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dienet

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U.S. Information Service
Jr + Embassy of the United States of America

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14. August 1991

32

NATIONALE SICHERHEIT

BERICHT ZUR
NATIONALEN SICHERHEIT
Eine Übersicht des Weißen Hauses

RAKETENABWEHR

NEUORIENTIERUNG DER PLÄNE
FÜR RAKETENABWEHRSYSTEM
Schutz vor begrenzten Schlägen
soll gewährleistet werden

GESELLSCHAFT

ZAHL DER EINPERSONENHAUSHALTE WÄCHST
Auswirkungen auf Gesellschaft,
Kultur, Wirtschaft

NACH DEM SCHMELZTIEGEL
von William A. Henry IM

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NATIONALE

SICHERHEIT
14. August 1991

BERICHT ZUR NATIONALEN SICHERHEITSSTRATEGIE
Eine Übersicht des Weißen Hauses
Die folgende Übersicht über den von Präsident Bush dem Kongreß zugeleiteten Bericht zur nationalen Sicherheitsstrategie 1991 wurde am 13. August 1991 vom Weißen Haus veröffentlicht.

Der Präsident hat heute gemäß dem Goldwater-Nichols-Zusatz des Nationalen Sicherheitsgesetzes von
1986 dem Kongreß den Bericht zur nationalen Sicherheit 1991 übermittelt. Der Bericht trägt den jüngsten
dramatischen Veränderungen im internationalen Umfeld
Rechnung und umreißt die amerikanischen Maßnahmen, um auf diese Veränderungen zu reagieren und
sie zu steuern. Es wird festgestellt, daß wir an einem
Zeitpunkt historischer Chancen angelangt sind, an
dem wir und die Welt ein neues internationales System
aufbauen können, das mit unseren Werten und Idealen in Einklang steht. Zu den wichtigsten Punkten des
Berichts gehören:
Die Erkenntnis, daß die amerikanische Strategie des
Containment, die sich 40 Jahre lang bewährt hat,
heute modifiziert werden muß, um den geostrategischen Realitäten gerecht zu werden.
Die Ermutigung der konstruktiven Evolution der Sowjetunion.
Die Erkenntnis, daß die amerikanischen Bündnisse
von der Hinwendung der Sowjetunion zu innenpolitischen Problemen grundlegend beeinflußt werden.
Die Anerkennung der Tatsache, daß die Welt politisch,
wirtschaftlich, technologisch und militärisch zunehmend interdependent ist und gleichzeitig die Führungsrolle der Vereinigten Staaten insgesamt unerläßlich bleibt.
Die Betonung kleinerer, beweglicherer Streitkräfte, um
regionale Anliegen und Engagement in Friedenszeiten
zu berücksichtigen. Diese Streitkräfte könnten jedoch
gegebenenfalls die Grundlage für die Auffüllung einer
größeren Streitmacht bilden.

AMERIKA DIENST 32

Die anhaltende amerikanische Unterstützung eines so
offenen und umfassenden Weltwirtschaftssystems wie
möglich sowie der NATO als unerläßliche Grundlage
der transatlantischen Zusammenarbeit mit einem kürzlich
vereinigten und freien Europa.
Energische Vertretung der amerikanischen Politik
gegenüber dem Nahen Osten in Anerkennung der
neuen Herausforderungen und Möglichkeiten, die sich
aus unserem Sieg im Golfkrieg ergeben.
Anerkennung der andauernden Bedeutung Ostasiens
und des Pazifiks sowie der entscheidenden Rolle
unserer Sicherheitsbeziehungen mit dieser Region.
Verstärkte Unterstützung für eine gekräftigte UNO, die
zur Friedenssicherung beiträgt, das Los der Menschen
verbessert und menschliches Leid mildert.
Die Anerkennung eines unerschütterlichen Engagements für Rüstungskontrolle als Mittel zur Festigung
weltweiter Stabilität durch die KSE- und START-Verträge.
Erneuerter Eintritt für die Prinzipien politischer und
wirtschaftlicher Freiheit als den sichersten Garanten
für Fortschritte in den Beziehungen der Menschen und
weltweiten Frieden.
Eine neue weltweite Tagesordnung für den Umgang
mit Flüchtlingsströmen, Drogenmißbrauch und Zerstörung der Umwelt.
Der Bericht unterstreicht den dauerhaften Charakter
unserer grundlegenden Interessen und Ziele in den
neunziger Jahren.

Seite 1

�Das Überleben der Vereinigten Staaten als freie und
unabhängige Nation mit intakten Grundwerten und
Sicherheit für ihre Institutionen und Menschen.

die von außerordentlich positiven Veränderungen
geprägt ist, in der aber immer noch Herausforderungen und Bedrohungen für unsere Sicherheit - und die
unserer Verbündeten und Freunde - lauern. Die VerEine gesunde und wachstumsorientierte US-Wirtschaft, einigten Staaten engagieren sich weiterhin voll und
die dem einzelnen Chancen für Wohlstand bietet und ganz in der größer werdenden Welt, und sie werden
Ressourcen für nationale Unternehmungen im In- und nach wie vor ihre Ziele gemeinsam mit denjenigen
Ausland gewährleistet.
verfolgen, die ihre Werte und Sorgen teilen. Unser
Ansatz
für die Sicherheit wird auch in Zukunft von der
Stabile, kooperative und politisch dynamische BezieTatsache
geprägt sein, daß wir eine Nation sind, die
hungen mit Verbündeten und freundlich gesinnten
von
vielen
ihrer wichtigsten Freunde und Interessen
Ländern.
durch Ozeane getrennt ist. Deren Verteidigung wird
Eine stabile und sichere Welt, die von politischer und weiterhin die Präsenz von US-Truppen in Übersee
wirtschaftlicher Freiheit, Menschenrechten und demo- erfordern, unterstützt von der Fähigheit der Vereinigten Staaten, Macht zu übertragen. Der Strategiebekratischen Institutionen geprägt ist.
richt schließt mit einer Forderung nach anhaltendem
Der Bericht erläutert, daß unsere grundsätzliche Her- Dialog, enger Zusammenarbeit und engen Konsultaausforderung darin besteht, alle verfügbaren politi- tionen mit dem Kongreß, um eine Sicherheitsstruktur
schen, wirtschaftlichen und militärischen Mittel für zu schaffen, die den Chancen von heute und den
diese dauerhaften Ziele in einer Welt bereitzustellen, Herausforderungen von morgen gerecht wird.
*

*

*

*

AMERIKA DIENST 32

�RAKETENABWEHR
14. August 1991

NEUORIENTIERUNG DER PLÄNE FÜR
RAKETENABWEHRSYSTEM
Schutz vor begrenzten Schlägen soll gewährleistet werden

