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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SriGN ^

35

4. September 1991

INNENPOLITIK

"AUSSERGEWÖNLICHES" in der
AMERIKANISCHEN POLITIK
von Byron E. Shafer

HOCHTECHNOLOGIE
IN AMERIKA

DER "ROSTGURTEL"WIRD AUFPOLIERT
von Bennett Harrison

SOWJETUNION

WELTWEIT BEGRÜNDETES INTERESSE
AN EREIGNISSEN IN DER SOWJETUNION
Rede von US-Verteidigungsminister
Cheney bei der APSA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�AMERIKA HEUTE
4. September 1991

"AUSSERGEWÖHNLICHES" IN DER
AMERIKANISCHEN POLITIK?
von Byron E. Shafer
Byron E. Shafer ist der Andrew W. Mellon Professor of American Government am Nuffield College der Universität Oxford (England). Er ist Autor von Blfurcated Politics: Evolution and Reform in the National Party
Convention (1987), The Changing Structure of American Politics (1986) und Quiet Revolution: the
Struggle for the Democratic Party and the Shaping of Post-Reform Politics (1983). Der nachstehende
Artikel erschien 1989 in PS: Political Science &amp; Politics.
(c) 1989 by the American Political Science Association.
Selbst für die aufmerksamsten amerikanischen Beobachter birgt die Innenpolitik ständige Überraschungen.
Vielen ihrer ausländischen Kollegen erscheint sie
geradezu unbegreiflich. Gibt es etwas in der amerikanischen Politik, das aus der Sicht der übrigen Welt
tatsächlich anders oder sogar einzigartig ist? Etwas,
das impliziert, daß diese Politik nur im Hinblick auf die
besonderen Merkmale des politischen Gesamtsystems
verstanden werden kann, in dem sie sich vollzieht?
Etwas, das den althergebrachten Ausdruck für eine
praktisch kaum zu vermittelnde Eigenheit rechtfertigt etwas "Außergewöhnliches"?
Wenn die Innenpolitik etwas Außergewöhnliches an
sich hat, so ist es per definitionem in einem oder
mehreren von drei Bereichen anzutreffen. Es muß in
der Einstellung der Öffentlichkeit an der Basis dieser Politik zu finden sein, insbesondere in dem, was die
Menschen von der Politik erwarten oder wie sie über
den Prozeß der Durchsetzung politischer Ziele denken. Es muß in den Schlüsselorganisationen inmitten dieser Politik anzutreffen sein, die den einzelnen
Bürger mit den Regierungsinstitutionen - vornehmlich
politischen Parteien und Interessengruppen - verbindet. Und/oder es mu ß in unterschiedlicher Gestaltung
oder bestimmten Verfahrensweisen an oberster Spitze dieser Regierungsinstitutionen selbst anzutreffen sein.
Um die Analyse vorwegzunehmen: Meines Erachtens
gebührt dem breiten Spektrum amerikanischer nationaler Institutionen der Begriff außergewöhnlich. Ich
bin sicher, daß die Kernstruktur, die Art und Verhalten
unserer Parteien gliedert, sich dafür qualifiziert. Und
ich vermute, daß eine besondere und weitverbreitete
Einstellung gegenüber der Politik sich ebenfalls unterscheidet - obwohl ich mir dabei nicht so sicher bin.

AMERIKA DIENST 35

Das zentrale Element jedes vermeintlich Außergewöhnlichen in den offiziellen Institutionen der nationalen Regierung ist jedenfalls die Gewaltenteilung, die
besonders augenfällig durch die gleichrangige Judikative mit der Macht der "richterlichen Nachprüfung" ist.
Das zentrale Instrument, das die gesamte Durchsetzung politischer Ziele um diese Institutionen herum
gestaltet, ist die - meines Erachtens in der Weltpolitik
einzigartige - weitreichende Erfindung der Vorwahlen. Und das Gesamtkonzept, das die öffentliche
Einstellung zur Politik charakterisiert, ist ein einzigartig
amerikanisches - als Populismus bezeichnetes - Gefüge
von Werten, wenn nicht sogar eine Ideologie. Wenn
sie alle zusammengenommen - übereinandergeschichtet werden oder interagieren - ist das Ergebnis ein
politisches Leben, das für die übrige Welt zweifelsohne
verblüffend ist.
Gewaltenteilung
Das vertrauteste dieser Elemente ist die Gewaltenteilung , die durch die richterliche Nachprüfung am augenfälligsten wird. Obwohl dieser einzelne zentrale Aspekt
der verfassungsmäßigen Gestaltung amerikanischer
Politik in seinen Einzelheiten allen Beobachtern vertraut ist, kann man seine kollektive Bedeutung dennoch leicht mißverstehen.
Inzwischen ist es eine Binsenwahrheit, daß in den
Vereinigten Staaten in den drei Hauptbereichen der
nationalen Regierung - Exekutive, Legislative und
Judikative - eine tatsächliche Gewaltenteilung nicht
so sehr existiert. Vielmehr gibt es "getrennte Institutionen mit gemeinsamen Gewalten", so daß drei
autonome Regierungsbereiche um die Kontrolle dieses grundlegenden Einflusses auf die öffentliche Politik konkurrieren. Wie dem auch sei - die Auswirkungen
sind nach wie vor enorm.
Seite 1

�Nicht nur, daß der Regierungschef und die Legislative
in den Vereinigten Staaten getrennt und unabhängig
gewählt werden, ist an sich schon eine Ausnahme in
der Weltpolitik, sondern auch die beiden Häuser der
Legislative, von denen jedes voll und ganz in der Lage
ist, Gesetze einzubringen oder zu blockieren und mit
den anderen Institutionen zu verhandeln oder selbst zu
überprüfen. Es ist in der Tat - gewöhnlich - häufig, daß
eine oder mehrere dieser Institutionen in den Händen
der Oppositionspartei ist. In 24 der 42 Nachkriegsjahre
war dies der Fall, und es wird auch in den nächsten vier
Jahren sicherlich noch so sein.

einzelnen Bereichen der nationalen Regierung selbst,
aber auch zwischen und mit untergeordneten Regierungen und zwangsläufig zwischen all den in ihnen
repräsentierten Interessen von außen. Infolgedessen
garantieren diese verfassungsmä ßige Struktur und die
damit einhergehende Durchsetzung politischer Ziele
ein konstantes Überdenken und dann erneutes Aushandeln aller politischen Vereinbarungen, die keinen
nationalen Konsens erzielt haben - eine Entwicklung, die von einigen als geniale Gabe der amerikanischen Politik, von anderen als ihr Fluch angesehen
wird.

Dies ist jedoch nur der Anfang. Für die Vereinigten
Staaten ist - oder wurde - die vom Obersten Gerichtshof geleitete Judikative eine nationale Institution, in der
Politik gemacht wird und die den anderen Institutionen
wie Präsidentschaft, Senat und Repräsentantenhaus
völlig gleichwertig ist. Einiges davon ist derföderativen
Struktur der amerikanischen Regierung immanent:
Wenn 50 Regierungen der Bundesstaaten ebenfalls
Gesetze erlassen, muß irgendjemand ihre Widersprüche lösen. Wenn die Regierungen der Bundesstaaten
die Bundesregierung zur Kontrolle der öffentlichen
Politik auffordern, muß auch hier jemand die widersprüchlichen Ergebnisse schlichten.

Vorwahlen

Viele Bereiche dieser gleichwertigen Rolle der Judikative werden zusätzlich implizit oder explizit durch die
als "richterliche Nachprüfung" bezeichnete Gewalt
geschaffen. Wiederum wird ein offenkundiger Aspekt
der amerikanischen Regierung - der entscheidende
Ort der richterlichen Nachprüfung - häufig ignoriert, will
nicht wahrgenommen werden, wenn Auswirkungen für
die Politik erörtert werden. Dennoch kann der Oberste
Gerichtshof in den Vereinigten Staaten natürlich jedes Gesetz, einschließlich derer, die von beiden Häusern
des Kongresses verabschiedet und vom Präsidenten
unterzeichnet wurden, als verfassungswidrig und damit
für null und nichtig erklären. Etwas informeller kann
der Gerichtshof auf diese Gewalt zurückgreifen, weiterzugehen und vorzuschlagen, wie das geeignete
Gesetz - geeigneterweise das "verfassungsgemäße"
Gesetz - aussehen könnte.
Infolgedessen fallen viele der großen Themen der
Nachkriegspolitik - Bürgerrechte, bürgerliche Freiheiten, Wahlnominierungen, Strafrecht, Religion im öffentlichen Leben, moralische Grundsätze, selbst das
Gleichgewicht zwischen Exekutive und Legislative grundsätzlich in die Domäne des Obersten Gerichtshofes. Einige andere Nationen haben begonnen,
diese Struktur zu kopieren, und zwar eben wegen ihrer
Rolle bei diesen Themen. Keine ist so weit gegangen.
Entsprechend seiner Rolle in der amerikanischen Politik
gelingt es dem Obersten Gerichtshof, die Auswirkungen des gesamten verfassungsmäßigen Gefüges als
eine Struktur zu verstärken und zu verkörpern, die
ständige Verhandlungen erfordert - zwischen den

