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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

18. September 1991

37

KSZE

BAKER FORDERT UNTERSTÜTZUNG FÜR
SOWJETISCHE DEMOKRATISIERUNG
Rede des US-Außenministers bei der KSZE

KAMPELMAN: WACHSENDE BESORGNIS
DER KSZE
Rede bei der Konferenz über die
Menschliche Dimension

MENSCHENRECHTE

VIELE LANDER VERLETZEN IMMER NOCH
MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafter Blackwell

:

BIOLOGISCHE WAFFEN

KONFERENZ KANN REGIME FÜR BIOLOGISCHE
WAFFEN STÄRKEN
Rede von ACDA-Direktor Lehman

AMERIKA HEUTE

MULTIKULTURELLE ODER PARTIKULARE
GESELLSCHAFT?
von Diane Ravitch

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�KSZE
18. September 1991

BAKER FORDERT UNTERSTÜTZUNG
FÜR SOWJETISCHE DEMOKRATISIERUNG
Rede des US-Außenministers bei der KSZE
MOSKAU - (AD) - In seiner Rede bei der KSZE in Moskau erklärte US-Außenminister Baker am 11. September
1991, der Westen werde das sowjetische Volk in seinem Bestreben zum Aufbau von Demokratie und freien
Marktwirtschaften unterstützen. Baker erklärte, seine Botschaft an alle Bürger und Politiker der Sowjetunion sei
einfach: "Der Mut, den Sie im August bewiesen haben, muß anhalten und sich nunmehr in dauerhafter politischer
und wirtschaftlicher Freiheit festigen."
Bush forderte die Sowjets auf, fünf Grundprinzipien zu folgen:
die Zukunft der Sowjetunion friedlich und im Einklang mit demokratischen Werten und Verfahrensweisen
zu gestalten,
bestehende innere und äußere Grenzen zu achten,
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu unterstützen,
Menschenrechte zu achten, auf der Basis von Respekt für den einzelnen und einschließlich der
Gleichbehandlung von Minderheiten,
Wahrung des Völkerrechts und internationaler Verpflichtungen, insbesondere die Einhaltung von Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki und der Pariser Charta.
Nachfolgend veröffentlichen wir Außenminister Bakers Rede im Wortlaut.

*
«.

Als ich vor etwa einem Jahr beim KSZE-Treffen in
Kopenhagen sprach, erblickte ich um mich herum das
sich verändernde Gesicht Europas. Am Tisch versammelt waren Vertreter aus einer sich reformierenden
Sowjetunion, aus beiden zwei Monate vor ihrer Vereinigung stehenden Teilen Deutschlands und aus den
neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas.
In den letzten Monaten ist die Umwandlung Europas
ohne Unterlaß fortgeschritten. Die schwierige Aufgabe der Konsolidierung von Demokratie und Einführung
der Marktwirtschaft wird in ganz Mittel- und Osteuropa
zunehmend gelöst. Deutschland ist vereinigt, und
Albanien hat sich geöffnet. Estland, Lettland und
Litauen, die vor fünfzig Jahren gewaltsam ihrer Unabhängigkeit beraubt worden waren, konnten schließlich
ihren rechtmäßigen Platz in unserer Mitte einnehmen.
Aber nicht alle Veränderungen in Europa sind so
friedlich verlaufen. Wir sind nach wie vor tief betrübt
und besorgt über das tragische Blutvergießen in Jugoslawien. Denjenigen, die auf Bedrohung oder Einsatz
von Gewalt bestehen, sagen wir: Dies bringt keine

AMERIKA DIENST 37

Ehre, keine dauerhaften Vorteile, keine Zukunft. Sie
können Wohlstand und Sicherheit für Ihr Volk nicht mit
Gewalt erreichen. Sie können nur einen Sturm von
Elend, Aufruhr und Verlust ernten.
Ich möchte allen Teilnehmern eindeutig erklären - vor
allem der serbischen Führung und der jugoslawischen
Bundesarmee -, daß sie sich mit jedem Einsatz von
Gewalt immer weiter vom neuen Europa isolieren und
die Kosten für ihr Volk über die gegenwärtige ernste
Wirtschaftskrise hinaus erhöhen. Wir bezweifeln, daß
die Völker Jugoslawiens den hohen Preis des politischen und wirtschaftlichen Exils tatsächlich bezahlen
wollen. Gemeinsam mit anderen KSZE-Mitgliedern
bekräftigen wir voll und ganz unsere Unterstützung für
die anhaltenden Bestrebungen der Europäischen
Gemeinschaft, einen echten Waffenstillstand und
politische Schlichtung zu erzielen. Wir fordern alle
Teilnehmer auf, den Abgrund der Gewalt zu verlassen,
in den sie in jüngster Zeit abgestiegen sind und die
Gelegenheit für den Frieden zu ergreifen. Der Rest
Europas bewegt sich in Richtung auf politische und
wirtschaftliche Freiheit.

Seite 1

�Leitlinien für demokratische Maßnahmen
Niemand schreitet energischer voran als die Völker der
Sowjetunion. Für die Völker dieses Landes ist tatsächlich das Zeitalter der Demokratie angebrochen. Und
gemeinsam mit Ihnen freut sich das amerikanische
Volk über diese Entwicklung. Hier in Moskau atmen wir
den warmen Wind der neugewonnenen Freiheiten.
Wir sollten uns jedoch darüber im klaren sein, daß
schwierige Wintermonate vor uns liegen und der Frühling noch fem ist.
Die Menschen in diesem großen Land stehen in den
nächsten Wochen und Monate vor großen Herausforderungen. Aber zum ersten Mal nach Jahrzehnten der
Diktatur und Planwirtschaft weiß jeder einzelne Bürger, da ß er allein alle wichtigen Entscheidungen treffen
muß. Jeder Bürger der Sowjetunion hat jetzt die
einmalige Chance, selbst über sein Schicksal zu bestimmen. Wie die Menschen in diesem Land sich den
kommenden Herausforderungen stellen werden, wird
sicherlich Beweis dafür sein, wie stark ihr Engagement
für demokratische Werte ist. Der Umfang, die Tragweite und die Konsequenzen der von den Bürgern
dieses Landes jetzt getroffenen Entscheidungen sind
in der Tat einmalig. Aber bei ihrer Gestaltung der
Zukunft stehen sie nicht ohne Leitlinien oder ohne
Maßstab für die übernommene Verantwortung da.
In dieser Zeit der Veränderungen in allen Bereichen
des Lebens in der Sowjetunion sollten wir diese Gelegenheit ergreifen, um uns an alle Bürger und Politiker
der Sowjetunion zu wenden. Meine Botschaft ist
einfach: Der Mut, den Sie im August bewiesen haben,
muß anhalten und sich nunmehr in dauerhafter politischer und wirtschaftlicher Freiheit festigen. Bei Ihrer
Arbeit am Aufbau von Demokratie und Marktwirtschaft
wird Ihnen der Westen zur Seite stehen. Der Weg von
Ihnen ist vorgezeichnet durch dauerhafte Grundsätze
und allgemeine demokratische Prinzipien, die Ihnen
helfen, die Herausforderung der Veränderungen friedlich und rechtmäßig zu bewältigen.
Ich fordere Sie insbesondere auf, sich von fünf Grundprinzipien leiten zu lassen.
Erstens ist es wichtig, daß Sie die Zukunft dieses
Landes friedlich gestalten, im Einklang mit demokratischen Werten und Verfahren sowie den Prinzipien der
Schlußakte von Helsinki. Wenn Ihre Zielsetzung eine
erfolgreiche Demokratie ist, werden Sie genau das tun.
Einschüchterung, Illegalität und Gewalt sind nicht Helfer
der Demokratie sondern Vorboten der Diktatur. Ebenso wie Sie die Panzer niedergezwungen haben, sollten
Sie diesem Übel der Intoleranz ins Auge blicken.
Zweitens fordern wir alle auf, bestehende innere und
äußere Grenzen zu respektieren. Jede Veränderung
der Grenzen sollte nur rechtmäßig mit friedlichen
Mitteln des Konsens und im Einklang mit den Prinzi-

Seite 2

pien dieser Institution vorgenommen werden. Die
jüngst von einigen Republiken getroffenen Vereinbarungen unterstreichen diesen Grundsatz. Die Alternative wäre eine Spirale der Instabilität. Autarkie, Abstecken des Terrains und die Androhung des Einsatzes von Gewalt für territoriale Gewinne können keine
legitimen Elemente der neuen euro-atlantischen
Gemeinschaft sein. Die Geschichte Europas ist nur
allzu voH von Beispielen, wie ein solch unverantwortliches Verhalten auf diesem Kontinent ungeheures Leid
angerichtet hat.
Drittens fordern wir nachdrücklich Unterstützung für
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Wir fördern friedliche Veränderungen lediglich durch ordnungsgemäße
demokratische Verfahren, insbesondere Wahlen. Dr.
Sacharow hat oftmals erklärt: Demokratische Mittel
sind der einzige Weg zur Demokratie. Das KSZE-Büro
für freie Wahlen, von dem wir hoffen, daß es bald ein
Büro für demokratische Institutionen wird, kann bei
diesen Bestrebungen eine konstruktive Rolle spielen.
Viertens fordern wir Sie auf, Menschenrechte zu achten, auf der Basis des Respekts für den einzelnen und
einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten. In einer erfolgreichen pluralistischen Gesellschaft
- und ganz sicher in einem multinationalen System befindet sich jeder Bürger zu einer bestimmten Zeit
oder im Hinblick auf ein bestimmtes Thema einmal in
der Minderheit. Thomas Jefferson hat vor 200 Jahren
bei seinem Amtsantritt folgendes gesagt: Obwohl der
Wille der Mehrheit in allen Fällen zum Tragen kommen
muß, muß dieser Wille um seiner Rechtmäßigkeit
willen vernünftig sein. Die Minderheit besitzt das
gleiche Recht, das Gesetze schützen müssen. Verletzungen wären Unterdrückung. Im Einklang mit in
Kopenhagen und Genf eingegangenen Verpflichtungen müssen Politiker auf allen Regierungsebenen den
Haß gegenüber Rassen und Minderheiten, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung sowie
die Verfolgung aufgrund von Religion oder Ideologie
ausdrücklich verurteilen.
Fünftens möchten wir Sie auffordern, das Völkerrecht
und internationale Verpflichtungen zu respektieren,
insbesondere die Einhaltung von Bestimmungen der
Schlußakte von Helsinki und der Pariser Charta. Dies
wird Sie am besten auf den Beitritt zum demokratischen Staatenbund vorbereiten. Das Recht der Mitgliedschaft in diesem Staatenbund ist kein Amt, das
mit Macht verbunden oder geographisch bestimmt ist.
Es ist ein Bund von Werten - gemeinsamen Werten.
Die fünf Prinzipien verkörpern diese gemeinsamen
demokratischen Werte. Sie repräsentieren den Weg
in Richtung auf eine neue Zukunft, auf die Vollmitgliedschaft im demokratischen Staatenbund. Deshalb möchte
ich heute hier in Moskau die Forderung wiederholen,
die ich bereits vor einer Woche aufgestellt habe: Ich

AMERIKA DIENST 37

�fordere alle Politiker auf allen Regierungsebenen auf,
ihre Unterstützung für diese fünf Prinzipien zu bekunden. Darüber hinaus fordere ich alle KSZE-Mitglieder
auf, dasselbe zu tun.

