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U.S. Information Service
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Embassyofthe United States of America \ J I V H I
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16. Oktober 1991

41

NEUER OBERSTER RICHTER

SENAT BESTÄTIGT THOMAS MIT 52 ZU 48
STIMMEN ALS OBERSTEN RICHTER
Anhörung über die Vorwürfe sexueller
Belästigung ergebnislos

DIE SOWJETISCHE
MILITÄRMACHT

STREITKRÄFTE IM UMBRUCH: 1991
Vorwort des Verteidigungsministers
zum Pentagon-Bericht

US-STREITKRAFTE

"VORNEPRÄSENZ" ALS KERNSTÜCK
DER US-STREITKRÄFTESTRUKTUR
Rede von General Powell vor der Vereinigung
der Atlantischen Gesellschaften

DROGEN

DROGENMISSBRAUCH UND DER
EINFLUSS VON THERAPIEZENTREN
Die Behandlung verschiedener
Bevölkerungsgruppen

KUNST

CIRCA 1492: ART IN THE
AGE OF EXPLORATION
Ausstellung in der National Gallery
of Art in Washington

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NEUER

OBERSTER

RICHTER
16. Oktober 1991

SENAT BESTÄTIGT THOMAS MIT 52 ZU
48 STIMMEN ALS OBERSTEN RICHTER
Anhörung über die Vorwürfe sexueller Belästigung ergebnislos

WASHINGTON - (AD) - Nach wochenlangen Debatten
über seine Rechtsauffassungen und seinen Charakter
hat der Senat Richter Clarence Thomas in seinem Amt
im Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten
bestätigt.
Der Senat stimmte am 15. Oktober 1991 mit 52 zu 48
Stimmen für Thomas, wobei sich 11 Demokraten den
41 von 43 Republikanern im Senat anschlössen, um
Präsident Bushs Kandidaten - einen konservativen 43
Jahre alten schwarzen Richter am Berufungsgericht zum Richter am Obersten Gerichtshof zu machen, der
dem ausscheidenden Thurgood Marshall nachfolgt.
Präsident Bush, der sich in dem ganzen turbulenten
Prozeß nachdrücklich für Thomas ausgesprochen hatte,
veröffentlichte eine Erklärung, mit der er seine Freude
über die Entscheidung des Senats bekundete. "Das
Land und das Gericht profitieren davon, einen Mann
mit Prinzipien zu haben, der den Problemen und
Möglichkeiten aller Amerikaner sensibel gegenübersteht," erklärte der Präsident.
Die Endabstimmung folgte auf drei Tage spannende
und oft spektakuläre Anhörungen vor einem rasch
einberufenen Rechtsausschuß des Senats zu in letzter Minute bekanntgewordenen Anschuldigungen,
Thomas habe eine frühere Mitarbeiterin sexuell belästigt.
Der gesamte Senat war bereit, am 8. Oktober nach
umfangreichen Anhörungen über Thomas Qualifikationen für das Oberste Gericht abzustimmen, in denen
Thomas im allgemeinen die Bestrebungen mancher
Senatoren abwehren konnte, seine Meinung zu Abtreibung und anderen möglichen Probleme des Obersten
Gerichtshofs in Zweifel zu ziehen.
Aber am Vorabend dieser Abstimmung erhielten die
Medien ein vertrauliches Protokoll des FBI über Beschuldigungen von Anita Hill, einer Juraprofessorin der
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University of Oklahoma, die vor zehn Jahren bei zwei
Bundesbehörden für Thomas gearbeitet hatte, er habe
ihr ungebührliche Aufmerksamkeit geschenkt, sie
wiederholt um Verabredungen gebeten, mit seiner
sexuellen Potenz geprahlt und ihr Szenen aus pornographischen Filmen geschildert.
Der Ausschuß hatte Kenntnis von Hills' Vorwürfen,
bevor er Thomas Nominierung an den Senat zum
Beschluß durch Fraktionszwang mit einer Stimmengleichheit von 7 zu 7 weiterleitete.
Die Veröffentlichung der Anschuldigungen - offensichtlich von einem der Senatoren des Ausschusses
oder einem ihrer Mitarbeiter durchgesickert - führte zu
einer Welle der Entrüstung von Frauen- und anderen
Gruppen, die sich beschwerten, das Gremium habe
das ernste Problem der sexuellen Belästigung ignoriert.
Dies führte zur Verschiebung der Abstimmung um eine
Wophe, wobei der Ausschuß weitere Anhörungen
anordnete, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Bei den landesweit ausgestrahlten Anhörungen, die
am Freitag, den 11. Oktober wiederaufgenommen
wurden, trug Hill noch mehr und detailliertere Anschuldigungen vor, die von Thomas vehement und kategorisch geleugnet wurden, und er beschwerte sich, gedrängt
zu werden, etwas Nichtexistentes zu beweisen. In den
Anhörungen wurden sexuelle Begriffe ausgesprochen,
die niemals zuvor in einem Senatsverfahren zu hören
waren, es kam zu den heftigsten Debatten zwischen
Republikanern und Demokraten, an die man sich
erinnern kann.
In langen Befragungen warf Hill am 11. Oktober Thomas vor, er habe sich - oftmals hinter verschlossenen
Türen und niemals vor Zeugen - ungebührlich verhalten, als sie für ihn beim Bildungsministerium und bei
der Gleichstellungsbehörde (Equal Employment OpSeite 1

�portunity Commission - EEOC) gearbeitet habe. Sie
erklärte, seine Bemerkungen seien die unausgesprochene Aufforderung gewesen, "Sex mit ihm zu haben".

Senatoren - konfrontiert mit zwei diametral entgegengesetzten Aussagen zweier beeindruckender, wortgewandter Zeugen - gegenübersahen.

Thomas Befürworter im Ausschuß versuchten ihre
Anschuldigungen als unglaubwürdig zurückzuweisen.
Sie fragten wiederholt, warum sie nicht damals gegen
Thomas vorgegangen sei, warum sie ihm zur EEOC
gefolgt sei, als er die Stelle wechselte, warum sie ihn
nach Aufgabe ihrer Stelle mehrmals und anscheinend
in freundlicher Absicht angerufen und warum sie 10
Jahre gewartet habe, um das Thema der angeblichen
Belästigung öffentlich zur Sprache zu bringen.

Der derzeitige Senatspräsident und frühere Mehrheitsführer, Demokrat Robert Byrd, ergriff das Wort mit
der Feststellung, nach Ansicht praktisch aller Fernsehübertragungen habe er seine Meinung geändert und
werde jetzt gegen Thomas stimmen.

In einer emotional geführten Anhörung am 11. und 12.
Oktober wies Thomas Hills' Beschuldigungen als
"Unsinn" zurück und erklärte: "Ich kann mich an nichts
erinnern, was ich Anita Hill gesagt oder getan habe,
das als sexuelle Belästigung mißverstanden werden
könnte". Er gab zu, ihre Anhörung nicht verfolgt zu
haben.
Thomas, wie Hill schwarz, argumentierte, die Versuche zur Vereitelung seiner Nominierung gründeten
sich auf rassistische Vorbehalte, und das Verfahren,
dem er sich unterziehen müsse, sei eine "hochmoderne Form der Lynchjustiz an vermessenen Schwarzen".
Während einer Marathonsitzung am 13. Oktober gaben
ein kalifornischer Richter, ein amerikanischer Universitätsprofessor für Rechtswissenschaften und zwei
andere Juristen, die Anita Hill kannten, zu Protokoll, sie
hätte ihnen Anfang und Mitte der achtziger Jahre
mehrmals anvertraut, sexuell belästigt zu werden.
Diese Anhörung befaßte sich mit den Vermutungen
von Thomas' Befürwortern, Hill habe diese Behauptungen in Absprache mit ungenannten "Interessengruppen" erst jetzt mit der Absicht fabriziert, die Bestätigung des Konservativen Thomas zu verhindern.
Dieser Anhörung folgten jedoch über ein Dutzend
Zeugen, die Aussagen über Thomas' Integrität machten. Unter ihnen waren viele Frauen, die früher für ihn
gearbeitet hatten und aussagten, er sei in ihrer Gegenwart stets höflich und zuvorkommend gewesen, 'ind
sexuelle Belästigung sei nicht mit seinem Wesen in
Einklang zu bringen.
Bei einer der Endabstimmung vorausgegangenen
eintägigen Debatte im Senat wurden am 15. Oktober
eine Reihe häufig recht eloquenter Reden gehalten,
die die verwirrende Situation beleuchteten, der sich die

