosenunterstützung, das nicht zum Defizit beiträgt und
nicht nachfolgende Generationen mit einem höheren
Defizit der Bundesregierung belastet. Es soll innerhalb
der Haushaltsvorlage funktionieren. Das habe ich
vorgeschlagen. Ich hoffe, der Kongreß wird einmütig
sein und mir ein solches Paket vorlegen.
Frage: Einige Republikaner im Kongreß haben ihre
Bereitschaft bekundet, den Steuerermäßigungen für
die Mittelschicht zuzustimmen, wie sie die Demokraten vorgeschlagen haben. Wären Sie bereit, hier zuzustimmen?
Antwort: Ich wäre sehr enthusiastisch über eine
Steuerermäßigung für alle Amerikaner, aber das kann
nicht innerhalb der Haushaltsvorlage geleistet werden.
Aber es muß erreicht werden, und wenn es etwas
Neues dazu geben soll, dann dies. Man sollte sich
überlegen, wie es in die Haushaltsvorlage zu integrieren ist.
Ich möchte vor allem folgendes betonen: Reduzierung
der Kapitalertragsteuer, Forschung und Entwicklung,
Reform des Bankwesens, Vergünstigungen für Spareinlagen zum Zweck der Altersversorgung, Verkehrsgesetz, Industrieförderungszonen - all die Dinge, auf
die ich bereits verwiesen habe. Aber ich bin nicht völlig
gegen alles, was ich hier höre. Aber sie sollten unser
Wachstumspaket in Betracht ziehen. Damit würde ich
beginnen. Wenn sich noch weitere Vorteile ergeben auch gut. Aber wir sollten nicht die Haushaltsvorlage
angreifen und dann sagen, das Defizit der Bundesregierung spielt keine Rolle. Es spielt eine Rolle. Das tun
Defizite immer.
Frage: Ministerpräsident Schamir wird die israelische
Delegation nach Madrid leiten. Erst gestern erklärte
er, keine territorialen Konzessionen an die arabischen
Staaten machen und die israelische Siedlungspolitik
nicht einfrieren zu wollen. Kann es in Madrid und
darüber hinaus Fortschritte geben, wenn er diesen
Standpunkt vertritt?
Antwort: Ich wußte, daß jemand solche Fragen
stellen würde - detaillierte Fragen nach der Position der
Konferenzteilnehmer. Das ist höchst verständlich. Ich
werde darauf nicht antworten. Was ich nicht möchte,
ist diesen Prozeß unabsichtlich zu komplizieren. Die
Parteien sollten sich wie geplant zusammensetzen

AMERIKA DIENST 43

�und darüber diskutieren - eine Priorität nach der anderen. Es ist nicht an den Vereinigten Staaten, dies zu
tun.
Zu 242 und 338 ist unsere Haltung bekannt. Ebenso
bekannt sind unsere Positionen zu einer Reihe von
anderen Themen, die möglicherweise dort erörtert
werden. Aber wir versuchen, als Katalysator zu fungieren, Menschen zusammenzubringen und sie Meinungsverschiedenheiten diskutieren zu lassen. Es tut mir
also leid, daß ich diese Frage nicht definitiv beantworten werde und auch keine anderen über besonders
strittige Themen zwischen den Parteien. Wir versuchen nicht, eine Einigung zu erzwingen. Wir versuchen, Menschen zusammenzuführen, damit sie Einigung erzielen können.
Frage: Werden Sie denn die Standpunkte der Vereinigten Staaten erläutern, wenn Sie die Konferenz
eröffnen?
Antwort: Ich glaube nicht, daß wir dies an dem Punkt
tun müssen. Die Positionen der Vereinigten Staaten
sind eindeutig. Aber das ist nicht der Punkt. Wir halten
keine Konferenz über US-Politik ab sondern führen
eine Konferenz durch, bei der wir Menschen zusammenbringen, um Jahre alte Konflikte beizulegen.
Frage: Werden Sie Schamir treffen?
Antwort: Das werde ich ganz sicher. Ich werde auch
mit anderen Delegationsleitern zusammentreffen und
Präsident Gorbatschow sehen. Ich hoffe ferner den
spanischen Ministerpräsidenten und den König zu
treffen. Ich weiß nicht, wieviele bilaterale Treffen ich
genau haben werde. Das steht noch nicht fest. Aber
ich sehe dem mit Interesse entgegen.
Frage: Das Bürgerrechtsgesetz begrenzt Schadenersatzansprüche in Fällen der Diskriminierung aufgrund
des Geschlechts, nicht aber bei Rassendiskriminierung. Zum ersten Mal werden damit finanzielle Schäden für Diskriminierung aufgrund des Geschlechts
beziffert. Wie aber rechtfertigen Sie dies gegenüber
Frauen, die es als Zeichen verstehen könnten, Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts würden einfach nicht so ernst genommen wie Rassendiskriminierung?
Antwort: Ich würde versuchen, diese Befürchtungen
zu zerstreuen und erklären, die Hauptsache sei ein
Bürgerrechtsgestz, das gegen sexuelle Belästigung
und Diskriminierung am Arbeitsplatz vorgeht. Genauso würde ich darauf antworten. Dies ist das erste ...
Frage: Warum sollte es ein Unterschied sein?
Antwort: Das ist das erste Mal in der Geschichte. Ich
muß Sie daher an die Juristen verweisen.
Frage: Zurück zu den Thomas-Anhörungen. Angesichts der Macht seiner ungeschminkten Aussagen bei
den 11 stündigen Anhörungen, von denen viele Leute
AMERIKA DIENST 43

glauben, sie hätten seine Nominierung gerettet, frage
ich mich, ob Sie Kandidaten in die Hände von Trainern
aus dem Weißen Haus geben wollen, die offensichtlich
alle Ecken und Kanten von ihren Positionen abschleifen und sie abhalten wollen, etwas Kontroverses zu
sagen.
Antwort: Diese Frage habe ich bereits gehört. Erst
am Samstag. Ich denke, Sie leisten den Kandidaten
einen Bärendienst, wenn sie von Trainern des Weißen
Hauses sprechen, die jeden auf Kurs brigen. Eine
Person, die sich dem Prozeß der Bestätigung unterziehen muß, begrüßt Beratung. Aber wenn man andeuten will, der Kandidat tut das, was die Berater wollen,
ist das meiner Ansicht nach falsch.
Ich denke, mit der Fragestellung erweist man Richter
Thomas einen schlechten Dienst, der seinen Kurs
verfolgt hat. Natürlich haben ihm einige Leute geholfen, es gab bestimmte Fragen, bei denen sie vorausgesagt haben, sie würden wahrscheinlich gestellt.
Aber ich denke, man wird ihm nicht gerecht, wenn man
glaubt, die Trainer geben die Antworten vor. Es gibt bei
diesen Anhörungen zur Bestätigung ein Muster, wem
welche Frage gestellt wird oder nicht. Meiner Ansicht
nach wurde er zum einen oder anderen Thema mehr
befragt als sein Vorgänger.
Frage: Herr Präsident, Thomas hat selbst vor Abgabe
seiner Erklärung am Freitag gesagt, er sei nicht das
Produkt - seine eigenen Worte - irgendwelcherTrainer.
Er hat doch erkannt, daß Berater bei seinen Anhörungen eine Rolle gespielt haben?
Antwort: Ich sage nicht, daß es niemanden gab, der
ihm geholfen hat. Irgendwie gefällt mir das Wort
Trainer nicht - wie bei Preisboxem: geh hin und schlag
ihn nieder. Darum geht es doch wohl nicht. Vielleicht
verstehe ich Ihre Frage falsch.
Frage: Sprechen wir hier nicht über Leute, die normalerweise Lobbyisten für private Interessen sind, die
verständlicherweise gute Beziehungen zum Kongreß
unterhalten müssen und deren Beteiligung bei einer
solchen Situation einem Interessenkonflikt gleichkommt,
weil sie niemanden verärgern wollen, auch nicht den
Kandidaten?
Antwort: Wenn Sie damit andeuten wollen, daß ein
Kandidat - in diesem Fall Richter Thomas - Prinzipien
aufgeben würde, weil einer seiner Helfer den Kongreß
nicht verärgern will, muß ich das zurückweisen. Ich
denke nicht, daß diese Anschuldigung seinem intellektuellen Niveau entspricht.
Frage: Colin Powell scheint zu glauben, das Pentagon
könne mit der Hälfte der 75 B-2 Tarnkappenbomber
leben, die Sie vorgeschlagen haben. Wenn das der
Fall ist, wie werden Sie verhindern, daß Gegner des
Programms die niedrigere Zahl noch weiter verringern?

Seite 3

�Antwort: Wir haben ein Programm. Wir werden
weiterhin eine große Bandbreite von Verteidigungsangelegenheiten erörtern. Ich möchte mich nicht zu einer
angeblichen Position einer wichtigen Person äußern
und sie damit vergleichen, wie jemand anders in der
Regierung darüber denkt.
Frage: Es klingt, als wäre ihre Position zu der Zahl 75
nicht rigide.
Antwort: Das würde ich nicht sagen. Uns liegt ein
Vorschlag vor, und wir werden sehen, wo wir damit
landen.

stellen? Viele Leute würden das gern sehen. Es gibt
eine Menge Probleme in diesem Land, von denen
einige mehr Geld erfordern würden. Es gibt aber auch
die Pflicht, übermäßigen Ausgaben entgegenzutreten.
Und hier kommt die Haushaltsvereinbarung ins Spiel.
Frage: In Washington hat man sich diese Woche mit
Vorschlägen für Steuersenkungen gewissermaßen
überboten, was durch einige Ihrer Treffen mit den
Republikanern ausgelöst wurde. Ist dieser Wettkampf
nun beendet? Konnten Sie ihn beenden? Und meine
zweite Frage lautet: Wenn die Haushaltsvereinbarung
nicht durch irgendwelche Steuersenkungen zu Fall
gebracht werden kann, wird sie dann nicht ausgehöhlt?

Frage: Als Sie die Haushaltsvorlage mit dem Kongreß
unterzeichnet haben, befand sich die Wirtschaft nicht
in einer Rezession, die Sowjetunion hatte keinen
Zusammenbruch erlebt, und deshalb hatten Sie keine
Kürzung der nuklearen Arsenale des Landes vorgeschlagen. Es gab noch keine Schätzungen, daß die
Vereinigten Staaten mit viel kleineren Streitkräften
leben könnten. Warum wird angesichts all dessen die
Haushaltsvorlage nicht überarbeitet, auch angesichts
der Tatsache, daß das Haushaltsdefizit sowieso höher
ist als es die Vorlage fordert.

Antwort: Ich glaube nicht, daß wir diese Konkurrenz
beenden können. Es ist meines Erachtens verständlich, wenn Menschen sich Sorgen machen - schlechte
Wirtschaftszahlen treten von Zeit zu Zeit auf, obwohl
sie dieses Mal eher gemischt sind, mit einigen ziemlich
guten darunter. Ich bin besorgt. Aber ich sage diesen
Leuten nicht, daß sie keine Vorschläge machen sollen.
Ich werde mich jedoch nicht an einem Wettstreit dieser
Art beteiligen.