Aus diesem Grund erachtet es meine Regierung als
unabdingbar, daß wir die durch dieses Moskauer Treffen
gebotene Möglichkeit einer gründlichen Überprüfung
der Verwirklichung voll und ganz nutzen.

Die KSZE ist nicht durch Panzer geteilt. Statt dessen
verfügen wir über die moralische Autorität, die sich aus
Prinzipien wie diesen ergibt. Wir konnten auf den
Straßen dieser Stadt vor drei Wochen beobachten,
daß Menschen, die mit Prinzipien bewaffnet sind,
Panzer überwinden können.

Insbesondere hoffen wir, daß bei diesem Treffen der
vom mir im Juni in meiner Berliner Rede unterbreitete
Vorschlag verabschiedet wird, das Büro für freie Wahlen
zu einem Büro für demokratische Institutionen zu
erweitern. Darüber hinaus würden wir die Verabschiedung unseres Vorschlags zur Stärkung des Mechanismus der menschlichen Dimension begrüßen, damit die
KSZE Menschenrechtsfragen besser lösen kann, auch
diejenigen, die nationale Minderheiten betreffen. Unser
Ansatz sieht die Schaffung eines Schlichtungsgremiums vor, mit dem der KSZE größere Möglichkeiten
und Flexibilität zur Bewältigung der vordringlichsten
Probleme verliehen wird.

Diese Prinzipien sind nicht nur Leitlinien, sondern auch
Maßstäbe für übernommene Verantwortung. Die
Verfechter dieser Prinzipien sollten wissen, daß sie die
einzig sichere Basisfür unsere Unterstützung und Hilfe
aufbauen - ein gemeinsames Band, das durch dauerhafte Werte gefestigt wird. Diejenigen, die diesen
Prinzipien keine Beachtung schenken, die unverantwortlich die Rechte anderer mit Füßen treten während
sie ihre eigenen Pflichten vernachlässigen, sollten
eines wissen: sie riskieren gute Beziehungen und
Unterstützung von außen, wenn ihr Vorgehen die
Grundregeln unterminiert, auf denen Demokratie und
die KSZE basieren.
Das Moskauer Treffen über die menschliche Dimension
Ich möchte mich nunmehr der Tagesordnung dieses
Treffens zuwenden. Das Treffen in Moskau ist keine
Gelegenheit, sich ständig selbst auf die Schulter zu
klopfen. Diejenigen, die den Staatsstreich erfolgreich
niedergeschlagen haben, wissen nur allzugut, daß
Achtung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und
demokratische Verfahren hier in der Sowjetunion erst
noch vollständig Fuß fassen müssen. Es kann keine
deutlicheren Hinweise geben, wie gut dies verstanden
wird, als die Tatsache, daß eine der ersten Maßnahmen des Außerordentlichen Kongresses der Volksdeputierten die Verabschiedung einer Erklärung über
Menschenrechte und Grundfreiheiten war - die erste
Erklärung dieser Art in der Geschichte der Sowjetunion.
Auch in Mittel- und Osteuropa wird die harte Arbeit an
der Demokratie fortgesetzt. Auch hier besteht die
größte Herausforderung für Bürger und Regierungen
gleichermaßen in der Verwirklichung der KSZE-Verpflichtungen zur menschlichen Dimension.
Seit zwei Jahrhunderten messen wir Amerikaner der
Umsetzung unserer Bill of Rights in die tägliche Praxis
höchste Priorität bei, und wir wissen, daß gute Absichten und hehre Worte auf Pergament - obwohl sie ein
ausgezeichneter Anfang sind - nicht die Demokratie
ausmachen. Demokratie leitet ihre Existenz vom
Bürger ab. Entsprechend ist der KSZE-Prozeß nur so
bedeutsam wie die positiven Auswirkungen, die er auf
das Leben unserer Völker haben kann.

AMERIKA DIENST 37

Im Juni habe ich in Berlin ferner größeres Engagement
der KSZE vorgeschlagen, um die Umstrukturierung
der Rüstungsindustrie voranzubringen und die potentiellen Migrationsprobleme in Europa in den Griff zu
bekommen. Wir sehen einer Erörterung dieser Vorschläge gerne entgegen und hoffen, Fortschritte bei
konkreten Maßnahmen in diesen Bereichen erzielen
zu können.
Wir sind uns bewußt, daß es kein Patentrezept zur
Umsetzung demokratischer Prinzipien in die Praxis
gibt, das für alle Zeiten, Orte, Menschen und unter
allen Umständen gültig ist. Durch die vernünftige und
entschlossene Suche nach Lösungen von Bürgern
und ihren gewählten Vertretern erhalten Demokratien
jedoch Reife und Legitimität in den Augen ihrer Bürger
und der internationalen Staatengemeinschaft.
Helden unserer Zeit
Diese Suche wurde vor drei Wochen ernsthaft begonnen. Es ist eine Suche, bei der wir alle Worte der tiefen
Anerkennung für abwesende Verfechter der Menschenrechte und für diesen Prozeß zum Ausdruck
bringen müssen. In ihrem Poem Wlthout a Hero hat
die große russische Dichterin Anna Aichmatowa die
tiefgreifenden Ereignisse ihrer Zeit nachvollzogen, als
es ihr bestimmt war, Revolution, Bürgerkrieg, Terror
und Invasion zu erleben. Das Gedicht beginnt am
Vorabend des Ersten Weltkriegs, 1913 - dem ersten
Jahr dessen, das Aichmatowa "nicht als den Kalender
sondern das echte 'zwanzigste Jahrhundert'" bezeichnet - ein Jahrhundert des Aufruhrs und menschlicher
Tragödien ungekannten Ausmaßes. Zwangsläufig
endet das Gedicht melancholisch.
Leider lebte Aichmatowa nicht lange genug, um das
Zeitalter der Demokratie in ihrem leiderprobten Heimatland mitzuerleben. Und auch zahllose Millionen
konnten es nicht mehr erleben, für die ihre Gedichte
Zeugnis menschlichen Leidens und der Würde des

Seite 3

�menschlichen Geistes sind. Sie kamen zu spät für die
11 Helsinki-Beobachter, die in sowjetischen Gefangenenlagern oder ausländischem Exil umkamen und vor
ihrem Tod lange Jahre der Verfolgung für die Verteidigung der Menschenrechte erdulden mußten. Es kam
auch für Sacharow und für die drei jungen Männer zu
spät, die erst letzten Monat bei der Verteidigung der
demokratischen Prinzipien der Menschen gegen Panzer
ihr Leben ließen. All diese mutigen Männer und
Frauen haben die Ankunft der Demokratie beschleunigt. Sie sind die wahren Helden unserer Zeit.

Mut und ihren Opfern gerecht wird. Gemeinsam
können wir einen wertvollen Beitrag zur Konsolidierung der Demokratie für die Menschen in der Sowjetunion und ganz Europa leisten. Durch unsere Bestrebungen können wir dazu beitragen, 1991 zum ersten
echten Jahr des 21. Jahrhunderts zu machen - einem
Jahrhundert, das, so hoffen wir, einem neuen Europa,
einem neuen AtJantizismus und einer neuen auf menschliche und demokratische Werte, florierende Marktwirtschaften und friedliche internationale Beziehungen
gegründeten Weltordnung den Weg bereiten wird.

Ich denke, es ist nur angemessen, wenn ich diese
Ausfühlungen heute mit dem Appell abschließe, daß
unsere Arbeit hier in Moskau ihren Hoffnungen, ihrem
* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 37

�KSZE
18. September 1991

KAMPELMAN: WACHSENDE BESORGNIS DER KSZE
Rede bei der Konferenz über die Menschliche Dimension
MOSKAU - (AD) - Der Leiter der US-Delegation bei der KSZE-Konferenz über die Menschliche Dimension,
Botschafter Max Kampelman, erklärte, "die Veränderungen in Europa haben Gefühle freigesetzt oder wiedererweckt, die (...) Feindschaft, Spannungen, Vorurteile, Haß oder Mord hervorbringen. Sie erinnern uns an die
alten schrecklichen Tage, die wir zu vergessen hofften. Sie verursachen Besorgnis bei den Menschen und
Diplomaten in Europa und Nordamerika."
Kampelman würdigte die "kontinuierlichen und erfolgreichen Errungenschaften der Schlußakte von Helsinki
während der kurzen 16 Jahre ihres Bestehens", und verwies in seiner Rede beim Moskauer Treffen am 16.
September 1991 auf die neue wachsende Besorgnis der KSZE-Länder.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Kampelmans Rede im Wortlaut.

Herr Vorsitzender,
es ist verständlich, daß unsere Minister - und auch wir
- eine tiefe Befriedigung über die kontinuierlichen und
erfolgreichen Errungenschaften der Schlußakte von
Helsinki während der kurzen 16 Jahre ihres Bestehens
empfinden. Die Worte, die diese Räume in der ersten
Woche unserer Zusammenkünfte erfüllen, haben diesen Leistungen und dem Wendepunkt der Geschichte,
der uns hierher geführt hat, Tribut gezollt. Dieses Land
und diese Stadt verkörpern heute das unermüdliche
Bestreben, die Unterdrückung des Menschen zu beenden und die Stärke, Vitalität und Widerstandskraft
von Demokratie und menschlicher Würde anzuerkennen.
Ich möchte heute nachmittag hier nicht die Worte
wiederholen oder mit den Reden wetteifern, die wir
gehört haben. Ich möchte auch nicht unsere Befriedigung und unser berechtigtes Eigenlob auf die Probe
stellen. Ich möchte vielmehr daran erinnern, daß es
neue und andere Empfindungen und Anliegen gibt, die
erkannt und geäußert werden müssen, wenn wir gegenüber uns selbst, unseren Hoffnungen und unserer
Aufgabe ehrlich sein wollen.
In einem Europa, das heute freier und demokratischer
ist, sind Freiheit und Menschenrechte allgemein als
unerläßlich für die Erlangung von Sicherheit und Stabilität anerkannt. Dennoch erfahren wir Qualen, Unruhen, Mißstimmungen und Teilung - die alle unser
Empfinden von Sicherheit und Stabilität untergraben.
Es ist, als ob unser Staatsgefüge zunehmende Qualen

AMERIKA DIENST 37

erleidet, ebenso wie der menschliche Körper Schmerz
empfindet, wenn er sich entwickelt und älter wird. Das
ist beunruhigend, unbequem und störend.
Die Veränderungen in Europa - vielfach positiv oder
ehrenvoll, oftmals auch destruktiv und bedrohlich haben Gefühle freigesetzt oder wiedererweckt, die
jahrelang künstlich oder rücksichtslos unterdrückt
wurden. Es sind diese destruktiven Gefühle, die uns
heute Anlaß zur Besorgnis geben. Sie bringen Feindschaft, Spannungen, Vorurteile, Haß oder Mord hervor. Sie erinnern uns an die alten schrecklichen Tage,
die wir zu vergessen hofften. Sie verursachen Besorgnis bei den Menschen und Diplomaten in Europa und
Nordamerika.
Die Gewalt in Jugoslawien hat bereits tiefgreifende
und wichtige Auswirkungen auf den KSZE-Prozeß und
die hier stattfindenden Beratungen. Die Politiker in
diesem unglücklichen Land, insbesondere in Serbien,
die für diese Gewalt verantwortlich sind, verursachen
einen Prozeß, der sie und ihre eigennützigen Ziele bald
in einer Art und Weise mitreißen wird, die außerhalb
ihrer Vorstellungskraft liegt. Ich stelle fest, daß Menschen und Diplomaten innerhalb der KSZE zunehmend verärgert und unsere politisch Verantwortlichen
zunehmend frustriert sind, weil sie Zeuge werden, wie
Menschen ihre Nachbarn in einem sinnlosen Ausbruch
von Gewalt mitten in unserereuropäischen Staatengemeinschaft umbringen.
Verantwortungsbewußte Politiker in Europa wollen,
daß es ihren Völkern gut geht und sie die Freiheit der
Seite 1