Seite 2

Dieser anfängliche Überblick, so meine ich, erstreckt
sich auf bekanntes Terrain. Doch gerade weil dies so
grundlegend und vertraut ist, wird es in Betrachtungen
über mögliche außergewöhnliche Elemente der amerikanischen Politik häufig außer acht gelassen - oder
nahezu als unerheblich abgetan.
Das wichtigste organisatorische Instrument, das die
Verbindung zwischen diesen Regierungsinstitutionen
und der sie umgebenden Gesellschaft gestaltet, fällt in
eine völlig andere Kategorie. Dieser organisatorische
Mechanismus besteht überall in der amerikanischen
Politik. Seine Konsequenzen sind in nahezu jedem
Bereich der amerikanischen Regierung spürbar. Dieses Instrument ist auch außerhalb der Vereinigten
Staaten wohlbekannt, aber schlecht verstanden - ein
eigenartiger Zustand, der aus der Tatsache resultiert,
daß es offensichtlich zwar wichtig, aber im Weltmaßstab so eigentümlich und charakteristisch ist, daß es
nur schwer interpretiert werden kann.
Bei diesem Instrument handelt es sich natürlich um die
Primary - die "Vorwahl". Formal betrachtet ist eine
Vorwahl eine von der Regierung veranstaltete offene
und öffentliche Wahl mit dem Ziel, für jede wichtige
politische Partei Kandidaten für den folgenden allgemeinen Wahlkampf zu nominieren. Selbst wenn eine
Vorwahl auf die Mitglieder der politischen Partei beschränkt ist: "Mitgliedschaft" bedeutet für gewöhnlich
nur, daß man bei seiner Registrierung als Wähler eine
Präferenz für eine bestimmte Partei geäußert hat.
Häufig sind jedoch Vorwahlen für öffentliche Ämter
nicht einmal auf diese Minimaldefinition der Parteimitgliedschaft begrenzt.
Ein solches offenes - im Weltmaßstab jedoch zunehmend merkwürdiges - Verfahren hat bedeutende politische Folgen. Dazu gehören fast schon per definitionem Folgen für den Prozeß der Nominierung für ein
öffentliches Amt. Folgen entstehen jedoch auch für die
Art von Kandidaten und deren Wahlkämpfe sowie für
die Struktur und Funktionsweise politischer Parteien.
Die Auswirkungen politischen Handelns durch Vorwahlen beeinflussen nach unten sogar schon die Rolle
des einzelnen Bürgers, die "soziale Basis" der Politik,

AMERIKA DIENST 35

�so wie sie auch den oberen Bereich erfaßt haben und
den praktischen Betrieb der nationalen Regierungsinstitutionen betreffen, jene "getrennten Institutionen mit
gemeinsamen Gewalten".
Offenkundig bedeutet Föderalismus mit Gewaltenteilung, daß Regierungsvertreter - von denen die meisten
in der nationalen Regierung anzutreffen sind - in ihren
eigenen, lokalen und getrennten Bezirken mit ihren
besonderen und unabhängigen Wahlkreisen gewählt
werden.
Schon dies allein würde die Einwohner dieser Wahlkreise zu der Forderung ermutigen, daß ihre Kandidaten zuallererst die besonderen Wünsche des Bezirks
vertreten. Aber wenn diese Einwohnerin einer offenen
Wahl über die Nominierung ihrer Kandidaten abstimmen können, besitzen auch sie ein weiteres institutionelles Mittel, um zu gewährleisten, daß ihre Wünsche
respektiert werden.
Aus der Sicht der Kandidaten sieht die Gleichung zwar
anders aus, aber das Ergebnis wird dadurch nur noch
verstärkt. Praktisch jeder kann eine persönliche
Kampagne um die Nominierung einer Partei für ein
öffentliches Amt führen. Zwar kann natürlich nicht
annähernd jeder gewinnen, aber jeder kann sich bewerben. Im weiteren Sinne folgt daraus noch, daß
sich jeder, der ein Gebiet vertreten möchte, bewerben
muß - eine zunehmend unabhängige und persönliche
Kampagne für die Nominierung führen muß. Persönlicher (und individueller) Untemehmergeist, nicht Dienst
an einer Partei oder Parteibindung wird bei einem
solchen Verfahren begünstigt.
Doch auch in den sich daraus ergebenden persönlichen, individuellen und unternehmerischen Kampagnen ist der sicherste Weg zum Erfolg die Identifizierung wichtiger lokalpolitischer Präferenzen, die von
dem gegenwärtigen Amtsinhaber nicht ausreichend
befriedigt werden. Mit anderen Worten: das Instrument der Vorwahl garantiert, daß die Wahlkampagnen
von wichtigen lokalen Anliegen - und nicht irgendeiner
nationalen Parteiideologie - beherrscht werden. Daraus folgt überdies, daß in einem solchen System
Parteien als Wählerorganisationen wahrscheinlich keine
dominierende Stellung einnehmen. Der Terminus "die
Nominierung der Partei" erhält in der Tat einen seltsamen Beigeschmack, wenn der offiziellen Partei von
den Wählern ein Kandidat aufgezwungen werden kann,
obwohl die Parteifunktionäre geschlossen jemand
anderen unterstützt haben. In einem solchen System
werden Parteien letztlich zu einem offenen Rahmen, in
dem die nächste Verhandlungsrunde stattfinden kann.
Für eine Gesellschaft, die eine relativ extreme Form
der Gewaltenteilung als institutionellen Rahmen für
ihre Regierung verwendet, birgt dies praktische Vorteile. Die charakteristische Flexibilität politischer Parteien, die sich der Vorwahl bedienen, um ihre - lokal
gewählten und zwangsläufig vielfältigen - Kandidaten

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zu bestimmen, erklärt bereits zu einem Großteil, wie
man in den vielen Jahren, in denen die Parteikontrolle
über wichtige politische Institutionen geteilt ist, bequem regieren kann. Dieses im internationalen Vergleich eigentümliche Instrument besitzt sogar praktische Vorzüge im Hinblick auf die demokratische Theorie. Eine mit Vorwahlen gekoppelte Gewaltenteilung
trägt wesentlich zur Erklärung der Tatsache bei, wie
ein breites Spektrum unterschiedlicher - selbst unvereinbarer - öffentlicher Anliegen angesprochen und
gleichzeitig unterschiedliche Mehrheitskoalitionen zu
diesen Themen gebildet werden können.
Ob dies jedoch im Gesamtkontext eine Tugend ist oder
nicht, es unterscheidet sich in der Praxis radikal von
den Verfahrensweisen anderer Demokratien. Darüber
hinaus verschärft das System der Nominierungen durch
Vorwahlen eindeutig die besonderen Neigungen von
"getrennten Institutionen mit gemeinsamen Gewalten". Dazu würde sicherlich die Neigung gehören, zu
verhandeln und vereinbaren, getroffene Abmachungen wieder für nichtig zu erklären und zu versuchen,
sie erneut auszuhandeln, während man gleichzeitig
genauestens das Verhalten derjenigen in anderen
Institutionen beobachtet.
Mit ihrer Tendenz, nach den wichtigsten (und charakteristischen) Wünschen der lokalen Wählerschaft zu
suchen und diese für künftige Verhandlungen in die
Regierung einzubringen, ist die Vorwahl wiederum ein
idealer Weg, um zahlreiche Grundlagen für Konflikte
zwischen Institutionen zu liefern, zwischen denen
erhebliche Spannungen bereits angelegt sind. Damit
ist sie ein idealer Weg, um die der verfassungsmäßigen Struktur innewohnenden formalen Eigenschaften
in lebendige Vorgänge in der politischen Arena zu
verwandeln.
Populismus
Jenseits dieser großen institutionellen Faktoren - neben
der Gewaltenteilung als Rahmen der Regierung und
der Vorwahl als weiterem Instrument zur Gestaltung
praktischer Politik - liegt die entscheidende Komponente jedes vermeintlich außergewöhnlichen Charakters der Politik. Dabei handelt es sich um ein Geflecht
öffentlicher Werte im Hinblick darauf, wie Politik gemacht
wird und die Dinge, die eine Regierung leisten sollte,
ein Wertegef üge, das häufig mit dem Begriff "politische
Kultur" umrissen wird. Die politische Kultur der Vereinigten Staaten kann deshalb am besten - und muß
sogar - mit dem Begriff "Populismus" zusammengefaßt werden.
Politische Kulturen sind sicherlich die am schwierigsten auszumachende, formloseste und am schwersten definierbare mögliche Komponente eines angeblich außergewöhnlichen Charakters der Politik. Regierungsinstitutionen haben eine verfassungsmäßige
Realität. Politische Parteien und Nominierungsverfahren mögen zwar eines verfassungsmäßigen Ranges