Antwort: Ich werde sie nicht überarbeiten, weil sie die
einzige Obergrenze ist, die uns bei exzessiven Ausgaben des Kongresses zur Verfügung steht. Sie ist die
einzige Garantie für den Steuerzahler, daß seine Interessen in gewissem Maße berücksichtigt werden.

Es gibt einige gute Vorschläge. Einige werden aus rein
politischen Erwägungen kritisiert, meines Erachtens
auf ziemlich unfaire Weise; Dinge, die die Wirtschaft
schon vor langer Zeit angekurbelt hätten. Und ich mu ß
die sechs Punkte nicht noch einmal wiederholen...

Wenn Sie so überarbeitet wird, daß diese Beschränkungen aufgehoben sind, werden den Ausgaben Tür
und Tor geöffnet. Das haben wir bereits bei einigen
Gesetzen beobachtet - die Arbeitslosenhilfe ist ein
gutes Beispiel aus jüngster Zeit. Machen Sie sich
keine Sorgen über Haushaltsdefizite, über die Menschen, die Steuern zahlen, geben Sie einfach mehr
aus. Es tut mir leid, aber ich möchte die Haushaltsvorlage nicht freigeben, weil ich die Ausgabenbeschränkungen für hilfreich halte.

Ich bin jedoch nach wie vor der Meinung, daß diese
Schritte Arbeitsplätze schaffen und die Gründung neuer
Unternehmen fördern würden. Der Kongreß möchte
einen anderen Ansatz wählen. Man hat sich dort aber
noch nicht verständigt, und ich werde das weitere
Vorgehen beobachten. Ich werde dabei berücksichtigen, ob sie das Haushaltsabkommen zu Fall bringen
oder nicht und dann eine Entscheidung treffen, an
deren Ende möglicherweise eine neue Kombination
dessen stehen kann, was ich für das Beste halte.
Vielleicht sollte ich das tun.

Es gibt ein paar Dinge, die sie durchbrochen haben.
Ich denke dabei an die Probleme der Banken, von
denen manche außergewöhnlich waren. Aber wenn
wir diese Vorlage umgestalten, werden Sie sich einer
Flut von Ausgabenprogrammen gegenübersehen. Und
das schränkt uns bei der Erstellung unseres Haushalts
ebenso ein wie den Kongreß bei seinen Ausgaben.
Deshalb werde ich sie nicht überarbeiten.
Frage: Stellt es kein Problem dar, so eingeschränkt zu
sein, wenn man mit neuen Problemen wie etwa der
anhaltenden Arbeitslosigkeit fertigwerden muß?
Antwort: Ja, das ist ein Problem. Aber es hilft uns, ein
altes Problem zu behandeln, das uns schon seit Jahren am Herzen liegt - die Beschränkung des Defizits im
Bundeshaushalt. Aber das trifft sicher zu. Welcher
Präsident würde nicht gerne die Taschen voller Geld
haben, um für jede gute Sache Mittel zur Verfügung zu

Seite 4

Frage: Solange der Preis für eine Verringerung der
Kapitalertragssteuer aus der Perspektive der Demokraten in einer Erhöhung der Steuersätze oder in einer
Begrenzung der Sätze besteht, wird sie aus Ihrer
Perspektive wohl nicht zustande kommen?
Antwort: Ich habe eine Senkung der Kapitalertragssteuer ohne Erhöhung der Einkommensteuern vorgeschlagen, und ich mag diese Idee. Ich möchte mich
nicht erneut in eine Diskussion über Steuererhöhungen verwickeln lassen, und meines Erachtens möchte
auch das amerikanische Volk keine Steuererhöhungen, unabhängig davon, ob es sich um niedrige, mittlere oder höhere Einkommen handelt.
Es besteht in diesem Land deutliches Unbehagen im
Hinblick auf höhere Steuern. Viele Menschen denken,
wir sollten uns besser um die Kontrolle der Ausgaben
AMERIKA DIENST 43

�kümmern. Das ist einer der Gründe, warum ich nicht
möchte, daß der Kongreß die Haushaltsvereinbarung
zerstört. Wir werden also dabei bleiben. Alles, was ich
vorschlage, hat echtes Wachstum zum Ziel.
Frage: Es wurden Berichte veröffentlicht, wonach Sie
persönlich die Kampagne genehmigt haben, mit der
republikanische Senatoren Anita Hill diskreditieren
wollten. Marlin sagte, das treffe nicht zu. Ob dies
zutrifft oder nicht...
Antwort: Es trifft nicht zu. Ich möchte Sie bereits hier
unterbrechen - es trifft nicht zu. Fahren Sie fort.
Frage: Haben Sie die republikanische Taktik gutgeheißen? Undfalls nicht, warum haben Sie sie als Mann
an der Spitze der Republikanischen Partei und Präsident der Vereinigten Staaten nicht aufgehalten?
Antwort: Von welcher Taktik sprechen Sie bitte?
Frage: Nun, es gab zahlreiche Kritiker der republikanischen Senatoren, die eine Kampagne anführten, um
Anita Hills Aussage zu diskreditieren.
Antwort: Ich gehöre nicht dazu. Ihre Aussage hat
beim amerikanischen Volk, das mit überwältigender
Mehrheit Clarence Thomas unterstützte - übrigens
ganz am Ende ebenso wie vorher -, gewisse Fragen
aufgeworfen. Meines Erachtens ist es angemessen,
diese Aussage zu untersuchen.
Frage: Hatten Sie irgendwelche Probleme mit der Art

von Fragen, die gestellt wurden oder versteckten
Andeutungen, daß es noch andere Dinge gab, die sie
nicht...
Antwort: Ich hatte Probleme mit der ganzen Sache.
Ich habe gestern eine Rede über meine Probleme
gehalten, die meines Erachtens mit den Problemen
identisch sind, die das amerikanische Volk in bezug auf
den ganzen Prozeß hatte, denn diese plastischen nicht
jugendfreien Anschuldigungen hätten unabhängig davon,
ob sie nun zutrafen oder nicht, hinter verschlossenen
Türen vorgebracht werden müssen. Ich bin der Meinung, das amerikanische Volk hat ein Recht auf Information, aber auch das Recht zu delegieren. Und
meines Erachtens hatte Joe Biden zu Beginn der
ganzen Anhörung recht als er vorschlug, Zeugen könnten
unter Ausschluß der Öffentlichkeit befragt werden. So
hätte ich mir eine Lösung dieser Frage vorgestellt.
Und in diesem Fall ginge es weder dem amerikanischen Volk noch Clarence Thomas oder Anita Hill
schlechter. Allen Beteiligten würde es vielmehr besser
gehen.
Frage: Dürfte ich fragen, ob sie Ihrer Meinung nach
fair behandelt wurde?
Antwort: Ich möchte Senator Biden nicht beschuldigen, kein faires Hearing veranstaltet zu haben. Ich
habe bereits ganz am Anfang erklärt, daß er meines
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Erachtens gute Arbeit geleistet hat. Also versuchen
Sie bitte nicht, mich in eine Diskussion darüber zu
verwickeln, was fair war und was nicht. Einige Leute
waren von den Ergebnissen enttäuscht. Sie könnten
denken, es sei nicht fair zugegangen. Ich war über die
Ergebnisse erfreut, weil ich der Meinung bin, daß sich
das Vertrauen des amerikanischen Volkes in diesen
Richter als korrekt erwiesen hat.
Frage: Obgleich Sie glauben, daß Anita Hill im Gegensatz zu Ihrem Kandidaten nicht die Wahrheit sagte,
machen Sie, Herr Bush, sich keine Sorgen darüber,
daß drei Frauen, die über die sogenannte "gläserne
Wand" aussagen sollten...
Antwort: Nein, ich mache mir darüber keine Sorgen.
Frage: Obwohl sie geäußert haben, die Behandlung
von Anita Hill habe sie davon überzeugt, nicht an die
Öffentlichkeit zu gehen und ihre Arbeitgeber öffentlich
zu kritisieren?
Antwort: Schauen Sie, es gibt eine Menge Leute auf
allen Seiten, die ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck
bringen. Ich meine, das Land ist froh, die Angelegenheit abgeschlossen zu haben. Meines Erachtens hat
sie sich angesichts des Endresultats in befriedigender
Weise gelöst - Clarence Thomas ist Mitglied des
Obersten Bundesgerichts. Ich war persönlich besonders beeindruckt von seinen Ausführungen darüber,
wie es ihm und seiner Familie aufgrund dieser Ereignisse ergangen ist. Wenn die Frage also lautet: hätte
man die Anhörung verlängern sollen, damit drei weitere Personen aussagen können, so bin ich nicht
dieser Meinung.
Frage: Nein, dabei handelte es sich um eine andere
Anhörung, bei der drei Frauen sich weigerten, über
einen anderen Bereich der Diskriminierung am Arbeitsplatz auszusagen und angaben, das, was sie als
die öffentliche Vorführung Anita Hills betrachteten
spiegele wider, was sie selbst zu erwarten hätten,
wenn sie...
Antwort: Entschuldigen Sie, ich habe Sie mi ßverstanden. Ja, darüber bin ich besorgt. Ich mache mir
Sorgen, daß gute Leute, die andernfalls eine positive
Einstellung zur Regierung hätten, nicht in den Staatsdienst eintreten könten, weil sie selbst nicht auf diese
Weise durch die Mangel gedreht werden möchten. Ja,
ich mache mir sehr große Sorgen darüber.
Frage: Entschuldigen Sie, Herr Bush. Hier handelte
es sich um Frauen, die bereits im Staatsdienst tätig
waren und angaben, daß sie vor der Aussage von
Anita Hill Opfer von Diskriminierung am Arbeitsplatz
gewesen seien, weil sie Frauen sind. Nach ihrer [Hills]
Aussage und ihrer Behandlung durch den Rechtsausschuß des Senats weigerten sie sich aus Furcht vor
einer solchen Behandlung, öffentlich auszusagen,
obwohl ihre Behauptungen fundiert sein könnten, was