�Demokratie genießen. Sie wollen die von ihnen regierten Völker die wirtschaftlichen Früchte dessen ernten
lassen, was Menschen infolge der Revolutionen in
Wissenschaft, Kommunikation und Industrie erreicht
haben, die den Menschen ungeheure neue Möglichkeiten für ihre Erfüllung und ihren Wohlstand eröffnet
haben. Die veranwortungsbewußten Politiker von
heute haben hart und kreativ gearbeitet, um eine
europäische Staatengemeinschaft hervorzubringen,
die gewaltlos, integrativ und koordiniert ist und das
Leben der Menschen in ihr produktiv verbessert. Wir
können nicht zulassen, daß der archaische, engstirnige und gewalttätige Nationalismus in Jugoslawien die
jetzt schnell entstehende Ordnung mit ihrem Potential
zur Verwirklichung vieler unserer Hoffnungen bedroht.
Die Erfahrung in Jugoslawien dient als frühes Warnzeichen, daß Gewalt innerhalb der KSZE inakzeptabel ist
und nicht zugelassen oder geduldet werden darf.
Ich bin zuversichtlich, daß dieses Treffen ihre Entschlossenheit zum Ausdruck bringt, Schritte ins 21.
Jahrhundert zu unternehmen und nicht in ein finsteres
Zeitalter zurückzufallen. Wir werden das vorsichtig
tun, ohne auf irgendeine Weise die grundlegenden
Prinzipien der Integrität und des gegenseitigen Respekts zu gefährden oder zu unterminieren, die so
effektiv zu unserer Stärke beigetragen haben. Europa
muß sich energisch und kontinuierlich in Richtung auf
eine internationale Staatengemeinschaft bewegen, in
der unsere Länder und Kulturen ihre gemeinsamen
Werte und Reichtümer, ihre Traditionen und Erfahrungen zu einer Gesellschaft beitragen, in der die Würde
des Menschen betont wird.
Es gibt ein direkt damit zusammenhängendes Anliegen, das die Aufmerksamkeit dieses Gremiums verdient. Das Verschwinden des Kommunismus in diesem Land wird von allen begrüßt. Eine neue Struktur
der Regierung wird geschaffen. Unter enthusiastischer Zustimmung unserer Regierung und der anderen hier versammelten Länder wurde dadurch unsere
Zahl erhöht. Wir sind jetzt nicht mehr 35 sondern 38.
Das bringt uns jedoch auf den Gedanken, daß die Zahl
38 nicht das Ende des Prozesses darstellen könnte.
Was bedeutet das? Würde sich eine KSZE aus 40,45
oder noch mehr Mitgliedern nicht von einer KSZE mit
35 Mitgliedern unterscheiden? Würden weitere Zugänge eine Veränderung im Verhältnis untereinander,
im Ansatz, einem möglichen Sinneswandel und vielleicht beim Engagement bewirken? Wir müssen über
die Auswirkungen solcher potentiellen Herausforderungen ernsthaft nachdenken.
Die Sowjetunion wird ein anderes Land mit einer neuer
politischen Definition. Die konstruktiven und stimulierenden Ansprachen von Präsident Gorbatschow, vom
Präsidenten der russischen Republik Jelzin und Außenminister Pankin, die wir vergangene Woche in
diesem Saal vernommen haben sowie die Zusammensetzung der sowjetischen Delegation haben uns mit

Seite 2

einer gewissen Aufregung erfüllt, weil wir einen echten
und entschlossenen Schritt in Richtung auf Demokratie in diesem großen Land beobachten. Die Menschen
und Regierungen dieses Landes bewegen sich mit
Riesenschritten vorwärts, aber wir müssen erkennen,
daß es sich dabei um Riesenschritte ins Unbekannte
handelt.
Man kann es wohl als tragisch bezeichnen, daß die
Zentralregierung derSowjetunion so rücksichtslos und
brutal war. Die vielen Millionen, die nie die Möglichkeit
hatten, ihre nationalen, ethnischen und religiösen Traditionen und Hoffnungen auszudrücken und zu verwirklichen, fühlten sich dieser Zentralregierung völlig
entfremdet. Bei der ersten Gelegenheit - und diese
Gelegenheit ist jetzt - sind sie nur allzu bestrebt, sich
von dieser Zentralregierung loszusagen und stehen
ihrem veränderten Image skeptisch gegenüber. Das
ist verständlich, aber wenn die Republiken dieses
Landes größere Selbstbestimmung erreichen, werden
sie nicht die Gelegenheit verstreichen lassen, die
lebhaften Farben ihrer eigenen Kulturen zu einem
farbenprächtigen Regenbogen beizutragen, der sich
über das ganze Land erstreckt und den Himmel erhellt.
Die Völker der Sowjetunion haben diese Chance für
eine bessere Zukunft, wenn sie sich von den Fesseln
alter Haßgefühle und engstirniger Bigotterie befreien
können. Dieses Land kann zu "Vereinigten Nationalitäten in Miniatur" werden und der Welt ein Beispiel
geben.
Wir werden durch eine Reihe demokratischer Entwicklungen in den Republiken ermutigt. Das Parlament der
Ukraine hat nach seiner Unabhängigkeitserklärung
alle politischen Gefangenen freigelassen, und seine
Erklärung beinhaltet eine Klausel zum Schutz der
Rechte und Freiheiten aller Völker, die innerhalb der
Grenzen leben, nicht nur der Ukrainer selbst. Die
russische Republik liefert ständig dramatische Beweise ihres Engagements für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und politischen Pluralismus. Wir sind sehr
zuversichtlich, daß sie der Versuchung einer verordneten autoritären Regierung widerstehen kann. Moldawien und Armenien haben die wichtigsten internationalen Menschenrechtsdokumente verabschiedet und
ratifiziert. Darüber hinaus haben eine Reihe von
Republiken parlamentarische Menschenrechtsausschüsse gebildet und bilaterale Abkommen zum Schutz
der Rechte von Minderheiten geschlossen.
Wir dürfen jedoch nicht andere Faktoren außer acht
lassen, die uns Sorge bereiten. Wir können zum
Beispiel nicht glücklich über eine Wahl in Aserbaidschansein, wo der Wahlvorgang nur einen Präsidentschaftskandidaten hervorbringt. Wir lesen, daß Usbekistan repressive Maßnahmen gegen demokratische
Kräfte ergreift. Repression wird gegen politische Aktivisten in Weißrußland eingesetzt. Morde an Osseten
in Georgien sind weiterhin inakzeptable offensichtliche
Verletzungen der KSZE-Bedingungen. Tatsächlich

AMERIKA DIENST 37

�scheinen die unerklärlichen Stellungnahmen des
georgischen Regierungschefs die Kernpunkte der KSZEPrinzipien über ethnische Minderheiten herauszufordern. Die Beschränkungen fundamentaler Freiheiten,
sogar der lokalen Bevölkerung Georgiens steht im
Gegensatz zu all dem, was wir mit der Unterzeichnung
der Pariser Charta zu erreichen hofften.
Zunehmende Gewalt verbunden mit Ausweisungen
und Verfolung von Armeniern in Nagomy-Karabach
haben zu einem Aufschrei von Menschenrechtsgruppen in meinem Land und andernorts geführt. Meine
Regierung steht hinter diesem heftigen Protest. Wir
nehmen die Kommentare des Außenministers von
Aserbaidschan vom sowjetischen Sitz in dieser Versammlung zur Kenntnis, sie rechtfertigen jedoch in
keiner Weise die zunehmende Gewalt. Wir verurteilen
alle Gewalt in der Region und fordern die Parteien auf,
von allen Aktionen abzusehen, die zur Verschärfung
dieser Krise beitragen. Wenn die Parteien Teil von
Europa werden wollen, müssen sie die Streitigkeiten
auf dem Verhandlungswege und nicht durch bewaffnete Gewalt - weder auf lokaler noch auf Ebene der
Zentralregierung - lösen.
Wir sind uns ferner bewu ßt, daß keine der Republiken
ethnisch homogen ist. Wir wissen beispielsweise, daß
rund 30 Millionen Russen außerhalb Rußlands in diesen Republiken leben, und ihre Menschenrechte müssen
respektiert werden. Das Problem der Flüchtlinge im
Inland und ihrer häufig erlittenen Diskriminierung verschärft sich. Wir sind uns bewußt, daß die Tradition
der Menschenrechte in einer Reihe von Republiken
keine tiefen Wurzeln hat. Wir fragen uns daher, ob die
Auswanderungspolitik national gehandhabt oder auch
auf der Ebene der Republiken wirksam wird. Bei der
sowjetischen Auswanderungspolitik konnten entschiedene Verbesserungen beobachtet werden, auch wenn
die neue Gesetzgebung in einigen Bereichen noch
unzulänglich ist. Können wir davon ausgehen, daß die
Republiken diese und andere Prinzipien und Werte
des Helsinki-Prozesses respektieren?
Wir hoffen, daß die neue Landkarte der ehemaligen
Sowjetunion bald fest umrissen sein wird, ich gehe
jedoch davon aus, daß es Zeit erfordern wird, bis die
Linien endgültig gezogen sind. Sobald die Euphorie
der Unabhängigkeit in die richtige Perspektive gerückt
ist, muß diese Energie und Kreativität in eine nüchterne Konfrontation mit wirtschaftlichen und politischen
Realitäten münden. Die neue politische Identität dieses Landes muß in seinem wie auch in unserem
Interesse mit dem übrigen Europa beim Streben nach
wirtschaftlicher Integration und politischer Koordination sowie der Unterstützung unserer gemeinsamen
Werte gleichziehen, wie sie in den historischen Dokumenten der KSZE verankert sind.
Es ist angemessen, daß diese und andere bei diesem
Treffen abgegebene Erklärungen sich auch auf die
Entwicklungen in diesem Land konzentrieren. Das
AMERIKA DIENST 37

Thema wurde uns vom Präsidenten der Sowjetunion in
seiner Eröffnungsansprache vor unseren Delegationen vorgegeben. Unsere offiziellen und inoffiziellen
Diskussionen sind jedoch über diesen Rahmen hinausgegangen. Wir haben eine konstruktive Bestandsaufnahme vorgenommen, wie unsere in Helsinki, Wien
und Kopenhagen eingegangenen und anderen Verpflichtungen zur menschlichen Dimension eingehalten
wurden und blicken jetzt voll Hoffnung in die Zukunft.
Eine Reihe der hier anwesenden Delegationen haben
die beachtlichen Fortschritte zur Demokratie festgestellt und gewürdigt, die Bulgarien in den vergangenen
zwei Jahren erzielt hat. Es gibt zahlreiche Beweise,
daß die bulgarische Regierung entschlossen ist, diesen schwierigen Weg zu einer fest verankerten Demokratie zu Ende zu gehen. Gleichzeitig stimmen wir
denjenigen zu, die mit Besorgnis die neuen verfassungsmäßigen Bestimmungen Bulgariens zur Kenntnis genommen haben, die auf ethnische oder religiöse
Zugehörigkeit gegründete politische Gruppierungen
verbieten. Wir bringen diese Besorgnis zusammen mit
unserer Würdigung der konstruktiven Beiträge der
bulgarischen Delegation zu unserer Debatte zum
Ausdruck. Die nächsten Wahlen in Bulgarien finden
am 13. Oktober statt. Das Land hat immer noch Zeit,
seine KSZE-Verpflichtungen zu erfüllen, und wir sind
erfreut über die vom Leiter der bulgarischen Delegation artikulierten Schritte in diese Richtung.
Den Albanern im Kosovo werden immer noch ihre

