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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

11. September 1991

36

SOWJETUNION

BESUCH BAKERS IN DER SOWJETUNION
DIESE WOCHE
Pressekonferenz des US-Außenministers

USA-DEUTSCHLAND

PARTNER IN DER FUHRUNG:
DIE NOTWENDIGKEIT STÄRKEREN
ENGAGEMENTS
Rede von Botschafter Robert M. Kimmitt
bei der Atlantik Brücke

VISUM FÜR USA

ZULASSUNGSBEDINGUNGEN FÜR DAS
VISUM PER LOSVERFAHREN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

GESELLSCHAFT

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

SPATBERUFENE STUDENTEN STREBEN
IN DIE HOCHSCHULE
von Mary Jo Binker

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�SOWJETUNION
11. September 1991

BESUCH BAKERS IN DER SOWJETUNION
DIESE WOCHE
Pressekonferenz des US-Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Bei einer Pressekonferenz im US-Außenministerium bekräftigte Außenminister Baker
am 4. September 1991 die Hoffnung der Vereinigten Staaten, daß die gegenwärtige Revolution in der
Sowjetunion weiterhin demokratisch und friedlich verlaufen werde und bekundete seine Absicht, in dieser Woche
in Moskau am Treffen über Menschenrechte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
teilzunehmen und mit einer Reihe sowjetischer Politiker Gespräche zu führen.
Baker erläuterte ferner, in der Sowjetunion ein Vier-Punkte-Programm vorlegen zu wollen und in diesem
Zusammenhang den sowjetischen Spitzenpolitikern "die fünf Prinzipien (zu erläutern), die den Ansatz dieser
Regierung zu politischen Veränderungen bestimmen werden".
"Der Aufbau von Demokratie und freien Märkten in der ganzen Sowjetunion ist nach Jahrzehnten totalitärer
Herrschaft und Planwirtschaft keine leichte Aufgabe", konstatierte Baker. "Die Völker der Sowjetunion müssen
wissen, da ß sie gerade einen sehr schwierigen Weg eingeschlagen haben, aber sie müssen auch erkennen, daß
es keine Abkehr von demokratischen Prinzipien und Toleranz geben kann, wenn sie tatsächlich hoffen,... dem
demokratischen Staatenbund der Nationen beizutreten."
Der US-Außenminister versprach die Unterstützung der Vereinigten Staaten und erklärte: "Wir werden ihnen
auf ihrem Weg zu politischen und wirtschaftlichen Freiheiten helfen."
Nachfolgend veröffentlichen wir Außenminister Bakers Pressekonferenz in ihren wesentlichen Auszügen.

Baker: In den letzten zwei Wochen sind wir Zeuge
einer weiteren Revolution geworden, die mit voller
Kraft die Sowjetunion erfaßt hat. Natürlich wollen wir,
daß diese Revolution weiterhin demokratisch verläuft,
und wir wollen, daß sie friedlich bleibt. Der Aufbau von
Demokratie und freien Märkten in der ganzen Sowjetunion ist nach Jahrzehnten totalitärer Herrschaft und
Planwirtschaft keine leichte Aufgabe.
Die Arbeit an der Freiheit wird hart und der Übergang
schmerzlich sein. Die Völker der Sowjetunion müssen
wissen, daß sie gerade einen sehr schwierigen Weg
eingeschlagen haben, aber sie müssen auch erkennen, daß es keine Abkehr von demokratischen Prinzipien und Toleranz geben kann, wenn sie tatsächlich
hoffen, diesen Weg bis zum Ende zu verfolgen und
dem demokratischen Staatenbund der Nationen beizutreten.
Wir werden Ihnen auf ihrem Weg zu politischen und
wirtschaftlichen Freiheiten helfen.

AMERIKA DIENST 36

Als ersten Schritt hat mich der Präsident gebeten,
nächste Woche nach Moskau zu reisen, um am Treffen über Menschenrechte der KSZE teilzunehmen und
mit einer Reihe von Politikern Gespräche zu führen.
Ich fahre mit einem Vier-Punkte-Programm nach
Moskau.
Erstens werde ich den sowjetischen Spitzenpolitikern
und den Menschen in der Sowjetunion die fünf Prinzipien darlegen, von denen der Ansatz dieser Regierung
zu politischen Veränderungen in der Sowjetunion
bestimmt ist. Dennoch möchte ich zu diesem allgemeinen Problem eins klarstellen: Die Staaten des Baltikums waren und bleiben für die Vereinigten Staaten
ein Sonderfall. Wir haben ihre Eingliederung in die
Sowjetunion nie anerkannt. Für uns waren sie niemals
Republiken der Sowjetunion, sondern separate Staaten, für die wir dazu beigetragen haben, das Versprechen und die diplomatischen Symbole der Freiheit
lebendig zu halten.

Seite 1

�Der Präsident hat am Montag, (den 2. September)
einen wichtigen Schritt unternommen, um dieses
Versprechen und diese Symbole zu verwirklichen und
diplomatische Beziehungen zu den Regierungen Estlands, Lettlands und Litauens aufgenommen.
Um Amerikas anhaltendes Engagement für die dauerhafte Freiheit des Baltikums zu erhalten, möchte ich im
Rahmen meiner Reise auch diese Länder besuchen.
Was die Veränderungen in den Beziehungen zwischen der Führung und den Republiken anbelangt,
wird die Politik dieser Regierung im Hinblick auf die
Zukunft der Sowjetunion von folgenden fünf Prinzipien
bestimmt werden:
Erstens müssen die Menschen in der Sowjetunion
selbst ihre Zukunft bestimmen, und zwar auf friedlichem Wege und im Einklang mit demokratischen
Werten und Praktiken und den Prinzipien der Schlußakte von Helsinki. Wir fordern die sowjetischen Politiker auf allen Ebenen der Regierung, auch in den
Republiken, zur Unterstützung dieser weltweit akzeptierten Prinzipien auf. In diesem Prozeß kann es
keinen rechtmäßigen Raum für Bedrohungen, Einschüchterung, Zwang oder Gewalt geben.
Zweitens fordern wir alle auf, sowohl intern als auch
extern bestehende Grenzen zu respektieren. Jede
Grenzveränderung sollte nur rechtmäßig und im Einklang mit den KSZE-Prinzipien durch friedliche Maßnahmen und Konsens erfolgen.
Drittens unterstützen wir Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und fördern friedliche Veränderungen nur, wenn
sie durch ordentliche demokratische Prozesse erwirkt
werden, insbesondere durch den Wahlprozeß.

Viertens fordern wir die Garantie der Menschenrechte
auf der Basis des Respekts für den einzelnen und
einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten.
Fünftens fordern wir die Befolgung des Völkerrechts
und internationaler Verpflichtungen, insbesondere die
Einhaltung von Bestimmungen der Schlußakte von
Helsinki und der Pariser Charta. Einer der ersten und
wichtigsten Schritte, die die Menschen und die Politiker in der Sowjetunion unternehmen müssen, ist die
genaue Klärung der Beziehungen zwischen den einzelnen Republiken und den Republiken und der Führung. Wir werden vorschlagen, daß diese Beziehungen auf eine Art und Weise geklärt werden, daß sie die
von mir soeben dargelegten fünf Prinzipien fördern.
Der zweite Punkt meiner Tagesordnung bei dieser
Reise wird unsere Unterstützung für grundlegende
wirtschaftliche Reformen und unmittelbare humanitäre Bedürfnisse sein. Die politische Revolution in der
Sowjetunion muß jetzt mit einer wirtschaftlichen Revolution gleichziehen.

Seite 2

In Moskau möchte ich mit Ministerpräsident Silajew
und den Mitgliedern der Wirtschaftskommission zusammentreffen, um in engen Konsultationen mit dem
IWF, der Weltbank und den anderen internationalen
Wirtschaftsinstitutionen die rasche Entwicklung einer
neuen umfassenden wirtschaftlichen Anpassung und
eines Reformplans zu erwirken. Das ist unserer Meinung nach der entscheidende nächste Schritt.
Darüber hinaus werde ich mit führenden sowjetischen
Politikern auf allen Ebenen die humanitären Bedürfnisse für den Winter erörtern. Diese Arbeit wird die bei der
Mission des Präsidenten unternommenen Anstrengungen ergänzen.
Und schließlich will ich überprüfen, wie unsere technische Hilfe beschleunigt werden kann, um sowohl die
humanitären Bedürfnisse abzudecken als auch den
Grundstein für eine langfristige Umstrukturierung zu
legen.
Der dritte Punkt auf meiner Tagesordnung wird die
sowjetische Außenpolitik sein. Insbesondere werde
ich weiterhin Bestrebungen zur Einberufung einer Friedenskonferenz unterstützen, um direkte Verhandlungen aufzunehmen und einen lebensfähigen Friedensprozeß im Nahen Osten zu erleichtern. Nach Konsultationen mit unseren japanischen Partnern hoffe ich
Maßnahmen zu den nördlichen Territorien beschleunigen zu können, indem ich auf die Notwendigkeit verweise, das letzte größere Relikt des Zweiten Weltkriegs zu beseitigen.
Als vierten und letzten Punkt auf meiner Tagesordnung hoffe ich Gespräche über sowjetische Sicherheitspolitik im allgemeinen führen zu können, um eine
angemessene Durchführung von Vertragsvereinbarungen über nukleare Sicherheit zu garantieren und
den Weg für echte und ausführliche Bestrebungen zur
Umwandlung der Rüstungsindustrie zu bereiten.
Frage: Sie haben das Verhältnis zwischen den Republiken und der Führung vorsichtig angesprochen. Sollte
es zum Wohl der Außenpolitik und der neuen Weltordnung, wie sie die Regierung befürwortet, eine einigermaßen starke zentrale Führung in der Sowjetunion
geben? Und wenn das der Fall ist, welche Funktionen
sollte diese Führung ausüben?
Antwort: Dazu möchte ich Sie wieder auf das erste
Prinzip verweisen, das meiner Ansicht nach sehr klar
darlegt, daß die Zukunft der Sowjetunion und damit
auch die Zukunft der Republiken und die damit zusammenhängenden Rechte, Verpflichtungen und Aufgaben eine Angelegenheit sind, die von den Völkern in
der Sowjunion zu entscheiden ist. Sie sind gerade jetzt
dabei, diese Entscheidungen zu treffen, und das wird
unter Umständen länger dauern als der Zeitraum meines
Gesuchs. Ich glaube tatsächlich, es wird viel länger
dauern.