Seite 5

�Ihrer Meinung nach bei Anita Hill nicht der Fall war. Ich
frage Sie nun, ob Sie sich Sorgen über eine abschrekkende Wirkung...
Antwort: Ich habe das nicht behauptet - Sie legen mir
Worte in den Mund. Ich habe so etwas nicht behauptet. Aber machen Sie bitte weiter.
Frage: Machen Sie sich Sorgen über eine mögliche
abschreckende Wirkung?
Antwort: Ja, das habe ich gerade gesagt. Ja, ich
mache mir Sorgen über eine abschreckende Wirkung.
Je mehr eine solche offene, überfrachtete Debatte
stattfindet, in der der Charakter von Menschen auf der
einen oder anderen Seite das Ziel von Angriffen ist,
desto mehr Sorgen mache ich mir. Ich habe dies in
meiner gestrigen Rede angesprochen und einige
Vorschläge dazu gemacht. Und einer dieser Vorschläge läuft darauf hinaus, daß es mehr Geheimsitzungen
des Senats geben sollte, wenn es dazu kommt oder
wenn es um persönliche Anliegen von Menschen geht.
Ja, darüber mache ich mir Sorgen.
Frage: Sie haben in Louisiana den Wahlkampf von
Buddy Roemer unterstützt. Wie lautet Ihre politische
Analyse des Klimas, das eine solche Anzahl von
Wählerstimmen für einen ehemaligen Führer des Ku
Klux Klan und Sympathisanten der Nazis, David Duke,
hervorgebracht hat, der behauptet, ein Republikaner
zu sein?
Antwort: Ich habe mich nicht eingehend genug mit
den dortigen Themen beschäftigt, um zu wissen, warum
Menschen für ihn gestimmt haben. Ich möchte klarmachen, daß ich David Duke aufgrund des Rassismus
und seiner jüngsten Äußerungen, die angesichts ihrer
Bigotterie und allem anderen besorgniserregend sind,
auf keinen Fall unterstützen könnte.
Nachdem ich dies gesagt habe, kann ich Ihnen leider
im Hinblick auf die anderen Fragen, die offensichtlich
zahlreiche normale, ehrliche und anständige Wähler
dort unten beeinflußt haben, nichts Genaues sagen.
Aber es besteht Unzufriedenheit bei zahlreichen Wählern,
und vielleicht hat er da einen Nerv getroffen.
Wenn dies nun so verstanden werden sollte, daß es für
die Wähler wegen des Rassismus oder der Bigotterie
attraktiv war, so möchte ich dies energisch zurückweisen.
Frage: Würde Ihre Ablehnung so weit gehen, daß Sie
den Bürgern von Louisiana raten würden, für seinen
Gegenkandidaten zu stimmen oder vielleicht einen
anderen Namen auf den Stimmzettel zu schreiben?
Antwort: Ich habe bereits Buddy Roemer unterstützt,
und ich wei ß nicht, wie die Regeln dort aussehen, aber
ich bin sehr unglücklich darüber, daß der Gouverneur
dort nicht wiedergewählt wurde oder in die Stichwahl
kam. Ich bin sehr unglücklich darüber, denn ich bin

Seite 6

immer noch der Meinung, daß er ein vernünftiger
Mann, ein zukunftsorientierter und guter Mann ist.
Aber ich werde mich hier nicht einmischen, außer mit
der Feststellung, daß wir David Duke aus den angeführten Gründen niemals auf irgendeine Weise unterstützen können. Versuchen Sie also nicht, mich in die
Stichwahl in diesem Staat zu verwickeln. Ich werde
mich da nicht hineinziehen lassen.
Frage: Werden Sie bei dem Treffen mit Präsident
Gorbatschow in Madrid in der Lage sein, einige seiner
Vorschläge im Hinblick auf Kernwaffen mit eigenen
Vorschlägen zu beantworten?
Antwort: Nein.
Frage: Wenn nicht, worüber werden Sie dann reden?
Antwort: Nun, Ende offen. Das Hauptthema ist eine
Friedenskonferenz für den Nahen Osten. Aber ich bin
sicher, wir werden über bilaterale Fragen sprechen,
und ich werde zu Gesprächen über Kernwaffen bereit
sein. Ich bin bereit, über ihre und unsere Wirtschaft zu
sprechen. Ich bin bereit, über alles zu diskutieren, was
ihn interessiert. Wir führen immer sehr umfassende
Gespräche, und ich freue mich wirklich sehrauf diesen
Teil.
Aber der Grund, aus dem ich so schnell geantwortet
habe, besteht darin, daß ich nicht den Eindruck hinterlassen möchte, wir würden ein neues Vier-PunkteProgramm oder ein Sechs-Punkte-Programm vorlegen , um auf seine positive Antwort auf unsere Initiative
zu reagieren.
Frage: Einige Leute meinen, für Frauen laute der
Tenor der Anhörungen Anita Hill/Clarence Thomas:
Bemühen Sie sich nicht, über sexuelle Belästigung zu
sprechen, denn es wird Ihnen ja doch niemand glau
ben. Ist dies Ihrer Meinung nach der Tenor oder
würden Sie den amerikanischen Frauen sagen, daß
sie sich zu Wort melden sollten?
Antwort: Ich sage, sie sollten sich zu Wort melden.
Aber dies sollte in einem Klima geschehen, daß Menschen nicht in einem solchen Verfahren zerstört werden. Und aus diesem Grund erkläre ich, wir sollten es
hinter verschlossenen Türen tun oder Verfahren durchführen, in denen keine vertraulichen Informationen
weitergegeben werden, wie dies bei Anita Hill der Fai!
war, als jemand nach außen ging und dies heimtükkisch weitergab und sie in ein öffentliches Debakel
hineingezogen wurde, das sie von Anfang an vermeiden wollte.
Ja, ich mache mir Sorgen darüber und über ihre
Gefühle sowie all das, was damit zusammenhing. Ich
habe Vorschläge zur Abhilfe unterbreitet, einschließlich der Art und Weise des Umgangs mit FBI-Akten.
Wenn also Menschen nicht an die Öffentlichkeit gehen
können, weil sie befürchten, ihr Ruf könnte geschädigt
und in den Schmutz gezogen werden, so bin ich

AMERIKA DIENST 43

�darüber besorgt. Und aus diesem Grund habe ich
gestern einige Vorschläge gemacht, die meines Erachtens zur Bewältigung des Problems beitragen
werden. Ob sie es lösen können, weiß ich nicht. Und
ich wiederhole: das gilt nicht nur für Frauen, die sich
in einem Fall von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu Wort melden oder um Anita Hill zu unterstützen, es gilt für Personen, die sonst in den Staatsdienst
eintreten würden, sich aber nicht mit Enthüllungen
dieser Art konfrontiert sehen möchten, die ihren Charakter in Zweifel ziehen.
Ich weiß nicht, wie wir das Problem völlig lösen können. Aber ich habe einige Vorschläge gemacht, die
meines Erachtens dazu beitragen werden.
Frage: Aber warum solten Frauen heute darüber
besorgt sein, daß ihr Ruf geschädigt wird, wenn sie
Beschuldigungen erheben, da die meisten Anhörungen wegen sexueller Belästigung nicht im Fernsehen
übertragen werden?
Antwort: Warum sollte ein Kandidat für ein Amt nicht
besorgt sein, daß sein Charakter mit Füßen getreten
wird wie bei Richter Thomas? Sie stellen es auf eine
Grundlage. Sie stellen es auf die feministische Grundlage. Ja, ich bin darüber besorgt. Und ich habe
Vorschläge gemacht, was man unternehmen könnte.
Ich mache mir ebenfalls über die Basis des öffentlichen
Dienstes Sorgen, und in diesem Fall war ich sehr über
den Rufmord an Clarence Thomas besorgt. Es gibt
einen Weg, um solche Fragen zu behandeln. Man
delegiert nachrichtendienstliche Fragen; warum kann

*

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*

man - und ohne daß jeder das Recht hat, jedes Detail
zu erfahren - in diesen Anhörungen das Urteil über
diese Fragen nicht auf die Senatoren hinter verschlossenen Türen delegieren? Und warum können wir den
Prozeß nicht erleichtern, indem wir uns so gut wir
können vor der heimtückischen Weitergabe vertraulicher Informationen schützen, die Personen in der
Minute schädigt, in der sie stattfindet? Ich habe also
meine Vorschläge dazu gemacht, und ich bin in der Tat
besorgt.
Aber ich möchte hier nicht mit einem negativen Schlußakkord enden. Ich möchte zum Schluß mitteilen, wie
erfreut ich über die Abstimmung über das Bürgerrechtsgesetz bin. Wie Sie wissen, haben einige Leute
gesagt, der Präsident will vielleicht gar kein Bürgerrechtsgesetz, er möchte irgendein Problem - meine
politischen Gegner behaupten dies immer wieder. Die
Tatsache, daß wir jetzt ein gutes, solides und vernünftiges Bürgerrechtsgesetz haben, ist meines Erachtens
gut für das amerikanische Volk. Es reicht meiner
Meinung nach über Parteipolitik hinaus.
Ich möchte Bob Dole und Jack Danforth auf unserer
Seite und andere auf der demokratischen Seite beglückwünschen, die bereit waren, konstruktiv zu arbeiten - mit allen Höhen und Tiefen, Behauptungen und
Gegenbehauptungen. Aber heute haben wir ein gutes
Bürgerrechtsgesetz. Ich möchte daher den Senat
auffordern, es umgehend und ohne Veränderungen zu
verabschieden. Ich möchte das Repräsentantenhaus

bitten, ihm zuzustimmen. Laßt uns etwas Gutes und
Richtiges im Bereich der Bürgerrechte für das amerikanische Volk tun.

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Seite 7

�DEUTSCH-AMERIKANISCHE

BEZIEHUNGEN
30. Oktober 1991

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN DIE MENSCHLICHE DIMENSION
Rede von Botschafter Kimmitt in Berlin
BERLIN - (AD) - Der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Robert M. Kimmitt, hat am
24. Oktober 1991 beim Aspen-Institut in Berlin eine Rede zum Thema "Die deutsch-amerikanischen Beziehungen - die menschliche Dimension" gehalten, die wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Ich freue mich über diese Gelegenheit, so kurz nach
meiner Ankunft in Deutschland heute abend beim
Aspen-Institut in Berlin sein zu können. Ich möchte
Ihnen das Bedauern meines Freundes Henry Catto,
dem Direktor des US-Informationsamts, überbringen,
der bei diesem Anlaß nicht anwesend sein kann.
Botschafter Catto mußte seine geplante Reise nach
Deutschland absagen, hofft aber, den Besuch so bald
wie möglich im neuen Jahr nachzuholen.
Da ich erst kürzlich gebeten wurde, für Henry Catto
einzuspringen, hatte ich nicht genug Zeit, um diese
Rede auf Deutsch vorzubereiten, wie ich es normalerweise tue. Ich werde also heute abend Englisch
sprechen, freue mich aber bereits auf einen Vortrag in
Deutsch bei meinem nächsten Besuch. Ich werde
nach meinen Ausführungen auch gern Fragen beantworten, um, nachdem ich Ihnen meine Ansichten
vorgetragen habe, Ihre Meinung kennenzulernen.
Ich fühle mich nicht nur wegen der hervorragenden
Persönlichkeiten, die vor mir hier gesprochen haben,
geehrt, in diesem besonderen Forum sprechen zu
dürfen, sondern auch wegen der wichtigen Arbeit, die
Sie im Bereich der deutsch-amerikanischen Beziehungen leisten. Seit der Gründung des Aspen-Instituts
Berlin im Jahr 1974 als privater, gemeinnütziger und
überparteilicher Institution haben Sie in einem freien
und schöpferischen Umfeld zahllose Seminare zu
einigen der drängendsten - und schwierigsten - aktuellen Fragen veranstaltet. Das Aspen-Institut ist zu
einem brillianten Beispiel jener Affinität geworden, die
der große Gelehrte und Staatsmann Adolf von Harnack vor langer Zeit mit folgenden Worten diagnostizierte: "Unter den zivilisierten Ländern der Welt ist
Amerika für uns räumlich das entfernteste, geistig