Seite 3

�entbehren, aber sie besitzen zumindest eine offenkundige organisatorische Existenz. Aber politische Kulturen als angenommene allgemeine Werte, die das
Verhalten des einzelnen innerhalb von Regierungsinstitutionen und halbstaatlichen Organisationen bestimmen, laufen Gefahr, in der Theurie sowohl allgegenwärtig als auch allumfassend zu sein - sowie vage und
irrelevant in der Praxis.
Dennoch wird die Idee nicht aufgegeben. Wenn man
die politischen Einstellungen und Werte der britischen
oder japanischen Öffentlichkeit durch die amerikanische Gewaltenteilung filtert, wie sie sich in Vorwahlen
ausgestaltet, erhält man keine amerikanische Politik.
Dazu ist auch die amerikanische politische Kultur
erforderlich.
Glücklicherweise sind einzelne Strömungen innerhalb
der Kultur weithin anerkannt: Individualismus, Unabhängigkeit, Religiosität, Optimismus, Leistung und
Selbstverwirklichung werden von in- und ausländischen Beobachtern zuverlässig genannt. Zum Glück
ist auch das Bindeglied zwischen diesen Werten seit
über hundert Jahren bekannt und für die amerikanische Geschichte generell anerkannt. Dieses Bindeglied, diese zusammengesetzte Doktrin - meiner Ansicht
nach ist der Begriff "Ideologie" nicht zu stark - trägt den
Namen Populismus.
Der Populismus als Ansatz im politischen Leben ist
seinem Grundsatz nach eine Bedingung, daß die
allgemeinen kulturellen Werte, die Annahmen über
das Leben an sich und der persönliche Stil, von denen
sich der einzelne im täglichen Leben leiten läßt, auch
das Verhalten nationaler Regierungen und nationaler
politischer Gestaltung bestimmen sollten. Anders
gesagt ist Populismus als Ansatz in der Politik - ebenso
in der Wirtschaft, Religion oder jedem anderen Aspekt
der Gesellschaft - eine Betonung der Tatsache, daß
gemeinsame Grundannahmen über Verhalten das
öffentliche Leben bestimmen.
Die genaue Mischung dieser Grundannahmen - Individualismus, Unabhängigkeit, Religiosität etc. - verändert sich mit der Zeit. Dennoch wird die Mischung
dieser allgemeinen und dauerhaften Werte jedes Zeitalters zum "American Way" - wenn man sie nicht
übernimmt, gilt es als "unamerikanisch". Tatsächlich
haben ausländische Beobachter oftmals den unterschiedlichen Charakter des amerikanischen Lebens
an genau der Tatsache festgemacht, daß erfolgreiche
Übernahme und Beschwörung dieser Werte selbst der
Schlüssel zu dem ist, was den Amerikaner ausmacht
- im Gegensatz zu Abstammung oder Geburtsort.
In jedem Fall zeigt dieses Bestehen auf üblichen
Verhaltensweisen, denen auch Politiker als gemeinsamer Ansatz immer Achtung zollen müssen, vielen
Beobachtern zufolge eine Vorliebe für soziale Nivellierung, nicht aber für materielle Gleichheit. In der Politik
beinhaltet dies, daß die Integrität grundlegender Schutz-

Seite 4

maßnahmen für das physische Wohlergehen des
Bürgers garantiert ist, ein Anliegen, aufgrund dessen
Populismus oftmals mit einer orthodox liberalen oder
linken Orientierung verwechselt wird. Aber die gleiche
Wahl beinhaltet eine Forderung, daß gemeinsame
(und ererbte) kulturelle Werte sich aktiv im öffentlichen
Leben widerspiegeln, weshalb Populismus auch oft
mit einer konservativen oder rechten Haltung assoziiert wird.
Wenn man Populismus jedoch nicht abstrakt, sondern
auf die Tagespolitik bezogen sieht, beinhaltet er zumeist eine Verteidigung des "kleinen Mannes" gegenüber "dem hohen Tier". Das Streben des Bürgers nach
Kontrolle über sein eigenes Schicksal, der Wunsch,
daß die Gesellschaft seine Meinungen widerspiegelt
zusammen mit der Sicherheit, daß Politiker (auf jeder
Ebene) diese Anliegen verstehen - dies sind die zentralen und ordnenden Werte des Populismus. Ebenso
Feindschaft gegenüber Individuen, Gruppen oder
Kräften, die diesem Prozeß im Weg stehen könnten,
durch den Einzelmeinungen Allgemeingut werden.
Diese Haltung beinhaltet fast ein eindeutiges Mehrheitsprinzip. Fast zwangsläufig beinhaltet es einen
Vorrang des Ungeordneten ("der Bürger") gegenüber
dem Ordnenden ("dem besonderen Interesse"). Diese
Implikationen des Populismus erklären eine zentrale
Verwirrung in der amerikanischen Politik, die Beobachtern in anderen Ländern fast sinnlos erscheint: daß
die amerikanische Öffentlichkeit gleichzeitig gegen
Großkonzerne, gegen Gewerkschaften und gegen
zuviel staatliche Macht sein kann. Der Schwerpunkt
mag sich von Jahr zu Jahr verlagern, aber der Impuls
bleibt bemerkenswert konstant.
Der Populismus hängt darüber hinaus direkt mit der
Weigerung der amerikanischen Politik zusammen,
entweder der theoretischen Perspektive oder der organisierten Praxis zu folgen, mit der professionelle
Beobachter außerhalb der Vereinigten Staaten vertrautsind. Statt einer klaren Links/Rechts-Ausrichtung
gelten für die amerikanische Politik eher die Begriffe
klein gegen groß. Statt einer versuchten Mobilisierung
der "Arbeiterklasse gegen die Mittelklasse" können
Wahlkampagnen in Amerika leichter im Stil der "Außenseiter gegen die Insider", der "Öffentlichkeit gegen
das Establishment", "wir gegen die" organisiert werden.
Man braucht nicht ausdrücklich zu betonen, daß solch
eine politische Kultur gut zu einer Politik paßt, die um
Vorwahlen herum organisiert ist und zu einer Regierung auf der Basis der Gewaltenteilung. Wenn Durchschnittsbürger eine Beteiligung an der gesamten
Bandbreite ihrer Anliegen sicherstellen möchten, dann
müssen sie Kandidaten für öffentliche Ämter direkt
wählen können, damit diese Kandidaten die komplexen Anliegen ihrer Wählerschaft verinnerlichen können. Wenn die Regierung überdies davon abgehalten
wird, eigene Interessen - oder auch nur Wünsche - zu

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�haben, die sich von denen der Öffentlichkeit unterscheiden, dann ist der konstante innere Konflikt der
Gewaltenteilung - das Ansprechen vielfältiger Probleme, indem man Spannung zwischen den Institutionen
der Regierung schafft - eine ideale Reaktion der Institutionen.

Man möchte das Ausmaß der Kontinuität und der
Veränderungen nicht überbetonen, das die Politik in
Amerika kennzeichnet. Die Skizzen einer kontinuierlichen Außenpolitik können in den letzten vierzig Jahren ausgemacht werden, die Skizze einer anhaltenden
nationalen Politik in den letzten fünfzig Jahren.

Das ist vielleicht eine gute Einführung in das politische
Geflecht, das entsteht, wenn 1. Populismus und eine
grundlegende Einstellung zum politischen Leben 2.
durch Vorwahlen als Mittel der Schaffung von Politikern ermöglicht werden, die dann 3. in einer Regierung
arbeiten, in der die Gewaltenteilung verankert ist.
Tatsächlich entstehen daraus eine Politik mit vielfältigen politischen Themen, zahlreichen, zersplitterten
und kurzlebigen politischen Koalitionen, fortgesetzte
Verhandlungen als zentrale - und kontinuierliche Komponente und eine effektive Vorliebe für eine experimentelle Regierung ohne einen starken Glauben an
den Erfolg des Produkts.

In ihrem Widerstand gegen übergeordnete und stabile
Bedingungen, in ihrem Beharren nicht nur auf einer
großen Zahl von Fragen sondern darauf, daß viele
wichtige Fragen einer großen Anzahl von Bereichen
gleichzeitig auf der politischen Tagesordnung stehen,
und in ihrer Neigung, diese anzupassen und neu zu
ordnen, bis sie die durch Konsens erzielte Präferenz
einer überwältigenden Mehrheit werden, kann die Politik
in Amerika tatsächlich außergewöhnlich sein. Wenn
das der Fall ist, dann sind die Gewaltenteilung, das
Instrument der Vorwahlen und die Ideologie des Populismus ganz sicher Elemente, die eine außergewöhnliche amerikanische Politik am unmittelbarsten hervorbringen.