AMERIKA DIENST 36

�Es ist also nicht unsere Aufgabe, zu diktieren oder zu
bestimmen, wie diese Beziehungen aussehen sollen wir können nur hoffen, daß sie im Einklang mit den von
mir erläuterten fünf Prinzipien erreicht, durchgeführt
und verankert werden.
Frage: Ich habe versucht, auch die Funktion der
Vereinigten Staaten zu betonen. Sie müssen Kontakte
in der Welt pflegen und mit der Sowjetunion umgehen.
Haben Sie eine bestimmte Präferenz im Hinblick auf
die auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten?
Antwort: Wenn die Entwicklungen in der Sowjetunion
im Einklang mit den fünf Prinzipien erfolgen, werden
wirweiterhin eine Kooperation mit der Sowjetunion und
den Republiken anstreben. Ich erwarte zum Beispiel,
nochmals mit dem Außenminister der russischen
Republik zusammenzutreffen - das wäre dann das
fünfte Mal -, und ich erwarte auch ein Gespräch mit
dem neuen Außenminister der Sowjetunion. Wir sind
nicht in der Position, genau zu diktieren oder zu
bestimmen, wie diese Beziehungen aussehen sollen,
aber ich haben Ihnen heute die Prinzipien darlegt, von
denen wir überzeugt sind, daß sie die Entwicklung
dieser Beziehungen bestimmen sollten.
Frage: Sie haben erklärt, den Sowjets einen umfassenden Reformplan vorschlagen zu wollen. Denken
Sie dabei an einen speziellen Plan? Gibt es Punkte,
die Sie ihnen im einzelnen vorschlagen möchten oder
unterstützen Sie den Plan, wie sie ihn vorlegen?
Antwort: Wir denken an keinen besonderen Plan,
aber ich habe bereits darauf hingewiesen, daß wir die
Einrichtung der Wirtschaftskommission positiv bewerten. In dieser Kommission sehen wir einige Befürworter und Verfechter der freien Marktwirtschaft.
Ich habe ferner erklärt, die Ergebnisse des Londoner
Gipfels hätten anders ausgesehen, wenn sich die
Zentralregierung für den liberaleren der beiden Wirtschaftspläne entschieden hätte, die ihr vor dem Wirtschaftsgipfel vorlagen.
Was wir sehen wollen, sind Wirtschaftspläne, mit
denen sich die Sowjetunion und/oder die Republiken
für marktwirtschaftliche Reformen engagieren. Wie
sehen diese aus? Dazu zählen die Konvertierbarkeit
der Währungen, die Preise, Privatisierung, Privateigentum, Anreize, Wettbewerb - alles, was die Systeme
der freien Marktwirtschaft zu den besten der Welt
macht.
Frage: Werden Sie in den Nahen Osten reisen? In
welchem Stadium befinden sich die israelischen Kreditbürgschaften, und sind diese eng an die Aufgabe der
Siedlungspolitik gebunden?
Antwort: Ich habe immer die Meinung vertreten, daß
nach der Sommerpause im August mindestens eine
weitere Reise in den Nahen Osten erforderlich ist, um

AMERIKA DIENST 36

einige noch ausstehende Fragen im Hinblick auf die
Bürgschaften zu klären. Wir führen einen Dialog mit
Israel, den Palästinensern, den Jordaniern und werden sicherlich im Hinblick auf bestimmte Zusicherungen auch Gespräche mit den Syrern führen. Wir haben
viele Fortschritte erzielt, seit ich und die von uns
entsandte Delegation das letzte Mal im Nahen Osten
waren. Einige Fragen sind immer noch offen. Ich
hoffe, daß sich bei meiner Reise in den Nahen Osten
die eine oder andere Kluft ein wenig schließen läßt,
weil ich wirklich der Meinung bin, dort besteht die
Möglichkeit für einen aktiven Friedensprozeß - vielleicht die beste Möglichkeit, die wir seit langem hatten.
Im Hinblick auf die Frage der Bürgschaften möchte ich
zunächst erklären, daß die Regierung sich seit ihrem
Amtsantritt nachdrücklich dafür einsetzt, daß Israel
sowjetische Einwanderer aufnimmt. Und wir haben
entscheidend dazu beigetragen, daß viele Einwanderer nach Israel kommen konnten.
Ich erwarte durchaus, daß ich im Verlauf dieser Woche
noch vor meiner Abreise nach Mexiko am Sonntag ein
Ersuchen der Regierung Israels um bedeutende Hilfe
von den Vereinigten Staaten in Form von Bürgschaften erhalten werde. Nach Erhalt dieses Ersuchens
werden wir es sehr sorgfältig prüfen. Ich hoffe die
Gelegenheit zu haben, diese Frage in allen Einzelheiten mit Premierminister Schamir zu erörtern. Ich habe
bereits zwei Telefongespräche mit ihm über diese
Frage geführt. Wie die Administration als Ganzes
werde auch ich darüber hinaus die Gelegenheit haben,
eingehend mit dem Kongreß darüber zu beraten.
Wir hoffen, erwarten und glauben, daß der Kongreß
uns die notwendige Zeit gibt, um diese Anfrage zu
prüfen, weiter zu sondieren und in angemessener Art
und Weise zu behandeln.
Es handelt sich um ein sehr substantielles Ersuchen,
eine Summe von 10 Milliarden Dollar, und wir befinden
uns gerade inmitten äußerst sensibler diplomatischer
Bemühungen, die uns, wie ich soeben erwähnte, die
historische Chance bieten, etwas zu erreichen. Wir
möchten diese und alle anderen Fragen behandeln,
die sich uns von heute bis zu dem Zeitpunkt stellen, an
dem Araber und Israelis die Möglichkeit haben, sich zu
direkten Verhandlungen zutreffen. Wir möchten diese
Fragen in einer Art und Weise behandeln, die diese
Gelegenheit nicht gefährdet.
Ich möchte noch einmal bekräftigen, was ich bereits
eingangs gesagt habe. Wir engagieren uns intensiv
dafür, Israel bei der erfolgreichen Integration jüdischer
Einwanderer zu helfen.
Frage: Es ist darüber geredet worden, daß alle
Kernwaffen in der Sowjetunion letztlich in einer Republik, nämlich Rußland, stationiert werden sollten. Gehen
Sie davon aus, daß dies geschehen wird, und halten
Sie dies für eine gute Idee?

Seite 3

�Antwort: Nun, ich kann Ihnen nicht sagen, daß dies
so geschehen wird. Ich möchte wiederholen, daß die
Grundsätze, die unseres Erachtens all diese Veränderungen - einschließlich der von Ihnen erwähnten leiten sollten, die von mir soeben umrissenen fünf
Prinzipien sind. Ich werde die Frage der Kernwaffen in
Moskau erörtern. Wir möchten nicht, daß die in der
Sowjetunion stattfindende Umgestaltung Probleme der
Verbreitung von Kernwaffen schafft oder weiter verschärft. Meines Erachtens wäre es unter dem Strich
das Beste - nicht notwendigerweise die Stationierung
in einer Republik -, wenn sie letztlich einem zentralen
Kommando unterstehen. Ich glaube, dies wäre ratsam.
Frage:
sein?

Könnte dies jedoch die Republik Rußland

Antwort: Werweiß, ob eseine Republik oder mehr als
eine sein wird, denn man weiß heute wirklich nicht, ob
diese Funktion in einem lockerer strukturierten Zentrum erhalten bleibt. Da sich diese Veränderungen
noch vollziehen, ist all dies also noch sehr hypothetisch. Aber ein zentrales Kommando wäre meiner
Meinung nach hilfreich und ratsam.
Frage: Kann die Administration angesichts der Unsicherheiten, wie die Republiken ihre Beziehungen mit
der Zentrale gestalten werden und der von Ihnen
gerade erwähnten Unsicherheiten im Hinblick auf die
Befehlsgewalt über Waffen den Senat dazu auffordern, die KSE- und START-Abkommen in naher Zukunft
zu ratifizieren, oder halten Sie eine Art Pause für
erforderlich, während sich der Umbruch in der Sowjetunion vollzieht?
Antwort: Nun, ich meine, daß diese Verträge weiterhin im nationalen Sicherheitsinteresse und im allgemeinen nationalen Interesse der Vereinigten Staaten
liegen. Wir hätten sie nicht ausgehandelt, wir hätten
nicht so hart an ihrem Abschluß gearbeitet, wenn wir
dieser Meinung gewesen wären. Daran hat sich nichts
geändert. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf das
fünfte Prinzip lenken, das die Wahrung internationaler
Verpflichtungen fordert. Dazu möchte ich sagen, daß
die stattfindenden Veränderungen, so hoffen wir, sich
in einer Atmosphäre der Achtung des Völkerrechts und
internationaler Verpflichtungen vollziehen werden.
Es bestehen noch zahlreiche unbeantwortete Fragen,
die überhaupt nichts mit den Rüstungskontrollverträgen zu tun haben. Es sind aber gute Fragen, wie etwa
die, was mit den Schulden der Sowjetunion geschieht.
In welchem Ausmaß werden Republiken, die sich von
der Sowjetunion trennen, jegliche Verantwortung ablehnen? In welchem Ausmaß würden einige eine gewisse
Verantwortung übernehmen? Was bedeutet das für
die Kreditwürdigkeit der Zentrale, falls eine Zentrale
bestehen bleibt, die derjenigen vergleichbar ist, mit der
wir es in der Vergangenheit zu tun hatten oder die

Seite 4

heute existiert? Und was bedeutet dies für die Fähigkeiten derjenigen unter uns im Westen, deren Gesetze
bestimmte Bedingungen an die Vergabe von Krediten
knüpfen? Es gibt sehr viele Fragen, und es wird eine
Zeit dauern, bis wir darauf Antworten erhalten.
Frage: Daran anschließend, Herr Minister, wie können Sie den Senat im September und Oktober bitten,
ein Abkommen zu ratifizieren, das Waffen in acht
Republiken begrenzen würde, deren Zukunft Sie nicht
kennen - das acht Republiken betreffen würde, deren
Status Sie noch nicht einmal kennen?
Antwort: Wir sind nicht sicher, daß wir den Status
nicht kennen werden. Ich sage ja nur, daß die Verträge
weiterhin in unserem Interesse liegen. Und wir werden
die Nachfolgegebilde, wie immer sie beschaffen sein
werden, ob es sich um Republiken oder eine lockere
Konföderation souveräner Staaten oder ein Zentrum
handeln wird - ohne daß wir hier irgend etwas präjudizieren -, auffordern, ihre internationalen Verpflichtungen einzuhalten und zu respektieren. Wenn wir zum
Zeitpunkt der Ratifizierung nicht zufriedengestellt sind,
so werden wir wahrscheinlich sagen, daß wir abwarten
sollten, bis wir zufriedengestellt sind. Aber interpretieren Sie dies heute nicht so, daß wir es nicht tun werden.
Frage: In den fünf von Ihnen heute erläuterten Prinzipien gab es einige Parallelen zu Ihren Äußerungen
über Jugoslawien zu Beginn dieses Sommers, indem
sie die Republiken zu friedlichen Verhandlungen aufforderten und so weiter.
Zwei Fragen: Erstens hat Herr Genscher heute angedeutet, daß Deutschland Kroatien und Slowenien in
Kürze anerkennen könnte. Welche Haltung vertreten
die Vereinigten Staaten dazu? Und zweitens, sind Sie
im Hinblick auf die Ergebnisse in der Sowjetunion
ebenso zuversichtlich wie bei Jugoslawien?
Antwort: Ich glaube, daß uns die Ereignisse der
vergangenen zweieinhalb Wochen in der Sowjetunion
bedeutende Chancen bieten und daß diese Ereignisse
unter dem Strich denjenigen von uns entgegenkommen, die an Demokratie und Freiheit sowie an freie
Märkte glauben. Es bestehen jedoch auch Risiken,
und wir sollten uns nicht scheuen, dies anzuerkennen.
Und das ist einer der Gründe, aus denen ich vorschlug,
diese Veränderungen mit diesen fünf Prinzipien im
Hinterkopf anzugehen und ein Grund, warum ich vorschlug, daß diese fünf Prinzipien unsere Haltung
gegenüber diesen Veränderungen leiten sollten.
Sie haben ganz recht. Wir haben im Hinblick auf die
Lage in Jugoslawien ähnliche Vorschläge gemacht.
Leider war unsere Haltung dort nicht von diesen fünf
Prinzipien geleitet. Sehen Sie, was geschehen ist. Im
Hinblick auf den ersten Teil Ihrer Frage, so haben wir
•jnsere Haltung zur Frage der Anerkennung nicht
verändert.