WASHINGTON - (AD) - Die Notwendigkeit weltweiter
Verteidigungssysteme gegen ballistische Raketen hat
erheblich zugenommen, da solche Raketen immer
zahlreicher, weitreichender und technisch ausgereifter
werden.
Diese Realität hat die Bush-Administration dazu veranlaßt, die politischen Ziele für die von der ReaganAdministration im Jahr 1983 zunächst als Programm
zur Verteidigung gegen einen Angriff mit strategischen
Atomwaffen gedachte Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) zu überprüfen. Das Ergebnis dieser
Überprüfung war ein neuorientiertes Programm mit
dem Ziel, Schutz "gegen begrenzte Schläge mit ballistischen Raketen jeglichen Ursprungs" zu gewähren.
Die neue von Präsident Bush im Januar angekündigte
defensive Strategie trägt den Namen "weltweiter Schutz
gegen begrenzte Schläge" (Global Protection Against
Limited Strikes - GPALS). Ohne einen Beschluß über
die Stationierung zu treffen, hat der Präsident das
Verteidigungsministerium angewiesen, im Rahmen des
SDI-Programms der Erforschung und Entwicklung von
Fähigkeiten Vorrang einzuräumen, die den Vereinigten Staaten sowie ihren Freunden und Verbündeten in
der ganzen Welt umfassenden Schutz vor begrenzten
Schlägen mit ballistischen Raketen gewähren würden.
GPALS hätte nicht einmal den halben Umfang der
ersten Phase des früher geplanten SDI. Die neue
Strategie würde sich folgendermaßen zusammensetzen:
Boden- und weltraumgestützte Sensoren zur
lückenlosen weltweiten Überwachung und Aufspürung ballistischer Raketen jeglicher Reichweite vom Zeitpunkt des Abschusses an. Die
Sensoren würden ferner den amerikanischen
AMERIKA DIENST 32

Streitkräften sowie potentiell den Verbündeten
der Vereinigten Staaten Informationen liefern.
Boden- und weltraumgestützte Abfangsysteme,
die allen angegriffenen Zielen einen sehr hohen
Schutz gewähren würden. Die bodengestützten Abfangsysteme wären zum Abfangen aller
Arten von Gefechtsköpfen auf ballistischen
Raketen in der Lage: atomar, chemisch oder
biologisch. Die weltraumgestützten Abfangsysteme würden eine kontinuierliche weltweite
Abriegelung gegen Raketen mit Reichweiten
von über 400 Kilometern bereitstellen.
Hintergrund
Das SDI-Programm war ursprünglich als Verteidigung
gegen sowjetische Interkontinentalraketen gedacht.
Eine geschwächte Sowjetunion und der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa sowie der
Struktur des Warschauer Pakts haben einen tiefgreifenden Wandel in der Welt bewirkt.
SDI sollte ursprünglich der Verteidigung gegen einen
von der Sowjetunion ausgelösten Großangriff mit vielleicht Tausenden von Wiedereintrittsflugkörpem (RVs)
dienen. Bei GPALS besteht das Ziel in der Abwehr
eines begrenzten Angriffs jeglichen Ursprungs mit
Raketen, die zwischen 100 und 200 RVs tragen.
Obwohl für die Vereinigten Staaten die Notwendigkeit
zur Abschreckung eines möglichen massiven und
beabsichtigten sowjetischen Offensivschlags mit Atomwaffen wohl für den Rest dieses Jahrhunderts bestehen bleibt, deuten weltweite Entwicklungen darauf hin,
daß sich regionale Bedrohungen amerikanischer Interessen weiter verschärfen werden.

Seite 1

�Ein Faktor, der das neuorientierte SDI-Programm
zwingend erforderlich machte, war der anhaltende
weltweite Trend hin zu technisch immer anspruchsvolleren ballistischen Raketensystemen mit größerer
Reichweite und Wirkung. Amerikanischen Nachrichtendiensten zufolge werden bis zum Jahr 2000 24
Entwicklungsländer ballistische Raketen besitzen, und
von diesen werden neun atomare Fähigkeiten haben
oder kurz vor deren Beschaffung stehen.
Während einige Länder der dritten Welt versuchen,
Kurz- und Mittelstreckenraketen zu beschaffen oder
entwickeln, könnten andere auch die Vereinigten Staaten bedrohen, indem sie Weltraumraketen für interkontinentale Reichweiten umrüsten.
Experten der Nachrichtendienste nehmen ferner an,
daß bis zum Ende des Jahrhunderts 30 Staaten chemische und 10 möglicherweise biologische Waffen
besitzen werden, die auf ballistischen Raketen stationiert werden könnten. Tatsächlich entdeckten UNOInspektoren kürzlich bei einem Besuch im Irak einige
auf SCUD-Raketen montierte chemische Gefechtsköpfe, die jedoch nie zum Einsatz kamen.
Aufgrund dieser Entwicklungen geht die Administration davon aus, daß wir uns nicht mehr ausschließlich
auf die Strategie der Abschreckung stützen können.
Im Golfkrieg, zum Beispiel, hat der Irak selbst angesichts sicherer Vergeltung SCUD Boden-Boden-Raketen abgefeuert.
Wie die Patriot-Luftabwehr gegen auf Saudi-Arabien
und Israel abgefeuerte SCUD-Raketen gezeigt hat,
können Verteidigungssysteme gegen ballistische
Raketen Menschenleben retten und massive Opfer
unter der Bevölkerung vermeiden. Präsident Bush
zufolge werden die Bedrohungen durch ballistische
Raketen in Zukunft "technisch noch ausgeklügelter
sein als die SCUD, und wir werden modernere und
fähigere Verteidigungssysteme benötigen, um sie zu
bekämpfen".
Ein kürzlich von der SDI-Organisation (SDIO) veröffentlichter Bericht über GPALS stellt fest, daß die
Vereinigten Staaten keine Situation akzeptieren können, in der es den Fähigkeiten ballistischer Systeme
"gestattet wird, die Flexibilität eines amerikanischen
Präsidenten bei der Vertretung der weltweiten Interessen und Pflichten des Landes zu beschneiden".
Wirksame Verteidigungssysteme verringern potentiell
die Notwendigkeit eines Präventivschlages gegen
Länder, die mit einem ballistischen Raketenangriff
drohen. Verteidigungssysteme reduzieren ferner den
Druck auf die politisch Verantwortlichen in den Vereinigten Staaten, bei Verwicklungen in regionale Konflikte ihre Pläne aufgrund der Androhung oder des Einsatzes ballistischer Raketen zu ändern.
Das Raketenabwehrsystem GPALS zielt darauf ab,
kontinuierlichen Schutz gegen zufällige, unbefugte
Seite 2