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jedoch das nächste, mit der größten Affinität." Durch
die Förderung des geistigen Dialogs zwischen Deutschland und Amerika haben Sie die Stärke der uns
verbindenden transatlantischen Brücke in Herz und
Verstand aufrechterhalten.
Insbesondere Ihre öffentliche Vortragsreihe zum
Andenken an Hans Wallenberg muß hier lobend erwähnt
werden. Wallenbergs Saga - ein Wort, das ich mit
voller Absicht verwende, denn das Wörterbuch definiert "Saga" als eine Geschichte heldenhafter Leistungen - ist eine spezifisch deutsch-amerikanische Geschichte, die den Historikern und der Nachkriegsgeneration bekannt ist und an nachfolgende Generationen
überliefert werden muß. Im dunklen Zeitalter des
kalten Kriegs leistete er mit Hilfe des Journalismus auf
beiden Seiten des Atlantiks wichtige Beiträge zum
Kampf für Freiheit und Menschenrechte. Sein Name
und das, wofür er stand, dürfen nicht vergessen
werden.
Als Außenminister Baker im Juni dieses Jahres beim
Aspen-Institut sprach, erklärte er, Berlin nehme einen
ganz besonderen Platz im Herzen der Amerikaner ein.
Er charakterisierte Ihre Stadt als Ort, an dem Deutsche
und Amerikaner "gelitten, geteilt und für die Freiheit
gestritten" haben. Für Millionen Amerikaner bedeutet
Berlin in der Tat Symbol und Feuerprobe eines halben
Jahrhunderts der Geschichte.
Für meine Familie sind Berlin und seine Umgebung mit
besonderen Erinnerungen verbunden. Meine Eltern
trafen sich in Berlin und heirateten hier im März 1947,
und ich wurde neun Monate später in dfen Vereinigten
Staaten geboren - ich habe mich also stets im Geist als
Berliner betrachtet. In meiner Jugend sprachen meine

Seite 1

�Eltern oft von ihrer Verlobungszeit und dem Beginn
ihrer Ehe in Berlin, Potsdam und an anderen Plätzen
der Stadt in den Jahren 1946 und 1947 und zeigten uns
Photos aus dieser Zeit. Sie können sich also vorstellen, wie stolz ich sein werde, wenn ich sie zu ihrem 45.
Hochzeitstag im nächsten März zu einem Wiedersehen mit Berlin - und natürlich auch mit Potsdam und
jedem anderen Ort, den sie in den neuen Bundesländern besuchen möchten - begrüßen kann.
Ferner bin ich erfreut und stolz darauf, daß sich unter
den Zuhörern des heutigen Abends mein engster
deutscher Freund, Peter Weisbach, befindet, der ebenfalls im Jahr 1947 geborene - Sohn der besten
deutschen Freundin meiner Mutter. Peter und ich
kennen uns seit Jahrzehnten, aber erst jetzt können
wir so viel Zeit miteinander verbringen, wie wir uns
gewünscht haben.
Aber selbst die Amerikaner, die nicht diese familiären
Bindungen an Berlin besitzen, teilen eine persönliche
Beziehung zu dieser Stadt und ihren Bürgern, die von
Jahrzehnten unvergeßlicher Bilder geprägt ist:
Im Jahr 1945 machten uns die Bilder eines
zerbombten Berlins die schrecklichen Kosten
des Krieges sowie die Notwendigkeit der Zusammenarbeit klar, um eine solche Tragödie in
Zukunft zu verhindern.
Im Jahr 1948 verließen die Sowjets in einer
Erklärung des kalten Kriegs den Alliierten Kontrollrat und blockierten Berlin. Die Vereinigten
Staaten und ihre Alliierten reagierten mit der
Berliner Luftbrücke, deren Andenken durch das
Luftbrückendenkmal, das ich heute in Tempelhof besucht habe, unsterblich gemacht wurde.
Manch einer vergißt jedoch, daß es ein ähnliches Denkmal auf dem Luftwaffenstützpunkt
Rhein-Main in Frankfurt gibt, von dem aus viele
Flüge der Jahre 1948 und 1949 ausgingen. Ich
habe dieses Denkmal am Dienstag dieser Woche
besucht, als ich die Ehre hatte, Jesse Turner
nach seiner Entlassung aus der Geiselhaft im
Nahen Osten in Deutschland zu begrüßen. Wie
passend, daß Jesse Turners Luftbrücke in die
Freiheit - wie bei anderen amerikanischen Geiseln vor ihm - über das Symbol einer früheren
Luftbrücke führte, das ebenso beredtes Zeugnis vom unstillbaren Verlangen der Menschheit
nach Freiheit ablegt.
Im Jahr 1953 veranstalteten die Berliner den
ersten Volksaufstand gegen die sowjetische
Tyrannei in Osteuropa. Es war eine Ehre für
mich, heute erneut über die Straße des 17. Juni
zum Brandenburger Tor zu gehen, in dessen
unmittelbarer Nähe sich das Grundstück befindet, auf dem ehedem unsere Botschaft stand.

Seite 2

Im Jahr 1961 wurde mit der Berliner Mauer das
letzte Schlupfloch aus dem Gefangenenlager
der Nationen verschlossen, zu dem Osteuropa
geworden war. Meine Familie lebte von 1960
bis 1964 in Deutschland, als mein Vater noch
beim Heer war, und ich hatte das Glück, Berlin
vor dem Mauerbau zu besuchen. Ich kann mich
deshalb noch lebhaft daran erinnern, wo ich am
13. August 1961 war und was ich an jenem Tag
tat, ebenso wie ich mich noch genau an den Tag
der Ermordung Präsident Kennedys, den 22.
November 1963 erinnere: Zwei Daten, die für
Amerikaner und Deutsche mit großer Trauer
verbunden sind.
Im Jahr 1971 kristallisierte sich im Viermächteabkommen über Berlin das schreckliche Dilemma der Entspannungspolitik - daß die Zusammenarbeit zwischen Ost und West von der
dauerhaften Teilung dieses Kontinents ausging.
Und dann, im Jahr 1989, fand - wiederum in
Berlin - das wichtigste Ereignis aller Zeiten gewiß das dramatischste Ereignis der Nachkriegszeit - statt: am 9. November wurde die
Mauer zum Tor. Die Berliner feierten das größte
und vielleicht emotionalste Familienfest der
Geschichte. Und wir alle, die wir in Amerika
diese Szenen sahen, die uns per Satellit ins
Haus gebracht wurden, fühlten erneut: Wir sind
alle Berliner.
Ja, mehr als jede andere Stadt der Welt wird Berlin in
den Vereinigten Staaten mit dem Kampf für Freiheit
und Widerstand gegen Unterdrückung identifiziert.
Das westliche Bündnis half der Stadt über ihre schweren Zeiten hinweg, aber nichts hätte ohne den Geist
und die Entschlossenheit der Stadt und ihrer Bürger
erreicht werden können.
Außenminister Baker stellte fest, daß es in Berlin war,
wo Deutsche und Amerikaner die transatlantische
Gemeinschaft schufen, und er verlieh unserer Überzeugung Ausdruck, daß wir sie von Berlin aus erweitem müssen. Er ging detailliert darauf ein, wie die
NATO, die Europäische Gemeinschaft, die KSZE und
andere etablierte und bewährte Organisationen als
Grundsteine einer euro-atlantischen Gemeinschaft von
Vancouver im Westen bis Wladiwostok im Osten dienen können und sollten.
Er sprach femer von der euro-atlantischen Gemeinschaft als einer "Wertegemeinschaft". Das ist es,
worüber ich heute abend mit Ihnen diskutieren möchte:
Die Bedeutung der menschlichen Dimension der
deutsch-amerikanischen Beziehungen für die atlantische Wertegemeinschaft und darüber, was wir in den
Vereinigten Staaten tun, um diese Dimension auf die
neuen Bundesländer auszudehnen.

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�Über vier Jahrzehnte lang waren die Energien des
westlichen Bündnisses darauf konzentriert, die Bedrohung der freien Welt durch die Kräfte des Kommunismus einzudämmen. Dieser Kampf ist vorbei. Die
Deutsche Demokratische Republik ist von der Landkarte verschwunden und wurde durch ein freies und
vereintes Deutschland ersetzt. Und die Amerikaner einschließlich des Durchschnittsamerikaners im ganzen Land, der sich kaum einmal außenpolitischen
Themen widmet - sind stolz auf Ihre Leistung und die
umgehende Unterstützung, die unsere Regierung von
Beginn an dem Prozeß der Vereinigung zuteil werden
ließ, einschließlich der sehr aktiven Rolle, die wir beim
Zwei-plus-Vier-Prozeß spielten.
Im Berlin von heute ist die Mauer, die einst einen
Kontinent - eine Welt - teilte, zu Staub zerfallen, zu
Souvenirs geworden. Die noch stehenden Teile werden künftigen Generationen als wichtige Erinnerung
an jenes dunkle Zeitalter dienen. Im Mai wurde der
Warschauer Pakt Teil der Geschichte, und dies geschah nicht mit militärischen Fanfaren sondern seine
Auflösung wurde auf den hinteren Seiten der wichtigsten Tageszeitungen der Welt berichtet.
Aber nur wenige Monate nach diesen historischen
Ereignissen erkennen wir auch, daß uns das Ende des
kalten Kriegs nicht in ein Zeitalter des ewigen Friedens
geführt hat. Mit dem Zurückweichen der Ost-WestKonfrontation wird die euro-atlantische Partnerschaft
vor neue Herausforderungen gestellt.
Es ist daher angebracht, sich den Grundsatz vor
Augen zu führen, daß erfolgreiche Institutionen wie die
NATO und ihre wichtige transatlantische Verbindung
für Frieden und Stabilität in der Zukunft ebenso unerläßlich sind wie in der Vergangenheit.
Die im Gründungsvertrag niedergelegte und in der
Londoner Erklärung bekräftigte Hauptfunktion der NATO
besteht in der Bewahrung von Frieden und Sicherheit
für all ihre Mitglieder sowie der Schaffung einer "auf die
gemeinsame Werte von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit'' gegründeten gerechten
und friedlichen Ordnung in Europa. Zur Bewerkstelligung dieser Aufgabe ist eine der Kernfunktionen der
NATO - wie in der Erklärung der Ministertagung des
Nordatlantikrats vom Juni dieses Jahres formuliert als ein 'Iransatlantisches Forum für Konsultationen
unter den Verbündeten über Fragen, die ihre vitalen
Interessen einschließlich möglicher Entwicklungen
berühren, die Risiken für die Sicherheit der Bündnismitglieder mit sich bringen, und als Forum für sachgerechte Koordinierung ihrer Bemühungen in Bereichen,
die sie gemeinsam angehen", zu dienen.
In den vergangenen zwei Jahren hat das Bündnis zwei
epochemachende Gipfeltreffen abgehalten, und im
kommenden Monat wird ein weiterer Gipfel zur Umgestaltung der NATO in Rom stattfinden, um die vor ihr
liegenden Herausforderungen der neuen Welt zu

