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42

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

23. Oktober 1991

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n 7HEUE

WELTORDNUNG

NEUE WELTORDNUNG ERFORDERT
NEUES PROGRAMM
Rede von Staatssekretär Bartholomew

¥
RÜSTUNGSKONTROLLE

USA DRANGEN AUF WELTWEITES
ENGAGEMENT BEI RÜSTUNGSKONTROLLE
Rede von ACDA-Direktor Lehman
vor UNO-Ausschuß

IWF/WELTBANK

BRADY FORDERT REFORM
VON IWF UND WELTBANK
Rede des Finanzministers vor IWF
und Weltbank

PORTRAT

BUSH NOMINIERT VERWALTUNGSJURISTEN
FÜR DAS AMT DES JUSTIZMINISTERS
Porträt von William Barr

DAS MEINUNGSBILD
IN AMERIKA

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN AMERIKA
Umfragen zu Nuklearwaffen, Verteidigung,
Entwicklungshilfe, Wirtschaft

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NEUE

WELTORDNUNG
23. Oktober 1991

NEUE WELTORDNUNG ERFORDERT
NEUES PROGRAMM
Rede von Staatssekretär Bartholomew
WASHINGTON - (AD) - Der für internationale Sicherheitsfragen zuständige Staatssekretär im US-Außenministerium, Reginald Bartholomew, hat am 17. Oktober 1991 bei einer Konferenz der Georgetown University mit
dem Titel "Die Vereinigten Staaten, Europa und die Strukturen einer neuen Weltordnung" folgende Rede
gehalten (es gilt das gesprochene Wort):

Ich möchte einige Überlegungen zu dem meiner Meinung nach zentralen Thema dieser Konferenz anstellen: Wie sollte das Programm der transatlantischen
Staatengemeinschaft in der neuen Weltordnung aussehen, die sich uns heute eröffnet?
Der Zusammenbruch des Kommunismus', die dramatischen gegenwärtigen Veränderungen im Gefüge der
Sowjetunion, die Wiedergewinnung der Souveränität
durch die Staaten Mittel- und Osteuropas, die beschleunigte Entwicklung zur europäischen Einheit diese Ereignisse, die sich gerade in den vergangenen
beiden Jahren vollzogen haben, haben das bisherige
Programm, die alte Ordnung, schlicht ausgelöscht.
Der einst alles dominierende Imperativ der Eindämmung des ständigen sowjetischen militärischen und
politischen Drucks im Herzen Europas wird unser
Programm nicht länger beherrschen.
Die Weltordnung, die über mehr als 45 Jahre hinweg
von der Konfrontation zwischen zwei ideologisch
gegensätzlichen Systemen und Supermächten definiert wurde, ist nun auf Dauer überwunden.
Nichts könnte dies deutlicher unterstreichen als der
außergewöhnliche Meinungsaustausch zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, der durch
Präsident Bushs Initiative ausgelöst wurde und an dem
ich in Washington und Moskau unmittelbar teilnehmen
durfte.
Das neue Programm und die neue Ordnung
Welche Aufgaben sind heute von der transatlantischen Staatengemeinschaft zu bewältigen? Welches
sollten unsere internationalen Prioritäten sein? Was
für eine neue Weltordnung sollten wir anstreben?
AMERIKA DIENST 42

Dies waren Fragen, mit denen die Staats- und Regierungschefs des atlantischen Bündnisses bei ihrem
Londoner Gipfel im Juli 1990 konfrontiert waren und
mit denen sie sich bei ihrem im nächsten Monat in Rom
anstehenden Gipfel erneut auseinandersetzen müssen.
Wir können die Antwort auf diese Fragen folgendermaßen umreißen: Mit dem Verschwinden der unmittelbaren Bedrohung und der bipolaren Welt müssen wir
unsere Energien nun auf die harte und komplizierte
Arbeit des Auf baus der soliden Fundamente dauerhafter Sicherheit und der positiven Weltordnung konzentrieren, in der wir leben möchten.
Zunächst müssen wir alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, um zur Entwicklung demokratischer
politischer Systeme und freier Volkswirtschaften mit
stabilen Beziehungen untereinander beizutragen. Dies
gilt für die ganze Welt, aber in besonderer Weise für
den menschlich und strategisch so bedeutenden Raum,
der sich östlich der Oder erstreckt.
Dies ist der einzige Weg, mit dem wir sicherstellen
können, daß der gegenwärtige radikale Umbruch unsere
beiderseitige Sicherheit und unseren Wohlstand konsolidiert anstatt neue Bedrohungen hervorzubringen.
Mit anderen Worten: Dies muß von dieser Generation
an das beherrschende und leitende Element unseres
Programms sein.
Jedoch können wir uns auf dieses große politische
Unterfangen nur dann konzentrieren, wenn wir weiterhin die militärische Macht und Organisation aufrechterhalten, die uns Vertrauen in unsere eigene Sicherheit verleihen.

Seite 1

�Das Vertrauen, daß niemand attraktive oder auch nur
mögliche militärische Optionen gegen uns und unsere
Interessen erkennen kann - aus welchem Bereich
auch immer.
Das Vertrauen, daß wir auf jegliche Gewaltanwendung
erfolgreich reagieren können und weiden.
Das Vertrauen, daß die Organisation unserer Verteidigung weiterhin kollektiv und nicht in Konkurrenz zu
einander erfolgen wird.
Wie Außenminister Baker festgestellt hat, ist unser
Ziel der Aufbau einer echten euro-atlantischen Gemeinschaft - von Vancouver bis Wladiwostok -, die auf
gemeinsamen Werten, Demokratie, Menschenrechten sowie freien und offenen Märkten beruht.
Die Säulen dieser Gemeinschaft werden von drei
lebenswichtigen Institutionen gebildet: NATO, EG und
KSZE.
Jede dieser Institutionen unterliegt Veränderungen:
der Annahme neuer und der Neudefinierung alter
Rollen.
Jede leistet ihren einzigartigen Beitrag zur größeren
Gemeinschaft. Ohne diese Institutionen könnte die
neue euro-atlantische Gemeinschaft nicht aufgebaut
werden.
Es gibt keinen festen Plan dafür, wie sich diese Organisationen in die neue Gemeinschaft, die wir heute
aufbauen, einfügen werden. Es wird zu Überlagerungen, zu Verwirrung und sogar zu Spannungen kommen.
Wenn wir jedoch an unseren gemeinsamen Werten,
unseren gemeinsamen Zielen und unserem Engagement zum Aufbau einer besseren Welt festhalten, ist
unser Erfolg gesichert.
Die atlantischen Beziehungen
Das atlantische Bündnis war aus vielen Gründen erfolgreich. Ein wesentlicher Grund für unseren Erfolg
war der zwischen uns bestehende grundsätzliche
Einklang von Idealen und Zielen. Die Partnerschaft
hätte niemals aufrechterhalten werden oder gedeihen
können, wenn sie nicht mehr gewesen wäre als lediglich ein militärisches Bündnis.
Seinem wahren Charakter nach ist das atlantische
Bündnis seit jeher ebenso ein philosophisches, kulturelles und soziales Bindeglied wie ein formelles militärisches Bündnis. Unser gemeinsames Engagement selbst in seinen militärischen Bereichen und Formen ging stets über die rituellen Zusagen militärischer
Unterstützung hinaus, wie sie die Bündnisse der Vergangenheit kennzeichneten.
Insbesondere im Atomzeitalter, in dem Verteidigung
das Überleben einer Zivilisation sichert, ist die transat-

Seite 2

lantische Verbindung so tiefgreifend, daß sie die Grundlagen unserer inneren wie auch unserer internationalen Identität beeinflußt.
Aber heute gilt die alte Ordnung nicht mehr. Am
Horizont deutet sich eine neue Ordnung an. Trotz
unserer Stärken ist ein automatischer Erfolg unserer
Vision der Zukunft nicht gesichert. Die uns konfrontierenden Herausforderungen sind sogar noch komplizierter als diejenigen, die wir gerade erst bewältigt
haben. Die Einheit wird besonders dann in Frage
gestellt, wenn das Gefühl für die äußere Bedrohung
abgenommen hat.
Ich möchte deshalb eine ganz wichtige Botschaft
unterstreichen: Eine neue und bessere Ordnung kann
nicht erreicht werden, wenn die beiden großen Quellen
demokratischer Stärke - Europa und Nordamerika nicht weiterhin in einer transatlantischen Gemeinschaft
mit einem gemeinsamen Programm vereint bleiben.
Wir wissen bereits, wie schwierig es sein wird, Demokratie und Stabilität in Mittel- und Osteuropa zu festigen und ihre Entwicklunmg in der Sowjetunion zu
fördern.
Nur durch engste Kooperation können wir letztlich den
Erfolg unserer gemeinsamen Sache gewährleisten.
Es gibt hier Arbeit für alle Europäer und transatlantischen Institutionen, und die NATO hat sich der Aufgabe mehr als gewachsen gezeigt.
Ihr ideenreiches Programm mit ihren früheren Gegnern - den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten - ist
ein überwältigender Erfolg. Diese Länder sind dafür
sehr empfänglich, - sie haben den Kontakt gesucht und die NATO hat sich dies zunutze gemacht, um
westliche Ideen von Demokratie und Sicherheit dort
verankern zu helfen, wo sie am dringendsten benötigt
werden.
Dies ist eine der bemerkenswertesten Entwicklungen
- die Tatsache, daß sich alle Länder im Osten angesichts ihrer veränderten Regierungen nicht nach innen, sondern nach außen zum Westen - einschließlich
der NATO - wenden.
Tatsächlich betrachten die Länder Mittel- und Osteuropas sowie die Sowjetunion die NATO als wichtiges
Element der Sicherheit und Stabilität auf dem Kontinent, an dem sie teilhaben wollen.
Die zugrundeliegenden Stärken der transatlantischen
Partnerschaft und die vor uns liegende große politische Aufgabe sollten die Sorgen derjenigen zerstreuen, die angesichts einer Reduzierung der militärischen
Bedrohung fürchten, die NATO habe keine Existenzberechtigung mehr. Aber im militärischen Bereich ist
die durch unser Bündnis ermöglichte integrierte Struktur eine besondere Garantie für Stabilität und Frieden.

�Bei der jetzt in Europa entstehenden verworrenen
Situation kann die NATO die Sicherheit und das Vertrauen einer demokratisch verwurzelten, integrierten
militärischen Macht und Struktur bieten, die die von mir
bereits dargelegte Rolle übernehmen kann.
Die NATO kann die Energien Westeuropas und Nordamerikas bündeln, um eine Militär- und Sicherheitsstruktur zu entwerfen, die sich an bestimmten Werten
orientiert.
In den vergangenen zwei Jahren hat das Bündnis zwei
Gipfel mit Meilensteincharakter abgehalten, und nächsten Monat wird ein dritter Gipfel stattfinden, auf dem
es sich und die neue Welt, mit der es sich konfrontiert
sieht, neu gestalten wird.
Bei ihrem Gipfel 1989 in Brüssel hat die NATO die
Initiative ergriffen und die ungeheure Konzentration
konventioneller Streitkräfte in Europa abgebaut. Ferner hat sie ein politisches Programm vorgestellt, um
die Teilung des Kontinents zu beenden.
Bei ihrem Londoner Gipfel 1990 hat die NATO eine
Reihe umfangreicher Initiativen in die Wege geleitet,
um auf die gegenwärtig stattfindenden demokratischen Revolutionen im Osten zu reagieren und sie
gestalten zu helfen. Deshalb hat die NATO einen
Prozeß zur eigenen Umgestaltung eingeleitet:
das von mir bereits erwähnte Programm der
NATO mit der Sowjetunion und Osteuropa,
eine Reihe von Initiativen zur Stärkung der
KSZE,
die Aufnahme der Arbeit zur Neugestaltung der
militärischen Organisation und Kommandostruktur der NATO und
die Einleitung der grundlegenden Überprüfung
der NATO-Strategie und Doktrin.