oder vorsätzliche begrenzte Angriffe mit ballistischen
Raketen von Ländern der dritten Welt oder der Sowjetunion zu bieten, die gegen vorne stationierte USStreitkräfte, Freunde oder Verbündete der Vereinigten
Staaten oder die Vereinigten Staaten selbst gerichtet
sind.
Das System hat vor allem folgende Aufgaben: Peilung, um Objekte aufzuspüren, zu erfassen, verfolgen
und zu unterscheiden; es fängt bedrohliche Objekte ab
und zerstört sie und erfüllt Aufgaben der Gefechtsführung wie Führung und Kommunikation.
GPALS besteht aus drei eng verbundenen Elementen:
Verteidigung gegen örtlich begrenzte ballistische Raketen mit angeschlossenen weltraumgestützten Sensoren, um US-Streitkräfte im
Ausland sowie Verbündete zu schützen;
etwa 750 bis 1.000 landgestützte Abfangraketen (mit Weltraumsensoren) zum Schutz des
gesamten Territoriums der Vereinigten Staaten
gegen ballistische Raketen längerer Reichweite
und
etwa 1.000 weltraumgestützte kleine Abfangraketen (Brilliant Pebbles) zur weltweiten Abwehr
von ballistischen Raketen mit Reichweiten über
400 Kilometern.
Die Verteidigungselemente von GPALS könnten den
Planern zufolge nach ihrer jeweiligen Fertigstellung
bereits phasenweise stationiert werden und nicht erst,
wenn alle Elemente fertig sind.
Der gegenwärtige Plan sieht im Haushaltsjahr 1993 die
Stationierung einer verbesserten Patriot-Verteidigung
vor, im Haushaltsjahr 1994 soll die Abfangrakete mit
vergrößerter Reichweite (Extended-Range Interceptor - ERINT) stationiert werden, im Haushaltsjahr 1996
die amerikanisch-israelische Abfangrakete Arrow und
bis zum Haushaltsjahr 1996 die Verteidigung in großer
Höhe über dem Gefechtsfeld (THAAD - Theater High
Attitüde Area Defense).
Die Stationierung von Brilliant Pebbles, Brilliant
Eyes (Sensoren) und landgestützten US-Verteidigungselementen könnte noch vor der Jahrtausendwende
beginnen.
Alle GPALS-Abfangraketen würden Gefechtsköpfe
durch ihre Aufschlagkraft zerstören, ohne daß Sprengstoff benutzt oder Atomexplosionen ausgelöst würden.
Eine lOOprozentige Verteidigung der Vereinigten Staaten gegen eine Bandbreite von Bedrohungen würde
sechs landgestützte Abfangorte erfordern, einschließlich Alaska und Hawaii. Eine Verteidigung gegen UBootgestützte ballistische Raketen könnte SDIO zufolge zusätzliche Orte erfordern. Zur Verteidigung gegen
eine große Bandbreite möglicher Bedrohungen wäre
AMERIKA DIENST 32

�die Stationierung von mehreren hundert landgestützten Abfangraketen pro Ort nötig.
Zusammenarbeit der Verbündeten
Die Verbündeten der Vereinigten Staaten haben technische Beiträge zu den Verteidigungsbestrebungen im
Bereich der strategischen ballistischen und Gefechtsfeldraketen geleistet. Durch multinationale Zusammenarbeit können weiterhin technische Fortschritte
erzielt werden.
Als Beweis des bereits bestehenden funktionsfähigen
Programms der Zusammenarbeit haben die Vereinigten Staaten mit Großbritannien, der Bundesrepublik,
Israel, Italien und Japan Regierungsvereinbarungen
zurSDI-Forschung unterzeichnet. Firmen in Ländern,
mit denen keine Regierungsvereinbarungen bestehen, wie Belgien, Kanada, Frankreich, Dänemark und
die Niederlande, haben sich erfolgreich um SDI-Verträge beworben.

und Japan an den Aspekten der örtlich begrenzten
Raketenabwehr im Zusammenhang mit GPALS interessiert sein werden.
Vertreter der Vereinigten Staaten stellen sich vor, daß
GPALS die Sicherheit ihrer Freunde und Verbündeten
verbessern soll und die Regierung deren aktive Mitarbeit anstrebt. Der gegenwärtige Schwerpunkt der
Beteiligung von Verbündeten lag auf der örtlich begrenzten Raketenabwehr, Versuchsträgern, technischen Experimenten und anderen Bereichen gemeinsamen Interesses.
Kosten des Programms
Das gesamte GPALS-System soll über einen Zeitraum von 14 Jahren 46 Milliarden Dollar (zu Preisen
von 1991) kosten:
10 Milliarden für Verteidigung gegen Gefechtsfeldraketen,
11 Milliarden Dollar für Brilliant Pebbles und

Die Vereinigten Staaten erwarten, daß angesichts der
Verbreitung ballistischer Raketen in der dritten Welt
eine Reihe freundlich gesinnter Länder in der NATO

*

AMERIKA DIENST 32

* * *

25 Milliarden für landgestützte Abfangraketen
(einschließlich weltraumgestützter Sensorunterstützung)

*

Seite 3

�GESELLSCHAFT
14. August 1991

ZAHL DER EINPERSONENHAUSHALTE WÄCHST
Auswirkungen auf Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft
von Paul Malamud, USIA

Die Lebensverhältnisse in den Vereinigten Staaten
ändern sich. Die Amerikaner heiraten später, eine
zunehmende Zahl lebt "zwischen" Ehen als Singles
oder heiratet überhaupt nicht und eine erhebliche Zahl
der Senioren lebt gezwungenermaßen allein oder zieht
das Singledasein vor.
Die Experten sind sich über die langfristigen Auswirkungen dieses Trends uneinig, aber es steht fest, daß
er sich heute bereits auf Gesellschaft, Kultur und
Wirtschaft auswirkt - und daß sich diese Auswirkungen
weiter vertiefen werden.
Den Zahlen der letzten Volkszählung zufolge besteht
bereits jeder vierte Haushalt in den Vereinigten Staaten aus nur einer Person. Einigen Schätzungen zufolge könnte dies in einigen großen Städten bereits für45
Prozent der Erwachsenenbevölkerung zutreffen.
Darüber hinaus gilt:
Im Jahr 1989 betrug das geschätzte mittlere
Alter bei der ersten Eheschließung 26,2 Jahre
für Männer und 23,8 Jahre für Frauen. Im Jahr
1970 hatten diese Zahlen noch bei 23,2 Jahren
für Männer und 20,8 Jahren für Frauen gelegen.
Dies ist das höchste mittlere Heiratsalter für
Männer seit 1890 und das höchste jemals für
Frauen ermittelte.
Seit 1970 hat sich der Anteil der Frauen zwischen 25 und 29 Jahren, die noch nicht verheiratet waren, nahezu verdreifacht (von 10,5 auf
29,4 Prozent), während er bei Männern um
mehr als das doppelte anstieg (von 19,1 auf
45,9 Prozent).
AMERIKA DIENST 32