Rechte vorenthalten, und wir sind weiterhin empört
über die Gewalt, die ihnen und ihren Rechten angetan
wird. Es gibt keine Rechtfertigung für die Entscheidung Serbiens, mit Gewalt zu herrschen. Damit wird
nur Haß und andauernde Gewalt geschürt. Es ist an
der Zeit für die serbische Führung, menschliche Züge
anzunehmen, damit sie ihr Volk über die Schwelle ins
21. Jahrhundert führen kann.
In zu vielen unserer Mitgliedstaaten beobachten wir
immer noch Antisemitismus und Intoleranz gegenüber
Zigeunern. In einem auf die Pariser Charta gegründeten Europa gibt es keinen Raum für diese empörenden
Demütigungen.
Am Freitag hat die türkische Delegation für uns eine
Bilanz der Bestrebungen ihrer Regierung zur Beendigung der Verletzung von Menschenrechten vorgenommen, die dort stattgefunden haben. Brutalität und
Folterungen durch die Polizei finden immer noch allzu
häufig statt. Diese und ähnliche Vorfälle der Gewalt
durch Aktionen oder Untätigkeit seitens der Regierung
fügen dem Ruf der Türkei in der internationalen Staatengemeinschaft unnötigen Schaden zu. In diesen
Tagen dramatischer Veränderungen und wachsender
Erwartungen hat die Türkei eine Chance, eine internationale Führungsrolle zu übernehmen. Die Vereinigten
Staaten haben in jüngster Ziet selbst Erfahrungen mit
der Brutalität der Polizei gemacht. Aus diesem Grund
waren wir erfreut über die zunehmenden Bestrebun-

Seite 3

�gen der Türkei, ihre Polizisten zu Seminaren und
anderen Fortbildungsmaßnahmen zu entsenden, damit
die Polizei ihre Verantwortung in einer demokratischen
Gesellschaft lernt. Darüber hinaus würden wir die
Verabschiedung der von der Regierung vorgeschlagenen Gesetzgebung begrüßen, den Zeitraum der Inhaftierung bei einer Festnahme von 15 auf 4 Tage zu
verkürzen und bei der Verhaftung das Recht auf einen
Anwalt zu garantieren. Dies steht im Einklang mit den
Kopenhagener Prinzipien.
Herr Vorsitzender, mit diesen Anliegen und den vor
Ihnen aufgezeigten Perspektiven setzt die amerikanische Delegation große Erwartungen in dieses Mos-

*

Seite 4

*

kauer Treffen. Wir werden alle Bestrebungen unterstützen, unsere gemeinsamen Ziele voranzubringen.
Wir fühlen uns außerordentlich ermutigt durch die
Erklärungen, die während dieser ersten der vier Wochen abgegeben wurden, die wir gemeinsam verbringen werden. Wir werden unsere Vorschläge unterbreiten und die Vorschläge anderer Delegationen gerne
unterstützen. Unser gemeinsames Ziel ist, ein Moskauer Dokument hervorzubringen, das auf seine Weise einen so historischen Beitrag leistet wie Kopenhagen es bei der Herstellung von Sicherheit und Stabilität
in allen Staaten bei Menschenrechten für all unsere
Völker getan hat.

* *

AMERIKA DIENST 37

�MENSCHENRECHTE
18. September 1991

VIELE LÄNDER VERLETZEN IMMER
NOCH MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafter Blackwell
GENF - (AD) - Dem US-Vertreter bei der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, Botschafter
Kenneth J. Blackwell, zufolge erkennen viele Länder zwar die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte an,
verwirklichen aber nicht ihre Grundsätze und Normen.
Die Welt ist nicht in Länder geteilt, die an Menschenrechte zu glauben vorgeben und in solche, die nicht daran
glauben, sondern "sie ist in Länder aufgeteilt, die Menschenrechte achten und solche, die sie nicht achten".
Bei der Eröffnungssitzung des ersten Vorbereitungstreffens für die 1993 geplante Weltkonferenz über Menschenrechte erklärte Blackwell am 10. September 1991, die Grundsätze der Menschenrechtserklärung seien
weithin anerkannt, "aber ihre Verwirklichung bleibt weit dahinter zurück". Die Herausforderung für die Konferenz
und in der Tat für die gesamten Vereinten Nationen bestehe im 21. Jahrhundert darin, "wie die bereits
anerkannten Normen realisiert werden sollen".
Blackwell bekundete seine Hoffnung, daß die Konferenz die Funktionen bestehender Institutionen unterstützen
wird, etwa des Menschenrechtszentrums, "das denjenigen ein gewisses Maß an Hilfe bietet, deren Rechte
täglich verletzt werden".
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Blackwells Rede im Wortlaut.

Gestatten Sie mir, Ihnen zu Ihrer Ernennung als Vorsitzende des ersten Vorbereitungstreffens für die 1993
geplante Weltkonferenz über Menschenrechte zu
gratulieren. Die letzte Weltkonferenz fand 1968 in
Teheran statt. Einer der größten Verfechter der Freiheit in Amerika, Martin Luther King, wurde nur 20 Tage
vor Beginn dieser Konferenz ermordet. Die US-Delegation hatte Schwierigkeiten zu verstehen, wie so ein
Verbrechen insbesondere in einem Land möglich sein
konnte, das sich selbst als Wiege der Freiheit versteht.
Martin Luther Kings Tod hat uns nur allzu deutlich vor
Augen geführt, daß wir stets wachsam sein müssen
und in unserem Kampf zur Förderung der Rechte des
einzelnen - und der Souveränität der Menschheit nicht einen Augenblick die Hände in den Schoß legen
dürfen. Die Weltkonferenz 1993 gibt uns die Gelegenheit, uns erneut auf diese Rechte einzuschwören.

Aber die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist
mehr als eine Inspiration. Ihre Verabschiedung hat
den Blickwinkel der internationalen Staatengemeinschaft zu Menschenrechten verändert. Dank dieser
Erklärung und ihrer Folgevereinbarungen hat der einzelne einen neuen Status in der Welt erhalten, mit
anerkannten unveräußerlichen Rechten, zu deren Schutz
und Förderung sich die internationale Staatengemeinschaft verpflichtet hat. Dieser Aufgabe sollte sich auch
die Weltkonferenz widmen.

Vor etwa 50 Jahren trafen sich Staats- und Regierungschefs zu einer Sitzung unter der UN-Flagge, um
dieselben wichtigen Probleme zu erörtern, denen wir
uns heute gegenübersehen. Ihre Leistungen waren
von großer Tragweite, denn sie erarbeiteten die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Ihre Arbeit
setzte dauerhafte Maßstäbe für die gesamte internationale Staatengemeinschaft.

Wenn wir den 45. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begehen - und das wird ein
Grund für die Durchführung der Weltkonferenz 1993
sein - sollten wir zunächst anerkennen, daß die Welt
nicht in Länder geteilt ist, die an Menschenrechte zu
glauben vorgeben und in solche, die nicht daran glauben, sondern sie ist in Länder aufgeteilt, die Menschenrechte achten und solche, die sie nicht achten.

AMERIKA DIENST 37

Die Allgemeine Erklärung bietet denjenigen einen
Hoffnungsschimmer, die von ihren Regierungen dauernden systematischen Angriffen ausgesetzt sind. Sie
ist ein Wegweiser für neue Nationen und Inspiration für
alle Völker, die das Joch von Diktatur oder Zwangsherrschaft abschütteln wollen.

Seite 1

�Viele Länder der internationalen Staatengemeinschaft
haben die in der Allgemeinen Erklärung verankerten
Prinzipien und Normen anerkannt. Diese Normen sind
dauerhaft. Aber ihre Verwirklichung bleibt weit dahinter zurück. Die Herausforderung für die Konferenz und
in der Tat für die gesamten Vereinten Nationen besteht
im 21. Jahrhundert darin, wie die bereits anerkannten
Normen realisiert werden sollen.
Glücklicherweise gibt es bereits eine Reihe von Strukturen, die bei der Verwirklichung helfen können: das
Menschenrechtszentrum, die Menschenrechtskommission, den Menschenrechtsausschuß und Sonderberichterstatter für bestimmte Länder und Themen. Sie
bilden das Kernstück bei der Durchführung der Menschenrechte. Wir brauchen keine neuen übergreifenden Mechanismen. Aber wir müssen auf der bestehenden Infrastruktur aufbauen, um die Verwirklichung
von Gerechtigkeit und Menschenrechten zu gewährleisten. Ein wichtiges Ziel der Weltkonferenz sollte
darin bestehen, die Funktionen bestehender Institutionen, etwa des Menschenrechtszentrums, zu unterstützen, das denjenigen ein gewisses Maß an Hilfe
bietet, deren Rechte täglich verletzt werden.
Ich möchte einige Beispiele für konkrete Vorschläge
anführen, die zu einer besseren Verwirklichung der
Menschenrechte führen können:
Der WCHR könnte die Gründung eines Gremiums von UN-Rechtsberatem empfehlen. Das
Gremium sollte bei Verfahren über Menschenrechtsverletzungen sowohl als Beobachter als
auch als Berater fungieren.
Die Konferenz würde untersuchen, wie die
Ausbildungsprogramme des Menschenrechtszentrums über Grundregeln der Menschenrechte für Polizei und Militär gefördert werden können.
Darüber hinaus könnte die Konferenz ein technisches Hilfsprogramm für gesetzgebende Körperschaften unter der Schirmherrschaft des Menschenrechtszentrums ins Leben rufen. Ein
solches Programm würde den vielen aufstrebenden Demokratien der Welt wertvolle Hilfe
leisten.
Eine andere Idee, die gerade von den Vereinten
Nationen erwogen wird, ist die Schaffung eines
Mechanismus zur Reaktion auf Bitten der Mitgliedstaaten um Hilfe bei Wahlen. Freie und
faire Wahlen sind die Grundlage echter Demokratie auf der ganzen Welt. Sie umfassen die
Rechte eines Bürgers, an der Regierung seines
Landes zu partizipieren und sind für die Demokratie überall unabdingbar. Die Förderung von
Wahlverfahren ist zur Erlangung grundlegender
Menschenrechte entscheidend.