Unsere eigenen Interessen und die Art und Weise ihrer
Verflechtung mit der Weltwirtschaft und der Technologiewirtschaft zeigen uns, daß wir uns nicht grundsätzlich oder radikal nach innen kehren dürfen.
Wir sind uns - ebenso wie auch andere - bewußt, daß
die Rolle und der Beitrag der Vereinigten Staaten
weder in Europa oder der Welt vollständig verwirklicht
noch hier politisch gerechtfertigt werden können, wenn
die Vereinigten Staaten "im Abseits stehen" oder
unerreichbar sind. Und das meine ich nicht nur im
politischen sondern auch im militärischen Sinne.
Das soll nicht heißen, daß die amerikanische Rolle in
Europa und der Welt unveränderlich ist oder daß sie
sich nicht an die jetzt von uns zu schaffende ganz
andere Ordnung anpassen sollte.
Natürlich wird die amerikanische Militärpräsenz in Europa
viel geringer sein obwohl unsere konventionellen Streitkräfte ein wichtiger Faktor im neuen Gleichgewicht
bleiben und unsere nuklearen Streitkräfte nach wie vor
die Basis für westliche Sicherheit darstellen werden.
Darüber hinaus sind wir bereit, auch unsere politische
Rolle zu verändern.
Die meiste Zeit in der Ära nach dem kalten Krieg haben
die Vereinigten Staaten eine führende Rolle im Atlantischen Bündnis gespielt - und einen entscheidenden
Anteil am politischen Willen, der erforderlichen Energie und den militärischen Ressourcen aufgebracht.
Dies wurde nicht willkürlich von Amerikanern oder
Europäern geleistet. Es war eine Reaktion auf die
massive und unmittelbare sowjetische Bedrohung,
eine Reflektion des relativen Gleichgewichts zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa im Hinblick auf
den Willen und die Fähigkeit zu handeln und ein
Produkt der einzigartigen Rolle Amerikas als nuklearem Garant.

Im nächsten Monat wird ein Gro ßteil dieser Arbeit beim
Gipfeltreffen in Rom vollendet und neue Aufgaben
verteilt werden. Die im laufenden Monat herausgegebene Gemeinsame Erklärung der Außenminister Baker
und Genscher bietet verschiedene Ideen über den
einzuschlagenden Weg an.

Aber das heutige Programm und die von uns angestrebte neue Ordnung zusammen mit neuen Impulsen
für die europäische Identität bereiten den Weg für eine
größere europäische Rolle bei den uns alle angehenden Entscheidungen für Sicherheit und Verteidigung.

Eins möchte ich dazu nachdrücklich feststellen: die
Vereinigten Staaten werden ein voll und ganz engagiertes Mitglied der transatlantischen Gemeinschaft
und des Atlantischen Bündnisses bleiben. Sie werden
femer eine europäische Macht und eine Weltmacht
bleiben.

Meiner Ansicht nach ist die Hinwendung zu einer
europäischen Union ebenso grundlegend wichtig ganz bestimmt für viele Europäer in Ost und West - wie
die turbulenten Veränderungen in den Ost-West-Beziehungen.

Meiner Ansicht nach weiß das amerikanische Volk,
daß wir nicht einfach nach Hause gehen können, weil
weder wir noch die Welt so sind wie vor fünfzig Jahren.

Seit 1945 haben Politiker zu beiden Seiten des Atlantiks geglaubt, die europäische Identität lasse sich am
besten durch Konzentration auf praktische Aufgaben
wiederherstellen.

AMERIKA DIENST 42

Europas neue Identität und Einheit

Seite 3

�Wenn ein Amerikaner das sagen darf: dieser Prozeß
hat hervorragend funktioniert. In jeder Phase ihrer
institutionellen Entwicklung hat die Europäische
Gemeinschaft die Entwicklung der europäischen Identität ein Stück vorangebracht.
Mit der Verwirklichnug des Gemeinsamen Markts 1993
und Fortschritten im Hinblick auf eine Wirtschafts- und
Währungsunion wird die nächste Aufgabe darin bestehen, die Institutionen des gemeinsamen politischen
Willens zu stärken. Dies wird wahrscheinlich die
schwierigste Aufgabe sein.
Europas Vision über seine Rolle im 21. Jahrhundert
muß noch vervollständigt werden. Sogar die Definition
des gegenwärtigen Europas muß noch erarbeitet
werden. Soll es weiterhin nur in den geographischen
Grenzen der europäischen Halbinsel bestehen? Oder
sprechen wir lediglich von einer geringfügig erweiterten EG? Oder möchte Europa seine Führungsrolle in
der euro-atlantischen Gemeinschaft erweitern, wie sie
Außenminister Baker beschrieben hat?
Dies sind grundlegende Fragen, auf die ich keine
spezifische Antwort geben kann und sollte. Ich bin mir
jedoch einer Sache gewiß. Europa kann nicht gedeihen, wenn es seinen Blickwinkel auf den eigenen
Kontinent begrenzt: Wenn die Amerikaner nicht nach
Hause zurückkehren können, kann es auch Europa
nicht. Es scheint ebenso sicher, daß Europa nicht auf
das Territorium der jetzigen EG begrenzt werden darf.
Das Engagement der EG für die Staaten Mittel- und
Osteuropas - und darüber hinaus - kann den wichtigsten Kontakt dieser Staaten zu westlichen Werten und
Institutionen bieten.
Diese täglichen Kontakte mit den aufstrebenden
Demokratien können vielleicht mehr dazu beitragen
diese Länder in demokratische, wohlhabende und
stabile Gesellschaften umzugestalten als alle anderen
politischen, wirtschaftlichen oder sicherheitspolitischen
Verbindungen, die der Westen zu bieten hat.
Ich möchte einen Punkt eindeutig klarstellen. Die
Vereinigten Staaten verstehen, wie schwierig es war,
den Prozeß der europäischen Identität voranzubringen. Wir stimmen überein, daß die Entwicklung weiterer Intitutionen, die aus einem zur Teilung der Souveränität bereiten Kern von Staaten entsteht, das beste
Erfolgsrezept ist. Ohne die heutigen Schlagzeilen
oder irgendwelche anderen spezifischen Vorschläge
ansprechen zu wollen, unterstützen wir den Wunsch
dieser Kernstaaten uneingeschränkt, jetzt die Definition einer gemeinsamen Politik in den Bereichen Sicherheit und Verteidigung in Angriff zu nehmen.
Wir alle können von der neuen Stärke und Energie
profitieren, die hoffentlich die Folge sein werden.
Wir hoffen auf Fortschritte bei der Entwicklung einer
europäischen Sicherheitsidentität beim EG-Gipfeltref-

Seite 4

fen im Dezember in Maastricht. Zusammen mit dem
NATO-Gipfeltreffen sehen wir dies als Teil eines großen historischen Prozesses.
Natürlich - und ich sage natürlich, weil dies meines
Erachtens im großen und ganzen auf beiden Seiten
des Atlantiks verstanden wird - kann eine eindeutige
europäische Identität einschließlich der politischen
und organisatorischen Strukturen einer solchen Identität nur erfolgreich aufgebaut werden, wenn sie von
der Welt ausgent, wie sie sich seit 1945 entwickelt hat.
Es ist eine Welt, in der der Begriff "europäische Kultur"
in Nordamerika so aktiv verstanden wird wie in Europa.
Es ist eine Welt, in der die Berechnungen der wirtschaftlichen und militärischen Sicherheit nicht länger
in getrennten europäischen und amerikanischen Kategorien definiert werden können. Es ist die Welt einer
transatlantischen Gemeinschaft, die in den vergangenen 45 Jahren aufgebaut wurde.
Ich möchte hier auf die tiefgreifenden Auswirkungen
verweisen, die die Uruguay-Runde auf die zukünftigen
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
Europa haben kann.
Der Erfolg der Uruguay-Runde wird an sich schon die
beste Garantie dafür sein, daß die Vereinigten Staaten
und Europa sich weiterhin des erforderlichen Wohlstands zur Verwirklichung unserer umfassenderen
politischen Ziele erfreuen.
Dies wird in den Vereinigten Staaten jedoch nicht nur
als reine Handelsangelegenheit angesehen. Es wird
uns etwas wichtiges über die Offenheit Europas gegenüber der Welt vermitteln und darüber, wie die
europäischen Mechanismen der Einigung funktionieren - heute im Bereich der Wirtschaft und morgen bei
Außen- und Sicherheitspoltitk.
Der vor uns liegende Weg und die umfassenderen
europäischen Strukturen
Während wir mit Befriedigung auf die tiefgreifenden
positiven Veränderungen der vergangenen zwei Jahre
zurückblicken, führt der vor uns liegende Weg bereits
zu jahrhundertealten wiederaufflammenden Rivalitäten - am dramatischsten in Jugoslawien aber auch in
anderen Regionen. Nationale und religiöse Volksgruppen, deren Wünsche seit Generationen unterdrückt
wurden, finden es schwer verständlich, warum sie
nicht die Früchte der Selbstbestimmung genießen
können, die der Westen so lautstark für sich in Anspruch nimmt.
Selbst während militärisches Gerät drastisch reduziert
wird, macht sich im östlichen Teil Europas Verwirrung
über Ziel und Zweck der nationalen Verteidigung breit.
Begriffe wie "Sicherheitsvakuum" enthüllen die echte
Besorgnis über die Fähigkeit der neuen demokratischen Gesellschaften, sich gegen mögliche Feindseligkeiten von innen oder außen zu schützen.

AMERIKA DIENST 42

�Während meines jüngsten Besucchs in Moskau im
Anschluß an die Initiative des Präsidenten zu Nuklearwaffen wurde ich mit zahlreichen dieser Ängste konfrontiert. Bei einem Treffen fand ich mich in Gegenwart
der Vertreter aus vier Republiken, die alle Nuklearwaffen auf ihrem Territorium stationiert haben. Bei späteren Gesprächen stellten wir fest, da ß diese Republiken
ihre "Souveränität" ernst nehmen.
Daher wird der Prozeß der "europäischen Sicherheit"
in Zukunft eine noch tiefgreifendere politische Anstrengung bedeuten. Jede neue und bessere Weltordnung
muß zuallererst diese neuen Visionen der nationalen
Identität und Souveränität in eine Struktur integrieren,
die Diversifizerung gestattet und gleichzeitig die Mittel
zur Bewältigung von Spannungen bereitstellt.