Der Prozentsatz der nie zuvor verheirateten
Personen zwischen 30 und 34 Jahren erhöhte
sich bei Frauen von 6,2 auf 16,9 Prozent und bei
Männern von 9,4 auf 25,8 Prozent.
Der Anteil von Kindern unter 18 Jahren, die in
Familien mit beiden Elternteilen leben, fiel von
85 Prozent im Jahr 1970 auf etwa 73 Prozent im
Jahr 1989. (54 Prozent der schwarzen Kinder
leben mit einem Elternteil, im Vergleich zu 19
Prozent bei den weißen und 30 Prozent bei den
hispanischen Kindern.)
Bei etwa 50 Prozent der Amerikaner wird die
Ehe voraussichtlich mit einer Scheidung enden.
Nach einer Studie des amerikanischen Statistischen Bundesamts wird dies auf das Verhalten
der nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen
geburtenstarken Jahrgänge zurückgeführt, deren kulturelle und soziale Lebensweise Veränderungen in den traditionellen amerikanischen
Konventionen bewirkt haben. Etwa drei Viertel
der Geschiedenen heiraten wieder.
"Obwohl das Leben als Single für gewöhnlich Übergangscharakter hat", schreibt Arlene F. Saluter, Statistikerin im Statistischen Bundesamt, "verbringt ein
zunehmender Prozentsatz der Erwachsenen einen
größeren Teil ihres Lebens als Singles. Bei jungen
Männern und Frauen kann heute mit gutem Grund
angenommen werden, daß etwa 10 Prozent nie heiraten werden. Von denen, die heiraten, werden sich
etwa 50 Prozent scheiden lassen, während bei den
verbleibenden Ehen am Ende die Witwenschaft stehen wird." Im Jahr 1986 betrug die durchschnittliche
Seite 1

�Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten für Männer
71,3 Jahre und für Frauen 78,3 Jahre - und die verbesserte medizinische Versorgung könnte dazu führen,
daß mehr alte Menschen alleine leben.

Ehen scheitern wie bei Teenagerehepaaren. Ob sie in
Wohnheimen, mit Freunden, allein leben oder zu ihren
Eltern zurückkehren - all dies fällt unter die Rubrik
Experimente."

Der am häufigsten diskutierte Aspekt des SinglesPhänomens ist die Zunahme relativ wohlhabender
junger Leute, die spät oder niemals heiraten. Der
Soziologe Neil Bennett von der Universität Yale bemerkt, daß "die Menschen heute länger allein leben als
früher. Das gilt insbesondere für Frauen, weil sie
häufiger als bisher berufstätig sind und Hochschulen
besuchen. Daher ist es nur logisch, daß sie ihre Heirat
aufschieben bis sie ihre Ausbildung abgeschlossen
und im Berufsleben Fuß gefaßt haben."

Riche zufolge führt das Singles-Phänomen nicht unbedingt zu dem vielbeschworeren "Geburtenrückgang"
bei der amerikanischen Mittelklasse. "Etwa 50 Prozent der jungen Menschen gehen aufs College", erklärt
Riche. "Frauen warten bis Ende zwanzig oder Anfang
dreißig - aber sie bekommen dann Kinder. Es dauerte
lange, bis sich diese Entwicklung etablierte." Darüber
hinaus bleiben aufgrund der veränderten sozialen
Normen viele junge Frauen freiwillig ledig, auch wenn
sie Kinder bekommen und aufziehen.

Eine umstrittene Untersuchung von Bennett und dem
Wirtschaftswissenschaftler David E. Bloom aus Harvard kommt zu dem Schluß, daß 20 Prozent aller
Frauen über 30 voraussichtlich, noch heiraten werden,
bei den über 40jährigen sind es lediglich 2,6 Prozent.
Wird es das Phänomen der jungen Singles weiterhin
geben? Bennett erklärt, die demographische Entwicklung deute auf einen Stillstand hin. Er fügte jedoch
hinzu, "auch andere Dinge beinflussen diesen Prozeß,
vor allem Einstellungen."

"Was die wirtschaftlichen Auswirkungen betrifft", erläutert Riche, "bedeutet es, daß Einzelpersonen im
Vergleich zu Familien mehr konsumieren. Für Unternehmen und Marketingstrategen heißt das, sie müssen überlegen, wer Zielgruppe ihrer Produkte ist- man
kann nicht mehr für die "Durchschnittshausfrau" planen. Im Gegensatz zu traditionellen Strukturen ergibt
sich jetzt, daß alleinlebende Männer zu einer wichtigen
Verbrauchergruppe werden - obwohl die Auswirkungen noch nicht eindeutig sind."

"In der Hauptsache findet allgemein eine Aufschiebung dessen statt, was die Demographen als Eintritt in
die Welt der Erwachsenen bezeichnen", konstatiert
Martha Farnsworth Riche, Redakteurin der Zeitschrift
American Demographie«. "Meiner Ansicht nach sind
in der heutigen Zeit die 18- bis 24jährigen noch nicht
erwachsen - das Erwachsenenleben beginnt eigentlich nicht vor dem 25. Lebensjahr. Die Menschen
bleiben länger in der Schule. Sogar High SchoolAbbrecher treten erst mit etwa 25 Jahren in das
Erwerbsleben ein." Sie fügt jedoch hinzu: "Sie handeln
nicht etwa unverantwortlich sondern verhalten sich
vernünftig. Weil unsere Gesellschaft immer komplexer wird und es mehr Gelegenheit für Erfolg und
Mißerfolg gibt, verbringen junge Menschen mehr Zeit
mit dem Sammeln von Informationen und mit Experimenten. Das gilt sowohl für Karrieren als auch für
Ehen - und das ist gut so, weil bei Menschen, die mit
Anfang zwanzig heiraten, inzwischen genauso viele

Allein zu leben bedeutet keinen entwurzelten Lebensstil. 1983 kam eine Untersuchung des amerikanischen
Verbands der Immobilienmarkler (National Association of Realtors) zu dem Schluß, daß Singles 25
Prozent aller Käufer stellen, die erstmals ein Haus
erwerben und einen großen Anteil der Käufer, die zum
zweiten oder dritten Mal ein Haus kaufen. 41 Prozent
der alleinlebenden Frauen und 29 Prozent der ledigen
Männer besitzen ein eigenes Haus.