"Ich glaube Anita Hill", stellte er fest.
Byrd fuhr fort, er sei erstaunt und enttäuscht über
Thomas' offenkundige Weigerung gewesen, den
Aussagen seiner Anklägerin Gehör zu schenken. Dies
stelle Thomas' juristische Kompentenz und seine
Fähigkeit als Richter in Frage, erklärte er.
Im Hinblick auf das Argument, "im Zweifel für den
Angeklagten", bestand Byrd darauf, daß ein solcher in
einem Gerichtsverfahren zulässiger Ansatz in einer
gesetzmäßigen Anhörung zur Bestätigung für den
Obersten Gerichtshof unangebracht sei. Hier, so
Byrd, sollte jeder Zweifel zugunsten des Gerichts und
der Nation, nicht des Kandidaten, ausgeräumt werden.
Senator Alan Dixon, einer der Thomas unterstützenden Demokraten, erklärte jedoch, Thomas "stehe das
Recht der angenommenen Unschuld" zu. Da die
Anhörung vor dem Ausschuß nicht das Gegenteil
bewiesen habe, "können Professor Hills Anschuldigungen nicht dazu verwendet werden, eine Abstimmung gegen Richter Thomas zu rechtfertigen" und
seine Entscheidung werde sich auf eher traditionelle
Themen stützen, stellte Dixon fest.
Republikanische Befürworter wie die AusschußmitgliederOrrin Hatch und Alan Simpson insistierten, Hills
Aussalgen seien schlicht und einfach nicht glaubwürdig
gewesen und Thomas sei aufgrund der vorliegenden
Tatsachen der Bestätigung würdig.
Der Vorsitzende des Rechtsausschusses, Joseph Biden,
der) die Anhörung leitete, erklärte, er werde gegen
Thomas stimmen, weil er die Ansichten des Richters
"zu Themen, die Konsequenzen für die Zukunft dieser
Nation haben" inakzeptabel fände. Indem er seine
Besorgnis darüber zum Ausdruck brachte, daß das
Ergebnis als Entscheidung zugunsten der Glaubwürdigkeit des Richters gegenüber Hills gesehen würde,
erklärte Biden, "Wir stimmen über die Zukunft der
Nation, nicht über den Charakter dieses Mannes ab."

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 41

�DIE

SOWJETISCHE

MILITÄRMACHT
16. Oktober 1991

STREITKRÄFTE IM UMBRUCH: 1991
Vorwort des Verteidigungsministers zum Pentagon-Bericht
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentichen wir das Vorwort von Verteidigungsminister Cheney zum
diesjährigen Bericht des Pentagons über die sowjetische Militärmacht mit dem Titel "Streitkräfte im Umbruch".

Wir werden stets die Bilder vom 19. bis 21. August
1991 vor Augen haben - den russischen Präsidenten
Jelzin auf einem Panzer in den ersten Stunden des sowjetischen Staatsstreichs, als er dem Putsch den
Kampf ansagte, Tausende von Moskauer Bürgern, die
Menschenketten gegen Panzer bildeten, die das russische Parlament zu überrollen drohten und den sowjetischen Präsidenten Gorbatschow bei seiner Rückkehr nach Moskau nach dem gescheiterten Putsch.
Vor allem aber werden wir uns an den Triumph der
Demokratie über die Anstifter des Staatsstreichs, den
Sturz des Lenin-Denkmals und die Straßen voller
Menschen erinnern, die die Aussicht auf Selbstbestimmung feierten. Diese Bilder spiegelten die Ereignisse
wider, deren Zeuge die Welt in Prag, Ostberlin und
anderen osteuropäischen Städten in den Jahren 1989
und 1990 geworden war - die Ablehnung des Kommunismus und der Erfolg derjenigen, die Freiheit anstrebten.
Man kann sich schwerlich des Gefühls der Euphorie
über diese Ereignisse und den Zusammenbruch der
repressiven Institutionen erwehren, die das sowjetische Leben über 70 Jahre lang beherrscht haben.
Heute bieten sich zahlreiche Gelegenheiten für demokratisches Wachstum in der ehemaligen Sowjetunion.
Obwohl der Putsch gescheitert ist, bleiben jedoch noch
viele grundlegende politische, nationale und wirtschaftliche Probleme bestehen. Diese außerordentlich
komplexe Gesellschaft lebt in über 11 Zeitzonen,
umfaßt über 100 verschiedene Volksgruppen und hat
eine Bevölkerung von 275 Millionen. Sie hat lange
unter einem inkompetenten politischen System gelitten und die Härten und Verzerrungen einer Planwirtschaft erduldet. Weder die Wirtschaftsreformen zur
Umwandlung dieser Gesellschaft in eine freie Marktwirtschaft noch die politischen Reformen zur Schaffung effektiver Institutionen mit Rechenschaftspflicht
gegenüber den Menschen werden sich über Nacht
vollziehen.
AMERIKA DIENST 41

Nach den bemerkenswerten Ereignissen Mitte August
und der andauernden Unberechenbarkeit jedes Aspekts
des Lebens in Rußland und den anderen Republiken
haben wir uns entschlossen, in diesem Jahr Die
sowjetische Militärmacht nicht zu veröffentlichen. In
dieser Publikation wurden die Tendenzen im sowjetischen Militär sowie der politische und wirtschaftliche
Kontext, in dem die sowjetischen Streitkräfte operierten, im einzelnen dargelegt . Aufgrund des sehr
unsicheren Charakters so vieler Belange mit direktem
Einfluß auf militärische und nationale Sicherheitsfragen haben wir absichtlich eine Reihe von Themen nicht
erörtert, die in der Ausgabe 1991 von Die sowjetische
Militärmacht enthalten gewesen wären.
Statt dessen konzentriert sich Streitkräfte im Umbruch auf die nüchternen Fakten über die Streitkräfte
dieses Landes. Es ist eine Momentaufnahme der im
August 1991 demonstrierten Fähigkeiten, mit neuesten Informationen über die Zeit nach dem Staatsstreich, soweit wir diese beibringen konnten. Unseres
Erachtens liefert der Bericht so viele Informationen wie
möglich, die zweifelsohne Thema politischer Debatten
werden. Dieses Detail kann für amerikanische und
sowjetische Bürger wie auch für die interessierten
Leser weltweit gleichermaßen von Bedeutung sein.
Aus diesem Grund haben wir Beobachtungen darüber
angestellt, wie die Zentralbehörden der Sowjetunion
und die Republiken den Grundstock für die Neugestaltung militärischer Verantwortung nach dem Scheitern
des Staatsstreichs legen.
Die Bedeutung einer solchen Publikation wurde mir
während meines ersten offiziellen Besuchs als Verteidigungsminister in der Sowjetunion im Oktober 1990
bewußt. Ich traf mit den beiden Ausschüssen des
Obersten Sowjet zusammen, die sich mit Verteidigung
und internationalen Angelegenheiten befassen. Die
Sitzung selbst war beispiellos. Nachdem ich eine