Wir können jedoch die uns zur Verfügung stehenden
Instrumente nutzen, um die Dinge in die richtige Richtung zu lenken. Ich habe stets von der wichtigen Rolle
von NATO und EG gesprochen. Diese beiden Kernorganisationen werden von der KSZE umrahmt.
Die KSZE hat eine andere Funktion als NATO und EG.
Während die beiden erstgenannten Organisationen
von gemeinsamen Zielen und Interessen ausgehen,
besteht die Aufgabe der KSZE darin, eine solche
Harmonie zwischen Nationen herzustellen, die sich bis
vor kurzem noch im Konflikt befanden. Daher bieten
NATO und EG durch ihren bloßen Charakter Sicherheit, indem sie gemeinsame Ziele bündeln. Die KSZE
wiederum versucht, Sicherheit zu schaffen, indem sie
so viele Gemeinsamkeiten wie möglich hervorbringt.

Das wird nicht leicht sein. Die tragischen Ereignisse in
Jugoslawien sind ein dramatischer Beweis dafür. In
den vergangenen Jahren haben Experten an den
Verfahren für Krisenmanagement und Konfliktlösung
gearbeitet. Sie konzentrieren sich vornehmlich auf die
KSZE in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen.

Zu dem neuen Europa kann die KSZE durch zwei
Aspekte beitragen, die sonst nirgends geboten werden:

In den kommenden Jahren wird sich unser Engagement für den langfristigen Prozeß des Aufbaus demokratischer Institutionen wahrscheinlich wiederholt mit
solchem Wiederaufflackern von Konflikten konfrontiert
sehen. Traditionelle Konzepte wie Souveränität und
Selbstbestimmung werden im Licht der neuen Gegebenheiten geprüft und überprüft werden.

Und sie stellt die Spielregeln auf. Die Schlußakte legt
in der Tat eine Art von Straßenkarte für demokratische
Entwicklung in Europa fest. Wenn sich die Nationen an
diese Straßenkarte halten, sind die Erfolgsaussichten
enorm verbessert.

Die wichtigste Tatsache, die man sich vor Augen
führen muß, ist, daß es keine einfache Lösung gibt. Es
wird den westlichen Nationen nicht möglich sein, Freundschaften mit Menschen zu schließen, die ein tiefes
Gefühl des Konflikts untereinander empfinden. Wir
werden das perfekte System für Krisenmanagement
nicht erfinden.

Sie ist wirklich universal. Sie bietet den Rahmen für
Zusammenarbeit zwischen Nationen mit höchst unterschiedlichem Hintergrund und Zielen.

Ich möchte diese Ausführungen mit zwei Bemerkungen abschließen. Die Vereinigten Staaten sind der
Auffassung, daß in dieser ersten Phase des Aufbaus
einer Weltordnung nach dem kalten Krieg ein Mosaik
politischer, wirtschaftlicher und organisatorischer
Bestrebungen erforderlich sein wird, um den vor uns
liegenden Herausforderungen zu begegnen. Es gibt
keine allgemeingültige Antwort. Keine Institution kann
allein alle Bedürfnisse erfüllen.

* *

AMERIKA DIENST 42

*

Seite 5

�RÜSTUNGSKONTROLLE
23. Oktober 1991

USA DRÄNGEN AUF WELTWEITES
ENGAGEMENT BEI RÜSTUNGSKONTROLLE
Rede von ACDA-Direktor Lehman vor UNO-Ausschuß
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Dem Direktor des amerikanischen Rüstungskontroll- und Abrüstungsamts
(ACDA), Ronald Lehman, zufolge werden die Vereinigten Staaten sich weiterhin für die Verwirklichung der
Rüstungskontrolle engagieren, auch wenn die Verantwortung nicht ausschließlich bei ihnen liegt.
"Das künftige Rüstungskontrollprogramm erfordert, daß sich die Staaten in anderen Regionen der Welt insbesondere in Gebieten, in denen aufgrund von Unruhen und Konflikten Gewalt und Chaos drohen - in Wort
und Tat engagieren", erklärte Lehman am 15. Oktober 1991 in einer Rede beim Ersten Ausschuß der UNGeneralversammlung, dem Forum der Vereinten Nationen, in dem Themen wie internationale Sicherheit und
Rüstungskontrolle erörtert werden.
Lehman fügte hinzu, die internationale Staatengemeinschaft beginne zu verstehen, daß Sicherheitskonzepte,
"wenn sie wirklich Bedeutung haben sollen, weitreichender sein müssen und nicht nur die Anzahl der Waffen in
nationalen Arsenalen erfassen dürfen". Sie müssen "wirtschaftliches Wohlergehen, Lebensqualität, Menschenrechte und Freiheiten" einbeziehen, stellte Lehman in seinen Ausführungen fest, die eine Bilanz der derzeitigen
und zukünftigen Rüstungskontrollstrategie der Vereinigten Staaten zogen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von ACDA-Direktor Lehman im Wortlaut.

Herr Vorsitzender,
es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, erneut vor
diesem erlauchten Gremium sprechen zu dürfen und
ihnen die Ansichten meiner Regierung zu den wichtigen Themen darzulegen, mit denen sich dieser Ausschuß konfrontiert sieht. Als Forum der Vereinten
Nationen zur Erörterung von Themen wie internationale Sicherheit und Rüstungskontrolle ist der Erste
Ausschuß wesentlicher Bestandteil weltweiter Bestrebungen für dauerhaften Frieden und Stabilität. Wir
sind hier zusammengekommen, um Bilanz über die
Fortschritte dieser Arbeit zu ziehen und herauszufinden, wie wir die Sache des Friedens weiter voranbringen können.
In diesem Zusammenhang möchte ich die neuesten
Mitglieder der Vereinten Nationen begrüßen. In diesen
Pionierzeiten sind neue Impulse beim Aufzeigen des
zukünftigen Kurses von Rüstungskontrolle und Abrüstung außerordentlich wichtig. Im Namen der amerikanischen Regierung möchte ich Sie alle aufrichtig
willkommen heißen.
Vor dem Hintergrund eines sich radikal verändernden
internationalen Szenariums wurde vielfach die Frage
aufgeworfen, ob es eine dauerhafte Rolle für Rü-

AMERIKA DIENST 41

stungskontrolle und Abrüstung gibt. Mit der Unterzeichnung des Vertrags über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) Anfang August und der
Abkehr der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
von der Konfrontation des kalten Kriegs wurden in der
Tat Vermutungen laut, daß Rüstungskontrolle ihren
Zweck erfüllt habe und der Rüstungskontrollprozeß
beendet sei. Diese Prognosen waren absolut falsch.
Der Putschversuch in Moskau und die darauf folgenden dramatischen Veränderungen in der Sowjetunion,
die Ereignisse im Irak nach dem Golfkrieg sowie die
andauernde Gewalt in anderen Regionen der Welt
führen uns allen vor Augen, daß Rüstungskontrolle
das entscheidende Element von Außenpolitik und
internationaler Sicherheit bleiben muß.
Während wir das Umfeld der Rüstungskontrolle sondieren, müssen wir uns jedoch bewußt sein, daß wir
uns an einem Scheideweg befinden, an dem Schnittpunkt, an dem das Alte auf das Neue trifft. Herkömmliche Aspekte der Rüstungskontrollandschaft bleiben
bestehen, aber neue Elemente sind hinzugekommen.
Unsere vordringlichsten Rüstungskontrollaufgaben
konzentrieren sich immer weniger auf die traditionellen
Fragen des militärischen Gleichgewichts zwischen
Ost und West sondern vielmehr auf die Probleme von

Seite 1

�Instabilität und Gewalt, die nur wenig oder überhaupt
nicht ideologisch gefärbt sind, die an unerwarteten
Orten und in ungeahnter Weise aufbrechen und unser
aller Frieden und Wohlergehen bedrohen. Diese
Bedrohung wird noch durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und deren Trägersysteme
verschärft. Dies ist eine Gefahr, die aufkeimende
Bestrebungen zu Demokratie und Freiheit weltweit im
Keim zu ersticken droht, die als Symbol für das Ende
des kalten Kriegs standen.
An diesem Scheideweg befinden wir uns an einem
besonders guten Ausgangspunkt, um das Terrain der
Rüstungskontrolle zu sondieren. Gestatten Sie mir,
eine Bilanz der amerikanischen Sichtweise vorzunehmen, wo wir bei Rüstungskontrolle stehen und welchen Kurs wir in Zukunft einschlagen müssen.
Wenn wir das derzeitige Terrain sondieren und über
den Horizont blicken, müssen wir der Tatsache Rechnung tragen, daß Entscheidungen der Vergangenheit
unseren heutigen Standort bestimmt haben, ebenso
wie die Entscheidungen an diesem Wendepunkt unseren Weg für die Zukunft definieren werden.
Während der Spannungen des kalten Kriegs wurde
das Fundament für unser aktuelles Programm gelegt.
Während jener Tage der Unsicherheit gewährten die
Vereinigten Staaten ihren Verbündeten Schutz und
verfochten die Sache der Freiheit weltweit. Zusammmen mit ihren Verbündeten beharrten die Vereinigten
Staaten darauf, daß der Schlüssel zu weltweiter Stabilität der Auf recherhaltung einer wachsamen Verteidigung in Kombination mit der Bereitschaft beruhte,
potentielle Gegner in einen Prozeß einzubeziehen, der
- wenn er unsere Differenzen nicht löste - einen stabilen Rahmen zu ihrer Bewältigung aushandelte. Rüstungskontrolle war eine entscheidende Komponente
dieses Rahmens. Die Vereinigten Staaten forderten
jedoch auch, daß sich die Verhandlungen auf solide
Konzepte und Prinzipien gründeten, die bedeutsame
Abkommen hervorbrachten, nicht rhetorische Gesten,
die nichts zur Festigung der Stabilität beitrugen. Die
Konzepte und Prinzipien - wirksame Verifizierung,
gerechte Ergebnisse sowie strikte Einhaltung der
Vertragsbestimmungen - sind für die vor uns liegenden
wichtigen Rüstungskontrollbestrebungen weiterhin
entscheidend.
Obwohl die Tage des kalten Kriegs in der Tat häufig
düster waren, zeitigten sie jedoch auch Erfolge. Vor
dem Ende des kalten Kriegs traten die Vereinigten
Staaten über einem Dutzend wichtiger Rüstungskontrollabkommen bei, die sowohl die amerikanische als
auch die internationale Sicherheit verbesserten.
Diese Entwicklungen waren ein wesentlicher Beitrag
zu den positiven Veränderungen, die wir in jüngster
Vergangenheit beobachten konnten und boten eine
entscheidende Grundlage für die Architektur der neuen Weltordnung. Die Vereinigten Staaten sind stolz