*

Seite 2

Für die steigende Zahl älterer Menschen, die gesund
und finanziell abgesichert genug sind, ist das Alleinleben ebenfalls eine bessere und oftmals wünschenswertere Option. Untersuchungen zeigen, daß etwa 80
Prozent der älteren Mitbürger - die Mehrheit aller
Singles in Amerika - Kinder haben, die nur eine Autostunde entfernt leben. Ein Psychologe erklärt dazu:
"Viele ältere Leute möchte in der Nähe ihrer Familien,
aber dennoch unabhängig leben."

* * *

*

AMERIKA DIENST 32

�GESELLSCHAFT
14. August 1991

NACH DEM SCHMELZTIEGEL
von William A. Henry III
Der nachfolgende Artikel, den wir leicht gekürzt veröffentlichen, erschien erstmalig 1990 im Nachrichtenmagazin
Time . Der Autor ist langjähriger Mitarbeiter dieser Zeitschrift, (c) 1990 The Time Inc. Magazine Company.

In nicht allzu ferner Zukunft - und zweifelsohne sehr
viel früher als den meisten bewußt, die im Jahr 1990
die Formulare für die Volkszählung ausgefüllt haben werden weiße Amerikaner eine Minderheit sein. Lange bevor dieser Tag kommt, wird die Annahme, daß
der "typische" Bürger der Vereinigten Staaten seine
Wurzeln direkt in Europa hat, ein Relikt der Vergangenheit sein. Bis die Schüler an der Kester Elementar/
School in Los Angeles (Kalifornien) die Mitte ihres
Lebens erreicht haben, werden die vielfältigen mit Angehörigen anderer ethnischer Gruppen im Klassenzimmer gemachten Erfahrungen landesweit in den
Wohnvierteln und an Arbeitsplätzen in den Vereinigten
Staaten ihren Niederschlag finden.
Einer von vier Amerikanern bezeichnet sich bereits als
Hispanier oder Nichtweißer. Wenn der derzeitige
Trend bei den Einwanderungs- und Geburtenraten
anhält, wird bis zum Ende des 20. Jahrhunderts die hispanische Bevölkerung schätzungsweise um weitere
21 Prozent zunehmen, die asiatische um rund 22 Prozent, die schwarze um nahezu 12 Prozent und die
wei ße um nur wenig mehr als 2 Prozent. Bis zum Jahr
2020 wird sich die Zahl der hispanischen oder nichtweißen Einwohner der Vereinigten Staaten mit 115
Millionen mehr als verdoppelt haben, während sich die
wei ße Bevölkerung überhaupt nicht vermehrt. Im Jahr
2056, wenn ein heute Geborener 65 Jahre alt sein wird,
stammt der vom amerikanischen Statistischen Bundesamt als solcher definierte "Durchschnittsamerikaner" aus Afrika, Asien, der hispanischen Welt, den
Pazifischen Inseln, der arabischen Welt - praktisch
jedem Kontinent außer Europa.
Auch wenn es noch Städte oder Enklaven geben wird,
in denen selbst eine schwarze Familie eher etwas
Ungewöhnliches ist, wo englische, irische und deutAMERIKA DIENST 32

sche Nachnamen vorherrschen, wo man noch immer
an fast jeder Straßenecke das traditionelle ...Amerika
vorfindet, wird dies nur ein Relikt einer früheren Nation
sein. Die ehemalige Mehrheit wird als Teil des täglichen Lebens die Bedeutung der auf amerikanischen
Münzen eingravierten lateinischen Worte E pluribus
unum begreifen lernen - Einer von Vielen.
Unter der jüngeren Bevölkerung, die zur Schule geht
und ins Erwerbsleben eintritt, wird sich der Wandel
rascher vollziehen. An einigen Orten ist bereits ein
Amerika nach dem Schmelztiegel entstanden. Im
Staat New York gehören rund 40 Prozent der Schüler
an Grund- und weiterführenden Schulen einer ethnischen Minderheit an. In einem Jahrzehnt wird dieser
Anteil voraussichtlich 50 Prozent betragen. In Kalifornien sind weiße Schüler bereits in der Minderheit.
Hispanier (die sich unabhängig von ihrer Hautfarbe im
allgemeinen von Schwarzen und Weißen unterscheiden) machen 31,4 Prozent der Zugänge an öffentlichen Schulen aus, Schwarze 8,9 Prozent, Asiaten und
andere Nationalitäten 11 Prozent - insgesamt also
51,3 Prozent Nichtweiße. Diese Zahl spiegelt nicht nur
die Flucht der Weißen aus nicht mehr nach Rassen
getrennten Schulen wider. Weiße aller Altersstufen
machen nur 58 Prozent der kalifornischen Bevölkerung aus. In San Jose ist der vietnamesische Nachname Nguyen sehr viel öfter im Telephonbuch zu finden
als Jones (Jones ist einer der am häufigsten vertretenen amerikanischen Nachnamen) - vierzehn Spalten
im Gegensatz zu acht.
Dieser Wandel ist nicht nur auf die Küsten begrenzt.
Rund 12.000 Hmong-Flüchtlinge aus Laos haben sich
in St. Paul (Minnesota) niedergelassen. In einigen
billigen Appartmenthäusern in Atlanta (Georgia), die
praktisch nur von Schwarzen bewohnt waren, müssen
Seite 1