Seite 2

Dies sind nur einige Vorschläge für konkrete Programme zur Verwirklichung grundlegender Menschenrechte. Ich bin sicher, andere Delegationen werden ihre
eigenen Vorschläge unterbreiten. Mit Phantasie und
Augenmaß können wir gemeinsam ein Programm
entwerfen, das über Erklärungen hinausgeht und den
Menschen auf der Welt etwas Neues bietet.
AH diese Vorschläge müssen finanziert werden. Deshalb ist es entscheidend, daß ein größerer Prozentsatz
der UN-Ressourcen Programmen zufließt, mit denen
Menschenrechte verwirklicht werden. Das Menschenrechtszentrum verfügt gegenwärtig nicht über die erforderlichen Mittel und Ressourcen, um mit der momentanen Arbeitsbelastung Schritt zu halten. Angesichts der Notwendigkeit, die Verwirklichung der
Menschenrechte zu fördern, sollte die Weltkonferenz
die Umleitung von Mitteln innerhalb der Vereinten
Nationen zugunsten dieser erforderlichen Programme
unterstützen. Die Vereinigten Staaten fördern dieses
Ziel. Aber es soll in vernünftiger Weise durchgesetzt
werden. Der Prozeß der Zuweisung von Mitteln sollte
für alle transparent und offen sein. Noch wichtiger ist
es, daß geringe Mittel für Aktivitäten aufgewendet
werden, die größtmögliche Auswirkungen auf die
Verbesserung der Lebensqualität und der Rechte des
einzelnen haben.

'

Frau Vorsitzende, wir haben bereits einen Plan für eine
erfolgreiche Konferenz. Er wurde mit Resolution 45/
155 der Generalversammlung niedergelegt. Er fordert
erstens eine Überprüfung und Bewertung von Fortschritten und Rückschläge bei den Menschenrechten
seit Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte. Zweitens fordert er die Konferenz
auf, "das Verhältnis zwischen Entwicklung und Gewährung (dieser Rechte) zu prüfen, wie sie in den
Internationalen Statuten über Menschenrechte festgelegt sind". Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, daß Menschenrechte der Schlüssel zur Entwicklung sind. Drittens fordert er Bewertungen, wie die
Durchführung bestehender Menschenrechtsnormen
und die Effektivität von Methoden und Mechanismen
verbessert werden können.
&lt;
Frau Vorsitzende, in einer Erklärung bei der Debatte
der Generalversammlung im Herbst vergangenen Jahres
hat Präsident Bush darauf verwiesen, daß der kalte
Krieg in Berlin zu Grabe getragen worden ist. Angesichts eines neu vereinten und freien Deutschlands
halten wir es für besonders angemessen, daß Berlin
Gastgeber der Weltkonferenz sein wird. Wir danken
der Bundesregierug für ihre Einladung.
Abschließend möchte ich bekräftigen, daß die Weltkonferenz über Schlagworte hinausgehen muß. Mit
der Verwirklichung der Menschenrechte kann jeder
einzelne sein Potential ausschöpfen. Sie sind der
Schlüssel für die Entwicklung des einzelnen. Auf

AMERIKA DIENST 37

'

�nationaler Ebene sind Menschenrechte der Schlüssel
für wichtige wirtschaftliche Entwicklungen und auf
internationaler Ebene die Basis für Frieden und Sicherheit.
Im Juli habe ich am KSZE-Expertentreffen über nationale Minderheiten teilgenommen. Das allgemeine
Engagement für positive, praktikable Lösungen hat

AMERIKA DIENST 37

mich berührt. Bei unseren Vorbereitungen für die
Weltkonferenz über Menschenrechte müssen wir noch
größeres Engagement an den Tag legen. Gemeinsam
müssen wir sicherstellen, daß die Vereinten Nationen
konkrete Maßnahmen ergreifen, um Demokratie, die
Achtung der Menschenrechte und die Entwicklung der
Freiheiten des einzelnen zu fördern, um das hohe
Potential der Menschheit auszuschöpfen.

Seite 3

�CHEMISCHE

WAFFEN
18. September 1991

KONFERENZ KANN REGIME FÜR
BIOLOGISCHE WAFFEN STÄRKEN
Rede von ACDA-Direktor Lehman
GENF - (AD) - Den Vereinigten Staaten zufolge bietet die gegenwärtig in Genf stattfindende dritte Überprüfungskonferenz der Konvention über Biologische und Toxin-Waffen eine wichtige Gelegenheit, "Wege aufzuzeigen,
um die Durchführung des Regimes gegen (solche Waffen) zu fördern".
Der Leiter des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung, Ronald Lehman, erklärte am 10. September 1991
bei der Konferenz, die Vereinigten Staaten seien "zur eingehenden Prüfung bereit, ob und wie das Verbot
biologischer und Toxin-Waffen verifiziert werden kann".
Lehman erläuterte ferner: "Insbesondere planen wir, mögliche Wege aufzuzeigen, um die Beteiligung an der
Konvention zu steigern und Vertrauen durch mehr Offenheit zu schaffen. Schließlich werden wir weiterhin die
Bedeutung betonen, die wir der Einhaltung und der Überprüfungskonferenz beimessen, die dieses Anliegen der
Einhaltung erkennt und behandelt."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des ACDA-Direktors im Wortlaut.
Vor zwanzig Jahren haben die Unterhändler hier in
Genf die Konvention über Biologische und ToxinWaffen abgeschlossen. Sie waren - um die Präambel
zu zitieren - entschlossen, "...die Möglichkeit des Einsatzes biologischer Wirkstoffe und Toxine als Waffe
auszuschließen". Die Aufgabe der heute hier Anwesenden besteht darin, die Durchführung der Konvention gemäß Artikel XII zu überprüfen und zu gewährleisten, daß das Ziel der Präambel und die Bestimmungen der Konvention verwirklicht werden. Dies ist eine
große Verantwortung, und die Vereinigten Staaten
nehmen sie sehr ernst.
Bei der Erfüllung dieser Pflicht müssen die Konferenzteilnehmer mit all ihrer Kraft ihre Unterstützung für das
vollständige Verbot von biologischen und Toxin-Waffen bestätigen. Diese schrecklichen Waffen sind eine
Bedrohung für die gesamte Menschheit. Die internationale Staatengemeinschaft kann und darf nicht die
Entwicklung, Herstellung und Lagerung solcher Waffen tolerieren.
Die internationale Staatengemeinschaft hat bestimmte weithin akzeptierte Verhaltensmaßstäbe, die ihr
Funktionieren sicherstellen. Die B-Waffen-Konvention liefert im Hinblick auf biologische und ToxinWaffen den einzig umfassenden internationalen Standard. Darüber hinaus ist sie Sammelpunkt für die
internationale Reaktion auf Verletzungen vereinbarter
Verhaltensmaßregeln durch ein Land.

AMERIKA DIENST 37

Die Vereinigten Staaten haben ein vitales Interesse
am Bestand der B-Waffen-Konvention. Sie haben
lange vor Abschluß der Konvention einseitig auf biologische und Toxin-Waffen verzichtet. Sie stehen voll
und ganz hinter der Konvention und ihrer effektiven
Durchführung.
Wie jedes Werk des Menschen ist die B-WaffenKonvention nicht perfekt. Eines unserer Ziele bei
dieser Konferenz wird darin bestehen, aktiv praktische
und effektive Maßnahmen zur Durchführung der
Konvention und zum Aufbau des Vertrauens in sie zu
ergreifen. Aber indem die Vereinigten Staaten erforderliche Veränderungen vorschlagen, möchten sie ihr
Vertrauen in die Konvention selbst bekunden. Welche
Mängel sie auch haben mag - die Konvention bleibt das
wichtigste Bollwerk der Welt gegen biologische und
Toxin-Waffen.
Unsere vordringliche Aufgabe ist es, die Durchführung
der Konvention zu fördern, und die US-Delegation ist
bei dieser dritten Überprüfungskonferenz zur eingehenden Prüfung bereit, wie das Verbot biologischer
und Toxin-Waffen effektiver durchgeführt werden kann.
Ein wichtiges Element der B-Waffen-Konvention ist die
Frage der Absicht, denn Aktionen im Zusammenhang
mit biologischen oder Toxin-Waffen sind verboten. Es
ist daher an den Teilnehmerstaaten, zu versichern,
daß sie beim Umgang mit biologischen Stoffen friedliche Absichten verfolgen.
Seite 1

�Wir gehen grundsätzlich davon aus, daß der beste
Ansatz zur Förderung der B-Waffen-Konvention darin
besteht, Vertrauen unter den Beteiligten zu schaffen,
sich an die Bedingungen zu halten und diejenigen, die
die Konvention verletzen, zur Einhaltung zu bewegen.
Die Konvention ist nicht effektiv verifizierbar, und wir
kennen keine Möglichkeit, dies durchzusetzen. Unsere Bestrebungen bei dieser Konferenz gehen also
dahin, Transparenz und Offenheit unter allen Beteiligten zu fördern. Die einzelnen Länder müssen im
Hinblick auf ihren Umgang mit biologischen Wirkstoffen so offen wie möglich sein. Wir beabsichtigen
unsere eigenen Maßnahmen vorzuschlagen, die vorgeschlagenen Maßnahmen anderer zu unterstützen
und Vertrauensbildung zu betonen. Dadurch werden
wir die Durchführung der B-Waffen-Konvention stärken, unser Engagement fürdie Konvention bekräftigen
und den verbindenden Charakter der Konvention nach
dem Völkerrecht betonen.
Wenn wir unser Ziel der besseren Durchführung der BWaffen-Konvention erreichen wollen, müssen wir in
den nächsten Wochen eine Reihe wichtiger Probleme
ansprechen, darunter Verbreitung, Nichteinhaltung,
Mittel der Vertrauensbildung bei der Einhaltung, unzureichende Durchführung bestehender vertrauensbildender Maßnahmen und mangelnde Einhaltung durch
wichtige Länder.
Probleme der Verbreitung
Die Verbreitung biolgischer und Toxin-Waffen ist für
uns alle beängstigend und bedrohlich. Solche Waffen
können durchschlagendere Wirkung haben als die
schlimmsten chemischen Waffen, und viele von ihnen
sind in ihren Auswirkungen höchst unberechenbar.
Unserer Meinung nach arbeiten eine Reihe von Ländern an der Herstellung bereits bekannter und neuer
biologischer Waffen.
Eine Kontrolle der Verbreitung ist schwierig, weil die
Forschung und Entwicklung in diesem Bereich naturgemäß mehreren Zwecken dient. Im Gegensatz zur
Herstellung chemischer Waffen gibt es keine Vorläufer
oder Geräte, die ausschließlich für die Herstellung
biologischer Wirkstoffe für feindliche Zwecke eingesetzt werden können. Dasselbe Material ist zum
Beispiel wichtig für die lebensnotwendige Forschung
zur Kontrolle der Ausbreitung vieler schwerer Krankheiten und für die Herstellung bestimmter Impfstoffe.
Viele Substanzen, die als biologische Waffen eingesetzt werden können, kommen in zahlreichen Ländern
natürlich vor. Tatsächlich kann jedes Land mit einer
bescheiden entwickelten pharmazeutischen Industrie
Material für biologische oder Toxin-Waffen herstellen,
wenn es das will.
Wir müssen sicherstellen, daß eine solche Wahl keine
Option ist. Die Vereinigten Staaten tragen ihren Teil
dazu bei. Im November vergangenen Jahres hat