Seite 1

�kurze Erklärung abgegeben hatte, führten wir eine
lebhafte Diskussion über das breite Spektrum militärischer und sicherheitspolitischer Themen. Ich war
angesichts der bisherigen Geschichte amerikanischsowjetischer Beziehungen über die Aufrichtigkeit und
Freimütigkeit dieser Diskussion überrascht. Ich war
noch überraschter, als ein Ausschußmitglied aufstand,
um ein Argument vorzubringen und zu dessen Bekräftigung ein Dokument hochhielt - die Ausgabe 1990 von
Die sowjetische Militärmacht. Ein anderes Ausschußmitglied erzählte mir, dieser Bericht sei die einzig verläßliche Quelle über militärische Beschaffung
und die Verteidigungsausgaben in seinem Land. Die
Ausschußmitglieder waren besonders wißbegierig über
die Investitionen ihrer Regierung in Nuklearwaffen - ein
Bereich, der in diesem Bericht behandelt wird.
Das sowjetische Imperium wurde durch Eroberung
geschaffen und durch den Zwang der Kommunistischen Partei, des KGB und des Militärs zusammengehalten. Seit dem gescheiterten Staatsstreich befindet
sich jede dieser Institutionen in einem bemerkenswerten Auflösungsprozeß. Eine - die Kommunistische
Partei - wurde ihrer Macht enthoben oder zumindest
weitestgehend eingeschränkt. Es sollte uns daher
nicht überraschen, daß die Union selbst geschwächt
und ihre Zukunft zweifelhaft ist. Selbst der Name des
Landes wird sich wahrscheinlich ändern.
Was während dieser Übergangsphase in der sowjetischen Geschichte geschieht, wird tiefgreifende Auswirkungen auf die amerikanische Politik haben. Dies
ist eine Zeit großer Unsicherheit für die Sowjetunion
und den Westen. Die ehemalige UdSSR ist nach wie
vor eine Atommacht inmitten einer Revolution - eine
Situation, die in der Geschichte ihresgleichen sucht.
Der Fortbestand enormer militärischer Fähigkeiten in
einem Staat, der sich in den Geburtswehen einer
Revolution und dem damit einhergehenden Potential
für Gewalt und Chaos - befindet, stellt eine neue Art der
Sicherheitsbedrohung für die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten dar. Der Einsatz von Gewalt zur
Beilegung seit langem schwelender ethnischer, territorialer und wirtschaftlicher Konflikte ist bereits in einigen
Republiken offenkundig. Wenn sich solche Koniiikte
ausbreiten sollten, Massen von Flüchtlingen die Grenzen überqueren oder die Konfrontationen die Bedrohung oder den Einsatz von Massenvernichtungswaffen beinhalten würde, könnten regionale Konflikte leicht
zu einer weltweiten Krise eskalieren.
Der wahrscheinlich einzige Punkt, über den Einigung
besteht, ist, daß wir einfach nicht wissen, was die
Zukunft für die ehemalige Sowjetunion bereithält. Es
gibt jedoch fünf grundlegende Fragen bezüglich der
Art der Krise, die die ehemalige Sowjetunion durchmacht. Die Beantwortung jeder dieser Fragen wird das
Maß bestimmen, in dem die ehemalige Sowjetunion in
Zukunft als ernsthafte Sicherheitsbedrohung angesehen werden muß.

Seite 2

Die ersten Frage betrifft die Union selbst. Präsident
Gorbatschow und andere unternehmen drastische
Schritte zur Rettung der Union, und einige Politiker in
den Republiken arbeiten hart, um einen "gemeinsamen Wirtschaftsraum" zu schaffen. Es sind jedoch
auch mächtige soziale und politische Kräfte am Werk,
die ehemalige Sowjetunion auseinanderzureißen.
Die drei von Stalin als Teil eines Handels mit Hitler
annektierten Baltenstaaten haben ihre Unabhängigkeit wiedererlangt, und die anderen Republiken haben
Souveränitäts- oder Unabhängigkeitserklärungen verabschiedet. Einige bauen neue Streitkräfte auf. Die
Spannungen zwischen den Republiken nehmen zu,
und im Transkaukasus, in Moldawien und Zentralasien
bekämpfen sich einzelne Volksgruppen. Ob diese
Pressionen in Gewalt ausarten und welche Auswirkungen diese Gewalt auf das Tempo der Reformen in der
ehemaligen Sowjetunion - und die Sicherheit ihrer
Nachbarn - haben werden, ist allgemein Anlaß zur
Sorge.
Das zweite Problem betrifft politische Macht und Autorität. Seit einiger Zeit sind die Kanäle der Autorität
zwischen der Zentralregierung und den Republiken
und in den Republiken geschwächt oder ernsthaft
gestört. Die Behörden der Exekutive auf allen Ebenen
sehen sich jetzt vor ernsthaften Schwierigkeiten, ihre
Entscheidungen durchzusetzen. Lokale Ratsversammlungen benötigen Zeit, um Erfahrung und Autorität zu
gewinnen, politische Leitlinien zu entwerfen oder
Regierungsstellen anzuweisen, die ihnen nominell
unterstehen, und die Bürger selbst müssen die Bedingungen der politischen und wirtschaftlichen Macht
festlegen. Die alltäglichen Verfahren einer demokratischen Regierung in einer großen vielfältigen Nation
müssen noch gelernt werden und brauchen Zeit, um in
der früheren Sowjetunion zu reifen.
Das dritte Problem betrifft die Wirtschaftskrise, in der
sich die Sowjetunion befindet. Offiziellen sowjetischen
Statistiken zufolge ist das Bruttosozialprodukt in der
ersten Hälfte dieses Jahres in der Sowjetunion um 10
Prozent gefallen, wobei sich der Rückgang noch beschleunigen könnte. Nachschub an Lebensmitteln
und Brennstoffen für diesen Winter gibt Anlaß zur
Sorge, und eine Hyperinflation liegt nach wie vor im
Bereich des Möglichen. Darüber hinaus könnte sogar
die beste langfristige Wirtschaftspolitik kurzfristig soziale
Unruhen und Verschiebungen in der Wirtschaft verschärfen, bevor sie Vorteile bringt.
Viertens steht die Frage der Bereitstellung von Mitteln
für das sowjetische Militär im Raum. Seit einiger Zeit
wird ein grundsätzlicher Widerspruch zwischen dem
ausdrücklichen Reformprogramm des Kreml und den
anhaltend hohen Ausgaben für den Militäretat und die
Rüstungsindustrie beobachtet. Einerseits hat die
Sowjetunion den politischen Charakter ihrer Gesellschaft und Außenpolitik mit Glasnost und Perestrojka

AMERIKA DIENST 41

�verändert. Präsident Gorbatschow hat beispiellose
politische Reformen eingeführt und in Bereichen der
Weltpolitik kooperiert, in denen es jahrelang nur Spannungen und Mißtrauen gegeben hatte. In den letzten
Jahren haben die Sowjets mit sich rapide verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen gekämpft, und
es gab vielfältige Bestrebungen, um den wirtschaftlichen Niedergang unter Kontrolle zu bekommen.

Wirtschaft, Reduzierungen der Streitkräfte und Außenpolitik. Angesichts der ungewissen politischen
Situation, der angespannten Wirtschaftslage und des
Mangels an demokratischen Traditionen in der sowjetischen Gesellschaft gelangen sowjetische und westliche Beobachter zu der Überzeugung, das Risiko des
Rückfalls in alte autoritäre Strukturen bestehe weiterhin.

Andererseits hat die ehemalige Sowjetunion trotz politischer Reformen und einer starken wirtschaftlichen
Rezession weiterhin ungeheure Summen für ihr Waffenarsenal ausgegeben und die Produktion in der
Rüstungsindustrie auf einem Niveau weitergeführt,
das alle möglichen Verteidigungserfordernisse bei
weitem überstieg. Die Frage wurde laut: Warum gibt
ein Land in außergewöhnlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und kurz vor dem Bankrott 15 bis 17 Prozent
- einigen sowjetischen Ökonomen zufolge sogar 33
Prozent - seines Bruttosozialprodukts für Rüstung
aus? Wir hoffen, insbesondere angesichts des gescheiterten Staatsstreichs, daß die Führung in Rußland und den anderen Republiken diese Frage mit
drastischen Kürzungen im Militärhaushalt beantworten wird.