Seite 2

auf ihre Bilanz der Rüstungskontrolle und überzeugt,
daß ihre Bestrebungen entscheidend dazu beigetragen haben, die Welt von der Möglichkeit einer atomaren Konfrontation in das heutige Zeitalter zu führen, in
dem die Aussichten für Frieden so vielversprechend
sind.
Es ist eine Binsenwahrheit, daß die Vergangenheit nur
ein Prolog der Zukunft ist. Unsere Arbeit ist nicht
getan, und ich möchte unsere aktuellen Rüstungskontrollpobleme erörtern sowie unsere Bestrebungen zu
deren Bewältigung zusammenfassen.
Strategische Nuklearwaffen
Bei den herkömmlichen Aspekten der Rüstungskontrolle besteht die erste Priorität der Vereinigten Staaten darin zu gewährleisten, daß die Errungenschaften
der START-Vertrags nicht verloren gehen. Der STARTVertrag zielt darauf ab, einschneidende stabilisierende
Verringerungen der strategischen Offensivwaffen der
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zu bewirken.
Der Vertrag enthält gleiche Obergrenzen und konzentriert sich auf die Begrenzung der destabilisierendsten
Waffen - das heißt, ballistischer Raketen. Einer der
wesentlichsten Beiträge von START zur Stabilität sind
die Zählregeln. Diese Regeln beinhalten striktere
Obergrenzen für Gefechtsköpfe auf ballistischen
Raketen, die schnell fliegen und im Gegensatz zu den
langsameren Bombern, die zurückgerufen werden
können, zur Abwehr eines Erstschlags gut geeignet
sind. Der START-Vertrag begrenzt ferner ballistische
Raketen durch zahlenmäßige Obergrenzen, insbesondere die 50prozenfjge Reduzierung schwerer ICBMs
der Sowjetunion - der destabilisierendsten strategischen Nuklearwaffen; das Verbot der Aufstockung der
Zahl von Gefechtsköpfen pro Rakete; eine Obergrenze für das Wurf gewicht insgesamt sowie eine Begrenzung der Erhöhung der Wurfgewichte.
Der START-Vertrag trägt darüber hinaus der Tatsache
Rechnung, daß in den letzten Jahren eine Revolution
im Hinblick auf Verifizierung und Rüstungskontrollabkommen stattgefunden hat. Die Verifizierungsmaßnahmen des Vertrags, die einen umfassenden Datenaustausch, gemeinsame Maßnahmen und Vor-OrtInspektionen einschließlich Überwachung von Umfeld
sowie Ein- und Ausgängen der Montageeinrichtungen
und peinlich genaue Vor-Ort-Inspektionen vorsehen,
sind ein wesentlicher Beitrag zur Überwachung durch
die nationalen technischen Mittel der Verifizierung.
Diese Maßnahmen sind heute anerkannte Prinzipien
der internationalen Rüstungsreduzierungen. Im Rahmen von START wurden sie erweitert. Sogar während
der Verhandlungsphase hat START neues Terrain
erschlossen. Bei der Erarbeitung von Verfahren zu
Vor-Ort-Inspektionen bei Wiedereintrittsflugkörpern
wurde probeweise Inspektoren beider Seiten gestattet, die Steuer- und Kontrolleinheit des Wiedereintrittsflugkörpers der wichtigsten ICBMs der jeweils
anderen Seite zu prüfen. Der Vertrag sieht eine Reihe

AMERIKA DIENST 41

�solcher Inspektionen vor, um sicherzustellen, daß
stationierte Raketen nicht mit einer größeren Anzahl
von Gefechtsköpfen als erlaubt bestückt werden. Ein
weiterer Aspekt sind Notifizierungen über Zentren zur
Verringerung des nuklearen Risikos. Im Rahmen von
START sollen sie um das 20fache derjenigen aufgestockt werden, die gemäß dem INF-Vertrag gefordert
werden.
Die Vereinigten Staaten beabsichtigen die Ratifizierung des START-Vertrags und gehen davon aus, daß
die Sowjetunion dasselbe tun wird. Unseres Erachtens liegt es im Interesse beider Parteien, die wichtigsten Reduzierungen und Verifizierungsverpflichtungen von START festzuschreiben. Trotz des Umbruchs
in ihrem Land hat die Sowjetunion die Absicht bekundet, ihren Rüstungskontrollverpflichtungen gerecht zu
werden. Die Verwirklichung von START wird die
Transparenz des Militärs und der Rüstungsindustrie in
der Sowjetunion erhöhen und darüber hinaus wirtschaftliche Ziele bei der Umrüstung von militärischem
Gerät ergänzen. Dies sind die Hauptziele der sowjetischen Reformer. Der START-Vertrag bietet ferner
eine solide Basis für Folgebestrebungen.
Am 27. September 1991 hat Präsident Bush seine
dramatische Initiative angekündigt, die das gesamte
Spektrum der amerikanischen Nuklearwaffen betrifft.
Er entschied, diese Initiative in die Wege zu leiten, um
Umfang und Art der nuklearen Stationierungen der
Vereinigten Staaten weltweit zu reduzieren, die Stabilität zu verbessern und die jüngsten tiefgreifenden
Veränderungen in der Sowjetunion zu nutzen.
Die Initiative des Präsidenten umfaßt folgende Maßnahmen:
Abzug und Zerstörung aller atomaren Artilleriegranaten sowie aller atomaren Gefechtsköpfe
für ballistische Raketen kurzer Reichweite,
Abzug aller taktischen Nuklearwaffen und atomaren Marschflugkörper auf Schiffen und Angriffs-U-Booten sowie der Nuklearwaffen auf
unseren landgestützen Marineflugzeugen. Das
bedeutet die Beseitigung aller nuklearen Marschflugkörper von amerikanischen Schiffen und
Unterseebooten sowie der Atombomben an Bord
von Flugzeugträgern,
Aufhebung des Alarmzustands für alle strategischen Bomber und deren gelagerte Waffen,
die unverzügliche Aufhebung der Alarmbereitschaft für alle ICBMs, die gemäß START deaktiviert werden sollen sowie ihre beschleunigte
Beseitigung, sobald START ratifiziert ist,
Einstellung des schienengestützten Peacekeeper-ICBM-Systems sowie der mobilen Komponenten der kleinen ICBMs,

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Einstellung der Angriffsraketen kurzer Reichweite und
Schaffung eines neuen amerikanischen strategischen Kommandos mit dem Ziel, die Führung
und Kontrolle aller strategischen Nuklearstreitkräfte zu verbessern.
Der Präsident hat die Sowjetunion aufgefordert, entsprechende Schritte zu unternehmen. Darüber hinaus
hat er vorgeschlagen, daß die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion so bald wie möglich Abkommen zur
Beseitigung aller landgestützten ICBMs mit Mehrfachgefechtsköpfen anstreben - den zweifelsohne destabisierendsten Systemen. Der Präsident hat die Sowjetunion ferner aufgefordert, ebenfalls konkrete Schritte
zu unternehmen, um die begrenzte Stationierung nichtnuklearer Verteidigungssysteme zum Schutz gegen
begrenzte Angriffe ballistischer Raketen gleich welcher Herkunft zu gestatten.
Die Vereinigten Staaten waren über die rasche und
positive Reaktion der sowjetischen Führung auf diesen
Vorschlag erfreut. Obwohl nicht alle Entscheidungen
und Ideen Präsident Gorbatschows unseren entsprechen, gibt es sehr viel gemeinsames Terrain, da sowohl
die Vereinigten Staaten als auch die Sowjetunion
entschieden haben, Schritte zur weiteren einschneidenden Reduzierung der Zahl und Art von Nuklearwaffen in beiden Arsenalen zu unternehmen. Wir haben
zu diesen Entscheidungen und Vorschlägen bereits
Gespräche in Moskau geführt und hoffen, daß der
Prozeß beschleunigt fortgesetzt wird. Das Ergebnis
der Initiative des Präsidenten sollte nicht weniger
dramatisch sein als die Veränderungen auf der Welt,
auf die er reagiert.
Für die Welt ist es jetzt offenkundig, daß die beiden
führenden Nuklearmächte begonnen haben, nach rund
40 Jahren die thermonukleare Leiter herabzusteigen.
Dies ist wirklich ein historischer Wendepunkt.
Konventionelle Streitkräfte in Europa
Das zweite wichtige Merkmal der gegenwärtigen
Rüstungskontrollandschaft ist der Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa. Der KSE-Vertrag ist
ein Meilenstein in der Geschichte von Bestrebungen
der Vereinigten Staaten und der NATO zum Aufbau
eines sichereren und stabileren Europas.
Dieser Vertrag stellt ein Gleichgewicht konventioneller
Streitkräfte in Europa auf niedrigeren Niveaus her und
beseitigt die Fähigkeit für Überraschungsangriffe oder
raumgreifende Offensiven mit konventionellen Waffen
auf einem europäischen Kriegsschauplatz. Der Vertrag wird die Belastung durch Waffen in Europa drastisch reduzieren und damit eine wichtige Ursache der
Instabilität in Europa beseitigen helfen. Er enthält
weitreichende Verifizierungsbestimmungen und institutionalisiert Transparenz und Offenheit. Kurzum: der

Seite 3

�KSE-Vertrag wird in einer Zeit der Unsicherheit und
des Wandels in Europa ein Fundament der Stabilität
und Berechenbarkeit legen und infolgedessen eine
feste Basis für zukünftige Kooperation sein.
Ost-West-Rüstungskontrolle ist ein wichtiges Ziel der
Vereinigten Staaten, weil es notwendig ist, sich der
Bedrohung durch Spannungen zu stellen, an denen
Länder mit Atomwaffenarsenalen oder konventionellen Streitkräften in Europa beteiligt sein könnten. Das
Kriegsrisiko in Europa ist gering, aber die Auswirkungen eines Krieges wären katastrophal. Die Vereinigten Staaten sind jedoch zunehmend besorgt über
Bedrohungen, Instabilitäten und gefährliche Fähigkeiten in anderen Teilen der Welt, wo das Kriegsrisiko
höher ist und die Gefahr der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen steigt. Zu diesen gefährdeten
Regionen zählen der Nahe Osten, die Halbinsel Korea
und der südasiatische Subkontinent. Aus dem KSEVertrag resultierende Stabilisierungsmaßnahmen und
die verschiedenen Vertrauens- und sicherheitsbildenden Maßnahmen der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa lassen sich nicht unbedingt auf andere Regionen übertragen. Sie können
jedoch als Quelle der Inspiration und Erfahrung für
angemessene Arrangements außerhalb Europas dienen. Wir verdoppeln unsere Bestrebungen, um einen
solchen Ansatz zum Abbau regionaler Spannungen zu
fördern.
Bestrebungen zur Nichtverbreitung
Darüber hinaus steht die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrenTrägersystemen auf unserer Tagesordnung zur Rüstungskontrolle ganz oben.
Jüngste Entdeckungen der UNO-Teams bei der Inspektion von Einrichtungen zur Herstellung nuklearer,
chemischer und biologischer Waffen sowie ballistischer Raketen im Irak können niemanden gleichgültig
über die Herausforderung lassen, die sich uns mit der
Notwendigkeit zur Eindämmung der Verbreitung dieser gefährlichen und destabilisierenden Waffen stellt.
Die Bestrebungen der Vereinigten Staaten zur Drosselung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen haben eine lange Geschichte, die mit dem BaiuchPlan von 1946 ihren Anfang nimmt. Diese Bestrebungen umfassen den Schwellenvertrag, die Konvention
über biologische Waffen, die Einrichtung des Kontrollregimes für Raketentechnologie, die Australien-Gruppe und die laufenden Genfer Verhandlungen über ein
weltweites Verbot chemischer Waffen.
Heute verfolgen die Vereinigten Staaten bei der Nichtverbreitung eine vielschichtige Strategie: erstens werden
bestehende Regime zur Nichtverbreitung gefördert,
indem wir multinationale Nichtverbreitungsregime
einhalten und ihnen beitreten. Zweitens leiten wir neue
Initiativen ein, wie die Begrenzung konventioneller
Waffen und den Austausch von Informationen, wobei
wir uns angemessener Ansätze in der Rüstungskon-