Seite 2

Präsident Bush einen Präsidialerlaß verabschiedet,
der US-Sanktionen verschärft, um die Verbreitung
mehrerer Massenvernichtungswaffen zu verhindern.
Die im Dezember 1990 ins Leben gerufene Initiative
zur verbesserten Kontrolle der Verbreitung führt diesen Präsidialeria ß teilweise durch. Für den Export von
Mehrzweckgerät, mit dem chemische und biologische
Waffen hergestellt werden können, ist eine Ausfuhrgenehmigung erforderlich. Darüber hinaus hat der Präsident denjenigen US-Bürgern Strafverfolgung angedroht, die wissentlich ausländische chemische und
biologische Waffen oder Raketenprogramme unterstützen. Darauf werde ich später noch zu sprechen
kommen.
Verbreitung ist ein internationales Problem und erfordert eine internationale Lösung. Gleichzeitig stellt uns
die gegenwärtige Lage im Nahen Osten vor einmalige
Gefahren und Chancen. Deshalb konzentriert sich die
Initiative Präsident Bushs vom 29. Mai 1991 zur Eindämmung der Verbreitung nuklearer, chemischer und
biologischer Waffen auf den Nahen Osten als Ausgangspunkt und ergänzt andere Initiativen, zum Beispiel der Premierminister John Major und Takishi
Kaifu.
Ein Teil der Initiative des Präsidenten für den Nahen
Osten konzentriert sich insbesondere auf biologische
Waffen und baut auf unserem gegenwärtigen Ansatz
und unseren internationalen Maßstäben auf. Die
Initiativen des Präsidenten:
fordern die Stärkung der B-Waffen-Konvention
von 1972 durch vollständige Durchführung bestehender Bestimmungen und verbesserte
Mechanismen, und sie
appellieren an die Länder in der Region, vertrauensbildende Maßnahmen für biologische Waffen zu verabschieden.
Diese Initiativen ergänzen die Unterstützung der Vereinigten Staaten für die Fortsetzung des Embargos
vom UN-Sicherheitsrat gegen Waffenlieferungen an
den Irak ebenso wie die Arbeit der UN-Sonderkommission zur Abschaffung der noch bestehenden Fähigkeiten des Irak, nukleare, chemische und biologische
Waffen und ihre Trägersysteme einzusetzen oder
herzustellen.
Die US-Delegation setzt sich für die verbesserte Durchführung der B-Waffen-Konvention so ein, daß die
biotechnologische Industrie oder legitime biologische
Verteidigungsaktivitäten nicht behindert werden. Die
Vereinigten Staaten werden insbesondere vorschlagen, daß die Teilnehmer die Absicht bekunden:
nationale Exportkontrollen für pathogene biologische Organismen und Toxine sowie den Transfer von Mehrzweckgeräten an nichtstaatliche
Parteien und Organisationen zu verhängen.

AMERIKA DIENST 37

�Es ist nicht angemessen, daß die Überprüfungskonferenz eine spezielle Liste kontrollierter Materialien
aushandelt. Wir werden den Teilnehmern jedoch als
Muster die Liste von Organismen und Mehrzweckgeräten zur Verfügung stellen, deren Export in den Vereinigten Staaten beschränkt ist. Darüber hinaus werden die Vereinigten Staaten andere Länder ermutigen,
bei ihrer individuellen Exportkontrollpolitik ähnliche
Maßnahmen zu ergreifen. Es ist unabdingbar, daß die
Länder alles in ihrer Macht Stehende tun, um zu
gewährleisten, daß sie oder ihre Industrie nicht zur
Verbreitung von B-Waffen beitragen. Ein wichtiger
Schritt in diese Richtung ist die Verabschiedung nationaler Exportkontrollen für pathogene biologische Stoffe, Toxine und Geräte zu ihrer Herstellung.
Probleme der Einhaltung
Leider ist das Problem der Verbreitung von B-Waffen
nicht auf Länder beschränkt, die die Konvention noch
nicht unterzeichnet haben. Unter den Verbreitern von
B-Waffen sind Länder, die internationale Verpflichtungen und Normen über Bord geworfen haben, zu denen
sie sich mit der Unterzeichnung und in manchen Fällen
der Ratifizierung der B-Waffen-Konvention verpflichtet
hatten. Wir dürfen und können unsere Augen nicht vor
den Ländern verschließen, die Inhalt und Ziel der
Konvention nicht einhalten. Wir dürfen und können
keine Argumente akzeptieren, die Nichteinhaltung
beschreiben wollen als den Unterschied im Auge des
Betrachters. Verbreitung ist ein Problem, das uns alle
angeht, zum Teil, weil einige Länder ihren internationalen Verpflichtungen nicht nachgekommen sind.
Wir hatten in jüngster Zeit ein anschauliches Beispiel
für die Bedrohung, die sich durch Nichteinhaltung stellt
und die Bedeutung der umgehenden Behandlung dieses
Themas. Dieses Beispiel liefert der Irak, der eindeutig
über ein Programm für biologische Waffen verfügte,
obwohl er die B-Waffen-Konvention unterzeichnet hat.
Das Dementi des Irak zu seinem B-Waffenprogramm
wurde in denselben Dokumenten übermittelt, aus denen
hervorging, daß der Irak seine Instrumente zur Ratifizierung niedergelegt hat. Niemand weiß genau, wieviele B-Waffen der Irak hergestellt hat oder was er
verbirgt, um diesen tödlichen Weg weiterzuverfolgen.
Natürlich ist ein solches Verhalten inakzeptabel. Der
Irak sollte die volle internationale Ächtung erfahren, die
wir - die anderen Teilnehmer der Konvention, die
unsere Verpflichtungen respektieren - aufbringen
können. Ein Land, das die Konvention nicht einhält,
darf sich nicht dem Druck entziehen können, daß die
internationale Staatengemeinschaft eine solche Mißachtung der Vertragsbestimmungen nicht dulden wird
und Ma ßnahmen zur Behebung der Situation erwartet.
Bei dieser dritten Überprüfungskonferenz betonen die
Vereinigten Staaten die kontinuierliche Bedeutung, die
sie der Einhaltung von Bestimmungen der Konvention
beimessen. In diesem Zusammenhang streben wir

AMERIKA DIENST 37

nach Anerkennung der Probleme der Einhaltung durch
die Überprüfungskonferenz und fordern die beteiligten
Länder auf, alles Erdenkliche zu tun, um sie zu lösen.
Unserer Meinung nach verfügen die Sowjetunion und
andere Länder über umfangreiche aktive Programme
für biologische Waffen und verletzen damit die BWaffen-Konvention. Wir bestehen darauf, daß diejenigen Unterzeichner und Beteiligten, die ihre Verpflichtunge nicht einhalten, "ihr Haus in Ordnung bringen"
und die erforderlichen Schritte zur vollständigen Einhaltung unternehmen. Wir werden die Konferenz
nachdrücklich auffordern, in ihrem Abschlußdokument
diesen Empfindungen Ausdruck zu verleihen.
Vertrauensbildung
Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß
die B-Waffen-Konvention angesichts kontinuierlicher
wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen, die
das bereits erschreckende Problem der Verifizierung
eines umfassenden Verbots für biologische und ToxinWaffen weiter komplizieren, weder durch Zusätze
noch durch eine Umstrukturierung effektiv verifizierbar
gemacht werden kann. Der Schlüssel für den Erfolg
dieser Konvention heißt Vertrauen, und wir werden
Wege aufzeigen, um Transparenz und Offenheit bei
den Beteiligten zu erhöhen. Unser erster Schritt in
diese Richtung wird darin bestehen, diese bereits
vereinbarten vertrauensbildenden Maßnahmen so
funktionsfähig wie möglich zu gestalten. Unsere Strategie unterstützt die internationale Norm gegen biologische und Toxin-Waffen, indem sie:
1.

weiterhin die Aufmerksamkeit auf Verletzungen
der B-Waffen-Konvention und die fehlende internationale Reaktion auf diese Verletzungen
als Bedrohung für die Norm lenkt, und

2.

die Verabschiedung einer Reihe von vertrauensbildenden Maßnahmen befürwortet, um
Transparenz erlaubter Aktivitäten zur biologischen Verteidigung zu fördern und internationale Untersuchungen über vermutete Verletzungen zu unterstützen.

Im Schlußdokument der zweiten Überprüfungskonferenz haben die Parteien verschiedene Maßnahmen
verabschiedet, mit denen sich die Parteien der BWaffen-Konvention zur Durchführung verschiedener
vertrauensbildender Maßnahmen verpflichten. Diese
Schritte führten in die richtige Richtung.
Leider ist die Durchführung der Bestimmungen über
die Angabe von Daten nur freiwillig, und lediglich ein
Viertel der Parteien haben sich beteiligt. Viele liefern
vermutlich keinen Bericht, weil sie keine Einrichtungen
haben, wie sie die vertrauensbildenden Maßnahmen
abdecken. Fehlende Ressourcen in den Außenministerien kleiner Länder mögen auch zur geringen Zahl
der Teilnehmer beitragen. Obwohl die geringe Beteiligung verständlich ist, ist sie nicht akzeptabel.
Seite 3

�Wir müssen es besser machen. Alle Teilnehmer
sollten sich am Datenaustausch beteiligen, auch wenn
einige nur berichten können, daß sie keine Einrichtungen oder Aktivitäten melden können. Wir werden
deshalb vorschlagen, daß die Beteiligten bis zum 15.
April jedes Jahres die spezifischen Informationen
bereitstellen, wie sie der Datenaustausch der B-Waffenkonvention fordert oder einen "Null-Bericht" liefern.
Solche "Null"-Berichte können auch dazu beitragen,
mehr Vertrauen durch größere Offenheit zu schaffen.
Ich fordere insbesondere die kleineren Länder auf, der
Beteiligung größere politische Priorität einzuräumen.
Darüber hinaus werden wir die Beteiligten ermutigen,
bestehende vertrauensbildende Maßnahmen besser
durchzuführen, zu stärken oder auszubauen, um "aktive
Kontakte zwischen Wissenschaftlern zu fördern, die
biologische Forschung in direktem Zusammenhang
mit der Konvention betreiben, einschließlich eines
gemeinsam vereinbarten Austauschs über diese Forschung."
In diesem Sinne möchten wir die Beteiligten ermutigen, der Konvention über solche Austauschprogramme zu berichten.
Eine weitere Maßnahme sieht vor, daß
die Bekanntgabe von Daten Publikationslisten über die
Forschung in den angegebenen Einrichtungen beinhalten sollte.
Um den Datenaustausch entscheidend zu verbessern,
schlagen die Vereinigten Staaten vor, daß:
die Parteien erklären, ob sie über ein Programm der
biologischen Verteidigung verfügen, und wenn das der
Fall ist, detaillierte Informationen über Einrichtungen,
Aktivitäten und Finanzierung liefern.
Solche Informatinoen könnten folgendes umfassen:
eine allgemeine Beschreibung der gegenwärtigen
Hauptforschungsbereiche, den Standort jeder Forschungseinrichtung für biologische Verteidigung sowie Quelle und Umfang der jährlichen Finanzierung
jeder Forschungseinrichtung für biologische Verteidigung, Entwicklung, Erprobung und Bewertung biologischer oder infektiöser Wirkstoffe oder Toxine. Dies
sollte Teil der jährlichen Bekanntgabe von Daten sein.
Wenn ein Land jedoch über kein Programm zur biologischen Verteidigung verfügt, wäre ein "Null-Bericht"
erforderlich. Damit würde die Offenheit bei Arbeiten im
Zusammenhang mit biologischer Verteidigung gesteigert.
Eine weitere Maßnahme besteht darin, daß:
die Beteiligten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
ungewöhnliche Ausbrüche von Krankheiten melden
und nicht den Teilnehmern der B-Waffen-Konvention,
wie es die vertrauensbildenden Maßnahmen der BWaffenkonvention von 1986 vorsehen.