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bewältigen. Die jüngste gemeinsame Erklärung der
Außenminister Baker und Genscherformuliertkonkrete Gedanken über die weiteren Schritte in diesem
kontinuierlichen Prozeß, insbesondere im Hinblick auf
die Einbeziehung der Staaten Ost- und Mitteleuropas.
Der KSZE-Prozeß ist die Institution, die bereits alle
Nationen Europas und Nordamerikas auf der Grundlage der gemeinsamen Verpflichtung zu Menschenrechten und demokratischen Prinzipien zusammenführt.
Wir alle stellen jedoch fest, daß es leichter ist, die
Prinzipien der Demokratie hochzuhalten als funktionsfähige demokratische Regierungen aufzubauen.
Demokratie bedeutet in der Tat sehr viel mehr als den
einmaligen Sturz eines tyrannischen Regimes, einen
gescheiterten Putschversuch oder selbst eine erste
freie Wahl. Zur Aufrechterhaltung der Bewegung zur
Demokratie müssen wir die demokratischen Institutionen dort stärken, wo sie bereits bestehen und zu ihrem
Aufbau beitragen, wo sie noch nicht existieren.
Die Vereinigten Staaten und die Mitgliedstaaten der
EG sehen sich darüber hinaus mit der Herausforderung konfrontiert, einen erfolgreichen Übergang der
Planwirtschaften in Osteuropa und der Sowjetunion
zum Weltmarkt zu unterstützen. Wir haben bei der
Mobilisierung der wirtschaftlichen und finanziellen
Unterstützung dieser Länder bei ihrem Kampf um die
Entwicklung von Marktwirtschaften eng mit der Bundesregierung und der Europäischen Gemeinschaft
zusammengearbeitet. Osteuropa und die Sowjetunion benötigen jedoch Handelschancen ebensosehr wie
Hilfe. Präsident Bush hat zusätzliche Handelsvergünstigungen für Mittel- und Osteuropa gefordert. Wir
erwarten den Abschluß der EG-Assoziierungsabkommen zur Bereitstellung dieser Hilfe, wie auch den
erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde in diesem
Jahr.
Es gibt keine Straßenkarte oder ein Patentrezept, wie
NATO, EG, WEU, KSZE und andere Organisationen
in die neue Gemeinschaft passen werden, die wir
aufbauen. Zwangsläufig wird es beim Aufzeigen dieses neuen Kurses zu gewissen Überlappungen und zu
gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten kommen.
Ein Faktor, der uns allen als verläßlicher Kompaß
dienen wird, ist die Erkenntnis, daß der Hauptgrund für
unseren erfolgreichen Zusammenschluß in der NATO
über diese vielen Jahre hinweg die grundlegende
Übereinstimmung von Idealen und Zielsetzungen
zwischen uns war. Diese Partnerschaft hätte niemals
aufrechterhalten werden können und wäre nicht gediehen, wenn sie nicht sehr viel mehr als ein militärisches
Bündnis wäre.
Auch die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind
und waren ihrem bloßen Charakter nach eine philosophische, kulturelle und soziale Verbindung sowie eine
offizielle Beziehung zwischen militärischen Verbündeten. Unsere gegenseitige Verpflichtung - selbst in

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�militärischer Hinsicht - ist stets über das rituelle Versprechen der militärischen Unterstützung hinausgegangen, das Bündnisse in der Vergangenheit charakterisierte.

Wie können wir das bewirken? Als Antwort auf diese
Frage möchte ich Ihnen die Worte eines visionären
Amerikaners übermitteln, der noch lebt, diese Worte
jedoch vor über 40 Jahren gesprochen hat:

Die alte Ordnung gehört der Vergangenheit an. Eine
neue Ordnung zeichnet sich ab. Viele Jahre lang
waren die deutsch-amerikanischen Beziehungen von
ihren politischen und militärischen Dimensionen beherrscht. In Zukunft werden die wirtschaftlichen,
ökologischen und soziokulturellen Dimensionen dieser Beziehung vorherrschen. Bundeskanzler Kohl hat
auf die Notwendigkeit verwiesen, eine - wie er es
bezeichnet - neue Fahrbahn auf der transatlantischen
Brücke zu bauen, die diese neuen Dimensionen zur
Schaffung einer noch solideren Grundlage unserer
Bande betont.

"Die Macht, Nationen in Völker und Ideologien in
menschliche Bestrebungen zu verwandeln, ist
vielleicht die größte Macht des Schüler- und
Studentenaustauschs. Er wird nicht mit Sicherheit Zuneigung zwischen Völkern schaffen, und
dies gehört auch nicht zu seinen grundlegenden
Zielen. Es reicht völlig aus, wenn er zum Gefühl
eines gemeinsamen Menschseins, einem
emotionalen Bewußtsein beiträgt, daß andere
Länder nicht von furchteinflößenden Doktrinen
bewohnt werden sondern von einzelnen Menschen - Menschen mit derselben Fähigkeit zu
Freude und Leid, Grausamkeit und Güte wie die
Menschen, mit denen zusammen wir in unseren
Heimatländern aufgewachsen sind."

Während wir um das Verständnis und die Reaktion auf
sich rasch verändernde Gegebenheiten ringen, dürfen
wir jedoch nicht die Grundlage unserer erfolgreichen
Partnerschaft außer acht lassen - das klare Verständnis für und die Zustimmung zu den grundlegenden
Werten, Prinzipien und Zielen des anderen. Diese
gemeinsame Sichtweise gestattet uns mit noch größerer Zielstrebigkeit und Konsequenz zusammen die
Bewältigung der Herausforderungen von heute ebenso anzugehen, wie wir dies in der Vergangenheit getan
haben.
Eine wichtige gegenwärtig stattfindende Veränderung
fällt nicht unmittelbar ins Auge, hat jedoch besondere
Auswirkungen auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Noch vor wenigen Jahren wurde die politische und intellektuelle Szene in unseren beiden Ländern von denjenigen dominiert, die lebhafte persönliche Erinnerungen an den Krieg und die unmittelbare
Nachkriegszeit hatten. Hier und in den Vereinigten
Staaten sind jedoch neue Generationen herangewachsen, für die die vorherrschenden Bilder im Hinblick auf
die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht der
Wiederaufbau der späten vierziger Jahre oder die
enge Zusammenarbeit der fünfziger und frühen sechziger Jahre sind, sondern vielmehr die Spannungen
Ende der sechziger, in den siebziger und achtziger
Jahren. Aus diesem Grund ist verbessertes Verständnis der Gesellschaft des anderen unter jüngeren
Deutschen und insbesondere Amerikanern ein unerläßliches Element für enge Bande zwischen unseren
beiden Ländern, während sich die Welt weiterhin im
Wandel befindet und unsere Beziehung weiter reift.
Als Eltern, Lehrer und Politiker tragen wir die Verantwortung und stehen vor der Herausforderung, auf
beiden Seiten des Atlantiks sicherzustellen, daß die
gemeinsamen demokratischen Werte, die uns so lange miteinander verbunden haben, von denjenigen
verstanden und gewürdigt werden, die in unsere
Fußstapfen treten.

Seite 4

Dieser Amerikaner war Senator J. William Fulbright,
dessen in diesen Worten zum Ausdruck gebrachte
Vision das Austauschprogramm zur Folge hatte, das
seinen Namen trägt. Dank dieses Programms konnten rund 25.000 Deutsche und Amerikaner aus erster
Hand diese verbindenden gemeinsamen Werte studieren und erfahren, von denen ich gesprochen habe.
Seine Worte haben jedoch einen sehr viel größeren
Anwendungsbereich und umfassen das gesamte
Spektrum persönlicher Kontakte, die das Verständnis
vertiefen und die deutsch-amerikanischen Beziehungen bereichern.
Auch Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher teilen diese Überzeugung, und unter ihrer Schirmherrschaft wurden die Austauschprogramme mit den
Vereinigten Staaten in den letzten zehn Jahren erweitert. Im Rahmen des parlamentarischen PatenschaftsProgramms Deutscher Bundestag/Kongreß USA
können beispielsweise bis zu 400 Jugendliche aus
dem jeweiligen Land ein Jahr bei Gastfamilien verbringen und die Schule im Partnerland besuchen. Die
Auswirkungen dieses Programms zeichnen sich bereits ab, da zahlreiche ehemalige Teilnehmer sich jetzt
für Fulbright- und andere Stipendien bewerben, um ihr
Verständnis des anderen Landes zu vertiefen.
Es besteht kein Zweifel, daß das Fulbright-Programm,
das Bundestag-Kongreß-Patenschafts-Programm, der
deutsche Akademische Austauschdienst, das deutschamerikanische Partnerschaftsprogramm und andere
staatlich geförderte Bestrebungen für die Kommunikation zwischen unseren beiden Ländern unabdingbar
sind. Und dennoch repräsentieren diese offiziellen
Programme nur einen kleinen Prozentsatz all der
persönlichen Kontakte. Infolge von Privatinitiativen
und Kreativität des einzelnen wurde sehr viel mehr
bewirkt. Private Jugendaustauschorganisationen -

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�American Field Service International, Youth for Undertanding, Sister Cities, die Carl-Duisberg-Gesellschaft
und andere - leisten zusammengenommen mehr als
jede Regierung.
Aut Universitätsebene werden selbst die umfassenden Programme der Fulbright-Kommission und des
Deutschen Akademischen Austauschdienstes von der
Zahl derjenigen in den Schatten gestellt, die privat im
Ausland studieren. Anhand der jüngsten Statistiken
der Konsularabteilung der Botschaft sind in diesem
Jahr bisher rund 25.000 Deutsche im Rahmen von
Austauschprogrammen oder Universitätsstudien in die
Vereinigten Staaten gereist. Zwischen amerikanischen und deutschen Universitäten bestehen über 230
offizielle Verbindungen, und diese Zahl nimmt beständig zu.
Im folgenden möchte ich erläutern, was wir leisten, um
den Herausforderungen und Möglichkeiten gerecht zu
werden, die die Vereinigung Deutschlands mit sich
gebracht hat.
Wie Sie in Berlin nur allzugut wissen, ist der Bedarf, ja
der Durst nach Wissen über die amerikanische Gesellschaft in den neuen Bundesländern am größten bei
den Bürgern aller Altersstufen der ehemaligen DDR.
Vieles von dem, was sie wissen, wurde ihnen von der
kommunistischen Propagandamaschinerie vermittelt,
die jeden Bereich ihres Lebens kontrollierte. Die
Vereinigten Staaten wurden abwechselnd als aggressive, kriegstreiberische Nation mit der Absicht dargestellt, den Warschauer Pakt anzugreifen oder als
exzentrisches Volk, das in der Scheinwelt von Fernsehfilmen lebt.
Am Abend des 9. November 1989 hatten wir dann
plötzlich unmittelbaren Zugang zu 17 Millionen Deutschen, mit denen wir Amerikaner nur sehr beschränkten Kontakt pflegen durften. Unser Kontakt mit den
jungen Menschen in Ostdeutschland - früher ein Häuflein
linientreuer Personen - weitete sich zu einer Flut aus.
Praktisch über Nacht sahen wir uns mit vierzig Jahren
angestautem Bedarf an Kontakt mit den Vereinigten
Staaten konfrontiert.
Tausende junger Menschen strömten in die Bibliothek
unserer Botschaft in Ostberlin ebenso wie in die Amerika
Häuser in Westberlin und Westdeutschland, um erstmals den Geschmack der ehemals verbotenen Früchte - Informationen über die Vereinigten Staaten - zu
kosten.
Dieser Geschmack regte den Appetit auf mehr an mehr Bücher, mehrZeitschriften, mehr Unterrichtsmaterial für Englisch, mehr Austauschprogramme, mehr
Informationen über ein Studium in den Vereinigten
Staaten - kurzum: mehr von allem.
Ebenso ergreifende Geschichten gibt es von Deutschen der älteren Generation zu erzählen. Sie brachten Bücher über die Vereinigten Staaten zurück, die sie
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1961 vor dem Mauerbau aus der Amerika HausBibliothek in Berlin geliehen und in den 28 Jahren des
darauffolgenden Freiheitsentzugs gehegt und gepflegt
hatten. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen,
daß unser renoviertes und erweitertes Amerika Haus
hier in Berlin, das ich heute besucht habe, morgen
seine große Wiedereröffnung feiert.
Der Bedarf in den neuen Bundesländern ist ungeheuer, und die Erwartungen einer Bevölkerung, der ein
Kontakt zum Westen lange vorenthalten war, sind
hoch. Wir in der Botschaft haben schnell gehandelt,
um die Ostdeutschen einzubeziehen und fördern
amerikanische Investitionen und Interessen in der
Region.
Ab September dieses Jahres sind über hundert
US-Unternehmen in den neuen Bundesländern
tätig, oftmals durch ihre bekannten deutschen
Tochterfirmen. Allein fünf dieser Unternehmen
haben über 2 Milliarden DM investiert und über
10.000 Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten.
Zu den wichtigsten US-Privatinvestoren mit
Ambitionen in den neuen Ländern zählen General Motors/Opel mit 1 Milliarde DM und 2.000
geplanten Arbeitsplätzen und Coca Cola mit
660 Millionen DM und 1.500 neuen Arbeitsplätzen.
Andere amerikanische Unternehmen, die in die
Region ziehen, sind IBM, ESSO, Philip Morris,