�die Sozialarbeiter heute Spanisch sprechen können.
Im Sesame Hut Restaurant in Houston (Texas) bildet
der aus Korea eingewanderte Besitzer hispanische
Einwanderer in der Zubereitung chinesischer Speisen
für eine vorwiegend schwarze Kundschaft aus. Im
Gebiet von Detroit (Michigan) leben rund 200.000
Menschen aus dem Nahen Osten, ungefähr 1.500
kleine Gemüse- und Gemischtwarenläden werden von
einer Subkultur chaldäischer Christen mit Wurzeln im
Irak geführt. "Einstmals war Amerikaein Mikrokosmos
europäischer Nationalitäten" erläutert der Leiter der
Abteilung für afro-amerikanische Studien an der Temple
University in Philadelphia (Pennsylvania), Molefi Asante. "Heute ist Amerika ein Mikrokosmos der Welt."
Die Geschichte lehrt, daß die Aufrechterhaltung einer
wirklich multirassischen Gesellschaft schwierig oder
zumindest ungewöhnlich ist. Nur einer Handvoll der
großen Mächte der Frühzeit - vor allem dem Ägypten
der Pharaonen oder dem römischen Imperium - ist es
gelungen, eine eindeutige nationale Identität zu bewahren und gleichzeitig eine ethnische Melange zu
vereinigen und von ihr regiert zu werden... Solche
Vergleiche hinken jedoch, weil diese Imperien durch
Eroberungen entstanden und durch eine aggressive
Militärpräsenz aufrechterhalten wurden. Die Vereinigten Staaten wurden vornehmlich durch freiwillige Einwanderer geschaffen und werden nach wie vor durch
sie definiert. In diesem Prozeß liegt eine der großen
Stärken des Landes, die es mit Talent und Energie
versorgt. Die "Bräunung Amerikas" bietet enorme
Möglichkeiten, erneut von den Leistungen vieler
Menschen aus zahlreichen Ländern zu profitieren.
Dieser grundlegende Wandel in der ethnischen Zusammensetzung der Vereinigten Staaten birgt jedoch
auch Risiken. Der amerikanische Charakter ist flexibel
und dürstet nach Veränderungen. Die vergangenen
Perioden rascher Evolution haben allerdings leider
auch die tieferen, erschreckenderen Aspekte der Volksseele aufgedeckt.
Eine wirklich multirassische Gesellschaft wird sich
zweifelsohne als sehr viel schwieriger zu regieren erweisen. Selbst anscheinend nicht durch Rassengegensätze hervorgerufene Konflikte werden durch ethnische Spannungen zunehmend kompliziert. Beispielsweise wird die erwartete Kraftprobe Anfang des
21. Jahrhunderts zwischen der wachsenden Zahl von
Rentnern und der schwindenen Anzahl von Arbeitnehmern, die für die Sozialleistungen der Älteren aufkommen müssen, durch die Tatsache erschwert, daß eine
gro ße Mehrheit der Nutznie ßer wei ß sind, wohingegen
die Mehrheit der Arbeitnehmer, die für sie bezahlen,
Nichtweiße sind.
Während frühere Generationen von Einwanderern der
Überzeugung waren, sie müßten schnell Englisch
lernen um zu überleben, vertreten viele Hispanier die
Auffassung, die spanische Sprache sei untrennbar mit
ihrer ethnischen und kulturellen Identität verbunden
und versuchen, zeitlebens beide Sprachen, wenn nicht
Seite 2

sogar vorwiegend nur Spanisch zu sprechen. Sie
sehen in Gesetzesvorlagen, Englisch zur einzigen
Amtssprache zu machen, die sich in mindestens 16
Staaten durchgesetzt haben, einen politischen Peitschenhieb. [Vergleiche "Americäs Official Language?" in ASN, 22 (September 1990), S. 25-38]. Arturo
Vargas vom Mexican American Legal Defense and
Educational Fund erklärt: "Genau darum ist es bei der
Diskussion um Englisch als ausschlie ßliche Amtssprache gegangen - es war eine Reaktion auf die wachsende Bevölkerung und den zunehmenden Einfluß der
Hispanier. Es liegt in der menschlichen Natur begründet, Veränderungen gegenüber skeptisch zu sein.
Das war der Zweck der Volkszählung - die Veränderungen zu dokumentieren und sicherzustellen, daß
Amerika Schritt hält."
Rassische und ethnische Konflikte sind nach wie vor in
allen Schichten des amerikanischen Lebens eine
häßliche Tatsache, vom Ghetto der Arbeiterklasse bis
hin zum College-Campus, und diejenigen, die nicht
ihre Faust erheben, erheben häufig ihre Stimme zu
Themen wie Gleichstellung und anderen Formen der
Teilung von Macht. Als die aus staatlichen Mitteln
finanzierte Atlantic University in Florida unter Druck
geriet, die niedrige Zahl ihrer schwarzen Studenten zu
erhöhen und das Angebot machte,... jedem qualifizierten schwarzen Erstsemester kostenlose Ausbildung
zu gewähren, wurde die Universität mit Beschwerden
überschüttet, in denen einige protestierten, für "echte"
Amerikaner würde nichts getan. In dem Maße, in dem
die Zahl der Minderheiten ansteigt, intensivieren sich
zwangsläufig ihre Forderungen nach einem Anteil an
nationalen Fördermitteln, während die Weißen unweigerlich noch mehr auf die Barrikaden gehen. Unternehmer fühlen sich häufig hin und her gerissen zwischen Einwanderungsgesetzen, die sie für die Anstellung illegal eingereister Ausländer bestrafen und Antidiskriminierungsgesetzen, die sie mit Geldstrafen
belegen, weil sie von ausländisch aussehenden Arbeitsplatzbewerbern zuviele Ausweispapiere verlangen. Selbst Firmen, die ständig versuchen, das richtige zu tun, können von dem Problem überwältigt
werden, eine vorwiegend weiße Geschäftsführung
schnell genug umzuerziehen, um eine Belegschaft zu
leiten, die zunehmend aus Nichtweißen besteht und
potentiell ablehnend eingestellt ist.
Diese Spannungen beschränken sich auch nicht schlicht
auf den diametralen Gegensatz zwischen weiß und
nichtweiß. Trotz all der... aufrührerischen Rufe nach
gemeinsamen Zielen fühlen sich die Minoritätengruppen häufig außerordentlich wettbewerbsfähig. Hispanische Politiker haben in Chicago (Illinois) Klimmzüge
veranstaltet, um den weißen und schwarzen Fraktionen jeweils dort Unterstützung anzubieten, wo sie sich
den besten Nutzen für ihre Gemeinde versprachen.
Um Dan Solis von der hispanisch orientierten Nachbarschaftshilfeorganisation United Neighborhood zu
zitieren: "Wenn Sie an Macht denken, dann setzen Sie
nicht alles auf eine Karte."
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�Schwarzen, die von sich sagen, daß sie am längsten
gewartet und im Kampf um Gleichberechtigung am
meisten erduldet hätten, wird beim Gedanken, von
Hispaniern oder in einigen Gegenden von Asiaten - der
zahlenmäßig größten und einflußreichsten Minderheit
- verdrängt zu werden, unbehaglich zumute. Das gilt
umso mehr, wenn sie von diesen Gruppen noch bei
Wohlstand und gesellschaftlichem Status ausgestochen werden. Weil Hispanier so zahlreich und Asiaten
eine solch rasch wachsende Gruppe sind, wurden sie
zu den "gefragtesten" Minderheiten, während die
Schwarzen der Meinung sind, daß ihren Bedürfnisse
ein geringerer Stellenwert eingeräumt wird. Mit der
Erweiterung von Gleichstellungsprogrammen auf andere
Gruppen, von denen weiße Frauen vielleicht am stärksten begünstigt werden, haben sie für Schwarze viel
von ihrem Wert verloren.
Politischer Druck hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits tiefgreifende Veränderungen in Schulbüchern hervorgebracht und beginnt, die geisteswissenschaftlichen Lehrpläne solcher Eliteuniversitäten
wie Stanford in Kalifornien zu beeinflussen. Auf der
College-Ebene geht es um die Frage, ob der traditionelle "Fächerkanon" mit Griechisch, Latein und europäisch geprägter Geisteswissenschaft erweitert werden sollte, um auch die Kulturen Afrikas, Asiens und
anderer Erdteile zu berücksichtigen. Viele von früheren Generationen als Klassiker betrachtete Bücher
gelten heute als Werkzeuge eines kulturellen Imperialismus. In seiner extremen Form wird diese Art des
Denkens zu einem aller Werte beraubten Neutralismus, der alle Kulturen unabhängig von Größe oder
Dürftigkeit ihrer Leistungen grundsätzlich gleichstellt.
Noch besorgniserregender ist ein revisionistischer Ansatz
zur Geschichte, demzufolge Gruppen, die in der
Gegenwart an Macht gewonnen haben, die Geschichte neu schreiben, um ein Bild nach ihren Wünschen zu
erhalten. Wenn die Gesellschaft des 18., 19. und
frühen 20. Jahrhunderts nicht so stark von weißen,
christlichen Männern westeuropäischer Herkunft beherrscht hätte sein sollen, so argumentieren sie, dann
sollte die Gesellschaft der Vergangenheit als pluralistisch und demokratisch noch einmal erfunden werden. Alternativ dazu werden Rassismus und Sexismus der Vergangenheit als untrennbar mit traditionellen Lehren und Werten verbunden dargestellt, die
somit auf immer und ewig diskreditiert seien.
Obwohl College-Lehrpläne heftig diskutiert werden,
können Professoren für gewöhnlich die schlimmsten
Verirrungen abwenden oder unterlaufen, und die Studenten sind normalerweise in ihrem Urteilsvermögen
reif genug, um die Argumente abzuwägen. Die Lehrpläne der Grund- und weiterführenden Schulen erreichen jedoch eine wesentlich größere Gruppe in einem
Beeinflussungsversuchen weit zugänglicheren Alter,
und politische Berechnung gewinnt hier häufiger die
Oberhand über intellektuelle Redlichkeit. In New York
kam es zu einer erbitterten Auseinandersetzung, nachAMERIKA DIENST 32