AMERIKA DIENST 36

�Wir unterstützen weiterhin die Forderung der Europäischen Gemeinschaft nach einer Friedenskonferenz.
Wie Sie wissen, wird eine solche am 7. September in
Den Haag stattfinden. Wir bedauern weiterhin die
anhaltende Gewalt dort, und wir sind weiterhin der
Ansicht, daß wir heute nicht diese tragische Situation
vorfinden würden, wenn diese fünf Prinzipien die Entwicklung der Situation dort geleitet hätten.

Frage: Aber könnten Sie uns einige ihrer vorläufigen
Gedanken darüber mitteilen, wie sich die amerikanische Außenpolitik kurzfristig verändern könnte?

Antwort: Wenn die Entwicklungen in der Sowjetunion
im Einklang mit diesen fünf Prinzipien vonstatten gehen,
dann bin ich ich voll und ganz davon überzeugt, daß
dies der Fall ist. Und das ist einer der Gründe, daß wir
den Vorschlag machen.

Antwort: Sie verändert sich bereits. Wenn Sie sich
noch einmal das ins Gedächtnis zurückrufen, was ich
eingangs erklärt habe, so erkennen wir Umfang und
Ausmaß dieses Wandels, seine Bedeutung und die
Tatsache, daß er in der Tat auf lange, lange Sicht die
Dinge verändern wird und daß es ziemlich lange
dauern wird, bis sich alles schließlich regelt und wir
genau wissen, wie sich die Beziehungen zwischen
Zentrale und Republiken gestalten werden. Wir verändern bereits unseren Ansatz - wir haben damit übrigens schon vor einem Jahr begonnen - bei den Leuten,
mit denen wir es zu tun haben und mit denen wir dort
über außenpolitische Fragen sprechen.

Frage: Sie haben die Sowjets in den vergangenen
Jahren aufgefordert, die Frage der nördlichen Territorien zu lösen. Fordern Sie auch die japanische Regierung auf, die Frage der nördlichen Territorien mit den
Sowjets zu lösen? Und falls ja, haben Sie mit der
Regierung in Tokio bereits etwas unternommen?

Frage: Entschuldigen Sie. Ich habe mich nicht klar
ausgedrückt. Ich meinte eigentlich, wie sie sich außerhalb der Sowjetunion verändern könnte - da wir jetzt
keine erste, zweite und dritte Welt mehr haben, wie
wird sie sich wahrscheinlich gegenüber der dritten
Welt, gegenüber Asien verändern?

Antwort: Wir unterstützen die Position der japanischen Regierung. Wir tun dies bereits seit langer Zeit.

Antwort: Es könnte zu erheblichen Veränderungen
kommen, aber darüber möchte ich heute nicht spekulieren oder Hypothesen anstellen. Wir haben heute
viel damit zu tun, diese Veränderungen in der Sowjetunion zu bewältigen.

Frage: Aber meinen Sie, daß das Ergebnis in Jugoslawien in der Sowjetunion vermieden werden kann?

Frage: Und haben Sie die Regierung in Tokio aufgefordert, etwas in dieser Richtung zu unternehmen einen neuen Ansatz zu finden?
Antwort: Nein. Wir unterstützen ihren Ansatz. Und
wir unterstützen ihn weiterhin.
Frage: Wie besorgt sind Sie über taktische Kernwaffen, die, wie Sie wissen, etwas weniger kontrolliert sind
als die strategischen Kernwaffen? Was liegt Ihrer
Entscheidung zugrunde, mit den Sowjets über Sicherheitspolitik zu sprechen?
Antwort: Ich bin der Meinung, daß wir aus einigen der
Gründe, die auch in Ihren heutigen Fragen eine Rolle
spielten, mit ihnen darüber sprechen müssen. Wie
gehen wir bei den bereits ausgehandelten Rüstungskontrollabkommen vor, die unserer Meinung nach im
besten Interesse liegen? Wer wird sie im Hinblick auf
die Verpflichtungen der sowjetischen Seite durchführen?
Es gibt also eine Reihe von Gründen, aus denen wir
zumindest einen Sicherheitsdialog mit ihnen aufnehmen sollten, der ein wenig umfassender ist als die
Frage der taktischen Kernwaffen.

Frage: In Ihrem zweiten Prinzip haben Sie Wirtschaftsrefomen mit humanitärer Hilfe verbunden. Wie
stark ist diese Verbindung? Mit anderen Worten:
Besteht die Chance, daß die Vereinigten Staaten
ihnen humanitäre Hilfe gewähren, wenn sie bei den
Wirtschaftsreformen oder Ihren fünf Prinzipien nicht
schnell genug handeln?
Antwort: Ja. Der Präsident hat meines Erachtens
deutlich gemacht, daß wir die Menschen nicht verhungern lassen würden. Wir haben humanitäre Hilfe in
eine andere Kategorie eingeordnet. Wir haben technische Hilfe in eine andere Kategorie eingeordnet. Für
humanitäre Hilfe könnte heute eine größere Notwendigkeit bestehen als noch unmittelbar nach dem Londoner Gipfel, und wir haben über technische Hilfe
gesprochen. Wir, die Vereinigten Staaten, sprechen
seit langem über technische Wirtschaftshilfe für die
Sowjetunion, ich glaube bereits seit über zwei Jahren,
denn dies ist unseres Erachtens die Antwort. Sie
müssen einen Weg finden, um dieses System zu
einem produktiven System umzugestalten.
* *

AMERIKA DIENST 36

*

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND
11. September 1991

PARTNER IN DER FÜHRUNG:
DIE NOTWENDIGKEIT STÄRKEREN ENGAGEMENTS
Rede von Botschafter Robert M. Kimmitt bei der Atlantik Brücke
BONN - (AD) - Der neue Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, Robert M. Kimmitt,
der am 5. September 1991 Bundespräsident von Weizsäcker sein Beglaubigungsschreiben überreichte, hielt am
selben Tage bei der Atlantik Brücke in Bonn seine erste Rede in Deutschland. Nachfolgend veröffentlichen wir
die Rede des Botschafters im Wortlaut. Es gilt das gesprochene Wort.

Herr Leisler Kiep,
verehrte Gäste,
meine Damen und Herren,
ich freue mich, heute abend bei Ihnen zu sein. Für
mich ist dies der Höhepunkt eines sehr aufregenden
Tages. Ich finde es besonders angemessen, meine
erste Rede als Botschafter in Deutschland bei der
Atlantik Brücke zu halten.
Ein neuer Botschafter könnte sich kein besseres Forum wünschen als diese Organisation, die sich der
Aufgabe verschrieben hat, Brücke des Verständnisses und Wegbereiter für Kontakte über einen Ozean
hinweg zu sein, der in den Augen jedes überzeugten
Atlantikers eher verbindet als trennt.
Bevor ich meine Ausführungen beginne, möchte ich
Sie um Nachsicht bitten, falls ich Ihrer Sprache Gewalt
antun sollte. Ich habe seit 1967 nicht mehr regelmäßig
Deutsch gesprochen. Meine jüngsten Versuche zur
Auffrischung meiner deutschen Sprachkenntnisse haben
mich davon überzeugt, daß Mark Twain recht hatte, als
er bemerkte, man könne "Englisch in dreißig Stunden,
Französisch in dreißig Tagen und Deutsch in dreißig
Jahren lernen". Ich hoffe, daß ich etwas schneller sein
werde und bitte Sie nochmals, heute abend Nachsicht
zu üben.
Ich fühle mich stolz und geehrt, von meiner Regierung
mit der Pflege der Beziehungen zwischen unseren
beiden Ländern betraut worden zu sein:
Ich fühle mich unter anderem stolz und geehrt, weil
Deutschland mir großartige persönliche Erfahrungen
und Erinnerungen beschert hat. Die Vorfahren meiner
AMERIKA DIENST 36

Mutter wanderten in der Mitte des 19. Jahrhunderts
aus der Gegend von Hannover in die Vereinigten
Staaten aus. Meine Eltern begegneten sich in Berlin
und heirateten dort im Jahr 1947. Genau neun Monate
später wurde ich in den Vereinigten Staaten geboren.
In gewissem Sinne kann ich also sagen, daß ich schon
"ein Berliner" war noch bevor Präsident Kennedy seine
berühmten Worte sprach. Später, von 1960-1964 war
mein Vater als Offizier des Heeres in Heidelberg und
Baumholder stationiert. Ich hatte damals Gelegenheit,
mit Deutschen Freundschaften zu schließen, die bis
zum heutigen Tag bestehen. Deutschland nimmt in
der Tat nicht nur in meiner Karriere, sondern auch in
meinem Herzen einen besonderen Platz ein.
Stolz und geehrt fühle ich mich aber auch, weil unsere
Beziehungen eine Schlüsselrolle bei der Förderung
von Frieden, Freiheit und demokratischen Werten in
der Nachkriegszeit gespielt und das Zeitalter der
Konfrontation zwischen Ost und West friedlich beendet haben. In diesem Zusammenhang wäre es eine
Nachlässigkeit meinerseits, zu Beginn meiner Amtszeit und dieser Rede nicht der entscheidenden Rolle
meine Reverenz zu erweisen, die mein Vorgänger
Dick Walters bei der Weiterentwicklung dieser Beziehungen gespielt hat. Ich weiß, daß Dick zahlreiche
Reden bei der Atlantik Brücke gehalten hat. Er ist ein
langjähriger Freund, in dessen Fußstapfen zu treten
ich mich nun bemühe. Ich weiß, wie stark es ihn
persönlich bewegte, als er seine 50jährige Karriere im
Dienst der amerikanischen Regierung damit krönen
durfte, daß er als amerikanischer Botschafter in der
Bundesrepublik Deutschland eintraf und diese als
amerikanischer Botschafter eines vereinten Deutschland verlassen konnte.