Seite 4

trolle bedienen, die den Anreiz zum Erwerb von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme reduzieren.
Die Vereinigten Staaten legen seit langem großen
Wert darauf, die Verbreitung von Nuklearwaffen zu
verhindern. Wir engagieren uns für die bessere Durchführung des Schwellenvertrags (Non-Proliferation Treaty
- NPT) und bemühen uns um seine unbegrenzte
Verlängerung bei der NPT-Konferenz 1995, deren
Vorbereitungen 1993 beginnen sollten. Besonders
ermutigt uns der Beitritt von vier afrikanischen Ländern
;,i diesem Jahr - Südafrika, Tansania, Sambia und
Zimbabwe. Femer haben kürzlich Frankreich und
China - beides Atommächte - ihre Absicht bekundet,
dem Vertrag beizutreten. Darüber hinaus freuen wir
uns, daß Litauen am 23. September 1991 Vertragspartei wurde. Wir sehen der Teilnahme neuer Parteien am
Nichtverbreitungsregime und dem baldigen Beitritt der
noch unschlüssigen Parteien entgegen. Wir engagieren uns auch für die Förderung der Internationalen
Atomenergie-Organisation und ihrer wichtigen Sicherungssysteme.
Unsere Bestrebungen, die Verbreitung von destabilisierenden Raketen zu verhindern, konzentrieren sich
auf das Kontrollregime zur Raketentechnologie (Missile Technology Control Regime - MTCR). Die Kooperation unter den 17 Mitgliedstaaten des MTCR ist
unabdingbar, um eine Reihe besorgniserregender
Raketenprojekte in instabilen Regionen aufzuhalten
oder zu Fall zu bringen. Wichtige Prioritäten von
MTCR werden weiterhin darin bestehen, Lieferanten
(Nichtmitglieder) von der Vermeidung von Technologieexporten, die die Kontrolle des Regimes zur Nichtverbreitung unterminieren und von einer Mitgliedschaft
zu überzeugen.
In der US-Außenpolitik hat ein weltweites Verbot
chemischer Waffen - meines Erachtens der beste Weg
zur Kontrolle solcher Waffen - weiterhin hohe Priorität.
Als vordringliche Angelegenheit fordern die Vereinigten Staaten alle Länder auf, gemeinsam mit ihnen am
baldigen Abschluß der Verhandlungen über das weltweite Verbot chemischer Waffen und der Einhaltung
der Konvention über biologische- und Toxinwaffen zu
arbeiten. Dennoch stellen die Verbreitung chemischer
Waffen und der Einsatz solcher Waffen eine unmittelbare Bedrohung der Sicherheit dar und erschweren
das Ziel eines weltweiten Verbots. Deshalb bemühen
wir uns weiterhin um den Abschlu ß der Verhandlungen
über ein Verbot und unternehmen nach wie vor einseitige und gemeinsame Maßnahmen zur Förderung
dieser Verhandlungen und Verhinderung der Verbreitung und des Einsatzes chemischer Waffen.
Im Rahmen unserer erweiterten Initiative zur Kontrolle
der Verbreitung sind nunmehr Exportlizenzen für
Chemiefabriken und ihre Planung, Geräte zur Herstellung chemischer und biologischer Waffen sowie für 50
Vorläufer chemischer Waffen erforderlich. Ferner

AMERIKA DIENST 41

�haben wir die Kontrolle und die Verantwortung für
Geräte und Technologietransfers in Fällen verschärft,
bei denen ein Exporteur davon Kenntnis hat oder von
der US-Regierung darüber informiert wurde, daß ein
bestimmter Export zur Planung, Entwicklung oder
Herstellung von Raketen sowie chemischen oder biologischen Waffen bestimmt ist. Darüber hinaus werden nach dem Gesetz der Vereinigten Staaten amerikanische Staatsbürger bestraft, die wissentlich ausländische Programme zur Herstellung von Raketen
und chemischen oder biologischen Waffen unterstützen.
Auf multilateraler Ebene beteiligen sich die Vereinigten
Staaten aktiv an internationalen Bestrebungen zur
Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen. Die
Vereinigten Staaten konsultieren informell mit 20
westlichen Ländern über Wege und Mittel zur Bewältigung der Verbreitung und des Einsatzes chemischer
Waffen. Diese informelle Gruppe unter dem Vorsitz
Australiens wurde 1984 ins Leben gerufen als Reaktion auf den Einsatz chemischer Waffen im Krieg
zwischen Iran und Irak. In jüngster Zeit sind Mitglieder
der Gruppe übereingekommen, ihre nationalen Kontrolle zu erweitem, damit sie auch Geräte zur Herstellung chemischer Waffen einbezieht.
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß wir uns weiterhin für den baldigen Abschluß einer C-Waffen-Konvention als dem besten Mittel zur Bewältigung der
Verbreitung chemischer Waffen engagieren. Dieses
Engagement wurde durch Präsident Bushs Erklärung
im Mai dieses Jahres über weitere Schritte zur Beschleunigung der Genfer Verhandlungen bekräftigt.
Insbesondere hat der Präsident angekündigt, daß die
Vereinigten Staaten unmittelbar nach Inkrafttreten der
C-Waffen-Konvention dem Einsatz von C-Waffen formell, einschließlich von Vergeltungsschlägen mit CWaffen gegen irgendein Land, unter allen Umständen
entsagen würden. Darüber hinaus verpflichten sich
die Vereinigten Staaten zur Zerstörung ihrer C-Waffen-Arsenale innerhalb von zehn Jahren nach Inkrafttreten der Konvention.
Femer haben wir unsere Bereitschaft zum Austausch
von Technologie bekundet, um die sichere Zerstörung
von C-Waffenarsenalen auf der ganzen Welt zu gewährleisten. Gemeinsam mit anderen Ländern haben
die Vereinigten Staaten in diesem Sommer in Genf
einen praktischen Vorschlag für Vedachtsinspektionen vorgelegt, einem Schlüsselelement bei C-Waffen,
mit dem der Abschlu ß der Konvention in unserer Macht
steht. Wirfordern die Abrüstungskonferenz auf, die CWaffen-Konvention bis Ende Mai 1992 abzuschließen
und bitten alle anderen Länder, Mitglied zu werden.
Die dritte Überprüfungskonferenz der Konvention über
biologische und Toxinwaffen wurde kürzlich in Genf
abgeschlossen. Aus dem Blickwinkel meiner Regierung war die Konferenz ein Erfolg. Das von der
Überprüfungskonferenz verabschiedete Paket vertrauAMERIKA DIENST 41

ensbildender Maßnahmen wird Transparenz, Offenheit und damit das Vertrauen in die Konvention erheblich steigern, und wir fordern alle Parteien auf, an der
Durchführung dieser vertrauensbildenden Maßnahmen mitzuwirken. Zu anderen wichtigen Vereinbarungen zählten verbesserte Verfahrensweisen für Konsultation und Kooperation zur Abschreckung von Vertragsverletzungen. Ferner wurde bei der Konferenz
entschieden, eine Ad-hoc-Expertengruppe solle zusätzlich zu vereinbarten Maßnahmen - die wissenschaftlichen und technischen Aspekte potentieller
Verifizierungsmaßnahmen untersuchen. Die Teilnehmern bekräftigten darüber hinaus erneut die Bedeutung der Einhaltung aller mit der Konvention eingegangener Verpflichtungen. All diese Maßnahmen spiegeln die Erkenntnis der internationalen Staatengemeinschaft wider, biologische Waffen seien keine
abstrakte, sondern eine sehr reale Bedrohung, und die
internationale Staatengemeinschaft müsse etwas
dagegen tun.
Erfahrungen im Irak und Im Nahen Osten
Die Erfahrung der Welt mit dem Irak im vergangenen
Jahr betont die Gefahr der Verbreitung und unterstreicht die Bedrohung, der wir uns alle stellen müssen, um sie zu verhindern. Die Resolutionen des UNSicherheitsrats 687, 707 und 715 liefern das weitreichendste Regime zur Beseitigung und Verifizierung
von Waffensystemen, das jemals entwickelt wurde.
Sie verfügen nicht nur ein Waffenembargo für den Irak
sondern auch ein aggressives Inspektionsregime, das
von den Vereinten Nationen und der IAEO zur Beseitigung chemischerund biologischer Waffen, bestimmter Raketen und jetzt vom Irak enthüllter Atomwaffenprogramme durchgeführt wird. Darüber hinaus richtet
es ein langfristiges Überwachungsprogramm ein, um
den Irak an der Aufrüstung seiner konventionellen
Waffen zu hindern. Die Welt ist abhängig von der
demonstrativen Entschlossenheit der Vereinten Nationen, um ein hartnäckiges Außenseiterregime davon
abzuhalten, andere mit Massenvernichtungswaffen zu
bedrohen. Wir müssen uns jedoch darüber im klaren
sein, daß die gegenwärtigen Ereignisse im Irak die
Konsequenz der gescheiterten Aggression sind. Es
handelt sich dabei nicht um freiwillige Rüstungskontrolle.
Auf der anderen Seite umfaßt das von mir bereits
vorgestellte Rüstungskontrollprogramm Herausforderungen und neue Möglichkeiten im gesamten Nahen
Osten. Um effektiv zu sein, müssen Rüstungskontrollarrangements auf militärische Risiken in einer von
Krieg zerrütteten Region eingehen, wo sogar die ersten kleinen Schritte schwierig und komplex sind. Ein
wichtiges erstes Ziel werden grundsätzliche vertrauensbildende Maßnahmen sein. Ebenso wie solche
Rüstungskontrollmaßnahmen zum Abbau der Spannungen zwischen Ost und West beigetragen haben,
können sie auch dem Friedensprozeß im Nahen Osten
helfen. Rüstungskontrolle kann einen vollständigen
Seite 5