*

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Seite 5

�HOCHTECHNOLOGIE

IN

AMERIKA
4. September 1991

DER "ROSTGÜRTEL" WIRD AUFPOLIERT
von Bennett Harrison
BONN - (AD) - Der Autor ist ordentlicher Professor am Institut für Stadtentwicklung und -planung am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Zur Zeit ist er Gastprofessor für politische Ökonomie an der CarnegieMellon School of Urban and Public Affairs in Pittsburgh.
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Technology Review. Copyright (c) 1990.

Seit zehn Jahren verkünden Wirtschaftswissenschaftler und Politiker, die Hochtechnologie würde den traditionellen Industriegebieten Amerikas mit ihren vielen
Schornsteinen Auftrieb geben. Hochtechnologiefirmen sollten eine Art Allheilmittel sein - zusammen mit
Universitäten und Regierungen der Bundestaaten sollten
florierende Unternehmen Arbeitsplätze schaffen und
den Innenstädten zu neuer Blüte verhelfen.
Der Witz dabei ist: manchmal funktioniert es tatsächlich. Das zeigt der folgende Fall aus einer der Hauptstädte des alten verrauchten Amerika. In Pittsburgh
(Pennsylvania) liefert das aufstrebende Unternehmen
RedZone ein anschauliches Beispiel für eine erfolgreiche Neubelebung der Hochtechnologie.
RedZone wurde an einer Universität konzipiert. Infolge der Störfälle in Three Mile Island und Tschernobyl
gelangten mehrere Ingenieure beim Institut für Robotik
an der Carnegie-Mellon University in Pittsburgh zu der
Überzeugung, daß sich die Wartung von Kernkraftwerken und die Entsorgung radioaktiver Abfälle zu einem
wachsenden und lukrativen Markt entwickeln würde.
Das Institut rief das Field Robotics Center ins Leben,
um sich auf diese Technologie zu konzentrieren. 1987
gründete das Field Robotics Center selbst eine Firma,
in der Roboter zum Einsatz in solch gefährlichen
Umgebungen konstruiert werden.
Die Roboter von RedZone können durch die kontaminierten Bereiche navigieren und mit Hilfe von Sensoren Daten sammeln. Während Roboter in Fabriken
normalerweise eine einzige oder mehrere hochspezialisierte Aufgaben erfüllen und in einer ständig überwachten Umgebung fest verankert sind, müssen Roboter
im Außeneinsatz vielseitig und mobil sein.

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Die Robotergeben ihre Messungen in eine Datenbank
ein, bauen Computermodelle der Anlage, erstellen
graphische Darstellungen und übertragen dann die
Daten an Operators, die sicher an einem entfernten
Ort untergebracht sind.
Einige führende US-Unternehmen schließen sich mit
RedZone zusammen. Die Wartungsabteilung für
Atomreaktoren von Westinghouse Electric arbeitet
bereits eng mit der kleinen Firma zusammen, und
Boeing Aerospace und RedZone sondieren die gemeinsame Entwicklung von Robotern für den Weltraum.
RedZone entwickelt ferner ein tragbares Gerät, das
wie eine moderne Wünschelrute über den Boden
bewegt werden kann, um unterirdisch verlegte Rohrleitungen und Kabel aufzuspüren. Mehrere Millionen
Kilometer Gas- und Wasserleitungen sowie elektrische und Kommunikationskabel liegen in den Vereinigten Staaten unter der Erde. Die Wartung dieser
Leitungen ist schwierig, weil häufig niemand genau
weiß, wo man graben muß. Die Karten sind oft
veraltet, und Bodenbewegungen im Untergrund können eine Verschiebung der Rohrleitungen und Kabel
bewirken.
Dieses Projekt veranschaulicht die Art von Partnerschaft zwischen Universitäten, Unternehmen und Staat,
die für die Wiederbelebung der Städte im Rostgürtel so
wichtig ist. Das Gerät zur Vermessung der Rohrleitungen mittels magnetischer Resonanzdarstellungen wurde
im Rahmen eines von Southern California Gas finanzierten Forschungsprojekts am Carnegie-Mellon's
Robotics Institute erfunden. (Die Verluste der amerikanischen Gaswerke belaufen sich auf bis zu 300

Seite 1

�Millionen DoHar pro Jahr, weil die Leitungen im Boden
nichtrichtiglokalisiert oder beschädigt werden). RedZone
erhält unter anderem Mittel für seine Arbeit von der
Ben Franklin Partnership in Pennsylvania, einem staatlichen Programm, das in Hochtechnologieuntemehmen investiert.

hela River südöstlich von Pittsburgh. Die Steel Valley
Authority, eine quasi öffentliche Institution des Bundesstaates, die hauptsächlich von Aktivisten der Stahlarbeitergewerkschaft geleitet wird, unterstützt RedZone bei der Suche nach Lieferanten in den Städten
des Tals und bei der Finanzierung seiner Projekte.

RedZone ist ein Segen für die Entwicklung der Innenstadt. Die Firma bemüht sich gemeinsam mit der
Stadtentwicklungsbehörde um Erwerb und Renovierung neuer Räume für die Montage und Erprobung
ihrer Roboter. RedZone möchte seine Einrichtungen
im Herzen eines lebhaften Stadtviertels errichten, das
traditionell Zentrum von Nahrungsmittelgroß- und
Einzelhändlern in den Händen der verschiedenen
ethnischen Gemeinden Pittsburghs ist. "Wir möchten
dort sein, wo das Leben pulsiert", stellte einer der
Direktoren kürzlich fest, "nicht weit draußen in irgendeinem vorstädtischen Industriepark."

Die öffentlichen Investitionen in RedZone waren bescheiden - etwa 10.000 bis 12.000 Dollar pro geschaffenem Arbeitsplatz. Die Zukunftsaussichten sind
hervorragend: Die Einnahmen sollen zwischen 1990
und 1992 um 250 Prozent steigen. Da amerikanische
und ausländische Regierungen die Strahlenschutzwerte verschärfen und eine umweltbewußtere Gesellschaft immer häufiger die Entsorgung von Sondermüll
fordert, wird die Nachfrage nach Robotern von RedZone zunehmen.

Am wichtigsten ist jedoch der von RedZone erbrachte
Beweis, daß die Wiederbelebung städtischer InduDer wirtschaftliche Einfluß von RedZone wird über den strien, das Zusammenspiel von Spitzentechnologie
Citybereich hinaus reichen. Die in den Robotern des mit einem ausgereiften Unternehmen sowie BündnisUnternehmens verwendeten Komponenten werden se zwischen Staat, Wirtschaft, Universitäten und
von den gleichen Facharbeitern hergestellt, die einst- Gewerkschaften mehr sind als bloße Rhetorik. Genau
mals in den Stahl- und Atomreaktorfirmen der Region das ist es, was eine gute Technologiepolitik bewirken
tätig waren. Die meisten dieser Maschinenschlosser sollte.
arbeiten in kleinen Werkstätten im Tal des Monongha-

* * * * *

Seite 2

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�SOWJETUNION
4. September 1991

WELTWEIT BEGRÜNDETES INTERESSE AN
EREIGNISSEN IN DER SOWJETUNION
Rede von US-Verteidigungsminister Cheney bei der APSA
WASHINGTON - (AD) - US-Verteidigungsminister Cheney zufolge sieht sich das sowjetische Volk bei der
grundsätzlichen institutionellen Reform großen Herausforderungen gegenüber, wobei die Vereinigten Staaten
und die ganze Welt "begründetes Interesse an den gegenwärtigen Ereignissen in der Sowjetunion" haben.
Cheney erklärte am 29. August 1991 bei der American Political Science Association, amerikanische Regierungsvertreter würden die Reaktion anderer kommunistischer Länder auf die Entwicklungen in der Sowjetunion "sehr
eingehend beobachten". Obwohl er erklärte, keine offene Aggression von den wenigen verbleibenden Regimen
zu erwarten, verwies er darauf, sie könnten nunmehr "innenpolitisch noch grausamere Maßnahmen ergreifen,
um die Macht zu erhalten" und das zu verhindern, was in der Sowjetunion geschehen ist. Das Herz des
Weltkommunismus, das lange in der UdSSR schlug, scheint - so Cheney - jetzt "völlig diskreditiert und zerstört
zu sein".
Nachfolgend veröffentlichen wir Cheneys Rede und die anschließende Diskussion in wesentlichen Auszügen.