Burger King, McDonalds und Woolworth, das
allein in diesem Jahr 50 neue Filialen eröffnen
will.
Im Hinblick auf die Kulturarbeit und persönliche Kontakte haben Programme im Osten bei uns eindeutig
Vorrang. Wir werden die Bürger der ehemaligen
Bundesrepublik nicht vernachlässigen, aberwirerkennen im Osten einen einmaligen Bedarf und einmalige
Chancen.
Wir haben in Leipzig ein Generalkonsulat eröffnet, und bald wird es dort auch ein vollständig
ausgestattetes Amerika Haus geben.
Wir erweitern unsere Seminarprogramme über
Englischunterricht und Amerikanistik in den fünf
neuen Ländern und haben zu diesem Zweck
unser Personal in Berlin aufgestockt.
Das Fulbright-Programm ist auf die neuen Länder erweitert worden und bringt traditionsreiche
Universitäten erneut in Kontakt mit den Intellektuellen meines Landes.
Unser Programm für junge Führungskräfte, im
Rahmen dessen viele von Ihnen erstmals Kontakt mit den Vereinigten Staaten hatten, wird
ausgebaut. Allein in diesem Programm konnten
etwa 17.000 jungen Akademikern Erfahrungen

Seite 5

�aus erster Hand in den Vereinigten Staaten
vermittelt werden. Seit der Vereinigung Deutschlands haben über 50 Deutsche aus den neuen
Bundesländern von diesem Programm profitiert.

Nach den Bedingungen des Zwei-plus-VierAbkommens sind militärische Aktivitäten der
Vereinigten Staaten in den neuen Bundesländern nicht gestattet. Persönliche Kontakte sind
jedoch erlaubt, und eine Reihe von US-Militärorchestern wurde zu Veranstaltungen in die fünf
neuen Länder eingeladen, soeben erst am 3.
Oktober zur offiziellen Feier des Tags der deutschen Einheit in Schwerin.

Im Rahmen einer neuen erst in dieser Woche
begründeten Initiative unserer beiden Regierungen reisen Gruppen junger Akademiker aus
den neuen Bundesländern in die Vereinigten
Staaten, um Kontakte mit ihren Kollegen in
verschiedenen amerikanischen Städten zu
knüpfen. Ich hatte das Vergnügen, vergangene
Woche mit der ersten Gruppe - fünfzehn jungen
Journalisten aus dem Osten - anläßlich ihres
Einführungskurses zusammenzutreffen. Meiner Ansicht nach ist dieses Programm ein ausgezeichneter erster Schritt auf der langen Reise, die wir antreten müssen, wenn wir unser
Wissen über uns und unsere Wertschätzung
füreinander steigern wollen.
Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush haben
kürzlich die Gründung der RIAS-Stiftung bekanntgegeben, die sich der Kontaktpflege zwischen Medienorganisationen und ihren Mitarbeitern in den fünf neuen Ländern und deren
amerikanischen Kollegen widmen wird. Dies ist
unserer Ansicht nach eine Reaktion auf die sich
verändernden Bedürfnisse des Publikums, das
RIAS im Zeitalter des kalten Kriegs so gut
versorgt hat.
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß das
Patenschaftsprogramm von US-Kongreß und
Bundestag auf die fünf neuen Länder erweitert
worden ist. Die ersten jungen Deutschen aus
diesen Ländern leben jetzt bei amerikanischen
Familien und gehen in den Vereinigten Staaten
zur Schule,
Wir haben einige unserer Stützpunkte in Westdeutschland geschlossen und die renommierten Bibliotheken dieser Stützpunkte ostdeutschen Institutionen zur Verfügung gestellt. Seit
Einführung dieses Programms sind über 50.000
Bücher übergeben worden. Ich kann mir keinen
besseren Weg vorstellen, Schwerter zu Pflugscharen zu machen, als einem ganzen Volk die
Werte der westlichen Zivilisation in gedruckter
Form zu stiften.
*

Seite 6

*

Ein konkretes Beispiel dafür, daß Menschen
zusammenarbeiten, wo es zählt, ist die jüngste
Ankündigung der Zusammenarbeit zwischen
dem Verband der deutsch-amerikanischen Clubs
und dem Kommando der US-Army, Europe, um
das sehr erfolgreiche Freundschaftsprogramm
"Kontakt" durch Städtepartnerschaften auf die
neuen Länder zu erweitern. Die ersten dieser
Partnerschaften zwischen Leipzig und Frankfurt am Main, Erfurt und Mainz, KindelbrückSömmerda und Baumholder - wo meine Familie
von 1962 bis 1964 lebte und mein jüngster
Bruder gegenwärtig stationiert ist - werden
nächsten Monat begründet.
Wenn man von Berlin den Blick ostwärts nach Wladiwostok richtet, besteht kein Zweifel, daß noch viele
Herausforderungen bewältigt werden müssen. Aber
es gibt auch unbegrenzte Möglichkeiten, und die neue
euro-atlantische "Wertegemeinschaft" nimmt jetzt
Gestalt an. Das ist heute möglich, weil Menschen wie
Hans Wallenberg und viele andere sich in den dunkelsten Stunden des kalten Kriegs für Freiheit eingesetzt
haben. Dank dieser Menschen haben wir jetzt die
Chance, eine bessere Zukunft für unsere Kinder und
deren Kinder aufzubauen.
Wenn wir in unserem Streben nach einer besseren
Zukunft erfolgreich sein wollen, müssen wir uns weiterhin für die demokratischen Werte engagieren, für die
Hans Wallenberg gekämpft hat und dank derer die
transatlantische Brücke in diesen vielen Jahren solide
geblieben ist. Die von uns angestrebte vielversprechendere Zukunft hängt davon ab, daß wir unseren
Kindern und deren Kindern alle Möglichkeiten bieten,
um diese Brücke - in beide Richtungen und viele, viele
Male - zu überqueren.
Ich danke Ihnen.

*

*

AMERIKA DIENST 43

�DROGEN
30. Oktober 1991

UNKONVENTIONELLE PROGRAMME ZEITIGEN
FORTSCHRITTE BEI DER BEHANDLUNG VON
DROGENMISSBRAUCH
Die bekanntesten Therapien
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel ist der zweite einer Serie über Behandlungmethoden bei
Drogenmißbrauch.

Die Patienten sitzen 45 Minuten lang gemütlich in
einem großen Raum mit drei oder vier kurzen, dünnen
Nadeln in der Haut unter jedem Ohr. Einige scheinen
zu meditieren. Die Frauen haben häufig ein Baby auf
dem Schoß. Das einfache, als Akupunktur bekannte
Verfahren ist eine von mehreren Strategien, die zur
Bekämpfung von Drogenabhängigkeit in den Vereinigten Staaten angewendet werden.
Andere erfolgreiche Prgramme umfassen die freiwilligen wöchentlichen Zusammenkünfte der Narcotics
Anonymous (NA), die das Bewußtsein und die persönliche Verantwortung ebenso einbeziehen wie den neuen
Ansatz, Medikamente zur Behandlung von Funktionsstörungen des Gehirns einzusetzen.
Akupunktur, eine im Fernen Osten seit Jahrhunderten
zur Schmerzbehandlung benutzte Technik, ist zu einer
kostengünstigen Behandlungsmethode bei Drogenabhängigkeit geworden, die das Interesse von Vertretern
der Gesundheitsbehörden weltweit weckt. Die Ärzte
am Lincoln Hospital in New York City haben unter
Anwendung von Akupunktur seit 1974 Heroin-und
Kokainmißbrauch behandelt.
Das Lincoln-Programm, das Akupunktur mit Beratung
und Treffen der NA kombiniert, wurde von 70 Kliniken
in den Vereinigten Staaten und weitere 25 in Europa,
Lateinamerika und Asien übernommen. Ein Vorteil der
Akupunktur ist die Tatsache, daß sie bei vielen Patienten ambulant und preiswert eingesetzt werden kann rund 21 Dollar pro Konsultation.
Das Verfahren wird während der ersten 10 Tage
täglich und in den darauffolgenden rund drei Monaten
weniger häufig angewandt.

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Obwohl immer noch nicht genau bekannt ist, wie
Akupunktur funktioniert, können Forschungen zufolge
die an bestimmten Punkten des Körpers gesetzten
Nadeln Endorphine - körpereigene Schmerzstiller freisetzen.
"Akupunktur hilt den Menschen, sich besser zu entspannen", stellt der Leiter des Lincoln-Programms, Dr.
Michael Smith, fest. "Sie verringert die Sucht- und
Entzugserscheinungen. Patienten erklären, sie fühlten sich weniger ängstlich und könnten klarer denken.
Die erste Behandlung wirkt bereits nach wenigen
Minuten."
In der Lincoln-Klinik werden täglich 300 Patienten
behandelt. Die New Yorker Gerichte weisen jährlich
etwa 1.000 Personen in diese Klinik ein. Smith erklärt,
die auf der Basis mindestens drei Monate drogenfreier
Urintests gemessene Erfolgsquote der Klinik liege bei
65 Prozent der Abhängigen, die vom Gericht eingewiesen werden. Bisher gibt es zur Akupunktur noch keine
Ergebnisse aus vergleichenden Langzeituntersuchungen, gegenwärtig wird jedoch eine solche Studie vom
Nationalen Institut für Drogenmißbrauch erstellt.
Ein weiteres Therapieprogramm mit durchschlagenden Wachstumsraten ist Narcotics Anonymus. Die
Organisation, die keine Mitgliedskartei führt, ist von
unter 200 eingetragenen Gruppen vor zehn Jahren
heute auf über 20.000 Gruppen in mehr als 55 Ländern
gewachsen. Die Organisation ist in den meisten
Ländern Europas, Amerikas, in Indien und Australien
gut eingeführt. In einer Reihe von Ländern in Ostasien
und dem Nahen Osten werden neue Gruppen gegründet.