Wir hegen ähnliche Hoffnungen für die ehemalige
Sowjetunion wie die Reformer. Obwohl das Verhältnis
der Republiken untereinander von den Menschen selbst
entschieden werden muß, ist es wichtig, daß jeder
Zusammenschluß freiwillig ist und sich auf demokratische Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft gründet. Wir fordern die Achtung der Menschenrechte auf der Basis des Respekts für den einzelnen einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten und fordern die Einhaltung internationaler
Gesetze und Verpflichtungen. Wir wünschen uns eine
Entmilitarisierung der Wirtschaft und Gesellschaft, die
Umwandlung der enormen Rüstungsindustrie in eine
zivile Produktion, die Umleitung von Mitteln zum Wohl
der Bevölkerung und Beiträge zu weltweiter Stabilität.

Schließlich stellt sich noch die Frage nach dem Charakter der zukünftigen sowjetischen Außenpolitik. Die
Sowjetunion hat sich von der doktrinären internationalen Politik der Vergangenheit abgewandt und spielt
jetzt in der Weltpolitik eine konstruktivere Rolle. Am
bemerkenswertesten war die Rolle des Kreml während
der demokratischen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa, als die sowjetischen Streitkräfte keinen Versuch unternahmen, die Hinwendung zur Unabhängigkeit von Moskau aus zu behindern. Nach der irakischen Invasion in Kuwait haben die Sowjets internationale Bestrebungen zur Vertreibung der irakischen
Streitkräfte aus Kuwait unterstützt. Sowjetische Diplomaten haben an dem Vertrag über Konventionelle
Streitkräfte in Europa (KSE) und auch am Vertrag über
die Verringerung strategischer Rüstungen (START)
mitgearbeitet. Nach dem Putsch hat die sowjetische
Regierung versprochen, ihre militärische Präsenz in
Kuba zu verringern, und sie will ebenso wie wir aufhören, den streitenden Parteien in Afghanistan todbringende Waffen zu liefern.
Natürlich wirft die neue Machtverteilung in der früheren
Sowjetunion Fragen über die künftige Außenpolitik
auf. Die Vereinigten Staaten haben sowjetische Erklärungen begrüßt, ihre Rüstungskontrollabkommen und
anderen internationalen Verpflichtungen einhalten zu
wollen.
Der gescheiterte Putsch vom 19. - 21. August war
eindeutig ein Sieg für die demokratischen Reformer in
der gesamten Sowjetunion. Obwohl es neue Hoffnung
auf einen Übergang zur Selbstregierung und Marktwirtschaft gibt, bleiben noch Fragen offen über die
Union, die politische Autorität, Wiederbelebung der

AMERIKA DIENST 41

Wir können viel tun, um diesem Land in Not zu helfen.
Wir müssen jedoch Gewißheit haben, daß unser Handeln
im Einklang mit unserer eigenen Sicherheit und unseren langfristigen Zielen steht. Bei aller Unsicherheit
und Unberechenbarkeit der politischen Veränderungen in der ehemaligen Sowjetunion ist eines klar:
unsere eigene Sicherheit wird am besten gewährleistet durch eine objektive Bewertung der weltweiten
Herausforderungen, die sich uns stellen, ungeachtet
ihres Ursprungs.
Aus diesen Gründen müssen wir kritisch beobachten,
wie sich die politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Revolutionen in der ehemaligen Sowjetunion auf ihre
militärischen Fähigkeiten auswirken. Die sowjetische
Politik im Hinblick auf diese Fähigkeiten, wie Rüstungsausgaben und -produktion, Streitkräfteniveaus,
das Tempo der Modernisierung und Stationierung sind
echte Indikatoren für militärische Reformen in der
ehemaligen Sowjetunion.
Die Menschen in der ehemaligen Sowjetunion befinden sich an einem Scheideweg der Geschichte. Wenn
die gegenwärtige Krise zu Repression, Anarchie oder
Bürgerkrieg führt, werden die ehemalige Sowjetunion
und die Welt sich mit zunehmenden Gefahren konfrontiert sehen. Wenn die frühere Sowjetunion diese
Gefahren jedoch vermeidet, weiterhin einen demokratischen Weg beschreitet und eine Politik verfolgt, die
zu friedlicheren Beziehungen und reduzierten militärischen Fähigkeiten führt, sind die Zukunftsaussichten
vielversprechend. Die erfolgreiche Einführung eines
demokratischen politischen Systems und freier Marktwirtschaft werden eine bessere Chance für die Sicherheit beider Seiten mit erheblich verminderten Streitkräfteniveaus bieten.

Seite 3

�US-STREITKRAFTE
16. Oktober 1991

"VORNEPRÄSENZ" ALS KERNSTÜCK
DER US-STREITKRÄFTESTRUKTUR
Rede von General Powell bei der
Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften
WASHINGTON - (AD) - Dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, General Colin Powell, zufolge wird
"Vornepräsenz" - die dauerhafte Stationierung amerikanischer Streitkräfte - in Europa, den Mittelmeeranrainerstaaten, Südwestasien sowie im Pazifik ein Schlüsselelement der neuen amerikanischen Streitkräftestruktur
sein.
"Die in Europa vorne stationierten Streitkräfte werden entschieden reduziert. In den kommenden Jahren werden
sie von rund 300.000 auf 150.000 Mann abgebaut", erklärte Powell. "Wir dürfen jedoch nicht nur paramilitärische
Streitkräfte haben. Wir müssen eine echte Streitmacht unterhalten, die von unseren Freunden in Europa und
denjenigen auf der anderen Seite des Atlantiks, die uns vielleicht Böses wünschen, als solche angesehen wird",
fuhr Powell fort.
Bei der 37. Generalversammlung der Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften (ATA) stellte der General am
9. Oktober 1991 fest, die amerikanischen Streitkräfte in Europa würden "besser in die verbündeten Streitkräfte
integriert", bestünden aus "einem in multinationale Korps eingegliederten Korps mit zwei Divisionen statt zwei
nationalen Korps mit vier Divisionen".
"Obwohl wir das der NATO zur Verfügung stehende Mix nuklearer Gefechtsfeldwaffen erheblich verändern,
werden wir sie nicht vollständig abschaffen. Das entscheidende nukleare Bindeglied bleibt in Form von
Mehrzweckkampfflugzeugen bestehen", führte Powell aus.
Im Hinblick auf Südwestasien stellte er fest: "Unsere Vornepräsenz wird etwas umfangreicher sein als bisher
und wird eine praktisch die ganze Zeit stationierte Trägerkampftruppe sowie eine amphibische Bereitschaftsgruppe umfassen. Gleichzeitig wird die Zahl der amerikanischen Truppen in Südkorea, Japan und auf den
Philippinen reduziert."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von General Powell in wesentlichen Auszügen.

Ein Schlüsselelement (der neuen amerikanischen
Militärstrategie) ist Vornepräsenz - die Sicherstellung
unserer vorne stationierten Streitkräfte im Atlantik,
beiderseits des Atlantiks, in Europa, im Mittelmeer und
in Südwestasien.

In Südwestasien wird unsere Vornepräsenz jedoch
etwas umfangreicher sein als in der Vergangenheit
und eine praktisch die ganze Zeit stationierte Trägerkampftruppe sowie eine amphibische Bereitschaftsgruppe umfassen.

Zweifelsohne werden die in Europa vorne stationierten
Elemente drastisch reduziert - und besser in die verbündeten Streitkräfte integriert - als die Streitmacht,
die den Frieden in unserer Generation bewahrt hat: ein
in multinationale Korps eingegliedertes Korps mit zwei
Divisionen statt zwei nationalen Korps mit vier Divisionen. Weniger als vier taktische Jagdgeschwader statt
mehr als acht.