Seite 1

�Neben der Bedeutung, die mein Eintreffen in Deutschland in diesem Moment für mich persönlich hat, bin ich
besonders aus beruflichen Gründen über die Aussichten auf das, was vor uns liegt, erfreut. Trotz all der
Aufregungen und dramatischen Ereignisse der vergangenen zwei Jahre sehen wi r uns erst jetzt und in
Zukunft mit den wahren Herausforderungen konfrontiert.
Meine Aufgabe als Botschafter ist zum großen Teil
bereits von den politisch Verantwortlichen unserer
beiden Länder vorgezeichnet worden. Vor zwei Jahren, im Mai 1989, hielt Präsident Bush in Mainz eine
zukunftsweisende Rede, in der er vorschlug, die Bundesrepublik Deutschland und die Vereinigten Staaten
sollten Partner in der Führung werden. Zwei Jahre
später, nach einer nahezu unvorstellbaren Serie von
Ereignissen, die zur Vereinigung dieses Landes führten, erweiterte Bundeskanzler Kohl in einer Rede in
Washington diesen Vorschlag. Er skizzierte drei vordringliche Bereiche der deutschen Außen- und Innenpolitik: die Vollendung des Vereinigungsprozesses in
all seinen Dimensionen, die Schaffung eines freien,
ungeteilten Europas sowie die Übernahme einer erweiterten deutschen Rolle bei der Errichtung einer
neuen Weltordnung.
Von diesen drei Bereichen ist die Vereinigung natürlich
ihrem Charakter nach mehr oder weniger eine Familienangelegenheit der Deutschen. Wir Amerikaner
möchten jedoch glauben, daß auch wir dabei eine
hilfreiche Rolle spielen können, die sich auf unser
aktives Engagement für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und die Jahre unserer sich entwickelnden Freundschaft stützt.
So wissen Sie selbst aus Ihren persönlichen Erfahrungen, daß Deutschland zwar seine politische Einheit
erlangt, der Prozeß der deutschen Vereinigung jedoch
erst begonnen hat. So schwierig es war, politisch die
Gleichheit aller Deutschen zu erlangen, so wird es
noch schwieriger sein, wirtschaftlich, sozial und auch
psychologisch eine Gleichstellung zu realisieren. Der
Mut und die Energie, mit denen der Wiederaufbauund Aussöhnungsprozeß durchgeführt wird, verdienen heute unsere Solidarität ebenso wie vor einem
Jahr der politische Prozeß. Ich engagiere mich persönlich für die Unterstützung dieses Prozesses in Wort
und Tat.
Ich habe die Absicht, Ostdeutschland häufig zu besuchen, und nächste Woche fahre ich bereits nach Berlin
und Brandenburg. Unsere Botschaft wird das im
Frühjahr aufgenommene Aktionsprogramm zur Unterstützung des Einigungsprozesses besonders energisch verfolgen und ausbauen.
Wir werden zu amerikanischen Investitionen in den
neuen Ländern ermutigen, die auf den Regeln des
Markts, der Stärke der deutschen Wirtschaft und dem
enormen Wachstumspotential in Mittel- und Osteuro-

Seite 2

pa beruhen. Dies ist der beste Weg, unserem Vertrauen in die Zukunft des vereinigten Deutschlands praktischen Ausdruck zu verleihen.
Wir erwarten jedoch, daß wir fair und ungehindert
Zugang zu dem sich öffnenden Markt nach wirtschaftlichen und nicht stark politischen Gesichtspunkten
erhalten. Die bürokratischen Hürden, denen sich
potentielle amerikanische Investoren bisweilen bei ihren
geschäftlichen Aktivitäten in der Bundesrepublik ausgesetzt sehen, widersprechen der Politik Deutschlands, ausländische Investitionen zu fördern. Während wir die geographischen Vorteile anderer Nationen
akzeptieren müssen, sollten alle anderen objektiven
Bedingungen so fair wie möglich sein.
Auch sind wir bestrebt, unsere Kultur- und Bildungsprogramme im Osten auszuweiten und zu intensivieren. Seit den fünfziger Jahren haben über 16.500
vielversprechende junge Bürger der Bundesrepublik
Deutschland an Besuchsprogrammen für Einzelpersonen und Gruppen teilgenommen. Ich könnte mir
vorstellen, daß mehrere der heute abend hier Anwesenden zu diesem Personenkreis gehörten. Wir werden natürlich auch in Zukunft Führungskräfte von
morgen aus den westlichen Bundesländern fördern,
aber gegenwärtig konzentrieren wir uns verständlicherweise auf den Osten.
Wir haben den neuen Bürgern des geeinten Deutschlands viel zu bieten - insbesondere im Hinblick auf die
Entwicklung demokratischer Institutionen und Traditionen - und müssen zahlreiche Fehlinformationen
korrigieren. Infolgedessen haben wir dieses Jahr
unsere Kontakt- und Austauschprogramme auf Deutsche in den neuen Bundesländern konzentriert, die
von einem persönlichen Aufenthalt in den Vereinigten
Staaten profitieren und so nach ihrer Rückkehr als
effektive Multiplikatoren dienen können. Im kommenden Jahr werden Tausende von Deutschen aus den
östlichen Bundesländern in die Vereinigten Staaten
reisen und an einer Vielzahl von öffentlichen und
privaten Austauschprogrammen teilnehmen, die in
den letzten Jahren erfolgreich waren. Mehrere hundert dieser Besucher kommen in den Genuß direkter
Unterstützung der US-Regierung, die von der Botschaft und den ihr angeschlossenen Stellen vergeben
wird.
Sicherheit und die euro-atlantische Gemeinschaft
Durch das Vermächtnis des Zweiten Weltkriegs und
die Zwänge des kalten Krieges stand die Sicherheit
stets im Mittelpunkt unserer Beziehungen. Der Kampf
gegen den Kommunismus und die Entschlossenheit,
die Teilung Europas zu überwinden, waren die Prinzipien unserer gemeinsamen Strategie und bestimmten
Prioritäten und Ziele.
Die Entwicklungen der vergangenen Jahre haben
unseren Blickwinkel zum Thema Sicherheit fundamental verändert. Sicherheit im klassisch militäriAMERIKA DIENST 36

�sehen Sinn ist nach wie vor entscheidend während wir
versuchen, die wirtschaftlichen und politischen Reformen in Mittel- und Osteuropa sowie in der Sowjetunion
zu fördern und zu konsolidieren und Frieden durch
stabile Abschreckung aufrechtzuerhalten. Diese Ziele
finden in der derzeitigen Metamorphose der NATO
ihren Niederschlag. Das Bündnis hat seine Schlüsselfunktionen im Bereich der Sicherheit bekräftigt und
entwickelt eine neue Militärstrategie auf der Basis
flexiblerer, mobilerer und multinationaler Streitkräfte
mit erheblich geringerem Umfang. Gleichzeitig baut
die NATO ihre politischen Kontakte mit den Reformstaaten des Ostens aus.
Ich möchte an diesem Punkt auch darauf verweisen,
daß wir es anerkennen und begrüßen, daß in Deutschland stationierte US-Streitkräfte gemeinsame Ziele
verfolgen und daß sie auf Bitten Deutschlands hier
sind. Sie werden immer bedenken, daß es ihre Pflicht
ist, die deutsche Souveränität verteidigen zu helfen
und sie zu respektieren.
Wie die Außenminister Baker und Genscher jedoch in
ihrer Washingtoner Erklärung Anfang dieses Jahres
vereinbarten, umfaßt die Stabilität in Europa auch
andere Dimensionen der Sicherheit - politische, wirtschaftliche, soziale und ökologische. Es wird unsere
gemeinsame Aufgabe sein sicherzustellen, daß beim
Aufbau der euro-atlantischen Gemeinschaft auf der
Basis der drei Säulen NATO, EG und KSZE all diesen
Elementen der Sicherheit Rechnung getragen wird.
Nirgendwo ist dies wichtiger als in der Sowjetunion, wo
wir erstaunt beobachtet und ermutigend reagiert haben, als sich das Land von einer revolutionären Macht,
die das marktwirtschaftliche System ablösen wollte, zu
einem von Krisen geschüttelten Vielvölkerstaat veränderte, der bestrebt ist, sich dieses System zu eigen zu
machen. Die Ereignisse der vergangenen Wochen in
der Sowjetunion geben gleichermaßen Grund zu Hoffnung wie zu Sorge. Das Anschwellen des Widerstands im Volk gegen den Staatsstreich war letztlich
für dessen Scheitern verantwortlich und zeigt, wie
rasch die Idee der Demokratie Wurzeln in einer Gesellschaft schlug, die kaum Erfahrung damit sammeln
konnte.
Angesichts der jüngsten Ereignisse besteht kaum
Zweifel, daß die Abwendung vom alten totalitären
Staat unumkehrbar ist. Das Scheitern des kommunistischen Systems und dessen Unfähigkeit, sozial oder
wirtschaftlich für seine Bürger zu sorgen, sind offensichtlich. Die militärische Stärke und Solidarität des
Bündnisses hat den Kommunismus eingedämmt, und
erbärmliche wirtschaftliche Leistungen haben ihn diskreditiert. Aber was ihm über kurz oder lang vollends
den Garaus machen wird, ist eine Idee, die nicht
unterdrückt werden kann - ein un veräu ßerliches Recht
auf freie Entscheidung über das eigene politische und
wirtschaftliche Schicksal. Diese Idee hat im sowjetischen Volk eindeutig Fuß gefaßt.

AMERIKA DIENST 36

Die Tatsache des Putschversuchs ist jedoch ein
Warnzeichen für die Zerbrechlichkeit der demokratischen Institutionen der Sowjetunion. Außenminister
Baker hat gestern die Prinzipien dargelegt, von denen
die amerikanischen Beziehungen zur Sowjetunion in
dieser entscheidenden Phase geleitet werden. Bundeskanzler Kohl und Bundesaußenminister Genscher
haben gestern vor dem Bundestag wichtige Erklärungen zur deutschen Politik abgegeben. Davor sind
Vertreter der führenden Industrieländer vergangene
Woche zusammengekommen, um erneut unsere Absicht
zu bekräftigen, den Prozeß politischer und wirtschaftlicher Reformen in der Sowjetunion zu bestätigen. Wir
sind übereingekommen, unsere Aufmerksamkeit vor
allem darauf zu lenken, wie wir den Hilfsbedürftigen
humanitäre Hilfe leisten können, insbesondere in Form
von Nahrungs- und Arzneimitteln. Ferner haben wir in
Zusammenarbeit mit Weltbank und IWF die neue
sowjetische Wirtschaftskommission ermutigt, ihren Plan
zur Wirtschaftsreform zu erarbeiten - der Basis für
verstärkte westliche Hilfe. Und schließlich haben wir
vereinbart, umgehend technische Hilfe zu leisten, um
diese Bestrebungen zu unterstützen, insbesondere in
den Bereichen Nahrungsmittelverteilung, Energie und
Umwandlung der Rüstungsindustrie.
Andernorts in Europa werden unsere Nachbarn, Verbündeten und Freunde - insbesondere in den Staaten
Mittel-und Osteuropas - auf Deutschland und die
Vereinigten Staaten schauen, auf daß sie den Weitblick, den Mut und das Vertrauen demonstrieren, die
eine Führungsrolle ausmachen.
Ich möchte mich kurz dem Baltikum zuwenden. Präsident Bush hat Anfang der Woche erklärt, daß die
Geschichte uns danach beurteilen wird, wie Estland,
Lettland und Litauen sich als unabhängige Nationalstaaten entwickeln. Um diese Entwicklung zu unterstützen, haben die Vereinigten Staaten nicht nur Diplomaten, sondern auch Experten in die Länder des
Baltikums entsandt, um die unmittelbare Notwendigkeit von Nahrungsmittelhilfe und anderer humanitärer
Hilfe zu untersuchen.
Die Lage in Jugoslawien stellt weitere Anforderungen
an die internationale Führungskraft. Wir in den Vereinigten Staaten begrüßen die Bestrebungen der EG im
Rahmen der KSZE, insbesondere ihre Bemühungen
zur Einberufung einer Friedenskonferenz und für einen
effektiven Waffenstillstand. Wir werden weiterhin die
Entwicklungen in Jugoslawien genau verfolgen und die
Fortschritte der EG im Einklang mit der gemeinsamen
US-EG-Erklärung von 3. Juli beobachten.
Während die ehemaligen kommunistischen Staaten
Europas versuchen, ihre neuen frei gewählten Regierungen und freien Marktwirtschaften zu stabilisieren,
besteht die Gefahr, daß der Demokratie zu schnell zu
viel abverlangt wird. Ein Rückgriff auf erprobte Maßnahmen der Kommandowirtschaft könnte dann verlokkend erscheinen. Um diesen Rückfall zu verhindern,