Seite 1

�Deren Mitglieder müssen zugeben, daß sie im Hinblick
auf ihre Abhängigkeit machtlos sind und die Existenz
einer "höheren Macht" anerkennen. Das 12-PunkteProgramm der Organisation ermutigt Mitglieder, vollständige Abstinenz zu üben, bei den von ihnen Geschädigten etwas wiedergutzumachen und mit anderen heilungswilligen Drogenabhängigen zusammenzuarbeiten.
"Der Abhängige erreicht einen Punkt der Hoff nungslosigkeit - einen Verlust von Vertrauen, Engagement und
Gleichgewicht," erklärt der Koordinator der Öffentlichkeitsarbeit der in Van Nuys (Kalifornien) ansässigen
NA, Carl Prescott.
"Der Prozeß der 12 Schritte bringt den Abhängigen
zurück an den Punkt, wo er nach etwas sucht, an das
er glauben kann," so Prescott. "Dem Abhängigen wird
schmerzlich bewußt, daß er seinen Drogenkonsum
nicht mehr kontrollieren konnte. Das Konzept besteht
darin, offen zu sein für eine Kraft außerhalb der eigenen Person, die eine Veränderung bewirken kann."
Prescott fügte hinzu, hinter diesem Leitsatz stehe
keine bestimmte Lehre. NA ist nicht religiös motiviert
und ermutigt jedes Mitglied zum eigenen Verständnis
dieses spirituellen Erwachens. Der Erfolg des Programms basiert darauf, daß es therapeutisch wertvoll
ist, wenn ein Abhängiger dem anderen hilft.
Prescott berichtet, daß über 50 Prozent der gegenwärtigen Mitglieder weniger als ein Jahr und die anderen
Mitglieder zwischen einem und fünf Jahren drogenfrei
geblieben sind. Im Gegensatz zu vielen anderen
Programmen kann bei NA jeder teilnehmen, weil keine
festen Gebühren oder Mitgliedsbeiträge erhoben werden.
Experten berichten, daß über 50 Länder die todbringende Ausbreitung der Drogenabhängigkeit durch
langfristige stationäre Behandlung einzudämmen
suchen, bei der sich Abhängige gegenseitig helfen,
durch das Zusammenleben in einem drogenfreien
Umfeld, das harte körperliche Arbeit, Beratung und
Kommunikation betont, ihre Gewohnheiten zu durchbrechen. Diese Therapien können zwischen einigen
Monaten und drei Jahren dauern.
Das älteste und größte gemeinnützige Therapieprogramm der Welt, DaytopVillage, legt besonderen Wert
auf medizinische Behandlung, Rechtsberatung, Familientherapien. Berufsausbildung und Studium und ein
Wiedereinstiegsprogramm, das Patienten die Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglicht, in der sie
als arbeitende Mitglieder einen produktiven Beitrag
ieisten. Untersuchungen deuten darauf hin, daß etwa
90 Prozent derjenigen, die das Daytop-Programm
beenden, nach fünf Jahren noch drogenfrei sind.

Seite 2

Eine weitere immer populärere Form der Suchtbehandlung sind die einmonatigen stationären Rehabilitationsprogramme. Bei diesen Programmen geht
Abstinenz mit intensiver, auf den einzelnen zugeschnittener Beratung und Gruppentherapie einher.
Die Bedeutung regelmäßiger Teilnahme an Selbsthilfegruppen wie Narcotics Anonymous nach der Entlassung wird betont. Das 30tägige Programm wurde
zuerst von Hazelden erprobt, einer gemeinnützigen
Klinik in Minneapolis, die sich seit langem der Behandlung von Alkoholikern und Drogenabhängigen widmet.
Einer Umfrage aus dem Jahr 1987 unter 260 in Hazelden behandelten Personen zufolge gaben 56 Prozent
an, daß sie ein Jahr nach der Entlassung keinen
Alkohol und 80 Prozent, daß sie keine anderen Drogen
zu sich genommen hätten.
Ein weiterer Ansatz bei der Bekämpfung des Drogenmißbrauchs leitet sich aus der Entdeckung her, daß
einige Drogenabhängige unter Funktionsstörungen des
Gehirns leiden, die sie anfällig für Depressionen,
Angstzustände und Nervosität machen. Für diesen
Personenkreis wird die Sucht zu einer Art von Selbstbehandlung, in der Drogen die Funktionsstörungen
korrigieren und Erleichterung verschaffen.
So produziert zum Beispiel Kokain einen Schub von
Dopamin, einem natürlich im Gehirn vorkommenden
Stoff, der Gefühle der Euphorie und Heiterkeit auslöst.
Einige depressive Personen mit zu wenig Dopamin
fühlen sich besser, wenn Kokain die Menge dieser
Substanz erhöht.
Forscher experimentieren mit Arzneimitteln, die die
Folgeerscheinungen des Drogenmißbrauchs blockieren, die Sucht bei Abhängigen verringern und Entzugs
erscheinungen mildern oder ganz beseitigen. Eines
dieser Mittel ist das Antidepressivum Desipramin, von
dem Wissenschaftler herausgefunden haben, daß es
das Dopaminsystem nach dem Konsum von Kokain
wieder auf den normalen Stand bringen kann sowie die
Suchtsymptome und Rückfälle reduziert, die mit Drogenmißbrauch einhergehen.
"Wir führen gegenwärtig zur Behandlung der Kokainabhängigkeit mit drei oder vier Medikamenten Untersuchungsreihen am Menschen durch und erproben
Dutzende weitere in Tierversuchen", erklärt Charles
Schuster, der Leiter des amerikanischen Nationalen
Instituts für Drogenmißbrauch. "Diese Medikamente
sind jedoch keine Heilverfahren. Indem sie die Folgeerscheinungen der mißbrauchten Drogen blokkieren, gestatten sie es dem einzelnen, an therapeutischen Maßnahmen teilzunehmen und seine Verhaltensweise so zu ändern, wie es für ein drogenfreies
Leben erforderlich ist."

AMERIKA DIENST 43

�Das seit über einem Jahrzehnt bei der Behandlung von
Heroinsüchtigen eingesetzte Methadon ist eines der
wenigen zur Zeit von der amerikanischen Nahrungsund Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Medikamente für die Behandlung Drogenabhängiger. Von
den Forschern wird betont, daß sich Methadon als

äußerst wirksam bei der Verringerung des Heroinkonsums und der damit einhergehenden Kriminalität
erwiesen hat, wenn die Verabreichung mit regelmäßiger Beratung, Familientherapie und psychiatrischer
Behandlung einhergeht.

*

AMERIKA DIENST 43

*

Seite 3

�VOICE

OF

AMERICA
30. Oktober 1991

DIE KÜNFTIGE ROLLE DER VOICE OF AMERICA
Rede von VOA-Direktor Chase Untermeyer
WASHINGTON - (AD) - Dem Direktor der Voice of America, Chase Untermeyer, zufolge braucht die Welt auch
nach dem Ende des kalten Kriegs eine starke Stimme der Freiheit, wie sie in den weltweiten Sendungen des von
ihm geleiteten Rundfunksenders zum Ausdruck kommt.
Anläßlich einer vom US-Informationsamt in Washington veranstalteten Konferenz mit dem Titel "Toward a
Postcommunist World" ging Untermeyer am 23. Oktober 1991 auf die künftige Rolle der Voice of America nach
dem Niedergang des Kommunismus ein. Dabei stellte er fest, "VOA ist niemals als eine Art verbaler NATO
gedacht gewesen... Bei ihrer Gründung vor 50 Jahren bestand ihr ursprünglicher Zweck... darin, objektiv über
die Welt zu berichten und die Geschichte Amerikas zu erzählen - und wenn jemand dann den Schluß ziehen
wollte, daß unser System und Lebensstil... vorzuziehen seien, so war dies die richtige Schlußfolgerung."
Nachfolgende veröffentlichen wir die Rede Untermeyers im Wortlaut.
Der Untergang des Kommunismus in der Sowjetunion,
Osteuropa und andernorts ist in jüngster Zeit viel

ihrer humanitären Version als Mittel, um den Armen
der Welt zu helfen oder in ihrer abstoßenderen Form

gefeiert worden, und das durchaus zu Recht, denn wir

als Ausdruck von Neid oder Rache.

haben viel zu feiern (selbst wenn wir durch den perlenden Champagner hindurch die Millionen Chinesen,
Kubaner, Vietnamesen und anderen sehen, die sich
nicht freuen).
Wenn es eine Party gegeben hat, so ist es nun an der
Zeit, das Licht auszudrehen und nach oben zu gehen,
um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Und
während wir die Treppe emporsteigen, werden wir an
das berühmte Gedicht von Hughes Mearns erinnert, in
dem er sagt:
"As I was going up the stair,
"I met a man who wasn't there.
"He wasn't there again today.
"I wish, I wish he'd stay away."
Der kleine Mann mag nicht Karl oder Friedrich oder
Wladimir heißen, weil es nicht mehr schick ist, sich als
Marxisten oder Leninisten zu bezeichnen (obwohl
Maoisten immer noch in Ländern wie Peru und den
Philippinen ihrem tödlichen Handwerk nachgehen).
Aber wir kennen diesen kleinen Mann: Es ist derselbe
Geist, der Karl Marx an seinem Schreibtisch im Britischen Museum erfaßte und der in der ganzen Geschichte der Menschheit immer wieder aufgetaucht ist
und immer wieder auftreten wird - die Forderung nach
Umverteilung der Güter durch den Staat - entweder in
AMERIKA DIENST 43

Das Zehnte Gebot gilt seit 3500 Jahren, und trotzdem
begehrt die Menschheit nach wie vor den Besitz des
Nachbarn, der dadurch noch attraktiver wird, daß
jemand anders dafür gearbeitet hat. Vielleicht war es
diese Erkenntnis über die Gezeiten der Geschichte
und dieses Element der menschlichen Natur, die Lenin
zu folgender Feststellung veranlaßte:
Die Revolution vollzieht sich nie geradlinig, mit
einer kontinuierlichen Entwicklung. Statt dessen ist sie wie eine Kette, die aus Ausfällen und
Rückzügen, Angriffen und Ruhepausen besteht,
in denen sich die revolutionären Kräfte stärken
und auf den Endsieg vorbereiten können.
Kurzum: Was wir gefeiert haben, war der Zusammenbruch der Regime - den vergänglichsten Instrumenten
des Menschen. Andere andauernde Gefahren sind
noch nicht ausgeräumt und können sehr leicht unsere
Party verderben.
Die Mauer mag gefallen sein, aber die Mauern von
Haß, Neid und Mißtrauen stehen immer noch fest und
unzerstört, um Nationen zu trennen. Die kommunistischen Herrscher mögen geächtet sein, aber die Verfechter von Habgier, Ambitionen und Grausamkeit
sind immer noch mit all ihren Privilegien an der Macht
und leicht in der Lage, ihr eigenes Volk zu unterdrükken oder Aggression gegen ihre Nachbarn auszuüben.