Ich möchte auf keinen Fall von dem, was in der
Sowjetunion geleistet worden ist, ablenken oder die
Veränderungen der letzten Woche herabwürdigen.
Aber es ist außerordentlich wichtig, daß wir die Größe
der noch bestehenden Hindernisse nicht unterschätzen.
Meiner Ansicht nach sind unsere Ziele im Hinblick auf
die Sowjetunion klar. Zunächst sind wir eindeutig an
der Schaffung demokratischer Institutionen und Praktiken interessiert - und wir wünschen uns, daß die
Institutionen, die in den letzten Jahren für die Unterdrückung verantwortlich waren, hinweggefegt und durch
neue Institutionen ersetzt werden, wie es jetzt in weiten
Teilen der Sowjetunion der Fall zu sein scheint.
Zweitens sind wir an einer Sowjetunion interessiert, die
im Grunde ein freiwilliger Bund ist, eine Ansammlung
von Ländern, die auf der Basis von Konsens und
demokratischen Verfahren Teil eines kollektiven Ganzen
sind.
Drittens sind wir natürlich an wirtschaftlichen Reformen in der Sowjetunion interessiert, weil wir glauben,
daß sie mit den Aussichten auf Demokratie Hand in
Hand gehen.
Schließlich - und außerordentlich wichtig - sind wir an
etwas interessiert, was ich Entmilitarisierung der
Sowjetunion nenne. Das bedeutet die Abschaffung
AMERIKA DIENST 35

der zentralen Rolle des Militärs in der sowjetischen
Gesellschaft und die Umleitung von Mitteln vom militärischen in den privaten Sektor sowie grundlegende
Veränderungen in der Kultur der Gesellschaft im Hinblick auf die Rolle des Militärs.
Man kann wohl mit Sicherheit sagen, daß die von mir
soeben dargelegten vier Prinzipien - Demokratie, freiwilliger Zusammenschluß, wirtschaftliche Reform und
Entmilitarisierung - die gleichen Grundsätze sind, wie
sie die meisten Reformer in der Sowjetunion heute
hochhalten. Wenn Sie sich Boris Jelzins Programm
ansehen, dann können Sie erkennen, daß es dem von
mir beschriebenen sehr nahe kommt.
Im Hinblick auf die Geschichte hat die Welt ein gesteigertes Interesse an den Ereignissen in der Sowjetunion. Die kommunistischen Herrscher der Sowjetunion
waren in den letzten fünfzig Jahren die Ursache vieler
weltweiter Konflikte. Der Präsident hat bei zahlreichen
Gelegenheiten in der letzten Woche darauf hingewiesen, wir wären nicht daran interessiert, wer Bürgermeister von St. Petersburg oder Leningrad wird. Aber uns
liegt sehr viel an den Prinzipien, mit denen regiert wird.
Wir haben seit langer Zeit erkannt, daß die Art und
Weise, wie die Sowjetunion ihr Volk behandelt, ein
wichtiges Indiz für ihr Verhalten gegenüber dem Rest
der Welt ist.

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�In der nächsten Zeit steht sie eindeutig vor wichtigen
Herausforderungen. Es besteht die Notwendigkeit
grundlegender institutioneller Reformen, um diejenigen Institutionen zu kontrollieren und umzuwandeln,
die für über 70 Jahre der Unterdrückung verantwortlich
waren, den Staatsstreich hervorgebracht und fast die
Hoffnungen des sowjetischen Volkes auf echte Freiheit und Demokratie zunichte gemacht haben. Sie
stehen eindeutig im Mittelpunkt, wenn es darum geht,
die Sowjetunion neu zu definieren und zu entscheiden,
wer dazu gehört und wer nicht und zu welchen Bedingungen Mitgliedschaft gewährt wird.

Achtens: Wer wird die sowjetischen Atomwaffenarsenale in fünf Jahren kontrollieren? Wird es immer noch
eine Zentralregierung geben? Oder wird die russische
Republik diese Aufgabe übernommen haben? Oder
werden die vier Republiken, auf deren Territorium sich
gegenwärtig Atomwaffen befinden, in Zukunft jeweils
unabhängig ihre Atomwaffenarsenale kontrollieren?

Natürlich ist das sowjetische Imperium durch Eroberungen entstanden und wurde durch die Gewaltherrschaft des KGB, der kommunistischen Partei und des
sowjetischen Militärs zusammengehalten. Es sollte
nicht überraschen, daß jetzt, da diese Institutionen
aufgrund ihrer Beteiligung am Staatsstreich diskreditiert sind und sich die Bande, die die Sowjetunion fast
siebzig Jahre lang zusammengehalten haben, lokkern, das sowjetische Imperium in seiner uns lange
bekannten Form zusammenbricht. Und natürlich nimmt
das Problem der wirtschaftlichen Reformen auf ihrer
Tagesordnung breiten Raum ein.

Und zuletzt: Wenn die Führung nachgibt und die
Sowjetunion in ihrer uns bekannten Form nicht mehr
existiert, was geschieht dann mit den bestehenden
Verträgen und Rüstungskontrollvereinbarungen, die
mit der Sowjetunion ausgehandelt wurden?

Was bedeutet dies für die Politik der Vereinigten
Staaten? Der einzige Punkt, zu dem totale Übereinstimmung herrscht, lautet, daß wir ganz einfach nicht
wissen, was auf die Sowjetunion zukommt. Wir können raten, aber wir wissen überhaupt nicht, wie die
Sowjetunion in sechs Monaten oder fünf Jahren aussehen wird.
Dazu möchte ich einige Fragen stellen, die meiner
Ansicht nach den Charakter der Schwierigkeiten veranschaulichen, die sich uns Politikern bei Planungen
für die Zukunft stellen.
Erstens: Wird es bei den Entwicklungen stetige Fortschritte in einem friedlichen Umfeld geben? Oder
werden Veränderungen von Ausbrüchen der Gewalt
begleitet?
Zweitens: Wird es unter den Republiken zu Konflikten
kommen? Oder zwischen einzelnen Volksgruppen
innerhalb der Republiken?
Drittens: Wird der Zusammenbruch der sowjetischen
Wirtschaft Bestand haben?
Viertens: Wird die zerrüttete Wirtschaft Arbeitskämpfe
entfachen?
Fünftens: Wird es eine Hungersnot geben?
Sechstens: Werden Nachbarländer massive Flüchtlingsströme aufnehmen müssen, wenn die Menschen
vor der Not fliehen, die der Zusammenbruch der alten
Ordnung mit sich bringen könnte?
Siebentens: Wer wird das sowjetische Militär kontrollieren? Werden die Streitkräfte weiterhin zentral beSeite 2

fehligt werden? Oder wird jede Republik ihre eigenen
Streitkräfte aufstellen?

Neuntens: Taktische Nuklearwaffen sind weiter verbreitet als strategische Systeme. Werden auch diese
noch von der Führung kontrolliert? Oder werden sie
den jeweiligen Regierungen der Republiken unterstehen?

Interessante Fragen.
Es sollte jedem klar sein, daß die Vereinigten Staaten
und tatsächlich die ganze Welt begründetes Interesse
an den gegenwärtigen Ereignissen in der Sowjetunion
haben.
Der Präsident hat wiederholt erklärt, daß wir bereit
sind, mit unseren Verbündeten, den Sowjets und den
Republiken zusammenzuarbeiten, um alles in unserer
Macht Stehende zur Förderung positiver Veränderungen zu tun. Aber wir müssen vorsichtig und vernünftig
vorgehen und sicherstellen, daß alles, was wir tun, im
Einklang mit unseren langfristigen Zielen steht. Ferner
müssen wir die Art törichter Reaktion vermeiden, die
unsere eigene Sicherheit unter dem Vorwand der Hilfe
für die Sowjetunion schädigt.
In den letzten Tagen haben zwei meiner Freunde und
früheren Kollegen im Kongreß vorgeschlagen, das
zentrale Element unserer Politik sollte darin bestehen,
erhebliche Kürzungen in unserem Verteidigungshaushalt vorzunehmen, um Mittel freizusetzen, mit denen
der Sowjetunion in ihrer schwierigen Zeit geholfen
werden kann. Meiner Ansicht nach wäre das ein
schwerer Fehler. Es gibt einige Argumente, die man
gegen diesen Vorschlag anführen kann, einschließlich
zum Beispiel der Tatsache, daß eine solche Maßnahme die Haushaltsvereinbarungen des letzten Jahres
verletzen würde, die noch nicht einmal 12 Monate alt
ist. Wenn wir die Haushaltsvereinbarung verletzen
können, um dringende Bedürfnisse in der Sowjetunion
zu finanzieren, können wir sie auch zugunsten vieler
anderer innenpolitischer Zwecke verletzen. Wenn wir
den Sowjets weiterhin Hilfe leisten wollen - was in den
kommenden Wochen und Monaten nur allzu berechtigt ist - dann gibt es angemessenere Wege als Kürzungen im Verteidigungshaushalt.