dem eine staatliche Expertengruppe zu dem Schluß
gekommen war, daß "Afro-Amerikaner, Amerikaner
asiatischer Herkunft, Puertoricaner und amerikanische Ureinwohner gemeinsam Opfer einer geistigen
und bildungspolitischen Unterdrückung geworden sind,
die Kultur und Institutionen der Vereinigten Staaten
und der europäisch-amerikanischen Welt seit Jahrhunderten geprägt hat... Negative Charakterisierungen oder das Nichtvorhandensein positiver Bezüge
haben furchtbare Auswirkungen auf die Psyche der
jungen Menschen gehabt." Die Gruppe begründete ihr
Eintreten für überarbeitete Lehrpläne folgendermaßen: "Kinder aus der europäischen Kultur werden als
Angehörige einer Gruppe, die 'an allem schuld war',
eine weniger arrogante Haltung einnehmen." Darüber
sind viele Intellektuelle empört. Der Politologe Andrew
Hacker vom Queens College in New York etwa fällt ein
vernichtendes Urteil über den Vorschlag der Expertengruppe, den Kindern beizubringen, wie "die amerikanischen Ureinwohner die Siedler aus Holland, dem
Senegal, England, Indonesien, Frankreich, dem Kongo, Italien, China und der iberischen Halbinsel hier
willkommen hießen". Hacker: "Haben die Indianer all
diese Gruppen wirklich willkommen gehei ßen ? Waren
sie auf Ellis Island, als die ersten Italiener eintrafen?
Das ist nicht Geschichte sondern ein Mythos mit dem
Ziel, das Selbstwertgefühl bestimmter Kinder zu stärken, und - möglicherweise - eine Plattform für Verfechter verschiedener ethnischer Interessen."
Sosehr wirtschaftliche und politische Fragen die Gemüter
auch in Wallung bringen mögen, sind sie grundsätzlich
doch praktischen Lösungen zugänglich. Die tiefere
Bedeutung der Entwicklung Amerikas zu einer mehrheitlich nichtweißen Gesellschaft liegt jedoch darin,
was dies für die nationale Psyche, für das Gefühl des
einzelnen im Hinblick auf sich selbst und sein Land
bedeutet - seine Einschätzung dessen, was es bedeutet, Amerikaner zu sein. Farbige hatten häufig das
Gefühl, daß Weiße die Gleichberechtigung eher als
den Minderheiten gewährtes Almosen denn als unveräußerliches natürliches Recht betrachteten. Diese
herablassende Haltung wird sicherlich verschwinden.
Anstatt die amerikanische Geschichte und ihre Bedeutung als geklärt zu betrachten, werden sich die Bürger
in zunehmendem Maße bemüßigt fühlen, darüber zu
diskutieren, worauf die Erfolge dieses Landes beruhten und welches seine unveränderlichen Credos sind.
Sie werden darüber streiten, welche Mythen und Bilder
im Bildungswesen, in der Volkskultur, in zeremoniellen
Reden von Wahlkämpfen bis zum jährlichen Bericht
des Präsidenten zur Lage der Nation zitiert werden
sollen. Welche Art von Heldentum ist verehrungswürdiger: das mutige Aushalten einiger weniger, nach
Eroberung trachtender Weißer gegenüber den Mexikanern am Alamo oder der anonyme Ausdruck von
Hoffnung durch Millionen von Einwanderern, die über
Ellis Island ins Land strömten? Symbole, die für die
eine Gruppe von tiefer Bedeutung sind, können bei
einer anderen auf völlige Gleichgültigkeit stoßen. Dazu
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�erklärt die Kanzlerin der University of Wisconsin, Donna
Shalala: "Meine Großeltern kamen aus dem Libanon.
Mit den Pilgervätern kann ich mich nicht persönlich
identifizieren."
Christopher Jencks, Soziologieprofessor an der Northwestern University in Illinois, stellt die Frage: "Ist an
Truthähnen und Pilgervätern irgendetwas Wichtigeres
als an Martin Luther King und (dem Marsch auf) Selma,
Alabama? Für mich haben sie den gleichen Stellenwert, wenn Kinder verstehen, was es heißt, einer
Minderheit Andersdenkender anzugehören. Weil uns
der Kampf um die Bürgerrechte zeitlich näher steht,
wird er wahrscheinlich von Personen vermittelt, die
daran wirklich Anteil nehmen."
Die Traditionalisten unterscheiden zunehmend zwischen einer "multirassischen" Gesellschaft, die ihrer
Meinung nach in Ordnung wäre, und einer "multikulturellen" Gesellschaft, die sie mißbilligen. Sie erklären,
jede Gesellschaft benötige ein allgemein anerkanntes
Wertgefüge, und Neuankömmlinge sollten deshalb
gedrängt werden, sich der Mentalität anzupassen, auf
der Wohlstand und Freiheit der Vereinigten Staaten
errichtet worden seien. So stellt Allan Bloom in seinem
Bestseller The Closing of the American Mind fest:
"Offenkundig kann die Zukunft Amerikas nicht gestärkt
werden, wenn die Menschen an ihren eigenen Gebräuchen festhalten und für immer Außenseiter bleiben.
Die Gesellschaft mu ß sie zu Amerikanern machen. Es
gibt natürliche Befürchtungen, daß die Einwanderer
von heute für eine auf westliche Werte gegründete
Nation eine Art kultureller Überdehnung hervorrufen
werden."
Das von Gelehrten wie dem Historiker Thomas Bender
von der New York University vorgetragene Gegenargument lautet, daß man, wenn das Zentrum nicht
standhalten kann, das Zentrum eben neu definieren
muß. Bender zufolge sollte es "das sich ständig
verändernde Ergebnis eines fortwährenden Wettbewerbs zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Ideen
um die Macht zur Definition der öffentlichen Kultur"
sein. Außerdem, so fügt er hinzu, engagieren sich
viele Einwanderer bereits bei ihrer Ankunft für amerikanische Werte, denn teilweise waren es diese Werte,
die sie angezogen haben. Julian Simon, Professor für
Betriebswirtschaft an der University of Maryland, meint
dazu: "Das Leben und die Institutionen hier formen die
Einwanderer und nicht umgekehrt. Dieses Gerede
über Immigranten, die unsere Institutionen und unsere
grundlegende Lebensweise verändern, ist Unsinn. Es
dient einigen Einheimischen dazu, Angst zu schüren."
Von Historikern wurde festgestellt, daß bereits in der
Vergangenheit Amerikaner dachten, ihre historisch
gewachsene Kultur werde von Einwanderern erdrückt,
aber Konflikte zwischen früher eingewanderten Engländern, Deutschen und Iren und später gekommenen