Seite 3

�müssen wir zusammenarbeiten, um Sicherheit in all
ihren Dimensionen, auch der wirtschaftlichen, zu erreichen und dazu beizutragen, daß Demokratie für diejenigen, die sie erstmalig erleben, hält, was sie verspricht.
Deutschland stand an vorderster Front bei den Bestrebungen, Europa zu einigen. Es war bestrebt, die
Europäische Gemeinschaft zu stärken und zu erweitem und politische Probleme mit Hilfe europäischer
Institutionen zu lösen. Die deutsche Führungsrolle bei
der Hilfe der G-24 für Polen ist ein lobenswertes
Beispiel. Die Bundesrepublik Deutschland hat den
Ländern Mittel- und Osteuropas auf dem Weg zu
stabilen Demokratien und Marktwirtschaften Hilfe in
Höhe von über 12 Milliarden D-Mark gewährt. Bei den
Gesprächen, die innerhalb der Europäischen Gemeinschaft mit dem Ziel der Entwicklung sowohl einer
Wirtschafts- und Währungsunion als auch einer politischen Union Europas geführt wurden, war Deutschland der Wegbereiter.
Die Vereinigten Staaten unterstützen diese Bestrebungen vorbehaltlos. Ein erfolgreiches, vereintes Europa
hat positiven Einfluß auf Stabilität, Demokratie und
Wohlstand auf der ganzen Welt. Es erübrigt sich zu
sagen, daß dieses Konzept auch ein in jeder Hinsicht
für die restliche Welt offenes und in seiner gemeinsamen Politik und Strategie nach außen orientiertes
Europa beinhaltet. Die Harmonisierung eines liberalen
europäischen Ansatzes zu freiem Handel, Investitionen und Finanzpolitik wird eine der großen Herausforderungen des Integrationsprozesses sein. Amerika,
dessen Ansichten zu diesen grundlegenden Fragen
denen der Bundesrepublik Deutschland so sehr gleichen, erhofft sich von Deutschland, daß es innerhalb
der Europäischen Gemeinschaft auf dem Weg zu
deren Ziel, einer wirtschaftlichen und politischen Union,
die Führung übernimmt.
Die zuerst von Bundesaußenminister Genscher angeregte Transatlantische Erklärung der EG und der USA
von November 1990 bietet den Rahmen dafür, daß die
Vereinigten Staaten eine aktive Rolle im europäischen
Integrationsprozeß spielen können. Die Erklärung
umreißt Bereiche der Zusammenarbeit und Konsultationen zu politischen, wirtschaftlichen und grenzüberschreitenden Fragen. Sie schafft den Rahmen zur
Erweiterung unseres Dialogs und unserer Beziehungen. Sie definiert die gemeinsamen Ziele unserer
transatlantischen Partnerschaft, unter anderem die
Unterstützung von Demokratie und Wohlstand weltweit sowie die Stärkung des multilateralen Handelssystems.
In dieser Hinsicht ist es wichtig, daß Deutschland seine
Führung im Welthandel unterstreicht, indem es gegenwärtige Hindernisse in der Uruguay-Runde des GATT
ausräumen hilft. Die Vereinigten Staaten engagieren
sich weiterhin voll und ganz für einen erfolgreichen
Abschluß der Uruguay-Runde. Leider haben unsere

Seite 4

Differenzen im Bereich der Landwirtschaft die Tatsache getrübt, daß wir bei diesen Verhandlungen grundsätzlich gemeinsame Interessen verfolgen. Als größte
Exportnationen der Welt haben Deutschland und die
Vereinigten Staaten bei einem Erfolg der Runde viel zu
gewinnen - und bei ihrem Scheitern viel zu verlieren.
Die wirtschaftliche - und damit vielleicht die
politische - Stabilität der Länder Osteuropas
und der dritten Welt, die sich durch Reformen
von der Planwirtschaft befreien, hängt zum großen
Teil von der Gelegenheit dieser Länder ab, ihre
Produkte - auch ihre Agrarerzeugnisse - auf die
größten und reichsten Märkte der Welt zu exportieren. Von Deutschland erhoffen wir uns,
daß es sowohl in seinem eigenen nationalen
Interesse als auch im Namen zahlreicher kleinerer Länder, die von Agrarexporten abhängig
sind, den Weg bereiten hilft, um Europas
Gemeinsame Agrarpolitik zu reformieren.
Es gibt viele Mißverständnisse über unsere
Agrarpolitik. Oft heißt es, die Vereinigten Staaten wollten die europäischen Landwirte ruinieren. Das ist ganz einfach falsch. Wir sind nicht
gegen die Unterstützung von Landwirten, sondern nur gegen eine Unterstützung, die Produktion und Handel verzerrt.
Was wir wollen, sind Schritte hin zu einem
Handelsregime, das die GATT-Regeln, die bei
Industriewaren so erfolgreich waren, auf die
Landwirtschaft anwendet. Die Tatsache, daß
die Landwirtschaft faktisch von den normalen
Regeln des Welthandels ausgenommen ist, hat
Regierungen und Verbraucher Milliarden D-Mark
gekostet und den leistungsfähigsten Herstellern
Märkte verschlossen.
Stärkeres Engagement über Europa hinaus
Die Uruguay-Runde ist ein Beispiel dafür, wie sehr wir
mit Deutschland zusammenarbeiten können, nicht nur
bei Fragen der transatlantischen Beziehungen, sondern auch bei Problemen, die die gesamte internationale Staatengemeinschaft betreffen. Und die Transatlantische Erklärung der EG und der USA kann einen
Rahmen für weltweite und europäische Fragen liefern.
Keine Nation mit so umfassenden Interessen auf den
Gebieten Wirtschaft, Handel, Kultur und Umwelt wie
Deutschland kann ein Engagement in der Weltpolitik
vermeiden. Selbst vor der Einigung war der deutsche
Einfluß in diesen Bereichen von Mittelamerika bis zum
Nahen Osten spürbar. Deutschland hat seit langem
zur wirtschaftlichen Stabilität der Welt beigetragen.
Bedauerlicherweise haben die Spannungen zwischen
Ost und West sowie das tragische Vermächtnis der
Nazi-Ära zusammengewirkt, eine entsprechende politische Rolle über Europa hinaus zu verhindern. Diese
Situation hat sich jetzt geändert.

AMERIKA DIENST 36

�Anfang dieses Jahres erklärte Bundeskanzler Kohl in
Edinburgh: "Für uns Deutsche gibt es keine Nische in
der Weltpolitik. Wir wollen unseren Beitrag leisten zu
einer Welt des Friedens, der Freiheit und der Gerechtigkeit."
Dies waren höchst willkommene Worte, denn die Welt
benötigt ein engagiertes, nach außen orientiertes
Deutschland. Es gibt zu wenige demokratische Nationen mit den Ressourcen und der Phantasie, wie sie
Deutschland zur Entwicklung einer neuen und besseren Weltordnung beitragen kann.
Bei allem gebührenden Respekt für diejenigen, die
vorgeben, einen Wiederaufstieg Deutschlands aufgrund seiner Geschichte zu fürchten: sie mißverstehen oder unterschätzen meines Erachtens dieses
Deutschland. Die Bundesrepublik hat ihren angestammten Platz unter den führenden Nationen der
freien Welt verdient. Sie hat dazu beigetragen, Europa
zu einer Ära von Frieden, Wohlstand und Sicherheit zu
führen, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Sie
ist ein Land, das Niederlage und Teilung kennengelernt hat und dennoch frei, wohlhabend und stark
daraus hervorgegangen ist. Sie kann daher zu Recht
zur Verteidigung der Freiheit und von der Verpflichtung
sprechen, eine helfende Hand auszustrecken.
Es gibt bereits unmißverständliche Anzeichen für
Deutschlands Engagement für diese Ziele innerhalb
der umfassenderen Konturen seiner Außenpolitik:
Als Land, das gerade seine Vereinigung erleben
durfte, hat Deutschland eine einzigartige Grundlage für Gespräche mit Nord- und Südkorea.
Darüber hinaus ist es eines der wenigen Länder
mit offiziellen Vertretungen in beiden Ländern.
Bei dem sich beschleunigenden Friedensprozeß in Kambodscha hat Deutschland eine einmalige Ausgangsbasis. Zwar sind die Bedingungen für eine amerikanische Vertretung in
Phnom Penh noch nicht reif. Aber wir verfolgen
gemeinsam mit Deutschland das Ziel, eine
umfassende Regelung innerhalb des von den
Fünf Ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats vorgegebenen Rahmens zu verwirklichen.
China hat eine wichtige, konstruktive Rolle in
Kambodscha gespielt. Bei anderen Problemen
bleibt jedoch noch viel zu tun. Wir hoffen, daß
sich Deutschland als ein führendes Land uns
dabei anschließen wird, die Chinesen für Grundsatzfragen wie Menschenrechte, freien Handel
und Nichtverbreitung zu gewinnen.
In Lateinamerika hat Deutschland wichtige Beiträge zur Wahlbeobachtung in Nicaragua und El
Salvador geleistet und fördert durch seine Entwicklungshilfepolitik den Umweltschutz.

AMERIKA DIENST 36

In Afrika stellt die Bundesregierung ihre Führungsrolle unter Beweis, indem sie humanitäre
Hilfsprogramme mit dem Ziel entwickelt, die
Hauptprobleme wie Armut, Hunger und Überbevölkerung zu bekämpfen. Darüber hinaus haben die politischen Stiftungen in Deutschland
mit einigen der umfangreichsten und kreativsten Programme, die es jemals im Privatsektor
gab, Ressourcen, Know-how und Informationen nach Afrika geleitet.
Die unerschütterliche politische Unterstützung
sowie die großzügige Finanzhilfe und logistische Unterstützung Deutschlands waren entscheidende Faktoren für die Befreiung Kuwaits
und den Schutz Israels während des Golfkriegs.
Durch die engen Beziehungen der Bundesrepublik zu Israel, dem Iran und den wichtigsten
arabischen Ländern leistet Bonn einen wertvollen Beitrag zum regionalen Dialog am Persischen Golf und im gesamten Nahen Osten.
Solche Aktivitäten liefern eine solide Basis für den
Ausbau der zukünftigen Rolle Deutschlands. Ich möchte
Ihnen dazu einige Beispiele möglicher künftiger Initiativen nennen, um Ihre Phantasie anzuregen:
Das deutsche Geschick für multilaterale Diplomatie könnte nützlich für die Zusammenarbeit
mit der Organisation für Afrikanische Einheit
(OAU) eingesetzt werden, um diese Institution
zu stärken, gemeinsame Märkte aufzubauen
und die afrikanischen Länder zur Selbsthilfe zu
führen. Die Bundesrepublik könnte sich femer
stärker an Bestrebungen zur Beilegung regionaler Konflikte in Afrika beteiligen. Obwohl
Deutschlands besonderes Interesse an Ländern wie Namibia und Südafrika nur natürlich
und positiv ist, bleibt noch viel Raum für größere
Aktivitäten.
Der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Carl-Dieter Spranger, fordert neue Kriterien bei der Entwicklungshilfe, die deutsche
Kredite an "überbewaffnete" Länder beschränken. Die Vereinigten Staaten und Deutschland
könnten ihre Zusammenarbeit bei der Vergabe
von Entwicklungshilfekrediten als Instrument
nutzen, um die Verbreiter solcher Waffen in der
dritten Welt von ihrem Kurs abzubringen. Gleichzeitig müßten wir jedoch die berechtigten Sicherheitsinteressen von Ländern wie Ägypten
und Israel bedenken, die im Friedensprozeß
des Nahen Ostens und im Golfkrieg eine schwierige Position hatten.
Es gibt viel Raum, um unsere bereits fruchtbare
Zusammenarbeit bei der Drogenbekämpfung in
den Andenstaaten ebenso auszubauen wie