AMERIKA DIENST 35

�Wenn es notwendig ist, dringende Mittel zur Linderung
dieser Hungersnot in der Sowjetunion aufzubringen,
dann kann das sicherlich durch das normale Verfahren
im Kongreß geschehen.
Ich finde die Tatsache interessant, daß wir immer
Momente wie diesen erleben, in dem Vorschläge laut
werden, Veränderungen im Umfeld der Weltsicherheit
könnten am besten durch Veränderungen im Verteidigungshaushalt erzielt werden. Man erwartet, daß wir
aufgrund augenblicklicher Ereignisse langfristige Veränderungen unserer nationalen Sicherheit vornehmen. Wenn wir die Zeitspannen bei der Entwicklung
von Verteidigungssystemen in Betracht ziehen, wird
offensichtlich, daß wir bei der Entwicklung der nationalen Sicherheitspolitik einen langfristigen Blickwinkel
haben müssen. Wir dürfen nicht einfach auf Entwicklungen des Augenblicks reagieren.
Man kann nicht einfach die qualitativ hochwertige
militärische Fähigkeit der Vereinigten Staaten in Tagen oder Wochen verändern. Wenn ich diejenigen
betrachte, die in den letzten zehn Jahren die Veränderung unseres Verteidigungskonzepts empfohlen haben, frage ich mich, ob sie verlangen, daß ich unsere
langfristige Strategie für die nächsten 20 oder 30 Jahre
auf die Situation in der Sowjetunion vom 17. August
ausrichte, als Gorbatschow immer noch an der Macht
und alles friedlich war oder auf die Lage am Dienstag,
den 20. August, als die Verschwörer des Staatstreichs
das Heft in der Hand hatten und es so aussah, als
würde Boris Jelzin abgesetzt, oder auf die Situation am
Donnerstag, den 22. August, als die Verschwörer
verhaftet und die Demokratie in Moskau wiederhergestellt war. Wir dürfen unseren langfristigen Verteidigungsbedarf nicht auf diese Art flüchtiger Veränderungen stützen. Wir verfügen über eine ausgezeichnete
Strategie, die wir auch in den kommenden Jahren
beibehalten sollten.
Frage: Was können oder sollten die gegenwärtigen
Führer der Sowjetunion tun, um das Risiko zu vermindern, daß Atomwaffen Teil der Kampfhandlungen in
der Sowjetunion werden? Und was bedeutet es, daß
mehrere der sowjetischen Republiken oder baltischen
Staaten Atomwaffen haben?
Cheney: Dazu möchte ich zunächst sagen, daß die
sowjetische Führung unserer Meinung nach auf allen
Ebenen die Frage der Atomwaffen bis jetzt sehr verantwortungsvoll behandelt hat. Bei meiner Reise in die
Sowjetunion im Oktober vergangenen Jahres hat die
sowjetische Führung nachdrücklich betont, wie ernst
sie die Verantwortung als Atommacht nimmt und daß
sie in der Vergangenheit Maßnahmen ergriffen hätte,
um diese Waffen aus Gebieten abzutransportieren, in
denen es zu Unruhen gekommen war.
Während des Staatsstreichs muß man fairerweise
sagen, daß wir nichts erkennen konnten, was uns
Anlaß zur Sorge bereitet hätte, und unserer Ansicht
nach bestand kein gesteigertes Risiko eines AtomwafAMERIKA DIENST 35

feneinsatzes. In Zukunft werden wir vor dem Problem
stehen, daß wir nicht wissen, wie sich alles aufteilen
wird. Heute ist Präsident Gorbatschow der nationale
Befehlshaber für die Atomwaffen. Andere Beteiligte
sind der Verteidigungsminister und der ranghöchste
miitärische Befehlshaber - der Stabschef.
Aber wir beobachten auch, daß die russische Republik
und die Ukraine einen Vertrag unterzeichnet haben den Text habe ich noch nicht gesehen -, der wirtschaftliche und militärische Dimensionen umfaßt und die
Führung mit keinem Wort erwähnt. Wir wissen nicht,
wie sich das entwickeln wird. Aber angesichts ihrer
Geschichte, ihrer Sorge über ihre Verantwortung in
diesem Bereich und im Hinblick auf Tschernobyl, das
in diesem Zusammenhang von ihnen oft erwähnt wird,
haben wir allen Grund zu der Annahme, daß sich die
Sowjets verantwortungsbewußt verhalten werden. Aber
wir können die Zukunft nicht allzu bestimmt vorhersagen.
Dieser Bereich ist von ganz erheblicher Bedeutung,
und das muß er auch sein. In diesem Bereich haben
wir in der Vergangenheit mit ihnen zusammengearbeitet, und das wollen wir auch in Zukunft tun. Es ist daher
unabdingbar, daß wir sobald wie möglich die Beziehungen zwischen den Militärs, wie sie in der Vergangenheit bestanden, wiederaufnehmen, und daß diese
Frage auf der Tagesordnung steht, nicht nur bei unseren Gesprächen mit der Führung, sondern auch mit
den Republiken.
Frage: Wenn die Sowjetunion - wie Sie es beschrieben haben - tatsächlich abrüstet und ihren Schwerpunkt auf die drängende Innenpolitik legt - wie würden
dann die Vereinigten Staaten reagieren?
Antwort: Meiner Meinung nach haben wir ebenso wie
die Sowjets eindeutig ein Interesse an der Umleitung
der Mittel, die sie gegenwärtig für das Militär aufwenden. Ich weiß nicht, welcher Prozentsatz des BSP
dem Militär zufließt - uns liegen unterschiedliche Schätzungen vor. Die meisten unserer früheren Schätzungen waren erheblich untertrieben. Es sind etwa 25,30
oder 35 Prozent. Ein sowjetischer Journalist hat auch
schon einmal von 50 Prozent gesprochen. Das muß
umgeleitet werden, wenn es auch nur im entferntesten
eine moderne Wirtschaft in der Sowjetunion geben
soll.
Ich erwarte, daß dies im Zuge des gegenwärtigen
Zusammenbruchs der Zentralregierung geschehen wird
und daß sie es zunehmend schwierig finden, die
früheren Instrumente der Unterdrückung zu verwenden, um den besten Teil ihrer Ressourcen für das
Militär abzuschöpfen. Es ist meiner Ansicht nach nur
eine Frage der Zeit, bis dieser Neubeginn Auswirkungen zeitigt.
Unsere gegenwärtige Haltung im Hinblick auf unsere
eigene Verteidigungspolitik, basiert auf der Annahme
kontinuierlicher positiver Veränderungen in der SoSeite 3

�wjetunion. Wenn Sie unseren Sechsjahresplan betrachten, wenn wir die Streitkräfteniveaus bis Mitte der
neunziger Jahre vereinbarungsgemäß abbauen, dann
erhalten wir Basis-Streitkräfte. Das wird eine um 25
Prozent kleinere Truppe sein als heute. Das ist die
Hälfte der B-2, die wir ursprünglich erwerben wollten.
Es sind ferner weniger Trident U-Eoote. Das bedeutet
die Durchführung des START-Abkommens, die sieben Jahre in Anspruch nehmen wird, wenn sich jeder
an den Vertrag hält. Das bedeutet ferner die Durchführung des KSE-Vertrags, den Abzug der Truppen aus
Europa usw. Wir glauben, daß dies ein guter Weg ist.

In Nordkorea muß dies ebenso tiefe Besorgnis auslösen wie in China. Wenn Sie so wollen, scheint das
Zentrum des Weltkommunismus, das in der Sowjetunion lag, des Kommunismus, der dort geboren wurde
und siebzig Jahre überlebte und die Basis für andere
Unternehmen auf der Welt war, völlig diskreditiert und
zerstört zu sein. Es muß den Führern in Kuba aufgegangen sein, daß die Vereinigten Staaten die gegenwärtige Regierung in Moskau, Jelzin und seine Anhänger stärker unterstützt haben als die Kubaner und die
Libyer und ihre anderen Gesprächspartner der Vergangenheit.

Die Entwicklungen der vergangenen Woche sind
ermutigend, denn wenn der Staatstreich erfolgreich
gewesen wäre, hätte ich zum Präsidenten des Kongresses gehen und erklären müssen, daß wir nicht so
optimistisch wie früher sein könnten, als wir diese
kontinuierliche Reduzierung in der Verteidigungsfähigkeit der Vereinigten Staaten konzipierten.

Ich erwarte in keiner Weise offene Aggression von
diesen Regimen. Ich wäre nicht überrascht, wenn
einige von ihnen innenpolitisch noch grausamere
Maßnahmen ergreifen würden, um ihre Macht zu
erhalten, und um die Dinge abzuwenden, die sie
gerade in der Sowjetunion beobachtet haben.