�Friedensprozeß natürlich nicht ersetzen, aber sie bietet Möglichkeiten für den Dialog und ein schrittweises
Mittel, um Absichten zu testen. Auch die Länder weit
außerhalb der Regio nmüssen eine nützliche Rolle
spielen.
Vor diesem Hintergrund hat Präsident Bush im Mai
eine Rüstungskontrollinitiative für diese Region vorgelegt. Im Rahmen dieser Initiative wollen die fünf
Länder, die vielleicht 85 Prozent aller konventionellen
Waffen in den Nahen Osten liefern, Richtlinien für
Waffenlieferungen in die Region erarbeiten. Schließlich stellen wir uns ein umfassendes Regime vor, das
Verantwortung bei den Lieferungen und effektive
Exportkontrollen betont. Zum Umgang mit der nuklearen Gefahr in der Region hat der Präsident vorgeschlagen, daß die Länder des Nahen Ostens als ersten
Schritt ein verifizierbares Verbot zur Herstellung in
Waffen einsetzbaren angereichertem Uran oder gespaltenem Plutomium erlassen. Alle Einrichtungen
zur Herstellung nuklearer Waffen in der Region müßten sich an die Vorschriften der IAEO halten. Schließlich hat Präsident Bush vorgeschlagen, die Beschaffung, Herstellung und Erprobung von Boden-BodenRaketen von Ländern des Nahen Ostens einzufrieren.
Femer möchten die Vereinigten Staaten, daß diese
Raketen und alle Massenvernichtungswaffen in der
Region vollständig beseitigt werden.
Die Vereinten Nationen befinden sich in der ausgezeichneten Lage, die Realisierung dieser Ziele zu
fördern. Ihr Einfluß war niemals größer, sie waren der
Verwirklichung ihrer Ziele niemals näher.
Die Vereinten Nationen können eine wichtige Rolle bei
der Förderung einer zunehmend dynamischen Rolle
der Rüstungskontrolle bei der Verhinderung und Begrenzung von Konflikten spielen. Ein großer Teil der
anstehenden Arbeit betrifft Aufklärung. Mit ihren internationalen Mitgliedern und ihrer neugewonnenen Vitalität sind die Vereinten Nationen in einer guten Position, um krisengeschüttelte Länder von der Notwendigkeit zu überzeugen, Ungleichgewichte bei Waffen
zu verhindern und Auswüchse zu regulieren, bevor sie
tatsächlich Instablität hervorrufen. Ebenso wie die
Vereinten Nationen die Welt von den Pocken befreit
haben, sollten sie dazu beitragen, die Geißel chemischer und biologischer Waffen und die Bedrohung
unverantwortlicher Aufrüstung auszurotten.
Herr Vorsitzender, meine Behörde - das Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung - feiert ihr 30jähriges
Bestehen, und deshalb blicken die Vereinigten Staaten zurück auf die Rolle, die Rüstungskontrolle und
Abrüstung bei der Entwicklung der nationalen Sicherheitspolitik der Vereinigten Staaten und bei den Bestrebungen zur Förderung internationaler Sicherheit
gespielt haben.

*

Seite 6

*

Welchen Erfolg wir auch gehabt haben mögen - die
Verdienste müssen mit anderen geteilt werden. Ebenso wie die Vereinigten Staaten haben viele Länder durch die Führungskraft ihrer Regierungen und die
öffentlichen Debatten ihrer Bürger- Rüstungskontrolle
zu einem zentralen Punkt nationaler Strategie und
nationaler Ziele gemacht. Unser Engagement für den
Erfolg dieser Bestrebungen ist eng mit unserem Glauben verbunden, daß Demokratie, Frieden und Stabilität Hand in Hand gehen.
Auch wenn wir Zeuge der Beilegung alter Feindschaften zwischen Ost und West werden, beobachten wir,
wie diese von - einigen neuen, anderen tief verwurzelten - Feindseligkeiten in anderen Teilen der Welt
abgelöst werden. Zur gleichen Zeit, da einmalige
Chancen zum Aufbau des Friedens in Europa am
Horizont erkennbar sind, nehmen wir die dunklen
Schatten regionaler und ethnischer Konflikte wahr.
An diesen Ereignissen beunruhigt die Tatsache, daß
einige der vehementsten Befürworter der Rüstungskontrolle - solange sie auf die großen Mächte beschränkt ist - oftmals am meisten zögern, sich für
substantielle Rüstungskontrollbestrebungen in ihrer
eigenen Region zu engagieren. Diese Verfechter der
Reduzierung von Waffen anderer messen mit zweierlei Maß, weil sie keinen Sinn darin sehen, ihre eigenen
Waffen zu reduzieren.
Das Rüstungskontrollprogramm der Zukunft ist bereits
geschrieben. Es verspricht sich von dem der Vergangenheit zu unterscheiden. Es ist zunehmend klar, daß
diejenigen, die sich am stärksten am bisherigen Rüstungskontrollprogramm beteiligt haben, die neue
Tagesordnung nicht allein tragen können. Was die
Vereinigten Staaten betrifft, werden wir weiterhin zu
den Puristen der Rüstungskontrolle zählen, aber die
Verantwortung liegt nicht allein bei uns. Das künftige
Rüstungskontrollprogramm erfordert, daß sich die
Staaten in anderen Regionen der Welt - insbesondere
in Gebieten, in denen aufgrund von Unruhen und
Konflikte Gewalt und Chaos drohen - in Wort und Tat
engagieren.
Die internationale Staatengemeinschaft beginnt zu
begreifen, daß Sicherheitskonzepte, wenn sie wirklich
Bedeutung haben sollen, weitreichender sein müssen
und nicht nur die Anzahl der Waffen in nationalen
Arsenalen erfassen dürfen. Darüber hinaus müssen
sie wirtschaftliches Wohlergehen, Lebensqualität,
Menschenrechte und Freiheiten umfassen.
Der Zug verläßt den Bahnhof. Sein Ziel ist mehr
Freiheit, stabile Demokratie, wirtschaftlicher Wohlstand, gemeinsame Sicherheit und ein gerechter Frieden. Immer mehr Länder springen auf, um diese
aufregende Reise zu unternehmen, die unsere Phantasie stark beflügelt. Wir hoffen inständig, daß niemand zurückbleiben muß. Wir haben unsere Wahl
getroffen - jetzt müssen andere ihre Wahl treffen.
* *
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�IWF/WELTBANK
23. Oktober 1991

BRADY FORDERT REFORM VON IWF UND WELTBANK
Rede des Finanzministers vor IWF und Weltbank
BANGKOK - (AD) - Dem amerikanischen Finanzminister Nicholas Brady zufolge erfordern die Entwicklungen
in Osteuropa und der Sowjetunion eine Änderung der Organisation des Internationalen Währungsfonds (IWF)
und der Weltbank.
Diese Institutionen müssen "eine Partnerschaft mit dem Privatsektor entwickeln", um den aufstrebenden
Demokratien zu helfen, die Basis für Marktwirtschaften zu schaffen, erklärte Brady am 15. Oktober 1991 in seinen
Ausführungen bei der Jahresversammlung von IWF und Weltbank.
Er forderte die Weltbank zur Änderung ihrer Statuten auf, um direkte Kreditvergaben an den Privatsektor zu
ermöglichen.
Brady stellte fest, IWF und Weltbank müßten über einen längeren Zeitraum hinweg Experten in die Region
entsenden, um grundlegende Kenntnisse über die Führung von Privatunternehmen und den Aufbau einer
funktionsfähigen Rechtsgrundlage für diese Unternehmen zu vermitteln.
"Diese Unterstützung kann nicht gewährt werden, wenn man nur mit den Zentralregierungen verhandelt", erklärte Brady. "Die Mitarbeiter von IWF und Weltbank werden die Vertreter des Privatsektors und der Kommunen
beraten und ausbilden müssen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Finanzminister Brady im Wortlaut.

Zunächst möchte ich den Dank unserer Delegation für
die Gastfreundschaft unserer thailändischen Gastgeber zum Ausdruck bringen. Hier in Bangkok wird uns
die wirtschaftliche Dynamik Asiens und die zunehmende Bedeutung der Region für unsere wirtschaftliche
Zukunft vor Augen geführt.
Ich möchte die neuesten Mitglieder von IWF und
Weltbank willkommen heißen: Albanien und die
Mongolei. Ferner begrüße ich die Gäste aus dem
Baltikum und der Sowjetunion.
Wir kommen an einem Wendepunkt der Geschichte
zusammen. Marktorientierte Systeme, die bessere
Wirtschaftsleistung und höhere Lebenstandards bewirken, verbreiten sich zunehmend. Länder in allen
Regionen der Welt - jetzt auch die Sowjetunion ändern ihren Kurs. Wir entdecken Chancen, die uns
bisher verwehrt waren: internationale wirtschaftliche
Integration, Kooperation und Wohlstand.
Diese Entwicklungen konfrontieren die internationalen
Finanzinstitutionen mit einer beispiellosen Herausforderung. Zwangsläufig werden diese Institutionen in
entscheidendem Maße für Erfolg oder Mißerfolg der
Bestrebungen zur Integration ehemaliger KommandoAMERIKA DIENST 42

und Planwirtschaften in das internationale Marktsystem verantwortlich gemacht. Ob Sie wollen oder nicht
- dies ist die Realität.
Die Schwierigkeiten dieser Umgestaltung sollten nicht
unterbewertet werden. Es gibt keine erprobten Patentrezepte für den Übergang von einem zentral gelenkten
Kommandosystem zu einer erfolgreichen Marktwirtschaft. Es liegt jedoch auf der Hand, daß dieser
Übergang ein tiefgreifender, allumfassender Prozeß
ist. Jeder Bereich der Wirtschaftsaktivität und -politik
ist betroffen.
Diese Realität wirft eine wichtige Frage auf. Sind wir
dieser Aufgabe gewachsen? Um sich dieser Herausforderung zu stellen, müssen die internationalen Finanzinstitutionen zur Anpassung bereit sein. Sie müssen
ihre Einstellungen ändern, ihre Zielsetzungen erweitem und ihre Hilfsmöglichkeiten verbessern. Und sie
müssen diesen Prozeß unverzüglich in Angriff nehmen.
Vor kurzem haben IWF und Weltbank ihre Fähigkeit
zur Flexibilität bei der Reaktion auf bestimmten Bedarf
unter Beweis gestellt. Während des Golfkonflikts und
im Anschluß daran haben sie rasch gehandelt, um
Seite 1

�Ressourcen für die am schwersten betroffenen Länder
bereitzustellen. Der IWF hat unverzüglich Ressourcen
über die Fazilität zur kompensierenden Finanzierung
von Exporterlösausfällen (Compensatory and Contingency Financing Facility - CCFF) ausgezahlt, um den
Ländern zu helfen, die Kosten der irakischen Aggression zu bewältigen. Die Weilbank erweiterte ihre
Kreditvergabeprogramme und beschleunigte die Auszahlungen, um die sektorale Anpassung und die
Umsiedlung von Flüchtlingen zu unterstützen.

Die Aufgaben lauten folgendermaßen:
1.

Die Einstellung gegenüber der Schaffung von
Wohlstand muß geändert werden, um die Dynamik des Privatsektors freizusetzen. Frjeie Unternehmen und freies Unternehmertum heißt,
daß Unternehmen und Unternehmer ungehindert den Erfolg anstreben können. Staatliche
Anordnungen sind kein Ersatz für Privatinitiative.

In Osteuropa waren IWF und Weltbank Vorreiter bei
Bestrebungen zur Förderung von freien Marktwirtschaften und Demokratie. Mit der Unterstützung von
IWF und Weltbank führen diese Länder Reform- und
Stabilisierungsprogramme durch. Die finanziellen
Verpflichtungen des IWF für Bulgarien, die Tschechoslowakei, Ungarn, Polen und Rumänien beliefen sich
im Jahr 1991 auf insgesamt 8 Milliarden Dollar. Die
Verpflichtungen der Weltbank für Osteuropa betrugen
im Haushaltsjahr 1991 über 2,6 Milliarden Dollar.

2.

Die Länder benötigen Hilfe beim Aufbau grundlegender privater und staatlicher Wirtschaftsinstitutionen, wie etwa der Entwicklung von Kapitalmärkten sowie Bank- und Rücklagensystemen.