Seite 1

�Ihre Flaggen tragen vielleicht nicht mehr Hammer und
Sichel (oder Hakenkreuze), aber sie können noch
immer Chaos auslösen, wo immer sie wehen.
Als Beweis für rasche Veränderungen auf der Welt
sollten wir uns die Situation im letzten glücklichen Jahr
- 1929 - vor Augen führen. Es war das Zeitalter
wachsender internationaler Zusammenarbeit, der
Abrüstung - eine Zeit, in der ernsthaft unterzeichnete
große Verträge zur Ächtung des Kriegs ein Mittel zur
Beilegung von Konflikten waren. Der größte Konflikt
über die Rückzahlung von Kriegsschulden war gelöst,
der ungefähr so heftig wie eine Diskussion über ausstehende Mitgliedsbeiträge in einem Herrenclub geführt wurde.
1929 war das Jahr, in dem der Außenminister, der
große Henry L. Stimson, die sogenannte Black Chamber - den Entschlüsselungsraum - des US-Außenministeriums schloß, weil, wie er erklärte, "Gentlemen die
Post des anderen nicht lesen". Stimson war kein
naiver Mann. Er unternahm diesen Schritt, weil (mit
den Worten seines autorisierten Biographen, McGeorge Bundy), "Die Welt guten Willens dauerhaften Frieden anstrebte, und alle Nationen sich an dieser Bestrebung beteiligten."
Wie Bundy feststellte, unterschieden sich die ersten
zwei Jahre von Stimson Amtszeit von den zweiten "wie
Tag und Nacht". Bis zum Jahr 1931 waren "drei
schreckliche Tatsachen" aufgetreten, um dieses friedfertige Weltreich zu verändern.
Um nochmals Bundy zu zitieren:
"Erstens stürzte der wachsende Sturm weltweiter
Depression das Finanzsystem der Nachkriegszeit wie
ein mutwilliges Kind eine Reihe von Zinnsoldaten
umwirft - indem es den Kleinsten im hintersten Glied
umschmeißt.
Zweitens, in einem durch Leiden ausgelösten Ausbruch und indem sie Stärke aus dem offensichtlichen
Scheitern einer friedliche Führung ableiteten, wagten
die Militärs in Japan das Abenteuer der Aggression
(indem sie die Mandschurei eroberten).
Drittens - und von allem am schlimmsten - wurde bald
klar, die Stimmung in den Vereinigten Staaten war
derart, daß (die Vereinigten Staaten) nur noch die
gravierendsten Auswirkungen der wirtschaftlichen
Katastrophe und militärischen Aggression abschwächen konnten."
Es liegt mir fern, anzudeuten, 1991 sei 1929 - einen
Republikaner lie ße der Gedanke erschauern - sondern
ich möchte beweisen, wie schnell sich die Gegebenheiten auf der Welt ändern können. In der Tat können
sie sich aufgrund der enormen Kommunikationsfortschritte heute sehr viel schneller ändern als vor 60
Jahren.

Seite 2

Dies bringt uns zur Rolle internationaler Rundfunkübertragungen in einer solchen Welt. Amerikanische
und britische Sendeanstalten - Voice of America,
Radio Free Europe, Radio Liberty und die BBC können zu Recht stolz auf ihre Rolle bei der Förderung
und Verbreitung der triumphalen demokratischen
Veränderungen in Osteuropa, der Sowjetunion und
andernorts sein. Vaclav Havels Bekenntnis, daß die
VOA-Sendungen ihm im Gefängnis Hoffnung machten, sind bereits Legende. Michail Gorbatschows
Erklärung, er habe sich auf VOA, BBC sowie Radio
Free Europe und Radio Liberty verlassen, um zu
erfahren, was während seiner erzwungenen Rekonvaleszenz auf der Krim im vergangenen August auf der
Welt vor sich ging, und Boris Jelzins dringende Anweisung an die demokratischen Kräfte in Rußland, über
USIA und insbesondere VOA unter seinem Volk die
Nachricht zu verbreiten, daß die Panzer sein Weißes
Haus umstellten, belegen diese Tatsache.
Die Frage, die mir häufig gestellt wird, lautet: "Welche
Rolle kommt der Voice of America jetzt zu, da der
Kommunismus tot ist oder im Sterben liegt?" Ich
antworte, VOA sei niemals als eine Art verbaler NATO
gedacht gewesen, um sich dem Kommunismus zu
widersetzen oder die UdSSR abzulehnen. Ihr ursprünglicher Zweck, als sie im kommenden Februar
vor 50 Jahren in den schlimmsten Tagen des Zweiten
Weltkriegs gegründet wurde, bestand darin, objektiv
über die Welt zu berichten und die Geschichte Amerikas zu erzählen - und wenn jemand den Schlu ß ziehen
wollte, daß unser System und Lebensstil dem in der
Sowjetunion oder China vorzuziehen seien, nun, so
war dies die richtige Schlußfolgerung.
Vielleicht verwechseln meine Fragesteller VOA mit
Radio Free Europe und Radio Liberty. Auch sie
werden voll und ganz von der US-Regierung finanziert,
sind jedoch von USIA unabhängig und sogenannte
Ersatzsender mit dem Ziel, als tschechische, polnische oder ukrainische Radiosender zu fungieren statt
der nationalen Sender. Der Unterschied wurde folgendermaßen definiert: Wenn VOA "wir" sagt, bedeutet
dies, wir Amerikaner, wenn Radio Free Europe und
Radio Liberty "wir" sagen, meinen sie, wir Ungarn,
Usbeken, wir Rumänen usw.
Die Mission der Radiosender wurde erfolgreich durchgeführt, und der Tag, an dem sie erfolgreich abgeschlossen werden kann, ist in Sicht. Aber noch nicht
ganz: die Führungen der aufstrebenden Demokratien
in Osteuropa, vor allem Polen, der Tschechoslowakei
und Ungarn haben die Vereinigten Staaten (eigentlich
die US-Haushaltsbehörde) gebeten, weiterhin in ihren
Ländern zu senden, bis sie die Zeit finden, selbst lokale
Radiosender und einen Stab unabhängiger Journalisten zu bilden.

AMERIKA DIENST 43

�Ein weiteres berühmtes Paar von Ersatzsendern unter
der Ägide von USIA sind Radio und TV Marti, die
natürlich nur nach Kuba senden. Radio Marti ist bei
einem Hörerpublikum von fast 80 Prozent auf der
ganzen Insel außerordentlich beliebt. TV Marti verfügt
nicht über dieselben Möglichkeiten, weil es nur vor
Tagesanbruch zweieinhalb Stunden täglich sendet.
Aber sein Programm wird immer besser im Hinblick auf
zuverlässige Nachrichten und Informationen für diejenigen, die bereit sind, aufzustehen und ihnen zuzuhören und die sie trotz der von Castro veranlaßten
Störungen hören können.
Es gibt noch einen Vorschlag für eine andere Art
Ersatzradiosender, etwa ein Radio Free China oder
ein Radio Free Asia. Eine sehr große Koalition im
Kongreß ist dafür, die Regierung verhält sich dazu
offiziell neutral, hat aber der Zusammenarbeit mit einer
Kommission zugestimmt, um dieses spezielle Problem zu sondieren.
Unserer Ansicht nach ist bei VOA keine bürokratische
Schlacht um Einf lu ßgebiete im Gange, weil es unserer
Ansicht nach nicht vor allem darum geht, was die eine
oder andere Behörde in Washington denkt, sondern ob
der Hörer in Schanghai, Pjöngjang oder Hue mehr von
einem neuen Sender oder einer stärkeren Voice of
America profitiert. In der Zwischenzeit sendet VOA
über 21 Stunden täglich nach China - in Mandarin,
Kantonesisch, Tibetanisch und Englisch. Ich möchte
hinzufügen, daß lediglich die englische Übertragung
nicht gestört wird.
In der ehemals kommunistischen Welt Osteuropas
und anderer Länder hat VOA nach wie vor die Aufgabe,
an grundlegenden Instruktionen zum Aufbau der
Demokratie und den Mechanismen der Marktwirtschaft
mitzuwirken. Sogar die rudimentärsten Dinge, wie
man eine Besprechung durchführt, einen Kredit beantragt, was in den Federalist Papers steht, werden von
unseren Hörern in Osteuropa und der Sowjetunion
begeistert verfolgt.

*

AMERIKA DIENST 43

*

Zu dem Argument, daß es sich bei VOA nicht um ein
Werkzeug des kalten Kriegs handelt, gibt es zwei
Beispiele aus jüngster Zeit, die nichts mit Ost-WestPolitik oder Ideologie zu tun haben, aber die dringende
Notwendigkeit internationaler Rundfunkübertragungen
illustrieren. Das erste betrifft Haiti, wo eine demokratisch gewählte Regierung gestürzt wurde und bis heute
die einzig verläßlichen Meldungen und Informationen,
die das haitanische Volk in seiner eigenen Sprache
hören kann, aus den Vereinigten Staaten, von der
Voice of America kommen.
Das zweite Beispiel ist Burma, wo erst letzte Woche
Aung San Suu Kyi den Friedensnobelpreis erhielt. Die
Meldung von ihrem Erfolg und der Hoffnung auf eine
demokratische Zukunft, die dies für das burmesische
Volk beinhaltet, wurde von den beiden internationalen
Radiosendem in Burmesisch, der Voice of America
und der BBC übertragen. Am Tag, als ihr der Preis
verliehen wurde, kommentierte das Wall Street Journal, es sei nicht sicher, daß Aung San Suu Kyi die
Berichte gehört habe, weil sie seit zwei Jahren von der
Außenwelt abgeschnitten sei. "Aber sicher ist, daß die
40 Millionen Bürger Burmas durch die Voice of America und die BBC von der Auszeichnung wissen und sich
darüber freuen. Jedes Signal, daß die Welt vom
Leiden in Burma weiß, kann nur diejenigen ermutigen,
die es beenden wollen."
Auch wenn der Kommunismus so tot ist wie eine
Moskauer Telephonleitung, werden die Voice of America
und alle internationalen Rundfunksender eine wichtige
Rolle spielen. So lange Menschen andere unterdrükken, muß es freie laute Stimmen geben, die von
weither die Informationen verbreiten und - noch wichtiger - Hoffnung vermitteln. Archibald MacLeish hat
dazu einmal bemerkt: "Es gibt immer Leute, die
erklären, die Freiheit der Gedanken und der Menschen
sei nur ein Traum, und sie haben recht. Es ist der
amerikanische Traum."

*

*

Seite 3

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