Darüber hinaus wollen wir auch mit den Sowjets an der
industriellen Umwandlung zusammenarbeiten. Mein
Stellvertreter Don Atwood hat vor kurzem mit einer
Gruppe von Industrievertretern eine Reise in drei Länder
Osteuropas unternommen und Gespräche über die
Umwandlung der Rüstungsindustrie in zivile Industriezweige unternommen. Wir haben mit den Sowjets
über ähnliche Maßnahmen in der Sowjetunion gesprochen, und ich erwarte, daß wir ähnliche Gespräche
bald wiederaufnehmen. Wir sind bestrebt, ihnen bei
dieser Umwandlung zu helfen. Meiner Meinung nach
sollten sie verstehen, daß die Vereinigten Staaten
keine Bedrohung für die Sowjetunion darstellen. Wir
waren niemals eine Bedrohung für die Sowjetunion,
und wir haben nichts getan, um von ihren Unruhen und
inneren Kämpfen der letzten Jahre zu profitieren, und
wir sind bestrebt, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um
die Aussichten für Frieden zu verbessern und die
militärischen Belastungen beider Seiten zu verringern.
Meiner Ansicht nach war eine der wirklich positiven
Entwicklungen der letzten 10 Jahre: wenn alles gut
geht, können wir es erwartungsgemäß schaffen.
Frage: Sind wir besorgt oder unter Umständen vorbereitet, wenn andere Mächte wie China, aufgerüttelt von
den Veränderungen in der Sowjetunion und angesichts der Veränderungen im kommunistischen Umfeld der Welt, etwas zu ihrer eigenen Konsolidierung
unternehmen?
Antwort: Die Reaktion der wenigen noch existierenden kommunistischen Regime wird von uns sehr genau
beobachtet. Die Chinesen haben Erklärungen abgegeben, die im Grunde besagen, dies habe keine Bedeutung für den Kommunismus in China, aber sie
müssen sehr nervös sein. Die Ereignisse in der
Sowjetunion müssen ganz einfach die Totenglocke
des Kommunismus in denjenigen Ländern läuten, die
dieser Ideologie immer noch anhängen.

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Ich sehe eindeutig, daß diese Ereignisse noch jahrelang nachwirken werden, und ich hoffe, daß unter den
wahrscheinlichen Ereignissen der kommenden Jahre
das Ende der kommunistischen Regime ist, die in den
wenigen Ländern der Welt fortbestehen, die immer
noch dieser Ideologie anhängen.
Frage: Aus den Presseberichten wird deutlich, daß
der Staatsstreich den KGB zwischen den Funktionären und dem mittleren Management gespalten hat,
wobei die Spitze ihn unterstützt und das mittlere Management sich widersetzt hat. Könnten Sie etwas zu den
Folgen der Spaltung des KGB für die US-Politik und die
Sowjetunion sagen?
Antwort: Meiner Meinung nach wird der KGB grundlegend umgestaltet werden. Ich sehe nicht, wie die
demokratischen Kräfte bestehen können, wenn sie
dem KGB gestatten, in neuem Gewand weiterzuexistieren. Sie vermitteln alle Anzeichen - und ich denke,
das sollten sie auch tun - , daß sie sich weiterhin auf
nachrichtendienstliche Tätigkeit im Ausland konzentrieren werden. Demokratien haben Bedarf an Nachrichtendiensten für das Ausland. Wir haben den CIA.
Aber daß die Polizeifunktionen im Innern abgeschafft
werden, daß Truppen des KGB dem Verteidigungsministerium unterstellt werden, daß er so umgestaltet
wird, daß er niemals die Demokratie in der Sowjetunion
bedrohen kann - das ist meiner Meinung nach das
richtige Ergebnis.
Frage: Wie stellen Sie sich die künftige Rolle der
NATO vor, und welche Position sollen die Vereinigten
Staaten haben?
Antwort: Unserer Meinung nach werden die Vereinigten Staaten bei Sicherheitsfragen in Europa auch
weiterhin eine Rolle spielen, und diese Rolle kann am
besten durch Instrumente, Fora und Organisationen
der NATO gespielt werden, eine Struktur, für die wir
seit vierzig Jahren Ressourcen aufwenden. Die Poli-

AMERIKA DIENST 35

�tiker zu beiden Seiten des Atlantiks haben sich an
dieses Arrangement gewöhnt. Es funktioniert sehr
gut. Unserer Ansicht nach ist es entscheidend, daß die
Vereinigten Staaten weiterhin bei solchen Fragen
mitreden, aber wir können es auf erheblich geringeren
Streitkräfteniveaus tun als in der Vergangenheit.
Ich erwarte, daß wir unsere Streitkräfteniveaus in
Europa in den nächsten fünf Jahren etwa auf die Hälfte
-150.000 - reduzieren und im Herbst dieses Jahren die
Überarbeitung der NATO-Strategie abschließen, die
nunmehr seit zwei Jahren seit dem Zusammenbruch
des Warschauer Pakts und dem Fall der Berliner
Mauer erfolgt ist. Die neue Strategie wird bei einem
Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der
NATO im November in Rom ratifiziert werden. Unserer Ansicht nach gilt es diese Struktur zu erhalten.
Ich wäre nicht überrascht, wenn wir andere Sicherheitsarrangements beobachten würden, die unter den
Europäern selbst entwickelt werden. Aber wenn das
geschieht, solte es so erfolgen, daß die NATO nicht
unterminiert oder geschwächt wird.
Meiner Meinung nach wird diese Position im allgemeinen von allen unseren europäischen Verbündeten und
insbesondere von den Ländern Osteuropas unterstützt. Wenn Sie einen wirklich starken Verfechter der
NATO finden wollen, sprechen Sie mit dem tschechischen Verteidigungsminister. Man glaubt dort, daß die
anhaltende US-Präsenz in Europa sehr wichtig ist, um
die Aussichten für Stabilität in diesem Teil der Welt zu
erhalten. Man ist über die eigenen Sicherheitsarrangements sehr besorgt. Und obwohl diese Länder nicht
NATO-Mitglieder sind, glauben sie, daß eine starke
NATO für den Westen sehr wichtig ist und ihnen eine
gewisse Garantie gibt, daß auch ihre Sicherheitsanliegen angesprochen werden.
Ich denke also, wir werden in der NATO bleiben, und
als Beweis der Stärke unserer Verpflichtung werden
einige Streitkräfte vorne stationiert bleiben.
Frage: Könnten Sie etwas dazu sagen, ob die Regierung Maßnahmen erwägt, um eine Umgruppierung
sowjetischer strategischer und taktischer Nuklearwaffen in der russischen Föderation zu erleichtern. Ich
denke da etwa an technische Mittel oder wirtschaftliche Maßnahmen.
Antwort: Die Frage, wie das sowjetische Atomwaffenarsenal kontrolliert wird, ist eindeutig ein Punkt auf
der Tagesordnung. Das ist ein Thema, das wir mit
ihnen erörtern wollen, was wir in der Vergangenheit
auch oft getan haben, zuletzt als mein Kollege General
Powell vor einigen Wochen in der Sowjetunion war.
Das war eines der Themen seiner Gespräche mit
General Moissejew. Leider ist General Moissejew
nicht mehr Stabschef, aber das Thema werden wir

AMERIKA DIENST 35

erneut ansprchen.
Der gegenwärtige sowjetische Verteidigungsminister
Schaposchnikow war 1989 hier mit einer Delegation
von Jasow. Er gehörte zu der Gruppe, die ich getroffen
habe, als ich im Oktober in der Sowjetunion war. Wir
verfügen also über etablierte Kontakte, und diesem
Punkt wird sicherlich viel Aufmerksamkeit zuteil werden.
Frage: Einer der größten außenpolitischen Erfolge
der Nachkriegszeit war die Schaffung eines mehr oder
weniger vereinten Europas. Einer der Faktoren, die
dabei eine große Rolle gespielt haben, war, daß wir im
Rahmen des europäischen Wiederaufbauprogramms
eine Organisation zur Verwaltung der Finanzhilfe für
Europa - die OECD - ins Leben gerufen haben, in deren
Rahmen die Europäer zusammenarbeiten mußten,
um die Hilfe zu koordinieren. Besteht die Möglichkeit
für eine ähnliche kooperative Organisation in Osteuropa und vielleicht den unabhängig werdenden Sowjetrepubliken, damit sie eine Struktur erhalten, in der sie
zusammen und mit den westlichen Geberländern
arbeiten können?
Antwort: Meines Erachtens bestehen für sie sehr
starke Anreize, diesen Kurs einzuschlagen. Ich bin
nicht sicher, daß wir eine solche Entwicklung gleich
von Anfang an erwarten können. Aber der Schlüssel
zum Aufbau moderner Volkswirtschaften in den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts sowie in der
Sowjetunion und ihren Republiken liegt in der Schaffung eines Umfelds, in dem private Anreize gedeihen
können, in dem diejenigen, die das Weltkapitalangebot
kontrollieren, zu investieren bereit sind und in dem
Gewinne erzielt werden können. Dies hängt meines
Erachtens von stabilen Verhältnissen, von normalen
Handelsbeziehungen, niedrigen Zollschranken und
Gemeinschaftsprojekten ab, wo immer dies möglich
und sinnvoll ist.
Probleme ergeben sich bisweilen aus dem, was wir im
öffentlichen Sektor tun und was im Privatsektor geschehen könnte. Eines der damit einhergehenden
Probleme stellt sich folgendermaßen dar: Wenn wir
der Sowjetunion humanitäre Hilfe in Form von Nahrungsmittellieferungen gewähren, was geschieht dann
mit den Nahrungsmittelvorräten in Osteuropa? So
werden etwa die Polen, die erhebliche Agrarüberschüsse haben, nicht in der Lage sein, ihre Produkte
dort zu verkaufen, wo dies andernfalls geschehen
könnte.
Wir müssen also sorgfältig klarstellen, daß unsere
Maßnahmen im öffentlichen Sektor keine Probleme in
dieser Hinsicht hervorrufen. Ob wir zur Bewältigung
dieser Probleme irgendeine große übergeordnete
Organisation schaffen möchten oder nicht - ich neige