Unsere Streitkräftestruktur und unsere Strategie sehen auch die Fähigkeit zur Machtentfaltung und Verstärkung beiderseits des Atlantiks vor, sollte dies in
Krisenzeiten erforderlich werden, und wir haben in
unserer Strategie und Streitkräftestruktur die Fähigkeit
bewahrt, die Streitkräfte gegebenenfalls bei Fehleinschätzungen unsererseits oder für den Fall neu zu
formieren, daß die Welt sich doch nicht als so friedlich
entpuppt wie wir dachten.

AMERIKA DIENST 41

Seite 1

�Diese Streitkräfte, die wirfür unsere atlantischen Interessen in unsere Struktur integrieren, müssen sehr
flexibel sein. Sie müssen bereit sein, in Konflikten
geringer Intensität zu kämpfen.
Operation Provide Comfort - unser zusammen mit den
Streitkräften Ihrer Länder in der Türkei und im Nordirak
durchgeführtes humanitäres Hilfsprogramm - ist ein
gutes Beispiel für transatlantische Bedürfnisse geringer Intensität.
Unsere Atlantischen Streitkräfte müssen auch bereit
sein, in mit modernsten Waffen ausgetragenen Konflikten mittlerer oder hoher Intensität zu kämpfen, mit
denen wir uns konfrontiert sehen könnten. Die Gefechte, die wir in der kuwaitischen und irakischen
Wüste, in der Luft und im Golf geführt haben, waren
Gefechte hoher Intensität, die modernste Technologie
erforderten.
Wir haben im Grunde einen europäischen Krieg in der
Wüste geführt, und das einzige, was fehlte, waren
Berge, Nebel und viele Bäume.
Daher müssen unsere Atlantischen Streitkräfte über
schwere Streitkräfte verfügen und Gefechte hoher
Intensität in der Luft, zu Lande, auf dem Wasser und
am Strand führen können. Sie werden wichtige aktive
Komponenten sowie den Großteil unsere Reservestreitkräfte umfassen.
Sie müssen ferner strategisch beweglich sein sowie
schnell und in großem Umfang von einem Gebiet des
Atlantiks zum anderen und wieder zurück verlegt werden
können.
Wir haben darüber hinaus vitale Interessen in anderen
Gebieten der Welt, wenn auch nicht so unmittelbar
durch die Ereignisse in der Sowjetunion betroffene wie
Europa. Ich denke, der Pazifik steht hier an erster
Stelle.
Seit über 40 Jahren haben unser Engagement und
unsere Präsenz im und am Pazifik uns sowie unseren
Freunden und Verbündeten in der Region einen Schutzschild geboten. Unsere Freunde haben auf unsere
Vornepräsenz im Pazifik als Kreisel gezählt, der in der
Region das Gleichgewicht herstellt und die Richtung
weist.
Die Strategie unseres Präsidenten konzentriert sich
daher zu Recht weiterhin auch auf unsere Interessen
jenseits des Pazifiks.
Unsere damit einhergehende Militärstrategie für den
Pazifik wird sich auf Vornepräsenz aber mit reduzierten Zahlen konzentrieren. Wie Sie wissen, werden wir
in Korea und Japan und natürlich auf den Philippinen
Stützpunkte schließen.
Unsere Streitkräftestruktur für den Pazifik war immer
bescheiden - ein sparsamer Einsatz der Kräfte und
Mittel auf dem Gefechtsfeld. Dies wird auch in Zukunft
Seite 2

so bleiben, mit Betonung auf leichten Streitkräften,
Seestreitkräften, Militärhilfe sowie Übungen mit unseren Freunden in der Region.
Andere Bedürfnisse diktieren auch die Art der von uns
benötigten übergreifenden Streitkräftestruktur. In den
24 Monaten meiner Amtszeit als Vorsitzender waren
die anderen Stabschefs und ich mit einer Vielzahl von
Krisen und unvorhergesehenen Ereignissen konfrontiert. Panama und die Philippinen, Liberia und Somalia, El Salvador und dem Drogenkrieg. Wüstenschild,
Wüstensturm, Provide Comfort-im Nordirak und Sea
Angel in Bangladesch.
Für diese Art von Bedingungen und für die Bewältigung
der Situationen in anderen Regionen der Welt, die
nicht in das atlantische und pazifische Gefüge passen,
benötigen wir eine Ansammlung von Streitkräften, die
wir als Eventualfallkräfte bezeichnen: eine aus allen
Teilstreitkräften zusammengesetzte Streitmacht, die
rasch in jede Region der Welt, wo sie benötigt wird,
verlegt werden kann, ein Gefechtsfeld über den Atlantik oder Pazifik hinweg verstärken oder sich au ßerhalb
dieser Gefechtsfelder engagieren kann - häufig zusammen mit unseren Verbündeten.
Und schließlich werden wir weiterhin ausreichende
strategische Streitkräfte benötigen - Nuklearstreitkräfte. Wir sind verpflichtet, sie auf dem neuesten Stand
und effektiv zu halten.
Präsident Bush hat in Konsultationen mit anderen
Staats- und Regierungschefs eine spektakuläre Initiative in die Wege geleitet, um Umfang und Gestaltung
des nuklearen Arsenals der Vereinigten Staaten - und
wie es jetzt aussieht auch der Sowjetunion - zu verändern. Dies ist die größte Veränderung bei der Dislozierung amerikanischer Nuklearwaffen seit ihrer Integration in unsere Streitkräfte.
Diese Initiative macht die Welt bereits zu einem sichereren Ort. Präsident Bush hat uns alle auf eine neue
moralische Ebene gehoben. Wir und die Sowjetunion
steigen jetzt von der thermonuklearen Leiter herab.
Ich werde an diesem Wochenende in Wien mit meinem
sowjetischen Amtskollegen Lobow zusammentreffen,
um diese atemberaubenden neuen Entwicklungen zu
erörtern.
Diese Entwicklungen können jedoch nicht per se über
die Tatsache hinwegtäuschen, daß die Sowjetunion
nach wie vor die einzige Nation auf der Welt mit der
Fähigkeit zur Vernichtung der westlichen Zivilisation
mit thermonuklearen Waffen binnen einer halben Stunde
ist.
Deshalb müssen unsere strategischen Streitkräfte sowohl in der herkömmlichen strategischen Triade von
Systemen als auch unseren Verteidigungsprogrammen mit ballistischen Raketen - weiterhin tragfähig und
glaubwürdig sein.

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�Ich sollte hinzufügen, obwohl wir das der NATO zur
Verfügung stehende Mix nuklearer Gefechtsfeldwaffen erheblich verändern, werden wir sie nicht vollständig abschaffen. Das entscheidende nukleare Bindeglied bleibt in Form von Mehrzweckkampfflugzeugen
bestehen.
Diese vier konzeptionellen Streitkräftepakete - Atlantische Streitkräfte, Pazifische Streitkräfte, Eventualfallkräfte und Strategische Streitkräfte - bilden die Grundlage für die Größenordnung und Gliederung unserer
militärischen Kräfteverteilung. Das Ergebnis ist die
Basisstreitmacht - das Minimum an Streitkräften, das
zur Bewältigung der ständigen Bedürfnisse in einer
sich verändernden Welt benötigt wird.
Diese vier Streitkräftepakete müssen auch von soliden
und reagierenden militärischen Transport- und Weltraumfähigkeiten sowie kontinuierlichen Forschungsund Entwicklungsprogrammen unterstützt werden und
der Verpflichtung zur Neuformierung der Streitkräfte,
*

AMERIKA DIENST 41

falls sich unsere Prognosen für eine vielversprechendere Zukunft als falsch erweisen sollten.
Sie wird weiterhin eine echte, keine Scheinstreitmacht
sein. Eine Streitmacht, die, wenn sie zur Ausübung
einer militärischen Mission aufgefordert wird, keinen
Zweifel an ihrer Fähigkeit läßt, dies zu tun. Wie Sie
sehen, haben wir die Basisstreitmacht darüber hinaus
auf unsere regionalen Interessen zugeschnitten.
Wir reduzieren unsere Streitkräfteniveaus in einer Art
und Weise, die nicht länger auf einen Weltkrieg mit der
Sowjetunion ausgerichtet ist. Im Falle eines Weltkriegs - sollte er je nochmals wahrscheinlich werden müßten wir unsere Streitkräfte neu formieren.
Aus unserer Sicht haben wir die richtige Kombination
von Streitkräften geschaffen, um jegliche Aggression
abschrecken, unseren Erfordernissen der Vornepräsenz gerecht werden, auf jede Krise reagieren und
gegebenenfalls zusätzliche Streitkräfte neu formieren
zu können.