Seite 4

Diese vertrauensbildenden Maßnahmen sind kaum
eingehalten worden, und eine Meldung an die WHO ein Standardverfahren - wird wahrscheinlich erfolgreicher sein als die Berichterstattung durch den Mechanismus der B-Waffen-Konvention.
Probleme der Verifizierung
Unserer Ansicht nach ist die B-Waffen-Konvention
nicht wirksam verifizierbar. In diesem Zusammenhang
bedeutet dies, daß die Vereinigten Staaten die immanenten Schwierigkeiten der Entdeckung und Verifizierung illegaler Aktivitäten nach der Konvention berücksichtigen. Dennoch waren wir in der Lage, eindeutige
Beweise für Nichteinhaltung zu entdecken. Die Vereinigten Staaten wären daran interessiert, potentielle
Maßnahmen zur Verifizierung der Konvention zu prüfen, aber wir kennen gegenwärtig keinen Weg, um sie
effektiv verifizierbar zu machen. Bis jetzt konnte kein
überzeugender Vorschlag für die Effektivität von Routineoder Verdachtsinspektionen bei Einrichtungen zur
Herstellung biologischer Wirkstoffe unterbreitet werden. Ineffektive Verifizierungsregime und Maßnahmen, die biologischen Verteidigungsprogrammen und
anderen friedlichen biologischen Aktivitäten schaden,
sind nicht akzeptabel. Das gilt auch für Regime, die
einen falschen Eindruck von Vertrauen vermitteln.
Es existieren große technische und praktische Schranken für die Verifizierung. Diese Schwierigkeiten sind
den Methoden zur Herstellung von Mikroorganismen
und Toxinen immanent. Vom technologischen Standpunkt ist die Herstellung solchen Materials für offensive Zwecke extrem schwierig, und in manchen Fällen
ist es vielleicht unmöglich, einen Unterschied zur
Herstellung für friedliche Zwecke festzustellen. Darüber hinaus ist die Forschung für legitime biologische,
medizinische und pharmazeutische Zwecke in vielen
Fällen kaum von der Forschung zu unterscheiden, die
auf die Entwicklung biologischer Waffen abzielt. Es
gibt auch noch nicht im entferntesten eine Technologie, die solche Unterscheidungen vornehmen könnte.
Ein ineffektives Verifizierungsregime bei der B-Waffen-Konvention könnte letztlich Täuschungen erleichtern und sie lohnender machen, indem sie einen falschen Eindruck von Vertrauen schafft. Da die praktischen Probleme der Differenzierung zwischen legitimen und ungesetzlichen Aktivitäten bestehen bleiben
würden, hätte die Entdeckung der Nichteinhaltung
keinen Wert und keine abschreckende Wirkung. Ironischerweise würde ein der B-Waffen-Konvention aufgezwungenes nicht funktionsfähiges Verifizierungsregime das Konzept und den Wert der Verifizierung in
anderen wichtigen Bereichen der Rüstungskontrolle
verringern.
Die Konzentration auf die mangelnden Verifizierungsmaßnahmen in der B-Waffen-Konvention lenkt von
dem grundsätzlichen Wert der Konvention als internationaler Maßstab ab, der das Gewicht der hehren und

AMERIKA DIENST 37

�souveränen Versprechen von 120 Ländern trägt. Wir
alle haben ein vitales Interesse daran, die Konvention
als internationale Norm zu stärken und die Bedeutung
des souveränen Engagements jeder Partei für die
Konvention zu betonen.
Bestrebungen für eine effektive Verifizierung
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß wir zwar noch
keine entsprechenden Maßnahmen erarbeitet haben,
die Vereinigten Staaten aber dennoch bereit sind, die
Anwendbarkeit einer effektiven Verifizierung der BWaffen-Konvention zu untersuchen. Deshalb wären
wir willens, einen Schritt der Überprüfungskonferenz in
Erwägung zu ziehen, mit dem multilaterale Bestrebungen zur sorgfältigen Untersuchung dieses Problems
unternommen werden sollten.
Zum Beispiel wären wir bereit:
die Parteien zu ermutigen, auf nationaler Ebene
die technische Anwendbarkeit einer effektiven
Verifizierung der B-Waffen-Konvention zu untersuchen.
Darüber hinaus sollte die Berichterstattung über die
Ergebnisse dieser Untersuchungen für andere Beteiligte ermutigt werden.
Ferner wären wir bereit:
die Gründung einer multilateralen Ad hoc-Expertengruppe zu unterstützen, um die technische Verwirklichung effektiver Verifizierungsmaßnahmen der B-Waffen-Konvention zu untersuchen.
Solch eine Studie sollte jedoch sorgfältig erarbeitete
Bedingungen erfüllen: spezifische Ziele, begrenzte
Dauer, nur Regierungsvertreter, Berichte auf Konsensbasis und kein Mandat für den Entwurf von Verifizierungsbestimmungen. Natürlich müßte jede Entscheidung über eine künftige Arbeit an Verifizierungsbestimmungen, Inspektionsmaßnahmen oder anderen Verifizierungsproblemen die Ergebnisse solcher
Untersuchungen abwarten.
Konsultation/Durchführungsmaßnahmen
Wir werden vorschlagen, daß die Beteiligten:
nationale Gesetze verabschieden, die nationale
Strafgesetze einbeziehen, um jede Unterstützung von verbotenen Aktivitäten durch Bürger
eines bestimmten Landes zu verhindern. Ferner sollten Jahresberichte über in dieser Hinsicht getroffene Maßnahmen erstellt werden.
Der Bericht sollte umfassen: welche Gesetze oder
andere rechtliche Maßnahmen verabschiedet und
welche strafrechtlichen Maßnahmen daraufhin ergriffen wurden, welche Anklage erhoben oder Strafverfahren gegen diejenigen eingeleitet wurden, die Gesetze verletzt haben.
AMERIKA DIENST 37

Wir werden vorschlagen, daß die Beteiligten:
sich zu Konsultationen und Kooperation verpflichten, "alle Probleme zu lösen", die sich im
Rahmen der Konvention ergeben und auf Bitten
jedes Beteiligten Behauptungen über den Einsatz von B-Waffen nachgehen.
Die Beteiligten sollten vereinbaren, alle erdenklichen
Anstrengungen zu unternehmen, um die Sorge über
einen angeblichen Bruch von Verpflichtungen zur
Konvention zu behandeln; eine präzise, termingerechte Antwort auf alle Beschwerden geben, die im Rahmen des Konsultationsprozesses oder durch den UNSicherheitsrat über einen angeblichen Bruch der Verpflichtungen gemäß der Konvention vorgebracht werden sowie voll und ganz mit jeder Untersuchung des
UN-Generalsekretärs von biologischen undToxinwaffen gemäß Resolution 45/57C der UN-Generalversammlung kooperieren.
Wir werden die Beteiligten auffordern:
einzeln ihre Absicht zu bekunden, Sanktionen
gegenüber jedem Land zu verhängen, das BWaffen einsetzt und andere angemessene
Maßnahmen für Verletzungen der B-WaffenKonvention in Betracht zu ziehen.
Mögliche Maßnahmen könnten die Einstellung der
wissenschaftlichen und technischen Zusammenarbeit
im Bereich der Biologie beinhalten, ferner Handelsbeschränkungen oder Verweigerung von Auslandshilfe.
Mechanismen zur Verbesserung
Es gibt gegenwärtig keinen Mechanismus, um die
Durchführung von vertrauensbildenden Maßnahmen
zwischen den Überprüfungskonferenzen zu überwachen. Ein verbesserter Mechanismus für die Verbreitung der mit dem Datenaustausch gewonnenen Informationen ist dringend notwendig. Berichte werden nur
in der Originalsprache vorgelegt und sind denjenigen,
die diese Informationen wünschen, nicht unmittelbar
zugänglich. Ein Mechanismus zur Verbesserung der
Situation wäre hilfreich. Wir werden deshalb vorschlagen, daß:
die Überprüfungskonferenz einen Mechanismus
ins Leben ruft, der die Durchführung vertrauensbildender Maßnahmen im FünfJahreszeitraum
zwischen den Überprüfungskonferenzen erleichtert.
Ein solcher Mechanismus sollte informell und flexibel
sein. Er könnte möglicherweise funktionieren, indem
er: die Durchführung der vereinbarten verirauensbildenden Maßnahmen erleichtert; Absprachen für Konsultationen trifft, die ein beteiligtes Land wünscht;
obligatorische Treffen der Überprüfungskonferenz
unterstützt; als Schiedsstelle für wissenschaftliche
und technische Informationen im Zusammenhang mit
der B-Waffen-Konvention dient; Informationen der WHO
Seite 5

�Ober ungewöhnliche Ausbrüche von Krankheiten
sammelt, die für die B-Waffen-Konvention relevant
sind und einen Weg bietet, um den Beteiligten Schutz
zu gewähren oder Hilfe zu leisten, wenn sie das für
angemessen halten.
Als Schlußfolgerung sind wir der Ansicht, daß die dritte
Überprüfungskonferenz der B-Waffen-Konvention eine
wichtige Gelegenheit darstellt, zu prüfen, wie gut die
Konvention funktioniert und Wege aufzuzeigen, um
die Durchführung des Regimes gegen biologische und

Toxin-Waffen zu fördern. Wir wollen bei dieser Überprüfungskonferenz eine aktive und konstruktive Rolle
spielen. Wir sind zur eingehenden Prüfung bereit, ob
und wie das Verbot biologischer und Toxin-Waffen
verifiziert werden kann. Insbesondere planen wir,
mögliche Wege aufzuzeigen, um die Beteiligung an
der Konvention zu steigern und Vertrauen durch mehr
Offenheit zu schaffen. Schließlich werden wir weiterhin die Bedeutung betonen, die wir der Einhaltung und
der Überprüfungskonferenz beimessen, die dieses
Anliegen der Einhaltung erkennt und behandelt.
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�AMERIKA

HEUTE
18. September 1991

MULTIKULTURELLE ODER PARTIKULARE
GESELLSCHAFT?
von Diane Ravitch
BONN - (AD) - Der nachfolgend veröffentlichte Aufsatz erschien erstmals am 24. Oktober 1990 in The Chronicle of Higher Education. Copyright (c) 1990 Diane Ravitch. Alle Rechte vorbehalten.
Die Autorin Diane Ravitch lehrt Geschichte der Erziehung am Teachers College der Columbia University und hat
mehrere Bücher veröffentlicht, darunter The Troubled Crusade: American Education, 1945-1980. Ihr letztes
Buch The American Reader: Words that Moved a Nation ist 1990 bei Harper and Row erschienen.