3.

Sie benötigen grundlegende Ausbildung bei der
Führung profitabler Unternehmen, die auch die
besonderen Berufszweige der Kalkulation, Vertragsverhandlungen, des Vertriebs und Marketings einbeziehen.

4.

Sie benötigen praktischen Rat bei der Verwaltung eines soliden Finanzsystems: Richtlinien
zur Festsetzung und zum Einzug der Steuern,
einen Haushaltsmechanismus für die öffentliche Hand, Zollämter an den Grenzen und eine
Datenbank.

5.

Und schließlich benötigen sie Unterstützung
beim Aufbau einer funktionsfähigen Rechtsgrundlage für Privatuntemehmen einschließlich
eines durchführbaren Vertragssystems.

IWF und Weltbank haben eine besondere Assoziierung mit der Sowjetunion geschaffen, um diesem Land
zu helfen, die drängenden Probleme der tiefgreifenden
Reform zu bewältigen. Wir begrüßen diese besondere Assoziierung und hoffen, es wird keine Mühe gescheut, in den vor uns liegenden Tagen hart zu arbeiten. Auch wir sind davon überzeugt, daß der Status
der besonderen Assoziierung den Weg zur Vollmitgliedschaft in beiden Institutionen ebnen wird.
In der Sowjetunion und Osteuropa sehen wir uns mit
der radikalsten Wirtschaftsreform der Nachkriegszeit
konfrontiert. Die Suche nach neuen Werten hat ihren
Preis. Diese Länder haben eine bewußte Entscheidung für eine rasche Umstellung von einem politischen
und wirtschaftlichen System auf ein anderes getroffen.
Sie schreiben im wahrsten Sinne des Wortes alle
Regeln neu. Mein Besuch in der Sowjetunion im
vergangenen Monat erinnerte mich an die Kolonialzeit
in Amerika: ein neuer Anfang und eine neue Regierungsform. Vor über 200 Jahren begannen die Vereinigten Staaten mit dem Aufbau stabiler Institutionen ein Prozeß, der Jahre bis zu seiner Vervollständigung
bedurfte. Dennoch versucht die Sowjetunion, eine
ähnliche Aufgabe in nur wenigen Monaten zu bewältigen.
Den internationalen Finanzinstitutionen wird bei der
Förderung dieses Übergangs eine besondere Rolle
zukommen. Bei der Definition dieser Rolle müssen wir
den Bedürfnissen der Länder im Umbruch Rechnung
tragen. Es steht au ßer Frage, daß ein Teil des Bedarfs
durch den traditionellen Ansatz von IWF und Weltbank
abgedeckt wird: Beratung bei der Formulierung umfassender wirtschaftspolitischer Programme sowie
Finanzhilfe zur Förderung dieser Programme. Sie
benötigen jedoch auch grundlegende Hilfsleistungen,
die weit über die gewöhnlichen Anpassungsprogramme hinausgehen.

Seite 2

Dies sind die Grundpfeiler einer erfolgreichen Marktwirtschaft. Wirwerden dieser Aufgabe nur gewachsen
sein, wenn Weltbank und IWF auf diesen institutionellen Rahmen aufbauen und makroökonomische Reformen einführen. Um dies zu verwirklichen, müssen die
Bretton Woods-Institutionen eine Partnerschaft mit
dem Privatsektor entwickeln, um ihr Know-how beim
Aufbau solider Grundlagen für Marktwirtschaften in
diesen Ländern zum Tragen zu bringen.
Um Unterstützung in all diesen Bereichen zu gewähren, müssen IWF und Weltbank neue Betriebsformen
entwickeln. Kurze Besuche von Delegationen zur
Aushandlung von Anpassungsprogrammen mit den
Zentralregierungen sind nicht genug.
IWF und Weltbank werden in ihren Programmen dem
Humankapital sehr viel größere Aufmerksamkeit widmen müssen. Sie werden Experten für einen längeren
Zeitraum ins Land entsenden müssen. Sie werden auf
Vertreter der Regierung, Unternehmen, Banken, Justiz und Universitäten zurückgreifen müssen.
IWF und Weltbank werden ferner ihre Kontakte im
Land auf alle Regierungsebenen ausweiten müssen.
Diese Unterstützung kann nicht gewährt werden, wenn
man nur mit den Zentralregierungen verhandelt. Die

AMERIKA DIENST 42

�Mitarbeiter von IWF und Weltbank werden die Vertreter des Privatsektors und der Kommunen beraten und
ausbilden müssen.
Zu Recht wurde die Frage aufgeworfen, ob diese
Konzentration auf die osteuropäischen Länder und die
Sowjetunion zu einer Kürzung der Ressourcen für die
traditionellen Nutznießer führen wird. Sowohl die
Weltbank als auch der IWF haben eine gute Kapitaldecke, und ich sehe keinen Grund, warum es irgendeine Verringerung des Kapitalflusses geben sollte. Die
Ressourcen werden entsprechend unserer Aufgaben
verteilt.
Andere haben die Frage gestellt, ob aufgrund der
vermehrten Aufmerksamkeit für die Probleme der
Sowjetunion und Osteuropas die den herkömmlichen
Nutznießern von IWF und Weltbank zur Verfügung
gestellte technische Hilfe gekürzt wird. Legitime bisherige Prioritäten sollten nicht betroffen sein. Darüber
hinaus sollte der Beitrag zur internationalen Stabilität
den großen wie den kleinen Ländern diesen Preis wert
sein.
In anderen Regionen der Welt werden IWF und Weltbank ihrer Verantwortung gerecht, indem sie eine
entscheidende Rolle beim Erfolg der internationalen
Schuldenstrategie spielten. Im Rahmen dieser Strategie haben IWF und Weltbank Marktreformen ermutigt
und den unterschiedlichen wirtschaftlichen Gegebenheiten in mehreren Schuldnerländem angepaßte Pakete
mit den Geschäftsbanken ausgehandelt. Mexiko,
Chile und Venezuela erfreuen sich jetzt wieder des
Zugangs zu internationalen Kapitalmärkten, neuen
Investitionen und Rückkehr des Fluchtkapitals. Noch
vor kurzem steckten sie bis zum Hals in Schulden.
Als Ergänzung zu den Vorteilen des Pakets zum
Schuldenabbau mit den Geschäftsbanken im Rahmen
der Schuldenstrategie für bei den Geschäftsbanken
hochverschuldete Länder sieht Präsident Bushs Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern
Amerikas für in Frage kommende Länder in Lateinamerika und der Karibik einen Abbau der Schulden
seitens der US-Regierung vor. Chile, Jamaica und
Bolivien wurden im Rahmen dieses Programm bereits
erste Vorteile verschafft. Die Interamerikanische
Entwicklungsbank (Inter-American Development Bank
- IDB) hat ein neues Kreditvergabeprogramm für den
Investitionssektor in die Wege geleitet, um Reformen
bei Investitionen in Entwicklungsländern zu fördern.
Die Vereinigten Staaten haben darüber hinaus einen
Multilateralen Investmentfonds vorgeschlagen, um den
Volkswirtschaften in der Region bei der Anpassung an
den internationalen Wettbewerb behilflich zu sein. Die
Vereinigten Staaten und Japan beabsichtigen, jeweils
500 Millionen Dollar für den Fonds bereitzustellen. Wir
erwarten, daß sich auch andere Länder in absehbarer
Zukunft an diesen Bestrebungen beteiligen werden.

AMERIKA DIENST 42

In den ärmsten Ländern einschließlich Afrikas südlich
der Sahara stellen IWF und Weltbank konzessionäre
Ressourcen zur Verfügung, um anhaltendes Wachstum zu fördern und die Armut zu lindern. Einige dieser
Länder haben das Blatt gewendet. Ihr Beispiel bestätigt, daß marktorientierte Reformen in allen Phasen
der Entwicklung möglich und nützlich sind. Die Vereinigten Staaten haben ihrerseits im vergangenen Jahr
konzessionäre Schulden dieser Länder in Höhe von
2,3 Milliarden Dollar erlassen. Darüber hinaus unterstützen wir die Erweiterung der Liste der für die Erweiterte Strukturanpassungsfazilität (Enhanced Structural Adjustment Facility - ESAF) in Frage kommenden
Länder, um die Kapazitäten des Fonds zur Unterstützung von Ländern mit niedrigen Einkommen aufzustocken.
IWF und Weltbank müssen für ihr Umweltengagement
beglückwünscht werden. Ich stimme mit den Ausführungen von Ministerpräsident Anand heute morgen
überein, daß wir uns alle um unsert- und zukünftiger
Generationen willen für die Umwelt engagieren müssen. Darüberhinaus muß der Linderung der Armut und
der Rolle der Frau in den Entwicklungsländern vermehrte Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Wir
müssen kontinuierliche Fortschritte an diesen Fronten
sicherstellen.
Es ist an der Zeit für IWF und Weltbank, ihre Unterstützung des Privatsektors zu verstärken. Die Weltbank
prüft, welche Veränderungen bei den vereinbarten
Artikeln vorgenommen werden müssen, um direkte
Kreditvergaben an den Privatsektor vornehmen zu
können. Wenn die Länder den Besitz von Unternehmen an den Privatsektor übergeben, werden einzelne
Firmen im Prozeß der Privatisierung Ressourcen von
der Weltbank benötigen. Die Rolle der Weltbank bei
der Unterstützung der Wirtschaftsentwicklung steht
auf dem Spiel. Aus diesem Grund freuen wir uns, die
Kapitalaufstockung der Internationalen Finanz-Corporation (IFC) in Höhe von 1 Milliarde Dollar sowie damit
einhergehende Maßnahmen für den Privatsektor unterstützen zu können.
Der zunehmende finanzielle Bedarf in den Schuldnerländern, Osteuropa und den ärmsten Ländern bedingt,
daß den internationalen Finanzinstitutionen umfangreiche Ressourcen zur Verfügung stehen. Aus diesem
Grund unterstützen die Vereinigten Staaten die Quotenerhöhung des IWF zur Erfüllung seiner finanziellen
Verpflichtungen uneingeschränkt.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich nochmals betonen, daß die
internationalen Finanzinstitutionen jetzt Programme
für die wirtschaftliche Umgestaltung und das letztliche
Ziel eines einheitlichen internationalen Wirtschaftssystems durchführen müssen. Die Aktivitäten von IWF

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�und Weltbank müssen angepaßt und erweitert werden, während dieses beispiellose weltweite Wirtschaftspotential in greifbare Nähe rückt. Wir müssen die sich
durch die praktisch vollständige Mitgliedschaft in diesen Institutionen und die Verabschiedung marktorientierter Prinzipien bietenden Chancen nutzen. Die
Führungsrolle von IWF und Weltbank kann die gemeinsame Wirtschaftsphilosophie in gerneinsamen
Wohlstand umsetzen.
*

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*

Selten in der Geschichte der Menscheit war die internationale Staatengemeinschaft mit einer solchen
Gelegenheit konfrontiert wie wir heute. Mit Phantasie,
Entschlossenheit, mit Vision und Mut steht es meines
Erachtens in unserer Macht, diesen Augenblick zu
nutzen und diese Vision des Wohlstands und der
Harmonie, von dem ich gesprochen habe, Realität
werden zu lassen. Ich glaube, wir sind dieser Aufgabe
gewachsen.