Seite 5

�unsere Politik zur Terrorismusbekämpfung im
Nahen Osten. Zusammen mit der Verbreitung
von militärischer Technologie und Massenvernichtungswaffen bedeuten diese Bedrohungen
eine massive Herausforderung für unsere
gemeinsame Sicherheit. Dabei gibt Deutschlands neue Gesetzgebung für den Handel mit
militärischer Technologie ein gutes Beispiel.
Dennoch wird der Erfolg davon abhängen, inwieweit man andere - insbesondere EG-Länder
- ermutigen kann, ebenfalls solche Gesetze zu
verabschieden. Wir hoffen, Deutschland wird
gemeinsam mit uns alle Staaten ermutigen,
insbesondere Indien und Pakistan, um den Nichtverbreitungsvertrag zu unterzeichnen, wie China, Südafrika und Frankreich es entweder gerade getan oder angekündigt haben.
Wir erkennen vielversprechende Bereiche potentieller deutscher Zusammenarbeit mit Japan
auf bilateraler und multilateraler Ebene. Dazu
gehört vor allem die enge Koordinierung der
Politik gegenüber der Sowjetunion. Ferner sollen dort praktische Wege zur Förderung politischer Stabilität gesucht und der Reformprozeß
wieder in geordnete Bahnen gelenkt werden.
Darüber hinaus liegt es im gemeinsamen Interesse Deutschlands und Japans, eine größere
Rolle bei den Entscheidungen der Vereinten
Nationen zu spielen, was wir unterstützen.
Schlie ßlich gab Au ßenminister Baker zu verstehen, daß die Vereinigten Staaten zusammen
mit der Sowjetunion besondere Anstrengungen
in der Frage der nördlichen Territorien Japans
unternehmen wollen, die ein Relikt sowohl des
Zweiten Weltkriegs als auch des kalten Kriegs
ist. Wir würden deutsche Unterstützung bei
diesen Bemühungen begrüßen.
Die Bundesrepublik wird noch in diesem Monat
den Vorsitz derG-7, der Gruppe führender Industrienationen, übernehmen und auch im Sommer nächsten Jahres Veranstalter des Gipfels
der G-7 in München sein. Diese Gipfel verleihen
der Koordinierung weltweiter wirtschaftlicher und

politischer Fragen eine wichtige neue Dimension, und München wird ein bedeutendes Forum
für die deutsche Führungsrolle werden. Diese
Rolle steht im Einklang mit Präsident Bushs
Forderung nach einem verbesserten "Trialog"
zwischen Europa, Japan und Nordamerika.
Wie diese Beispiele verdeutlichen, hängt unsere
gemeinsame Zukunft von unserem gemeinsamen Willen
und Mut ab, neue Ansätze zu suchen. Solch weltweites Engagement ist jedoch keine leichte Aufgabe. Sich
zu engagieren, heißt sich vor der Weltmeinung zu
verantworten. Damit können Risiken und Kosten
verbunden sein, weil eine Führungsrolle und eine
Vision Kritik - manchmal irrig, manchmal eifersüchtig,
manchmal sogar boshaft - nach sich ziehen.
Aber als erfolgreiche Nationen sind wir verpflichtet,
denen Hoffnung zu geben, die immer noch den Erfolg
anstreben. Vernachlässigung und Verzweiflung sind
die Ursachen von Instabilität und Gewalt. Der Glaube
an die Zukunft kann bei der Bewältigung von Problemen stark motivieren.
Über 150 Jahre lang hat sich Amerika um seine
eigenen Angelegenheiten gekümmert und sich im
Grunde dem Sirenengesang des Isolationismus hingegeben. Schließlich haben wir kurz vor Mitte dieses
Jahrhunderts erkannt, daß es in unserem eigenen
Interesse liegt, die gemeinsamen Interessen wahrzunehmen und treu zu unseren zentralen Werten von
Freiheit und Demokratie zu stehen. Und wir haben die
Last der Führungsrolle auf uns genommen.
Wir haben einen Weg des anhaltenden Engagements
gewählt.
Es war ein lohnender, aber manchmal auch einsamer
Weg.
Wir freuen uns, einen treuen Freund und Verbündeten
wie die Bundesrepublik Deutschland an unserer Seite
zu haben, der mit uns einen neuen Weg geht: einen
Weg des stärkeren Engagements, dessen Ziel ganz
einfach eine bessere Welt für uns alle ist.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 36

�V I S U M FÜR

USA
11. September 1991

ZULASSUNGSBEDINGUNGEN FÜR DAS VISUM
PER LOSVERFAHREN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
WASHINGTON-(AD)- Die nachfolgende Übersicht mit dem Titel "Zulassungsverfahren fürdasEinwanderungsvisa-Programm AA-1 - Paragraph 132 des Einwanderungsgesetzes von 1990, PL. 101-649" wurde am 6.
September 1991 von der Abteilung für konsularische Fragen im US-Außenministerium veröffentlicht.

Worum handelt es sich beim EinwanderungsvisaProgramm AA-1?

Wie und wann werden Anmeldungen für AA-1
entgegengenommen?

Im Rahmen dieses Einwanderungsvisa-Programms
werden in jedem der Haushaltsjahre 1992,1993 und
1994 Personen aus 34 Ländern, die durch Änderungen
im Einwanderungsreformgesetz von 1965 benachteiligt wurden, 40.000 Einwanderungsvisa erteilt. Dabei
wird in jedem Haushaltsjahr ein neues Anmeldeverfahren durchgeführt.

Die Anmeldefrist für den Antrag im Haushaltsjahr 1992
(Oktober 1991 bis September 1992) beginnt am 14.
Oktober 1991 um 00.01 Uhr (Washington D.C.-Zeit)
und endet am 20. Oktober 1991 um 23.59 Uhr. Anträge müssen an folgende Anschrift gerichtet werden:

Wie kann man am Programm AA-1 teilnehmen?
Um an dem Programm AA-1 teilzunehmen, müssen
sich Bürger der 34 unten genannten Länder (in denen
sie geboren sein oder wo sie "natives" sein müssen)
bei der im folgenden genannten Adresse anmelden.
Die Anmeldungen werden in der Reihenfolge ihres
Eingangs bearbeitet. Etwa die ersten 50.000 Bewerber werden informiert, daß sie ausgewählt wurden und
haben damit Gelegenheit, einen Visumantrag zu stellen.
Wer kann an AA-1 teilnehmen?
Personen, die in den folgenden Ländern geboren sind,
können sich bewerben:
Albanien, Algerien, Argentinien, Belgien, Bermuda,
Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Gibraltar, Großbritannien, Guadeloupe, Island,
Indonesien, Irland, Italien, Japan, Lettland, Liechtenstein, Litauen, Luxemburg, Monaco, Neukaledonien,
Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, San Marino, Schweden, Schweiz, Tschechoslowakei, Tunesien und Ungarn.

AMERIKA DIENST 36

AA-1 Program
P.O. Box 60000
Arlington, Virginia 22218-0001
USA
Links oben auf dem Umschlag muß der Antragsteller
sein Heimatland angeben, zum Beispiel: Italien.
Die Anträge werden in der Reihenfolge ihres Eingangs
während der Anmeldefrist bearbeitet. Sie können aus
den Vereinigten Staaten und aus dem Ausland mit
normaler Post oder Luftpost an die oben genannte
Anschrift geschickt werden.
Persönlich abgegebene Anträge, Telegramme oder
Anträge, die eine Eingangsbestätigung erfordern, werden
nicht angenommen. Anträge, die vor oder nach der
Anmeldefrist beim Postfach eingehen oder an eine
andere Adresse geschickt werden, werden nicht bearbeitet.
Welche Informationen muß der Antrag enthalten?
Es gibt kein besonderes Antragsformular. Antragsteller sollten die unten beschriebenen Angaben auf einen
normalen Briefbogen schreiben. Jeder Umschlag darf
nur einen Antrag enthalten. Der Briefumschlag sollte
eine Standardgröße für Briefe haben, eine Länge von

Seite 1

�etwa 12,7 bis 26,7 cm und eine Breite von etwa 9 bis
16,5 cm. Die Größe ist für die automatische Bearbeitung des Posteingangs notwendig. Jeder Antrag muß
in englischer Sprache mit der Schreibmaschine oder in
deutlichen Druckbuchstaben geschrieben werden und
enthalten:
Folgende Angaben auf einem einfachen Briefbogen:
a)

Vollständiger Name des Antragstellers
Name, alle Vornamen

b)

Geburtsdatum und -ort des Antragstellers
Datum: Tag/Monat/Jahr
Ort : Stadt/Stadtteil; Bezirk/Provinz; Land

c)

Name, Geburtsdatum und -ort des Ehepartners
und der Kinder des Antragstellers

Der Ehepartner und die Kinder eines Antragstellers,
der sich für den AA-1 -Status beworben hat, haben als
Familienangehörige automatisch Anrecht auf denselben Status. Dabei müssen der Ehepartner oder das
Kind nicht in einem der aufgelisteten Länder geboren
sein. Um ein Visum für diese Mitqualifizierung als
Familienangehöriger zu erhalten, muß das Kind unter
21 und unverheiratet sein.
d)

Postanschrift des Antragstellers

Die Postanschrift muß klar und vollständig sein, weil
die Benachrichtigung über die Zulassung der Personen an diese Anschrift geschickt wird.
e)
Konsularische Vertretungen der Vereinigten
Staaten, an die eine Zulassung für ein Visum geschickt
werden soll.
Normalerweise ist dies die US-Botschaft oder das
Konsulat im Heimatland des Antragstellers. Wenn
sich der Antragsteller in den Vereinigten Staaten aufhält, ist die konsularische Vertretung in dem Land des
früheren Wohnsitzes außerhalb der Vereinigten Staaten anzugeben. An diese Stelle wird der Visumsantrag
in jedem Fall zur Bearbeitung weitergeleitet.
An die Vorlage des Antrags sind keine weiteren Bedingungen als die oben beschriebenen Angaben geknüpft. Photokopien werden akzeptiert, und eine
Unterschrift ist nicht erforderlich.
Wieviele Antragsteller werden zugelassen?
Insgesamt werden etwa 50.000 Antragsteller zugelassen. Darin sind sowohl die Hauptantragsteller als auch
ihre Ehepartner und Kinder als mitqualifizierte Familienmitglieder enthalten. Da einige der ersten 40.000
ausgewählten Personen ihren Antrag nicht bis zur
Ausstellung eines Visums verfolgen werden, gewährleistet diese größere Anzahl die Nutzung aller unter