Die 1988 in Stanford bestehende Kontroverse über
Veränderungen notwendiger Verhaltensweisen in der
westlichen Kultur hat sich zu einer nationalen Debatte
über das Thema multikulturelle Gesellschaft ausgeweitet. Universitäten, Schulbehörden und sogar Kultusministerien untersuchen gegenwärtig Lehrinhalte
auf die Frage, ob die dargebotene Geschichte und
Literatur die unterschiedlichen kulturellen Elemente
unserer Gesellschaft und unserer Welt zutreffend
wiederspiegeln.
Leider bringt die Debatte in Stanford das Thema in ein
schiefes Licht. Verfechter der gegenwärtigen Richtung in der westlichen Kultur wenden sich gegen
diejenigen, die eine Einbeziehung der Arbeiten von
Frauen und Minderheitengruppen befürworten und
vermittelten dadurch den Eindruck, daß die westliche
Kultur die Stimmen der Menschen überhört, die weiblich, schwarz, hispanisch und asiatisch sind. Dieses
Bild ist natürlich lächerlich - wir brauchen uns nur
umzusehen, um zu erkennen, daß all diese Gruppen
sehr wohl Teil der westlichen Kultur sind und ihre
Mitglieder wichtige Beiträge zu deren literarischer und
historischer Tradition leisten.
Die Debatte über eine multikulturelle Gesellschaft folgt
auf eine Generation von geisteswissenschaftlichen
Forschungen, die unser Wissen über die historischen
Erfahrungen von Frauen, Schwarzen und Mitgliedern
anderer Minderheitsgruppen in unterschiedlichen
Gesellschaften bereichert haben. Infolge dieser neuen Erkenntnisse haben unsere Schulen und Bildungsstätten in den letzten Jahren etwas eingeführt, das
Catharine R. Stimpson von der Rutgers University
"kulturelle Demokratie" nennt- die Erkenntnis, daß wir
auf "viele Stimmen" hören müssen, um unsere vergan-

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gene und gegenwärtige Kultur zu verstehen. Lehrer
der Geschichte und Literatur haben entdeckt, daß es
nicht sehr schwierig sondern eher lohnend ist, ihre
Perspektive über die von ihnen selbst in der Schule
gelernte hinaus zu erweitern.
Natürlich sollten Studenten immer noch die westliche
Kultur studieren und etwas über die Entstehung der
Demokratie und das Konzept der Freiheit des einzelnen lernen, die für die Weltgeschichte so entscheidend
sind. Aber sie müssen auch etwas über die Kulturen
in Asien, Afrika und Lateinamerika lernen. Sie alle
repräsentieren komplexe Zivilisationen, umfassen viele
gesellschaftliche Gruppen und unterschiedliche Sprachen.
Wenn Pädagogen jedoch heute über eine multikulturelle Gesellschaft argumentieren, sprechen sie im
allgemeinen nicht vom geordneten Studium anderer
wichtiger Zivilisationen. Sie beziehen sich vielmehr
auf die amerikanische Kultur, die - als unsere eigene
und relativ neue Kultur - anfällig ist für Neuordnungen
und Korrekturen. Aus welchem Blickwinkel soll sie
gelehrt werden? Wer soll einbezogen werden?
Die eigentliche Frage an den Universitäten und Schulen lautet nicht, ob es eine multikulturelle Gesellschaft
gibt, sondern wie sie aussehen soll. Gegenwärtig
konkurrieren bei der Vermittlung der amerikanischen
Kultur zwei Thesen um die Vorherrschaft. Ein Ansatz
spiegelt kulturellen Pluralismus wider und akzeptiert
Vielfalt als Tatsache, der andere betont typische Eigenheiten und fordert Loyalität gegenüber bestimmten
Gruppen. Beiden ist bei ihrer Koexistenz nicht ganz
wohl, weil sie sich ihrem Rang nach nicht unterscheiden. Vielmehr unterscheiden sie sich in Charakter und
Zielen.
Seite 1

�Der pluralistische Ansatz zur amerikanischen Kultur
berücksichtigt, daß die gemeinsame Kultur von der
Interaktion der vielfältigen kulturellen Elemente im
Land gestaltet wird. Er betrachtet amerikanische
Kultur als Schöpfung vieler Gruppen von Einwanderern, Indianern, Afrikanern und ihren Nachkommen.
Amerikanische Musik, Kunst, Literatur, Sprache, Essen,
Kleidung, Sport, Ferien und Gebräuche demonstrieren
die Vermischung unterschiedlicher Kulturen in einem
Land. Es mag paradox klingen, aber die Vereinigten
Staaten haben eine gemeinsame Kultur, die multikulturell ist.
Der partikulare Ansatz zur amerikanischen Kultur ist
am besten in Seminaren für Minderheitenforschung zu
erkennen, deren Ziel darin besteht, durch Vermittlung
von Identifikationsmustern "das Selbstwertgefühl (der
Studenten) zu stärken". Solche Kurse werden geleitet
von der starken Betonung kultureller Traditionen und
grundlegenden Annahmen rassischer und ethnischer
Reinheit. Die Studenten werden ermutigt zu glauben,
daß etwas in ihrem Blut, der Erinnerung ihrer Rasse
oder ihrer kulturellen DNA definiert, wer sie sind und
was sie leisten können. Die Anhänger dieser Theorie
suchen Studenten an das Land ihrer Vorfahren zu
binden, als der Quelle ihrer persönlichen Identität und
authentischen Kultur.
Die Pluralisten fördern eine weitergehende Interpretation der gemeinsamen amerikanischen Kultur, indem
sie erstens davon ausgehen, daß es sich um eine
gemeinsame Kultur handelt und zweitens, daß sie von
vielen verschiedenen Gruppen geschaffen wurde.
Unsere gemeinsame Kultur ist im Grunde eine staatsbürgerliche Kultur auf der Basis unserer Verfassung,
unserer Verpflichtung auf demokratische Werte und
unserer historischen Erfahrung als Nation. Darüber
hinaus setzt uns unsere Heterogenität von den meisten anderen Ländern ab und schafft Ausdrucksformen, die der Rest der Welt als ausgesprochen amerikanisch klassifiziert. Die Pluralisten streben eine echte
Anerkennung der Art und Weise an, wie die zahlreichen Rassen, Volks- und kulturellen Gruppen die
nationale Kultur verwandeln. Sie sagen, tatsächlich
"gehört die amerikanische Kultur uns allen, und wir

schaffen sie mit jeder Generation neu". Das verbindende Element im pluralistischen Ansatz ist die Erkenntnis, daß wir ungeachtet unserer Unterschiede
alle Menschen sind. Das Band, das uns verbindet, ist
die uns gemeinsame Menschlichkeit, die Rasse,
Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit, Sprache und
Religion überwindet.
Die Anhänger der partikularen Theorie haben kein
Interesse an der Ausweitung der amerikanischen Kultur.
Sie leugnen die Existenz einer gemeinsamen Kultur.
Sie appellieren nicht an das gemeinsame Gut, weil ihre
Theorie der Gemeinschaft sich an der Rasse oder
Minderheit orientiert. Sie lehnen jede Vermischung
zwischen den Gruppen ebenso ab wie alle Interaktio-

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nen, die streng gezogene Grenzen verwischen. Sie
treten für eine Darstellung der Geschichte ein, in der
jeder entweder ein Nachkomme von Opfern oder
Unterdrückern ist. Damit werden traditionelle Haßgefühle geschürt und von Generation zu Generation
weitergegeben.
Es gibt keine eindeutige Grenze, die Pluralismus von
der Betonung der Eigenheiten trennt. Sie sind so
unterschiedlich wie Säkularismus und Sektierertum.
Der pluralistische Ansatz für die Vermittlung von Kultur
steht insofern im Einklang mit der akademischen Tradition, daß Studenten ihr Fachgebiet kritisch betrachten sollten. Sie lernen ihren Stoff und wissen, daß sie
seine Stärken und Schwächen kritisieren können, ohne
dem Professor zu nahe zu treten. Zum Beispiel
studiert man in einer traditionellen akademischen
Umgebung die konfuzianische Lehre, den Islam oder
Judaistik, indem man etwas über die Geschichte und
Philosophie lernt, nicht indem man ein Anhänger dieser Lehren wird. In ähnlicher Weise gibt es Raum für
besondere Seminare über schwarze Kultur, Feminismus, Homosexuelle und andere kulturelle Bereiche,
solange diese kritisch und nicht als Doktrin vermittelt
werden.
Im Gegensatz dazu hat die Lehre von der Betonung
nationaler Eigenheiten an den weiterführenden Schulen separatistischen Charakter. Bei dieser Art Unterricht lehrt man die Studenten, an die Theorie zu
glauben, in ihren Thesen aufzugehen und sich gegen
Skeptiker zu wappnen. Man lehrt sie zu glauben, nicht
zu zweifeln oder zu kritisieren. In diesem Sinne gleicht
diese Theorie einem religiösen Lehransatz. Die Studenten werden in einem Glauben unterwiesen, und der
Professor erwartet, daß sie dasselbe glauben wie er.
Deshalb kommt die partikulare Lehre einem sektiererischen Ansatz im Unterricht gleich.
An unseren Universitäten von heute sollten Seminare
über die Kultur der Schwarzen, Asiaten und alle anderen Studien spezieller Kulturen nicht nur theoretisch,
sondern praktisch allen Studenten offenstehen. Die
Trennung dieser Seminare von etablierten Fächern
fördert unter Umständen Abspaltungen und ideologischen Extremismus. Nur allzuoft werden Studenten,
die nicht Mitglieder der entsprechenden Minderheiten
sind, durch die Ausrichtung des Professors oder des
Seminars entmutigt, auch wenn diese Kurse laut Lehrplan
allen offenstehen. Die Tendenz, diese Kurse in Enklaven zu verwandeln, verletzt ein wichtiges Ziel der
Hochschulbildung - die Erweiterung des Verständnisses von der Welt. Studenten, die der besprochenen
Gruppe angehören, sollten keinen Sonderstatus erhalten, und von Wissenschaftlern darf nicht erwartet
werden, daß sie sich nur auf die Kultur ihrer Vorfahren
spezialisieren.
Der grundlegende Unterschied zwischen der Theorie
des Pluralismus und der Lehre von den Eigenheiten
besteht darin, daß die erste den Ethnozentrismus aktiv

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�bekämpft und die zweite ihn zielstrebig vermittelt.
Ethnozentrismus ist das Gespenst, das die Welt jahrhundertelang beherrscht hat - es hat Kriege, Ungerechtigkeit und nationale Konflikte hervorgebracht.
Diese Theorie lehrt, daß wir nur Mitgliedern unserer
eigenen Gruppe trauen und sie akzeptieren können.
Sie lehrt, wir müssen in unserer eigenen Kultur aufgehen und uns anderen verschließen. Sie erklärt Mitgliedern einer bestimmten Gruppe, sie hätten mit Menschen nichts gemein, die einer anderen Rasse, Religion oder Kultur angehören. Sie erzeugt Haß und
Mißtrauen.
Ethnozentrismus hat in unseren Schulen und Universitäten keinen Platz. Akademische Institutionen haben eine Verpflichtung, Studenten eine umfassendere
Kultur zu vermitteln als ihre eigene.

Das Ziel von Bildung ist nicht die Reproduktion und
Verschärfung der Vorurteile unserer eigenen Kultur.
Bildung muß Menschen auf das Leben in einer Welt
konkurrierender Ideen und Werte vorbreiten, auf die
Zusammenarbeit mit Menschen, die einen anderen
Hintergrund haben, auf die Infragestellung eigener
Ansichten...
Wahre Anhänger der Gesellschaften waren niemals
zufrieden mit den Ideen und Aktivitäten der Universität.
Sie betrachteten die Universität als Zitadelle des Zweifels,
der Skepsis, des Nonkonformismus, der Unkonventionalität und anderer Denkweisen, als einen Ort, an dem
junge Menschen die Grundsätze ihrer Vorfahren in
Frage zu stellen lernen, einen sicheren Hafen für
diejenigen, die Allgemeingültiges kritisieren.
Und so sollte es bleiben.

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