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�zu der Annahme, daß dies ein schwieriges Unterfangen wäre. Wir koordinieren die Politik mit unseren
Verbündeten über den G-7-Prozeß. Ich weiß nicht, ob
wir alle im Hinblick auf die Schaffung neuer Strukturen
wesentlich darüber hinausgehen werden.
Frage: Es scheint, als ob eine der wesentlichen
Folgerungen Ihrer Ausführungen darin besteht, daß
die Vereinigten Staaten der Sowjetunion langfristig
irgendeine Art von Wirtschaftshilfe gewähren müssen.
Antwort: Im Hinblick auf unseren Umgang mit der
Sowjetunion gibt es unterschiedliche Arten von Wirtschaftshilfe.
Sicherlich haben wir ein Interesse an sowjetischen
Wirtschaftsreformen, ein Interesse daran, eine Umgestaltung ihrer Wirtschaft zu sehen, damit diese in der
Lage ist, die Bedürfnisse ihres Volks zu befriedigen
und in der Weltwirtschaft zu bestehen. Dies wird
voraussichtlich Jahrzehnte erfordern. Ich glaube nicht,
daß dies über Nacht geschehen wird.
Wir sind bereit und jetzt auch begierig, technische Hilfe
zu leisten, und wir haben mit den Sowjets Gespräche
über diese Hilfe geführt, die bereits angelaufen ist. Wir
können eine Menge tun, um ihnen im Hinblick auf
Marktwirtschaft, im Versicherungs- und Bankwesen
sowie bei Verkehrssystemen und beim Aufbau eines
modernen Verteilungssystems für Waren innerhalb
einer modernen Volkswirtschaft zu helfen...
Frage: (unverständlich)
Antwort: Nahrungsmittel - wenn der Winter kommt
und sie mit einer echten Hungersnot konfrontiert werden, dann ist dies meines Erachtens ein Bereich, in
dem die Vereinigten Staaten sicherlich helfen und
dabei gemeinsam mit ihren Verbündeten und der
Sowjetunion zusammenarbeiten würden.
Die Sowjetunion ist potentiell ein sehr reiches Land.
Sie ist der führende Erdölproduzent der Welt, sie
besitzt riesige Reserven an Mineralien und Energie
sowie enormes landwirtschaftliches Potential. Das
Problem besteht natürlich darin, daß das Vermächtnis
von 70 Jahren kommunistischer Herrschaft es ihnen
unmöglich gemacht hat, dieses Potential zu nutzen.
Ein Teil dieser Herausforderung an uns besteht darin,
ihnen dabei zu helfen. Ich glaube selbst nicht, daß dies
große Ausgaben des amerikanischen Steuerzahlers
zugunsten der Sowjetunion bedeutet. Wenn Sie heute
einen Scheck über eine Milliarde Dollar in Moskau
übergeben wollten, so wüßte man dort meiner Ansicht
nach nicht, was man damit anfangen sollte. Ich glaube
man würde Ihnen sagen, man sei sich der Tatsache
bewußt, daß noch ein weiter Weg bis zur Veränderung
der Institutionen zurückzulegen ist, um Denken und
Geschäftsmethoden zu verändern, bevor man in der
Lage sein werde, von modernerer Technologie und

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besserem Zugang zu Kapital zu profitieren.
Unser System funktioniert unter der grundsätzlichen
Voraussetzung, daß die Regierung in unserer Gesellschaft kein Kapital besitzt. Das befindet sich in Privathand. Wenn die Sowjetunion den größtmöglichen
Vorteil aus dem Potential ziehen möchte, das die
Beziehungen mit den Vereinigten Staaten darstellen,
so muß man dort seine Geschäftsmethoden so verändern, daß man einen attraktiven Markt für diese Art von
Investitionen schafft.
In gewissem Maß können wir dabei helfen. Wir sind
bereit, das zu tun. Aber ich kann mir - besonders unter
den jetzigen Umständen, keine Situation vorstellen, in
der wir bereit wären, große Schecks auszustellen oder
der Sowjetunion hohe Geldbeträge zu leihen. Ich
glaube, daß es für uns viele andere Möglichkeiten gibt,
um hilfreich zu sein, und ich gehe davon aus, daß wir
dazu bereit sind.
Frage: Ursprünglich war die Nuklearstreitmacht der
Vereinigten Staaten hauptsächlich konzipiert worden,
um einen sowjetischen konventionellen Angriff oder
einen anderen Angriff gegen unsere Verbündeten in
Westeuropa abzuschrecken. Offenkundig ist dies
heute ein wesentlich weniger schwerwiegendes Problem.
Wenn wir theoretisch nur einen Angriff auf die Vereinigten Staaten abschrecken wollten, benötigen wir
dafür lediglich ein sogenanntes minimales Abschrekkungspotential von wenigen hundert oder vielleicht
1.000 Gefechtsköpfen. Wären Sie bereit, als langfristiges Ziel die Erlangung eines solchen minimalen Abschreckungspotentials für die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion zu unterstützen - hoffentlich bilateral
-, nachdem wir einmal herausgefunden haben, mit
wem wir es auf der anderen Seite zu tun haben? Gibt
es ferner zur Zeit irgendwelche Pläne für Folgeverhandlungen zum START-Vertrag?
Antwort: Ich möchte betonen, daß wir bereits eine
erhebliche Reduzierung von Kernwaffen vornehmen.
Wir haben gerade den START-Vertrag unterzeichnet,
und das wird in den nächsten sieben Jahren eine

einschneidende Reduzierung unserer Streitmacht
bedeuten. Während meiner Amtszeit haben wir alle
unsere strategischen Programme reduziert. Anstatt
der ursprünglich geplanten 23 oder 24 Trident-UBoote werden wir nur 18 bauen. Die Stückzahl für den
B-2-Bomber haben wir von etwa 130 auf 72-75 reduziert. Im Hinblick auf das schienengestützte Peacekeeper-Projekt haben wir uns strikt auf Forschung und
Entwicklung beschränkt. Beim Nachfolgesystem, einer
Midgetman-Rakete, betreiben wir Forschung und
Entwicklung, aber gegenwärtig haben wir keine Pläne
für eine Stationierung.
Wir werden den Umfang unserer landgestützten ICBM-

AMERIKA DIENST 35

�Streitmacht reduzieren, um den Bedingungen des
START-Vertrags gerecht zu werden. Darüber hinaus
haben wir den Umfang unserer Kernwaffen in Europa
in den letzten Jahren erheblich verringert, indem wir
eine große Zahl von Systemen abgezogen haben. Mit
Verwirklichung des KSE-Vertrags erwarte ich ferner
eine endgültige Lösung für das Problem der dortigen
Kurzstreckensysteme.
Wir müssen meines Erachtens jedoch mehr tun als der
Annahme zu folgen, wir wollten nur den amerikanischen Kontinent verteidigen. Die Ausdehnung eines
Schutzschirms, der auch die Anliegen unserer Freunde und Verbündeten in der ganzen Welt, besonders
der Demokratien in der Welt einbezieht, bringt uns
enorme Vorteile.
Wenn ich mir zum Beispiel Deutschland oder Japan

*

AMERIKA DIENST 35

anschaue, so sehe ich dort zwei Länder, die hoffentlich
auch in Zukunft enge Verbündete der Vereinigten
Staaten sein und mit uns sowohl bei konventionellen
als auch nuklearen Strategien zusammenarbeiten
werden. Wenn die Vereinigten Staaten ihr Potential so
stark verringern, daß alles, was wirtun undworüberwir
sprechen können, darin besteht, den amerikanischen
Kontinent zu verteidigen, so werden wir damit anderen
Staaten einen Anreiz bieten, ihre eigenen nuklearen
Arsenale zu entwickeln, die dies heute nicht für notwendig erachten.
Es ist meines Erachtens also wichtig, daß wir nicht so
stark abrüsten, daß wir dort Probleme und Instabilität
für uns selbst schaffen und den Druck zur Weiterverbreitung von Kernwaffen weiter erhöhen. Wir sollten
also ein wenig Vorsicht walten lassen, was den Gesamtumfang unserer Nuklearstreitkräfte angeht.

* * *

*

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              <text>&lt;strong&gt;1. Innenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Außergewöhnliches" in der amerikanischen Politik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Byron E. Shafer&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hochtechnologie in Amerika&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der "Rostgürtel" - wird aufpoliert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Bennett Harrison&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Sowjetunion&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weltweit begründetes Interesse an Ereignissen in der Sowjetunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von US-Verteidigungsminister Cheney bei der APSA&lt;/em&gt;</text>
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