Seite 2

AA-1 vergebenen Nummern, heißt aber unter Umständen, daß ausgewählte Personen, die nicht schnell
handeln, kein Visum bekommen. Alle ausgewählten
Personen werden umgehend von ihrem Platz auf der
Liste informiert. Ausgewählte Antragsteller, die Visa
erhalten möchten, müssen umgehend alles weitere
veranlassen. Jeden Monat werden Visa in chronologischer Reihenfolge oder Auswahl an Antragsteller erteilt, auf die in diesem Monat die Wahl gefallen ist.
Wenn insgesamt 40.000 Visa ausgestellt wurden, ist
damit das Programm für das laufende Jahr beendet.
Das Gesetz sieht vor, daß mindestens 40 Prozent
(16.000) der AA-1 Visa jeden Jahres Antragstellern
aus dem Land ausgestellt werden müssen, in dem im
Rahmen des vorherigen Programms NP-5 die meisten
Visa erteilt wurden (Irland mit etwa 41 Prozent Visa
gemäß NP-5). Das heißt, mindestens 40 Prozent der
für AA-1 Visa zugelassenen Personen müssen aus
Irland stammen.
Wie werden die Fälle bearbeitet?
Die Anträge werden in der Reihenfolge ihres Eingangs
im Zeitraum der Antragstellung bearbeitet, das heißt,
bis genug Personen für die im Haushaltsjahr 1992
verfügbaren Visa ausgewählt sind. Sobald ein Antragsteller zugelassen wurde, erhält er ein Benachrichtigungsschreiben. Ein Nachweis seiner Zulassung ergeht
gleichzeitig an die konsularische Vertretung, die den
Fall weiterbearbeiten wird.
Werden nicht zugelassene Antragsteller informiert?
Nein. Der Antrag nicht zugelassener Antragsteller wird
nicht beantwortet.
Kann jeder Antragsteller nur einen Antrag für AA1 stellen?
Es gibt keine Beschränkung für die Zahl der vorlegten
Anträge. Nur der zuerst eingehende Antrag eines
Antragstellers im Zeitraum der Antragstellung wird
erfaßt.
Können Ehegatten separat einen Antrag stellen?
Ja. Wenn einer von beiden zugelassen wird, ist der
andere als Familienmitglied mitqualifiziert.
Können Kinder unabhängig von ihren Eltern einen
Antrag stellen?
Grundsätzlich sind Kinder von der Antragstellung nicht
ausgeschlossen, aber die Bedingung einer festen
Arbeitsplatzzusage für jeden Hauptantragsteller zum
Zeitpunkt des Visumgesprächs wird jeden disqualifizieren, der gesetzlich noch nicht arbeitsberechtigt ist.
In jedem Fall können Eltern nicht aufgrund ihres Kindes zugelassen werden, aber ein Kind (unter 21 Jahren und unverheiratet) wird automatisch mit seinen
Eltern zugelassen.

AMERIKA DIENST 36

�Wie ist der Begriff "native" zu definieren? Gibt es
Grundlagen, infolge derer Personen, die nicht in
einem oben genannten Land geboren sind, trotzdem zugelassen werden können?
Im Rahmen des AA-1 -Programms bezeichnet "native"
sowohl eine Person, die in einem der bereits genannten Länder geboren ist als auch Personen, die einem
dieser Länder "zugerechnet" worden sind. Antragsteller für AA-1 können von unterschiedlichen Heimatländern profitieren, zum Beispiel kann ein Antrag dem
Geburtsland eines Ehepartners zugerechnet werden,
ein Kind dem Geburtsland eines Elternteils und ein
Antragsteller, der in einem Land geboren ist, in dem
keiner seiner Eltern zum Zeitpunkt seiner Geburt seinen ständigen Wohnsitz hatte, kann sich dem Geburtsland beider Elternteile zurechnen. Ein Antragsteller, der den Vorteil der alternativen Zurechnung in
Anspruch nehmen will, muß seinem Antrag eine entsprechende Erklärung beifügen und das alternative
Land auf dem Umschlag mit dem Antrag links oben
angeben.
Gesetzt den Fall, der Geburtsort einer Person war
zum Zeitpunkt seiner Geburt ein "AA-1 "-Land,
liegt aber aufgrund von Grenzveränderungen nicht
mehr in einem zugelassenen Land?
Wenn eine Person als in einem zugelassenen Land
geboren anerkannt werden will, muß der Geburtsort
innerhalb der Grenzen liegen, wie sie gegenwärtig von
den Vereinigten Staaten anerkannt werden.
Können Personen, die in den Vereinigten Staaten
leben, einen Antrag stellen?
Ja. Antragsteller können sich zum Zeitpunkt der Antragstellung entweder in den Vereinigten Staaten oder
im Ausland aufhalten.
Muß jeder Antragsteller seine(n) eigenen Antrag/
Anträge stellen, oder kann es jemand in seinem
Namen tun?
Beide Formen sind korrekt.
'

Ist ein Arbeitsangebot erforderlich, wenn man
sich für das AA-1-Programm bewirbt?

*

Nein. Ein Brief von einem künftigen Arbeitgeber in den
Vereinigten Staaten muß dem ersten Antrag für das
AA-1 Programm nicht beigefügt werden. Zum AA-1Programm zugelassene Personen müssen jedoch zum
Zeitpunkt ihres Interviews für ein Einwanderungsvisum den Beweis erbringen, daß sie einen Vollzeitarbeitsplatz in Aussicht haben. Mit zwei oder mehr
*

AMERIKA DIENST 36

Teilzeitarbeitsplätzen ist diese Voraussetzung ebenfalls erfüllt, wenn diese zusammengenommen eine
Vollzeitbeschäftigung ergeben, solange der Antragsteller von jedem Arbeitgeber Bestätigungen über das
Arbeitsangebot erbringt. Das Angebot kann von einem
Unternehmen oder jeder anderen Institution oder
Organisation in den Vereinigten Staaten oder von
einer Privatperson unterbreitet sein. Der Beweis einer
bestehenden freiberuflichen Tätigkeit kann die Bedingung des Arbeitsangebots erfüllen - der Plan zur
sofortigen Eröffnung eines eigenen Betriebs fällt jedoch nicht darunter.
Gibt es in der Kategorie AA-1 eine Zulassungsgebühr?
Bei der Unterbreitung des ersten Zulassungsantrags
wird keine Gebühr erhoben. Erfolgreiche Bewerber
zahlen zur Abdeckung der Bearbeitungskosten für AA1 -Zulassungen 25 Dollar. Diese Gebühr wird von der
konsularischen Vertretung erhoben, an die der Antrag
zu Bearbeitung weitergeleitet wird. Nicht zugelassene
Personen zahlen keine Gebühr.
Können Bewerber, die bereits für ein Einwanderungsvisum in einer anderen Kategorie zugelassen sind, sich um eine Zulassung in der AA-1Kategorie bewerben?
Ja.
Wird erfolgreichen Kandidaten, die sich bereits in
den Vereinigten Staaten aufhalten, gestattet, ihren
Status anzupassen?
Ja, solange die Person sich legal im Land aufhielt.
Sobald ein Antragsteller seine Nummer erhält, sollte er
sich mit der Einwanderungs- und Einbürgerungsbehörde (Immigration and Naturalization Service) in
Verbindung setzen, um sich über die Anpassung seines Status zu informieren.
Wie lange bleiben Antragsteller, die in diesem
Antragszeitraum ihren Antrag stellen, berechtigt,
Visa der AA-1-Kategorie zu beantragen?
Personen, die 1991 einen Antrag für AA-1 stellen,
können sich nur im Haushaltsjahr 1992, das heißt von
Oktober 1991 bis einschließlich September 1992, um
die Ausstellung eines Visums bewerben. Personen,
deren Antrag im Haushaltsjahr 1992 nicht bewilligt
wird, dürfen sich nicht erneut bewerben. In jedem Jahr
muß vor Beginn des Haushaltsjahrseine Bewerbungsfrist für die AA-1 Visa dieses Jahren eingeräumt werden.

* * *

*

Seite 3

�GESELLSCHAFT
11. September 1991

SPÄTBERUFENE STUDENTEN STREBEN
IN DIE HOCHSCHULE
von Mary Jo Binker
Die Autorin ist Redakteurin der Zeitschrift American, die von der American University in Washington herausgegeben wird.
Copyright (c) 1990 The American University. Übersetzung mit Genehmigung.

Was haben sie gemeinsam - ein 35jähriger Aussteiger,
ein Ex-Entwicklungshelfer, ein pensionierter Geschäftsmann, eine arbeitslose Bürokraft, ein Einwanderer aus
Mittelamerika, ein aufstrebender Beamter, eine Hausfrau und ein erfolgreicher Politiker mit dem Wunsch,
Jura zu studieren?
Sie alle belegen eine steigende Tendenz an den
Hochschulen: Erwachsene gehen wieder zur Schule.
Dem College Board (der offiziellen Stelle für Informationen über Hochschulbildung in den Vereinigten Staaten) zufolge sind 45 Prozent der Collegestudenten
über 25 Jahre alt. In den nächsten zehn Jahren wird
diese neue Gruppe von Studenten - 60 Prozent davon
sind Frauen und 70 Prozent Vollzeitbeschäftigte - die
Mehrheit der Studenten in den Collegeklassen Amerikas stellen.
Einer der Hauptfaktoren für den Boom in der Erwachsenenbildung ist die Überzeugung, daß ein Collegeabschluß die Eintrittskarte für eine erfolgreiche Karriere
ist. "Bildung zahlt sich in nie dagewesenem Umfang
aus," erklärt Robert Lerman, Arbeitsökonom und Professorander American University (AU) in Washington.
"Arbeitnehmer mit Collegeausbildung verdienen mehr
Geld als je zuvor. Die Gehaltsunterschiede zwischen
Arbeitnehmern mit Schul- oder Universitätsabschlüssen waren noch nie so hoch wie jetzt." Dem Arbeitshistoriker Michael Kazin von der American University
zufolge wird diese Kluft noch größer werden. "Die
Strukturen auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt haben
sich in den letzten fünfzig bis sechzig Jahren verändert, "konstatiert der Professor. "Immer mehr Arbeitsplätze erfordern entweder einen hohen Ausbildungsgrad oder eine Minimalausbildung - eine Zwischenlö-

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sung gibt es nicht. Um eine gute Stelle zu bekommen,
benötigt man ein Bakkalaureat oder man sinkt auf eine
ganz niedrige Gehaltsstufe."
Diese Veränderung im Ausbildungsgrad der Arbeitnehmer macht Unternehmen und Arbeitnehmer gleichermaßen unsicher, wie der Arbeitsplatz von morgen
aussehen wird.
Der Arbeitsplatz von morgen wird unbeständig sein,
erklärt dazu Betsy Brand, Abteilungsleiterin für Berufsund Erwachsenenbildung im US-Bildungsministerium.
'Technische Fortschritte und die Veränderungen durch
Fusionen und Firmenaufkäufe unter US-Firmen zusammen mit den jüngsten politischen Entwicklungen
im Ausland machen Prognosen extrem schwierig,"
erklärt Brand. "Wir können nur mit Sicherheit sagen,
daß alles unsicher sein wird."
Der Arbeitsplatz von morgen wird darüber hinaus von
mehr Konkurrenz geprägt sein. "Firmen machen sich
heute schneller Veränderungen auf den In- und Auslandsmärkten zunutze", erklärt Lerman. "Sie müssen
ihre Geschäftstätigkeit ausweiten, stärker um qualitativ hochwertige Produkte bemüht sein und langfristiger
denken."
Darüber hinaus wird die Erwerbsbevölkerung in den
Vereinigten Staaten vielfältiger sein als je zuvor. "Im
Jahr 2000 werden mehr Frauen als Männer und mehr
Minderheiten als Weiße auf den Arbeitsmarkt strömen," erläutert die Leiterin der Berufsberatung an der
AU, Toby van der Vorm. "Unser traditionelles System
mit seiner Ausrichtung auf junge, weiße, männliche
Arbeitnehmer wird sich überlebt haben."