* * *

*

Seite 3

�DROGEN
16. Oktober 1991

DROGENMISSBRAUCH UND DER
EINFLUSS VON THERAPIEZENTREN
Die Behandlung verschiedener Bevölkerungsgruppen
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel ist der erste in einer Serie über die Behandlung von
Drogenabhängigen in den USA.

Mit neun Jahren fing Louis Marsit an, seinem Vater
Bierflaschen zu entwenden. Dann folgten wiederholte
Episoden von Drogenmißbrauch, er geriet mit dem
Gesetz in Konflikt und unternahm Selbstmordversuche. Mit 18 verlie ß er die Schule, und acht Jahre später
saß er im Gefängnis. Bei seiner Verhandlung bat er
den Richter, ihn in ein Therapiezentrum für Drogenabhängige in Maryland - "Second Genesis" - einzuweisen.
Ein Jahr später ist Louis nicht mehr drogenabhängig
und aktives Mitglied seiner Gemeinde. Louis bekundete kürzlich bei der Eröffnungsfeier eines neues Therapiezentrums seine feste Überzeugung: "Wenn es
'Second Genesis' nicht gegeben hätte, wäre ich heute
nicht hier. Ich wäre tot."
Louis ergreifende Geschichte steht für viele Millionen
ehemals Drogen- und Alkoholabhängiger, die einem
der Tausenden in den letzten zehn Jahren in den
Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt entstandenen Therapiezentren ihre Rehabilitation verdanken.
Dies war auch die Botschaft, die viele Sprecher den
3.000 Teilnehmern der 14. Weltkonferenz der Therapiezentren kürzlich in Montreal zu vermitteln suchten.
Ihnen zufolge hat die Idee der Therapiezentren dort
Erfolg, wo andere Bestrebungen im Kampf gegen
Drogen versagt haben.
In den Vereinigten Staaten ist die Zahl der Konsumenten illegaler Drogen drastisch gesunken, von 23 Millionen im Jahr 1985 auf unter 13 Millionen 1990. Der
Mißbrauch der am meisten verbreiteten illegalen Droge Kokain ist in der Risikogruppe der 18- bis 25jährigen
um 45 Prozent gesunken. Jüngste Untersuchungen
weisen auf eine geringe Zahl neuer Konsumenten von
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"Crack" hin, der populären Form des Kokains, die
gebraucht wird. Der Konsum von Marihuana ist seit
1973 auf dem niedrigsten Stand.
Allein in den Vereinigten Staaten gibt es etwa 700
therapeutische Einrichtungen, die quer durch alle
Bevölkerungsschichten und alle Altersgruppen Behandlungen durchführen. Es gibt spezielle Programme für Schulkinder und Jugendliche, Häftlinge, Fabrikarbeiter, Schwangere und Mütter mit Kindern. Darüber hinaus gibt es Fürsorgeprogramme für Senioren
und Obdachlose. Die Behandlung kann von drei
Monaten bis zu drei Jahren dauern.
Der Leiter des Büros des Präsidenten für nationale
Drogenpolitik, Robert Martinez, erklärte den Konferenzteilnehmern, die Therapiezentren vermittelten die
Art von klaren, hilfreichen Werten, die größtenteils
zum Rückgang des Drogenmißbrauchs führen.
"Nahezu alle der erfolgreichen Programme basieren
auf dem Ethos der persönlichen Verantwortung, dem
Einhalten strenger Regeln, persönlichen Opfern und
Sanktionen für Fehlverhalten", erklärte er. "Tatsächlich gibt es wahrscheinlich mehr Gemeinsamkeiten als
Unterschiede zwischen effektiven Strafmaßnahmen
und einer effektiven Behandlung."
Die Therapiezentren bieten ein sehr streng geregeltes
drogenfreies Umfeld, das im Rahmen des Entzugs
Sanktionen und Strafen verhängen, aber auch Privilegien zubilligen kann. Mitglieder des Zentrums sind Teil
einer "Familiengruppe", nicht Patienten wie in anderen
Institutionen. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der
Organisation der Gemeinschaft und sind positive
Vorbilder für andere.

Seite 1

�Der Vizepräsident des Daytop Village in New York,
David Deitch, erklärte, das Modell der Therapiezentren gehe davon aus, daß Drogenabhängigkeit ein
Problem der Person insgesamt ist und soziale, moralische, psychologische, erzieherische und familiäre
Probleme gelöst werden müssen. Ob die Behandlung
nach der Schule, ambulant oder als langfristige Wohngemeinschaft stattfindet - das Konzept bleibt dasselbe.
"Das Konzept geht von der Idee aus, daß neue Verhaltensweisen unter allen Umständen möglich sind", erklärte
Deitch, "und wir betrachten das Leben in einem Zentrum als Weg zu diesen Veränderungen".
Daytop ist das größte gemeinnützige Therapiezentrum der Welt, in dem über 3.000 Menschen aller
Altersstufen behandelt werden. Es bietet eine Vielzahl
von Programme an, um den pädagogischen, emotionalen und psychologischen Bedürfnissen der Teilnehmer gerecht zu werden. Darüber hinaus gibt es viele
andere:
Das Arete Center in Saginaw (Michigan) behandelt
Personen, die nach dem Bundesgesetz für Straftaten
(keine Gewaltverbrechen) verurteilt wurden und nach
ihrer Inhaftierung wieder resozialisiert werden sollen.
Die Bewohner des Zentrums erhalten die Möglichkeit
zu arbeiten und zahlen für einen Teil ihres Aufenthalts.
Das Apple Center in Hauppauge (New York) bietet
hochgradig Drogenabhängigen und psychisch kranken Süchtigen eine langfristige Behandlung im Zentrum. Femer kümmert es sich um obdachlose Drogenabhängige.
Das Westeare Center in Las Vegas (Nevada) bietet
Ausreißern und obdachlosen Jugendlichen Hilfe bei
Konflikten sowie Obdach und hilft jungen Menschen,
die aufgrund von Alkohol- oder Drogenmißbrauch in
Not geraten sind.
Das Amity Center in Tucson (Arizona) führt Programme durch, bei denen Schwangeren im Rahmen ihrer
Drogentherapie pädagogische Fähigkeiten vermittelt
werden. Bei diesem Pilotprogramm können Kleinkinder nach der Geburt bei ihren Müttern bleiben, weil
Untersuchungen belegen, daß sich viele Mütter überhaupt nicht in Behandlung begeben oder diese abbrechen, wenn ihre Kinder bei Verwandten oder Pflegefamilien untergebracht werden.
Den Konferenzteilnehmern zufolge gewinnt die Methode der Therapiezentren auf der ganzen Welt immer
mehr Anhänger. Von den Gemeinden eingerichtete
Zentren in anderen Ländern wenden sowohl traditionelle als auch experimentelle Behandlungsmethoden
an, zum Beispiel helfen Rekonvaleszenten anderen,
von ihrer Sucht loszukommen, und es werden Psychologen eingesetzt. Einige Therapiezentren in Süditalien
werden von der Kirche unterhalten.