*

*

AMERIKA DIENST 42

�PORTRAT
23. Oktober 1991

BUSH NOMINIERT VERWALTUNGSJURISTEN
FÜR DAS AMT DES JUSTIZMINISTERS
Porträt von William Barr
WASHINGTON - (AD) - Der Kandidat des Präsidenten für das Amt des nächsten Justizministers der Vereinigten Staaten ist ein Verwaltungsjurist, der in seiner Laufbahn eher Umgang mit rechtlichen und administrativen
Fragen hatte als mit Politik.
Bei der Ankündigung von Barrs Nominierung am 16.
Oktober 1991 erklärte Bush, er habe eine Person
ausgewählt, die "durch und durch professionell, darüber hinaus Verfechter der Rechte des einzelnen ist und
sich der Bekämpfung von Verbrechen verschrieben
hat."
Der 41jährige Barr würde Richard Thornburgh als
Leiter des Justizministeriums ablösen. Für dieses Amt
muß er mehrheitlich durch den Senat bestätigt werden.
Barr wuchs in New York City auf, wo er 1973 einen
Magister an der Columbia University erwarb. Er zog
nach Washington und besuchte die juristische Fakultät
der George Washington University in Abendseminaren. Nach seinem Examen arbeitete Barr als Jurist
beim US-Nachrichtendienst CIA. 1978 ließ er sich als
Anwalt nieder.
Barr trat 1982 der Reagan-Regierung bei, wo er im Rat
für Innenpolitik im Weißen Haus als Jurist tätig war.
1989 wechselte erzurBush-Regierung, wurde Staatssekretär im Justizministerium und damit verantwortlich
für das Büro für Rechtsberatung, das dem Weißen
Haus und den Exekutivbehörden des Präsidenten
Rechtshilfe leistet.
1990 wurde Barr Stellvertretender Justizminister und
damit zweiter Mann im Justizministerium. Die Mitarbeiter des Ministeriums lobten seine Gesprächsbereitschaft über Angelegenheiten des Ministeriums. Als
Thornburgh im August vergangenen Jahres zurücktrat, um in Pennsylvania für einen Sitz im Senat zu
kandidieren, wurde Barr automatisch amtierender
Justizminister.
*
AMERIKA DIENST 42

Nur drei Tage nach seinem Amtsantritt gab es im
Talladega-Bundesgefängnis in Alabama eine Revolte
kubanischer Gefangener, die zehn Geiseln nahmen,
um ihre Abschiebung nach Kuba zu verhindern. Barr
traf eine schwierige Entscheidung und wies Rettungseinheiten des FBI an, das Gefängnis mit High-PowerWaffen und Spezialgranaten zu stürmen, wobei die
Opfer zeitweise kampfunfähig gemacht, aber nicht
verletzt wurden. Die Geiseln konnten unverletzt befreit
und die Gefangenen erneut festgesetzt werden, ohne
daß ein Schuß fiel.
Barr vertritt eine andere Meinung als wichtige Kongreßabgeordnete über ein Gesetz von 1989, das ihm
zufolge US-Behörden befugt, Verdächtige im Ausland
für in den Vereinigten Staatem begangene Straftaten
zu verhaften - ohne Zustimmung der ausländischen
Regierung. Barr ist der Auffassung, dieses Recht
beinhalte die Strafverfolgung für Verbrechen gegen
die Vereinigten Staaten außerhalb der gerichtlichen
Zuständigkeit der Vereinigten Staaten.
Barr schrieb einen Kommentar zu diesem Thema, den
der Rechtsausschuß des Senats im Sommer vergangenen Jahres prüfen wollte. Die Regierung verweigerte die Freigabe des Dokuments. Eine Verfassungskrise konnte vermieden werden, weil der Ausschuß später
Teile des Dokuments einsehen konnte.
Der Ausschußvorsitzende Joseph Biden - ein Demokrat - erklärte, die Anhörungen für Barrs Bestätigung
würden trotz dieser Meinungsverschiedenheiten "fair
und gründlich" geführt.

* * *

*

Seite 1

�DAS

MEINUNGSBILD

IN

AMERIKA
23. Oktober 1991

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN AMERIKA
Umfragen zu Nuklearwaffen, Verteidigung, Entwicklungshilfe, Wirtschaft
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Themen und Probleme, die Amerikaner im Augenblick
beschäftigen und ihre Meinung, wie sie sich in jüngsten Umfragen darstellt. Die Umfragen wurden vom Roper
Center for Public Opinion an der University of Connecticut durchgeführt.

Starke Unterstützung für Bushs Abrüstungsinitiative

Die 59% Befürworter wurden nach ihrer Meinung für
den Fall gefragt, daß die Sowjetunion nicht gleichzieht.

Eine große Mehrheit der Amerikaner begrüßt Präsident Bushs Initiative zum Abzug land- und seegestützter Nuklearwarfen kurzer Reichweite aus Europa
und Asien, aber nur, wenn die Sowjetunion gleichzieht.
Eine überwältigende Mehrheit befürwortet die Beseitigung aller Nuklearwaffen, wobei die meisten dies nicht
als realistische Möglichkeit betrachten. CBS und die
New York Times erhielten auf ihre vom 5. bis 7.
Oktober 1991 durchgeführte persönliche Befragung
von 1.280 Wahlberechtigten in den Vereinigten Staaten folgende Antworten:

Ich stimme zu

32%

Ich stimme nicht zu

63

Stimmen Sie dem Abzug von Nuklearwaffen
kurzer Reichweite aus Europa und Asien zu?
Ich stimme zu

59%

Ich stimme nicht zu

35

Weiß nicht/Keine Angabe

6

Weiß nicht/Keine Angabe

5

Befürworten Sie die weltweite Zerstörung von
Nuklearwaffen?
Ja

87%

Nein

11

Weiß nicht/Keine Angabe

2

Ist die Zerstörung von Nuklearwaffen eine
realistische Möglichkeit?
Realistische Möglichkeit

25%

Nicht realistisch

70

Weiß nicht/Keine Angabe

5

Die 35% der Befragten, die sich negativ geäußert
hatten, wurden nach ihrer Meinung für den Fall befragt,
daß die Sowjetunion gleichzieht.

Würde die Sowjetunion eine neue Vereinbarung
zur Begrenzung von Nuklearwaffen ernstnehmen?

Ich stimme zu

69%

Ja

50%

Ich stimme nicht zu

25

Nein

35

Wei ß nicht/Keine Angabe

15

Weiß nicht/Keine Angabe

AMERIKA DIENST 42

6

Seite 1

�Zu hohe Verteidigungsausgaben? Zu viel
Entwicklungshilfe?
Die Amerikaner sind im Hinblick auf ihre Meinung, ob
die Vereinigten Staaten zuviel Geld oder genau die
richtige Summe für nationale Verteidigung und militärische Zwecke ausgeben, in zwei nahezu gleiche
Lager gespalten. Sie sind generell für eine Kürzung
der Entwicklungshilfe, auf die Frage nach bestimmten
Empfängerländern erhält jedoch Osteuropa stärkere
Unterstützung als der Nahe Osten. Die folgenden
Antworten wurden bei einer landesweit vom 20. bis 24.
September 1991 bei 1.510 Wahlberechtigten durchgeführten telephonischen Befragung von NBC News und
dem Wall Street Journal gesammelt.
Verteidigung und Militärausgaben
Zu gering

10%

Zu hoch

42

Richtiger Betrag

41

Für Ägypten
Notwendig

37%

Nicht notwendig

47

Unsicher

16

Besorgnis der Amerikaner über ihre Wirtschaft
Dieselbe Umfrage von NBC News und dem Wall Street
Journal stellte die Frage nach der Wirtschaftslage in
den Vereinigten Staaten. Drei Viertel der Befragten
erklärten, ihrer Meinung nach befinde sich das Land in
einer Rezession, und dieser Gruppe wurden einige
zusätzliche Fragen gestellt.
Befinden sich die Vereinigten Staaten in einer
Rezession?
Ja

75%

Nein

18

Unsicher
Unsicher

7

7
Ist die Rezession schwach oder gravierend?

Eine verminderte sowjetische Bedrohung bedeutete
eine 50%ige Kürzung der Verteidigungsausgaben bis
zum Jahr 2000.
Richtig

41%

Falsch

50

Unsicher

9

Kürzung der Entwicklungshilfe
Ich bin dafür

69%

Ich bin dagegen

24

Ich bin unsicher

7

Hilfe für die Sowjetunion
Notwendig

58%

Nicht notwendig

32

Unsicher

10

Für Polen

Schwach

59%

Gravierend

32

Dazwischen

7

Unsicher

2

Ist der Höhepunkt der Rezession überwunden?
Höhepunkt überwunden

43

Das Schlimmste kommt noch

49

Unsicher

8

Wie lange wird die Rezession dauern?
Unter 3 Monaten

1%

3 bis 6 Monate

10

6 Monate bis 1 Jahr

34

Über ein Jahr

47

Unsicher

8

Notwendig

55%

Nicht notwendig

29

Leistet die Bush-Regierung genug zur Bekämpfung
der Rezession?

Unsicher

16

Leistet genug

29%

Leistet nicht genug

59

Unsicher

12

Für Israel
Notwendig

44%

Nicht notwendig

46

Unsicher

10

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AMERIKA DIENST 42

�Leistet der Kongreß genug zur Bekämpfung der
Rezession?

Das US-Handelsdefizit
Alle gleich wichtig

8
10

Leistet genug

16%

Leistet nicht genug

71

Unsicher

13

Allen wurde folgende Frage gestellt: Hat sich die
nationale Wirtschaftslage im vergangenen Jahr verbessert, verschlechtert, oder ist sie in etwa gleich
geblieben?

Leistet genug

32%

Verbessert

Leistet nicht genug

44

Verschlechtert

57

Unsicher

24

Gleich geblieben

33

Unsicher

Die Bundesbank?

Alle Teilnehmer wurden gefragt: Was ist das wichtigste Problem in der Wirtschaft, mit dem sich das Land
konfrontiert sieht?

Unsicher

3

8%

2

Inflation

10%

Alle wurden befragt: Wird sie sich im kommenden Jahr
verbessern, verschlechtern oder in etwa gleich
bleiben?

Arbeitslosigkeit

37

Verbessern

32%

Verschlechtem

24

Gleich bleiben

39

Zinsen
Das Haushaltsdefizit

Steuern der Bundesregierung

3
23

6

Unsicher

5

* * * * *

AMERIKA DIENST 42

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              <text>&lt;strong&gt;1. Neue Weltordnung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue Weltordnung erfordert neues Programm&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Bartholomew&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA drängen auf weltweites Engagement bei Rüstungskontrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Lehman vor UNO-Ausschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. IWF/Weltbank&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Brady fordert Reform von IWF und Weltbank&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Finanzministers vor IWF und Weltbank&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bush nominiert Verwaltungsjuristen für das Amt des Justizministers&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von William Barr&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Das Meinungsbild in Amerika&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die öffentliche Meinung in Amerika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Umfragen zu Nuklearwaffen, Verteidigung, Entwicklungshilfe, Wirtschaft&lt;/em&gt;</text>
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