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�Die steigende Zahl von Frauen und Angehörigen von
Minderheiten wird unter Umständen jedoch nicht ausreichen, um alle Arbeitsplätze im Jahr 2000 zu besetzen. "Bis jetzt gibt es noch keinen eklatanten Mangel
an qualifizierten Arbeitskräften, aber er könnte eintreten," erklärt Jurg Siegenthaler, Soziologieprofessor an
der AU, der strukturelle Veränderungen bei den Beschäftigten in der Industrie erforscht hat, "insbesondere wenn die demographischen Prognosen der letzten
zehn Jahre stimmen und weniger junge Menschen
dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen."
Die Arbeitsplätze von morgen werden sich ebenfalls
verändern. "Wir erkennen bereits eine Verlagerung
von monotonen Arbeitsplätzen zu solchen, bei denen
komplexere Fähigkeiten und mehr Urteilsvermögen
gefragt sind," erklärt Brand. "Arbeitnehmer werden
gebeten, mehr Verantwortung dafür zu übernehmen,
was sie tun und warum sie es tun. Das heißt, der
einzelne Arbeitnehmer ist stärker gefordert."
Darüber hinaus prognostiziert Brand, daß sich der
Zeitraum zwischen technischen Innovationen verringern wird. "Mit einer zwei- oder dreijährigen Verzögerung zwischen Produktentwicklung und Umsetzung
sind manche Produkte bereits veraltet, wenn sie auf
den Markt kommen," beobachtet Brand. "Damit werden Betriebe einem immensen Stress ausgesetzt, ihre
eigenen Leute auf dem laufenden zu halten."
Das hei ßt, die Arbeitnehmer der Zukunft müssen flexibel und lernbereit sein. "Manche Firmen ziehen zum
Beispiel Geisteswissenschaftler Informatikern vor, weil
Informatiker als zu unbeweglich gelten," erklärt Siegenthaler. "Arbeitgeber möchten lieber jemanden mit
einer umfassenderen Ausbildung, der sich die Spezialkenntnisse über Computer am Arbeitsplatz aneignet."
Und als ob die Veränderungen in der amerikanischen
Arbeitswelt nicht ausreichten, müssen US-Firmen und
ihre Beschäftigten sich auch noch der ständig steigenden ausländischen Konkurrenz stellen.
Diese Veränderungen in der Geschäftsleitung und bei
den Mitarbeitern stoßen auf veränderte Einstellungen
der Arbeitnehmer. "Die Arbeitnehmer wollen eine
dauernde Herausforderung, die nur möglich ist, wenn
an ihrem Arbeitsplatz zunächst einmal Vielfalt, Komplexität und Entscheidungen gefragt sind", erklärt
Siegenthaler.
"Der anhaltende Trend zum frühen Ruhestand in den
Vereinigten Staaten ist ein Anzeichen für dieses Phänomen. Viele Frühpensionäre sagen jedoch auch, sie
hätten länger gearbeitet, wenn die Arbeitsstunden
flexibel und die Aufgaben interessant gewesen wären."
Dies bewertet van der Vorm als interessanten und
bedeutsamen Aspekt. "Im Gegensatz zu Menschen,
die vor der Depression aufwuchsen, als es wichtig war,
jede Art von Arbeitsplatz zu behalten, glauben die
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Arbeitnehmer von heute - insbesondere die Angehörigen geburtenstarker Jahrgänge (Arbeitnehmer im Alter von 40 - 49) - daß Arbeit sinnvoll sein sollte."
Die Ungewißheiten des freien Markts machen den
Entschluß, wieder die Schulbank zu drücken, zu mehr
als einer vernünftigen Alternative für die Arbeitnehmer
und 3erufsanfänger von heute. Die Rückkehr zur
Schule wird zwingend erforderlich. Die meisten Berufsberater sind sich darin einig, daß der Durchschnittsbürger heute bereit sein muß, während seines Arbeitslebens mehrere verschiedene Berufe auszuüben. Die
Amerikanische Gesellschaft für Ausbildung und Entwicklung (American Society for Training and Development) stellt dazu fest, daß 75 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer bis zum Ende dieses Jahrzehnts
eine Umschulung benötigen. "Die Erwerbstätigen
werden sich immer stärker der Tatsache bewu ßt, daß
der einzige Weg zur Beibehaltung des Arbeitsplatzes
oder zum beruflichen Aufstieg darin besteht, neue
Qualifikationen zu erwerben", erklärt Lerman.
Van der Vorm stimmt zu: "Die Tage der Arbeitsplatzsicherheit sind vorbei", räumt sie ein. Nach all den
Firmenaufkäufen durch Börsenspekulanten in den
achtziger Jahren wurden selbst Unternehmen, die für
ihre Beschäftigten ein sicherer Hafen waren, demontiert. Heute ist es ein normaler Vorgang, daß sich ein
langjähriger Mitarbeiter einer Firma plötzlich zum ersten Mal nach vielen Jahren einen neuen Arbeitsplatz
suchen muß.
Auch mit dem Konzept der Aufstiegsmöglickeiten ist
es heute vorbei. Besonders die geburtenstarken
Jahrgänge werden mit hoher Wahrscheinlichkeit von
Veränderungen am Arbeitsplatz oder in der Karriere
betroffen, was schlicht und einfach schon aus der
Tatsache resultiert, daß sie einen solch großen Anteil
an der Erwerbsbevölkerung bilden. "Aufgrund ihrer
Zahl gibt es für sie geringere Möglichkeiten, sich
innerhalb ihres Berufsfeids zu verändern, außer horizontal", erklärt van der Worm. "Das Unvermögen zum
Aufstieg wirkt sich auf ihre Einkommen aus. Sie
werden wahrscheinlich nicht so früh in den Ruhestand
gehen können wie sie möchten, da sie länger arbeiten
müssen, um ein ausreichendes Einkommen nach dem

Arbeitsleben sicherzustellen."
Andere Erwachsene kehren auf die Schulbank zurück,
weil das Lernen, wenn man einmal damit begonnen
hat, eine nur schwer wieder einzustellende Gewohnheit ist. "Je gebildeter die Menschen sind, desto eher
werden sie auch weiter lernen", erklärt der stellvertretende Verwaltungsleiter für Lehrpläne an der American
University, Robert Norris, dessen Dienststelle die Aufsicht
über zahlreiche Erwachsenenbildungsprogramme der
American University führt. "Es ist nicht ungewöhnlich,
daß Menschen, die bereits eine sehr erfolgreiche
Karriere hinter sich haben, zurückkehren, um Jura
oder Literatur zu studieren, weil sie zu dem Schluß
gekommen sind, daß sie genau dies tun wollen."

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�Erwachsene, die das College nie abgeschlossen - oder
nie eines besucht - haben, bilden in der Erwachsenenbildung ein weiteres großes Segment. "Nur 50 Prozent
der Menschen, die ein College besuchen, schließen
ihre Ausbildung auch mit einem Examen ab", stellt
Norris fest. Diejenigen, die es nicht schaffen, empfinden dies laut Chris Lovell, einem Studenten der American University, der viel mit Erwachsenen an der
Universität gearbeitet hat, als "große Unzulänglichkeit
in ihrem Leben. Ob man will oder nicht, ein Bakkalaureat ist ein Aufnahmeritus, insbesondere für die Mittelschicht."

eher bereit, es zu hinterfragen und im Lichte ihrer
Erfahrungen zu verarbeiten", erklärt Bernard Hodinko,
ein Professor an der erziehungswissenschaftlichen
Fakultät der American University, der sich auf Beratung und Psychologie spezialisiert hat.

Welche Motivation auch immer dahintersteckt, der
Entschluß zur Rückkehr ins Klassenzimmer fällt nicht
immer leicht. "Die Literatur über Erwachsene, die
erneut die Schulbank drücken, stellt dazu fest, daß sie
dies zumeist in Umbruchphasen ihres Lebens tun nach einem grö ßeren Umzug, einer beruflichen Veränderung, einer Scheidung, dem Tod eines Ehepartners,
nachdem sie bei einer Beförderung übergangen wurden oder nach der Geburt eines Kindes - um nur
wenige Umstände zu nennen", sagt Norris.

Kent Baker, der in seiner 18jährigen Laufbahn als
Professor im Kogod College of Business Administration der American University über 15.000 erwachsene
Studenten unterrichtet und Berater zahlreicher Unternehmen war, stimmt dem zu: "Erwachsene Studenten
sind konzentrierter und zielstrebiger. Sie betrachten
die heutigen Gegebenheiten. Sie suchen die Situation, in der sie das Gelernte jetzt anwenden können
und nicht erst 15 Jahre später."

Der Entschluß zur Rückkehr kann durch die Furcht vor
unzureichenden Leistungen im Klassenzimmer noch
weiter kompliziert werden. "Die Leute machen sich
Sorgen darüber, ob sie die Arbeit leisten und die
Prüfungen bestehen können", erklärt der Geschäftsführer des Büros für Weiterbildung der American University, Richard Roughton. "Daneben machen Sie sich
Sorgen, welche Auswirkungen die Weiterbildung auf
ihren Arbeitsplatz, ihre Familie - und ihren Geldbeutel
haben wird."
Trotz häufig wenig idealer Bedingungen, die eine
Rückkehr auf die Schulbank mit sich bringt, bringen
erwachsene Schüler und Studenten enorme Energie
und großes Engagement in den Unterricht mit - sowie
reiche Lebenserfahrung, die sie für die Sache des
Lernens nutzen. "Sie engagieren sich im Unterricht
weit mehr als dies bei den eher traditionellen Studenten der Fall ist. Sie haben sich bewu ßt für die Rückkehr
entschieden, und sie stehen voll hinter diesem Entschluß. Wenn sie Material bekommen, dann sind sie

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Erwachsene werden wahrscheinlich auch anders lernen als jüngere Studenten im College-Alter. "Während
junge Menschen lernen, weil ihnen gesagt wird, daß
sie lernen sollen, ist Lernen für Erwachsene ein Bedürfnis", meint Lisa Levy, Direktorin des Zentrums für
berufliche Entwicklung der American University.

Darüber hinaus hat er festgestellt, daß erwachsene
Studenten zuverlässiger sind als Studenten im traditionellen College-Alter: "Sie lassen kaum einmal den
Unterricht ausfallen, und wenn sie dies - aufgrund einer
Reise oder auswärtigen Verpflichtung - tun müssen,
rufen sie an, informieren mich und treffen Arrangements, um ihre Arbeit einzureichen."
Aufgrund ihres Interesses, ihres Enthusiasmus' und
ihrer Entschlossenheit stellen erwachsene Studenten
fest, daß sie das nötige Rüstzeug besitzen, um in den
lebensverändernden Prozeß der Rückkehr zur Schule
einzusteigen. Und wenn sie ins akademische Leben
zurückkehren, sehen sie, daß ihr Bildungshorizont nur
von ihren Vorstellungen begrenzt wird.
"Mehr denn je werden sich die Menschen heute der
Tatsache bewußt, daß es nie zu spät ist, sich weiterzubilden", erklärt van der Vorm. Die heutige Doktorandin in Pädagogik an der American University erwarb
zehn Jahre nach ihrem Bakkalaureat den Magistergrad an der American University. "Wenn man einmal
zurückkehrt, wird man süchtig", sagt sie.

* * *

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