Seite 2

Der Leiter des Nationalen Instituts für Drogenmißbrauch (National Institute on Drug Abuse - NIDA),
Charles Schuster, erklärte den Konferenzteilnehmern,
die Effektivität der Behandlung Drogenabhängiger lasse
sich in zahlreichen Studien bis in die siebziger Jahre
zurückverfolgen. Ihm zufolge kamen die Untersuchungen zu dem Ergebnis, daß über 90 Prozent derjenigen, die eine Behandlung abschließen, danach
drogenfrei blieben. Eine Verbesserung wurde auch bei
denjenigen erkannt, die ihre Behandlung nicht abschlössen, aber lange Zeit an Programmen teilnahmen.
Regierungsvertreter erklärten, die Bundesausgaben
für Therapiezentren hätten sich nahezu verdoppelt
und seien von 870 Millionen Dollar im Haushaltsjahr
1989 auf über 1,6 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr
1992 gestiegen.
Der Präsident der Therapiezentren in Amerika, Daniel
Heit, erläuterte, die Abbruchrate sei in den ersten
Behandlungsmonaten immer am größten, aber sogar
dieser Trend kehre sich um. Er erklärte, das von ihm
geleitete Zentrum zur Behandlung von Jugendlichen in
Pennsylvania und Virginia habe seine Durchhaltequote in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdreifacht.
Deitch zufolge sind sich sogar diejenigen, die eine
Therapie frühzeitig abbrechen, der Option bewußt,
daß sie etwas zur Überwindung ihrer Abhängigkeit tun
können und sind beim weiteren Drogenkonsum zurückhaltender. Experten schätzen, daß es in den
Vereinigten Staaten immer noch über 5,7 Millionen
Drogenabhängige gibt.
"Obwohl wir immer noch einen bedauerlicherweise
großen Kern von chronischen Drogenkonsumenten
haben, die einer Behandlung bedürfen, beobachten
wir eine Verlangsamung der Ausbreitung des Drogenmißbrauchs gegenüber den späten siebziger und frühen achtziger Jahren," erklärte Deitch. "Das ist ein
wichtiger Punkt. Die Behandlung funktioniert, und das
hat sich auf diesem Wege gezeigt."
Der Präsident des Rats für Alkohol- und Drogenpolitik
in Kalifornien, Andrew Mecca, erklärte, einer der wichtigsten Faktoren hinter dem Erfolg der Therapiezentren sei ihre Fähigkeit, das Selbstwertgefühl des einzelnen wieder zu wecken.
"Das Selbstwertgefühl wird in einem Umfeld gestärkt,
dem sich jemand zugehörig fühlt, das ihm ein Gefühl
von Bedeutung verleiht, ihn für seine Leistungen belohnt und seine Kompetenz anerkennt," erklärte Mecca.
"Geheilte Drogenabhängige sind tatsächlich mit dem
klassischen Helden zu vergleichen, derfortging, um zu
erobern und mit neuen Einsichten und Weisheiten
zurückkehrte, die er an andere weitergab, damit sie

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�nicht dasselbe durchmachen mu ßten," fuhr er fort. "Je
mehr wir meiner Ansicht nach in den Grundsatz der
Therapiezentren investieren, daß gewöhnliche Menschen gemeinsam ungewöhnliche Dinge tun können...
ist dies wirklich der beste Hoffnungsschimmer, den wir
an die nächste Generation weitergeben können."
Der Leiter der Abteilung Therapieverbesserung im
Büro für Alkohol, Drogenmißbrauch und psychisch
Kranke, Dr. Benny Primm, berichtete, daß eine steigende Zahl von Therapiezentren vielen Drogenabhängigen entweder eine psychiatrische Betreuung anbieten oder die Notwendigkeit dafür erkennen. Ihm
zufolge belegen Untersuchungen, daß bei der Hälfte
der Personen mit einem Abhängigkeitsproblem eine
psychische Krankheit diagnostiziert wurde und 28
Prozent von ihnen an Depressionen leiden oder manisch-depressiv sind.
Primm erläuterte ferner Forschungsergebnisse, denen zufolge der Konsum illegaler Drogen bei vielen
dieser Menschen eine Selbstbehandlung ist, weil sie
mit ihrem Alltag nicht zurechtkommen, die oftmals von
Armut und Hoffnungslosigkeit geprägt ist.
"Diese Menschen haben vielfach keinen Zugang zu
guter psychologischer Beratung und stolpern infolgedessen über ein Mittel, das Ihren Schmerz lindert,"
erklärte Primm. "Wenn wir die Notwendigkeit des
Einsatzes von Psychiatern bereits in einem frühen
Behandlungsstadium erkennen, können wir möglicherweise das Bild der Abhängigkeit in der Gesellschaft
verändern."
Der Stellvertretende Direktor für Nachfragereduzierung im Büro für nationale Drogenkontrollpolitik, Dr.
Herbert Kleber, erklärte, der Gelegenheitskonsument
von Drogen sei der Schlüssel zum Drogenproblem.
"Der Konsument harter Drogen ist nicht das klassische
Beispiel," konstatiert Kleber. "Niemand möchte der
stolpernde Betrunkene, der psychotische Kokainkonsument oder ausgebrannte Heroinabhängige sein. Als
Beispiel dient derjenige, der Drogen konsumieren und
sich in einen Rausch versetzen kann, dabei aber
seinen Arbeitsplatz, seine Familie, Gesundheit und
sein Eigentum behält."

Kleber zufolge kann diesem Irrtum nur abgeholfen
werden, indem Experten die Gefahren des Drogenmißbrauchs in wissenschaftlichen Forschungen aufzeigen, Pädagogen die Informationen und - noch wichtiger - das Beispiel der "unglücklichen prominenten
Vorbilder" vermitteln, deren Leben durch den Drogenkonsum beeinträchtigt worden ist. Kleber erläuterte,
die Berichterstattung über den plötzlichen Tod des
Basketballstars der Maryland University, Len Bias,
infolge einer Überdosis Kokain im Jahr 1986 sei ein Katalysator für Bestrebungen zur Aufklärung der Öffentlichkeit gewesen.
Kleber erklärte ferner, ein weiterer Irrtum bestehe in
der Annahme, die meisten Drogenabhängigen seien
arm und arbeitslos. Ihm zufolge stehen 68 Prozent in
einem Beschäftigungsverhältnis und über 70 Prozent
gehören Mehrheitsgruppen - nicht etwa Minderheiten
-an.
"Obwohl die sozial und wirtschaftlich Benachteiligten
unter den Abhängigen überrepräsentiert sind, stellen
sie nicht die Mehrheit der Abhängigen", erklärte Kleber.
Redner bei der Konferenz berichteten, jüngsten Untersuchungen zufolge sei einer von fünf Arbeitnehmern
zwischen 18 und 25 Jahren in den Vereinigten Staaten
abhängig. Der US-Handelskammer zufolge kostet
Drogenabhängigkeit die Arbeitgeber jährlich über 60
Milliarden Dollar, Alkoholabhängigkeit noch mehr.
Eine 1988 von Gallup durchgeführte Untersuchung
erbrachte, daß 28 Prozent der größten US-Unternehmen jetzt Drogentests durchführen, um den Mißbrauch
einzuschränken und Arbeitsunfälle zu verringern. Zwei
Drittel dieser Unternehmen bieten ihren Arbeitnehmern Therapien an. NIDA hat in diesem Jahr ein
Programm ins Leben gerufen, damit kleinere Firmen
ebenso wie viele Großunternehmen drogenfreie Arbeitsplätze schaffen können.
"Wir versuchen, einen drogenfreien Arbeitsplatz zu
schaffen, an dem Unternehmen die Politik bestimmen,
Mitarbeiter und Vorgesetzte informieren und angemessene Drogentests durchführen", erklärte Kleber.
"Für den Gelegenheitskonsumenten ist die Botschaft
klar - wenn Du abhängig bist, werden wir Dir helfen,
wenn Du weiterhin Drogen konsumierst, gehörst Du