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Italienern und Juden enthielten nicht das offenkundige
und bleibende Element der Hautfarbe. Daneben ist es
nie der Fall gewesen, daß Elemente außerhalb der
Hauptströmung allein durch ihre Zahl die Möglichkeit
für sich in Anspruch nehmen konnten, sich zu vereinen
und politische Dominanz auszuüben. Bender: "Die
wahre Frage lautet, ob unser Begriff von Vielfalt die
Trennungslinie der Hautfarbe überwinden kann."
Für Weiße, besonders diejenigen, die ihre Herkunft bis
auf die frühen Jahre der Vereinigten Staaten zurückführen, ist das amerikanische Erbe eine Quelle des
Stolzes. Für Menschen anderer Hautfarbe wird es
eher ein Gefühl des Zorns und bisweilen der Scham
erzeugen. Der Platz, an dem die Hoffnung geteilt wird,
liegt in der Zukunft. Der Demograph Ben Wattenberg,
vormals als Gegner sozialen Wandels bekannt, räumt
ein: "Es besteht gute Aussicht, daß der amerikanische
Mythos in den neunziger Jahren und danach einen
weiteren Schritt zur Verwirklichung dieser Idee leisten
wird, daß wir eine Gesellschaft universeller Prägung
sind. Das erinnert an die manifest destiny. Wir sind
ein Volk mit einer Mission und Zielbewußtsein, und wir
glauben, daß wir der Welt etwas zu bieten haben."
Nicht jeder ehemalige Prophet des Unheils kann sich
zu solchem Optimismus zwingen. So stellt Norman
Podhoretz, Herausgeber der Zeitschrift Commentary, fest: "Eine Menge Leute versuchen, die Grundlagen der amerikanischen Erfahrung zu unterminieren
und drängen auf eine Balkanisierung der Gesellschaft.
Das wäre meines Erachtens eine Katastrophe, nicht
nur, weil es ein kostbares gesellschaftliches Erbe
zerstören sondern auch, weil es zu enormem Unfrieden, vielleicht sogar zu Gewalt führen würde."
Obwohl sich der "Know-Nothingism" (eine kurzlebige
politische Partei um die Mitte des 19. Jahrhunderts,
deren Mitglieder sich geheim trafen, gegen die Einwanderung sowie die Wahl oder Berufung im Ausland
Geborener protestierten und auf Befragungen zu ihren
politischen Vorstellungen behaupteten, sie wüßten
von nichts,) im allgemeinen auf die trostloseren Winkel
der amerikanischen Psyche beschränkt, scheint es
doch allzu wahrscheinlich, daß eine wachsende Zahl
der politischen Mitte zuzurechnender wei ßer Amerikaner in den nächsten Jahrzehnten offen von der Nation
sprechen werden, die zu verlieren sie im Begriff seien... Weiße Amerikaner sind gewohnt, sich selbst für
das Ebenbild ihrer Nation zu halten. So anregend dies
für den Rest der Welt, so bedeutend es für die Rolle der
Vereinigten Staaten in der Weltpolitik, im Welthandel
und beim Streben nach Frieden sein mag: die Entstehung einer offenkundig multirassischen Gesellschaft
wird für viele Durchschnittsbürger zwangsläufig eine
Erfahrung mit Höhen und Tiefen sein. Älteren Amerikanern, die in einer Welt aufwuchsen, in der die Zahl
der Weißen größer war und die Sichtbarkeit Nichtwei-

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�ßer sorgfältig begrenzt wurde, wird die neue Welt noch zimmern des ganzen Landes zunehmend feststellen:
fremder erscheinen. Aber wie die Kinder der Kester die Welt ist hier. Sie ist es heute, und dies ist
Elementary School und ihre Mitschüler in den Klassen- unwiderruflich das Amerika der Zukunft.

* * * * *

V

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