nicht mehr an diesen Arbeitsplatz."
*

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* * *

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Seite 3

�KUNST
16. Oktober 1991

CIRCA 1492: ART IN THE AGE OF EXPLORATION
*

Ausstellung in der National Gallery of Art In Washington

WASHINGTON - (AD) - Dem Kustos der National
Gallery, J. Carter Brown, zufolge ist die Welt das
Thema der Ausstellung Circa 1492: Art in the Age of
Exploration, die vom 12. Oktober 1991 bis zum 12.
Januar 1992 in der National Gallery of Art in Washington gezeigt wird.
Die Ausstellung ist Teil der Feierlichkeiten zum 500.
Jahrestag der Entdeckungen von Christoph Kolumbus. Brown erklärte gegenüber Mitarbeitern des USInformationsamts am 30. September 1991 in Washington: "Mit dem 500. Jahrestag der Reise von
Christoph Kolumbus bietet sich uns eine einzigartige
Gelegenheit, über einen Meilenstein in der Geschichte
der Menschheit nachzudenken, der ungeachtet seiner
Interpretation als Scheideweg in der Weltgeschichte
angesehen werden muß.
Brown erläuterte femer die Zielsetzung von Circa
1492, aus dem beständigen Blickwinkel von Kunst und
kulturellen Errungenschaften das von uns etwas vage
als "Zeitalter der Entdeckungen" bezeichnete Jahrhundert zu beurteilen, seine Bedeutung in der Vergangenheit und auch für die Gegenwart im Hinblick auf das
herannahende Jahr 2000.
"Unser Glaube an die Zeitlosigkeit und Bedeutung
dieses Themas hat sein Gegenstück in der Gro ßzügigkeit und enthusiastischen Unterstützung gefunden, die
wir von unseren Kollegen sowie von Regierungen und
Leihgebern aus der ganzen Welt erfahren haben,"
erklärte Brown.
Die Ausstellung ist Brown zufolge die umfangreichste
in der 50jährigen Geschichte der National Gallery. Sie
umfaßt etwa 600 Exponate, von denen einige zum
ersten Mal in den Vereinigten Staaten gezeigt werden.
Brown verwies ferner darauf, daß die Ausstellung nur
in der National Gallery zu sehen sein wird. "Es ist sehr
schwierig, 600 Exponate zu transportieren, und wir
sind allen Ländern, die sich an der Ausstellung beteiligen, außerordentlich dankbar."
AMERIKA DIENST 41

Brown zufolge stellen die Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und dekorativen Objekte, Landkarten und
wissenschaftlichen Instrumente der Circa 1492 die
künstlerischen Leistungen der wichtigsten Zivilisationen in Europa, Afrika, Asien und Amerika dar.
Folgende Länder stellten der National Gallery Leihgaben zur Verfügung: Belgien, Chile, China, Costa Rica,
Dänemark, Deutschland, Dominikanische Republik,
Frankreich, Großbritannien, Hongkong, Indien, Irland,
Israel, Italien, Japan, Kanada, Kolumbien, Korea Mexiko,
die Niederlande, Nigeria, Österreich, Peru, Polen,
Portugal, Puerto Rico, Saudi-Arabien, Spanien, Schweden, Schweiz, Taiwan, Türkei und die Vereinigten
Staaten.
Leonardo da Vincis Bildnis "Dame mit Hermelin" aus
dem Czartoryski-Museum in Krakau und seine "Studien zu den Proportionen des menschlichen Körpers
nach Vitruv" aus der Galleria dell'Accademia in Venedig sind Brown zufolge erstmals in den Vereinigten
Staaten zu sehen.
Brown erläuterte, das Bildnis "Dame mit Hermelin" sei
eines der drei erhaltenen weiblichen Porträts, die
Leonardo mit ziemlicher Sicherheit zugeschrieben
werden. Die anderen sind die Mona Lisaim Louvre und
das Bildnis der Ginevra de'Benci, das mit Mitteln des
Ailsa Mellon Bruce Fonds 1967 von der National
Gallery of Art erworben wurde.
Brown verwies darauf, daß die Ausstellung nach drei
Hauptthemen gegliedert ist: "Europe and the Mediterranean World", "Toward Cathay", and "The Americas".
"Europe and the Mediterranean World" bietet einen
Überblick über die Erkenntnisse und Spekulationen im
mittelalterlichen Europa über den Osten und erforscht
die wichtigsten politischen Mächte im Mittelmeerraum
zu Kolumbus' Zeiten - Portugal, Spanien, die Königreiche im westlichen Afrika, die Stadtstaaten Italiens und
die islamischen Imperien - sowie die wesentlichen
intellektuellen und geistlichen Strömungen jener Zeit.

Seite 1

�Die Ausstellung umfaßt eine Auswahl der schönsten
erhaltenen wissenschaftlichen Instrumente aus dem
15. Jahrhundert sowie Landkarten über sich aufgrund
der Forschungsreisen wandelnde Darstellungen der
Welt.
Dieser Bereich befaßt sich mit den Entwicklungen
während der Renaissance bei der Wiedergabe der
Perspektive und der Darstellung des menschlichen
Körpers. Sie schließt mit Werken von Leonardo da
Vinci und Albrecht Dürer ab, den typischsten Vertretern von Kunst und Wissenschaft der Renaissance,
deren weitreichende Interessen die gesamte Bandbreite des Strebens nach Wissen jener Zeit verkörpern, erläuterte Brown.
Der Bereich "Toward Cathay" bietet eine Übersicht
über die Zivilisationen Ostasiens im späten 15. Jahrhundert. In der Welt des Jahres 1492 zählten die
Kulturen des Fernen Ostens zu den ältesten, wohlhabendsten und technologisch am weitesten entwickelten der Welt.
"Toward Cathay" umfaßt Gemälde, Skulpturen, Kalligraphien und dekorative Kunstwerke aus Japan, Korea, China und Indien. Von besonderem Interesse ist
Brown zufolge der neue Stil monochromer Gemälde,
der in China, Korea und Japan in dieser Periode gängig
war.
Das abschließende Element der Ausstellung, 'The
Americas" bietet einen Überblick über die Zivilisationen auf dem nord- und südamerikanischen Kontinent
vor der Ankunft der Europäer.
*

Seite 2

*

Insgesamt liegt die Betonung auf der Rolle, die Kunstwerke in unserem Verständnis der Kulturen gespielt
haben, die sie hervorbrachten, erklärte Brown. Die
Azteken werden als Schöpfer eines komplexen kosmologischen Systems dargestellt, das sich auf alle
Aspekte ihres Lebens erstreckte und sich in den ausgestellten Exponaten widerspiegelt, so Brown. Diese
reichen von monumentalen Skulpturen bis zu wertvollen Handschriftenrollen, die Aufzeichnungen über religiöse Erkenntnisse enthielten.
'The Americas" zeigt femer Exponate geometrischer
Stoffmuster der Inkas, beeindruckende Skulpturen der
Woodlands-Indianer aus Nordamerika sowie brillianten, von den Tupinamba in Brasilien gefertigten farbigen Federschmuck. Dieser Bereich schließt mit einer
umfangreichen Auswahl von mit großer Kunstfertigkeit
hergestellten Goldobjekten aus Kolumbien und Costa
Rica.
Die Ausstellung erstreckt sich auf rund 2.700 m2 im
Ostflügel der National Gallery of Art. Die 30 Ausstellungsräume wurde speziell konzipiert, um die in der
Ausstellung gezeigten Kulturen besonders hervorzuheben und sie durch Graphiken und Texte zu ergänzen.
Brown zufolge wurde von der National Geographie
Society eine Sonderreihe von Karten für die Ausstellung und den 672 Seiten umfassenden Ausstellungskatalog entworfen. Der Katalog wird von der Yale
University Press in Zusammenarbeit mit der National
Gallery of Art herausgegeben.

* *

'

AMERIKA DIENST 41

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